Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 221123 times)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #810 on: October 11, 2018, 11:51:10 AM »
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[...] Wie der Gewerkschaftsdachverband TUC im vergangenen Jahr errechnet hat, verdienen über drei Millionen Menschen in Großbritannien ihren Lebensunterhalt in prekären Arbeitsverhältnissen. Das sind 27 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren. Teilweise sind digitale Plattformen wie Uber und der Essensbringdienst Deliveroo dafür verantwortlich. Aber auch Kellner, Krankenpflegerinnen und Aushilfslehrerinnen sind betroffen.

In den vergangenen Jahren machten die sogenannten zero-hour contracts immer wieder Schlagzeilen: Verträge für Aushilfen auf Abruf. Sie verpflichten die Angestellten, auf der Matte zu stehen, wenn der Arbeitgeber sie braucht – braucht er sie nicht, haben sie eben Pech gehabt. In den meisten EU-Ländern sind solche Verträge entweder stark reguliert oder gar nicht erlaubt. In Großbritannien hingegen arbeiten derzeit 1,8 Millionen Angestellte in zero-hour contracts.

Großbritanniens flexibler Arbeitsmarkt wird von seinen Anhängern immer wieder als Erfolgsmodell angepriesen: Ihm sei es zu verdanken, dass die Arbeitslosigkeit hier vergleichsweise gering sei, schreibt etwa der Gewerbeverband CBI. Aber das ist nur die halbe Geschichte. Entscheidend ist auch die Qualität der Jobs – und hier schneidet Großbritannien mies ab.

Es ist beispielsweise das einzige OSZE-Land, in dem von 2007 bis 2015 die Löhne sanken, während die Wirtschaft wuchs. Vor allem ärmere Haushalte konnten ihre Realeinkommen seit Anfang der 2000er-Jahre kaum erhöhen, Millionen stehen heute sogar schlechter da als vor 15 Jahren. Die Schulden der Privathaushalte sind auf insgesamt 200 Milliarden Pfund gewachsen. Dem nationalen Rechnungshof zufolge geben die ärmsten Haushalte ein Viertel ihres Monatseinkommens für den Schuldendienst aus.

Der Chefökonom der Bank of England, Andy Haldane, sagte letztes Jahr, dass die stagnierenden Löhne unter anderem auf die Verbreitung von unsicheren Arbeitsverhältnissen zurückzuführen seien. So gesehen gleiche die heutige Wirtschaft der vorindustriellen Zeit, in der Tarifverhandlungen und Gewerkschaften noch weitgehend unbekannt waren.

Manche der Skandale, die in den vergangenen Jahren ans Licht kamen, könnten direkt aus der Welt von Charles Dickens und der viktorianischen Arbeitshäuser stammen. Der Sportwarenhändler Sports Direct zum Beispiel zahlte seinen Angestellten weniger als den Mindestlohn und überwachte sie obsessiv: Eine zu lange Toilettenpause konnte sanktioniert werden; wer zu langsam durch die Gänge ging, wurde via Lautsprecher zurechtgewiesen; und jeden Tag nach der Arbeit wurden die Angestellten gefilzt. Eine parlamentarische Untersuchung kam 2016 zum Schluss, dass das Unternehmen seine Arbeitnehmer nicht wie menschliche Wesen behandelt habe. Ein ähnlicher Kontrollwahn herrscht in den Warenhäusern von Amazon und in den über 6.000 Callcentern im Land.

Dass die Arbeitnehmer angesichts solcher Zustände nicht ständig auf den Barrikaden stehen, hat auch mit dem Niedergang der Gewerkschaftsbewegung seit den 1980er-Jahren zu tun. In den vergangenen 40 Jahren hat sich die Zahl der Mitglieder auf rund sechs Millionen halbiert. Der öffentliche Sektor hat viele Dienstleistungen an private Unternehmen ausgelagert, was es ebenfalls erschwert, sich am Arbeitsplatz zu organisieren. Und in der Gig Economy, wo jeder auf sich allein gestellt ist, ist der Kontakt mit Kollegen sowieso praktisch ausgeschlossen.

Seit ein paar Monaten aber fordern immer mehr prekär Beschäftigte eine angemessene Bezahlung und umfassende Rechte am Arbeitsplatz. Vergangene Woche beispielsweise beteiligten sich Angestellte in der britischen Gastronomie an einem international koordinierten Arbeitsausstand: Kuriere von Uber Eats, die Mahlzeiten per Fahrrad von Restaurants zu ihren Kunden transportieren, Kellner der Pubkette JD Weatherspoon sowie Angestellte der Fastfoodketten McDonald’s und TGI Fridays legten die Arbeit nieder, um gegen ihre miserablen Löhne zu protestieren.   

Auch die Radfahrer des Essenlieferers Deliveroo beteiligten sich am Streik. Im Juni hatten 50 Kuriere der Plattform bereits einen Erfolg erzielt: Ein Gericht verurteilte Deliveroo dazu, ihnen eine sechsstellige Summe zu zahlen, weil ihnen grundlegende Rechte wie Mindestlohn und Feriengeld vorenthalten worden waren. Kuriere von Hermes hatten kurz zuvor das Recht gewonnen, als Angestellte eingestuft zu werden, nicht als selbständige Unternehmer.

Federführend bei solchen Disputen sind nicht die großen, traditionsreichen Gewerkschaften, sondern kleinere Organisationen wie die Independent Workers of Great Britain (IWGB). Ihr Präsident Henry Chango Lopez, der vor 18 Jahren aus Ecuador nach Großbritannien kam, arbeitete als Portier bei der University of London. Weil er und seine Kollegen sich von ihrer Gewerkschaft nicht gut repräsentiert fühlten, gründeten sie die IWGB.

Heute zählt die kleine Gewerkschaft 2.500 Mitglieder und vertritt nebst Putz- und Sicherheitspersonal, das bei ausgelagerten Dienstleistern angestellt ist, auch Taxifahrer, Kuriere und Kinderpfleger. Die UPHD, die den Uber-Streik vom Dienstag organisiert hat, hat sich der IWGB ebenfalls angeschlossen. Die Reinigungsleute der University of London erreichten mithilfe der kleinen Gewerkschaft, dass ihnen der Arbeitgeber jetzt Kranken- und Feriengeld sowie eine Pension bezahlt.

Solche Kampagnen haben das Selbstbewusstsein der Angestellten am unteren Ende der Lohnpyramide gestärkt. Und immer häufiger koordinieren die Streikenden verschiedener Branchen ihre Aktionen, insbesondere in der Gig Economy. So bauen sie nach und nach eine kollektive Kraft auf. Der Druck auf die digitalen Plattformen steigt. 


Aus: "Großbritannien: Rebellion der Niedriglöhner" Eine Analyse von Peter Stäuber, London  (10. Oktober 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-10/grossbritannien-armut-niedriglohn-ausbeutung-protest/komplettansicht

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Murano #22

was mich erschüttert. es betrifft mittlerweile nicht nur ungelernte. Auch Krankenpflegerinnen und Aushilfslehrerinnen sind betroffen. Was sagt das über eine gesellschaft aus, wenn sie auch Jobs mit Verantwortung für die man eine Ausbildung benötigt ins präkariat treibt.


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E_Dantes #22.1

Das fragen Sie doch mal die vielen Facharbeiter in Dtl., die für ihre Arbeit nur Mindestlohn erhalten. Vorzugsweise östlich der Elbe. ...


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Laubfall #20

Die Politik und die Gesellschaft lassen es zu, dass ein Investmentbanker an einem Tag mehr verdient als ein Uber-Fahrer im ganzen Jahr.
Für die Eliten mag das zunächst toll sein, man bekommt einen billigen Fahrer, günstigste Kindermädchen und Putzfrauen und so weiter.
Trotzdem werden auch die Eliten die Konsequenzen mehr und mehr spüren.

Das angenehme Leben wir gestört durch steigende Kriminalität, in der Politik bekommen radikale Lösungen und Parteien Zustimmung, plötzlich soll der Arbeitsplatz wegen des Brexits vom schönen London ins öde Frankfurt verlegt werden und sicher kommen hier noch ein paar weitere unangenehme Überraschungen. Aber klar, verglichen mit den Problemen der Niedrigstlöhner sind das Lappalien.


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deep_franz #18

Für mich ist die Frage, wie diese Menschen sich bei den Wahlen bemerkbar machen sollen. Die "Labour" Party war ja an der "Flexibilisierung" des Arbeitsmarktes nicht unwesentlich beteiligt.
Gibt es eine wählbare Partei, die dort ein Revidieren der Agenda 2010, pardon, ich meine natürlich von New Labour anstrebt?


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  Arlequin #18.1

Labour. ... Allerdings hat Corbyn im letzten Jahr einen hervorragenden und umjubelten Wahlkampf hingelegt. Ob er damit in Somerset punkten kann, steht auf einem anderen Blatt.



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Heiliger Römischer Reis #4

Es geschehen noch Wunder: die Ausgebeuteten lehnen sich gegen asoziale Silicon-Valley-Geschäftsmodelle auf. Ob der Streik auch genügen wird? Denn Beistand von ihrer derzeitigen Regierung haben sie nicht zu erwarten.


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Johann Friedrich #4.2

... Die Konservativen haben unter Thatcher die britischen Gewerkschaften zerschlagen. Die mögen zwar darauf achten, daß die Arbeiter nicht verhungern. Aber da ist dann auch Schluß. Firmen wie Uber, Amazon und Ryan Air sind im ganz normativen Sinne unmoralisch. Das ist Manchester, nicht Rheinischer Kapitalismus. Neoliberalismus statt sozialer Marktwirtschaft. Als Kunde hat man aber die Wahl, und man sollte solche Firmen nach Möglichkeit boykottieren.


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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #811 on: October 11, 2018, 12:04:19 PM »
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[...] Millionen von Deutschen, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren aufwuchsen, dürften diesen Satz von ihren Eltern gehört haben: „Streng dich in der Schule an, sonst landest du bei der Müllabfuhr.“ Müllmann oder Straßenfeger, das war so ziemlich das Letzte. Dreckig, eklig, ein Job, den niemand machen wollte. „Das ist für die Doofen“, hieß es im bürgerlichen Einfamilienhaus-Viertel der rheinischen Kleinstadt, aus der ich komme, für jene, die nicht einmal einen Job im Kohletagebau oder am Fließband bei Ford bekamen. Die Deutschen unter ihnen, von denen manche schon frühmorgens nach Schnaps rochen, sprachen derbes Kölsch, die anderen, türkische „Gastarbeiter“, redeten fast nie. „Da kommen die Müllmäuse!“, riefen wir Kinder, wenn der orangefarbene Wagen um die Ecke bog und die Arbeiter die schweren, siffenden Blechtonnen, damals noch ohne Rollen, über den Bürgersteig zum Müllfahrzeug wuchteten. Zu Weihnachten gab es eine Flasche billigen Schabau – damit die Müllmänner auch weiterhin, ohne zu murren, mal ein paar Eimer mit Farbresten oder Säcke mit Grünschnitt mitnahmen.

Kürzlich hat die BSR 50 Müllwerker-Stellen ausgeschrieben – und erhielt mehr als 1000 Bewerbungen. Auch bei der Straßenreinigung überstieg die Zahl der Bewerber jene der ausgeschriebenen hundert Stellen um ein Vielfaches. Die Berliner Handwerksfirmen suchen derweil händeringend Leute; Kliniken rekrutieren Pflegekräfte in ihrer Not mittlerweile aus Osteuropa, Mexiko und Vietnam. Und so viele Leute wollen Müllwerker sein. Warum?

... Für Jeffrey Sabbath ist die „Mülle“ vor allem ein sicherer Job, „bis zur Rente, wenn du keinen Mist baust. Das war für mich wichtig, wegen meiner Familie.“ Gelernt hat er Dachdecker, danach als Piercer in einem Tattoo-Studio gearbeitet, „mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt er, wovon die imposanten Tunnel in seinen Ohrläppchen zeugen. Danach ging es zurück auf den Bau als Parkett- und Fliesenleger. „Da rutschst du den ganzen Tag auf den Knien rum“, erzählt Sabbath, „und wenn die kaputt sind, ist Ende, dann wirst du rausgekantet.“

Alle in der Familie, auch die zwei Töchter, sechs und zwölf Jahre alt, finden es cool, dass er jetzt den Müll abholt. Die meisten seiner Freunde und früheren Arbeitskollegen vom Bau sind neidisch. Es stört ihn auch nicht, dass die Arbeit hart ist und manchmal eklig. Im Sommer etwa, wenn der Inhalt der Biotonnen gärt und stinkt und die Maden einem schon entgegenkommen. „Das riecht man nicht mehr, da stumpft man mit der Zeit ab“, sagt er. „Da wird kurz die Luft angehalten, gekippt, fertig.“ Wenn es regnet, nun ja, „bist du halt nach ‘ner halben Stunde pitschnass bis auf den Schlüpper“. Das größte Übel seien pöbelnde Autofahrer, die sich aufregen, weil der Müllwagen die Straße versperrt. Seine Kollegen und er seien schon angespuckt worden, erzählt Sabbath. „Letztens wollte uns einer vermöbeln, weil es ihm nicht schnell genug ging.“

„Häuserkampf“ nennt Sabbath die tägliche Maloche. Jeder der zwei- bis dreihundert 240-Liter-Behälter, die er pro Schicht bewegt, wiegt zwischen 50 und 100 Kilo. Oft muss er mit seinen Kollegen in die Hinterhöfe rein, die Tonnen rausholen. Oder sie die Kellertreppen hochwuchten. „13, 14 Kilometer laufe ich pro Schicht“, sagt Sabbath. Das sagt ihm der Schrittzähler seiner Uhr. „Also ich komm’ auf 20 Kilometer“, meint Kollege Ameti, als er endlich zu Wort kommt. Bei den Kitas sind sie die Kings. Alle Kinder kommen zum Zaun gerannt, sobald jemand den Müllwagen gesichtet hat. Sabbath hat immer eine Tüte mit Süßigkeiten im Wagen.

Der Zusammenhalt auf dem Wagen sei gut. „Eine große Familie“, sagt Mehas Ameti. Manche fahren seit 20 Jahren zusammen. Und man nimmt die Arbeit nicht mit nach Hause. „Was auf’m Auto ist“, sagt Jeffrey Sabbath, „das bleibt auf’m Auto.“ Mit dem Wasserstrahl unter der Dusche geht auch die Arbeit ab.

Vollzeit, unbefristet, sozialversichert, anständig bezahlt – die 1400 Berliner Müllwerker und rund 2300 Straßenreiniger genießen im öffentlichen Dienst eine Sicherheit, die es gerade für gering Qualifizierte heute kaum noch gibt. Vier von zehn Beschäftigten in Deutschland arbeiten nach Angaben des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) prekär oder atypisch – also als Mini- oder Midijobber, befristet, in Teilzeit oder als Solo-Selbstständige. Unter den gering Qualifizierten dürfte der Anteil weit über 50 Prozent liegen.

Anders bei der Müllabfuhr oder der Straßenreinigung. „Wenn man möchte, ist es ein Arbeitsplatz bis zur Rente“, sagt die BSR-Vorstandsvorsitzende Tanja Wielgoß. Selbst wenn der Rücken oder die Knie irgendwann nicht mehr mitmachen, muss niemand das Unternehmen verlassen. Für die 370 Leistungsgeminderten wurde eine Einheit für passende Tätigkeiten gegründet, beispielsweise die Wartung kaputter oder beschmierter Papierkörbe. Die Müllwerker müssen nicht einmal eine Lohneinbuße befürchten, nur bei den Straßenreinigern fällt die eine oder andere Zulage weg.

Ein Müllwerker bei der BSR steigt mit 2824 Euro brutto ein, ein Straßenreiniger mit 2516 Euro. Umgerechnet auf die Stunde, ist das mehr als doppelt so viel wie der gesetzliche Mindestlohn von 8,84 Euro und in beiden Fällen mehr als beispielsweise der mittlere Bruttoverdienst von Vollzeitbeschäftigten in Sachsen-Anhalt (2494 Euro), die Einstiegsgehälter von Krankenpflegern (2000 bis 2400 Euro) oder die Löhne von Malergesellen, die in Berlin froh sein können, wenn sie 1700 Euro mit nach Hause bringen. Selbst ein Berliner Schutzpolizist im mittleren Dienst verdient am Anfang seiner Laufbahn weniger als ein Müllwerker oder Straßenfeger – nur sind seine Aufstiegschancen deutlich besser. „Die Kombination aus Arbeitsplatzsicherheit und gutem Gehalt ist gerade bei An- und Ungelernten unschlagbar“, sagt Tanja Wielgoß.

Kein Wunder, dass sich viele zum Müllwerker umschulen lassen. Die meisten sind Quereinsteiger, haben als Bäcker oder Elektriker, Klempner, Fleischer, Maler, Maurer, Friseur oder Verkäufer gearbeitet. Zwar führt die BSR keine Statistik darüber, wie viele Mitarbeiter eine Berufsausbildung haben, bundesweit gibt es jedoch Zahlen: Nur 15 Prozent der Beschäftigten in der Abfallwirtschaft haben keine abgeschlossene Ausbildung, bei 12 Prozent ist die Ausbildung unbekannt.

... Eine fast schon legendäre Plakatkampagne hat eine Menge verändert, zunächst im internen Gefüge. Unter dem Motto „Wir bringen das in Ordnung“ erklärte die Berliner Agentur Heymann Brandt De Gelmini den Berlinern, wie wichtig diese Jobs für die Stadt sind. Fast 20 Jahre ist das her. Gezeigt wurden Fotos von coolen Straßenfegern, garniert mit Sprüchen wie „Drei Wetter tough“, „Matschos“, „Saturday Night Feger“ oder „We kehr for you“. Die Kampagne erlangte schnell Kultstatus und gilt heute als die Mutter des Employer Branding. „Viele haben Elemente unserer Kampagne übernommen“, sagt die BSR-Vorstandschefin. „Wir wissen zum Beispiel, dass Kollegen aus Wien, immer wenn sie nach Berlin kommen, unsere Sprüche abschreiben und adaptieren.“

Mit einem Mal galten die Berliner Müllwerker und Straßenreiniger als coole Säue. Ich bin Müllmann, wer ist mehr? „Ich bin stolz drauf, bei der Mülle zu sein“, sagt Jeffrey Sabbath. Früher habe er auch schon mal Parkett verlegt in Villen, Hölzer für 400 Euro den Quadratmeter verarbeitet. „Das hab’ ich halt für den Typen gemacht, dem das Haus gehört. Aber hier mach’ ich was für die ganze Stadt.“

Ähnlich wie die Selbstwahrnehmung hat sich auch das Image in der Öffentlichkeit gewandelt. Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Deutschen Beamtenbundes aus dem Jahr 2016 billigten 73 Prozent der Befragten Müllwerkern ein hohes oder sehr hohes Ansehen zu. Damit rangierten diese an sechster Stelle, vor Lehrern, Anwälten, Bankangestellten und natürlich Versicherungsvertretern. ...

...


Aus: "Berliner Stadtreinigungsbetriebe: Ich bin Müllwerker, wer ist mehr?" Andreas Molitor (2018)
Quelle: https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2018/personal/ich-bin-muellwerker-wer-ist-mehr

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« Reply #812 on: October 15, 2018, 05:08:34 PM »
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[...] Das Deutsche Studentenwerk fordert zu Semesterbeginn, dass mehr Studenten in Deutschland Bafög erhalten. Es sei ein "Riesenproblem", dass die Zahl derer, die gefördert werden könnten, zurückgehe, sagte der Generalsekretär des Studentenwerks, Achim Meyer, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die Elternfreibeträge müssten daher kräftig erhöht werden.

"Wir haben ein Untere-Mittelschicht-Problem", sagte Meyer und kritisierte die Regierung: "Die Politik behauptet, die Eltern verdienten genug, um das Studium ihrer Kinder zu finanzieren. In der Realität müssen sie ihren Kindern sagen: 'Das Geld reicht nicht. Geht arbeiten!'"

Der Generalsekretär des Studentenwerks verwies darauf, dass die große Koalition angekündigt habe, das Bafög im Herbst 2019 zu erhöhen. "Wenn die Regierung sich beeilt hätte, dann hätte sie das Bafög schneller erhöhen können – nämlich jetzt. Das haben Union und SPD versäumt."

Viele Studenten müssen nach Angaben Meyers Geld verdienen, um überhaupt über die Runden zu kommen. Das Bafög sei zu niedrig, zudem gäbe es nicht genügend bezahlbare Wohnungen. Es müsse gebaut werden, um das Angebot für Studenten zu vergrößern. Nicht jeder Student habe die Wahl beim Studienort: "Nicht jeden Studiengang gibt es überall."


Aus: "Studentenwerk: "Wir haben ein Untere-Mittelschicht-Problem"" (2018)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2018-10/studentenwerk-bafoeg-erhoehung-elternfreibetraege-studierende

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Dr. Möbius #2.15

Ich habe während des Studiums gearbeitet. Teilweise 3 Jobs parallel. Als Nachhilfelehrer, als Kellner und als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Ich sehe ganz ehrlich nicht, dass es schwierig ist einen passenden Job zu finden.

Das es dann mit dem Lernen gut organisiert werden will, stimmt sicherlich. Aber auch das geht. Würden alle die vielen Stunden nutzen, die die Uni eigentlich zum Lernen vorsieht, wäre es wirklich kein Problem. Aber seien wir ehrlich, die Meisten nutzen die Zeit doch lieber für spaßigere Dinge.

Ich habe einiges an Party gemacht, habe meinen Abschluss selbstorganisiert im Ausland gemacht, habe für gute Leistung DAAD Unterstützung erhalten und habe ein paar Monate schneller als Regelstudienzeit studiert. Meine Abschlussarbeit war 1,0 und ich war in der Gruppe der besten 10% Studenten im Jahrgang. Ich muss ehrlich sagen, meine Kumpels die länger gebraucht haben, wussten auch genau warum. Fehlendes Bafög oder arbeiten zu müssen war nicht der Grund.


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  jawthruster #2.18

Angeber


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Wunderwuzzi #2.19

"habe meinen Abschluss selbstorganisiert im Ausland gemacht, "

Glückwunsch, wenn Sie das alles so vortrefflich unter einen Hut gebracht haben. ...


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Rollmann #2.40

Aus dem Almanach der Selbstverherrlichung:

"Ich habe während des Studiums gearbeitet. Teilweise 3 Jobs parallel. Als Nachhilfelehrer, als Kellner und als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Ich sehe ganz ehrlich nicht, dass es schwierig ist einen passenden Job zu finden.[...]. Meine Abschlussarbeit war 1,0 und ich war in der Gruppe der besten 10% Studenten im Jahrgang. Ich muss ehrlich sagen, meine Kumpels die länger gebraucht haben, wussten auch genau warum. Fehlendes Bafög oder arbeiten zu müssen war nicht der Grund. "

Sehen Sie, ich hatte auch nie Probleme wegen Arbeiten neben Studium. Andere schon. Um die geht's. Barrierefreie Bahnhöfe werden auch nicht für Berufssportler gebaut (zu pauschal, ich weiss).


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  DemDeutschenVolke #14

Ich bin dafür das Barfög um die Hälfte zu senken oder ganz abzuschaffen, das Geld kann besser eingesetzt werden.
Meiner Meinung nach haben wir viel zu viele Studenten, die dann trotz Studium in Teilen unterqualifiziert sind.


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DerJoker1991 #14.1

Sie haben vermutlich nicht studiert oder haben privat finanzielle Unterstützung bekommen.



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DemDeutschenVolke #14.2

Studiert, Bachelor Mechatronik neben dem Studium gearbeitet, keine finazielle Unterstützung.
War wenn ich ehrlich bin auch kein Problem da Zug umsonst war und ich weiter Zuhause gewohnt habe.


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DemDeutschenVolke #14.5

Nun ja ich spreche aus meiner persönlichen Erfahrung wie ich teilweise Studenten oder eben fertig Studierte in meinem Arbeitsumfeld wahrnehme.
Ob ich qualifizierter bin, steht nicht zur Disposition.
Es geht mir darum das wir zu viele Studenten haben die in Teilen nicht das Halten, was ein Studium verspricht.
Weshalb ich die Voraussetzungen für ein Studium erschweren möchte sowohl finanziell als auch Zugangsvoraussetzungen. ...


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jolande9 #14.9

Und Sie meinen, dass sich daran was ändert, wenn nur noch Kinder reicher Eltern studieren können?
Komische Weltsicht.


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Hanna_E #14.13

Wenn Sie bei Ihren Eltern gewohnt hatten, hatten Sie finanzielle Unterstützung in Form von Kost und Logis. Wenn Sie so die Spreu vom Weizen trennen wollen, hätten Sie auch nicht studieren dürfen.


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DemDeutschenVolke #14.18

Natürlich musste ich nicht die Kosten eines Selbstversorgers tragen, trotzdem habe ich meine Mutter finanziell unterstützt.


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Rollmann #14.25

"Nun ja ich spreche aus meiner persönlichen Erfahrung wie ich teilweise Studenten oder eben fertig Studierte in meinem Arbeitsumfeld wahrnehme."

Der in Psychologie bewanderte Leser kennt sicher einen Namen für das hier schön präsentierte Beispiel der zu persönlichen Gunsten verzerrten Wahrnehmung.


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Gabriel Seth #30

Man könnte ja auch eine Lehre machen....


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Gelassener Bürger #30.1

Man könnte ja auch aufhören arm zu sein...


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DerJoker1991 #30.3

Man könnte auch die Schule abbrechen und direkt arbeiten gehen....


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olivern #30.2

Das könnte man. Nur hilft es der Allgemeinheit nicht, wenn schlaue Arme eine Lehre machen aber dumme Reiche studieren.


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wulewuu #35

Die Politik muss Prioritäten setzen und tut dies auch, wie z.B. die Fast-Verdoppelung der Militärausgaben in innerhalb der nächsten Jahre. Deswegen: dienen statt studieren und nebenher ferne Länder kennenlernen.


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vincentvision #36

Da wissen wir alle, dass Bildung, Bildung, Bildung in Deutschland:

a) zu gering ausfällt

b) wesentlich abhängt vom Einkommen der Eltern

c) zu lange dauert

Und vielen hier fällt angesichts des sehr vernünftigen Vorstoßes der Studenten nach mehr Geld, der alle drei Punkte positiv beeinflussen würde, in einer Mischung aus Neid, Häme und Unwissen nicht mehr ein, als das Ganze niederzumachen.

Mit so einer begrenzten Einstellung wird das aber nichts mit der Begabtenförderung und späteren qualifizerten Arbeitnehmern - es sei denn, man holt sie aus dem Ausland.

Aber das wollen die Angesprochenen ja erst recht nicht...


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Grails_Knight #37

Studenten sind übrigens die einzige Gruppe, die Unterhalb des Existenzminimums bleiben können in Deutschland. (Kein Anspruch aus Sozialleistungen beim Unibesuch)

Ist wohl die selbe Denke, die es bei unter 25jährigen bei Hartz IV erlaubt hat, 100% Sanktionen inklusive gestrichener Miete für zumutbar zu halten.


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ParisMatch #38

Das Problem ist schon ein halbes Jahrhundert alt


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123Valentino #40

Da habe ich aber Glück gehabt, ich gehöre zur oberen Unterschicht die hat keine Probleme?
Ich kann mich nur erinnern, es musste immer gearbeitet werden, Einige hatte das Glück Kohle genug aus dem Elternhaus zu bekommen.
Wieviel Schichten gibt es eigentlich ?


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« Last Edit: October 18, 2018, 01:08:30 PM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #813 on: October 16, 2018, 11:01:09 AM »
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[...] „Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird.“

Das war das Ziel von Annie Ernaux‘ Projekt „Die Jahre“. Zwei Jahrzehnte hat sie gerungen, bis sie die passende Form für die Materialfluten fand. Zum einen skizziert sie – ausgehend von Fotos und Videoaufnahmen – Stationen ihres eigenen Werdegangs. Zum anderen zapft sie das kollektive Gedächtnis der Franzosen an und beschreibt in komprimierter Form, was „man“ erlebt hat – oder was „wir“ oder „die Leute“ durchmachen mussten. Den zeitlichen Rahmen markieren Annie Ernaux‘ Geburtsjahr 1940 und der Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf den ersten Seiten mit Werbe-Slogans, Lied-Zitaten und Schlüsselbegriffen der Nachkriegszeit glaubt man noch, diese sogenannte „unpersönliche Autobiografie“ sei ausschließlich ein Buch für Franzosen und eingefleischte Frankophile. Dann aber häufen sich für deutsche Leser die Vergleichsebenen: von der Invasion der amerikanischen Popkultur über die Aufbruchsstimmung der 68er bis hin zur großen materiellen Wohlstandsflut:

„Die Gesellschaft bekam einen neuen Namen, sie hieß jetzt ‚Konsum-Gesellschaft‘. […] Die Zeichen der Zeit standen auf Geldausgeben, und so schaffte man sich unermüdlich Gebrauchsgegenstände und Luxusgüter an. Man kaufte eine Kühl- und Gefrierschrank-Kombination, einen Renault 5, […] man erwarb einen Farbfernseher. Bunt war die Welt viel schöner [...]. Die Werbung zeigte, wie man zu leben, sich zu verhalten, und seine Wohnung einzurichten hatte, sie war die Kulturanimateurin der Nation.“

Annie Ernaux sucht nicht die Objektivität einer Kulturgeschichte. Vielmehr schreibt sie – zuweilen mit leise ironischem Unterton – immer aus der Sicht ihrer Prägungen. Der Kampf der Frauen für die Legalisierung der Abtreibung gehört genauso dazu wie der Milieuwechsel aus der Unter- in die Mittelschicht. Als gute Schülerin durfte sie studieren und wurde Gymnasiallehrerin für Französisch. Doch das Glück, das die zweifache Mutter sich erhoffte, sah für Annie Ernaux anders aus.

„Wenn sie Zeit mit ihrer Familie verbringt, fühlt sie nur und denkt nicht. Richtige Gedanken kommen ihr nur, wenn sie allein ist, […] Gedanken über sich selbst, über das, was sie hat und was sie ist, über ihr Leben. Diese Gedanken sind eine Vertiefung all der flüchtigen Gefühle, über die sie mit niemanden reden kann, all der Dinge, über die sie schreiben würde, wenn sie die Zeit dazu hätte – aber sie hat ja nicht mal mehr die Zeit zum Lesen. In ihrem Tagebuch, das sie nur noch selten aufschlägt, ganz so, als würde es eine Bedrohung für den Zusammenhalt der Familie darstellen, als hätte sie kein Recht auf ein Innenleben, notiert sie: ‚Mir fällt gar nichts mehr ein. Ich versuche nicht mehr, mir mein Leben zu erklären‘ und: ‚Ich bin zu einer arrivierten Kleinbürgerin geworden.‘“

Durch die Erzählperspektive in der dritten Person schafft Annie Ernaux Distanz zu sich selbst. Sie macht sich gleichsam zu einer historischen Figur, zu einer Repräsentantin ihrer Generation. Oft ist sie sich auf alten Fotos selbst fremd und betont die Vagheit ihrer Erinnerungen. Darin liegt die große Stärke ihrer „unpersönlichen Autobiografie“. Nie behauptet Annie Ernaux, es ganz genau zu wissen. Sie bleibt immer eine Suchende im großen Kontext des gesellschaftlichen Wandels. Besonders bewegend sind die nachdenklichen, melancholischen Passagen, so zum Beispiel über das Vergehen der Zeit.

„Auch wir werden eines Tages in den Erinnerungen unserer Kinder im Kreise der Enkel stehen, im Kreise von Menschen, die noch gar nicht geboren sind. Wie das sexuelle Verlangen ist auch die Erinnerung endlos. Sie stellt Lebende und Tote nebeneinander, reale und imaginäre Personen, eigene Träume und die Geschichte. Auch werden sich auf einen Schlag alle Wörter auflösen, mit denen man Dinge, Gesichter, Handlungen und Gefühle benannte, mit denen man Ordnung in die Welt gebracht hat, die das Herz höher schlagen und die Scheide feucht werden ließen: die Slogans, Graffiti an Häuser- und Klowänden, Gedichte und schmutzige Witze.“

Annie Ernaux findet für ihr Erinnerungsbuch „Die Jahre“ nicht nur eine gelungene Form, sondern auch einen eigenen, unverwechselbaren Ton, den ihre Übersetzerin Sonja Finck bestens getroffen hat. Ihre Beobachtungen zeigen eine nie selbstgewisse, immer fragende Frau im Strudel der sexuellen und politischen Ängste und Hoffnungen. Ihre „unpersönliche Autobiografie“ ist kein gemütliches Nostalgie-Buch, sondern eine vielstimmige, stets provozierende Aufforderung zur Selbstbesinnung in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt. Dazu gehört auch der Blick auf die mittelständische Vorstadt 40 Kilometer vor Paris, wo sie seit Jahrzehnten lebt; oder die Beschreibung der Desillusionierung, die sie als überzeugte Sozialistin seit Beginn der Mitterrand-Präsidentschaft durchleiden musste. Das anrührendste, da aussagestärkste Strukturelement ihres Buchs ist aber das klassische französische Festessen im Kreis der Familie. Annie Ernaux beschreibt hier, wie sich im Wandel der Jahrzehnte seit dem Zweiten Weltkrieg die Gepflogenheiten bei Tisch verändern. Auch das nachdenkliche Finale sollte man sich nicht entgehen lassen. Denn immer, wenn Annie Ernaux der Glaube an die Zukunft abhandenkam, hat sie das Schreiben gerettet: über alle Trennungen, den Brustkrebs und Präsident Sarkozy hinweg.


Aus: "Provozierende Aufforderung zur Selbstbesinnung" Christoph Vormweg (15.01.2018)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/annie-ernaux-die-jahre-provozierende-aufforderung-zur.700.de.html?dram:article_id=408269

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[...] Annie Ernaux ist in Frankreich eine literarische Legende, hierzulande werden ihre Romane über ihre Herkunft aus dem Arbeitermilieu gerade erst entdeckt. ... Ihre autobiografischen Romane über ihre Herkunft aus dem französischen Kleinbürgertum waren eine Provokation. Das ist insofern verständlich, als die französische Literatur seit Jahrhunderten nahezu exklusiv vom Pariser Großbürgertum und von den Grandes Écoles der Hauptstadt beliefert wird. ... Annie Ernaux sagt, sie habe zu schreiben begonnen, weil die Familie sich nichts zu sagen gehabt habe. ... An seinen Ursprung zurückzukehren war ihr lebenswichtig: "Solange das Buch nicht geschrieben war, blieb etwas nicht verstanden." So ist es, seitdem Bücher geschrieben werden. Man kehrt an die Unfallorte zurück. Man versteht die Idiotie der Gegenwart immer erst nachträglich.

...



Aus: "Annie Ernaux: "Ich fühle mich schuldig"" Iris Radisch (10. Oktober 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/2018/42/annie-ernaux-erinnerung-eines-maedchens-roman-frankreich-arbeitermilieu/komplettansicht

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[...] Sie selbst ist die Zeugin, aber sie sagt niemals «ich», sondern «man» oder «wir». Das Subjekt dieser Autobiografie sind also die durchlebten Jahrzehnte. Sie demokratisiert gewissermassen ihre private Geschichte, wir begegnen ihr als der Geschichte aller Zeitgenossinnen und Zeitgenossen. Nicht als individuelle Frau entwirft sie sich, obwohl sie aus bescheidenen Verhältnissen im normannischen Yvetot stammt und zur Akademikerin in Annecy, dann in der Nähe von Paris wurde.

Lediglich ein wiederkehrendes, strukturierendes Motiv ist persönlich gefärbt: In Abständen beschreibt Ernaux Fotos ihrer selbst vom Säugling bis zur pensionierten Literaturdozentin, zur Grossmutter mit ihren Enkeln. Auch sie aber zeugen primär von den Zeitabschnitten, den «Jahren». Eine parallele Gliederung ergibt sich aus den Schilderungen von Familienzusammenkünften – einst im Nachkrieg mit den Eltern, später in den sechziger, siebziger Jahren mit Ehemann und Nachwuchs, in den Achtzigern dann geschieden und mit wechselnden Partnern – das geht bis Weihnachten 2006. Identitäten sind brüchig geworden, die Individuen austauschbar. Es ging um die Rekonstruktion einer «gesellschaftlichen Zeit», die in ihr selbst und den Zeitgenossen sichtbar wurde.

Mit Erinnerungen allein war damit wenig auszurichten, es brauchte empirisches Material. Die Autorin sammelte Dokumente aller Art: Schulnotizen, Listen von Film- und Buchtiteln, von Fernsehserien und Chansons. Sie trieb Zeitungsartikel zu den prägenden Politikern auf: von de Gaulle und Pompidou über Giscard d’Estaing, Mitterrand und Chirac bis Sarkozy, dazu Verzeichnisse der jeweiligen Schlagwörter und Parolen. Die grossen Brennpunkte waren Algerien, der Vietnamkrieg, 1968 und – dies vor allem – die sexuelle Befreiung der Frau. Dazu kam das Material zu den wechselnden Moden, zum Essverhalten, zum anschwellenden Konsum, zur Mobilität und den gigantischen Einkaufszentren in den Vorstädten. Und sie sah, wie die Bilder alles überfluteten, Bilder, welche «die Wirklichkeit schröpfen».

In einer Autobiografie ohne ein Ich reden die Dinge deutlicher von der Epoche als die Personen. Dinge können auftauchen, allgegenwärtig sein und wieder verschwinden – in Frankreich beispielsweise das Minitel, der avantgardistische kleine Computer aus den frühen achtziger Jahren, ein Online-System vor dem Internet. Dinge seien ihre Proustsche Madeleine, notiert Annie Ernaux. Sie beschwört Georges Perec und dessen Buch «Les choses» von 1965. Vor allem aber hat ihr der Soziologe Pierre Bourdieu die Augen geöffnet. Bei ihm lernte sie, dass die Subjektivität sozial gesteuert sei. Bourdieus Schriften seien für sie «Synonyme der Befreiung» gewesen, schrieb sie bei dessen Tod 2002 in «Le Monde». Er habe sie aus dem Gefängnis einer weiblichen Existenz ausbrechen und teilhaben lassen an den Umwälzungen ihrer Epoche.

«Les années» wurden 2008 auf Anhieb ein Bestseller in Frankreich. In der autobiografisch tingierten Geschichtsschreibung erkannte man das eigene Leben wieder, und die Aufwertung des Gewöhnlichen und der alltäglichen Dinge bezauberte die Leser.

Knapp zehn Jahre später nun «Die Jahre» auf Deutsch. Die Resonanz kann nicht mehr ganz dieselbe sein. Finanzkrise, das Scheitern des Arabischen Frühlings, IS-Terror, die Kriege im Nahen Osten, die Flüchtlinge – dies alles hat ein neues Lebensgefühl geschaffen. Die betonte «Impassibilité», der leicht herablassende Umgang mit dem Auf und Ab in Gesellschaft und Politik, wirkt nicht mehr ganz zeitgemäss. Dazu kommt, dass die Übersetzung von Sonja Finck oft zu weit vom spezifisch Französischen abrückt. Die Umgangssprache wirkt zu berlinisch; Ausdrücke wie pennen, Klamotten, Kumpel, Bescheuertes verfälschen die Atmosphäre. Trotzdem: Annie Ernaux' konsequentes Unternehmen, das autobiografische Ich zu dezentrieren und den Nebensachen ein existenzielles Gewicht zu geben, verändert den eigenen Blick und wirkt lange nach.

Annie Ernaux: Die Jahre. Übersetzung aus dem Französischen von Sonja Finck. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2017. 256 S.


Aus: "Annie Ernaux erzählt eine Autobiografie ohne Ich" Beatrice von Matt (14.2.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/eine-autobiografie-ohne-ich-ld.1355351

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« Reply #814 on: October 16, 2018, 12:06:45 PM »
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[...] Herr Appenzeller, Sie sind mit Ihrem Planungsbüro in Städten weltweit aktiv. Sind wir Berliner besonders von der Wohnungsnot betroffen?

Markus Appenzeller: Nein, das ist ein globales Problem. Überall, wo ich hinkomme, ob in China, in Afrika oder in Europa, gibt es kaum noch bezahlbaren Wohnraum in Städten. Durch den großen Drang in die Innenstädte werden vor allem die unteren Einkommensschichten verdrängt. Diese Dynamik wird durch einen zweiten Trend zusätzlich angeheizt.

Und der wäre?

Stadtentwicklung ist mittlerweile ein globalisiertes Geschäftsfeld, in das immer mehr Geld fließt. Man trifft immer wieder auf die gleichen Player, die an verschiedensten Stellen der Welt investieren. Ich war diese Woche in Nairobi, da ist ein Projektentwickler aus London mit Investoren aktiv, die wir aus Russland und den USA kennen.

War das nicht schon immer so?

Nein. Früher waren Projektentwickler beschränkt auf ein Land oder eine Region. Heute suchen sie sich gemeinsam mit Investoren zunehmend weltweit interessante Objekte, mit denen man gute Rendite erzielen kann. Seit fünf, sechs Jahren ist auch Deutschland im Fokus.

Wenn so viel gebaut wird, müsste dadurch der Wohnraum nicht billiger werden?

Ein Großteil der Preissteigerungen hat nichts mit der realen Nachfrage nach Wohnraum zu tun. Die gibt es, doch der explodierende virtuelle Immobilienmarkt kommt nun als Preistreiber hinzu. Er hat nicht mehr den Stadtbewohner als Mieter und Endverbraucher im Fokus. Sondern Investoren, die ihr Geld anlegen wollen. Die Folgen sind absurd: Man baut komplett am realen Bedarf vorbei und schafft Wohnraum, der im Zweifel gar nicht als Wohnraum gedacht ist, sondern nur als Geldanlageobjekt. Zum Beispiel werden bevorzugt kleine Wohnungen gebaut, um den Einstiegspreis gering zu halten. Je kleiner die Wohnung, desto interessanter ist sie als reines Investment.

Bedroht dieses globale Geschäft die lokalen Stadtgesellschaften?

Ja. Internationalen Investoren ist es im Gegensatz zum klassischen Hauseigentümer relativ gleichgültig, welche lokalen Folgen ihr Handeln hat. Sie haben nur zwei Entscheidungskriterien: die Rendite und die Sicherheit für ihr Kapital, die ihnen der Ort bieten kann. Die Stadt wird vom Wohn- und Lebensraum zu einem Finanzmodell für umherschwirrendes Geld, das Anlagemöglichkeiten sucht. Ich bin grundsätzlich Optimist, aber ich mache mir da schon Sorgen.

Welche Folgen befürchten Sie?

Der Neid und der Kampf ums Überleben in der Stadt wird größer werden. Auch die Nationalismustendenzen und latente Ausländerfeindlichkeit in manchen Vierteln sind ein Zeichen für diesen wachsenden sozialen Unfrieden. Die Politik hat inzwischen erkannt, dass das ein Problem ist, der Wohnungsgipfel zeigt das. Aber wenn man nicht schnell deutliche Schritte unternimmt, besteht aus meiner Sicht ein reales Risiko, dass sich das zu einem explosiven Gemisch aus ökonomischem Druck, Zukunftsangst und Xenophobie entwickelt.

 Wenn so viele Städte von diesen Gefahren bedroht sind, warum gibt es zwar internationale Immobilienmessen, aber keinen internationalen Städtegipfel?

Es fehlt tatsächlich ein Format, in dem man Lösungen für das weltweite Problem entwickelt. Leider sehe ich nicht, dass eine globale Städteallianz entsteht. Jede Stadt wurschtelt für sich, auch weil sie natürlich untereinander im Wettbewerb stehen und um Investitionen buhlen.

Bekommen Sie selbst unmoralische Bauangebote?

Jede Menge. Ein Projektentwickler wollte auf Madeira für britische Anleger bauen. Die brauchen dann keine Steuern auf Gewinne mit den Wohnungen zu zahlen. Das lehnen wir ab, obwohl es finanziell interessant wäre. Wir wollen Architektur und Strukturen für echte Menschen in echten Städten schaffen. Unser Büro ist deshalb eher im kostengünstigen Massenwohnungsbau aktiv. In manchen Städten ist das mittlerweile eher ein Nischenmarkt geworden.

Wo zum Beispiel?

In London etwa wird schon lange nicht mehr für Londoner gebaut, sondern fast nur noch für ausländische Anleger. Chinesische Firmen lassen für vermögende Chinesen bauen, die ihr Geld entweder direkt in Wohnungen oder in Anteile an einem Immobilienfonds investieren. Der Verkauf läuft meist in China ab, die Wohnung ist also auf dem lokalen Markt gar nicht verfügbar. Inzwischen sieht man dieses Vertriebsmodell in immer mehr Städten, auch in Berlin.

 Aber diese Objekte werden doch trotzdem nachher als Wohnraum vermietet.

Nicht unbedingt. Je nach Modell wird eine Wohnung durch die Vermietung für Anleger sogar weniger wert. Einerseits, weil sie dann schwieriger zu verkaufen ist. Außerdem besteht das Risiko, dass sie durch die real erwirtschaftete Miete abgewertet wird. Man schätzt, dass in China ein Drittel der Wohnungen leer steht. In Schanghai oder Peking gibt es bei Wohnungen Wertsteigerungen von mehr als 50 Prozent im Jahr – da gibt es keinerlei ökonomische Notwendigkeit, sie zu vermieten.

Was tut man dann damit?

Man lässt sie drei Jahre leer stehen und verkauft sie wieder. Diese Auswüchse des Renditekapitalismus sieht man weltweit. Es besteht das Risiko, dass sich die Innenstädte dadurch komplett entleeren und nur noch Arbeitsplätze, Tourismus und Dienstleistungen übrig bleiben.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe fordert deshalb, spekulative Renditejäger im Zweifel zu enteignen.

Man braucht in jedem Fall Regeln, die solche Praktiken unattraktiv machen. Im Grundgesetz ist die Sozialbindung des Eigentums formuliert. Wenn ich Wohnraum leer stehen lasse, ist das nicht sozial. Das muss unter Androhung hoher Strafen verhindert werden, im schlimmsten Fall bis zur Enteignung. Hier sind auch die Regierungen gefragt, da einzelne Städte in ihren gesetzgeberischen Möglichkeiten überfordert sind.

 Wie im Fall der umstrittenen Modernisierungsumlage.

Die muss abgeschafft werden. Sie ist schon in ihrer Grundidee absurd. Dabei werden notwendige Werterhaltungsmaßnahmen als Modernisierung umgedeutet und auf die Mieter umgelegt. Eigentlich müsste es genau umgekehrt sein: Mieten müssten automatisch sinken, wenn diese Maßnahmen ausbleiben.

Sollte man auch per Gesetz verhindern, dass Krankenkassen oder Rentenfonds in den virtuellen Markt investieren und bei der Preistreiberei mitmachen?

Zumindest Institutionen, die Geld aus staatlichen Töpfen bekommen, sollten solche Anlagestrategien nicht gestattet werden. Es ist eine schizophrene Situation, wenn die öffentliche Hand als Player und Antreiber solcher Praktiken und gleichzeitig als Regulierer auftritt.

Solche Gesetzesänderungen dauern lange. Was kann die Lokalpolitik ad hoc tun, um die Stadt nicht zum Spielball von Investoreninteressen werden zu lassen?

Selber aktiv werden. Zum Beispiel durch eigenen sozialen Wohnungsbau. Viele Städte verkaufen Grund und Boden noch immer zum Höchstgebot – das ist ein weiterer Schlüsselfaktor für die Preissteigerung. Die Lokalpolitik muss sich auch inhaltlich besser wappnen gegen Investoren, die von der Stadt profitieren wollen.

Wie denn?

In den letzten Jahren ist die Weltwirtschaft deutlich komplexer geworden. Gerade in der Lokalpolitik ist die Gefahr groß, dass Entscheidungen aus gutem Glauben und teilweise auch Naivität gefällt werden. Man sollte sich deshalb Experten aus der Branche in die Stadtplanungsämter holen, damit man hier auf Augenhöhe kämpfen kann.

 Gilt das auch für Berlin?

Ganz besonders. Berlin steht vor einer riesigen Herausforderung. Die internationalen Kapitalströme fließen extrem schnell und treffen auf Stadtentwicklungsprozesse, die sehr langsam ablaufen. In Berlin ist dadurch eine Dynamik entstanden, die viel größer als in etablierten Immobilienkapitalmärkten wie Hamburg oder Frankfurt ist. Berliner bekommen die Effekte durch den Mietwohnungsanteil von 85 Prozent viel stärker in kurzer Zeit zu spüren als Bewohner anderer Städte mit höherem Eigentumsanteil. Berlin muss schnell gezielte Gegenstrategien entwickeln.

Welche könnten das sein?

Die Stadt könnte dafür sorgen, dass bestimmte Projekte nicht mehr genehmigungsfähig sind. Das erfordert ein Umdenken bei Baugenehmigungen.

Ausgerechnet Sie als Architekt verteidigen trotz des Baudrucks den investitionskritischen Ansatz der Berliner Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher?

Man darf nicht einfach alles durchwinken. Baugenehmigungen sind bisher vor allem eine technische Angelegenheit. Aber man sollte auch ökonomische und soziale Aspekte betrachten. Ich plädiere dafür, die Baugenehmigung auch vom Finanzierungsmodell und dem angesprochenen Marktsegment abhängig zu machen.

Was soll das bringen?

So hätte man mehr Einfluss darauf, was tatsächlich realisiert wird. Hier kommt die Sozialbindung des Eigentums zum Tragen: Wohnungsbau muss einen positiven Beitrag für das Zusammenleben in der Stadt leisten. Was der Stadtbevölkerung hilft, sollte genehmigt werden – alles andere nicht.

Finanzexperten kündigen das Ende des Booms an. Sinken die Immobilienpreise, wenn die Kreditzinsen wieder steigen?

Nicht automatisch. Der Teilmarkt mit billigem geliehenen Geld könnte in den nächsten zehn Jahren zwar kleiner werden. Dann dürfte es eine Preiskorrektur geben, die die Mietsteigerungseffekte etwas abmildert. Andererseits bleibt der reale Drang in die Städte erhalten. Und es wird weiter Anleger geben, die sichere Investitionsmöglichkeiten suchen. Für die spielt das Zinsniveau eine untergeordnete Rolle. Wenn man das ändern will, dann braucht es politischen Willen.

Müssen wir uns in Berlin künftig also trotzdem mit weniger Platz begnügen?

Ich denke schon. Es ist global gesehen nicht die Norm, dass eine vierköpfige Familie auf 120 Quadratmetern lebt. Mit steigenden Preisen bei stagnierenden Einkommen verkleinert sich der Wohnraum.

Markus Appenzeller leitet das Planungsbüro MLA+ mit Büros in Berlin, London, Moskau, China und Brasilien. Außerdem lehrt er Stadtplanung an der Amsterdamer Academie für Architektur.


Aus: "Wohnungspolitik "Berlin muss sich wappnen gegen Investoren"" Christian Hönicke (16.10.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/wohnungspolitik-berlin-muss-sich-wappnen-gegen-investoren/23189758.html

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« Reply #815 on: October 17, 2018, 08:59:31 AM »
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[...] Im Groß-Insolvenzverfahren um die Münchener Kapitalanlagegruppe P&R geht der Firmengründer Heinz Roth offenbar zunehmend auf Konfrontationskurs zu den Insolvenzverwaltern. Roth habe sich anfangs kooperativ gezeigt, schreiben die Insolvenzverwalter Michael Jaffé und Philip Heinke, beide von der Münchener Kanzlei Jaffé, in ihren Gutachten zur Eröffnung der Insolvenzverfahren über vier P&R-Gesellschaften. Dies habe sich aber im Laufe der seit März dieses Jahres andauernden vorläufigen Insolvenzverwaltung geändert.

So habe Roth zunächst Vollmachten für die Leitung der im P&R-Geflecht wichtigen Schweizer Tochtergesellschaft der Gruppe erteilt. Diese Vollmachten, die laut Gutachten ursprünglich offenbar als "unwiderruflich" eingestuft wurden, habe Roth später jedoch über einen in der Zwischenzeit engagierten Anwalt widerrufen.

Ebenso versucht Roth den vier umfangreichen Gutachten zufolge, die manager-magazin.de vorliegen, offenbar, Vermögenswerte dem Zugriff der Insolvenzverwalter zu entziehen. Der P&R-Gründer habe sein Eigentum an seinem Wohnhaus im noblen Münchener Stadtteil Grünwald bereits auf seine Ehefrau übertragen, heißt es in den weitgehend wortgleichen Schriftsätzen. Auch eine weitere Immobilie wollte Roth demnach bereits veräußern.

Roth ist eine der zentralen Figuren im bislang wohl größten Anlageskandal Deutschlands. Die von ihm mitgegründete Firmengruppe P&R, die seit den 1970er Jahren Containerinvestments anbot, musste im März dieses Jahres weitgehend Insolvenz anmelden. Etwa 54.000 private Anleger - zum weitaus größten Teil Senioren, die ihre Altersvorsorge auf den Aktivitäten von P&R aufgebaut haben - sind von der Pleite betroffen. Sie laufen nun Gefahr, von den zusammen 3,5 Milliarden Euro, die sie bei P&R bis zum Schluss investiert hatten, kaum etwas wiederzusehen.

Lesen Sie auch: Die fragwürdige Rolle der Finanzaufsicht im Fall P&R

Wie es zur Pleite kommen konnte, steht ebenfalls detailliert in den Gutachten von Jaffé und Heinke. Wie die Insolvenzverwalter bereits vor einiger Zeit publik gemacht hatten, entstand im Geschäftskonstrukt von P&R spätestens im Jahr 2007 eine Finanzierungslücke, die danach im Laufe der Jahre immer größer wurde. Immer größere Teile der eingeworbenen Investorengelder wurden daraufhin nicht wie vorgesehen zum Kauf von Containern verwendet, sondern um die Ansprüche anderer Investoren zu befriedigen.

Eine Folge dieser unrechtmäßigen Verwendung der Gelder war, dass zwischen dem angeblichen und dem tatsächlichen Containerbestand bei P&R eine immer größere Lücke klaffte. Zuletzt, so haben es die Insolvenzverwalter herausgefunden, hätte die Gruppe über 1,6 Millionen Boxen verfügen müssen. Tatsächlich im Bestand befinden sich bei P&R jedoch lediglich 618.000 Container. Für rund eine Million Stahlbehälter hat die Unternehmensgruppe bei ihren Investoren Gelder eingesammelt, ohne die Container auch tatsächlich zu erwerben. Es handelt sich also um rund eine Million Phantom-Container.

Entsprechend groß ist nun auch der finanzielle Abgrund, vor dem die zahlreichen P&R-Kunden stehen. Alles in allem messen die Insolvenzverwalter dem aktuellen Containerbestand einen Wert von etwa 800 Millionen Euro zu. Die Verbindlichkeiten der Unternehmensgruppe belaufen sich den vier Gutachten zufolge jedoch auf zusammen mehr als 4,3 Milliarden Euro. Das heißt: Mit den derzeit bestehen Containern könnten bei einer Verwertung wohl nur etwa ein Fünftel der Ansprüche von Seiten der Gläubiger bedient werden, wie auch der Fachjournalist Stefan Loipfinger errechnet hat.

In ihren Gutachten zur Eröffnung der Insolvenzverfahren machen die Insolvenzverwalter zudem deutlich, wie dramatisch die Lage bei P&R offenbar bereits vor rund zehn Jahren war. Spätestens seit Ende der 2000er Jahre habe für P&R keine positive Fortführungsprognose mehr bestanden, so Jaffé und Heinke. Denn bereits zu dem Zeitpunkt sei klar gewesen, dass die Mieterlöse aus dem geringeren Containerbestand sowie etwaige Verkäufe von Containern die Ansprüche von Seiten der Investoren "nicht ansatzweise" würden decken können.

Im Klartext heißt das: Nach Ansicht der Insolvenzverwalter waren die fraglichen P&R-Töchter bereits Ende der 2000er Jahre faktisch pleite - und alles, was seither in der Gruppe geschah, um den Geschäftsbetrieb aufrecht zu erhalten, könnte den Tatbestand der Insolvenzverschleppung erfüllen.

Das ist eine Behauptung, die auch P&R-Gründer Heinz Roth zu denken geben dürfte. Neben einigen anderen Verantwortlichen hat auch er im Laufe der Jahre Geschäftsführungsaufgaben in der P&R-Gruppe ausgeübt. Ist dies also womöglich ein Grund für die Kehrwende Roths gegenüber den Insolvenzverwaltern, von der Kooperation zur Konfrontation?

Jaffé und Heinke mutmaßen in ihren Gutachten, Roths Verhalten könne auch mit den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen zusammenhängen, die gegen ihn laufen. Zudem könne eine Rolle spielen, dass Anleger und Insolvenzverwalter demnächst womöglich mit Ansprüchen auf ihn zukommen werden, "die sein vorhandenes Vermögen weit überschreiten werden", wie es in den Gutachten heißt.

Was das konkret bedeuten kann, lässt sich den Gutachten ebenfalls entnehmen. Demnach wurden in der Zeit, in der Roth als Geschäftsführer verantwortlich zeichnete, Auszahlungen an die Anleger in Höhe von rund 700 Millionen Euro getätigt. "Für diese Zahlungen muss Herr Roth den jeweiligen Gesellschaften gegenüber einstehen", so die Gutachten. Schließlich erfolgten die Zahlungen laut Insolvenzverwalter in einer Zeit, in der bereits die Überschuldung eingetreten war und längst Insolvenz hätte angemeldet werden müssen. Die Forderungen, die die Insolvenzverwalter gegen Roth konkret errechnen, summieren sich in der Summe den vier Gutachten zufolge auf rund fünf Millionen Euro.

Roth auf der anderen Seite gibt den Insolvenzverwaltern zufolge an, über ein Vermögen "zwischen zehn und 13 Millionen Euro" zu verfügen. Die Insolvenzverwalter bemerken allerdings, diese Angabe habe noch nicht verifiziert werden können, und Zweifel sind möglicherweise angebracht. Immerhin weigert sich Roth offenbar, ein Vermögensverzeichnis aufzustellen.

Stefan Loipfinger jedenfalls, der Fachjournalist, der den Fall P&R kennt wie kaum ein anderer, meint, Heinz Roth habe "sein Vermögen in einer Höhe angegeben, die geradezu lächerlich wirkt".

Auch der Berliner Anlegeranwalt Wolfgang Schirp geht davon aus, dass bei dem P&R-Gründer noch mehr zu holen sein dürfte. Roth habe sich womöglich in deutlich höherer Weise bereichert als bislang bekannt, so Schirp zu manager-magazin.de. Das müsse nun aufgeklärt werden.

Und was sagt P&R-Gründer Heinz Roth selbst zu alldem? manager-magazin-de rief den Ex-Unternehmer in seinem Haus in München-Grünwald an, um seine Einschätzung zu hören, zur Pleite seiner Firmengruppe, zu den Ermittlungen der Staatsanwälte, zu kursierenden Vorwürfen sowie zu möglichen Ansprüchen von Anlegern und Insolvenzverwaltern. Doch Roth wollte zu alldem nichts sagen. Er beendete das Gespräch abrupt und legte auf.


Aus: "P&R-Firmengründer wappnet sich schon fürs letzte Gefecht" (05.09.2018)
Quelle: http://www.manager-magazin.de/finanzen/artikel/p-r-gruender-heinz-roth-wappnet-sich-schon-fuers-gefecht-a-1226456.html

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« Reply #816 on: October 17, 2018, 12:15:29 PM »
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[...] Saudi-Arabien ist ein autoritär geführtes Königreich, in dem es schon ein epochaler Fortschritt ist, wenn sich Frauen hinters Steuer setzen dürfen. Das ist dann aber auch genug der Freiheit – Kritik am Führungsstil und am Umgang mit Minderheiten duldet die Führung in Riad nicht.

Der vermutliche Mord an dem unbequemen Journalisten Jamal Khashoggi, für den wohl niemals jemand gerichtsfest verantwortlich gemacht werden kann, sollte das auch dem letzten deutschen Wirtschaftsvertreter vor Augen führen. Es ist ein Armutszeugnis, dass bislang kein namhafter Konzernvertreter ein Zeichen setzt und zumindest die Teilnahme an dem anstehenden Wirtschaftsgipfel in Riad absagt. Gerade der Siemens-Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser, der sich gerne als AfD-Gegner zur moralischen Instanz aufspielt, sollte sich anders verhalten, wenn er seine Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel setzen will.

Mutig ist es nicht, eine von Medien beklatschte, populäre Position zu beziehen. Mutig ist es, auch dann Haltung zu zeigen, wenn das kurzfristig Geld kosten kann. Doch davon ist die deutsche Wirtschaft leider weit entfernt – egal, ob es um Geschäfte mit den Saudis, der Türkei oder Iran geht. ...


Aus: "Armutszeugnis von Konzernchefs" Johannes Pennekamp (15.10.2018)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/saudi-arabien-kommentar-armutszeugnis-von-konzernchefs-15839382.html

Quote
Money rules ...

    Karl Fuchs (fuka60), 15.10.2018 - 20:15

Ab einem gewissen Geschäftsvolumen ist das Verhalten des Geschäftspartners hinsichtlich ethischer Maßstäbe sehr zweitrangig - eigentlich müssten dies die Kommentatoren einer konservativen und wirtschaftsnahen Zeitung wissen. ...


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« Reply #817 on: October 18, 2018, 11:07:39 AM »
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DIE ZEIT Nr. 43/2018, 18. Oktober 2018: “ … Ganz Europa wurde von Steuerräubern geplündert. Auch weil Deutschland die Partnerländer erst viel zu spät warnte, entstand ein Schaden von mindestens 55 Milliarden Euro. … „Es handelt sich um den größten Steuerraub in der Geschichte Europas“, sagt der Steuerprofessor Christoph Spengel von der Universität Mannheim. …“
Quelle: https://www.zeit.de/2018/43/cum-ex-steuerbetrug-aktiengeschaeft-europa-finanzpolitik

Quote
Brmxn #35: “ … 31.000.000.000 Euro Schaden in Deutschland entsprechen ca. 385€ pro Einwohner. Ihre Frau, Ihre Kinder, Ihre Oma eingeschlossenen. [Nur] um diese enormen Zahlen mal etwas auf begreifliche Dimensionen herunterzubrechen. …“

Quote
NernstBoy #90: “ … In einem Arbeitsleben verdient ein Deutscher Akademiker im Durchschnitt 2.3 Millionen Euro. Eine Milliarde entspräche somit dem Lebensverdienst (!) von knapp 435 Menschen. 55.2 Milliarden Euro entsprächen somit dem Lebensverdienst (!) von knapp 24 000 Menschen. Nicht ihren Steuern, nein, sondern dem Verdienst ihrer gesamten Erwerbstätigkeit! Diese wenigen Personen haben also einen Betrag gestohlen, der dem gesamten Verdienst von 24 000 der bestverdienensten Einkommensgruppe in Deutschland entspricht. … Vielleicht hilft das manchen Menschen, die Dimension dieser 55 Milliarden Euro zu verstehen. …“

Quote
kemal_acaröz #31 “ … Ein Katz und Maus-Spiel. Der Staat will Steuern – und schafft ein komplexes Steuersystem. Und es entwickelt sich eine Branche, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Grauzonen des Steuerrechts systemmatisch zu monetarisieren, mit allen Mitteln. Kapitalistische Logik. Wer da mit „Moral“ kommt, hat das System nicht verstanden. … 55 Mrd. … Aus meiner Sicht sind solche Fälle wie Cum-Ex in einen komplexen Steuer-/Finanzsystem fast zwangsläufig. Man könnte sagen, systemimanent. …“

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Zenanon #85: “ … Ich verstehe ehrlich gesagt die ganze Aufregung um diesen Skandal nicht. Das Geld, welches diese Gruppen damit verdienen geben diese doch wieder aus, es wird doch wieder in den Wirtschaftskreislauf geführt. Daran verdienen Handwerker, Friseure, usw. So zumindest wurde es uns erzählt, in einem anderem Fall. Also warum der große Trara? …“

Quote
Schmalhans Küchenmeister: #85.3: “ … Dafür müssen Sie aber oft zum Friseur. …“

Quote
hobuk #85.1: “ … Nennt sich Trickle-Down Effekt. Klappt prima, weltweit. (Ironie) …“

« Last Edit: October 18, 2018, 01:14:14 PM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #818 on: October 18, 2018, 12:16:48 PM »
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[...] Der Schattenbericht [https://www.nationale-armutskonferenz.de/wp-content/uploads/2018/10/Schattenbericht-2018_2019.pdf] nennt folgende Phänomene: Die Erwerbsarmut hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt- wie in keinem anderen Land Europas, wird dazu angemerkt. Zwischen 2004 und 2014 stieg der Anteil der "working poor" an allen Erwerbstätigen auf 9,6 Prozent, wie dann auch im Tagesschau-Bericht vermerkt wird.

Im Schattenbericht werden härtere Töne angeschlagen: "Kein Geld, miese Jobs, Schulden, Wohnungsnot, Dreck und schlechtes Essen betreffen ein Fünftel der Menschen. Seit Jahren wird das oberste Zehntel reicher und das unterste Fünftel ärmer." Zu lesen ist von 1,2 Millionen Erwerbstätigen, die so wenig verdienen, "dass sie auf zusätzliche Hartz-IV-Leistungen angewiesen sind. Der Anteil derjenigen, die Anspruch auf Hartz IV haben und diesen aus Scham nicht in Anspruch nehmen, ist noch höher".

    Politisch liegen die Gründe hierfür in der Kürzung von staatlichen Unterstützungsleistungen, dem Abbau sozialer Sicherheiten für Menschen ohne Erwerbsarbeit und einer verfehlten Arbeitsmarktpolitik. Als Reaktion auf die Globalisierung der Wirtschaft wurde vor 15 Jahren die Politik der Agenda 2010 beschlossen.

    Die Integration von Arbeitslosen in den Arbeitsmarkt sollte durch Auflagen und Sanktionen bei den Sozialleistungen verbessert werden. Das Ergebnis ist ein Niedriglohnbereich, in dem fast jede*r vierte Beschäftigte arbeitet (22,6 Prozent).

    Die zunehmende Armut spaltet nicht nur die Erwerbstätigen in Beschäftigte erster und zweiter Klasse, sondern setzt ganze Branchen unter Druck. Sie führt dazu, dass die Tarifbindung schwindet.
    Schattenbericht der Nationalen Armutskonferenz



Man konstatiert, dass der Motor des Niedriglohnbereichs die Minijobs seien, "mit derzeit 7,5 Millionen Beschäftigten, wobei 4,7 Millionen Minijober*innen ausschließlich geringfügig beschäftigt sind".

Entgegen der landläufig proklamierten Parole, sind die Minijobs keineswegs Einstieg in "gute Arbeit", sondern eine Sackgasse, die nicht weiterführt. Alles bleibt beim Status "ärmliche Verhältnisse" stehen. Das ist eine zentrale Behauptung des Schattenberichts: "Für die Beschäftigten sind es berufliche Sackgassen mit mangelnden Perspektiven, niedrigen Einkommen und schlechten Arbeitsbedingungen".

Das gilt auch für die sozialversicherungspflichtige Teilzeit, die für Beschäftigte problematisch ist ,"wenn nur die Flexibilisierungsinteressen der Arbeitsgeber im Vordergrund stehen". Ähnliches wird auch anderen "unzureichenden Teilzeitangeboten" vorgeworfen, eingeschlossen der Leiharbeit und den ("Für viele Leiharbeiter*innen ist diese Beschäftigungsform ein Dauerzustand oder sie wechseln zwischen Phasen von Leiharbeit, Arbeitslosigkeit und abhängiger Beschäftigung ohne eine Perspektive auf eine reguläre Beschäftigung") sowie den Solo-Selbstständigen.

Die Hälfte der 2,3 Millionen Solo-Selbstständigen in Deutschland würde nämlich "nur ein Einkommen im Niedriglohnbereich" beziehen und zumindest teilweise auf "Sicherungen bei Krankheit, im Alter oder bei Auftragslosigkeit" beziehen.

Es handelt sich um einen Teufelskreis aus schlechter Arbeit und unzureichender sozialer Absicherung, der sich in Zeiten sehr hoher Mieten und hoher Energiepreise rascher, als man denkt, hartnäckig in einem prekären Dauerzustand aufhängen kann.

    Abhilfe böte an erster Stelle gute und gut bezahlte Arbeit, sagte Eschen. Durch Niedriglöhne und unsichere Beschäftigungsverhältnisse habe sich stattdessen in den vergangenen zehn Jahren der Anteil der Beschäftigten, die trotz Arbeit zu den Armen gezählt werden müssen, auf fast zehn Prozent verdoppelt. Rund eine Million verdienen so wenig, dass sie zusätzlich auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen sind.

    Tagesschau



Aus: "Bittere Armut und unmenschliche Minijobs" Thomas Pany (17. Oktober 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Bittere-Armut-und-unmenschliche-Minijobs-4194330.html


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« Reply #819 on: October 18, 2018, 01:07:13 PM »
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[...] Wichtigste Einnahmequelle für Studenten in Deutschland sind die eigenen Eltern. Nach der Sozialerhebung des Studentenwerks finanzieren Vater und Mutter bei 86 Prozent der Studenten das Studium mit und zahlen durchschnittlich 541 Euro. 61 Prozent arbeiten nebenbei und verdienen dabei im Schnitt 385 Euro im Monat, 25 Prozent bekommen staatliche Zahlungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (Bafög). Zu kleineren Teilen helfen andere Verwandte, eigene Ersparnisse oder Stipendien. ... Viele haben einen Nebenerwerb, aber nicht jeder braucht diesen aus purer Not. 61 Prozent arbeiten nebenher. Immerhin die Hälfte davon gibt an, dass sie sonst ihr Studium nicht finanzieren könnten. Überwiegend wollen sich die Studenten aber zusätzliche Ausgaben leisten oder auch dazulernen. Die Erwerbstätigkeit der Studenten liegt auf einem Rekordhoch, während der Bafög-Anteil ein Rekordtief erreicht. Im vergangenen Jahr haben 557 000 Studenten Bafög erhalten, dessen Höhe je nach dem Einkommen der Eltern maximal 735 Euro im Monat mit Zuschlägen zur Kranken- und Pflegeversicherung beträgt. Die eine Hälfte davon gibt es als Geschenk des Staates, die andere Hälfte muss der Student als zinsloses Darlehen zurückzahlen. Wer das nicht bekommt, kann einen verzinsten Studienkredit der staatlichen Förderbank KfW beantragen.

... In München kostete eine 30-Quadratmeter-Wohnung mit durchschnittlicher Ausstattung und guter Anbindung zur Universität im ersten Halbjahr rund 635 Euro und war damit etwa 25 Euro teurer als ein Jahr zuvor. Das haben Ökonomen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln mit Daten von ImmobilienScout24 und wg-suche.de berechnet. Mehr Studenten und zu wenig Single-Wohnungen sind demnach Gründe für steigende Mietpreise an vielen Orten. Günstiger wird es im Osten und im Westen: In Magdeburg oder im Ruhrgebiet liegen die durchschnittlichen Mietpreise der Musterwohnung bei weniger als 300 Euro. „Das bietet auch Chancen für die Entwicklung, wenn mehr Studenten in diese Standorte gehen“, sagt Michael Vogtländer, einer der Autoren der IW-Studie. Diese Entwicklung hält Grob vom Studentenwerk für gefährlich. Zynisch sei es, ärmeren Menschen zu sagen, dann kannst du nicht in München studieren, sondern gehst nach Magdeburg.

Selbst in Kiel klagt die Studentenvertretung über Wohnungsmangel, wo doch die Mietpreise im Norden laut IW nur die Hälfte derer in München ausmachen. Die Musterwohnung mit 30 Quadratmetern kostet 320 Euro mitsamt Nebenkosten im Monat. Keinerlei Entspannung auf dem Wohnungsmarkt für Studenten, vermeldet der dortige Asta-Vorstand Julian Schüngel. Das belastet internationale Studenten und Studienanfänger, die durch Nachrück- und Losverfahren einen Studienplatz bekommen. Mit der Aktion „Ersti Couch“ sucht die Studentenvertretung jetzt Kieler, die neuankommenden Studenten ein Sofa oder Gästebett für ein paar Tage oder Wochen anbieten.

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Aus: "Steigende Mieten: So teuer ist das Studentenleben" Jan Hauser (17.10.2018)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/finanzen/meine-finanzen/studenten-und-berufseinsteiger/steigende-mieten-das-studentenleben-wird-immer-teurer-15836719.html