Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 295173 times)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #805 on: Oktober 08, 2018, 05:10:19 nachm. »
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[...] Wohnen in Deutschlands Hochschulstandorten verteuert sich weiter. Studierende müssen in den meisten Großstädten zwischen 9,8 Prozent (Greifswald) und 67,3 Prozent (Berlin) mehr Miete zahlen als noch 2010, wie aus dem neuen Studentenwohnpreisindex im Auftrag des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervorgeht. Allein im vergangenem Jahr seien die Mietpreise demnach um zwischen 2,2 Prozent (Greifswald) und 9,8 Prozent (Berlin) gestiegen.

... Zwar sind vor allem in der Hauptstadt die Mieten überdurchschnittlich stark gestiegen, doch zahlen Studierende in einer anderen deutschen Großstadt mit Abstand die meiste Miete: in München. Durchschnittlich 600 Euro bezahlen Studierende dort monatlich für ihre Wohnung, darauf folgt Frankfurt am Main mit 488 Euro monatlich. Am günstigsten wohnen Studentinnen und Studenten derzeit in Magdeburg. Dort verlangen Vermieterinnen und Vermieter im Durchschnitt 200 Euro pro Monat. Zu den günstigsten Universitätsstandorten gehören mit unter 300 Euro Miete auch Leipzig, Jena, Greifswald, Kiel, Göttingen und Aachen.

... Die Studie basiert auf Daten von Internetportalen. Das IW untersuchte, welche Inserate Studierende finden, wenn sie in eine neue Stadt ziehen, kein Wohnheimzimmer erhalten und ausschließlich auf Onlineangebote angewiesen sind. "Die Zahl der Inserate ist noch hoch, aber rückläufig", sagte Voigtländer. Neben der starken Wohnungsnachfrage in den Großstädten ist laut IW auch die hochwertiger gewordene Ausstattung der Wohnungen ein Grund für den rasanten Preisanstieg. Vor allem die Qualität von Neubauten sei gehobener als früher.

Mit Blick auf das durchschnittliche Budget von Studierenden ist der Mietanstieg eine starke Belastung für viele von ihnen. Laut Sozialerhebung des Studentenwerks stehen ihnen monatlich im Schnitt 918 Euro zur Verfügung. Je nach Stadt müssen Studierende zwischen etwa einem und zwei Dritteln ihres Geldes für das eigene Zimmer ausgeben.

...


Aus: "Studierende geben bis zu zwei Drittel für Miete aus" (8. Oktober 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-10/studentenwohnpreisindex-mieten-studierende-hochschulstandorte-mieten-berlin-muenchen

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Miasto #2

Wenn immer mehr Studierende in bestimmte Ballungsbiete drängen, dann wird es halt teurer. Das ist unvermeidbar. Viele Studenten haben erkennbar genügend finanzielle Mittel, um sich diesen Wunsch zu erfüllen.


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Überzogenepolemik #2.1

So wird studieren an den bekannten, guten Universitäten zum Privileg der Reichen. ...


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Zangenzug #2.3

Privilegiert sind vor allem die Schlauen, die für sich das Optimum aus allen Lebensbereichen herausholen ...


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DerJoker1991 #2.13

Ich glaube in München studieren Leute die:

1) Aus der Gegend München kommen
2) Sich die Mieten irgendwie leisten können. Sei es durch Arbeiten neben dem Studium, Bafög oder Zuschuss von Eltern.


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Raynor84 #3.7

"Komisch . Meine Tochter bezahlt in Kiel 320 Euro für ein 14 qm Zimmer im Studentenwohnheim."

Musste beim Lesen des Artikels auch etwas die Augen zusammenkneifen, als ich das mit dem so angeblich billigen Kiel erblickte.
Ich bin seit 9 Jahren Kieler, war und bin zwar kein Student, aber ich habe bislang in 4 Stadtteilen gelebt und kann sagen, dass man nichtmal in Gaarden-Ost für 300 warm eine eigene Wohnung bekommt. Selbst im unbeliebten Mettenhof wird das sehr schwer. Ein (kleines) WG-Zimmer kann man jedoch sogar am Exer für den Preis bekommen. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regeln, mein Bruder wohnt für 290€ warm auf 26qm in einer 1 Z-Wohnung in Hassee.


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systemiclupus #3.8

Aus zuverlässiger Quelle weiß ich dass man in Kiel auch für ~300€ ein wg Zimmer in bester Lage bekommt. Allerdings muss man dafür häufig andere studierende kennen die einen vermitteln bzw in ihrer wg aufnehmen können. ...


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BloederHennes #7

Höre das parallel gerade auch im Radio. Drängt sich mir da doch ein MIMIMI auf ;)

"OMG.... die ARMEN Studenten !!!" /iro off

Was ist eigentlich mit den GANZEN Anderen ? Azubis / ALG 2 / Alleinerziehende / etcetc. ? Die zahlen die Miete aus der Portokasse ? ...


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dorfbeobachter #9

"Studierende geben bis zu zwei Drittel für Miete aus" - Nein, das ist absolut falsch.

Der angemessene Gesamtunterhaltsbedarf eines Studenten, der nicht bei seinen Eltern oder einem Elternteil wohnt, beträgt seit 2016 in der Regel monatlich 670 €. Hierin sind bis 280 € für Unterkunft einschließlich umlagefähiger Nebenkosten und Heizkosten (Warmmiete) sowie bis zu 90 € monatlich für ausbildungs- bzw. berufsbedingte Aufwendungen enthalten. Ab WS 2016/ 2017 steigt der Gesamtbedarf analog des BAFöG-Höchstsatzes von 670 € auf 735 €.
Mein Sohn ist heute als Student nach München gezogen. Die Angebote lagen jenseits 100% des "Gesamtbedarfs" bei bis zu 950€. Am Ende gab es ein WG-Zimmer für 750.


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IrbanMutarez #9.2

280€ Mietkosten? Von welcher Stadt reden wir?


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heragema #19

Die Wohnungsmisere für Studenten spiegelt die Wohn- und Eigentumspolitik der Regierungen der letzten 30 Jahre wider. Die private Wohneigentumsquote ist weitgehend konstant und die besser und am Besten verdienenden haben noch dazu gelegt. Die „besser gestellten“ haben also keine Wohnprobleme, ihre Wohnflächen wurden im Gegenteil durchschnittlich größer. Aber der Bau von preiswertem Wohnraum stagnierte, Investoren legten ihr Geld eher in Geschäftsbauten an. Bis die Wohnungen, weil rar, so teuer wurden, das es für sie rentabel wurde. So gibt es private Gesellschaften in Deutschland die die bis ca. 450 000 Wohnungen verwalten. Selbst kommunale Wohnbaugesellschaften perfektionieren das Prinzip: billige Wohnungen durch „Renovierung“ oder Abriss vernichten, dann renovierte oder neu gebaute Wohnungen teurer weitergeben. Das kommunale Wohnbaugesellschaften mit ca. 20 000 Wohnungen einen Überschuss von 20 Millionen Euro erwirtschaften wird zur Zeit keine Seltenheit sein. ...


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Muehlenbach #20

Wenn ich solche Artikel lese, wird mir immer wieder klar, was für ein Glück ich doch hatte. Als ich 2015 in Stuttgart angefangen habe zu studieren, ist eine Kommilitonin und deren Mutter gerade aus ihrer alten Wohnung ausgezogen, woraufhin ich gleich mit einem Mitstudenten eine WG gegründet habe und dort eingezogen bin. Wir sind mittlerweile zu dritt und zahlen für 80qm (inklusive Garten, Keller, Garage) 875€ warm, also etwa 290€ pro Person. Einkaufsmöglichkeiten sind alle fußläufig erreichbar und mit der Stadtbahn ist man in 10 Minuten im Zentrum. Andere, die ich kenne, zahlen für 14qm-Zimmer 500€ oder mehr!


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thassilofi #29

Habe vor genau 10 Jahren als Erstsemester-Student in Freiburg eine Bude gesucht. Damals ging es noch, da habe ich dann eine 2-Zimmer Whg. für 740 EUR warm gefunden, wo wir dann eine 2er WG draus gemacht haben und jeder mit 400 EUR im Monat ne super Unterkunft hatte. Unterdessen ist es hier nur noch pervers, Studium ist lange abgeschlossen - auch für Berufstätige eine absolute Zumutung.


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Wilhelm Pollmann #29.1

Als ich mein Studium begann,imJahr 1967, wohnte ich in einer ca 20 qm Etagenwohnung privat in Münster für sage und schreibe 67 DM und bekam noch Beihilfe aus dem damaligen Honnefer Model. Wenn meine Tochter jetzt in Münster statt in Bielefeld studieren würde, müsste sie ca 600 Euro Miete für eine Studentenbude bezahlen.Das könnte ich als Rentner für meine Tochter kaum stemmen.


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Lustgreis #35

Studenten sind nun wirklich die letzte Gruppe, die jammern sollte. Man ist halt nur nicht bereit, auch mal eine halbe Stunde mit der S-Bahn oder gar dem Bus in die Uni zu fahren.


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thassilofi #35.1

bis zu einem gewissen grade ist da etwas dran. die generation meiner eltern, die um 1970 studiert haben waren da sicher anspruchsloser (siehe einzelzimmer zur untermiete, klo übern hof usw.)


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Offene Augen #36

Warum sollte es für Studierende anders sein, mit der Miete, als für den Rest der Bürger? Natürlich müssen auch Studierende mehr Miete zahlen, wenn überall die Mieten steigen und niemand etwas dagegen tut. Es sitzen doch alle im gleichen Boot.


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« Reply #806 on: Oktober 08, 2018, 05:36:23 nachm. »
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[...]  In Deutschland mangelt es bereits vielerorts an Arbeitskräften. Jedoch ist nicht jeder Deutsche bereit umzuziehen, damit er eine Arbeitsstelle findet. Wer aber aus Polen oder Rumänien komme, der gehe laut Bericht oft in die Regionen, in denen es an Arbeitskräften mangelt – und erledige dort die Arbeit, für die sich sonst kein Arbeitnehmer findet. ...


Aus: "Jede zweite neue Arbeitsstelle mit Ausländern besetzt" (7. Oktober 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-10/bundesagentur-arbeit-migranten-auslaender-jobs-statistik

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imWestennixNeues #3

Schade, dass man keine Aufsplittung in sozialversicherungspflichtige und geringfügige Beschäfitigungen erhält. Der qualitative Unterschied ist enorm. So ist diese Aussagekraft eher gering.


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Nurotec #3.9

... was sie sonst noch an statistischen randerscheinungen diskutieren wollen.... Interessiert mich jetzt erstmal nicht.


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Das Fünfte Element #3.12

Menschen, die mehrere Minijobs machen weil sie keinen Vollzeitjob finden sind keine statistische Randerscheinung.
Und dass solche Menschen dir egal sind sagt genug über dich aus.


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GO1984 #5

Sehr gut für die Unternehmer, schlecht für die Einheimischen, da das Lohniveau sinkt.


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Seebrügge #5.5

Die Marktgesetze von Angebot und Nachfrage haben bisher immer auch für den Arbeitsmarkt gegolten. Deshalb steigen die Gehälter von Kurierfahrern weniger als die von Ingenieuren.


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Vernunftorientiert #5.6

Wer es glaubt...

Warum wird denn die Marktwirtschaft im Niedriglohnbereich nicht angewendet? Warum haben wir eine politische Diskussion über die Bezahlung von Pflegekräften?


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Bert Holzstation #5.11

"Die Marktgesetze von Angebot und Nachfrage haben bisher immer auch für den Arbeitsmarkt gegolten."

Das haben sie nachweislich nicht, wie man an den geringen Löhnen für Pflegekräfte trotz immenser Nachfrage sieht.

Das liegt aber weniger an den Marktgesetzen, als daran, dass ein Arbeitsmarkt gar kein klassischer Markt ist. Dem Arbeitsmarkt fehlt ein elementarer Bestandteil jeden Marktes, das Gleichgewicht der Kräfte.


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Seebrügge #5.15

Gilt auch für Pflegekräfte: Hier gibt es zwar eine immense Nachfrage, aber auf Seiten der Kassen keine Bereitschaft mehr zu zahlen. Dann bleibt es eben bei der unbefriedigten Nachfrage. Das will man jetzt lösen, indem das Angebot durch Kräfte aus dem Kosovo erhöht wird.


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Franz Xy #9

Das Problem ist, dass es in Osteuropa für die meisten Menschen toll und großartig ist für 1000 Euro im Monat zu arbeiten.
Ihr Einsatz in Deutschland wird nur zum Nachteil der hiesigen unteren Schicht sein. ...


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Dropisius #12

So wie polnische Handwerker nach Deutschland kommen, weil hier besser bezahlt wird, gehen z.B. deutsche Ärzte gerne in die Schweiz weil dort besser bezahlt wird. Dieses Spiel gibt es auf der ganzen Welt und ist immer eine Frage von Angebot und Nachfrage.


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Gelbe Tulpe #18

Momentan wird ja viel gebaut, da Wohnungen fehlen und Schulen saniert werden. Nach dem Einbruch des Wohnungsbaus in den vergangenen Jahren fehlen halt deutsche Bauarbeiter, da diese weniger ausgebildet worden.

Man sollte daraus aber nicht schließen, dass es einen Fachkräftemangel gibt. Dieser ist allein schon deshalb unglaubwürdig, da die Arbeitgeber bei ihren Stellenangeboten nicht mal das Gehalt angeben, das sie bezahlen wollen.


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« Reply #807 on: Oktober 09, 2018, 10:36:47 vorm. »
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[...] Cornelia Koppetsch (Soziologin und lehrt als Professorin an der TU Darmstadt) im Gespräch über Innenstädte, die bald so homogen sind wie Reihenhaussiedlungen.

Judith Lembke: Was bedeuten die hohen Mieten und Kaufpreise für die soziale Mischung in unseren Städten?

Cornelia Koppetsch: Auch wenn dies kaum gewollt und den Beteiligten zumeist nicht bewusst ist: Die hohen Preise funktionieren wie eine hochgradig effektive Grenze. ... In den begehrten und teuren Stadtteilen lassen sich Personen aus unteren Schichten zunehmend gar nicht mehr antreffen. Die Viertel werden kulturell und sozial immer homogener. Auf diese Weise wird von klein auf der Kontakt mit Menschen aus anderen sozialen Schichten unterbunden. So etwa haben Arbeiterkinder in den 1970er Jahren oftmals noch selbstverständlich mit den Lehrerkindern auf der Straße gespielt. Das wäre heute so kaum noch möglich: Zum einen, weil die Nachbarschaften zunehmend entmischt sind und zum anderen, weil die Lehrer ihre Kinder nicht mehr so gerne auf der Straße spielen lassen, sondern mit dem Auto zum Musikunterricht oder Ballett fahren.

Judith Lembke: Die Innenstadt ist also bald so homogen wie eine Reihenhaussiedlung?

Cornelia Koppetsch: Ja, diese Entwicklung hat ihre Wurzeln in den siebziger Jahren. Damals hat ein buntes, zumeist studentisches Alternativmilieu begonnen, damals noch sehr günstige und oft heruntergekommene Altbauquartiere als Lebensraum für sich zu entdecken. Dann haben sich ihre Bewohner im Zuge ihrer beruflichen Etablierung verbürgerlicht, weitere Akademiker und auch Familien sind nachgezogen, wodurch sich die ehemaligen Alternativquartiere oftmals zu Hochburgen gehobener Bürgerlichkeit herausgeputzt haben. Denn dort sind ja nicht nur die Mieten und Eigentumswohnungen teurer geworden, sondern auch die Restaurants, Bio-Supermärkte und das Sportangebot.

Judith Lembke: Werden diese teuren Viertel heute auch bewusst gewählt, um sich abzuschotten?

Cornelia Koppetsch: Einer aktuellen, von Marcel Helbig und Stefanie Jähnen am Wissenschaftszentrum Berlin durchgeführten Studie zufolge, zeigt sich diese Tendenz zur sozialen Entmischung vor allem bei Familien mit Kindern: Ist die Nachbarschaft zu durchmischt, neigen viele Mittelschichtseltern dazu, ihre Kinder auf private Grundschulen zu geben. Gibt es diese Option nicht, ziehen sie eher weg, in ein sozial bessergestelltes, homogeneres Viertel.

Judith Lembke: Sie erforschen genau dieses Milieu, die akademische urbane Mittelschicht. Was lässt sich über deren Lebensstil sagen?

Cornelia Koppetsch: Die Paradoxie besteht ja darin, dass viele von ihnen glauben, sie seien kosmopolitisch, weil sie hochmobil sind und viel gesehen haben. Dabei führt der Städtetourismus, den sie pflegen, vor allem dazu, dass sie sich auch anderswo auf der Welt im selben Setting bewegen wie zu Hause, nämlich in den gentrifizierten teuren Vierteln anderer Großstädte. Auch die innerstädtischen Quartiere, in denen sie selbst wohnen, halten sie nicht für abgeschottet, denn sie sind ja ethnisch durchmischt – weil der Nachbar zum Beispiel ein Wissenschaftler aus Lateinamerika oder ein asiatischer Banker ist.

Judith Lembke: Und wieso sind die Viertel ihrer Ansicht nach trotzdem immer homogener?

Cornelia Koppetsch: Die Grenzziehung verläuft nicht ostentativ und nicht gegen Einwanderer, wie etwa bei den Rechtspopulisten, sondern nach unten – durch hohe Immobilien- und Mietpreise aber auch durch die Bevorzugung von Kontakten, etwa von Partnern und Freunden, aus demselben Milieu. Man lebt zunehmend getrennt von denen, die sich das Wohnen in diesen Vierteln und den damit verbundenen Lebensstil nicht mehr leisten können. Viele 'Kosmopoliten' machen sich gar nicht bewusst, dass sie in sozialen Enklaven leben.

Judith Lembke: Glauben Sie, dass sich diese Entmischung der Städte noch fortsetzt?

Cornelia Koppetsch: Ja, die Dynamik weist zumindest in diese Richtung. Wo sich junge gut ausgebildete Menschen, etwa Kreative und Studenten, die etablierten angesagten Viertel nicht mehr leisten können, ziehen sie als Raumpioniere in neue, bislang noch bezahlbare Viertel, wie etwa Hamburg-Wilhelmsburg oder Berlin-Kreuzkölln. Diese könnten einen ähnlichen Zyklus der Gentrifzierung wie einst Prenzlauer Berg in Berlin oder das Schanzenviertel in Hamburg durchlaufen: Ihre Bewohner werden von Studenten zu Gutverdienern, es ziehen sozial Bessergestellte und Familien nach und die Viertel werden schließlich auch für Investoren interessant. Der Kreislauf setzt sich fort.

Judith Lembke: Und wie endet das Ganze?

Cornelia Koppetsch: Das ist schwer vorauszusagen. Es gibt verschiedene Phasen der Gentrifizierung. An manchen Orten scheinen wir schon in der letzten, der sogenannten 'kalten Phase' angekommen – zum Beispiel in einigen Häuserblocks in Berlin-Mitte. Dort haben Menschen von außerhalb Wohnungen gekauft, die sie gar nicht mehr selbst bewohnen oder vermieten können, sondern die meiste Zeit einfach leer stehen lassen. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, würde dies in letzter Konsequenz zur Entleerung der Städte und zu Vierteln führen, die sich wie ausgestorben anfühlen.



Aus: "Gentrifizierung : „Hohe Mieten sind eine sehr effektive Grenze“" Judith Lembke (08.10.2018)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wohnen/soziologin-cornelia-koppetsch-ueber-homogene-innenstaedte-15827087.html


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  Wolfgang Klein (Parvus), 08.10.2018 - 16:34

Ich will nicht durchmischt werden!

In meiner Jugend hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, an einem solchen Durchmischungsexperiment in Hanau Kesselstadt teilzunehmen. Der vorgebliche Nutzen eines Kontakts unterschiedlicher Schichten ist schnell als Ideologie enttarnt, denn auch bei einer solchen Durchmischung geht man sich möglichst aus dem Weg bzw. hat keine sozialen Kontakte in ein anderes Milieu. Das einzige was man davon hat, ist anhaltender Ärger über die Wertminderung des Eigenheims durch die zwischen die Ein- und Zweifamilienhäuser gepflanzten Wohnblocks, denen man schon von außen ansieht, wie heruntergekommen sie innen sind. In Kontakt mit Bewohnern bin ich zweimal gekommen: Einmal als ich als Zivi einen Trinker mit Schlaganfall vom Tagespflegeheim in seine Wohnung fahren musste, die ihn gleich noch als Messie outete. Das andere Mal als mir ein anderer Trinker aus einem solchen Block mit dem Fahrrad die Tür meines Autos abfuhr und er sich weigerte, mit seiner Versicherung zu kommunizieren.

In meiner Kindheit habe ich noch in einer Arbeitersiedlung am anderen Ende der Stadt gelebt. Mein Großvater war Industriearbeiter und meine Eltern haben im gleichen Haus gewohnt. Mein Vater wurde erst in den 1960ern Beamter, nachdem er sich nach dem Krieg als Maurer und Fliesenleger durchgeschlagen hat. Seine Ausbildung im dritten Reich konnte er wegen Kriegsdienst nicht abschließen. Die Siedlung wurde aus stadtplanerischen Gründen aufgelöst und die Bewohner entschädigt. In die schon freien Häuser wurden Sozialfälle einquartiert. Mit einem der Jungen neben uns war ich befreundet, was meine Eltern nicht gerne sahen. Durch die Wand zum Nachbarhaus konnte man immer hören, wie der Vater im Suff seine Kinder verdroschen hat. Meine Eltern hatten Angst ihn anzuzeigen, weil sie fürchteten, selbst verprügelt zu werden. ...


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Michael Schnelle (MichaelSchnelle), 08.10.2018 - 23:19

Da kann man ja richtig froh sein, dass aus Ihnen trotz dieser harten Kindheit etwas geworden ist.


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Karin Maas (Maison), 08.10.2018 - 18:37

Dann würde ich für Sie eine Gated Community mit Zugangsbeschränkung und mit besonderen Sicherheitsmaßnahmen vorschlagen.


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Christian Bickel (Fingalo), 08.10.2018 - 15:09

Man opfert eben nicht die eigenen Kinder der linken Ideologie.


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« Reply #808 on: Oktober 10, 2018, 12:13:07 nachm. »
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[...] Eine schmale Liege, ein Campingkocher, ein Kühlschrank hinter der Außentür, ein Tablet als Fernsehersatz – wenn Juri Pylnev dem Besucher seine Behausung zeigt, wirkt er ein wenig beschämt. Der winzige Raum ist kaum vier Quadratmeter groß. Aber darin und davor verbringt er zwei Drittel seiner Lebenszeit.

 Pylnevs Zuhause ist die Fahrerkabine eines Lastzuges, mit dem er acht Monate im Jahr unterwegs ist. An diesem heißen Sonntag im September ist der 35-jährige Familienvater aus dem ukrainischen Dnipropetrowsk auf dem Rastplatz „Aachener Land“ an der Autobahn nahe der Grenze zu Belgien untergekommen. Schon Freitag Nachmittag hat er hier Halt gemacht, um einen der begehrten Stellplätze zu ergattern und die vorgeschriebene Ruhezeit von mehr als 45 Stunden zu verbringen. Für drei Euro kann er duschen gehen, der Gang zur Toilette kostet 50 Cent. Die zweitägige Rast in der Kabine ist eigentlich EU-weit verboten, aber anders als im nahen Belgien kümmert das die deutsche Polizei nicht. Darum parken die 40-Tonner hier dicht an dicht in vier Reihen. Dazwischen sitzen und stehen, essen und trinken die Fahrer, die meisten allein. Der Duft von Bratfett, Alkohol, Schweiß und Urin hängt in der Luft.

Pylnev, muskulös, kahlgeschoren und mit einem schüchternen Lächeln auf dem Jungsgesicht, ist ein moderner Wanderarbeiter. Er fährt für eine Spedition in Polen, aber dort ist er nicht im Einsatz. Zum Dienstantritt fährt er stattdessen mehr als 2000 Kilometer aus der Ukraine nach Deutschland, um dort den Lastzug von einem Kollegen zu übernehmen. Dieses Mal in München. Anschließend steuert er zwei Monate lang kreuz und quer durch Westeuropa, mindestens 10 000 Kilometer im Monat. Wohin er welche Ladung bringt, erfährt er von Tag zu Tag neu per SMS. Derzeit bringt er „irgendwas aus Glas“ nach Belgien. Vor dort kann es nach Italien gehen oder nach Schweden. „Ist mir auch egal“, sagt er. Seine Frau und seinen zehnjährigen Sohn sieht Pylnev nur alle drei Monate. „Das ist sehr hart", gesteht er und wirft einen traurigen Blick auf das Foto neben den Armaturen. Aber der ukrainische Mindestlohn beträgt 100 Euro im Monat. „Hier kriege ich bis zu 1800 Euro“, sagt er, und das weitgehend steuerfrei und ohne Sozialabgaben. Die werden lediglich für den polnischen Mindestlohn von rund 500 Euro bezahlt. Dazu erhält er eine Pauschale von 50 Euro für jeden Arbeitstag, solange er unterwegs ist. Für seine Zeiten in der Heimat, für Krankheit und Altersvorsorge bekommt er dagegen fast nichts. Er hätte Anspruch darauf, so schreiben es die Gesetze der Länder vor, in denen er tätig ist. Aber das kümmert weder seinen Arbeitgeber noch die Behörden. „Und was soll ich schon machen?“, fragt er achselzuckend.

So wie Pylnev leben Hunderttausende auf den Straßen Westeuropas. Ihre bis zu 500 PS starken Maschinen sind fast alle in Polen und anderen östlichen EU-Ländern registriert. Die Fahnen an ihren Frontscheiben verraten, dass die Fahrer selbst meist noch weiter im Osten zu Hause sind, in Weißrussland, der Ukraine, in Moldawien, Serbien und Kasachstan. Sie führen ein einsames Leben auf der Autobahn und sind zugleich das logistische Rückgrat der europäischen Ökonomie mit ihren Lieferketten über die Grenzen hinweg. Ohne sie würde kein Auto gebaut, blieben die Supermärkte leer und die Fabriken stünden still. Doch beim Umgang mit seinen motorisierten Lastenträgern zeigt sich Europa von seiner schlechtesten Seite. Reporter von Investigate Europe haben von Portugal bis Norwegen mit mehr als 100 Fahrern aus 14 Ländern gesprochen sowie EU-Politiker, Aufsichtsbeamte, Spediteure und große Auftraggeber aus der Automobilindustrie befragt. Demnach:

- werden die fast ausschließlich osteuropäischen Fahrer systematisch um ihre gesetzlich verbrieften Rechte auf faire Entlohnung und soziale Absicherung betrogen;

- rekrutiert die Logistikbranche mit Hilfe der Behörden in Polen Jahr für Jahr zigtausend Fahrer aus Ländern außerhalb der EU, deren technische Qualifikation und körperliche Eignung nicht amtlich überprüft wird;

- müssen die meisten Fahrer über Monate in ihren Kabinen hausen, obwohl das EU-Recht alle zwei Wochen eine zweitägige Pause außerhalb ihrer Fahrzeuge vorschreibt;

- dulden die Aufsichtsbehörden der meisten EU-Länder den flächendeckenden Rechtsbruch, weil sie kaum Kontrollen durchführen und

- profitieren insbesondere Autohersteller als Großauftraggeber mit ihren EU-weiten Zuliefernetzwerken, während sie gleichzeitig vorgeben, nichts von den illegalen Methoden ihrer Transportpartner zu wissen.

Die Lage der Fahrer sei „unwürdig“ und „alle möglichen Gesetze, die wir gemacht haben, werden gebrochen“, sagte kürzlich auch die frühere Arbeitsministerin und heutige SPD-Chefin Andrea Nahles, nachdem sie selbst mit betroffenen Fahrern gesprochen hatte.

Der Missstand ist eine der ungeplanten Folgen der europäischen Integration: Alle EU-Staaten sind Teil des Binnenmarktes, in dem es jedem Unternehmen frei steht, seine Angestellten EU-weit einzusetzen. Aber die Steuer- und Sozialgesetzgebung erfolgt rein national. Daraus machten die osteuropäischen Staaten nach ihrem EU-Beitritt ab 2004 ein Geschäftsmodell zur Förderung des Exports von Dienstleitungen. Sie stellten Tagespauschalen für ins Ausland entsandte Arbeitnehmer von Steuern und Sozialabgaben frei. In der Folge verschob die Logistikbranche die Anstellung ihrer Lkw-Fahrer für den Fernverkehr im großen Stil nach Osteuropa. Inzwischen setzen die führenden Logistikkonzerne wie DHL, Schenker oder DSV „im internationalen Straßentransport so gut wie keine eigenen Fahrzeuge mehr ein, sondern engagieren billige Subunternehmer aus dem Osten“, berichtet der Fachjournalist Jan Bergrath, der die Branche seit Jahrzehnten beobachtet. Andere wie der französische Marktführer Geodis, der niederländische Logistiker Ewals oder das deutsche Familienunternehmen Duvenbeck und tausende weitere gründeten Tochterfirmen in Polen und Tschechien, in Rumänien und der Slowakei. Die Dimension dieser Verlagerung zeigt sich insbesondere in Polen: Von 2004 bis 2017 stieg dort die Zahl der registrierten Speditionen von weniger als 10 000 auf mehr als 30 000.

Um wie viel Geld es dabei geht, dokumentiert eine Studie des Comité National Routier, einem Expertengremium der französischen Regierung. Demnach kostet die Anstellung eines Fahrers in Bulgarien gerade mal 16 000 Euro im Jahr, in Polen oder Tschechien sind es 20 000 Euro. Schließen die Unternehmen den Arbeitsvertrag dagegen in Deutschland oder Frankreich, bezahlen sie pro Fahrer, trotz relativ geringer Entlohnung, wegen der Beiträge für die Sozialkassen rund 46 000 Euro jährlich.

 So rutschen immer größere Teile des Transportgeschäfts auch in Westeuropa auf das osteuropäische Lohnniveau. Gemessen an den Maut-Einnahmen auf den deutschen Autobahnen bestreiten Lkw mit osteuropäischen Kennzeichen schon fast die Hälfte des Ferntransports. In der Folge klagt die Branche jetzt über Nachwuchsmangel. Allein in Deutschland fehlen 45 000 Fahrer, warnt der Deutsche Speditions- und Logistikverband. Bei sinkendem Angebot und steigender Nachfrage wäre zu erwarten, dass die Löhne schnell steigen und die Arbeitszeiten den sozialen Bedürfnissen der Fahrer angepasst werden, sodass wieder mehr junge Leute einsteigen. Doch genau das passiert nicht. Denn die Transportkonzerne und ihre Kunden haben eine weitaus billigere Lösung gefunden: den Import von Wanderarbeitern von jenseits der EU-Grenzen.

Wie das praktisch abläuft, ist in einem der modernen Hochhäuser in der Warschauer Jerozolimskie-Straße zu beobachten. Hier residiert die polnische Aufsichtsbehörde für den Straßentransport. An den zwölf Schaltern im Erdgeschoss ist an diesem Montag im September schon morgens um acht die Zahl der Antragsteller so groß, dass keine Wartenummern mehr übrig sind. Fast alle haben dasselbe Anliegen: Sie benötigen Testate für neue Lkw-Fahrer aus Ländern außerhalb der EU, damit Europas Logistik-Unternehmen ihre vorwiegend in Westeuropa stationierten Lastzüge weiter billig bemannen können.

 Die Nachfrage nach den Dokumenten für die Einwanderung per Lkw sei regelrecht explodiert, berichtet Behördenchefin Magorzata Wojtal-Bialaszewska. Bis 2013 wurden rund 5000 solcher Testate pro Jahr ausgestellt. 2017 erteilte die Behörde dann bereits für 65 000 Fahrer aus Nicht-EU-Ländern eine Erlaubnis. Im ersten Halbjahr 2018 ergingen sogar schon 53 000 neue Zulassungen für EU-Einwanderer am Lenkrad, darunter mehr als 20 000 aus der Ukraine, die wie Juri Pylnev nun als Autobahn-Nomaden unterwegs sind. Weitere 5000 Fahrer importierte die Branche bis Juni aus Weißrussland, die anderen kommen aus Moldawien, Russland, Kasachstan und aus Sri Lanka und den Philippinen. Bis Jahresende werden es voraussichtlich mehr als 70 000, bestätigt die Amtsleiterin gegenüber Investigate Europe. Gleichzeitig steigen die Zahlen auch in Litauen und weiteren Staaten, wie interne Daten der EU-Kommission zeigen.

Für die Testate fordert das EU-Recht Nachweise über einen festen Wohnsitz im Land des Arbeitgebers, die Fahrerqualifikation für schwere Lkw sowie eine medizinische und psychologische Eignungsprüfung durch amtlich zugelassene Ärzte. Das klingt aufwendig, ist in Polen aber ganz einfach: Die interessierten Unternehmen mussten bis vor kurzem lediglich ankreuzen, dass ihnen die entsprechenden Dokumente vorliegen, eine Prüfung fand nicht statt. Erst seit März müssen sie zumindest Kopien beibringen. Ob diese echt sind, könne aber mangels Personal nicht immer geprüft werden, gesteht die Behördenchefin. Das heißt, die tatsächliche Eignung von zigtausend Lkw-Fahrern, die mit 40 Tonnen im Rücken über Europas Straßen fahren, wurde nie amtlich untersucht.

Die Profiteure sind vornehmlich westliche Unternehmen und ihre Kunden, wie die niederländische Großspedition De Rooy, die auf Transporte der neuen Fahrzeuge von Lkw-Herstellern wie Renault, DAF, Iveco oder Volvo spezialisiert ist. Für die polnische Tochter meldet DeRooy Jahresumsätze von bis zu 20 Millionen Euro. Vor Ort ist sie aber lediglich als Briefkastenfirma unter der Adresse eines Warschauer Büroservice-Anbieters registriert. Die rund 500 Fahrer der Firma, vornehmlich aus der Ukraine und Rumänien, arbeiten auch nicht in Polen, sondern fast ausschließlich im Westen. Das bestätigen vier ukrainische De-Rooy-Fahrer, die auf einem Parkplatz im belgischen Gent mit einer Ladung von Volvo-Maschinen Halt machen. Aus Polen wird also keine Transport-Dienstleistung exportiert, sondern lediglich billiges Personal. Fragen zu diesem Geschäftsmodell wollte die Firma nicht beantworten.

Mangels Aufsicht werden insbesondere die EU-fremden Fahrer häufig Opfer illegaler Praktiken. Das erfuhr etwa der 32-jährige Georges Munteanu, der sich 2016 in Chisinau, der Hauptstadt Moldawiens, von einem Vertreter der holländischen Spedition Brinkman anheuern ließ. Er erhielt einen polnischen Arbeitsvertrag und bekam ein Testat der Warschauer Behörde, aber er hat dort nie gewohnt oder gearbeitet. Stattdessen brachte man ihn mittels tagelanger, unbezahlter Kleinbusfahrten zu den Firmenstationen in Belgien oder Schweden, von wo aus Brinkman als Subunternehmen des Logistikkonzerns Ewals Lieferungen für BMW, Mercedes und Scania abwickelte. Krankenversichert war Munteanu nur als Tourist. Neben dem steuerfreien Standardlohn von 40 Euro pro Tag, hatte man ihm zahlreiche Boni versprochen: fünf Euro pro Tag für teure Länder wie Schweden, weitere fünf für „gute Arbeit“, noch mal zwei für Sprachkenntnisse und einige mehr. „Doch dann fanden sie immer einen Grund, das nicht zu bezahlen“, erzählt er. „Ein falsches Komma im Fahrbericht reichte schon.“ Immer wieder habe ihm die Firma den Lohn um hunderte von Euro gekürzt. Auf Nachfrage erklärte Brinkman, die polnische Tochter sei Ende 2016 aufgelöst worden, man arbeite jetzt mit einer Firma namens Hoekman, die völlig unabhängig sei. Deren Chef ist allerdings ein früherer Angestellter von Brinkman. Und Munteanu erhielt keinen neuen Arbeitsvertrag, sondern nur eine Mitteilung, dass sein Arbeitgeber jetzt Hoekman heiße.

Dass all das illegal ist, erfuhr der junge Moldawier jedoch erst, als ihn eines Sonntags auf einem Rastplatz in Venlo ein Holländer namens Edwin Atema ansprach. Der 39-jährige Aktivist ist so etwas wie der gute Geist der Fernfahrerzunft in der EU. Zehn Jahre hat er selbst Lastzüge gesteuert, bis er 2009 bei der niederländischen Gewerkschaft FNV anheuerte, um gegen das grassierende „Sozialdumping“ in der Branche vorzugehen. Fast jedes Wochenende ist er seitdem unterwegs, um den Fahrern ihre Rechte zu erklären und die illegalen Methoden ihrer Arbeitgeber zu dokumentieren. Atema, ein kräftiger Mann mit Glatzkopf, Brille und Bauchansatz, ist eher der gemütliche Typ, der stets gute Laune verbreitet. Aber wenn er über seine Erfahrungen auf den Rastplätzen spricht, dann überkommt ihn heiliger Zorn: „Diese Branche ist moralisch verkommen bis auf die Knochen“, empört er sich. Die Fahrer „werden ihrer Würde beraubt“ und seien „Opfer von Wirtschaftsverbrechern“.

 Das klingt übertrieben. Selbst viele Fahrer würden ihm widersprechen, weil sie netto meist mehr Geld bekommen als mit einem regulären Job in der Heimat. „Trotzdem ist es Unrecht“, insistiert Atema. Das beklagt auch der junge deutsche Gewerkschafter Michael Wahl, der für das DGB-Projekt „Faire Mobilität“ die Beratung für Lkw-Fahrer koordiniert. „Sie arbeiten bei uns, ihre Auftraggeber sitzen hier, also müssen sie auch nach hiesigem Recht angestellt und bezahlt werden“, fordert Wahl. Tatsächlich schreibt die geltende EU-Richtlinie zur Entsendung von Arbeitnehmern ins EU-Ausland vor, dass für diese die Bestimmungen des Arbeitsortes gelten. In den Niederlanden und in Skandinavien steht den Fahrern darum die Bezahlung nach dem dort allgemeinverbindlichen Tarifvertrag zu. In Frankreich, Belgien und Deutschland haben sie Anrecht auf den Mindestlohn einschließlich Kranken- und Rentenversicherung sowie bezahlten Urlaub. Wegen der langen Warte- und Ladezeiten sind die meisten Fahrer 60 Stunden in der Woche im Einsatz und müssten daher für die Arbeit in Deutschland 2330 Euro brutto bekommen. Netto wären das 1790 Euro, eine Summe, die viele mit den abgabenfreien Tagespauschalen tatsächlich verdienen. Dazu hätten sie aber noch Recht auf eine Absicherung für Krankheit und Alter sowie bezahlten Urlaub.

Vor Gericht hat Atemas Gewerkschaft die niederländischen Standards für Fahrer aus dem Osten schon mehrfach durchgesetzt, wenn er sie zu einer Klage überreden konnte. Erst im August verurteilte ein holländisches Berufungsgericht das Unternehmen Brinkman wegen Bruch des Tarifvertrages zu einer Strafe von 100 000 Euro und Nachzahlungen an die Fahrer. Auch das Finanzgericht Baden-Württemberg entschied jüngst gegen zwei slowakische Speditionen, die sich geweigert hatten, die Einhaltung des deutschen Mindestlohngesetzes nachzuweisen.

Gleichwohl kämpfen Atema und seine Kollegen bisher weitgehend vergeblich. Denn auch die westlichen EU-Staaten versagen bei der Durchsetzung der geltenden Normen. Das weiß keiner besser als der belgische Polizei-Inspektor Raymond Lausberg, der mit seinen Beamten seit Jahren gegen den Wildwuchs im Transportgeschäft vorgeht. „Wenn wir einen belgischen Anhänger mit einer ungarischen oder rumänischen Zugmaschine sehen, dann ist es so gut wie sicher, dass sie betrügen“, erzählt er während einer Razzia auf dem Rastplatz Soumagne an der A40 nahe der deutschen Grenze. „Warum sonst sollte eine belgische Firma eine Firma aus dem Osten beauftragen, wenn es nicht um Sozialdumping zu Lasten der Fahrer geht?“ Deren Schicksal geht ihm zu Herzen. „In den Kabinen stinkt es oft unerträglich, sie können sich und ihre Kleidung nicht richtig waschen, wir finden sogar oft Flaschen mit Urin am Straßenrand von Fahrern, die nicht mal zum Pinkeln anhalten“, sagt er. „Ist dies das Europa, das wir wollen?“

Diesmal wird er gleich beim ersten Lastzug fündig. Dort weckt er einen Fahrer der ungarischen Firma Waberer’s, die mit mehr als 4000 Lastzügen Marktführer in Europa ist. Lausberg zieht die Fahrerkarte aus dem Tachografen, der die Lenk- und Ruhezeiten aufzeichnet. Er liest die Daten mit seinem Laptop aus und sieht sofort, dass der Mann drei Wochen unterwegs war, ohne einmal zwei Tage am Stück auszuruhen. Das aber ist spätestens nach zwei Wochen Pflicht. Zugleich ist er wegen der verbotenen Rast in der Kabine dran. Der Fahrer, der wie viele seiner Kollegen am Sonntag schon mittags betrunken ist, zahlt klaglos die fälligen 2000 Euro Bußgeld. Die Kreditkarte ist auf seinen Arbeitgeber Waberer’s ausgestellt.

 So geht das acht Stunden lang, dann haben Lausberg und seine an drei Rastplätzen eingesetzten Teams wieder fast 50 000 Euro für die Staatskasse eingenommen. Aber er macht sich keine Illusionen. „Was wir tun, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt er. Mehr als 7000 Lkw passieren allein diese Autobahn jeden Tag. Lausbergs Team dagegen kommt nur auf 3500 Kontrollen im ganzen Jahr. Für die betroffenen Firmen sind die Strafen lediglich eine kleine Zusatzgebühr.

Die Belgier gehen noch am strengsten vor. In Deutschland verfügt das zuständige Bundesamt für Güterverkehr über gerade mal 215 Kontrollbeamte für den gesamten Lkw-Verkehr. Wenn Fahrer ihre Ruhezeiten unterschreiten, sind lediglich 120 Euro pro fehlender Stunde fällig. Die verbotene Rast auf den Parkplätzen wird fast nie geahndet, weil die Kontrolleure erst dann Bußgelder verhängen, wenn die vorgeschriebenen 45 Stunden schon überschritten sind. Für die Überprüfung der Löhne ist wiederum die Finanzkontrolle Schwarzarbeit des Zolls zuständig, die ohnehin unterbesetzt ist. Und wenn geprüft wird, dann fordert die Behörde erst mal die Unterlagen bei den Arbeitgebern an. Im Jahr 2017 wurden daher gerade mal 217 Ermittlungsverfahren wegen Verstößen gegen das Mindestlohngesetz bei Kraftfahrern eingeleitet, und das einschließlich der ebenfalls für Lohndumping bekannten regionalen Lieferdienste für den Onlinehandel. Die abschreckende Wirkung ist vermutlich begrenzt.

Das entspricht so gar nicht der offiziellen Position der Bundesregierung. Noch unter Führung der früheren Arbeitsministerin Andrea Nahles formierte sie Anfang 2017 mit neun weiteren EU-Ländern die sogenannte „road alliance“, um schärfere Regeln zum Schutz der Fahrer durchzusetzen.

Dagegen steht die geschlossene Front der EU-Regierungen aus Osteuropa, die das Vorhaben gemeinsam mit den Logistikkonzernen als „Protektionismus“ des Westens geißeln. Einer der Wortführer dabei ist Ferenc Lajkó, der Chef von Waberer’s, dem EU-Marktführer aus Ungarn mit der Sonne im Logo. Lajkó behauptet, es gebe gar „kein Sozialdumping“ mehr. Dagegen spricht nicht nur die Erfahrung der belgischen Polizei. Zwei weitere rumänische Fahrer von Waberer’s berichteten Investigate Europe auf dem Rastplatz Aachener Land, dass sie drei Monate am Stück führen und stets in ihren Kabinen übernachteten. Zudem betragen ihre Arbeitsphasen einschließlich der Warte- und Ladezeiten 60 Stunden pro Woche. Die Fahrer verdienen nach Angaben von CEO Lajkó selbst im Schnitt aber nur 1600 Euro netto im Monat, werden also gemessen an ihrer Arbeitszeit weit unter dem deutschen und erst recht dem französischen Mindestlohn bezahlt. Eine Stellungnahme zu diesem Widerspruch lehnt der Konzern ab, ließ er über einen Anwalt mitteilen.

Die Inszenierung des Problems als Interessenskonflikt zwischen Ost und West ist allerdings irreführend. Das demonstriert etwa der Verband „Transport Logistics Poland“. Der verteidigt vehement den vermeintlichen polnischen Wettbewerbsvorteil, aber viele seiner Mitgliedsfirmen haben ihren Hauptsitz im Westen.

Wie hart der politische Streit geführt wird, zeigt ein einzigartiger Vorgang im EU-Parlament im vergangenen Juni. Dort hatte die Kommission ein „lex specialis“ für die Transportbranche vorgelegt. Demnach sollten die Regeln für die Entsendung von Arbeitnehmern ins Ausland, also die Pflicht zur Zahlung ortsüblicher Löhne und Sozialabgaben, bei Lkw-Fahrern erst vom vierten Tag des Aufenthalts in einem Land gelten. Weil die Tachografen in den Fahrzeugen keine Grenzübetritte aufzeichnen, wäre die Vorschrift kaum durchzusetzen. Darum wies der beratende Ausschuss für Beschäftigung das Ansinnen zunächst zurück. Doch dann geschah etwas Merkwürdiges: Im hauptverantwortlichen Ausschuss für Transport verabschiedete eine Mehrheit überraschend eine noch radikalere Version des Gesetzes. Demnach sollte der grenzüberschreitende Lkw-Verkehr gänzlich vom Prinzip gleicher Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort befreit werden. Dafür stimmten nicht nur die Osteuropäer aller Fraktionen, sondern bei den Konservativen auch die Parlamentarier aus Deutschland, Frankreich und Holland. Ausgerechnet der CSU-Abgeordnete und Fraktionschef Manfred Weber, neuerdings Bewerber für das Amt des Kommissionspräsidenten, hatte mit einer persönlichen E-Mail Druck gemacht und Zustimmung zur Radikalliberalisierung gefordert, „auch wenn es Ihnen schwerfällt“. Da müsse man „die Reihen schließen“, schrieb er.

Käme es tatsächlich dazu, „dann gibt es in Europa zwei Klassen von Arbeitnehmern, eine mit allen Rechten und uns Rechtlose auf dem Lkw“, protestierte ein belgischer Fahrer nach dem Votum noch im Sitzungssaal. Daraufhin forderten an die 100 Abgeordnete, den Vorgang im Plenum zur Abstimmung zu stellen. Prompt hob die Parlamentsmehrheit eine Woche später den Beschluss wieder auf. Nun ist allerdings völlig offen, wie es weitergeht. Genauso paralysiert ist auch der Ministerrat, sagt ein belgischer Ministerialer, der dem zuständigen Gremium angehört.

Gibt es also keine Hoffnung auf Besserung für das Leben der Autobahn-Nomaden? Doch, meint Gewerkschafter Atema. Es gelte, die eigentlichen Profiteure zur Verantwortung zu ziehen: Die großen Auftraggeber für Ferntransporte sollen die Einhaltung der Gesetze bei ihren Geschäftspartnern durchsetzen, fordert er. Dazu zählen vor allem die Automobilkonzerne, deren europaweite Zulieferketten ein gigantisches Transportvolumen erzeugen. So werden im Logistikzentrum von Audi in Ingolstadt bis zu 500 Lastzüge pro Tag abgefertigt. Die Aufträge dafür ergehen jedoch ausschließlich an die Anbieter mit dem niedrigsten Preis. Das bestätigte Jon Kuiper, der Chef des niederländischen Logistikers Koopman, im Gespräch mit Investigate Europe. Seine Firma liefert vor allem neue Wagen aus und ist daher mit den meisten Autokonzernen im Geschäft. Noch bezahlt er seine Fahrer nach niederländischem Tarif. Aber das wird immer schwieriger. „Für unsere Kunden ist der Transport eine Ware wie alle anderen, und dafür fordern sie von uns jedes Jahr eine Senkung der Preise“, berichtet er. Weil aber die Kosten für Diesel, Fahrzeuge und Maut nicht zu drücken sind, bleiben nur die Fahrerkosten. Da seien „Wettbewerber, die sich nicht an die Regeln halten“ im Vorteil.

Dabei versprechen die Richtlinien zur sozialen Verantwortung, denen sich die Autohersteller verschrieben haben, das genaue Gegenteil. So heißt es in der Sozialcharta von Volkswagen, „die Vergütungen, die für eine normale Arbeitswoche gezahlt werden, entsprechen mindestens dem rechtlich gültigen und zu garantierenden Minimum“ und „Volkswagen unterstützt und ermutigt ausdrücklich ihre Geschäftspartner, diese Erklärung in ihrer jeweils eigenen Unternehmenspolitik zu berücksichtigen“. Auch der BMW-Konzern fordert in den Richtlinien für seine Geschäftspartner, es sei „von überragender Bedeutung, dass unternehmerische Aktivitäten die soziale Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern berücksichtigen“ , und dies gelte „auch für Zulieferer“. Tatsächlich müssten auch die Spediteure in den Verträgen mit den Autofirmen stets die Einhaltung solcher Richtlinien bestätigen, erzählt Kuiper. „Aber da macht man nur ein Kreuz an der richtigen Stelle“, sagt er. „Die Einhaltung dieser Verpflichtung ist nie entscheidend für die Auftragsvergabe.“

Nicht zufällig trafen die Reporter von Investigate Europe darum auf den Warteplätzen vor den Fabriken von Renault, Fiat, Jaguar-Landrover, Volkswagen und BMW sowie deren Tochtermarken Audi, Porsche und Mini in großer Zahl auf die Fahrzeuge all der Firmen, die ihre Lastzüge von billigen Wanderarbeitern aus dem Osten fahren lassen. Auf Nachfrage versicherten Sprecher von Volkswagen und BMW jedoch, dass von möglichen Rechtsbrüchen und illegalen Praktiken ihrer Transportpartner nichts bekannt sei. Immerhin verspricht Volkswagen, man „gehe allen Hinweisen auf Verstöße gegen unsere Nachhaltigkeitsanforderungen konsequent nach“. Bei Bestätigung des Verdachts werde der Lieferant aufgefordert, „einen Maßnahmenplan zur Behebung der Problemlage vorzulegen“.

Vielleicht sollten die Verantwortlichen Ausflüge auf die Parkplätze vor den firmeneigenen Lieferzentren wagen und mit den dort wartenden Fahrern über deren Arbeitsbedingungen sprechen.

Die nötigen Hinweise kämen gewiss.

*Die Namen der Fahrer wurden geändert.


Aus: "Das schmutzige Geschäft mit Lkw-Fahrern aus Osteuropa" Harald Schumann Elisa Simantke (08.10.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/investigate-europe-recherche-das-schmutzige-geschaeft-mit-lkw-fahrern-aus-osteuropa/23146010-all.html


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« Reply #809 on: Oktober 10, 2018, 03:26:36 nachm. »
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[...] Resi hätte es wissen können. So las sich das Kosthäppchen aus dem Verbrecher Verlag zur Ankündigung dieses neuen Romans von Anke Stelling. Resi ist ihre Erzählerin, von der man nicht so recht weiß: Wie viel Anke Stelling steckt eigentlich in ihr? Und wie viel Enttäuschung über Freunde, die sich entpuppen, wenn es um Geld geht und die Grenzen, die sie ziehen, wenn eine den verlogenen Schein infrage stellt?

Und wüssten wir nicht, dass Anke Stellung in Ulm geboren wurde, im schönen Schwaben, woher auch Resis Freunde alle kommen, mit denen sie gemeinsam das Gymnasium besucht hat und dann – noch in den wilden 1990ern – den Abflug nach Berlin gewagt hat, wir würden ins Grübeln kommen.

Kommt sie denn nicht aus Cottbus? Oder Chemnitz? Oder – sagen wir mal: Bitterfeld? Da, wo junge, kluge Frauen genauso gelernt haben, das Leben zu meistern: mit wenig Geld, ohne finanzielle Unerstützung durch die Eltern, in lauter Provisorien, in denen sie den nicht vorhandenen Reichtum dadurch kaschieren, dass sie lieber alles selber machen?

Dieser Roman ist wichtig. Weil er in herrlicher Gnadenlosigkeit zeigt, dass die heutigen Scheingefechte zwischen West und Ost zutiefst verlogen sind. Was wohl die Berliner als erste gemerkt haben. Sie haben erlebt, wie Verdrängung und Gentrifizierung passieren. Und sie haben ihr Feindbild an die Wände gemalt: die Schwaben.

Ist es Zufall, dass auch Resis Freunde von da kommen?

Wahrscheinlich nicht. Denn für die Kinder gut betuchter Familien war die Öffnung des Ostens (Ich schreib’s hier extra noch mal hin: Wir haben den Osten geöffnet. Auch für unsere lieben Brüder und Schwestern. Freiheit ist, wenn eingesperrte Leute ihre Mauern einreißen, nicht wenn Onkel Kurt mit dem Mercedes vorfährt) auch eine Chance, ein riesiges Stück Freiheit, ein paar von ihren Träumen zu verwirklichen.

Was so in München, Stuttgart und Frankfurt schon lange nicht mehr ging. In Berlin, der „Armutshauptstadt“, schon. Da war auf einmal experimenteller Raum. Und viele gut betuchte Familienväter kamen auf einmal wieder in den Besitz von Ostberliner Immobilien. Sogar im S-Bahn-Ring. So auch in diesem Fall, auch wenn Resi die ganze Zeit rätselt, wie das geschah – ob durch Restitution oder einfach als Schnäppchen. Wer 1990 Geld hatte, konnte sich billig eindecken.

Wem gehört Berlin heute?

Resi erfährt es. Am eigenen Leibe. Denn ihre Geschichte beginnt mit einem hundsgemeinen Brief. Einer ihrer alten schwäbischen Freunde, in dessen Mietwohnung sie als Untermieterin mit ihrer kleinen Familie unterkam, teilt ihr in Kopie mit, dass er die Wohnung gekündigt hat. Kein Gespräch vorher, keine Erklärungen. Resi muss selbst herausfinden, was nicht stimmt.

Und sie lernt – ein bisschen spät mit über 40 – ihre alten Freunde von einer Seite kennen, von der sie sie bisher nicht kennen wollte. Weil scheinbar alle gleich waren, damals, am Gymnasium. Da hatte sie nicht wirklich wahrnehmen wollen, dass sie selbst zwar eine echte Aufsteigerin war aus einer Familie, in der das Geld immer knapp war, und dass die neuen Freunde und Freundinnen, die sie am Gymnasium kennenlernte, zwar dufte Menschen waren, aber …

Das Aber zerschneidet unser Land in zwei säuberliche Teile. Die, die sich mit Geld alles kaufen können, auch ein selbst gebautes Haus für die ganze Clique in Berlin. Und die, denen ein mitfühlender Freund quasi nebenbei anbietet, den Mit-Einzug zu spendieren. Weil man sich ja kennt und befreundet ist.

Aber Resi ist nicht mit eingezogen, blieb mit ihrem Freund Sven und den vier Kindern lieber in der Altbauwohnung. Etwas war ihr suspekt an diesem Angebot. Was es war, kann sie erst sagen, als sie die Kündigung in den Händen hält und darüber nachdenkt, warum die Menschen, die ihr immerfort versichern, sie zu lieben, so begegnen. Auch Ulf, der Architekt, in den sie mal verliebt war, den sie hätte heiraten können. Aber auch da gab es schon, wie sie sich erinnert, diese unausgesprochenen Grenzen, die ihre Welt von der Welt ihrer gut versorgten Mitschüler trennte.

Die Szenen, die sie mit Ulf und seiner Familie erlebte, vermischen sich mit den Erinnerungen ihrer Mutter, die einmal ganz Ähnliches erlebte. Irgendwann, wenn die Geliebte den Ansprüchen nicht mehr genügt, bekommt sie es gezeigt und muss gehen.

Die Lektion hat Resi gelernt. Und lernt sie jetzt erst richtig. Denn jetzt lernt sie – auch wenn sie es nicht wirklich wahrhaben will – ihre Freunde erst richtig kennen. Sie lernt, wie schnell man sich in deren Augen schuldig macht, wenn man seine Gefühle zeigt, seine Zweifel und sein Unbehagen. Wie es Resi in einem Zeitschriften-Artikel getan hat, der sich mit der Bauwut der Neuberliner beschäftigte und dem, was daraus dann am Straßenrand wurde. Und ein Buch hat sie wohl auch noch darüber geschrieben.

Normalerweise fällt so etwas wie ein Stein ins Wasser. Normalerweise reagiert in der so aufs Äußere bedachten Bundesrepublik niemand darauf, gibt es nicht einmal eine kleine öffentliche Kritik. Unser Feuilleton ist brav. Denn natürlich schreiben da vor allem Leute, die aus demselben Milieu kommen wie die Häuslebauer und Bewohner all der schnieke sanierten Prachtstraßen in Berlin, in denen heute keiner mehr von den ärmlichen Bewohnern zu finden ist, die hier mal wohnten, als Berlin noch eine graue Maus war.

Leute, zu denen sich Resi eigentlich zählt – denn sie hat zwar Erfolg mit ihren Romanen. Aber sie kann sich nicht mit ihren Freunden vergleichen, die kraft ihrer Beziehungen in ganz anderen Einkommensverhältnissen gelandet sind.

Sie haben ihre Schäfchen im Trockenen, um mal den Titel aufzugreifen. Sie hatten ihre Schäfchen schon im Trockenen, als sie geboren wurden. Denn der Reichtum in Deutschland wird vererbt. Wer reich ist, muss keine Romane schreiben, in denen er versucht, auf ganz menschlicher Ebene auszuloten, was schiefläuft in dieser Welt.

Und warum die Sprüche, die man dafür bekommt, wenn man doch wieder scheitert, so hinterfotzig sind, boshaft, voller Verachtung. Und Resi bekommt etliche solcher „coolen“ Sprüche zu hören von ihren Freunden. Sie hätte es doch wissen müssen. Oder – frei nach Franz Josef Degenhardt: So etwas macht MAN nicht.

Ein Vierteljahr hat Resi Zeit, darüber nachzudenken, dann müssen sie, Sven und die Kinder raus aus der vertrauten Wohnung mit dem 18 Jahre alten Mietvertrag. Zeit genug, herauszufinden, was sie wohl falsch gemacht haben könnte. Und was ihre tollen Freunde, mit denen sie einmal auf dem Hausdach gefeiert hat, eigentlich meinen, wenn sie sie jetzt zum Sündenbock machen, nur weil sie finden, Resi hätte so nie über sie in der Öffentlichkeit schreiben dürfen. Sie hat damit, wie es aussieht, am Lack gekratzt.

Sie bekommt es auf die harte Tour eingebläut, dass es in diesem Land nicht um Gleichheit oder Freiheit geht, sondern um Status. Wer es nicht packt, seinen Status zu verbessern (und sei es, dass sie den reichen Ulf heiratete), der ist ein Versager. Oder genauer: Der wird zum Versager gestempelt. Nicht ohne Grund nimmt Frank einen billigen Stempel, um Resi die Kündigung des Mietvertrages zukommen zu lassen.

Es dauert eine Weile, aber man spürt, wie in Resi nicht nur die Verärgerung wächst – nebst der Scham, die ihr die seltsamen Antworten ihrer Freunde einzupflanzen versuchen. Aber sie wird auch wütender. Jedem Einzelnen schreibt sie nach und nach eine Mail – wobei man als Leser nie weiß, ob sie die Mails wirklich abschickt. In einer Mail an Ulf, der nicht mal in einem klärenden Gespräch fähig ist, mit Resi tatsächlich über die Gründe für das Verhalten der Gruppe zu sprechen, wird sie am Ende sehr deutlich.

Willkommen in der Wegwerfgesellschaft, könnte man schreiben.

Denn wie beiläufig (und wohl gedankenlos) hat Ulf seinen Kumpel Frank mit der Aussage in Schutz genommen, der habe doch nur endlich einmal ausmisten wollen.

„Jetzt sehe ich, dass ich und mit mir meine Familie von Euch schon nicht einmal mehr als Menschen betrachtet werden, sondern als Müll“, schreibt Resi.

Und auf einmal wird hinter ihren arrivierten Freunden eine ganze Gesellschaft sichtbar. Denn nicht nur jede Menge Ostdeutscher haben genau das erlebt – wie Müll behandelt zu werden. Von gut bezahlten, gut gekleideten und immer freundlichen Menschen aus einer anderen Welt.

Denn dass sie aus einer völlig anderen Welt kommen, in der sie sich Resis Sorgen überhaupt nicht vorstellen können, das hat sie nun langsam begriffen. Es ist eine Schein-Welt, eine, die Menschen dazu bringt, jederzeit so zu tun, als wären sie super erfolgreich, super gut drauf und beneidenswert.

Oder aus einem Dialog Resis mit ihrer klugen großen Tochter Bea zitiert, die damit hadert, dass sich ihre Familie keine Ferienreise nach Amerika oder in die Berge leisten kann, die besser betuchten Kinder der Klasse aber lauter tolle Instagram-Fotos posten: „Gepostet um zu blenden, anzugeben, zu behaupten? Dir ein Minderwertigkeitsgefühl zu vermitteln, dich auszustechen, dir den Wunsch nach etwas einzuimpfen, das gar nicht existiert?“

Es ist wohl der bitterste und schärfste Roman, der über unsere neu-deutsche Wirklichkeit seit langem geschrieben wurde. So genau und bissig, dass man merkt, wie tief verletzt nicht nur Resi ist von diesem neoliberalen Gehabe, wie sie es nennt, mit dem immerfort alle Unterschiede zugekleistert werden, damit nur ja keiner sieht, dass die Spaltung durch die ganze Gesellschaft geht und die, die es haben, regelrecht mit Verachtung auf alle, wirklich alle herabschauen, die in brotlosen Jobs (der Schriftstellerei zum Beispiel) feststecken und sich am Ende keine Wohnung mehr im Berliner S-Bahn-Ring leisten können. Motto: Da habt ihr es wohl einfach nicht begriffen.

Resi begreift sehr wohl, auch wenn keiner ihrer alten Freunde den Mumm hat, über die tatsächlichen Gründe hinter der Kündigung (auch der Freundschaften) zu sprechen. Sie kann die Zeichen und Worte lesen. Und sie weiß: „Wir sind Opfer. Und unseres Glückes Schmied! Wir machen uns gut in egal welcher Kulisse, sind Protagonisten unseres Lebens …“

Nur Weihnachten findet dann halt nicht mehr innerhalb des S-Bahn-Rings statt, wo die Kinder der Reichen zusehends unter sich bleiben, sondern in Ahrensfelde, oder so. So genau weiß man das nicht, denn manchmal erzählt Anke Stelling auch ein paar phantasievolle Alternativgeschichten, sodass man sich die mögliche Variante aussuchen kann. Aber dann doch lieber Ahrensfelde als Marzahn.

Wie gut kennt man das.

Der Riss in Deutschland geht nicht zwischen Ost und West, wie uns die gut bezahlten Edelfedern die ganze Zeit zu erzählen versuchen. Er verläuft zwischen den immer schon Reichen und immer Reicheren und denen, denen sie so gerne ihre Verachtung zeugen. Punkt.

Ein herrlich bissiger Roman. So herzerfrischend, dass man so langsam ahnt, warum die verdrängten Berliner die Schwaben nicht leiden können.

Anke Stelling Schäfchen im Trockenen, Verbrecher Verlag, Berlin 2018


Aus: "Schäfchen im Trockenen: Der gnadenlos bissige Roman über die schönen verlogenen Reichen von heute" Ralf Julke (10. Oktober 2018)
Quelle: https://www.l-iz.de/bildung/buecher/2018/10/Schaefchen-im-Trockenen-Der-gnadenlos-bissige-Roman-ueber-die-schoenen-verlogenen-Reichen-von-heute-237625

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« Reply #810 on: Oktober 11, 2018, 11:51:10 vorm. »
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[...] Wie der Gewerkschaftsdachverband TUC im vergangenen Jahr errechnet hat, verdienen über drei Millionen Menschen in Großbritannien ihren Lebensunterhalt in prekären Arbeitsverhältnissen. Das sind 27 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren. Teilweise sind digitale Plattformen wie Uber und der Essensbringdienst Deliveroo dafür verantwortlich. Aber auch Kellner, Krankenpflegerinnen und Aushilfslehrerinnen sind betroffen.

In den vergangenen Jahren machten die sogenannten zero-hour contracts immer wieder Schlagzeilen: Verträge für Aushilfen auf Abruf. Sie verpflichten die Angestellten, auf der Matte zu stehen, wenn der Arbeitgeber sie braucht – braucht er sie nicht, haben sie eben Pech gehabt. In den meisten EU-Ländern sind solche Verträge entweder stark reguliert oder gar nicht erlaubt. In Großbritannien hingegen arbeiten derzeit 1,8 Millionen Angestellte in zero-hour contracts.

Großbritanniens flexibler Arbeitsmarkt wird von seinen Anhängern immer wieder als Erfolgsmodell angepriesen: Ihm sei es zu verdanken, dass die Arbeitslosigkeit hier vergleichsweise gering sei, schreibt etwa der Gewerbeverband CBI. Aber das ist nur die halbe Geschichte. Entscheidend ist auch die Qualität der Jobs – und hier schneidet Großbritannien mies ab.

Es ist beispielsweise das einzige OSZE-Land, in dem von 2007 bis 2015 die Löhne sanken, während die Wirtschaft wuchs. Vor allem ärmere Haushalte konnten ihre Realeinkommen seit Anfang der 2000er-Jahre kaum erhöhen, Millionen stehen heute sogar schlechter da als vor 15 Jahren. Die Schulden der Privathaushalte sind auf insgesamt 200 Milliarden Pfund gewachsen. Dem nationalen Rechnungshof zufolge geben die ärmsten Haushalte ein Viertel ihres Monatseinkommens für den Schuldendienst aus.

Der Chefökonom der Bank of England, Andy Haldane, sagte letztes Jahr, dass die stagnierenden Löhne unter anderem auf die Verbreitung von unsicheren Arbeitsverhältnissen zurückzuführen seien. So gesehen gleiche die heutige Wirtschaft der vorindustriellen Zeit, in der Tarifverhandlungen und Gewerkschaften noch weitgehend unbekannt waren.

Manche der Skandale, die in den vergangenen Jahren ans Licht kamen, könnten direkt aus der Welt von Charles Dickens und der viktorianischen Arbeitshäuser stammen. Der Sportwarenhändler Sports Direct zum Beispiel zahlte seinen Angestellten weniger als den Mindestlohn und überwachte sie obsessiv: Eine zu lange Toilettenpause konnte sanktioniert werden; wer zu langsam durch die Gänge ging, wurde via Lautsprecher zurechtgewiesen; und jeden Tag nach der Arbeit wurden die Angestellten gefilzt. Eine parlamentarische Untersuchung kam 2016 zum Schluss, dass das Unternehmen seine Arbeitnehmer nicht wie menschliche Wesen behandelt habe. Ein ähnlicher Kontrollwahn herrscht in den Warenhäusern von Amazon und in den über 6.000 Callcentern im Land.

Dass die Arbeitnehmer angesichts solcher Zustände nicht ständig auf den Barrikaden stehen, hat auch mit dem Niedergang der Gewerkschaftsbewegung seit den 1980er-Jahren zu tun. In den vergangenen 40 Jahren hat sich die Zahl der Mitglieder auf rund sechs Millionen halbiert. Der öffentliche Sektor hat viele Dienstleistungen an private Unternehmen ausgelagert, was es ebenfalls erschwert, sich am Arbeitsplatz zu organisieren. Und in der Gig Economy, wo jeder auf sich allein gestellt ist, ist der Kontakt mit Kollegen sowieso praktisch ausgeschlossen.

Seit ein paar Monaten aber fordern immer mehr prekär Beschäftigte eine angemessene Bezahlung und umfassende Rechte am Arbeitsplatz. Vergangene Woche beispielsweise beteiligten sich Angestellte in der britischen Gastronomie an einem international koordinierten Arbeitsausstand: Kuriere von Uber Eats, die Mahlzeiten per Fahrrad von Restaurants zu ihren Kunden transportieren, Kellner der Pubkette JD Weatherspoon sowie Angestellte der Fastfoodketten McDonald’s und TGI Fridays legten die Arbeit nieder, um gegen ihre miserablen Löhne zu protestieren.   

Auch die Radfahrer des Essenlieferers Deliveroo beteiligten sich am Streik. Im Juni hatten 50 Kuriere der Plattform bereits einen Erfolg erzielt: Ein Gericht verurteilte Deliveroo dazu, ihnen eine sechsstellige Summe zu zahlen, weil ihnen grundlegende Rechte wie Mindestlohn und Feriengeld vorenthalten worden waren. Kuriere von Hermes hatten kurz zuvor das Recht gewonnen, als Angestellte eingestuft zu werden, nicht als selbständige Unternehmer.

Federführend bei solchen Disputen sind nicht die großen, traditionsreichen Gewerkschaften, sondern kleinere Organisationen wie die Independent Workers of Great Britain (IWGB). Ihr Präsident Henry Chango Lopez, der vor 18 Jahren aus Ecuador nach Großbritannien kam, arbeitete als Portier bei der University of London. Weil er und seine Kollegen sich von ihrer Gewerkschaft nicht gut repräsentiert fühlten, gründeten sie die IWGB.

Heute zählt die kleine Gewerkschaft 2.500 Mitglieder und vertritt nebst Putz- und Sicherheitspersonal, das bei ausgelagerten Dienstleistern angestellt ist, auch Taxifahrer, Kuriere und Kinderpfleger. Die UPHD, die den Uber-Streik vom Dienstag organisiert hat, hat sich der IWGB ebenfalls angeschlossen. Die Reinigungsleute der University of London erreichten mithilfe der kleinen Gewerkschaft, dass ihnen der Arbeitgeber jetzt Kranken- und Feriengeld sowie eine Pension bezahlt.

Solche Kampagnen haben das Selbstbewusstsein der Angestellten am unteren Ende der Lohnpyramide gestärkt. Und immer häufiger koordinieren die Streikenden verschiedener Branchen ihre Aktionen, insbesondere in der Gig Economy. So bauen sie nach und nach eine kollektive Kraft auf. Der Druck auf die digitalen Plattformen steigt. 


Aus: "Großbritannien: Rebellion der Niedriglöhner" Eine Analyse von Peter Stäuber, London  (10. Oktober 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-10/grossbritannien-armut-niedriglohn-ausbeutung-protest/komplettansicht

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Murano #22

was mich erschüttert. es betrifft mittlerweile nicht nur ungelernte. Auch Krankenpflegerinnen und Aushilfslehrerinnen sind betroffen. Was sagt das über eine gesellschaft aus, wenn sie auch Jobs mit Verantwortung für die man eine Ausbildung benötigt ins präkariat treibt.


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E_Dantes #22.1

Das fragen Sie doch mal die vielen Facharbeiter in Dtl., die für ihre Arbeit nur Mindestlohn erhalten. Vorzugsweise östlich der Elbe. ...


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Laubfall #20

Die Politik und die Gesellschaft lassen es zu, dass ein Investmentbanker an einem Tag mehr verdient als ein Uber-Fahrer im ganzen Jahr.
Für die Eliten mag das zunächst toll sein, man bekommt einen billigen Fahrer, günstigste Kindermädchen und Putzfrauen und so weiter.
Trotzdem werden auch die Eliten die Konsequenzen mehr und mehr spüren.

Das angenehme Leben wir gestört durch steigende Kriminalität, in der Politik bekommen radikale Lösungen und Parteien Zustimmung, plötzlich soll der Arbeitsplatz wegen des Brexits vom schönen London ins öde Frankfurt verlegt werden und sicher kommen hier noch ein paar weitere unangenehme Überraschungen. Aber klar, verglichen mit den Problemen der Niedrigstlöhner sind das Lappalien.


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deep_franz #18

Für mich ist die Frage, wie diese Menschen sich bei den Wahlen bemerkbar machen sollen. Die "Labour" Party war ja an der "Flexibilisierung" des Arbeitsmarktes nicht unwesentlich beteiligt.
Gibt es eine wählbare Partei, die dort ein Revidieren der Agenda 2010, pardon, ich meine natürlich von New Labour anstrebt?


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  Arlequin #18.1

Labour. ... Allerdings hat Corbyn im letzten Jahr einen hervorragenden und umjubelten Wahlkampf hingelegt. Ob er damit in Somerset punkten kann, steht auf einem anderen Blatt.



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Heiliger Römischer Reis #4

Es geschehen noch Wunder: die Ausgebeuteten lehnen sich gegen asoziale Silicon-Valley-Geschäftsmodelle auf. Ob der Streik auch genügen wird? Denn Beistand von ihrer derzeitigen Regierung haben sie nicht zu erwarten.


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Johann Friedrich #4.2

... Die Konservativen haben unter Thatcher die britischen Gewerkschaften zerschlagen. Die mögen zwar darauf achten, daß die Arbeiter nicht verhungern. Aber da ist dann auch Schluß. Firmen wie Uber, Amazon und Ryan Air sind im ganz normativen Sinne unmoralisch. Das ist Manchester, nicht Rheinischer Kapitalismus. Neoliberalismus statt sozialer Marktwirtschaft. Als Kunde hat man aber die Wahl, und man sollte solche Firmen nach Möglichkeit boykottieren.


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« Reply #811 on: Oktober 11, 2018, 12:04:19 nachm. »
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[...] Millionen von Deutschen, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren aufwuchsen, dürften diesen Satz von ihren Eltern gehört haben: „Streng dich in der Schule an, sonst landest du bei der Müllabfuhr.“ Müllmann oder Straßenfeger, das war so ziemlich das Letzte. Dreckig, eklig, ein Job, den niemand machen wollte. „Das ist für die Doofen“, hieß es im bürgerlichen Einfamilienhaus-Viertel der rheinischen Kleinstadt, aus der ich komme, für jene, die nicht einmal einen Job im Kohletagebau oder am Fließband bei Ford bekamen. Die Deutschen unter ihnen, von denen manche schon frühmorgens nach Schnaps rochen, sprachen derbes Kölsch, die anderen, türkische „Gastarbeiter“, redeten fast nie. „Da kommen die Müllmäuse!“, riefen wir Kinder, wenn der orangefarbene Wagen um die Ecke bog und die Arbeiter die schweren, siffenden Blechtonnen, damals noch ohne Rollen, über den Bürgersteig zum Müllfahrzeug wuchteten. Zu Weihnachten gab es eine Flasche billigen Schabau – damit die Müllmänner auch weiterhin, ohne zu murren, mal ein paar Eimer mit Farbresten oder Säcke mit Grünschnitt mitnahmen.

Kürzlich hat die BSR 50 Müllwerker-Stellen ausgeschrieben – und erhielt mehr als 1000 Bewerbungen. Auch bei der Straßenreinigung überstieg die Zahl der Bewerber jene der ausgeschriebenen hundert Stellen um ein Vielfaches. Die Berliner Handwerksfirmen suchen derweil händeringend Leute; Kliniken rekrutieren Pflegekräfte in ihrer Not mittlerweile aus Osteuropa, Mexiko und Vietnam. Und so viele Leute wollen Müllwerker sein. Warum?

... Für Jeffrey Sabbath ist die „Mülle“ vor allem ein sicherer Job, „bis zur Rente, wenn du keinen Mist baust. Das war für mich wichtig, wegen meiner Familie.“ Gelernt hat er Dachdecker, danach als Piercer in einem Tattoo-Studio gearbeitet, „mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt er, wovon die imposanten Tunnel in seinen Ohrläppchen zeugen. Danach ging es zurück auf den Bau als Parkett- und Fliesenleger. „Da rutschst du den ganzen Tag auf den Knien rum“, erzählt Sabbath, „und wenn die kaputt sind, ist Ende, dann wirst du rausgekantet.“

Alle in der Familie, auch die zwei Töchter, sechs und zwölf Jahre alt, finden es cool, dass er jetzt den Müll abholt. Die meisten seiner Freunde und früheren Arbeitskollegen vom Bau sind neidisch. Es stört ihn auch nicht, dass die Arbeit hart ist und manchmal eklig. Im Sommer etwa, wenn der Inhalt der Biotonnen gärt und stinkt und die Maden einem schon entgegenkommen. „Das riecht man nicht mehr, da stumpft man mit der Zeit ab“, sagt er. „Da wird kurz die Luft angehalten, gekippt, fertig.“ Wenn es regnet, nun ja, „bist du halt nach ‘ner halben Stunde pitschnass bis auf den Schlüpper“. Das größte Übel seien pöbelnde Autofahrer, die sich aufregen, weil der Müllwagen die Straße versperrt. Seine Kollegen und er seien schon angespuckt worden, erzählt Sabbath. „Letztens wollte uns einer vermöbeln, weil es ihm nicht schnell genug ging.“

„Häuserkampf“ nennt Sabbath die tägliche Maloche. Jeder der zwei- bis dreihundert 240-Liter-Behälter, die er pro Schicht bewegt, wiegt zwischen 50 und 100 Kilo. Oft muss er mit seinen Kollegen in die Hinterhöfe rein, die Tonnen rausholen. Oder sie die Kellertreppen hochwuchten. „13, 14 Kilometer laufe ich pro Schicht“, sagt Sabbath. Das sagt ihm der Schrittzähler seiner Uhr. „Also ich komm’ auf 20 Kilometer“, meint Kollege Ameti, als er endlich zu Wort kommt. Bei den Kitas sind sie die Kings. Alle Kinder kommen zum Zaun gerannt, sobald jemand den Müllwagen gesichtet hat. Sabbath hat immer eine Tüte mit Süßigkeiten im Wagen.

Der Zusammenhalt auf dem Wagen sei gut. „Eine große Familie“, sagt Mehas Ameti. Manche fahren seit 20 Jahren zusammen. Und man nimmt die Arbeit nicht mit nach Hause. „Was auf’m Auto ist“, sagt Jeffrey Sabbath, „das bleibt auf’m Auto.“ Mit dem Wasserstrahl unter der Dusche geht auch die Arbeit ab.

Vollzeit, unbefristet, sozialversichert, anständig bezahlt – die 1400 Berliner Müllwerker und rund 2300 Straßenreiniger genießen im öffentlichen Dienst eine Sicherheit, die es gerade für gering Qualifizierte heute kaum noch gibt. Vier von zehn Beschäftigten in Deutschland arbeiten nach Angaben des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) prekär oder atypisch – also als Mini- oder Midijobber, befristet, in Teilzeit oder als Solo-Selbstständige. Unter den gering Qualifizierten dürfte der Anteil weit über 50 Prozent liegen.

Anders bei der Müllabfuhr oder der Straßenreinigung. „Wenn man möchte, ist es ein Arbeitsplatz bis zur Rente“, sagt die BSR-Vorstandsvorsitzende Tanja Wielgoß. Selbst wenn der Rücken oder die Knie irgendwann nicht mehr mitmachen, muss niemand das Unternehmen verlassen. Für die 370 Leistungsgeminderten wurde eine Einheit für passende Tätigkeiten gegründet, beispielsweise die Wartung kaputter oder beschmierter Papierkörbe. Die Müllwerker müssen nicht einmal eine Lohneinbuße befürchten, nur bei den Straßenreinigern fällt die eine oder andere Zulage weg.

Ein Müllwerker bei der BSR steigt mit 2824 Euro brutto ein, ein Straßenreiniger mit 2516 Euro. Umgerechnet auf die Stunde, ist das mehr als doppelt so viel wie der gesetzliche Mindestlohn von 8,84 Euro und in beiden Fällen mehr als beispielsweise der mittlere Bruttoverdienst von Vollzeitbeschäftigten in Sachsen-Anhalt (2494 Euro), die Einstiegsgehälter von Krankenpflegern (2000 bis 2400 Euro) oder die Löhne von Malergesellen, die in Berlin froh sein können, wenn sie 1700 Euro mit nach Hause bringen. Selbst ein Berliner Schutzpolizist im mittleren Dienst verdient am Anfang seiner Laufbahn weniger als ein Müllwerker oder Straßenfeger – nur sind seine Aufstiegschancen deutlich besser. „Die Kombination aus Arbeitsplatzsicherheit und gutem Gehalt ist gerade bei An- und Ungelernten unschlagbar“, sagt Tanja Wielgoß.

Kein Wunder, dass sich viele zum Müllwerker umschulen lassen. Die meisten sind Quereinsteiger, haben als Bäcker oder Elektriker, Klempner, Fleischer, Maler, Maurer, Friseur oder Verkäufer gearbeitet. Zwar führt die BSR keine Statistik darüber, wie viele Mitarbeiter eine Berufsausbildung haben, bundesweit gibt es jedoch Zahlen: Nur 15 Prozent der Beschäftigten in der Abfallwirtschaft haben keine abgeschlossene Ausbildung, bei 12 Prozent ist die Ausbildung unbekannt.

... Eine fast schon legendäre Plakatkampagne hat eine Menge verändert, zunächst im internen Gefüge. Unter dem Motto „Wir bringen das in Ordnung“ erklärte die Berliner Agentur Heymann Brandt De Gelmini den Berlinern, wie wichtig diese Jobs für die Stadt sind. Fast 20 Jahre ist das her. Gezeigt wurden Fotos von coolen Straßenfegern, garniert mit Sprüchen wie „Drei Wetter tough“, „Matschos“, „Saturday Night Feger“ oder „We kehr for you“. Die Kampagne erlangte schnell Kultstatus und gilt heute als die Mutter des Employer Branding. „Viele haben Elemente unserer Kampagne übernommen“, sagt die BSR-Vorstandschefin. „Wir wissen zum Beispiel, dass Kollegen aus Wien, immer wenn sie nach Berlin kommen, unsere Sprüche abschreiben und adaptieren.“

Mit einem Mal galten die Berliner Müllwerker und Straßenreiniger als coole Säue. Ich bin Müllmann, wer ist mehr? „Ich bin stolz drauf, bei der Mülle zu sein“, sagt Jeffrey Sabbath. Früher habe er auch schon mal Parkett verlegt in Villen, Hölzer für 400 Euro den Quadratmeter verarbeitet. „Das hab’ ich halt für den Typen gemacht, dem das Haus gehört. Aber hier mach’ ich was für die ganze Stadt.“

Ähnlich wie die Selbstwahrnehmung hat sich auch das Image in der Öffentlichkeit gewandelt. Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Deutschen Beamtenbundes aus dem Jahr 2016 billigten 73 Prozent der Befragten Müllwerkern ein hohes oder sehr hohes Ansehen zu. Damit rangierten diese an sechster Stelle, vor Lehrern, Anwälten, Bankangestellten und natürlich Versicherungsvertretern. ...

...


Aus: "Berliner Stadtreinigungsbetriebe: Ich bin Müllwerker, wer ist mehr?" Andreas Molitor (2018)
Quelle: https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2018/personal/ich-bin-muellwerker-wer-ist-mehr

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« Reply #812 on: Oktober 15, 2018, 05:08:34 nachm. »
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[...] Das Deutsche Studentenwerk fordert zu Semesterbeginn, dass mehr Studenten in Deutschland Bafög erhalten. Es sei ein "Riesenproblem", dass die Zahl derer, die gefördert werden könnten, zurückgehe, sagte der Generalsekretär des Studentenwerks, Achim Meyer, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die Elternfreibeträge müssten daher kräftig erhöht werden.

"Wir haben ein Untere-Mittelschicht-Problem", sagte Meyer und kritisierte die Regierung: "Die Politik behauptet, die Eltern verdienten genug, um das Studium ihrer Kinder zu finanzieren. In der Realität müssen sie ihren Kindern sagen: 'Das Geld reicht nicht. Geht arbeiten!'"

Der Generalsekretär des Studentenwerks verwies darauf, dass die große Koalition angekündigt habe, das Bafög im Herbst 2019 zu erhöhen. "Wenn die Regierung sich beeilt hätte, dann hätte sie das Bafög schneller erhöhen können – nämlich jetzt. Das haben Union und SPD versäumt."

Viele Studenten müssen nach Angaben Meyers Geld verdienen, um überhaupt über die Runden zu kommen. Das Bafög sei zu niedrig, zudem gäbe es nicht genügend bezahlbare Wohnungen. Es müsse gebaut werden, um das Angebot für Studenten zu vergrößern. Nicht jeder Student habe die Wahl beim Studienort: "Nicht jeden Studiengang gibt es überall."


Aus: "Studentenwerk: "Wir haben ein Untere-Mittelschicht-Problem"" (2018)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2018-10/studentenwerk-bafoeg-erhoehung-elternfreibetraege-studierende

Quote
Dr. Möbius #2.15

Ich habe während des Studiums gearbeitet. Teilweise 3 Jobs parallel. Als Nachhilfelehrer, als Kellner und als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Ich sehe ganz ehrlich nicht, dass es schwierig ist einen passenden Job zu finden.

Das es dann mit dem Lernen gut organisiert werden will, stimmt sicherlich. Aber auch das geht. Würden alle die vielen Stunden nutzen, die die Uni eigentlich zum Lernen vorsieht, wäre es wirklich kein Problem. Aber seien wir ehrlich, die Meisten nutzen die Zeit doch lieber für spaßigere Dinge.

Ich habe einiges an Party gemacht, habe meinen Abschluss selbstorganisiert im Ausland gemacht, habe für gute Leistung DAAD Unterstützung erhalten und habe ein paar Monate schneller als Regelstudienzeit studiert. Meine Abschlussarbeit war 1,0 und ich war in der Gruppe der besten 10% Studenten im Jahrgang. Ich muss ehrlich sagen, meine Kumpels die länger gebraucht haben, wussten auch genau warum. Fehlendes Bafög oder arbeiten zu müssen war nicht der Grund.


Quote
  jawthruster #2.18

Angeber


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Wunderwuzzi #2.19

"habe meinen Abschluss selbstorganisiert im Ausland gemacht, "

Glückwunsch, wenn Sie das alles so vortrefflich unter einen Hut gebracht haben. ...


Quote
Rollmann #2.40

Aus dem Almanach der Selbstverherrlichung:

"Ich habe während des Studiums gearbeitet. Teilweise 3 Jobs parallel. Als Nachhilfelehrer, als Kellner und als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Ich sehe ganz ehrlich nicht, dass es schwierig ist einen passenden Job zu finden.[...]. Meine Abschlussarbeit war 1,0 und ich war in der Gruppe der besten 10% Studenten im Jahrgang. Ich muss ehrlich sagen, meine Kumpels die länger gebraucht haben, wussten auch genau warum. Fehlendes Bafög oder arbeiten zu müssen war nicht der Grund. "

Sehen Sie, ich hatte auch nie Probleme wegen Arbeiten neben Studium. Andere schon. Um die geht's. Barrierefreie Bahnhöfe werden auch nicht für Berufssportler gebaut (zu pauschal, ich weiss).


Quote
  DemDeutschenVolke #14

Ich bin dafür das Barfög um die Hälfte zu senken oder ganz abzuschaffen, das Geld kann besser eingesetzt werden.
Meiner Meinung nach haben wir viel zu viele Studenten, die dann trotz Studium in Teilen unterqualifiziert sind.


Quote
DerJoker1991 #14.1

Sie haben vermutlich nicht studiert oder haben privat finanzielle Unterstützung bekommen.



Quote
DemDeutschenVolke #14.2

Studiert, Bachelor Mechatronik neben dem Studium gearbeitet, keine finazielle Unterstützung.
War wenn ich ehrlich bin auch kein Problem da Zug umsonst war und ich weiter Zuhause gewohnt habe.


Quote
DemDeutschenVolke #14.5

Nun ja ich spreche aus meiner persönlichen Erfahrung wie ich teilweise Studenten oder eben fertig Studierte in meinem Arbeitsumfeld wahrnehme.
Ob ich qualifizierter bin, steht nicht zur Disposition.
Es geht mir darum das wir zu viele Studenten haben die in Teilen nicht das Halten, was ein Studium verspricht.
Weshalb ich die Voraussetzungen für ein Studium erschweren möchte sowohl finanziell als auch Zugangsvoraussetzungen. ...


Quote
jolande9 #14.9

Und Sie meinen, dass sich daran was ändert, wenn nur noch Kinder reicher Eltern studieren können?
Komische Weltsicht.


Quote
Hanna_E #14.13

Wenn Sie bei Ihren Eltern gewohnt hatten, hatten Sie finanzielle Unterstützung in Form von Kost und Logis. Wenn Sie so die Spreu vom Weizen trennen wollen, hätten Sie auch nicht studieren dürfen.


Quote
DemDeutschenVolke #14.18

Natürlich musste ich nicht die Kosten eines Selbstversorgers tragen, trotzdem habe ich meine Mutter finanziell unterstützt.


Quote
Rollmann #14.25

"Nun ja ich spreche aus meiner persönlichen Erfahrung wie ich teilweise Studenten oder eben fertig Studierte in meinem Arbeitsumfeld wahrnehme."

Der in Psychologie bewanderte Leser kennt sicher einen Namen für das hier schön präsentierte Beispiel der zu persönlichen Gunsten verzerrten Wahrnehmung.


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Gabriel Seth #30

Man könnte ja auch eine Lehre machen....


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Gelassener Bürger #30.1

Man könnte ja auch aufhören arm zu sein...


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DerJoker1991 #30.3

Man könnte auch die Schule abbrechen und direkt arbeiten gehen....


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olivern #30.2

Das könnte man. Nur hilft es der Allgemeinheit nicht, wenn schlaue Arme eine Lehre machen aber dumme Reiche studieren.


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wulewuu #35

Die Politik muss Prioritäten setzen und tut dies auch, wie z.B. die Fast-Verdoppelung der Militärausgaben in innerhalb der nächsten Jahre. Deswegen: dienen statt studieren und nebenher ferne Länder kennenlernen.


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vincentvision #36

Da wissen wir alle, dass Bildung, Bildung, Bildung in Deutschland:

a) zu gering ausfällt

b) wesentlich abhängt vom Einkommen der Eltern

c) zu lange dauert

Und vielen hier fällt angesichts des sehr vernünftigen Vorstoßes der Studenten nach mehr Geld, der alle drei Punkte positiv beeinflussen würde, in einer Mischung aus Neid, Häme und Unwissen nicht mehr ein, als das Ganze niederzumachen.

Mit so einer begrenzten Einstellung wird das aber nichts mit der Begabtenförderung und späteren qualifizerten Arbeitnehmern - es sei denn, man holt sie aus dem Ausland.

Aber das wollen die Angesprochenen ja erst recht nicht...


Quote
Grails_Knight #37

Studenten sind übrigens die einzige Gruppe, die Unterhalb des Existenzminimums bleiben können in Deutschland. (Kein Anspruch aus Sozialleistungen beim Unibesuch)

Ist wohl die selbe Denke, die es bei unter 25jährigen bei Hartz IV erlaubt hat, 100% Sanktionen inklusive gestrichener Miete für zumutbar zu halten.


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ParisMatch #38

Das Problem ist schon ein halbes Jahrhundert alt


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123Valentino #40

Da habe ich aber Glück gehabt, ich gehöre zur oberen Unterschicht die hat keine Probleme?
Ich kann mich nur erinnern, es musste immer gearbeitet werden, Einige hatte das Glück Kohle genug aus dem Elternhaus zu bekommen.
Wieviel Schichten gibt es eigentlich ?


...
« Last Edit: Oktober 18, 2018, 01:08:30 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #813 on: Oktober 16, 2018, 11:01:09 vorm. »
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[...] „Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird.“

Das war das Ziel von Annie Ernaux‘ Projekt „Die Jahre“. Zwei Jahrzehnte hat sie gerungen, bis sie die passende Form für die Materialfluten fand. Zum einen skizziert sie – ausgehend von Fotos und Videoaufnahmen – Stationen ihres eigenen Werdegangs. Zum anderen zapft sie das kollektive Gedächtnis der Franzosen an und beschreibt in komprimierter Form, was „man“ erlebt hat – oder was „wir“ oder „die Leute“ durchmachen mussten. Den zeitlichen Rahmen markieren Annie Ernaux‘ Geburtsjahr 1940 und der Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf den ersten Seiten mit Werbe-Slogans, Lied-Zitaten und Schlüsselbegriffen der Nachkriegszeit glaubt man noch, diese sogenannte „unpersönliche Autobiografie“ sei ausschließlich ein Buch für Franzosen und eingefleischte Frankophile. Dann aber häufen sich für deutsche Leser die Vergleichsebenen: von der Invasion der amerikanischen Popkultur über die Aufbruchsstimmung der 68er bis hin zur großen materiellen Wohlstandsflut:

„Die Gesellschaft bekam einen neuen Namen, sie hieß jetzt ‚Konsum-Gesellschaft‘. […] Die Zeichen der Zeit standen auf Geldausgeben, und so schaffte man sich unermüdlich Gebrauchsgegenstände und Luxusgüter an. Man kaufte eine Kühl- und Gefrierschrank-Kombination, einen Renault 5, […] man erwarb einen Farbfernseher. Bunt war die Welt viel schöner [...]. Die Werbung zeigte, wie man zu leben, sich zu verhalten, und seine Wohnung einzurichten hatte, sie war die Kulturanimateurin der Nation.“

Annie Ernaux sucht nicht die Objektivität einer Kulturgeschichte. Vielmehr schreibt sie – zuweilen mit leise ironischem Unterton – immer aus der Sicht ihrer Prägungen. Der Kampf der Frauen für die Legalisierung der Abtreibung gehört genauso dazu wie der Milieuwechsel aus der Unter- in die Mittelschicht. Als gute Schülerin durfte sie studieren und wurde Gymnasiallehrerin für Französisch. Doch das Glück, das die zweifache Mutter sich erhoffte, sah für Annie Ernaux anders aus.

„Wenn sie Zeit mit ihrer Familie verbringt, fühlt sie nur und denkt nicht. Richtige Gedanken kommen ihr nur, wenn sie allein ist, […] Gedanken über sich selbst, über das, was sie hat und was sie ist, über ihr Leben. Diese Gedanken sind eine Vertiefung all der flüchtigen Gefühle, über die sie mit niemanden reden kann, all der Dinge, über die sie schreiben würde, wenn sie die Zeit dazu hätte – aber sie hat ja nicht mal mehr die Zeit zum Lesen. In ihrem Tagebuch, das sie nur noch selten aufschlägt, ganz so, als würde es eine Bedrohung für den Zusammenhalt der Familie darstellen, als hätte sie kein Recht auf ein Innenleben, notiert sie: ‚Mir fällt gar nichts mehr ein. Ich versuche nicht mehr, mir mein Leben zu erklären‘ und: ‚Ich bin zu einer arrivierten Kleinbürgerin geworden.‘“

Durch die Erzählperspektive in der dritten Person schafft Annie Ernaux Distanz zu sich selbst. Sie macht sich gleichsam zu einer historischen Figur, zu einer Repräsentantin ihrer Generation. Oft ist sie sich auf alten Fotos selbst fremd und betont die Vagheit ihrer Erinnerungen. Darin liegt die große Stärke ihrer „unpersönlichen Autobiografie“. Nie behauptet Annie Ernaux, es ganz genau zu wissen. Sie bleibt immer eine Suchende im großen Kontext des gesellschaftlichen Wandels. Besonders bewegend sind die nachdenklichen, melancholischen Passagen, so zum Beispiel über das Vergehen der Zeit.

„Auch wir werden eines Tages in den Erinnerungen unserer Kinder im Kreise der Enkel stehen, im Kreise von Menschen, die noch gar nicht geboren sind. Wie das sexuelle Verlangen ist auch die Erinnerung endlos. Sie stellt Lebende und Tote nebeneinander, reale und imaginäre Personen, eigene Träume und die Geschichte. Auch werden sich auf einen Schlag alle Wörter auflösen, mit denen man Dinge, Gesichter, Handlungen und Gefühle benannte, mit denen man Ordnung in die Welt gebracht hat, die das Herz höher schlagen und die Scheide feucht werden ließen: die Slogans, Graffiti an Häuser- und Klowänden, Gedichte und schmutzige Witze.“

Annie Ernaux findet für ihr Erinnerungsbuch „Die Jahre“ nicht nur eine gelungene Form, sondern auch einen eigenen, unverwechselbaren Ton, den ihre Übersetzerin Sonja Finck bestens getroffen hat. Ihre Beobachtungen zeigen eine nie selbstgewisse, immer fragende Frau im Strudel der sexuellen und politischen Ängste und Hoffnungen. Ihre „unpersönliche Autobiografie“ ist kein gemütliches Nostalgie-Buch, sondern eine vielstimmige, stets provozierende Aufforderung zur Selbstbesinnung in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt. Dazu gehört auch der Blick auf die mittelständische Vorstadt 40 Kilometer vor Paris, wo sie seit Jahrzehnten lebt; oder die Beschreibung der Desillusionierung, die sie als überzeugte Sozialistin seit Beginn der Mitterrand-Präsidentschaft durchleiden musste. Das anrührendste, da aussagestärkste Strukturelement ihres Buchs ist aber das klassische französische Festessen im Kreis der Familie. Annie Ernaux beschreibt hier, wie sich im Wandel der Jahrzehnte seit dem Zweiten Weltkrieg die Gepflogenheiten bei Tisch verändern. Auch das nachdenkliche Finale sollte man sich nicht entgehen lassen. Denn immer, wenn Annie Ernaux der Glaube an die Zukunft abhandenkam, hat sie das Schreiben gerettet: über alle Trennungen, den Brustkrebs und Präsident Sarkozy hinweg.


Aus: "Provozierende Aufforderung zur Selbstbesinnung" Christoph Vormweg (15.01.2018)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/annie-ernaux-die-jahre-provozierende-aufforderung-zur.700.de.html?dram:article_id=408269

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[...] Annie Ernaux ist in Frankreich eine literarische Legende, hierzulande werden ihre Romane über ihre Herkunft aus dem Arbeitermilieu gerade erst entdeckt. ... Ihre autobiografischen Romane über ihre Herkunft aus dem französischen Kleinbürgertum waren eine Provokation. Das ist insofern verständlich, als die französische Literatur seit Jahrhunderten nahezu exklusiv vom Pariser Großbürgertum und von den Grandes Écoles der Hauptstadt beliefert wird. ... Annie Ernaux sagt, sie habe zu schreiben begonnen, weil die Familie sich nichts zu sagen gehabt habe. ... An seinen Ursprung zurückzukehren war ihr lebenswichtig: "Solange das Buch nicht geschrieben war, blieb etwas nicht verstanden." So ist es, seitdem Bücher geschrieben werden. Man kehrt an die Unfallorte zurück. Man versteht die Idiotie der Gegenwart immer erst nachträglich.

...



Aus: "Annie Ernaux: "Ich fühle mich schuldig"" Iris Radisch (10. Oktober 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/2018/42/annie-ernaux-erinnerung-eines-maedchens-roman-frankreich-arbeitermilieu/komplettansicht

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[...] Sie selbst ist die Zeugin, aber sie sagt niemals «ich», sondern «man» oder «wir». Das Subjekt dieser Autobiografie sind also die durchlebten Jahrzehnte. Sie demokratisiert gewissermassen ihre private Geschichte, wir begegnen ihr als der Geschichte aller Zeitgenossinnen und Zeitgenossen. Nicht als individuelle Frau entwirft sie sich, obwohl sie aus bescheidenen Verhältnissen im normannischen Yvetot stammt und zur Akademikerin in Annecy, dann in der Nähe von Paris wurde.

Lediglich ein wiederkehrendes, strukturierendes Motiv ist persönlich gefärbt: In Abständen beschreibt Ernaux Fotos ihrer selbst vom Säugling bis zur pensionierten Literaturdozentin, zur Grossmutter mit ihren Enkeln. Auch sie aber zeugen primär von den Zeitabschnitten, den «Jahren». Eine parallele Gliederung ergibt sich aus den Schilderungen von Familienzusammenkünften – einst im Nachkrieg mit den Eltern, später in den sechziger, siebziger Jahren mit Ehemann und Nachwuchs, in den Achtzigern dann geschieden und mit wechselnden Partnern – das geht bis Weihnachten 2006. Identitäten sind brüchig geworden, die Individuen austauschbar. Es ging um die Rekonstruktion einer «gesellschaftlichen Zeit», die in ihr selbst und den Zeitgenossen sichtbar wurde.

Mit Erinnerungen allein war damit wenig auszurichten, es brauchte empirisches Material. Die Autorin sammelte Dokumente aller Art: Schulnotizen, Listen von Film- und Buchtiteln, von Fernsehserien und Chansons. Sie trieb Zeitungsartikel zu den prägenden Politikern auf: von de Gaulle und Pompidou über Giscard d’Estaing, Mitterrand und Chirac bis Sarkozy, dazu Verzeichnisse der jeweiligen Schlagwörter und Parolen. Die grossen Brennpunkte waren Algerien, der Vietnamkrieg, 1968 und – dies vor allem – die sexuelle Befreiung der Frau. Dazu kam das Material zu den wechselnden Moden, zum Essverhalten, zum anschwellenden Konsum, zur Mobilität und den gigantischen Einkaufszentren in den Vorstädten. Und sie sah, wie die Bilder alles überfluteten, Bilder, welche «die Wirklichkeit schröpfen».

In einer Autobiografie ohne ein Ich reden die Dinge deutlicher von der Epoche als die Personen. Dinge können auftauchen, allgegenwärtig sein und wieder verschwinden – in Frankreich beispielsweise das Minitel, der avantgardistische kleine Computer aus den frühen achtziger Jahren, ein Online-System vor dem Internet. Dinge seien ihre Proustsche Madeleine, notiert Annie Ernaux. Sie beschwört Georges Perec und dessen Buch «Les choses» von 1965. Vor allem aber hat ihr der Soziologe Pierre Bourdieu die Augen geöffnet. Bei ihm lernte sie, dass die Subjektivität sozial gesteuert sei. Bourdieus Schriften seien für sie «Synonyme der Befreiung» gewesen, schrieb sie bei dessen Tod 2002 in «Le Monde». Er habe sie aus dem Gefängnis einer weiblichen Existenz ausbrechen und teilhaben lassen an den Umwälzungen ihrer Epoche.

«Les années» wurden 2008 auf Anhieb ein Bestseller in Frankreich. In der autobiografisch tingierten Geschichtsschreibung erkannte man das eigene Leben wieder, und die Aufwertung des Gewöhnlichen und der alltäglichen Dinge bezauberte die Leser.

Knapp zehn Jahre später nun «Die Jahre» auf Deutsch. Die Resonanz kann nicht mehr ganz dieselbe sein. Finanzkrise, das Scheitern des Arabischen Frühlings, IS-Terror, die Kriege im Nahen Osten, die Flüchtlinge – dies alles hat ein neues Lebensgefühl geschaffen. Die betonte «Impassibilité», der leicht herablassende Umgang mit dem Auf und Ab in Gesellschaft und Politik, wirkt nicht mehr ganz zeitgemäss. Dazu kommt, dass die Übersetzung von Sonja Finck oft zu weit vom spezifisch Französischen abrückt. Die Umgangssprache wirkt zu berlinisch; Ausdrücke wie pennen, Klamotten, Kumpel, Bescheuertes verfälschen die Atmosphäre. Trotzdem: Annie Ernaux' konsequentes Unternehmen, das autobiografische Ich zu dezentrieren und den Nebensachen ein existenzielles Gewicht zu geben, verändert den eigenen Blick und wirkt lange nach.

Annie Ernaux: Die Jahre. Übersetzung aus dem Französischen von Sonja Finck. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2017. 256 S.


Aus: "Annie Ernaux erzählt eine Autobiografie ohne Ich" Beatrice von Matt (14.2.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/eine-autobiografie-ohne-ich-ld.1355351

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« Reply #814 on: Oktober 16, 2018, 12:06:45 nachm. »
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[...] Herr Appenzeller, Sie sind mit Ihrem Planungsbüro in Städten weltweit aktiv. Sind wir Berliner besonders von der Wohnungsnot betroffen?

Markus Appenzeller: Nein, das ist ein globales Problem. Überall, wo ich hinkomme, ob in China, in Afrika oder in Europa, gibt es kaum noch bezahlbaren Wohnraum in Städten. Durch den großen Drang in die Innenstädte werden vor allem die unteren Einkommensschichten verdrängt. Diese Dynamik wird durch einen zweiten Trend zusätzlich angeheizt.

Und der wäre?

Stadtentwicklung ist mittlerweile ein globalisiertes Geschäftsfeld, in das immer mehr Geld fließt. Man trifft immer wieder auf die gleichen Player, die an verschiedensten Stellen der Welt investieren. Ich war diese Woche in Nairobi, da ist ein Projektentwickler aus London mit Investoren aktiv, die wir aus Russland und den USA kennen.

War das nicht schon immer so?

Nein. Früher waren Projektentwickler beschränkt auf ein Land oder eine Region. Heute suchen sie sich gemeinsam mit Investoren zunehmend weltweit interessante Objekte, mit denen man gute Rendite erzielen kann. Seit fünf, sechs Jahren ist auch Deutschland im Fokus.

Wenn so viel gebaut wird, müsste dadurch der Wohnraum nicht billiger werden?

Ein Großteil der Preissteigerungen hat nichts mit der realen Nachfrage nach Wohnraum zu tun. Die gibt es, doch der explodierende virtuelle Immobilienmarkt kommt nun als Preistreiber hinzu. Er hat nicht mehr den Stadtbewohner als Mieter und Endverbraucher im Fokus. Sondern Investoren, die ihr Geld anlegen wollen. Die Folgen sind absurd: Man baut komplett am realen Bedarf vorbei und schafft Wohnraum, der im Zweifel gar nicht als Wohnraum gedacht ist, sondern nur als Geldanlageobjekt. Zum Beispiel werden bevorzugt kleine Wohnungen gebaut, um den Einstiegspreis gering zu halten. Je kleiner die Wohnung, desto interessanter ist sie als reines Investment.

Bedroht dieses globale Geschäft die lokalen Stadtgesellschaften?

Ja. Internationalen Investoren ist es im Gegensatz zum klassischen Hauseigentümer relativ gleichgültig, welche lokalen Folgen ihr Handeln hat. Sie haben nur zwei Entscheidungskriterien: die Rendite und die Sicherheit für ihr Kapital, die ihnen der Ort bieten kann. Die Stadt wird vom Wohn- und Lebensraum zu einem Finanzmodell für umherschwirrendes Geld, das Anlagemöglichkeiten sucht. Ich bin grundsätzlich Optimist, aber ich mache mir da schon Sorgen.

Welche Folgen befürchten Sie?

Der Neid und der Kampf ums Überleben in der Stadt wird größer werden. Auch die Nationalismustendenzen und latente Ausländerfeindlichkeit in manchen Vierteln sind ein Zeichen für diesen wachsenden sozialen Unfrieden. Die Politik hat inzwischen erkannt, dass das ein Problem ist, der Wohnungsgipfel zeigt das. Aber wenn man nicht schnell deutliche Schritte unternimmt, besteht aus meiner Sicht ein reales Risiko, dass sich das zu einem explosiven Gemisch aus ökonomischem Druck, Zukunftsangst und Xenophobie entwickelt.

 Wenn so viele Städte von diesen Gefahren bedroht sind, warum gibt es zwar internationale Immobilienmessen, aber keinen internationalen Städtegipfel?

Es fehlt tatsächlich ein Format, in dem man Lösungen für das weltweite Problem entwickelt. Leider sehe ich nicht, dass eine globale Städteallianz entsteht. Jede Stadt wurschtelt für sich, auch weil sie natürlich untereinander im Wettbewerb stehen und um Investitionen buhlen.

Bekommen Sie selbst unmoralische Bauangebote?

Jede Menge. Ein Projektentwickler wollte auf Madeira für britische Anleger bauen. Die brauchen dann keine Steuern auf Gewinne mit den Wohnungen zu zahlen. Das lehnen wir ab, obwohl es finanziell interessant wäre. Wir wollen Architektur und Strukturen für echte Menschen in echten Städten schaffen. Unser Büro ist deshalb eher im kostengünstigen Massenwohnungsbau aktiv. In manchen Städten ist das mittlerweile eher ein Nischenmarkt geworden.

Wo zum Beispiel?

In London etwa wird schon lange nicht mehr für Londoner gebaut, sondern fast nur noch für ausländische Anleger. Chinesische Firmen lassen für vermögende Chinesen bauen, die ihr Geld entweder direkt in Wohnungen oder in Anteile an einem Immobilienfonds investieren. Der Verkauf läuft meist in China ab, die Wohnung ist also auf dem lokalen Markt gar nicht verfügbar. Inzwischen sieht man dieses Vertriebsmodell in immer mehr Städten, auch in Berlin.

 Aber diese Objekte werden doch trotzdem nachher als Wohnraum vermietet.

Nicht unbedingt. Je nach Modell wird eine Wohnung durch die Vermietung für Anleger sogar weniger wert. Einerseits, weil sie dann schwieriger zu verkaufen ist. Außerdem besteht das Risiko, dass sie durch die real erwirtschaftete Miete abgewertet wird. Man schätzt, dass in China ein Drittel der Wohnungen leer steht. In Schanghai oder Peking gibt es bei Wohnungen Wertsteigerungen von mehr als 50 Prozent im Jahr – da gibt es keinerlei ökonomische Notwendigkeit, sie zu vermieten.

Was tut man dann damit?

Man lässt sie drei Jahre leer stehen und verkauft sie wieder. Diese Auswüchse des Renditekapitalismus sieht man weltweit. Es besteht das Risiko, dass sich die Innenstädte dadurch komplett entleeren und nur noch Arbeitsplätze, Tourismus und Dienstleistungen übrig bleiben.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe fordert deshalb, spekulative Renditejäger im Zweifel zu enteignen.

Man braucht in jedem Fall Regeln, die solche Praktiken unattraktiv machen. Im Grundgesetz ist die Sozialbindung des Eigentums formuliert. Wenn ich Wohnraum leer stehen lasse, ist das nicht sozial. Das muss unter Androhung hoher Strafen verhindert werden, im schlimmsten Fall bis zur Enteignung. Hier sind auch die Regierungen gefragt, da einzelne Städte in ihren gesetzgeberischen Möglichkeiten überfordert sind.

 Wie im Fall der umstrittenen Modernisierungsumlage.

Die muss abgeschafft werden. Sie ist schon in ihrer Grundidee absurd. Dabei werden notwendige Werterhaltungsmaßnahmen als Modernisierung umgedeutet und auf die Mieter umgelegt. Eigentlich müsste es genau umgekehrt sein: Mieten müssten automatisch sinken, wenn diese Maßnahmen ausbleiben.

Sollte man auch per Gesetz verhindern, dass Krankenkassen oder Rentenfonds in den virtuellen Markt investieren und bei der Preistreiberei mitmachen?

Zumindest Institutionen, die Geld aus staatlichen Töpfen bekommen, sollten solche Anlagestrategien nicht gestattet werden. Es ist eine schizophrene Situation, wenn die öffentliche Hand als Player und Antreiber solcher Praktiken und gleichzeitig als Regulierer auftritt.

Solche Gesetzesänderungen dauern lange. Was kann die Lokalpolitik ad hoc tun, um die Stadt nicht zum Spielball von Investoreninteressen werden zu lassen?

Selber aktiv werden. Zum Beispiel durch eigenen sozialen Wohnungsbau. Viele Städte verkaufen Grund und Boden noch immer zum Höchstgebot – das ist ein weiterer Schlüsselfaktor für die Preissteigerung. Die Lokalpolitik muss sich auch inhaltlich besser wappnen gegen Investoren, die von der Stadt profitieren wollen.

Wie denn?

In den letzten Jahren ist die Weltwirtschaft deutlich komplexer geworden. Gerade in der Lokalpolitik ist die Gefahr groß, dass Entscheidungen aus gutem Glauben und teilweise auch Naivität gefällt werden. Man sollte sich deshalb Experten aus der Branche in die Stadtplanungsämter holen, damit man hier auf Augenhöhe kämpfen kann.

 Gilt das auch für Berlin?

Ganz besonders. Berlin steht vor einer riesigen Herausforderung. Die internationalen Kapitalströme fließen extrem schnell und treffen auf Stadtentwicklungsprozesse, die sehr langsam ablaufen. In Berlin ist dadurch eine Dynamik entstanden, die viel größer als in etablierten Immobilienkapitalmärkten wie Hamburg oder Frankfurt ist. Berliner bekommen die Effekte durch den Mietwohnungsanteil von 85 Prozent viel stärker in kurzer Zeit zu spüren als Bewohner anderer Städte mit höherem Eigentumsanteil. Berlin muss schnell gezielte Gegenstrategien entwickeln.

Welche könnten das sein?

Die Stadt könnte dafür sorgen, dass bestimmte Projekte nicht mehr genehmigungsfähig sind. Das erfordert ein Umdenken bei Baugenehmigungen.

Ausgerechnet Sie als Architekt verteidigen trotz des Baudrucks den investitionskritischen Ansatz der Berliner Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher?

Man darf nicht einfach alles durchwinken. Baugenehmigungen sind bisher vor allem eine technische Angelegenheit. Aber man sollte auch ökonomische und soziale Aspekte betrachten. Ich plädiere dafür, die Baugenehmigung auch vom Finanzierungsmodell und dem angesprochenen Marktsegment abhängig zu machen.

Was soll das bringen?

So hätte man mehr Einfluss darauf, was tatsächlich realisiert wird. Hier kommt die Sozialbindung des Eigentums zum Tragen: Wohnungsbau muss einen positiven Beitrag für das Zusammenleben in der Stadt leisten. Was der Stadtbevölkerung hilft, sollte genehmigt werden – alles andere nicht.

Finanzexperten kündigen das Ende des Booms an. Sinken die Immobilienpreise, wenn die Kreditzinsen wieder steigen?

Nicht automatisch. Der Teilmarkt mit billigem geliehenen Geld könnte in den nächsten zehn Jahren zwar kleiner werden. Dann dürfte es eine Preiskorrektur geben, die die Mietsteigerungseffekte etwas abmildert. Andererseits bleibt der reale Drang in die Städte erhalten. Und es wird weiter Anleger geben, die sichere Investitionsmöglichkeiten suchen. Für die spielt das Zinsniveau eine untergeordnete Rolle. Wenn man das ändern will, dann braucht es politischen Willen.

Müssen wir uns in Berlin künftig also trotzdem mit weniger Platz begnügen?

Ich denke schon. Es ist global gesehen nicht die Norm, dass eine vierköpfige Familie auf 120 Quadratmetern lebt. Mit steigenden Preisen bei stagnierenden Einkommen verkleinert sich der Wohnraum.

Markus Appenzeller leitet das Planungsbüro MLA+ mit Büros in Berlin, London, Moskau, China und Brasilien. Außerdem lehrt er Stadtplanung an der Amsterdamer Academie für Architektur.


Aus: "Wohnungspolitik "Berlin muss sich wappnen gegen Investoren"" Christian Hönicke (16.10.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/wohnungspolitik-berlin-muss-sich-wappnen-gegen-investoren/23189758.html

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« Reply #815 on: Oktober 17, 2018, 08:59:31 vorm. »
Quote
[...] Im Groß-Insolvenzverfahren um die Münchener Kapitalanlagegruppe P&R geht der Firmengründer Heinz Roth offenbar zunehmend auf Konfrontationskurs zu den Insolvenzverwaltern. Roth habe sich anfangs kooperativ gezeigt, schreiben die Insolvenzverwalter Michael Jaffé und Philip Heinke, beide von der Münchener Kanzlei Jaffé, in ihren Gutachten zur Eröffnung der Insolvenzverfahren über vier P&R-Gesellschaften. Dies habe sich aber im Laufe der seit März dieses Jahres andauernden vorläufigen Insolvenzverwaltung geändert.

So habe Roth zunächst Vollmachten für die Leitung der im P&R-Geflecht wichtigen Schweizer Tochtergesellschaft der Gruppe erteilt. Diese Vollmachten, die laut Gutachten ursprünglich offenbar als "unwiderruflich" eingestuft wurden, habe Roth später jedoch über einen in der Zwischenzeit engagierten Anwalt widerrufen.

Ebenso versucht Roth den vier umfangreichen Gutachten zufolge, die manager-magazin.de vorliegen, offenbar, Vermögenswerte dem Zugriff der Insolvenzverwalter zu entziehen. Der P&R-Gründer habe sein Eigentum an seinem Wohnhaus im noblen Münchener Stadtteil Grünwald bereits auf seine Ehefrau übertragen, heißt es in den weitgehend wortgleichen Schriftsätzen. Auch eine weitere Immobilie wollte Roth demnach bereits veräußern.

Roth ist eine der zentralen Figuren im bislang wohl größten Anlageskandal Deutschlands. Die von ihm mitgegründete Firmengruppe P&R, die seit den 1970er Jahren Containerinvestments anbot, musste im März dieses Jahres weitgehend Insolvenz anmelden. Etwa 54.000 private Anleger - zum weitaus größten Teil Senioren, die ihre Altersvorsorge auf den Aktivitäten von P&R aufgebaut haben - sind von der Pleite betroffen. Sie laufen nun Gefahr, von den zusammen 3,5 Milliarden Euro, die sie bei P&R bis zum Schluss investiert hatten, kaum etwas wiederzusehen.

Lesen Sie auch: Die fragwürdige Rolle der Finanzaufsicht im Fall P&R

Wie es zur Pleite kommen konnte, steht ebenfalls detailliert in den Gutachten von Jaffé und Heinke. Wie die Insolvenzverwalter bereits vor einiger Zeit publik gemacht hatten, entstand im Geschäftskonstrukt von P&R spätestens im Jahr 2007 eine Finanzierungslücke, die danach im Laufe der Jahre immer größer wurde. Immer größere Teile der eingeworbenen Investorengelder wurden daraufhin nicht wie vorgesehen zum Kauf von Containern verwendet, sondern um die Ansprüche anderer Investoren zu befriedigen.

Eine Folge dieser unrechtmäßigen Verwendung der Gelder war, dass zwischen dem angeblichen und dem tatsächlichen Containerbestand bei P&R eine immer größere Lücke klaffte. Zuletzt, so haben es die Insolvenzverwalter herausgefunden, hätte die Gruppe über 1,6 Millionen Boxen verfügen müssen. Tatsächlich im Bestand befinden sich bei P&R jedoch lediglich 618.000 Container. Für rund eine Million Stahlbehälter hat die Unternehmensgruppe bei ihren Investoren Gelder eingesammelt, ohne die Container auch tatsächlich zu erwerben. Es handelt sich also um rund eine Million Phantom-Container.

Entsprechend groß ist nun auch der finanzielle Abgrund, vor dem die zahlreichen P&R-Kunden stehen. Alles in allem messen die Insolvenzverwalter dem aktuellen Containerbestand einen Wert von etwa 800 Millionen Euro zu. Die Verbindlichkeiten der Unternehmensgruppe belaufen sich den vier Gutachten zufolge jedoch auf zusammen mehr als 4,3 Milliarden Euro. Das heißt: Mit den derzeit bestehen Containern könnten bei einer Verwertung wohl nur etwa ein Fünftel der Ansprüche von Seiten der Gläubiger bedient werden, wie auch der Fachjournalist Stefan Loipfinger errechnet hat.

In ihren Gutachten zur Eröffnung der Insolvenzverfahren machen die Insolvenzverwalter zudem deutlich, wie dramatisch die Lage bei P&R offenbar bereits vor rund zehn Jahren war. Spätestens seit Ende der 2000er Jahre habe für P&R keine positive Fortführungsprognose mehr bestanden, so Jaffé und Heinke. Denn bereits zu dem Zeitpunkt sei klar gewesen, dass die Mieterlöse aus dem geringeren Containerbestand sowie etwaige Verkäufe von Containern die Ansprüche von Seiten der Investoren "nicht ansatzweise" würden decken können.

Im Klartext heißt das: Nach Ansicht der Insolvenzverwalter waren die fraglichen P&R-Töchter bereits Ende der 2000er Jahre faktisch pleite - und alles, was seither in der Gruppe geschah, um den Geschäftsbetrieb aufrecht zu erhalten, könnte den Tatbestand der Insolvenzverschleppung erfüllen.

Das ist eine Behauptung, die auch P&R-Gründer Heinz Roth zu denken geben dürfte. Neben einigen anderen Verantwortlichen hat auch er im Laufe der Jahre Geschäftsführungsaufgaben in der P&R-Gruppe ausgeübt. Ist dies also womöglich ein Grund für die Kehrwende Roths gegenüber den Insolvenzverwaltern, von der Kooperation zur Konfrontation?

Jaffé und Heinke mutmaßen in ihren Gutachten, Roths Verhalten könne auch mit den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen zusammenhängen, die gegen ihn laufen. Zudem könne eine Rolle spielen, dass Anleger und Insolvenzverwalter demnächst womöglich mit Ansprüchen auf ihn zukommen werden, "die sein vorhandenes Vermögen weit überschreiten werden", wie es in den Gutachten heißt.

Was das konkret bedeuten kann, lässt sich den Gutachten ebenfalls entnehmen. Demnach wurden in der Zeit, in der Roth als Geschäftsführer verantwortlich zeichnete, Auszahlungen an die Anleger in Höhe von rund 700 Millionen Euro getätigt. "Für diese Zahlungen muss Herr Roth den jeweiligen Gesellschaften gegenüber einstehen", so die Gutachten. Schließlich erfolgten die Zahlungen laut Insolvenzverwalter in einer Zeit, in der bereits die Überschuldung eingetreten war und längst Insolvenz hätte angemeldet werden müssen. Die Forderungen, die die Insolvenzverwalter gegen Roth konkret errechnen, summieren sich in der Summe den vier Gutachten zufolge auf rund fünf Millionen Euro.

Roth auf der anderen Seite gibt den Insolvenzverwaltern zufolge an, über ein Vermögen "zwischen zehn und 13 Millionen Euro" zu verfügen. Die Insolvenzverwalter bemerken allerdings, diese Angabe habe noch nicht verifiziert werden können, und Zweifel sind möglicherweise angebracht. Immerhin weigert sich Roth offenbar, ein Vermögensverzeichnis aufzustellen.

Stefan Loipfinger jedenfalls, der Fachjournalist, der den Fall P&R kennt wie kaum ein anderer, meint, Heinz Roth habe "sein Vermögen in einer Höhe angegeben, die geradezu lächerlich wirkt".

Auch der Berliner Anlegeranwalt Wolfgang Schirp geht davon aus, dass bei dem P&R-Gründer noch mehr zu holen sein dürfte. Roth habe sich womöglich in deutlich höherer Weise bereichert als bislang bekannt, so Schirp zu manager-magazin.de. Das müsse nun aufgeklärt werden.

Und was sagt P&R-Gründer Heinz Roth selbst zu alldem? manager-magazin-de rief den Ex-Unternehmer in seinem Haus in München-Grünwald an, um seine Einschätzung zu hören, zur Pleite seiner Firmengruppe, zu den Ermittlungen der Staatsanwälte, zu kursierenden Vorwürfen sowie zu möglichen Ansprüchen von Anlegern und Insolvenzverwaltern. Doch Roth wollte zu alldem nichts sagen. Er beendete das Gespräch abrupt und legte auf.


Aus: "P&R-Firmengründer wappnet sich schon fürs letzte Gefecht" (05.09.2018)
Quelle: http://www.manager-magazin.de/finanzen/artikel/p-r-gruender-heinz-roth-wappnet-sich-schon-fuers-gefecht-a-1226456.html

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« Reply #816 on: Oktober 17, 2018, 12:15:29 nachm. »
Quote
[...] Saudi-Arabien ist ein autoritär geführtes Königreich, in dem es schon ein epochaler Fortschritt ist, wenn sich Frauen hinters Steuer setzen dürfen. Das ist dann aber auch genug der Freiheit – Kritik am Führungsstil und am Umgang mit Minderheiten duldet die Führung in Riad nicht.

Der vermutliche Mord an dem unbequemen Journalisten Jamal Khashoggi, für den wohl niemals jemand gerichtsfest verantwortlich gemacht werden kann, sollte das auch dem letzten deutschen Wirtschaftsvertreter vor Augen führen. Es ist ein Armutszeugnis, dass bislang kein namhafter Konzernvertreter ein Zeichen setzt und zumindest die Teilnahme an dem anstehenden Wirtschaftsgipfel in Riad absagt. Gerade der Siemens-Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser, der sich gerne als AfD-Gegner zur moralischen Instanz aufspielt, sollte sich anders verhalten, wenn er seine Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel setzen will.

Mutig ist es nicht, eine von Medien beklatschte, populäre Position zu beziehen. Mutig ist es, auch dann Haltung zu zeigen, wenn das kurzfristig Geld kosten kann. Doch davon ist die deutsche Wirtschaft leider weit entfernt – egal, ob es um Geschäfte mit den Saudis, der Türkei oder Iran geht. ...


Aus: "Armutszeugnis von Konzernchefs" Johannes Pennekamp (15.10.2018)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/saudi-arabien-kommentar-armutszeugnis-von-konzernchefs-15839382.html

Quote
Money rules ...

    Karl Fuchs (fuka60), 15.10.2018 - 20:15

Ab einem gewissen Geschäftsvolumen ist das Verhalten des Geschäftspartners hinsichtlich ethischer Maßstäbe sehr zweitrangig - eigentlich müssten dies die Kommentatoren einer konservativen und wirtschaftsnahen Zeitung wissen. ...


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« Reply #817 on: Oktober 18, 2018, 11:07:39 vorm. »
Quote
DIE ZEIT Nr. 43/2018, 18. Oktober 2018: “ … Ganz Europa wurde von Steuerräubern geplündert. Auch weil Deutschland die Partnerländer erst viel zu spät warnte, entstand ein Schaden von mindestens 55 Milliarden Euro. … „Es handelt sich um den größten Steuerraub in der Geschichte Europas“, sagt der Steuerprofessor Christoph Spengel von der Universität Mannheim. …“
Quelle: https://www.zeit.de/2018/43/cum-ex-steuerbetrug-aktiengeschaeft-europa-finanzpolitik

Quote
Brmxn #35: “ … 31.000.000.000 Euro Schaden in Deutschland entsprechen ca. 385€ pro Einwohner. Ihre Frau, Ihre Kinder, Ihre Oma eingeschlossenen. [Nur] um diese enormen Zahlen mal etwas auf begreifliche Dimensionen herunterzubrechen. …“

Quote
NernstBoy #90: “ … In einem Arbeitsleben verdient ein Deutscher Akademiker im Durchschnitt 2.3 Millionen Euro. Eine Milliarde entspräche somit dem Lebensverdienst (!) von knapp 435 Menschen. 55.2 Milliarden Euro entsprächen somit dem Lebensverdienst (!) von knapp 24 000 Menschen. Nicht ihren Steuern, nein, sondern dem Verdienst ihrer gesamten Erwerbstätigkeit! Diese wenigen Personen haben also einen Betrag gestohlen, der dem gesamten Verdienst von 24 000 der bestverdienensten Einkommensgruppe in Deutschland entspricht. … Vielleicht hilft das manchen Menschen, die Dimension dieser 55 Milliarden Euro zu verstehen. …“

Quote
kemal_acaröz #31 “ … Ein Katz und Maus-Spiel. Der Staat will Steuern – und schafft ein komplexes Steuersystem. Und es entwickelt sich eine Branche, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Grauzonen des Steuerrechts systemmatisch zu monetarisieren, mit allen Mitteln. Kapitalistische Logik. Wer da mit „Moral“ kommt, hat das System nicht verstanden. … 55 Mrd. … Aus meiner Sicht sind solche Fälle wie Cum-Ex in einen komplexen Steuer-/Finanzsystem fast zwangsläufig. Man könnte sagen, systemimanent. …“

Quote
Zenanon #85: “ … Ich verstehe ehrlich gesagt die ganze Aufregung um diesen Skandal nicht. Das Geld, welches diese Gruppen damit verdienen geben diese doch wieder aus, es wird doch wieder in den Wirtschaftskreislauf geführt. Daran verdienen Handwerker, Friseure, usw. So zumindest wurde es uns erzählt, in einem anderem Fall. Also warum der große Trara? …“

Quote
Schmalhans Küchenmeister: #85.3: “ … Dafür müssen Sie aber oft zum Friseur. …“

Quote
hobuk #85.1: “ … Nennt sich Trickle-Down Effekt. Klappt prima, weltweit. (Ironie) …“

---

Quote
[...] Die Bundesagentur für Arbeit hat für das Jahr 2017 einen Schaden von mindestens 50 Millionen Euro festgestellt, den kriminelle Banden durch Hartz-IV-Betrug verursacht haben. Das berichtete die Rheinische Post, der eine Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion vorliegt.

Die Arbeitsagentur hat demnach "auf der Grundlage der stichprobenartigen Erhebungen" eine Schätzung ermittelt, die von einem Vermögensschaden von rund 50 Millionen Euro durch bandenmäßigen Leistungsmissbrauch ausgeht. Zu diesem Ergebnis sei die Agentur durch eine Umfrage unter den Job-Centern gekommen. Der Betrug durch organisierte Banden sei im vergangenen Jahr erstmals erfasst worden. Rechne man die Fälle von individuellem Leistungsmissbrauch – beispielsweise Verstöße gegen Mitteilungs- und Anzeigepflichten des Beziehers – hinzu, sei im vergangenen Jahr ein Gesamtschaden durch Hartz-IV-Betrug von mehr als 100 Millionen entstanden.

Von bandenmäßiger Kriminalität ist auszugehen, wenn Gruppen den Staat systematisch täuschen – etwa indem sie falsche Angaben über Familienangehörige, Wohnungen oder geringfügige Beschäftigungen machen, um Hartz-IV-Leistungen zu beziehen. Die Zahl der Fälle von Leistungsmissbrauch beziehungsweise mit Verdacht auf Leistungsmissbrauch bezifferte die Bundesagentur mit 4.400. Davon sei der Großteil in großstädtischen Ballungsräumen festgestellt worden.

Das Vorgehen der organisierten Banden wird folgendermaßen dargestellt: Kriminelle würden gezielt Menschen aus dem Ausland anwerben und mit falschen Versprechungen nach Deutschland locken. Die Banden täuschten als Arbeitgeber ein Beschäftigungsverhältnis vor, um so unrechtmäßig Hartz-IV-Zahlungen zu erwirken.

Nach Angaben der Arbeitsagentur verfügen viele Job-Center über zu wenig Personal, um Leistungsmissbräuche ausreichend aufzudecken. "Das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Rechtsstaates darf nicht durch Nachlässigkeit beim Kampf gegen den Leistungsmissbrauch gefährdet werden", sagte Pascal Kober, der sozialpolitische Sprecher der FDP-Fraktion. Die bisherigen Maßnahmen seien unzureichend. "Das Problem wurde bisher von der Bundesregierung viel zu wenig beachtet."


Aus: "Kriminelle Gruppen verursachen Millionenschaden durch Hartz-IV-Betrug" (1. November 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-11/sozialbetrug-hartz-4-banden-staat-millionenschaden

« Last Edit: November 01, 2018, 09:55:16 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #818 on: Oktober 18, 2018, 12:16:48 nachm. »
Quote
[...] Der Schattenbericht [https://www.nationale-armutskonferenz.de/wp-content/uploads/2018/10/Schattenbericht-2018_2019.pdf] nennt folgende Phänomene: Die Erwerbsarmut hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt- wie in keinem anderen Land Europas, wird dazu angemerkt. Zwischen 2004 und 2014 stieg der Anteil der "working poor" an allen Erwerbstätigen auf 9,6 Prozent, wie dann auch im Tagesschau-Bericht vermerkt wird.

Im Schattenbericht werden härtere Töne angeschlagen: "Kein Geld, miese Jobs, Schulden, Wohnungsnot, Dreck und schlechtes Essen betreffen ein Fünftel der Menschen. Seit Jahren wird das oberste Zehntel reicher und das unterste Fünftel ärmer." Zu lesen ist von 1,2 Millionen Erwerbstätigen, die so wenig verdienen, "dass sie auf zusätzliche Hartz-IV-Leistungen angewiesen sind. Der Anteil derjenigen, die Anspruch auf Hartz IV haben und diesen aus Scham nicht in Anspruch nehmen, ist noch höher".

    Politisch liegen die Gründe hierfür in der Kürzung von staatlichen Unterstützungsleistungen, dem Abbau sozialer Sicherheiten für Menschen ohne Erwerbsarbeit und einer verfehlten Arbeitsmarktpolitik. Als Reaktion auf die Globalisierung der Wirtschaft wurde vor 15 Jahren die Politik der Agenda 2010 beschlossen.

    Die Integration von Arbeitslosen in den Arbeitsmarkt sollte durch Auflagen und Sanktionen bei den Sozialleistungen verbessert werden. Das Ergebnis ist ein Niedriglohnbereich, in dem fast jede*r vierte Beschäftigte arbeitet (22,6 Prozent).

    Die zunehmende Armut spaltet nicht nur die Erwerbstätigen in Beschäftigte erster und zweiter Klasse, sondern setzt ganze Branchen unter Druck. Sie führt dazu, dass die Tarifbindung schwindet.
    Schattenbericht der Nationalen Armutskonferenz



Man konstatiert, dass der Motor des Niedriglohnbereichs die Minijobs seien, "mit derzeit 7,5 Millionen Beschäftigten, wobei 4,7 Millionen Minijober*innen ausschließlich geringfügig beschäftigt sind".

Entgegen der landläufig proklamierten Parole, sind die Minijobs keineswegs Einstieg in "gute Arbeit", sondern eine Sackgasse, die nicht weiterführt. Alles bleibt beim Status "ärmliche Verhältnisse" stehen. Das ist eine zentrale Behauptung des Schattenberichts: "Für die Beschäftigten sind es berufliche Sackgassen mit mangelnden Perspektiven, niedrigen Einkommen und schlechten Arbeitsbedingungen".

Das gilt auch für die sozialversicherungspflichtige Teilzeit, die für Beschäftigte problematisch ist ,"wenn nur die Flexibilisierungsinteressen der Arbeitsgeber im Vordergrund stehen". Ähnliches wird auch anderen "unzureichenden Teilzeitangeboten" vorgeworfen, eingeschlossen der Leiharbeit und den ("Für viele Leiharbeiter*innen ist diese Beschäftigungsform ein Dauerzustand oder sie wechseln zwischen Phasen von Leiharbeit, Arbeitslosigkeit und abhängiger Beschäftigung ohne eine Perspektive auf eine reguläre Beschäftigung") sowie den Solo-Selbstständigen.

Die Hälfte der 2,3 Millionen Solo-Selbstständigen in Deutschland würde nämlich "nur ein Einkommen im Niedriglohnbereich" beziehen und zumindest teilweise auf "Sicherungen bei Krankheit, im Alter oder bei Auftragslosigkeit" beziehen.

Es handelt sich um einen Teufelskreis aus schlechter Arbeit und unzureichender sozialer Absicherung, der sich in Zeiten sehr hoher Mieten und hoher Energiepreise rascher, als man denkt, hartnäckig in einem prekären Dauerzustand aufhängen kann.

    Abhilfe böte an erster Stelle gute und gut bezahlte Arbeit, sagte Eschen. Durch Niedriglöhne und unsichere Beschäftigungsverhältnisse habe sich stattdessen in den vergangenen zehn Jahren der Anteil der Beschäftigten, die trotz Arbeit zu den Armen gezählt werden müssen, auf fast zehn Prozent verdoppelt. Rund eine Million verdienen so wenig, dass sie zusätzlich auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen sind.

    Tagesschau



Aus: "Bittere Armut und unmenschliche Minijobs" Thomas Pany (17. Oktober 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Bittere-Armut-und-unmenschliche-Minijobs-4194330.html


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« Reply #819 on: Oktober 18, 2018, 01:07:13 nachm. »
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[...] Wichtigste Einnahmequelle für Studenten in Deutschland sind die eigenen Eltern. Nach der Sozialerhebung des Studentenwerks finanzieren Vater und Mutter bei 86 Prozent der Studenten das Studium mit und zahlen durchschnittlich 541 Euro. 61 Prozent arbeiten nebenbei und verdienen dabei im Schnitt 385 Euro im Monat, 25 Prozent bekommen staatliche Zahlungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (Bafög). Zu kleineren Teilen helfen andere Verwandte, eigene Ersparnisse oder Stipendien. ... Viele haben einen Nebenerwerb, aber nicht jeder braucht diesen aus purer Not. 61 Prozent arbeiten nebenher. Immerhin die Hälfte davon gibt an, dass sie sonst ihr Studium nicht finanzieren könnten. Überwiegend wollen sich die Studenten aber zusätzliche Ausgaben leisten oder auch dazulernen. Die Erwerbstätigkeit der Studenten liegt auf einem Rekordhoch, während der Bafög-Anteil ein Rekordtief erreicht. Im vergangenen Jahr haben 557 000 Studenten Bafög erhalten, dessen Höhe je nach dem Einkommen der Eltern maximal 735 Euro im Monat mit Zuschlägen zur Kranken- und Pflegeversicherung beträgt. Die eine Hälfte davon gibt es als Geschenk des Staates, die andere Hälfte muss der Student als zinsloses Darlehen zurückzahlen. Wer das nicht bekommt, kann einen verzinsten Studienkredit der staatlichen Förderbank KfW beantragen.

... In München kostete eine 30-Quadratmeter-Wohnung mit durchschnittlicher Ausstattung und guter Anbindung zur Universität im ersten Halbjahr rund 635 Euro und war damit etwa 25 Euro teurer als ein Jahr zuvor. Das haben Ökonomen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln mit Daten von ImmobilienScout24 und wg-suche.de berechnet. Mehr Studenten und zu wenig Single-Wohnungen sind demnach Gründe für steigende Mietpreise an vielen Orten. Günstiger wird es im Osten und im Westen: In Magdeburg oder im Ruhrgebiet liegen die durchschnittlichen Mietpreise der Musterwohnung bei weniger als 300 Euro. „Das bietet auch Chancen für die Entwicklung, wenn mehr Studenten in diese Standorte gehen“, sagt Michael Vogtländer, einer der Autoren der IW-Studie. Diese Entwicklung hält Grob vom Studentenwerk für gefährlich. Zynisch sei es, ärmeren Menschen zu sagen, dann kannst du nicht in München studieren, sondern gehst nach Magdeburg.

Selbst in Kiel klagt die Studentenvertretung über Wohnungsmangel, wo doch die Mietpreise im Norden laut IW nur die Hälfte derer in München ausmachen. Die Musterwohnung mit 30 Quadratmetern kostet 320 Euro mitsamt Nebenkosten im Monat. Keinerlei Entspannung auf dem Wohnungsmarkt für Studenten, vermeldet der dortige Asta-Vorstand Julian Schüngel. Das belastet internationale Studenten und Studienanfänger, die durch Nachrück- und Losverfahren einen Studienplatz bekommen. Mit der Aktion „Ersti Couch“ sucht die Studentenvertretung jetzt Kieler, die neuankommenden Studenten ein Sofa oder Gästebett für ein paar Tage oder Wochen anbieten.

...


Aus: "Steigende Mieten: So teuer ist das Studentenleben" Jan Hauser (17.10.2018)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/finanzen/meine-finanzen/studenten-und-berufseinsteiger/steigende-mieten-das-studentenleben-wird-immer-teurer-15836719.html


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« Reply #820 on: Oktober 22, 2018, 07:36:16 vorm. »
Quote
[...] Nach Angaben mehrerer Billiglohnarbeiter ist die Elite-Bar nur einer von mehreren Sammelpunkten auf dem sogenannten Arbeiterstrich in Hamburg-Wilhelmsburg. Und Hamburg ist nur eine von vielen Städten, in denen Tagelöhnerjobs vergeben werden.

Die ungelernten Arbeitsmigranten werden in ganz unterschiedlichen Branchen eingesetzt: Sie helfen auf Baustellen, bei der Ernte oder im Trockenbau, sie arbeiten in Schlachthöfen und in der Gastronomie, in Lagern und in der Pflege, räumen im Hafen Container aus, reinigen Büros und Hotelzimmer, pflegen Grünflächen... die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Die Stundenlöhne liegen nach Angaben der von uns befragten Bulgaren zwischen fünf und zehn Euro, gezahlt wird meist bar auf die Hand. Die Arbeitsverhältnisse sind oft illegal oder bewegen sich am Rande der Legalität. Einen ordentlichen Arbeitsvertrag haben die wenigsten Lohnarbeiter.

"Viele Arbeitsmigrantinnen und -migranten sind so gut wie rechtlos", sagt Christiane Tursi von verikom, einem gemeinnützigen Verein, der sich gegen die Ausbeutung ausländischer Arbeiter einsetzt. "Wer mehr Geld oder einen Arbeitsvertrag will oder auch nur einen Tag krank ist, riskiert seinen Job."

... "Es gibt viele Wege, den gesetzlichen Mindestlohn zu unterlaufen", sagt Christiane Tursi von verikom. Mal müssten Billiglöhner heimlich Überstunden schieben, mal müssten sie einen Teil ihres offiziellen Einkommens in bar zurückzahlen. Und manchmal bekommen sie nach getaner Arbeit einfach gar nichts.

... Die Bulgaren vom Arbeiterstrich machen sich strafbar, wenn sie illegalen Wohnraum und illegale Jobs annehmen. "Und wer einmal mit drinhängt, ist erpressbar", sagt Sozialarbeiterin Tursi. Die Migranten wehren sich kaum gegen ihre ausbeuterischen Vermieter und Chefs. Und sie tun sich schwer mit der Integration.

"Die Migrantinnen und Migranten haben kaum Zeit und Kraft, Deutsch zu lernen", sagt Tursi. "Dadurch können sie kaum Kontakt zu Einheimischen aufnehmen und sich auch nicht über ihre Rechte informieren." Betrüger haben mit ihnen oft ein leichtes Spiel.

... Die Misere der Arbeitsmigranten belastet in Deutschland inzwischen ganze Viertel. Die Städte ziehen zusammen mit den billigen Arbeitskräften eine Menge Elend an - unter dem dann auch die Anwohner leiden.

Eine erzählt von Billiglöhnern, die vor ihrer Tür im Auto übernachten und im Winter die ganze Nacht ihren Motor laufen ließen - wegen der Standheizung. Ein zweiter sagt, dass manche Arbeitsmigranten ihre Notdurft in einem angrenzenden Waldstück verrichten.

Eine dritte Anwohnerin erzählt von Arbeitsmigranten, die an ihre "Hauswand pissen und besoffen herumpöbeln" und von einem Bus mit bulgarischem Kennzeichen, der monatelang vor ihrem Haus parkte und in dem auch ein Kind geschlafen habe.

Weitere Anwohner sagen, Arbeitsmigranten hätten ihre Gartenstühle geklaut, Benzin aus ihren Autotanks abgezapft oder Baumaterialien von Baustellen geklaut. Die Polizei reagiere auf Beschwerden teils nicht mehr. "Wir leben hier in einem rechtsfreien Raum", sagt ein Anwohner. Die Hamburger Polizei weist diesen Vorwurf zurück.

...


Aus: "Ausbeutung von Billiglohnarbeitern - Verloren in Europa" Hannes Lintschnig und Stefan Schultz (2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/arbeitsmigration-wie-bulgaren-in-hamburg-ausgebeutet-werden-a-1232762.html

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« Reply #821 on: Oktober 31, 2018, 12:47:50 nachm. »
Quote
[....] In Deutschland ist knapp ein Fünftel der Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Im Jahr 2017 lag der Anteil laut Statistischem Bundesamt bei 19 Prozent, das entspricht etwa 15,5 Millionen Menschen. Demnach ist der Wert im Vergleich zum Vorjahr leicht gesunken, im Jahr 2016 waren noch 16 Millionen Menschen von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht (19,7 Prozent). Die Erhebung fand im Rahmen der EU-weiten Studie Leben in Europa (EU-SILC) statt. EU-weit betrug der Anteil der Betroffenen 22,5 Prozent (2016: 23,5 Prozent).

Eine Person gilt als von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, wenn mindestens eine dieser drei Kriterien erfüllt ist: Ihr Einkommen liegt unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze, ihr Haushalt ist von erheblicher materieller Entbehrung betroffen oder ihr Haushalt weist eine sehr geringe Erwerbsbeteiligung auf.

Ein Mensch gilt als armutsgefährdet, wenn er über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. 2017 lag dieser Schwellenwert für Alleinlebende in Deutschland bei 1.096 Euro netto und für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2.302 Euro netto monatlich. 2017 betraf das 16,1 Prozent der Bevölkerung in Deutschland, 0,4 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr (EU: 16,9 Prozent).

Von erheblicher materieller Entbehrung spricht man, wenn die Betroffenen zu wenig Geld haben, um zum Beispiel Rechnungen für Miete, Hypotheken oder Versorgungsleistungen zu bezahlen, ihre Wohnungen angemessen zu heizen oder eine einwöchige Urlaubsreise zu finanzieren. Insgesamt waren davon 3,4 Prozent der Bevölkerung betroffen, 0,3 Prozentpunkte weniger als 2016 (EU: 6,9 Prozent).

Als sehr niedrige Erwerbsbeteiligung verstehen Statistiker Haushalte, in denen die erwerbsfähigen Haushaltsmitglieder im Alter von 18 bis 59 Jahren weniger als 20 Prozent ihres Jahreseinkommens durch eigene Arbeit generieren, zum Beispiel wenn von drei Erwachsenen nur eine Person zeitweise arbeitet. Das betraf im vergangenen Jahr 8,7 Prozent der Bevölkerung, 0,9 Prozentpunkte weniger als 2016 (EU: 9,3 Prozent).

Was das für die Betroffenen konkret bedeutet, zeigt eine Sonderauswertung der SILC-Studie für 2016: Demnach haben Arbeitslose in Deutschland oft zu wenig Geld, um sich Essen zu kaufen. 30 Prozent der Erwerbslosen (837.000 Personen) hatten im Jahr 2016 Schwierigkeiten, jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit zu bezahlen. In der Gesamtbevölkerung lag der Anteil bei 7,1 Prozent. Zudem hätten 18,4 Prozent angegeben, ihnen habe das Geld gefehlt, ihre Wohnung angemessen zu heizen. "Die Befunde sind für den Sozialstaat Deutschland im wahrsten Sinne ein Armutszeugnis", hatte die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linken-Bundestagsfraktion, Sabine Zimmermann, dazu gesagt. Seit den Hartz-IV-Reformen werde die soziale Sicherung für Erwerbslose überwiegend Hartz IV überlassen. Die Politikerin forderte, Hartz IV durch eine sanktionsfreie Mindestsicherung zu ersetzen.



Aus: "Fast jeder Fünfte in Deutschland ist von Armut bedroht" (31. Oktober 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-10/statistisches-bundesamt-armut-soziale-ausgrenzung-deutschland

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AloisZwackelmann #2

Ich dachte, es sind momentan so viele Menschen in Deutschland in Arbeit wie noch nie?
Wie passt dann diese Armutsmeldung ins Bild?


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Runkelstoss #2.2

'Ich dachte, es sind momentan so viele Menschen in Deutschland in Arbeit wie noch nie?'

Arbeiten heisst nicht notwendig davon auch leben zu koennen.
Man kann halt nicht alles haben.


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EvaK42 #2.3

Tja, die Potemkinschen Dörfer der Statistik sind eben wichtiger als die Realität prekärer Arbeitsverhältnisse und Hungerlöhne dahinter.


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Deserteur 2.0 #2.4

Ich möchte im Zusammenhang zu ihrer Frage, an eine Aussage einiger CDU/CSU Abgeordnete erinnern: Sozial ist was Arbeit schafft. ...


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SpätzleundSauerbraten #13

SPD, das wäre doch mal ein Thema für Euch?


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Zantoris #33

Und das Problem wird sich in Zukunft noch dramatisch verstärken. Wenn die Menschen, die aktuell im größten Niedringlohnsektor Europas arbeiten (worauf Schröder noch heute stolz ist) irgendwann in Rente gehen. Dazu weiter steigende Mieten und Pflegenotstand. Überall wurde privatisiert und eingespart. Ein reiches Land dürfte diese Probleme gar nicht haben.

Ludwig Erhard hat mal sinngemäß gesagt, eine soziale Marktwirtschaft hat nur dann Akzeptanz, wenn der Wohlstand gleichmäßig verteilt ist. Früher selbstverständlich und Konsens, heute soll das radikal links sein.


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TheRealWombell #48

Als Arbeitsloser haben sie in Deutschland genug zu essen.
Wenn sie es nicht haben, geben sie ihr Geld falsch aus.
Normalerweise für Alkohol und Zigaretten, aber dann sollten sie eher ihre Prioritäten überdenken...


Quote
ah-jun #48.3

"Wenn sie es nicht haben, geben sie ihr Geld falsch aus. Normalerweise für Alkohol und Zigaretten, ..."

Dieses arrogante Pauschalierung ist das Ergebnis der neoliberalen Verwahrlosung der letzten 25 Jahre. Natürlich gibt es Menschen, die ihr Geld verrauchen und versaufen. Aber das ist eine Minderheit.


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Lebenspraktikant #50

Solange diese knapp 20% nicht den Zusammenhang zwischen ihrer Lebenssituation und dem Wählen von sozial verantwortlicher Politik verstehen, ist niemandem zu helfen.


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delloc #52

Von der Armut profitieren vor allem jene, die sich am Niedriglohn bereichern. Durch Existenzängste neurotisiert nimmt man eher unzumutbare Arbeitsverhältnisse an. Deutschland ist dabei Vorreiter in Europa.
Und wenn man die deutsche Medienlandschaft beobachtet, sind die Reaktionen auf die steigenden Armutszahlen doch ziemlich verhaltend. ...


Quote
Gelbe Tulpe #59

Die Armutsgefährungsquote steigt in Deutschland seit 2006 (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/72188/umfrage/entwicklung-der-armutsgefaehrdungsquote-in-deutschland/). Hier sieht man schön, welche Auswirkungen die Agenda 2010 und dann zusätzlich noch die Arbeitnehmerfreizügigkeit haben.



...

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« Reply #822 on: Oktober 31, 2018, 08:20:40 nachm. »
Quote
[...] Bei den Ermittlungen stellten sie gravierende Unregelmäßigkeiten fest. In der Zusammenfassung schreibt der Rechnungshof, in rund 80 Prozent sei die schiere Notwendigkeit der Beratung "nicht nachgewiesen", auch die Wirtschaftlichkeit sei in fast keinem der Fälle geprüft worden, 44 von 56 Berater-Projekten wurden "freihändig" vergeben. ...

... Eins der Beispiele ist nach SPIEGEL-Informationen ein Großvertrag mit dem Beratungsriesen Accenture. Nach Prüfung der Unterlagen konnten die Ermittler nicht nachvollziehen, wer im Ministerium und warum die Berater überhaupt engagiert wurden. Die Bezahlung der Rechnung über 2,9 Millionen Euro wurde erstmal eilig gestoppt.

... Für die Ministerin ist die Affäre mehr als nur unangenehm. Schon vor ihrem Amtsantritt im Wehrressort Ende 2013 galt sie als glühender Fan von externen Beratern bei Reformvorhaben, aus ihrer Sicht kann man mit den unabhängigen Fachleuten Prozesse schlicht schneller als mit dem trägen Beamtenapparat eines Ministeriums in Gang setzen.


Aus: "Von der Leyen räumt gravierende Mängel bei Vergabe von Beraterjobs ein" Matthias Gebauer (31.10.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/ursula-von-der-leyen-raeumt-gravierende-maengel-bei-vergabe-von-berater-jobs-ein-a-1236122.html

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« Reply #823 on: November 05, 2018, 08:30:52 nachm. »
Quote
[...] Die Einkommen in Deutschland haben sich laut einer Studie in den vergangenen Jahren weiter auseinanderentwickelt. "Die Gruppe der mittleren Einkommen ist geschrumpft", stellt das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) in seinem neuen Verteilungsbericht fest. Die Spreizung sei entstanden, weil der Anteil der Haushalte unter der Armutsgrenze deutlich zugenommen habe. Ebenso sei der Anteil der Haushalte gestiegen, die über der statistischen Reichtumsgrenze liegen.

Außerdem hätten "sich Armut und Reichtum verfestigt", heißt es weiter. Das lasse sich daran ablesen, dass mehr Haushalte über mindestens fünf Jahre hinweg einkommensarm oder einkommensreich seien. Dabei sei die Tendenz bei armen Haushalten deutlich ausgeprägter. Im Langzeitvergleich zeigt sich der Analyse zufolge seit etwa 25 Jahren bei der Armut ein markanter, weitgehend kontinuierlicher Anstieg. Im Jahr 1990 waren etwa elf Prozent aller Menschen in Deutschland einkommensarm. Diese Quote stieg bis auf fast 17 Prozent im Jahr 2015.

In den letzten Jahren sei der Anstieg auch auf den Zuzug durch Flüchtlinge zurückzuführen. Dagegen sei die Armutsquote unter in Deutschland Geborenen stabil geblieben. Allerdings ergibt sich auch unter ihnen eine höhere Armutsbelastung als in den Neunzigerjahren.

Unterschiede zeigen sich dem Bericht zufolge in der Betrachtung nach Geschlecht und Region: "Dauerhafte Armut kommt in Ostdeutschland etwa sechs Mal so häufig vor wie in den alten Bundesländern." Westdeutsche Männer hätten am häufigsten ein dauerhaft hohes Einkommen. Etwa zwei Drittel der Wohlhabenden seien männlich, insgesamt lebten 95 Prozent der Einkommensreichen in den alten Bundesländern.

ildung und Vollzeiterwerbstätigkeit seien wesentliche Faktoren, um Armut zu vermeiden und ein höheres Einkommen zu erzielen. ...

Die WSI-Verteilungsexpertin Dorothee Spannagel sieht die Stabilität der Gesellschaft durch diese Entwicklungen bedroht. Das "Gründungsversprechen der deutschen Demokratie" beruhe darauf, dass sich alle Menschen "aus eigener Leistung" einen Platz in der Mitte der Gesellschaft sichern könnten. Doch die Realität sehe anders aus, konstatiert die Wissenschaftlerin. Die Einkommensschere öffne sich weiter, die "Lebenswelten von Armen, Mittelschicht und Reichen fallen immer weiter auseinander", schreibt die Autorin.

Dieser Prozess beschleunige sich, wenn die soziale Mobilität weiter sinke, weil auf die Dauer beispielsweise die soziale Mischung von Wohnvierteln abnehme. "Nur, wenn es gelingt, verfestigte Armut aufzubrechen und zu verhindern, dass sich die Reichen von der Gesellschaft absetzen, gelingt es auch, jene gut integrierte gesellschaftliche Mitte zu erhalten und zu stärken, auf der die Stabilität unserer Demokratie beruht",  schreibt Spannagel.

Das WSI gehört zur gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Für den Verteilungsbericht nutzten die Forscherinnen und Forscher die neuesten verfügbaren Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), die sich auf das Jahr 2015 beziehen. Für die Abgrenzung von einkommensarmen und einkommensreichen Haushalten folgt das WSI den gängigen Regeln, die etwa auch im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung angewandt werden: Als arm gilt ein Haushalt, der weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. 2015 lag die Armutsgrenze bei einem Netto-Jahreseinkommen von weniger als 12.192 Euro für einen Singlehaushalt. Als reich werden Haushalte bezeichnet, die mindestens das Doppelte des mittleren Einkommens erzielen.


Aus: "WSI-Verteilungsbericht: Soziale Spaltung in Deutschland nimmt weiter zu" (5. November 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-11/wsi-verteilungsbericht-deutschland-spaltung-armutsgrenze-reichtum

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Hansifritz #44

Welche Überraschung. Jedes Kind, das schon einmal Monopoly gespielt hat, weiß wo die Reise hingeht.


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Hier kommt Knut ohne Hut und ohne Wut #21

Ich dachte, Deutschland ginge es so gut wie nie? Habe ich zumindest die letzten Jahre gehört. Jeden Tag.


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Andy F. #21.1

Sie haben nicht richtig gelesen, es sollte heißen: 2% der Deutschen geht es so gut wie nie.


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Elsässer #14

Wenn alle gebildet und vollzeit arbeiten - wer baut denen ihr Haus, erntet den Spargel und pflegt die Alten?!
Bildung für möglichst alle ist sicher gut - die gut dotierten Jobs werden dadurch nicht bedeutend mehr werden. ...


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John Conner #10

"Als reich werden Haushalte bezeichnet, die mindestens das doppelte des mittleren Einkommens erzielen."

Da dieser Wert, warum auch immer, nicht im Artikel erwähnt ist: der Median liegt bei 24.152,00 €.


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WahrheitSchmerzt #8

"Deutschland geht es so gut wie nie."

Fragt sich nur, wer soll dieses Deutschland sein?


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PrüfeDeineQuellen #8.3

Solange es Millionenboni für Versager gibt, die der "kleine Mann" am Band bis hin zum Ingenieur erstmal wieder reinholen darf, wird Deutschland weiter verrohen. Welcher angestellte Handwerker kann sich heute noch eine Eigentumswohnung oder Häuschen mit Garten erarbeiten. Die Menschen im Gesundheits- und Sozialbereich werden seit jeher wie Dreck behandelt. Auch hier ändert sich nichts. Mittlerweile ist es selbst bei den Akademikern keine Selbstverständlichkeit mehr ein Eigenheim zu besitzen. Der angebliche Fachkräftemangel (wer/was selten ist, sollte doch angeblich wertvoll sein?!) zeigt sich hier in kaum einer Brache in Form saftig gestiegener Löhne und Gehälter.  ... Währenddessen kauft das Großkapital fröhlich den gesamten Wohnungsmarkt leer und baut leerstehende Luxuswohnungen, weil man nicht mehr weiß, was man mit der ganzen Kohle machen soll. Irgendwann gehen wir alle nach Hause und zahlen unserem Oberboss auch noch die Miete für das Familienzimmer mit Gemeinschaftslatrine für den Wohnblock. Gönnerhaft wird er eine Suppenküche für uns eröffnen. Ganz ehrlich: Wie sich dieses Land in den letzten 20 Jahren in sozialen Fragen entwickelt bzw. wohl eher degeneriert hat, widert mich an.


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Aliaxe #12

... Eine starke Mittelschicht ist der Garant für den sozialen Frieden. Je kleiner diese Schicht wird, desto größer der Unmut.


Quote
joe1881 #16

Gut zu wissen, dass ich "superreich" bin. Ernsthaft, diese Zahlen machen keinen Sinn.

In Deutschland ist das (Netto-) Einkommensniveau im Vergleich zur Wirtschaftsleistung insgesamt zu gering, bis weit in die gehobene Mittelklasse hinein. Das Problem überträgt sich auf die privaten Vermögen, die im internationalen Vergleich fast schon lächerlich niedrig sind.


Quote
Dundoril #16.1

Das Wort superreich kommt im Artikel nicht mal vor...


Quote
Patrick P. #25

Die Reichtumsquote rangiert seit 2000 konstant zwischen 6 und 8% und ist als konstant zu bezeichnen. Die Armutsquote hingegen steigt seit 2000 fast kontinuierlich. Von damals 11,5% auf nun fast 17%, was einem Anstieg von fast 50% entspricht.

Was bedeutet das für 99% der Deutschen?...


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spitzpassauf #28

Man wundert sich über die, die sich wundern, warum sie nicht nicht mehr gewählt werden.


Quote
merman2 #30.1

Ob Merkel es ohne Vorarbeit der SPD und ohne 3 Amtsperioden in gemeinsamer Regierung mit der SPD auch so gut geschafft hätte?
Zumindest hat sie dieser Art von Regieren einen schönen Namen gegeben: "Marktkonforme Demokratie" (der Stärkere gewinnt).


Quote
secret77 #30.2

"Ob Merkel es ohne Vorarbeit der SPD und ohne 3 Amtsperioden in gemeinsamer Regierung mit der SPD auch so gut geschafft hätte?"

Nein, und genau das fällt beiden ja jetzt auf die Füße: Wir haben eine geteilte Bevölkerung (mit dem Preis einer kaputten Erde in Folge des totalen Materialismus und Wachstumswahns). Immer mehr finden nun Solidarität und 'menschlich sein' dumm und naiv und wählen AfD und die anderen wollen eine weitere Spaltung verhindern und fordern eine neue starke Solidarität, rücksichtsvolleren Lebensstil und Bewahrung der Umwelt.

Die Parteien der Mitte haben ausgedient, weil die Mitte so aktuell nicht existiert, es gibt zu wenig gemeinsame Werte.


Quote
secret77 #38

Ich habe die Lösung: Wir lassen uns einen Multimillionär von BlackRock zum Bundeskanzler machen!


Quote
GeWu #56

Die Folge der neoliberalen Ideologie... und dann wird weiterhin Werbung für Leute wie Merz gemacht, unglaublich...


Quote
Dindi #61

Vorschläge wären eine Finanztransaktionssteuer. Ein Steuersatz von 90% auf Jahreseinkünfte ab 300 000 Euro und Privatvermögen von über 2 Mio Euro.

Ist das schon Linksradikal?


Quote
Wonneproppen5 #61.1

Ja.


Quote
vividas #61.2

Ja, wäre es.


Quote
Dindi #61.3

Vielleicht können Sie mir dann erklären, warum jemand über 300 000 im Jahr verdienen muss oder 2 mio auf der Kante hat, während es in Deutschland 800 000 Obdachlose gibt?


Quote
Cryptocurrency #61.7

"Ist das schon Linksradikal?"

Keine Ahnung, aber ich wäre dann einfach schnell weg. In irgendein normales Land, wo man mich nicht abzocken würde. ...


Quote
Dindi #61.11

Seien Sie dann bitte wo anders reich!


Quote
Cryptocurrency #61.9

"Vielleicht können Sie mir dann erklären, warum jemand über 300 000 im Jahr verdienen muss oder 2 mio auf der Kante hat, während es in Deutschland 800 000 Obdachlose gibt?"

Weil er es kann, deshalb.
Wenn Ackermann und co. morgen alle 90% Steuern zahlen, was denken Sie wird das Geld bekommen?

Die Obdachlosen? :D :D :D

Wir schmeißen Milliarden für Bankenrettungen raus, davon hätte man 10% für die Obdachlosen nutzen können, wird auch nicht gemacht.

Wenn ich 2 Mio auf der Kante hätte können Sie die gerne mit 90% besteuern, aber dann bin ich
A) schnell weg
B) bezahlen Sie dann die Arbeitslosen wenn ich meinen Laden umsiedel :)

Das wird teurer als 90% Steuern von 2 Mio


Quote
Dindi #61.16

Oh man! Mir ist es doch völlig egal, wie viel Steuern Sie persönlich zahlen.

Reichtum ist schlicht ab einer bestimmten Grenze unanständig in einer Welt mit begrenzten Ressourcen in dem Menschen verhungern. Das kapiert auch jedes Kind. (normalerweise)


Quote
Hapsch #61.17

"Oh man! Mir ist es doch völlig egal, wie viel Steuern Sie persönlich zahlen.

Reichtum ist schlicht ab einer bestimmten Grenze unanständig in einer Welt mit begrenzten Ressourcen in dem Menschen verhungern. Das kapiert auch jedes Kind. (normalerweise)"

Dann muss ich Sie etwas fragen. Wo fängt das an, wo endet es? Global gesehen ist man auch mit Hartz 4 reich. Müssten diese dann auch spenden? Was ist als Raucher, die geben Geld für Zigaretten aus, während andere verhungern, was ist wenn ich in Urlaub fahre, das ist Luxus den ich nicht brauche, Alkohol ist Luxus, ohne den man auch ein Leben führen kann, sollte man jetzt verzichten und das Geld Spenden? Ich habe mir am Freitag ein neues Videospiel gekauft, das brauche ich auch nicht, wenn man Ihren Kommentar zugrunde legt hätte ich das Geld spenden müssen? Wenn Reichtum unanständig ist, mit der Begründung andere Verhungern, ist dann nicht auch jedes Luxusprodukt unanständig?


Quote
Dindi #61.21

Diese Entscheidung obliegt nicht einem Einzelnen.

Ab wann Reichtum begrenzt werden sollte ist eine Entscheidung die alle (inkl. der Reichen) in einem demokratischen Prozess heraus finden müssen.

Mit Geld, ohne Arbeit, ohne Moral oder Rücksicht auf menschliche Verluste Geld zu verdienen, wie es an den Börsen der Welt Tagesgeschäft ist, ist etwas, was in Frage gestellt werden sollte. Hab ich selbst gemacht. Man wird asozial, kann ich ihnen sagen. Mir war es egal, ob Leute verhungern, wenn ich dadurch aber einen zweistelligen Prozentgewinn machen konnte. Das ist unanständig. Selbst genug zu haben und aus purer Lust Wohnungen zu kaufen, sie teuer zu vermieten,... Unanständig. In eine Firma gehen und kurzfristig Aktienwert zu erhöhen ein paar 1000 Leute entlassen, unanständig. Alles schon selbst gemacht, erlebt, gesehen. Ist einfach ungut.

Mit Reichtum geht Verantwortung einher. ...

["Wir leben im Kapitalismus: d.h. man darf nach Reichtum streben. Man muss es nicht, aber man darf. "

Und du würdest auch jemanden umbringen, weil man es "darf". Was soll der Kindergarten. Irgendwann wird es wirtschaftlicher etwas ab zu geben als die Mauern und das Sicherheitspersonal plus Militär zu bezahlen, damit die einen vor den Armen schützen.]

[Hier mal eine Neuigkeit; Jeder, der viel arbeitet und viel verdient, meint, er hätte viel geopfert. Die, die viel arbeiten und wenig verdienen, haben nicht immer weniger geopfert.]


Quote
Wonneproppen5 #65

Na, das wäre doch jetzt ein Thema für die SPD. Stichwort: Soziale Gerechtigkeit. Also Genossen, auf zurück zur Sacharbeit.


Quote
Stehaufmann #65.2

Geht nicht, denn dann müsste die SPD ja die eigene Politik der letzten 20 Jahre zurücknehmen ...


Quote
Μέριλιν Μονρόε #70.5

Juhu, ich bin reich! Wusste ich bislang noch nicht. Aber, gut zu wissen.


Quote
rpr11 #70.4

"Die normale Bevölkerung allerdings so zu teilen, dürfte nur zu sozialen Spannungen aufgrund einer unnötigen Neiddebatte führen."

Sie meinen, man sollte einfach nicht drüber sprechen..., dann ist es nicht so schlimm... ?

...


Quote
Lorenz_01 #83

Interessant wäre es, einmal die Ursachen dieser Spreizung zu untersuchen. Die Bildungschancen sind dank kostenlosem Schulbesuch bis zum Abi ja erst einmal für alle gleich. Und dass das Wohnviertel entscheidenden Einfluss auf das Einkommen hat, bezweifle ich auch - wohl eher umgekehrt. Auch die übrigen Rahmenbedingungen vom Mindestlohn bis zum Tarifvertrag, Zugang zu Weiterbildung bis zur freien Wahl des Arbeitsplatzes sind weitgehend gleich. Folglich muss es individuelle Gründe geben. Mit denen setzt man sich jedoch viel zu wenig auseinander.


Quote
Lebenspraktikant #84

Ich gebe mal ein konkretes Beispiel für den Abstieg der Mittelklasse:
1993: selbstständig, gehobenes mittleres Einkommen, private Altersvorsorge, Rücklagenbildung, ausgiebige Urlaube, insgesamt gutes Leben.
2018: selbstständig, Stundensatz bedingt durch Billigkonkurrenz 20% höher als 1993, Steigerung der Lebenshaltungskosten und Gewerbenebenkosten um 200%, Knackpunkt die Euro-Einführung.
Private Altersvorsorge nicht mehr möglich, Rücklagen nicht mehr möglich. 1 Woche Billigurlaub im Jahr, insgesamt schlechtes Leben knapp über der Armutsgrenze.
Und wenn dann mal ein Geschäftsjahr etwas besser abschließt, stehen Finanzamt, Krankenkasse, IHK usw. sofort bereit.
Diese Beispiel bezieht sich auf eine ganze Branche, mir sind aber genügend ähnlich gelagerte Fälle aus anderen Bereichen bekannt.


Quote
michjord #89

Das zunehmende Gefälle von armen und reichen Menschen wird dynamisch und demokratiegefährdend zunehmen, da der wahre Mittelstand , der Durchschnittsverdiener, seit Jahren wegbricht.

Gründe :
- die heute noch (finanziell) stabilisierende Rentnergeneration wird zunehmend aussterben
- die heute im Niedriglohnsektor der Dienstleistungsbranche arbeitende Bevölkerung wird überwiegend zu armen Rentnern
- Rentenreformen der letzten 40 Jahre haben das Rentenniveau auf ein Armutsniveau gesenkt
- der Verlust von hochbezahlten Industriearbeitern wird weiter sinken, das Heer von Niedriglohnarbeitern steigt
- immer mehr Beschäftigte (das vermeintliche Jobwunder...) arbeiten auch zeitlich in prekären Beschäftigungsverhältnissen (Teilzeit, Mini-Midi-Jobs, etc.) und müssen sich das Arbeitsvolumen und damit das potentielle Verdienstvolumen teilen
-Anzahl der Mitglieder der Kammerberufe (Steuerberater, Ärzte, Juristen, Architekten) nehmen stetig zu und profitieren von der angebotsorientieren Politik unseres Rechts- und Sozialstaates
- die weltweit geringe Wohneigentumsquote in Deutschland mit steigenden Mieten bei zunehmender Bevölkerung
-Kapital- und Vermögenskonzentration forcieren die gesellschaftliche Spaltung

Alle Entwicklungen (auch die zunehmende Kinderarmut) sind seit Jahren/Jahrzehnten bekannt... und sind die größte Gefahr für unsere Demokratie/unseren Rechtsstaat.

Grüße aus Köln


Quote
JesuisCharlie #91

"Soziale Spaltung in Deutschland nimmt weiter zu"

Das ist nicht weiter verwunderlich. Die Probleme sind allesamt hausgemacht und im weitesten Sinne systemimmanent. Eine grenzenlose Globalisierung, immer mehr Freihandel, der stetige Abbau von Zöllen und Warenbeschränkungen gepaart mit einer Politik der offenen Grenzen und Personenfreizügigkeit, schafft nun mal langfristig immer mehr Wettbewerb unter den Menschen, eine Verschärfung des Kampfes um Ressourcen, Jobs und Wohnraum nach den Regeln „Survival of the Fittest“ und verstärkt dadurch die Ungleichverteilung und sozialen Ungerechtigkeiten nicht nur zwischen Staaten, sondern innerhalb der jeweiligen Gesellschaften, für die nur noch das ökonomische Primat zählt.

Die "No Border" Politik und der grenzenlose Wachstumswahn führen keineswegs zu mehr Gleichheit unter den Menschen, wie sich so manch Liberaler Politiker "erhofft", sondern zu einem stetigen Kampf um die immer knapper werdenden Ressourcen. All diejenigen, die diesen Zusammenhang nicht erkennen, sei die Neuauflage des internationalen Bestsellers "Die Grenzen des Wachstums" empfohlen.


Quote
dumovic #93

Ich halte es für das größte gesellschaftliche Problem unserer Zeit, dass man in manch erlerntem Beruf nicht genug Einkommen bezieht, um eine kleine Familie zu versorgen. Frisöre, Krankenschwestern und viele andere Kräfte, die alle einen Schul- und Berufsabschluss haben, dürfen nicht am Rande der Armut leben.

Auf der anderen Seite sind viel zu hohe Dividenden dafür verantwortlich, dass bereits Vermögende immer reicher werden und somit dem Mittelstand das Wasser abgraben. Man muss sich vor Augen halten, dass zu viel Kapital auf zu wenige Schultern verteilt ist und somit an anderen Stellen fehlt.

Genau das ist mein Problem mit neo-liberaler Wirtschaftspolitik.

...


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heidebimbam #101

Als Daimler und Chraysler in den 90ern zusammengegangen sind hat der damalige Daymlerchef penetrant darauf rumgeritten das sein Gehalt auf Amerikanisches Niveau angehoben werden müsste. Von 2 Mio. DM auf 20 Mio. DM. Amerikanische Verhältnisse halt. Als ich in den 80ern nach England reiste erklärte mir mein grosser Bruder der schon öfter dort war, dort gibt es keine Mittelschicht wie bei uns. ...


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Manfred der Erste #102

Wenn ich die Kommentare so lese, weiß ich nicht auf welchem Planeten die leben. Das es in D. nach der sogenannte Agenda 2010, mit einem Teil der Gesellschaft steil bergab und mit den Gewinnen der Konzerne steil bergauf und damit für die Reichen in diesem Land einen großen Schluck aus der Pulle gegeben hat, ist doch nicht weg zu lügen!
Die kaufen immer noch fleißig Immobilien im großem Stiel um nur das viele Geld irgend wie unter zu bringen.
50% in einem der reichsten Länder der Erde besitzen nichts! Das man Armut nicht auf den ersten Blick sieht müsste jedem klar sein, deswegen ist er trotzdem da.
Ein definiertes Ziel für diese Gesellschaft gibt es auch nicht. Es geht nicht darum alle glücklich zu machen, aber wenigstens ein bezahlbares Dach über dem Kopf und ein Leben in Würde muss drin sein.


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JeffCat #107

Fakenews, uns geht es gut, Merkel macht einen hervorragenden Job, die Regierung ist vorbildlich.


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mwossi #110

Es ist interessant, dass die SPD nach Konzepten und Themen sucht, weil ihnen die Wähler verloren gehen. Woran liegt das nur? In der SPD Mitgliederschaft und unter den SPD Berufspolitikern sind vielleicht nicht genügend Leute, die leiden. ...


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mofateam #110.1

Klassenkampf ? Mit der SPD ? - Die Partei hat mit dem sie dominierenden Seeheimer Kreis doch diese Zustände erst herbeigeführt. ...


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Säkulare Elite #114

Also bitte: Armut ist keine objektive Sache, sondern rein subjektiv. Es gibt Leute, die fühlen sich mit 2000€/Monat wie die Könige, und andere, bei denen von 8000€/Monat "auch nicht so viel übrig" bleibt...


...

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« Reply #824 on: November 08, 2018, 09:32:21 nachm. »
Quote
[...] Seit 2011 wurde jedes Jahr mehr als 300.000 mal der Strom gesperrt. ...

Quelle: https://www.swr.de/report/leben-ohne-strom-hunderttausenden-wird-der-strom-abgestellt-mit-schlimmen-folgen-fuer-die-betroffenen/-/id=233454/did=22515508/nid=233454/1eirrgw/index.html (6.11.2018)

-

Quote
[...] Die Zahlen sind beeindruckend: Jährlich werden in Deutschland knapp 400 Milliarden Euro vererbt oder verschenkt, meist innerhalb der Familie und meist von der älteren an die jüngere Generation. Mehr als 50 Prozent des heute in Deutschland vorhandenen privaten Vermögens beruhen auf Erbschaften und Schenkungen. ...


Aus: "Mehr Fairness bei Erbschaften" Marcel Fratzscher (8. November 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-11/lebenschancen-erben-debatte-gerechtigkeit-chancengleichheit-gestaltungschancen/komplettansicht

« Last Edit: November 10, 2018, 12:35:46 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #825 on: November 14, 2018, 02:32:04 nachm. »
Quote
[...] In diesem Jahr sei die Zahl der überschuldeten Verbraucher in der Bundesrepublik um rund 19.000 auf mehr als 6,9 Millionen gestiegen, das hat die Wirtschaftsauskunftei Creditreform am Dienstag in Düsseldorf mitgeteilt. Das heißt: Bei gut jedem zehnten Erwachsenen sind die Gesamtausgaben dauerhaft höher als die Einnahmen. Insgesamt sind die Deutschen inzwischen mit 208 Milliarden Euro verschuldet.

Besonders stark betrifft diese Entwicklung Senioren ab 70 Jahren. 263.000 von ihnen sind verschuldet – 35 Prozent mehr als im Vorjahr. Ähnlich sieht es bei den 60 bis 69-Jährigen aus. Die Zunahme der Erwerbstätigkeit im Rentenalter sei ein Indiz dafür, dass die Rente oft nicht mehr ausreiche, sagte der Leiter der Wirtschaftsforschung von Creditreform, Michael Bretz.

Ursache für die zunehmende Verschuldung seien unter anderem die hohen Wohnpreise. Die Entwicklung von Einkommen und Wohnkosten habe sich gerade in strukturstarken Regionen wie den Großstädten entkoppelt. Während die Kaufkraft nur noch langsam zulege, erhöhten sich die Kosten für Mieten und Immobilien in großen Schritten. Im Schuldenatlas von Creditreform heißt es dazu: „Wohnen ist zumindest in deutschen Großstädten zum Armutsrisiko, in jedem Fall zum Überschuldungsrisiko geworden.“ Gleichzeitig warnte die Studie davor, dass die, durch hohe Wohnkosten verursachte, Überschuldung erst zeitverzögert sichtbar sein werde, auch falls der Immobilienboom nachlasse. „Verschlechtert sich zudem die konjunkturelle Lage, was angesichts der globalen Rahmenbedingungen und des konjunkturellen Zyklus zu erwarten ist, wird die Zahl der Überschuldungsfälle in näherer Zukunft merklich ansteigen.“

...


Aus: "Wohnpreise werden zum Armutsrisiko" Leonhard Rosenauer (13.11.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/hohe-mieten-teure-immobilien-wohnpreise-werden-zum-armutsrisiko/23629270.html

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Re: [Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #826 on: November 17, 2018, 05:36:00 nachm. »
Quote
[....] Das Vermögen von Amazon-Gründer Jeff Bezos beläuft sich auf 156 Milliarden Dollar. Damit ist der US-Amerikaner der aktuell reichste Mensch der Welt. ...


Aus: ""You Are Jeff Bezos": Spiel zeigt auf, wie absurd viel Geld der Amazon-Gründer hat" (2. November 2018)
Quelle: https://www.derstandard.de/story/2000090281665/you-are-jeff-bezos-spiel-zeigt-auf-wie-absurd-viel?ref=rec

Quote
Superfool, 2. November 2018, 20:35:46

Es ist kein Geld. Es sind Vermögenswerte.


Quote
Holunder Gabriel, 2. November 2018, 11:34:22

1 Milliarde veranschaulicht
1 Million Euro, gestapelt in 100-Euro-Scheinen ergibt eine Höhe von 30 cm.
1 Milliarde in 100-Euro-Scheinen ergibt eine Höhe von 300 Metern!
Der Wiener Stephansdom hat eine Höhe von 136 Metern.

Jeff Bezos Vermögen in Euro (136,3 Milliarden) macht eine Höhe von ca. 41 Km in 100-Euro-Scheinen.


...

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« Reply #827 on: November 18, 2018, 10:30:43 vorm. »
Quote
[...] Das Bundesinnenministerium will laut einem Zeitungsbericht mit neuen Regeln Abschiebungen erleichtern. Zu den Vorschlägen zähle eine nächtliche Meldepflicht, berichtet die Bild am Sonntag unter Berufung auf ein entsprechendes Dokument. Ausreisepflichtige Migranten in Gemeinschaftsunterkünften müssten sich demnach künftig abmelden, wenn sie ihre Unterkünfte zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens verlassen. Bei einem Verstoß gegen diese Anzeigepflicht solle Haft angeordnet werden können.

In Hessen und Niedersachsen gibt es eine solche sogenannte Nachtzeitverfügung schon, wie es im Bericht heißt. Der vermehrte Einsatz solcher Verfügungen sei nach Einschätzung des Bundesinnenministeriums erforderlich, "um dem Phänomen des Untertauchens wirkungsvoll zu begegnen".

Zudem schlägt das Innenministerium laut dem Bericht vor, dass Migranten in Aufnahme- und Rückführungszentren ihre Post nur noch mit einer Chipkarte abholen dürften. Diese registriere, wann abgelehnte Asylbewerber den Abschiebebescheid erhalten haben.

Mit Fluggesellschaften sollten überdies Vereinbarungen getroffen werden, wie die Plätze für Abschiebungen erhöht werden können. Flugtickets zu diesem Zweck sollten künftig ohne konkrete Personenzuordnung als "No-name-Buchung" getätigt werden, zitierte die Bild am Sonntag aus dem Ministeriumspapier. Tauche ein Flüchtling vor seiner Abschiebung unter, könne somit ein anderer an seiner Stelle an Bord geschickt werden.

In Gemeinschaftsunterkünften und Ankerzentren sollen den Planungen zufolge Ärzte fest angestellt werden, statt wie heute üblich nur tageweise dort zu arbeiten. Dadurch solle bei abgelehnten Asylbewerbern schneller die Reisefähigkeit geprüft werden können, heißt es im Bericht.


Aus: "Innenministerium plant neue Regeln für abgelehnte Asylbewerber" (18. November 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-11/migration-neue-regeln-fuer-abgelehnte-aslybewerber

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« Reply #828 on: November 19, 2018, 08:11:53 nachm. »
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[...] Der Klang von Vonovia mag ans "Wohnen" erinnern, aber einen Sinn hat das Wort nicht. Die PR-Agentur, die den Namen geschaffen hat, hat die Bedeutungslosigkeit in vielen Sprachen extra geprüft. Erst seit drei Jahren firmiert der Konzern unter diesem Namen, der vielleicht auch einfach den schlechten Ruf vergessen machen sollte.

Denn den hatte sich das Unternehmen in vielen Jahren gründlich erarbeitet.

Finanzinvestoren gründeten das Unternehmen im Jahr 2001 als Deutsche Annington. Unter ihrer Führung begann das Unternehmen mit dem Aufkauf des deutschen Immobilienmarktes: Zuerst griff es nach etwa 65.000 der sogenannten Eisenbahnerwohnungen des Bundes. In den folgenden Jahren kaufte die Deutsche Annington, kurz DAIG, laufend weitere große Wohnungspakete, besonders häufig waren es Immobilien aus staatlichem Besitz oder frühere Werkswohnungen von ehemals großen Unternehmen.

In gut zehn Jahren und im Zuge immer weiterer Übernahmen entwickelte sich die Deutsche Annington zum Sinnbild großer Immobilienkonzerne - Vermieter, die sich weniger um die Zufriedenheit ihrer Kunden oder den Zustand ihrer Wohnungen kümmern als um die Rendite. Mieter klagten über Schimmel, ausbleibende Reparaturen, Mieterhöhungen und undurchsichtige Nebenkostenabrechnungen.

2013 übernahm Rolf Buch die Führung des Unternehmens. Der frühere Bertelsmann-Manager brachte die DAIG an die Börse, die ursprünglichen Finanzinvestoren verkauften ihre Anteile. Fortan verfolgte Buch weiter eine aggressive, wenn auch nicht immer erfolgreiche Expansionsstrategie. 2015 übernahm die Deutsche Annington die Unternehmen Süddeutsche Wohnen, Patrizia Immobilien und vor allem den großen Konkurrenten Gagfah. Im selben Jahr änderte der Konzern seinen Namen in Vonovia - nichts schien das Wachstum mehr zu stoppen.

Kurze Zeit später scheiterte Vonovia-Chef Buch allerdings an der feindlichen Übernahme der Deutsche Wohnen - einer Konkurrentin, die mehr als 100.000 Wohnungen besitzt, vor allem in Berlin. Manager Buch und seine Vorstandskollegen müssen sich seither mit kleineren Projekten begnügen.

Immerhin: Sie haben Vonovia zu einem der 30 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland aufgebaut und als einzige Immobilienfirma in den deutschen Leitindex Dax geführt. Mit dem Gang an die Börse hat sich auch die Strategie gewandelt, Vonovia investiert heute deutlich mehr in seine Bestände, als die Deutsche Annington es früher tat.

Die Finanzzahlen sind beeindruckend: Die Aktien des Konzerns sind gut 20 Milliarden Euro wert, allein die Gebäude werden auf etwa 33,5 Milliarden taxiert. Der jährliche Umsatz liegt mittlerweile bei 3,6 Milliarden Euro, erwirtschaftet von fast 10.000 Mitarbeitern. Vonovia besitzt laut Geschäftsbericht 2017 gut 346.000 Wohnungen, die meisten davon im Ruhrgebiet, Berlin, Dresden und im Rheinland.

Seinen Sitz hat Vonovia in Bochum behalten, erst im Sommer weihte das Unternehmen seine neue Konzernzentrale ein. Seit Kurzem aber expandiert der Konzern auch im Ausland, etwa in Österreich, Schweden und Frankreich.

Und auf dem Heimatmarkt verlängert Vonovia seine Wertschöpfungskette: Etwa 350 Tochterunternehmen hat der Konzern, vor allem Grundstücks- und Holdinggesellschaften, aber immer häufiger auch Dienstleistungsunternehmen, die Handwerkerarbeiten, Winterdienst, TV-Kabelanschlüsse oder Ablesedienste anbieten.

Das Geld der Mieter schüttet Vonovia zumindest teilweise an seine Aktionäre aus, über die sogenannte Dividende - ein guter Teil davon geht an große Investoren: Die Fondsgesellschaft Blackrock besitzt 8,2 Prozent des Unternehmens, Lansdowne Partners 4,6 Prozent und Massachusetts Financial Services 2,8 Prozent. Die norwegische Zentralbank hält weitere 6,9 Prozent der Anteile, der Rest ist breit verteilt.

So gut es bei Vonovia mit Aktienkurs und Gewinn läuft - viele Mieter sind unzufrieden. Der neue Name mag dem Großkonzern kurzfristig einen besseren Ruf verschafft haben, doch mittlerweile erscheinen fast wöchentlich kritische Berichte.

nck/sep


Aus: "Wer steckt hinter Vonovia?" (19.11.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/vonovia-wer-ist-deutschlands-groesster-vermieter-a-1238297.html

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[...] FrankfurtDie Aktie des Immobilienunternehmens Vonovia gehört mit einer negativen Entwicklung von minimalen 0,24 Prozent zu den Verlustbringern des Tages. Im Vergleich zum Vortagesschlusskurs von 42,42 Euro hat sie sich um 10 Cent minimal auf 42,32 Euro verschlechtert.

Die Aktie gehört im Dax mit 0,24 Prozent Minus zu den schlechteren Werten. Der Wert liegt derzeit auf Platz 17 im Mittelfeld des Dax. Der Dax registriert derzeit 11.291 Punkte (minus 0,44 Prozent). Somit entwickelt sich die Vonovia-Aktie besser als der Index.

Mit einem Preis von 42,55 Euro ist der Wert am Montag den 19.11.2018 in den Handel gegangen und erreicht zwischenzeitlich ein Tageshoch von 42,97 Euro. Die Vonovia-Aktie liegt auf Jahressicht 5,7 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch, das 44,88 Euro beträgt. Es war am 29. August 2018 erreicht worden. Das 52-Wochen-Tief stammt vom 6. Februar 2018 und beträgt 35,71 Euro.

Bis um 17:15 Uhr kommt die Aktie auf 28,47 Millionen Euro Umsatz. Bis zu diesem Zeitpunkt waren am Vortag Papiere im Wert von 37,4 Millionen Euro gehandelt worden. Am 29. August 2018 war mit 44,88 Euro das Allzeit-Hoch der Vonovia-Aktie erreicht worden. Das Allzeit-Tief beträgt 16,24 Euro (vom 11. Juli 2013).

13.11.2018 UBS belässt Vonovia auf 'Buy'
Die Schweizer Großbank UBS hat Vonovia auf "Buy" belassen. Er habe mit einem Branchenexperten gesprochen, der den Portfolios deutscher Immobilienunternehmen im kommenden Jahr eine weitere Wertsteigerung von acht bis zwölf Prozent zutraue, schrieb Analyst Charles Boissier in einer am Dienstag vorliegenden Studie. Auch Regulierungsmaßnahmen sollten nichts Grundlegendes für die Branche ändern, da mindestens in den kommenden zwei Jahren keine Entspannung beim Nachfrageüberhang zu erwarten sei./gl/ag Datum der Analyse: 13.11.2018 Hinweis: Informationen zur Offenlegungspflicht bei Interessenkonflikten im Sinne von § 85 Abs. 1 WpHG, Art. 20 VO (EU) 596/2014 für das genannte Analysten-Haus finden Sie unter http://web.dpa-afx.de/offenlegungspflicht/offenlegungs_pflicht.html.

Dieser Börsenbericht wurde automatisiert mit Textomatic-Software unter Einbeziehung unveränderter Inhalte des Analystencheck erstellt.


Aus: "Vonovia-Aktie nahezu konstant" (19.11.2018)
Quelle: https://www.handelsblatt.com/boersenberichte/vonovia-aktie-wkn-a1ml7j-vonovia-aktie-nahezu-konstant/23652362.html?ticket=ST-4221442-yYErRafEIcRncnfOlR2C-ap6

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[...] Gerd Stimmelmaier hat gut zu tun. Der frühere Controller kümmert sich um die Nebenkostenabrechnungen vieler Mieter einer Wohnanlage im Münchener Vorort Neuried. Seit Vonovia die Anlage 2014 gekauft hat, wird es jedes Jahr teurer: der Winterdienst, der Hausmeister, das Rasenmähen. Warum? Stimmelmaier hat mehr als 600 Seiten Unterlagen ausgewertet, Rechnungen, Belege und Tätigkeitsnachweise. Hat Einzelbeträge zusammengezählt, Datumsangaben kontrolliert und geprüft, ob Arbeiten tatsächlich durchgeführt wurden.

Sein Fazit ist ernüchternd: Die Abrechnungen von Vonovia seien oft fehlerhaft, die vorgelegten Belege vielfach "dubios" - und die Kosten viel zu hoch. Dass sich ein profitorientierter Dax-Konzern wie Vonovia um seine Mieter kümmern würde, davon sind die Neurieder gar nicht ausgegangen. Doch nun glauben sie, dass Deutschlands größter Vermieter sie übervorteilt.

Vonovia selbst schreibt auf Anfrage, der Anspruch sei, "dass Nebenkostenabrechnungen transparent, nachvollziehbar und vor allem richtig sind". Sollte das einmal nicht der Fall sein, liege "ein bedauerlicher Fehler vor". Dem Konzern zufolge handelt es sich praktisch immer um "Einzelfälle".

Das ist, um es klar zu sagen, möglich. Vielleicht ist tatsächlich ein Großteil der Vonovia-Abrechnungen richtig. Vielleicht werden die Mieter tatsächlich Quartal für Quartal zufriedener, wie es der Vonovia-Kundenzufriedenheitsindex behauptet. Bei rund 350.000 Wohnungen und ebenso vielen Abrechnungen kann einen vollständigen Überblick nur einer bekommen: das Unternehmen selbst.

Doch die Mieter in Neuried sind nicht allein. Wer sich ansieht, wie Vonovia mit Mietern in Berlin, Hamburg, Dresden, Hannover, Potsdam, Konstanz, Köln, Magdeburg oder Witten umgeht, stößt auf die immergleichen Vorwürfe. Die Kosten steigen, die Rechnungen sind undurchsichtig und plausible Erklärungen liefert Vonovia oft nicht.

Eine SPIEGEL-Recherche ermöglicht nun Einblicke in eine regelrechte Gewinnmaschine, die sich Vonovia geschaffen hat. Eine Gewinnmaschine, die laufend mehr Geld in die Vonovia-Kasse spült - und die Mieter schon lange nicht mehr verstehen können.

Wer nach dem Ursprung der Gewinnmaschine fragt, wird vielleicht an der Frankfurter Börse Antworten finden. Dort glänzt der Dax-Konzern Vonovia seit Jahren mit rasantem Wachstum. Seit dem Börsengang im Jahr 2013 ist der Aktienkurs um 148 Prozent gestiegen.

Mit dem klassischen Vermietungsgeschäft hat das allerdings wenig zu tun - das bringt einfach zu wenig Profit. Mit Erhöhungen der Kaltmiete steigerte Vonovia seine Miete pro Quadratmeter im vergangenen Jahr um mickrige 1,6 Prozent, weniger als die Inflationsrate. Erst Modernisierungen von Wohnungen, die der Konzern auf seine Mieter umgelegt hat, brachten weitere 2,5 Prozent.

Seit Jahren kauft der Konzern Wohnungen auf, rund 350.000 sind es mittlerweile. Und nachdem der deutsche Markt abgegrast ist, geht es nun in Österreich, Frankreich und Schweden weiter.

Neben der Kaltmiete hat Vonovia die Nebenkosten seiner Mieter als Einnahmequelle entdeckt. Statt externe Firmen zu beauftragen, übernimmt der Immobilienkonzern viele Aufgaben mittlerweile mit eigenen Tochterfirmen und streicht die Profite ein. Der Schachzug ist clever: Vermieter haben große Freiheiten, wen sie etwa mit der Treppenhausreinigung oder dem Winterdienst betrauen. Und sie können auch selbst entscheiden, ob beispielsweise ein Spielplatz einmal im Monat kontrolliert wird, oder einmal in der Woche. Vonovia bestellt, Vonovia kassiert - und der Mieter muss zahlen.

Das mag nach einer Kleinigkeit klingen, nach dem Motto: Ist doch egal, wer den Schnee schippt. Doch es ist nichts weniger als eine Umkehr der Grundsätze, die bisher für Vermieter galten. Wer als Wohnungsbesitzer die Nebenkosten nur durchreicht, hat ein Interesse diese möglichst gering zu halten - umso mehr Kaltmiete kann er seinen Mietern abknöpfen, ohne dass die Gesamtmiete steigt. Wer aber - wie Vonovia - die Arbeiten selbst ausführt, profitiert von jeder kontrollierten Glühbirne.

Vonovia selbst nennt als einen Grund für das "Insourcing", dass "wir die Kosten und Qualität unserer Leistungen selbst in der Hand" haben. Aber kann der Konzern damit wirklich so viele Kosten sparen? Immerhin ist Vonovia bei Handwerksfirmen dafür bekannt, die Preise zu drücken. Als weiteren Grund gibt Vonovia an, die Kundenzufriedenheit mit den Angeboten aus der eigenen Hand zu steigern.

Zufrieden aber sind die Mieter, die sich beim SPIEGEL gemeldet haben, ganz und gar nicht. Ein einziger Artikel im Juni 2018 reichte aus, und Dutzende Leser meldeten sich in der Redaktion, die sich von Vonovia betrogen fühlen. Viele beklagen, dass alles prima funktioniert habe bis zu dem Zeitpunkt, als Vonovia vielen Betrieben vor Ort kündigte und selbst übernahm. Von da an seien die Leistungen schlechter geworden und die Kosten gestiegen - teilweise in großen Sprüngen.

So auch bei Gerd Stimmelmaier und seinen Mitstreitern der Wohnanlage in Neuried bei München. Dort kletterten die allgemeinen Stromkosten um mehr als 40 Prozent, die Kosten für den Winterdienst verdreifachten sich. In einer anderen Wohnanlage in Dresden stiegen die Kosten für die Pflege der Außenanlagen um 70 Prozent. Ebenfalls in Dresden und auch in einer Hamburger Wohnanlage wurde der Winterdienst um 1900 Prozent teurer, die Kosten für den Hauswart erhöhten sich in drei Jahren um 135 Prozent. Auch in einer Wohnanlage in Witten war es der Winterdienst, der mehr als 70 Prozent teurer wurde. In der Magdeburger Helmholtzstraße stiegen die Müllgebühren für Vonovia-Mieter um 164 Prozent, die Wassergebühren um fast 60 Prozent und die Kosten für Beleuchtung um 223 Prozent.

Wie kann das sein? Vonovia schreibt dazu, "Kostensteigerungen zum Vorjahr werden validiert und unterliegen einem Freigabeprozess". Stiegen die Kosten "signifikant", würden die Gründe in der Abrechnung erläutert. Bei den Mietern, mit denen der SPIEGEL gesprochen hat, fehlen diese Erklärungen aber. Als nachvollziehbar empfinden sie die Abrechnungen jedenfalls nicht.

Mieter haben das Recht, die Belege für die Betriebskostenabrechnungen einzusehen, auch wenn das unter Umständen recht kostspielig sein kann. Wer als Vonovia-Mieter versucht, davon Gebrauch zu machen, benötigt Durchhaltevermögen. Zwar wirbt Vonovia mit "schnellen Reaktionszeiten" im Kundenservice, in vielen Fällen aber werden Widersprüche von Mietern erst nach Wochen oder gar Monaten überhaupt beantwortet, die Bitte um Einsicht in die Rechnungsunterlagen entweder ignoriert oder rundweg abgelehnt.

Immer wieder, so berichten es Vonovia-Mieter, gebe das Unternehmen zudem an, Rechnungen oder Verträge "nicht zu finden". Vonovia räumt auf Nachfrage ein, dass es "in Einzelfällen" vorkommen könne, "dass Akten von den Vorgängerunternehmen nicht vollständig vorliegen".

Wer doch Unterlagen bekommt, der hat nachher oft mehr Fragen als Antworten. Besonders irritierend sind die Abrechnungen für die Hauswarte - eine Arbeit, die Vonovia vielfach mit eigenen Mitarbeitern übernommen hat. Rechnungen beziehen sich bei Vonovia zumeist auf ein "Leistungsverzeichnis" oder einen "o. g. Vertrag" - doch beides liegt den Mietern nicht vor. Für eine Berliner Wohnanlage rechnete Vonovia "Hausmeisterleistungen allgemein gemäß Leistungsverzeichnis" ab, Monat für Monat Tausende Euro.

Was dafür gemacht wurde, soll ein sogenannter Tätigkeitsnachweis von Vonovia belegen, der die Daten auflistet, an denen Hausmeisterarbeiten durchgeführt wurden. Im gesamten Jahr 2015 wurde demnach überhaupt nur an 47 Tagen gearbeitet. Dafür berechnet Vonovia den Mietern mehr als 43.000 Euro. Das entspricht einem Tagessatz von 930 Euro. In Neuried bei München ergeben sich dabei sogar deutlich mehr als 1000 Euro. Was passiert mit dem ganzen Geld?

Vonovia erklärt auf Anfrage, die Kosten würden "im üblichen Rahmen der Hauswartkosten" erhoben. Neben den reinen Lohnkosten würden auch Kosten abgerechnet, "die im Zusammenhang mit der Vertragserfüllung anfallen". Dazu zählten etwa die Ausstattung des Objektbetreuers mit einem Telefon, Fahrzeug und Werkzeug sowie die "Koordination der Einsätze". Doch darf Vonovia diese Kosten überhaupt umlegen? Im "Handbuch der Mietnebenkosten" heißt es dazu: "Kosten für Arbeitsmittel und Geräte" seien nicht umlegungsfähig. Auch bei Telefonkosten ist es zumindest strittig, ob diese umlegbar sind. Generelle Aussagen sind allerdings schwierig.

Zudem erklärt Vonovia, die Hausmeister seien häufiger in der Anlage als nur an den aufgeführten Tagen, manche Arbeiten seien nicht gesondert aufgeführt. Mit anderen Worten: Der Tätigkeitsnachweis, der Mietern geschickt wird, spiegelt die tatsächliche geleistete Arbeit gar nicht wider.

Erklären könnten sich die hohen Summen womöglich mit einer Art Taschenspielertrick: Vonovia stellt sich die Leistung der Tochterfirmen quasi selbst in Rechnung. Die Versuchung dürfte also groß sein, die Summe möglichst hoch anzusetzen: Die Gewinne der Tochterfirma fließen direkt in die Bilanz der Mutter ein. Überhöhte Preise würden nicht auffallen, Vonovia veröffentlicht die Bilanzen vieler Tochterfirmen nicht. Das ist zulässig, üblich und spart zudem Geld, transparent ist es dagegen nicht. Der Gewinn bliebe nach dem Prinzip "rechte Tasche, linke Tasche" im Unternehmen. Nur einer hätte das Nachsehen: der Mieter, der die überhöhten Preise zahlt, versteckt in der Betriebskostenabrechnung.

Vonovia schreibt dazu, man wolle möglichst viele Leistungen aus einer Hand anbieten, natürlich sei es "unser Ziel, die Kosten für die Mieter gering zu halten". Und weiter: "Wir orientieren uns an marktüblichen Preisen und arbeiten fortwährend daran, unseren Service noch effizienter und besser für den Kunden zu machen."

Zentral für diese Strategie sind vier Tochterfirmen. Erstens: die eigene Handwerkerorganisation Deutsche TGS. Zusammen mit Töchtern wie Vonovia Technischer Service Nord und Süd hat das Unternehmen rund 5000 Beschäftigte, die 2017 fast 600.000 Reparaturen durchgeführt und rund 40.000 leerstehende Wohnungen renoviert haben.

Zweitens: die Deutsche Multimedia Service GmbH, die seit 2011 in den Wohnungen des Konzerns Anschlüsse für Radio, Fernsehen und teilweise Internet installiert. Ein lukratives Geschäftsfeld, vor allem, weil die Mieter den Anschluss für monatlich zehn Euro gar nicht ablehnen können.

Einen besonders großen Kostenfaktor holte Vonovia sich, drittens, mit der Gründung der Hausmeisterorganisation Vonovia Immobilienservice GmbH zurück ins Haus. Statt Aufträge an andere Firmen zu vergeben, lässt Vonovia seine rund 800 eigenen Objektbetreuer die Arbeit machen. Und, viertens, beschäftigt der Konzern seit 2015 in der Vonovia Wohnumfeld Service GmbH weitere 600 Mitarbeiter. Die kümmern sich um die Außenanlagen der Gebäude, sie mähen Rasen, schneiden Bäume und Hecken, schippen im Winter Schnee.

Die Gewinnmaschine von Vonovia ist sorgsam versteckt, in einem Geflecht aus 350 Tochterunternehmen, verknüpft mit Gewinnabführungsverträgen, Cost-Plus-Vereinbarungen und umsatzsteuerlichen Organkreisen. Für den durchschnittlichen Mieter ist das alles schon lange nicht mehr verständlich.

Doch dahinter verbirgt sich eine Steuersparkonstruktion, die die Gewinnmaschine noch profitabler macht. Mit den eigenen Tochterunternehmen muss Vonovia für viele Leistungen nämlich keine 19 Prozent Mehrwertsteuer abführen, eine Regelung im Steuerrecht macht es möglich. Damit wirbt Vonovia auch bei seinen Mietern. So steht unter den Rechnungen beispielsweise: "Die Vonovia Wohnumfeld Service GmbH ist eine eigenständige Tochtergesellschaft der Vonovia SE. Daher können wir unseren Kunden unsere Dienstleistungen ohne Berücksichtigung einer Umsatzsteuer in Rechnung stellen."

In Neuried zweifelt man: 2015 erledigte dort eine externe Firma die Gartenarbeiten und berechnete dafür 9273,24 Euro inklusive 1480,60 Euro Mehrwertsteuer. Ein Jahr später stellte die Vonovia Wohnumfeld Service GmbH die exakt selbe Summe in Rechnung - dieses Mal ohne Umsatzsteuer. Steckt sich der Konzern die 19 Prozent in die eigene Tasche? So sieht es in den Unterlagen aus, die der Konzern seinen Mietern zeigt. Doch auf SPIEGEL-Nachfrage dementiert Vonovia. In beiden Jahren habe man dieselbe externe Firma beauftragt, die Umsatzsteuer wurde demnach abgeführt. Die eigene Tochterfirma wurde also nur zwischengeschaltet, gearbeitet hat sie gar nicht. Auch hier: Transparent ist das nicht.

Bei den Fernsehgebühren gibt es keine Erklärung: Nach Übernahme der Versorgung durch die Vonovia-Tochter Deutsche Multimedia Service GmbH stiegen die Preise leicht an, dabei sollten sie ja grundsätzlich mindestens um die gesparte Mehrwertsteuer von 19 Prozent kostengünstiger sein. Vonovia selbst wirbt sogar damit, dass "Preissenkungen von bis zu 40 Prozent für die Mieter erreicht werden" können und "bei einem Teil unserer Mieter" seien die monatlichen Kosten von "deutlich über 15 Euro auf durchschnittlich 10 Euro" gesunken.

Vollends absurd wird es, wenn Vonovia seinen Mietern Leistungen in Rechnung stellt, die es gar nicht geben kann. In Hamburg sollte eine Frau für einen Kabelanschluss bezahlen, den es in ihrer Wohnung nachweislich nicht gibt. Nach einer Beschwerde erstattete Vonovia zwar das Geld, doch im nächsten Jahr stand der Anschluss wieder auf der Rechnung.

Solche Phantom-Buchungen gibt es immer wieder, so werden etwa Kosten für Aufzugwartung berechnet, auch wenn es in dem Gebäude gar keine Fahrstühle gibt. In anderen Fällen werden Rechnungen doppelt gebucht. "Sollten die geschilderten Fallbeispiele zutreffen, liegt ein bedauerlicher Fehler vor", erklärt Vonovia auf Nachfrage.

In Witten streiten sich Mieter seit Jahren mit Vonovia über die Nebenkosten. Von 44 abgerechneten Winterdienst-Einsätzen im Jahr 2016 gab es den Mietern zufolge nur einen einzigen. Vonovia widerspricht: "Wir rechnen nur Leistungen ab, die auch erbracht wurden, und handeln für unsere Kunden marktübliche Preise aus." Es lägen "schriftliche Bestätigungen und Stellungnahmen der Dienstleister vor, die nachvollziehbar sind".

Hohe Kosten, Steuersparmodelle, unverständliche Belege und Phantom-Abrechnungen: alles Einzelfälle? Bedauernswerte Fehler und Missverständnisse?

Auf Fragen von Mietern und dem SPIEGEL gibt Vonovia nur zögerlich Antwort - oder gar nicht.

Wer aber den Kleinkrieg aufnimmt, hartnäckig Mahnungen und Klageandrohungen ignoriert und auf Aufklärung beharrt, der bekommt immer wieder recht: Dann nimmt Vonovia Mieterhöhungen zurück oder erlässt geforderte Betriebskostennachzahlungen zumindest teilweise. Man könnte loben, dass Vonovia reagiert, wenn sich jemand beschwert. Oder man könnte fragen, warum das Unternehmen Rechtsstreitigkeiten immer wieder mit einem Vergleich beendet und auf Geld verzichtet, das ihm rechtmäßig zustehen soll.

Noch jedenfalls steigert Vonovia die Einnahmen mit dem Geschäft mit eigenen Handwerkern, Gärtnern, Hausmeistern, Multimedia-Angeboten und Heizungsablesern kräftig, im vergangenen Jahr wuchs der Gewinn in dem Geschäftsbereich um fast 80 Prozent. Die Maschine läuft weiter auf Hochtouren - und das soll weitergehen: "Darüber hinaus stoßen wir mit unseren Dienstleistungen gerade in die Bereiche dezentrale Energieversorgung und Home-Automation vor", heißt es im Geschäftsbericht 2017.

Mieter, die mit den bisherigen Dienstleistungen des Konzerns Erfahrungen gesammelt haben, dürften die Ankündigung eher als Drohung empfinden. Gerd Stimmelmaier wird die Arbeit auch in den kommenden Jahren nicht ausgehen.


Aus: "Die Miet-Gewinnmaschine" Nicolai Kwasniewski und Philipp Seibt (19.11.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/vonovia-wie-der-wohnungskonzern-seine-mieter-schroepft-a-1238110.html

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Trollfrühstücker heute, 12:20 Uhr

Willkommen bei Vonovia

Als Vonovia-Mieter können ich und alle meine Nachbarn in einem Mehrfamilienhaus das bestätigen: nie in meinem langen Leben habe ich erlebt, dass ein Vermieter die rücksichtslose Ausbeutung von Mietern so konsequent und routiniert betreibt. Man läßt keine Chance aus, Mieten und Nebenkosten heraufzutreiben, Mieter zu drangsalieren um immer noch mehr Geld zu verdienen. In Paragraf 14 des Grundgesetzes steht: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." Vonovia lacht sich vermutlich darüber kaputt.


http://www.spiegel.de/forum/wirtschaft/vonovias-profit-mit-nebenkosten-die-miet-gewinnmaschine-thread-829389-1.html

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« Reply #829 on: November 21, 2018, 11:11:50 vorm. »
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[...] [Es] ... hatte eine Investmentgesellschaft das Haus gekauft. Kurze Zeit später die erste Anzeige auf einem Immobilienportal: Zweieinhalb Zimmer sollen jetzt 1500 Euro kalt kosten – eine Mietsteigerung von 24 Prozent. Kein Wunder, dass die Angst vor steigenden Mieten und langfristiger Verdrängung da ist.

Die Bewohner kritisieren vor allem die Stadt. Sie hätte nach ihrer Meinung dem Investor zuvor- kommen können, denn für das Gebiet rund um das Haus gilt eine Milieuschutzsatzung. Auf deren Grundlage hätte die Kommune per Vorkaufsrecht das Haus erwerben oder mit einer Abwendungserklärung bestimmte Luxusmodernisierungen untersagen können.

Hat sie aber nicht. Von „krasser Augenwischerei“ ist deshalb bei den Mietern die Rede. Es ist ihr erstes Treffen mit der Gewissheit, dass die Stadt nicht handeln wird. Begründung: Die Mieten lägen schon jetzt über dem Niveau des Mietspiegels, das Milieu des Hauses sei deshalb nicht mehr schützenswert.

Seine Bewohner sehen das anders. Der FR liegt ihre E-Mail an den Liegenschaftsdezernenten Jan Schneider (CDU) vor. Darin wundern sie sich, wie das ihm unterstellte Amt für Bau- und Immobilienaufgaben ihre eigenen Mieten mit dem Mietspiegel vergleichen kann, ohne die Wohnungen gesehen zu haben. Schließlich hängt die ortsübliche Vergleichsmiete, die sich mit Hilfe des Mietspiegels berechnen lässt, beispielsweise auch von der Badausstattung ab. „Also wenn, dann sollte man den Mietspiegel richtig anwenden“, sagt eine Mieterin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Nach Kalkulation der Hausbewohner liegen ihre Mieten „weitgehend innerhalb oder nur knapp oberhalb des örtlichen Mietspiegels“.

Generell müsse die Stadt endlich handeln, um dem „nachvollziehbaren Investorenverhalten“ einen Riegel vorzuschieben, sagt eine andere Bewohnerin. „Nur weil ein Investor auf einem Aktienmarkt kein Geld mehr verdient, wollen wir nicht mehr zahlen.“ Die Kommune agiere zu zögerlich, was den Milieuschutz angehe: „Nichts zu tun ist eben rechtssicherer als etwas zu tun.“

Ein Vorwurf, den man den Mietern der Adalbertstraße 11 nicht machen kann. Schon Anfang August, als es erste Anzeichen für einen möglichen Hausverkauf gab, wandten sie sich mit der Bitte um Milieuschutz an die Stadt. Trotz Nachfragen erhielten sie monatelang keine Antwort. Erst Anfang November erfuhren sie aus der Presse, dass die Stadt untätig bleibt. Dafür mussten sie aktiv an die Öffentlichkeit gehen, haben vor dem Ortsbeirat und städtischen Hauptausschuss ihr Anliegen vorgrtragen. Mehrere Zeitungen und auch das Fernsehen berichteten.

Von einzelnen Medien haben sich die Bewohner zu stark als Opfer dargestellt gefühlt. „Das war schon sehr überspitzt“, sagt eine Mieterin, „wir sind nicht die, die auf die Straße gesetzt werden.“ Marie-Lena Barth, die ebenfalls im Haus wohnt, pflichtet ihr bei: „Das ist genau der Punkt, wir sind jetzt nicht so die krass prekäre Schicht.“ Im Gegensatz zu anderen hätten sie jedoch die Möglichkeit, Öffentlichkeit herzustellen und sich zu wehren.

...


Aus: "Wohnen in Frankfurt „Krasse Augenwischerei“" Max Söllner (19.11.2018)
Quelle: http://www.fr.de/frankfurt/wohnen/wohnen-in-frankfurt-krasse-augenwischerei-a-1623630,0

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« Reply #830 on: November 22, 2018, 07:32:18 vorm. »
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[...] Mehr als 15.000 Menschen in Österreich waren im Vorjahr wohnungslos, rund 10.000 davon lebten in Wien. Das ist ein Drittel mehr als noch vor zehn Jahren. Und längst handelt es sich dabei nicht mehr nur um jene, die abschätzig "Sandler" genannt werden und die im Weichbild der properen Innenstädte von vielen nur ungern gesehen werden. Immer öfter sind es Angehörige der Mittelschicht, die so wie James Winkler manchmal trotz eines fixen Arbeitsplatzes auf der Straße landen. ...

... "In Wien sind aktuell 11,3 Prozent der Bevölkerung wohnkostenüberbelastet", sagt Martin Schenk, Mitbegründer der Armutskonferenz und Sozialexperte der Diakonie. "Das bedeutet, die gesamten Unterkunftskosten machen mehr als 40 Prozent des verfügbaren Haushaltsnettoeinkommens aus. Bei Menschen mit geringem Einkommen liegen die Mietkosten oft noch höher – bei 60 oder 70 Prozent des Einkommens." Es sind Beträge, die sich in Notsituationen nur schwer stemmen lassen.

...


Aus: "Die neuen Wohnungslosen" Verena Randolf (19. November 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/2018/47/obdachlosigkeit-oesterreich-wien-mietpreise-sozialleistungen-mittelschicht/komplettansicht

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« Reply #831 on: November 23, 2018, 06:20:02 nachm. »
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[...] Carsten Brückner ist seit zehn Jahren Vorsitzender des Landesverbands Haus & Grund Berlin und seit 15 Jahren Vorsitzender des Ortsvereins Neukölln. Der promovierte 51-Jährige ist Fachanwalt für Miet- und Wohnungseigentumsrecht. Der Interessenverband Haus und Grund vertritt in Berlin rund 9000 Eigentümer. Sie sind zum Teil private Wohnungseigentümer, teils Eigentümer einer oder mehrerer Immobilien, die sie vermieten.

Herr Brückner, Sie vertreten mit dem Landesverband des Vereins Haus & Grund die Immobilieneigentümer Berlins. Was meinen Sie? Wem gehört Berlin?

Brückner: Berlin ist größtenteils eine Mieterstadt, das Eigentum ist wenig verteilt. Statistisch gesehen ist davon aber weit mehr als die Hälfte in privater Hand – nicht bei den Großinvestoren, sondern bei „Lieschen Müller“. Genaue Zahlen für Berlin sind mir aber nicht bekannt.

In den letzten Jahren drängen immer größere neue Investoren auf den Berliner Immobilienmarkt. Welche Effekte hat das für kleinere Eigentümer?

Brückner: Vor allem ist der Immobilienmarkt von der Politik zum Betätigungsfeld einer Neiddebatte gemacht worden. Zwischen dem einzelnen privaten Eigentümer und großen Investoren wird kein Unterschied mehr gemacht – angeblich beteiligen sich alle an der Spekulation, treiben die Preise hoch und modernisieren die Leute raus. Das ist schlicht die Unwahrheit.

Haben Sie dafür Belege?

Brückner: Die Begründung für die Mietpreisbremse ist doch, dass die Vermieter die Mieten über das zulässige Maß hinaus erhöhen würden. Wir machen regelmäßig Untersuchungen bei denen herauskommt, dass die meisten Vermieter während eines Mietvertrags gar nicht erhöhen. Manche haben ein enges Verhältnis zu ihren Mietern, andere kennen ihre Möglichkeiten nicht. Bei der Kritik am Immobilienmarkt in den letzten Jahren ging es also um wenige Große.

Wie könnte man denn den Frieden wiederherstellen?

Brückner: Vor allem durch weniger Reglementierungen. Je mehr es davon für Immobilien gibt, desto weniger Spaß macht es, eine Immobilie zu haben. Irgendwann sparen sich die kleinen Eigentümer den Stress und verkaufen ihre Immobilien zu derzeit höchst lukrativen Preisen. Die komplizierten Regelungen beeinträchtigen die großen Unternehmen am wenigsten. Denn die haben Rechtsabteilungen. Der Staat sollte sich also überlegen, ob er wirklich so viele Gesetze und Verordnungen erlässt.

Und die kleinen Eigentümer wollen die Miete gar nicht erhöhen?

Brückner: Was man einfach mal sagen muss: Wir machen das nicht ehrenamtlich. Jeder möchte Geld verdienen. So ein Haus ist wie ein kleines Wirtschaftsunternehmen und jeder Eigentümer hat eine Verantwortung diesem Unternehmen gegenüber. Der Senat versucht derzeit aber ja vor allem zu verhindern, dass Immobilien gekauft, aufgeteilt und erneut veräußert werden.

Weil dann eine größere Gefahr der Eigenbedarfskündigung besteht, oder?

Brückner: Jeder neue Wohnungseigentümer ist erstmal ein potentieller Eigenbedarfskandidat. Allerdings wird dadurch auch wieder privates Eigentum geschaffen. Das Aufteilen und Wiederverkaufen ist also nur eine Durchgangsstation und führt letztlich zu mehr Wohnungseigentümern. Das ist positiv! Es sind ja auch Mieter dabei, die erwerben.

Warum wäre es positiv, wenn mehr Mieter zu Eigentümern werden?

Brückner: Je mehr Eigentümer vorhanden sind, desto mehr muss sich der Staat auch mit ihren Interessen beschäftigen. Zum Beispiel mit Maßnahmen gegen steigende Baupreise und Regularien. Außerdem ist es für Gebäude positiv, wenn jemand darein investiert. Das ist wichtig für die Attraktivität der Stadt.

Zur Attraktivität Berlins haben auch die günstigen Mieten gehört. Das ist nicht mehr so. Ist die Mietpreisbremse gescheitert?

Brückner: Ja! Die Mietpreisbremse ist eines der besten Beispiele dafür, wie verlogen Politik sein kann. Das vorgeschobene Anliegen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, wird dadurch verhindert. Jetzt sollen künftig sogar Neubauten der Mietpreisbremse unterliegen. Dann baut doch keiner mehr!

Welche Maßnahmen wären denn effektiver, um die Stadt für alle bezahlbar zu halten?

Brückner: Ich glaube, wir müssen uns davon verabschieden, dass Berlin für alle bezahlbar bleibt. Wenn ich es mir nicht mehr leisten kann, egal, ob wegen wirtschaftlicher Einbußen oder einer Mieterhöhung, dann muss ich das akzeptieren. Es gibt kein Naturgesetz, das mir das Recht gibt, für immer in meiner vertrauten Umgebung zu bleiben. Und es ist noch eine ganz andere Frage, ob die zu berücksichtigen sind, die noch zusätzlich in die Stadt kommen. Die können sicher keinen Anspruch auf niedrige Mieten erheben.

Folgendes reales Beispiel: ein 80-jähriger Rentner muss nach 40 Jahren aus seiner Wohnung in Steglitz ausziehen, weil er die Miete nach der letzten Erhöhung nicht mehr bezahlen kann. Er sagt: „Ich wollte hier nur noch in Ruhe sterben“. Was sagen Sie so jemandem?

Brückner: Wenn es der Staat mit der Mietpreisbremse ernst gemeint hätte, hätte er uns Eigentümer das Gesetz schreiben lassen. Man könnte eine Kappungsgrenze für soziale Härtefälle einführen, wie es sie bei der Modernisierungsmieterhöhung schon gibt. Sie liegt bei 30 Prozent des Haushaltseinkommens. Realistischer wären 40 Prozent. Dann könnte ich mir das auch für normale Mieterhöhungen vorstellen. Eine Mieterhöhung wäre dann nicht mehr möglich, wenn der Mieter nachweist, dass er das nicht bezahlen kann. Gleichzeitig müsste der Staat ausgleichend einspringen und die Differenz bezahlen.

Mit der Recherche „Wem gehört Berlin?“ wollen der Tagesspiegel und Correctiv aktuell herausfinden, wem besonders viele Wohnungen in der Stadt gehören und wer unverantwortlich damit umgeht. Sie kritisieren das auf einer Webseite mit dem Titel „Datenkrake Tagesspiegel“ und rufen auf, dagegen zu „mobilisieren“. Wovor haben Sie denn Angst?

Brückner: Meine Besorgnis ist nicht, dass irgendetwas Geheimes herauskommt. Es geht mir einzig um den Datenschutz der Eigentümer. Mit den neuen gesetzlichen Regelungen hat jeder den Datenschutz zu berücksichtigen. Ich gehe davon aus, dass Mieter nicht deren Informationen weitergeben dürfen.

Als Redaktion darf uns jeder Bürger jederzeit Informationen zu Recherchezwecken übermitteln. Das ergibt sich aus der im Grundgesetz verankerten Pressefreiheit. Sonst könnten wir nie kritisch recherchieren.

Brückner: Ich sprach aber vom Datenschutz der Vermieter.

Die Datenschutzgrundverordnung sieht explizit eine Ausnahme für Medienvertreter vor und erlaubt die Erhebung personenbezogener Daten ohne Einwilligung der Betroffenen, soweit dies zu journalistischen Zwecken geschieht. Unsere Motivation ist, mehr Transparenz auf dem Berliner Immobilienmarkt zu schaffen. Was können Sie dagegen haben?

Brückner: Solche Aufrufe an Leute, alles mitzuteilen, finde ich grundsätzlich falsch. Ich sehe das in einer Reihe mit der Internetplattform, die der Senat im Zusammenhang mit dem Zweckentfremdungsverbotsgesetz eingerichtet hat, bei der Bürger dieser Stadt anonym Leute melden können, die eine Ferienwohnung anbieten oder ihre Wohnung leer stehen lassen. Das ist auch falsch. Meiner Meinung nach kommt es einer Recherche nicht zu, zugunsten der Mieter für mehr Transparenz zu sorgen.

In anderen Ländern gibt es öffentliche Immobilienregister. Gäbe es so etwas in Deutschland, bräuchten wir so eine Recherche nicht. Was halten Sie von einem solchen Register?

Brückner: Ich wüsste auf Anhieb nicht, was dagegenspräche, auch Immobilien einem solchen Register zuzuführen, ähnlich wie dem Handelsregister. Dafür müsste es aber neue gesetzliche Regelungen geben. Und festgelegt werden, wer was darin einsehen darf.


Aus: "Interview mit Eigentümerverband: "Wir müssen uns davon verabschieden, dass Berlin für alle bezahlbar bleibt""
Hendrik Lehmann, Niklas Liebetrau (23.11.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/immobilien/interview-mit-eigentuemerverband-wir-muessen-uns-davon-verabschieden-dass-berlin-fuer-alle-bezahlbar-bleibt/23671344.html

Quote
karl-der-baer 15:01 Uhr
Großartig! – Bei diesen „Aussagen“ eines Carsten Brückner bleibt ja kein Auge trocken!

    Wenn es der Staat mit der Mietpreisbremse ernst gemeint hätte, hätte er uns Eigentümer das Gesetz schreiben lassen.

Das hätten der Herr wohl gerne, dass ein neofeudales Patriziat alleine über Recht und Gesetz entscheidet. ...

    Ich glaube, wir müssen uns davon verabschieden, dass Berlin für alle bezahlbar bleibt. Wenn ich es mir nicht mehr leisten kann, egal, ob wegen wirtschaftlicher Einbußen oder einer Mieterhöhung, dann muss ich das akzeptieren. Es gibt kein Naturgesetz, das mir das Recht gibt, für immer in meiner vertrauten Umgebung zu bleiben.

Und woher nimmt sich Herr Brückner das „Recht“, solcherlei zu „entscheiden“? – Ein derart offenes „Plädoyer“ für den puren „Wilden Westen“ macht aber offenbar keinem der hier Beteiligten Schluckauf, am wenigsten wohl Brückner selbst.
 
Es zeigt sich recht präzise, was der neoliberalistische Putsch „in the western world“ 1979 bis 1983 nachhaltig in den Köpfen (und den „Seelen“) bis heute angerichtet hat. Es muss sich also niemand darüber „wundern“, wenn dies im verkündeten „Sinne“ genauso weitergeht und sich entsprechend zuspitzt.


Quote
sct 13:59 Uhr

Bei solchen Interviews frage ich mich immer ob der Interviewpartner denn wenigstens selber von dem überzeugt ist, was er da so von sich gibt. ...


Quote
Pedro_Garcia 15:29 Uhr
Was ich von Typen wie Herrn Brückner und Konsorten halte, mit ihrer arroganten, verächtlichen Haltung, darf ich hier ja leider nicht schreiben. Es würde bei den Admins hängen bleiben und wäre wahrscheinlich auch strafrechtlich relevant.
Schade....


Quote
reporterchen 17:41 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Pedro_Garcia 15:29 Uhr

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Sie der Vertreter einer schweigenden, übergroßen Mehrheit sind.


Quote
ueberblicker 14:45 Uhr
Ich sag`s,  wie`s ist : Vermieter sind nicht die CARITAS.
Wer in einer interessanten Gegend einer (Groß)Stadt leben will, muss sich mit entsprechend hohen Mieten abfinden oder
ggf. selbst Eigentümer werden, mithilfe von Bankkrediten oder einer Bausparkasse. Kapitalismus...
Wer eine hohe Miete nicht aufbringen kann, weil sie sein Budget durcheinanderbringt, muss mit weniger Raum vorlieb nehmen oder
in eine Gegend ausweichen, wo er preisgünstiger wohnen kann, allerdings oft mit dem Nachteil weiterer Wege zum Arbeitsplatz
und der damit verbundenen Nachteile, irgendwie dahin zu kommen, an Arbeitstagen.

In kleineren Städten mit weniger Freizeit- oder Marktwert besteht
u. U. noch die Möglichkeit, angenehmen Wohnraum zu Mieten
zu bekommen, die erschwinglicher sind.
So sieht`s aus.


Quote
matze0106 15:49 Uhr
Antwort auf den Beitrag von ueberblicker 14:45 Uhr

Und soll es Ihrer Meinung nach so bleiben?


Quote
Griebnitzsee 14:32 Uhr

    "Wir müssen uns davon verabschieden, dass Berlin für alle bezahlbar bleibt"

Das Schlimme an seiner Aussage ist nicht, daß er sie tätigt. Das Schlimme ist, daß es eine Gesellschaft geduldet und durch Wahlen selbst mit vorbereitet hat, daß diese Asolzialität heute Notmalität ist.

Wer ist also schuld, wer asozial?

Der, der es versteht sich in dem geschaffenen Rahmen Vorteile zu verschaffen oder der, der diesen Rahmen schuf bzw. es zugelassen hat, das solche Zustände entstehen konnten?


Quote
schoeneberger 15:36 Uhr
Dieses Interview macht mich so dermaßen wütend. Hat Herr Brückner eigentlich Kontakt zur Bevölkerung, die jeden Monat ihre Miete zusammenbekommen muss und eben nicht mit goldenem Löffel im Mund geboren wurde, so dass sie sich 'Wohneigentum' leisten kann? ...


Quote
margin_call 14:29 Uhr

    "Wir müssen uns davon verabschieden, dass Berlin für alle bezahlbar bleibt"

Spätestens dann Herr Brückner, wenn sich eine Krankenschwester, ein Klempner, die Kitabetreuerin Ihrer Kinder, der Müllmann, der Polizist, der Feuerwehrmann und viele andere sich Berlin nicht mehr leisten können, werden Sie merken was Sie angerichtet haben. ...


...

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« Reply #832 on: November 25, 2018, 11:31:16 vorm. »
Quote
[...] Renault-Chef Carlos Ghosn soll sich viele Millionen Euro erschlichen haben. Und er ist nicht der einzige Fall: In der Autobranche regieren die Chefs wie Monarchen. ...


Aus: "Gestürzt über die eigene Gier" Georg Blume, Dietmar H. Lamparter, Felix Lill u.a. (Nov. 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/2018/48/carlos-ghosn-renault-chef-bereicherung-frimenvermoegen-automobilbranche

-

Quote
[....] Mit einer höheren Kraftstoffsteuer will Frankreichs Staatschef Macron eigentlich bloß die Umwelt schützen. Doch der Vorstoß begeistert viele Franzosen ganz und gar nicht. Landesweit kommt es zu Ausschreitungen. Besorgt ist die Regierung dennoch nicht.


Aus: "Tränengas gegen "Gelbwesten" - Wut auf Macron entlädt sich in den Straßen von Paris" (24.11.2018)
Quelle: https://www.n-tv.de/mediathek/videos/politik/Wut-auf-Macron-entlaedt-sich-in-den-Strassen-von-Paris-article20738208.html

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« Reply #833 on: November 25, 2018, 05:22:14 nachm. »
Quote
[...] Hamburg – In der Spendenaffäre um die AfD und ihre Fraktionschefin Alice Wedel führt laut Spiegel eine Spur zum Milliardär August von Finck, der in der Schweiz lebt und oft konservative Parteien unterstützt hat. Seine Emissäre seien in die Planung der AfD-nahen Zeitung "Deutschland Kurier" eingebunden.

Bereits in den der 90er Jahren habe er die erste Anti-Euro-Partei "Bund freier Bürger" mit 4,3 Millionen Euro unterstützt, so der "Spiegel". Finck sei zudem über seine Handelsfirma Degussa an einem lukrativen Goldhandel beteiligt gewesen, mit dem die AfD in den ersten Jahren ihre finanzielle Basis stärkte. (red, 23.11.2018)


Aus: "Milliardär Finck soll hinter Afd-Spende stecken" (23. November 2018)
Quelle: https://www.derstandard.de/story/2000092143562/milliardaer-fincksoll-hinter-afd-spende-stecken

Quote
casapace

Na und?



Quote
papadimos

Die "Spende" war heimlich und illegal, klar?



Quote
Ruabnzuzla

Sollte eigentlich den protestierenden Arbeitern zu denken geben, wenn Milliardäre die von ihnen präferierten Parteien sponsern !


Quote
ameyechi

Zeigt, dass der rechte Rand nicht, wie immer wieder so hingestellt wird, nur von den Verlierern und Wütenden, sondern auch von sehr reichen und mächtigen Menschen stark gemacht wird. Ist aber auch nichts neues.


Quote
DerSuttner

Ohne Milliardenspenden der Deutschen Industrie wäre die CDU in den 1990ern nicht mehr wahlkampffähig gewesen
Helmut Kohl begann und beendete seine 16 jährige Amtszeit mit einem millionenschweren Parteispendenskandal.

Verantworten musste Kohl sich nicht.
Bis zu seinem Tod blieb er der größte von der Justiz verschmähte Steuerhinterzieher.


Quote
boulder64

finck, nicht flick.....alle buchstaben langsam hintereinander lesen....


Quote
LaTuja

Sein Vater war ein Hitler -Bewunderer und arisierte jüdische Banken
... Finck gehörte zu einer Gruppe von Industriellen, die sich Mitte 1931 mit Adolf Hitler im Berliner Hotel Kaiserhof trafen und der NSDAP zusagten, im Falle eines Linksputsches 25 Millionen Reichsmark zur Verfügung zu stellen. Er war einer der Teilnehmer des Geheimtreffens vom 20. Februar 1933 von Industriellen mit Hitler, bei dem ein Wahlfonds von 3 Millionen Reichsmark für die NSDAP beschlossen wurde. (Version vom 24. November 2018 um 20:59 Uhr)
https://de.wikipedia.org/wiki/August_von_Finck_senior


Quote
Anstandsdame

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.


Quote
new jersey

Und?


Quote
Beobachter zweiter Ordnung

und was? nix verstehen?


Quote
kaleb

naziunterstützung ist familientradition


Quote
Miesepete

Die AfD ist halt die Partei des kleinen Mannes!


Quote
EUphoriker

Ein Milliardär wie du und ich...


Quote
Trans-Danubier

Na da hat die AfD ja Glück dass es ein Schweizer und kein Russe war - bei einem Russen wäre das sicherlich wieder "Einmischung" genannt worden, bei einem Schweizer ist es ein Kavaliersdelikt


Quote
Dilbert

Das Kapital und der Faschismus haben sich schon immer prächtig verstanden.


Quote
Replagiator

Das sagte schon Max Horckheimer 1933: Wer über den Kapitalismus nicht sprechen will, der sollte zu Faschismus schweigen.


Quote
Protagoras v. Abdera

Das Muster ist geradezu typisch. Vor der Bühne werden den Menschen billige Räubergeschichten erzählt, die die Ursachen der sozialen Ungleichheit vernebeln und auf marginalisierte Gruppen projizieren, hinter der Bühne wird das Geld von denen eingesteckt, die von dieser wachsenden Ungleichheit profitieren und vorantreiben.


Quote
Dr.MiletThales

... Warum können Milliardäre nicht was vernünftiges mit ihrem Geld machen? ...


Quote
DRIVER 8

Es geht auch darum, das Aufkommen von wirklich linken Parteien zu verhindern.
Nicht umsonst heißt es, dass der Faschismus nur ein knüppelbewehrter Abwehrmechanismus des Kapitalismus sei.

Das war in den 30er Jahren so und daran hat sich nichts geändert.


Quote
ino

Überraschung!!!

Das Großkapital kauft sich gern strammrechte Verteidiger der althergebrachten Ordnung ein, weil es keine kritische Nachfrage nach der Legitimation seines Reichtums will.
Was Hugenberg, Thyssen und die IG Farben in den 30er Jahren verbockt haben, das können Finck, Pierer und die Dichands 80 Jahre später genau so gut.


Quote
Helmut Wolff

Im Grundgesetz steht noch mehr: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen."


Quote
dasandere

Die Rechtsradikalen und das Hochkapital
seit 1933 eine Lovestory....


Quote
Holgi

Cooles Posting. Damit holen sie beide Seiten ab.




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« Reply #834 on: November 25, 2018, 05:52:27 nachm. »
Quote
[...] HAMBURG taz | Sie kamen zu acht, gegen drei Uhr in der Nacht. Sie weckten die Eritreerin Selam*, die in der Schutzunterkunft für Frauen und ihre Kinder am Kaltenkircher Platz in Hamburg untergebracht ist. Weil sich die 31-Jährige weigerte mitzukommen, legten sie ihr Handschellen an. Die lagen so eng an, dass Selams Handgelenke noch Tage später aufgeschürft sind. Es ging hinein in einen Polizeibus, Kurs Düsseldorf. Dort, so wurde der im fünften Monat schwangeren Selam angekündigt, werde sie in einen Flieger gesetzt, der sie nach Italien bringe. In jenes Land, in dem sie nach ihrer Bootsflucht aus Libyen zuerst europäischen Boden betreten hatte und registriert worden war.

Doch es kam anders. In Düsseldorf angekommen, wurde sie von den dortigen Polizisten gefragt, ob sie überhaupt nach Italien ausreisen wolle. Selam verneinte, sie nahmen ihr die Handschellen ab, brachten sie zum Düsseldorfer Hauptbahnhof und setzten sie in den Zug nach Hamburg. Am späten Nachmittag traf sie völlig erschöpft wieder in ihrer Unterkunft ein. Gut vier Wochen ist das jetzt her und noch immer ist unklar, wieso Selam doch bleiben durfte.

Klar ist aber: Es ist kein Einzelfall. Noch immer werden Schutzsuchende mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen, um sie abzuschieben – in ihr Herkunftsland oder in das europäische Land, das nach dem Dublin-III-Abkommen für die Bearbeitung ihres Asylantrags zuständig ist. In vielen Hamburger Sammelunterkünften kommt es deshalb regelmäßig zu nächtlichen Tumulten.

„Nach unserer Beobachtung ist die schreckliche Praxis der nächtlichen Abschiebungen noch immer die Regel und nicht die Ausnahme“, sagt Christiane Schneider, Bürgerschaftsabgeordnete der Hamburger Linken. Nicht nur für die direkt Betroffenen, auch für die anderen Bewohner*innen der Unterkünfte sei das ein hoch belastendes Verfahren, denn es könne jeden treffen, der offiziell ausreisepflichtig sei. Für die Menschen, die durch dieses Prozedere oft aus dem Schlaf gerissen werden, erhalte „die Angst, der nächste zu sein, jede Nacht neue Nahrung“, sagt Schneider.

Eine der Nächsten könnte Eden* sein, auch ihr droht die Überstellung nach Italien. Die 24-Jährige stammt ebenfalls aus Eritrea und ist in der Schutzunterkunft am Kaltenkircher Platz untergebracht. Sie hat Post von der Hamburger Ausländerbehörde bekommen: Sie möge ihre Unterkunft vom kommenden Freitag ab 18 Uhr und bis zum nächsten Morgen nicht verlassen. „Dieses Schreiben ist eine sogenannte Meldeauflage, mit der die Ausländerbehörde die ausreisepflichtigen Personen über den konkreten Termin der Abschiebung im Rahmen des Dublin-Übereinkommens informiert“, erklärt Behördensprecher Matthias Krumm. Bei Zuwiderhandlung gegen die Aufforderung, die Unterkunft über Nacht nicht zu verlassen, droht sogar Abschiebehaft. Das bestätigte die Ausländerbehörde der taz.

Doch diese Aufenthaltspflicht ist rechtlich fragwürdig. Das Lüneburger Oberverwaltungsgericht hat diese Praxis für rechtswidrig erklärt und seine Entscheidung damit begründet, dass der verordnete Hausarrest eine Freiheitsentziehung sei, für die es im Aufenthaltsgesetz keine Rechtsgrundlage gibt. Mehrere Kammern des Hamburger Verwaltungsgerichts haben sich dieser Rechtsauffassung bereits angeschlossen.

Trotzdem gehören nächtliche Polizeieinsätze in Flüchtlingsunterkünften und auch Abschiebungen aus der Ausländerbehörde heraus noch immer zur Hamburger Normalität. Jedes Mal also, wenn Selam und Eden monatelang fast einmal pro Woche in die Ausländerbehörde gehen mussten, um ihre Duldung verlängern zu lassen, ging die Angst mit. „Bei jeder Visite der Ausländerbehörde besteht die Gefahr, festgenommen und abgeschoben zu werden“, erklärt ein Betreuer der Schutzeinrichtung am Kaltenkircher Platz.

„In Hamburg finden Abschiebungen aus der Ausländerbehörde oder nachts nicht regelhaft statt“, spielt Matthias Krumm die Dimension der Zwangsmaßnahmen herunter. Wenn doch, geschehe das aus „organisatorischen Gründen“ und „zur Sicherung der Rückführungsmaßnahme“, da „die Ausländerbehörde bundesgesetzliche gehalten“ sei, „die Ausreise durchzusetzen“.

Für Selam, die inzwischen im sechsten Monat schwanger ist, könnte die Geschichte nun doch noch ein gutes Ende nehmen. Nach vielen kurzfristigen Duldungen hat sie jetzt eine sechsmonatige Aufenthaltsgestattung bekommen – und damit über die Geburt ihres Kindes hinaus. Damit ist dann Deutschland für ihr Asylverfahren zuständig und da stehen die Chancen der 31-Jährigen nicht schlecht. Im vergangenen Jahr wurden über 95 Prozent der in Deutschland von Eritreer*innen gestellten Asylanträge angenommen.

*Namen geändert 


Aus: "Die Angst ist immer da" Marco Carini (25.11.2018)
Quelle: http://taz.de/!5550419/


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« Reply #835 on: November 25, 2018, 06:47:19 nachm. »
Quote
[...] Merz würde vermutlich nie so über sich denken, aber sein Glaube, er könne trotz seines Vermögens noch Mittelschicht sein, verrät auch eine gewisse Klassenmelancholie. Für seine zu groß geschnittenen Jacketts würde er von geborenen Aristokraten oder gelernten Dandys belächelt. Um dieser Art der Oberschicht anzugehören, fehlen ihm Verschwendungssinn und Stilbewusstsein. Doch auch sein soziales Downgrading funktioniert nicht mehr. Wenn Härte gegen einen selbst und Respekt gegenüber anderen genügten, um zur gesellschaftlichen Mitte zu gehören, dann müsste diese Regel ja für alle gelten. Das erkläre man einmal den bis zu 15 Millionen Armutsgefährdeten in Deutschland. Viele von ihnen verwenden ihre Disziplin darauf, als working poor im Geschäft oder als ALG-II-Empfänger auf der Bezugsliste der Sozialämter zu bleiben.

Aus sozioökonomischer Sicht war die Mittelstandsgesellschaft mit dem Beginn der Agenda-Reformen 2003 am Ende. Rot-Grün reduzierte die soziale Statussicherung und knüpfte die Grundsicherung an Bedingungen: Nach einem Jahr Arbeitssuche konnte man nun die Erfahrung machen, dass sich schon einige Tausend Euro Geldvermögen negativ auf den Sozialhilfesatz auswirken. Man fiel schneller aus der Mittelschicht heraus und kam schwieriger wieder in sie hinein. Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und der World Inequality Report 2018 belegen, dass die Einkommensunterschiede in Deutschland seit 1990 gewachsen, die Ober- und Unterschicht größer, die Mittelschicht kleiner geworden ist. Ungerechter sei Deutschland trotzdem nicht, hält der Ifo-Präsident Clemens Fuest dagegen: Divergierende Bruttolöhne würden durch den Sozialstaat kompensiert.

Oft wird behauptet, die Agenda-Reformen spielten für die Selbstwahrnehmung der gesellschaftlichen Mitte keine große Rolle mehr, seit über die stark gesunkene Arbeitslosigkeit fast gar nichts mehr, über fehlende Fachkräfte und offene Lehrstellen dafür umso mehr berichtet wird. Auf ein ziemlich großes Mittelklassenmilieu – auf die regulär in der Industrie beschäftigten Facharbeiterinnen und Facharbeiter – dürfte das nicht zutreffen. In seinem gerade erschienenen Buch Die Politische Ökonomie des Populismus zeigt der Politikwissenschaftler Philipp Manow eindrücklich, dass die Erfahrung vergangener Arbeitslosigkeit sowie die bloße Möglichkeit, den sozialen Status zu verlieren, das Wahlverhalten dieses Milieus erheblich beeinflusst. 

... Wer nicht fürchtet, nach unten aus der Mitte herauszufallen, der wünscht sich, oben aus ihr herauszustechen: Das zeigt der Blick auf ein anderes Mittelschichtsmilieu, das der urbanen, weit gereisten, interkulturell sozialisierten Akademiker. Der Soziologe Andreas Reckwitz hält es für so bedeutsam, dass er in ihm eine "neue Mittelschicht" gekommen sieht, die sich von den in Flächendeutschland beheimateten Facharbeiterinnen und Ingenieuren habituell und kulturell im Stil einer Klasse distanziert. Nichts wäre diesen städtischen Akademikern peinlicher, als so zu sein wie alle anderen auch.

Durch die Möglichkeiten der sozialen Medien hat diese neue Mittelklasse ihren Hang zur Selbstbeobachtung und Selbstverortung, der schon in den Romanen von Gustave Flaubert oder Theodor Fontane einige Kleinbürgerneurosen erklärte, weiter intensiviert. Das alte Bodenständler-Ethos der BRD ist diesen Menschen ziemlich fremd, sie können sich, wenn sie unter 30 oder eingewandert sind, vielleicht nicht einmal mehr daran erinnern. Eine soziale Ähnlichkeit mit den Werktätigen der südlichen Industriegebiete wird ihnen (siehe Provinzroman) problematisch vorkommen. Man ist entweder nicht Mitte genug oder man ist es zu sehr, glücklich ist im Zentrum der Gesellschaft offenbar niemand.


Aus: "Eine Klasse voller Melancholiker" Ein Essay von Tobias Haberkorn (25. November 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2018-11/mittelschicht-debatte-friedrich-merz-klassenbewusstsein/komplettansicht

Quote
Ihr Schreiben ist in unserem Papierkorb eingegangen #2

Oft wird behauptet, die Agenda-Reformen spielten für die Selbstwahrnehmung der gesellschaftlichen Mitte keine große Rolle mehr, Korrekt. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall.

... Wenn aber am Ende einer Lebensleistung nur noch das Existenzminimum bleibt, wird davon das Bewusstsein über die eigenen Lebensperspektiven geprägt. Hartz IV gilt deshalb gerade in der Mittelschicht als Bedrohung für das eigene Leben. Es ist zum Symbol für den sozialen Abstieg geworden. Das betrifft gerade nicht die schwierigen Fälle [...] mit den „multiplen Beschäftigungshindernissen“ [...] Hartz IV ist übrigens vor allem für gebildete Menschen eine Bedrohung. Die ungebildete Unterschicht hatte schon immer recht realistische Erwartungen über ihre Perspektiven in dieser Gesellschaft.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tv-kritik/debatte-bei-maybrit-illner-ueber-abstiegsangst-in-deutschland-14460141-p2.html


Quote
Petition_85565 #3

>>Klassenverhältnisse spiegeln sich nicht nur im Kontostand, sondern auch in der Art, wie jemand sich ausdrückt und kleidet, wie selbstsicher er durch die Tür kommt und von seinem Leben erzählt, ob er mit den richtigen Leuten auf Klassenfahrt oder Segelfreizeit gewesen ist.<<

Vorhin kam mir eine junge Frau in Jogginghose mit Smartphone entgegen, in lautem Prolldeutsch sprechend:

"Jaja, wallah, ja meine Eltern haben auch sechs Eigentumswohnungen, ja, wallah"

Ich kann die Aussage oben also verwerfen. Nein, es geht nur um den Kontostand.


Quote
Dhoughal #4

"Weder Merz' Vorstellung, Schichtzugehörigkeit leite sich von Respekt, Fleiß und Dankbarkeit her, passt noch in unserer Zeit, noch die These, die meisten Deutschen sehnten sich nach Durchschnitt und Konformität."

Jede Partei bekommt den Parteichef, den sie verdient.


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« Reply #836 on: November 25, 2018, 06:51:30 nachm. »
Quote
[...]  Es ist nicht so, dass es in Berlin keine Hilfe für Obdachlose gäbe. Bis zu 10 000 Menschen – schätzt man, denn erfasst hat das niemand – leben hier auf der Straße. Tatsächlich hat der Senat die Mittel für Sozialarbeit von 467 000 Euro auf etwas mehr als eine Million Euro aufgestockt. Die Plätze in Notunterkünften sind längst nicht alle belegt, die Auslastung liegt momentan bei 80 Prozent. Doch wer diese Angebote nutzen will, muss das können und wollen. Muss in der Lage sein, sich zu kümmern, sich an Regeln zu halten. Muss in den Unterkünften eventuell mit Gewalt klarkommen, mit Diebstahl und Belästigung, mit Lärm. Und mit kurzen Schlafphasen, weil alle am Morgen wieder rausgeschickt werden.

... Was jedes Jahr fehlt, sind Konzepte für diejenigen, die nicht mehr selbst um Hilfe bitten können. Geld, sagt Fischer, sei dabei nachrangig. Das jetzt gestartete Projekt an den Kältebahnhöfen werde etwas unter 100 000 Euro kosten. Obdachlosigkeit, so wie ihr bisher begegnet werde, sei unheimlich teuer. Ein Monat in einer Notunterkunft kostet den Staat im günstigsten Fall 500 Euro. Für ein Bett. Der Senat hat deswegen im Januar bereits die Losung ausgebracht: Jeder Obdachlose soll eine feste Unterkunft erhalten, möglichst eine eigene Wohnung. Davon abgesehen, dass der Wohnungsmarkt das schon für solvente Mieter nicht hergibt und viele Obdachlose sich keinen festen Wohnsitz vorstellen können, ist man von diesem Ziel noch weit entfernt.

...


Aus: "Unterwegs in Berliner U-Bahnhöfen" Sidney Gennies (25.11.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/kaeltehilfe-fuer-obdachlose-unterwegs-in-berliner-u-bahnhoefen/23679268.html


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« Reply #837 on: November 27, 2018, 11:04:24 vorm. »
Quote
[...] Ihr Mann schuf mit seinem Bruder einen der weltweit erfolgreichsten Discounter-Konzerne. Nun ist Cäcilie Albrecht, die Witwe von Aldi-Gründer Theo Albrecht, gestorben.  ...


Aus: "Witwe des Aldi-Gründers ist tot" (26. November 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-11/caecilie-albrecht-witwe-aldi-gruender-tot

Quote
Hansifritz #4


Gott sei ihrer Seele gnädig, ohne sie wäre ich schon längst verhungert.+++


Quote
UniKrebsforscher #5


Wie viele Menschen sind heute weltweit gestorben, nicht trotz maximalem Reichtum mit 91 sondern wg. Armut in den ersten 10 Lebensjahren? Das würde mich interessieren. Auch was man evtl. dagegen tun kann. Ich frage mich manchmal was in den Köpfen mancher sog. Journalisten so vorgeht.


Quote
Gelka Libri #7


Die ALDI Gründer sterben wie Sie gelebt haben - unauffällig.


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« Reply #838 on: November 28, 2018, 09:38:42 vorm. »
Quote
[...] Der CDU-Politiker Friedrich Merz hat sich für eine umfassende Aufklärung der Vorwürfe gegen den weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock ausgesprochen. Er habe in Deutschland den Blackrock-Vorstand "angewiesen, mit den Ermittlungsbehörden zusammenzuarbeiten und alle Dokumente auf den Tisch zu legen", sagte Merz, der auch Aufsichtsratsvorsitzender von BlackRock Asset Management Deutschland in München ist. Merz will im Dezember für den CDU-Vorsitz kandidieren.

"Es wird hier alles aufgeklärt und wir werden daran aktiv mitarbeiten", sagte Merz. Das werde der Vorstand nach seiner Weisung tun. Ermittler der Kölner Staatsanwaltschaft hatten zuvor Räume des Vermögensverwalters in München durchsucht. Grund sei ein Ermittlungsverfahren zu Dividenden-Steuertricks, sagte ein Insider. Bei diesen so genannten Cum-Ex-Geschäften ließen sich Anleger die einmal gezahlte Kapitalertragsteuer mithilfe ihrer Bank mindestens zwei Mal erstatten. Dazu verschoben sie um den Dividendenstichtag herum untereinander Aktien mit (lateinisch: "Cum") und ohne ("Ex") Dividendenanspruch.

Allein in Deutschland entgingen dem Staat dadurch nach Angaben des Bundesfinanzministeriums mehr als fünf Milliarden Euro, bevor die Gesetzeslücke 2012 geschlossen wurde. Europaweit summiert sich der Schaden auf über 55 Milliarden Euro, wenn man weitere undurchsichtige Steuerkonstruktionen hinzu zählt.

Merz ist seit 2016 Aufsichtsratschef von BlackRock Deutschland. Die umstrittenen Geschäfte beträfen den Zeitraum 2007 bis 2011, also die Jahre vor der Übernahme des Spitzenamtes. Merz sagte, es sei nur fair, dass es angesichts seiner Kandidatur um den CDU-Vorsitz auch eine öffentliche Debatte um sein Wirken bei BlackRock gebe. Er habe "nichts anderes erwartet".

Ein Sprecher des US-Konzerns hatte zuvor gesagt: "BlackRock arbeitet in einer laufenden Untersuchung im Zusammenhang mit Cum-Ex-Transaktionen uneingeschränkt mit den Ermittlungsbehörden zusammen." Auch die HypoVereinsbank ist Finanzkreisen zufolge durchsucht worden. Die Staatsanwaltschaften München und Köln wollten sich nicht zur Sache äußern.


Aus: "Friedrich Merz will Vorwürfe gegen BlackRock aufklären" (6. November 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-11/cdu-friedrich-merz-razzia-blackrock-aufklaerung-cum-ex

Quote
Hier kommt Knut ohne Hut und ohne Wut #7

BlackRock gehört doch sowieso schon fast alles. Weshalb sollten die einen Kanzler stellen?


Quote
Ungerechtigkeit #27

Merz verspricht Aufklärung... Sagt er das nun als Bundeskanzler oder als Blackrock-Mitarbeiter?


Quote
bahnhofversteher #7.5


"Weshalb sollten die einen Kanzler stellen?"
Um dafür zu sorgen, dass dass auch so bleibt. Nicht dass noch die Linksradikalen von der SPD daran was ändern (dass die Linksradikalen neuerdings in der SPD heimisch sind, ist vom Verfassungsschutz bewiesen!).




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[...] Wenn sich Blackrock-Chef Lawrence Fink – von den Leitmedien kumpelhaft „Larry“ genannt – zum Weltwirtschaftsforum in die abgeschirmte Festung Davos in der Schweiz einfliegen lässt, dann steht die ungewählte wie die gewählte Elite stramm. Denn „sie alle haben begriffen, die Manager, Unternehmer, Banker, Großanleger, Politiker, Ökonomen, dass der Amerikaner so etwas ist wie der unerklärte Präsident der Weltfinanzgemeinde, der Oberste der Ober-Kapitalisten, der Gesetze und Geschicke des Kapitalismus mehr bestimmt als viele andere“, so der Handelsblatt-Autor Hans-Jürgen Jakobs, der dabei sein durfte.

Blackrock, der schwarze Fels, ist der größte Kapitalorganisator der westlichen Welt und gebietet gegenwärtig über ein eingesetztes Kapital von 6,4 Billionen US-Dollar. Das ist fast das Doppelte dessen, was die größte europäische Volkswirtschaft, Deutschland, im Jahre 2017 als Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet hat.

... Gegenwärtig ist Blackrock über Aktienanteile Miteigentümer von knapp 18.000 Unternehmen. Dazu gehören mehr als 400 der 500 größten US-Konzerne, auch die Börsengiganten Amazon, Google, Apple, Facebook und Microsoft, die meisten Banken der Wall Street und Westeuropas, die wichtigsten westlichen Rüstungs- und Chemiekonzerne, Fluglinien wie Lufthansa und Ryanair, in Deutschland alle DAX-Konzerne, also die dreißig größten börsennotierten Firmen, und Hunderte von weiteren Unternehmen.

... Während Regierungen und EU-Kommission sich nach der Finanzkrise um die Regulierung der Banken abmühten, blühten im Stillen die neuen Finanzakteure auf – wie Blackrock. Sie werden bis heute vom Internationalen Währungsfonds IWF und der Zentralbank der Zentralbanken, der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), offiziell als Schattenbanken bezeichnet. Sie sind unter Beobachtung gestellt, ihr Status ist bis heute offen.

Etwa zwei Dutzend Schattenbanken spielen heute in der Oberliga der westlichen Wirtschaft. Blackrock ist der größte dieser Kapitalorganisatoren, mit den etwas kleineren Vanguard und State Street bildet Blackrock die Führungsgruppe der „Big Three“.

Sie alle arbeiten mit dem Kapital der Superreichen, der Multimilliardäre und Multimillionäre. Unternehmerclans, Topmanager, Unternehmensstiftungen, Pensionsfonds und Versicherungen gehören dazu, deren flüssiges Kapital an Blackrock & Co. weitergereicht wird mit der Erwartung: Macht was draus – und zwar höheren Gewinn als in meiner bisherigen Bank oder in meinem eigenen Unternehmen!

Blackrock trägt zu Steuervermeidung im großen Stil bei. Denn wenn die Superreichen ihre Millionen Blackrock anvertrauen, der Kapitalorganisator damit etwa 7,86 Prozent der Eon-Aktien zusammenkauft und zum größten Eigentümer des Energiekonzerns wird, dann lässt Blackrock dafür 152 Blackrock-Tochterfirmen gründen. Das sind 152 Briefkastenfirmen, die über ein Dutzend Finanzoasen verteilt sind: Wilmington im winzigen US-Bundesstaat Delaware – dort hat Blackrock selbst seinen rechtlichen Sitz –, Luxemburg, die Niederlande, die britische Insel Jersey oder Singapur. Rechnet man das hoch, dürften also die Aktien, die Blackrock für seine Kunden allein in den 30 DAX-Konzernen hält, auf etwa 5.000 Briefkastenfirmen verteilt sein. Ob Bundesfinanzminister Olaf Scholz davon schon gehört hat? Was sagt sein Staatssekretär Jörg Kukies dazu? Kukies war vormals bei Goldman Sachs – Blackrock ist dort Großaktionär.

Blackrock hält in der Regel zwischen drei und zehn Prozent der Aktien eines Unternehmens. Da fragen viele: Wie kann Blackrock mit so einem kleinen Aktienpaket so viel Einfluss ausüben? Nun: Mit einem solchen Anteil ist man heute Großaktionär. Familienclans mit größeren Aktienpaketen in Einzelunternehmen wie die Quandts / Klattens bei BMW und die Piëchs bei VW sind die große Ausnahme. Blackrock ist nicht nur Aktionär bei BMW und VW, sondern in allen großen Autokonzernen der westlichen Welt, also mit direktem Einblick in die Konkurrenz.

Zusammen mit Vanguard & Co. hält Blackrock etwa 30 bis 40 Prozent der Aktien einer großen Zahl von Unternehmen, sie bilden damit den weitaus größten Block. Zudem stimmen sie sich untereinander ab. Zu guter Letzt sind Vanguard, State Street, Capital World, Fidelity und Wellington auch noch Großaktionäre bei Blackrock selbst.

„Wir nehmen Einfluss im Hintergrund“, sagte 2015 Deutschland-Chef Christian Staub der FAZ. „Wir sprechen nicht auf Hauptversammlungen oder stellen dort Anträge... Wir tauschen uns direkt mit Vorstand und Aufsichtsrat aus.“ Eon-Vorstandschef Johannes Teyssen drückte es dasselbe so aus: „Die lassen uns antanzen.“ Doch Blackrock wartet nicht nur wie die Quandts auf die jährliche Dividende. Für Blackrock sind Aktien die Basis noch ganz anderer Geschäfte. Dazu gehört das Verleihen an andere Banken und Großkunden, im großen Stil und gegen Gebühr. Derartige Leihgeschäfte ermöglichten die Cum-Ex- und Cum-Cum-Betrügereien.

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Aus: "Die im Dunkeln" Werner Rügemer (Ausgabe 47/2018)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-im-dunkeln

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Achtermann | Community

Dem verdienstvoll aufklärerischen Artikel möchte ich noch eine Fußnote hinzufügen. Es geht um die ETF. Werner Rügemer schreibt:

>>Blackrock entwickelte aber auch so etwas wie eine neue „Volksaktie“, womit Kleinanleger für Notlagen vorsorgen und die schwindende gesetzliche Rente (...) aufstocken sollen. Das Finanzprodukt fürs gemeine Volk heißt ETF, Exchange Traded Fund – börsengehandelte Fonds. Dieses Spekulations-Wertpapier erfand der heute drittgrößten Kapitalorganisator State Street 1993 während der Deregulierung an der Wall Street. Es war für Großanleger gedacht, doch Blackrock machte daraus ein Massenprodukt: keine Aktie, sondern ein Anteilsschein an einem Fonds, der Unternehmensanteile kauft.

Eine besonders ‚volksnahe‘ Variante von ETFs sind iShares: hinter ihnen verbirgt sich eine Wette auf die Entwicklung von Aktien-Indizes wie dem deutschem DAX und dem US-Index S & P500.<<

In nahezu jeder Ausgabe wirbt das staatlich geförderte Verbrauchermagazin "Finanztest", eine Publikation von "Stiftung Warentest", für diese Geldanlage. So lesen wir in der Dezember-Ausgabe 2018:

>>Für den Renditebaustein eignen sich am besten weltweit anlegende Aktien-ETF. (...) Kaufen Sie die ETF. Sie benötigen dazu ein Wertpapierkonto. (...) Einmal angelegt, können Sie Ihr Geld in Ruhe für sich arbeiten lassen.<<

Damit schließt sich der Kreis. ...


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KimLang | Community

Es stimmt. Die Wirtschaft und die Politik ahben auch schon in ferner Vergangenheit voneinander profitiert. Dies wird natürlich nicht nach außen getragen, aber beide parteien sind sehr geldmotiviert, weshalb man sich darüber nicht wundern sollte.


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gsyme | Community

Schöner Artikel.

Was motiviert eigentlich einen Herrn Merz, seine astronomischen Gehälter bei Blackrock und co. aufzugeben und wieder in die Politik zu wechseln? Ein Herr der bei seinem Ausstieg damals erklärt hat: eine Rückehr in die Politik schließe er aus?

Aus Spass an der Freude ja wohl bestimmt nicht. Neue Heraussforderungen? Wohl kaum, schließlich war er schon mal im Bundestag. Dort übrigens als klassisches Beispiel eines CDU Abgeodneten, der neben seiner angeblichen Haupttätigkeit für das Volk, noch in zahlreichen Nebentätigkeiten absahnt und diesen Zustand auch noch per Klage geheim zu halten versuchte. Ein klassischer Lobbyist also, der sich jetzt an die Spitze der größten deutschen Partei wählen lassen will. ...



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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #839 on: November 28, 2018, 09:57:08 vorm. »
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[...]  Es ist wohl kein Zufall, wenn sich jetzt auch die großen bürgerlichen Zeitungen zunehmend mit der Frage beschäftigen, warum ein so großer Anteil unserer Gesellschaft auf einmal wieder offen ist für autoritäre Politik, für Führerkult und Sehnsucht nach geschlossenen Grenzen. Und warum sie sich auch endlich intensiver mit dem Soziologen Wilhelm Heitmeyer beschäftigen, der seit 30 Jahren vor dem Aufkommen neuer nationalistischer Parteien warnte.

... Mit „Hartz IV“ hat man [...] Ängste [...] befeuert, brav im Schlepptau hochbezahlter Manager, die der Schröderregierung seinerzeit einredeten, man dürfe den Menschen keine „soziale Hängematte“ geben, in der sie sich ausruhen, wenn sie aus ihrem gut bezahlten Job fliegen.

Nein, nicht die „Hartz IV“-Empfänger sind diejenigen, die die meiste Angst vor diesem Absturz haben, sondern all die, die genau wissen, dass ein kleiner Sturm in der Konjunkturbadewanne genügt, und schon sind sie selbst ganz da unten. Mit allen Schikanen.

„Hartz IV“ ist nicht für die armen Schweine gemacht worden, die eh schon wissen, wie es sich mit dem letzten Cent in der Tasche lebt, sondern für die, die immer länger und härter arbeiten, um in einem immer wilderen Rennen ihre Position zu halten, die sich Pillen einwerfen und auch noch krank zur Arbeit fahren, auch gern stundenlang in immer längeren Staus stehen. Hauptsache, sie behalten ihren Job, sonst …

... Die Betroffenen spüren sehr wohl, dass „ihr Staat“ Macht verloren hat, dass immer öfter wirtschaftliche Interessen („der Markt“) die Politik bestimmen. Weshalb sie sich einen starken Staat wünschen – aber nicht zur Bändigung des „Marktes“. Das ist ja das Paradoxe, sondern gegen die scheinbaren Konkurrenten um eine Teilhabe am Wohlstand.

Sie haben quasi den „Markt“ verinnerlicht und üben sich, wie die Sozialforscher schreiben, in „exklusiver Solidarität“. Sie definieren sich selbst als Kollektiv (was ja im Osten besonders gut funktioniert), als „Leistungsträger“ und Mittelklasse und behandeln von ihnen als ausgegrenzt betrachtete Gruppen als Ausschuss. Oder mit einem Zitat aus dem Text: „Was untauglich ist, bleibt liegen.“

Mit dem Muster können chauvinistische Parteien sehr gut umgehen. Aus dieser homogenen Gruppe der überzeugten und staatserhaltenden Leistungsträger wird dann ganz schnell wieder eine Volksgemeinschaft. Die empfundene Schwäche verkehrt sich in vermeintliche Stärke, wo man doch (mit gutem Recht) auftrumpft und nun meint, die anderen „jagen“ zu können. Oder gar zu müssen. Die Ängste werden in  Forderungen nach noch mehr Sicherheit und noch mehr staatlicher Härte (gegen die anderen) verwandelt. Und das sitzt tief.

... Man schreit ja regelrecht nach Ruhe, Ordnung und Infriedengelassenwerden. Tor zu, Mauer gebaut, Ruhe im Karton. ... Und bevor ich hier ausführlich werde, bremse ich und halte einfach das Bild eines Landes fest, dessen Mehrheit zutiefst verängstigt und autoritätsgläubig ist, die aber gleichzeitig bereitwillig alle Zumutungen eines rabiater gewordenen Arbeitsmarktes erträgt und ihre Aggressionen vor allem gegen jene kehrt, die diese Zumutungen infrage stellen.

Denn dann kommt ja die fürchterlichste aller Fragen: Was passiert, wenn Deutschland in diesem gnadenlosen Wettbewerb nicht mehr mithalten kann?

Und sage keiner, dass unsere geliebten Parteien der Mitte nicht genau diese Ängste geschürt haben. Seit olle Helmuts Zeiten, mit immer neuer Furie und Bildhaftigkeit. Oder mal so gesagt: Die Anfälligkeit für eine autoritäre Parteinahme wurde eifrigst gepflegt. Man sollte sich über die Folgen vielleicht nicht allzu sehr wundern.

...


Aus: "Das unglückliche Innere unserer Gesellschaft" Ralf Julke (27. November 2018)
Quelle: https://www.l-iz.de/leben/gesellschaft/2018/11/Das-unglueckliche-Innere-unserer-Gesellschaft-246871

« Last Edit: November 28, 2018, 10:01:54 vorm. by Textaris(txt*bot) »