Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 227914 times)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #810 on: October 11, 2018, 11:51:10 AM »
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[...] Wie der Gewerkschaftsdachverband TUC im vergangenen Jahr errechnet hat, verdienen über drei Millionen Menschen in Großbritannien ihren Lebensunterhalt in prekären Arbeitsverhältnissen. Das sind 27 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren. Teilweise sind digitale Plattformen wie Uber und der Essensbringdienst Deliveroo dafür verantwortlich. Aber auch Kellner, Krankenpflegerinnen und Aushilfslehrerinnen sind betroffen.

In den vergangenen Jahren machten die sogenannten zero-hour contracts immer wieder Schlagzeilen: Verträge für Aushilfen auf Abruf. Sie verpflichten die Angestellten, auf der Matte zu stehen, wenn der Arbeitgeber sie braucht – braucht er sie nicht, haben sie eben Pech gehabt. In den meisten EU-Ländern sind solche Verträge entweder stark reguliert oder gar nicht erlaubt. In Großbritannien hingegen arbeiten derzeit 1,8 Millionen Angestellte in zero-hour contracts.

Großbritanniens flexibler Arbeitsmarkt wird von seinen Anhängern immer wieder als Erfolgsmodell angepriesen: Ihm sei es zu verdanken, dass die Arbeitslosigkeit hier vergleichsweise gering sei, schreibt etwa der Gewerbeverband CBI. Aber das ist nur die halbe Geschichte. Entscheidend ist auch die Qualität der Jobs – und hier schneidet Großbritannien mies ab.

Es ist beispielsweise das einzige OSZE-Land, in dem von 2007 bis 2015 die Löhne sanken, während die Wirtschaft wuchs. Vor allem ärmere Haushalte konnten ihre Realeinkommen seit Anfang der 2000er-Jahre kaum erhöhen, Millionen stehen heute sogar schlechter da als vor 15 Jahren. Die Schulden der Privathaushalte sind auf insgesamt 200 Milliarden Pfund gewachsen. Dem nationalen Rechnungshof zufolge geben die ärmsten Haushalte ein Viertel ihres Monatseinkommens für den Schuldendienst aus.

Der Chefökonom der Bank of England, Andy Haldane, sagte letztes Jahr, dass die stagnierenden Löhne unter anderem auf die Verbreitung von unsicheren Arbeitsverhältnissen zurückzuführen seien. So gesehen gleiche die heutige Wirtschaft der vorindustriellen Zeit, in der Tarifverhandlungen und Gewerkschaften noch weitgehend unbekannt waren.

Manche der Skandale, die in den vergangenen Jahren ans Licht kamen, könnten direkt aus der Welt von Charles Dickens und der viktorianischen Arbeitshäuser stammen. Der Sportwarenhändler Sports Direct zum Beispiel zahlte seinen Angestellten weniger als den Mindestlohn und überwachte sie obsessiv: Eine zu lange Toilettenpause konnte sanktioniert werden; wer zu langsam durch die Gänge ging, wurde via Lautsprecher zurechtgewiesen; und jeden Tag nach der Arbeit wurden die Angestellten gefilzt. Eine parlamentarische Untersuchung kam 2016 zum Schluss, dass das Unternehmen seine Arbeitnehmer nicht wie menschliche Wesen behandelt habe. Ein ähnlicher Kontrollwahn herrscht in den Warenhäusern von Amazon und in den über 6.000 Callcentern im Land.

Dass die Arbeitnehmer angesichts solcher Zustände nicht ständig auf den Barrikaden stehen, hat auch mit dem Niedergang der Gewerkschaftsbewegung seit den 1980er-Jahren zu tun. In den vergangenen 40 Jahren hat sich die Zahl der Mitglieder auf rund sechs Millionen halbiert. Der öffentliche Sektor hat viele Dienstleistungen an private Unternehmen ausgelagert, was es ebenfalls erschwert, sich am Arbeitsplatz zu organisieren. Und in der Gig Economy, wo jeder auf sich allein gestellt ist, ist der Kontakt mit Kollegen sowieso praktisch ausgeschlossen.

Seit ein paar Monaten aber fordern immer mehr prekär Beschäftigte eine angemessene Bezahlung und umfassende Rechte am Arbeitsplatz. Vergangene Woche beispielsweise beteiligten sich Angestellte in der britischen Gastronomie an einem international koordinierten Arbeitsausstand: Kuriere von Uber Eats, die Mahlzeiten per Fahrrad von Restaurants zu ihren Kunden transportieren, Kellner der Pubkette JD Weatherspoon sowie Angestellte der Fastfoodketten McDonald’s und TGI Fridays legten die Arbeit nieder, um gegen ihre miserablen Löhne zu protestieren.   

Auch die Radfahrer des Essenlieferers Deliveroo beteiligten sich am Streik. Im Juni hatten 50 Kuriere der Plattform bereits einen Erfolg erzielt: Ein Gericht verurteilte Deliveroo dazu, ihnen eine sechsstellige Summe zu zahlen, weil ihnen grundlegende Rechte wie Mindestlohn und Feriengeld vorenthalten worden waren. Kuriere von Hermes hatten kurz zuvor das Recht gewonnen, als Angestellte eingestuft zu werden, nicht als selbständige Unternehmer.

Federführend bei solchen Disputen sind nicht die großen, traditionsreichen Gewerkschaften, sondern kleinere Organisationen wie die Independent Workers of Great Britain (IWGB). Ihr Präsident Henry Chango Lopez, der vor 18 Jahren aus Ecuador nach Großbritannien kam, arbeitete als Portier bei der University of London. Weil er und seine Kollegen sich von ihrer Gewerkschaft nicht gut repräsentiert fühlten, gründeten sie die IWGB.

Heute zählt die kleine Gewerkschaft 2.500 Mitglieder und vertritt nebst Putz- und Sicherheitspersonal, das bei ausgelagerten Dienstleistern angestellt ist, auch Taxifahrer, Kuriere und Kinderpfleger. Die UPHD, die den Uber-Streik vom Dienstag organisiert hat, hat sich der IWGB ebenfalls angeschlossen. Die Reinigungsleute der University of London erreichten mithilfe der kleinen Gewerkschaft, dass ihnen der Arbeitgeber jetzt Kranken- und Feriengeld sowie eine Pension bezahlt.

Solche Kampagnen haben das Selbstbewusstsein der Angestellten am unteren Ende der Lohnpyramide gestärkt. Und immer häufiger koordinieren die Streikenden verschiedener Branchen ihre Aktionen, insbesondere in der Gig Economy. So bauen sie nach und nach eine kollektive Kraft auf. Der Druck auf die digitalen Plattformen steigt. 


Aus: "Großbritannien: Rebellion der Niedriglöhner" Eine Analyse von Peter Stäuber, London  (10. Oktober 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-10/grossbritannien-armut-niedriglohn-ausbeutung-protest/komplettansicht

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Murano #22

was mich erschüttert. es betrifft mittlerweile nicht nur ungelernte. Auch Krankenpflegerinnen und Aushilfslehrerinnen sind betroffen. Was sagt das über eine gesellschaft aus, wenn sie auch Jobs mit Verantwortung für die man eine Ausbildung benötigt ins präkariat treibt.


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E_Dantes #22.1

Das fragen Sie doch mal die vielen Facharbeiter in Dtl., die für ihre Arbeit nur Mindestlohn erhalten. Vorzugsweise östlich der Elbe. ...


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Laubfall #20

Die Politik und die Gesellschaft lassen es zu, dass ein Investmentbanker an einem Tag mehr verdient als ein Uber-Fahrer im ganzen Jahr.
Für die Eliten mag das zunächst toll sein, man bekommt einen billigen Fahrer, günstigste Kindermädchen und Putzfrauen und so weiter.
Trotzdem werden auch die Eliten die Konsequenzen mehr und mehr spüren.

Das angenehme Leben wir gestört durch steigende Kriminalität, in der Politik bekommen radikale Lösungen und Parteien Zustimmung, plötzlich soll der Arbeitsplatz wegen des Brexits vom schönen London ins öde Frankfurt verlegt werden und sicher kommen hier noch ein paar weitere unangenehme Überraschungen. Aber klar, verglichen mit den Problemen der Niedrigstlöhner sind das Lappalien.


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deep_franz #18

Für mich ist die Frage, wie diese Menschen sich bei den Wahlen bemerkbar machen sollen. Die "Labour" Party war ja an der "Flexibilisierung" des Arbeitsmarktes nicht unwesentlich beteiligt.
Gibt es eine wählbare Partei, die dort ein Revidieren der Agenda 2010, pardon, ich meine natürlich von New Labour anstrebt?


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  Arlequin #18.1

Labour. ... Allerdings hat Corbyn im letzten Jahr einen hervorragenden und umjubelten Wahlkampf hingelegt. Ob er damit in Somerset punkten kann, steht auf einem anderen Blatt.



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Heiliger Römischer Reis #4

Es geschehen noch Wunder: die Ausgebeuteten lehnen sich gegen asoziale Silicon-Valley-Geschäftsmodelle auf. Ob der Streik auch genügen wird? Denn Beistand von ihrer derzeitigen Regierung haben sie nicht zu erwarten.


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Johann Friedrich #4.2

... Die Konservativen haben unter Thatcher die britischen Gewerkschaften zerschlagen. Die mögen zwar darauf achten, daß die Arbeiter nicht verhungern. Aber da ist dann auch Schluß. Firmen wie Uber, Amazon und Ryan Air sind im ganz normativen Sinne unmoralisch. Das ist Manchester, nicht Rheinischer Kapitalismus. Neoliberalismus statt sozialer Marktwirtschaft. Als Kunde hat man aber die Wahl, und man sollte solche Firmen nach Möglichkeit boykottieren.


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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #811 on: October 11, 2018, 12:04:19 PM »
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[...] Millionen von Deutschen, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren aufwuchsen, dürften diesen Satz von ihren Eltern gehört haben: „Streng dich in der Schule an, sonst landest du bei der Müllabfuhr.“ Müllmann oder Straßenfeger, das war so ziemlich das Letzte. Dreckig, eklig, ein Job, den niemand machen wollte. „Das ist für die Doofen“, hieß es im bürgerlichen Einfamilienhaus-Viertel der rheinischen Kleinstadt, aus der ich komme, für jene, die nicht einmal einen Job im Kohletagebau oder am Fließband bei Ford bekamen. Die Deutschen unter ihnen, von denen manche schon frühmorgens nach Schnaps rochen, sprachen derbes Kölsch, die anderen, türkische „Gastarbeiter“, redeten fast nie. „Da kommen die Müllmäuse!“, riefen wir Kinder, wenn der orangefarbene Wagen um die Ecke bog und die Arbeiter die schweren, siffenden Blechtonnen, damals noch ohne Rollen, über den Bürgersteig zum Müllfahrzeug wuchteten. Zu Weihnachten gab es eine Flasche billigen Schabau – damit die Müllmänner auch weiterhin, ohne zu murren, mal ein paar Eimer mit Farbresten oder Säcke mit Grünschnitt mitnahmen.

Kürzlich hat die BSR 50 Müllwerker-Stellen ausgeschrieben – und erhielt mehr als 1000 Bewerbungen. Auch bei der Straßenreinigung überstieg die Zahl der Bewerber jene der ausgeschriebenen hundert Stellen um ein Vielfaches. Die Berliner Handwerksfirmen suchen derweil händeringend Leute; Kliniken rekrutieren Pflegekräfte in ihrer Not mittlerweile aus Osteuropa, Mexiko und Vietnam. Und so viele Leute wollen Müllwerker sein. Warum?

... Für Jeffrey Sabbath ist die „Mülle“ vor allem ein sicherer Job, „bis zur Rente, wenn du keinen Mist baust. Das war für mich wichtig, wegen meiner Familie.“ Gelernt hat er Dachdecker, danach als Piercer in einem Tattoo-Studio gearbeitet, „mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt er, wovon die imposanten Tunnel in seinen Ohrläppchen zeugen. Danach ging es zurück auf den Bau als Parkett- und Fliesenleger. „Da rutschst du den ganzen Tag auf den Knien rum“, erzählt Sabbath, „und wenn die kaputt sind, ist Ende, dann wirst du rausgekantet.“

Alle in der Familie, auch die zwei Töchter, sechs und zwölf Jahre alt, finden es cool, dass er jetzt den Müll abholt. Die meisten seiner Freunde und früheren Arbeitskollegen vom Bau sind neidisch. Es stört ihn auch nicht, dass die Arbeit hart ist und manchmal eklig. Im Sommer etwa, wenn der Inhalt der Biotonnen gärt und stinkt und die Maden einem schon entgegenkommen. „Das riecht man nicht mehr, da stumpft man mit der Zeit ab“, sagt er. „Da wird kurz die Luft angehalten, gekippt, fertig.“ Wenn es regnet, nun ja, „bist du halt nach ‘ner halben Stunde pitschnass bis auf den Schlüpper“. Das größte Übel seien pöbelnde Autofahrer, die sich aufregen, weil der Müllwagen die Straße versperrt. Seine Kollegen und er seien schon angespuckt worden, erzählt Sabbath. „Letztens wollte uns einer vermöbeln, weil es ihm nicht schnell genug ging.“

„Häuserkampf“ nennt Sabbath die tägliche Maloche. Jeder der zwei- bis dreihundert 240-Liter-Behälter, die er pro Schicht bewegt, wiegt zwischen 50 und 100 Kilo. Oft muss er mit seinen Kollegen in die Hinterhöfe rein, die Tonnen rausholen. Oder sie die Kellertreppen hochwuchten. „13, 14 Kilometer laufe ich pro Schicht“, sagt Sabbath. Das sagt ihm der Schrittzähler seiner Uhr. „Also ich komm’ auf 20 Kilometer“, meint Kollege Ameti, als er endlich zu Wort kommt. Bei den Kitas sind sie die Kings. Alle Kinder kommen zum Zaun gerannt, sobald jemand den Müllwagen gesichtet hat. Sabbath hat immer eine Tüte mit Süßigkeiten im Wagen.

Der Zusammenhalt auf dem Wagen sei gut. „Eine große Familie“, sagt Mehas Ameti. Manche fahren seit 20 Jahren zusammen. Und man nimmt die Arbeit nicht mit nach Hause. „Was auf’m Auto ist“, sagt Jeffrey Sabbath, „das bleibt auf’m Auto.“ Mit dem Wasserstrahl unter der Dusche geht auch die Arbeit ab.

Vollzeit, unbefristet, sozialversichert, anständig bezahlt – die 1400 Berliner Müllwerker und rund 2300 Straßenreiniger genießen im öffentlichen Dienst eine Sicherheit, die es gerade für gering Qualifizierte heute kaum noch gibt. Vier von zehn Beschäftigten in Deutschland arbeiten nach Angaben des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) prekär oder atypisch – also als Mini- oder Midijobber, befristet, in Teilzeit oder als Solo-Selbstständige. Unter den gering Qualifizierten dürfte der Anteil weit über 50 Prozent liegen.

Anders bei der Müllabfuhr oder der Straßenreinigung. „Wenn man möchte, ist es ein Arbeitsplatz bis zur Rente“, sagt die BSR-Vorstandsvorsitzende Tanja Wielgoß. Selbst wenn der Rücken oder die Knie irgendwann nicht mehr mitmachen, muss niemand das Unternehmen verlassen. Für die 370 Leistungsgeminderten wurde eine Einheit für passende Tätigkeiten gegründet, beispielsweise die Wartung kaputter oder beschmierter Papierkörbe. Die Müllwerker müssen nicht einmal eine Lohneinbuße befürchten, nur bei den Straßenreinigern fällt die eine oder andere Zulage weg.

Ein Müllwerker bei der BSR steigt mit 2824 Euro brutto ein, ein Straßenreiniger mit 2516 Euro. Umgerechnet auf die Stunde, ist das mehr als doppelt so viel wie der gesetzliche Mindestlohn von 8,84 Euro und in beiden Fällen mehr als beispielsweise der mittlere Bruttoverdienst von Vollzeitbeschäftigten in Sachsen-Anhalt (2494 Euro), die Einstiegsgehälter von Krankenpflegern (2000 bis 2400 Euro) oder die Löhne von Malergesellen, die in Berlin froh sein können, wenn sie 1700 Euro mit nach Hause bringen. Selbst ein Berliner Schutzpolizist im mittleren Dienst verdient am Anfang seiner Laufbahn weniger als ein Müllwerker oder Straßenfeger – nur sind seine Aufstiegschancen deutlich besser. „Die Kombination aus Arbeitsplatzsicherheit und gutem Gehalt ist gerade bei An- und Ungelernten unschlagbar“, sagt Tanja Wielgoß.

Kein Wunder, dass sich viele zum Müllwerker umschulen lassen. Die meisten sind Quereinsteiger, haben als Bäcker oder Elektriker, Klempner, Fleischer, Maler, Maurer, Friseur oder Verkäufer gearbeitet. Zwar führt die BSR keine Statistik darüber, wie viele Mitarbeiter eine Berufsausbildung haben, bundesweit gibt es jedoch Zahlen: Nur 15 Prozent der Beschäftigten in der Abfallwirtschaft haben keine abgeschlossene Ausbildung, bei 12 Prozent ist die Ausbildung unbekannt.

... Eine fast schon legendäre Plakatkampagne hat eine Menge verändert, zunächst im internen Gefüge. Unter dem Motto „Wir bringen das in Ordnung“ erklärte die Berliner Agentur Heymann Brandt De Gelmini den Berlinern, wie wichtig diese Jobs für die Stadt sind. Fast 20 Jahre ist das her. Gezeigt wurden Fotos von coolen Straßenfegern, garniert mit Sprüchen wie „Drei Wetter tough“, „Matschos“, „Saturday Night Feger“ oder „We kehr for you“. Die Kampagne erlangte schnell Kultstatus und gilt heute als die Mutter des Employer Branding. „Viele haben Elemente unserer Kampagne übernommen“, sagt die BSR-Vorstandschefin. „Wir wissen zum Beispiel, dass Kollegen aus Wien, immer wenn sie nach Berlin kommen, unsere Sprüche abschreiben und adaptieren.“

Mit einem Mal galten die Berliner Müllwerker und Straßenreiniger als coole Säue. Ich bin Müllmann, wer ist mehr? „Ich bin stolz drauf, bei der Mülle zu sein“, sagt Jeffrey Sabbath. Früher habe er auch schon mal Parkett verlegt in Villen, Hölzer für 400 Euro den Quadratmeter verarbeitet. „Das hab’ ich halt für den Typen gemacht, dem das Haus gehört. Aber hier mach’ ich was für die ganze Stadt.“

Ähnlich wie die Selbstwahrnehmung hat sich auch das Image in der Öffentlichkeit gewandelt. Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Deutschen Beamtenbundes aus dem Jahr 2016 billigten 73 Prozent der Befragten Müllwerkern ein hohes oder sehr hohes Ansehen zu. Damit rangierten diese an sechster Stelle, vor Lehrern, Anwälten, Bankangestellten und natürlich Versicherungsvertretern. ...

...


Aus: "Berliner Stadtreinigungsbetriebe: Ich bin Müllwerker, wer ist mehr?" Andreas Molitor (2018)
Quelle: https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2018/personal/ich-bin-muellwerker-wer-ist-mehr

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« Reply #812 on: October 15, 2018, 05:08:34 PM »
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[...] Das Deutsche Studentenwerk fordert zu Semesterbeginn, dass mehr Studenten in Deutschland Bafög erhalten. Es sei ein "Riesenproblem", dass die Zahl derer, die gefördert werden könnten, zurückgehe, sagte der Generalsekretär des Studentenwerks, Achim Meyer, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die Elternfreibeträge müssten daher kräftig erhöht werden.

"Wir haben ein Untere-Mittelschicht-Problem", sagte Meyer und kritisierte die Regierung: "Die Politik behauptet, die Eltern verdienten genug, um das Studium ihrer Kinder zu finanzieren. In der Realität müssen sie ihren Kindern sagen: 'Das Geld reicht nicht. Geht arbeiten!'"

Der Generalsekretär des Studentenwerks verwies darauf, dass die große Koalition angekündigt habe, das Bafög im Herbst 2019 zu erhöhen. "Wenn die Regierung sich beeilt hätte, dann hätte sie das Bafög schneller erhöhen können – nämlich jetzt. Das haben Union und SPD versäumt."

Viele Studenten müssen nach Angaben Meyers Geld verdienen, um überhaupt über die Runden zu kommen. Das Bafög sei zu niedrig, zudem gäbe es nicht genügend bezahlbare Wohnungen. Es müsse gebaut werden, um das Angebot für Studenten zu vergrößern. Nicht jeder Student habe die Wahl beim Studienort: "Nicht jeden Studiengang gibt es überall."


Aus: "Studentenwerk: "Wir haben ein Untere-Mittelschicht-Problem"" (2018)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2018-10/studentenwerk-bafoeg-erhoehung-elternfreibetraege-studierende

Quote
Dr. Möbius #2.15

Ich habe während des Studiums gearbeitet. Teilweise 3 Jobs parallel. Als Nachhilfelehrer, als Kellner und als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Ich sehe ganz ehrlich nicht, dass es schwierig ist einen passenden Job zu finden.

Das es dann mit dem Lernen gut organisiert werden will, stimmt sicherlich. Aber auch das geht. Würden alle die vielen Stunden nutzen, die die Uni eigentlich zum Lernen vorsieht, wäre es wirklich kein Problem. Aber seien wir ehrlich, die Meisten nutzen die Zeit doch lieber für spaßigere Dinge.

Ich habe einiges an Party gemacht, habe meinen Abschluss selbstorganisiert im Ausland gemacht, habe für gute Leistung DAAD Unterstützung erhalten und habe ein paar Monate schneller als Regelstudienzeit studiert. Meine Abschlussarbeit war 1,0 und ich war in der Gruppe der besten 10% Studenten im Jahrgang. Ich muss ehrlich sagen, meine Kumpels die länger gebraucht haben, wussten auch genau warum. Fehlendes Bafög oder arbeiten zu müssen war nicht der Grund.


Quote
  jawthruster #2.18

Angeber


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Wunderwuzzi #2.19

"habe meinen Abschluss selbstorganisiert im Ausland gemacht, "

Glückwunsch, wenn Sie das alles so vortrefflich unter einen Hut gebracht haben. ...


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Rollmann #2.40

Aus dem Almanach der Selbstverherrlichung:

"Ich habe während des Studiums gearbeitet. Teilweise 3 Jobs parallel. Als Nachhilfelehrer, als Kellner und als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Ich sehe ganz ehrlich nicht, dass es schwierig ist einen passenden Job zu finden.[...]. Meine Abschlussarbeit war 1,0 und ich war in der Gruppe der besten 10% Studenten im Jahrgang. Ich muss ehrlich sagen, meine Kumpels die länger gebraucht haben, wussten auch genau warum. Fehlendes Bafög oder arbeiten zu müssen war nicht der Grund. "

Sehen Sie, ich hatte auch nie Probleme wegen Arbeiten neben Studium. Andere schon. Um die geht's. Barrierefreie Bahnhöfe werden auch nicht für Berufssportler gebaut (zu pauschal, ich weiss).


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  DemDeutschenVolke #14

Ich bin dafür das Barfög um die Hälfte zu senken oder ganz abzuschaffen, das Geld kann besser eingesetzt werden.
Meiner Meinung nach haben wir viel zu viele Studenten, die dann trotz Studium in Teilen unterqualifiziert sind.


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DerJoker1991 #14.1

Sie haben vermutlich nicht studiert oder haben privat finanzielle Unterstützung bekommen.



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DemDeutschenVolke #14.2

Studiert, Bachelor Mechatronik neben dem Studium gearbeitet, keine finazielle Unterstützung.
War wenn ich ehrlich bin auch kein Problem da Zug umsonst war und ich weiter Zuhause gewohnt habe.


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DemDeutschenVolke #14.5

Nun ja ich spreche aus meiner persönlichen Erfahrung wie ich teilweise Studenten oder eben fertig Studierte in meinem Arbeitsumfeld wahrnehme.
Ob ich qualifizierter bin, steht nicht zur Disposition.
Es geht mir darum das wir zu viele Studenten haben die in Teilen nicht das Halten, was ein Studium verspricht.
Weshalb ich die Voraussetzungen für ein Studium erschweren möchte sowohl finanziell als auch Zugangsvoraussetzungen. ...


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jolande9 #14.9

Und Sie meinen, dass sich daran was ändert, wenn nur noch Kinder reicher Eltern studieren können?
Komische Weltsicht.


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Hanna_E #14.13

Wenn Sie bei Ihren Eltern gewohnt hatten, hatten Sie finanzielle Unterstützung in Form von Kost und Logis. Wenn Sie so die Spreu vom Weizen trennen wollen, hätten Sie auch nicht studieren dürfen.


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DemDeutschenVolke #14.18

Natürlich musste ich nicht die Kosten eines Selbstversorgers tragen, trotzdem habe ich meine Mutter finanziell unterstützt.


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Rollmann #14.25

"Nun ja ich spreche aus meiner persönlichen Erfahrung wie ich teilweise Studenten oder eben fertig Studierte in meinem Arbeitsumfeld wahrnehme."

Der in Psychologie bewanderte Leser kennt sicher einen Namen für das hier schön präsentierte Beispiel der zu persönlichen Gunsten verzerrten Wahrnehmung.


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Gabriel Seth #30

Man könnte ja auch eine Lehre machen....


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Gelassener Bürger #30.1

Man könnte ja auch aufhören arm zu sein...


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DerJoker1991 #30.3

Man könnte auch die Schule abbrechen und direkt arbeiten gehen....


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olivern #30.2

Das könnte man. Nur hilft es der Allgemeinheit nicht, wenn schlaue Arme eine Lehre machen aber dumme Reiche studieren.


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wulewuu #35

Die Politik muss Prioritäten setzen und tut dies auch, wie z.B. die Fast-Verdoppelung der Militärausgaben in innerhalb der nächsten Jahre. Deswegen: dienen statt studieren und nebenher ferne Länder kennenlernen.


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vincentvision #36

Da wissen wir alle, dass Bildung, Bildung, Bildung in Deutschland:

a) zu gering ausfällt

b) wesentlich abhängt vom Einkommen der Eltern

c) zu lange dauert

Und vielen hier fällt angesichts des sehr vernünftigen Vorstoßes der Studenten nach mehr Geld, der alle drei Punkte positiv beeinflussen würde, in einer Mischung aus Neid, Häme und Unwissen nicht mehr ein, als das Ganze niederzumachen.

Mit so einer begrenzten Einstellung wird das aber nichts mit der Begabtenförderung und späteren qualifizerten Arbeitnehmern - es sei denn, man holt sie aus dem Ausland.

Aber das wollen die Angesprochenen ja erst recht nicht...


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Grails_Knight #37

Studenten sind übrigens die einzige Gruppe, die Unterhalb des Existenzminimums bleiben können in Deutschland. (Kein Anspruch aus Sozialleistungen beim Unibesuch)

Ist wohl die selbe Denke, die es bei unter 25jährigen bei Hartz IV erlaubt hat, 100% Sanktionen inklusive gestrichener Miete für zumutbar zu halten.


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ParisMatch #38

Das Problem ist schon ein halbes Jahrhundert alt


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123Valentino #40

Da habe ich aber Glück gehabt, ich gehöre zur oberen Unterschicht die hat keine Probleme?
Ich kann mich nur erinnern, es musste immer gearbeitet werden, Einige hatte das Glück Kohle genug aus dem Elternhaus zu bekommen.
Wieviel Schichten gibt es eigentlich ?


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« Last Edit: October 18, 2018, 01:08:30 PM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #813 on: October 16, 2018, 11:01:09 AM »
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[...] „Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird.“

Das war das Ziel von Annie Ernaux‘ Projekt „Die Jahre“. Zwei Jahrzehnte hat sie gerungen, bis sie die passende Form für die Materialfluten fand. Zum einen skizziert sie – ausgehend von Fotos und Videoaufnahmen – Stationen ihres eigenen Werdegangs. Zum anderen zapft sie das kollektive Gedächtnis der Franzosen an und beschreibt in komprimierter Form, was „man“ erlebt hat – oder was „wir“ oder „die Leute“ durchmachen mussten. Den zeitlichen Rahmen markieren Annie Ernaux‘ Geburtsjahr 1940 und der Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf den ersten Seiten mit Werbe-Slogans, Lied-Zitaten und Schlüsselbegriffen der Nachkriegszeit glaubt man noch, diese sogenannte „unpersönliche Autobiografie“ sei ausschließlich ein Buch für Franzosen und eingefleischte Frankophile. Dann aber häufen sich für deutsche Leser die Vergleichsebenen: von der Invasion der amerikanischen Popkultur über die Aufbruchsstimmung der 68er bis hin zur großen materiellen Wohlstandsflut:

„Die Gesellschaft bekam einen neuen Namen, sie hieß jetzt ‚Konsum-Gesellschaft‘. […] Die Zeichen der Zeit standen auf Geldausgeben, und so schaffte man sich unermüdlich Gebrauchsgegenstände und Luxusgüter an. Man kaufte eine Kühl- und Gefrierschrank-Kombination, einen Renault 5, […] man erwarb einen Farbfernseher. Bunt war die Welt viel schöner [...]. Die Werbung zeigte, wie man zu leben, sich zu verhalten, und seine Wohnung einzurichten hatte, sie war die Kulturanimateurin der Nation.“

Annie Ernaux sucht nicht die Objektivität einer Kulturgeschichte. Vielmehr schreibt sie – zuweilen mit leise ironischem Unterton – immer aus der Sicht ihrer Prägungen. Der Kampf der Frauen für die Legalisierung der Abtreibung gehört genauso dazu wie der Milieuwechsel aus der Unter- in die Mittelschicht. Als gute Schülerin durfte sie studieren und wurde Gymnasiallehrerin für Französisch. Doch das Glück, das die zweifache Mutter sich erhoffte, sah für Annie Ernaux anders aus.

„Wenn sie Zeit mit ihrer Familie verbringt, fühlt sie nur und denkt nicht. Richtige Gedanken kommen ihr nur, wenn sie allein ist, […] Gedanken über sich selbst, über das, was sie hat und was sie ist, über ihr Leben. Diese Gedanken sind eine Vertiefung all der flüchtigen Gefühle, über die sie mit niemanden reden kann, all der Dinge, über die sie schreiben würde, wenn sie die Zeit dazu hätte – aber sie hat ja nicht mal mehr die Zeit zum Lesen. In ihrem Tagebuch, das sie nur noch selten aufschlägt, ganz so, als würde es eine Bedrohung für den Zusammenhalt der Familie darstellen, als hätte sie kein Recht auf ein Innenleben, notiert sie: ‚Mir fällt gar nichts mehr ein. Ich versuche nicht mehr, mir mein Leben zu erklären‘ und: ‚Ich bin zu einer arrivierten Kleinbürgerin geworden.‘“

Durch die Erzählperspektive in der dritten Person schafft Annie Ernaux Distanz zu sich selbst. Sie macht sich gleichsam zu einer historischen Figur, zu einer Repräsentantin ihrer Generation. Oft ist sie sich auf alten Fotos selbst fremd und betont die Vagheit ihrer Erinnerungen. Darin liegt die große Stärke ihrer „unpersönlichen Autobiografie“. Nie behauptet Annie Ernaux, es ganz genau zu wissen. Sie bleibt immer eine Suchende im großen Kontext des gesellschaftlichen Wandels. Besonders bewegend sind die nachdenklichen, melancholischen Passagen, so zum Beispiel über das Vergehen der Zeit.

„Auch wir werden eines Tages in den Erinnerungen unserer Kinder im Kreise der Enkel stehen, im Kreise von Menschen, die noch gar nicht geboren sind. Wie das sexuelle Verlangen ist auch die Erinnerung endlos. Sie stellt Lebende und Tote nebeneinander, reale und imaginäre Personen, eigene Träume und die Geschichte. Auch werden sich auf einen Schlag alle Wörter auflösen, mit denen man Dinge, Gesichter, Handlungen und Gefühle benannte, mit denen man Ordnung in die Welt gebracht hat, die das Herz höher schlagen und die Scheide feucht werden ließen: die Slogans, Graffiti an Häuser- und Klowänden, Gedichte und schmutzige Witze.“

Annie Ernaux findet für ihr Erinnerungsbuch „Die Jahre“ nicht nur eine gelungene Form, sondern auch einen eigenen, unverwechselbaren Ton, den ihre Übersetzerin Sonja Finck bestens getroffen hat. Ihre Beobachtungen zeigen eine nie selbstgewisse, immer fragende Frau im Strudel der sexuellen und politischen Ängste und Hoffnungen. Ihre „unpersönliche Autobiografie“ ist kein gemütliches Nostalgie-Buch, sondern eine vielstimmige, stets provozierende Aufforderung zur Selbstbesinnung in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt. Dazu gehört auch der Blick auf die mittelständische Vorstadt 40 Kilometer vor Paris, wo sie seit Jahrzehnten lebt; oder die Beschreibung der Desillusionierung, die sie als überzeugte Sozialistin seit Beginn der Mitterrand-Präsidentschaft durchleiden musste. Das anrührendste, da aussagestärkste Strukturelement ihres Buchs ist aber das klassische französische Festessen im Kreis der Familie. Annie Ernaux beschreibt hier, wie sich im Wandel der Jahrzehnte seit dem Zweiten Weltkrieg die Gepflogenheiten bei Tisch verändern. Auch das nachdenkliche Finale sollte man sich nicht entgehen lassen. Denn immer, wenn Annie Ernaux der Glaube an die Zukunft abhandenkam, hat sie das Schreiben gerettet: über alle Trennungen, den Brustkrebs und Präsident Sarkozy hinweg.


Aus: "Provozierende Aufforderung zur Selbstbesinnung" Christoph Vormweg (15.01.2018)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/annie-ernaux-die-jahre-provozierende-aufforderung-zur.700.de.html?dram:article_id=408269

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[...] Annie Ernaux ist in Frankreich eine literarische Legende, hierzulande werden ihre Romane über ihre Herkunft aus dem Arbeitermilieu gerade erst entdeckt. ... Ihre autobiografischen Romane über ihre Herkunft aus dem französischen Kleinbürgertum waren eine Provokation. Das ist insofern verständlich, als die französische Literatur seit Jahrhunderten nahezu exklusiv vom Pariser Großbürgertum und von den Grandes Écoles der Hauptstadt beliefert wird. ... Annie Ernaux sagt, sie habe zu schreiben begonnen, weil die Familie sich nichts zu sagen gehabt habe. ... An seinen Ursprung zurückzukehren war ihr lebenswichtig: "Solange das Buch nicht geschrieben war, blieb etwas nicht verstanden." So ist es, seitdem Bücher geschrieben werden. Man kehrt an die Unfallorte zurück. Man versteht die Idiotie der Gegenwart immer erst nachträglich.

...



Aus: "Annie Ernaux: "Ich fühle mich schuldig"" Iris Radisch (10. Oktober 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/2018/42/annie-ernaux-erinnerung-eines-maedchens-roman-frankreich-arbeitermilieu/komplettansicht

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[...] Sie selbst ist die Zeugin, aber sie sagt niemals «ich», sondern «man» oder «wir». Das Subjekt dieser Autobiografie sind also die durchlebten Jahrzehnte. Sie demokratisiert gewissermassen ihre private Geschichte, wir begegnen ihr als der Geschichte aller Zeitgenossinnen und Zeitgenossen. Nicht als individuelle Frau entwirft sie sich, obwohl sie aus bescheidenen Verhältnissen im normannischen Yvetot stammt und zur Akademikerin in Annecy, dann in der Nähe von Paris wurde.

Lediglich ein wiederkehrendes, strukturierendes Motiv ist persönlich gefärbt: In Abständen beschreibt Ernaux Fotos ihrer selbst vom Säugling bis zur pensionierten Literaturdozentin, zur Grossmutter mit ihren Enkeln. Auch sie aber zeugen primär von den Zeitabschnitten, den «Jahren». Eine parallele Gliederung ergibt sich aus den Schilderungen von Familienzusammenkünften – einst im Nachkrieg mit den Eltern, später in den sechziger, siebziger Jahren mit Ehemann und Nachwuchs, in den Achtzigern dann geschieden und mit wechselnden Partnern – das geht bis Weihnachten 2006. Identitäten sind brüchig geworden, die Individuen austauschbar. Es ging um die Rekonstruktion einer «gesellschaftlichen Zeit», die in ihr selbst und den Zeitgenossen sichtbar wurde.

Mit Erinnerungen allein war damit wenig auszurichten, es brauchte empirisches Material. Die Autorin sammelte Dokumente aller Art: Schulnotizen, Listen von Film- und Buchtiteln, von Fernsehserien und Chansons. Sie trieb Zeitungsartikel zu den prägenden Politikern auf: von de Gaulle und Pompidou über Giscard d’Estaing, Mitterrand und Chirac bis Sarkozy, dazu Verzeichnisse der jeweiligen Schlagwörter und Parolen. Die grossen Brennpunkte waren Algerien, der Vietnamkrieg, 1968 und – dies vor allem – die sexuelle Befreiung der Frau. Dazu kam das Material zu den wechselnden Moden, zum Essverhalten, zum anschwellenden Konsum, zur Mobilität und den gigantischen Einkaufszentren in den Vorstädten. Und sie sah, wie die Bilder alles überfluteten, Bilder, welche «die Wirklichkeit schröpfen».

In einer Autobiografie ohne ein Ich reden die Dinge deutlicher von der Epoche als die Personen. Dinge können auftauchen, allgegenwärtig sein und wieder verschwinden – in Frankreich beispielsweise das Minitel, der avantgardistische kleine Computer aus den frühen achtziger Jahren, ein Online-System vor dem Internet. Dinge seien ihre Proustsche Madeleine, notiert Annie Ernaux. Sie beschwört Georges Perec und dessen Buch «Les choses» von 1965. Vor allem aber hat ihr der Soziologe Pierre Bourdieu die Augen geöffnet. Bei ihm lernte sie, dass die Subjektivität sozial gesteuert sei. Bourdieus Schriften seien für sie «Synonyme der Befreiung» gewesen, schrieb sie bei dessen Tod 2002 in «Le Monde». Er habe sie aus dem Gefängnis einer weiblichen Existenz ausbrechen und teilhaben lassen an den Umwälzungen ihrer Epoche.

«Les années» wurden 2008 auf Anhieb ein Bestseller in Frankreich. In der autobiografisch tingierten Geschichtsschreibung erkannte man das eigene Leben wieder, und die Aufwertung des Gewöhnlichen und der alltäglichen Dinge bezauberte die Leser.

Knapp zehn Jahre später nun «Die Jahre» auf Deutsch. Die Resonanz kann nicht mehr ganz dieselbe sein. Finanzkrise, das Scheitern des Arabischen Frühlings, IS-Terror, die Kriege im Nahen Osten, die Flüchtlinge – dies alles hat ein neues Lebensgefühl geschaffen. Die betonte «Impassibilité», der leicht herablassende Umgang mit dem Auf und Ab in Gesellschaft und Politik, wirkt nicht mehr ganz zeitgemäss. Dazu kommt, dass die Übersetzung von Sonja Finck oft zu weit vom spezifisch Französischen abrückt. Die Umgangssprache wirkt zu berlinisch; Ausdrücke wie pennen, Klamotten, Kumpel, Bescheuertes verfälschen die Atmosphäre. Trotzdem: Annie Ernaux' konsequentes Unternehmen, das autobiografische Ich zu dezentrieren und den Nebensachen ein existenzielles Gewicht zu geben, verändert den eigenen Blick und wirkt lange nach.

Annie Ernaux: Die Jahre. Übersetzung aus dem Französischen von Sonja Finck. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2017. 256 S.


Aus: "Annie Ernaux erzählt eine Autobiografie ohne Ich" Beatrice von Matt (14.2.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/eine-autobiografie-ohne-ich-ld.1355351

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« Reply #814 on: October 16, 2018, 12:06:45 PM »
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[...] Herr Appenzeller, Sie sind mit Ihrem Planungsbüro in Städten weltweit aktiv. Sind wir Berliner besonders von der Wohnungsnot betroffen?

Markus Appenzeller: Nein, das ist ein globales Problem. Überall, wo ich hinkomme, ob in China, in Afrika oder in Europa, gibt es kaum noch bezahlbaren Wohnraum in Städten. Durch den großen Drang in die Innenstädte werden vor allem die unteren Einkommensschichten verdrängt. Diese Dynamik wird durch einen zweiten Trend zusätzlich angeheizt.

Und der wäre?

Stadtentwicklung ist mittlerweile ein globalisiertes Geschäftsfeld, in das immer mehr Geld fließt. Man trifft immer wieder auf die gleichen Player, die an verschiedensten Stellen der Welt investieren. Ich war diese Woche in Nairobi, da ist ein Projektentwickler aus London mit Investoren aktiv, die wir aus Russland und den USA kennen.

War das nicht schon immer so?

Nein. Früher waren Projektentwickler beschränkt auf ein Land oder eine Region. Heute suchen sie sich gemeinsam mit Investoren zunehmend weltweit interessante Objekte, mit denen man gute Rendite erzielen kann. Seit fünf, sechs Jahren ist auch Deutschland im Fokus.

Wenn so viel gebaut wird, müsste dadurch der Wohnraum nicht billiger werden?

Ein Großteil der Preissteigerungen hat nichts mit der realen Nachfrage nach Wohnraum zu tun. Die gibt es, doch der explodierende virtuelle Immobilienmarkt kommt nun als Preistreiber hinzu. Er hat nicht mehr den Stadtbewohner als Mieter und Endverbraucher im Fokus. Sondern Investoren, die ihr Geld anlegen wollen. Die Folgen sind absurd: Man baut komplett am realen Bedarf vorbei und schafft Wohnraum, der im Zweifel gar nicht als Wohnraum gedacht ist, sondern nur als Geldanlageobjekt. Zum Beispiel werden bevorzugt kleine Wohnungen gebaut, um den Einstiegspreis gering zu halten. Je kleiner die Wohnung, desto interessanter ist sie als reines Investment.

Bedroht dieses globale Geschäft die lokalen Stadtgesellschaften?

Ja. Internationalen Investoren ist es im Gegensatz zum klassischen Hauseigentümer relativ gleichgültig, welche lokalen Folgen ihr Handeln hat. Sie haben nur zwei Entscheidungskriterien: die Rendite und die Sicherheit für ihr Kapital, die ihnen der Ort bieten kann. Die Stadt wird vom Wohn- und Lebensraum zu einem Finanzmodell für umherschwirrendes Geld, das Anlagemöglichkeiten sucht. Ich bin grundsätzlich Optimist, aber ich mache mir da schon Sorgen.

Welche Folgen befürchten Sie?

Der Neid und der Kampf ums Überleben in der Stadt wird größer werden. Auch die Nationalismustendenzen und latente Ausländerfeindlichkeit in manchen Vierteln sind ein Zeichen für diesen wachsenden sozialen Unfrieden. Die Politik hat inzwischen erkannt, dass das ein Problem ist, der Wohnungsgipfel zeigt das. Aber wenn man nicht schnell deutliche Schritte unternimmt, besteht aus meiner Sicht ein reales Risiko, dass sich das zu einem explosiven Gemisch aus ökonomischem Druck, Zukunftsangst und Xenophobie entwickelt.

 Wenn so viele Städte von diesen Gefahren bedroht sind, warum gibt es zwar internationale Immobilienmessen, aber keinen internationalen Städtegipfel?

Es fehlt tatsächlich ein Format, in dem man Lösungen für das weltweite Problem entwickelt. Leider sehe ich nicht, dass eine globale Städteallianz entsteht. Jede Stadt wurschtelt für sich, auch weil sie natürlich untereinander im Wettbewerb stehen und um Investitionen buhlen.

Bekommen Sie selbst unmoralische Bauangebote?

Jede Menge. Ein Projektentwickler wollte auf Madeira für britische Anleger bauen. Die brauchen dann keine Steuern auf Gewinne mit den Wohnungen zu zahlen. Das lehnen wir ab, obwohl es finanziell interessant wäre. Wir wollen Architektur und Strukturen für echte Menschen in echten Städten schaffen. Unser Büro ist deshalb eher im kostengünstigen Massenwohnungsbau aktiv. In manchen Städten ist das mittlerweile eher ein Nischenmarkt geworden.

Wo zum Beispiel?

In London etwa wird schon lange nicht mehr für Londoner gebaut, sondern fast nur noch für ausländische Anleger. Chinesische Firmen lassen für vermögende Chinesen bauen, die ihr Geld entweder direkt in Wohnungen oder in Anteile an einem Immobilienfonds investieren. Der Verkauf läuft meist in China ab, die Wohnung ist also auf dem lokalen Markt gar nicht verfügbar. Inzwischen sieht man dieses Vertriebsmodell in immer mehr Städten, auch in Berlin.

 Aber diese Objekte werden doch trotzdem nachher als Wohnraum vermietet.

Nicht unbedingt. Je nach Modell wird eine Wohnung durch die Vermietung für Anleger sogar weniger wert. Einerseits, weil sie dann schwieriger zu verkaufen ist. Außerdem besteht das Risiko, dass sie durch die real erwirtschaftete Miete abgewertet wird. Man schätzt, dass in China ein Drittel der Wohnungen leer steht. In Schanghai oder Peking gibt es bei Wohnungen Wertsteigerungen von mehr als 50 Prozent im Jahr – da gibt es keinerlei ökonomische Notwendigkeit, sie zu vermieten.

Was tut man dann damit?

Man lässt sie drei Jahre leer stehen und verkauft sie wieder. Diese Auswüchse des Renditekapitalismus sieht man weltweit. Es besteht das Risiko, dass sich die Innenstädte dadurch komplett entleeren und nur noch Arbeitsplätze, Tourismus und Dienstleistungen übrig bleiben.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe fordert deshalb, spekulative Renditejäger im Zweifel zu enteignen.

Man braucht in jedem Fall Regeln, die solche Praktiken unattraktiv machen. Im Grundgesetz ist die Sozialbindung des Eigentums formuliert. Wenn ich Wohnraum leer stehen lasse, ist das nicht sozial. Das muss unter Androhung hoher Strafen verhindert werden, im schlimmsten Fall bis zur Enteignung. Hier sind auch die Regierungen gefragt, da einzelne Städte in ihren gesetzgeberischen Möglichkeiten überfordert sind.

 Wie im Fall der umstrittenen Modernisierungsumlage.

Die muss abgeschafft werden. Sie ist schon in ihrer Grundidee absurd. Dabei werden notwendige Werterhaltungsmaßnahmen als Modernisierung umgedeutet und auf die Mieter umgelegt. Eigentlich müsste es genau umgekehrt sein: Mieten müssten automatisch sinken, wenn diese Maßnahmen ausbleiben.

Sollte man auch per Gesetz verhindern, dass Krankenkassen oder Rentenfonds in den virtuellen Markt investieren und bei der Preistreiberei mitmachen?

Zumindest Institutionen, die Geld aus staatlichen Töpfen bekommen, sollten solche Anlagestrategien nicht gestattet werden. Es ist eine schizophrene Situation, wenn die öffentliche Hand als Player und Antreiber solcher Praktiken und gleichzeitig als Regulierer auftritt.

Solche Gesetzesänderungen dauern lange. Was kann die Lokalpolitik ad hoc tun, um die Stadt nicht zum Spielball von Investoreninteressen werden zu lassen?

Selber aktiv werden. Zum Beispiel durch eigenen sozialen Wohnungsbau. Viele Städte verkaufen Grund und Boden noch immer zum Höchstgebot – das ist ein weiterer Schlüsselfaktor für die Preissteigerung. Die Lokalpolitik muss sich auch inhaltlich besser wappnen gegen Investoren, die von der Stadt profitieren wollen.

Wie denn?

In den letzten Jahren ist die Weltwirtschaft deutlich komplexer geworden. Gerade in der Lokalpolitik ist die Gefahr groß, dass Entscheidungen aus gutem Glauben und teilweise auch Naivität gefällt werden. Man sollte sich deshalb Experten aus der Branche in die Stadtplanungsämter holen, damit man hier auf Augenhöhe kämpfen kann.

 Gilt das auch für Berlin?

Ganz besonders. Berlin steht vor einer riesigen Herausforderung. Die internationalen Kapitalströme fließen extrem schnell und treffen auf Stadtentwicklungsprozesse, die sehr langsam ablaufen. In Berlin ist dadurch eine Dynamik entstanden, die viel größer als in etablierten Immobilienkapitalmärkten wie Hamburg oder Frankfurt ist. Berliner bekommen die Effekte durch den Mietwohnungsanteil von 85 Prozent viel stärker in kurzer Zeit zu spüren als Bewohner anderer Städte mit höherem Eigentumsanteil. Berlin muss schnell gezielte Gegenstrategien entwickeln.

Welche könnten das sein?

Die Stadt könnte dafür sorgen, dass bestimmte Projekte nicht mehr genehmigungsfähig sind. Das erfordert ein Umdenken bei Baugenehmigungen.

Ausgerechnet Sie als Architekt verteidigen trotz des Baudrucks den investitionskritischen Ansatz der Berliner Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher?

Man darf nicht einfach alles durchwinken. Baugenehmigungen sind bisher vor allem eine technische Angelegenheit. Aber man sollte auch ökonomische und soziale Aspekte betrachten. Ich plädiere dafür, die Baugenehmigung auch vom Finanzierungsmodell und dem angesprochenen Marktsegment abhängig zu machen.

Was soll das bringen?

So hätte man mehr Einfluss darauf, was tatsächlich realisiert wird. Hier kommt die Sozialbindung des Eigentums zum Tragen: Wohnungsbau muss einen positiven Beitrag für das Zusammenleben in der Stadt leisten. Was der Stadtbevölkerung hilft, sollte genehmigt werden – alles andere nicht.

Finanzexperten kündigen das Ende des Booms an. Sinken die Immobilienpreise, wenn die Kreditzinsen wieder steigen?

Nicht automatisch. Der Teilmarkt mit billigem geliehenen Geld könnte in den nächsten zehn Jahren zwar kleiner werden. Dann dürfte es eine Preiskorrektur geben, die die Mietsteigerungseffekte etwas abmildert. Andererseits bleibt der reale Drang in die Städte erhalten. Und es wird weiter Anleger geben, die sichere Investitionsmöglichkeiten suchen. Für die spielt das Zinsniveau eine untergeordnete Rolle. Wenn man das ändern will, dann braucht es politischen Willen.

Müssen wir uns in Berlin künftig also trotzdem mit weniger Platz begnügen?

Ich denke schon. Es ist global gesehen nicht die Norm, dass eine vierköpfige Familie auf 120 Quadratmetern lebt. Mit steigenden Preisen bei stagnierenden Einkommen verkleinert sich der Wohnraum.

Markus Appenzeller leitet das Planungsbüro MLA+ mit Büros in Berlin, London, Moskau, China und Brasilien. Außerdem lehrt er Stadtplanung an der Amsterdamer Academie für Architektur.


Aus: "Wohnungspolitik "Berlin muss sich wappnen gegen Investoren"" Christian Hönicke (16.10.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/wohnungspolitik-berlin-muss-sich-wappnen-gegen-investoren/23189758.html

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« Reply #815 on: October 17, 2018, 08:59:31 AM »
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[...] Im Groß-Insolvenzverfahren um die Münchener Kapitalanlagegruppe P&R geht der Firmengründer Heinz Roth offenbar zunehmend auf Konfrontationskurs zu den Insolvenzverwaltern. Roth habe sich anfangs kooperativ gezeigt, schreiben die Insolvenzverwalter Michael Jaffé und Philip Heinke, beide von der Münchener Kanzlei Jaffé, in ihren Gutachten zur Eröffnung der Insolvenzverfahren über vier P&R-Gesellschaften. Dies habe sich aber im Laufe der seit März dieses Jahres andauernden vorläufigen Insolvenzverwaltung geändert.

So habe Roth zunächst Vollmachten für die Leitung der im P&R-Geflecht wichtigen Schweizer Tochtergesellschaft der Gruppe erteilt. Diese Vollmachten, die laut Gutachten ursprünglich offenbar als "unwiderruflich" eingestuft wurden, habe Roth später jedoch über einen in der Zwischenzeit engagierten Anwalt widerrufen.

Ebenso versucht Roth den vier umfangreichen Gutachten zufolge, die manager-magazin.de vorliegen, offenbar, Vermögenswerte dem Zugriff der Insolvenzverwalter zu entziehen. Der P&R-Gründer habe sein Eigentum an seinem Wohnhaus im noblen Münchener Stadtteil Grünwald bereits auf seine Ehefrau übertragen, heißt es in den weitgehend wortgleichen Schriftsätzen. Auch eine weitere Immobilie wollte Roth demnach bereits veräußern.

Roth ist eine der zentralen Figuren im bislang wohl größten Anlageskandal Deutschlands. Die von ihm mitgegründete Firmengruppe P&R, die seit den 1970er Jahren Containerinvestments anbot, musste im März dieses Jahres weitgehend Insolvenz anmelden. Etwa 54.000 private Anleger - zum weitaus größten Teil Senioren, die ihre Altersvorsorge auf den Aktivitäten von P&R aufgebaut haben - sind von der Pleite betroffen. Sie laufen nun Gefahr, von den zusammen 3,5 Milliarden Euro, die sie bei P&R bis zum Schluss investiert hatten, kaum etwas wiederzusehen.

Lesen Sie auch: Die fragwürdige Rolle der Finanzaufsicht im Fall P&R

Wie es zur Pleite kommen konnte, steht ebenfalls detailliert in den Gutachten von Jaffé und Heinke. Wie die Insolvenzverwalter bereits vor einiger Zeit publik gemacht hatten, entstand im Geschäftskonstrukt von P&R spätestens im Jahr 2007 eine Finanzierungslücke, die danach im Laufe der Jahre immer größer wurde. Immer größere Teile der eingeworbenen Investorengelder wurden daraufhin nicht wie vorgesehen zum Kauf von Containern verwendet, sondern um die Ansprüche anderer Investoren zu befriedigen.

Eine Folge dieser unrechtmäßigen Verwendung der Gelder war, dass zwischen dem angeblichen und dem tatsächlichen Containerbestand bei P&R eine immer größere Lücke klaffte. Zuletzt, so haben es die Insolvenzverwalter herausgefunden, hätte die Gruppe über 1,6 Millionen Boxen verfügen müssen. Tatsächlich im Bestand befinden sich bei P&R jedoch lediglich 618.000 Container. Für rund eine Million Stahlbehälter hat die Unternehmensgruppe bei ihren Investoren Gelder eingesammelt, ohne die Container auch tatsächlich zu erwerben. Es handelt sich also um rund eine Million Phantom-Container.

Entsprechend groß ist nun auch der finanzielle Abgrund, vor dem die zahlreichen P&R-Kunden stehen. Alles in allem messen die Insolvenzverwalter dem aktuellen Containerbestand einen Wert von etwa 800 Millionen Euro zu. Die Verbindlichkeiten der Unternehmensgruppe belaufen sich den vier Gutachten zufolge jedoch auf zusammen mehr als 4,3 Milliarden Euro. Das heißt: Mit den derzeit bestehen Containern könnten bei einer Verwertung wohl nur etwa ein Fünftel der Ansprüche von Seiten der Gläubiger bedient werden, wie auch der Fachjournalist Stefan Loipfinger errechnet hat.

In ihren Gutachten zur Eröffnung der Insolvenzverfahren machen die Insolvenzverwalter zudem deutlich, wie dramatisch die Lage bei P&R offenbar bereits vor rund zehn Jahren war. Spätestens seit Ende der 2000er Jahre habe für P&R keine positive Fortführungsprognose mehr bestanden, so Jaffé und Heinke. Denn bereits zu dem Zeitpunkt sei klar gewesen, dass die Mieterlöse aus dem geringeren Containerbestand sowie etwaige Verkäufe von Containern die Ansprüche von Seiten der Investoren "nicht ansatzweise" würden decken können.

Im Klartext heißt das: Nach Ansicht der Insolvenzverwalter waren die fraglichen P&R-Töchter bereits Ende der 2000er Jahre faktisch pleite - und alles, was seither in der Gruppe geschah, um den Geschäftsbetrieb aufrecht zu erhalten, könnte den Tatbestand der Insolvenzverschleppung erfüllen.

Das ist eine Behauptung, die auch P&R-Gründer Heinz Roth zu denken geben dürfte. Neben einigen anderen Verantwortlichen hat auch er im Laufe der Jahre Geschäftsführungsaufgaben in der P&R-Gruppe ausgeübt. Ist dies also womöglich ein Grund für die Kehrwende Roths gegenüber den Insolvenzverwaltern, von der Kooperation zur Konfrontation?

Jaffé und Heinke mutmaßen in ihren Gutachten, Roths Verhalten könne auch mit den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen zusammenhängen, die gegen ihn laufen. Zudem könne eine Rolle spielen, dass Anleger und Insolvenzverwalter demnächst womöglich mit Ansprüchen auf ihn zukommen werden, "die sein vorhandenes Vermögen weit überschreiten werden", wie es in den Gutachten heißt.

Was das konkret bedeuten kann, lässt sich den Gutachten ebenfalls entnehmen. Demnach wurden in der Zeit, in der Roth als Geschäftsführer verantwortlich zeichnete, Auszahlungen an die Anleger in Höhe von rund 700 Millionen Euro getätigt. "Für diese Zahlungen muss Herr Roth den jeweiligen Gesellschaften gegenüber einstehen", so die Gutachten. Schließlich erfolgten die Zahlungen laut Insolvenzverwalter in einer Zeit, in der bereits die Überschuldung eingetreten war und längst Insolvenz hätte angemeldet werden müssen. Die Forderungen, die die Insolvenzverwalter gegen Roth konkret errechnen, summieren sich in der Summe den vier Gutachten zufolge auf rund fünf Millionen Euro.

Roth auf der anderen Seite gibt den Insolvenzverwaltern zufolge an, über ein Vermögen "zwischen zehn und 13 Millionen Euro" zu verfügen. Die Insolvenzverwalter bemerken allerdings, diese Angabe habe noch nicht verifiziert werden können, und Zweifel sind möglicherweise angebracht. Immerhin weigert sich Roth offenbar, ein Vermögensverzeichnis aufzustellen.

Stefan Loipfinger jedenfalls, der Fachjournalist, der den Fall P&R kennt wie kaum ein anderer, meint, Heinz Roth habe "sein Vermögen in einer Höhe angegeben, die geradezu lächerlich wirkt".

Auch der Berliner Anlegeranwalt Wolfgang Schirp geht davon aus, dass bei dem P&R-Gründer noch mehr zu holen sein dürfte. Roth habe sich womöglich in deutlich höherer Weise bereichert als bislang bekannt, so Schirp zu manager-magazin.de. Das müsse nun aufgeklärt werden.

Und was sagt P&R-Gründer Heinz Roth selbst zu alldem? manager-magazin-de rief den Ex-Unternehmer in seinem Haus in München-Grünwald an, um seine Einschätzung zu hören, zur Pleite seiner Firmengruppe, zu den Ermittlungen der Staatsanwälte, zu kursierenden Vorwürfen sowie zu möglichen Ansprüchen von Anlegern und Insolvenzverwaltern. Doch Roth wollte zu alldem nichts sagen. Er beendete das Gespräch abrupt und legte auf.


Aus: "P&R-Firmengründer wappnet sich schon fürs letzte Gefecht" (05.09.2018)
Quelle: http://www.manager-magazin.de/finanzen/artikel/p-r-gruender-heinz-roth-wappnet-sich-schon-fuers-gefecht-a-1226456.html

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« Reply #816 on: October 17, 2018, 12:15:29 PM »
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[...] Saudi-Arabien ist ein autoritär geführtes Königreich, in dem es schon ein epochaler Fortschritt ist, wenn sich Frauen hinters Steuer setzen dürfen. Das ist dann aber auch genug der Freiheit – Kritik am Führungsstil und am Umgang mit Minderheiten duldet die Führung in Riad nicht.

Der vermutliche Mord an dem unbequemen Journalisten Jamal Khashoggi, für den wohl niemals jemand gerichtsfest verantwortlich gemacht werden kann, sollte das auch dem letzten deutschen Wirtschaftsvertreter vor Augen führen. Es ist ein Armutszeugnis, dass bislang kein namhafter Konzernvertreter ein Zeichen setzt und zumindest die Teilnahme an dem anstehenden Wirtschaftsgipfel in Riad absagt. Gerade der Siemens-Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser, der sich gerne als AfD-Gegner zur moralischen Instanz aufspielt, sollte sich anders verhalten, wenn er seine Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel setzen will.

Mutig ist es nicht, eine von Medien beklatschte, populäre Position zu beziehen. Mutig ist es, auch dann Haltung zu zeigen, wenn das kurzfristig Geld kosten kann. Doch davon ist die deutsche Wirtschaft leider weit entfernt – egal, ob es um Geschäfte mit den Saudis, der Türkei oder Iran geht. ...


Aus: "Armutszeugnis von Konzernchefs" Johannes Pennekamp (15.10.2018)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/saudi-arabien-kommentar-armutszeugnis-von-konzernchefs-15839382.html

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Money rules ...

    Karl Fuchs (fuka60), 15.10.2018 - 20:15

Ab einem gewissen Geschäftsvolumen ist das Verhalten des Geschäftspartners hinsichtlich ethischer Maßstäbe sehr zweitrangig - eigentlich müssten dies die Kommentatoren einer konservativen und wirtschaftsnahen Zeitung wissen. ...


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« Reply #817 on: October 18, 2018, 11:07:39 AM »
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DIE ZEIT Nr. 43/2018, 18. Oktober 2018: “ … Ganz Europa wurde von Steuerräubern geplündert. Auch weil Deutschland die Partnerländer erst viel zu spät warnte, entstand ein Schaden von mindestens 55 Milliarden Euro. … „Es handelt sich um den größten Steuerraub in der Geschichte Europas“, sagt der Steuerprofessor Christoph Spengel von der Universität Mannheim. …“
Quelle: https://www.zeit.de/2018/43/cum-ex-steuerbetrug-aktiengeschaeft-europa-finanzpolitik

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Brmxn #35: “ … 31.000.000.000 Euro Schaden in Deutschland entsprechen ca. 385€ pro Einwohner. Ihre Frau, Ihre Kinder, Ihre Oma eingeschlossenen. [Nur] um diese enormen Zahlen mal etwas auf begreifliche Dimensionen herunterzubrechen. …“

Quote
NernstBoy #90: “ … In einem Arbeitsleben verdient ein Deutscher Akademiker im Durchschnitt 2.3 Millionen Euro. Eine Milliarde entspräche somit dem Lebensverdienst (!) von knapp 435 Menschen. 55.2 Milliarden Euro entsprächen somit dem Lebensverdienst (!) von knapp 24 000 Menschen. Nicht ihren Steuern, nein, sondern dem Verdienst ihrer gesamten Erwerbstätigkeit! Diese wenigen Personen haben also einen Betrag gestohlen, der dem gesamten Verdienst von 24 000 der bestverdienensten Einkommensgruppe in Deutschland entspricht. … Vielleicht hilft das manchen Menschen, die Dimension dieser 55 Milliarden Euro zu verstehen. …“

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kemal_acaröz #31 “ … Ein Katz und Maus-Spiel. Der Staat will Steuern – und schafft ein komplexes Steuersystem. Und es entwickelt sich eine Branche, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Grauzonen des Steuerrechts systemmatisch zu monetarisieren, mit allen Mitteln. Kapitalistische Logik. Wer da mit „Moral“ kommt, hat das System nicht verstanden. … 55 Mrd. … Aus meiner Sicht sind solche Fälle wie Cum-Ex in einen komplexen Steuer-/Finanzsystem fast zwangsläufig. Man könnte sagen, systemimanent. …“

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Zenanon #85: “ … Ich verstehe ehrlich gesagt die ganze Aufregung um diesen Skandal nicht. Das Geld, welches diese Gruppen damit verdienen geben diese doch wieder aus, es wird doch wieder in den Wirtschaftskreislauf geführt. Daran verdienen Handwerker, Friseure, usw. So zumindest wurde es uns erzählt, in einem anderem Fall. Also warum der große Trara? …“

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Schmalhans Küchenmeister: #85.3: “ … Dafür müssen Sie aber oft zum Friseur. …“

Quote
hobuk #85.1: “ … Nennt sich Trickle-Down Effekt. Klappt prima, weltweit. (Ironie) …“

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[...] Die Bundesagentur für Arbeit hat für das Jahr 2017 einen Schaden von mindestens 50 Millionen Euro festgestellt, den kriminelle Banden durch Hartz-IV-Betrug verursacht haben. Das berichtete die Rheinische Post, der eine Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion vorliegt.

Die Arbeitsagentur hat demnach "auf der Grundlage der stichprobenartigen Erhebungen" eine Schätzung ermittelt, die von einem Vermögensschaden von rund 50 Millionen Euro durch bandenmäßigen Leistungsmissbrauch ausgeht. Zu diesem Ergebnis sei die Agentur durch eine Umfrage unter den Job-Centern gekommen. Der Betrug durch organisierte Banden sei im vergangenen Jahr erstmals erfasst worden. Rechne man die Fälle von individuellem Leistungsmissbrauch – beispielsweise Verstöße gegen Mitteilungs- und Anzeigepflichten des Beziehers – hinzu, sei im vergangenen Jahr ein Gesamtschaden durch Hartz-IV-Betrug von mehr als 100 Millionen entstanden.

Von bandenmäßiger Kriminalität ist auszugehen, wenn Gruppen den Staat systematisch täuschen – etwa indem sie falsche Angaben über Familienangehörige, Wohnungen oder geringfügige Beschäftigungen machen, um Hartz-IV-Leistungen zu beziehen. Die Zahl der Fälle von Leistungsmissbrauch beziehungsweise mit Verdacht auf Leistungsmissbrauch bezifferte die Bundesagentur mit 4.400. Davon sei der Großteil in großstädtischen Ballungsräumen festgestellt worden.

Das Vorgehen der organisierten Banden wird folgendermaßen dargestellt: Kriminelle würden gezielt Menschen aus dem Ausland anwerben und mit falschen Versprechungen nach Deutschland locken. Die Banden täuschten als Arbeitgeber ein Beschäftigungsverhältnis vor, um so unrechtmäßig Hartz-IV-Zahlungen zu erwirken.

Nach Angaben der Arbeitsagentur verfügen viele Job-Center über zu wenig Personal, um Leistungsmissbräuche ausreichend aufzudecken. "Das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Rechtsstaates darf nicht durch Nachlässigkeit beim Kampf gegen den Leistungsmissbrauch gefährdet werden", sagte Pascal Kober, der sozialpolitische Sprecher der FDP-Fraktion. Die bisherigen Maßnahmen seien unzureichend. "Das Problem wurde bisher von der Bundesregierung viel zu wenig beachtet."


Aus: "Kriminelle Gruppen verursachen Millionenschaden durch Hartz-IV-Betrug" (1. November 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-11/sozialbetrug-hartz-4-banden-staat-millionenschaden

« Last Edit: November 01, 2018, 09:55:16 AM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #818 on: October 18, 2018, 12:16:48 PM »
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[...] Der Schattenbericht [https://www.nationale-armutskonferenz.de/wp-content/uploads/2018/10/Schattenbericht-2018_2019.pdf] nennt folgende Phänomene: Die Erwerbsarmut hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt- wie in keinem anderen Land Europas, wird dazu angemerkt. Zwischen 2004 und 2014 stieg der Anteil der "working poor" an allen Erwerbstätigen auf 9,6 Prozent, wie dann auch im Tagesschau-Bericht vermerkt wird.

Im Schattenbericht werden härtere Töne angeschlagen: "Kein Geld, miese Jobs, Schulden, Wohnungsnot, Dreck und schlechtes Essen betreffen ein Fünftel der Menschen. Seit Jahren wird das oberste Zehntel reicher und das unterste Fünftel ärmer." Zu lesen ist von 1,2 Millionen Erwerbstätigen, die so wenig verdienen, "dass sie auf zusätzliche Hartz-IV-Leistungen angewiesen sind. Der Anteil derjenigen, die Anspruch auf Hartz IV haben und diesen aus Scham nicht in Anspruch nehmen, ist noch höher".

    Politisch liegen die Gründe hierfür in der Kürzung von staatlichen Unterstützungsleistungen, dem Abbau sozialer Sicherheiten für Menschen ohne Erwerbsarbeit und einer verfehlten Arbeitsmarktpolitik. Als Reaktion auf die Globalisierung der Wirtschaft wurde vor 15 Jahren die Politik der Agenda 2010 beschlossen.

    Die Integration von Arbeitslosen in den Arbeitsmarkt sollte durch Auflagen und Sanktionen bei den Sozialleistungen verbessert werden. Das Ergebnis ist ein Niedriglohnbereich, in dem fast jede*r vierte Beschäftigte arbeitet (22,6 Prozent).

    Die zunehmende Armut spaltet nicht nur die Erwerbstätigen in Beschäftigte erster und zweiter Klasse, sondern setzt ganze Branchen unter Druck. Sie führt dazu, dass die Tarifbindung schwindet.
    Schattenbericht der Nationalen Armutskonferenz



Man konstatiert, dass der Motor des Niedriglohnbereichs die Minijobs seien, "mit derzeit 7,5 Millionen Beschäftigten, wobei 4,7 Millionen Minijober*innen ausschließlich geringfügig beschäftigt sind".

Entgegen der landläufig proklamierten Parole, sind die Minijobs keineswegs Einstieg in "gute Arbeit", sondern eine Sackgasse, die nicht weiterführt. Alles bleibt beim Status "ärmliche Verhältnisse" stehen. Das ist eine zentrale Behauptung des Schattenberichts: "Für die Beschäftigten sind es berufliche Sackgassen mit mangelnden Perspektiven, niedrigen Einkommen und schlechten Arbeitsbedingungen".

Das gilt auch für die sozialversicherungspflichtige Teilzeit, die für Beschäftigte problematisch ist ,"wenn nur die Flexibilisierungsinteressen der Arbeitsgeber im Vordergrund stehen". Ähnliches wird auch anderen "unzureichenden Teilzeitangeboten" vorgeworfen, eingeschlossen der Leiharbeit und den ("Für viele Leiharbeiter*innen ist diese Beschäftigungsform ein Dauerzustand oder sie wechseln zwischen Phasen von Leiharbeit, Arbeitslosigkeit und abhängiger Beschäftigung ohne eine Perspektive auf eine reguläre Beschäftigung") sowie den Solo-Selbstständigen.

Die Hälfte der 2,3 Millionen Solo-Selbstständigen in Deutschland würde nämlich "nur ein Einkommen im Niedriglohnbereich" beziehen und zumindest teilweise auf "Sicherungen bei Krankheit, im Alter oder bei Auftragslosigkeit" beziehen.

Es handelt sich um einen Teufelskreis aus schlechter Arbeit und unzureichender sozialer Absicherung, der sich in Zeiten sehr hoher Mieten und hoher Energiepreise rascher, als man denkt, hartnäckig in einem prekären Dauerzustand aufhängen kann.

    Abhilfe böte an erster Stelle gute und gut bezahlte Arbeit, sagte Eschen. Durch Niedriglöhne und unsichere Beschäftigungsverhältnisse habe sich stattdessen in den vergangenen zehn Jahren der Anteil der Beschäftigten, die trotz Arbeit zu den Armen gezählt werden müssen, auf fast zehn Prozent verdoppelt. Rund eine Million verdienen so wenig, dass sie zusätzlich auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen sind.

    Tagesschau



Aus: "Bittere Armut und unmenschliche Minijobs" Thomas Pany (17. Oktober 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Bittere-Armut-und-unmenschliche-Minijobs-4194330.html


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« Reply #819 on: October 18, 2018, 01:07:13 PM »
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[...] Wichtigste Einnahmequelle für Studenten in Deutschland sind die eigenen Eltern. Nach der Sozialerhebung des Studentenwerks finanzieren Vater und Mutter bei 86 Prozent der Studenten das Studium mit und zahlen durchschnittlich 541 Euro. 61 Prozent arbeiten nebenbei und verdienen dabei im Schnitt 385 Euro im Monat, 25 Prozent bekommen staatliche Zahlungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (Bafög). Zu kleineren Teilen helfen andere Verwandte, eigene Ersparnisse oder Stipendien. ... Viele haben einen Nebenerwerb, aber nicht jeder braucht diesen aus purer Not. 61 Prozent arbeiten nebenher. Immerhin die Hälfte davon gibt an, dass sie sonst ihr Studium nicht finanzieren könnten. Überwiegend wollen sich die Studenten aber zusätzliche Ausgaben leisten oder auch dazulernen. Die Erwerbstätigkeit der Studenten liegt auf einem Rekordhoch, während der Bafög-Anteil ein Rekordtief erreicht. Im vergangenen Jahr haben 557 000 Studenten Bafög erhalten, dessen Höhe je nach dem Einkommen der Eltern maximal 735 Euro im Monat mit Zuschlägen zur Kranken- und Pflegeversicherung beträgt. Die eine Hälfte davon gibt es als Geschenk des Staates, die andere Hälfte muss der Student als zinsloses Darlehen zurückzahlen. Wer das nicht bekommt, kann einen verzinsten Studienkredit der staatlichen Förderbank KfW beantragen.

... In München kostete eine 30-Quadratmeter-Wohnung mit durchschnittlicher Ausstattung und guter Anbindung zur Universität im ersten Halbjahr rund 635 Euro und war damit etwa 25 Euro teurer als ein Jahr zuvor. Das haben Ökonomen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln mit Daten von ImmobilienScout24 und wg-suche.de berechnet. Mehr Studenten und zu wenig Single-Wohnungen sind demnach Gründe für steigende Mietpreise an vielen Orten. Günstiger wird es im Osten und im Westen: In Magdeburg oder im Ruhrgebiet liegen die durchschnittlichen Mietpreise der Musterwohnung bei weniger als 300 Euro. „Das bietet auch Chancen für die Entwicklung, wenn mehr Studenten in diese Standorte gehen“, sagt Michael Vogtländer, einer der Autoren der IW-Studie. Diese Entwicklung hält Grob vom Studentenwerk für gefährlich. Zynisch sei es, ärmeren Menschen zu sagen, dann kannst du nicht in München studieren, sondern gehst nach Magdeburg.

Selbst in Kiel klagt die Studentenvertretung über Wohnungsmangel, wo doch die Mietpreise im Norden laut IW nur die Hälfte derer in München ausmachen. Die Musterwohnung mit 30 Quadratmetern kostet 320 Euro mitsamt Nebenkosten im Monat. Keinerlei Entspannung auf dem Wohnungsmarkt für Studenten, vermeldet der dortige Asta-Vorstand Julian Schüngel. Das belastet internationale Studenten und Studienanfänger, die durch Nachrück- und Losverfahren einen Studienplatz bekommen. Mit der Aktion „Ersti Couch“ sucht die Studentenvertretung jetzt Kieler, die neuankommenden Studenten ein Sofa oder Gästebett für ein paar Tage oder Wochen anbieten.

...


Aus: "Steigende Mieten: So teuer ist das Studentenleben" Jan Hauser (17.10.2018)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/finanzen/meine-finanzen/studenten-und-berufseinsteiger/steigende-mieten-das-studentenleben-wird-immer-teurer-15836719.html


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« Reply #820 on: October 22, 2018, 07:36:16 AM »
Quote
[...] Nach Angaben mehrerer Billiglohnarbeiter ist die Elite-Bar nur einer von mehreren Sammelpunkten auf dem sogenannten Arbeiterstrich in Hamburg-Wilhelmsburg. Und Hamburg ist nur eine von vielen Städten, in denen Tagelöhnerjobs vergeben werden.

Die ungelernten Arbeitsmigranten werden in ganz unterschiedlichen Branchen eingesetzt: Sie helfen auf Baustellen, bei der Ernte oder im Trockenbau, sie arbeiten in Schlachthöfen und in der Gastronomie, in Lagern und in der Pflege, räumen im Hafen Container aus, reinigen Büros und Hotelzimmer, pflegen Grünflächen... die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Die Stundenlöhne liegen nach Angaben der von uns befragten Bulgaren zwischen fünf und zehn Euro, gezahlt wird meist bar auf die Hand. Die Arbeitsverhältnisse sind oft illegal oder bewegen sich am Rande der Legalität. Einen ordentlichen Arbeitsvertrag haben die wenigsten Lohnarbeiter.

"Viele Arbeitsmigrantinnen und -migranten sind so gut wie rechtlos", sagt Christiane Tursi von verikom, einem gemeinnützigen Verein, der sich gegen die Ausbeutung ausländischer Arbeiter einsetzt. "Wer mehr Geld oder einen Arbeitsvertrag will oder auch nur einen Tag krank ist, riskiert seinen Job."

... "Es gibt viele Wege, den gesetzlichen Mindestlohn zu unterlaufen", sagt Christiane Tursi von verikom. Mal müssten Billiglöhner heimlich Überstunden schieben, mal müssten sie einen Teil ihres offiziellen Einkommens in bar zurückzahlen. Und manchmal bekommen sie nach getaner Arbeit einfach gar nichts.

... Die Bulgaren vom Arbeiterstrich machen sich strafbar, wenn sie illegalen Wohnraum und illegale Jobs annehmen. "Und wer einmal mit drinhängt, ist erpressbar", sagt Sozialarbeiterin Tursi. Die Migranten wehren sich kaum gegen ihre ausbeuterischen Vermieter und Chefs. Und sie tun sich schwer mit der Integration.

"Die Migrantinnen und Migranten haben kaum Zeit und Kraft, Deutsch zu lernen", sagt Tursi. "Dadurch können sie kaum Kontakt zu Einheimischen aufnehmen und sich auch nicht über ihre Rechte informieren." Betrüger haben mit ihnen oft ein leichtes Spiel.

... Die Misere der Arbeitsmigranten belastet in Deutschland inzwischen ganze Viertel. Die Städte ziehen zusammen mit den billigen Arbeitskräften eine Menge Elend an - unter dem dann auch die Anwohner leiden.

Eine erzählt von Billiglöhnern, die vor ihrer Tür im Auto übernachten und im Winter die ganze Nacht ihren Motor laufen ließen - wegen der Standheizung. Ein zweiter sagt, dass manche Arbeitsmigranten ihre Notdurft in einem angrenzenden Waldstück verrichten.

Eine dritte Anwohnerin erzählt von Arbeitsmigranten, die an ihre "Hauswand pissen und besoffen herumpöbeln" und von einem Bus mit bulgarischem Kennzeichen, der monatelang vor ihrem Haus parkte und in dem auch ein Kind geschlafen habe.

Weitere Anwohner sagen, Arbeitsmigranten hätten ihre Gartenstühle geklaut, Benzin aus ihren Autotanks abgezapft oder Baumaterialien von Baustellen geklaut. Die Polizei reagiere auf Beschwerden teils nicht mehr. "Wir leben hier in einem rechtsfreien Raum", sagt ein Anwohner. Die Hamburger Polizei weist diesen Vorwurf zurück.

...


Aus: "Ausbeutung von Billiglohnarbeitern - Verloren in Europa" Hannes Lintschnig und Stefan Schultz (2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/arbeitsmigration-wie-bulgaren-in-hamburg-ausgebeutet-werden-a-1232762.html

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« Reply #821 on: October 31, 2018, 12:47:50 PM »
Quote
[....] In Deutschland ist knapp ein Fünftel der Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Im Jahr 2017 lag der Anteil laut Statistischem Bundesamt bei 19 Prozent, das entspricht etwa 15,5 Millionen Menschen. Demnach ist der Wert im Vergleich zum Vorjahr leicht gesunken, im Jahr 2016 waren noch 16 Millionen Menschen von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht (19,7 Prozent). Die Erhebung fand im Rahmen der EU-weiten Studie Leben in Europa (EU-SILC) statt. EU-weit betrug der Anteil der Betroffenen 22,5 Prozent (2016: 23,5 Prozent).

Eine Person gilt als von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, wenn mindestens eine dieser drei Kriterien erfüllt ist: Ihr Einkommen liegt unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze, ihr Haushalt ist von erheblicher materieller Entbehrung betroffen oder ihr Haushalt weist eine sehr geringe Erwerbsbeteiligung auf.

Ein Mensch gilt als armutsgefährdet, wenn er über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. 2017 lag dieser Schwellenwert für Alleinlebende in Deutschland bei 1.096 Euro netto und für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2.302 Euro netto monatlich. 2017 betraf das 16,1 Prozent der Bevölkerung in Deutschland, 0,4 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr (EU: 16,9 Prozent).

Von erheblicher materieller Entbehrung spricht man, wenn die Betroffenen zu wenig Geld haben, um zum Beispiel Rechnungen für Miete, Hypotheken oder Versorgungsleistungen zu bezahlen, ihre Wohnungen angemessen zu heizen oder eine einwöchige Urlaubsreise zu finanzieren. Insgesamt waren davon 3,4 Prozent der Bevölkerung betroffen, 0,3 Prozentpunkte weniger als 2016 (EU: 6,9 Prozent).

Als sehr niedrige Erwerbsbeteiligung verstehen Statistiker Haushalte, in denen die erwerbsfähigen Haushaltsmitglieder im Alter von 18 bis 59 Jahren weniger als 20 Prozent ihres Jahreseinkommens durch eigene Arbeit generieren, zum Beispiel wenn von drei Erwachsenen nur eine Person zeitweise arbeitet. Das betraf im vergangenen Jahr 8,7 Prozent der Bevölkerung, 0,9 Prozentpunkte weniger als 2016 (EU: 9,3 Prozent).

Was das für die Betroffenen konkret bedeutet, zeigt eine Sonderauswertung der SILC-Studie für 2016: Demnach haben Arbeitslose in Deutschland oft zu wenig Geld, um sich Essen zu kaufen. 30 Prozent der Erwerbslosen (837.000 Personen) hatten im Jahr 2016 Schwierigkeiten, jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit zu bezahlen. In der Gesamtbevölkerung lag der Anteil bei 7,1 Prozent. Zudem hätten 18,4 Prozent angegeben, ihnen habe das Geld gefehlt, ihre Wohnung angemessen zu heizen. "Die Befunde sind für den Sozialstaat Deutschland im wahrsten Sinne ein Armutszeugnis", hatte die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linken-Bundestagsfraktion, Sabine Zimmermann, dazu gesagt. Seit den Hartz-IV-Reformen werde die soziale Sicherung für Erwerbslose überwiegend Hartz IV überlassen. Die Politikerin forderte, Hartz IV durch eine sanktionsfreie Mindestsicherung zu ersetzen.



Aus: "Fast jeder Fünfte in Deutschland ist von Armut bedroht" (31. Oktober 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-10/statistisches-bundesamt-armut-soziale-ausgrenzung-deutschland

Quote
AloisZwackelmann #2

Ich dachte, es sind momentan so viele Menschen in Deutschland in Arbeit wie noch nie?
Wie passt dann diese Armutsmeldung ins Bild?


Quote
Runkelstoss #2.2

'Ich dachte, es sind momentan so viele Menschen in Deutschland in Arbeit wie noch nie?'

Arbeiten heisst nicht notwendig davon auch leben zu koennen.
Man kann halt nicht alles haben.


Quote
EvaK42 #2.3

Tja, die Potemkinschen Dörfer der Statistik sind eben wichtiger als die Realität prekärer Arbeitsverhältnisse und Hungerlöhne dahinter.


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Deserteur 2.0 #2.4

Ich möchte im Zusammenhang zu ihrer Frage, an eine Aussage einiger CDU/CSU Abgeordnete erinnern: Sozial ist was Arbeit schafft. ...


Quote
SpätzleundSauerbraten #13

SPD, das wäre doch mal ein Thema für Euch?


Quote
Zantoris #33

Und das Problem wird sich in Zukunft noch dramatisch verstärken. Wenn die Menschen, die aktuell im größten Niedringlohnsektor Europas arbeiten (worauf Schröder noch heute stolz ist) irgendwann in Rente gehen. Dazu weiter steigende Mieten und Pflegenotstand. Überall wurde privatisiert und eingespart. Ein reiches Land dürfte diese Probleme gar nicht haben.

Ludwig Erhard hat mal sinngemäß gesagt, eine soziale Marktwirtschaft hat nur dann Akzeptanz, wenn der Wohlstand gleichmäßig verteilt ist. Früher selbstverständlich und Konsens, heute soll das radikal links sein.


Quote
TheRealWombell #48

Als Arbeitsloser haben sie in Deutschland genug zu essen.
Wenn sie es nicht haben, geben sie ihr Geld falsch aus.
Normalerweise für Alkohol und Zigaretten, aber dann sollten sie eher ihre Prioritäten überdenken...


Quote
ah-jun #48.3

"Wenn sie es nicht haben, geben sie ihr Geld falsch aus. Normalerweise für Alkohol und Zigaretten, ..."

Dieses arrogante Pauschalierung ist das Ergebnis der neoliberalen Verwahrlosung der letzten 25 Jahre. Natürlich gibt es Menschen, die ihr Geld verrauchen und versaufen. Aber das ist eine Minderheit.


Quote
Lebenspraktikant #50

Solange diese knapp 20% nicht den Zusammenhang zwischen ihrer Lebenssituation und dem Wählen von sozial verantwortlicher Politik verstehen, ist niemandem zu helfen.


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delloc #52

Von der Armut profitieren vor allem jene, die sich am Niedriglohn bereichern. Durch Existenzängste neurotisiert nimmt man eher unzumutbare Arbeitsverhältnisse an. Deutschland ist dabei Vorreiter in Europa.
Und wenn man die deutsche Medienlandschaft beobachtet, sind die Reaktionen auf die steigenden Armutszahlen doch ziemlich verhaltend. ...


Quote
Gelbe Tulpe #59

Die Armutsgefährungsquote steigt in Deutschland seit 2006 (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/72188/umfrage/entwicklung-der-armutsgefaehrdungsquote-in-deutschland/). Hier sieht man schön, welche Auswirkungen die Agenda 2010 und dann zusätzlich noch die Arbeitnehmerfreizügigkeit haben.



...

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« Reply #822 on: October 31, 2018, 08:20:40 PM »
Quote
[...] Bei den Ermittlungen stellten sie gravierende Unregelmäßigkeiten fest. In der Zusammenfassung schreibt der Rechnungshof, in rund 80 Prozent sei die schiere Notwendigkeit der Beratung "nicht nachgewiesen", auch die Wirtschaftlichkeit sei in fast keinem der Fälle geprüft worden, 44 von 56 Berater-Projekten wurden "freihändig" vergeben. ...

... Eins der Beispiele ist nach SPIEGEL-Informationen ein Großvertrag mit dem Beratungsriesen Accenture. Nach Prüfung der Unterlagen konnten die Ermittler nicht nachvollziehen, wer im Ministerium und warum die Berater überhaupt engagiert wurden. Die Bezahlung der Rechnung über 2,9 Millionen Euro wurde erstmal eilig gestoppt.

... Für die Ministerin ist die Affäre mehr als nur unangenehm. Schon vor ihrem Amtsantritt im Wehrressort Ende 2013 galt sie als glühender Fan von externen Beratern bei Reformvorhaben, aus ihrer Sicht kann man mit den unabhängigen Fachleuten Prozesse schlicht schneller als mit dem trägen Beamtenapparat eines Ministeriums in Gang setzen.


Aus: "Von der Leyen räumt gravierende Mängel bei Vergabe von Beraterjobs ein" Matthias Gebauer (31.10.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/ursula-von-der-leyen-raeumt-gravierende-maengel-bei-vergabe-von-berater-jobs-ein-a-1236122.html

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« Reply #823 on: November 05, 2018, 08:30:52 PM »
Quote
[...] Die Einkommen in Deutschland haben sich laut einer Studie in den vergangenen Jahren weiter auseinanderentwickelt. "Die Gruppe der mittleren Einkommen ist geschrumpft", stellt das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) in seinem neuen Verteilungsbericht fest. Die Spreizung sei entstanden, weil der Anteil der Haushalte unter der Armutsgrenze deutlich zugenommen habe. Ebenso sei der Anteil der Haushalte gestiegen, die über der statistischen Reichtumsgrenze liegen.

Außerdem hätten "sich Armut und Reichtum verfestigt", heißt es weiter. Das lasse sich daran ablesen, dass mehr Haushalte über mindestens fünf Jahre hinweg einkommensarm oder einkommensreich seien. Dabei sei die Tendenz bei armen Haushalten deutlich ausgeprägter. Im Langzeitvergleich zeigt sich der Analyse zufolge seit etwa 25 Jahren bei der Armut ein markanter, weitgehend kontinuierlicher Anstieg. Im Jahr 1990 waren etwa elf Prozent aller Menschen in Deutschland einkommensarm. Diese Quote stieg bis auf fast 17 Prozent im Jahr 2015.

In den letzten Jahren sei der Anstieg auch auf den Zuzug durch Flüchtlinge zurückzuführen. Dagegen sei die Armutsquote unter in Deutschland Geborenen stabil geblieben. Allerdings ergibt sich auch unter ihnen eine höhere Armutsbelastung als in den Neunzigerjahren.

Unterschiede zeigen sich dem Bericht zufolge in der Betrachtung nach Geschlecht und Region: "Dauerhafte Armut kommt in Ostdeutschland etwa sechs Mal so häufig vor wie in den alten Bundesländern." Westdeutsche Männer hätten am häufigsten ein dauerhaft hohes Einkommen. Etwa zwei Drittel der Wohlhabenden seien männlich, insgesamt lebten 95 Prozent der Einkommensreichen in den alten Bundesländern.

ildung und Vollzeiterwerbstätigkeit seien wesentliche Faktoren, um Armut zu vermeiden und ein höheres Einkommen zu erzielen. ...

Die WSI-Verteilungsexpertin Dorothee Spannagel sieht die Stabilität der Gesellschaft durch diese Entwicklungen bedroht. Das "Gründungsversprechen der deutschen Demokratie" beruhe darauf, dass sich alle Menschen "aus eigener Leistung" einen Platz in der Mitte der Gesellschaft sichern könnten. Doch die Realität sehe anders aus, konstatiert die Wissenschaftlerin. Die Einkommensschere öffne sich weiter, die "Lebenswelten von Armen, Mittelschicht und Reichen fallen immer weiter auseinander", schreibt die Autorin.

Dieser Prozess beschleunige sich, wenn die soziale Mobilität weiter sinke, weil auf die Dauer beispielsweise die soziale Mischung von Wohnvierteln abnehme. "Nur, wenn es gelingt, verfestigte Armut aufzubrechen und zu verhindern, dass sich die Reichen von der Gesellschaft absetzen, gelingt es auch, jene gut integrierte gesellschaftliche Mitte zu erhalten und zu stärken, auf der die Stabilität unserer Demokratie beruht",  schreibt Spannagel.

Das WSI gehört zur gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Für den Verteilungsbericht nutzten die Forscherinnen und Forscher die neuesten verfügbaren Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), die sich auf das Jahr 2015 beziehen. Für die Abgrenzung von einkommensarmen und einkommensreichen Haushalten folgt das WSI den gängigen Regeln, die etwa auch im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung angewandt werden: Als arm gilt ein Haushalt, der weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. 2015 lag die Armutsgrenze bei einem Netto-Jahreseinkommen von weniger als 12.192 Euro für einen Singlehaushalt. Als reich werden Haushalte bezeichnet, die mindestens das Doppelte des mittleren Einkommens erzielen.


Aus: "WSI-Verteilungsbericht: Soziale Spaltung in Deutschland nimmt weiter zu" (5. November 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-11/wsi-verteilungsbericht-deutschland-spaltung-armutsgrenze-reichtum

Quote
Hansifritz #44

Welche Überraschung. Jedes Kind, das schon einmal Monopoly gespielt hat, weiß wo die Reise hingeht.


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Hier kommt Knut ohne Hut und ohne Wut #21

Ich dachte, Deutschland ginge es so gut wie nie? Habe ich zumindest die letzten Jahre gehört. Jeden Tag.


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Andy F. #21.1

Sie haben nicht richtig gelesen, es sollte heißen: 2% der Deutschen geht es so gut wie nie.


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Elsässer #14

Wenn alle gebildet und vollzeit arbeiten - wer baut denen ihr Haus, erntet den Spargel und pflegt die Alten?!
Bildung für möglichst alle ist sicher gut - die gut dotierten Jobs werden dadurch nicht bedeutend mehr werden. ...


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John Conner #10

"Als reich werden Haushalte bezeichnet, die mindestens das doppelte des mittleren Einkommens erzielen."

Da dieser Wert, warum auch immer, nicht im Artikel erwähnt ist: der Median liegt bei 24.152,00 €.


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WahrheitSchmerzt #8

"Deutschland geht es so gut wie nie."

Fragt sich nur, wer soll dieses Deutschland sein?


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PrüfeDeineQuellen #8.3

Solange es Millionenboni für Versager gibt, die der "kleine Mann" am Band bis hin zum Ingenieur erstmal wieder reinholen darf, wird Deutschland weiter verrohen. Welcher angestellte Handwerker kann sich heute noch eine Eigentumswohnung oder Häuschen mit Garten erarbeiten. Die Menschen im Gesundheits- und Sozialbereich werden seit jeher wie Dreck behandelt. Auch hier ändert sich nichts. Mittlerweile ist es selbst bei den Akademikern keine Selbstverständlichkeit mehr ein Eigenheim zu besitzen. Der angebliche Fachkräftemangel (wer/was selten ist, sollte doch angeblich wertvoll sein?!) zeigt sich hier in kaum einer Brache in Form saftig gestiegener Löhne und Gehälter.  ... Währenddessen kauft das Großkapital fröhlich den gesamten Wohnungsmarkt leer und baut leerstehende Luxuswohnungen, weil man nicht mehr weiß, was man mit der ganzen Kohle machen soll. Irgendwann gehen wir alle nach Hause und zahlen unserem Oberboss auch noch die Miete für das Familienzimmer mit Gemeinschaftslatrine für den Wohnblock. Gönnerhaft wird er eine Suppenküche für uns eröffnen. Ganz ehrlich: Wie sich dieses Land in den letzten 20 Jahren in sozialen Fragen entwickelt bzw. wohl eher degeneriert hat, widert mich an.


Quote
Aliaxe #12

... Eine starke Mittelschicht ist der Garant für den sozialen Frieden. Je kleiner diese Schicht wird, desto größer der Unmut.


Quote
joe1881 #16

Gut zu wissen, dass ich "superreich" bin. Ernsthaft, diese Zahlen machen keinen Sinn.

In Deutschland ist das (Netto-) Einkommensniveau im Vergleich zur Wirtschaftsleistung insgesamt zu gering, bis weit in die gehobene Mittelklasse hinein. Das Problem überträgt sich auf die privaten Vermögen, die im internationalen Vergleich fast schon lächerlich niedrig sind.


Quote
Dundoril #16.1

Das Wort superreich kommt im Artikel nicht mal vor...


Quote
Patrick P. #25

Die Reichtumsquote rangiert seit 2000 konstant zwischen 6 und 8% und ist als konstant zu bezeichnen. Die Armutsquote hingegen steigt seit 2000 fast kontinuierlich. Von damals 11,5% auf nun fast 17%, was einem Anstieg von fast 50% entspricht.

Was bedeutet das für 99% der Deutschen?...


Quote
spitzpassauf #28

Man wundert sich über die, die sich wundern, warum sie nicht nicht mehr gewählt werden.


Quote
merman2 #30.1

Ob Merkel es ohne Vorarbeit der SPD und ohne 3 Amtsperioden in gemeinsamer Regierung mit der SPD auch so gut geschafft hätte?
Zumindest hat sie dieser Art von Regieren einen schönen Namen gegeben: "Marktkonforme Demokratie" (der Stärkere gewinnt).


Quote
secret77 #30.2

"Ob Merkel es ohne Vorarbeit der SPD und ohne 3 Amtsperioden in gemeinsamer Regierung mit der SPD auch so gut geschafft hätte?"

Nein, und genau das fällt beiden ja jetzt auf die Füße: Wir haben eine geteilte Bevölkerung (mit dem Preis einer kaputten Erde in Folge des totalen Materialismus und Wachstumswahns). Immer mehr finden nun Solidarität und 'menschlich sein' dumm und naiv und wählen AfD und die anderen wollen eine weitere Spaltung verhindern und fordern eine neue starke Solidarität, rücksichtsvolleren Lebensstil und Bewahrung der Umwelt.

Die Parteien der Mitte haben ausgedient, weil die Mitte so aktuell nicht existiert, es gibt zu wenig gemeinsame Werte.


Quote
secret77 #38

Ich habe die Lösung: Wir lassen uns einen Multimillionär von BlackRock zum Bundeskanzler machen!


Quote
GeWu #56

Die Folge der neoliberalen Ideologie... und dann wird weiterhin Werbung für Leute wie Merz gemacht, unglaublich...


Quote
Dindi #61

Vorschläge wären eine Finanztransaktionssteuer. Ein Steuersatz von 90% auf Jahreseinkünfte ab 300 000 Euro und Privatvermögen von über 2 Mio Euro.

Ist das schon Linksradikal?


Quote
Wonneproppen5 #61.1

Ja.


Quote
vividas #61.2

Ja, wäre es.


Quote
Dindi #61.3

Vielleicht können Sie mir dann erklären, warum jemand über 300 000 im Jahr verdienen muss oder 2 mio auf der Kante hat, während es in Deutschland 800 000 Obdachlose gibt?


Quote
Cryptocurrency #61.7

"Ist das schon Linksradikal?"

Keine Ahnung, aber ich wäre dann einfach schnell weg. In irgendein normales Land, wo man mich nicht abzocken würde. ...


Quote
Dindi #61.11

Seien Sie dann bitte wo anders reich!


Quote
Cryptocurrency #61.9

"Vielleicht können Sie mir dann erklären, warum jemand über 300 000 im Jahr verdienen muss oder 2 mio auf der Kante hat, während es in Deutschland 800 000 Obdachlose gibt?"

Weil er es kann, deshalb.
Wenn Ackermann und co. morgen alle 90% Steuern zahlen, was denken Sie wird das Geld bekommen?

Die Obdachlosen? :D :D :D

Wir schmeißen Milliarden für Bankenrettungen raus, davon hätte man 10% für die Obdachlosen nutzen können, wird auch nicht gemacht.

Wenn ich 2 Mio auf der Kante hätte können Sie die gerne mit 90% besteuern, aber dann bin ich
A) schnell weg
B) bezahlen Sie dann die Arbeitslosen wenn ich meinen Laden umsiedel :)

Das wird teurer als 90% Steuern von 2 Mio


Quote
Dindi #61.16

Oh man! Mir ist es doch völlig egal, wie viel Steuern Sie persönlich zahlen.

Reichtum ist schlicht ab einer bestimmten Grenze unanständig in einer Welt mit begrenzten Ressourcen in dem Menschen verhungern. Das kapiert auch jedes Kind. (normalerweise)


Quote
Hapsch #61.17

"Oh man! Mir ist es doch völlig egal, wie viel Steuern Sie persönlich zahlen.

Reichtum ist schlicht ab einer bestimmten Grenze unanständig in einer Welt mit begrenzten Ressourcen in dem Menschen verhungern. Das kapiert auch jedes Kind. (normalerweise)"

Dann muss ich Sie etwas fragen. Wo fängt das an, wo endet es? Global gesehen ist man auch mit Hartz 4 reich. Müssten diese dann auch spenden? Was ist als Raucher, die geben Geld für Zigaretten aus, während andere verhungern, was ist wenn ich in Urlaub fahre, das ist Luxus den ich nicht brauche, Alkohol ist Luxus, ohne den man auch ein Leben führen kann, sollte man jetzt verzichten und das Geld Spenden? Ich habe mir am Freitag ein neues Videospiel gekauft, das brauche ich auch nicht, wenn man Ihren Kommentar zugrunde legt hätte ich das Geld spenden müssen? Wenn Reichtum unanständig ist, mit der Begründung andere Verhungern, ist dann nicht auch jedes Luxusprodukt unanständig?


Quote
Dindi #61.21

Diese Entscheidung obliegt nicht einem Einzelnen.

Ab wann Reichtum begrenzt werden sollte ist eine Entscheidung die alle (inkl. der Reichen) in einem demokratischen Prozess heraus finden müssen.

Mit Geld, ohne Arbeit, ohne Moral oder Rücksicht auf menschliche Verluste Geld zu verdienen, wie es an den Börsen der Welt Tagesgeschäft ist, ist etwas, was in Frage gestellt werden sollte. Hab ich selbst gemacht. Man wird asozial, kann ich ihnen sagen. Mir war es egal, ob Leute verhungern, wenn ich dadurch aber einen zweistelligen Prozentgewinn machen konnte. Das ist unanständig. Selbst genug zu haben und aus purer Lust Wohnungen zu kaufen, sie teuer zu vermieten,... Unanständig. In eine Firma gehen und kurzfristig Aktienwert zu erhöhen ein paar 1000 Leute entlassen, unanständig. Alles schon selbst gemacht, erlebt, gesehen. Ist einfach ungut.

Mit Reichtum geht Verantwortung einher. ...

["Wir leben im Kapitalismus: d.h. man darf nach Reichtum streben. Man muss es nicht, aber man darf. "

Und du würdest auch jemanden umbringen, weil man es "darf". Was soll der Kindergarten. Irgendwann wird es wirtschaftlicher etwas ab zu geben als die Mauern und das Sicherheitspersonal plus Militär zu bezahlen, damit die einen vor den Armen schützen.]

[Hier mal eine Neuigkeit; Jeder, der viel arbeitet und viel verdient, meint, er hätte viel geopfert. Die, die viel arbeiten und wenig verdienen, haben nicht immer weniger geopfert.]


Quote
Wonneproppen5 #65

Na, das wäre doch jetzt ein Thema für die SPD. Stichwort: Soziale Gerechtigkeit. Also Genossen, auf zurück zur Sacharbeit.


Quote
Stehaufmann #65.2

Geht nicht, denn dann müsste die SPD ja die eigene Politik der letzten 20 Jahre zurücknehmen ...


Quote
Μέριλιν Μονρόε #70.5

Juhu, ich bin reich! Wusste ich bislang noch nicht. Aber, gut zu wissen.


Quote
rpr11 #70.4

"Die normale Bevölkerung allerdings so zu teilen, dürfte nur zu sozialen Spannungen aufgrund einer unnötigen Neiddebatte führen."

Sie meinen, man sollte einfach nicht drüber sprechen..., dann ist es nicht so schlimm... ?

...


Quote
Lorenz_01 #83

Interessant wäre es, einmal die Ursachen dieser Spreizung zu untersuchen. Die Bildungschancen sind dank kostenlosem Schulbesuch bis zum Abi ja erst einmal für alle gleich. Und dass das Wohnviertel entscheidenden Einfluss auf das Einkommen hat, bezweifle ich auch - wohl eher umgekehrt. Auch die übrigen Rahmenbedingungen vom Mindestlohn bis zum Tarifvertrag, Zugang zu Weiterbildung bis zur freien Wahl des Arbeitsplatzes sind weitgehend gleich. Folglich muss es individuelle Gründe geben. Mit denen setzt man sich jedoch viel zu wenig auseinander.


Quote
Lebenspraktikant #84

Ich gebe mal ein konkretes Beispiel für den Abstieg der Mittelklasse:
1993: selbstständig, gehobenes mittleres Einkommen, private Altersvorsorge, Rücklagenbildung, ausgiebige Urlaube, insgesamt gutes Leben.
2018: selbstständig, Stundensatz bedingt durch Billigkonkurrenz 20% höher als 1993, Steigerung der Lebenshaltungskosten und Gewerbenebenkosten um 200%, Knackpunkt die Euro-Einführung.
Private Altersvorsorge nicht mehr möglich, Rücklagen nicht mehr möglich. 1 Woche Billigurlaub im Jahr, insgesamt schlechtes Leben knapp über der Armutsgrenze.
Und wenn dann mal ein Geschäftsjahr etwas besser abschließt, stehen Finanzamt, Krankenkasse, IHK usw. sofort bereit.
Diese Beispiel bezieht sich auf eine ganze Branche, mir sind aber genügend ähnlich gelagerte Fälle aus anderen Bereichen bekannt.


Quote
michjord #89

Das zunehmende Gefälle von armen und reichen Menschen wird dynamisch und demokratiegefährdend zunehmen, da der wahre Mittelstand , der Durchschnittsverdiener, seit Jahren wegbricht.

Gründe :
- die heute noch (finanziell) stabilisierende Rentnergeneration wird zunehmend aussterben
- die heute im Niedriglohnsektor der Dienstleistungsbranche arbeitende Bevölkerung wird überwiegend zu armen Rentnern
- Rentenreformen der letzten 40 Jahre haben das Rentenniveau auf ein Armutsniveau gesenkt
- der Verlust von hochbezahlten Industriearbeitern wird weiter sinken, das Heer von Niedriglohnarbeitern steigt
- immer mehr Beschäftigte (das vermeintliche Jobwunder...) arbeiten auch zeitlich in prekären Beschäftigungsverhältnissen (Teilzeit, Mini-Midi-Jobs, etc.) und müssen sich das Arbeitsvolumen und damit das potentielle Verdienstvolumen teilen
-Anzahl der Mitglieder der Kammerberufe (Steuerberater, Ärzte, Juristen, Architekten) nehmen stetig zu und profitieren von der angebotsorientieren Politik unseres Rechts- und Sozialstaates
- die weltweit geringe Wohneigentumsquote in Deutschland mit steigenden Mieten bei zunehmender Bevölkerung
-Kapital- und Vermögenskonzentration forcieren die gesellschaftliche Spaltung

Alle Entwicklungen (auch die zunehmende Kinderarmut) sind seit Jahren/Jahrzehnten bekannt... und sind die größte Gefahr für unsere Demokratie/unseren Rechtsstaat.

Grüße aus Köln


Quote
JesuisCharlie #91

"Soziale Spaltung in Deutschland nimmt weiter zu"

Das ist nicht weiter verwunderlich. Die Probleme sind allesamt hausgemacht und im weitesten Sinne systemimmanent. Eine grenzenlose Globalisierung, immer mehr Freihandel, der stetige Abbau von Zöllen und Warenbeschränkungen gepaart mit einer Politik der offenen Grenzen und Personenfreizügigkeit, schafft nun mal langfristig immer mehr Wettbewerb unter den Menschen, eine Verschärfung des Kampfes um Ressourcen, Jobs und Wohnraum nach den Regeln „Survival of the Fittest“ und verstärkt dadurch die Ungleichverteilung und sozialen Ungerechtigkeiten nicht nur zwischen Staaten, sondern innerhalb der jeweiligen Gesellschaften, für die nur noch das ökonomische Primat zählt.

Die "No Border" Politik und der grenzenlose Wachstumswahn führen keineswegs zu mehr Gleichheit unter den Menschen, wie sich so manch Liberaler Politiker "erhofft", sondern zu einem stetigen Kampf um die immer knapper werdenden Ressourcen. All diejenigen, die diesen Zusammenhang nicht erkennen, sei die Neuauflage des internationalen Bestsellers "Die Grenzen des Wachstums" empfohlen.


Quote
dumovic #93

Ich halte es für das größte gesellschaftliche Problem unserer Zeit, dass man in manch erlerntem Beruf nicht genug Einkommen bezieht, um eine kleine Familie zu versorgen. Frisöre, Krankenschwestern und viele andere Kräfte, die alle einen Schul- und Berufsabschluss haben, dürfen nicht am Rande der Armut leben.

Auf der anderen Seite sind viel zu hohe Dividenden dafür verantwortlich, dass bereits Vermögende immer reicher werden und somit dem Mittelstand das Wasser abgraben. Man muss sich vor Augen halten, dass zu viel Kapital auf zu wenige Schultern verteilt ist und somit an anderen Stellen fehlt.

Genau das ist mein Problem mit neo-liberaler Wirtschaftspolitik.

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heidebimbam #101

Als Daimler und Chraysler in den 90ern zusammengegangen sind hat der damalige Daymlerchef penetrant darauf rumgeritten das sein Gehalt auf Amerikanisches Niveau angehoben werden müsste. Von 2 Mio. DM auf 20 Mio. DM. Amerikanische Verhältnisse halt. Als ich in den 80ern nach England reiste erklärte mir mein grosser Bruder der schon öfter dort war, dort gibt es keine Mittelschicht wie bei uns. ...


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Manfred der Erste #102

Wenn ich die Kommentare so lese, weiß ich nicht auf welchem Planeten die leben. Das es in D. nach der sogenannte Agenda 2010, mit einem Teil der Gesellschaft steil bergab und mit den Gewinnen der Konzerne steil bergauf und damit für die Reichen in diesem Land einen großen Schluck aus der Pulle gegeben hat, ist doch nicht weg zu lügen!
Die kaufen immer noch fleißig Immobilien im großem Stiel um nur das viele Geld irgend wie unter zu bringen.
50% in einem der reichsten Länder der Erde besitzen nichts! Das man Armut nicht auf den ersten Blick sieht müsste jedem klar sein, deswegen ist er trotzdem da.
Ein definiertes Ziel für diese Gesellschaft gibt es auch nicht. Es geht nicht darum alle glücklich zu machen, aber wenigstens ein bezahlbares Dach über dem Kopf und ein Leben in Würde muss drin sein.


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JeffCat #107

Fakenews, uns geht es gut, Merkel macht einen hervorragenden Job, die Regierung ist vorbildlich.


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mwossi #110

Es ist interessant, dass die SPD nach Konzepten und Themen sucht, weil ihnen die Wähler verloren gehen. Woran liegt das nur? In der SPD Mitgliederschaft und unter den SPD Berufspolitikern sind vielleicht nicht genügend Leute, die leiden. ...


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mofateam #110.1

Klassenkampf ? Mit der SPD ? - Die Partei hat mit dem sie dominierenden Seeheimer Kreis doch diese Zustände erst herbeigeführt. ...


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Säkulare Elite #114

Also bitte: Armut ist keine objektive Sache, sondern rein subjektiv. Es gibt Leute, die fühlen sich mit 2000€/Monat wie die Könige, und andere, bei denen von 8000€/Monat "auch nicht so viel übrig" bleibt...


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Offline Textaris(txt*bot)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #824 on: November 08, 2018, 09:32:21 PM »
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[...] Seit 2011 wurde jedes Jahr mehr als 300.000 mal der Strom gesperrt. ...

Quelle: https://www.swr.de/report/leben-ohne-strom-hunderttausenden-wird-der-strom-abgestellt-mit-schlimmen-folgen-fuer-die-betroffenen/-/id=233454/did=22515508/nid=233454/1eirrgw/index.html (6.11.2018)

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[...] Die Zahlen sind beeindruckend: Jährlich werden in Deutschland knapp 400 Milliarden Euro vererbt oder verschenkt, meist innerhalb der Familie und meist von der älteren an die jüngere Generation. Mehr als 50 Prozent des heute in Deutschland vorhandenen privaten Vermögens beruhen auf Erbschaften und Schenkungen. ...


Aus: "Mehr Fairness bei Erbschaften" Marcel Fratzscher (8. November 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-11/lebenschancen-erben-debatte-gerechtigkeit-chancengleichheit-gestaltungschancen/komplettansicht

« Last Edit: November 10, 2018, 12:35:46 PM by Textaris(txt*bot) »