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[Männlichkeitskonstruktionen (Notizen) ... ]

Started by Textaris(txt*bot), February 21, 2007, 05:52:09 PM

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Textaris(txt*bot)

Quote[...] Die Bilanz der letzten fünf Wochen ist erschütternd, und sie schlägt aufs Gemüt. Orlando, 12. Juni: Ein Mann ermordet 49 Menschen. Paris, 13. Juni: Ein Mann ermordet ein Polizisten-Ehepaar. Fislisbach, 14. Juni: Ein 17-jähriger Mann ermordet einen 18-Jährigen. Leeds, 16. Juni: Ein Mann ermordet eine Politikerin. Nizza, 14. Juli: Ein Mann ermordet 84 Menschen. Würzburg, 19. Juli: Ein Mann versucht, vier Menschen zu ermorden. München, 22. Juli: Ein Mann ermordet neun Menschen.
Die Liste ist nicht vollständig. Und sie endet mit Sicherheit nicht am 22. Juli. So unterschiedlich die Motive für die Morde sein mögen, so haben sie dennoch etwas gemeinsam: Die Ausführenden waren alle männlich. Genauso wie beim Massaker in Paris, den Anschlägen in Brüssel oder auf «Charlie Hebdo» und bei sämtlichen Amokläufen der jüngsten Vergangenheit. Weibliche Breiviks gibt es nicht.
Wir haben uns derart daran gewöhnt, dass es fast immer Männer sind, die töten – es scheint kaum erwähnenswert. Hätten die Täter ein anderes, augenfällig gemeinsames Merkmal, man würde längst darüber reden. Nach Ursachen forschen und Prävention betreiben. Das männliche Geschlecht reicht dafür offenbar nicht. Man nimmt es hin. Ist halt so. Obschon die Taten, die so viel Leid brachten, einen gemeinsamen Ursprung haben, über den es sich nachzudenken lohnte: eine falsch verstandene, kranke und altertümliche Männlichkeit. ...
Der Amokläufer rächt sich für sein Gefühl des Scheiterns an allen, die ihm gerade über den Weg laufen. Mit der Waffe in der Hand ist er nicht mehr klein und verloren, er verbreitet damit Angst und Schrecken und ist endlich wer. Man respektiert ihn, so, wie einem Mann Respekt gebührt: Man fürchtet ihn. Er glaubt, damit sein Selbstbewusstsein ins männliche Lot zu rücken. Lieber geht er als Killer in die Geschichte ein denn als ein Niemand. Die Welt soll seinen Namen kennen.
Die Pervertierung dieser Idee ist der IS. Dessen Mitglieder zelebrieren die archaischste Form der Männlichkeit überhaupt; sie posieren mit schwarzen, furchteinflössenden Henkermasken und immer mit Waffen. Sie erniedrigen, versklaven, foltern, töten. Sie verstehen Männlichkeit als absoluten und naturgegebenen Anspruch auf Dominanz und Herrschertum, fordern von allen anderen Gehorsam und Unterwerfung.
Diese Männer sind stehen geblieben, während die Welt um sie herum sich verändert hat. Sie reagieren trotzig und nach dem uralten Muster der Gewalt, wenn sie auf Ablehnung stossen oder sich machtlos fühlen. In ihrer blinden Wut machen sie alle anderen für ihre Lage verantwortlich und gern auch den Feminismus, der das Maskuline entwertet haben soll.
Dabei könnten sie doch just diesen als Befreiung verstehen. Er erlaubt ihnen, endlich nicht mehr diese verkrampfte Stärke an den Tag legen zu müssen, die nicht nur unmenschlich ist, sondern ihnen ohnehin nie jemand wirklich abkaufte. ...


Aus: "Weibliche Breiviks gibt es nicht" Bettina Weber (24.07.2016)
Quelle: http://www.sonntagszeitung.ch/read/sz_24_07_2016/fokus/Weibliche-Breiviks-gibt-es-nicht-69517

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit über das Erlernen von Aggression, brutale Rituale und Frauen als Giftmörderinnen.

... Der Mannkörper, der kulturell historisch darauf gedrillt ist, seine emotionalen Problematiken in muskulären Aktionen nach außen zu richten, ,,gegen" Andere, ist keine Frauenphantasie, sondern eine Tatsache. Sie gilt bis heute. Dass Männer unter Belastung eher aggressiv (nach außen) werden und Frauen eher depressiv (nach innen), ist vielfach belegt. Vieles davon löst sich in modernen differenzierten Gesellschaften zwar auf; in den meisten Gesellschaften der Erde ist die männliche Gewaltdominanz aber nach wie vor gesetzlich abgesichert. Was nicht heißt, dass Mütter ihre Kinder nicht auch manchmal schlagen. Ihren Männern gegenüber wäre das jedoch lebensgefährlich. ... Was in der einen Gesellschaft historisch überholt ist, ist in der andern aktuell und gültig. In den Ländern der Erde, in denen sich eine Politik der Gleichheit der Geschlechter langsam durchsetzt, ,,dürfen" Männer selbstverständlich auch schwach sein. Das hängt davon ab, ob sie Menschen in der Umgebung finden, Frauen, Männer, Kinder, die das zulassen. Die Gewalterfahrung mildert sich ab, wenn man sie mit anderen teilen kann; es eröffnen sich Wege gewaltfreieren Verhaltens, bei sich selber wie bei den anderen. ... Die Arten der Gewalt nach Geschlechtern zu unterteilen, ist aber möglich. Gewalt durch Frauen geschieht auf anderen Feldern als den männlichen. Frauen können ihre Kinder ablehnen oder quälen; sie können sich untereinander tödlich konkurrierend oder gemein verhalten. Sie führen die Giftmordstatistik an. Sie können anderen, wie man sagt, das Leben zur Hölle machen. Sie sind eine andere Art Gewalttäter als Männer. Sie sind nicht die Vollstrecker körperlicher Zerstörungsgewalt; diese ist fast immer männlich, überall auf der Welt. Männer schlagen Frauen; umgekehrt passiert das selten. Frauengruppen, die mit Macheten oder Kalaschnikows herumziehen, andere menschliche Körper in trancehaften Lustzuständen jubelnd zerstören und sich damit brüsten, gibt es nirgends auf der Welt.

... Die Wutempfindungen und Zerstörungsphantasien von Frauen sind vermutlich nicht schwächer als bei Männern oder Kindern. Aber der Impuls, sie körperlich aktiv umzusetzen, ist bei Frauen geringer; auch sind die gesellschaftlichen Angebote, Aggressionen auszuagieren – Kampfsportarten, Hooliganismus, Schießvereine, motorisierte Rockergangs – eher auf Männer zugeschnitten, auch wenn sich einzelne Frauen dort einfinden. Die den Frauen in den meisten Gesellschaften antrainierte Hemmschwelle liegt erheblich höher. Und viele von ihnen glauben, was ihnen beigebracht worden ist: ,,Wir sind das friedlichere Geschlecht."

...


Aus: "Interview ,,Körperliche Gewalt ist zu 90 Prozent männlich"" Bascha Mika und Julia Hildebrandt (30. September 2016)
Quelle: http://www.fr-online.de/fr-serie--auf-die-fresse-/interview---koerperliche-gewalt-ist-zu-90-prozent-maennlich--,34810614,34816738.html


Textaris(txt*bot)

#37
QuotePeter Rehberg - Der Autor ist Affiliated Fellow am ICI in Berlin, wo er die Arbeiten zu dem Buchprojekt ,,Hipster Porn: Queere Männlichkeiten, affektive Sexualitäten und Neue Medien" abschließt.

Wie queer ist der Hipster? - Er gibt sich postphallisch. Doch die Inszenierung seiner Männlichkeit ist nur scheinbar zurückhaltend: Sein Bart steht für ,,natürliche" Maskulinität. Seit den 2000ern ist popkulturell ein Männertypus in Erscheinung getreten, der seine Maskulinität nicht mehr plakativ in Szene setzen muss: der Hipster. Eine lässige Figur, deren eklektischer Stil sich auf den ersten Blick zu keinem Bild machtvoller Männlichkeit fügt. Der Hipster erscheint ebenso hybrid wie transnational, er bevölkert die Cafés in Brooklyn oder Berlin-Neukölln.
Das Repertoire seiner Stile und Gesten verdankt sich verschiedenen Archiven der Jugendkultur nach 1945. Der Hipster ist eine Neuauflage einer Männerfigur – Frauen kommen im Hipster-Diskurs kaum vor –, die der Schriftsteller Norman Mailer Ende der 1950er Jahre als White Negro beschrieben hatte. Weiße Jungs mit Collegeabschluss tun so, als seien sie schwarze Outcasts. Wie die Beat-Poeten. Dabei geht es zunächst um eine Aneignung schwarzer Sexualität durch Weiße. Äußerlich reklamierte der Hipster zugleich auch seine Nähe zum White Trash – der US-amerikanischen Unterschicht. Mit seinen erkennbaren Zeichen, Trucker-Cap, Flanellhemd und Unterarm-Tattoos betreibt er somit eine Art von ethnischem und sozialem Crossdressing. ... Der Hipster präsentiert eine weniger aufdringliche Maskulinität. Er zeigt sich ermüdet von den Gesten aggressiver Männlichkeit. Mit seiner coolen Nachlässigkeit scheint er bereit, sein Mannsein neu zu verhandeln. Mit seinem Verweis auf verschiedene Maskulinitätskulturen – den Unterschichtsmann, den Schwarzen – bietet der Hipster eine Form der männlichen Maskerade an. Diese zitathaften Aneignungen arbeiten einem Habitus zu, der sein Gender nicht ausnahmslos bekräftigt. Seine Performance lässt sich so als postphallisch entziffern. ... Einerseits wird mit der unaufdringlichen Lässigkeit des Hipsters zwar die Geschlossenheit des Prinzips Maskulinität aufgebrochen. Gleichzeitig etabliert sich der Wert des Hipsters aber über eine Vorstellung von Natürlichkeit: Die Coolness des Hipsters funktioniert nur, solange die Nerd-Brille vom Bart gerahmt bleibt. ...
Unter dem Vorwand einer hippen Postphallizität kommt eine ,,natürliche Männlichkeit" ungehindert zum Zuge. Die Performanz von Gender kann noch so postphallisch sein, so ließe sich sagen, solange sie gleichzeitig als ,,Natürlichkeit" abgesichert ist, bleiben diese Inszenierungen risikolos. Steht die Natürlichkeit von Sex selbst nicht zur Disposition, können Maskulinitätsexperimente mit großer Gelassenheit hingenommen werden. Ja, gerade diese Gelassenheit arbeitet dann der ,,Natürlichkeit" des männlichen Geschlechts weiterhin zu.
Ein großer Teil popkultureller Männerbilder, die seit den 2000ern im Umlauf sind, funktioniert auf diese Weise. ... Die Idee von Männlichkeit bleibt hier nicht nur intakt, sie wird gefeiert. Wir haben es hier mit einem Butch-Turn zu tun, einem symbolpolitischen Backlash. Genderpolitisch ist der Hipster eine konservative Figur. ... Der Bart – den ja nicht nur die Hipster, sondern auch die Fantasy-Helden von ,,Game of Thrones" und ,,Vikings" stolz tragen – wäre also eine der letzten Waffen, Männlichkeit zu behaupten, innerhalb einer Kultur, die seine Geschlechtsinszenierungen ansonsten immer weniger überzeugend findet.

...


Aus: "Gender als Lifestyle - Wie queer ist der Hipster?" (15. 11. 2016)
Quelle: https://www.taz.de/Gender-als-Lifestyle/!5353672/

Quotewil 16.11.2016, 02:31

mir stellt sich angesichts dieser überdrehten soziologen-wortorgie eigentlich nur die eine frage: wer braucht sie wirklich? männer, die sich mit haaren ihr gesicht zuwachsen lassen, es dadurch unkenntlich machen und irgendwie alle gleich, nachpubertär und unendlich unsexy-langweilig aussehen?


Quoteanamoli 16.11.2016, 10:46

Da hat sich aber einer im Gender-Sex-Dschungel verlaufen. Hipster ist mittlerweile Mainstrem, also eine Mode, die zwar die Attraktivität steigern soll, aber auf Grundlage des Trendy-Herdentriebs. Selbstreflektorisch hinsichtlich der geschlechtlichen Identität ist da nicht viel. Es wird einfach nur abgekupfert, was da nach Bohème riechen könnte; Also völlig normale Hochstapelei.


Quoteroi 16.11.2016, 10:38

Was genau soll "schwarze Sexualität" sein?
Erwarten diese bärtigen Hipster eigentlich das Frauen sich die Beine rassieren? Würde mich mal rassieren, äh...interessieren meinte ich...


QuoteZuckerstreuer 16.11.2016, 06:02

könnte mir jemand erklären was schwarze Sexualität ist und wodurch sie sich von weißer Sexualität unterscheidet.


QuoteAlfred Sauer 15.11.2016, 22:47

Das ist jetzt Satire oder? Könnte von Monty Python stammen. "Nehmen wir an, das ihr euch darauf einigt das Loretta keine Babys bekommen kann, woran niemand schuld ist, nicht mal die Römer! Aber das er das absolute Recht hat Babys zu bekommen."


Quotesart 15.11.2016, 22:29

Diesen Ansatz bzgl. der Hipster finde ich durchaus interessant.
Dass die sich dabei tatsächlich was denken, habe ich bislang noch nie in Betracht bezogen.


QuoteJaeh 16.11.2016, 00:10

@sart Die Analyse besagt nicht, dass der "Hipster" sich dieses alles denkt. Das ist sogar eher unwahrscheinlich. Denn dies wird habituell in der Praxis schlicht vollzogen und wird in dem Text reflexiv eingeholt und entfaltet. Lebenweltliches agieren ist viel zu "dicht" um es kognitiv immer eins zu eins zu begleiten. Hipster ist also keine Strategie, kein intendiertes Rollenverhalten, sondern im Sinne des Textes quasi live vollzogen, unmittelbar entspringend einer großstädtisch-postmodernen Diskursivität, die dann diesen Still erstmal einfach cool, angesagt, nachahmendwert macht. Wer dies derart reflexiv nachvollzieht wird dann eher ablassen von solch einem Verhalten, da es nicht mehr als authentisch unmittelbar erlebbar ist.


QuoteMichl Mond
15.11.2016, 22:01

Nachdem ich genervt nach 75% des Textes aufgehört habe zu lesen, wie queer ist er jetzt, der Hipster?

Quotesupergeil
15.11.2016, 22:14

@Michl Mond Musste dich bei Hipster-Studies einschreiben....



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Textaris(txt*bot)

Quote[...] Dominik Finkelde SJ, geb. 1970, ist ein deutscher Jesuitenpater und Professor für Philosophie an der Hochschule für Philosophie München. 2016 erschien im Verlag Vorwerk 8 sein Buch «Phantaschismus. Von der totalitären Versuchung unserer Demokratie».

Sigmund Freud beschreibt in seinem berühmten Essay «Totem und Tabu» aus dem Jahr 1913 eine vorzivilisatorische Urhorde. Sie wird von einem Übervater beziehungsweise Urvater angeführt. Er ist dem «Silberrücken» bei Gorillahorden nicht unähnlich und folglich eine unangefochtene Macht in seiner Herde. Er ist aber auch die geniessende Ausnahme. Denn er kann sich zum Beispiel jedes Weibchen aus der Horde greifen, wie es ihm beliebt, ohne dass seine Begehrensansprüche durch andere Männchen begrenzt werden. Aus diesem Grund wird der Urvater gemäss Freuds spekulativem Mythos vom Ursprung der Kultur am Ende auch von den sogenannten Brüdern erschlagen. Freud schreibt: «Eines Tages taten sich die ausgetriebenen Brüder zusammen, erschlugen und verzehrten den Vater.»

In Zeiten von Donald Trump erleben wir nun ein Revival dieser Denkfigur des Übervaters, da Ersterer wie Letzterer ununterbrochen zu geniessen scheint. Trump zelebriert sich nahezu tagtäglich als die Ausnahme anerkannter Ordnungen und findet daran zum Verdruss seiner politischen Gegner Gefallen. Er hält sich nicht mit polemischen Angriffen gegen politische Kontrahenten zurück und bekennt sich offen zu einer patriarchalen Ordnung, in der die Begehren von Männern frei von Feminismus und politischer Korrektheit ungebrochen sein dürfen, was sie sind: natürliche Bedürfnisse. Für sexuelle Übergriffe, die er in der Vergangenheit begangen haben soll, muss er sich denn (bis jetzt) auch nicht verantworten.

Gerade durch Umstände wie diese aber verkörpert Trump für seine Anhänger eine utopische Figur, eine Form politischer Autarkie. In Zeiten, da zahlreiche politische Bewegungen auftreten, um etwa die Rechte von Belästigungsopfern (#MeToo), legalen und illegalen Einwanderern («Dreamers») oder Minderheiten («Black lives matter») einzuklagen, fühlen sich Trumps Sympathisanten offenbar immer mehr in ihren Grundrechten beschränkt. Sie sehnen sich infolgedessen nach Formen einer neuen Freiheit und wünschten, sie könnten im Bereich der Politik wie Trump alles sagen, was sie wirklich denken (auch wenn das vielleicht diskriminierend ist), und alles tun, was sie gerne täten: zum Beispiel wie Trump einmal bei einer prominenten Pornodarstellerin wie Stormy Daniels vorbeischauen, wenn ihnen, wie es in Georg Büchners «Woyzeck» heisst, «die Natur kommt».

In «Totem und Tabu» identifiziert Freud den Mord am Urvater als Ursprung der Sittlichkeit: Die Brüderhorde kommt darin überein, dass niemand mehr die Position des obersten Geniessers, des ungebändigten Übervaters, einnehmen darf. Die Autorität des Vaters wird aus Trauer über den Mord verinnerlicht, und als Heilmittel gegen die Gefahr eines obersten Geniessers wird die Utopie der gleichmässigen Verteilung von Lust propagiert. Man könnte diese Geschichte Freuds Gründungsmythos der Demokratie nennen. Denn wo einst eine ungebändigte Lust durch einen Übervater genossen wurde, darf jetzt nur noch das Geniessen als ein kollektiv verwalteter Akt toleriert werden.

Dieser Idee der Genusszähmung zugunsten einer politisch kanalisierten Verteilung steht Trump diametral entgegen. Als Übervater und Oberpatriarch, dem das Niedrige und das Obszöne nicht fremd sind, hebt er sich auch deutlich von anderen Politikerinnen und Politikern ab. Von Angela Merkel, die abschätzig «Mutti» genannt wird, ebenso wie von Theresa May, die sich offenbar nicht gegen Torys wie Boris Johnson durchsetzen kann. Und auch mit Emmanuel Macron ist Trump genusspolitisch unvergleichbar. Auch wenn man Letzteren dafür bewundert, eine ältere Frau geheiratet zu haben, scheint Trump doch auszuleben, was gemäss einem archaischen Empfinden mächtigen Männern gebührt – nämlich sich mit jüngeren Frauen zu umgeben.

Auch hinter diesem Gefühl verbirgt sich bei den Trump-Anhängern letztlich ein Freiheitsgedanke: Schön, dass es in einer von Verhaltensregeln für Gleiche unter Gleichen geprägten Ära wenigstens einen gibt, der einmal richtig auf seine Kosten kommen darf; einen, der sich alles nehmen kann, der kaufen und sagen darf, was und wie es seinem Begehren entspricht.

Doch warum sehnt sich eine bestimmte Brüderhorde im 21. Jahrhundert nach einer solchen Figur? Walter Benjamin beschreibt in seinem Text «Zur Kritik der Gewalt», wie ein Volk vor der «Gestalt des ‹grossen› Verbrechers» eine «heimliche Bewunderung» entwickelt, obwohl dieselbe eine Gefahr für das Gemeinwesen ist. Dem Verbrecher gelingt es nämlich, in das einschränkende Korsett der Rechtsstruktur eines Staates ein Loch der Singularität zu schlagen. Den grossen Verbrecher umgibt dann eine populäre Ehrfurcht, weil er den «Einspruch» gegenüber den Ordnungsformationen ausdrückt.

Trump ist kein Verbrecher, doch verkörpert er mit seiner Distanz gegenüber angestammten Formen politischer Sittlichkeit eine analoge Singularität. Sie kann heimliche Bewunderung hervorrufen; für seine Wähler kann Trump einem regelrechten Rächer ähneln. Er ist die Ausnahme, die die Grenzen der etablierten Ordnung überschreitet, oder vielmehr: Er ist derjenige, der das (traditionelle) Gesetz noch zu retten vermag. Wovor? Vor zu vielen partikularen Rechtsansprüchen, vor zu viel Humanität und Toleranz, vor zu viel Korrektheit.

Vielleicht hofft also die Brüderhorde im 21. Jahrhundert, dass die Normübertretungen des Übervaters helfen, ein altes, in ihren Augen angestammtes Recht zu retten. Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek spricht in diesem Zusammenhang von einem «nightly law», einem Gesetz des Zwielichts. Es kommt dann zum Tragen, wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen das liberale und aufgeklärt neutrale Gesetz dem Scheitern nahe sehen. Das «Recht des Zwielichts» tritt dann, so paradox es klingen mag, im Namen des Gesetzes auf: Es muss das angestammte Recht schützen und darf deshalb auch archaische und vorzivilisatorische Eigenschaften verkörpern. Žižek spricht hierbei von einem «obszönen Geniessen», das all diejenigen vereint, die die Überschreitung des Gesetzes im Namen des Gesetzes befürworten.

Trump lebt dieses Gefühl freudig wie kein anderer aus, aber auch im politischen Alltag der USA ist diese Art von Genusspolitik nicht unbekannt. Man denke etwa an paramilitärische Rangergruppen, die an der Grenze zu Mexiko mit dem Gewehr Jagd auf Einwanderer machen. Dazu fühlen sie sich berechtigt, da ihnen der Mangel an Grenzpolizisten den Zusammenbruch von Gesetz und Ordnung suggeriert. Die selbstorganisierte Grenzkontrolle tritt im Namen der patriarchalen Unterseite des normativen, aber scheiternden Gesetzes auf und provoziert ein genussvolles Wir-Gefühl.

Auch auf der aussenpolitischen Weltbühne verschafft sich das patriarchale Gesetz des Übervaters sein Recht. Wenn Trump bekanntgibt, die US-Botschaft gegen den Widerstand zahlreicher Nationen von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, schafft er Fakten – wo alle anderen mit höflichen Plädoyers und unendlichen Dialogen zur Rücksichtnahme zwischen Palästinensern und Israeli auffordern. Den – wiederum Fakten schaffenden – Ausbau jüdischer Siedlungen konnten die Europäer mit solchen Aufforderungen nie verhindern; ihre Politik erscheint erschreckend machtlos. Wird auch sie eines Tages von ihrer «Nachtseite» überwältigt und ausgehebelt?

Trump verkörpert eine Form von neuen politischen Mitteln, einer Entscheidungskraft, die sich von Anweisungen und Erwartungen abnabelt. Seine Wähler sind ihm dankbar dafür, und ihre Bewunderung zumindest nachzuvollziehen, fällt nicht schwer. In Zeiten überkomplexer Verhältnisse scheint Trump als Übervaterfigur ein Desiderat in der Psyche eines politischen Gemeinwesens zu erfüllen: geniessen zu dürfen, wie man es gewohnt war, und Entscheidungen ungeachtet aller Komplexitäten zu treffen, schlicht und einfach, weil man etwas will und für richtig hält – egal, wie andere darüber urteilen.

In diesem Sinne ist Trump auch ein Symptom der westlichen Zivilisation, die an sich selbst verzweifelt. Als Ausnahmeerscheinung, die ihre Freiheit auslebt, verkörpert diese obszöne Gestalt zugleich den Frust und die Wut auf die Form, die die Zivilisation in der Freiheit angenommen hat. Das Phänomen Trump zeigt, wie fragil die Politik in der Kanalisierung von politischen Begehren ist und wie schnell die Gestalt des «grossen Verbrechers» auftaucht, wenn der Bereich des Politischen desintegriert. Eine Nation braucht notwendig die Illusion einer Einheit, auch wenn genau über diese Illusion keine konkrete Einheit gebildet werden kann.



Aus: "Donald Trump, der archaische Übervater" Dominik Finkelde (23.4.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/im-namen-des-uebervaters-donald-trump-freud-totem-und-tabu-ld.1378229

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Jon Turteltaubs ,,Meg" dreht sich um den Kampf zwischen Mensch und Natur.  ... Wie immer wirkt Statham wie eine Fußballdiva, die sich über die Fouls der Gegner ärgert, aber hier fischt er mit seinen dämlichen Sprüchen ganz besonders im Trüben, und wenn er mit seinem Sixpack die ansonsten selbstbewusste Biologin Suyin verwirrt, will man sich doch ein wenig fremdschämen für Drehbuch und Regie.

...


Aus: "Mit Sixpack gegen einen Riesenhai" Frank Olbert (09.08.2018)
Quelle: http://www.fr.de/kultur/kino/neu-im-kino-meg-mit-sixpack-gegen-einen-riesenhai-a-1559271

Textaris(txt*bot)

#40
Quote[...] Einen Tag nach dem Angriff auf einen Fanbus des Fußball-Zweitligisten 1. FC Union Berlin in Köln spricht die Polizei von einer "neuen Dimension der Gewalt nach Fußballspielen". Der gewaltsame Zwischenfall hatte sich in der Nacht zum Dienstag ereignet, nach einem Spiel des 1. FC Köln gegen Union Berlin. Der Angriff auf den Bus war nach Einschätzung der Beamten eine gezielte und geplante Aktion. Von den 28 Festgenommenen seien bis auf einen noch alle in Gewahrsam, hieß es weiter. Einige von ihnen seien als "Gewalttäter Sport" bekannt.

Rund 100 vermummte Störer – alle in weißen T-Shirts und weiß-roten Sturmhauben – hatten nach Darstellung der Polizei zunächst einen polizeibegleiteten Fanbus vor einer Autobahnauffahrt mit Steinen attackiert. Aus dem Berliner Fanbus stürmten dann laut Polizei ebenfalls vermummte Störer. Die Einsatzkräfte drängten diese in den Bus zurück und die Kölner Angreifer auf einen nahe gelegenen Parkplatz. Von dort aus seien viele in unbeleuchteten Autos geflüchtet, hätten dabei gezielt Kurs auf Polizisten und Polizistinnen genommen und alle Anhalte-Aufrufe missachtet.

Polizeipräsident Uwe Jacob sprach in einer Pressekonferenz von "blankem Hass" und einem "nicht hinnehmbaren Angriff auf unser Rechtssystem". Dass niemand verletzt wurde, sei "irgendwo auch ein Wunder". Jacob nannte es erschreckend, dass sogar die Begleitung der Fanbusse durch die Polizei kein Hindernis gewesen sei, "sinnlose Gewalt" zu verüben.

Die Polizei beschlagnahmte sechs Fahrzeuge, mehrere Schlagstöcke, Pyrotechnik und andere gefährliche Gegenstände. Natalie Neuen von der Kölner Staatsanwaltschaft sagte, in den nächsten Tagen werde geprüft, "inwiefern wir Haftbefehle beantragen". Kripo-Leiter Becker zufolge gibt es Hinweise, dass die Kölner Störer von polizeibekannten Personen aus der Dortmunder Szene unterstützt wurden. Polizei und Justiz müssten auf "zunehmende Radikalisierung" reagieren. "Sonst haben wir bald keine Fußballspiele mehr, sondern befassen uns nur noch mit Gewalt im Fußball."

Der 1. FC Köln betonte, er verurteile Gewalt "ohne Wenn und Aber". Das habe man wiederholt zum Ausdruck gebracht und daran habe sich nichts geändert. "Nach unseren derzeitigen Informationen waren an den Vorfällen offenbar auch Personen beteiligt, die vom 1. FC Köln bereits mit einem Stadionverbot belegt sind", hieß es in einer Stellungnahme. "Das zeigt: Außerhalb des Stadions und abseits unserer Spiele sind die Vereine im Kampf gegen Gewalt auf Polizei und Justiz angewiesen."

Die Kriminalpolizei untersucht die Vorfälle nun mit einer Sonderermittlungsgruppe Paul, da sich die Ausschreitungen "Auf dem Paulsacker" ereigneten. Schwere Straftaten wie Landfriedensbruch, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, gefährliche Eingriffe in den Straßenverkehr und Verstöße gegen das Versammlungsgesetz stehen im Raum, wie der Kölner Kripo-Leiter Klaus-Stephan Becker in der Pressekonferenz sagte. Alle Festgenommenen zeigten sich bisher "vollkommen unkooperativ". Ihre Handys würden ausgewertet.

Die Beamten werden bei ihren Ermittlungen auch alle 77 Insassen des Berliner Fanbusses überprüfen. Man habe das Fahrzeug zum Präsidium eskortiert und dort alle Personalien festgestellt, sagte Becker. Es werde unter anderem der Frage nachgegangen, ob die Angriffe nicht nur unter den Kölnern zuvor abgesprochen waren, sondern es möglicherweise auch Verabredungen zur Gewalt zwischen Kölnern und Berlinern gab.

...


Aus: "Polizei sieht in Angriff auf Fanbus neue Dimension der Gewalt" (14. August 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/sport/2018-08/gewalttaeter-sport-fc-union-berlin-angriff-koeln-fanbus-planung-aktion

Quote
matotope #1.3

Der Proll schwört auf MMA.


Quote
matotope #3

Für Stein- & Flaschenwürfe bekamen einige nach G20 bis zu drei Jahre aufgebrummt, mal sehen wie das hier ausgeht.


QuoteMartin Köster #5

wenn ich mir das durchlese, wenn ein bestimmter teil der bevölkerung noch nicht mal in frieden mit einem konkurrierenden fußballverein leben kann, dann muß man sich nicht wundern welche aggression den flüchtlingen und schutzsuchenden entgegenschlägt.
auf den schützenfesten prügelt man sich sogar mit den bewohnern des nachbardorfs, weil die "die anderen" sind.
da laufen primitivste biochemische vorgänge in den hirnen ab ...

richtig absurd wird es aber, wenn diese hooligans sich dann im rechtsextremen milieu wiederfinden, als verteidiger unseres "vaterlands" ...

meiner meinung geht es immer nur darum einen ideologischen grund zur ausübung seiner sadistischen und gewaltaffinen triebe zu finden; mit vaterland oder überfremdung hat das sehr wenig zu tun ... es geht nur um den rausch und primitivste machtausübung moralisch/ethisch kompromittierter seelen am rande eines pathologisch zu nennenden befundes ...


Quotevincentvision
#8  —  vor 27 Minuten 3

Bezeichnend, dass diejenigen, die beim G20-Gipfel und seinen Gewaltexzessen den Untergang des Abendlandes verorteten, angesichts solcher und ähnlicher Exzesse sehr still sind.

Denn Woche für Woche müssen Hunderschaften an Polizei ausrücken, um durchgeknallte Hooligans voneinander zu trennen und die Fans von x Fußballspielen in ihren Zügen und Fankurven zu sichern und zu separieren.

Oft genug auch unter Gewalt und Auschreitungen. ...


QuoteHuanaco #17

Es zeigt sich, dass Fanprojekte offenbar bei einigen sogenannten Fans nichts fruchten. Vor lauter Langeweile verabredet man sich zu einer Prügelei, weil man mit sich und der Welt nichts anzufangen weiß. Ausgeschlagene Zähne, gebrochene Nasenbeine, blutende Platzwunden dienen als Beweis einer Männlichkeit, die das genaue Gegenteil von LGBT verkörpern und in eine Zeit zurück will, als der Mann noch als ganzer Kerl zählte, der sich wie einst auf mittelalterlichen Ritterturnieren um die Huld eines Weibes prügelte. "Der will nur spielen", heißt es, wenn ein gemeiner Straßenköter sich in meine Jeans verbeißt. Das können wir den Prügelnden nicht durchgehen lassen. "Denn sie wissen nicht, was sie tun." Nehmen Sie es biblisch oder mit James Dean. Ob Prügelei oder verbotenes Autorennen. Die Ursachen sind m. E. die gleichen. Es gilt wieder als männlich, "sein Recht" in die eigene Hand zu nehmen. Notfalls eben auch, indem das Recht des/der anderen missachtet wird. Man hat keine Argumente, aber Fäuste. Und die Eltern kennen oft nicht einmal "die Freunde" ihres Sohnes (die aus der Wirklichkeit, die bei fatzebuk ohnehin nicht). Ob Strafen die Prügelnden erreichen, weiß ich nicht. Noch gilt es in den Fangruppen als cool, wie ein Märtyrer in den Knast zu kommen. ...


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Textaris(txt*bot)

Quote[...] Auf 4 Blocks konnten sich erstaunlicherweise alle einigen: die Feuilletons wie die Jungs auf den Straßen Neuköllns. "In Berlin spricht man jetzt Arabisch", wurde zum geflügelten Wort. Auf Instagram inszenierten sich junge Männer im Stil der Serie. Der Hauptdarsteller Kida Khodr Ramadan erzählte während der Dreharbeiten, er werde inzwischen nur noch als Toni Hamady angesprochen – von den Jugendlichen auf der Sonnenallee oder "von Sigmar Gabriel". Die Sets für die zweite Staffel mussten abgeriegelt werden. Wegen der Fans, die überall gleich zur Stelle waren.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Verbrechensbekämpfung in Berlin provoziert genau diese Verehrung immer deutlichere Kritik an der Serie. Polizeiliche Ermittler sagten Reportern der ZEIT, die Serie kotze sie an, weil sie das Gangstertum glorifiziere und junge Männer im Kiez animiere, den Filmfiguren nachzueifern.

Der Vorwurf, dass Gangster- und Mafiaerzählungen das Milieu glorifizierten und dadurch implizit verstärkten, ist nicht neu. Würde man einen strengen moralischen Kompass anlegen, müsste man den Paten, Mean Streets und Scarface aus dem filmischen Kanon werfen. Natürlich darf man über Verbrechen fiktional erzählen und man kann dem Publikum – auch wenn es cineastisch anders sozialisiert ist als der Arthouse-Kinogänger – ruhig zutrauen, dass es zwischen Kunstform und Realität unterscheiden kann. Schwieriger wird es, wenn sich Fiktion und Wirklichkeit so eng miteinander verzahnen, dass die Trennschärfe verloren geht. Das galt etwa für Roberto Savianos Serienadaption seines Buches Gomorrha. Italienische Medien berichten, dass Jugendliche im Stadtteil Scampia, der sowohl Drehort der Serie ist als auch als größter Einflussbereich der Camorra in Neapel gilt, ihre Serienhelden bis auf die Tattoos kopierten. Der größte Traum vieler sei es, einmal als Statist in Gomorrha aufzutreten. Fahnder beklagen zudem, es sei seit dem Start der Serie noch schwerer geworden, gegen die Mafia vorzugehen, weil die Serie sie verherrliche.

4 Blocks ging sogar noch einen Schritt weiter, indem es die Kontakte einiger Darsteller ins Milieu zu Recherchezwecken nutze. So erzählte der Regisseur Marvin Kren freimütig in der ZEIT, der Hauptdarsteller Ramadan habe ihm "die wirklichen Schlüsselspieler, die wirklichen Toni Hamadys vorgestellt". Der Gangsterrapper Massiv wiederum, der in der Serie Tonis Schwager spielt, ist befreundet mit Ashraf R., dem Onkel jener jungen Männer, denen vorgeworfen wird, eine riesige Goldmünze aus dem Bode-Museum entwendet zu haben (die ZEIT berichtete). Massiv widmete seinem ehemaligen Manager, der im Übrigen auch der neue Beschützer von Bushido ist, seit dem dieser sich öffentlich von Arafat Abou-Chaker losgesagt hat, 2011 folgende Songzeilen: "Glaub mir, seine Waffe lässt er niemals aus der Hand los! (...) Sein Leben ist im Film und das Drehbuch ist verfasst. (...) Hier wird das Wort Ehre neu definiert."

...  Ganze Genres wie der Gangsterrap leben von dem undurchsichtigen Spiel ihrer Interpreten: Sind sie echte Kriminelle oder besonders schillernde Kunstfiguren?

... In den ersten sechs Episoden hatte 4 Blocks vor allem das Was erzählt: dass es eine Parallelwelt mitten in Berlin gibt, die völlig autark und weitgehend unbehelligt nach ihren eigenen Gesetzen lebt. Ein Jahr und viele reale Ereignisse später sind die Zuschauer nun auf einem anderen Stand. Daher müsste es nun um das Wie und das Warum gehen. Wie kann es sein, dass Menschen, die als Sozialhilfeempfänger registriert sind, Immobilien in Millionenwert erwerben können? Wie funktionieren die Geldströme aus dem Libanon? Warum kann man den Clans juristisch so schwer beikommen? Inwiefern haben Behörden, Politik und private Unternehmen weggeschaut?

Auf all diese Fragen gehen die neuen Folgen von 4 Blocks nicht ein. Sie genügen sich darin, ihre bärtigen Protagonisten durch schauerliche oder goldglänzende Kulissen zu scheuchen. Und so muss sich diese zweite Staffel tatsächlich den Vorwurf gefallen lassen, Verbrechensfolklore zu betreiben.


Aus: "Guter Stoff? Kannste strecken" Eine Rezension von Carolin Ströbele (10. Oktober 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/film/2018-10/4-blocks-berlin-neukoelln-gangster-clan-serie-staffel-zwei/komplettansicht

Textaris(txt*bot)

#42
Quote[...] Von Odysseus und Siegfried bis zu Superman: Helden wurden immer schon bewundert und verehrt. Der Held der Mythologie und der Sage – das ist stets eine Figur mit übermenschlichen Kräften, die per Definition Großes, ja Übergroßes vollbringt. Die Helden des Mythos gibt es nicht mehr. Heroismus gilt heute als Relikt einer vormodernen, archaischen Zeit, der Held als potenziell gefährlicher Kraftkerl und Extremist. Und doch brauchen wir gerade heute "Helden", die sich unerschrocken ihrer Aufgabe stellen. Was bedeutet Heldentum wirklich?

Der Held – das war zunächst einmal immer ein Mann. Das lateinische Wort vir meint Mann und Held zugleich. Der Held kam vor dem Patriarchat. Ein "Held", so belehrt der Duden, sei eine "Person, die sich in bewundernswerter und vorbildlicher Weise persönlich einsetzt". Das Wort "Held" leitet sich ab vom altgermanischen Substantiv Halil oder Halub. Es bedeutet so viel wie "Krieger" – oder schlicht: "Mann". Ein Heros, das war ein Held in der griechischen Mythologie, ein Halbgott zumeist oder einer, der wenigstens als ein solcher verehrt wurde; daher stammt nicht nur das Adjektiv "heroisch" (für heldenmütig, heldisch, erhaben), sondern auch der "Held" unter den Opioiden: das "Heroin".

Der Heros der Mythologie und der Sage – das ist eine überlebensgroße Figur, furchtlos, durchtrieben, tollkühn, aber nicht wirklich weise. Einer, der nicht selten aus allzu menschlichen Motiven handelt. Da ist Gilgamesch, der aus Trauer über seinen toten Freund selbst unsterblich werden will. Da ist der beinahe unverwundbare Achill, Held des Trojanischen Krieges, der sich beleidigt aus dem Kampf zurückzieht, weil ihm Agamemnon eine Frau wegschnappte; die "Ilias" besingt seinen Zorn. Da ist Siegfried, der Drachentöter aus dem "Nibelungenlied", der gern mal eine Frau flachlegt, wenn es seinen Zwecken dient. Und da ist Odysseus, der sich nach Penelope verzehrt und doch vor lauter heroischer Abenteuerlust nicht umhin kann, auf dem Weg nach Ithaka zehn Jahre zu vertrödeln.

Das Problem des Ur-Helden war seit je seine Tendenz, ein Desaster anzurichten. Ihm fehlte die Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion, die Fähigkeit, hinter den eigenen Standpunkt zurückzutreten. Mit anderen Worten: Der archaische Held hat kein modernes Selbst – sondern eher ein kindliches, kindisches Naturell. Auch Achill war trotz aller Stärke und Kühnheit ein Kind, das mit seiner beleidigten Wut-Reaktion seine Kampfgenossen fast in den Untergang stürzte. Ähnliche Muster erkennt man bei Donald Trump. "Wir werden mit Feuer und Zorn antworten", schleuderte der US-Präsident dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un in einem besonders großen Hulk-Moment entgegen, als dieser ihm mit Atomwaffen gedroht hatte. Das Problem mit der heroischen Männlichkeit ist, dass sie nicht wirklich reif, sondern eben oft kindisch ausfällt.

Der klassische Held darf nicht reifen, nicht erwachsen werden, weil er früh sterben muss. Der tragische Tod des Achill verbürgt scheinbar sein starkes, intensives Leben. Die Sehnsucht nach dem Heroischen ist vielleicht auch die Sehnsucht des Mannes nach ewiger Jugend, ewiger Virilität, ewiger Potenz. Das gilt umso mehr für den Mann mit Populisten-Hirn. Und erst recht für den Profi-Populisten. Wie der tragische Tod Achills auf dem trojanischen Schlachtfeld schon vom Schicksal vorgezeichnet ist, so muss auch der Populist zwangsläufig scheitern. Er verliert seinen Kampf an seine eruptive Engstirnigkeit, die letztlich alles in den Abgrund reißt. Am Ende auch ihn selbst.

Wenn wir den Mann heute verstehen wollen, müssen wir uns mit seinem Ursprung auseinandersetzen: dem archaischen Heros. Der Ur-Held vollbringt per Definition Großes, Übergroßes. Doch nicht nur das Siegen, auch das Scheitern ist ein integraler Bestandteil des Heroismus. Der Held ist eine zutiefst fragwürdige, ambivalente Figur. Zwar besticht er durch seinen Mut und die Kompromisslosigkeit, mit der er seine Sache durchzieht. Oft schützt er Frauen vor der Vergewaltigung, so wie Herakles, der dafür sogar mit dem Leben bezahlt. Doch makellose, moralisch völlig integre Helden gab es nie und wird es auch nie geben (nicht mal auf Netflix). Schon die Helden der griechischen Mythologie haben ihre Schattenseiten. Mit kaum einem von ihnen nimmt es ein gutes Ende.

Der Ur-Held ist kein Sittenwächter oder Tugendapostel, sondern ein zupackender Kraftkerl, ein Macho, könnte man sagen, zuständig für die ganz harten, gefährlichen Aufgaben. Ein beherztes Muskelpaket, das nebenher auch in weniger ehrenwerten Disziplinen brilliert, etwa im Konkurrenten-Ausschalten und Weiber-Vernaschen. So wie die griechischen Götter ist auch der griechische Held kein Heiliger. Was für den Helden zählt – das Einzige, was zählt –, das ist die Aufgabe, die Tat, die zu vollbringen ist.

In diesem Sinne diagnostizierte der Mythenforscher Joseph Campbell (1904–1987) in den unzähligen Heldengeschichten, die es in allen Kulturen gibt, einen einzigen heroischen "Monomythos". Immer hat der Held einen Job zu erledigen, und stets muss er zu diesem Zwecke eine Reihe Herausforderungen, Prüfungen und Abenteuer bestehen. Der griechische Held Iason holt das geraubte Goldene Vlies zurück, Parzifal sucht nach dem Heiligen Gral, Buddha nach Erleuchtung. Der wahre Held opfert sein Leben für etwas, das "größer ist" als er selbst. Der Ur-Heros besticht durch seinen Drang zur Expansion, sein Streben nach Singularität, Potenz und Transzendenz wie durch seinen Extremismus, sein Genie, seine Irrationalität. Der echte Heroismus zielt weniger auf Kooperation als auf Autonomie. Er liegt in der Ausschließlichkeit der Selbstüberwindung.

Ur-Helden gibt es nicht mehr, und gerade deshalb werden sie bewundert. Die, die ihnen heute vage ähneln, zeichnet man gelegentlich mit dem Bundesverdienstkreuz aus oder verleiht ihnen – wie in Frankreich jenem Flüchtling aus Mali, der vor einiger Zeit als "Spiderman von Paris" eine Fassade erklomm, um ein Kleinkind zu retten, das vom Balkon zu stürzen drohte – die Staatsbürgerschaft. Aber erst wenn von Amts wegen die Unbedenklichkeit geklärt ist. Das 20. Jahrhundert sah schon zu viele maligne Heroen, zu viele "Heldentode". Das 21. Jahrhundert hat genug vom Sterben und Töten, von einer Ära, in der der deutsche "Übermensch" sechs Millionen "Untermenschen" ermordete. Heute werden Monster präventiv eingehegt. Potenzielle Helden, die (wie einst Odysseus) als Penner herumlaufen, verlegt man in Obdachlosenheime, um streunende einäugige Riesen kümmert sich die Polizei, und Drachen stehen unter Tierschutz.

Der archaische Held ist tot. Aber es waren ganz sicher nicht die Frauen, die ihn umbrachten. Es war das Patriarchat, die von den Heroen selbst errichtete männliche Vorherrschaft. Die Geschichte des Patriarchats ist auch eine Geschichte der Zivilisierung und Sublimierung des männlichen Heroismus, allen zeitweiligen Rückschritten zum Trotz. Der Heroismus des Mannes hat das Patriarchat hervorgebracht – und das Patriarchat hat den Helden getötet. Oder vielmehr: Es hat ihn auf Lebensgröße geschrumpft.

In den ersten Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte ergänzten sich Mann und Frau gleichsam komplementär. Männer versorgten Frauen und Kinder, initiierten ihre Söhne und gingen auf die Jagd. Der Jäger – mutig, innovativ, stark: Prototyp des Helden. Der Mann war der Heros, aber die Frau war eigentlich die Potente. Denn sie allein konnte dem stets drohenden Tod den Mittelfinger zeigen: durch ihre Fähigkeit, neues Leben zu gebären.

Die ersten Götter waren Göttinnen. Die berühmte Figurine der Venus von Willendorf (um 30.000 v. Chr.) imponiert mit ausladenden weiblichen Rundungen, die vor Fruchtbarkeit nur so strotzen. Erst im mittleren Neolithikum, als der Mann Viehzucht und Ackerbau erfand, begann sich das Blatt zu wenden. Der Mann akkumulierte Privateigentum und fing an, anzusagen: Plötzlich war sein ökonomischer Reichtum mehr wert als ihr biologischer Schatz. Plötzlich beanspruchte er das Besitzrecht für sich. Er erklärte Frauen und Kinder zu seinen Frauen und Kindern. Die athenische Demokratie des 5. vorchristlichen Jahrhunderts machte die männliche Vorherrschaft – das "strenge Patriarchat" (Elisabeth Badinter) – dann endgültig zum Standardfall. Mit der Institutionalisierung von Viehzucht und Ackerbau wurden auch die Götter männlich.

Mann und Frau drifteten in zwei verschiedene hierarchisch getrennte Sphären auseinander. Der Mann in die Sphäre der Technik, der Ratio, der Souveränität, die Frau in die der Sorge, der Emotion, der Abhängigkeit. Die Eroberung neuer Kontinente, die Erschließung neuer Märkte, die Wende von einem religiösen zu einem mehr und mehr naturwissenschaftlich geprägten Weltbild brachte das Patriarchat Ende des 16. Jahrhunderts voll zum Erblühen – und bewirkte eine zunehmende Verhärtung der sexistisch ausgelegten geschlechterbinären Grenzen. Für den Reformator Johannes Calvin (1509–1564) verkörperte der Mann die Vernunft, die Frau den Leib. Das Patriarchat platzte fast vor Macht.

Erst durch die Industrialisierung begann das Patriarchat (ideologisch) zu erodieren. Die Fabrikarbeit deformierte es zu einer strukturell unheroischen, langweiligen Angelegenheit. Die Digitalisierung hat diesen Prozess noch verschärft. Heute ist das in Institutionen, Organisationen, Bürokratien aufgehobene "Patriarchat" zu einer diffusen Kategorie verkommen. Sein Geist herrscht überall dort, wo institutionalisierte Männlichkeit herrscht. Im Office ist noch Platz für Platzhirsche, aber nicht mehr für den klassischen Heroismus.

Zwischen Bildschirmen, Konferenztischen und Tischtenniszonen ist Herkules auf die Dimension des "Knotenmanns" geschrumpft (wie in dem 1977 erschienenen Roman Le und die Knotenmänner der Dänin Herdis Moellehave). Der leitende männliche Angestellte besiegt keine wilden Tiere mehr, er trägt eine Krawatte, und sein Krawattenknoten entspricht der Verknotung seiner Gefühlswelt.

Der Manager durchschlägt "gordische Knoten" nicht mit dem Schwert, er bearbeitet sie maschinell. Er löst sie digital. So ist der Held zum Funktionär geworden. Und doch ist der Heroismus nicht totzukriegen. Er sucht sich neue Wege, wird dysfunktional, korrupt und neurotisch. Paradigmatisch sind die Finanzkrise von 2008, der Dieselskandal und die deutsche Automobilkrise. Die weißen Turnschuhe von Ex-Daimler-Chef Dieter Zetsche dürfen nicht nur als Statement der Big-Boss-Coolness gelten, sondern auch als Symptom des neurotisch gewordenen Heroismus.

Das Patriarchat mag durch Quotendruck und Diversity-Maßnahmen institutionell, organisationell und bürokratisch gebändigt erscheinen – der Heroismus ist es nicht. Um Simone de Beauvoir (1908–1986) zu variieren: "Man wird nicht als Mann geboren, man wird es." Wie? Indem man sich selbst als Held beweist, und diesen Beweis von anderen anerkennen lässt. Sexismus und Misogynie zählen zu den klassischen Disziplinen des Mannes, der seinen Heroismus nicht anders auszuleben versteht. Der verhinderte Held hat keine zwölf Arbeiten mehr zu verrichten, sondern viele, meist kleinteilige, unzusammenhängende "Projekte", für die er oft nicht genug Wertschätzung erfährt. Seine Wut darüber richtet sich dann etwa auch auf ein weibliches Gegenüber, das sich nicht mit der Potenz des Gebärens zufriedengibt, sondern überdies die Frechheit besitzt, in sein Terrain einzudringen, ihm seine Position, sein Gehalt, seine Macht streitig zu machen. Er kann nicht anders, er muss diese Frau aufgrund ihres Geschlechts diskriminieren. Von der erstarkten, autonom agierenden Kollegin, Mitarbeiterin, Praktikantin, Chefin, muss er sich unterscheiden, abgrenzen, abheben.

Je größer die Autonomielust der Frau, desto größer die sexistische Wut des Mannes. "Man wird nicht als Mann geboren." Aber man kann sich dazu machen (lassen). Indem man Frauen ohne ihre Zustimmung zum Schweigen bringt, sie schlecht bezahlt, belästigt, ignoriert, betrügt, vergewaltigt? Für die amerikanische Philosophin und Feministin Kate Manne "rechtfertigt und rationalisiert" Sexismus das, was vom Patriarchat heute übrig geblieben ist.

Misogynie wiederum ist für Kate Manne das Werkzeug, das patriarchale Normen und Erwartungen praktisch "kontrolliert und durchsetzt". Ein Sexist hält alle Frauen für schlecht, minderwertig. Ein Misogyniker belohnt die "guten" (= der Männlichkeit dienenden) und bestraft die "schlechten" (= männliches Terrain penetrierenden) Frauen. So erklärt sich, warum US-Präsident Donald Trump kein Sexist ist. Wäre er Sexist, hätte der Großtwitterer keine einzige Frau in sein Kabinett berufen. Trump ist Misogyniker. Die gescheiterte Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton war nicht Opfer von Trumps Sexismus, sondern der Misogynie Trumps (und von Frauen, die misogyne Verhaltensweisen verinnerlicht haben). Der Geist des Patriarchats ist der Boden, auf dem Misogynie und Sexismus blühen, aber er ist nicht deren erste Ursache. Die erste Ursache ist der männliche Zwang zum Heroismus.

Der Mann ist verunsichert. Wenn er sich selbst verstehen und seiner Lage entkommen will, muss er seinen Heroismus verstehen. Er muss verstehen, dass weder die Frau noch er selbst schuld ist an seiner Lage. Sondern der zwar stark diffundierte, aber immer noch einflussreiche Geist des patriarchalen Systems. Es hat ihn institutionalisiert und zum Schrumpfhelden gemacht. Der geschrumpfte Held von heute hat viele Gesichter, man trifft ihn in allen sozialen Schichten. Fifty Shades of Man, das sind die Heroismen des Managers, des Rennfahrers, des Kampftrinkers, des Sportverrückten. Man trifft den Schrumpfhelden in der Steilwand, auf dem Surfbrett, über gefährlich kalte Wellen brausend, auf der linken Autobahnspur ebenso wie in der Kneipe nebenan, wo er ein Bier nach dem anderen kippt. Alle Männer wollen Helden sein – denn Männlichkeit "ist" nicht. Sie muss durch bestimmte Akte, Mutproben, Prüfungen, Grenzerfahrungen immer neu verifiziert werden.

"Man wird nicht als Mann geboren, man wird es." Alle Männer wollen Helden sein – aber sie können es nicht. Der Ur-Held ist tot. Der Weg, der ihnen heute allein offensteht, ist der des Schrumpfhelden. Der geschrumpfte Held ist keine erhabene, gottgleiche Figur, sondern eine Karikatur. Er kann nicht, wie er will. Oft kann er gar nicht. Eine Welt, in der gilt: "Die Zukunft ist weiblich!", ist nicht für Helden gemacht. Selbst wenn der Mann wollte, er könnte nicht einfach mal so eben einen Drachen erlegen. Zuvor muss er in vielen Fällen Pausenbrote schmieren und die Kinder zur Schule bringen. Das nächste Abenteuer – Freesolo-Klettern oder Motorrad-Rallye – muss er sich verdienen, und zwar mit bezahlter Arbeit. Die moderne Frau möchte einen leistungsstarken, souveränen, gut verdienenden Mann, den sie nicht lange bitten muss. Bevor er den Augiasstall ausmistet, soll er gefälligst den Müll runtertragen.

Das Schrumpfheldentum markiert die Grenzen der Verständigung zwischen Mann und Frau. Keine Frau versteht den einsamen heroischen Trinker, der doch nicht einfach nur süchtig und schwach ist, sondern auch mindestens tief verzweifelt über die Welt, an der er so tragisch gescheitert ist. Keine Frau versteht, warum derselbe Mann, der gestern noch alles zu reißen meinte, heute glaubt, an einem Schnupfen zugrunde zu gehen. Man kann sich über den berüchtigten Männer-Schnupfen lustig machen. Doch darin steckt die tiefe Tragik des verhinderten Helden, der mit heftigen Niesanfällen wie mit übermächtigen Feinden ringt.

Der Mann ist verunsichert, denn der Ur-Held, der in ihm tobte, ist tot. Fast. Einige letzte Relikte des archaischen Heroen findet man heute noch. Paradigmatisch scheinen sie im Sportler auf. Im Rennfahrer, im Tennisspieler, im Boxer, vor allem aber im Fußballer. Wer besonders trickreich mit dem Ball umzugehen vermag, bekommt sogleich die Attribute "Held", "Kaiser" oder gar "Gott" verpasst. Das Tolle am Kicker-Helden ist, dass er niemandem schadet, da sich seine Taten auf maximal 120 mal 90 Meter beschränken. Außer seinen Gegenspielern und sich selbst – siehe Kreuzbandriss und Mittelfußbruch – wird der Profifußballer niemandem gefährlich. Es herrschen Regeln, an die auch er sich halten muss. Deshalb ist auch der Fußballer natürlich kein wirklicher Held. Sondern eine Ersatzfigur, die sich der moderne Mann schuf, um ihn zu bewundern, sich (projektiv) mit ihm zu identifizieren, ihm nachzueifern.

"Ein jeglicher muss seinen Helden wählen, dem er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet", heißt es in Johann Wolfgang von Goethes (1749–1832) Iphigenie auf Tauris. Selbst der neidischste Mann verzeiht dem Fußballer, dass er für seine Virilität so monströs viel Geld kassiert. Der Kicker nimmt das Heldentum für ihn und alle anderen Männer auf sich. Jeder Sportler ist ein halb realer, halb imaginierter Held, der für alle verhinderten in den Krieg zieht, siegt und verliert – eine Art "Heros by Proxy", ein Stellvertreter-Held. So wie Boris Becker, der nach zahlreichen Grand-Slam-Gewinnen zwei gescheiterte Ehen und eine Insolvenz anmeldete und auf Instagram seine heroische Bilanz in zehn Punkten meisterlich zusammenfasste: "Erfolg. Harte Arbeit. Ausdauer. Lange Nächte. Versagungen. Opfer. Disziplin. Kritik. Zweifel. Fehler."

Die ersten Helden seien Götter gewesen, befand einst Thomas Carlyle (1795–1881). Es gibt keinen Odysseus, keinen Prometheus, keinen Achilles mehr. Es gibt aber auch keinen Gott mehr, keinen Über-Mann, vor dessen viriler Allmacht auch der größte irdische Held verstummt. Friedrich Nietzsches (1844–1900) Übermensch war letztlich auch nur ein Versuch, selbst zum Gott zu werden, um den Göttern "würdig zu erscheinen". Geblieben sind verunsicherte Männer, die in Extremsportarten den Kick suchen, weil ihnen die heroische Aufgabe fehlt.

Geblieben sind Fifty Shades of Man, die vielen von Wut und Schweigen getriebenen Manager, Autoraser und Oktoberfest-Kampftrinker, Misogyniker und Sexisten, die nicht wissen, wohin mit ihrem Schrumpfheldentum – und zudem von den Frauen ziemlich unter Druck gesetzt werden. Alle Männer wollen Helden sein. Alle Frauen wollen, dass Männer Helden sind – aber nur unter bestimmten Bedingungen. Was die moderne Frau will, ist die Quadratur des Kreises: den "vernünftigen" Helden "auf Augenhöhe".

Der Mann ist verunsichert. Wenn er Held sein will (immer!), darf er es nicht. Wenn er nicht mal nach dem Schrumpfheldentum strebt, gilt er als Versager, Schlappschwanz, Weichei. Das Dilemma des heutigen Mannes ist, dass er weder Held sein kann noch ein Waschlappen, und zwar weder im Job noch beim Kindergeburtstag noch im Bett. So sieht sich der Mann zu einem seltsamen Zwischenwesentum verdammt.

Er darf nicht über seinen Männer-Schnupfen jammern. Das nächste Ungeheuer besiegen darf er aber auch nicht. Stattdessen muss und soll er im Gym Bizeps und Trizeps aufbauen, um mit den erworbenen Muskeln noch eleganter Einkäufe schleppen und Smoothie-Fläschchen öffnen zu können. Im paradigmatischen Narrativ der "Heldenreise" kehrt der Held von seinen Abenteuern irgendwann in die Alltagswelt zurück, um sie im Lichte seiner Erfahrungen zu verändern. Der heutige Schrumpfheld schafft es oft gar nicht erst, die Reise überhaupt anzutreten. Daher seine Wut und sein Schweigen.

Wozu ist der Mann gut, wem dient seine Virilität? Der Mann ist ein Held, zumindest potenziell. Er kann dem langweilig gewordenen Patriarchat, das er zwar selbst geschaffen hat, in dem es aber meist kaum mehr zu holen gibt als geschlechtsspezifisch bedingte Gehaltserhöhungen und Beförderungen, jederzeit ein heroisches Upgrade verleihen. Er kann es zum Schrumpfhelden bringen. Je ausgeprägter der heroische Trieb, desto tiefer der Fall. Von Thomas Middelhoff zu Harvey Weinstein: Der geschrumpfte Held besticht durch seine Abnormität. Und seine neurotische Dysfunktionalität.

Einst erlegte der Mann Eber und zog in den Krieg, heute arbeitet er sich auf dem Bau, in der Firma, im Büro, im Coworking Space halb tot. Warum ackert er? Weil er seine Männlichkeit beweisen muss. Weil ein Mann nicht "ist", sondern immer erst "wird". Für wen ackert er? Für die Frau, die er liebt. Jene, die ihm seine heroischen Fehlleistungen verzeiht, deren Autonomielust sich hoffentlich in kalkulierbaren Grenzen hält, die für ihn – wenigstens in Teilzeit – kostenlos kocht, wäscht und putzt und ihm den Rücken freihält. Ob Hausfrau, Karrierefrau oder Working Mom. Seine Frau ist immer eine gute Frau. Die Mutter 
seiner Kinder. Für sie tut er alles. Für sie modernisiert er seine
 archaische Blutrünstigkeit. Er
 verzichtet auf Blutschwüre und
 Blutsbruderschaften. Er hält
 den Atem an – und zieht in den 
Kreißsaal.

Der Heroismus gilt einerseits als überwunden. In der modernen, aufgeklärten Welt braucht es keine keulenschwingenden Kraftprotze mehr, sondern agile, flexible Postheroen, die mit ihren "weichen" Skills wie Empathie und Teamgeist mehr Menschlichkeit in die Welt bringen. Von den Herausforderungen der Digitalisierung bis zum Kampf gegen den Klimawandel sind mehr denn je Helden ganz neuen Typs gefragt, die nicht sich und anderen dauernd etwas beweisen müssen, sondern die ihren Kopf und ihr Herz einschalten, bevor sie irgendetwas tun. Und doch scheint das Bedürfnis nach dem zupackenden Helden, der mit Entschlossenheit und über menschlicher Energie Probleme im Alleingang löst, ungebrochen zu sein. Das zeigt auch das Phänomen monströser Attentäter, wie jenem von Christchurch, die sich als Helden inszenieren und auch als solche von ihren Anhängern gefeiert werden. ...

Dieser Artikel ist zuerst erschienen im "Hohe Luft Magazin" Nr. 04/2019.


Aus: "Männlichkeit: Wer rettet den Helden?"  Rebekka Reinhard und Thomas Vašek (7. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2019-07/maennlichkeit-heroismus-heldentum-vaeter-maenner-patriarchat-sexismus/komplettansicht

QuoteDindi #1

Die Autoren verstehen das Heldentum völlig miss, bzw. aus einer Perspektive des postmodernen, gemixt mit neofeminismus. Also sie verstehen es gar nicht.

Was für ein trauriger Artikel.

An die Männer kann ich nur senden: Vertraut euch selbst, lasst euch von diesen neuen postmodernen, feministischen Spinnereien nichts einreden. Sie sind lediglich die Ausgeburt einer von (durch Ausbeutung entstandenen) Wohlstandes. Wenn die Dinge wieder schwierig werden kräht kein Hahn mehr nach diesen neoUnsinn. Dann ist Heldentum unabdingbar. Nur Mut.


QuoteDeserteur 2.0 #1.7

Ihr Bild ist noch trauriger als das was sie den Feministinnen vorwerfen.

Erst wenn alles den Bach heruntergeht, wenn das Elend wieder vor der Tür steht, wenn es uns nicht mehr gut geht, dann dann naht die Stunde des Mannes!

Und das soll uns jetzt adeln?

Wir Männer bekommen in guten Zeiten nichts auf die Reihe bzw. könnten uns diesen nicht anpassen, sondern müssen jetzt auf die nächste Katastrophe warten um endlich wieder einen Sinn zu erlangen?

Ja durch durch den Feminismus und dadurch das es uns allen gut geht hat sich die Lebensrealität im Westen verändert und es wäre traurig wenn wir Männer darauf hereinfallen würden an der Vergangenheit zu besaufen.

- Männer müssen nicht mehr der Ernährer sein, sie müssen nicht mehr der Alleinverdiener sein
- Männer müssen sich nicht mehr bei Sonnenaufgang duellieren
- Männer können die Kindheit und Jugend ihrer Kinder viel mehr erleben als früher
- Männer haben die Möglichkeit aus der vorgegebenen Schablone die ihnen früher übergestülpt wurde zu befreien

Ja manches ist neu und ja neu Antworten müssen auf die neuen Umstände gefunden werden, aber dieses Idealisieren der angeblichen heroischen Vergangenheit nutzt niemandem.

Vor 100 Jahren warst du als Mann, entweder Schlachtvieh im Krieg, Maulesel auf der Arbeit, musstest deine Familie mit einer kleinen Lohntüte durchs Leben bringen, wenn du krank warst fiel der Lohn für die ganze Familie weg und ansonsten hattest du auch nichts zu melden außer zu funktionieren.

[Heldentum, Tapferkeit, Ehre, Prinzipientreue
Warum sollte ich etwas gegen diese Dinge haben?
Nur warum sollen diese Dinge rein Männlich sein oder nur dem Manne als Fundament seines Wesens dienen?
Sind das nicht Dinge die man von einer Frau nicht genauso erwarten kann?]


QuoteBaum2k #9

Ein Kreislauf:
Harte Zeiten bringen starke Männer hevor.
Starke Männer bringen gute Zeiten hevor.
Gute Zeiten bringen schwache Männer hevor.
Schwache Männer bringen harte Zeiten hevor.

Unsere Zeit wird kommen!


QuoteTobias87 #9.1

"Starke Männer bringen gute Zeiten hevor."

Ich vermute, in der Wehrmacht und der SS gab es den ein oder anderen starken Mann.
Irgendwas stimmt mit der These nicht. ...


QuoteKioto-Zeit #23

Ich habe das Gefühl, der Artikel wirft vieles durcheinander und verfehlt eine sauber Analyse. Die Begriffe "Held" und "Anführer" haben wenig miteinander zu tun und im Laufe der Zeit ihre Bedeutung stark gewandelt. Heute verstehen wird doch unter einem Helden jemand, der eine schwierige Situation, altruistisch und vielleicht unter Einsatz aller seiner Kräfte oder sogar seines Lebens für sich und andere meistert. Das Führung und Heldentum in alter Zeit häufig zusammenhingen, hat sicherlich mit den damaligen Prozessen der Gruppenbildung zu tun. Man folgte demjenigen, der auch für sich ein großes Risiko einging. Das war nicht notwendigerweise immer ein Mann (Johanna von Orleans). Die Gründe für die Nachfolge waren natürlich der Wunsch nach Erfolg, Beute, Anerkennung und bestehen bei Mann und Frau gleichermaßen.
Heutzutage hat Führung nichts mehr mit Heldentum zu tun. Insofern greifen die Beispiele heutiger Führungspersonen in Politik und Wirtschaft kaum, denn sie gehen meist keinerlei eigenes Risiko ein (Deutsche Bank).
Und wer sich das Verhalten von Frauen in Führungspositionen ansieht, bemerkt sicherlich keinen großen Unterschied zu dem von Männern in gleicher Position.
Die Idee mancher Feministinnen, man könnte durch Abschaffung der "Männlichkeit" die Welt verbessern, wird deshalb fehl gehen.


QuoteMentor73 #25

Ich habe den Artikel zunächst mit Interesse angefangen zu lesen. Je weiter ich kam desto dünner fand ich ihn. Die Autoren haben letztendlich überhaupt keine Ahnung von Männlichkeit. Männlichkeit auf dumbem Heroismus zu beschränken ist letztendlich Misandrismus, um in der Terminologie der Autoren zu bleiben. Mann sein bedeutet viel mehr als Heldentum. Um archaische männliche Stereotypen zu bemühen. So gibt es das Stereotyp des Königs, der weise und umsichtig herrscht, des Mentors und so weiter. Es ist kein Wunder, dass Jungen angesichts dieses seltsamen Bildes von Männlichkeit zunehmend verunsichert fühlen, in einer Gesellschaft, die das Männliche entweder verteufelt oder lächerlich macht. Es braucht kraftvolle, intelligente, planende und standhafte Männer.


QuoteDer Korrektor #25.1

Genauso wie es kraftvolle, intelligente, planende und standhafte Frauen braucht. Das Beispiel für eine sehr junge solche Frau liegt auf der Hand, oder?
Aber das ist kein Widerspruch. Ich sehe nicht, dass in der Realität das Männliche verteufelt oder lächerlich gemacht würde. Zum Glück wird das Patriarchale lächerlich gemacht.
Aber ein Mensch, der sich Mühe gibt, sein Leben trotz aller Widrigkeiten ordentlich auf die Reihe zu bringen, Verantwortung für seine Mitmenschen zu übernehmen, der verdient jeden Respekt. Ich denke an meine Nachbarn:
Den Typ, der den Bioladen aufgemacht hat und sehr engagiert führt,
der Lehrer, der bis tief in die Nacht arbeitet, damit er seine Schüler ordentlich durch die Prüfungen bekommt,
der Programmierer, der längere Zeit arbeitslos war, weil er diese Sache nicht machen wollte.
Das Geschlecht spielt dabei keine Rolle. Gut, außer bei dem Typen, der die Waschmaschine reingetragen hat.


Quote11meter #33

Sobald die Zeiten wieder schwieriger werden und der Wohlstand geringer, werden Menschen wieder beliebt, die klassische männliche Attribute verlangen. Wenn dann aus den schwierigen Zeiten Krieg entsteht, dann werden wieder starke Männer häufiger zu sehen sein. Das hat weder mit einer Machoeinstellung zutun, oder sonst was, sondern entspricht der Biologie, was man auch in Ländern sehen kann, die sich in kriegerischen Auseinandersetzungen befinden. Krieg katapultiert den Menschen immer in seiner Ursprungsform, dh Männer=Männer und Frauen= Schutz der Kinder


QuoteFloMei #33.1

Die Zeiten sind vorbei. Eine Kurdin kann auch ziemlich gut mit einer Maschinenpistole umgehen und mit einer Drohne kann selbst ein Kind Tausende Männer wegradieren egal wieviel Spinat die vorher gefressen haben. Was schwerer ist, ist Frieden zu halten. ...


QuoteIslamisch Grün #36

Christentum und Islam sind wesentlich dafür verantwortlich, dass Frauen jahrhundertelang weniger gewürdigt wurden und das gilt bis heute.


QuoteBetrand #36.1

Das wird in der Zeit gern vergessen, das die Wüstenreligionen den Status der Frauen und der normalen Bevölkerung in die Halbsklaverei herabgedrückt haben. Von dem was diese Sektierer Glaubensanweichern und Schwulen und Lesben 2000 Jahre lange angetan haben, gar nicht zu reden.


QuoteTabberta #38

Heroismus und Mythen wurden in den letzten Jahrtausenden durch herrschende Eliten kreiert, um letzten Endes alle Frauen und den größten Teil der Männer zu unterwerfen. Ich fragte mich schon immer, warum über Jahrtausende bis heute, sich die große Mehrheit der Männer von einer verschwindend geringen Minderheit der Männer in Schach halten lässt? Von den fehlenden Möglichkeiten der Frauen möchte ich hier gar nicht sprechen. Scheinbar genügte den Männern die bloße Möglichkeit der Teilhabe bzw.die Möglichkeit sein eigener Held zu sein-das heißt heute Privateigentum, Macht und Geld- um sich über die Jahrtausende hinweg von kleinen machthabenden Männergruppen dominieren zu lassen. Die Männer müssen erkennen, dass die Frauen nicht ihr Kriegsschauplatz sind, sondern elitäre machthabende Männergruppen, die Ihnen eine gründliche Gehirnwäsche verpasst haben. Männer haben sozusagen die Strukturen ihrer eigenen Unterdrückung geschaffen und halten Sie mit Mythen am laufen.


...

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Quote[...]  Rollen Als türkischstämmiger Mann soll ich immer stark und aufrecht sein. Ein Wort erinnert mich täglich daran - Fikri Anıl Altıntaş

... Delikanlı, gesprochen ,,Delikanle", ist kein gewöhnlicher Begriff im Türkischen. Seine deutsche Übersetzung, ,,wildblütig", wird ihm nicht gerecht. So klingt er wie ein Honig, süß, simpel und harmlos. Aber er kann sauer, komplex und giftig für Männer sein. Das türkische Äquivalent zum Duden, die Türk Dil Kurumu, ist sich nicht einig. Entweder bezeichne der Begriff einen jungen Mann, der seine Pubertät hinter sich gelassen hat, oder jemanden, der bei seinem Wort bleibt, aufrichtig ist und Ehre besitzt (,,Sözünün eri, dürüst, namuslu kimse.").  ...

Ich bin in einer als türkisch gelesenen* Familie in Deutschland groß geworden. Seit einigen Jahren – und besonders seit der Silvesternacht in Köln 2015 – wird heftig und häufig über Männlichkeit von als muslimisch markierten Männern und Jungen öffentlich diskutiert. Das geschieht in der Regel, ohne die Personen aus der Gruppe selber zu befragen. Stattdessen wird oft in rassistischer Weise über uns geredet. Ich habe als türkisch gelesene Männer zu ihrem Verhältnis zu dem Wort Delikanlı befragt. Beginnen werde ich aber bei mir.

Meine Familie und ich in Deutschland haben viel Kontakt zu unserer Familie in der Türkei. Wenn ich als 13-Jähriger dort im Urlaub – wie jedes Jahr – sechs Wochen verbrachte, flogen oft Begriffe durch den Raum, die ich nicht verstand. Das Wort Delikanlı fing ich öfters auf. Es erfüllte mich mit besonderem Stolz, wenn meine Tanten und Onkel feststellten, wie sehr ich ein Delikanlı geworden sei. Was genau mich dazu qualifizierte, wusste ich nicht. Aber ich sah in den Augen meiner Familie, wie egal das ist. Sie waren glücklich, deshalb war ich es auch. Ab diesem Zeitpunkt wurde dieser Begriff mein ständiger Begleiter. In vielen türkischen Soaps und alten Fernsehserien aus den 70er und 80er Jahren, die bei uns zu Hause andauernd zu sehen waren, lief der Begriff rauf und runter. Er definierte ein Männlichkeitsbild, über das ungern konkret gesprochen wurde. Cüneyt Arkın, Fernsehstar in der Türkei der 70er Jahre, galt als personifizierte Standfestigkeit und Hüter der Aufrichtigkeit. Er war ein Delikanlı.

2003 erschien in der taz ein Interview mit dem Sozialarbeiter und Erziehungswissenschaftler Hakan Aslan. Es trug den Titel ,,Ehre und hohle Männlichkeit". Dort heißt es: ,,Die jungen Männer werden als Delikanlı, als ,Wildblütige' bezeichnet, und in dieser Altersphase wird geradezu von ihnen erwartet, Grenzen auszutesten, um so ihren Mut und ihre Tapferkeit zu trainieren." Männlichkeit als Mutprobe? Hakan Aslan spricht weiter: ,,Der Begriff der Ehre ist eine der wichtigsten Triebfedern in der Sozialisation türkischer Jungen. Denn für die Verteidigung der Ehre der gesamten Familie ist der Mann zuständig, und das heißt auch der Sohn."

War ich das? Davon war mir bis heute nicht so viel bewusst. In meinem Umfeld der als türkisch gelesenen Männer in Deutschland fragte ich, was der Begriff für sie bedeutet. Erstaunlich viele wollten teilen, was sie mit dem Wort verbinden. Einige, die ich fragte, wiesen auf den harmlosen Charakter hin. Ein Delikanlı sein hieße, man sei kein Kind mehr. So benannt zu werden, kann als Kompliment für das eigene jugendliche Aussehen verstanden werden. Grundsätzlich bezeichne das Wort jemanden, der sein Wort hält und Aufrichtigkeit als Grundlage seines Charakters definiert. Tugay, Ende 40, erklärte mir: ,,Es bedeutet, dass du nun ein neues Level erreicht hast, du bist kein Kind mehr. Erst viel später erkannte ich, dass du im Grunde genommen nur ein nicht logisch denkender, mit Testosteron angehäufter Möchtegernheld bist, welcher versucht, seinen Platz auf dieser Welt zu finden." Einige andere Äußerungen gingen in die gleiche Richtung. Der 29-jährige Erzieher Ümit meinte zu mir: ,,Delikanlı war für mich immer eine Bezeichnung für unkontrollierte Draufgänger. Einer, der unbedacht, aber entschlossen Sachen angeht oder redet."

Mit jeder dieser Geschichten begreife ich mehr, was meine Tanten und Onkel in der Türkei mit dem Begriff meinten. Die erfolgreiche Qualifikation zum Delikanlı ist vielschichtig, aber immer durch Erwartungen gefüllt, die abweichenden Vorstellungen keinen Platz einräumen. ,,Delikanlı ol" – sei ein Delikanlı – bedeutet: Bleib bei dir und deinem Wort, schütze dich und deine Familie, habe keine Angst, sei stark und sei dir deiner Rolle als Mann bewusst – wachse mit der Aufgabe, deine Ehre zu schützen. Das sind implizite, unausgesprochene Erwartungen, die mich ständig begleiten und meine Sicht auf mich selber vernebeln.

Diese Vernebelung ist auch nicht nur eine vorübergehende Phase, wie die Jugend eben oft voller Verwirrung und Suche nach Orientierung ist. So sagte mir mein Vater im Anschluss an unser Gespräch: ,,Delikanlı sein ist nichts, was nach der Pubertät aufhört. Es beginnt vielmehr erst dann und wird nicht nur ein loser Begriff, sondern ein Lebensstil." Er erzählte mir auch, wie er heute noch – teilweise im Spaß – ältere Männer als Delikanlı bezeichnet. Ernsthaft erklärte er mir wiederum, dass jemand sein Leben als Delikanlı gelebt habe, wenn er immer aufrichtig und sich selbst treu war und keine Angst vor nichts hatte.

Mannsein als Lebensaufgabe – sei einer, aber sprich nicht über Männlichkeit? Nachdem ich nun so viele verschiedene Meinungen zu dem Begriff gehört habe, wünsche ich mir, dass er auch anders verstanden werden könnte. Nicht als ein Ausdruck von Ehrfurcht, der das Reden über Erwartungen und Vorstellungen in Bezug auf die eigene Person unmöglich macht. Im Gegenteil, er müsste für eine ganz andere Form von Mut stehen, den Mut, sich mit Erwartungen auseinanderzusetzen, Rollenklischees zu verstehen und zu reflektieren – und auch mit der eigenen Familie darüber sprechen zu können. Denn der Austausch mit anderen ist immer die beste Möglichkeit, sich besser zu verstehen. Gerade dann, wenn das Selbst von anderen definiert wird.

*Mit dem Ausdruck ,,als türkisch markiert" bzw. ,,als türkisch gelesen" bezeichnet man Menschen, die nicht notwendigerweise in der Türkei geboren wurden, denen diese Herkunft aber zugeschrieben wird

Fikri Anıl Altıntaş ist freier Autor in Berlin und schreibt unter anderem für das Missy Magazine und bento




Aus: "Delikanlı über alles" Fikri Anıl Altıntaş (Ausgabe 48/2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/delikanli-ueber-alles

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Quote[...] Es ist nicht wegzudiskutieren: Der weltweite Aufstieg homophober, sexistischer und rassistischer Patriarchen, die unablässig mit ihrem Reichtum, ihrer Macht und ihrer Potenz prahlen, von Donald Trump über Boris Johnson bis zu Erdoğan, Salvini und Orbán, hat die Politik der vergangenen Dekade überschattet. Warum sich so viele Menschen – darunter offenkundig auch viele Frauen – nach dieser Art von krumm gehobelten Führerfiguren sehnen, bleibt eines der großen Rätsel der Zehnerjahre. Man konnte eine historische Rückwärtsorientierung von Männern beobachten und auch eine flächendeckende Verwahrlosung, sowohl in ästhetischer Hinsicht wie auch in Bezug auf ihre Manieren und Umgangsformen. Was ist eigentlich los mit der Männlichkeit? Warum wurden erfolgreiche und wirkmächtige Männerbilder zuletzt vor allem von rechts definiert?

Ihr Aufstieg kam freilich nicht aus dem Nichts, er wurde mit einigen Jahren Vorsprung in der Popkultur vorbereitet. Wenn wir auf das Jahr 2010 zurückblicken, stellen wir fest, dass sich das Charaktermodell des politisch inkorrekten Mannes damals gerade auch unter generell liberal gestimmten Beobachtern einer großen Beliebtheit erfreute. Als erfrischend und originell wurden in jener Zeit vor allem Männer betrachtet, die sich in rhetorischer und sozialer Weise gegenüber Frauen grundsätzlich abwertend und abweisend verhalten, wie Dr. House aus der gleichnamigen Serie oder Don Draper aus Mad Men. Es waren Männer, die mit der zivilisatorischen Verfeinerung der Geschlechterverhältnisse in den späten Neunziger- und frühen Nullerjahren grob brachen und entsprechend auch mit dem Verständnis von Männlichkeit. Wie würde man eigentlich Dr. House heute sehen und bewerten, wenn die Serie noch einmal ganz neu ins Programm käme?

Die hegemoniale Männlichkeit verschob sich in den Zehnerjahren aber nicht nur nach rechts; diese Verschiebung verband sich mit einem generellen Verlust an männlichem Stilbewusstsein. Selbst die Nazis sahen ja früher besser aus: Man betrachte beispielsweise noch einmal die Auftritte des Neonaziführers Michael Kühnen in den Achtzigerjahren, es war ein fescher Kerl mit scharfen Zügen und einer ebenso geschnittenen Frisur, der gern in schwarzen Ledermänteln posierte wie kurz vor ihm noch David Bowie als Thin White Duke. Er umgab sich und seine Gefolgschaft mit einer Aura der Gefahr und des Bösen und hörte gern gute Musik von okkultistisch interessierten Neofolkbands wie Death in June. Die Erotik, die Michael Kühnen verströmte, konnte man selbst dann interessant finden, wenn man nicht zur Gruppe der Holocaustleugner gehörte; er war schwul und starb 1991 an Aids.

Hingegen wirken die rechten Männer von heute, die man in der AfD und der Identitären Bewegung findet, bloß noch wie unzufriedene verklemmte Bankangestellte: mit ihren randlosen Brillen und mühsam unterdrückten Gewaltfantasien. Es geht keine Souveränität von ihnen aus – dazu präsentieren sie sich auch allzu ausgiebig als Opfer des Systems, der Eliten, der Lügenpresse und des Feminismus oder von alldem zusammen. Sie werden von keiner Aura des anziehend Bösen umleuchtet, weil sie entweder jammern oder brüllen; sie sind öde angezogen und es umgibt sie nichts Sexuelles. Und wenn sie überhaupt über Sex reden, dann vom "Genderwahn" oder über die schändliche Hyper- oder auch Frühsexualisierung in der Gesellschaft: Sex, das ist für sie etwas, von dem es überall viel zu viel gibt und dessen Herrschaft zurückgedrängt werden muss. Die Männer der Neuen Rechten in Deutschland sind freud- und lustlose Figuren, deren Libido keine Perspektive besitzt außer dem Rücksturz in die Restauration des Patriarchats: Blümchensex bei gelöschtem Licht.

Das prägendste Männlichkeitsmodell in der gegenwärtigen Popmusik wird – jedenfalls im deutschsprachigen Raum – wiederum von den sogenannten Straßen- oder Gangsterrappern gestellt. Diese inszenieren sich als omnipotente Typen, denen es um nichts anderes geht als um Reichtum, Macht und Statussymbole; um den – gleich mit welchen Mitteln – erzielten Erfolg im unablässigen Kampf aller gegen alle. Anders als bei den Männern der Neuen Rechten wird hier Sex zwar häufig zum Thema, doch geht es dabei nicht um Lust, Genießen oder Erotik, sondern um Sex als Mittel zur Selbstermächtigung und Erniedrigung anderer. Frauen werden hier ausschließlich als Objekte betrachtet, als willige Schlampen oder Prostituierte – oder eben als Anhängsel anderer Männer, deren sexuelle Eroberung oder brutale Behandlung den Konkurrenten hinsichtlich seiner Potenz erniedrigt.

Dass ein unter jungen Hörern derart dominantes musikalisches Genre so flächendeckend patriarchal, sexistisch und homophob geprägt ist – das ist ein in der Geschichte der deutschen Popmusik neuartiges Phänomen, das viel über die Gesellschaft verrät, aus der es erwachsen ist. Neu ist allein schon der Umstand, dass eine ganze Generation junger Männer mit einer Art von Popmusik aufwächst, in der es keine Liebeslieder mehr gibt und auch keine Lieder über Liebeskummer. Die über Jahrzehnte gültige Boy-meets-girl-and-girl-leaves-boy-now-boy-is-very-sad-Formel besitzt hier keine Bedeutung mehr. Männer erscheinen in diesem Genre nicht mehr als Wesen, die lieben und leiden und sich vergebens romantisch verzehren, sondern lediglich als Typen, die mit ihrer Eroberungsfähigkeit und Brutalität prahlen.

Dazu passt, dass zu den beliebtesten Genres in der aktuellen Porno-Bewegtbild-Industrie die cuckold-Filme gehören, in denen der Sex von einem hyperpotenten Mann mit einer Frau vor den Augen deren impotenten Ehemanns vollzogen wird. Wobei dessen Impotenz wahlweise biologisch begründet sein kann (der Betreffende kriegt eben keinen hoch) oder – häufiger – daraus rührt, dass er von dem dominanten Teilnehmer der Szene zum Zuschauen gezwungen und gefesselt oder geknebelt oder sonst wie erniedrigt wird. In der Sprache der Neuen Rechten in den USA – von der Alt-Right-Bewegung bis zum komplizierten Feld der Konkurrenten in Donald Trumps Entourage – hat sich die Rezeption dieses Genres im Begriff des cuckservative niedergeschlagen. Damit sind Konservative gemeint, die nicht potent genug sind, um in der Härte der politischen Auseinandersetzungen ihren Mann zu stehen. Wer wiederum einen Konkurrenten am Aufstieg in höhere politische Positionen zu behindern vermag, darf sich des Cockblockings rühmen, also der Verhinderung des Einsatzes des Schwanzes.

In den USA sind die Sprache und die Selbstverständigung rechter Männer also weit stärker sexualisiert als in Deutschland. Dort spielt aber auch der maßlos übersteigerte Größenwahn eine stärkere Rolle, also die Frage, wer von allen Männern den Längsten hat. Das gilt in der Politik ebenso wie in der Popkultur: So wie der bedeutendste Politiker in der zweiten Jahrzehnthälfte, Donald Trump, sich unablässig als größten amerikanischen Führer aller Zeiten preist, so wurde der bedeutendste Popstar der ersten Jahrzehnthälfte, Kanye West, nicht müde, sich mit Gott, Jesus Christus, dem Heiligen Geist, dem Heiligen Paulus oder doch wenigstens Pablo Picasso zu vergleichen. Auch ließ er in seinen Selbsteinschätzungen nicht den geringsten Zweifel daran, dass seine Musik besser und bedeutender ist als alles, was jemals zuvor von irgendwem aufgenommen wurde.

Der größenwahnsinnige und hyperpotente Mann findet sein dialektisches Gegenbild im Typus des viktimisierten Mannes. Also in jenem Mann, der sich als Opfer der Umstände und Zustände betrachtet und aus der Empfindung des Zu-kurz-gekommen-Seins die Legitimation für Zorn, Wut, Hass und Gewaltanwendung zieht. In die Opferposition kann man sich beispielsweise dadurch gerückt fühlen, dass einem der nach eigener Ansicht zustehende ökonomische Wohlstand von anderen Männern streitig gemacht wird; dass man also nicht so reich, potent und sorgenfrei leben kann, wie man es eigentlich doch verdient (zum Beispiel qua Herkunft oder Staatsangehörigkeit). Zugleich gibt es bei dieser Viktimisierung eine starke sexuelle Komponente: Diese besteht darin, dass viele Männer sich sexuell zurückgesetzt fühlen und die Schuld daran in der weiblichen Emanzipation der letzten Jahrzehnte suchen. Jedenfalls zählt zu den wesentlichen Konstanten des Männlichkeitsbilds in den – ansonsten ja durchaus unterschiedlich ausgeprägten – Filiationen der Neuen Rechten in den USA und Europa der Hass auf die befreite Frau.

Die US-amerikanische Philosophin Kate Manne ist in ihrem – 2019 auch auf Deutsch erschienenen – Buch Down Girl. Die Logik der Misogynie der Frage nachgegangen, warum der Frauenhass gerade in einer Zeit wieder wächst, in der Frauen immer stärkeren Anteil am gesellschaftlichen und kulturellen Leben gewinnen. Er wächst, so schreibt Manne, gerade deswegen: Misogynie entsteht und verstärkt sich, wenn Frauen auf ein Terrain vordringen, das Männer für sich allein beanspruchen; und wenn Frauen sich nicht mehr so verhalten, wie es von ihnen erwartet wird. In der patriarchalen Gesellschaft sind sie zu fürsorgenden, empathischen, "gebenden" Wesen bestimmt, gleich ob in der Rolle der Mutter, der Sexualpartnerin, der Mitarbeiterin oder der Konkurrentin auf dem Arbeitsmarkt. Wenn sie sich diesen Erwartungen verweigern, wenn sie also selbst nach Souveränität streben oder von Männern das fordern, was in deren Vorstellung bloß die Frauen zu geben haben – dann fühlen sich manche Männer als Opfer, denen etwas genommen wird, das ihnen zusteht. Aus diesem Selbstbild erwächst ein Hass, der sich in verächtlicher Sprache oder sexueller Gewalt bis hin zum Mord manifestieren kann.

Der aus dieser Lage resultierende Typus des nach eigener Ansicht sexuell zu kurz gekommenen Mannes ist in den Zehnerjahren als Incel bekannt geworden: Dieser sieht sich als Opfer eines involuntary celibacy, eines unfreiwilligen Zölibats. Die New Yorker Kulturwissenschaftlerin Angela Nagle hat in ihrem 2017 erschienenen Buch Kill All Normies (in Deutsch 2018 als Die digitale Gegenrevolution) dargelegt, wie die Selbstbemitleidung der Incels im Lauf der Zehnerjahre in Hass umgeschlagen ist und welche Rolle die sich in Internetforen wie reddit aufstachelnden Männer bei der Durchsetzung des Alt-Right-Gedankenguts gehabt haben: "Der Niedergang der Monogamie hat sexuelle Muster hervorgebracht, die für eine Elite von Männern eine größere sexuelle Wahlfreiheit bedeuten, für eine beträchtliche männliche Bevölkerungsschicht am unteren Ende der Hackordnung jedoch zunehmend weniger Sex. Deren Angst und Wut über ihren niedrigen Status sind exakt die Gründe für die harte Rhetorik, mit der sie die Durchsetzung von politischer Hierarchie gegenüber Frauen und Nichtweißen fordern. Der Schmerz ständiger Zurückweisung schwärt in diesen Foren und erlaubt diesen Männern, sich als Meister der grausamen natürlichen Hierarchien zu fühlen, die ihnen so viel Demütigung zugefügt haben." 

Aus dem ideologischen Gehege der Incels ist eine Vielzahl von brutalen, misogynen Shitstorms gegen emanzipierte Frauen hervorgegangen. Die ersten und prominentesten davon richteten sich gegen Journalistinnen und auch gegen Softwaredesignerinnen, die es wagten, in die von diesen Männern exklusiv für sich beanspruchte Gamingwelt einzudringen (wie etwa 2014 gegen die Spieleentwicklerin Zoë Quinn). Außerdem tauchte die Incel-Ideologie zunehmend in den Pamphleten rechts geprägter, mordender Männer auf, wie bei dem Studenten Elliot Rodger, der 2014 versuchte, die Bewohnerinnen eines kalifornischen Studentinnenwohnheims zu massakrieren, oder zuletzt in Deutschland bei dem Attentäter in Halle, der sich unter anderem als Vorreiter einer weltweiten "Incel-Rebellion" beschrieb.

Diese Art der Maskulinität wird auf der anderen Seite des politischen Spektrums als toxisch bezeichnet. Hier finden sich all jene Männer, die ihre Sexualität einem detox unterziehen, also von jeder Art der Gewalttätigkeit und Dominanz befreien wollen. Auch hier lässt sich ein buntes Sammelsurium von Typen beschreiben, vom Metrosexuellen über den Hafermilchmann bis zu den Trägern antitoxischer Bärte. Alle diese Männer wollen weich, gefühl- und verständnisvoll wirken. Darum haben sie – anders als die meist glatt rasierten Männer der Neuen Rechten – auch ein derart ausgeprägtes Faible für buschigen Gesichtsbewuchs. Ihre Bärte tragen sie, zumindest in christlich geprägten Gesellschaften, gerade nicht als Ausweis einer naturbelassenen Virilität, sondern als paradoxes Zeichen der Verweiblichung und Verweichlichung: Wichtig ist nicht die maskuline Potenz, die sich in der archaischen Behaarungsanmutung zeigt, sondern die im gewachsenen Bart zur Erscheinung gelangende Dauer des Wachsens selbst. Es sind Bärte der Renitenz und der Prokrastination; sie stehen für ein lustvolles Sich-nicht-entscheiden-Können und passives Gewährenlassen. Prägende Träger solcher Bärte des Werdens und Wartens sind seit Mitte der Nullerjahre Neofolksänger wie Devendra Banhart, Bonnie "Prince" Billy oder die Fleet Foxes. Der bedeutendste neue Bartträger, der in den Zehnerjahren erstmals die Bühne betreten hat, entspringt wiederum dem Feld der Literatur: Es handelt sich um den norwegischen Schriftsteller Karl Ove Knausgård, der mit seiner melancholischen Virilität und seinen ebenso radikal entschleunigten wie endlos wuchernden Büchern zum meistangeschmachteten Sexsymbol der gebildeten Mittelschichtsfrauen wurde.

Nicht alle Bärte bezeugen natürlich eine antitoxische Männlichkeit oder liberale Gesinnung. Ebenfalls in den Zehnerjahren ist der aufwendig und regelmäßig gestutzte, geölte und behandelte sogenannte Hipsterbart zum Supersymbol pseudoindividualistischer Angepasstheit an die neoliberale Wettbewerbsgesellschaft geworden. Der gegenwärtig bekannteste deutsche Träger eines neoliberalen Chef- und Untertanenbarts ist der Start-up-Unternehmer und neue Verleger der Berliner Zeitung, Holger Friedrich. Und natürlich kann man den Bartbewuchs auch zum populistischen Zeichen des heroischen Widerstands gegen die hyperkulturalisierten und von der wahren Welt entfremdeten Eliten umwidmen, wie es zum Beispiel in Italien von Matteo Salvini von der Lega praktiziert wird.

Nicht nur politisch, auch als Mann erscheint Barack Obama mit seinen guten Manieren, der gepflegten Sprache, den gut sitzenden Anzügen und seiner zurückhaltenden, aber dadurch interessanten erotischen Ausstrahlung wie die größte denkbare Antithese zu seinem Nachfolger Donald Trump. Andererseits kann man Obama in einer bestimmten Hinsicht gerade auch als Vorläufer Trumps und der größenwahnsinnigen Männer der Gegenwart betrachten: nämlich als messianischen Typus, der immerhin seinerseits nicht weniger versprach als eine grundstürzende Veränderung der globalen Verhältnisse zum Besseren hin. Wie es mit solchen Versprechen ist, erweisen sie sich alsbald als nicht einzuhalten; nach dem Ende von Obamas zweiter Amtszeit 2016 ging der Messianismus in der Politik an Kinder und Frauen über. Eine Zwergenvariante dieses Messianismus in der deutschen Politik findet sich bei Robert Habeck, der in seinem Natürlichkeit symbolisierenden Bartfrisurstil und seinem hemdsärmeligen Auftreten in stilistischer Hinsicht seinem scheinbaren Politik-Antipoden Salvini übrigens erstaunlich nahekommt.

Die wichtigsten Fortschritte in der sexuellen Emanzipation haben wir in den Zehnerjahren natürlich der #MeToo-Bewegung zu verdanken; hier waren es ausschließlich Frauen, die die Impulse setzten. Wenn Männer im #MeToo-Zusammenhang auftauchten, dann als Täter oder Leugner oder eingebildete Opfer – oder als verständnisvolle, aber auch fundamental verunsicherte Neosofties, die sich in die neuen Verhältnisse einzufügen versuchten durch den Beweis besonderer Sensibilität, sexueller Unauffälligkeit und Zurückhaltung. Damit passen sie perfekt zu jener Generation, für die in den Zehnerjahren der Begriff snowflake gängig geworden ist. Das Collins English Dictionary, das ihn 2016 erstmals verzeichnete, definiert "Schneeflocken" als Angehörige einer Alterskohorte, die "als weniger belastbar und anfälliger für Beleidigungen angesehen wird als frühere Generationen".

Auf den Bühnen der deutschen Popkultur gab es wenigstens in der ersten Hälfte der Zehnerjahre eine Konjunktur solcher männlichen Snowflakes, sie hießen beispielsweise Tim Bendzko, Philipp Poisel und AnnenMayKantereit; lauter Typen, die in etwa so wirkten, als seien sie als antimachistische Idealtypen von einem feministischen Uniseminar ausgedacht worden. Doch gerade damit waren die feministischen Kommentatorinnen nun auch wieder nicht zufrieden. So Nina Pauer im Jahr 2012 in der ZEIT, unter lautem Beifall ihrer Leserinnen: "Auf die junge Frau wirkt die neue männliche Innerlichkeit, das subtile Nachhorchen in die tiefsten Windungen der Gefühlsregungen, schrecklich kompliziert. Und auf die Dauer furchtbar unsexy."

Wie man es macht, macht man es eben falsch. Tatsächlich ist es ja keine triviale Aufgabe, wenn man die männliche Sexualität einem detox unterziehen und zugleich den Eindruck einer erotisch anziehenden Souveränität wahren will. In den Zehnerjahren ist dies nur wenigen Heterosexuellen gelungen: Sicher gehört dazu Adam Driver, der die maskulinen Prägungen aus seiner Vergangenheit bei den Marines in anregender Weise mit den Selbstzweifeln des antitoxischen Neosofties verbindet. Diesen dialektischen Männlichkeitsentwurf, der gleichermaßen intro- wie extrovertiert, passiv wie souverän erscheint, hat er gerade in dem von Kritik und Publikum so sträflich unterschätzten neuen Star-Wars-Film Der Aufstieg Skywalkers zu einer Paraderolle auszubauen verstanden. Ansonsten wurden nennenswerte Modelle von origineller, reflektierter und anziehender Männlichkeit in den letzten zehn Jahren vor allem von schwulen, transgender oder sonst wie queer geprägten Männern entwickelt, beispielsweise von Frank Ocean und Harry Styles, von Lil Nas X, Anohni und Conchita Wurst.

Für den bekennendermaßen heterosexuellen und zugleich nicht reaktionären Mann sind die Zehner eine schwierige Dekade gewesen. Alle scheinbaren Selbstverständlichkeiten gerieten von rechts wie von links unter Druck; in gewisser Hinsicht ist er im letzten Jahrzehnt an den Nullpunkt seiner Performance gelangt. Dass es von dort aus nur wieder nach oben oder wenigstens irgendwo anders hingehen kann – das ist das matte Versprechen, mit dem wir in die Zwanziger wechseln.
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Aus: "Männlichkeit: Wer lässt den Mann noch ran?" Ein Essay von Jens Balzer (27. Dezember 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2019-12/maennlichkeit-aussehen-umgangsformen-macht-sexualitaet-popkultur-zehnerjahre/komplettansicht

Quotekiraly #5.2

Der Autor hat die neuen und alten Linken vergessen. Diese Spezies war noch nie sexy.


QuoteBrontodocus #10

Die Vokabel "Blümchensex" ist der Versuch, sich über die zu erheben, die es nicht nötig haben, ihr Sexualleben durch kleinbürgerliche Vergewaltigungsfantasien aufzupeppen. ...


QuoteRobert Nozick #10.1

"Die Vokabel "Blümchensex" ist der Versuch, sich über die zu erheben, die es nicht nötig haben, ihr Sexualleben durch kleinbürgerliche Vergewaltigungsfantasien aufzupeppen"

und ich möchte aus eigener Erfahrung fortsetzen: "und deren Ehefrauen dann mit 45 in irgendeiner Datingbörse auftauchen und erstaunt feststellen, dass das Sex mehr ist als Licht aus, drauf und warten bis er fertig ist."


Quoteriurja #14

Ich muss zumindest Protest anmelden, wo es um Robert Habeck geht, weil hier mein ich die Projektion von außen doch ein bisschen sehr stark mit seiner (mutmaßlichen) Selbstwahrnehmung vermengt wird, das ist im Falle Obamas doch anders, der sich seiner Wirkung nicht nur immer sehr bewusst war, sondern es natürlich auch drauf anlegte. Habeck scheint dagegen viel mehr so "passiert", manchmal scheint es sogar auch sich selbst, und eigentlich reichte ein Blick auf seine - in mancher Hinsicht erstaunliche - Biografie, um ihn hier ein Stück weit auszunehmen. Im Gegensatz zu Trump, Johnson, oder gar Orbán, Typen die es immer gab, ist er schon eher ein wirklich neuer Typus Politiker. Und es passt höchstens ganz gut in die Zeit, dass er sich kaum "machte" oder machen musste.

Auch sonst kann man es ein bisschen gewollt finden, zumindest wenn man sich nicht grad auf die zehn Jahre versteifte fiele natürlich manches unter den Tisch, sage nur mal Ankunft der Cosplay-Szene, davor Emo, passte hier so gar nicht rein. Aber ist schon auch viel Wahres dran.


QuoteGlöck.chen #26

Kühnen und seine Truppe haben übrigens gemordet. Die Erotisierunz von Kühnen durch den Autor löst also einen leichten Kotzreiz bei mir aus. Eine Aura des Böses ist dann nichts anderes als die Aura eines Mörders, aber so what. Genauigkeit und Differenzierung hat bei diesem Text sowieso keinen Platz...
Scheinen schwierige Feiertage gewesen zu sein ;)


QuoteA65 #26.1

Ich finde auch, dass es kurios ist Kühnen als ästhetische Figur zu betrachten. Aber über Geschmack kann man nicht gut streiten.


QuoteIch bin dann Mal weg #31

Selten so einen Schwachsinn gelesen.


Quoteelfotografo #31.1

Selten so gut begründete Kritik gelesen.


QuoteMalparte #34

Der "Essay" kreist in den Vorstellungswelten eines großstädtischen Intellektuellen Mileus das nichts außer sich kennt. Phänomene wie ,,gut ausehender Porsche Fahrer" sind ja nicht tot, weil die Medien "weiter" sind. ich war vor zwei Jahren mit zwei ,,Elite"-Soldaten – Gebirgs Fallschirmjäger – auf Abend Tour und Genderdebatte hin oder her – Frauen stehen auf Typen mit diesem Mindset und dem Body - um es höflich auszudrücken. ...


QuoteÖmbelbi #34.1

Kann ich als Frau bestägigen. Tja


QuoteHangmans Lullaby #34.2

Ich kann das als Frau nicht bestätigen. Im Gegenteil mit solchen Männern kann ich in der Regel nicht allzu viel anfangen, dabei stehen die auf mich. Klein, schlank und schmal... genauso ein Klischee.
Sie werden aber sicher noch ein paar Frauen finden, die das bestätigen, dass Frauen auf dieses Körper und das Mindset abfahren.


QuoteMalparte #34.3

Mir ging es nicht darum, alle Frauen über einen Kamm zu scheren. Ich denke, dass es sehr viel vershiedene Milieus gibt und die Medien das Biotop in dem ihre Angestellten leben, masslos überschätzen - geben tut es dieses Milieu aber auch - neben vielen anderen


Quote1Frizze1 #36

Der Artikel beschreibt meines Erachtens nur einen Teil des Erscheinungsbildes der heutigen Männer. Diese angeführten Rollenbilder gab es jedoch so oder doch zumindest ganz ähnlich so "schon immer" (also schon lange).
Neu ist der Typus, der so politisch nicht korrekt gemeinhin als "Lappen" bezeichnet wird (von anderen Männern wie durchaus auch von Frauen). Den "Waschlappen" gab es im Volksmund ja schon immer, der "Lappen" ist aber relativ neu. Der Letztere zeichnet sich durch große Verunsicherung in seiner Rolle als Mann aus. Er ist stets darauf bedacht, sich unter allen Umständen so zu verhalten (Sprache, Kleidung, Benehmen, Interessen), dass er in seinem gesellschaftlichen Umfeld als politisch korrekt wahrgenommen wird, er möchte unter allen Umständen nicht als "Macho" beschimpft werden (obwohl er das gerne wäre). Er nimmt seiner Freundin/Frau die Hausarbeit größtenteils ab und sorgt für die Sauberkeit in der gemeinsamen Wohnung. Auch bemüht er sich, den Kinderwagen öfters zu schieben als seine Freundin/Frau.
Wenn man Frauen alleine bzw. mit Freundinnen im Urlaub erlebt, dann kann man allerdings sehr oft sehen, worauf sie stehen, falls es (wenigstens) dort für sie eine passende Gelegenheit dazu gibt ...
Im ZEIT-Artikel ist von anderen negativen Beispielen die Rede. In diesem Artikel fehlt jedoch der moderne "Lappen"-Typus ...
Meine Meinung: Männer wie Frauen haben ein gewaltiges Rollenproblem ...


Quote_jemand #38

Und jetzt den ganzen Artikel nochmal im gleichen Ton auf Frauen gemünzt.


QuoteMehowSri #38.1

Wir wollen doch nicht, dass ein Journalist wegen Misogynie fristlos gekündigt wird.


Quote
Henk S. #46

Ich bin sooo froh schwul zu sein.
Die Rollen, die meine Freunde bei ihren Frauen ausfüllen müssen sind mir viel zu ambivalent.
Stark, schwach, hart, weich. mitfühlend, bestimmend, sensibel, beschützend, progressiv. altbacken, Jäger, Helfer...

Bei meinem Mann darf ich noch einfach ein Mann sein. Alt, weiß, männlich und gerne auch toxisch.


QuoteDesaguliers #54

,,Warum wurden erfolgreiche und wirkmächtige Männerbilder zuletzt vor allem von rechts definiert?"

Weil sämtliche Männlichkeitskonzepte von links diskreditiert wurden, deshalb.


QuoteSorny #54.3

Linke Männlichkeitskonzepte hatten schon immer das Grundproblem, dass sie mit Männlichkeit wenig bis nichts zu tun haben. Also mit Mut, Kraft, Stärke, Ausdauer und Erfolg. Wenigstens eines oder zwei davon.

Linke Männlichkeit besteht meist lediglich aus der Selbsterkenntnis teilweise oder gar total versagt zu haben und der faschen Schlussfolgerung, dass daran alle anderen Schuld sind. Ganze vorne weg die "Kapitalisten". Also die erfolgreichen.

Das nennt man Eifersucht.


QuoteImhotep1111 #6

Eine wirklich gute umd treffende Analyse.

"Für den bekennendermaßen heterosexuellen und zugleich nicht reaktionären Mann sind die Zehner eine schwierige Dekade gewesen. Alle scheinbaren Selbstverständlichkeiten gerieten von rechts wie von links unter Druck; in gewisser Hinsicht ist er im letzten Jahrzehnt an den Nullpunkt seiner Performance gelangt. "

Ich würde dies eher gute Jahre nennen. Das Gleichberechtigung eine Selbstverständlichkeit ist, mal kurz Anfassen kein "Herrenwitz sondern sexuelle Belästigung sind und die Erkenntnis das es männliche Seilschaften sind, sie die Karrieren von Frauen behindern, sind Erfolge von vielen dieser Zeit.

Schwierig ?: Nur für jene Männer, die vom Denken in dem 1960ern stehen geblieben waren, oder als religiös oder kulturellen Gründen, das soziale Gleich sein nicht akzeptieren konnten.

Keine Entwicklung bleibt ohne Gegenbewegung.

Ende dieser Jahre bleibt eins: Die Entwicklung zu Akademisierung um Dinge wie :Autofahrer oder Autofahrende, wird mit _ * oder Innen gegendert.
? "Probleme einer neuen akademischen feministischen Elite, die nicht mehr für die realen Probleme einer Gesellschaft und vor allem de Frauen stehen.

Im Streit um einen Witz über das dritte Klo , zwischen Safe Space, Triggerwarnung und PC übersieht diese Minderheit, das es Alphamännchen wie Trump und Co. Sind, die gerade dabei sind, die Uhren 50 Jahre zurückdrehen.

Der zivilisierte Mann? Eine westliche Eigenheit, der weltweit eine verschwindende Minderheit ist.


QuotefelixJongleur #73

Mich berührt das alles irgendwie gar nicht. Im Alltag merke ich da nix, auch nicht im Freundeskreis. Wenn die Chemie stimmt findet man sich, ganz normal. Die einen stehen auf laute, andere auf ruhige Typen, bei einen ist Geld umd Sicherheit wichtig, bei anderen nicht etc. ...


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Textaris(txt*bot)

Quote[...] Falk Richter - geboren 1969 in Hamburg, ist Regisseur und Dramatiker. 1999 gelingt ihm der Durchbruch mit ,,Gott ist ein DJ" und ,,Nothing Hurts".Mittlerweile zählt Richter zu den international erfolgreichsten deutschen Dramatikern mit über 35 Theaterstücken, die in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurden. 2018 wurde seine Inszenierung von Elfriede Jelineks ,,Am Königsweg", die er am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg inszeniert hatte, zum Berliner Theatertreffen eingeladen und er zum ,,Regisseur des Jahres" von Theater heute gekürt.
Am 15. Januar 2020 wird am Maxim Gorki Theater in Berlin ,,In My Room" uraufgeführt. ...  In Berlin bringt er sein Stück ,,In my room" heraus, eine Auseinandersetzung mit Vätern und Männern in der Krise.


Nicholas Potter: Herr Richter, Ihr neues Stück geht der Frage nach, welche Spuren unsere Väter in unserem Leben hinterlassen haben und was das für Kons­truktionen der Männlichkeit bedeutet. Diese Frage ist nicht gerade neu und wird zurzeit viel diskutiert von Autoren wie Didier Eribon, Édouard Louis und Jack Urwin. Fehlt Ihnen etwas in der Diskussion bisher?

Falk Richter: Ja, wahrscheinlich mein sehr eigener Blick dar­auf. Es ist ein sehr persönliches Stück geworden, so wie ich das sonst nicht unbedingt mache. Während der Schreibphase ist mein Vater auch gestorben, was sehr viel in mir aufgewühlt hat. Zusammen mit dem Ensemble wollte ich mich mit der Frage auseinandersetzen, was mein Vater eigentlich mit mir gemacht hat, wie er mich zugerichtet hat und welche Zurichtungen er selbst erfahren hat. Die Personen, die Sie erwähnen, sind keine Theatermacher, sondern Soziologen und Romanautoren. Ich wollte mich nicht allein, sondern zusammen mit den Schauspielern mit diesen Fragen beschäftigen.

Wie biografisch ist das Stück für Sie?

Das Stück beginnt mit einem Monolog, der meine Beziehung zu meinem Vater beschreibt, der als Soldat noch im letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges gekämpft hat. Er wurde für den Krieg erzogen: Als Achtzehnjähriger wurde er aus der Schule noch eingezogen. Später war mein Vater Teil des Wirtschaftswunders und hat mehrere Hamburger Unternehmen geleitet. Er ist eben aus dieser Phase eines jungen Menschen, der durch den Krieg traumatisiert wurde, in ein Leben reingegangen, das komplett der Leistung des Geld­erwirtschaftens gewidmet war. Es hatte erst sehr spät in seinem Leben eine Reflexion gegeben über das, was stattgefunden hat. In seiner Vorstellungswelt war es jahrelang gar nicht denkbar, dass er über seine Gefühle reden kann, dass er Nähe zu einem anderen Mann haben und ihn nicht nur als Konkurrenten ansehen kann.

Welche Spuren hat das in Ihnen hinterlassen?

Mein Vater war bis kurz vor seinem Tod nicht in der Lage, eine nicht hierarchische Kommunikation zu führen oder sich überhaupt auf meine emotionale Welt, auf mein Schwulsein einzulassen. Das war für ihn ein großes Problem. Dieses Männlichkeitsbild erfährt gerade eine Renaissance in Deutschland durch die AfD, die Identitäre Bewegung und neue faschistische Gruppierungen, die wirklich sagen, wir müssen unsere Männlichkeit wieder erobern und entdecken. Das ist genau die Art von Männlichkeitskonstruktion, die meinen Vater total unglücklich gemacht. Er war ein seelisch und emotional zerstörter Mensch durch das gewesen, was er damals erfahren hat.

Ist die Krise der Gegenwart eine Krise der Männlichkeit?

Es ist eine Krise bestimmter autoritärer Handlungsweisen, die meistens Männern zugeschrieben werden. Es gibt aber auch eine toxische Männlichkeit, die Frauen praktizieren. Alle Frauen der AfD sind eigentlich Patriarchinnen in ihrem Verhalten: Sie sind homophob, rassistisch und fordern ein soldatisches Männerbild. Diese Männlichkeitskonstruktion enthält aber einen Widerspruch: Kein Mann, der diese Härte performt, ist ja so hart. Die Zusammenbrüche, die Burn-outs haben sie dann zu Hause.

Das Toxische daran ist, dass wir eigentlich erkennen, dass gerade wahnsinnig viel falsch läuft, dass wir zum Beispiel den Planeten weiter zerstören und es dennoch weiterhin machen. Es ist eine egoistische Haltung, die sagt, ich ändere mich nicht, stelle mich nicht infrage und alles, was ich bislang in meinem Leben gemacht habe, war richtig. Dass man sich nicht reflektiert und Fehler eingesteht. Man setzt sich selbst ins Recht, dass man anderen Unrecht zufügen darf. Und das haben in der Hauptsache Männer beigebracht bekommen.

Trump ist ein Paradebeispiel für diesen Widerspruch: Er spielt gern den autoritären Vater, ist aber in Wirklichkeit sehr dünnhäutig.

Es geht um ein Bild von Stärke. Wenn dieses Bild gekränkt wird, setzt man Aggression ein, um es zu verteidigen. Interessanterweise verkörpert jemand wie Trump all das, was in diesen restaurativen Kons­truktionen häufig Frauen zugeschrieben wird: Irrationalität, Impulsivität, Gemütsschwankungen. Aber genau das ist das Gefährliche an dieser Renaissance des starken Mannes, wie es jetzt auch mit Orbán und Erdoğan daherkommt. Das sind eigentlich komplett wankelmütige, überemotionale, irrationale Herrscher. Sie können weder Stress noch Kritik ertragen.

Ihre Stücke entwickeln Sie meistens mit dem Ensemble während der Proben, Sie fangen aber oft mit Textfragmenten an. Was war hier Ihr Ausgangspunkt?

Der kreative Impuls dafür war eine Männlichkeitskonferenz, ,,Mann sein 2019", die ich vor einem knappen Jahr mit dem Dramaturgen Daniel Richter besucht habe. Es interessierte mich, dass es plötzlich immer mehr Angebote für Männer gibt, die ihre Männlichkeit kritisch hinterfragen wollen oder einfach verwirrt sind. Viele heterosexuelle Männer wissen nicht genau, wie sie sich jetzt verhalten sollen. Auf der Konferenz gab es ein großes Angebot: von Haka-Workshops, wo man den neuseeländischen Maori-Tanz lernt, bis hin zu Vorträgen über Vater-Sohn-Beziehungen. Es war sehr diffus.

Sind Sie dort zu irgendwelchen bereichernden Erkenntnissen gekommen?

Dass es eine große Verwirrung bei vielen Männern gibt, die sich bedroht fühlen durch die Frauen, durch #MeToo. Sie haben das Gefühl, nichts mehr machen oder sagen zu dürfen. Auf der Konferenz gab es zwei Lager: die, die absolut bereit sind, sich zu ändern, die aber nicht genau wissen, wie ein neues Männerbild eigentlich aussehen könnte. Da haben sie auch nicht unrecht, denn es gibt so wenige positive Vorbilder. Wir befinden uns noch in der Dekonstruktion, wissen aber nicht so richtig, wo es hingehen soll. Und dann gibt es einen Teil, der oftmals politisch den neuen Rechten zuzuordnen ist, die sagen, dass Frauen zu mächtig werden und daher zurückgedrängt werden müssen.

In ebendiesen neurechten Kreisen scheinen Sie einen Nerv getroffen zu haben. Wegen Ihres Stücks ,,Fear" wurden Sie angeklagt und erhielten Hassmails und Morddrohungen. Hat Sie das als Künstler eingeschüchtert?

Es war ein Realitätsschock. Es war eine Reise in die Finsternis, zu sehen, wie radikal diese neurechten Gruppierungen um die AfD herum agieren. Ich übe eine Kritik an den Neurechten, und ihre Antwort ist: Wir bringen dich um. Eingeschüchtert bin ich aber nicht. Es hat nicht dazu geführt, dass ich mich nicht mit ihnen auseinandersetze oder jetzt harmloser geworden bin. Im Gegenteil: Ich beschäftige mich umso intensiver mit Rechtsextremismus.

Die tatsächliche Wirkungsmacht des Theaters wird oft infrage gestellt, aber die Angst der Neurechten weltweit vor kulturellen Institutionen ist vielsagend. Das haben wir zuletzt in Ungarn gesehen, wie Orbán gegen das Theater vorgeht. Theater scheint doch eine reale Bedrohung für die Rechten darzustellen. Das gibt einem Hoffnung.

Die reine Existenz von einem Raum, der wirklich frei ist, in dem man wirklich seine Meinung sagen und freie Kunst machen kann, ist so eine Irritation im Weltbild von diesen autoritär strukturierten Menschen. Das halten sie einfach nicht aus. Deshalb ist eigentlich der Wunsch da, das Theater und die freie Kunst zu vernichten, was in allen Diktaturen passiert: weil es diese Gegenstimme nicht geben soll. Wir haben jetzt hier einen Raum, in dem wir sie satirisch überhöhen, kritisieren, dekons­truieren – und das soll eben nicht mehr existieren. Deshalb ist das auch eine reale Gefahr.


Aus: "Falk Richter über toxische Männlichkeit: ,,Er wurde für den Krieg erzogen"" Das Interview führte: Nicholas Potter (15.1.2020)
Quelle: https://taz.de/Falk-Richter-ueber-toxische-Maennlichkeit/!5652457/


Textaris(txt*bot)

Quote[...] Da ist also der Vater, ein Hilfsarbeiter und Proletarier, der säuft, schlägt und prügelt – seine Kinder, die Frau, der er in der Schwangerschaft in den Bauch tritt, wie später auch seiner Tochter, die daraufhin mit ihm bricht und in die USA flieht.

Die Mutter, sie ist vielleicht die eigentliche Heldin in dieser erschütternden wie erbauenden Geschichte, ergibt sich weitgehend diesem Leben aus Erniedrigung und Gewalt, sie ist depressiv, zeigt in einigen Momenten aber eine entwaffnende Empathie und Liebe.

Man ahnt, warum sie einst den Wunsch hatte, Dichterin zu werden. Die Lyrik, die Literatur, das Schreiben sind der Schlüssel in dieser wuchtigen und herzzerreißenden Erzählung von Christian Baron, in der es um nichts anderes geht als um sein Aufwachsen, sein Leben in einer Familie, die manche wohl als "asozial", abgehängt" und "unterschichtig" bezeichnen würden.

Denn der Autor lernt von dieser Empathie, sie zerrt ihn heraus aus diesem Horror in der deutschen Stadt Kaiserslautern – in ein anderes Leben. Er studiert, er schreibt, er wird Journalist. In seinem Buch Ein Mann seiner Klasse (Ullstein) versucht er, zu begreifen, wo er eigentlich herkommt, wie er geworden ist, was er ist – schreibend und nachfühlend.

Anders als Didier Eribons Rückkehr nach Reims lotet Baron, der bei der Berliner Wochenzeitung Freitag arbeitet, sein Aufwachsen ausschließlich erzählend aus. Es gibt keine soziologische Erklärungsmodelle und kaum Reflexionsanstrengungen, auch keinen politisch-ideologischen Überbau, der auf eine allzu klare, womöglich allzu eindimensionale Botschaft und irgendwie eindeutige und erlösende Erklärung hinauslaufen würde.

Die Literatur ist das richtige Mittel der Wahl, um Zwischentöne, Widersprüche und Ambivalenzen deutlich zu machen. Die muss man aushalten können, wenn man sich auf Barons Lebensspuren begibt.

Da gibt es beispielsweise die Szene, als der kleine Christian, nachdem seine Geschwister und er tagelang nichts zu essen bekommen haben, verzweifelt mit den Fingernägeln den Schimmel von der Wand im Kinderzimmer kratzt und isst, um den Hunger zu stillen, während sein Bruder ihn ängstlich beobachtet, weil er befürchtet, Christian könne daran sterben.

Als die Mutter wieder einmal zum Opfer eines Gewaltanfalls ihres Mannes wird, sitzt sie tagelang apathisch auf der Couch. Ihr Sohn Christian tut nichts anderes, als sich zu ihr zu legen, sie schweigend zu umarmen, um sie aus ihrem Zustand wieder erwecken zu können. Was ihm auch gelingt: "Sekunden später kraulte mich eine Hand. Ich hob den Kopf und blickte in Mamas lächelndes Gesicht. Ohne ein Wort zu sagen, stand sie auf, begleitete mich händchenhaltend ins Bett und drückte mir einen Gutenachtkuss auf die Stirn."

An einer anderen Stelle wird Christian ins Krankenhaus gebracht, er spuckt Blut, er wird siebenmal operiert, die Ärzte geben ihn schon fast auf.

Und wer ist es, der bei seinem todkranken Sohn wacht und nicht von seiner Seite rückt? Der Vater, dieses vermeintliche Monster und Scheusal: "Mein Vater war da. Er hatte mir das Leben gerettet. Seine sich mit Rasierwasser vermengende Alkoholfahne duftete für mich tausend Mal besser als jeder Teller Spaghetti Bolognese."

Es sind diese Momente im Buch, die den Leser sprachlos zurücklassen, die einen wütend machen, die aber auch von beschwichtigender Kraft sind. Neben der empathischen Aufschlüsselung eines Lebens hat das Buch noch andere Erzählstränge, die nur angedeutet werden.

Christian Baron versucht, sie in seinen vielen Interviews auszuformulieren: So gebe es in Deutschland nur wenige Empathieanstrengungen, sich mit anderen Milieus gesellschaftspolitisch adäquat auseinanderzusetzen. Stattdessen herrschten Vorbehalte und die Tendenz zur sprachlichen Abkanzelung, was sich mitunter Parteien wie der AfD zunutze machen.

Überhaupt sei das Klassen- oder Milieubewusstsein ausgeprägter als man zugeben würde, was Baron an seiner eigenen schmerzhaften Zerrissenheit erklärt. Dann ist da die geringe soziale Durchlässigkeit und die fehlende Unterstützung von Kindern aus sozialschwachen Familien, die seit vielen Jahren in Deutschland kritisiert wird.

Im Deutschlandfunk Kultur sagte Baron: "Ich sehe mich eher als Ausnahme. Ich hätte Einstein sein können und hätte es ohne fremde Hilfe trotzdem nicht geschafft. Wer annimmt, dass jeder, der möchte und sich anstrengt, in Deutschland es schaffen kann zu studieren, der muss ja angesichts der Zahlen annehmen, dass man automatisch oder von Natur aus dümmer ist, wenn man in einem nicht-akademischen Elternhaus geboren wird, als wenn man in einem Haus voller Bücher aufwächst. Das ist eine biologische Argumentation von Erblichkeit von Intelligenz." (Ingo Petz, 13.6.2020)


Aus: "Der Vater, das Scheusal und die Zerissenheit des Sohnes" Ingo Petz (14. Juni 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000118028303/der-vater-das-scheusal-und-die-zerissenheit-des-sohnes

Quote
braz1

Ich habe das Buch heute fertig gelesen. Erschütternd was manche Kinder ertragen müssen...


Quote
RobHoc

Der Artikel zum Vatertag! Schön, wie positiv Mannsein hier präsentiert wird. Ich hoffe auf Ähnliches zum nächsten Muttertag. Großen Bericht bitte, was Mütter alles anstellen!


Quotepsychon.aut

Es gab zum Muttertag einen Artikel, in der auch die Mutter nicht besonders gut wegkam. Es gibt also keinen Grund sich benachteiligt zu fühlen.
https://www.derstandard.at/story/2000117309313/kaffeehausbesitzerin-susanne-widl-ich-habe-meiner-mutter-verziehen


Quote
Susanne_B

Wow! Sie fühlen sich von einem Bericht über das Buch EINES Mannes, in dem dessen triste Kindheit geschildert wird, angegriffen. Wenn Sie von einem Mann auf alle schließen, ist das bitte Ihr Problem, dessen Sie sich dringend annehmen sollten. ...


Quote
RobHoc

Wenn Sie die Meta-Ebene meines Kommentares nicht verstehen, dann macht eine Diskussion mit Ihnen keinen Sinn und ist vergeudete Zeit. In diesem Sinne, schönen Tag Ihnen.


Quote
Susanne_B

Ah, die Metaebene... Sie meinen die, auf der Sie Ihren offensichtlichen Frust und Ihre offensichtliche Aggressivität ausleben?


...

Textaris(txt*bot)

#47
Quote[...] Berlin - Einfache Beats, drei Akkorde, eine Mädchenstimme fängt an dilettantisch zu rappen. "Kurde verreck', weißt du was, du Hurensohn, du hast es nicht gecheckt: Türken sind am Start, also geh weg!"

Das sind noch die harmlosen Beleidigungen in einem YouTube-Video, das in neun Monaten mehr als 79.000 Mal abgerufen wurde. Fäkalausdrücke und brutale Drohungen werden hier in schlechtem Deutsch aneinander gereiht.

Eine der jüngsten Antworten von kurdischer Seite sieht so aus: "Wir sind Killerkurden, kämpfen für die Freiheit unseres Landes Kurdistan gegen euch Missgeburten!", rappt ein Junge in einem Video mit schlechter Tonqualität. Im Hintergrund sieht man Kemal Atatürk, den Vater der Türken, mit einem Hundekörper, der gerade auf die Türkeifahne pinkelt. Die Rapperstimme schimpft weiter: "Das ist kein Scheiß, ich mein's ernst, wenn ich Krieg sag. Ich ficke jeden Bozkurt!" Aufrufe des Videos: 1100 in einer Woche.

[...] Der Extremismus-Expertin zufolge ziehen die Jugendlichen aus den jeweiligen Ideologien die Symbole von Macht und Überlegenheit – auch um ihr Verlierer-Dasein zu überwinden. Wohl deshalb geht es in den Internetforen so hart her: "Meine Kugel trifft deinen Kopf", rappen türkische Jungs - und kurdische antworten: "Die Straße gehört uns."

"Es handelt es meist um perspektivlose Jugendliche, die sich hier nicht angenommen fühlen, die sich in ihre ethnische Identität zurückziehen und daraus ihr Selbstwertgefühl schöpfen", sagt Dantschke. Das Problem sei "von hier" und "nicht etwa aus der Türkei importiert".


Aus: "HASSVIDEOS VON TÜRKEN UND KURDEN: "Die Straße gehört uns"" Von Ferda Ataman (18. Dezember 2007)
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,523367,00.html

-

Quote[...] Wer hat euch wehgetan, Männer? Das darf doch echt nicht wahr sein, dass ihr da draußen immer noch rumlauft und faschistische Milizen gründet. Habt ihr sonst keine Hobbys? Wie wärs mal mit Backen?

Nehmen wir die ,,Proud Boys" als Beispiel. Diese Schlägertruppe, die in den Nachrichten ist, weil sie in Portland bewaffnet aufläuft und sich der US-Präsident nicht von ihnen distanzieren wollte. Diese ,,Stolzen Jungs" sind zu einem nicht zu vernachlässigenden Teil Familienväter in der Midlife-Crisis, denen Bartpflege und männlich-weiße Weltherrschaft wichtig sind. [https://taz.de/US-Praesident-Trump-und-die-Proud-Boys/!5713246/], [https://taz.de/Antifeminismus-in-Nordamerika/!5524323/]

Gegründet hat sie 2016 ebenfalls ein Familienvater in der Midlife Crisis; als eine Art Deppenwitz der Geschichte, und das sind sie auch geblieben, außer, dass sie eben eine unkontrollierte Miliz sind, denen der Präsident diese Woche zugerufen hat, sie sollen sich bereithalten – auch wenn er später angeblich nichts mehr von ihnen wissen wollte. [https://www.fr.de/politik/proud-boys-neonazis-donald-trump-usa-tv-debatte-bereithalten-joe-biden-90056880.html]

Aber lassen Sie sich gar nicht erst in ihren ,,Ach, die USA ..."-Lehnstuhl fallen. Hier drüben im Heiligen Römischen Reich haben wir die rechtsextremistischen ,,Identitären", die sich im Sommer in einem Sägewerk in der Lausitz getroffen haben, um nach antikem olympischen Vorbild Nahkampf zu trainieren und sich im Lagerfeuerschein gegenseitig ihre gestählten Herrenrasse-Waden zu bewundern. [https://twitter.com/ibdoku/status/1297125565519060992]

Die ,,Identitären", ebenso wie die ,,Proud Boys", Prepper und andere Iterationen der maskulinistischen Neuen Rechten, versuchen ihr Tun mit Historie, mit Mythos aufzuladen, mit Rückgriffen auf projizierte alte Ideale und angebliche Former Glory – dabei geht es bloß um Sport, Minderheitenhass und homoerotische Spannung. Also nichts weiter als deutsches Vereinswesen. [https://taz.de/Neue-Rechte/!t5020823/]

Sich selber und uns, die Beobachter*innen und Analyst*innen, wollen sie überzeugen, dass da noch mehr ist: eine Tradition, ein inneres Narrativ. Die ,,Proud Boys" pflegen deshalb Rituale (oder behaupten es) wie die Einschränkung des Masturbationsverhaltens, um daraus angebliche innere Stärke und Ruhe zu generieren. Das ist übrigens christlich-abendländischer Unsinn – bei der Kontrolle von Sexualität geht es immer nur um Kontrolle, nichts weiter. Und die ,,Identitären" geben sich gerne Spitznamen aus Zach Snyders Sparta-Softporno-Blockbuster ,,300".

Ich frage mich dann oft: Wie kann man euch heilen? Worum geht es euch wirklich? Vielleicht ist es ja doch diese Zukunfts-, diese Globalisierungsangst oder die Furcht vorm Machtverlust. Adressierbare, bearbeitbare Themen also. Maybe you should talk to someone?

Aber erstens würde ich alle diese Typ-A-Klemmschwestern nur therapieren, wenn man mich so richtig obszön dafür bezahlt (Honorar im Bereich Luxus-Ledermantel müsste das schon sein). Und zweitens ist dies ja genau Teil des Spiels. Bedeutung suggerieren, wo es bloß um infantile Instinkte geht: erniedrigen, einschüchtern, verängstigen, herrschen.

Man tut aber so, als ginge es um männliche Identität, Nationalstolz, Bruderschaft und Anti-Globalisierung. Mag sein, dass alle diese Dudes ihre individuellen biografischen Gründe haben, Dicks geworden zu sein. Der eine ist vielleicht wirklich einfach ganz doll gegen entgrenzten Kapitalismus. Der nächste hatte einen cholerischen Dad, der dritte hat Erektionsprobleme und noch einer ein leicht behandelbares, aber bislang undiagnostiziertes psychisches Problem.

Mag ja alles sein. Aber nichts davon führt unweigerlich dazu, dass Leute Arschlöcher, Chauvis und Schläger werden. Sorry aber, baby, we ain't born this way. Arschlöcher, Chauvis und Schläger sind Arschlöcher, Chauvis und Schläger, weil sie sich entschieden haben, Arschlöcher, Chauvis und Schläger zu sein. Da gibt es nichts hineinzudeuten. Und diesen Gefallen sollten wir ihnen auch nicht tun.


Aus: "Rechtsextremismus und Midlife-Crisis: Die Infantilität des Bösen " Kolumne von Peter Weissenburger (4. 10. 2020)
Quelle: https://taz.de/Rechtsextremismus-und-Midlife-Crisis/!5718223/

QuoteCoriolis - 04.10.2020, 20:23

Proud Boys, Identitäre, Graue Wölfe, Schwarzer Block, Wehrsportgruppe Hoffman usw.

Es gibt in jedem Alter und in jeder Gruppe Menschen, die beim Denken nicht so viel Glück haben. Damit müssen wir wohl leben....



Textaris(txt*bot)

Quote[...] Es war ein altbekanntes Manöver: Im TV-Duell gegen Joe Biden richtete sich Donald Trump, anstatt sich von White Supremacy (dem Glauben an die Überlegenheit Weißer) zu distanzieren, an die "Proud Boys". "Haltet euch zurück und haltet euch bereit." Außerdem müsse jemand etwas gegen die "Antifa" unternehmen. Die Reaktionen waren absehbar: Rechtsextreme jubelten, Republikaner gaben sich konsterniert, nach ein paar Tagen verurteilte Trump dann schließlich White Supremacy. Ein Medienzirkus, wie er ihn schon viele Male durchgespielt und der diesmal die "Proud Boys" ins Scheinwerferlicht gerückt hat.

Doch die "Proud Boys" sind mehr als eine weitere Neonazi-Schlägertruppe. Sie sind das Ergebnis einer vielschichtigen Verflechtung von Popkultur, Neo-Faschismus, Porno, Troll-Kultur und Incels (Involuntary Celibates). Der Code ist dezidiert uneindeutig, schon allein visuell: Sturmgewehr, Tarnhose und Trumps rotes "Make America Great Again"-Basecap mag man auch von anderen rechten Milizen kennen, jedoch eher nicht die mal gezwirbelten und mal zotteligen Hipsterbärte sowie schwarz-gelbe Polohemden des Modelabels Fred Perry (das jüngst verkündet hat, die Produktion dieser Modelle einstellen zu wollen). Dass die Mitglieder der "Proud Boys" meist eher bullige Männer zwischen 20 und 40 sind, die zurück wollen zu einer brachialen, gewalttätigen Männlichkeit, ist unzweifelhaft. Andererseits baut das aber erklärtermaßen auf einem "Fight Club"-Gedanken auf. Sollte der Bürgerkrieg, wenn er denn – "Haltet euch bereit" – wirklich kommt, ernsthaft in einem Topos gründen, dem das liberale Hollywood zu entscheidender Bekanntheit verholfen hat?

Gegründet wurden die Proud Boys 2016 vom Kanadier Gavin McInnes, 1994 ebenfalls Mitgründer von Vice Media, nicht unbedingt ein bevorzugtes Medium der Alt-Right. McInnes fiel schon vor seinem Abschied bei Vice im Jahr 2007 (wegen "kreativer Differenzen") mit frauen- und minderheitenfeindlichen Polemiken auf. Doch er nahm auch etwas von dort mit: Dem Hipster-Kosmos entlieh er neben äußerlichen Attributen das Stilmittel der Ironie und der Tirade, von der man nie ganz genau sagen kann, ob sie sich nicht eventuell selbst persifliert. Damit werden dann heute antisemitische Hetzreden wie "10 Dinge, die ich an Israelis hasse" verbrämt.

Der Name "Proud Boys" leitet sich aus einem Lied des Disney-Films "Aladdin" ab, das "Proud of your Boy" heißt. Der Wahlspruch der Gruppe ist das swahilische "Uhuru", "Freiheit". Neue Mitglieder werden zur Initiation verprügelt, bis sie fünf Sorten Cornflakes genannt haben. All diese Dinge führen dazu, dass die "Proud Boys" im Gegensatz zu anderen gewaltbereiten Banden eher als skurril oder gar albern wahrgenommen werden können. Zudem behaupten sie gern, sie seien keine White Supremacists, weil sie ja auch – bis hin zum heutigen Vorsitzenden Enrique Tarrio – BPOC (Black People of Colour)-Mitglieder hätten. Dazu passt, dass sie nicht etwa eine weiße oder arische, sondern eine neue "westliche" Männlichkeit verkörpern wollen.

Was die "Proud Boys" nun aber so gefährlich macht, ist zum einen die Nähe zu Trump und seinen Kreisen. Gegründet im Jahr seiner Wahl, wird ihre Mitgliederzahl inzwischen auf mehrere hundert geschätzt. Sie stellten unter anderem schon für den rechten Blogger Milo Yiannopoulos und die rechte Publizistin Ann Coulter bei Veranstaltungen die Security, teils mit chaotischen Ergebnissen. Und auch Roger Stone, ehemaliger Trump-Berater, hat die "Proud Boys" bereits als Bodyguards angeheuert. Erst kürzlich bedankte sich die republikanische Kandidatin für den Senat in Delaware, Lauren Witzke, bei der Gang für ihre "kostenlose Security" auf ihrer Wahlkampfveranstaltung. Man muss nicht gleich zur Saalschutz-Funktion der SA gehen, um diese Nähe zur rechten (Medien-)Macht bedenklich zu finden. Ein Verweis auf die Hells Angels, die in den späten 60er-Jahren "nur" bei Konzerten Angst und Schrecken verbreiten durften, tut es vielleicht auch.

Zum anderen ist es wichtig, den vermeintlich eher harmlosen Zusatz "westlich" im Kontext von rechtsextremen Codes zu verstehen: Angestrebt wird hier eindeutig eine von Weißen dominierte, heteronormative, patriarchale Welt. Die Ideologie baut auf Elemente der rechtsradikalen Verschwörungserzählung von einem angeblich drohenden "Weißen Genozid". Nach diesem Narrativ steht die "westliche" Kultur "unter Belagerung" von nicht-weißen Kräften und droht auszusterben. Es ist ein Verschwörungsmythos, der inhärent antisemitisch, islamophob und antimigrantisch geprägt ist. Neben Gemeinsamkeiten beim optischen Durchbrechen neonazistischer Codes finden sich hier auch ideologische Parallelen zur "Identitären Bewegung" in Europa und ihrer Erzählung vom "großen Austausch".

Jeder Mann könne Mitglied der "Proud Boys" werden, heißt es – aber nur, solange anerkannt wird, dass "weiße Männer nicht das Problem sind". In ihren zehn Grundprinzipien sprechen sich die "Proud Boys" gegen "rassischen Schuldkult" (racial guilt) und politische Korrektheit aus. McInnes sagte im Oktober 2018, er lehne Rassismus ab, fällt aber immer wieder mit rassistischen Statements auf. Mit den "Proud Boys" hat das allerdings nur noch bedingt zu tun, erklärte McInnes doch wenig später seinen Austritt aus der Gruppe, um sie zu schützen. Zuvor hatte das FBI "Proud Boys" (es gibt widersprüchliche Angaben, ob nun die ganze Gruppe oder nur einzelne Mitglieder) als extremistisch eingestuft und ihnen Verbindungen zum "weißen Nationalismus" attestiert.

Die "Proud Boys" selbst sehen sich als Erleuchtete: Durch "Red Pilling", das Schlucken einer metaphorischen "roten Pille" (eine Matrix-Anspielung), "erwachen" zukünftige Mitglieder und erkennen plötzlich, dass fremde Kulturen die "westliche" bedrohen. Relevant für die Konstruktion einer neuen "westlichen" Männlichkeit ist die Cuckold-Pornografie. Es handelt sich dabei um ein Genre, in dem meist ein weißer Mann zusieht, wie seine Frau mit einem schwarzen Mann Sex hat, wodurch ihr Partner erniedrigt und entmännlicht wird. Die "Proud Boys" übertragen diesen Fetisch allerdings auf die heutige Gesellschaft: Gemäßigte Konservative und Linke seien "cucks", die sich von Schwarzen und anderen Minderheiten vorführen ließen. Der Begriff "cuck" ist mittlerweile ein fester Bestandteil neurechter Codes im Internet geworden. Dieser Entmännlichung könne man sich nur entziehen durch das Aufgehen in Gewalt und strenge Masturbationskontrolle. Das soll den Zusammenhalt der Gruppe stärken und zudem motivieren, sexuellen Frust nicht selbst abzubauen, sondern "rauszugehen" und Frauen zu treffen. Diese Gedankengänge sind auch der Incel-Szene nicht fremd.

Um dieser, nach eigener Aussage "pro-westlichen Bruderschaft" beizutreten, müssen laut dem "Southern Poverty Law Center", einer gemeinnützigen Organisation, die rechtsextreme Gruppen beobachtet, vier Grade durchlaufen werden: Am Anfang steht die öffentliche Erklärung: "Ich bin ein westlicher Chauvinist und ich weigere mich, mich für die Schaffung der modernen Welt zu entschuldigen." In einem zweiten Schritt folgt das Cornflakes-Prügelritual – das diene der Adrenalin-Kontrolle. Außerdem müssen sich Mitglieder an das Masturbationsverbot halten. Pornografie ist übrigens verboten. Ein Mitglied des dritten Grades muss sich ein "Proud Boys"-Tattoo stechen lassen. Der vierte Grad ist dann erreicht, wenn der Anwärter öffentlich Gewalt gegen angebliche Angehörige der in rechten Kreisen verhassten "Antifa" ausübt. Spätestens hier wendet sich also die Gewaltbejahung gegen das gesellschaftliche Außen, wird ein zutiefst toxisches und rein physisch ausgerichtetes Männlichkeitsideal zu einer realen Bedrohung.

Zu dieser Weltanschauung gehört selbstverständlich auch ein aggressiver Antifeminismus: Gründer McInnes, der sich noch nach seinem Weggang von Vice mit lustigen Homevideos als moderner Vater inszenierte, ist bekannt dafür, Feminismus als "Krebs" bezeichnet zu haben und zu behaupten, Frauen wollten misshandelt werden – gleichzeitig dienen ihm Stereotype über Frauenhass in der islamischen Welt für rassistische Diffamierung. Stattdessen wünschen sich die "Proud Boys unter dem Wahlspruch "Verehrt die Hausfrau" ein (vermeintliches) Ideal der 50er-Jahre zurück. Das beinhaltet auch Stress für Männer: Die "Proud Boys" verabscheuen Dinge, die sie für "verweichlicht" halten – ein amerikanischer Mann soll lieber Steaks essen und Äxte werfen, anstatt zu lesen.

Gelesen wird aber manchmal trotzdem, und das ist durchaus verräterisch in Bezug auf die Behauptung, nicht einer Ideologie der White Supremacy anzuhängen: Der Gründer fasste den Charakter der Treffen mal mit "saufen, kämpfen und laut aus Pat Buchanans Der Tod des Westens vorlesen" zusammen. Buchanan, ein ehemaliger Redenschreiber für Präsident Richard Nixon und mittlerweile ein White Supremacist, behauptet in dem Buch, dass das weiße Christentum durch Immigranten verdrängt werde, die Verschwörungserzählung des "Weißen Genozids" klingt auch hier an.

Gleichzeitig wirkt auch das Saufen-Kämpfen-Lesen-Statement eher schräg als initial bedrohlich. Dahinter steckt eine Strategie: Wer nicht ernst genommen wird, kann sich besser ausbreiten. Wer weiß schon, dass die Verwendung von "Uhuru" die Verhöhnung eines Aktivisten ist, der mit demselben Wahlspruch in einem Video Reparationen für die Versklavung Schwarzer forderte? Oder, dass McInnes als Grund für die Cornflakes-Prügel nennt: "Den Westen gegen Menschen, die ihn zerstören wollen, zu verteidigen, ist wie sich an Cornflakes zu erinnern, wenn du mit zehn Fäusten bombardiert wirst. Die Kameradschaft und Bindung, die diese Gewalt produzieren, ist inspirierend."

Die "Proud Boys" sind eine neofaschistische, frauenfeindliche und rassistische Gang, die sich in Einschüchterung und Gewalt übt. Der Richter Mark Dwyer, der 2019 zwei "Proud Boys" zu vier Jahren Haft verurteilte, nachdem sie antifaschistische Demonstrierende angegriffen hatten, sagte: "Ich weiß genug über Geschichte um zu wissen, was in den Dreißigerjahren in Europa passiert ist, als die Justiz politischen Straßenkämpfen nicht Einhalt gebot." Besonders bedrohlich ist das auch deshalb, weil sich die "Proud Boys" eben kaum noch zurückhalten, wie Trump es vorerst gefordert hat: Sie tauchen mittlerweile immer öfter auf Black-Lives-Matter-Demonstrationen auf und versuchen, Gewalt zu provozieren. Die "Proud Boys" verfügen außerdem über eine paramilitärische Untergruppe, die sich "Fraternal Order of the Alt-Knights" nennt – eine klare Anspielung auf den Terminus "Alt-Right". Von dem distanzierten sich Sprecher der Gruppe dann ganz gemäß der Taktiken des Trollens mit Vor- und Zurückrudern und Es-nicht-so-und-im-Zweifel-nur-ironisch-Gemeinthabens.

Trumps Aufruf an seine Fans, im November in Wahllokalen "für Sicherheit" zu sorgen, dürfte bei den "Proud Boys" auf Begeisterung gestoßen sein. Sie verkaufen mittlerweile Fanartikel mit Trumps Aufforderung "Stand Back and Stand By". Der Gründer des neonazistischen Daily Stormer schreibt dazu: "Ich habe Gänsehaut. Ich habe immer noch Gänsehaut, er [Trump] sagt den Leuten, sie sollen sich bereithalten. Bereit für den Krieg." Am Samstag wurde Gavin McInnes vor dem Walter-Reed-Krankenhaus gesichtet.


Aus: ""Proud Boys": Mehr als nur ein Neonazi-Schlägertrupp" Eine Analyse von Annika Brockschmidt (7. Oktober 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2020-10/proud-boys-us-wahl-white-supremacy-gavin-mcinnes-rechtsextremismus/komplettansicht

QuoteHFLM #1

As Gay Twitter reclaims #ProudBoys hashtag, Proud Boys change name to "Leather Men"
https://www.thebeaverton.com/2020/10/as-gay-twitter-reclaims-proudboys-hashtag-proud-boys-change-name-to-leather-men/


QuoteOnlyOnePlanet #1.3

... Ist der Beaverton so was wie der Postillion hier?


QuoteSir Lawrence #1.7

"Ist der Beaverton so was wie der Postillion hier?"- Yep


Quotenucleolus #1.10

"Übrigens: Sich lustig machen über vermeintliche Homosexualität von offen homophoben Gruppen ist immer insofern schwierig, als dass das nur dann funktioniert, wenn man selbst Schwulsein als Witz begreift."

Stimmt nicht. Der Witz hier ist die Ironie, das Heuchlerische. Dass mit Klischees gespielt wird, liegt wiederum an der Natur von Witzen.


QuoteSchievel2 #1.11

Ne?
Man kann kann auch Homosexualität ernst nehmen und sich trotzdem darüber lustig machen, wenn sich homophobe darüber aufregen mit homosexuellen in Verbindung gebracht zu werden. Warum soll das in Ihren Augen ein Widersprich sein?


QuoteSonderze.chen #1.15

Und extremreligiöse Männer sind dann auch nie frauenfeindlich, weil sie ja Frauen heiraten? ...


QuoteNobelix #2

Die queeren Jungs, die den hashtag "ProudBoys" gekapert haben, sind da doch deutlich symphathischer. Wenn Trump das auch so sehen würde, wäre noch ein Hauch von Hoffnung gegeben.


QuoteCantHappenHere #4

"aber sie sind popkulturell vielschichtig, arbeiten mit Albernheiten und Ironie. Das bedeutet Gefahr."

...und, im Rahmen der Gesetze, auch zunächst mal schlicht politische Meinungsäußerung. Will sagen: die Ideologie macht sie wenn dann gefährlich, nicht die Tatsache, dass auch Rechtspopulisten bis hin zu Neonazis sich inzwischen intelligenterer Mittel bedienen als der tumben Herummarschiererei in Springerstiefeln.


Quoter.schewietzek #4.2

Joah. Aber diese Fixierung aufs Masturbationsverbot lässt tief blicken. Freud lässt grüssen.


QuoteDer Reimer #4.3

Jedenfalls ist die ganze Angelegenheit letztlich wieder SO ne Seifenblase der Medien.
Diese "Proud Boys" sind letztlich einfach eine unter vielen mehr oder weniger reaktionären unzähligen Gruppen, die es in den USA halt wohl gibt, sicher weder die gefährlichste noch die bedeutsamste.
Der Name wurde halt von Trump ins Spiel gebracht, weil er da selber wohl mal was von gehört hat, bei FOX vermutlich...letztlich taugen die allenfalls als Synonym.

Immerhin ne nette Werbeaktion für die, schätz ich mal. Sachlich konkret ne Albernheit.


QuoteMeefrangge #4.14

Ich gebe dem Mitforist nicht zu 100% Recht, aber was Wahres ist nunmal dran.

Beispiel Feminismus - für viele Frauen der Grund, sich "endlich auch mal wie die Machos der 80er aufzuführen".
Dann gibt's noch die Schwarzer Fraktion, die einen Kachelmann auch dann noch als Vergewaltiger betitelt, obwohl rechtskräftig klar ist dass seine Frau gelogen hat.
Dann die, die sich in die rhetorische Opferrolle begeben, und auf Mitleid pokern.

Wenn Biden also im Interview Trump so einen Knochen hinwirft, und der Journalismus macht das hier draus, frage ich mich schon wer hier eigentlich der Brandstifter ist.
Und ja, man hat ein Recht auf seine eigene, vielleicht falsche Meinung, solange sie von der Meinungsfreiheit gedeckt ist.

Lieber ein Chauvinist, der zugibt einer zu sein, als einer, der mir mit Honig um den Maul hinterfotzig gegenüber tritt.
Da weiß ich wenigstens woran ich bin.


QuoteRaymond Luxury-Yacht #9

Hmmm... Mal eine ganz spannende Zusammenfassung einer bisher vollkommen unbekannten Gruppe. Die Gruppe als Symptom ist ganz interessant. Die massive Betonung des liberalen Topos von der "toxischen Männlichkeit" bis zum "Mann, als Ursache für alles Übel von Frauen oder Minderheiten"... Es war damit zu rechnen. Ich glaube nicht, dass das eine Massenbewegung wird aber die Ursachen so einer Reconquista des Meinungsspektrums liegen auf der Hand.


Quoter.schewietzek #9.1

Frauen sind nicht mehr gehorsam genug?


QuoteRaymond Luxury-Yacht #9.2

Bei mir war diesbezüglich von Anfang an Hopfen und Malz verloren... LOL


QuoteM_Schæfer #10

Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/tg


QuoteRaymond Luxury-Yacht #10.1

Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde bereits entfernt.


Quotewackelnde Gardine #13

Was ist das eigentlich für eine neue Masche mit diesem "werden als ... gelesen"?
Ist das selbstentlarvendes Korrektsprech für "werden in die Schublade ... gesteckt"?


QuotePedro Navaja #14

Testosteronstau, sexuelle Frustration und politisch vergiftete Stimmung sind ein sehr, sehr gefährliches Cucktail...sorry Cocktail.


Quotehumboldt_redivivus #16

Sehr aufschlussreicher Bericht, also eben dieser Mix aus Macho-Gehabe, Frauen- und Fremdenfeindlichkeit usw. usw. Problem sehe ich auch, doof sind die nämlich nicht alle und ja - vom Outfit teilweise ziemlich cool. Ich glaube, wir alle müssen uns vom dem antiquierten Nazibild mit Springerstiefeln definitiv verabschieden. Die Rechtsextremisten sind vielschichtiger, fast hätte ich queerer gesagt. und deshalb viel gefährlicher, diese Identitären kommen ja rein optisch teilweise auch recht cool rüber!

Ergänzung: Beim nochmaligen Lesen des Artikels scheint mir eine gewisse homoerotische Aufladung, wie bei anderen Männerbünden, auch noch vorzuliegen und da können dann ja doch Parallelen zur SA ("Röhm-Putsch") gezogen werden.


Quoter.schewietzek #17

Dass die Mitglieder der "Proud Boys" meist eher bullige Männer zwischen 20 und 40 sind, die zurück wollen zu einer brachialen, gewalttätigen Männlichkeit, ist unzweifelhaft.

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Vielleicht werden sie nur nicht damit fertig, daß sie ihr Geschirr selber spülen müssen und ihre Wäsche selber waschen müssen - eigentlich keine Fertigkeiten, die besondere Intelligenz oder Aufnahmefähigkeit verlangen....
Die meisten Männer schaffen das problemlos.


Quotetamsin paine #17.1

Die meisten Männer, die ich kenne, waschen ihre Wäsche und spülen ihr Geschirr normalerweise nicht selbst. Dazu gib es auch Statistiken. Es sei denn, sie sind nicht verpartnert, und das Inceltum scheint ja bei den Proud boys das Problem zu sein.


QuoteJosef Bologna #17.2

Spülen ist die Hölle!


QuoteJ.P._Merz #35

Immer wenn ich Proud Boys höre habe ich sofort einen Hit von Duran Duran im Ohr.


QuoteWurstkuchlbub #35.1

Und ich denke bei den Proud Boys an Kleinkinder, die stolz sind, das erste mal allein aufs Klo gegangen zu sein...


QuoteAbdul Alhazred #38

Ist das sowas wie unsere IB?


QuotePascal P #38.1

Nur mit Waffen...


QuoteTordenskjold #38.2

Wohl eher eine Mischung aus IB und SA.


QuoteManus Cornu #38.5

Eigentlich kein schlechter Vergleich. Zumindest ist das Ziel wohl Ähnlich: Niemand will gerne mit Glatze und Springerstiefeln bzw mit schlechten Zähnen und Schrotflinte in Verbindung gebracht werden, also schaut man, welche Subkultur sonst gerade ~hip~ ist und kopiert deren Ästhetik.


QuoteKlara Denken #60  —  vor 6 Stunden

... "Neue Mitglieder werden zur Initiation verprügelt, bis sie fünf Sorten Cornflakes genannt haben."

Entschuldigung: Was ist denn der Untershied zu schlagenden Verbindungen? Backe hinhalten, aufschlitzen und dann stolz die Narbe vorzeigen.

"All diese Dinge führen dazu, dass die "Proud Boys" im Gegensatz zu anderen gewaltbereiten Banden eher als skurril oder gar albern ..."

Jetzt soll mir mal einer erzählen daß farbentragende Burschenschaften mit ihren Uniformen, Kommersen, Saufgelagen etc. nicht skurril oder albern sind. ...

"Gleichzeitig wirkt auch das Saufen-Kämpfen-Lesen-Statement....".

OK, da gebe ich zu Deutsche Verbindungsstudenten tun nur die ersten zwei Dinge.

"...Taktiken des Trollens mit Vor- und Zurückrudern und Es-nicht-so-und-im-Zweifel-nur-ironisch-Gemeinthabens....".

Genau dasselbe, die Desdensia-Rugia meint es garnicht so, wenn sie die Nachbarschaft mit Goebbels Reden beschallt, wir es mir vor langer Zeit als Student in Gießen passiert ist, als ich das Unglück hatte in der Nachbarschaft zu wohnen.

Wir haben diese "Proud Boys' seit 172 Jahren. Ganze DAX Vorstände bestehen aus solchen Seilschaften.


...

Textaris(txt*bot)

QuoteWatzi Wiedergaenger (2020)

    Der Strafprozess ist uebertriebene politische Korrektheit...
    Sicher, dieser Unfalltod sollte nicht sein, und die dafuer verantwortlichen sollten bestraft werden - etwa Strafexerzieren, Ausgangssperre am Wochenende, oder aehnliche Sanktionen: Nichts, was ihrerer Karriere schaden koennte!

    Der Zweck des Soldatentums ist das Kaempfen - und da gibt es nun mal Tote. Man sollte es nicht so negativ sehen, wenn ab und zu bei solchen Ritualen jemand stirbt: Es macht den jungen Leuten klar, dass ihr Beruf risikoreich und gewalteinschliessend ist. Nichts schlimmes fuer junge Maenner: Erhoeht den Testosteronspiegel, und damit die Attraktivitaet gegenueber Frauen (genau daher finden auch Profisportler in aggressiven Sportarten, Gewaltkriminelle etc viele willige Frauen..)

Kommentar zu: "Tod bei Initiationsritus an angesehener Militärschule in Frankreich"  Stefan Brändle aus Paris (25.11.2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000121984920/tod-nach-initiationsritus-an-angesehener-militaerschule-in-frankreich

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Peking verbannt Schauspiel-Stars aus dem Fernsehen, die dem gewünschten Macho-Image nicht entsprechen. Man fürchte um die nationale Sicherheit.

China ist längst zur politischen und wirtschaftlichen Weltmacht aufgestiegen. Doch gleichzeitig hat die derzeitige Staatsführung in Peking niemals ihre allumfassende Paranoia abgelegt. Diese Fragilität zeigt sich aktuell besonders deutlich: Pekings Regierung fürchtet, die Jugend des Landes könne nicht ,,männlich" genug sein.

Vor einer Woche ordnete die staatliche Fernsehbehörde einen Boykott androgyner Stars aus dem Showgeschäft an, die seit Jahren zu den bestbezahlten Sängern und Schauspielern zählen. Sämtliche Männer ,,mit weiblichem Stil und anderer abnormaler Ästhetik" sollen aus dem TV verbannt werden. In der offiziellen Ankündigung verwendeten die Regierungsvertreter auch den überaus vulgären Begriff ,,Niang Pao": eine beleidigende Abwertung für feminine Männer.

Wer die soziokulturellen Zusammenhänge des Phänomens verstehen möchte, muss ein wenig im Archiv kramen. Die androgyne Ästhetik, die der Kommunistischen Partei ein Dorn im Auge ist, lässt sich zu den japanischen Manga-Comics der 1990er Jahre zurückverfolgen. Internationale Popularität erlangte der neue Look vor allem im benachbarten Südkorea, wo nach der Jahrtausendwende erstmals die sogenannten ,,Kkonminam" auftauchten: wortwörtlich ,,schöne Blumen-Jungen".

Deren exaltierte Mode, sorgsam gestylte Haare und geschminkte Gesichter waren damals durchaus auch ein rebellisches Statement. Zumindest grenzte sich die Jugend zur älteren Generation an Männern ab, die sich – geprägt durch den in Südkorea verpflichtenden Militärdienst – als harte Machos präsentierten: kalte Miene, keine Emotionen und stets eine verspiegelte Pilotenbrille im Gesicht. Das Schönheitsideal in Seoul hingegen könnte gegensätzlicher nicht sein: weiche Gesichtszüge, ,,niedlicher" Habitus und Skinny Jeans zur geschminkt blassen Haut.

Trotz der genderneutralen Ästhetik blieb diese zunächst reine Oberfläche: Zwar spielten die aufkommenden koreanischen Boy Bands äußerlich mit Geschlechter-Stereotypen, doch bedeutete dies nicht im Umkehrschluss, dass sich hinter dem Milchbubi-Gesicht nicht ein waschechter Chauvinist versteckt.

Mit der koreanischen Welle, dem Kulturexport der Popmusik und Fernsehserien schwappten die ,,Blumen-Jungs" auch in die Volksrepublik. Für die konservative Staatsführung Pekings war der K-Pop-Hype schon damals ein Dorn im Auge. Sie fürchteten um den Einfluss auf die heimische Jugend. Diese Paranoia hat wohl auch vor allem damit zu tun, dass sämtliche Parteikader mit nennenswerter Macht in China mindestens 60 Jahre alt und fast ausschließlich männlich sind.

Etliche Politiker machten in den letzten Jahren die ,,Feminisierung" der Jugend für alle möglichen gesellschaftlichen Probleme verantwortlich: Mal hieß es, dass die angebliche Verweichlichung für einen Anstieg an Homosexualität sorgen würde. An anderer Stelle kritisierten vermeintliche Experten, dass die Androgynität der männlichen Jugend deren mangelnde Körperfitness widerspiegele. Nicht selten wurde gar ein Zusammenhang zu der nationalen Sicherheit des Landes hergestellt: Wer sich die Haare stylt und die Gesichtshaut schminkt, könne unmöglich sein Heimatland im Ernstfall verteidigen.

Für die Tattoo-tragenden Celebrities mit den gefärbten Haaren hat sich auf sozialen Medien längst ein abwertender Begriff durchgesetzt: ,,xiao xian rou", was sich in etwa mit ,,jungem Frischfleisch" übersetzen lässt.

Vor Jahren bereits sorgte ein Pekinger Lehrer für mediale Schlagzeilen, als er die durch ,,K-Pop korrumpierte Jugend" mit einem eigens gegründeten Bootcamp wieder zu Alpha-Männern umerziehen wollte – mit Box-Training und Marschgesängen inklusive. Bislang jedoch konnte noch keine staatliche Erziehungsmaßnahme der Attraktivität der neuen Männlichkeit etwas anhaben.


Aus: "Zensur im chinesischen TV: Die alte Paranoia" Fabian Kretschmer, Korrespondent China (9. 9. 2021)
Quelle: https://taz.de/Zensur-im-chinesischen-TV/!5795697/


Textaris(txt*bot)

Quote[...] Die Freundlichkeit des wahren Gentleman, der natürlich ebenso ein Taxifahrer oder Hoteldirektor sein kann ... ist absichtslos und steht nicht im Dienst einer Geschäftstüchtigkeit, eines Flirts oder einer Verhandlung.

Als zwischenmenschlicher Diplomat ist er jederzeit auf Ausgewogenheit und Gerechtigkeit bedacht, er tritt niemals dominant auf, ist nicht nachtragend, spricht ungern über sich und bleibt am liebsten unauffällig, ohne dabei schüchtern zu sein. Er beherrscht die Kunst der verstellbaren Augenhöhe, auf der er sich mit jedem treffen kann. ... Eine oft zitierte Definition stammt von dem Autor John Henry Newman, nach der ein Gentleman insgesamt jemand sei "der niemals Schmerz zufügt".

... Heute aber hat der Gentleman vielleicht ein Update nötig. Es wäre fatal, wenn der Eindruck entstünde, er wäre nur noch eine Kostümrolle aus einem Schwarz-Weiß-Film. Nein, gerade in einer Zeit, in der Rüpelei und Beleidigtsein, populistische Unflat und rohe Muskelspiele wieder zu den Stilmitteln gehören, besteht dringender Bedarf an einem zivilisierten Männerbild. Denn der Gentleman ist mit seiner Haltung und seiner wohlwollenden Klarsicht auch immer Inbegriff der Kultiviertheit und Zierde seiner Zeit. Aber was würde ihn in der Gegenwart auszeichnen?

Zwei Punkte irritieren heute am klassischen Gentleman. Er ist zum einen sehr analog, zum anderen sehr heteronormativ und geschlechtsfixiert. Den Mann trägt er nun ja schon im Namen, es wäre aber angebracht, darüber nachzudenken, ob der Gentleman nicht auch eine Frauenrolle sein könnte, oder noch eher: eine UnisexLebensart. Dagegen ist nichts einzuwenden, wäre da nicht der leise Verdacht, dass viele Gentleman-Eigenschaften an Frauen ohnehin als normale Wesenszüge gelten. Das sanfte, sozial-emotionale, intelligente Wesen, dem grundsätzliche an Harmonie und Respekt gegenüber jeder Kreatur gelegen ist und das sich nicht immer in den Mittelpunkt spielen will? Klingt nach Klischee-Frau. Erst am Hetero-Manne scheint diese Ausstattung zu kontrastieren und damit bemerkenswert. Seit das andere Geschlecht nicht mehr beschützt werden muss, fällt zudem ein prominentes Aufgabengebiet weg. Zum Türaufhalten reicht ein Galan, damit ist ein Gentleman unterfordert.

... brauchbare role models wie der kanadische Premier Justin Trudeau oder der britische Schauspieler Benedict Cumberbatch machen es vor: offensives Bekennen zum Feminismus, bei gleichzeitiger Wahrung einer männlicher Note. Modern ist ein Mann, der sich seiner Maskulinität so sicher ist, dass er problemlos hinter einer Frau zurücktreten kann. Der sich, im Gegensatz zu amtierenden Alphamännchen, nicht zu ernst nimmt und dem man die Gleichberechtigung deshalb nicht abtrotzen muss, der sie vielmehr uneitel und schon aus Solidarität unter Menschen praktiziert, ohne weiteres Aufhebens darum zu machen.

Das ist aber kein Plädoyer für einen schwachen, eingeschüchterten Mann, im Gegenteil - gerade der Gentleman war immer ein brillantes Beispiel dafür, wie man auch in freundlicher Zurücknahme Würde behalten und Stärke ausstrahlen kann. Was der Dandy nur mit Putz und Dekadenz, der Snob nur mit seinem Geld und Extravaganz schafft, vermag der Gentleman schließlich ganz aus sich heraus: zu glänzen. Der Philosoph Martin Scherer schreibt in seinem Standardwerk "Der Gentleman" über ihn: "Das Weniger an Selbstdarstellung bedeutet ein mehr an Offenheit und Entspanntheit."

... der verschmitzte Portier im Grand Hotel oder Peter Ustinov im Schaufelraddampfer auf dem Nil, das sind Ansichten aus dem Gentleman-Bilderbuch. Dabei ist er in der digitalen Welt nicht nur genauso denkbar, sondern umso dringender vonnöten. Schließlich gehört angemessene Kommunikation zu seinen Talenten und die Contenance, die ihn auch angesichts ungeheuerlicher Vorgänge einen kühlen Kopf und sämtliche Manieren behalten lässt. Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle und intellektuellen Gefasstheit sind gerade im Netz gefragt, wo sich unentwegt Fronten bilden und Ansichten kollidieren. Der Webvordenker und Publizist Sascha Lobo entspricht mit seinem roten Irokesenhaarschnitt vielleicht nicht dem romantischen Phänotyp des Gentlemans. Aber er hat es in der vergangenen Woche geschafft, als solcher eine Netzdiskussion zu moderieren, die sonst in üblicher Kinnhakenmanier geführt worden wäre.

Lobo gelang es auf Facebook, unter seiner Einlassung zur "Nafri"-Debatte alle Lager miteinander ins Gespräch zu bringen, Schreiern und Störern entgegenzukommen und sie einzubinden, gleichzeitig allzu selbstgefällige Seilschaften zu lockern. Seine Waffe der Wahl war eine freundliche und respektvolle Sprache, die jeden einfing. Ein enormer Aufwand, der eines zeigte: Das Netz müsste nicht ein Jahrmarkt der niederen Instinkte sein, gäbe es nur genug Engagement für Kultiviertheit und gelassenen Umgang miteinander.

Ein weiteres Talent macht den Gentleman in der neuen Welt erst recht überlebensfähig: Ironie. Der Philosoph Martin Scherer erkennt sie als eines seiner wichtigsten Merkmale und notiert dazu: "Ironie entsteht aus der Überzeugung, dass es nichts ist mit der einen Wahrheit und gestanzten Lebensnorm für alle. (...) Wenn der Zynismus eine Attitüde der Macht ist, dann ist die Ironie ein Signal der Humanität. Jeder Gentleman zuckt zusammen bei Kaltblütigkeit, aggressiven Parolen oder schneidigen Thesen mit Absolutheitsanspruch."

... Ironie bedeutet auch immer Zulassenkönnen und ist damit eben kein Dogma. Der Gentleman ist deswegen auch nicht jener von Parolen verunstaltete "Gutmensch", dem in seiner ewigen Mildheit angeblich das praktische Maß fehlt. Nein, gerade eine gewisse moralische Großzügigkeit, das Wissen um die ewige Unperfektheit aller Pläne und Systeme und eine kleine Neigung zum Ungehorsam im richtigen Moment - das ist die unwiderstehliche Ironie des Gentleman.

Diese gelassene Distanz zum Weltirrsinn entsteht übrigens wie seit jeher durch Reisen, durch Flanieren, Studieren und waches und geneigtes Beobachten der Umwelt. Vielleicht ist das die wichtigste Eigenschaft des modernen Gentleman: eine echte Weltgewandtheit. Eine, die sich aus der neuen digitalen und alten analogen Welt gleichermaßen speist und ihn in die Lage versetzt, seine Entscheidungen auf Grundlage des eigenen Wissens und einer gereiften Erfahrung zu treffen. Und damit nicht auf eine postfaktische Wirklichkeit vertrauen zu müssen, in der ein Rüpel umstandslos zum Gentleman verklärt wird.



Aus: "Die Rückkehr des Gentleman" Max Scharnigg (11. Januar 2017)
Quelle: https://www.sueddeutsche.de/stil/hoeflichkeit-kuess-die-hand-die-rueckkehr-des-gentleman-1.3318162-0

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Quote[...] NEW YORK taz | In jedem Unternehmen der USA würde ein Beschäftigter, der per Video auf seinem Twitter-Account eine Kollegin umbringt und den Chef bedroht, fristlos entlassen. Nicht so im US-Kongress. Die Republikanische Partei ließ ihren Abgeordneten aus Arizona, Paul Gosar, gewähren, als er einen Trickfilm veröffentlichte, in dem er der linken Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez, den Rücken aufschlitzt und den US-Präsidenten Joe Biden mit zwei Schwertern bedroht. Erst nachdem Hunderttausende Gosars Gewaltphantasien gesehen hatten, löschte er sie am Mittwoch von seinem Twitter-Konto.

,,Gibt es hier Comic-Fans?", hatte Gosar scheinheilig gefragt, als er sein japanischen Mangas nachempfundenes 90-Sekunden-Video am Montag sowohl auf seinem privaten als auch seinem politischen Twitter-Konto veröffentlichte. Es mischt Aufnahmen von Flüchtlingen, die durch den Rio Grande waten, während Worte wie ,,Verbrechen", ,,Drogen", ,,Mord" und ,,Banden" sowie Blutflecken, ins Bild eingeblendet werden, mit Fantasiefiguren, die Gesichter von Kongressabgeordneten haben. Gosar selbst ist der Super-Held in diesem Video. Nachdem er Ocasio-Cortez getötet hat, richtet er seine Waffen gegen Joe Biden.

Twitter warnte, dass das Video seine Regel der Gewaltfreiheit verletze. Das Unternehmen ließ es jedoch auf seiner Seite stehen und begründete das mit dem ,,öffentlichen Interesse". Als immer mehr demokratische Abgeordnete eine Ethik-Untersuchung über Gosar und dessen Ausschluss aus dem Kongress verlangten, verlautete aus dem Büro des Republikaners: ,,Dies ist ein Comic. Entspannt Euch alle". Der republikanische Fraktionschef im Repräsentantenhaus, Kevin McCarthy, und andere führende Republikaner sagten nichts zu dem Vorgang.

Ocasio-Cortez, die schon mehrfach von RepublikanerInnen verbal attackiert worden ist – unter anderem nannte sie der Abgeordneter Ted Yoho aus Florida auf einer Treppe des Kongress eine ,,Scheißschlampe" – war unterwegs zur Klimakonferenz in Glasgow, als das Video erschien. Sie reagierte auf Twitter mit den Worten: ,,Ein gruseliger Kollege, mit dem ich zusammenarbeite, und der Geld für Neonazi-Gruppen sammelt, hat ein Fantasievideo geteilt, in dem er mich tötet."

Später fügte die New Yorker Abgeordnete, deren Vorfahren aus Puerto Rico stammen, hinzu: ,,Die weiße Vorherrschaft ist etwas für extrem zerbrechliche Menschen und traurige Männer wie ihn, deren Selbstverständnis auf dem Mythos beruht, dass sie von Geburt an überlegen sind, weil sie tief in ihrem Inneren wissen, dass sie nicht einmal ein Gurkenglas öffnen oder ein ganzes Buch lesen können." Die afroamerikanische Abgeordnete der Demokraten, Cori Bush, fügte hinzu, dass ,,weiße Rassisten" die Grenzen täglich weiter verschieben: ,,Sie wollen sehen, wie weit sie ohne Konsequenzen gehen können."

Zumindest eine parlamentarische Rüge droht Gosar jetzt. Zehn demokratische Mitglieder des Repräsentantenhauses kündigten die Vorlage einer Resolution an, die sein Verhalten Gosars verurteilt. Sein Twitter-Post ,,überschreite die Grenze des Erlaubten", hieß es in einer Erklärung vom Mittwoch, die unter Federführung der Co-Vorsitzenden der Frauenorganisation der Fraktion der Demokraten verfasst wurde. Dies sei ein ,,klarer Fall für eine Rüge". Wie die Erstürmung des Kapitols am 6. Januar gezeigt habe, könnten böse und vulgäre Botschaften echte Gewalt schüren.

Gosar gehört zu einer Gruppe von mindestens sieben Trump-Getreuen im Repräsentantenhaus, die an den Vorbereitungen des Sturms auf den US-Kongress an den Vorbereitungen für den 6. Januar beteiligt gewesen sein sollen. Das haben mehrere Kongress-Stürmer in Interviews mit dem Magazin Rolling Stone erklärt. Die Abgeordneten Matt Gaetz aus Florida und Lauren Boebert aus Colorado, die ebenfalls zu der Gruppe der Trump-Getreuen gehören, haben darüber gewitzelt, die Metalldetektoren am Kongresseingang zu sprengen, um ihre Waffen ins Repräsentantenhaus bringen zu können.

Die Verrohung trifft auch Abgeordnete aus den Republikanischen Reihen. In diesen Tagen bekommt das Fred Upton aus Michigan zu spüren. Er ist einer der 13 Republikaner im Repräsentantenhaus, die in der vergangenen Woche für das Infrastrukturgesetz gestimmt haben. Upton erhält Todesdrohungen, seit seine Parteikollegin, die Abgeordnete Marjorie Taylor Greene aus Georgia, die Telefonnummern der Republikaner, die ,,Bidens kommunistische Machtergreifung" unterstützt haben, in sozialen Medien veröffentlicht hat. Bei einem TV-Interview spielte er eine ab, in der ein Anrufer ihn ,,Verräter" und ein ,,Stück Scheiße" nennt und ihm und seiner Familie den Tod wünscht.


Aus: "Den Rücken aufschlitzen" Dorothea Hahn, US-Korrespondentin (11. 11. 2021)
Quelle: https://taz.de/Mordfantasien-von-US-Republikanern/!5814877/

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Selbst im Bildungsfernsehen und Zeit-Kolumnen wünschen sich viele den "richtigen Mann" zurück. Warum bloß?

Und das Klischee lebt fort: Männer, die Dickpics verschicken, die Fleisch auf den Grill packen, die sich in Fight Clubs treffen, die auf Seminare gehen, um todsichere Anmach-Techniken zu lernen. Klaus Theweleit hat diese Männlichkeitsbilder als "Körperpanzer" beschrieben. Statt ein Mann zu werden, greift man zu Panzerplatten, d.h. zu erprobten Bildern von Männlichkeit. Die erlauben es einem zu funktionieren. Die werden mit Anerkennung der anderen Männer belohnt, weil sie deren eigenes Verhalten kopieren und so bestätigen. Männer sind also nicht per se männlich, sie imitieren "Männlichkeit". Eine Form von Komplexitätsreduktion – es verringert die vielen Möglichkeiten auf ein paar gesellschaftlich anerkannte. Mut sieht anders aus. Dieses Schissertum, diese Angst, sich auszuleben und auszuprobieren jenseits von Männerklischees, schafft es aber unter großen Anstrengungen, sich als männlich zu geben: breitbeinig und bärtig, mit dunkler Stimme, intellektueller Überlegenheit, Abgeklärtheit und unerschütterlicher Potenz. Aber wie so häufig gilt auch hier der küchenpsychologische Satz: Je mehr etwas betont werden muss, desto fragiler ist es.


... Aber dieses alte Modell des Mannes, der wegen seiner angeblich herausragenden Eigenschaften natürlich die Aufmerksamkeit aller Frauen auf sich zieht, wirkt immer noch fort. Ein aktuelles Beispiel ist der ehemalige Bild-Chef Julian Reichelt, der es als normal empfand, sich vor der Kamera als "super-straight", also als klassischen Mann zu präsentieren – und darunter offenbar leider verstand, untergebene Mitarbeiterinnen solange mit Avancen zu überziehen, bis er sie hatte, wo er sie sich hin wünschte. Interessant ist, dass auch viele Frauen das als normal erachten. Dr. Svenja Flaßpöhler etwa warnte im Gespräch mit Richard David Precht davor, heutzutage werde der Flirt aus dem Büro vertrieben. Der Grund: Weil wir Ambivalenzen, das Ineinanderspielen von Gut und Böse nicht mehr ertrügen: "Die ganze Erotik soll am Arbeitsplatz nichts mehr zu suchen haben". Precht lamentiert voller Zustimmung, dass die Sensiblen ihren "männlichen Kern verloren" hätten.

Machtmissbrauch als Flirt? Für Flaßpöhler ist der echte Mann, der mit "einem männlichen Kern" offenbar eine Idealvorstellung. Hingegen hat sie Probleme mit dem Sensibelchen, das seinen Mann nicht steht. Das verrät sie uns in ihrem aktuellen Buch "Sensibel". Mit dem traditionellen Zerrbild des starken Mannes kommt sie hingegen gut zurecht. Warum? Weil die Komplexitätsreduktion natürlich auch jenen Frauen hilft, die mit ihren Rollenmustern nicht brechen wollen. Wenn die Männer berechenbar in ihrer Rolle sind, können auch die Frauen weiter in ihrem Rollenkorsett bleiben (mit modischen Auflockerungen, siehe Flaßpöhlers Buch ,,Die potente Frau"). Und das schafft Sicherheit. 

... Ich hatte geglaubt, wir wären weiter. Eine kleine Hoffnung bleibt: Das Beschwören des Kerls mit "männlichem Kern" hat deswegen eine solche Konjunktur, weil eigentlich niemand mehr so richtig an ihn glaubt. Wäre er wirklich so potent, bräuchte er keine Rechtfertigung, keine Verteidigerinnen, keinen Zuspruch.  ... Wäre nicht schade drum, wenn er verschwinden würde. Es wäre besser für die Frauen – aber vor allem für die Männer. Die, statt Stereotypen zu imitieren, endlich frei sein könnten.

...


Aus: "Auslaufmodell "Harter Kerl": Mut zur Impotenz" Martin Zeyn (08.12.2021)
Quelle: https://www.br.de/kultur/maennlichkeit-auslaufmodell-harter-kerl-mut-zur-impotenz-100.html

Textaris(txt*bot)

Pierin Vincenz (* 11. Mai 1956 in Chur) ist ein Schweizer Bankmanager. Von 1999 bis 2015 war er Vorsitzender der Geschäftsleitung der Raiffeisen Schweiz. ... Am 28. Februar 2018 eröffnete die Zürcher Staatsanwaltschaft gegen mehrere Personen eine Strafuntersuchung wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung, und Vincenz wurde in Untersuchungshaft genommen. Nachdem die Raiffeisenbank durch die Zürcher Justiz über das Strafverfahren informiert worden war, reichte sie ebenfalls eine Strafanzeige gegen ihren ehemaligen Chef ein. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Pierin_Vincenz

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Quote[...] Pierin Vincenz und Beat Stocker waren für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Für sie gilt wie für alle Beschuldigten die Unschuldsvermutung. ...


Aus: "U-Haft traf Pierin Vincenz völlig unerwartet - Die brisantesten Aussagen der Abhörprotokolle" (06.02.2022)
Quelle: https://www.blick.ch/wirtschaft/u-haft-traf-pierin-vincenz-voellig-unerwartet-die-brisantesten-aussagen-der-abhoerprotokolle-id17210267.html

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Quote[...] Ungetreue Geschäftsbesorgung, gewerbsmässiger Betrug, Urkundenfälschung und passive Bestechung. Die Bestürzung darüber ist gross, dass diese Anklagen ausgerechnet den charmanten Pierin Vincenz treffen, der so anders schien als die arroganten Banker vom Paradeplatz. Er war langjähriger Chef der Raiffeisen-Gruppe und beeindruckte viele mit seiner steilen Karriere. Er baute die kleine Raiffeisenbank zur drittgrössten Bank in der Schweiz auf.

Letzte Woche begann der Prozess gegen Vincenz und sechs weitere Mitangeklagte vor dem Zürcher Bezirksgericht. Im Prozess geht es um womöglich unrechtmässige Gewinne im Umfang von rund 25 Millionen Franken und fragwürdige Spesenabrechnungen über fast 600 000 Franken. Besonders zu reden gibt, dass etwa ein Drittel dieser Spesen für Champagner, Cabaretbesuche und Stripperinnen in Nachtclubs ausgegeben wurde. Die konkreten Verfehlungen der Person mögen spektakulär sein. Doch im Grunde geht es um die Grundstrukturen der Finanzwelt sowie der Gesellschaft insgesamt.

Worum wird bei diesem Konflikt eigentlich gestritten? Was erregt so viel Aufmerksamkeit? Aufregende Sexskandale? Der öffentliche Vertrauensbruch? Der Graubereich zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem? All dies trifft zu, denn immer geht es um Grenzen und deren Überschreitungen. Diese zeichnen die Struktur bürgerlicher Männlichkeit als auch die bürgerliche Gesellschaft insgesamt aus.

Zur Gesellschaft gehört seit der bürgerlichen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts eine Trennung zwischen Ökonomie, Staat und Privatsphäre. Erstere gelten als männliche Bereiche, Letztere als weiblich. Dabei kommt es auch zu Auseinandersetzungen zwischen den männlichen Sphären. Vater Staat und der Unternehmer stehen in einem ständigen Konkurrenzkampf. Die raffinierte Suche nach Schlupflöchern ist das Erfolgsrezept des Unternehmers für die eigene Karriere. Hingegen versucht der Gesetzgeber, mit disziplinierendem Appell oder strafender Hand mal mehr, mal weniger die Schlupflöcher zu stopfen.

Ganz grundsätzlich wird darüber gestritten, ob die Wirtschaft, die Politik oder die Privatsphäre der Ort der Freiheit ist.* Gegenüber beiden männlichen Sphären ist die weiblich und familial konnotierte Privatsphäre abgewertet. Gemeinsam haben die Privatwirtschaft und die Privatsphäre, dass sie nicht direkt unter der Leitung des Staates stehen, gleichzeitig jedoch nur innerhalb der Gesetze und der Vertragsstrukturen des Staates bestehen können (zum Beispiel durch Arbeits- oder Eheverträge).

Die verschiedenen Grenzkonflikte, um die es im Raiffeisen-Prozess geht, hängen in der bürgerlichen, insbesondere unternehmerischen Männlichkeit zusammen. Erfolgreich und anerkannt ist, wer «jemand» wird. Zu «jemandem» wird «Mann», indem man Karriere macht, in der Unternehmenshierarchie möglichst weit aufsteigt und über Status, Geld und Macht verfügt.

Der französische Soziologie Pierre Bourdieu sprach darum von der «libido dominandi», dem Begehren, zu beherrschen. Dieses Begehren war für ihn ein zentrales Element männlicher Herrschaft. Erst das erfolgreich durchgesetzte Bedürfnis, Herrschaft und Kontrolle über andere auszuüben und den eigenen Willen auch in anderen umzusetzen, führt dazu, dass andere eben beherrscht und dem Willen einiger unterworfen werden. Die (Männer-)Welt sähe anders aus, wenn nicht die eigenen Normen und Bedürfnisse gesetzt, sondern bestmögliche Arrangements im Sinne aller angestrebt würden.

Doch Anerkennung von Männern funktioniert oft über Macht, über «Anerkennung der Macht als das Prinzip aller Beziehungen», wie es die Vertreter der Kritischen Theorie Max Horkheimer und Theodor Adorno formulierten. Die verschiedenen Grenzüberschreitungen sind in diesem Streben nach Macht angelegt. «The sky is your limit», lautet das Erfolgsrezept.

Das Machtstreben und die Grenzüberschreitungen betreffen nicht nur die Wirtschaft und das Recht. Auch in den Beziehungen zu Frauen, zur Familie oder in anderen privaten Beziehungen wird dieses Prinzip gelebt. Die Verfügung über den weiblichen Körper zur Erfüllung von Lust und das «Recht», Frauen im öffentlichen Raum, finanziell und in Liebesbeziehungen «in ihre Schranken zu weisen», sind von Beginn an zentrale Elemente dieser Gesellschaft. Und sie sind eng verbunden mit bürgerlichen Männlichkeitsvorstellungen.

Zwar hat sich im Vergleich zur Hochblüte der bürgerlichen Gesellschaft einiges geändert: Die Geschlechtsvormundschaft ist mittlerweile aufgehoben, Frauen dürfen über ihr Vermögen und ihre Einkünfte verfügen und wählen. Auch ist die Vergewaltigung in der Ehe – zwar erst, aber immerhin – seit 1992 strafbar und seit 2004 ein Offizialdelikt. Doch die Abwertung von Weiblichkeit und von Eigenschaften, die mit Weiblichkeit verbunden werden, wie Hilfsbereitschaft, Sorge, Empathie oder Mitgefühl besteht fort und führt zu anhaltender tatsächlicher Ungleichheit zwischen den Geschlechtern.

Die Abwertung dieser Eigenschaften ermöglicht erst die exorbitanten Höhenflüge vieler Businessmänner, die auf Verantwortungs- und Sorglosigkeit gegenüber anderen beruhen. Auch der Besuch von Striplokalen, die Liebschaften und das Hintanstellen der Bedürfnisse der Familie sind Teil dieses männlichen Machtstrebens. In diesen Punkten ist Vincenz nicht so unkonventionell, wie er oft dargestellt wird, sondern entspricht ganz konventionell bürgerlichen Männlichkeitsvorstellungen des Unternehmers.

Der jetzige Finanzskandal lässt erkennen, wie Männlichkeit mit dem Streben nach Macht sowie mit Korruption und Sexismus zusammenhängt. Auch werden in der Debatte um den Prozess die Konflikthaftigkeit und die Fragilität der bürgerlichen Sphärentrennung deutlich. Erleben wir in diesem Prozess eine Stärkung der Justiz oder eher ein verzweifeltes Aufbäumen gegen die Macht der Finanzbranche? Denn die Brüchigkeit des bürgerlichen Arrangements ist vielleicht auch Effekt seiner Zersetzung durch multinationale Akteure, die nationale Gesetze umgehen. Auch sie erweitern ihren Handlungsspielraum, indem sie Schlupflöcher nutzen, pflegen und gezielt schaffen.

Dies wiederum schränkt die regulatorische Arbeit der Justiz stark ein. Nationalstaaten müssten koordiniert und solidarisch neue Entscheidungsprozesse mit globaler Tragweite entwickeln. Die Brüchigkeit kann dabei eine Chance sein, denn sie könnte einen Wandel eröffnen hin zu demokratischeren globalen Formen des Zusammenlebens mit mehr gemeinsamer Selbstbestimmung über die Sphärentrennung hinweg. Gelingen Absprachen auf globaler Ebene jedoch nicht, um demokratische Strukturen und Menschenrechte zu sichern, besteht die Gefahr, die bürgerliche Sphärentrennung nicht im emanzipatorischen Sinn zu überwinden, sondern neue globale autoritäre Strukturen zu begünstigen.

Anika Thym promoviert in Geschlechterforschung an der Universität Basel zu kritischen (Selbst-)Reflexionen von Männern aus Führungspositionen in der Finanzbranche und hat dazu über zwanzig Interviews mit Führungskräften aus international operierenden Schweizer Finanzinstituten geführt.

* Korrigendum vom 4. Februar 2022: In der Printversion sowie in der alten Onlineversion wurde die Privatsphäre nicht erwähnt.



Aus: "Raiffeisen-Prozess - Entgrenzte Männlichkeit" Anika Thym (Nr. 05/2022 vom 03.02.2022)
Quelle: https://www.woz.ch/2205/raiffeisen-prozess/entgrenzte-maennlichkeit

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Toxisch heißt so viel wie giftig oder schädlich. Der Begriff der toxischen Männlichkeit kommt aus dem Feminismus. Das Konzept beschreibt, so hat es das feministische "Missy Magazine" schon 2018 im Zuge der Debatten rund um Donald Trump oder #MeToo zusammengefasst, eine Gender-Norm, die folgendes Verhalten und Selbstbild umfasst:

Erstens: Männer dürfen keine Schwäche zeigen, Gefühle nur, wenn es um Wut und Aggression geht.

Zweitens: Konflikte werden durch Gewalt gelöst, nicht etwa durch Kooperation oder Kommunikation. Es geht im Umgang mit anderen vor allem um Konkurrenz und Dominanz. Es wird verlacht, verurteilt und verletzt. Mit toxischer Maskulinität werden deswegen auch Sexismus, Misogynie, Homo- und Transfeindlichkeit assoziiert.

Drittens: Ein Mann muss in diesem patriarchalen Rollenbild einem maskulinen Ideal entsprechen und seine (heterosexuelle) Männlichkeit immer wieder unter Beweis stellen, mithilfe von Hierarchien, Ritualen oder Mutproben.

... Toxische Männer schaden nicht nur Frauen, Minderheiten und Gruppen, die sie unterdrücken und diskriminieren. Sie schaden auch anderen Männern und sich selbst. In der Geschlechterforschung werden Einsamkeit, soziale Isolation, Depressionen und erhöhte Suizidraten als Folgen toxischer Männlichkeit genannt. Die Lebenserwartung von Männern, etwa in Russland, ist geringer als die von Frauen. Alkohol, Gewalt, Suizid und Verkehrsunfälle sind Gründe. Jetzt werden sie in einen Krieg geschickt, der so nicht genannt werden darf. Am Ende zahlen auch sie den Preis für Putins Politik der toxischen Männlichkeit.

Und Putin? Der Krieg habe ihn groß gemacht, schrieb der US-Schriftsteller Jonathan Littellam vergangenen Samstag in der Welt, "ein Krieg wird ihn auch zu Fall bringen". (Mia Eidlhuber, 8.3.2022)


Aus: "Das Gift der narzisstischen Männer" Mia Eidlhuber (8. März 2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000133917318/das-gift-der-narzisstischen-maenner

Quote
Martin Kaffanke
8. März 2022, 07:16:04

Wie ein Mann sein soll sehen wir auch im Fernsehen/Kino/Netflix und co. Solange überall diese "Helden" als männlich gelten, die durch die Welt jagen und mit Gewalt ihre Bedürfnisse abarbeiten, werden wir kein neues Männerbild bekommen.


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10318_1110, 8. März 2022, 07:14:57

"man muss das Geschlecht welches laut Artikel Leid bringt anscheinend laut betonen"

Sie haben den Text nicht verstanden. Es geht nicht um das Geschlecht und nicht um "die bösen Männer", sondern um ein bestimmtes Verständnis von Männlichkeit - und dieses Verständnis gibt es sowohl bei Männern als auch bei Frauen.

"Alle toxischen Männer haben oder hatten eine Mutter die sie hätte zu einem besseren Menschen erziehen können."

Genau, denn der Vater hat mit der Erziehung bekanntlich rein gar nichts zu tun!


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ungleiches Gleichnis, 8. März 2022, 06:52:03

Ich halte diese Einzeltätertheorien nicht für sinnvoll
Es waren nicht Hitler, Stalin, Mao, Putin, Pinochet, ... alleine.

Es waren und sind keine Einzelakteure im luftleeren Raum. Es geht dabei immer zumindest um ein enges Umfeld an gleichgesinnten Unterstützern und um ein sehr breites Umfeld innerhalb einer gesellschaftlichen, ähnlich gesinnten Masse. Hinzu kommt idR eine sehr große Menge, die zumindest so weit konform geht, dass Widerstand faktisch ausgeschlossen ist.

Lassen wir uns also keinen Sand in die Augen streuen. Es ist nicht Putin und es ist nicht seine Partei. Viel mehr geht es um die "Gesellschaft". Darum wie Menschen mit ihren Ängsten gesteuert werden können. Wie Macht dadurch Ohnmacht erzeugen kann. Es sind vielmehr die Strukturen, als die letztendlichen Täter.



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Franz Salz

Ganz einfach erklärt!
Toxische Männlichkeit entsteht dort, wo das rücksichtsloseste, das gewalttätigste und das lauteste Männchen, die größte Anerkennung, die schönsten Weibchen und das beste Fressen bekommt.
Also in den Reservaten der alten Werte und jeder weiß wo die sind!
Wir in der West-Europa aber auch in anderen Ländern, also zumindest ein Teil von uns, versuchen mit Kultur, Bildung und Wissenschaft diese unheilige Allianz aus Gewalt und Religion zu brechen, um so den Herausforderungen der Zukunft standzuhalten.
Es funktioniert noch nicht so gut wie wir es gerne hätten!
Auch bei uns sitzen viele noch auf den Bäumen und lassen sich nicht herunterlocken aber immerhin wir versuchen es und bewerfen andere nicht mit unserer Scheiße!


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Paul Hoerbiger

Wir können nur kulturelle Ausformungen ändern, nicht aber unsere Instinkte in Bezug auf sexuelle Anziehung, die sich in Millionen Jahren Evolution herausgebildet haben


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Postingnamekannnichtgeändertwerden

Ich habe mich schon öfter gefragt, ob es Eroberungskriege gegeben hätte oder gäbe, wenn mehrheitlich Frauen das Sagen hätten.


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titus lucretius carus

,,Männer dürfen keine Schwäche zeigen, Gefühle nur, wenn es um Wut und Aggression geht."

männer zählen in bewaffneten konflikte noch immer nicht zur vulnerablen gruppe, da greift man dann gern auf das sonst verhasste männerbild zurück...


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Jenesaisquoi

Das ist wahr. Da greift ,,Mann" dann gerne darauf zurück. Ich möchte aber erwähnen, dass ich in den letzten Tagen mindestens drei Artikel/Diskussionsbeiträge von Frauen gelesen haben, die genau das kritisiert haben - auch im aktuellen Fall der Ukraine. Auch Männer haben durchaus ein Recht auf Flucht. Es gibt ja auch Frauen, die zu den Waffen greifen.


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dcdw_thx1138

Mütter machen Männer.


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Leonid Leonid

Väter machen Männer


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The Librarian

Männer machen Männer


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Durchdenken

Medien machen Männer.


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Don Federico

Mama und Papa sind selbst schuld, dass ich wütend bin. Hätten sie mich nur mehr lieb gehabt.


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Ergänzende Fragen

Genau: weil alle Männer so "toxisch männliche" Diktatoren von riesigen Ländern sind. Mit einem Fingerschnippen andere riesige Länder mit der Armee überfallen. Weil ja Frauen in Machtpositionen nicht den Verführungen von Macht & Geld erliegen ; )
Seit auch Frauen die Gelegenheit zu Machtmißbrauch haben, gibt es ihn auch dort. Wie man auch bei österreichischen Politkerinnen - vor allem im rechten Lager - seit Jahrzehnten deutlich sehen kann.

Ich bin für die Emanzipation von ALLEN Menschen im Sinne der Aufklärung - und alle sollen nach ihrer Facon leben. Und das Sexleben der Leute geht mich nichts an - und ich will es auch gar nicht wissen.

Und ich bin gegen die indirekte "Heiligsprechung" von Frauen, Schwulen (da hatten wir schon üble Populisten) und Transvestiten. Wir haben die Gewaltenteilung in unserer Verfassung - weil kein Mensch zuviel Macht haben sollte. Betonung auf Mensch : )


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Jenesaisquoi

Genau. Das ist Feminismus.


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Walbeisser

Übrigens...
...wenn Männer sich nicht-toxisch verhalten, also Empathie, Verletzlichkeit und Sensibilität an den Tag legen, werden sie gerne von Feministinnen (besonders hier im Forum) lächerlich gemacht ("mimimi", "herumheulen", Incel, usw.).
Das finde ich herrlich (sic) ironisch.


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Jenesaisquoi

Gekränkter Narzissmus ist jetzt vielleicht nicht unbedingt die Art Gefühl von der man mehr haben möchte. Und keinesfalls hat das was mit Empathie, Verletzlichkeit und Sensibilität zu tun. Emotionale Inkompetenz heißt nicht, dass man keine Gefühle hat, sondern dass man sich damit nicht auskennt.


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Des Standards wildes Groupie

Gibt es zu "Stutenbissigkeit" eigentlich ein männliches Pendant?


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Dschingis Wahn

Gibt schon einige Analogien aus der Fauna....nur meist mit heroischem Beigeschmack:
Streithähne, Revierkämpfe, Alphamännchen, Silberrücken, Leithamml, Leitwolf, Imponiergehabe...


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Ausgeflippter Lodenfreak

Toxische Männlichkeit ist ein feministisches Konzept um ALLE Männer unter Verdacht zu stellen und zu beschimpfen. Es ist die Allzweckwaffe um bei allem was ein Mann sagt oder tut, was irgendwem nicht passt, das auf sein Geschlecht zurückzuführen. Es ist eine Art Erbschuldmodell für Männer. In seiner völligen Beliebigkeit ist der Begriff auch ungeeignet irgendetwas wirklich zu beschrieben. Außerdem ist er extrem abwertend und man stelle sich vor, jemand würde anderen Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion, Hautfarbe, usw. unterstellen einen toxischen Anteil zu haben. Absurderweise gibt es bei Gender und Feminismus noch nicht einmal toxische Weiblichkeit, obwohl Frauen z.B. auch schon Krieg führten und narzistisch sein können.


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Orjares

Nein

Sie erfinden hier eine Definition und argumentieren dann dagegen.

Toxische Männlichkeit ist eine einzelne Ausprägung von "Mann" unter vielen möglichen. Eine Ausprägung, in der Männer hart sein müssen, keine Ängste haben, Wut die einzige erlaubte Emotion ist, jeder Mann anstreben sollte in der Hackordnung ganz nach oben zu kommen.

Übrigens ist eine Eigenschaft auch, diese Ausprägung als einzig wahre Männlichkeit zu sehen.


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reunion

Wie lange muss man sich dieses Männer-Bashing eigentlich noch geben?


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Da geht noch was

Sind Sie davon betroffen?


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trukazec

Das Forum, wie zu erwarten war, voller getriggerter Kinder. Ich schäme mich schon fast, ein Mann zu sein. Es ist ganz einfach; Wenn ihr nicht Teil davon seid, müsst ihr euch auch nicht angesprochen fühlen. Oder fühlt ihr euch auch angesprochen, wenn es um Mörder, Triebtäter und dgl. geht?


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derbladefranz

alles richtig, aber nicht zu unterschätzen auch die toxische stutenbissigkeit. ;)


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Da geht noch was

Mein Gott sind Sie aber lustig!


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Cap1tal

Wäre Fr. Le Pen Russlands Präsidentin, würden wir uns jetzt in gleicher Situation befinden. ...


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Voestler

Korrekt: ich erinnere an Thatcher und die Falkland Inseln.


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betterknower

Würden die Frauen ihr toxisches Wahlverhalten auch bei uns in Griff bekommen, gäbe es nicht nur in Finnland und Schweden Frauen in der politischen Elite.


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pauletta

ich sags wieder......nehmts euch nicht soooooo wichtig.....und wieder......bedanke ich mich bei all den nicht toxischen männern die grad jetzt im krieg ihren mann stehen, menschen leben retten, wenn sie in tiefe schächte kriechen, feuerwehrmänner, da gibts noch viele.....ohne ein aufheben darum zu machen......arbeitens sie mal in einer abteilung mit nur frauen zusammen, toxischer gehts oft gar nicht. mobbing, intrigen, getuschel..... wurscht wer an der macht ist egal ob mann oder frau, da sinds alle gleich narzistisch ...


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Wieauchnimmer

Narzisstische Frauen sind genauso
am schlimmsten wenn sie Mütter sind.
Noch schlimmer ist es nur wenn sie Single-Mütter sind.


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Wachstumsschmerz

Interessant. Ich brauch mir hier nur die ersten Kommentare durchlesen, schon sehe ich Punkt eins, zwei und drei bestätigt.
Gleich brüllen Alle los: Aber die Frauen sind auch soooooo!!!!

Herrlich


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face_the_truth

"toxische männlichkeit"

diese beschreibung von "toxischer männlichkeit" klingt für mich schlicht nach "a oaschloch sein".
aber wieso brauchts dafür eine neue formulierung? ...


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krendl

Weils unterschiedliche Formen und Ursachen von oaschlöchern gibt.


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face_the_truth

damit kann ich arbeiten


...

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Im Tierreich rüsten die Männchen auf, um Weibchen zu erobern. Sie demonstrieren Stärke, Kraft, lautes Geschrei. Manche singen in hohen Tönen, manche sehen rot. Sie zeigen ihre Eier, ihre Kampfbereitschaft, ihr Gemächt. Das ist, was Russland tut. Seine Eier sind aus Stahl. Sein Sperma ist Schwarzpulver.

150.000 Soldaten mit schwerem Gerät hat Russland an die Grenze zur Ukraine verlegt. Laut US-Geheimdiensten reicht das, um siegesgewiss in die Ukraine einzumarschieren und die Regierung dort zu stürzen, was eines der Szenarien ist.

In endlosen Kolonnen fahren russische Militärfahrzeuge und Panzer an der 2.295 Kilometer langen russischen Grenze zur Ukraine auf. Und an der 1.084 Kilometer langen zwischen der Ukrai­ne und Belarus, denn auch Belarus ist involviert. Von drei Seiten bedrängt Russland sein Nachbarland.

Die demonstrierte Macht der Panzer mit ihren phallischen Kanonenrohren und der Kampfflugzeuge mit ihren geschürzten Schnauzen wirkt obszön. Sie richten sie auf die Ukraine; Ukrayina. In Sprachen mit grammatischem Geschlecht ist die Ukraine weiblich. Die Ukraine also – aber selbst wenn das Land die Frau ist, ist dies kein Freibrief, sie mit Gewalt zur Vereinigung zu zwingen: ,,Nein heißt Nein."

Auch im Tierreich wird vergewaltigt. Also gilt der Vergleich vom Anfang des Textes. ,,Häufig attackieren die Männchen die Weibchen in Gruppen, was dramatische Folgen haben kann" – für manche Weibchen gar tödliche. So ist es auf der Webseite der ARD-Sendung ,,Planet Wissen" zu lesen. Delfine, Fledermäuse, Stockenten sind auf Gang-Bang aus.

Bereits mehrfach wurde die Ukraine bezwungen. Befragen Sie die neuere deutsche Geschichte. Und die russische. Beide Länder haben sich die Ukraine zeitweise einverleibt. Unsere Urgroßväter, Großväter, Väter haben das Land erobert und vergewaltigt. Im Wörtlichen und Übertragenen. ,,We live in Bloodland", wir leben im Blutland, sagte die ukrainische Autorin Hanna Hrytsen­ko, die zu Faschismus und der neuen Rechten forscht, als sie mich im vergangenen Herbst durch die Schlucht von Babyn Jar führte, diesen Ort, wo die Deutschen im Zweiten Weltkrieg Hunderttausende erschossen.

Vor Jahren habe ich meinen inzwischen verstorbenen Vater, der Wehrmachtssoldat war, auch im Osten, gefragt, ob er im Krieg vergewaltigt hat. ,,Nein. Aber einmal hätte ich gekonnt, nur war ich zu besoffen."

Wenn ich das erzähle, wird mitunter mit Unverständnis reagiert: ,,Warum willst du das wissen?" Und: ,,Was hast du davon?" – Ja, was? Wie anders als durch Fragen, komme ich seiner Wirklichkeit näher? Ich bin eine Frau. Ich will nicht vergewaltigt werden.

Die Panzer, die Russland auffährt, die Kanonenrohre, die Putin zeigt, in ihrer Obszönität sind sie im Grunde lächerlich, wenn sie nicht so sehr die Integrität derer, die sie als Beute auserkoren haben, verletzen würden.

Mich erinnert das an den Mann, der auf einem weitgehend leeren Bahnsteig einer Berliner U-Bahn steht. Nur er und ich. Er trägt einen Mantel; die Hände in den Taschen. Es ist sein unruhiger, nach allen Seiten gehender Blick, der irritiert; er checkt die Umgebung. Langsam kommt er näher. Plötzlich schiebt er mit den Händen, die er in den Taschen hält, als wolle er sogleich eine Waffe ziehen, und das tut er ja auch, den Mantel auseinander und richtet seinen stehenden Schwanz auf mich. Seine Jeans ausgeschnitten rund ums Gemächt. ,,Du Drecksau!", brülle ich: ,,Ich will dein Kanonenrohr nicht sehen." Da kommt Gott sei Dank die U-Bahn. Krieg ist das Ding mit Schwanz.

Der Literaturwissenschaftler Klaus Theweleit beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen Krieg, Faschismus und toxischer Männlichkeit. ,,Männerphantasien" heißt sein bekanntes Buch. Letzten Herbst hat er bei der Verleihung des Ador­no-Preises in der Dankesrede einen Satz seiner Frau zitiert: ,,Männer werden zivilisiert durch Frauen; egal wo auf der Welt." Im Umkehrschluss heißt das: Wer nicht zivilisiert werden will, muss Frauen bekämpfen.

Aber so einfach ist es auch nicht, diesen Satz mir nichts dir nichts auf die Ukraine zu übertragen. Denn das würde bedeuten, dass dort nicht auch Männer wären, die kämpfen wollen – und es in der Ostukraine seit Jahren tun. Prorussische Separatisten und ukrainische Streitkräfte bekriegen sich dort. Nur geht es in diesem Text nicht um Stellungskämpfe, hier geht es um die Obszönität der russischen Militärinszenierung.

Alles hängt mit allem zusammen. So wie der Armeeaufmarsch rund um die Ukraine derzeit stattfindet, ist es wie ein Déjà-vu.

Russland und Belarus beginnen inmitten von Ukraine-Krise mit Militärmanöver (10.02.2022)
https://www.youtube.com/watch?v=qSkQqZFFLgQ

Die Filme der auf gefrorenem, leicht schneebedecktem Boden auffahrenden Kriegsmaschinerie wirken durch das winterliche Schwarz-Weiß der Umgebung wie die Schwarz-Weiß-Filme der Wehrmacht. Die gleiche donnernde Martialität. Auf gleiche Weise wird Stahl und Metall, wird gepanzertes Gefährt und tonnenschweres Gerät, wird Manpower und Testosteron in Szene gesetzt. Es wirkt wie ein Rückgriff ins letzte Jahrhundert. In Europa aber wurde genug Krieg geführt. Niemand will das mehr. Niemand will versehrte Menschen, zerstörte Städte, sinnlose Tote. Krieg ist das Ding mit Bart.

Werden in diesem Jahrhundert Orte zerstört und Menschen getötet, liegt es nicht am Krieg, sondern an der zivilen Zerstörung im Frieden. Die Erderwärmung ist der Killer. Dass sich die Erde erwärmt, hat mit einer ähnlichen Maschinenverliebtheit zu tun, wie die stahlhelmbesoffene Kriegsmaschinerie im letzten Jahrhundert. Trotzdem sind die Herausforderungen jetzt andere. Es geht nicht um Eroberung einzelner Länder, von Putin begründet aus Sicherheit; es geht um die Rückeroberung sicherer Lebensbedingungen für alle. Krieg zwischen Ost und West macht unter den Bedingungen keinen Sinn. Beide Blöcke brauchen den Planeten.

Aus einem weiteren Grund ist die militärische Machtdemonstration von Russland wie aus der Zeit gefallen: Denn auch das Verhältnis zwischen Männern und Frauen hat sich verändert. Heute ist es möglich, die Gewaltstrukturen zwischen den Geschlechtern öffentlich zu diskutieren. Und: Männer hören zu, wenn Frauen sprechen. Nicht alle, aber immer mehr. Sein Gemächt auf eine Frau richten? Gesellschaftlich ist es kein Kavaliersdelikt mehr, sondern ein No-go.

Annalena Baerbock, ,,diese junge Dame, die unsere neue Außenministerin ist", wie Christoph von Marschall vom Tagesspiegel sie patronierend in einem Fernsehinterview titulierte, habe sich, als sie das umkämpfte Separatistengebiet in der Ost­ukrai­ne besuchte, ,,nicht besonders wohl" gefühlt. Man sehe, ,,dass das nicht ihre Welt ist", meint er. Wessen Welt das Kämpfen aber ist, insinuiert sein Statement: die der Männer.

Diese Frau Baerbock aber sagte einen bahnbrechenden Satz beim Staatsbesuch in Ägypten, der von keinem Außenminister je kam: ,,Nur wo eine Frau sicher ist, sind alle Menschen in einer Gesellschaft sicher."

Baerbock ist kaum im Amt, schon ist sie mit einem brandgefährlichen Konflikt konfrontiert, in dem Männer ihre geschwollenen Kämme zeigen. Was macht sie? Sie deutet, wenngleich in einem anderen Krisengebiet, dem in Nahen Osten, mit dem Finger auf Zusammenhänge, die im Kriegsdiskurs so nicht vorkommen. Und sie redet. Redet, wie andere auch, mit allen am Konflikt Beteiligten. Denn der Faden darf nicht abreißen. Konfliktlösung hat viel mit Gespräch zu tun und nicht damit, zur Waffe zu greifen.

Scheherazade hat es vorgemacht, als sie redete, bis der Aggressor, ihr eigener Mann, davon abließ, sie umzubringen. Sie hat von anderen Situationen berichtet, in denen Probleme mit Klugheit pariert wurden, um ihn aus seiner Fixierung, dass all seine Frauen untreu seien und umgebracht gehören, zu lösen. Da ist sie wieder, die Analogie, erscheint Putin die Ukraine doch untreu, weil sie mit der Nato ins Bett möchte.

Reden ist eine weibliche Konfliktlösungsstrategie. Dass in der gegenwärtigen Situation auf der internationalen politischen Bühne alle Akteure weiterhin miteinander reden, macht Hoffnung.

,,Hope is the thing with feathers" [https://www.youtube.com/watch?v=-TbqRaBY9K0]– Hoffnung ist das Ding mit Federn – das ist die erste Zeile eines Gedichts der Lyrikerin Emily Dickinson. Sie lebte im 19. Jahrhundert und gilt als die berühmteste amerikanische Dichterin.

Der Aufbau der Thesenzeile dieses Textes, ,,Krieg ist das Ding mit Gemächt", kopiert Dickinsons Vers. Ihr Gedicht beschreibt, dass Hoffnung widerständig ist, auch unter schlimmsten Bedingungen. Und sie spricht darüber, dass Hoffnung nichts von einem verlangt. Sie ist einfach da.

Auch die Hoffnung auf Frieden.


Aus: "These zur toxischen Männlichkeit: Krieg ist das Ding mit Gemächt" Kommentar von Waltraud Schwab (20. 2. 2022)
Quelle: https://taz.de/These-zur-toxischen-Maennlichkeit/!5833610/

Waltraud Schwab (* 29. Februar 1956 in Oberrimsingen (Breisgau))
https://de.wikipedia.org/wiki/Waltraud_Schwab

QuoteIgnaz Wrobel

Wenn Panzerkanonen phallische Symbole sind, die durch toxische Männlichkeit bewegt werden, was symbolisieren dann Schächte in Kampfjets, aus denen Bomben fallen?


QuoteBoandlgramer

Frauen mögen noch nicht so viele Gelegenheiten gehabt haben, um erektionslos Kriege zu führen - aber mir fallen da ein paar Beispiele ein, in denen Frauen mindestens so gewalttätig agierten wie in Rede stehenden Männer: Angefangen bei den Königinnen der europäischen Monarchien über Margret Thatcher und die Falklandinseln, Hillary Clinton oder Madeleine Albright, denen man, weiß Gott, keine mäßigende Wirkung auf die imperiale Vorherrschaft der USA unterstellen kann...

Ich halte Gerhard Schröder auch für einen alten Trottel, aber er weigerte sich als Penisträger ohne Evidenz mit in den Irak einzufallen, wohingegen sich die Muschi - äh, nein - Mutti Merkel dem Bush damals schamlos an den Hals warf...

Man sollte Frauen fraglos die Gelegenheit zum Scheitern bieten - aber das wird die Welt nicht per se verbessern.

Und die schlechte Welt jetzt nur mit toxischer Männlichkeit zu (v)erklären, sagt auch eher was über die Erklärerin als über die Welt.

Blöd ist nur, dass man immer erst nach dem Lesen weiß, dass es einen nicht interessiert hat... ;)


QuoteDarmok Jalad

Ich bin der Überzeugung das Putins Männlichkeitsbild ein nicht unwesentlicher Faktor in seinem Handeln ist, aber zu diesem Kommentar fällt mir nur ein:

,,Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel"


QuoteWilli Müller alias Jupp Schmitz

"Hoffnung ist das Ding mit Federn". Danke Frau Schwab für diesen Sinn stiftenden, einfühlsamen Artikel, auch für den Hinweis auf Emily Dickinson.

Trotz allem Relativieren schließt sich der Kreis mit

"Hoffnung ist das Ding mit Federn"!


QuoteColonel Ernesto Bella

Der seid einigen Jahren anhaltende Hype um Theweleits Männerphantasien führt zu seltsamen Verwirrungen. Das Buch ist toll, die Kombination von Text und Bild, seine Charakterstudien und Darstellungen von Charaktermasken mit Beispielen aus Kunst, Propaganda, Populärkultur, diese ganze Art der der Anschaulichkeit und Argumentation ist fantastisch. Das Buch ist perfekt in der Erklärung faschistischer, nationalistischer, kapitalistischer männlicher Charaktere, ihrem Habitus, ihrer Kultur, ihrer Sexualutät, ihrer Phantasien, ihrer Ideologie. Aber, es taugt halt wenig zur Erklärung des Faschismus, es taugt wenig um das geopolitische Gerangel der Nationen zu begreifen, es taugt nicht dazu die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus zu begreifen, Imperialismus, Nationalismus, bürgerliche Ideologie usw. Man sollte sich die Grenzen der Aussagefähigkeiten von Theweleits Männerphantasien bewusst machen, sonst stiftet man sich nur unnötige Verwirrungen, schafft es aber nicht eine richtige Kritik herrschender Verhältnisse zu formulieren.


QuoteZeuge14

@Colonel Ernesto Bella Lieber Colonel, wahrscheinlich schauen sie (mal wieder eben) aus männlichem Blickwinkel; lässt mich ihr Kommentar vermuten, gele - oder?

Die Autorin schriebt ja selbst: ""Aber so einfach ist es auch nicht, diesen Satz... "" Es geht im Artikel eben genau um eine erweiterte Sicht, die eben (auch) das typisch männliche an der putinschen Haltung offenbart... gab es da nicht ein entsprechendes Bild "auf Pferd, mit (zudem aufgerichteter) Knarre und blankem Oberkörper. Und das es nicht nur um Theweleits Konzepte in dem Beitrag geht, ist doch klar....Doch mit "Aber, es taugt halt wenig..." wischen Sie so mal eben den ja richtigen Aspekt vom Tisch. Ein rhetotisch "nettes" Mittel, aber hier an dieser Stelle eben wieder mal "so eben und nebenbei" Ausdruck männlicher Arroganz, oder?


QuoteSandor Krasna

@Zeuge14 Das Problem an dieser erweiterten Sicht, ist doch, dass das Bild halt schief wird, wenn einerseits die Weiblichkeit der Ukraine konstruiert wird, aber das Geschlecht des "Mütterchen Russlands" unterschlagen wird. ...


QuoteMichael Myers

Es gibt nur wenige Länder, in denen es ein so massives Problem mit häuslicher Gewalt gegen Frauen gibt. Es gibt noch nicht einmal ein Gesetz, das häusliche Gewalt bestraft. https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A4usliche_Gewalt_in_Russland

Putins toxische Männlichkeit hat durchaus ihre Entsprechung in der russischen Mehrheitsgesellschaft.


...

Textaris(txt*bot)

"gun crazy. Ein Videoessay zu Johnny Guitar (Nicholas Ray, USA 1954)" Von Alina Litau, Judith Stobbe, Adnan Zecevic
Entstanden im Seminar Praktische Filmkritik, geleitet von Michael Baute. Wintersemester 2020/21, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
https://newfilmkritik.de/archiv/2021-04/gun-crazy/

https://vimeo.com/542770165

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Johnny Guitar – Wenn Frauen hassen (Alternativtitel: Johnny Guitar – Gehasst, gejagt, gefürchtet und Johnny Guitar – Gejagt, gehaßt, gefürchtet; Originaltitel: Johnny Guitar) ist ein US-amerikanischer Western von Nicholas Ray aus dem Jahr 1954 mit Joan Crawford in der Hauptrolle. Während der Film bei seiner Veröffentlichung zumeist negative Kritiken bekam, genießt er unter Filmkritikern inzwischen große Anerkennung; häufig wird er sogar als ,,Kultfilm" bezeichnet.  ... Phil Hardy notiert, der Film sei ,,auf eine lyrische und barocke [...] Weise ein Meisterwerk wie nur wenige Western". Die Dialoge seien ,,tranceartig", das Spiel der Schauspieler ,,manieriert", die Lichtsetzung ,,grell, fast surreal". Der einflussreiche US-Filmkritiker Roger Ebert gab Johnny Guitar im Jahre 2008 die Höchstwertung von vier Sternen, es sei eines der ,,radikalsten psychosexuellen Melodrame" im Gewand eines Westerns. Er wies auf die verworrenen Liebesbeziehungen im Film sowie auf die lesbischen Untertöne bei den weiblichen Hauptfiguren hin. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Johnny_Guitar_%E2%80%93_Wenn_Frauen_hassen

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Hammett, Chandler, Cain, vielleicht noch Jim Thompson: Diese Grössen des «hard-boiled», des hartgesottenen Kriminalromans, sind bekannt für diese Literaturgattung. Aber Hughes? Dorothy Hughes? Doch, diese Autorin gehört genauso zum Kanon wie all die Männer. In den Vierzigerjahren, noch vor Patricia Highsmith, schrieb sie Romane, die heute dem Subgenre Noir zugeordnet werden. Gerade mal 2 ihrer 14 Romane erschienen vor 40 Jahren auf Deutsch. Und gingen rasch vergessen. Die Neuübersetzung ihres bekanntesten Romans ermöglicht nun einen Blick auf diese spannende Schriftstellerin. «Ein einsamer Ort» kennt man vor allem durch die Verfilmung von Nicholas Ray aus dem Jahr 1950: «In a Lonely Place». Doch der Film mit Humphrey Bogart in der Hauptrolle als Dix Steele erzählt eine andere Geschichte als der Roman. Denn ein Star wie Bogart konnte damals nicht ein Serienmörder sein. Und ohnehin war der Plot zu verstörend. Im Roman ist Dix, der im Zweiten Weltkrieg Jagdflieger war, ein Psychopath. Er hadert damit, dass er nicht aus einer reichen Familie kommt und darum nicht sorglos in den Tag hineinleben kann. Und er hasst Frauen. Eigentlich sucht Dix, oder macht sich das mindestens vor, eine Frau fürs Leben. Doch er fühlt sich ständig zurückgewiesen. «Sie waren alle gleich. Betrügerinnen, Lügnerinnen, Huren. Selbst die Frommen warteten nur auf die Gelegenheit, zu betrügen, zu lügen, herumzuhuren.» ...


Aus: "Der erste Serienmörder-Roman" (Hanspeter Eggenberger (31.08.2022)
Quelle: https://www.tagesanzeiger.ch/der-erste-serienmoerder-roman-599623038949

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Quote[...] Der Krimi in den Vierzigerjahren ist voller Männer. Sie morden, sie kombinieren, sie decken auf. Den Frauen bleibt da nur noch das Sterben. Bei Dorothy B. Hughes' Buch Ein einsamer Ort ist das anders. Mit diesem erschreckend zeitlosen Kriminalroman wurde sie zu einer – vielfach vergessenen – Pionierin des amerikanischen Noirs. Schon 1947 verwirft sie die festgefahrenen Geschlechterrollen des Genres, das mit einem besonders pessimistischen und gewalttätigen Blick auf die Welt seine Akteure und deren Entwicklung in den Mittelpunkt stellt. Die Darstellung ihres Hauptcharakters, Dix Steele, prägte die Figur des Serienmörders für die kommenden Jahrzehnte.

Dix, ein ehemaliger Kampfpilot, hat sich unter dem Vorwand, ein Buch zu schreiben, nach Los Angeles abgesetzt und führt dort mit der spärlichen finanziellen Unterstützung seines Onkels ein eigenbrötlerisches Leben. Er vermisst die Aufgeregtheit und Rohheit des Krieges und verachtet das bürgerliche Leben mit all seinen Zwängen, das nun stattdessen seinen Alltag dominiert. Hughes versteht es, gesellschaftliche Phänomene und die individuelle Psyche in ein präzises Verhältnis zu setzen. Sie erzählt die Geschichte aus Dix´ Perspektive, einem Kriegsveteranen, der sich ohne seinen Kampfjet seiner Freiheit und seiner Männlichkeit beraubt sieht, in einer Nachkriegswelt, der er sich unendlich überlegen fühlt und die er gleichzeitig fürchtet. All das entlädt sich in seinem unbändigen Frauenhass. "Sie waren alle gleich. Betrügerinnen, Lügnerinnen, Huren. Selbst die Frommen warteten nur auf die Gelegenheit, zu betrügen, zu lügen, herumzuhuren. Sie hatten es ihm bewiesen, wieder und immer wieder. Anständige Frauen gab es nicht."

Jeden Monat sucht sich Dix daher ein neues weibliches Opfer, vergewaltigt und erwürgt es. Hughes macht Dix zu einer personifizierten Form von toxischer Männlichkeit, in einer Zeit, die für dieses Verhaltensmuster noch gar keine Begrifflichkeit kennt. Während die Polizei im Dunkeln tappt, nähert sich Dix seinem ehemaligen Freund aus Kriegstagen, Brub, an. Brub ist mittlerweile Ermittler in der Mordkommission des L.A. Police Department und versucht, den anhaltenden Frauenmorden ein Ende zu setzen. Dix genießt das Risiko, das mit der Freundschaft zu Brub verbunden ist, wähnt sich in seiner naiven Überheblichkeit in Sicherheit, genießt es sogar, mit der Polizei zu wetteifern. Nur Brubs Frau, Sylvia, ist ihm ein Dorn im Auge. Ihr scharfer Verstand und ihre neugierigen Fragen bereiten ihm Sorgen. Und dann ist da noch Laurel, seine wunderschöne Nachbarin, in die er sich Hals über Kopf verliebt, die seine aufbrausende Liebe aber nicht erwidern will und damit seinen Zorn auf sich lenkt. Am Schluss ist es genau dieses Duo, Sylvia und Laurel, das Dix wirklich durchschaut. Wahrscheinlich gerade weil sie das tun, was Dix an Frauen so verabscheut – sie fragen nach, sind neugierig und tratschen. Das macht das Ende umso zufriedenstellender, prognostiziert Dix doch noch selbstsicher, niemals werde ihm ein Fehler unterlaufen.

Ein einsamer Ort ist ein Kriminalroman, der auch 75 Jahre nach seiner Veröffentlichung, oder vielleicht besonders jetzt, funktioniert. Es ist der nüchterne Stil, der Klischees und Konventionen trotzt und das Buch bis zur letzten Seite spannend bleiben lässt. Kein feministisches Feuerwerk, das möchte Ein einsamer Ort auch nicht sein, aber dennoch ein kleiner wohltuender Lichtblick aus einer vergangenen Zeit, in der sonst vor allem Männer ermitteln durften.

Dorothy B. Hughes: "Ein einsamer Ort." Kriminalroman; a. d. Engl. v. Gregor Runge; Atrium  Verlag, Hamburg 2022;  256 S.



Aus: ""Ein einsamer Ort" von Dorothy B. Hughes: Zurück in die Zukunft" Eine Rezension von Eva Sager (2. November 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/2022/44/ein-einsamer-ort-dorothy-b-hughes-kriminalroman

Dorothy Belle Hughes (* 10. August 1904 in Kansas City, Missouri als Dorothy Belle Flanagan; † 6. Mai 1993 in Ashland, Oregon) war eine US-amerikanische Kriminalschriftstellerin und Literaturkritikerin. ... Walter Mosley schrieb über sie: ,,Hughes Romane sind sorgfältig geschaffene Werke, ihrer Zeit voraus in dem Gebrauch von psychologischer Spannung und ihren drückenden Beobachtungen über Klasse und Rasse. Sie zählte zu den besten." ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Dorothy_B._Hughes


Textaris(txt*bot)

Quote[...] In Deutschland sorgen traditionelle Rollenbilder bei jungen Männern teils für eine hohe Akzeptanz von Gewalt in der Partnerschaft. Das geht aus einer bundesweit repräsentativen Studie der Organisation Plan International Deutschland hervor, die den Zeitungen der Funke Mediengruppe vorliegt. 33 Prozent der befragten Männer im Alter von 18 bis 35 Jahren gaben demnach an, es "akzeptabel" zu finden, wenn ihnen im Streit mit der Partnerin gelegentlich "die Hand ausrutscht".

34 Prozent seien gegenüber Frauen sogar schon mal handgreiflich geworden, um ihnen Respekt einzuflößen, heißt es weiter. "Erschrocken" davon zeigte sich Karsten Kassner, Fachreferent des Bundesforums Männer, gegenüber den Funke-Zeitungen. "Problematisch ist, dass ein Drittel der befragten Männer Handgreiflichkeiten gegenüber Frauen verharmlosen. Das muss sich dringend ändern", sagte Kassner demnach.

Überdies äußerten die Befragten demzufolge eine hohe Abneigung gegen das öffentliche Zeigen von Homosexualität. 48 Prozent gaben an, dass sie sich davon "gestört" fühlen.

Aus der Studie geht den Funke-Zeitungen zufolge auch hervor, dass das Bild der traditionellen "Hausfrau" in den Köpfen vieler Männer verankert zu sein scheint: 52 Prozent der Befragten sähen ihre Rolle darin, genug Geld zu verdienen – sodass sich die Frau hauptsächlich um den Haushalt kümmern könne. Jeder zweite junge Mann möchte laut den Daten keine Beziehung mit einer Frau eingehen, wenn diese bereits viele Sexualpartner gehabt hat.

51 Prozent hätten zudem angegeben, dass sie schwach und angreifbar seien, wenn sie Gefühle zeigen würden, heißt es weiter. Dabei sagten 63 Prozent, dass sich manchmal traurig, einsam oder isoliert fühlen würden. "Die klassischen Rollenbilder sind eben doch noch in den Köpfen der Gesellschaft verankert", sagte Alexandra Tschacher, Sprecherin von Plan International Deutschland, den Funke-Zeitungen.

Viele Männer seien zwar grundsätzlich bereit, sich für mehr Gleichberechtigung und gegen Rollenklischees einzusetzen, würden dies aber nicht in konkrete Taten umsetzen, sagte Kassner demzufolge. Es sei auch Aufgabe der Politik, die Rahmenbedingungen zu verändern. Ein gutes Beispiel sei die von der Bundesregierung geplante bezahlte Freistellung nach der Geburt für Väter.

Für die Umfrage wurden vom 9. bis zum 21. März bundesweit 1.000 Männer sowie 1.000 Frauen im Alter von 18 bis 35 Jahren mit einer standardisierten schriftlichen Online-Befragung befragt.


Aus: "Umfrage: Jeder dritte junge Mann findet Gewalt gegenüber Frauen "akzeptabel"" (11. Juni 2023)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2023-06/umfrage-frauen-maenner-gewalt-homosexualitaet-plan-international-deutschland

QuoteDer Jo

Beste Vorausetzungen für die Ewiggestrigen Parteien; das sind ja dann die Einstellungen der

"Guten alten Zeit".

...


Quote
A.Grieger

Gruselig.


Quote
SportlicherGenußmensch

niemals hätte ich auch nur einen dieser werte so hoch geschätzt. wie viele armselige wichte es doch gibt...


QuoteVonKindernFernhalten

Mich wundert es nicht. Andrew Tate ist mit dem Konzept Millionär geworden. Er hat viele, sehr viele Anhänger und seine ,,Botschaften" verbreiten sich immer noch. ... Im Übrigen sind die Gründe für Gewalt gegen Frauen und Homophobie aus meiner Sicht die selben - ein geringes Selbstwertgefühl, das so laut wie möglich aufgeblasen wird. Und für Viele ist Gewalt der logische Weg - vor allem, wenn ,,erfolgreiche" Menschen es vorleben und ja, vielleicht haben die Botschaften der durchschnittlichen Rap-Songs da auch Einfluss.

Nicht zuletzt - hier müsste man sich tatsächlich auch die Herkunft ansehen. Wenn jemand in traditionellen patriarchalen Strukturen aufwächst, dann bringt mehr Erziehungsurlaub für Väter wenig - und auch der Ethikunterricht an der Schule.


QuoteFeery

Wundert mich überhaupt nicht. Denn abseits der eher linksliberalen (sozialen) Medien sieht die Realität genau so aus.


Quote
Colentina54

Unfassbar, das es so viele Männer sind, die Gewalt gegen Frauen richtig finden! Ich habe selbst Schläge in der Ehe erlebt. Mein (Ex-)Mann sah sich dazu berechtigt und zeigte keine Reue. Das war aber im letzten Jahrtausend.
Welche Erziehung durch die Mütter haben diese jungen Männer von heute genossen, dass sie sich immer noch Frauen überlegen fühlen und keine anderen Mittel kennen als Gewalt? Würde Ihnen bei einem Freund auch "die Hand ausrutschen"?


Quotej
jstawl

Wundert mich leider nicht wirklich. Insbesondere in Kreisen mit Migrationshintergrund und ! In rechten Kreisen scheinen Frauenrechte eher unter "Gedöns" zu laufen. Ein trauriges Bild unserer Gesellschaft


Quotegoldi53

Diese Zahlen können sollten die Gesellschaft sehr nachdenklich stimmen. Offensichtlich ist die Einstellung auch von jungen Menschen, nicht soviel anders als die der älteren Generation. Wobei ich zugeben muss, dass diese Zahlen für mich nicht nachvollziehbar sind. ...


Quote
heute789

Bevor man hier pauschal urteilt, wäre es interessant zu wissen, welche Fragen konkret gestellt wurden und welche Bevölkerungsgruppen beteiligt waren. Da ich in meinem gesamten Bekanntenkreis niemanden kenne, der Gewalt gegenüber Frauen befürwortet, halte ich das Ergebnis - zumal nur 1000 Personen befragt wurden - für keineswegs repräsentativ.


QuoteZirbelzalp

Wundert mich nicht.

,,Wie man mit denen laut Andrew Tate umgehen sollte? "Schlagen, schlagen, packen, würgen. Halt's Maul, Schlampe! Sex."

https://www.zeit.de/2023/18/maennerrechtsbewegung-antifeminismus-mannosphaere-red-pill


Quoteisabelle_ulrich

Das würde er bei mir nur einmal probieren.


Quote_.-._

An die, bei denen bei dem Begriff "toxische Männlichkeit" die Düse geht: Genau das ist sie:

"33 Prozent der befragten Männer im Alter von 18 bis 35 Jahren gaben demnach an, es "akzeptabel" zu finden, wenn ihnen im Streit mit der Partnerin gelegentlich "die Hand ausrutscht"."
"34 Prozent seien gegenüber Frauen sogar schon mal handgreiflich geworden, um ihnen Respekt einzuflößen"
"51 Prozent hätten zudem angegeben, dass sie schwach und angreifbar seien, wenn sie Gefühle zeigen würden, heißt es weiter. Dabei sagten 63 Prozent, dass sich manchmal traurig, einsam oder isoliert fühlen"

Der Begriff meint nicht das Männlichkeit allgemein toxisch wäre, sondern nur dass bestimmte Formen von Männlichkeit wo Gefühle und Unsicherheiten unterdrückt werden die sich dann in Gewalt entladen, toxisch sind.


QuoteAughves

Bei solchen Ergebnissen ist es immer recht spannend, welche Fragen mit welchen Antwortmöglichkeiten da genau gestellt wurden.


QuoteSnelgreb

Ohne Zahlen zu kulturellem Hintergrund und anderen Merkmalen, sind solche Umfragen ziemlich wertlos. "Junge Männer" ist ein weit gefasster Begriff. Ich denke wir wissen alle, was der Elefant im Raum ist.


QuoteShanti Müller

Viele Details fehlen hier, z. B. auch, wer macht überhaupt bei solchen Befragungen mit. ... Das ein sogenannter Migrations Hintergrund auch eine Rolle bei den Ergebnissen spielt ist möglich.


Quote100010011100000010013

Bei einer groben Migrantenquote von ca. 33 % unter Männern, könnte diese Umfrage ein Weckruf sein. Aber nein: Augen zu und durch!


QuoteAlles-eine-Frage-der-Perspektive

Es ist erschreckend, wie viele Kommentator*innen hier gleich wieder alles auf Muslime schieben und von "patriarchalisch geprägten" Kulturkreisen sprechen. Als wäre Deutschland ein Matriarchat. Als hätte noch nie ein Christ seine Frau geschlagen. Die "jungen Leute" bestehen eben nicht nur aus woken Genderaktivist*innen, auch wenn gern so getan wird. Konservative und frauenfeindliche Weltbilder gibt's in allen Gesellschaftsschichten. Man frage doch mal bei AFD-Anhängern, in abgelegenen Dörfern, die Studenten in Burschenschaften, die Söhne "aus guten Familien"....da gibt es mehr weißen Frauenhass als genug.


QuoteSimsalartist

Jungs, die 50er haben angerufen. Sie wollen ihr Rollenbild zurück haben.


QuoteStadthexlein

... Bitte in Zukunft den Link zur Studie mit veröffentlichen ...


QuoteTeacher_for_Future

30% - eine schlichte Zahl - und so viele Abgründe dahinter. ... Wer Gewalt ausübt, damit mehr "Respekt" da ist, ist aus meiner Sicht ein Idiot, sorry!  ... An alle Männer: Gebt Eure Schwächen zu. Erst dann seid ihr emotional starke Männer: Dann habt ihr so einen Scheiß nicht nötig!!


QuoteFeiner Kerl

Hier würde mich auch die cluster interessieren. Wie schneiden hier die Männer mit Wurzeln aus den neuen Bundesländern ab. Wie ist hier die Parteipräferenz verteilt, wie die Stadt-Land Verteilung. Gibt es Unterschiede zwischen direkten Migranten und denen der 1. Oder 2. Generation. Diese Frage stellt sich wenn es um doppelte Staatsbürgerschaft und dadurch um Wahlrecht.


...

Textaris(txt*bot)

Quote[...] I don't know of a single woman my age who hasn't engaged with, say, the pro-abortion campaign in Ireland, the outpouring of women's fear post Sarah Everard, the body positivity movement, menopause or the lack of pain relief for gynaecological procedures. This is what we do. It feels normal, useful and, ultimately, positive.

The men of my age, however? When I look at my roughly equivalent male peers – progressive, leftwing, liberal men with public platforms – there is no such culture when it comes to the issues that concern men and boys. There is no semi-organised, progressive movement that habitually raises, and then campaigns in support of, solutions for male problems: educational underachievement and exclusion; sky-high mental ill-health and suicide rates; porn-influenced strangulation; fatherhood being seen as the "lesser" parenting role; and the epidemic of loneliness in older men (nearly a third of men say they have no close friends.) There is no sense of these all being folded in together, under the subject "How things needs to change for boys, and men" in the way they have in feminism. And into this vacuum created by the progressive left: the advent of Tate, Jordan B Peterson and the "incel" movement.

When I started interviewing men my age about their lives, and asking why they didn't talk about these things in public, a certain batch of sentiments came up repeatedly. "Men talking about their problems is boring." "I don't want to make a fuss." "I don't want to be accused of having Emotional Man Flu."
Which is why the difference between where women and men currently are in "talking about their problems" is vast. Women are newly fascinated with being absolutely, viscerally honest about all the problems to do with being a woman: Schumer will do 10 minutes on her vagina "smelling like a small farmyard animal", while Lily Allen will perform under balloons that read "Lily Allen has a baggy pussy". Women just do not give a shit these days, in the best way possible. Breaking a taboo, or being visceral, is now a very viable career path that inspires both relief and love from your fans.

But can you imagine a male comedian talking about a funky-smelling penis?

...


From: "Caitlin Moran: what's gone wrong for men – and the thing that can fix them" Caitlin Moran (Sat 1 Jul 2023)
Source: https://archive.ph/X397I

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Quote[...] Mareile Poettering ... ist selbstständige Psychologin und hat sich darauf spezialisiert, Männern beizubringen, wie sie ihre Gefühle besser managen. Als wir telefonieren, erzählt sie mir von ihrer Zeit als Klinik-Psychologin, von Polizisten und Soldaten. Viele davon hätten sich nur noch als Maschine gesehen, sagt sie, manche abgerichtet wie ein Hund, die Emotionen abgestumpft von den belastenden Erfahrungen ihres Alltags. Funktionieren. Funktionieren. Immer nur und jeden Tag.

Männer sind nicht als Gefühlslegastheniker geboren, sie werden zu solchen gemacht. Von Geburt an, sagt Poettering, fühlten Menschen erst einmal eine große Bandbreite von Gefühlen. Im Großen und Ganzen könnten Jungen und Mädchen das gleich stark und gleich gut. Studien bestätigen das. Was dann kommt, ist die Erziehung. Wie gut Kinder später mit Gefühlen umgehen, hängt maßgeblich damit zusammen, wie gut das die Bezugspersonen und die Gesellschaft um sie herum können.

Poettering sagt: "Unsere Eltern sind unsere unbewussten Vorbilder für die Art, wie wir lernen, unsere Gefühle zu fühlen oder auch zu verdrängen. Sie geben unseren Gefühlen Worte und auch Bedeutung, durch die Art, wie sie darauf reagieren."
Indianer kennen keinen Schmerz, solche Sätze hören in der Regel nur Jungs. Noch immer. Ich erinnere mich, dass ich mich in meiner Schulzeit oft zum Kotzen brachte, ich glaube, ich hatte Versagensangst. Nicht unbedingt schulisch, viel eher sozial.

... Viele Männer lernten nie, richtig mit ihren Emotionen und ihrer Verletzlichkeit umzugehen, sagt Poettering. Sie lernten nicht, darüber zu reden. Manche lernten nicht einmal, ihre eigenen Gefühle überhaupt ernst zu nehmen.

... Das Ergebnis kann dann etwas sein, das die Wissenschaft "normative männliche Alexithymie" nennt. Also: männliche Gefühlslegastheniker by design. Auch Frauen können alexithym sein, natürlich, vielen wird ja auch derselbe Quatsch erzählt wie den Jungs, aber halt nicht so häufig. Insgesamt gilt ungefähr jede:r Zehnte als alexithym, je nach Studie sind Männer um ein Drittel bis zur Hälfte überrepräsentiert. Besonders häufig sind es ledige Männer, arme Menschen, Menschen mit frühkindlichen Belastungen. Als ich den letzten Punkt lese, muss ich an meine Mutter denken und an meine Kindheit mit ihr. Gäbe es nicht Fotos, würden mir Schwestern und Freunde nicht Geschichten von damals erzählen, ich wäre mir nicht sicher, dass ich damals überhaupt existierte. "Abstumpfung ist ein Schutzmechanismus", sagt Mareile Poettering. Ihre Polizisten- und Soldatenpatienten erzählten ihr regelmäßig von den schlimmen Dingen, die sie erlebten. Ohne sich komplett abzukapseln, dachten sie, überstünden sie das nicht. Erst nicht ran lassen, dann schnell vergessen.

Von der Kindheit mit meiner Mutter ist mir nur ein heftiges Körperzucken geblieben. Ein Reflex. Sobald mir jemand eine Hand vors Gesicht hält, reiße ich meine Hände nach oben, um mein Gesicht vor dem Schmerz zu schützen. Noch immer. Ich erinnere mich auch daran, wie ich früher meine Hand auf ein Buch legen musste und sie ein Pendel darüber hielt. Die Richtung des Pendels verriet ihr meine Gefühle. Der Rest meiner Erinnerung hat sich aufgelöst, fast komplett, wie das lauschige Bizzeln einer Kopfschmerztablette in warmem Wasser.

Wir funktionieren. Nicht weil wir unbedingt möchten, sondern weil uns die Welt dazu zwingt. Für diesen Text treffe ich vor ein paar Wochen Rafael wieder. Wir sitzen in einem fancy Café in München, um uns dünne Start-up-Bros mit dicken Hemdkrägen. Auch Rafael erinnert sich noch genau an die Todesdiskussionsnacht. Er erzählt von einem jungen Kellnerkollegen, dessen Vater ihn kürzlich auf der Arbeit besucht hatte und im Anschluss zusammenbrach. Ein Herzinfarkt auf offener Straße, direkt vor dem Restaurant. In Rafael kam dieses bedrückende Gefühl hoch. Die ganze Schicht bediente er trotzdem durch. Ich stelle ihn mir dabei mit einem Lächeln vor, denn Rafael ist einer, der seine Sache immer gut machen will.
Wie so vieles findet Abstumpfung auf einem Spektrum statt. Sie kann variieren in ihrer Intensität, aber auch in der Art der Gefühle, die nicht mehr in uns hochkommen. 
"Ich bin nicht der aller gefühlvollste Mensch", sagt Rafael.
"Ich bin eher rational", sagt Rafael.
"Ich kann Tote ohne Probleme sehen", sagt Rafael. "Aber dieser persönliche Bezug, das hat mich mitgenommen."

Wir stumpfen ab, um diese Gesellschaft und diese Welt zu ertragen – ein Instagram-Reel nach dem anderen. Flüchtlingsboote kentern im Mittelmeer. Next. Flut und Dürre zerstören Indien. Next. Hubert Aiwangers Gesicht.

Rafael und ich erinnern uns gemeinsam an das Grausamkeits-Best-of unserer Jugend. Beide haben wir das Video der zwei ukrainischen Jugendlichen gesehen, die aus Langeweile wahllos Passant:innen die Gesichter zu blutigem Brei schlugen. Die Videos wurden bekannt unter "Three guys, one hammer", makabererweise angelehnt an "Two girls, one cup". Das Video wurde irgendwann im Jahr 2007 geleakt. Rafael und ich waren 13, vielleicht 14, als wir das sahen. Nachrichten, sagt Rafael, täten ihm schon lange nicht mehr weh.

Die Notwendigkeit zur Abstumpfung ist allgegenwärtig. Ohne sie ist eine Leistungsgesellschaft wie die unsere nicht möglich. Aber, glaube ich, da ist auch die andere Seite. Denn wenn uns der Obdachlose in der U-Bahn nicht mehr kümmert, wenn uns tote Geflüchtete nicht mehr kümmern, wenn uns Klimakrise nicht mehr kümmert, dann sinkt auch das Dringlichkeitsempfinden, die fast alltäglich gewordenen Probleme zum Besseren zu verändern. Der Zugang zu unseren Gefühlen ist also immer auch politisch.

Wo wir schon mal bei negativen Auswirkungen unterdrückter Gefühle sind: Gefühle, mit denen wir uns nicht auseinandersetzen, verschwinden nicht einfach. Sie blieben in uns, sagt Poettering. Ich stelle mir das vor wie einen Kellerraum, der brennt und doch nie gelöscht wird. Irgendwann kommt die Implosion.
Fast schon beiläufig erzählt mir Rafael von einem Nervenzusammenbruch, den er vergangenes Jahr hatte.
"Da wurde mir die Uni zu viel", sagt er. ...

... Ich muss an den Sommer vor zwei Jahren denken. Ich war in Toronto. An einem Abend fuhr ich mit dem Bus durch die Stadt, Bekannte treffen in einer Bar. Der Bus hielt, ich stieg aus und stand plötzlich mitten in einem Tatort. In einem Hauseingang, keine zwei Meter von mir, lag ein junger, Schwarzer Mann in seinem Blut. Leute waren über ihn gebeugt. Von links kamen Polizist:innen mit Sturmgewehren angelaufen. Ich konnte nicht helfen und ging weiter. Nur ein paar Meter weiter führten Einsatzkräfte den Täter an mir vorbei ab. Es war ein großer, weißer, glatzköpfiger Mann. Er zeigte keine erkennbaren Gefühlsregungen.
Ich merkte, wie so etwas wie Panik in mir hochzukriechen begann. Ich nahm mein Telefon aus der Tasche, steckte mir Kopfhörer ins Ohr. Dann drehte ich die Musik so laut, bis ich mich nicht mehr denken hörte.


Aus: "Emotionale Taubheit: Ich, Mann, abgestumpft" Martin Hogger (3. Juli 2023)
Quelle: https://www.zeit.de/campus/2023-06/emotionale-taubheit-abstumpfung-maenner

Textaris(txt*bot)

QuoteSonnenstrahl70

Abgesehen, dass sich der Artikel in der Welt der Reichen tummelt, eigenständige, selbtbewusste und erfolgreiche Frauen machen sehr vielen Männern Angst. Bedauerlicher Fakt.


QuotePippilangstrumpfvictualia

"Etliche Männer brauchen immer noch das Gefühl, der Versorger zu sein. Und ja, es gibt auch im Silicon Valley viele Männer, die eine traditionelle Frau suchen."

Na, klar. Soweit nicht überraschend!


Quote
My Name

Selten so gelacht. Die Dame lässt kein Klischee aus. ...


...

Quote[...] Als professionelle Matchmakerin verkuppelt Amy Andersen die Elite Kaliforniens. Sie weiß, welche Fehler Frauen und Männer beim Dating machen, wie der Traummann einer Millionärin aussieht und warum eine Karriere bei der Partnersuche schaden kann.

Isabel Fisch: Warum verkuppeln Sie wohlhabende Geschäftsfrauen?

Amy Andersen: Der typische Kunde einer Elite-Partneragentur ist eigentlich ein Mann. Lange gab es keine Agentur, die auch erfolgreiche Frauen bei der Suche nach der Liebe unterstützte. Es lief immer so, dass reiche Männer zu einer Agentur gingen, die gezielt Frauen für sie suchte. Ich wollte das ändern. Ich vermittle Männer, aber auch Frauen. Denn ich will, dass die Frauen nicht mehr nur ausgewählt werden, sondern auch selbst wählen können. Außerdem habe ich gemerkt: Die reiche Szene im Silicon Valley besteht mittlerweile mehr und mehr aus Unternehmerinnen und Gründerinnen – es gibt also genug potenzielle Kundinnen.

Isabel Fisch: Was sind das für Frauen?

Amy Andersen: Frauen, die fast alles haben: Sie sind erfolgreich, sehr gebildet, haben viele Interessen, Freunde und gute Beziehungen. Das Einzige, was ihnen fehlt, ist ein Partner. Anfangs habe ich mich auf Frauen zwischen 30 und 45 Jahren fokussiert. Dann habe ich gemerkt, wie groß die Nachfrage auch bei Älteren und Jüngeren ist. Heute sind meine Kundinnen zwischen 20 und 70 Jahre alt. Manche kommen frisch von der Uni, andere sind geschieden oder haben ihren Partner verloren. Mit älteren Frauen arbeite ich besonders gerne. Sie sind oft selbstbewusst und wissen, was sie wollen. Normale Dating-Apps kommen für sie nicht infrage.

Isabel Fisch: Warum?

Amy Andersen: Sie wollen so diskret wie möglich daten. Mit Apps können sie das nicht. Da müssen sie sich ja öffentlich präsentieren. Ohnehin hat keine meiner Kundinnen Zeit, um stundenlang zu wischen oder chatten. Ich kann sie stattdessen mit Männern verkuppeln, die sie auf Portalen nie finden würden. Das hat zwar seinen Preis, ist es den Kundinnen aber wert.

Isabel Fisch: Wie teuer ist das?

Amy Andersen: Premium-Kundinnen zahlen in meiner Agentur 55.000 Dollar. Eine VIP-Mitgliedschaft kostet mindestens 150.000 Dollar. Je komplexer die Suche, desto teurer wird sie, das kann mal eine halbe Million Dollar sein.

Isabel Fisch: Also unfassbar viel Geld für ein Date.

Amy Andersen: Meine Klientinnen beschäftigen Ernährungsberater, Fitnesstrainer und Personal Coaches, warum sollten sie niemanden haben, der ihnen den idealen Partner sucht? Das Geld ist es ihnen dann wert.

Isabel Fisch: Worauf kommt es Ihren Kundinnen und Kunden an?

Amy Andersen: Alle suchen nach einem gesunden und bewusst lebenden Partner oder Partnerin, mit dem sie ein langes Leben führen können. Ganz interessant ist, dass Männer in der Regel mit der Optik beginnen. Die muss zuerst für sie stimmen. Welche Charaktereigenschaften die Partnerin haben soll, kommt später. Die Frauen hingegen legen genaue Kriterien fest, wie sich ein Partner zu verhalten hat. Beim Aussehen sind sie etwas entspannter. Klar, alle wünschen sich groß und attraktiv, markante Wangenknochen. Aber ihnen kommt es vor allem auf die inneren Werte an. Er soll ein guter Kerl sein. Sie sagen zu mir: "Amy, suche mir einen Mann, der loyal ist und einen Job hat. Das war's, mehr brauche ich nicht."

Isabel Fisch: Eigentlich dürfte es nicht schwer sein, da einen Partner zu finden.

Amy Andersen: Ist es aber! Es kommt mir so vor, als ob die Intelligenz und Unabhängigkeit der Frauen vielen Männern Angst macht. Und es führt zu Konkurrenzgedanken. Die Frau wird zur Rivalin. Die Männer fragen sich: Wenn sie doch alles hat, Macht, Geld, Karriere, wo ist noch Platz für mich in diesem Leben? Sie fühlen sich nicht gebraucht.

Isabel Fisch: Da können Sie als Partnervermittlerin dann auch nichts machen.

Amy Andersen: Ich kann es aber versuchen. Beispielsweise hatte ich so einen Fall in Texas. Sie war 40, zierliche Figur, leidenschaftliche Reiterin, extrem erfolgreich und sehr gut ausgebildet. Aber sie fand keinen Partner und war frustriert. Ich erinnerte mich an einen Mann in meiner Datenbank, der speziell nach einer starken Frau gefragt hatte. Je klüger, desto besser, hatte er mir gesagt. Heute sind die beiden verlobt und ein echtes Power-Paar. Er ist auch erfolgreich und macht sein eigenes Ding, deshalb schüchtert sie ihn nicht ein. Meine Aufgabe ist es, diese Frauen richtig zu vermarkten und einen ebenbürtigen Mann zu finden.

Isabel Fisch: Vermarkten, das klingt so, als wären diese Frauen ein Produkt.

Amy Andersen: Sich richtig zu verkaufen ist in der Liebe wichtig, diese Erfahrung musste ich leider selbst machen, als ich Single war. Ich hatte gerade mein Geschäft aufgebaut und war so stolz darauf. Es war das, worüber ich mich definiert habe und was ich bei Dates erzählte. Ich wollte die Männer damit beeindrucken. Tatsächlich habe ich sie verschreckt. Erfolg lässt einen weniger attraktiv wirken, das beobachte ich bei vielen meiner Klientinnen. Sie wirken nicht wie ein Date, sondern eher wie eine Arbeitskollegin oder eine Möglichkeit zum Netzwerken. Männer nehmen sie in diesem Moment nicht mehr als romantische Partnerin wahr, weil sie sich eher als Geschäftsfrau präsentiert.

Isabel Fisch: Was sie ja auch ist. Warum sollte man das verschweigen?

Amy Andersen: Es geht nicht darum, ihre Intelligenz oder Stärke herunterzuspielen, sondern darum, ein Gleichgewicht zu schaffen. Ich habe eine Regel: Sieben Prozent des Gesprächs, mehr Zeit sollte der Job beim Kennenlernen nicht einnehmen. Ein Date ist kein Geschäftstreffen.

Isabel Fisch: Das hört sich nach einem veralteten Rollenbild an. Wie passt das zum innovativen Silicon Valley?

Amy Andersen: Etliche Männer brauchen immer noch das Gefühl, der Versorger zu sein. Und ja, es gibt auch im Silicon Valley viele Männer, die eine traditionelle Frau suchen. Eine, die sich um Haushalt und Kinder kümmert. Ich habe einige Frauen in der Datenbank, die das auch wollen. Das Wichtigste ist für mich, dass beide dieses Leben wollen. Ich würde niemals eine Frau, die Spaß an ihrer Karriere hat, mit einem Mann matchen, der nach einer Hausfrau sucht. 

Isabel Fisch: Gilt die Regel mit den sieben Prozent nicht für Männer?

Amy Andersen: Ich würde sagen, zehn Prozent sind für sie ein gutes Maß. Viele Frauen suchen bei einem Mann nach Sicherheit und Ehrgeiz. Für Frauen ist es also durchaus attraktiv, seine beruflichen Ambitionen zu sehen. Deshalb können Männer da etwas lockerer sein. Doch auch Männer müssen vorsichtig sein, was berufliche Erfolge anbelangt. Dominiert in dem Gespräch die Arbeit, riskiert ein Mann, als Angeber, Workaholic oder Narzisst wahrgenommen zu werden. Das sind Warnsignale für Frauen, weil sie Angst haben, dass er keine Zeit für sie hat.

Isabel Fisch: Wie finden Sie Dates für Ihre Kundinnen?

Amy Andersen: Ich lebe zwar im Silicon Valley, aber von Technik verstehe ich nicht viel. Meine Matches basieren nicht auf Algorithmen. Meine drei Mitarbeiterinnen und ich suchen für unsere zahlenden Premium- und VIP-Kundinnen Partner. Dafür nutze ich unsere Datenbank, in die ich Menschen aufnehme, die sich bei uns beworben haben und die ich persönlich kennengelernt habe. Mittlerweile stehen dort etwa 1.000 Menschen drin. In die Datenbank aufgenommen zu werden, ist gratis. Wer will, dass ich aktiv nach einer Partnerschaft suche, muss zahlen.

Isabel Fisch: Wer sich für diese Datenbank bewirbt, weiß: Ich treffe potenziell sehr reiche Menschen. Wie stellen Sie sicher, dass es den Bewerbern ernst ist?

Amy Andersen: Dass sich jemand aus den falschen Gründen mit ihnen trifft, ist die größte Angst meiner Kundinnen. Deshalb ist unser Auswahlprozess so gründlich. Wir stellen viele Fragen und treffen alle, die sich bei uns bewerben, persönlich. Vergangene Woche waren wir zum Beispiel in Los Angeles, um einige Menschen für die Datenbank kennenzulernen. Wir fliegen um die ganze Welt dafür, auch mal nach Barcelona oder Paris. Finden wir die Bewerber gut, müssen sie einen Vertrag unterschreiben, genau wie die VIP. Das ist eine Vertraulichkeitserklärung. Da geht es vor allem darum, dass unsere Kundinnen anonym bleiben und ihre Daten geschützt sind. Manche Bewerber weigern sich, den Vertrag zu unterschreiben – und die nehmen wir dann einfach nicht.

Isabel Fisch: Warum suchen Sie weltweit? Klingt unpraktisch, wenn man eine Beziehung führen will.

Amy Andersen: Wir leben in einer globalen Gesellschaft und haben gute Beziehungen zu europäischen Agenturen. Die Pandemie hat gezeigt, dass wir von überall aus arbeiten können. Wenn der ideale Partner in einem anderen Land lebt, ist das eben so. Meine Kundinnen suchen nach der Liebe – wo und wie, ist egal. Aber: je komplexer die Suche, sprich, je internationaler und je mehr Matches gewünscht sind, desto teurer wird es.

Isabel Fisch: Woran erkennen Sie denn, ob zwei Menschen zueinander passen?

Amy Andersen: Alle, die sich bei uns bewerben, füllen ein mehrseitiges Dokument aus. Dabei sollen sie überlegen, was ihnen wichtig ist – von der Optik über die Persönlichkeit bis hin zur Religion, Bildung sowie Lebens- und Familienplanung. Ich achte beim Verkuppeln darauf, dass die Personen ähnliche Vorstellungen von der Zukunft haben, zum Beispiel was die Frage betrifft, ob sie heiraten und Kinder haben wollen. Auch schaue ich mir an, welche Werte ihnen wichtig sind. Passt es da, dann macht es auch nichts, wenn die Menschen an anderen Stellen unterschiedlich sind. Eine Beziehung muss Leichtigkeit haben, und oft ist das bei zwei komplett verschiedenen Typen so, weil sie sich gut ergänzen. Da trifft ein Introvertierter auf eine Extrovertierte, und trotzdem macht es beim ersten Date Klick. Wichtig ist, dass sie sich respektieren, auch wenn sie stellenweise verschieden sind.

Isabel Fisch: Der Prozess klingt wie bei anderen Dating-Apps auch.

Amy Andersen: Das stimmt, nur ohne die Technik. Ich verlasse mich lieber auf mein Gefühl. Manchmal lerne ich eine Frau kennen und mir schwebt direkt jemand für sie vor. Einmal hatte ich beispielsweise eine Kundin, die suchte einen bestimmten Typ, und ein Mann aus meiner Datenbank passte dazu perfekt. Doch er war zu klein und hatte dunkles Haar. Ich rief sie trotzdem an. Sie war skeptisch, traf sich aber mit ihm. Mittlerweile haben sie drei Kinder. Auf einer Dating-App hätte sie ihn nie nach rechts gewischt, weil er nicht ihrem optischen Typ entsprach.

Isabel Fisch: Ist jede Ihrer Kundinnen und Kunden vermittelbar?

Amy Andersen: Nein, Menschen, die wenig schlafen, sich ungesund ernähren oder süchtig sind, gehen zum Beispiel gar nicht. Oder Workaholics, wer nur arbeitet, hat ohnehin keine Zeit für Dates oder eine ernsthafte Beziehung. Und wenn die Antworten zu strikt sind oder der Kunde überhaupt nicht weiß, wonach er sucht, macht es auch keinen Sinn. Da lehne ich eine Zusammenarbeit ab.

Isabel Fisch: Wie viele Dates vermitteln Sie im Jahr?

Amy Andersen: Mehrere Hundert. Für mich ist es schon ein Erfolg, wenn zwei Menschen Exklusivität erreichen, also sagen, dass ich nicht weitersuchen soll. Wenn sie den Dating-Markt verlassen, weil sie sich mehr auf diese eine Person, die sie kennengelernt haben, konzentrieren wollen. Ist das geschafft, kommt meistens irgendwann die Hochzeit. Vor drei Wochen erst hat sich ein Kunde verlobt, der ein schwieriger Fall war. Ein sportlicher Typ und Stanford-Absolvent, der gezielt nach einer ebenso sportlichen Absolventin derselben Universität suchte. Ich habe es tatsächlich geschafft. Das war für mich ein Grund, eine Flasche Champagner zu köpfen.

Isabel Fisch: Und wie oft klappt das Verkuppeln nicht?

Amy Andersen: Ich zähle das nicht. Es gibt einige Kundinnen, die nie die Liebe gefunden haben. Doch das wissen sie auch bei Vertragsabschluss. Wenn sie zu mir kommen, haben sie oft keine Hoffnung mehr. Also geht es anfangs auch darum, ihren Wert zu steigern und ihnen zu zeigen, wie toll sie sind. Mit jedem erfolgreichen Date werden sie selbstbewusster. Und wenn alles gut läuft, finden sie jemanden. Es ist wichtig, dass meine Kundinnen realistische Erwartungen haben und verstehen, dass ich nichts versprechen und nur versuchen kann. 



Aus: "Amy Andersen: "Such mir einen Mann, der loyal ist und einen Job hat"" Isabel Fisch (6. Juli 2023)
Quelle: https://www.zeit.de/arbeit/2023-06/amy-andersen-linx-dating-reiche-frauen


Textaris(txt*bot)

Quote[...] Ende Juni hatte es in der Ampel-Koalition Streit über ein Verbot für die Neuzulassung von Verbrennerautos ab 2035 auf EU-Ebene gegeben. ...


Aus: "Porsche-Gate: Lindner bat um "argumentative Unterstützung" (5. August 2022)
Quelle: https://www.sueddeutsche.de/politik/bundesregierung-porsche-gate-lindner-bat-um-argumentative-unterstuetzung-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-220805-99-287383

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QuoteFrankfurt - Offenbar haben sich Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) und Porsche-Chef Oliver Blume häufiger ausgetauscht als bislang angenommen. ...

Aus: "Lindner und Porsche-Chef Blume sollen sich abgesprochen haben" Erkan Pehlivan (05.08.2022)
Quelle: https://www.fr.de/politik/chrisitian-lindner-fdp-porsche-gate-oliver-blume-die-linke-anstalt-zdf-91708206.html

QuoteMobiman69

Lindner reitet das falsche Pferd.


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Quote[...] Ulf Poschardt muss geahnt haben, dass ein ganzes Buch über ein Auto, zumal über den Porsche 911, des Guten zu viel sein könnte. Ja, und dass seine psychopathologischen Züge womöglich einer Behandlung bedürfen. Deshalb hat er Rat bei einem Psychoanalytiker gesucht und sich grünes Licht geben lassen. Der beruhigt ihn nämlich sogleich, wie man im Prolog von Poschardts ,,911" lesen kann: ,,Nein, Sie müssen sich keine Sorgen machen, weil Sie ein Auto lieben. Erst recht nicht, wenn es ein Auto mit weiblichen Rundungen, einem knackigen Hintern und einem Dekolleté ist, das sogar Autohasser milde stimmt." Rausch und Liebe hin, Regression und Symbiosesehnsüchte her – wenn die ,,Beobachtung der technischen Dinge gegeben" bleibe, also kein Kontrollverlust eintrete, so der Psychoanalytiker, sei doch alles prima.

Ulf Poschardt hat sich zumindest beim Schreiben unter Kontrolle gehabt. Er vermutet zwar, dass es Leser gebe, für die sein Liebesdienst nicht nachvollziehbar sei. Er bezeichnet sein Buch einmal gar als ,,Kulturgeschichte einer Romanze".

Doch bemerkenswert ist allein, dass der Porsche-Fahrer, FDP-Sympathisant und ,,Welt"-Journalist mit ,,911" kein für Journalisten inzwischen typisches Ich-Sachbuch geschrieben hat. Wie er selbst zum Porsche gekommen ist, bleibt außen vor; auch das übertriebene Schwärmen überlässt er lieber anderen, etwa Londons Bürgermeister Boris Johnson, dem US-Komiker Jerry Seinfeld, dem Berliner Clubbetreiber Heinz ,,Cookie" Giannulis oder den Schriftstellern Albert Ostermaier, Moritz Rinke und Ralf Bönt.

Poschardt dagegen hat intensiv im Porsche-Archiv recherchiert, sich lange mit dessen Chef Dieter Landenberger unterhalten und erzählt mehr noch als die Kulturgeschichte einer Romanze die eines Autos, beginnend bei den Anfängen des Unternehmens Porsche in der Nazizeit und endend mit dem jüngsten, 2011 vorgestellten Porsche-911-Modell, dem 991. Dieser gebe ,,von vorn den Intellektuellen und hat hinten die Maske des Rächers übergezogen. Gleichzeitig steckt in ihm ein überzeugter Grüner, denn dank der Start-Stopp-Automatik konnte der Verbrauch gesenkt werden." Und: ,,Für die Traditionalisten bedeutet der 991er trotz der optischen Wagnisse am Heck wie im Innern eine weitere Etappe in der Restauration des klassischen Elfertums."

In einer Mischung aus Feuilleton und ,,Autor-Motor-Sport"-Schreibe hat Poschardt seine Chronik verfasst, was angenehm weit weg ist von dem philosophisch hochgestochenen Ton seines 2002 beim Merve Verlag veröffentlichten Bändchens ,,Über Sportwagen". Dieses sollte damals eine Theorie des schnellen Fahrens als ,,Ergebnis der Valorisierung des Alltagsgegenstandes Auto und seiner Fetischisierung" sein, verlief sich aber in der gesamten europäischen Kultur- und Philosophiegeschichte.

In ,,911" ist Poschardt konkreter. Näher an den Emotionen, die der in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feiernde ,,Elfer" auslöst, und an den Zeitläufen, die den 911 und seine Nachfolger geprägt haben. Von der Liebe auf den ersten Blick und überhaupt ,,dem ersten Mal" über das Vererben der Leidenschaft von den Eltern auf die Kinder bis hin zum globalisierten, grünen oder auch bösen Porsche (Baader! Der Boulevard-Journalist in Bölls Roman ,,Die verlorene Ehre der Katharina Blum"! Jörg Haider!) reicht das Spektrum der Zugänge Poschardts zu seinem Objekt der Begierde. Auch dass der Elfer in den achtziger Jahren ,,die Sphäre des Gewöhnlichen" erreichte, verschweigt Poschardt nicht, ohne Ärger im Übrigen: ,,Der bewusst 'Proll' Gebliebene versteht das Luxusobjekt möglicherweise besser als jene Schichten, für die der Sportwagen konstruiert war."

Womit er nicht nur die oberen Zehntausend meint, sondern Individualisten, Hedonisten oder auch frühe Gender-Forscher wie den 2012 verstorbenen ,,Elfer"-Designer Ferdinand Alexander Porsche. Der hatte behauptet: ,,Einen typischen Porsche kann man anfassen. Er hat einen Körper. Er ist eine Sie." Es versteht sich bei so einem Satz, dass Poschardt den 911er für kein reines Männerauto hält, dass auch Frauen sich in ihn verliebt haben, von Jil Sander bis Anne-Sophie Mutter.

Es versteht sich aber auch bei einer Hauptfigur wie dem 911, dass technische Details hier nicht zu kurz kommen. Zumal im Verlauf der Jahrzehnte ja nicht nur an der einprägsamen Form (und der kargen Ausstattung) herummodifiziert wurde, sondern es Ende der neunziger Jahre zu einem der größten Traditionsbrüche überhaupt kam, zumindest für die Fans des sogenannten Ur-Elfers: der Umstellung von Luft- auf Wasserkühlung. Ein Frevel! Ein Seelenklau!, weiß der Traditionalist Poschardt, der in seinem Buch auch immer wieder aufopferungsvoll entlang der Grenzlinien von Tradition, Klassik und Moderne argumentiert.

Sein Buch dürfte im Sinn des (inzwischen ja die Tradition aufs Äußerste pflegenden) Unternehmens Porsche sein. Womöglich legt man in Stuttgart-Zuffenhausen demnächst jedem Porsche- 991-Käufer ein Poschardt-Exemplar neben den Kaufvertrag. Doch selbst wenn man beim Lesen irgendwann genug vom Herausstreichen der vielen Vorzüge dieses Autos hat und sich manche Redundanz einstellt, gelingt es Ulf Poschardt unterhaltsam, den Porsche 911 von einigen Klischees zu befreien: Dass er mehr ist als ein Angeber-Accessoire wie die Rolex, das Reitpferd oder die blonde, wahlweise weibliche oder männliche Begleitung auf dem Beifahrersitz; oder dass er vielleicht wirklich nicht nur etwas ist für Männer in schwerster Mittellebenskrise.

Man muss die Liebe ja nicht so weit treiben, dass sie direkt auf die Couch eines Psychoanalytikers führt. Es reicht doch schon, wenn man nach der Lektüre dieses Buches wieder so unschuldig-intensiv schaut wie ein Kind, wenn so ein Porsche 911 mal wieder neben einem an der Kreuzung steht.

Ulf Poschardt: 911. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2013. 294 Seiten


Aus: "Ulf Poschardt feiert Porsche 911: Im Dienst der Liebe" Gerrit Bartels (14.08.2013)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/im-dienst-der-liebe-6350020.html

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Quote[...] Für [Ulf Poschardt] haben Elektroautos ,,keine Seele. Das sind keine schönen Gegenstände". Klimawandel hin oder her: das Auto sei für viele mehr als nur ein Transportmittel: ,,Sie wollen Spaß haben", so Poschardt. Ihm fehlen bei den neuen Gefährten die Emotionen. ...

... Vor allem diese Aussage von Poschardt sorgte für Empörung bei vielen Zuschauern. Die machten ihrem Ärger etwa bei Twitter Luft: ,,'Die Seele des Autos' - ist echt das Schwachsinnigste, was ich seit langem gehört habe", schreibt ein Zuschauer. Ein anderer meint: ,,Die Pole schmelzen aber DAS E-AUTO HAT KEINE SEELE".

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Aus: "Plasberg-Gast sagt einen Satz zu Elektroautos - ARD-Zuschauer sind empört" Richard Strobl (05.04.2019)
Quelle: https://www.merkur.de/politik/hart-aber-fair-ard-gast-empoert-mit-satz-zu-autos-zuschauer-auf-barrikaden-zr-11913629.html

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QuoteUlf Poschardt ist für ökologisch denkende Linke der Darth Vader der Medienwelt. Chefredakteur und Sprecher der Geschäftsführung der konservativen Welt-Gruppe, Autoliebhaber und Turboliberaler. Poschardt schreibt gegen vermeintliches grünes Verbotsdenken an, er hasst das Tempolimit und fährt gerne schnell. Triggerwarnung: Die heimliche Hauptrolle in diesem Interview, das in einer Werkstatt in Berlin-Steglitz beginnt, spielt ein schwarzer Ferrari Testarossa, 12 Zylinder, 390 PS, der ,,entspannt" (Poschardt) 280 km/h fährt.

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taz: Herr Poschardt, eigentlich wollten wir eine Spritztour mit Ihrem Ferrari Testarossa machen. Die muss leider ausfallen. Was ist da los?

Ulf Poschardt: Dieses Stück Blech ist eine Diva. Mit so einem Auto führt man eine eher dramatische Beziehung. ...


Aus: "Ulf Poschardt zur Mobilitätswende: ,,Teslas sind öde Autos"" Interview führte Ulrich Schulte (2.7.2021)
Quelle: https://taz.de/Ulf-Poschardt-zur-Mobilitaetswende/!5779417/

QuoteElvenpath, 03.07.2021, 17:41

Ich habe jetzt schon mehrfach Elektroautos gefahren. Das Fahrgefühl ist 1000 mal geiler, als in einem Verbrenner. Ich weiß es nicht, was der Mann da an dummen Zeugs labert. ...


QuoteSchmelzpunkt, 03.07.2021, 16:16

Poschardt schwärmt vom artgerechten Umgang mit dem Auto wie der Amokläufer vom Schnellfeuergewehr. ...


QuotePetra Hansen, 03.07.2021, 15:42

Nehmen wir einmal an das Interview ist echt und keine Satire oder ähnliches. Einmal mehr wirft das alles ein sehr bescheidenes Licht auf unsere Gesellschaft, wenn solche Charaktere wie Herr Posch. zu Geld und Ansehen kommen. ...

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Quote[...] In Griechenland brennen bei 40 °C die Wälder, während zeitgleich in Deutschland eintausend Kilometer Autobahn mehrspurig erweitert werden. Während sonst wenigstens vom Energiesparen gesprochen wird, dürfen überwiegend Männer in SUV (,,Geländewagen") mit einem CW-Wert eines Kleiderschranks bei 250 km/h weiterhin auf der linken Spur ihre Impotenzängste abwehren.

Die Gleichzeitigkeit von Dämonisierungsversuchen gegen Klimaschützer*innen und dem nicht einmal mehr verhüllten Gesetzesbruch der Regierenden an den Klima-Sektoren-Zielen lässt abermals zwei Prämissen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung hell aufscheinen: die Erniedrigung der Vernunft durch einen vernunftlosen technologischen Verstand und ein ökologisch gewendeter Todestrieb.

In allen (ehemals?) entwickelten Gesellschaften sind diese Erosionsprozesse am Werk. Aber wo es in den USA Schusswaffen und Krankenversicherung sind, kristallisieren sie in Deutschland an der Frage um Autobahn, Tempolimit und Radwege. Der Vortrag geht der Frage nach, warum und wie das Auto zu einem so zentralen Signifikanten für fragilen Maskulinismus und Nationalismus wurde.

Conrad Kunze, geboren 1981, ist Soziologe und Historiker und engagiert sich in der Bewegung für Klimagerechtigkeit.
Sein Buch ,,Deutschland als Autobahn. Eine Kulturgeschichte von Männlichkeit, Moderne und Nationalismus" erschien im Transcript Verlag.


Conrad Kunze - Deutschland als Autobahn
Eine Kulturgeschichte von Männlichkeit, Moderne und Nationalismus
19. Juli 2022, 460 Seiten
ISBN: 978-3-8376-5943-6
https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5943-6/deutschland-als-autobahn/


Aus: "Deutschland als Autobahn" (27. Juli 2023)
Quelle: http://emafrie.de/deutschland-als-autobahn/

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Quote[...] Als die AfD den 46 Jahre alten Maximilian Krah zu ihrem Spitzenkandidaten für die Europawahl kürte, kursierte kurz darauf ein Tiktok-Video des Politikers im Internet. Krah wendet sich darin an junge Männer, die noch nie eine Freundin gehabt haben. Sein Rat an sie: keine Pornos schauen, nicht die Grünen wählen, selbstbewusst und stark sein. ,,Echte Männer sind rechts", mahnt Krah gegen Ende des Videos. Wer das verinnerliche, habe auch bessere Chancen bei Frauen.

Eine aktuelle Studie der Universität Köln spricht eine andere Sprache: Rechts zu wählen dürfte Männern ihre Chancen bei Frauen nicht erhöhen. Denn vor allem junge Frauen wählen – anders als junge Männer – eher links. Der Soziologe Ansgar Hudde zeigt in seiner Untersuchung, dass bei den Frauen zwischen 18 und 24 Jahren in der zurückliegenden Bundestagswahl vor allem die Grünen, aber auch die Linkspartei und die SPD deutlich beliebter waren als bei Männern in dieser Altersgruppe. Die AfD, aber vor allem die FDP, waren hingegen bei Männern deutlich beliebter als bei Frauen. ,,Seit 1953 gab es in der Bundesrepublik noch nie so große Geschlechterunterschiede bei Wahlen wie 2021 in dieser Altersgruppe", sagt Hudde. Die Union sei unter jungen Erwachsenen die einzige Partei mit einer relativ ausgeglichenen Wählerschaft.

Der Soziologe griff für seine Untersuchung auf eine besondere Datenquelle zurück: Angaben zu Alter und Geschlecht, die der Bundeswahlleiter in ausgewählten Wahllokalen zusammen mit der Stimmabgabe erhebt. Diese Informationen beschreiben das tatsächliche Wahlverhalten besser als etwa Umfragen. Für die Bundestagswahl 2021 lagen diese Angaben laut Hudde für etwa 1,9 der 61,2 Millionen abgegebenen Stimmzettel vor.

Hudde nutzte sie, um mehr über das Phänomen des modernen ,,Gendergaps" im Wahlverhalten – Frauen wählen linker als Männer – herauszufinden. Er verglich die Daten aus den Wahllokalen dabei mit älteren, auf Umfragen basierenden Untersuchungen. Sein Ergebnis: Der moderne ,,Gendergap" zeigte sich in Deutschland später als bisher angenommen, nämlich erst in der Bundestagswahl 2017. In anderen OECD-Staaten war das schon in den Neunzigerjahren der Fall gewesen. Zudem hat sich der Wandel mit großer Geschwindigkeit vollzogen. Von 2013 bis 2021 ist der Gap von null auf den höchsten Wert seit dem Zweiten Weltkrieg gestiegen.

Als Erklärung führt Hudde unter anderem an, dass es in Deutschland lange keine etablierte rechtspopulistische Partei gegeben habe. Zwar habe es die Nachfrage nach einer Partei, die eine Rückkehr zur ,,guten alten Zeit" verspricht, vermutlich schon vor der Bundestagswahl 2017 gegeben. Aber erst mit der Gründung der AfD 2013 entstand auch ein entsprechendes politisches Angebot. Zwischen 2013 und 2017 war die AfD, so Hudde, der größte einzelne Treiber hinter der Ausprägung des modernen ,,Gendergaps". Zwischen 2017 und 2021 sei die Wählerschaft zwar etwas ausgeglichener geworden. In der vergangenen Bundestagswahl wurde sie seiner Untersuchung zufolge aber immer noch deutlich häufiger von Männern (13,0 Prozent) als von Frauen (7,8 Prozent) gewählt.

Die AfD will sich darin nicht wiedererkennen. ,,Die AfD ist die starke Stimme für Frauen, wohingegen die anderen Parteien ihre Interessen totschweigen oder gar eigenen ideologischen Zwängen unterwerfen möchten", teilt die Partei auf Anfrage der F.A.Z. mit. Man versuche, ,,Frauen zu begeistern", indem man etwa auf ,,traditionelle Familienstrukturen" setze und für ein ,,sicheres Umfeld" eintrete, in dem ,,Frauen kein Freiwild" seien. Auch den Kampf gegen die ,,Gender-Ideologie" führt die Partei auf: ,,Im Zuge der immer aggressiveren Forderungen linker Gender-Politik fühlen sich viele Frauen in ihren Errungenschaften um Gleichberechtigung zurückgesetzt und ausgespielt."

Der Politologe und Kriminologe Jannik Fischer, der zu Männlichkeit in Verbindung mit rechtsextremen Einstellungen an der Universität Hamburg forscht, glaubt dagegen, die Partei spreche gezielt vor allem Männer an. Die AfD nutze politische Ereignisse wie den Zustrom an Migranten oder den Zuwachs von Frauen auf dem Arbeitsmarkt, um eine ,,Krise der Männlichkeit" zu suggerieren und ein Bedrohungsgefühl bei jungen Männern auszulösen, sagt Fischer. Daran könne sie mit sehr einfachen Idealen wie dem des ,,deutschen" oder ,,echten" Mannes anknüpfen.

Tatsächlich, so fand Fischer in einer Studie heraus, fühlt sich rund ein Viertel der jungen Männer zwischen 16 und 21 Jahren wegen einer wahrgenommenen Konkurrenz etwa durch Migranten und beruflich erfolgreiche Frauen in ihrer Männlichkeit bedroht. Nicht jeder davon werde automatisch zum AfD-Wähler, betont Fischer. Allerdings erhöhe ein solches Opfernarrativ die Wahrscheinlichkeit für eine Radikalisierung.

Gerade deshalb sei es wichtig, dass demokratische Parteien sich darum bemühen, ,,gekränkte" junge Männer anzusprechen, sagt Fischer: ,,Diese Gruppe junger Männer muss merken: ,Unsere Probleme werden ernst genommen.'" Auch wenn das Video von Krah auf Spott gestoßen sein mag: Es hatte exakt jene Männer als Zielgruppe, während andere Parteien Fischer dort zufolge eine Leerstelle haben.

So werden Männer etwa im Parteiprogramm der Grünen für die Bundestagswahl 2021 nur einmal explizit erwähnt, nämlich mit dem Hinweis, dass Unterstützung für Frauenhäuser auch für männliche Opfer von Partnerschaftsgewalt gelte. Die Bundesregierung betont hingegen in ihrem Koalitionsvertrag, sie stehe für eine ,,gleichstellungsorientierte Jungen- und Männerpolitik" ein. Dazu gehören laut der Website des Bundesfamilienministeriums vor allem Initiativen, die ,,Rollenbilder und Stereotype aufbrechen" sollen, etwa bei der Elternzeit, der Berufswahl oder bei häuslicher Gewalt.

Die FDP spricht zwar auch junge Männer an, aber offenbar einen ganz anderen Typ als die AfD. Sie warb in den vergangenen beiden Bundestagswahlen für mehr Wandel und Modernisierung. Ziel sei dabei, die jungen Menschen zu erreichen, die die gefühlten oder tatsächlichen Gewinner der Globalisierung und des sozialen Wandels seien, sagt Hudde.

Allerdings scheinen sich junge Frauen mit diesen Botschaften weniger stark identifizieren zu können. Während 26,2 der jungen Männer 2021 die FDP gewählt haben, taten dies nur 14,8 Prozent der Frauen. Die Liberalen teilen mit, sich ,,klar zu einer stärkeren Frauenförderung innerhalb und außerhalb der Partei" zu bekennen. Die von Generalsekretär Bijan Djir-Sarai geleitete Arbeitsgruppe ,,Chancen durch Vielfalt" erarbeite neue Konzepte, ,,um die Vielfalt in der Partei zu stärken und sie für Frauen noch attraktiver zu machen".

Ob sich der ,,Gendergap" mit Parteipolitik jedoch gänzlich beheben lässt, ist unklar. Die möglichen Gründe für das Phänomen sind vielfältig. Im Wahlverhalten von Frauen lassen sich zwei langfristige Trends beobachten. Zum einen hat die Bedeutung von Religion in den vergangenen Dekaden immer weiter abgenommen und damit wohl auch die Bindung gerade von Frauen an konservative Parteien. Zum anderen arbeiten immer mehr Frauen. Und das oft in Berufen, die man häufig mit der sogenannten neuen Mittelklasse verbindet – einem linksliberalen, urbanen Akademiker-Milieu.

Die Haltungen von Frauen scheinen sich zunehmend besser mit linken Parteien zu decken als früher, sagt Ansgar Hudde. Zudem seien Gleichstellungsthemen, für die sich linke Parteien traditionell stärker einsetzen, vermutlich wahlentscheidender geworden. Was aus diesem Auseinanderdriften der Geschlechter folge, müssten weitere Untersuchungen zeigen, sagt er. Eine Konsequenz zeichne sich aber bereits ab. Bislang hätten geografische oder soziale Trennlinien wie Ost-West im eigenen Umfeld keine so große Rolle gespielt. Familie, Partner und Freunde gehörten überwiegend ähnlichen sozialen Milieus an. Bei der Trennlinie Geschlecht sei dies nun anders: Die ziehe sich mitten durch all diese Beziehungen und könne so neue Konflikte in sie hineintragen. Hudde sieht die jüngste Entwicklung aber nicht nur negativ. ,,Unser Alltag wird politischer." Das könnte mehr Sprengstoff in Familien und Partnerschaften bringen. Gleichzeitig müsse man sich deshalb womöglich mehr mit den Argumenten der Gegenseite auseinandersetzen.


Aus: "Junge Männer wählen rechts, junge Frauen links" Natascha Koch, Anna-Lena Ripperger (10.08.2023)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/gender-gap-in-der-politik-junge-maenner-waehlen-rechts-frauen-links-19093311.html

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Quote[...] In den USA scheitern seit Jahren Versuche, den Verkauf und Besitz von Schusswaffen zu begrenzen. Eine Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center zeigt nun, dass vornehmlich weiße Männer auf dem Land und Republikaner im Besitz von Schusswaffen sind.

Insgesamt besitzen der am Mittwoch (Ortszeit) veröffentlichten Umfrage zufolge 32 Prozent der US-Amerikaner eine Schusswaffe. 47 Prozent der Menschen auf dem Land, 45 Prozent der Republikaner und 38 Prozent der Weißen gaben an, sie hätten eine Schusswaffe. 20 Prozent der Stadtbewohner, 20 Prozent der Demokraten und 24 Prozent der Schwarzen sind nach eigenen Angaben bewaffnet.

Als Hauptmotiv gaben Waffenbesitzer an, sie wollten sich schützen. 72 Prozent sagten, sie hätten ihre Waffen zum Selbstschutz, 32 Prozent zum Jagen und 30 Prozent für den Schießsport. Männer (40 Prozent) sind laut Umfrage eher bewaffnet als Frauen (25 Prozent).

Deutlich weniger Erwachsene unter 30 Jahren hätten Schusswaffen als ältere Jahrgänge. Menschen mit fortgeschrittener Bildung hätten weniger oft Waffen.

In den USA scheitern seit Jahren Versuche, den Verkauf und Besitz von Schusswaffen zu begrenzen. Bei der Erhebung hat Pew 5.115 Menschen befragt. Nach Angaben der Gesundheitsbehörde CDC sind 2021 in den USA 48.830 Menschen durch Schusswaffen ums Leben gekommen, 54 Prozent davon durch Suizid. (epd)


Aus: "Selbstschutz gilt aus Hauptmotiv: Jeder dritte US-Bürger hat eine Waffe – vor allem weiße Männer auf dem Land" (17.08.2023)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/selbstschutz-gilt-aus-hauptmotiv-jeder-dritte-burger-hat-eine-waffe--vor-allem-weisse-manner-auf-dem-land-10321249.html


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Quote[...] Mit vierzehn suchten meine Freundinnen und ich überall nach Traumprinzen. Im Schulhof, auf der Straße, auf dem Sportfest. Wir fanden sie in Hollywood-Filmen und hängten deren Poster auf eine Pinnwand im Klassenzimmer. Auf glänzendem A4-Papier lächelten sie ewig schön. Langweilten uns die Lehrer:innen, ließen wir den Blick schweifen.

Unser Blick auf männliche Körper war grenzenlos. In den 60ern hätten wir wohl James Dean, in den 70ern Clint Eastwood, in den 80ern Patrick Swayze angestarrt. In den 90ern hätten Brad Pitt und Til Schweiger gute Chancen gehabt, auf der Pinnwand zu landen. Schweiger in weißem Tanktop mit muskulösem Bizeps an seinen Opel gelehnt, in seinem Durchbruchsfilm ,,Manta Manta" (1991). Pitt, mit wallendem Haar und aufgeknöpftem Hemd zu Pferd in ,,Legenden der Leidenschaft" (1994). Um damals berühmt zu werden, war ein Sixpack praktisch ein Muss. Heute ist ein Waschbrettbauch nicht mehr so wichtig.

Dazu passt, dass die Teenieschwarms von damals nun Senioren werden. Zumindest, wenn es nach dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache geht, das die 60 als Schwelle zu dieser Altersgruppe definiert. Außer dem Geburtsjahr 1963 haben die beiden aber nicht viel gemeinsam. Sie sind Meister ihrer jeweiligen Domäne: Pitt im Verkörpern ständig neuer, Schweiger im Verkörpern der stets gleichen Rolle, nämlich jener des ruppigen, letztendlich doch liebenswürdigen Machos.

Andererseits könnte man sagen, dass die beiden schon allein aufgrund ihres Geburtsjahrs nicht ganz unterschiedlich sind. Nicht nur, weil sie beide ,,Schützen" (enthusiastisch, euphorisch) und im chinesischen Sternzeichen ,,Hasen" (freundlich, friedliebend) sind. Sondern auch, weil sie der Generation jener männlichen Schauspieler angehören, die, um überhaupt ins Rampenlicht zu gelangen, erst mal ihren Sex-Appeal beweisen mussten. Klar, den hatten auch schon ihre Vorgänger gehabt. Aber gegen Ende der 80er begann Hollywood den Männerkörper für den begehrenden Blick der Zu­schaue­r:in­nen unumwunden freizulegen, ihn zu fetischisieren und mit der Kameralinse abzutasten. Ob ihre schauspielerischen Leistungen allein ausgereicht hätten? Zumindest bei einem der beiden ist die Antwort klar.

Im Roadmovie ,,Thelma & Louise" (1991) gipfelte die erotische Inszenierung des glatten Muskelkörpers in sekundenlangen Kamerafahrten über Pitts Sixpack. Der wurde auch in ,,Fight Club" (1999) gehörig in Szene gesetzt, allerdings so, dass auch Männer bedenkenlos gucken durften – es wurde schließlich nicht mehr geknutscht, sondern gekämpft.

Auch der junge Schweiger trainierte sich einen Waschbettbrauch an, 2006 modelte er in Boxershorts für die Unterwäsche-Marke ,,Skiny". Seine Chancen, ,,Sexiest Man Alive" zu werden, waren aber von Beginn an eher gering, denn seit 1985 haben den Preis des People Magazine fast ausschließlich US-Amerikaner erhalten. Pitt wurde als einem von wenigen zweimal die Ehre zuteil.

Die Einführung des Preises war wie eine Art Metapher auf das, was sich ab den späten 80ern in Sachen Männlichkeit verändern würde: Die größte Trophäe würde nicht mehr die schöne Frau an der Seite, sondern der eigene Körper sein. In Deutschland boomte der Fitnessmarkt, 1997 eröffnete die erste Low-Budget-Fitnessstudiokette ,,McFit". Aus circa 1.000 Fitnesscentern im Jahr 1980 wurden bis Anfang der 2000er rund 6.000.

Inzwischen sind ein paar weitere Generationen junger Schönlinge über die Leinwand gelaufen. Etwa Darren Barnet, der in der Teenie-Serie ,,Never Have I Ever" der Protagonistin seinen entblößten, durchtrainierten Oberkörper fühlen lässt. Der aktuell beliebteste junge Traumprinz Hollywoods, Timothée Chalamet, hat allerdings keinen. Ein:e GenZ-Kolleg:in verriet zuletzt, androgyne Männer seien jetzt IN.

Während Chalamet nun das Pferd satteln darf, sind Schweiger und Pitt aus den Steigbügeln gestiegen. Schweiger setzt mit seinem aktuellen Film ,,Das Beste kommt noch!" ein zum Sechziger passendes Mantra. Und Pitt? Plant seinen ersten Rennfahrerfilm. Allerdings ohne Manta.


Aus: "Männliche Schönheitsideale: Der eigene Körper als Trophäe" Lara Ritter (18. 2.2023)
Quelle: https://taz.de/Maennliche-Schoenheitsideale/!5977663/

QuotePaul Anther

Dass Sixpacks nicht mehr so wichtig sind, hat die Süddeutsche vor fast genau 2 Jahren in einem Artikel über Chalamets Androgynität bereits festgestellt, aber ich bin als Pumper ja erleichtert, dass die taz mir jetzt versichert, dass ein Darren Barnet immer noch in Ordnung geht. Obwohl mich von beiden Körpertypen immernoch mein zu hoher Körperfettanteil trennt. Wie ein Kumpel, der täglich 45 Minuten HIIT auf dem Hometrainer hinlegt, mein "Problem" treffend analysierte: "Du isst einfach zu gerne." Naja, so ist er einfach nur skinny, für androgyn fehlt ihm wohl noch die richtige Frisur. Und Timothées Jawline.

Ein anderer Kumpel erzählte mir, Frauen würden eh auf Dadbods stehen, also trainiert mit Waschbärbauch-Lifesyle. Der kam hier aber gerade nicht vor. Mist. ["Was ist ein Dad Bod?

Einen "was?" fragen Sie sich nun vielleicht. Wir klären Sie gerne auf: Der Begriff Dad Bod kommt aus dem Englischen und ist eine Abkürzung für "Dad body", also plump übersetzt in etwa "Vater-Körper". Er beschreibt einen für Väter typischen Körperbau, der ungefähr als "durchtrainiert sein aber gleichzeitig einen (Bier-)Bauch haben" eingeordnet werden kann." https://www.gq-magazin.de/body-care/artikel/dad-bod]

Egal ob androgyn, mit lackierten Fingernägeln, wie ihn die polyamorösen ACAB-Frauen von OkCupid bevorzugen oder die Pumper von Tinder, Hauptsache 1,80. Oder, ich hab es nochmal für Chalamet und Barnet gecheckt, 1,78. Da kann Hollywood ja eh tricksen. Das kann der 1,70 große Tom Cruise Geschichten erzählen.



QuoteLars Sommer

John Wayne, Gary Grant, Gary Cooper, Alec Guiness, Willam Holden, Burt Lancaster, Kirk Douglas hätten es heute schwer, weil sie einfach Maskulinität ausstrahlten ohne in der Muckibude gewesen zu sein. ...




QuoteStoffel

Der Waschbrettbauch wurde vom Waschbärbauch abgelöst.



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Quote[...]  Paul Hildebrandt: Inwiefern unterscheidet sich eine Psychotherapie bei Männern und Frauen?

Björn Süfke: Das Grundproblem von vielen Männern: Aufgrund ihrer eher männlichen Sozialisation wurde ihnen der Zugang zu Gefühlen stark aberzogen. Trauer, Angst, Scham, Schuld: Wir lernen schon in der Kindheit, das unbewusst abzuspalten. Ich habe selbst unter dieser traditionellen Vorstellung von Männlichkeit gelitten. Als Kind habe ich beispielsweise regelmäßig gehört, dass ein Junge nicht weinen soll. Und ich dachte damals: Aber ich bin doch jetzt traurig und weine. Mich hat das irritiert, dieses Sich-darstellen-Müssen, die Unnahbarkeit. Das konnte und wollte ich nicht leisten. Als Männer haben wir in der Regel gelernt, diesen Zugang zu Gefühlen abzuwerten. Aber genau den benötigten wir in der Psychotherapie. Eine wichtige Frage in der Therapie lautet zum Beispiel: "Wie geht es Ihnen?" Männer antworten dann oft: "Das weiß ich jetzt nicht." Sie wechseln das Thema oder wehren ab. Ein klassisches Beispiel: Ein Mann kommt nach Hause und wird gefragt: "Wie geht es dir?" Der Mann antwortet mit einer Floskel: "Muss ja." Das erschwert psychotherapeutisches Arbeiten extrem und das muss ich in der Therapie mit Männern berücksichtigen.

... Wenn jemand im Gespräch eine Abwehrhaltung einnimmt, dann spreche ich das an. Ich sage zum Beispiel: "Jetzt frage ich Sie wieder nach Ihren Gefühlen, Herr Meier. Das werden Sie im Leben ja nicht sehr oft gefragt, oder? Wie war das bei Ihnen?"

... Manche sind berührt davon, dass sich überhaupt jemand für ihre Gefühle interessiert. Viele reagieren auch betroffen, wenn sie realisieren: Sie haben eigentlich keine Antwort auf die Frage, wie es ihnen geht. Die merken dann: Ich beschäftige mich damit, Leistung zu bringen, aber nicht mit meinen Gefühlen. Damit kann ich als Therapeut dann weiterarbeiten und anbieten: "Ich kann Ihnen helfen, das herauszufinden." Das funktioniert natürlich nicht immer, manchmal dauert es einige Sitzungen, um auf diese Ebene zu kommen.

...  In unsere Beratungsstelle kommen Männer, die wegen Magenbeschwerden und anderen Stresssymptomen von der Ärztin oder vom Arzt geschickt wurden, solche, deren Partnerinnen sagen: "Wenn sich nichts ändert, müssen wir uns trennen." Manche Männer schickt das Jugendamt, andere das Gericht, oft wegen Gewaltdelikten. Wir haben Väter, die sich einfach in ihrer Rolle als Vater reflektieren wollen, und Sexualstraftäter, die schlimmste Grenzverletzungen begangen haben. ... Viele Männer erkennen am Anfang nicht, was ihnen eine Therapie bringen könnte. Ich betrachte es mittlerweile als meine Aufgabe, genau das deutlich zu machen. Ich begreife das als Herausforderung, wenn jemand mit verschränkten Armen vor mir sitzt und sagt: "Das Gericht hat mich geschickt. Ich halte von euch Psychoheinis nichts."

... Bei uns kommt jeder Zweite nach dem Erstgespräch nicht wieder. In manchen Männerberatungsstellen sind es sogar 90 Prozent. Ich bin mir sicher, bei Frauen sind es deutlich weniger. Oft kommen Männer mit einem akuten Problem, zum Beispiel nach einer Gewalttat in der Partnerschaft. Doch sobald sich die Situation etwas beruhigt hat, haben sie das Gefühl, dass das Problem gelöst ist.

... Gefühle sind Informationsquellen, die man zum Überleben braucht. Angst zeigt Gefahr an, Ärger zeigt Grenzüberschreitungen an und Hilflosigkeit zeigt: Ich kann das Problem nicht allein lösen. Wenn Sie diese Gefühle nicht lesen können, sind Sie nicht in der Lage, darauf angemessen zu reagieren. Manche Männer können zum Beispiel nicht mit Streit in der Beziehung umgehen, mit der Trauer über die Demütigung. Sie schlagen dann einfach zu. Es kann also gefährlich sein, keinen richtigen Zugang zu seinen Gefühlen zu haben. Es kann uns auch krank machen, denn viele Krankheiten brechen erst durch unterdrückte und abgespaltene Gefühle aus. Und es kann sogar schlimmere Folgen haben. Depressionen werden bei Männern oft nicht diagnostiziert, weil sie sich anders äußern als bei Frauen: Männer mit Depression neigen eher zu Gewalt, zu Straftaten oder zu irrem Leistungsdruck. Drei Viertel der Suizide werden von Männern begangen, das hängt sicher auch mit unbehandelten Depressionen zusammen.

... Männer dürfen heute auch emotional zugewandt sein und zum Beispiel die Kinderbetreuung übernehmen. Aber selbst wenn Sie ein aufgeklärter Mann sind und feministische Bücher lesen: Sie können in dieser Gesellschaft nicht leben, ohne ständig mit traditionellen Männlichkeitsforderungen konfrontiert zu werden. Schauen Sie sich politisch um: Erdoğan, Putin, Trump. Oder die AfD mit Björn Höcke, der arbeitet explizit mit solchen traditionellen Männlichkeitsbildern. Die erleben immer wieder ein Revival. Es braucht unheimlich viel Zeit, Geschlechterrollen zu ändern, weil sie unbewusst funktionieren.

... Es gibt jetzt eine Generation von Männern, die ist mit den Errungenschaften der Frauenbewegung aufgewachsen, mit geteilter Elternschaft und Mädchen, die auf dem Schulhof gleichberechtigt Forderungen stellen. Es gibt einen wahrnehmbaren Wandel, aber grundlegende Aspekte traditioneller Männlichkeit sind weiterhin akut, vor allem eben die Gefühlsabwehr und die Leistungsorientierung. Man könnte auch sagen: Der Marlboro-Mann als männliches Role-Model verändert sich vielleicht, aber er wird uns noch lange begleiten.


Aus: "Psychotherapie für Männer: "Männer haben oft keine Antwort auf die Frage, wie es ihnen geht"" (13. Februar 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/campus/2022-02/psychotherapie-maenner-mentale-gesundheit-bjoern-suefke