Author Topic: [Männlichkeitskonstruktionen... ]  (Read 35703 times)

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[Männlichkeitskonstruktionen... ]
« Reply #45 on: July 08, 2019, 11:14:07 AM »
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[...] Aus Telefonüberwachungen weiß man, dass eine wachsende Zahl von Ehefrauen, Müttern, Schwestern und Töchtern genervt ist vom ewigen Machogehabe ihrer Väter, Männer, Brüder und Söhne. Viele Frauen haben es satt, die Männer im Gefängnis zu besuchen und dass die Polizei am frühen Morgen anlässlich einer Razzia im Schlafzimmer steht. ... Etliche Mädchen und Frauen dieser Clans sind weit bildungshungriger als die Männer. Sie wollen einen Schulabschluss, einen Beruf erlernen, vielleicht studieren und arbeiten. ...


Aus: "Fünf vor acht / Clan-Kriminalität: Den Familien permanent auf die Nerven gehen" Aus einer Kolumne von Martin Klingst (8. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2019-07/clan-kriminalitaet-grossfamilien-parallelgesellschaften/komplettansicht

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[...] Von Odysseus und Siegfried bis zu Superman: Helden wurden immer schon bewundert und verehrt. Der Held der Mythologie und der Sage – das ist stets eine Figur mit übermenschlichen Kräften, die per Definition Großes, ja Übergroßes vollbringt. Die Helden des Mythos gibt es nicht mehr. Heroismus gilt heute als Relikt einer vormodernen, archaischen Zeit, der Held als potenziell gefährlicher Kraftkerl und Extremist. Und doch brauchen wir gerade heute "Helden", die sich unerschrocken ihrer Aufgabe stellen. Was bedeutet Heldentum wirklich?

Der Held – das war zunächst einmal immer ein Mann. Das lateinische Wort vir meint Mann und Held zugleich. Der Held kam vor dem Patriarchat. Ein "Held", so belehrt der Duden, sei eine "Person, die sich in bewundernswerter und vorbildlicher Weise persönlich einsetzt". Das Wort "Held" leitet sich ab vom altgermanischen Substantiv Halil oder Halub. Es bedeutet so viel wie "Krieger" – oder schlicht: "Mann". Ein Heros, das war ein Held in der griechischen Mythologie, ein Halbgott zumeist oder einer, der wenigstens als ein solcher verehrt wurde; daher stammt nicht nur das Adjektiv "heroisch" (für heldenmütig, heldisch, erhaben), sondern auch der "Held" unter den Opioiden: das "Heroin".

Der Heros der Mythologie und der Sage – das ist eine überlebensgroße Figur, furchtlos, durchtrieben, tollkühn, aber nicht wirklich weise. Einer, der nicht selten aus allzu menschlichen Motiven handelt. Da ist Gilgamesch, der aus Trauer über seinen toten Freund selbst unsterblich werden will. Da ist der beinahe unverwundbare Achill, Held des Trojanischen Krieges, der sich beleidigt aus dem Kampf zurückzieht, weil ihm Agamemnon eine Frau wegschnappte; die "Ilias" besingt seinen Zorn. Da ist Siegfried, der Drachentöter aus dem "Nibelungenlied", der gern mal eine Frau flachlegt, wenn es seinen Zwecken dient. Und da ist Odysseus, der sich nach Penelope verzehrt und doch vor lauter heroischer Abenteuerlust nicht umhin kann, auf dem Weg nach Ithaka zehn Jahre zu vertrödeln.

Das Problem des Ur-Helden war seit je seine Tendenz, ein Desaster anzurichten. Ihm fehlte die Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion, die Fähigkeit, hinter den eigenen Standpunkt zurückzutreten. Mit anderen Worten: Der archaische Held hat kein modernes Selbst – sondern eher ein kindliches, kindisches Naturell. Auch Achill war trotz aller Stärke und Kühnheit ein Kind, das mit seiner beleidigten Wut-Reaktion seine Kampfgenossen fast in den Untergang stürzte. Ähnliche Muster erkennt man bei Donald Trump. "Wir werden mit Feuer und Zorn antworten", schleuderte der US-Präsident dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un in einem besonders großen Hulk-Moment entgegen, als dieser ihm mit Atomwaffen gedroht hatte. Das Problem mit der heroischen Männlichkeit ist, dass sie nicht wirklich reif, sondern eben oft kindisch ausfällt.

Der klassische Held darf nicht reifen, nicht erwachsen werden, weil er früh sterben muss. Der tragische Tod des Achill verbürgt scheinbar sein starkes, intensives Leben. Die Sehnsucht nach dem Heroischen ist vielleicht auch die Sehnsucht des Mannes nach ewiger Jugend, ewiger Virilität, ewiger Potenz. Das gilt umso mehr für den Mann mit Populisten-Hirn. Und erst recht für den Profi-Populisten. Wie der tragische Tod Achills auf dem trojanischen Schlachtfeld schon vom Schicksal vorgezeichnet ist, so muss auch der Populist zwangsläufig scheitern. Er verliert seinen Kampf an seine eruptive Engstirnigkeit, die letztlich alles in den Abgrund reißt. Am Ende auch ihn selbst.

Wenn wir den Mann heute verstehen wollen, müssen wir uns mit seinem Ursprung auseinandersetzen: dem archaischen Heros. Der Ur-Held vollbringt per Definition Großes, Übergroßes. Doch nicht nur das Siegen, auch das Scheitern ist ein integraler Bestandteil des Heroismus. Der Held ist eine zutiefst fragwürdige, ambivalente Figur. Zwar besticht er durch seinen Mut und die Kompromisslosigkeit, mit der er seine Sache durchzieht. Oft schützt er Frauen vor der Vergewaltigung, so wie Herakles, der dafür sogar mit dem Leben bezahlt. Doch makellose, moralisch völlig integre Helden gab es nie und wird es auch nie geben (nicht mal auf Netflix). Schon die Helden der griechischen Mythologie haben ihre Schattenseiten. Mit kaum einem von ihnen nimmt es ein gutes Ende.

Der Ur-Held ist kein Sittenwächter oder Tugendapostel, sondern ein zupackender Kraftkerl, ein Macho, könnte man sagen, zuständig für die ganz harten, gefährlichen Aufgaben. Ein beherztes Muskelpaket, das nebenher auch in weniger ehrenwerten Disziplinen brilliert, etwa im Konkurrenten-Ausschalten und Weiber-Vernaschen. So wie die griechischen Götter ist auch der griechische Held kein Heiliger. Was für den Helden zählt – das Einzige, was zählt –, das ist die Aufgabe, die Tat, die zu vollbringen ist.

In diesem Sinne diagnostizierte der Mythenforscher Joseph Campbell (1904–1987) in den unzähligen Heldengeschichten, die es in allen Kulturen gibt, einen einzigen heroischen "Monomythos". Immer hat der Held einen Job zu erledigen, und stets muss er zu diesem Zwecke eine Reihe Herausforderungen, Prüfungen und Abenteuer bestehen. Der griechische Held Iason holt das geraubte Goldene Vlies zurück, Parzifal sucht nach dem Heiligen Gral, Buddha nach Erleuchtung. Der wahre Held opfert sein Leben für etwas, das "größer ist" als er selbst. Der Ur-Heros besticht durch seinen Drang zur Expansion, sein Streben nach Singularität, Potenz und Transzendenz wie durch seinen Extremismus, sein Genie, seine Irrationalität. Der echte Heroismus zielt weniger auf Kooperation als auf Autonomie. Er liegt in der Ausschließlichkeit der Selbstüberwindung.

Ur-Helden gibt es nicht mehr, und gerade deshalb werden sie bewundert. Die, die ihnen heute vage ähneln, zeichnet man gelegentlich mit dem Bundesverdienstkreuz aus oder verleiht ihnen – wie in Frankreich jenem Flüchtling aus Mali, der vor einiger Zeit als "Spiderman von Paris" eine Fassade erklomm, um ein Kleinkind zu retten, das vom Balkon zu stürzen drohte – die Staatsbürgerschaft. Aber erst wenn von Amts wegen die Unbedenklichkeit geklärt ist. Das 20. Jahrhundert sah schon zu viele maligne Heroen, zu viele "Heldentode". Das 21. Jahrhundert hat genug vom Sterben und Töten, von einer Ära, in der der deutsche "Übermensch" sechs Millionen "Untermenschen" ermordete. Heute werden Monster präventiv eingehegt. Potenzielle Helden, die (wie einst Odysseus) als Penner herumlaufen, verlegt man in Obdachlosenheime, um streunende einäugige Riesen kümmert sich die Polizei, und Drachen stehen unter Tierschutz.

Der archaische Held ist tot. Aber es waren ganz sicher nicht die Frauen, die ihn umbrachten. Es war das Patriarchat, die von den Heroen selbst errichtete männliche Vorherrschaft. Die Geschichte des Patriarchats ist auch eine Geschichte der Zivilisierung und Sublimierung des männlichen Heroismus, allen zeitweiligen Rückschritten zum Trotz. Der Heroismus des Mannes hat das Patriarchat hervorgebracht – und das Patriarchat hat den Helden getötet. Oder vielmehr: Es hat ihn auf Lebensgröße geschrumpft.

In den ersten Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte ergänzten sich Mann und Frau gleichsam komplementär. Männer versorgten Frauen und Kinder, initiierten ihre Söhne und gingen auf die Jagd. Der Jäger – mutig, innovativ, stark: Prototyp des Helden. Der Mann war der Heros, aber die Frau war eigentlich die Potente. Denn sie allein konnte dem stets drohenden Tod den Mittelfinger zeigen: durch ihre Fähigkeit, neues Leben zu gebären.

Die ersten Götter waren Göttinnen. Die berühmte Figurine der Venus von Willendorf (um 30.000 v. Chr.) imponiert mit ausladenden weiblichen Rundungen, die vor Fruchtbarkeit nur so strotzen. Erst im mittleren Neolithikum, als der Mann Viehzucht und Ackerbau erfand, begann sich das Blatt zu wenden. Der Mann akkumulierte Privateigentum und fing an, anzusagen: Plötzlich war sein ökonomischer Reichtum mehr wert als ihr biologischer Schatz. Plötzlich beanspruchte er das Besitzrecht für sich. Er erklärte Frauen und Kinder zu seinen Frauen und Kindern. Die athenische Demokratie des 5. vorchristlichen Jahrhunderts machte die männliche Vorherrschaft – das "strenge Patriarchat" (Elisabeth Badinter) – dann endgültig zum Standardfall. Mit der Institutionalisierung von Viehzucht und Ackerbau wurden auch die Götter männlich.

Mann und Frau drifteten in zwei verschiedene hierarchisch getrennte Sphären auseinander. Der Mann in die Sphäre der Technik, der Ratio, der Souveränität, die Frau in die der Sorge, der Emotion, der Abhängigkeit. Die Eroberung neuer Kontinente, die Erschließung neuer Märkte, die Wende von einem religiösen zu einem mehr und mehr naturwissenschaftlich geprägten Weltbild brachte das Patriarchat Ende des 16. Jahrhunderts voll zum Erblühen – und bewirkte eine zunehmende Verhärtung der sexistisch ausgelegten geschlechterbinären Grenzen. Für den Reformator Johannes Calvin (1509–1564) verkörperte der Mann die Vernunft, die Frau den Leib. Das Patriarchat platzte fast vor Macht.

Erst durch die Industrialisierung begann das Patriarchat (ideologisch) zu erodieren. Die Fabrikarbeit deformierte es zu einer strukturell unheroischen, langweiligen Angelegenheit. Die Digitalisierung hat diesen Prozess noch verschärft. Heute ist das in Institutionen, Organisationen, Bürokratien aufgehobene "Patriarchat" zu einer diffusen Kategorie verkommen. Sein Geist herrscht überall dort, wo institutionalisierte Männlichkeit herrscht. Im Office ist noch Platz für Platzhirsche, aber nicht mehr für den klassischen Heroismus.

Zwischen Bildschirmen, Konferenztischen und Tischtenniszonen ist Herkules auf die Dimension des "Knotenmanns" geschrumpft (wie in dem 1977 erschienenen Roman Le und die Knotenmänner der Dänin Herdis Moellehave). Der leitende männliche Angestellte besiegt keine wilden Tiere mehr, er trägt eine Krawatte, und sein Krawattenknoten entspricht der Verknotung seiner Gefühlswelt.

Der Manager durchschlägt "gordische Knoten" nicht mit dem Schwert, er bearbeitet sie maschinell. Er löst sie digital. So ist der Held zum Funktionär geworden. Und doch ist der Heroismus nicht totzukriegen. Er sucht sich neue Wege, wird dysfunktional, korrupt und neurotisch. Paradigmatisch sind die Finanzkrise von 2008, der Dieselskandal und die deutsche Automobilkrise. Die weißen Turnschuhe von Ex-Daimler-Chef Dieter Zetsche dürfen nicht nur als Statement der Big-Boss-Coolness gelten, sondern auch als Symptom des neurotisch gewordenen Heroismus.

Das Patriarchat mag durch Quotendruck und Diversity-Maßnahmen institutionell, organisationell und bürokratisch gebändigt erscheinen – der Heroismus ist es nicht. Um Simone de Beauvoir (1908–1986) zu variieren: "Man wird nicht als Mann geboren, man wird es." Wie? Indem man sich selbst als Held beweist, und diesen Beweis von anderen anerkennen lässt. Sexismus und Misogynie zählen zu den klassischen Disziplinen des Mannes, der seinen Heroismus nicht anders auszuleben versteht. Der verhinderte Held hat keine zwölf Arbeiten mehr zu verrichten, sondern viele, meist kleinteilige, unzusammenhängende "Projekte", für die er oft nicht genug Wertschätzung erfährt. Seine Wut darüber richtet sich dann etwa auch auf ein weibliches Gegenüber, das sich nicht mit der Potenz des Gebärens zufriedengibt, sondern überdies die Frechheit besitzt, in sein Terrain einzudringen, ihm seine Position, sein Gehalt, seine Macht streitig zu machen. Er kann nicht anders, er muss diese Frau aufgrund ihres Geschlechts diskriminieren. Von der erstarkten, autonom agierenden Kollegin, Mitarbeiterin, Praktikantin, Chefin, muss er sich unterscheiden, abgrenzen, abheben.

Je größer die Autonomielust der Frau, desto größer die sexistische Wut des Mannes. "Man wird nicht als Mann geboren." Aber man kann sich dazu machen (lassen). Indem man Frauen ohne ihre Zustimmung zum Schweigen bringt, sie schlecht bezahlt, belästigt, ignoriert, betrügt, vergewaltigt? Für die amerikanische Philosophin und Feministin Kate Manne "rechtfertigt und rationalisiert" Sexismus das, was vom Patriarchat heute übrig geblieben ist.

Misogynie wiederum ist für Kate Manne das Werkzeug, das patriarchale Normen und Erwartungen praktisch "kontrolliert und durchsetzt". Ein Sexist hält alle Frauen für schlecht, minderwertig. Ein Misogyniker belohnt die "guten" (= der Männlichkeit dienenden) und bestraft die "schlechten" (= männliches Terrain penetrierenden) Frauen. So erklärt sich, warum US-Präsident Donald Trump kein Sexist ist. Wäre er Sexist, hätte der Großtwitterer keine einzige Frau in sein Kabinett berufen. Trump ist Misogyniker. Die gescheiterte Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton war nicht Opfer von Trumps Sexismus, sondern der Misogynie Trumps (und von Frauen, die misogyne Verhaltensweisen verinnerlicht haben). Der Geist des Patriarchats ist der Boden, auf dem Misogynie und Sexismus blühen, aber er ist nicht deren erste Ursache. Die erste Ursache ist der männliche Zwang zum Heroismus.

Der Mann ist verunsichert. Wenn er sich selbst verstehen und seiner Lage entkommen will, muss er seinen Heroismus verstehen. Er muss verstehen, dass weder die Frau noch er selbst schuld ist an seiner Lage. Sondern der zwar stark diffundierte, aber immer noch einflussreiche Geist des patriarchalen Systems. Es hat ihn institutionalisiert und zum Schrumpfhelden gemacht. Der geschrumpfte Held von heute hat viele Gesichter, man trifft ihn in allen sozialen Schichten. Fifty Shades of Man, das sind die Heroismen des Managers, des Rennfahrers, des Kampftrinkers, des Sportverrückten. Man trifft den Schrumpfhelden in der Steilwand, auf dem Surfbrett, über gefährlich kalte Wellen brausend, auf der linken Autobahnspur ebenso wie in der Kneipe nebenan, wo er ein Bier nach dem anderen kippt. Alle Männer wollen Helden sein – denn Männlichkeit "ist" nicht. Sie muss durch bestimmte Akte, Mutproben, Prüfungen, Grenzerfahrungen immer neu verifiziert werden.

"Man wird nicht als Mann geboren, man wird es." Alle Männer wollen Helden sein – aber sie können es nicht. Der Ur-Held ist tot. Der Weg, der ihnen heute allein offensteht, ist der des Schrumpfhelden. Der geschrumpfte Held ist keine erhabene, gottgleiche Figur, sondern eine Karikatur. Er kann nicht, wie er will. Oft kann er gar nicht. Eine Welt, in der gilt: "Die Zukunft ist weiblich!", ist nicht für Helden gemacht. Selbst wenn der Mann wollte, er könnte nicht einfach mal so eben einen Drachen erlegen. Zuvor muss er in vielen Fällen Pausenbrote schmieren und die Kinder zur Schule bringen. Das nächste Abenteuer – Freesolo-Klettern oder Motorrad-Rallye – muss er sich verdienen, und zwar mit bezahlter Arbeit. Die moderne Frau möchte einen leistungsstarken, souveränen, gut verdienenden Mann, den sie nicht lange bitten muss. Bevor er den Augiasstall ausmistet, soll er gefälligst den Müll runtertragen.

Das Schrumpfheldentum markiert die Grenzen der Verständigung zwischen Mann und Frau. Keine Frau versteht den einsamen heroischen Trinker, der doch nicht einfach nur süchtig und schwach ist, sondern auch mindestens tief verzweifelt über die Welt, an der er so tragisch gescheitert ist. Keine Frau versteht, warum derselbe Mann, der gestern noch alles zu reißen meinte, heute glaubt, an einem Schnupfen zugrunde zu gehen. Man kann sich über den berüchtigten Männer-Schnupfen lustig machen. Doch darin steckt die tiefe Tragik des verhinderten Helden, der mit heftigen Niesanfällen wie mit übermächtigen Feinden ringt.

Der Mann ist verunsichert, denn der Ur-Held, der in ihm tobte, ist tot. Fast. Einige letzte Relikte des archaischen Heroen findet man heute noch. Paradigmatisch scheinen sie im Sportler auf. Im Rennfahrer, im Tennisspieler, im Boxer, vor allem aber im Fußballer. Wer besonders trickreich mit dem Ball umzugehen vermag, bekommt sogleich die Attribute "Held", "Kaiser" oder gar "Gott" verpasst. Das Tolle am Kicker-Helden ist, dass er niemandem schadet, da sich seine Taten auf maximal 120 mal 90 Meter beschränken. Außer seinen Gegenspielern und sich selbst – siehe Kreuzbandriss und Mittelfußbruch – wird der Profifußballer niemandem gefährlich. Es herrschen Regeln, an die auch er sich halten muss. Deshalb ist auch der Fußballer natürlich kein wirklicher Held. Sondern eine Ersatzfigur, die sich der moderne Mann schuf, um ihn zu bewundern, sich (projektiv) mit ihm zu identifizieren, ihm nachzueifern.

"Ein jeglicher muss seinen Helden wählen, dem er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet", heißt es in Johann Wolfgang von Goethes (1749–1832) Iphigenie auf Tauris. Selbst der neidischste Mann verzeiht dem Fußballer, dass er für seine Virilität so monströs viel Geld kassiert. Der Kicker nimmt das Heldentum für ihn und alle anderen Männer auf sich. Jeder Sportler ist ein halb realer, halb imaginierter Held, der für alle verhinderten in den Krieg zieht, siegt und verliert – eine Art "Heros by Proxy", ein Stellvertreter-Held. So wie Boris Becker, der nach zahlreichen Grand-Slam-Gewinnen zwei gescheiterte Ehen und eine Insolvenz anmeldete und auf Instagram seine heroische Bilanz in zehn Punkten meisterlich zusammenfasste: "Erfolg. Harte Arbeit. Ausdauer. Lange Nächte. Versagungen. Opfer. Disziplin. Kritik. Zweifel. Fehler."

Die ersten Helden seien Götter gewesen, befand einst Thomas Carlyle (1795–1881). Es gibt keinen Odysseus, keinen Prometheus, keinen Achilles mehr. Es gibt aber auch keinen Gott mehr, keinen Über-Mann, vor dessen viriler Allmacht auch der größte irdische Held verstummt. Friedrich Nietzsches (1844–1900) Übermensch war letztlich auch nur ein Versuch, selbst zum Gott zu werden, um den Göttern "würdig zu erscheinen". Geblieben sind verunsicherte Männer, die in Extremsportarten den Kick suchen, weil ihnen die heroische Aufgabe fehlt.

Geblieben sind Fifty Shades of Man, die vielen von Wut und Schweigen getriebenen Manager, Autoraser und Oktoberfest-Kampftrinker, Misogyniker und Sexisten, die nicht wissen, wohin mit ihrem Schrumpfheldentum – und zudem von den Frauen ziemlich unter Druck gesetzt werden. Alle Männer wollen Helden sein. Alle Frauen wollen, dass Männer Helden sind – aber nur unter bestimmten Bedingungen. Was die moderne Frau will, ist die Quadratur des Kreises: den "vernünftigen" Helden "auf Augenhöhe".

Der Mann ist verunsichert. Wenn er Held sein will (immer!), darf er es nicht. Wenn er nicht mal nach dem Schrumpfheldentum strebt, gilt er als Versager, Schlappschwanz, Weichei. Das Dilemma des heutigen Mannes ist, dass er weder Held sein kann noch ein Waschlappen, und zwar weder im Job noch beim Kindergeburtstag noch im Bett. So sieht sich der Mann zu einem seltsamen Zwischenwesentum verdammt.

Er darf nicht über seinen Männer-Schnupfen jammern. Das nächste Ungeheuer besiegen darf er aber auch nicht. Stattdessen muss und soll er im Gym Bizeps und Trizeps aufbauen, um mit den erworbenen Muskeln noch eleganter Einkäufe schleppen und Smoothie-Fläschchen öffnen zu können. Im paradigmatischen Narrativ der "Heldenreise" kehrt der Held von seinen Abenteuern irgendwann in die Alltagswelt zurück, um sie im Lichte seiner Erfahrungen zu verändern. Der heutige Schrumpfheld schafft es oft gar nicht erst, die Reise überhaupt anzutreten. Daher seine Wut und sein Schweigen.

Wozu ist der Mann gut, wem dient seine Virilität? Der Mann ist ein Held, zumindest potenziell. Er kann dem langweilig gewordenen Patriarchat, das er zwar selbst geschaffen hat, in dem es aber meist kaum mehr zu holen gibt als geschlechtsspezifisch bedingte Gehaltserhöhungen und Beförderungen, jederzeit ein heroisches Upgrade verleihen. Er kann es zum Schrumpfhelden bringen. Je ausgeprägter der heroische Trieb, desto tiefer der Fall. Von Thomas Middelhoff zu Harvey Weinstein: Der geschrumpfte Held besticht durch seine Abnormität. Und seine neurotische Dysfunktionalität.

Einst erlegte der Mann Eber und zog in den Krieg, heute arbeitet er sich auf dem Bau, in der Firma, im Büro, im Coworking Space halb tot. Warum ackert er? Weil er seine Männlichkeit beweisen muss. Weil ein Mann nicht "ist", sondern immer erst "wird". Für wen ackert er? Für die Frau, die er liebt. Jene, die ihm seine heroischen Fehlleistungen verzeiht, deren Autonomielust sich hoffentlich in kalkulierbaren Grenzen hält, die für ihn – wenigstens in Teilzeit – kostenlos kocht, wäscht und putzt und ihm den Rücken freihält. Ob Hausfrau, Karrierefrau oder Working Mom. Seine Frau ist immer eine gute Frau. Die Mutter 
seiner Kinder. Für sie tut er alles. Für sie modernisiert er seine
 archaische Blutrünstigkeit. Er
 verzichtet auf Blutschwüre und
 Blutsbruderschaften. Er hält
 den Atem an – und zieht in den 
Kreißsaal.

Der Heroismus gilt einerseits als überwunden. In der modernen, aufgeklärten Welt braucht es keine keulenschwingenden Kraftprotze mehr, sondern agile, flexible Postheroen, die mit ihren "weichen" Skills wie Empathie und Teamgeist mehr Menschlichkeit in die Welt bringen. Von den Herausforderungen der Digitalisierung bis zum Kampf gegen den Klimawandel sind mehr denn je Helden ganz neuen Typs gefragt, die nicht sich und anderen dauernd etwas beweisen müssen, sondern die ihren Kopf und ihr Herz einschalten, bevor sie irgendetwas tun. Und doch scheint das Bedürfnis nach dem zupackenden Helden, der mit Entschlossenheit und über menschlicher Energie Probleme im Alleingang löst, ungebrochen zu sein. Das zeigt auch das Phänomen monströser Attentäter, wie jenem von Christchurch, die sich als Helden inszenieren und auch als solche von ihren Anhängern gefeiert werden. ...

Dieser Artikel ist zuerst erschienen im "Hohe Luft Magazin" Nr. 04/2019.


Aus: "Männlichkeit: Wer rettet den Helden?"  Rebekka Reinhard und Thomas Vašek (7. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2019-07/maennlichkeit-heroismus-heldentum-vaeter-maenner-patriarchat-sexismus/komplettansicht

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Dindi #1

Die Autoren verstehen das Heldentum völlig miss, bzw. aus einer Perspektive des postmodernen, gemixt mit neofeminismus. Also sie verstehen es gar nicht.

Was für ein trauriger Artikel.

An die Männer kann ich nur senden: Vertraut euch selbst, lasst euch von diesen neuen postmodernen, feministischen Spinnereien nichts einreden. Sie sind lediglich die Ausgeburt einer von (durch Ausbeutung entstandenen) Wohlstandes. Wenn die Dinge wieder schwierig werden kräht kein Hahn mehr nach diesen neoUnsinn. Dann ist Heldentum unabdingbar. Nur Mut.


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Deserteur 2.0 #1.7

Ihr Bild ist noch trauriger als das was sie den Feministinnen vorwerfen.

Erst wenn alles den Bach heruntergeht, wenn das Elend wieder vor der Tür steht, wenn es uns nicht mehr gut geht, dann dann naht die Stunde des Mannes!

Und das soll uns jetzt adeln?

Wir Männer bekommen in guten Zeiten nichts auf die Reihe bzw. könnten uns diesen nicht anpassen, sondern müssen jetzt auf die nächste Katastrophe warten um endlich wieder einen Sinn zu erlangen?

Ja durch durch den Feminismus und dadurch das es uns allen gut geht hat sich die Lebensrealität im Westen verändert und es wäre traurig wenn wir Männer darauf hereinfallen würden an der Vergangenheit zu besaufen.

- Männer müssen nicht mehr der Ernährer sein, sie müssen nicht mehr der Alleinverdiener sein
- Männer müssen sich nicht mehr bei Sonnenaufgang duellieren
- Männer können die Kindheit und Jugend ihrer Kinder viel mehr erleben als früher
- Männer haben die Möglichkeit aus der vorgegebenen Schablone die ihnen früher übergestülpt wurde zu befreien

Ja manches ist neu und ja neu Antworten müssen auf die neuen Umstände gefunden werden, aber dieses Idealisieren der angeblichen heroischen Vergangenheit nutzt niemandem.

Vor 100 Jahren warst du als Mann, entweder Schlachtvieh im Krieg, Maulesel auf der Arbeit, musstest deine Familie mit einer kleinen Lohntüte durchs Leben bringen, wenn du krank warst fiel der Lohn für die ganze Familie weg und ansonsten hattest du auch nichts zu melden außer zu funktionieren.

[Heldentum, Tapferkeit, Ehre, Prinzipientreue
Warum sollte ich etwas gegen diese Dinge haben?
Nur warum sollen diese Dinge rein Männlich sein oder nur dem Manne als Fundament seines Wesens dienen?
Sind das nicht Dinge die man von einer Frau nicht genauso erwarten kann?]


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Baum2k #9

Ein Kreislauf:
Harte Zeiten bringen starke Männer hevor.
Starke Männer bringen gute Zeiten hevor.
Gute Zeiten bringen schwache Männer hevor.
Schwache Männer bringen harte Zeiten hevor.

Unsere Zeit wird kommen!


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Tobias87 #9.1

"Starke Männer bringen gute Zeiten hevor."

Ich vermute, in der Wehrmacht und der SS gab es den ein oder anderen starken Mann.
Irgendwas stimmt mit der These nicht. ...


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Kioto-Zeit #23

Ich habe das Gefühl, der Artikel wirft vieles durcheinander und verfehlt eine sauber Analyse. Die Begriffe "Held" und "Anführer" haben wenig miteinander zu tun und im Laufe der Zeit ihre Bedeutung stark gewandelt. Heute verstehen wird doch unter einem Helden jemand, der eine schwierige Situation, altruistisch und vielleicht unter Einsatz aller seiner Kräfte oder sogar seines Lebens für sich und andere meistert. Das Führung und Heldentum in alter Zeit häufig zusammenhingen, hat sicherlich mit den damaligen Prozessen der Gruppenbildung zu tun. Man folgte demjenigen, der auch für sich ein großes Risiko einging. Das war nicht notwendigerweise immer ein Mann (Johanna von Orleans). Die Gründe für die Nachfolge waren natürlich der Wunsch nach Erfolg, Beute, Anerkennung und bestehen bei Mann und Frau gleichermaßen.
Heutzutage hat Führung nichts mehr mit Heldentum zu tun. Insofern greifen die Beispiele heutiger Führungspersonen in Politik und Wirtschaft kaum, denn sie gehen meist keinerlei eigenes Risiko ein (Deutsche Bank).
Und wer sich das Verhalten von Frauen in Führungspositionen ansieht, bemerkt sicherlich keinen großen Unterschied zu dem von Männern in gleicher Position.
Die Idee mancher Feministinnen, man könnte durch Abschaffung der "Männlichkeit" die Welt verbessern, wird deshalb fehl gehen.


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Mentor73 #25

Ich habe den Artikel zunächst mit Interesse angefangen zu lesen. Je weiter ich kam desto dünner fand ich ihn. Die Autoren haben letztendlich überhaupt keine Ahnung von Männlichkeit. Männlichkeit auf dumbem Heroismus zu beschränken ist letztendlich Misandrismus, um in der Terminologie der Autoren zu bleiben. Mann sein bedeutet viel mehr als Heldentum. Um archaische männliche Stereotypen zu bemühen. So gibt es das Stereotyp des Königs, der weise und umsichtig herrscht, des Mentors und so weiter. Es ist kein Wunder, dass Jungen angesichts dieses seltsamen Bildes von Männlichkeit zunehmend verunsichert fühlen, in einer Gesellschaft, die das Männliche entweder verteufelt oder lächerlich macht. Es braucht kraftvolle, intelligente, planende und standhafte Männer.


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Der Korrektor #25.1

Genauso wie es kraftvolle, intelligente, planende und standhafte Frauen braucht. Das Beispiel für eine sehr junge solche Frau liegt auf der Hand, oder?
Aber das ist kein Widerspruch. Ich sehe nicht, dass in der Realität das Männliche verteufelt oder lächerlich gemacht würde. Zum Glück wird das Patriarchale lächerlich gemacht.
Aber ein Mensch, der sich Mühe gibt, sein Leben trotz aller Widrigkeiten ordentlich auf die Reihe zu bringen, Verantwortung für seine Mitmenschen zu übernehmen, der verdient jeden Respekt. Ich denke an meine Nachbarn:
Den Typ, der den Bioladen aufgemacht hat und sehr engagiert führt,
der Lehrer, der bis tief in die Nacht arbeitet, damit er seine Schüler ordentlich durch die Prüfungen bekommt,
der Programmierer, der längere Zeit arbeitslos war, weil er diese Sache nicht machen wollte.
Das Geschlecht spielt dabei keine Rolle. Gut, außer bei dem Typen, der die Waschmaschine reingetragen hat.


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11meter #33

Sobald die Zeiten wieder schwieriger werden und der Wohlstand geringer, werden Menschen wieder beliebt, die klassische männliche Attribute verlangen. Wenn dann aus den schwierigen Zeiten Krieg entsteht, dann werden wieder starke Männer häufiger zu sehen sein. Das hat weder mit einer Machoeinstellung zutun, oder sonst was, sondern entspricht der Biologie, was man auch in Ländern sehen kann, die sich in kriegerischen Auseinandersetzungen befinden. Krieg katapultiert den Menschen immer in seiner Ursprungsform, dh Männer=Männer und Frauen= Schutz der Kinder


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FloMei #33.1

Die Zeiten sind vorbei. Eine Kurdin kann auch ziemlich gut mit einer Maschinenpistole umgehen und mit einer Drohne kann selbst ein Kind Tausende Männer wegradieren egal wieviel Spinat die vorher gefressen haben. Was schwerer ist, ist Frieden zu halten. ...


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Islamisch Grün #36

Christentum und Islam sind wesentlich dafür verantwortlich, dass Frauen jahrhundertelang weniger gewürdigt wurden und das gilt bis heute.


Quote
Betrand #36.1

Das wird in der Zeit gern vergessen, das die Wüstenreligionen den Status der Frauen und der normalen Bevölkerung in die Halbsklaverei herabgedrückt haben. Von dem was diese Sektierer Glaubensanweichern und Schwulen und Lesben 2000 Jahre lange angetan haben, gar nicht zu reden.


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Tabberta #38

Heroismus und Mythen wurden in den letzten Jahrtausenden durch herrschende Eliten kreiert, um letzten Endes alle Frauen und den größten Teil der Männer zu unterwerfen. Ich fragte mich schon immer, warum über Jahrtausende bis heute, sich die große Mehrheit der Männer von einer verschwindend geringen Minderheit der Männer in Schach halten lässt? Von den fehlenden Möglichkeiten der Frauen möchte ich hier gar nicht sprechen. Scheinbar genügte den Männern die bloße Möglichkeit der Teilhabe bzw.die Möglichkeit sein eigener Held zu sein-das heißt heute Privateigentum, Macht und Geld- um sich über die Jahrtausende hinweg von kleinen machthabenden Männergruppen dominieren zu lassen. Die Männer müssen erkennen, dass die Frauen nicht ihr Kriegsschauplatz sind, sondern elitäre machthabende Männergruppen, die Ihnen eine gründliche Gehirnwäsche verpasst haben. Männer haben sozusagen die Strukturen ihrer eigenen Unterdrückung geschaffen und halten Sie mit Mythen am laufen.


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