Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 258058 times)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #825 on: November 14, 2018, 02:32:04 PM »
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[...] In diesem Jahr sei die Zahl der überschuldeten Verbraucher in der Bundesrepublik um rund 19.000 auf mehr als 6,9 Millionen gestiegen, das hat die Wirtschaftsauskunftei Creditreform am Dienstag in Düsseldorf mitgeteilt. Das heißt: Bei gut jedem zehnten Erwachsenen sind die Gesamtausgaben dauerhaft höher als die Einnahmen. Insgesamt sind die Deutschen inzwischen mit 208 Milliarden Euro verschuldet.

Besonders stark betrifft diese Entwicklung Senioren ab 70 Jahren. 263.000 von ihnen sind verschuldet – 35 Prozent mehr als im Vorjahr. Ähnlich sieht es bei den 60 bis 69-Jährigen aus. Die Zunahme der Erwerbstätigkeit im Rentenalter sei ein Indiz dafür, dass die Rente oft nicht mehr ausreiche, sagte der Leiter der Wirtschaftsforschung von Creditreform, Michael Bretz.

Ursache für die zunehmende Verschuldung seien unter anderem die hohen Wohnpreise. Die Entwicklung von Einkommen und Wohnkosten habe sich gerade in strukturstarken Regionen wie den Großstädten entkoppelt. Während die Kaufkraft nur noch langsam zulege, erhöhten sich die Kosten für Mieten und Immobilien in großen Schritten. Im Schuldenatlas von Creditreform heißt es dazu: „Wohnen ist zumindest in deutschen Großstädten zum Armutsrisiko, in jedem Fall zum Überschuldungsrisiko geworden.“ Gleichzeitig warnte die Studie davor, dass die, durch hohe Wohnkosten verursachte, Überschuldung erst zeitverzögert sichtbar sein werde, auch falls der Immobilienboom nachlasse. „Verschlechtert sich zudem die konjunkturelle Lage, was angesichts der globalen Rahmenbedingungen und des konjunkturellen Zyklus zu erwarten ist, wird die Zahl der Überschuldungsfälle in näherer Zukunft merklich ansteigen.“

...


Aus: "Wohnpreise werden zum Armutsrisiko" Leonhard Rosenauer (13.11.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/hohe-mieten-teure-immobilien-wohnpreise-werden-zum-armutsrisiko/23629270.html

Offline Textaris(txt*bot)

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Re: [Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #826 on: November 17, 2018, 05:36:00 PM »
Quote
[....] Das Vermögen von Amazon-Gründer Jeff Bezos beläuft sich auf 156 Milliarden Dollar. Damit ist der US-Amerikaner der aktuell reichste Mensch der Welt. ...


Aus: ""You Are Jeff Bezos": Spiel zeigt auf, wie absurd viel Geld der Amazon-Gründer hat" (2. November 2018)
Quelle: https://www.derstandard.de/story/2000090281665/you-are-jeff-bezos-spiel-zeigt-auf-wie-absurd-viel?ref=rec

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Superfool, 2. November 2018, 20:35:46

Es ist kein Geld. Es sind Vermögenswerte.


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Holunder Gabriel, 2. November 2018, 11:34:22

1 Milliarde veranschaulicht
1 Million Euro, gestapelt in 100-Euro-Scheinen ergibt eine Höhe von 30 cm.
1 Milliarde in 100-Euro-Scheinen ergibt eine Höhe von 300 Metern!
Der Wiener Stephansdom hat eine Höhe von 136 Metern.

Jeff Bezos Vermögen in Euro (136,3 Milliarden) macht eine Höhe von ca. 41 Km in 100-Euro-Scheinen.


...

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #827 on: November 18, 2018, 10:30:43 AM »
Quote
[...] Das Bundesinnenministerium will laut einem Zeitungsbericht mit neuen Regeln Abschiebungen erleichtern. Zu den Vorschlägen zähle eine nächtliche Meldepflicht, berichtet die Bild am Sonntag unter Berufung auf ein entsprechendes Dokument. Ausreisepflichtige Migranten in Gemeinschaftsunterkünften müssten sich demnach künftig abmelden, wenn sie ihre Unterkünfte zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens verlassen. Bei einem Verstoß gegen diese Anzeigepflicht solle Haft angeordnet werden können.

In Hessen und Niedersachsen gibt es eine solche sogenannte Nachtzeitverfügung schon, wie es im Bericht heißt. Der vermehrte Einsatz solcher Verfügungen sei nach Einschätzung des Bundesinnenministeriums erforderlich, "um dem Phänomen des Untertauchens wirkungsvoll zu begegnen".

Zudem schlägt das Innenministerium laut dem Bericht vor, dass Migranten in Aufnahme- und Rückführungszentren ihre Post nur noch mit einer Chipkarte abholen dürften. Diese registriere, wann abgelehnte Asylbewerber den Abschiebebescheid erhalten haben.

Mit Fluggesellschaften sollten überdies Vereinbarungen getroffen werden, wie die Plätze für Abschiebungen erhöht werden können. Flugtickets zu diesem Zweck sollten künftig ohne konkrete Personenzuordnung als "No-name-Buchung" getätigt werden, zitierte die Bild am Sonntag aus dem Ministeriumspapier. Tauche ein Flüchtling vor seiner Abschiebung unter, könne somit ein anderer an seiner Stelle an Bord geschickt werden.

In Gemeinschaftsunterkünften und Ankerzentren sollen den Planungen zufolge Ärzte fest angestellt werden, statt wie heute üblich nur tageweise dort zu arbeiten. Dadurch solle bei abgelehnten Asylbewerbern schneller die Reisefähigkeit geprüft werden können, heißt es im Bericht.


Aus: "Innenministerium plant neue Regeln für abgelehnte Asylbewerber" (18. November 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-11/migration-neue-regeln-fuer-abgelehnte-aslybewerber

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #828 on: November 19, 2018, 08:11:53 PM »
Quote
[...] Der Klang von Vonovia mag ans "Wohnen" erinnern, aber einen Sinn hat das Wort nicht. Die PR-Agentur, die den Namen geschaffen hat, hat die Bedeutungslosigkeit in vielen Sprachen extra geprüft. Erst seit drei Jahren firmiert der Konzern unter diesem Namen, der vielleicht auch einfach den schlechten Ruf vergessen machen sollte.

Denn den hatte sich das Unternehmen in vielen Jahren gründlich erarbeitet.

Finanzinvestoren gründeten das Unternehmen im Jahr 2001 als Deutsche Annington. Unter ihrer Führung begann das Unternehmen mit dem Aufkauf des deutschen Immobilienmarktes: Zuerst griff es nach etwa 65.000 der sogenannten Eisenbahnerwohnungen des Bundes. In den folgenden Jahren kaufte die Deutsche Annington, kurz DAIG, laufend weitere große Wohnungspakete, besonders häufig waren es Immobilien aus staatlichem Besitz oder frühere Werkswohnungen von ehemals großen Unternehmen.

In gut zehn Jahren und im Zuge immer weiterer Übernahmen entwickelte sich die Deutsche Annington zum Sinnbild großer Immobilienkonzerne - Vermieter, die sich weniger um die Zufriedenheit ihrer Kunden oder den Zustand ihrer Wohnungen kümmern als um die Rendite. Mieter klagten über Schimmel, ausbleibende Reparaturen, Mieterhöhungen und undurchsichtige Nebenkostenabrechnungen.

2013 übernahm Rolf Buch die Führung des Unternehmens. Der frühere Bertelsmann-Manager brachte die DAIG an die Börse, die ursprünglichen Finanzinvestoren verkauften ihre Anteile. Fortan verfolgte Buch weiter eine aggressive, wenn auch nicht immer erfolgreiche Expansionsstrategie. 2015 übernahm die Deutsche Annington die Unternehmen Süddeutsche Wohnen, Patrizia Immobilien und vor allem den großen Konkurrenten Gagfah. Im selben Jahr änderte der Konzern seinen Namen in Vonovia - nichts schien das Wachstum mehr zu stoppen.

Kurze Zeit später scheiterte Vonovia-Chef Buch allerdings an der feindlichen Übernahme der Deutsche Wohnen - einer Konkurrentin, die mehr als 100.000 Wohnungen besitzt, vor allem in Berlin. Manager Buch und seine Vorstandskollegen müssen sich seither mit kleineren Projekten begnügen.

Immerhin: Sie haben Vonovia zu einem der 30 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland aufgebaut und als einzige Immobilienfirma in den deutschen Leitindex Dax geführt. Mit dem Gang an die Börse hat sich auch die Strategie gewandelt, Vonovia investiert heute deutlich mehr in seine Bestände, als die Deutsche Annington es früher tat.

Die Finanzzahlen sind beeindruckend: Die Aktien des Konzerns sind gut 20 Milliarden Euro wert, allein die Gebäude werden auf etwa 33,5 Milliarden taxiert. Der jährliche Umsatz liegt mittlerweile bei 3,6 Milliarden Euro, erwirtschaftet von fast 10.000 Mitarbeitern. Vonovia besitzt laut Geschäftsbericht 2017 gut 346.000 Wohnungen, die meisten davon im Ruhrgebiet, Berlin, Dresden und im Rheinland.

Seinen Sitz hat Vonovia in Bochum behalten, erst im Sommer weihte das Unternehmen seine neue Konzernzentrale ein. Seit Kurzem aber expandiert der Konzern auch im Ausland, etwa in Österreich, Schweden und Frankreich.

Und auf dem Heimatmarkt verlängert Vonovia seine Wertschöpfungskette: Etwa 350 Tochterunternehmen hat der Konzern, vor allem Grundstücks- und Holdinggesellschaften, aber immer häufiger auch Dienstleistungsunternehmen, die Handwerkerarbeiten, Winterdienst, TV-Kabelanschlüsse oder Ablesedienste anbieten.

Das Geld der Mieter schüttet Vonovia zumindest teilweise an seine Aktionäre aus, über die sogenannte Dividende - ein guter Teil davon geht an große Investoren: Die Fondsgesellschaft Blackrock besitzt 8,2 Prozent des Unternehmens, Lansdowne Partners 4,6 Prozent und Massachusetts Financial Services 2,8 Prozent. Die norwegische Zentralbank hält weitere 6,9 Prozent der Anteile, der Rest ist breit verteilt.

So gut es bei Vonovia mit Aktienkurs und Gewinn läuft - viele Mieter sind unzufrieden. Der neue Name mag dem Großkonzern kurzfristig einen besseren Ruf verschafft haben, doch mittlerweile erscheinen fast wöchentlich kritische Berichte.

nck/sep


Aus: "Wer steckt hinter Vonovia?" (19.11.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/vonovia-wer-ist-deutschlands-groesster-vermieter-a-1238297.html

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Quote
[...] FrankfurtDie Aktie des Immobilienunternehmens Vonovia gehört mit einer negativen Entwicklung von minimalen 0,24 Prozent zu den Verlustbringern des Tages. Im Vergleich zum Vortagesschlusskurs von 42,42 Euro hat sie sich um 10 Cent minimal auf 42,32 Euro verschlechtert.

Die Aktie gehört im Dax mit 0,24 Prozent Minus zu den schlechteren Werten. Der Wert liegt derzeit auf Platz 17 im Mittelfeld des Dax. Der Dax registriert derzeit 11.291 Punkte (minus 0,44 Prozent). Somit entwickelt sich die Vonovia-Aktie besser als der Index.

Mit einem Preis von 42,55 Euro ist der Wert am Montag den 19.11.2018 in den Handel gegangen und erreicht zwischenzeitlich ein Tageshoch von 42,97 Euro. Die Vonovia-Aktie liegt auf Jahressicht 5,7 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch, das 44,88 Euro beträgt. Es war am 29. August 2018 erreicht worden. Das 52-Wochen-Tief stammt vom 6. Februar 2018 und beträgt 35,71 Euro.

Bis um 17:15 Uhr kommt die Aktie auf 28,47 Millionen Euro Umsatz. Bis zu diesem Zeitpunkt waren am Vortag Papiere im Wert von 37,4 Millionen Euro gehandelt worden. Am 29. August 2018 war mit 44,88 Euro das Allzeit-Hoch der Vonovia-Aktie erreicht worden. Das Allzeit-Tief beträgt 16,24 Euro (vom 11. Juli 2013).

13.11.2018 UBS belässt Vonovia auf 'Buy'
Die Schweizer Großbank UBS hat Vonovia auf "Buy" belassen. Er habe mit einem Branchenexperten gesprochen, der den Portfolios deutscher Immobilienunternehmen im kommenden Jahr eine weitere Wertsteigerung von acht bis zwölf Prozent zutraue, schrieb Analyst Charles Boissier in einer am Dienstag vorliegenden Studie. Auch Regulierungsmaßnahmen sollten nichts Grundlegendes für die Branche ändern, da mindestens in den kommenden zwei Jahren keine Entspannung beim Nachfrageüberhang zu erwarten sei./gl/ag Datum der Analyse: 13.11.2018 Hinweis: Informationen zur Offenlegungspflicht bei Interessenkonflikten im Sinne von § 85 Abs. 1 WpHG, Art. 20 VO (EU) 596/2014 für das genannte Analysten-Haus finden Sie unter http://web.dpa-afx.de/offenlegungspflicht/offenlegungs_pflicht.html.

Dieser Börsenbericht wurde automatisiert mit Textomatic-Software unter Einbeziehung unveränderter Inhalte des Analystencheck erstellt.


Aus: "Vonovia-Aktie nahezu konstant" (19.11.2018)
Quelle: https://www.handelsblatt.com/boersenberichte/vonovia-aktie-wkn-a1ml7j-vonovia-aktie-nahezu-konstant/23652362.html?ticket=ST-4221442-yYErRafEIcRncnfOlR2C-ap6

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[...] Gerd Stimmelmaier hat gut zu tun. Der frühere Controller kümmert sich um die Nebenkostenabrechnungen vieler Mieter einer Wohnanlage im Münchener Vorort Neuried. Seit Vonovia die Anlage 2014 gekauft hat, wird es jedes Jahr teurer: der Winterdienst, der Hausmeister, das Rasenmähen. Warum? Stimmelmaier hat mehr als 600 Seiten Unterlagen ausgewertet, Rechnungen, Belege und Tätigkeitsnachweise. Hat Einzelbeträge zusammengezählt, Datumsangaben kontrolliert und geprüft, ob Arbeiten tatsächlich durchgeführt wurden.

Sein Fazit ist ernüchternd: Die Abrechnungen von Vonovia seien oft fehlerhaft, die vorgelegten Belege vielfach "dubios" - und die Kosten viel zu hoch. Dass sich ein profitorientierter Dax-Konzern wie Vonovia um seine Mieter kümmern würde, davon sind die Neurieder gar nicht ausgegangen. Doch nun glauben sie, dass Deutschlands größter Vermieter sie übervorteilt.

Vonovia selbst schreibt auf Anfrage, der Anspruch sei, "dass Nebenkostenabrechnungen transparent, nachvollziehbar und vor allem richtig sind". Sollte das einmal nicht der Fall sein, liege "ein bedauerlicher Fehler vor". Dem Konzern zufolge handelt es sich praktisch immer um "Einzelfälle".

Das ist, um es klar zu sagen, möglich. Vielleicht ist tatsächlich ein Großteil der Vonovia-Abrechnungen richtig. Vielleicht werden die Mieter tatsächlich Quartal für Quartal zufriedener, wie es der Vonovia-Kundenzufriedenheitsindex behauptet. Bei rund 350.000 Wohnungen und ebenso vielen Abrechnungen kann einen vollständigen Überblick nur einer bekommen: das Unternehmen selbst.

Doch die Mieter in Neuried sind nicht allein. Wer sich ansieht, wie Vonovia mit Mietern in Berlin, Hamburg, Dresden, Hannover, Potsdam, Konstanz, Köln, Magdeburg oder Witten umgeht, stößt auf die immergleichen Vorwürfe. Die Kosten steigen, die Rechnungen sind undurchsichtig und plausible Erklärungen liefert Vonovia oft nicht.

Eine SPIEGEL-Recherche ermöglicht nun Einblicke in eine regelrechte Gewinnmaschine, die sich Vonovia geschaffen hat. Eine Gewinnmaschine, die laufend mehr Geld in die Vonovia-Kasse spült - und die Mieter schon lange nicht mehr verstehen können.

Wer nach dem Ursprung der Gewinnmaschine fragt, wird vielleicht an der Frankfurter Börse Antworten finden. Dort glänzt der Dax-Konzern Vonovia seit Jahren mit rasantem Wachstum. Seit dem Börsengang im Jahr 2013 ist der Aktienkurs um 148 Prozent gestiegen.

Mit dem klassischen Vermietungsgeschäft hat das allerdings wenig zu tun - das bringt einfach zu wenig Profit. Mit Erhöhungen der Kaltmiete steigerte Vonovia seine Miete pro Quadratmeter im vergangenen Jahr um mickrige 1,6 Prozent, weniger als die Inflationsrate. Erst Modernisierungen von Wohnungen, die der Konzern auf seine Mieter umgelegt hat, brachten weitere 2,5 Prozent.

Seit Jahren kauft der Konzern Wohnungen auf, rund 350.000 sind es mittlerweile. Und nachdem der deutsche Markt abgegrast ist, geht es nun in Österreich, Frankreich und Schweden weiter.

Neben der Kaltmiete hat Vonovia die Nebenkosten seiner Mieter als Einnahmequelle entdeckt. Statt externe Firmen zu beauftragen, übernimmt der Immobilienkonzern viele Aufgaben mittlerweile mit eigenen Tochterfirmen und streicht die Profite ein. Der Schachzug ist clever: Vermieter haben große Freiheiten, wen sie etwa mit der Treppenhausreinigung oder dem Winterdienst betrauen. Und sie können auch selbst entscheiden, ob beispielsweise ein Spielplatz einmal im Monat kontrolliert wird, oder einmal in der Woche. Vonovia bestellt, Vonovia kassiert - und der Mieter muss zahlen.

Das mag nach einer Kleinigkeit klingen, nach dem Motto: Ist doch egal, wer den Schnee schippt. Doch es ist nichts weniger als eine Umkehr der Grundsätze, die bisher für Vermieter galten. Wer als Wohnungsbesitzer die Nebenkosten nur durchreicht, hat ein Interesse diese möglichst gering zu halten - umso mehr Kaltmiete kann er seinen Mietern abknöpfen, ohne dass die Gesamtmiete steigt. Wer aber - wie Vonovia - die Arbeiten selbst ausführt, profitiert von jeder kontrollierten Glühbirne.

Vonovia selbst nennt als einen Grund für das "Insourcing", dass "wir die Kosten und Qualität unserer Leistungen selbst in der Hand" haben. Aber kann der Konzern damit wirklich so viele Kosten sparen? Immerhin ist Vonovia bei Handwerksfirmen dafür bekannt, die Preise zu drücken. Als weiteren Grund gibt Vonovia an, die Kundenzufriedenheit mit den Angeboten aus der eigenen Hand zu steigern.

Zufrieden aber sind die Mieter, die sich beim SPIEGEL gemeldet haben, ganz und gar nicht. Ein einziger Artikel im Juni 2018 reichte aus, und Dutzende Leser meldeten sich in der Redaktion, die sich von Vonovia betrogen fühlen. Viele beklagen, dass alles prima funktioniert habe bis zu dem Zeitpunkt, als Vonovia vielen Betrieben vor Ort kündigte und selbst übernahm. Von da an seien die Leistungen schlechter geworden und die Kosten gestiegen - teilweise in großen Sprüngen.

So auch bei Gerd Stimmelmaier und seinen Mitstreitern der Wohnanlage in Neuried bei München. Dort kletterten die allgemeinen Stromkosten um mehr als 40 Prozent, die Kosten für den Winterdienst verdreifachten sich. In einer anderen Wohnanlage in Dresden stiegen die Kosten für die Pflege der Außenanlagen um 70 Prozent. Ebenfalls in Dresden und auch in einer Hamburger Wohnanlage wurde der Winterdienst um 1900 Prozent teurer, die Kosten für den Hauswart erhöhten sich in drei Jahren um 135 Prozent. Auch in einer Wohnanlage in Witten war es der Winterdienst, der mehr als 70 Prozent teurer wurde. In der Magdeburger Helmholtzstraße stiegen die Müllgebühren für Vonovia-Mieter um 164 Prozent, die Wassergebühren um fast 60 Prozent und die Kosten für Beleuchtung um 223 Prozent.

Wie kann das sein? Vonovia schreibt dazu, "Kostensteigerungen zum Vorjahr werden validiert und unterliegen einem Freigabeprozess". Stiegen die Kosten "signifikant", würden die Gründe in der Abrechnung erläutert. Bei den Mietern, mit denen der SPIEGEL gesprochen hat, fehlen diese Erklärungen aber. Als nachvollziehbar empfinden sie die Abrechnungen jedenfalls nicht.

Mieter haben das Recht, die Belege für die Betriebskostenabrechnungen einzusehen, auch wenn das unter Umständen recht kostspielig sein kann. Wer als Vonovia-Mieter versucht, davon Gebrauch zu machen, benötigt Durchhaltevermögen. Zwar wirbt Vonovia mit "schnellen Reaktionszeiten" im Kundenservice, in vielen Fällen aber werden Widersprüche von Mietern erst nach Wochen oder gar Monaten überhaupt beantwortet, die Bitte um Einsicht in die Rechnungsunterlagen entweder ignoriert oder rundweg abgelehnt.

Immer wieder, so berichten es Vonovia-Mieter, gebe das Unternehmen zudem an, Rechnungen oder Verträge "nicht zu finden". Vonovia räumt auf Nachfrage ein, dass es "in Einzelfällen" vorkommen könne, "dass Akten von den Vorgängerunternehmen nicht vollständig vorliegen".

Wer doch Unterlagen bekommt, der hat nachher oft mehr Fragen als Antworten. Besonders irritierend sind die Abrechnungen für die Hauswarte - eine Arbeit, die Vonovia vielfach mit eigenen Mitarbeitern übernommen hat. Rechnungen beziehen sich bei Vonovia zumeist auf ein "Leistungsverzeichnis" oder einen "o. g. Vertrag" - doch beides liegt den Mietern nicht vor. Für eine Berliner Wohnanlage rechnete Vonovia "Hausmeisterleistungen allgemein gemäß Leistungsverzeichnis" ab, Monat für Monat Tausende Euro.

Was dafür gemacht wurde, soll ein sogenannter Tätigkeitsnachweis von Vonovia belegen, der die Daten auflistet, an denen Hausmeisterarbeiten durchgeführt wurden. Im gesamten Jahr 2015 wurde demnach überhaupt nur an 47 Tagen gearbeitet. Dafür berechnet Vonovia den Mietern mehr als 43.000 Euro. Das entspricht einem Tagessatz von 930 Euro. In Neuried bei München ergeben sich dabei sogar deutlich mehr als 1000 Euro. Was passiert mit dem ganzen Geld?

Vonovia erklärt auf Anfrage, die Kosten würden "im üblichen Rahmen der Hauswartkosten" erhoben. Neben den reinen Lohnkosten würden auch Kosten abgerechnet, "die im Zusammenhang mit der Vertragserfüllung anfallen". Dazu zählten etwa die Ausstattung des Objektbetreuers mit einem Telefon, Fahrzeug und Werkzeug sowie die "Koordination der Einsätze". Doch darf Vonovia diese Kosten überhaupt umlegen? Im "Handbuch der Mietnebenkosten" heißt es dazu: "Kosten für Arbeitsmittel und Geräte" seien nicht umlegungsfähig. Auch bei Telefonkosten ist es zumindest strittig, ob diese umlegbar sind. Generelle Aussagen sind allerdings schwierig.

Zudem erklärt Vonovia, die Hausmeister seien häufiger in der Anlage als nur an den aufgeführten Tagen, manche Arbeiten seien nicht gesondert aufgeführt. Mit anderen Worten: Der Tätigkeitsnachweis, der Mietern geschickt wird, spiegelt die tatsächliche geleistete Arbeit gar nicht wider.

Erklären könnten sich die hohen Summen womöglich mit einer Art Taschenspielertrick: Vonovia stellt sich die Leistung der Tochterfirmen quasi selbst in Rechnung. Die Versuchung dürfte also groß sein, die Summe möglichst hoch anzusetzen: Die Gewinne der Tochterfirma fließen direkt in die Bilanz der Mutter ein. Überhöhte Preise würden nicht auffallen, Vonovia veröffentlicht die Bilanzen vieler Tochterfirmen nicht. Das ist zulässig, üblich und spart zudem Geld, transparent ist es dagegen nicht. Der Gewinn bliebe nach dem Prinzip "rechte Tasche, linke Tasche" im Unternehmen. Nur einer hätte das Nachsehen: der Mieter, der die überhöhten Preise zahlt, versteckt in der Betriebskostenabrechnung.

Vonovia schreibt dazu, man wolle möglichst viele Leistungen aus einer Hand anbieten, natürlich sei es "unser Ziel, die Kosten für die Mieter gering zu halten". Und weiter: "Wir orientieren uns an marktüblichen Preisen und arbeiten fortwährend daran, unseren Service noch effizienter und besser für den Kunden zu machen."

Zentral für diese Strategie sind vier Tochterfirmen. Erstens: die eigene Handwerkerorganisation Deutsche TGS. Zusammen mit Töchtern wie Vonovia Technischer Service Nord und Süd hat das Unternehmen rund 5000 Beschäftigte, die 2017 fast 600.000 Reparaturen durchgeführt und rund 40.000 leerstehende Wohnungen renoviert haben.

Zweitens: die Deutsche Multimedia Service GmbH, die seit 2011 in den Wohnungen des Konzerns Anschlüsse für Radio, Fernsehen und teilweise Internet installiert. Ein lukratives Geschäftsfeld, vor allem, weil die Mieter den Anschluss für monatlich zehn Euro gar nicht ablehnen können.

Einen besonders großen Kostenfaktor holte Vonovia sich, drittens, mit der Gründung der Hausmeisterorganisation Vonovia Immobilienservice GmbH zurück ins Haus. Statt Aufträge an andere Firmen zu vergeben, lässt Vonovia seine rund 800 eigenen Objektbetreuer die Arbeit machen. Und, viertens, beschäftigt der Konzern seit 2015 in der Vonovia Wohnumfeld Service GmbH weitere 600 Mitarbeiter. Die kümmern sich um die Außenanlagen der Gebäude, sie mähen Rasen, schneiden Bäume und Hecken, schippen im Winter Schnee.

Die Gewinnmaschine von Vonovia ist sorgsam versteckt, in einem Geflecht aus 350 Tochterunternehmen, verknüpft mit Gewinnabführungsverträgen, Cost-Plus-Vereinbarungen und umsatzsteuerlichen Organkreisen. Für den durchschnittlichen Mieter ist das alles schon lange nicht mehr verständlich.

Doch dahinter verbirgt sich eine Steuersparkonstruktion, die die Gewinnmaschine noch profitabler macht. Mit den eigenen Tochterunternehmen muss Vonovia für viele Leistungen nämlich keine 19 Prozent Mehrwertsteuer abführen, eine Regelung im Steuerrecht macht es möglich. Damit wirbt Vonovia auch bei seinen Mietern. So steht unter den Rechnungen beispielsweise: "Die Vonovia Wohnumfeld Service GmbH ist eine eigenständige Tochtergesellschaft der Vonovia SE. Daher können wir unseren Kunden unsere Dienstleistungen ohne Berücksichtigung einer Umsatzsteuer in Rechnung stellen."

In Neuried zweifelt man: 2015 erledigte dort eine externe Firma die Gartenarbeiten und berechnete dafür 9273,24 Euro inklusive 1480,60 Euro Mehrwertsteuer. Ein Jahr später stellte die Vonovia Wohnumfeld Service GmbH die exakt selbe Summe in Rechnung - dieses Mal ohne Umsatzsteuer. Steckt sich der Konzern die 19 Prozent in die eigene Tasche? So sieht es in den Unterlagen aus, die der Konzern seinen Mietern zeigt. Doch auf SPIEGEL-Nachfrage dementiert Vonovia. In beiden Jahren habe man dieselbe externe Firma beauftragt, die Umsatzsteuer wurde demnach abgeführt. Die eigene Tochterfirma wurde also nur zwischengeschaltet, gearbeitet hat sie gar nicht. Auch hier: Transparent ist das nicht.

Bei den Fernsehgebühren gibt es keine Erklärung: Nach Übernahme der Versorgung durch die Vonovia-Tochter Deutsche Multimedia Service GmbH stiegen die Preise leicht an, dabei sollten sie ja grundsätzlich mindestens um die gesparte Mehrwertsteuer von 19 Prozent kostengünstiger sein. Vonovia selbst wirbt sogar damit, dass "Preissenkungen von bis zu 40 Prozent für die Mieter erreicht werden" können und "bei einem Teil unserer Mieter" seien die monatlichen Kosten von "deutlich über 15 Euro auf durchschnittlich 10 Euro" gesunken.

Vollends absurd wird es, wenn Vonovia seinen Mietern Leistungen in Rechnung stellt, die es gar nicht geben kann. In Hamburg sollte eine Frau für einen Kabelanschluss bezahlen, den es in ihrer Wohnung nachweislich nicht gibt. Nach einer Beschwerde erstattete Vonovia zwar das Geld, doch im nächsten Jahr stand der Anschluss wieder auf der Rechnung.

Solche Phantom-Buchungen gibt es immer wieder, so werden etwa Kosten für Aufzugwartung berechnet, auch wenn es in dem Gebäude gar keine Fahrstühle gibt. In anderen Fällen werden Rechnungen doppelt gebucht. "Sollten die geschilderten Fallbeispiele zutreffen, liegt ein bedauerlicher Fehler vor", erklärt Vonovia auf Nachfrage.

In Witten streiten sich Mieter seit Jahren mit Vonovia über die Nebenkosten. Von 44 abgerechneten Winterdienst-Einsätzen im Jahr 2016 gab es den Mietern zufolge nur einen einzigen. Vonovia widerspricht: "Wir rechnen nur Leistungen ab, die auch erbracht wurden, und handeln für unsere Kunden marktübliche Preise aus." Es lägen "schriftliche Bestätigungen und Stellungnahmen der Dienstleister vor, die nachvollziehbar sind".

Hohe Kosten, Steuersparmodelle, unverständliche Belege und Phantom-Abrechnungen: alles Einzelfälle? Bedauernswerte Fehler und Missverständnisse?

Auf Fragen von Mietern und dem SPIEGEL gibt Vonovia nur zögerlich Antwort - oder gar nicht.

Wer aber den Kleinkrieg aufnimmt, hartnäckig Mahnungen und Klageandrohungen ignoriert und auf Aufklärung beharrt, der bekommt immer wieder recht: Dann nimmt Vonovia Mieterhöhungen zurück oder erlässt geforderte Betriebskostennachzahlungen zumindest teilweise. Man könnte loben, dass Vonovia reagiert, wenn sich jemand beschwert. Oder man könnte fragen, warum das Unternehmen Rechtsstreitigkeiten immer wieder mit einem Vergleich beendet und auf Geld verzichtet, das ihm rechtmäßig zustehen soll.

Noch jedenfalls steigert Vonovia die Einnahmen mit dem Geschäft mit eigenen Handwerkern, Gärtnern, Hausmeistern, Multimedia-Angeboten und Heizungsablesern kräftig, im vergangenen Jahr wuchs der Gewinn in dem Geschäftsbereich um fast 80 Prozent. Die Maschine läuft weiter auf Hochtouren - und das soll weitergehen: "Darüber hinaus stoßen wir mit unseren Dienstleistungen gerade in die Bereiche dezentrale Energieversorgung und Home-Automation vor", heißt es im Geschäftsbericht 2017.

Mieter, die mit den bisherigen Dienstleistungen des Konzerns Erfahrungen gesammelt haben, dürften die Ankündigung eher als Drohung empfinden. Gerd Stimmelmaier wird die Arbeit auch in den kommenden Jahren nicht ausgehen.


Aus: "Die Miet-Gewinnmaschine" Nicolai Kwasniewski und Philipp Seibt (19.11.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/vonovia-wie-der-wohnungskonzern-seine-mieter-schroepft-a-1238110.html

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Trollfrühstücker heute, 12:20 Uhr

Willkommen bei Vonovia

Als Vonovia-Mieter können ich und alle meine Nachbarn in einem Mehrfamilienhaus das bestätigen: nie in meinem langen Leben habe ich erlebt, dass ein Vermieter die rücksichtslose Ausbeutung von Mietern so konsequent und routiniert betreibt. Man läßt keine Chance aus, Mieten und Nebenkosten heraufzutreiben, Mieter zu drangsalieren um immer noch mehr Geld zu verdienen. In Paragraf 14 des Grundgesetzes steht: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." Vonovia lacht sich vermutlich darüber kaputt.


http://www.spiegel.de/forum/wirtschaft/vonovias-profit-mit-nebenkosten-die-miet-gewinnmaschine-thread-829389-1.html

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« Reply #829 on: November 21, 2018, 11:11:50 AM »
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[...] [Es] ... hatte eine Investmentgesellschaft das Haus gekauft. Kurze Zeit später die erste Anzeige auf einem Immobilienportal: Zweieinhalb Zimmer sollen jetzt 1500 Euro kalt kosten – eine Mietsteigerung von 24 Prozent. Kein Wunder, dass die Angst vor steigenden Mieten und langfristiger Verdrängung da ist.

Die Bewohner kritisieren vor allem die Stadt. Sie hätte nach ihrer Meinung dem Investor zuvor- kommen können, denn für das Gebiet rund um das Haus gilt eine Milieuschutzsatzung. Auf deren Grundlage hätte die Kommune per Vorkaufsrecht das Haus erwerben oder mit einer Abwendungserklärung bestimmte Luxusmodernisierungen untersagen können.

Hat sie aber nicht. Von „krasser Augenwischerei“ ist deshalb bei den Mietern die Rede. Es ist ihr erstes Treffen mit der Gewissheit, dass die Stadt nicht handeln wird. Begründung: Die Mieten lägen schon jetzt über dem Niveau des Mietspiegels, das Milieu des Hauses sei deshalb nicht mehr schützenswert.

Seine Bewohner sehen das anders. Der FR liegt ihre E-Mail an den Liegenschaftsdezernenten Jan Schneider (CDU) vor. Darin wundern sie sich, wie das ihm unterstellte Amt für Bau- und Immobilienaufgaben ihre eigenen Mieten mit dem Mietspiegel vergleichen kann, ohne die Wohnungen gesehen zu haben. Schließlich hängt die ortsübliche Vergleichsmiete, die sich mit Hilfe des Mietspiegels berechnen lässt, beispielsweise auch von der Badausstattung ab. „Also wenn, dann sollte man den Mietspiegel richtig anwenden“, sagt eine Mieterin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Nach Kalkulation der Hausbewohner liegen ihre Mieten „weitgehend innerhalb oder nur knapp oberhalb des örtlichen Mietspiegels“.

Generell müsse die Stadt endlich handeln, um dem „nachvollziehbaren Investorenverhalten“ einen Riegel vorzuschieben, sagt eine andere Bewohnerin. „Nur weil ein Investor auf einem Aktienmarkt kein Geld mehr verdient, wollen wir nicht mehr zahlen.“ Die Kommune agiere zu zögerlich, was den Milieuschutz angehe: „Nichts zu tun ist eben rechtssicherer als etwas zu tun.“

Ein Vorwurf, den man den Mietern der Adalbertstraße 11 nicht machen kann. Schon Anfang August, als es erste Anzeichen für einen möglichen Hausverkauf gab, wandten sie sich mit der Bitte um Milieuschutz an die Stadt. Trotz Nachfragen erhielten sie monatelang keine Antwort. Erst Anfang November erfuhren sie aus der Presse, dass die Stadt untätig bleibt. Dafür mussten sie aktiv an die Öffentlichkeit gehen, haben vor dem Ortsbeirat und städtischen Hauptausschuss ihr Anliegen vorgrtragen. Mehrere Zeitungen und auch das Fernsehen berichteten.

Von einzelnen Medien haben sich die Bewohner zu stark als Opfer dargestellt gefühlt. „Das war schon sehr überspitzt“, sagt eine Mieterin, „wir sind nicht die, die auf die Straße gesetzt werden.“ Marie-Lena Barth, die ebenfalls im Haus wohnt, pflichtet ihr bei: „Das ist genau der Punkt, wir sind jetzt nicht so die krass prekäre Schicht.“ Im Gegensatz zu anderen hätten sie jedoch die Möglichkeit, Öffentlichkeit herzustellen und sich zu wehren.

...


Aus: "Wohnen in Frankfurt „Krasse Augenwischerei“" Max Söllner (19.11.2018)
Quelle: http://www.fr.de/frankfurt/wohnen/wohnen-in-frankfurt-krasse-augenwischerei-a-1623630,0

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« Reply #830 on: November 22, 2018, 07:32:18 AM »
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[...] Mehr als 15.000 Menschen in Österreich waren im Vorjahr wohnungslos, rund 10.000 davon lebten in Wien. Das ist ein Drittel mehr als noch vor zehn Jahren. Und längst handelt es sich dabei nicht mehr nur um jene, die abschätzig "Sandler" genannt werden und die im Weichbild der properen Innenstädte von vielen nur ungern gesehen werden. Immer öfter sind es Angehörige der Mittelschicht, die so wie James Winkler manchmal trotz eines fixen Arbeitsplatzes auf der Straße landen. ...

... "In Wien sind aktuell 11,3 Prozent der Bevölkerung wohnkostenüberbelastet", sagt Martin Schenk, Mitbegründer der Armutskonferenz und Sozialexperte der Diakonie. "Das bedeutet, die gesamten Unterkunftskosten machen mehr als 40 Prozent des verfügbaren Haushaltsnettoeinkommens aus. Bei Menschen mit geringem Einkommen liegen die Mietkosten oft noch höher – bei 60 oder 70 Prozent des Einkommens." Es sind Beträge, die sich in Notsituationen nur schwer stemmen lassen.

...


Aus: "Die neuen Wohnungslosen" Verena Randolf (19. November 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/2018/47/obdachlosigkeit-oesterreich-wien-mietpreise-sozialleistungen-mittelschicht/komplettansicht

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« Reply #831 on: November 23, 2018, 06:20:02 PM »
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[...] Carsten Brückner ist seit zehn Jahren Vorsitzender des Landesverbands Haus & Grund Berlin und seit 15 Jahren Vorsitzender des Ortsvereins Neukölln. Der promovierte 51-Jährige ist Fachanwalt für Miet- und Wohnungseigentumsrecht. Der Interessenverband Haus und Grund vertritt in Berlin rund 9000 Eigentümer. Sie sind zum Teil private Wohnungseigentümer, teils Eigentümer einer oder mehrerer Immobilien, die sie vermieten.

Herr Brückner, Sie vertreten mit dem Landesverband des Vereins Haus & Grund die Immobilieneigentümer Berlins. Was meinen Sie? Wem gehört Berlin?

Brückner: Berlin ist größtenteils eine Mieterstadt, das Eigentum ist wenig verteilt. Statistisch gesehen ist davon aber weit mehr als die Hälfte in privater Hand – nicht bei den Großinvestoren, sondern bei „Lieschen Müller“. Genaue Zahlen für Berlin sind mir aber nicht bekannt.

In den letzten Jahren drängen immer größere neue Investoren auf den Berliner Immobilienmarkt. Welche Effekte hat das für kleinere Eigentümer?

Brückner: Vor allem ist der Immobilienmarkt von der Politik zum Betätigungsfeld einer Neiddebatte gemacht worden. Zwischen dem einzelnen privaten Eigentümer und großen Investoren wird kein Unterschied mehr gemacht – angeblich beteiligen sich alle an der Spekulation, treiben die Preise hoch und modernisieren die Leute raus. Das ist schlicht die Unwahrheit.

Haben Sie dafür Belege?

Brückner: Die Begründung für die Mietpreisbremse ist doch, dass die Vermieter die Mieten über das zulässige Maß hinaus erhöhen würden. Wir machen regelmäßig Untersuchungen bei denen herauskommt, dass die meisten Vermieter während eines Mietvertrags gar nicht erhöhen. Manche haben ein enges Verhältnis zu ihren Mietern, andere kennen ihre Möglichkeiten nicht. Bei der Kritik am Immobilienmarkt in den letzten Jahren ging es also um wenige Große.

Wie könnte man denn den Frieden wiederherstellen?

Brückner: Vor allem durch weniger Reglementierungen. Je mehr es davon für Immobilien gibt, desto weniger Spaß macht es, eine Immobilie zu haben. Irgendwann sparen sich die kleinen Eigentümer den Stress und verkaufen ihre Immobilien zu derzeit höchst lukrativen Preisen. Die komplizierten Regelungen beeinträchtigen die großen Unternehmen am wenigsten. Denn die haben Rechtsabteilungen. Der Staat sollte sich also überlegen, ob er wirklich so viele Gesetze und Verordnungen erlässt.

Und die kleinen Eigentümer wollen die Miete gar nicht erhöhen?

Brückner: Was man einfach mal sagen muss: Wir machen das nicht ehrenamtlich. Jeder möchte Geld verdienen. So ein Haus ist wie ein kleines Wirtschaftsunternehmen und jeder Eigentümer hat eine Verantwortung diesem Unternehmen gegenüber. Der Senat versucht derzeit aber ja vor allem zu verhindern, dass Immobilien gekauft, aufgeteilt und erneut veräußert werden.

Weil dann eine größere Gefahr der Eigenbedarfskündigung besteht, oder?

Brückner: Jeder neue Wohnungseigentümer ist erstmal ein potentieller Eigenbedarfskandidat. Allerdings wird dadurch auch wieder privates Eigentum geschaffen. Das Aufteilen und Wiederverkaufen ist also nur eine Durchgangsstation und führt letztlich zu mehr Wohnungseigentümern. Das ist positiv! Es sind ja auch Mieter dabei, die erwerben.

Warum wäre es positiv, wenn mehr Mieter zu Eigentümern werden?

Brückner: Je mehr Eigentümer vorhanden sind, desto mehr muss sich der Staat auch mit ihren Interessen beschäftigen. Zum Beispiel mit Maßnahmen gegen steigende Baupreise und Regularien. Außerdem ist es für Gebäude positiv, wenn jemand darein investiert. Das ist wichtig für die Attraktivität der Stadt.

Zur Attraktivität Berlins haben auch die günstigen Mieten gehört. Das ist nicht mehr so. Ist die Mietpreisbremse gescheitert?

Brückner: Ja! Die Mietpreisbremse ist eines der besten Beispiele dafür, wie verlogen Politik sein kann. Das vorgeschobene Anliegen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, wird dadurch verhindert. Jetzt sollen künftig sogar Neubauten der Mietpreisbremse unterliegen. Dann baut doch keiner mehr!

Welche Maßnahmen wären denn effektiver, um die Stadt für alle bezahlbar zu halten?

Brückner: Ich glaube, wir müssen uns davon verabschieden, dass Berlin für alle bezahlbar bleibt. Wenn ich es mir nicht mehr leisten kann, egal, ob wegen wirtschaftlicher Einbußen oder einer Mieterhöhung, dann muss ich das akzeptieren. Es gibt kein Naturgesetz, das mir das Recht gibt, für immer in meiner vertrauten Umgebung zu bleiben. Und es ist noch eine ganz andere Frage, ob die zu berücksichtigen sind, die noch zusätzlich in die Stadt kommen. Die können sicher keinen Anspruch auf niedrige Mieten erheben.

Folgendes reales Beispiel: ein 80-jähriger Rentner muss nach 40 Jahren aus seiner Wohnung in Steglitz ausziehen, weil er die Miete nach der letzten Erhöhung nicht mehr bezahlen kann. Er sagt: „Ich wollte hier nur noch in Ruhe sterben“. Was sagen Sie so jemandem?

Brückner: Wenn es der Staat mit der Mietpreisbremse ernst gemeint hätte, hätte er uns Eigentümer das Gesetz schreiben lassen. Man könnte eine Kappungsgrenze für soziale Härtefälle einführen, wie es sie bei der Modernisierungsmieterhöhung schon gibt. Sie liegt bei 30 Prozent des Haushaltseinkommens. Realistischer wären 40 Prozent. Dann könnte ich mir das auch für normale Mieterhöhungen vorstellen. Eine Mieterhöhung wäre dann nicht mehr möglich, wenn der Mieter nachweist, dass er das nicht bezahlen kann. Gleichzeitig müsste der Staat ausgleichend einspringen und die Differenz bezahlen.

Mit der Recherche „Wem gehört Berlin?“ wollen der Tagesspiegel und Correctiv aktuell herausfinden, wem besonders viele Wohnungen in der Stadt gehören und wer unverantwortlich damit umgeht. Sie kritisieren das auf einer Webseite mit dem Titel „Datenkrake Tagesspiegel“ und rufen auf, dagegen zu „mobilisieren“. Wovor haben Sie denn Angst?

Brückner: Meine Besorgnis ist nicht, dass irgendetwas Geheimes herauskommt. Es geht mir einzig um den Datenschutz der Eigentümer. Mit den neuen gesetzlichen Regelungen hat jeder den Datenschutz zu berücksichtigen. Ich gehe davon aus, dass Mieter nicht deren Informationen weitergeben dürfen.

Als Redaktion darf uns jeder Bürger jederzeit Informationen zu Recherchezwecken übermitteln. Das ergibt sich aus der im Grundgesetz verankerten Pressefreiheit. Sonst könnten wir nie kritisch recherchieren.

Brückner: Ich sprach aber vom Datenschutz der Vermieter.

Die Datenschutzgrundverordnung sieht explizit eine Ausnahme für Medienvertreter vor und erlaubt die Erhebung personenbezogener Daten ohne Einwilligung der Betroffenen, soweit dies zu journalistischen Zwecken geschieht. Unsere Motivation ist, mehr Transparenz auf dem Berliner Immobilienmarkt zu schaffen. Was können Sie dagegen haben?

Brückner: Solche Aufrufe an Leute, alles mitzuteilen, finde ich grundsätzlich falsch. Ich sehe das in einer Reihe mit der Internetplattform, die der Senat im Zusammenhang mit dem Zweckentfremdungsverbotsgesetz eingerichtet hat, bei der Bürger dieser Stadt anonym Leute melden können, die eine Ferienwohnung anbieten oder ihre Wohnung leer stehen lassen. Das ist auch falsch. Meiner Meinung nach kommt es einer Recherche nicht zu, zugunsten der Mieter für mehr Transparenz zu sorgen.

In anderen Ländern gibt es öffentliche Immobilienregister. Gäbe es so etwas in Deutschland, bräuchten wir so eine Recherche nicht. Was halten Sie von einem solchen Register?

Brückner: Ich wüsste auf Anhieb nicht, was dagegenspräche, auch Immobilien einem solchen Register zuzuführen, ähnlich wie dem Handelsregister. Dafür müsste es aber neue gesetzliche Regelungen geben. Und festgelegt werden, wer was darin einsehen darf.


Aus: "Interview mit Eigentümerverband: "Wir müssen uns davon verabschieden, dass Berlin für alle bezahlbar bleibt""
Hendrik Lehmann, Niklas Liebetrau (23.11.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/immobilien/interview-mit-eigentuemerverband-wir-muessen-uns-davon-verabschieden-dass-berlin-fuer-alle-bezahlbar-bleibt/23671344.html

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karl-der-baer 15:01 Uhr
Großartig! – Bei diesen „Aussagen“ eines Carsten Brückner bleibt ja kein Auge trocken!

    Wenn es der Staat mit der Mietpreisbremse ernst gemeint hätte, hätte er uns Eigentümer das Gesetz schreiben lassen.

Das hätten der Herr wohl gerne, dass ein neofeudales Patriziat alleine über Recht und Gesetz entscheidet. ...

    Ich glaube, wir müssen uns davon verabschieden, dass Berlin für alle bezahlbar bleibt. Wenn ich es mir nicht mehr leisten kann, egal, ob wegen wirtschaftlicher Einbußen oder einer Mieterhöhung, dann muss ich das akzeptieren. Es gibt kein Naturgesetz, das mir das Recht gibt, für immer in meiner vertrauten Umgebung zu bleiben.

Und woher nimmt sich Herr Brückner das „Recht“, solcherlei zu „entscheiden“? – Ein derart offenes „Plädoyer“ für den puren „Wilden Westen“ macht aber offenbar keinem der hier Beteiligten Schluckauf, am wenigsten wohl Brückner selbst.
 
Es zeigt sich recht präzise, was der neoliberalistische Putsch „in the western world“ 1979 bis 1983 nachhaltig in den Köpfen (und den „Seelen“) bis heute angerichtet hat. Es muss sich also niemand darüber „wundern“, wenn dies im verkündeten „Sinne“ genauso weitergeht und sich entsprechend zuspitzt.


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sct 13:59 Uhr

Bei solchen Interviews frage ich mich immer ob der Interviewpartner denn wenigstens selber von dem überzeugt ist, was er da so von sich gibt. ...


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Pedro_Garcia 15:29 Uhr
Was ich von Typen wie Herrn Brückner und Konsorten halte, mit ihrer arroganten, verächtlichen Haltung, darf ich hier ja leider nicht schreiben. Es würde bei den Admins hängen bleiben und wäre wahrscheinlich auch strafrechtlich relevant.
Schade....


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reporterchen 17:41 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Pedro_Garcia 15:29 Uhr

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Sie der Vertreter einer schweigenden, übergroßen Mehrheit sind.


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ueberblicker 14:45 Uhr
Ich sag`s,  wie`s ist : Vermieter sind nicht die CARITAS.
Wer in einer interessanten Gegend einer (Groß)Stadt leben will, muss sich mit entsprechend hohen Mieten abfinden oder
ggf. selbst Eigentümer werden, mithilfe von Bankkrediten oder einer Bausparkasse. Kapitalismus...
Wer eine hohe Miete nicht aufbringen kann, weil sie sein Budget durcheinanderbringt, muss mit weniger Raum vorlieb nehmen oder
in eine Gegend ausweichen, wo er preisgünstiger wohnen kann, allerdings oft mit dem Nachteil weiterer Wege zum Arbeitsplatz
und der damit verbundenen Nachteile, irgendwie dahin zu kommen, an Arbeitstagen.

In kleineren Städten mit weniger Freizeit- oder Marktwert besteht
u. U. noch die Möglichkeit, angenehmen Wohnraum zu Mieten
zu bekommen, die erschwinglicher sind.
So sieht`s aus.


Quote
matze0106 15:49 Uhr
Antwort auf den Beitrag von ueberblicker 14:45 Uhr

Und soll es Ihrer Meinung nach so bleiben?


Quote
Griebnitzsee 14:32 Uhr

    "Wir müssen uns davon verabschieden, dass Berlin für alle bezahlbar bleibt"

Das Schlimme an seiner Aussage ist nicht, daß er sie tätigt. Das Schlimme ist, daß es eine Gesellschaft geduldet und durch Wahlen selbst mit vorbereitet hat, daß diese Asolzialität heute Notmalität ist.

Wer ist also schuld, wer asozial?

Der, der es versteht sich in dem geschaffenen Rahmen Vorteile zu verschaffen oder der, der diesen Rahmen schuf bzw. es zugelassen hat, das solche Zustände entstehen konnten?


Quote
schoeneberger 15:36 Uhr
Dieses Interview macht mich so dermaßen wütend. Hat Herr Brückner eigentlich Kontakt zur Bevölkerung, die jeden Monat ihre Miete zusammenbekommen muss und eben nicht mit goldenem Löffel im Mund geboren wurde, so dass sie sich 'Wohneigentum' leisten kann? ...


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margin_call 14:29 Uhr

    "Wir müssen uns davon verabschieden, dass Berlin für alle bezahlbar bleibt"

Spätestens dann Herr Brückner, wenn sich eine Krankenschwester, ein Klempner, die Kitabetreuerin Ihrer Kinder, der Müllmann, der Polizist, der Feuerwehrmann und viele andere sich Berlin nicht mehr leisten können, werden Sie merken was Sie angerichtet haben. ...


...

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« Reply #832 on: November 25, 2018, 11:31:16 AM »
Quote
[...] Renault-Chef Carlos Ghosn soll sich viele Millionen Euro erschlichen haben. Und er ist nicht der einzige Fall: In der Autobranche regieren die Chefs wie Monarchen. ...


Aus: "Gestürzt über die eigene Gier" Georg Blume, Dietmar H. Lamparter, Felix Lill u.a. (Nov. 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/2018/48/carlos-ghosn-renault-chef-bereicherung-frimenvermoegen-automobilbranche

-

Quote
[....] Mit einer höheren Kraftstoffsteuer will Frankreichs Staatschef Macron eigentlich bloß die Umwelt schützen. Doch der Vorstoß begeistert viele Franzosen ganz und gar nicht. Landesweit kommt es zu Ausschreitungen. Besorgt ist die Regierung dennoch nicht.


Aus: "Tränengas gegen "Gelbwesten" - Wut auf Macron entlädt sich in den Straßen von Paris" (24.11.2018)
Quelle: https://www.n-tv.de/mediathek/videos/politik/Wut-auf-Macron-entlaedt-sich-in-den-Strassen-von-Paris-article20738208.html

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« Reply #833 on: November 25, 2018, 05:22:14 PM »
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[...] Hamburg – In der Spendenaffäre um die AfD und ihre Fraktionschefin Alice Wedel führt laut Spiegel eine Spur zum Milliardär August von Finck, der in der Schweiz lebt und oft konservative Parteien unterstützt hat. Seine Emissäre seien in die Planung der AfD-nahen Zeitung "Deutschland Kurier" eingebunden.

Bereits in den der 90er Jahren habe er die erste Anti-Euro-Partei "Bund freier Bürger" mit 4,3 Millionen Euro unterstützt, so der "Spiegel". Finck sei zudem über seine Handelsfirma Degussa an einem lukrativen Goldhandel beteiligt gewesen, mit dem die AfD in den ersten Jahren ihre finanzielle Basis stärkte. (red, 23.11.2018)


Aus: "Milliardär Finck soll hinter Afd-Spende stecken" (23. November 2018)
Quelle: https://www.derstandard.de/story/2000092143562/milliardaer-fincksoll-hinter-afd-spende-stecken

Quote
casapace

Na und?



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papadimos

Die "Spende" war heimlich und illegal, klar?



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Ruabnzuzla

Sollte eigentlich den protestierenden Arbeitern zu denken geben, wenn Milliardäre die von ihnen präferierten Parteien sponsern !


Quote
ameyechi

Zeigt, dass der rechte Rand nicht, wie immer wieder so hingestellt wird, nur von den Verlierern und Wütenden, sondern auch von sehr reichen und mächtigen Menschen stark gemacht wird. Ist aber auch nichts neues.


Quote
DerSuttner

Ohne Milliardenspenden der Deutschen Industrie wäre die CDU in den 1990ern nicht mehr wahlkampffähig gewesen
Helmut Kohl begann und beendete seine 16 jährige Amtszeit mit einem millionenschweren Parteispendenskandal.

Verantworten musste Kohl sich nicht.
Bis zu seinem Tod blieb er der größte von der Justiz verschmähte Steuerhinterzieher.


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boulder64

finck, nicht flick.....alle buchstaben langsam hintereinander lesen....


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LaTuja

Sein Vater war ein Hitler -Bewunderer und arisierte jüdische Banken
... Finck gehörte zu einer Gruppe von Industriellen, die sich Mitte 1931 mit Adolf Hitler im Berliner Hotel Kaiserhof trafen und der NSDAP zusagten, im Falle eines Linksputsches 25 Millionen Reichsmark zur Verfügung zu stellen. Er war einer der Teilnehmer des Geheimtreffens vom 20. Februar 1933 von Industriellen mit Hitler, bei dem ein Wahlfonds von 3 Millionen Reichsmark für die NSDAP beschlossen wurde. (Version vom 24. November 2018 um 20:59 Uhr)
https://de.wikipedia.org/wiki/August_von_Finck_senior


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Anstandsdame

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.


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new jersey

Und?


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Beobachter zweiter Ordnung

und was? nix verstehen?


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kaleb

naziunterstützung ist familientradition


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Miesepete

Die AfD ist halt die Partei des kleinen Mannes!


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EUphoriker

Ein Milliardär wie du und ich...


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Trans-Danubier

Na da hat die AfD ja Glück dass es ein Schweizer und kein Russe war - bei einem Russen wäre das sicherlich wieder "Einmischung" genannt worden, bei einem Schweizer ist es ein Kavaliersdelikt


Quote
Dilbert

Das Kapital und der Faschismus haben sich schon immer prächtig verstanden.


Quote
Replagiator

Das sagte schon Max Horckheimer 1933: Wer über den Kapitalismus nicht sprechen will, der sollte zu Faschismus schweigen.


Quote
Protagoras v. Abdera

Das Muster ist geradezu typisch. Vor der Bühne werden den Menschen billige Räubergeschichten erzählt, die die Ursachen der sozialen Ungleichheit vernebeln und auf marginalisierte Gruppen projizieren, hinter der Bühne wird das Geld von denen eingesteckt, die von dieser wachsenden Ungleichheit profitieren und vorantreiben.


Quote
Dr.MiletThales

... Warum können Milliardäre nicht was vernünftiges mit ihrem Geld machen? ...


Quote
DRIVER 8

Es geht auch darum, das Aufkommen von wirklich linken Parteien zu verhindern.
Nicht umsonst heißt es, dass der Faschismus nur ein knüppelbewehrter Abwehrmechanismus des Kapitalismus sei.

Das war in den 30er Jahren so und daran hat sich nichts geändert.


Quote
ino

Überraschung!!!

Das Großkapital kauft sich gern strammrechte Verteidiger der althergebrachten Ordnung ein, weil es keine kritische Nachfrage nach der Legitimation seines Reichtums will.
Was Hugenberg, Thyssen und die IG Farben in den 30er Jahren verbockt haben, das können Finck, Pierer und die Dichands 80 Jahre später genau so gut.


Quote
Helmut Wolff

Im Grundgesetz steht noch mehr: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen."


Quote
dasandere

Die Rechtsradikalen und das Hochkapital
seit 1933 eine Lovestory....


Quote
Holgi

Cooles Posting. Damit holen sie beide Seiten ab.




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« Reply #834 on: November 25, 2018, 05:52:27 PM »
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[...] HAMBURG taz | Sie kamen zu acht, gegen drei Uhr in der Nacht. Sie weckten die Eritreerin Selam*, die in der Schutzunterkunft für Frauen und ihre Kinder am Kaltenkircher Platz in Hamburg untergebracht ist. Weil sich die 31-Jährige weigerte mitzukommen, legten sie ihr Handschellen an. Die lagen so eng an, dass Selams Handgelenke noch Tage später aufgeschürft sind. Es ging hinein in einen Polizeibus, Kurs Düsseldorf. Dort, so wurde der im fünften Monat schwangeren Selam angekündigt, werde sie in einen Flieger gesetzt, der sie nach Italien bringe. In jenes Land, in dem sie nach ihrer Bootsflucht aus Libyen zuerst europäischen Boden betreten hatte und registriert worden war.

Doch es kam anders. In Düsseldorf angekommen, wurde sie von den dortigen Polizisten gefragt, ob sie überhaupt nach Italien ausreisen wolle. Selam verneinte, sie nahmen ihr die Handschellen ab, brachten sie zum Düsseldorfer Hauptbahnhof und setzten sie in den Zug nach Hamburg. Am späten Nachmittag traf sie völlig erschöpft wieder in ihrer Unterkunft ein. Gut vier Wochen ist das jetzt her und noch immer ist unklar, wieso Selam doch bleiben durfte.

Klar ist aber: Es ist kein Einzelfall. Noch immer werden Schutzsuchende mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen, um sie abzuschieben – in ihr Herkunftsland oder in das europäische Land, das nach dem Dublin-III-Abkommen für die Bearbeitung ihres Asylantrags zuständig ist. In vielen Hamburger Sammelunterkünften kommt es deshalb regelmäßig zu nächtlichen Tumulten.

„Nach unserer Beobachtung ist die schreckliche Praxis der nächtlichen Abschiebungen noch immer die Regel und nicht die Ausnahme“, sagt Christiane Schneider, Bürgerschaftsabgeordnete der Hamburger Linken. Nicht nur für die direkt Betroffenen, auch für die anderen Bewohner*innen der Unterkünfte sei das ein hoch belastendes Verfahren, denn es könne jeden treffen, der offiziell ausreisepflichtig sei. Für die Menschen, die durch dieses Prozedere oft aus dem Schlaf gerissen werden, erhalte „die Angst, der nächste zu sein, jede Nacht neue Nahrung“, sagt Schneider.

Eine der Nächsten könnte Eden* sein, auch ihr droht die Überstellung nach Italien. Die 24-Jährige stammt ebenfalls aus Eritrea und ist in der Schutzunterkunft am Kaltenkircher Platz untergebracht. Sie hat Post von der Hamburger Ausländerbehörde bekommen: Sie möge ihre Unterkunft vom kommenden Freitag ab 18 Uhr und bis zum nächsten Morgen nicht verlassen. „Dieses Schreiben ist eine sogenannte Meldeauflage, mit der die Ausländerbehörde die ausreisepflichtigen Personen über den konkreten Termin der Abschiebung im Rahmen des Dublin-Übereinkommens informiert“, erklärt Behördensprecher Matthias Krumm. Bei Zuwiderhandlung gegen die Aufforderung, die Unterkunft über Nacht nicht zu verlassen, droht sogar Abschiebehaft. Das bestätigte die Ausländerbehörde der taz.

Doch diese Aufenthaltspflicht ist rechtlich fragwürdig. Das Lüneburger Oberverwaltungsgericht hat diese Praxis für rechtswidrig erklärt und seine Entscheidung damit begründet, dass der verordnete Hausarrest eine Freiheitsentziehung sei, für die es im Aufenthaltsgesetz keine Rechtsgrundlage gibt. Mehrere Kammern des Hamburger Verwaltungsgerichts haben sich dieser Rechtsauffassung bereits angeschlossen.

Trotzdem gehören nächtliche Polizeieinsätze in Flüchtlingsunterkünften und auch Abschiebungen aus der Ausländerbehörde heraus noch immer zur Hamburger Normalität. Jedes Mal also, wenn Selam und Eden monatelang fast einmal pro Woche in die Ausländerbehörde gehen mussten, um ihre Duldung verlängern zu lassen, ging die Angst mit. „Bei jeder Visite der Ausländerbehörde besteht die Gefahr, festgenommen und abgeschoben zu werden“, erklärt ein Betreuer der Schutzeinrichtung am Kaltenkircher Platz.

„In Hamburg finden Abschiebungen aus der Ausländerbehörde oder nachts nicht regelhaft statt“, spielt Matthias Krumm die Dimension der Zwangsmaßnahmen herunter. Wenn doch, geschehe das aus „organisatorischen Gründen“ und „zur Sicherung der Rückführungsmaßnahme“, da „die Ausländerbehörde bundesgesetzliche gehalten“ sei, „die Ausreise durchzusetzen“.

Für Selam, die inzwischen im sechsten Monat schwanger ist, könnte die Geschichte nun doch noch ein gutes Ende nehmen. Nach vielen kurzfristigen Duldungen hat sie jetzt eine sechsmonatige Aufenthaltsgestattung bekommen – und damit über die Geburt ihres Kindes hinaus. Damit ist dann Deutschland für ihr Asylverfahren zuständig und da stehen die Chancen der 31-Jährigen nicht schlecht. Im vergangenen Jahr wurden über 95 Prozent der in Deutschland von Eritreer*innen gestellten Asylanträge angenommen.

*Namen geändert 


Aus: "Die Angst ist immer da" Marco Carini (25.11.2018)
Quelle: http://taz.de/!5550419/


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« Reply #835 on: November 25, 2018, 06:47:19 PM »
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[...] Merz würde vermutlich nie so über sich denken, aber sein Glaube, er könne trotz seines Vermögens noch Mittelschicht sein, verrät auch eine gewisse Klassenmelancholie. Für seine zu groß geschnittenen Jacketts würde er von geborenen Aristokraten oder gelernten Dandys belächelt. Um dieser Art der Oberschicht anzugehören, fehlen ihm Verschwendungssinn und Stilbewusstsein. Doch auch sein soziales Downgrading funktioniert nicht mehr. Wenn Härte gegen einen selbst und Respekt gegenüber anderen genügten, um zur gesellschaftlichen Mitte zu gehören, dann müsste diese Regel ja für alle gelten. Das erkläre man einmal den bis zu 15 Millionen Armutsgefährdeten in Deutschland. Viele von ihnen verwenden ihre Disziplin darauf, als working poor im Geschäft oder als ALG-II-Empfänger auf der Bezugsliste der Sozialämter zu bleiben.

Aus sozioökonomischer Sicht war die Mittelstandsgesellschaft mit dem Beginn der Agenda-Reformen 2003 am Ende. Rot-Grün reduzierte die soziale Statussicherung und knüpfte die Grundsicherung an Bedingungen: Nach einem Jahr Arbeitssuche konnte man nun die Erfahrung machen, dass sich schon einige Tausend Euro Geldvermögen negativ auf den Sozialhilfesatz auswirken. Man fiel schneller aus der Mittelschicht heraus und kam schwieriger wieder in sie hinein. Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und der World Inequality Report 2018 belegen, dass die Einkommensunterschiede in Deutschland seit 1990 gewachsen, die Ober- und Unterschicht größer, die Mittelschicht kleiner geworden ist. Ungerechter sei Deutschland trotzdem nicht, hält der Ifo-Präsident Clemens Fuest dagegen: Divergierende Bruttolöhne würden durch den Sozialstaat kompensiert.

Oft wird behauptet, die Agenda-Reformen spielten für die Selbstwahrnehmung der gesellschaftlichen Mitte keine große Rolle mehr, seit über die stark gesunkene Arbeitslosigkeit fast gar nichts mehr, über fehlende Fachkräfte und offene Lehrstellen dafür umso mehr berichtet wird. Auf ein ziemlich großes Mittelklassenmilieu – auf die regulär in der Industrie beschäftigten Facharbeiterinnen und Facharbeiter – dürfte das nicht zutreffen. In seinem gerade erschienenen Buch Die Politische Ökonomie des Populismus zeigt der Politikwissenschaftler Philipp Manow eindrücklich, dass die Erfahrung vergangener Arbeitslosigkeit sowie die bloße Möglichkeit, den sozialen Status zu verlieren, das Wahlverhalten dieses Milieus erheblich beeinflusst. 

... Wer nicht fürchtet, nach unten aus der Mitte herauszufallen, der wünscht sich, oben aus ihr herauszustechen: Das zeigt der Blick auf ein anderes Mittelschichtsmilieu, das der urbanen, weit gereisten, interkulturell sozialisierten Akademiker. Der Soziologe Andreas Reckwitz hält es für so bedeutsam, dass er in ihm eine "neue Mittelschicht" gekommen sieht, die sich von den in Flächendeutschland beheimateten Facharbeiterinnen und Ingenieuren habituell und kulturell im Stil einer Klasse distanziert. Nichts wäre diesen städtischen Akademikern peinlicher, als so zu sein wie alle anderen auch.

Durch die Möglichkeiten der sozialen Medien hat diese neue Mittelklasse ihren Hang zur Selbstbeobachtung und Selbstverortung, der schon in den Romanen von Gustave Flaubert oder Theodor Fontane einige Kleinbürgerneurosen erklärte, weiter intensiviert. Das alte Bodenständler-Ethos der BRD ist diesen Menschen ziemlich fremd, sie können sich, wenn sie unter 30 oder eingewandert sind, vielleicht nicht einmal mehr daran erinnern. Eine soziale Ähnlichkeit mit den Werktätigen der südlichen Industriegebiete wird ihnen (siehe Provinzroman) problematisch vorkommen. Man ist entweder nicht Mitte genug oder man ist es zu sehr, glücklich ist im Zentrum der Gesellschaft offenbar niemand.


Aus: "Eine Klasse voller Melancholiker" Ein Essay von Tobias Haberkorn (25. November 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2018-11/mittelschicht-debatte-friedrich-merz-klassenbewusstsein/komplettansicht

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Ihr Schreiben ist in unserem Papierkorb eingegangen #2

Oft wird behauptet, die Agenda-Reformen spielten für die Selbstwahrnehmung der gesellschaftlichen Mitte keine große Rolle mehr, Korrekt. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall.

... Wenn aber am Ende einer Lebensleistung nur noch das Existenzminimum bleibt, wird davon das Bewusstsein über die eigenen Lebensperspektiven geprägt. Hartz IV gilt deshalb gerade in der Mittelschicht als Bedrohung für das eigene Leben. Es ist zum Symbol für den sozialen Abstieg geworden. Das betrifft gerade nicht die schwierigen Fälle [...] mit den „multiplen Beschäftigungshindernissen“ [...] Hartz IV ist übrigens vor allem für gebildete Menschen eine Bedrohung. Die ungebildete Unterschicht hatte schon immer recht realistische Erwartungen über ihre Perspektiven in dieser Gesellschaft.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tv-kritik/debatte-bei-maybrit-illner-ueber-abstiegsangst-in-deutschland-14460141-p2.html


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Petition_85565 #3

>>Klassenverhältnisse spiegeln sich nicht nur im Kontostand, sondern auch in der Art, wie jemand sich ausdrückt und kleidet, wie selbstsicher er durch die Tür kommt und von seinem Leben erzählt, ob er mit den richtigen Leuten auf Klassenfahrt oder Segelfreizeit gewesen ist.<<

Vorhin kam mir eine junge Frau in Jogginghose mit Smartphone entgegen, in lautem Prolldeutsch sprechend:

"Jaja, wallah, ja meine Eltern haben auch sechs Eigentumswohnungen, ja, wallah"

Ich kann die Aussage oben also verwerfen. Nein, es geht nur um den Kontostand.


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Dhoughal #4

"Weder Merz' Vorstellung, Schichtzugehörigkeit leite sich von Respekt, Fleiß und Dankbarkeit her, passt noch in unserer Zeit, noch die These, die meisten Deutschen sehnten sich nach Durchschnitt und Konformität."

Jede Partei bekommt den Parteichef, den sie verdient.


...

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« Reply #836 on: November 25, 2018, 06:51:30 PM »
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[...]  Es ist nicht so, dass es in Berlin keine Hilfe für Obdachlose gäbe. Bis zu 10 000 Menschen – schätzt man, denn erfasst hat das niemand – leben hier auf der Straße. Tatsächlich hat der Senat die Mittel für Sozialarbeit von 467 000 Euro auf etwas mehr als eine Million Euro aufgestockt. Die Plätze in Notunterkünften sind längst nicht alle belegt, die Auslastung liegt momentan bei 80 Prozent. Doch wer diese Angebote nutzen will, muss das können und wollen. Muss in der Lage sein, sich zu kümmern, sich an Regeln zu halten. Muss in den Unterkünften eventuell mit Gewalt klarkommen, mit Diebstahl und Belästigung, mit Lärm. Und mit kurzen Schlafphasen, weil alle am Morgen wieder rausgeschickt werden.

... Was jedes Jahr fehlt, sind Konzepte für diejenigen, die nicht mehr selbst um Hilfe bitten können. Geld, sagt Fischer, sei dabei nachrangig. Das jetzt gestartete Projekt an den Kältebahnhöfen werde etwas unter 100 000 Euro kosten. Obdachlosigkeit, so wie ihr bisher begegnet werde, sei unheimlich teuer. Ein Monat in einer Notunterkunft kostet den Staat im günstigsten Fall 500 Euro. Für ein Bett. Der Senat hat deswegen im Januar bereits die Losung ausgebracht: Jeder Obdachlose soll eine feste Unterkunft erhalten, möglichst eine eigene Wohnung. Davon abgesehen, dass der Wohnungsmarkt das schon für solvente Mieter nicht hergibt und viele Obdachlose sich keinen festen Wohnsitz vorstellen können, ist man von diesem Ziel noch weit entfernt.

...


Aus: "Unterwegs in Berliner U-Bahnhöfen" Sidney Gennies (25.11.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/kaeltehilfe-fuer-obdachlose-unterwegs-in-berliner-u-bahnhoefen/23679268.html


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« Reply #837 on: November 27, 2018, 11:04:24 AM »
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[...] Ihr Mann schuf mit seinem Bruder einen der weltweit erfolgreichsten Discounter-Konzerne. Nun ist Cäcilie Albrecht, die Witwe von Aldi-Gründer Theo Albrecht, gestorben.  ...


Aus: "Witwe des Aldi-Gründers ist tot" (26. November 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-11/caecilie-albrecht-witwe-aldi-gruender-tot

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Hansifritz #4


Gott sei ihrer Seele gnädig, ohne sie wäre ich schon längst verhungert.+++


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UniKrebsforscher #5


Wie viele Menschen sind heute weltweit gestorben, nicht trotz maximalem Reichtum mit 91 sondern wg. Armut in den ersten 10 Lebensjahren? Das würde mich interessieren. Auch was man evtl. dagegen tun kann. Ich frage mich manchmal was in den Köpfen mancher sog. Journalisten so vorgeht.


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Gelka Libri #7


Die ALDI Gründer sterben wie Sie gelebt haben - unauffällig.


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« Reply #838 on: November 28, 2018, 09:38:42 AM »
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[...] Der CDU-Politiker Friedrich Merz hat sich für eine umfassende Aufklärung der Vorwürfe gegen den weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock ausgesprochen. Er habe in Deutschland den Blackrock-Vorstand "angewiesen, mit den Ermittlungsbehörden zusammenzuarbeiten und alle Dokumente auf den Tisch zu legen", sagte Merz, der auch Aufsichtsratsvorsitzender von BlackRock Asset Management Deutschland in München ist. Merz will im Dezember für den CDU-Vorsitz kandidieren.

"Es wird hier alles aufgeklärt und wir werden daran aktiv mitarbeiten", sagte Merz. Das werde der Vorstand nach seiner Weisung tun. Ermittler der Kölner Staatsanwaltschaft hatten zuvor Räume des Vermögensverwalters in München durchsucht. Grund sei ein Ermittlungsverfahren zu Dividenden-Steuertricks, sagte ein Insider. Bei diesen so genannten Cum-Ex-Geschäften ließen sich Anleger die einmal gezahlte Kapitalertragsteuer mithilfe ihrer Bank mindestens zwei Mal erstatten. Dazu verschoben sie um den Dividendenstichtag herum untereinander Aktien mit (lateinisch: "Cum") und ohne ("Ex") Dividendenanspruch.

Allein in Deutschland entgingen dem Staat dadurch nach Angaben des Bundesfinanzministeriums mehr als fünf Milliarden Euro, bevor die Gesetzeslücke 2012 geschlossen wurde. Europaweit summiert sich der Schaden auf über 55 Milliarden Euro, wenn man weitere undurchsichtige Steuerkonstruktionen hinzu zählt.

Merz ist seit 2016 Aufsichtsratschef von BlackRock Deutschland. Die umstrittenen Geschäfte beträfen den Zeitraum 2007 bis 2011, also die Jahre vor der Übernahme des Spitzenamtes. Merz sagte, es sei nur fair, dass es angesichts seiner Kandidatur um den CDU-Vorsitz auch eine öffentliche Debatte um sein Wirken bei BlackRock gebe. Er habe "nichts anderes erwartet".

Ein Sprecher des US-Konzerns hatte zuvor gesagt: "BlackRock arbeitet in einer laufenden Untersuchung im Zusammenhang mit Cum-Ex-Transaktionen uneingeschränkt mit den Ermittlungsbehörden zusammen." Auch die HypoVereinsbank ist Finanzkreisen zufolge durchsucht worden. Die Staatsanwaltschaften München und Köln wollten sich nicht zur Sache äußern.


Aus: "Friedrich Merz will Vorwürfe gegen BlackRock aufklären" (6. November 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-11/cdu-friedrich-merz-razzia-blackrock-aufklaerung-cum-ex

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Hier kommt Knut ohne Hut und ohne Wut #7

BlackRock gehört doch sowieso schon fast alles. Weshalb sollten die einen Kanzler stellen?


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Ungerechtigkeit #27

Merz verspricht Aufklärung... Sagt er das nun als Bundeskanzler oder als Blackrock-Mitarbeiter?


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bahnhofversteher #7.5


"Weshalb sollten die einen Kanzler stellen?"
Um dafür zu sorgen, dass dass auch so bleibt. Nicht dass noch die Linksradikalen von der SPD daran was ändern (dass die Linksradikalen neuerdings in der SPD heimisch sind, ist vom Verfassungsschutz bewiesen!).




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[...] Wenn sich Blackrock-Chef Lawrence Fink – von den Leitmedien kumpelhaft „Larry“ genannt – zum Weltwirtschaftsforum in die abgeschirmte Festung Davos in der Schweiz einfliegen lässt, dann steht die ungewählte wie die gewählte Elite stramm. Denn „sie alle haben begriffen, die Manager, Unternehmer, Banker, Großanleger, Politiker, Ökonomen, dass der Amerikaner so etwas ist wie der unerklärte Präsident der Weltfinanzgemeinde, der Oberste der Ober-Kapitalisten, der Gesetze und Geschicke des Kapitalismus mehr bestimmt als viele andere“, so der Handelsblatt-Autor Hans-Jürgen Jakobs, der dabei sein durfte.

Blackrock, der schwarze Fels, ist der größte Kapitalorganisator der westlichen Welt und gebietet gegenwärtig über ein eingesetztes Kapital von 6,4 Billionen US-Dollar. Das ist fast das Doppelte dessen, was die größte europäische Volkswirtschaft, Deutschland, im Jahre 2017 als Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet hat.

... Gegenwärtig ist Blackrock über Aktienanteile Miteigentümer von knapp 18.000 Unternehmen. Dazu gehören mehr als 400 der 500 größten US-Konzerne, auch die Börsengiganten Amazon, Google, Apple, Facebook und Microsoft, die meisten Banken der Wall Street und Westeuropas, die wichtigsten westlichen Rüstungs- und Chemiekonzerne, Fluglinien wie Lufthansa und Ryanair, in Deutschland alle DAX-Konzerne, also die dreißig größten börsennotierten Firmen, und Hunderte von weiteren Unternehmen.

... Während Regierungen und EU-Kommission sich nach der Finanzkrise um die Regulierung der Banken abmühten, blühten im Stillen die neuen Finanzakteure auf – wie Blackrock. Sie werden bis heute vom Internationalen Währungsfonds IWF und der Zentralbank der Zentralbanken, der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), offiziell als Schattenbanken bezeichnet. Sie sind unter Beobachtung gestellt, ihr Status ist bis heute offen.

Etwa zwei Dutzend Schattenbanken spielen heute in der Oberliga der westlichen Wirtschaft. Blackrock ist der größte dieser Kapitalorganisatoren, mit den etwas kleineren Vanguard und State Street bildet Blackrock die Führungsgruppe der „Big Three“.

Sie alle arbeiten mit dem Kapital der Superreichen, der Multimilliardäre und Multimillionäre. Unternehmerclans, Topmanager, Unternehmensstiftungen, Pensionsfonds und Versicherungen gehören dazu, deren flüssiges Kapital an Blackrock & Co. weitergereicht wird mit der Erwartung: Macht was draus – und zwar höheren Gewinn als in meiner bisherigen Bank oder in meinem eigenen Unternehmen!

Blackrock trägt zu Steuervermeidung im großen Stil bei. Denn wenn die Superreichen ihre Millionen Blackrock anvertrauen, der Kapitalorganisator damit etwa 7,86 Prozent der Eon-Aktien zusammenkauft und zum größten Eigentümer des Energiekonzerns wird, dann lässt Blackrock dafür 152 Blackrock-Tochterfirmen gründen. Das sind 152 Briefkastenfirmen, die über ein Dutzend Finanzoasen verteilt sind: Wilmington im winzigen US-Bundesstaat Delaware – dort hat Blackrock selbst seinen rechtlichen Sitz –, Luxemburg, die Niederlande, die britische Insel Jersey oder Singapur. Rechnet man das hoch, dürften also die Aktien, die Blackrock für seine Kunden allein in den 30 DAX-Konzernen hält, auf etwa 5.000 Briefkastenfirmen verteilt sein. Ob Bundesfinanzminister Olaf Scholz davon schon gehört hat? Was sagt sein Staatssekretär Jörg Kukies dazu? Kukies war vormals bei Goldman Sachs – Blackrock ist dort Großaktionär.

Blackrock hält in der Regel zwischen drei und zehn Prozent der Aktien eines Unternehmens. Da fragen viele: Wie kann Blackrock mit so einem kleinen Aktienpaket so viel Einfluss ausüben? Nun: Mit einem solchen Anteil ist man heute Großaktionär. Familienclans mit größeren Aktienpaketen in Einzelunternehmen wie die Quandts / Klattens bei BMW und die Piëchs bei VW sind die große Ausnahme. Blackrock ist nicht nur Aktionär bei BMW und VW, sondern in allen großen Autokonzernen der westlichen Welt, also mit direktem Einblick in die Konkurrenz.

Zusammen mit Vanguard & Co. hält Blackrock etwa 30 bis 40 Prozent der Aktien einer großen Zahl von Unternehmen, sie bilden damit den weitaus größten Block. Zudem stimmen sie sich untereinander ab. Zu guter Letzt sind Vanguard, State Street, Capital World, Fidelity und Wellington auch noch Großaktionäre bei Blackrock selbst.

„Wir nehmen Einfluss im Hintergrund“, sagte 2015 Deutschland-Chef Christian Staub der FAZ. „Wir sprechen nicht auf Hauptversammlungen oder stellen dort Anträge... Wir tauschen uns direkt mit Vorstand und Aufsichtsrat aus.“ Eon-Vorstandschef Johannes Teyssen drückte es dasselbe so aus: „Die lassen uns antanzen.“ Doch Blackrock wartet nicht nur wie die Quandts auf die jährliche Dividende. Für Blackrock sind Aktien die Basis noch ganz anderer Geschäfte. Dazu gehört das Verleihen an andere Banken und Großkunden, im großen Stil und gegen Gebühr. Derartige Leihgeschäfte ermöglichten die Cum-Ex- und Cum-Cum-Betrügereien.

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Aus: "Die im Dunkeln" Werner Rügemer (Ausgabe 47/2018)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-im-dunkeln

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Achtermann | Community

Dem verdienstvoll aufklärerischen Artikel möchte ich noch eine Fußnote hinzufügen. Es geht um die ETF. Werner Rügemer schreibt:

>>Blackrock entwickelte aber auch so etwas wie eine neue „Volksaktie“, womit Kleinanleger für Notlagen vorsorgen und die schwindende gesetzliche Rente (...) aufstocken sollen. Das Finanzprodukt fürs gemeine Volk heißt ETF, Exchange Traded Fund – börsengehandelte Fonds. Dieses Spekulations-Wertpapier erfand der heute drittgrößten Kapitalorganisator State Street 1993 während der Deregulierung an der Wall Street. Es war für Großanleger gedacht, doch Blackrock machte daraus ein Massenprodukt: keine Aktie, sondern ein Anteilsschein an einem Fonds, der Unternehmensanteile kauft.

Eine besonders ‚volksnahe‘ Variante von ETFs sind iShares: hinter ihnen verbirgt sich eine Wette auf die Entwicklung von Aktien-Indizes wie dem deutschem DAX und dem US-Index S & P500.<<

In nahezu jeder Ausgabe wirbt das staatlich geförderte Verbrauchermagazin "Finanztest", eine Publikation von "Stiftung Warentest", für diese Geldanlage. So lesen wir in der Dezember-Ausgabe 2018:

>>Für den Renditebaustein eignen sich am besten weltweit anlegende Aktien-ETF. (...) Kaufen Sie die ETF. Sie benötigen dazu ein Wertpapierkonto. (...) Einmal angelegt, können Sie Ihr Geld in Ruhe für sich arbeiten lassen.<<

Damit schließt sich der Kreis. ...


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KimLang | Community

Es stimmt. Die Wirtschaft und die Politik ahben auch schon in ferner Vergangenheit voneinander profitiert. Dies wird natürlich nicht nach außen getragen, aber beide parteien sind sehr geldmotiviert, weshalb man sich darüber nicht wundern sollte.


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gsyme | Community

Schöner Artikel.

Was motiviert eigentlich einen Herrn Merz, seine astronomischen Gehälter bei Blackrock und co. aufzugeben und wieder in die Politik zu wechseln? Ein Herr der bei seinem Ausstieg damals erklärt hat: eine Rückehr in die Politik schließe er aus?

Aus Spass an der Freude ja wohl bestimmt nicht. Neue Heraussforderungen? Wohl kaum, schließlich war er schon mal im Bundestag. Dort übrigens als klassisches Beispiel eines CDU Abgeodneten, der neben seiner angeblichen Haupttätigkeit für das Volk, noch in zahlreichen Nebentätigkeiten absahnt und diesen Zustand auch noch per Klage geheim zu halten versuchte. Ein klassischer Lobbyist also, der sich jetzt an die Spitze der größten deutschen Partei wählen lassen will. ...



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« Reply #839 on: November 28, 2018, 09:57:08 AM »
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[...]  Es ist wohl kein Zufall, wenn sich jetzt auch die großen bürgerlichen Zeitungen zunehmend mit der Frage beschäftigen, warum ein so großer Anteil unserer Gesellschaft auf einmal wieder offen ist für autoritäre Politik, für Führerkult und Sehnsucht nach geschlossenen Grenzen. Und warum sie sich auch endlich intensiver mit dem Soziologen Wilhelm Heitmeyer beschäftigen, der seit 30 Jahren vor dem Aufkommen neuer nationalistischer Parteien warnte.

... Mit „Hartz IV“ hat man [...] Ängste [...] befeuert, brav im Schlepptau hochbezahlter Manager, die der Schröderregierung seinerzeit einredeten, man dürfe den Menschen keine „soziale Hängematte“ geben, in der sie sich ausruhen, wenn sie aus ihrem gut bezahlten Job fliegen.

Nein, nicht die „Hartz IV“-Empfänger sind diejenigen, die die meiste Angst vor diesem Absturz haben, sondern all die, die genau wissen, dass ein kleiner Sturm in der Konjunkturbadewanne genügt, und schon sind sie selbst ganz da unten. Mit allen Schikanen.

„Hartz IV“ ist nicht für die armen Schweine gemacht worden, die eh schon wissen, wie es sich mit dem letzten Cent in der Tasche lebt, sondern für die, die immer länger und härter arbeiten, um in einem immer wilderen Rennen ihre Position zu halten, die sich Pillen einwerfen und auch noch krank zur Arbeit fahren, auch gern stundenlang in immer längeren Staus stehen. Hauptsache, sie behalten ihren Job, sonst …

... Die Betroffenen spüren sehr wohl, dass „ihr Staat“ Macht verloren hat, dass immer öfter wirtschaftliche Interessen („der Markt“) die Politik bestimmen. Weshalb sie sich einen starken Staat wünschen – aber nicht zur Bändigung des „Marktes“. Das ist ja das Paradoxe, sondern gegen die scheinbaren Konkurrenten um eine Teilhabe am Wohlstand.

Sie haben quasi den „Markt“ verinnerlicht und üben sich, wie die Sozialforscher schreiben, in „exklusiver Solidarität“. Sie definieren sich selbst als Kollektiv (was ja im Osten besonders gut funktioniert), als „Leistungsträger“ und Mittelklasse und behandeln von ihnen als ausgegrenzt betrachtete Gruppen als Ausschuss. Oder mit einem Zitat aus dem Text: „Was untauglich ist, bleibt liegen.“

Mit dem Muster können chauvinistische Parteien sehr gut umgehen. Aus dieser homogenen Gruppe der überzeugten und staatserhaltenden Leistungsträger wird dann ganz schnell wieder eine Volksgemeinschaft. Die empfundene Schwäche verkehrt sich in vermeintliche Stärke, wo man doch (mit gutem Recht) auftrumpft und nun meint, die anderen „jagen“ zu können. Oder gar zu müssen. Die Ängste werden in  Forderungen nach noch mehr Sicherheit und noch mehr staatlicher Härte (gegen die anderen) verwandelt. Und das sitzt tief.

... Man schreit ja regelrecht nach Ruhe, Ordnung und Infriedengelassenwerden. Tor zu, Mauer gebaut, Ruhe im Karton. ... Und bevor ich hier ausführlich werde, bremse ich und halte einfach das Bild eines Landes fest, dessen Mehrheit zutiefst verängstigt und autoritätsgläubig ist, die aber gleichzeitig bereitwillig alle Zumutungen eines rabiater gewordenen Arbeitsmarktes erträgt und ihre Aggressionen vor allem gegen jene kehrt, die diese Zumutungen infrage stellen.

Denn dann kommt ja die fürchterlichste aller Fragen: Was passiert, wenn Deutschland in diesem gnadenlosen Wettbewerb nicht mehr mithalten kann?

Und sage keiner, dass unsere geliebten Parteien der Mitte nicht genau diese Ängste geschürt haben. Seit olle Helmuts Zeiten, mit immer neuer Furie und Bildhaftigkeit. Oder mal so gesagt: Die Anfälligkeit für eine autoritäre Parteinahme wurde eifrigst gepflegt. Man sollte sich über die Folgen vielleicht nicht allzu sehr wundern.

...


Aus: "Das unglückliche Innere unserer Gesellschaft" Ralf Julke (27. November 2018)
Quelle: https://www.l-iz.de/leben/gesellschaft/2018/11/Das-unglueckliche-Innere-unserer-Gesellschaft-246871

« Last Edit: November 28, 2018, 10:01:54 AM by Textaris(txt*bot) »