Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 257992 times)

0 Members and 1 Guest are viewing this topic.

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #795 on: September 27, 2018, 11:29:12 AM »
Quote
[...] Es war ein unscheinbarer Moment bei einem Auftritt von Herzogin Meghan. Sie fuhr am Dienstag zur Eröffnung einer Ausstellung in London. Sie stieg aus einer schwarzen Limousine - und schloss die Tür hinter sich.

Ein Mann im Smoking, der Meghan zur Begrüßung lange die Hand geschüttelt hatte und danach offenbar auch die Autotür schließen wollte, hielt sich überrascht eine Hand vor den Mund.

Und der Rest des Landes tat es ihm gleich.

Mit der unbedachten Geste habe die 37-jährige Herzogin von Sussex viele Briten "schockiert", schrieb die Boulevardzeitung "Express". Der "Mirror" monierte, dass Queen Elizabeth II. oder Herzogin Kate so ein Missgeschick "nie in der Öffentlichkeit" passiert wäre. Das ist nicht ganz richtig: Kate sorgte laut "Time" einst für Schlagzeilen, weil sie ihren Regenschirm bei einem Auftritt selbst getragen hatte.

Der Königshaus-Experte Christopher Wilson ist jedenfalls sicher: Es sei das erste Mal, dass er eine Herzogin gesehen habe, die ihre eigene Autotür schließe.

Doch Meghan bekam auch Lob: Der Kolumnist der "Daily Mail", William Hanson, pries die Herzogin als "bescheiden" und "bodenständig". Eine Journalistin des Boulevard-Blattes "Sun" kommentierte: "Gut gemacht, Meghan!"

Eine Sache war Hanson von der "Daily Mail" noch wichtig: Meghan habe genau genommen keine Regel gebrochen. Normalerweise stehe bei Mitgliedern der Königsfamilie und anderen Würdenträgern zwar ein Helfer bereit, um Autotüren zu öffnen oder zu schließen, schrieb er auf Twitter. Dies geschehe aber aus Sicherheitsgründen und habe "nichts mit Prinzessinnen-Verhalten zu tun".

Herzogin Meghan hatte im Mai Prinz Harry geheiratet. Von der Presse wird sie seitdem auf Schritt und Tritt verfolgt. Die Ausstellungseröffnung am Dienstag war der erste Termin, zu dem Meghan alleine kam.

jpz/AFP


Aus: "Herzogin Meghan: Die Tür-Affäre" (26.09.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/leute/herzogin-meghan-markle-warum-eine-geschlossene-autotuer-fuer-aufregung-sorgt-a-1230269.html


Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #796 on: September 27, 2018, 12:04:53 PM »
Quote
[...] Heute wird die Wasserversorgung in England und Wales durch multinationale Großkonzerne betrieben. Die viel beschworene Effizienz ist dabei nicht sichtbar. In vielen Städten gibt es zahlreiche Leckagen. In einem kurz vor dem Parteitag veröffentlichten Strategiepapier mit dem Titel "Clear Water: Labour's Vision for a Modern and Transparent Publicly-Owned Water System" weist die Partei auf weitere durch die Privatisierung verursachte Probleme hin.

So seien die Kosten für den Endverbraucher im Laufe der vergangenen 25 Jahre um 40% gestiegen. Derweil hätten die Betreiberkonzerne in den letzten zehn Jahren Dividenden im Wert von 18 Milliarden Pfund an ihre Aktionäre ausgeschüttet. Dieses Geld, so argumentiert das Strategiepapier, hätte man stattdessen in die Infrastruktur stecken oder zur Senkung der Verbraucherpreise nutzen können. Stattdessen seien Investitionen in die Infrastruktur zwischen 1990 und 2018 massiv gesunken, obwohl 20% des Leitungswassers durch Leckagen verloren gehe. Für diese "Leistung" seien die Chefs der Wasserkonzerne im Durchschnitt mit einer Million Pfund pro Jahr bezahlt worden.

In seiner Parteitagsrede vom Montag, den 24. September, kündigte Labours wirtschaftspolitischer Sprecher John McDonnell die Verstaatlichung der britischen Wasserversorgung durch die nächste Labour-Regierung an. Das oben erwähnte Strategiepapier soll beschreiben, wie dies funktionieren könnte.

Angedacht ist demnach eine Regionalisierung der Wasserversorgung, die an "Regional Water Authorities" übertragen werden soll. Dies soll durch ein im Parlament beschlossenes neues Gesetz in die Wege geleitet werden. Dieses Gesetz soll außerdem Schutzklauseln enthalten, welche zukünftige Privatisierungsvorhaben verhindern sollen.

Die Labour-Partei fasst ihre Pläne unter dem Schlagwort "demokratischer öffentlicher Besitz" zusammen. Damit ist die Errichtung von Strukturen gemeint welche "Teilhabe und Rechenschaftspflicht maximieren" sollen. Teil dieser Rechenschaftspflicht soll eine für die Bevölkerung jederzeit einsehbare Veröffentlichung aller die Wasserversorgung betreffenden Behördendokumente im Internet sein. Außerdem sollen die "Regional Water Authorities" öffentlich tagen und paritätisch aus Lokalpolitikern, Gewerkschaftsvertretern sowie Mitgliedern von Nachbarschafts- und Umweltschutzgruppen bestückt werden. Den Profitgedanken möchte Labour aus der Wasserversorgung verbannen. Stattdessen will man eventuelle Überschüsse für Investitionen in Infrastruktur oder in die Kostensenkung stecken.

...


Aus: "Labour-Partei will britische Wasserversorgung verstaatlichen" Christian Bunke (27. September 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Labour-Partei-will-britische-Wasserversorgung-verstaatlichen-4175851.html

Quote
     Undulator, 27.09.2018 09:45

Die Lissabon "Bertelsmann" Agenda 2010

sieht eine radikale Privatisierung aller öffentlicne Bereiche vor.
https://www.nachdenkseiten.de/?p=16494

In England haben sich schon einige Firmen mit der Privatisierung ein blaues Auge geholt. ...



Quote
     A.Schell, 27.09.2018 09:45

Wenn er jetzt noch die britischen Truppen aus dem Ausland zurückholen will und anfängt, von der Verstaatlichung von Banken zu träumen, wird er erschossen. Mutiger Mann jedenfalls. Respekt.


Quote
     Judaspriester, 27.09.2018 09:36

Unglaublich - Eine politische Willensbekundung die wirklich mal der breiten Masse nützt. Und das dann auch noch von den Briten. :-O
Gerne würde ich mir vergleichbares auch hier wünschen, aber da scheint mir der Lotto Gewinn warscheinlicher..


Quote
     stadtFux, 27.09.2018 08:26

... Die Entprivatisierung der Wasserversorgung ist überfällig! Vielleicht schaut mal eine SPD-Delegation beim nächsten Parteitag der Labourpartei vorbei...


Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #797 on: September 27, 2018, 12:55:55 PM »
Quote
[...] Im südchinesischen Suzhou hat das neue Schuljahr mit einem Eklat begonnen, der einiges über die Ängste der chinesischen Mittelklasse verrät. Anlass für den Aufruhr war ein Beschluss der staatlichen Qinxi-Grundschule, deren Schüler aus gutsituierten Familien kommen. Die Schulleitung verfügte, einen leerstehenden Gebäudetrakt an eine Schule für sozial schwache Kinder von Wanderarbeitern zu vermieten.

Aufgebrachte Eltern drohten daraufhin mit einem Schulboykott. Bei einer Demonstration vor der Stadtverwaltung kam es zu turbulenten Szenen. Die Polizei führte mehrere Eltern ab, eine Mutter wurde für einen Tag in Haft genommen. Ruhe kehrte erst ein, als die Schulverwaltung versicherte, dass die Kinder der beiden Schulen einander nicht begegnen würden. Blickdichte Trennwände wurden aufgestellt, ein zweiter Eingang zum Schulgebäude errichtet und Tore mit Eisenketten gesichert. Während der Pausen dürfen die Kinder der Wanderarbeiter-Schule das Gebäude nicht verlassen. Zum Spielen bleibt ihnen nur der Gang vor den Klassenzimmern, während die wohlhabenderen Kinder von Qinxi auf dem Schulhof herumlaufen. Die Direktorin Jiang Lijun erklärt das so: „Ein relativ unabhängiger Raum erleichtert es mir, die Schule zu verwalten und Qinxi als Marke zu fördern, insbesondere seinen einzigartigen kulturellen Geist.“

In den sozialen Netzwerken wurde die geteilte Schule von Suzhou zum Sinnbild für den ungleichen Kampf um Bildungsressourcen in China. Doch sie steht auch noch für einen anderen Trend: Im Wettbewerb um Arbeitskräfte bemühen sich immer mehr mittelgroße Städte wie Suzhou, den diskriminierten Wanderarbeitern einen neuen Gesellschaftsvertrag anzubieten. Die Mittelschicht sieht ihre Privilegien in Gefahr.

Eine Mutter, die gerade ihre Tochter in die Qinxi-Grundschule gebracht hat, sagt: „Wir hatten die Befürchtung, dass die Wanderarbeiterkinder einen schlechten Einfluss auf unsere Kinder haben würden.“ Es ist halb acht Uhr morgens. Vor der Schule fahren Audis und Volkswagen vor. Im Internet kursierten Berichte über die Lixin-Schule, die ursprünglich fünf Kilometer entfernt in einem Wohngebiet für Wanderarbeiter angesiedelt war. Der Mietvertrag lief aus, und die Schule musste weichen. „Es gab Berichte über Schlägereien und eine Veranstaltung zur Drogenprävention. Das klang, als habe es dort Probleme gegeben.“ Aber inzwischen habe sie sich die Kinder „auf der anderen Seite“ angeschaut. „Sie sind anders, als wir dachten. Unschuldig“, sagt die Frau, die sich mit ihrem englischen Namen als Emily vorstellt. Gemeinsame Aktivitäten der Kinder sind für sie dennoch undenkbar.

„Wir verstehen, dass die Regierung allen gleiche Bildungschancen geben will“, sagt eine andere Mutter. „Aber wir wollen, dass die Regeln befolgt werden.“ Die Regeln besagen, dass nur solche Familien einen Platz an der angesehenen Qinxi-Schule bekommen, die Wohneigentum in dem Schulbezirk nachweisen können. Die meisten Familien sind aus genau diesem Grund hierhergezogen. Sie haben viel Geld in die Zukunft ihrer Kinder investiert. Denn sie sind überzeugt, dass schon in der ersten Klasse die Weichen für die Karrierechancen ihrer Kinder gestellt werden. Wer an der Qinxi das Einmaleins lernt, hat Aussichten auf eine gute weiterführende Schule, eine gute Uni, einen guten Job. Um diese Investition fühlen sich die Eltern nun geprellt. „Wir haben ein großes Haus im Umland“, sagt Hu Lijun. „Aber dort gibt es nicht so gute Englischlehrer.“ Deshalb hätten sie hier für viel Geld ein weiteres gekauft. „Sobald unser Sohn aus der Schule ist, werden wir es wieder verkaufen. So machen es die meisten Eltern.“ Die Mutter ärgert sich darüber, dass die Ansiedlung der Wanderarbeiter-Schule erst so spät bekanntgegeben wurde. Denn da sei es schon zu spät gewesen, ihren Sohn in einer anderen Schule anzumelden – im Umkreis des dritten Hauses der Familie.

Hu Lijun verbringt viel Zeit damit, ihren Sohn beim Lernen zu unterstützen und ihn zu außerschulischen Kursen zu bringen. „Die Eltern hier legen viel Wert darauf, dass ihre Kinder später studieren und ins Ausland gehen“, sagt sie. Bei den Eltern auf der anderen Seite des Zauns sei das wohl eher nicht so.

Es sind nur dreihundert Meter zum Eingang von Lixin, doch dazwischen liegen Welten. Hier kommen die Eltern mit Elektrorollern, englische Namen haben sie nicht. Es ist kurz vor 15 Uhr. Wu Yanping wartet vor dem Tor auf ihre Zwillinge. Sie arbeitet in einer Fabrik und ist heilfroh, dass die Lixin-Schule hier eine neue Bleibe gefunden hat. „Sonst wären wir wieder getrennt worden“, sagt sie.

Denn Wanderarbeiter wie Frau Wu haben in der Stadt, in der sie arbeiten, keinen Anspruch auf einen Schulplatz für ihre Kinder. Das ist die Logik des Hukou-Systems, das Zuzügler aus ländlichen Gegenden noch immer als Landbewohner registriert, selbst wenn sie schon Jahre oder Jahrzehnte in einer Stadt leben. Die rasante Urbanisierung hat das System zu einem dysfunktionalen Monstrum werden lassen. Fast ein Fünftel der Bevölkerung wird dadurch benachteiligt. Doch es einfach abzuschaffen würde die Sozialsysteme überlasten. Die Folge: Mehr als neun Millionen Kinder wachsen nicht bei ihren Eltern, sondern bei den Großeltern auf dem Land auf. Auch bei Familie Hu war das lange so. „Es hat uns entfremdet“, sagt die Mutter. „Das hätte ich nicht noch einmal ertragen.“

Das prosperierende Suzhou braucht Leute wie Wu Yanping. Nach Shenzhen ist Suzhou die Stadt mit dem zweithöchsten Anteil an Wanderarbeitern. Er liegt bei mehr als fünfzig Prozent. Die Bildungsbehörde teilt auf Anfrage mit: „Der Widerspruch zwischen Angebot und Nachfrage für Bildungsressourcen stellt Suzhou vor ernste Herausforderungen.“ So habe die Stadt eine Quote für Wanderarbeiter-Kinder an staatlichen Schulen eingeführt. Noch sind es aber nur 16.200 Plätze. Das reicht bei weitem nicht aus. Frau Wu blieb damit nur die private Lixin-Schule, die im Jahr umgerechnet 340 Euro Schulgeld verlangt. Noch dazu sind solche Privatschulen häufig von geringer Qualität. Doch der Umzug in die leeren Räume der Qinxi-Schule bedeutet eine große Verbesserung: Die Klassengröße sank von 60 auf 40 Schüler. Die Gebühren wurden halbiert. Auch das ist Teil der Reformbemühungen der Stadt, die nach eigenen Angaben die Qualitätsstandards für 75 Wanderarbeiter-Schulen erhöht hat.

Frau Wus Träume für die Zukunft ihrer Kinder sind nicht sehr ambitioniert. „Das wichtigste ist, dass sie glücklich und gesund sind“, sagt sie. Den Eifer der Eltern von der Nachbarschule kann sie nicht nachvollziehen. „So viele College Studenten begehen Selbstmord“, sagt sie. „Wofür?“ Und wie sieht es aus mit außerschulischen Kursen oder Hausaufgabenhilfe? „Mein Mann sagt, die Kinder sollen in der Schule lernen, was es zu lernen gibt. Das reicht.“ Damit bestätigt Frau Wu die schlimmsten Albträume der Eltern von Qinxi.


Aus: "Die Ängste der chinesischen Mittelklasse" Friederike Böge, Suzhou (27.09.2018)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/suedchina-eltern-protestieren-gegen-wanderarbeiter-schueler-15808403.html


Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #798 on: September 27, 2018, 01:00:13 PM »
Quote
[...] Nach seiner Kritik an der Ausstattung der ehemaligen Bundespräsidenten kritisiert der Bundesrechnungshof nun auch die Versorgungsregeln für frühere Bundeskanzler. Die zeitlich nicht befristete Bereitstellung mehrerer Chefkraftfahrer, von Büros und Mitarbeitern sei grundsätzlich zu hinterfragen, heißt es in einem 40 Seiten langen Bericht, aus dem die „Bild“-Zeitung am Donnerstag zitiert. Die Altkanzler hätten zuletzt „Grenzen überschritten“.

Die Prüfer nahmen sich demnach alle staatlichen Zahlungen an frühere Kanzler zwischen 2013 und 2015 vor. Da Helmut Schmidt (SPD) und Helmut Kohl (CDU) bereits verstorben sind, betrifft die Kritik ausschließlich noch Gerhard Schröder (SPD).

Ehemalige Bundeskanzler stünden „in keinem Amts- und Dienstverhältnis mehr“, sondern seien „in erster Linie Versorgungsempfänger“, schreibt der Rechnungshof. Besonders kritisch sieht die Behörde, dass der Steuerzahler für Büro und Personal von Altkanzlern aufkommen muss. Doch statt diese volle „Amtsausstattung“ zur „Abwicklung der früheren Aufgaben“ zu nutzen, würden von dort private Termine organisiert oder „Lobbyarbeit für bestimmte Interessengruppen“ betrieben.

Kritisiert wird demnach auch: Büro und Personal wurden für die „Erzielung zusätzlicher Einkünfte“ für „Aufsichts- und Verwaltungsratsmandate“ von „jährlich mehreren hunderttausend Euro“ genutzt. Der Rechnungshof fordert deshalb strenge Vorschriften für die Ausgaben von Ex-Kanzlern.

 

Aus: "Bezüge von Gerhard Schröder: Rechnungshof kritisiert „Vollausstattung“ der Altkanzler" (27.09.2018)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/rechnungshof-kritisiert-vollausstattung-der-altkanzler-15809258.html

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #799 on: September 27, 2018, 01:34:54 PM »
Quote
[...] Gut und gern ein halbes Dutzend Komponenten lagen auf den Tellern, die Spitzenköchin Tanja Grandits («Stucki» in Basel) vor wenigen Tagen ihren Gästen servieren liess. Auberginen und Miso, Mandeln und Fleisch, welches gar noch auf zweierlei Arten zubereitet worden war – einmal gebraten und innen noch rosa, einmal geschmort. Ein guter Teil des Porzellans war gefüllt mit feinsten Lebensmitteln.

Doch wo anfangen, dürfte sich so mancher Kunde an diesem Abend gefragt haben. Erst das Fleisch und dann die Sauce? Oder sollte man mit dem Gemüse starten, um es mit dem Miso zu kombinieren und auf diese Weise den Gaumen für den Rest zu präparieren? Gar nicht so einfach zu entscheiden!

... Viele Profis probieren nämlich erst alle einzelnen Komponenten auf dem Teller – von Fisch über Saucen bis zu den verschiedenen Gemüsen und stärkehaltigen Beilagen – und beginnen danach mit der Kombination. Ein uniformer Matsch ist natürlich nicht das Ziel dieser Aktion, es geht ums Ausprobieren, um die sanfte Akzentuierung der einzelnen Bestandteile. Manche Restaurants regen derartige Experimente sogar mit kleinen, aber intensiven Spots von Gelen, Saucen, Kräutern oder Pulvern an, die Abwechslung schaffen und jeden Bissen anders schmecken lassen.

Ausdrückliche Essvorschriften sind übrigens die Ausnahme, nur bei manchen spektakulären Speisen wie in Stickstoff gefrorenen Flüssigkeiten oder den sogenannten Sphären, den Gebilden mit fester Aussenhülle und flüssigem Innenleben, wird der Gast vom Kellner gebeten, eine bestimmte Reihenfolge zu beginnen. Auf den Mitarbeiter zu hören, bietet sich in diesen Fällen an.

Ähnlich sollte man tunlichst auch bei der Sushiauswahl verfahren oder beim Käseteller. Japanische Fischhappen unterscheiden sich in ihrer Würze deutlich, weshalb man nie mit dominierenden Unagi Sushi (Aalhappen) beginnen sollte. Bei Milchprodukten ist die Sache noch extremer. Egal, ob man vom Wagen wählt oder eine in der Küche zusammengestellte Komposition bekommt: Käse unterscheiden sich geschmacklich oft in einer Weise, die eine Essstrategie geradezu erfordert. Wer mit der falschen Sorte beginnt, etwas einem rezenten Blauschimmelkäse, wird den zarten Ziegenkäse im Anschluss nicht mehr zu würdigen wissen.


Aus: "Wie man im Gourmetrestaurant den Teller leert, ohne sich zu blamieren" Wolfgang Fassbender (26.9.2018)
Quelle: https://bellevue.nzz.ch/kochen-geniessen/essregeln-in-der-gehobenen-gastronomie-wie-man-im-gourmetrestaurant-den-teller-leert-ohne-sich-zu-blamieren-ld.1423243



Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #800 on: October 01, 2018, 08:24:01 AM »
Quote
[...] Die rechten Ausschreitungen in Chemnitz Ende August führten zu einer kontroversen Debatte über Ausländerfeindlichkeit und Rassismus in Ostdeutschland. Sicher ist, dass diese Debatte das Image von Chemnitz, Sachsen, Ostdeutschland und Gesamtdeutschland beschädigt hat. Allenthalben wurde vor einem starken Rechtsextremismus gewarnt, und der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Marcel Fratzscher mahnte, dass der Osten ohne Toleranz seine Talente und seine Wirtschaftskraft verlieren würde.

Doch die bittere Wahrheit ist: Er verliert sie auch so. Trotz vieler hübsch renovierter Altbaufassaden in Vorzeigestädten wie Leipzig, Dresden, Weimar oder Potsdam – der Osten schließt nicht zum Westen auf. Im Jahr 2017 lag das Bruttoinlandsprodukt in den ostdeutschen Flächenländern mit 28.300 Euro pro Kopf noch um gut 30 Prozent niedriger als im Westen (41.000 Euro).

Hinzu kommt: Seit 1991 ist die Bevölkerung der ostdeutschen Flächenländer von 14,6 auf 12,6 Millionen gesunken, während sie im Westen (einschließlich Berlins) von 65,3 auf 69,6 Millionen angestiegen ist. Korrigiert man die wirtschaftlichen Daten um diesen Abwanderungseffekt, dann fällt die Angleichung der Lebensverhältnisse noch geringer aus.

Die rechten Ausschreitungen in Chemnitz Ende August führten zu einer kontroversen Debatte über Ausländerfeindlichkeit und Rassismus in Ostdeutschland. Sicher ist, dass diese Debatte das Image von Chemnitz, Sachsen, Ostdeutschland und Gesamtdeutschland beschädigt hat. Allenthalben wurde vor einem starken Rechtsextremismus gewarnt, und der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Marcel Fratzscher mahnte, dass der Osten ohne Toleranz seine Talente und seine Wirtschaftskraft verlieren würde.

Doch die bittere Wahrheit ist: Er verliert sie auch so. Trotz vieler hübsch renovierter Altbaufassaden in Vorzeigestädten wie Leipzig, Dresden, Weimar oder Potsdam – der Osten schließt nicht zum Westen auf. Im Jahr 2017 lag das Bruttoinlandsprodukt in den ostdeutschen Flächenländern mit 28.300 Euro pro Kopf noch um gut 30 Prozent niedriger als im Westen (41.000 Euro).

Hinzu kommt: Seit 1991 ist die Bevölkerung der ostdeutschen Flächenländer von 14,6 auf 12,6 Millionen gesunken, während sie im Westen (einschließlich Berlins) von 65,3 auf 69,6 Millionen angestiegen ist. Korrigiert man die wirtschaftlichen Daten um diesen Abwanderungseffekt, dann fällt die Angleichung der Lebensverhältnisse noch geringer aus.

Wenn 2019 der Solidarpakt II ausläuft, über den die ostdeutschen Länder und Berlin zusätzliche Bundesmittel erhalten, sind neue großzügige Förderprogramme für den Aufbau Ost ziemlich unrealistisch. Denn dem Staat sind längst neue Lasten entstanden, die finanziert werden müssen. Die Aufnahme von Flüchtlingen kostet seit 2016 circa 25 Milliarden Euro jährlich. Die Nettozahlungen an die EU lagen zuletzt bei 13 Milliarden Euro. Die 3,5 Milliarden, die der Länderfinanzausgleich an die ostdeutschen Flächenländer verteilt, wirken im Vergleich geradezu bescheiden.

Der Bundesregierung in Berlin dürfte klar sein, dass die umfangreichen sozialen Ausgaben aus Steuern allein nicht mehr zu finanzieren sind. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihr zuletzt kräftig geholfen. Das niedrige Zinsniveau senkt die Zinskosten und treibt einen Immobilien- und Exportboom, der – bis die Blase platzt – viel Geld in die deutschen Staatskassen bringt.

Doch der Osten profitiert von der Geldschwemme kaum. Da die dortige Bevölkerung schrumpft und infolgedessen wenig gebaut wird, ist der Bauboom vor allem ein Phänomen im Westen und in Berlin. Auch den Exportboom tragen überwiegend die Unternehmen des Westens. Und die Geldpolitik der EZB drückt vor allem die Finanzierungskosten der Großunternehmen. Alle Dax-Konzerne außer einem haben ihre Zentrale im Westen. Die kleinen und mittleren Unternehmen, die die wirtschaftliche Aktivität in Ostdeutschland bestimmen, bleiben hingegen auf Kredite der regionalen Banken angewiesen. Deren Margen werden von der Niedrigzinspolitik gedrückt, sodass sie vergleichsweise hohe Kreditzinsen verlangen.

Es ist deshalb nicht überraschend, dass im Wettbewerb um Talente die westdeutschen Unternehmen deutlich höhere Löhne bieten können: Für Vollzeit-Beschäftigungsverhältnisse werden im Westen im Durchschnitt 1000 Euro brutto mehr bezahlt.

Das wirtschaftliche Umfeld für die Integration von Zuwanderern hat sich mit der ultralockeren Geldpolitik verändert. In Westdeutschland unter Ludwig Erhard war eine harte D-Mark die Grundlage für ein lang anhaltendes Wirtschaftswunder, das zusätzlicher Arbeitskraft bedurfte. Die angeworbenen Gastarbeiter wurden sofort nach ihrer Ankunft in den Arbeitsmarkt integriert und trugen zu weiterem Wachstum bei. Die daraus resultierende positive Grundstimmung erleichterte die Integration. Heute gibt es eine quasi bedingungslose Kreditvergabe der EZB, die im Süden Europas schon viele Zombiebanken und -unternehmen geschaffen hat. Das droht auch in Deutschland, wenn der Immobilien- und Exportboom endet.

In vielen Regionen Ostdeutschlands sind die Wachstumsperspektiven jetzt schon negativ. Zuwanderer, die nicht arbeiten, werden als Konkurrenz bei der Inanspruchnahme staatlicher Zuwendungen oder als Grund für eine hohe Steuer- und Abgabenlast empfunden. Es formiert sich Protest, der in Berlin meist kein Gehör findet. Das verstärkt die Frustration vieler Bürger in den ostdeutschen Ländern.

Endet der derzeitige Boom, dann dürften die Steuereinnahmen einbrechen. Die Finanzierung des großzügigen deutschen Wohlfahrtsstaates, der derzeit noch größere wirtschaftliche Unterschiede zwischen Ost und West ausgleicht, wird ins Wanken geraten. Dann steht Deutschland vor einer Belastungsprobe.


Aus: "Ostdeutschland: Leeres Land" Gunther Schnabl (ZEIT Nr. 40/2018, 27. September 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/2018/40/ostdeutschland-chemnitz-toleranz-wirtschaftskraft/komplettansicht

Quote
Mangalore #2.1

Die Beobachtung scheint allerdings ziemlich parallel zu den Protestbewegungen in Großbritannien, Frankreich und USA.
Ob der Norden Englands, die ehemaligen Stahl- und Kohlestaaten der USA oder die ehemaligen Industrieregionen Frankreichs. Die Reaktion auf den Niedergang dieser Regionen ist durchaus parallel.
Unterschied ist, dass Ostdeutschland durch DDR schon in den 80ern kein Boomgebiet mehr war.
Es geht zudem nicht um absolute Umstände, sondern relative Empfindung innerhalb einer Gesellschaft, die das "Abgehängtsein" und das Gefühl der "Ungerechtigkeit" bestätigt.


Quote
GNTM #6

Wenn man die Demonstranten in Chemnitz als "Abgehängte" diffamiert, betreibt man damit erst recht ein Konjunkturprogramm für die Rechten.


Quote
Serp4 #6.4

Also die die auf die Straße gehen zum aufmischen mit einschlägigen Tätowierungen und so ( die man in Chemnitz zu gesicht bekam ) kommen nicht aus dem Mittelstand .


Quote
0tttt0 #7

Rechtsradikale, hohe Stimmenanteile für die AfD und Landflucht gibt es auch im Westen. Das Problem ist nur, daß die überegionalen Zeitungen alle aus den rotlinksgrünen Blasen westdeutscher Stadtstaaten (inkl. Westberlin) berichten.


Quote
Harzzach #7.1

"Rechtsradikale, hohe Stimmenanteile für die AfD und Landflucht gibt es auch im Westen."

Wo denn?

"Das Problem ist nur, daß die überegionalen Zeitungen alle aus den rotlinksgrünen Blasen westdeutscher Stadtstaaten (inkl. Westberlin) berichten."

Jaja, alles Lügenpresse, wenn nicht so berichtet wird, dass mein Weltbild bestätigt wird.


Quote
think-different #11

aus dem artikel:“Endet der derzeitige Boom, dann dürften die Steuereinnahmen einbrechen. Die Finanzierung des großzügigen deutschen Wohlfahrtsstaates, der derzeit noch größere wirtschaftliche Unterschiede zwischen Ost und West ausgleicht, wird ins Wanken geraten. Dann steht Deutschland vor einer Belastungsprobe“

diese unbequeme wahrheit ist allerdings keine rein ostdeutsche, sondern eine gesamtdeutsche.

leider wurde in den vergangenen jahren versäumt, D fit für die nächste rezession zu machen. die kleinkarierte großkoalitionäre politik auf basis des kleinsten gemeinsamen nenners darf man als gescheitert ansehen.

wer langfristig denkt, muss den teuren und ineffizienten wohlfahrtsstaat hinter sich lassen und wieder zurück zu einer sozialen marktwirtschaft der ersten stunde. dies kostet jedoch überwindung und die aktuell politisch agierenden womöglich auch die regierungsmacht - ehrlich, sozialer und damit besser für uns alle wäre es jedoch.


Quote
Waltraud Gundlach #21

Ein Artikel, der längst fällig war. Die Menschen, die vor Ort geblieben sind, hatten und haben Grund, ihre Lage zu beklagen. Jedenfalls jene auf dem Land.


Quote
M1978 #32

Ich bin positiv überrascht, daß die Zeit solche Artikel presentiert. Sie sind anders als die heutige Mediennarrativen in Deutschland. Englisch heißt dieses Phenomen "Race to the bottom". Ost-Deutschland geht es viel schlechter als Westen, daß kann ich als Ungarn gut nachempfinden. Wenn man noch dann Armutsmigranten hineinholt, wird das Kessel langsam überlaufen. Es ist sehr leicht von einem sicheren, westlichen Gegend zu sagen: oh wir sind einer der reichsten Länder in Europa, warum können wir es nicht leisten diese Leute zu helfen. Diese Frage stellt sich jedoch anders, wenn du schlecht verdienst, überall neben dir Zerfall erlebst, schlechte, unattraktive Arbeiten erledigen mußt und doch dann noch Konkurenz durch Einwanderer erlebst. Dann fragt der Bürger, was hat die Elite (in D die SPD, CDU) für mich getan? Meine Gemeinde geht es immer schlechter, ich habe immer schlechtere Chancen, die Leute wandern ab. Und dann kommt natürlich der Wut: der Staat tut seit Jahren nicht vieles damit es meine Gemeinde besser geht, doch stehen dann plötzlich eine Menge Fremde an der Grenze und ich soll sie mit allem Kraft unterstützen, integrieren. Obwohl sie morgen als Konkurenz meine Arbeit wegnehmen könnten. Wenn die EU ein richtiger Staat wäre würden die Ost-EU Staaten die gleiche Sachen fragen: wir haben vieles geopfer um EU-Mitglieder zu werden und jetzt gibt ihr deutsche noch mehr rechte als wir haben für völlig fremde Armutsmigranten.


Quote
Empfindlicher Moderator #32.9

Naja, die osteuropäischen Arbeiter haben uns schon was gekostet.

Durch Osteuropäer wurde der Stundenlohn in manchen Bereichen über fast ein Jahrzehnt gedrückt. Und auch der Mindestlohn ändert nicht viel daran. War nicht vor ein paar Monaten hier auf ZON ein Artikel über osteuropäische Erntehelfer, und wie die Betriebe versuchen, den Mindestlohn zu umgehen?

Und nicht nur der Stundenlohn wurde gerdrückt. Auch die Arbeitsbedingungen wurden schlechter, so dass diese Jobs kein Deutscher mehr machen wollte. ...


Quote
Nikos Rivas #33

Dass Ostdeutschland langfristig wirtschaftlich abgehängt worden ist, lag vor allem an der konservativen Wirtschaftspolitiks Bonns bzw. später Berlins.

Die einstigen Warnungen Lafontains wurden weitestgehend ignoriert, nicht zuletzt auch von einem Großteil der Ostdeutschen selbst, welche fälschlicherweise annahmen, Lafontains Wirtschaftsforderungen hätten was mit dem verhassten sozialistischen Wirtschaftsmodell zu tun, nicht erkennend dass die Wirtschaft der Bundesrepublik in ihrer erfolgreichsten Phase nie nur neoliberal ausgerichtet war.


Quote
KognitiveDissonanz #33.1

Den Ostdeutschen kann man eine Schuld an der verfehlten Wirtschaftspolitik seit dem Beitritt der fünf neuen Länder zum alten BRD-Gebiet kaum anhängen. Denn danach bestimmten andere über sie, und die saßen zum größten Teile nicht im Osten. Glücklicherweise scheint sich das inzwischen zu ändern.


Quote
Nikos Rivas #33.3

Den Ostdeutschen kann man eine Schuld an der verfehlten Wirtschaftspolitik seit dem Beitritt der fünf neuen Länder zum alten BRD-Gebiet kaum anhängen(...)

Würde ich so auch nicht sagen wollen, schließlich haben andere die falschen Wirtschaftsentscheidungen getroffen, und man vergesse nicht dass ja gerade in Westdeutschland eine Mehrheit den neoliberalen Wirtschaftskurs ob die der CDU oder SPD Agenda 2010-befürwortet; und wenn es dann schiefgeht sucht man halt die Ursachen wo anders

Fakt ist aber nunmal, dass diese Politik nun ml auf eine Mehrheit zurückgreifen kann


Quote
Christopher.P #36

Der sozialistische Osten ist quasi über Nacht in den Kapitalismus hineingestolpert, von einer Wir-Gesellschaft in eine Ich-Gesellschaft. Da reicht es nicht eben mal ein paar Milliarden rüber zu schaufeln. Hier geht es um grundsätzliche Lebensfragen, die einer Mangelgesellschaft viel mehr auf den Nägeln brennen als einer, die es gewohnt ist im Überfluss zu leben.


Quote
seaside #36.2

Hallo!

"...von einer Wir-Gesellschaft in eine Ich-Gesellschaft...".

"Schöner" kann man sich die ehemalige DDR kaum reden...


Quote
mwossi #44

Die integrale Einteilung in Ost und West ist nicht besonders hilfreich. Genauso wie es Regionen in Ostdeutschland gibt, die nicht so schlecht dastehen, gibt es ländliche Regionen in Westdeutschland, denen es ähnlich miserabel geht. ...


Quote
Conan or Brien #49

Natürlich kann nach Jahrzehntelangem , knallhartem Kommunismus mit anschließdendem totalen wirtschaftlichen Zusammenbruch keine Volkswirtschaft innerhalb von 30 Jahren zur BRD aufschließen. Was erwarten die Menschen eigentlich ?


Quote
Masch_Ring #52

Wir müssen leider aberkennen , dass die Wiedervereinigung nicht der Erfolg war , als den man ihn uns verkaufte.
Zum Einen schaltete man sofort auf ein totales Neoliberalismus - Programm , ein weltweiter Fehler .
Zum anderen hat man den Osten ökonomisch und auch ideell auf Null gestellt , zu Unrecht. Sowohl die rückständige Wirtschaft , wie auch Sozial - Gesundheits - Erziehungsystem waren nicht zu 100% falsch.
Und man hat Gräben geschaffen , die schwer zu überbrücken sind.
Jetzt einseitig auf die Bevölkerung zu schlagen , ohne sich selbst in Frage zu stellen , ist unredlich.


Quote
Taranis #52.1

Ich weiß hinterher ist man immer schlauer, doch rückblickend denke ich war der Größte Fehler den "Aufbau Ost" vorwiegend in die Hände der Westwirtschaft zu legen. Die Idee war die Unternehmen in Westen wissen aus Erfahrung wie man gut wirtschaftet (besser als die Plantwirtschaftler im Osten) und sollten daher federführend bei der Übernahmen der verbliebenden Ostwirtschaft und den notwendigen Investitionen sein.
Dummerweise waren diese Unternehmen zwar am neuen Absatzmarkt aber nicht an möglicher Konkurrenz interessiert. Also wurde das System ausgenutzt um die marode Ostindustie aufzukaufen (wenn man die Preise kaufen nennen kann) und nach Ende der Förderperiode einfach zu schließen. Unter diesem Krebsschaden leidet der Osten noch heute.

Aber wie schon an anderer Stelle erwähnt ist damit der Osten nur Indikator für ein Tiefgreifenderes Problem, dass früher oder später alle ländlichen Gegenden in Deutschland haben werden, wenn Politik und Wirtschaft sich weiterhin nur auf wenige Ballungszentren konzentrieren.


Quote
Lavendelzweig #65

Es ist traurig, dass über solche Dinge immer erst tiefgreifend diskutiert wird, nachdem es zu Ausschreitungen gekommen ist oder die Afd in jenen Regionen großen Zuwachs erhält.


Quote
MaryPoppinsky #76

Im Artikel ist ausdrücklich von "Ausländerfeindlichkeit und Rassismus in Ostdeutschland" sowie von "einem starken Rechtsextremismus" die Rede, der sich selbstverständlich auch in Wahlergebnissen niederschlägt. Dazu ist Folgendes festzuhalten: WählerInnen der rechtsextremistischen AfD sind nicht abgehängt, sondern ganz einfach fremdenfeindlich, wie folgende Studie des DIW, auf das ja im Artikel ebenfalls Bezug genommen wird, bestätigt. -> https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.595120.de/diw_sp0975.pdf


Quote
eisensau #76.2

Zitat aus der Studie: "Auch zeigte sich, dass AfD-Unterstützer sehr viel weniger Sorgen vor Ausländerfeindlichkeit hatten."
Wer war dann in Chemnitz auf der Straße?


Quote
Barbara123 #78

Wenn die Fachhochschule in Chemnitz ihren ausländischen Studierenden schon empfehlen muss, zuhause zu bleiben, wenn afdnpdpegidaidentitärecombatshooligans durch die Stadt marodieren- was soll da nur ein westdeutscher Arbeitgeber, der hier gerne und gut mit ausländischen Mitarbeitern zusammenarbeitet, im Osten anfangen?


Quote
Gabriel Seth #85

Hä, also ist der Osten doch abgehängt obwohl das immer verneint wurde wenn es von "den Rechten" kam.


Quote
Serp4 #85.1

Oder den Linken. Zuerst waren die Linken der große Feind. Noch 2014 als Ramelow MP in Thürigen wurde hat man einen Aufstand gemacht als ob die DDR zurück kommen würde.


Quote
regilot #102

Die Frage ist doch aber: Warum wird dann AfD gewählt, wo doch in deren Parteiprogramm nichts, bzw. das Gegenteil dessen steht, was Ungleichheit beseitigen und soziale Sicherung garantieren soll.
Und von daher muss es doch eine gehörige Portion Rassismus sein und nicht nur das immer bemühte Abgehängtsein.

Ausländer.

Das ist das einzige Thema welches die AfD lautstark kommuniziert. Nicht etwa gleiche Löhne in Ost und West.
Ausländer. Mehr nicht. Rassismus ist im Osten das Problem.


Quote
NocheinePerson #109

So what? In den 80ern in Nordwest-Deutschland sah das alles genauso wenig prickelnd aus (mit lokalen Arbeitslosenquoten über 20%).
Nazis wurden dort (außer in Bremerhaven) trotzdem nicht gewählt.
Welche Entschuldigungen müssen denn noch dafür herhalten, dass manche Menschen in diesem wiedervereinigten Land totalitär erzogen wurden und seitdem nichts dazu gelernt haben?


Quote
Die Alternative zur Alternative #110

Ich würde ja gerne mit Familie nach Hoyerswerda ziehen, aber ich erinnere mich der rechten Umtriebe dort. Als christlich-humanistischer, europäisch denkender Kosmopolit wäre man dort wahrscheinlich nicht so willkommen.


Quote
asa nisi masa #110.3

Bei mir war schon bei "christlich" Schluss.....


Quote
Fastback1968 #120

Bevor irgendjemand aus dem Ausland angeworben wird, sollten erstmal die hiesigen Langzeitarbeitslosen eine Chance bekommen.


Quote
Wolfgang_K. #124

Die Wahrheit ist: lieber Hartz 4 in Hamburg als ein Job im Osten. Als ich vor einigen Jahren erst arbeitslos war und dann Hartz 4 bekam, hab ich nicht mal nach Stellen in Ostdeutschland geguckt. Selbst wenn ich da passende gefunden hätte, hätte ich mich nicht beworben! Warum? Ach, es hört uns im Westen doch eh keiner zu, wenn wir etwas über den Osten zu sagen haben. Ständig soll man auf "östliche Befindlichkeiten" Rücksicht nehmen. Nehmen die Rücksicht auf uns? Und die Bundespolitik und die Landespolitik in den 5 neuen Ländern nimmt das nimmt das auch nicht auf! Es fing doch schon mit Rostock-Lichtenhagen an, und seitdem liest man doch ständig über ausländerfeindliche Ereignisse da drüben. Wer sollte freiwillig dahin wollen? Und die, die eine Zeitlang dorthin sind, sind alle (!) so schnell wie möglich wieder weg (ausser Berlin und Potsdam). Alles Akademiker, potentielle Gründer, Leistungsträger. Ich kenne übrigens viele Ostdeutsche - im Westen. Die sehen das genauso. Wenn man sich den Realitäten nicht stellt, fällt es einem auf die Füsse, und das tut weh! Nach Hoyerswerda? Nie im Leben! Nicht mal, wenn ich da ein Haus geschenkt und einen Job für 2500€ netto bekommen würde. Die Ostdeutschen haben eine Bringschuld, die sollen sie erst einmal erfüllen. Und dafür braucht es kein Geld. Sondern Anstand!


Quote
Mahlanlage #129

Zwei Zahlen stechen besonders hervor:
Die Flüchtlingsaufnahme kostet seit 2016 25 Milliarden jährlich. Der Länderfinanzausgleich bringt 3,5 Milliarden jährlich.
Dies wird die Unzufriedenheit in den ostdeutschen Ländern und das Gefühl, am Ende der Prioliste der jetzigen Bundesregierung zu stehen, befeuern. Die AfD wird hieraus weiteres Kapital schlagen können.


Quote
casparcash #129.1

".. Die AfD wird hieraus weiteres Kapital schlagen können"

vielleicht. nur die gründe dieses zuwachses sind mir nicht wirklich bekannt.
natürlich kann man sich hinstellen und behaupten: die flüchtlinge sind an allem schuld. wie der artikel zeigt, liegen die gründe für den niedergang aber gänzlich woanders.
und hier hat unsere liebe braun-blaue partei keinen einzigen lösungsvorschlag. ...


Quote
jgbk #129.2

Die Wiedervereinigung hat eine Billion gekostet.
Was glauben sie wie die alte BRD ohne den Beitritt der DDR dastehen würde.
Der Osten hat alles neu gekriegt und hier ist ein Investitionsstau.
Das ist die Realität.


Quote
Et Schakeline #133

In der Nachkriegszeit war das Bundesland Bayern das loserland schlechthin ...


Quote
dj09111 #136

„Für Vollzeit-Beschäftigungsverhältnisse werden im Westen im Durchschnitt 1000 Euro brutto mehr bezahlt.“

Das kann ich so bestätigen. Mein alter Schulfreund bekommt in Bayern das netto, was ich in Berlin Brutto hab. Gleiche Ausbildung und Wochenstunden.



Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #801 on: October 01, 2018, 12:23:03 PM »
Quote
[...] Als Donald Trump Ende Juni in Fargo, North Dakota, eine Rede hielt, kam er auf eines seiner Lieblingsthemen zu sprechen: die Kritik an den Eliten. Seiner gewohnten Tirade gegenüber „diesen Leuten“, die „Elite genannt werden“, fügte er eine erstaunlich dialektische Pointe an: „Warum sind sie die Elite?“, fragte er mit Blick auf linksliberale Führungsriegen, und setzte nach: „Ich habe ein viel besseres Apartment als sie. Ich bin klüger als sie. Ich bin reicher als sie. Ich wurde Präsident und sie nicht.“ Dann bezog er seine Anhänger direkt mit ein: „Ihr arbeitet härter, und ihr seid klüger als sie. Bezeichnen wir uns also von jetzt an als Superelite.“

Diese Einlassungen Trumps sind in zweierlei Hinsicht symptomatisch für den politischen Gegenwartsdiskurs. Zum einen, weil hier exemplarisch deutlich wird, dass Elitenkritik nicht mehr nur von links, sondern einem politischen Paradigmenwechsel gleich auch von rechts kommt: Das Verdammen von „denen da oben“ avanciert zunehmend zum Kerngeschäft rechter Populisten, und viele Linke verteidigen jene Institutionen und Personen, die bis vor Kurzem noch zu ihren bevorzugten Gegnern gehörten. Sei es das internationale Freihandelssystem, die „bürgerliche Presse“, Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Ex-FBI-Chef James Comey.

Zum Zweiten offenbart die Rede des US-Präsidenten ein Paradox, das sich auch bei anderen Rechtspopulisten zeigt: Die Eliten werden nicht aus antielitärer, sondern aus „superelitärer“ Perspektive kritisiert. Ob Multimillionär Trump, Schlossbesitzerin Marine Le Pen oder die Ex-Investmentbanker Alice Weidel und Nigel Farage: Die Führungsfiguren von US-Republikanern, Rassemblement National, AfD oder Ukip gehören biografisch und ökonomisch zu den Privilegiertesten.

Das unterscheidet sie historisch gesehen nicht grundsätzlich von linken Elitenkritikern – siehe Robespierre, Marx, Che Guevara oder Gudrun Ensslin, alles Adels- oder Bürgerkinder –, doch lässt sich ein zentraler Unterschied ausmachen: Während linke Elitenkritiker ihre eigene Privilegiertheit entweder verschwiegen, kritisch hinterfragten oder in Arbeiter- und Guerillero-Kostümen versteckten, stellen reaktionäre Populisten ihren Elitismus geradezu aus: Trump protzt mit seinem Vermögen, Nigel Farage kleidet sich wie das Klischee eines britischen Landlords und auch die AfD-Führungsriege um Alexander Gauland und Alice Weidel könnte mit ihrem großbürgerlichen Habitus kaum privilegierter wirken.

Den rechten Elitenkritikern erwächst daraus zumindest in der Binnenperspektive kein Glaubwürdigkeitsproblem, denn rechte Elitenkritik folgt einer anderen Logik als linke. Erstere richtet sich gar nicht gegen Eliten an sich. Im Gegenteil: Reaktionäres Denken war immer schon mit der Idee einer starken Anführerschaft verbunden.

Ausgangspunkt einer rechten Elitenkritik ist vielmehr die Behauptung einer verloren gegangenen Harmonie zwischen Herrschenden und Beherrschten. Demnach gab es in einer vormaligen Zeit eine durch Religion, Tradition und Staat eingehegte Ordnung, in der soziale Rollen und Autoritäten klar verteilt waren und jeder seinen Platz hatte. „Plötzlich aber“, schreibt der US-Ideenhistoriker Mark Lilla in seinem Buch „Der Glanz der Vergangenheit“, „kommen von außen Ideen auf, deren Vertreter Intellektuelle – Schriftsteller, Journalisten und Professoren – sind. Sie stellen die Harmonie infrage, und der Wille der Herrschenden, die Ordnung aufrechtzuerhalten, wird geschwächt.“ Lilla folgert: „Im Zentrum jeder reaktionären Geschichte steht der Verrat der Eliten.“

Der reaktionäre Populismus der Gegenwart, dessen Slogans bezeichnenderweise „Make America Great again“, „Take back control“ oder „Wir holen uns Deutschland zurück“ lauten, offenbart sich deshalb zunächst als eine Politisierung von Nostalgie, oft sogar als eine Form der Retrofiktion. Denn jene Vergangenheit, die wiederhergestellt werden soll, ist eine idealisierte oder gänzlich erfundene.

Dennoch führt sie im reaktionären Denken zu einer Aufspaltung des Elitenbegriffs: hier die funktionalen, „volksfernen“ Verwalter eines degenerierten Systems, die durch Multikulturalismus, Werterelativismus und Pluralisierung die Interessen der Nation verraten, dort die plebiszitären, „wahren“ Eliten, die die vermeintlich harmonische Vergangenheit in die Zukunft zurückzuholen. Dass Trump ein Multimillionär ist, tut seiner Elitenkritik binnenlogisch keinen Abbruch, weil nicht Geld oder Status im reaktionären Elitendiskurs entscheidend sind, sondern das nostalgische Verhältnis zur Vergangenheit.

... Ideologisch funktioniert die reaktionäre Elitenkritik wie eine eierlegende Wollmilchsau: In einer paradoxen Selbstbeschreibung als überlegenes Opfer denkt man sich in einen aggressiven Protestmodus, während benachteiligte Minderheiten in die Rolle der zu bekämpfenden Herrschenden fantasiert werden.

Der entscheidende Vorteil dieser Selbstinszenierung: Im Unterschied zu linken Eliten können rechte Eliten die eigene Privilegiertheit offen zur Schau stellen. Müssen linke Elitenkritiker gemäß ihrem Gerechtigkeitsideal einer der vielen werden, können rechte Elitenkritiker mit dem Versprechen punkten, dass ihren Anhängern durch den Ausschluss von vermeintlichen Schmarotzern (Flüchtlingen etc.) bald ein Stück von jenem Reichtum zukommt, den die Trumps dieser Welt bereits genießen. Diese rechte Verheißung verfängt heute immer mehr. „Die Reaktionäre unserer Zeit haben entdeckt“, schreibt Mark Lilla, „dass Nostalgie eine machtvolle politische Motivation ist, vielleicht noch stärker als die Hoffnung. Hoffnungen können enttäuscht werden, Nostalgie aber ist unwiderlegbar.“

...

Dieser Artikel erschien zuerst im Dossier „Brauchen wir Eliten?“ des aktuellen „Philosophie Magazin“ (Nr. 06/2018, erschienen am 20. September).


Aus: "Warum rechte Elitenkritik erfolgreich ist" Nils Markwardt (30.09.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/populismus-warum-rechte-elitenkritik-erfolgreich-ist/23128788.html

Quote
Tobias_Johst 29.09.2018, 18:40 Uhr
Guter Essay von Herrn Markwardt zur Frage, weshalb gerade ökonomische Eliten von "rechts" den Eindruck vermitteln können, für das "Volk" zu sprechen. Danke an den TS.

Beispiel Alice Weidel: Einst Stipendiatin der CDU nahen KAS, BWL-Studentin, Promotion mit summa cum laude, arbeitete u.a. für Goldmann Sachs, Allianz Global Investors, Rocket Internet, lebt und zahlt Steuern in der Schweiz. Lebt mit einer aus Sri Lanka stammenden Frau zusammen. Und ist zugleich eine der Führungsfiguren der "AfD", deren Zuspruch - nicht nur - aber überproportional von Menschen kommt, die weder Abitur noch Studienabschluss haben. Das wirft Fragen auf.

Wenn der "Habitus" ins Feld geführt wird, lohnt ein Blick auf Bourdieus "Feine Unterschiede"; Bildung, Kultur, Weltoffenheit, Selbstwirksamkeit stehen den Gefühlen der Abgehängtheit, des ständigen Wettbewerbs, dem Misstrauen und der gesellschaftlich-politischen Indifferenz gegenüber.
Das "Oben" und das "Unten" ist nicht in erster Linie an ökonomischen Faktoren auszumachen, sondern an der Kultur eines Menschen. Und der Kulturerwerb benötigt Generationen (und oft Reichtum), während Reichtum in Einzelfällen ohne Kultur erworben werden kann. Beispiel: "Volksvorbilder" Dieter Bohlen, Felix Blume, Carsten Maschmeyer, Donald Trump.

Der Begriff der "Gutmenschlichkeit" kritisiert daher Jene "Elitären", die befähigt sind, selbstbewusst und angstfrei zu handeln. Während die anderen (wie viele Millionen Menschen waren seit 1990 eigentlich für "Finanzdienstleister" zuständig?) von ihren Vorbildern lediglich gelernt hatten, an Konkurrenz und Härte zu glauben. Das hat aber nichts mit Konservatismus zu tun, sondern eher mit dem seitens Marx definiertem "Lumpenproletariat".


Quote
Benthebrave 30.09.2018, 17:32 Uhr
Im Wesentlichen geht um diversitätstrunkene, kosmopolitische Globalisierungsgewinnler, die von No-go areas und den Schattenseiten der von ihnen propagierten und protegierten Einwanderung aus Afrika und Nahost nicht betroffen sind.

Die eigenen Kinder auf Privatschulen, oder in kirchliche Einrichtungen, später auf teure Eliteunis oder Internate, die „Integrationsarbeit“ überläßt man dann doch lieber dem einheimischen Präkariat, und sonnt sich selber in höherer Moral.

Der Kampf dieser kosmopolitisch verdrehten Kreise richtet sich in erster Line gegen bodenständige, heimatbewußte und patriotisch gesinnte Europäer. Diese wurden zum Feindbild auserkoren. Sie sind wahlweise die Dummen, die Rückständigen, die Abgehängten, die Rassisten, welche die Segnungen von Multikulti extrem einfach nicht begreifen wollen.

Und dagegen formiert sich entsprechende Gegenwehr, was sich in den europaweiten Wahlergebnissen niederschlägt.


Quote
alleachtung 30.09.2018, 17:05 Uhr
Eliten zu kritisieren, die sich verselbständigt haben und daher auch zu Machtmissbrauch neigen können, ist durchaus etwas, was immer wieder mal in Angriff genommen werden sollte.
Das, was die AfD und andere Nazi-Vereinigungen, das was Trump oder die Lega in Italien, die rechtsradikale FPÖ in Österreich treiben, für Elitenkritik zu halten, grenzt schon an Blindheit. ...


Quote
civis42 30.09.2018, 16:59 Uhr
Fragwürdig ist die Definition der "Eliten".  Zu mindestens was die Wählerschaft angeht, hat der "FOCUS" gerade in seinem Faktenreport aufgezeigt, dass vor allem ungelernte Arbeiter überproportional AfD wählen und Menschen mit Abitur unterproportional.
Das deckt sich mit Studien in den USA und dem Zulauf zu Trump ...


Quote
atzebrauner 30.09.2018, 19:30 Uhr
Schaut nach Österreich! Hart erkämpfte Arbeitnehmerrechte werden zerstört und FPÖ Politiker reden über ausländische Hunde als Problem! Rassismus ist ein menschenverachtendes Herrschaftinstrument! ...


Quote
RalfM. 30.09.2018, 16:51 Uhr
Vielleicht liegt der mangelnde Erfolg linker Elitenkritik aber schlicht und ergreifend daran, dass im Informationszeitalter die Bigotterie von Wasser predigen und Wein saufen einfach nicht mehr funktioniert?!


Quote
Schalottenburger 30.09.2018, 13:37 Uhr
Ich glaube, der Elitenvorwurf nährt sich daraus, dass sich der neoliberale, "alternativlose" Konsens einer marktgerechten Durchformung von Mensch und Gesellschaft seit Anfang der 90er tief in das Bewusstsein der Gesellschaft gefressen hat und nun eine bewusste oder unbewusste Revolte dagegen stattfindet. Nachdem das marktkonforme Denken, an dem heute auch die meisten "linken" Parteien teilnehmen, in die letzten Kapillaren der Menschen eingedrungen ist, frisst sich der Kapitalismus von selbst auf.

Die neue Führungsschicht gibt sich bescheiden-administrativ und als bloß ausführendes Organ einer angeblich unausweichlichen, ewigen Wahrheit. Die blasse Angela Merkel ist die perfekte Repräsentantin dieses stählernen Gehäuses, aus dem es angeblich keinen Ausweg gibt. Dabei ist diese ganze Konstruktion in Wirklichkeit eine menschengemachte und ideologische insofern, als sie eben fast ausschließlich den obersten Schichten ihrer Verfechter dient. Wie durch Wunder vermehrt sich deren Macht und Besitz trotz  Krise und Systemerschütterung wie von selbst. Die Technik der politischen Korrektheit dient dabei dem Ziel, die Beherrschten gegeneinander aufzubringen, sich in immer kleinere Grüppchen zu zerstreiten und darüber das große Ganze zu vergessen, dem sie unterworfen sind. -- Immer mehr Menschen sehen dies, oft auf einer eher intuitiven Ebene, und rebellieren dagegen.

Der klügste Kritiker der heutigen Verhältnisse ist derzeit Bernd Stegemann, der die herrschende Ideologie kürzlich als liberalen Populismus bezeichnet hat, mit Fug und Recht. Dieser Populismus der wohlmeinenden Gewinnler und der liberal-bürgerlichen Oberschicht ist der eigentliche Feind und muss durch einen echten linken Populismus durchbrochen werden, um überhaupt erst einmal wieder frei denken und sprechen zu können. Man muss die Verhältnisse einfach wieder deutlich beim Namen nennen und sich dabei nicht beirren lassen.

So gesehen ist z.B. "Merkel muss weg" eine völlig legitime und korrekte Aussage.


Quote
fluechter 30.09.2018, 14:07 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Babsack 30.09.2018, 13:44 Uhr
Korrekt oder auch nicht korrekt, die "Eliten" arbeiten stetig und emsig an ihren Zielstellungen und sind damit derzeit recht erfolgreich.

Zum Thema "Eliten" kommt mir zum Fall Kavanaugh [https://www.tagesspiegel.de/politik/der-fall-kavanaugh-drama-vor-gericht/23129828.html] ein
Brief ins Gedächtnis, den Absolventen und Mistudenten Kavanaughs schon am 09. Juli 2018 an den US-amerikanischen Senat für Justiz versendet haben, um die Qualitäten Kavanaughs zu unterstreichen.

Ich habe die Liste noch nicht wirklich ausgewertet, aber es fällt schnell auf, dass die Fürsprecher Kavanaughs ganz überwiegend aus der Wirtschaft, aus dem Unternehmertum kommen und nur in ganz geringem Umfang überhaupt der Juristerei nahe stehen.

Ich kenne mich jetzt mit der Stellenpolitik für höchste Richterämter in den USA nicht aus, finde aber schon, dass da ein gewisses Selbstverständnis mitspielt, wenn ehemalige Kameraden mithilfe eines solchen"Referenzschreibens", welches die Tätigkeit, um die es schließlich gehen soll, gar nicht anreisst, hier meinen, etwas Gutes für "ihren Mann" tun zu können.

Darauf muss man erst einmal kommen - dazu gehört ein diffuses Verständnis der Zugehörigkeit zu einer Elite, so kommt mir das vor.

Auch interessant, nach Geisteswissenschaftlern und "Kulturschaffenden" sucht man hier vergebens, auch sind viele Unterzeichner aus Maryland, obwohl es ja um einen Posten für die ganzen USA geht.

Vielleicht ist so etwas ja üblich.... Ich bin erstaunt und gleichzeitig dankbar, dass so ein Brief bei Social Media auch zu finden ist.


Quote
Babsack 30.09.2018, 15:23 Uhr
Antwort auf den Beitrag von fluechter 30.09.2018, 14:07 Uhr
Trump hat gerade den kleinen Leuten,die sich dieser Unterschiede zwischen "Eliten" und "Supereliten" keinesfalls bewußt sind,eine bösen Streich gespielt.
Aber da der Hass in Richtung der "Eliten" von links,nenne ich es jetzt einmal,traditionell bei diesen Leuten aufgrund von Bildungsdünkel und mangelnder Weltgewandheit,verhaftet ist,kann Trump ihn eine zeitlang nutzen,bis den Leuten klar wird,dass sie mit den "Supereliten" vom Regen in die Traufe gekommen sind.


Quote
fluechter 30.09.2018, 13:14 Uhr
"Ich habe ein viel besseres Appartment als sie, ich bin klüger als sie, ich bin reicher als sie, ich wurde Präsident und sie nicht."

Noch vor wenigen Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ein Mensch, der die größte Machtfülle, die er haben kann, auf sich vereinigt - Präsident der Vereinigten Staaten von Armerika - so einen Stuss reden könnte und ich hätte noch weniger geglaubt, dass dieser Stuss auch noch Bestand haben könnte, dass nicht Wähler den Irrtum spätestens nach einem Jahr erkennen und sagen: Ich habe mich vertan - den wollte ich doch nicht als Präsidenten, der ist ja wie ein trotziger Vierjähriger

"Wir haben ein viel größeres Haus als sie, ich kann schon bis 100 zählen, sie nicht, ich habe ein Quad für Kinder, sie haben das nicht, ich bin Schützenkönig geworden beim Kinderschützenfest und sie nicht."

Dann würde er eine Tüte Süsses auspacken und es nur an die "Bro"-Gemeinde verteilen und die anderen kriegten nichts ab - Ätsch, selbst Schuld.

...


Quote
melaina 29.09.2018, 21:37 Uhr
Zu den Wählern dieses "möchtegern-elitären-Haufens" fällt mir nur ein: "Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber". B. Brecht



Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #802 on: October 01, 2018, 03:50:20 PM »
Quote
[...] Zwei Kämpfe haben sich in den letzten Wochen überlagert, gegenseitig verstärkt und kulminierten am Donnerstag in der Kavanaugh-Anhörung: das Ringen um das Erbe der #MeToo-Bewegung, deren Beginn sich in diesen Tagen jährt, und der lähmende politische Lagerkampf zwischen Demokraten und Republikanern. Es ist das Ringen der Vereinigten Staaten mit sich selbst und um die politische und gesellschaftliche Realität: Wie zivilisiert oder wie anarchisch sind die USA?

Beides, der politische Lagerkampf und die daraus resultierende Trump-Präsidentschaft sowie die feministische Bewegung #MeToo stehen für die Erkenntnis, dass sicher geglaubte zivilisatorische Fortschritte nur Scheinsiege waren. Die massive sexuelle Gewalt, von der im vergangenen Jahr so viele Frauen erzählt haben, fand in einem Land statt, das wie kein anderes auf politisch korrekte Sprache achtet, in dem ein Heer von Anwälten jederzeit bereit ist, Frauen in Zivilklagen zu vertreten. Gleichzeitig regiert plötzlich ein stammelnder Narzisst ohne Affektkontrolle. Seine Berater halten ihn nur mühsam von seinen wahnsinnigsten Ideen ab, folgt man der Recherche des Journalisten Bob Woodward.

Donald Trump ist ein misogyner Präsident, der sich wie wohl kaum ein anderer öffentlich abfällig über Frauen geäußert hat. Die zivilisatorische Schicht über dem Brodeln von Gewalt, Irrationalität und politischen Extremen scheint plötzlich dünn, brüchig, ja durchlässig.

Die Anhörung am Donnerstagabend geriet zu einem Symbol für dieses Gefühl. Sie war auf seltsame Weise quälend, ja nahezu unerträglich. Alle Beteiligten rangen um ihre Haltung: Christine Blasey Ford unterdrückte Tränen. Brett Kavanaughs Gesicht zuckte und arbeitete. Der republikanische Senator Lindsey Graham ließ seiner Wut freien Lauf. Immer wieder traten Wut und Tränen kurz an die Oberfläche. Es waren acht Stunden des andauernden Nahezu-Berstens.

Der Hass in den Mundwinkeln stand dabei in krassem Kontrast zum Setting: ein enger, fensterloser Raum, in dem sich alle an Redezeiten und Protokollgepflogenheiten hielten. Etwas ungeheuer Ursprüngliches wurde nur mühsam durch die Zwänge institutioneller und gesellschaftlicher Gepflogenheiten zusammengehalten. Gleichzeitig ließ gerade der Zwang der Institution die Konflikte grell und explosiv erscheinen und weckte eine in sich widersprüchliche klaustrophobe Angst vor dem Kontrollverlust.

Auch die Erzählung Blasey Fords selbst steht für den Zweifel an der Realität des Zivilisierten. Die Szenen, die sie beschreibt, tragen sich in den wohlhabenden Vororten Washingtons zu, an teuren Privatschulen, an denen die zukünftige Elite des Landes ausgebildet wird. Es ist eine Welt, in der Häuser von großen, perfekt gepflegten Rasenflächen umgeben sind. Hinter dieser bürgerlichen Fassaden lässt die Anhörung nun entgrenzte Partys und bierdunstige Gewaltszenen aufscheinen – und eine männliche Elite, die sich im High-School-Jahrbuch gegenseitig prahlerisch daran erinnert, zu den „Alumnen“ eines bestimmten Mädchens gehört zu haben.

Nach dieser Anhörung fragen sich nun viele: Hat sich seither etwas geändert? Wie viel kann #MeToo verändern? Kann überhaupt eine faire Auseinandersetzung gelingen in diesem polarisierten Land? „Sie wollen einen fairen Prozess?“, fragte der Senator Lindsey Graham Brett Kavanaugh sarkastisch. „Dann sind Sie zum falschen Zeitpunkt in die falsche Stadt gekommen.“ Auch progressive Stimmen sind nach der Anhörung verbittert. Im „New Yorker“ schrieb die Journalistin Doreen St. Félix: Auch das nächste Jahr werde „ein Jahr der Männer“.

Tatsächlich zeigt Brett Kavanaugh, wie tief das Gefühl der Immunität mancher weißen Männer wurzelt. Über weite Strecken unterdrückte Kavanaugh nur mühsam die Wut eines privilegierten Mannes, dessen Lebenswerk unter seinen Fingern zerbröckelt, eine überraschte, erstaunlich hilflose und erstaunlich unkontrollierte Wut. Wiederholt berief er sich auf seinen „guten Namen“, seine „Arbeit im Dienst der Allgemeinheit, auf den höchsten Ebenen der Regierung“ – als befreie ihn das von der Pflicht, sich mit den Anschuldigungen auseinanderzusetzen. „Wenn du ein Star bist“, sagt Donald Trump in einer Tonaufzeichnung aus dem Jahr 2005, die im Wahlkampf öffentlich wurde, „lassen sie es dich machen. Du kannst alles machen. Grab’ em by the pussy.“ Er wurde bekanntlich gewählt.

Und dennoch zeigt die Anhörung auch, wie viel #MeToo bereits verändert hat. Es reicht ein Blick auf jenen vergleichbaren Fall von 1991, der im Vorfeld der Kavanaugh-Anhörung immer wieder zitiert wurde. Es ging um die Bestätigung des republikanischen Richterkandidaten Clarence Thomas. Seine damalige Mitarbeiterin Anita Hill sagte aus, er habe sie gefragt, ob sie mit ihm ausgehen wolle, was sie ablehnte, danach dennoch Gespräche immer wieder auf Sex gelenkt. Er habe etwa Szenen aus pornografischen Filmen geschildert. In der Anhörung fragte der Senator Howell Heflin Anita Hill: „Are you a scorned woman – sind Sie eine verschmähte Frau?“ Noch 1991 war es möglich, eine Frau, die den Vorwurf der sexuellen Belästigung erhob, als prüde abzutun.

Das ist heute anders. Die republikanischen Senatoren ließen aus Angst vor der Erinnerung an Anita Hill eine Staatsanwältin die Fragen stellen. Nur der republikanische Senator Lindsey Graham machte die Wut der weißen Männer sichtbar: „Ich bin ein alleinstehender weißer Mann aus North Carolina“, wütete er. „Mir wurde gesagt, ich soll die Klappe halten. Aber ich werde die Klappe nicht halten.“

Dieses amerikanische Ringen mit sich selbst ist ein offenes. Das Momentum der Kavanaugh-Anhörung ist deprimierend und gleichzeitig voller Hoffnung. Noch am Freitag verkündete der republikanische Senator Jeff Flake, er werde für Kavanaugh stimmen. Flake galt als mögliche Nein-Stimme in seinem Lager, er ist ein gemäßigter Republikaner, der seinen Senatssitz unter dem Druck der Trumpisten in der eigenen Partei aufgeben wird.

Dann aber stellten ihn zwei Aktivistinnen, Opfer sexueller Gewalt, im Fahrstuhl. In einem von CNN aufgezeichneten Spontantribunal forderten sie Jeff Flake auf, sich zu erklären. Wenige Stunden später erklärte der Senator, er werde doch nur unter der Bedingung zustimmen, dass das FBI ermittelt.


Aus: "Die Immunität des weißen Mannes" Anna Sauerbrey (30.09.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/streit-um-kavanaugh-berufung-die-immunitaet-des-weissen-mannes/23130864.html

Quote
McSchreck 29.09.2018, 20:39 Uhr

    ...fand in einem Land statt, das wie kein anderes auf politisch korrekte Sprache achtet, in dem ein Heer von Anwälten jederzeit bereit ist, Frauen in Zivilklagen zu vertreten. Gleichzeitig regiert plötzlich ein stammelnder Narzisst ohne Affektkontrolle.

Ich bleibe ja dabei, dass beides extrem miteinander zusammen hängt. Dass die "Tugendwächter" sich so sehr auf die "saubere Sprache" konzentriert haben, dass Menschen sich von ihnen mehr drangsaliert als geschützt fühlen.

Bzw. Schwarze und andere Minderheiten, die zur arbeitenden Bevölkerung gehören, gut mit anderen auskommen und vor allem daran interessiert sind, dass die Wirtschaft am Laufen bleibt und sie nicht arbeitslos werden, sie fühlten sich von solchen "Vertretern" nicht repräsentiert, deren Prioritäten so anders liegen.

Dazu gab es inzwischen genügend Analysen, wie die Demokraten es "verbockt haben".


Quote
mogberlin 30.09.2018, 12:00 Uhr
Antwort auf den Beitrag von McSchreck 30.09.2018, 11:50 Uhr
Ihre "Sachargumente" beschränken sich auf Schuldzuweisungen an Demokraten und andere Ihnen missliebige Personen, lieber McSchreck, von Selbstkritik keine Spur, was aber angebracht wäre, schließlich entstammen der erbärmlichste US-Präsident aller Zeiten und seine Anhänger Ihrem Spektrum, und auch von tatsächlichen Sachargumenten, solchen nämlich, die sich mit der Causa Kavanaugh beschäftigen, ist nicht viel zu sehen.

mog


Quote
bmkt 30.09.2018, 12:11 Uhr

... wer sich moralisch im Recht wähnt und dadurch unantastbar gibt, während er sich diametral unmoralisch verhält, generiert eine politische Sehnsucht nach dem sichtbarem anderen.
Aus Basis solcher moralischen Arroganz wurde Trump gewählt, fand der Brexit statt, legte die AfD bei uns zu, wandeln sich die Gesellschaften.
Ich denke ja nach wie vor: so wie bestimmte Forumsteilnehmer hier auftreten, muss sich die AfD nur noch zurück lehnen bzw.  sollte ihnen fairer Weise monatlich Geld überweisen.


Quote
mogberlin 30.09.2018, 13:18 Uhr
Antwort auf den Beitrag von McSchreck 30.09.2018, 13:05 Uhr
Hier geht es vornehmlich um die geplante Berufung des charakterlich und fachlich ungeeigneten Kandidaten Kavanaugh zum Richter am Supreme Court; da es sich erstens um ein lebenslanges Amt handelt und seine Kritiker zweitens wohl auch an einer gesellschaftspolitischen Signalwirkung interessiert sind, geht es bei seiner Verhinderung um ein längerfristiges und höheres Ziel und um eine gerechtere Welt, lieber McSchreck.

Die Prüfung seiner Tauglichkeit ist darum das geeignete Mittel der Wahl, daran ist nichts auszusetzen. Es sei denn, man hat ein grundsätzliches Problem damit, wenn die Gewissheit der weißen Männer, Macht nach Belieben unter sich aufteilen und sich ansonsten erlauben zu können, was ihnen beliebt, explizit auch zum Nachteil von Frauen und Minderheiten, "kaputt gemacht" wird.

mog


Quote
patatasbravas 30.09.2018, 16:03 Uhr
Antwort auf den Beitrag von mogberlin 30.09.2018, 14:08 Uhr

Es geht immer um Macht.

Glauben Sie, die Sprösslinge der Eliten in afrikanischen oder anderen nichteuropäischen Ländern verhalten sich anders? Auch nicht gegenüber Frauen. Da ist kein großer Unterschied. Der einzige Unterschied ist, das die Opfer heute  meistens schweigen. Noch, aber nicht mehr lange.
Diese high school kostet derzeit 55000  $ pro Studienjahr und gehört damit zur Ivy League der high schools.
Zu seiner Schulzeit war es weniger, aber auch damals konnten sich das nicht viele Eltern leisten. Viele bekannte Alumni kann die Georgetown Prep trotzdem nicht vorweisen.
Es geht vor allem um das Netzwerk der Schüler der eigenen Schule und der durch die Sportligen verbundenenen high schools.
Mit einem Netzwerk kommt man zwar voran, aber ein Netzwerk kann persönliche Leistung nicht ersetzen.


Quote
mogberlin 30.09.2018, 16:29 Uhr
Antwort auf den Beitrag von patatasbravas 30.09.2018, 16:03 Uhr

Es geht immer um Macht.

Korrekt, lieber patatasbravas. Und solche Machtstrukturen sind zu brechen.

Glauben Sie, die Sprösslinge der Eliten in afrikanischen oder anderen nichteuropäischen Ländern verhalten sich anders?

Nein. Aber hier geht es um die "Eliten" der "Eliten", nämlich um den männlich-weißen Machtanspruch, der gegenüber anderen Kulturen seit Jahrhunderten/-tausenden und gegenüber Frauen seit Anbeginn der Zeiten erhoben wird, ihn gilt es zu brechen, nur dann sind auch andere Formen des Rassismus und der strukturellen Diskriminierung im Rahmen einer globalen (Bestrebung nach) Gerechtigkeit wirksam zu bekämpfen.

Der einzige Unterschied ist, das die Opfer heute  meistens schweigen. Noch, aber nicht mehr lange.

Eben. Diese Opfer sind zu bestärken, ihnen ist mit Solidarität zu begegnen, es ist also genau das zu tun, was die frauen- und minoritätsfeindlichen Kampagneros zu konterkarieren versuchen, auch hier im Forum.

Diese high school kostet derzeit 55000  $ pro Studienjahr und gehört damit zur Ivy League der high schools.

Das ist ein Aspekt der besprochenen Problematik, auch hier sind politische und gesellschaftliche Gegenmaßnahmen erforderlich; derlei Einrichtungen, deren struktureller Aufbau inklusive Preisgestaltung nicht (nur) der bestmöglichen Bildungsvermittlung dient, sondern vorrangig dem Ziel, unerwünschte Gesellschaftsschichten systematisch fernzuhalten und somit die eigene, angemaßte Zugehörigkeit zu einer selbsternannten Elite zu manifestieren, sind zivilisations- und menschenfeindlich, auch hier braucht es eine Demokratisierung.

mog


Quote
McSchreck 11:11 Uhr
Antwort auf den Beitrag von mogberlin 08:33 Uhr

... Wenn man glaubt, im Besitz einer "unumstößlichen Wahrheit" zu sein, die erst seit 100 Jahren in Teilen der Welt anerkannt ist, im Rest noch durchaus umstritten (und ich fürchte, in der dt. Gesellschaft ist die Gleichwertigkeit aller Menschen, egal welcher Herkunft, welchen Alters, welcher Intelligenz und körperlichen Fähigkeiten, welchen Geschlechts, welcher Religion, welcher politischen Ausrichtung auch noch nicht Konsens), wer das also glaubt, der sagt damit mehr als genug über sich aus.


Quote
mogberlin 11:22 Uhr
Antwort auf den Beitrag von McSchreck 11:11 Uhr

Sie streiten die universelle Gültigkeit der Gleichheit (Gleichwertigkeit) aller Menschen und anderer Menschenrechte ab, lieber McSchreck? Das ist bemerkenswert, aber nicht überraschend. Wer das tut, der sagt damit mehr als genug über sich aus.

mog


Quote
McSchreck 11:34 Uhr
Antwort auf den Beitrag von mogberlin 11:22 Uhr

Ich streite es nicht ab, das habe ich auch zuvor geschrieben.

Aber es ist keine "unumstößliche Wahrheit", wenn es nur eine Minderheit der Erdbevölkerung so sieht. Ich gehe sogar noch weiter: bei allen "Wertungsfragen" kann es überhaupt keine unumstößliche Wahrheit geben, weil Wertungen vom Zeitgeist, der Region, wo man lebt und vielem anderen abhängen. Wertungen sind immer subjektiv.


Quote
mogberlin 11:39 Uhr
Antwort auf den Beitrag von McSchreck 11:34 Uhr
Selbstverständlich haben alle Menschen grundsätzlich den gleichen Wert, lieber McSchreck, ob diese Wahrheit mehrheitlich anerkannt wird, ist für die Feststellung dieser Tatsache nachrangig. Aber ich verstehe natürlich, dass es für Sie und Ihre Ideologie von Bedeutung ist, die Achtung der Gleichwertigkeit aller Menschen als "subjektive Zeitgeistfrage" darzustellen.

mog


Quote
Sonnenblumenfeld 30.09.2018, 09:48 Uhr
Zitat: "Tatsächlich zeigt Brett Kavanaugh, wie tief das Gefühl der Immunität mancher weißen Männer wurzelt. "

Und wieder eine volle Breitseite gegen den verhassten weißen Mann. Dass das Verhalten von Kavanough nicht typisch für weiße Männer, sondern typisch für Beschuldigte seines Standes, ganz gleich welcher Hautfarbe und welchen Geschlechts, sein könnte, kommt der Autorin offenbar nicht in den Sinn. Testfrage: Wie ist Winnie Mandela mit den gegen sie erhobenen Vorwürfen umgegangen?


Quote
RuedigerKK 30.09.2018, 10:02 Uhr

    Die Immunität des weißen Mannes

falsch, richtig müsste es lauten: Die Immunität des reichen Mannes.
Kavanaugh ist aufgeschmissen, weil er das Problem - wie sonst üblich - eben nicht mit Geld aus der Welt schaffen kann.


Quote
carolina 30.09.2018, 13:45 Uhr
Antwort auf den Beitrag von RuedigerKK 30.09.2018, 10:02 Uhr

Mich stört diese pauschalisierende, sexistisch-rassistische Sicht- und Ausdrucksweise "(alte) weiße Männer".
In anderen, nicht-"weißen" Gesellschaften mit patriarchalischen Strukturen gibt es diese "Immunität" der Männer ebenfalls, siehe Indien,
Es geht um Privilegien von Männern, vorwiegend Männern der Oberschicht, aber je nach Land nicht ausschließlich aus der Oberschicht..
Wer die Bezeichnung "(alte) weiße Männer" so benutzt wie dies (auch) hier in diesem Artikel geschieht, diskriminiert Männer. Das sollten wir Frauen nicht tun ...


Quote
W.Wang 30.09.2018, 14:01 Uhr
Sehr geehrte Frau Sauerbrey,

Ihr Beitrag wurde unter der Rubrik Kultur veröffentlicht. Die Überschrift lädt zum Nachdenken ein, aber andere, besonders wichtige Teile Ihres Beitrags sind eine reine faktische Zusammenfassung der Abläufe. Warum? Wieso schreiben Sie nicht eindeutiger Ihre Bewertung des Geschehenen?

Die Heldinnen des Freitages waren Ana Maria Archiles und Maria Maria Gallagher, die mit ihren aufgebrachten Anschluldigungen Senator Jeff Flake zum Nachdenken bewegten. Der Held des Freitages war Jeff Flake, der Frau Prof. Dr. Ford mit seiner salomonischen, bedingten Abstimmung nicht nur Glaubwürdigkeit schenkte, sondern ihr damit auch als einziger unter den Republikanern im Ausschuss mit Würde begegnete.

Jeff Flake ist ein Beispiel der alten, aussterbenden Schule der privilegierten weißen Männer.

Der ganze Prozess des Ausschusses aber offenbarte den tief verwurzelten, selbstHERRlichen Paternalismus bei den Republikanern.

Und die Wahl, die Beförderung, dieses Richters, Kavanaugh, zum lebenslänglichen Mitglied des obersten Gerichts muss jedem, der an diesen Tagen diese Person im Fernsehen erleben konnte und musste, und der nur ein kleines bisschen Menschenverstand hat, zum Schaudern bringen.



Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #803 on: October 02, 2018, 11:45:12 AM »
Quote
[...] Zuletzt ging es zwischen den Wirtschaftsweisen nicht immer harmonisch zu. Die Nominierung eines neuen Mitglieds sorgt für erhitzte Gemüter.

Der Sachverständigenrat für Wirtschaft (SVR) gilt als wichtigstes wirtschaftspolitisches Beratergremium der Bundesregierung. Die Besetzung des Rats der sogenannten Wirtschaftsweisen ist daher immer ein Politikum. Nun wurde bekannt: Auf Vorschlag der Gewerkschaften wird im März voraussichtlich der Berliner Ökonom Achim Truger das Ratsmitglied Peter Bofinger ersetzen. Sofort hagelte es am Wochenende Protest, allerdings ungewohnt heftigen. Die Gewerkschaften „entsenden einen reinen Vertreter ihrer Interessen in den SVR“, rügte etwa Ratsmitglied Lars Feld auf Twitter.

Seit den sechziger Jahren berät der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – so der volle Name – die Bundesregierung. Zwei Mal im Jahr legt er ein Gutachten vor, in dem es nicht nur um die Konjunktur geht, sondern um alle relevanten wirtschaftspolitischen Fragen: um die Rente, den Arbeitsmarkt, um die Energiepolitik, die Mietpreisbremse oder die Euro-Krise. Der SVR legt damit eine Art offizielle Deutung der Vorgänge in der Wirtschaft vor, er erklärt die Wirklichkeit gemäß ökonomischen Modellen. Doch sind diese Modelle und Deutungen erstens auch unter Ökonomen umstritten. Zweitens geht es bei Wirtschafts- und Sozialpolitik nicht nur um theoretische Differenzen, sondern auch um praktische Interessensgegensätze, zum Beispiel von Arbeitnehmern und Arbeitgebern.

Die Regeln zur Besetzung des SVR versuchen, diesen Gegensätzen gerecht zu werden: Drei der fünf Wirtschaftsweisen beruft das Wirtschaftsministerium, ein Mitglied darf traditionsgemäß von den Unternehmerverbänden vorgeschlagen werden und eines von den Gewerkschaften. So sollen die Interessen von Arbeit und Kapital im SVR vertreten sein. Auf dem sogenannten Arbeitgeberticket sitzt derzeit Volker Wieland im Rat, auf dem Gewerkschaftsticket seit März 2004 der Würzburger Ökonom Bofinger.

Doch in den vergangenen Jahren hat sich der Rat zunehmend gespalten. Statt als Einheit treten die fünf Weisen häufig als 4+1 Weise auf: Die Ratsmehrheit auf der einen Seite, Bofinger auf der anderen. Letzterer spickte die vorgelegten Gutachten regelmäßig mit seinen „abweichenden Meinungen“.

Während Bofingers vier Kollegen warnten, die Einführung eines Mindestlohns werde viele Jobs kosten, sah er keine bedeutsamen Beschäftigungsverluste. Bofinger kritisierte das „uneingeschränkte Vertrauen, das die Mehrheit im Rat in die ordnenden Kräfte der Finanzmärkte setzt“. Er betonte das Problem der wachsenden Ungleichheit in Deutschland und schloss sich dem Lob der Ratsmehrheit für Agenda 2010 und Hartz IV nicht an. Der Schlagabtausch kulminierte vor einem Jahr, als Bofinger eine aktivere Industriepolitik in Deutschland forderte, woraufhin die anderen vier Sachverständigen ihm öffentlich Fehler vorwarfen, die „einem Profi nicht passieren sollten“.

Bofingers dritte Amtszeit läuft im März aus. Und nun haben die Gewerkschaften den Ökonomen Achim Truger als Nachfolger gewählt, berichtete das „Handelsblatt“. Das SPD-Mitglied Truger ist Experte für öffentliche Finanzen und kommt aus dem Gewerkschaftslager. Er arbeitete lange für das gewerkschaftsnahe Institut IMK und lehrt derzeit Makroökonomie an der Hochschule für Recht und Wirtschaft in Berlin. Bekannt ist Truger vor allem durch seine Kritik an der rigiden Sparpolitik in Europa und an der deutschen Schuldenbremse.

In ungewöhnlich scharfer Form kritisierten am Wochenende einige Ökonomen die Nominierung Trugers. Truger habe lange auf der Gehaltsliste der Gewerkschaften gestanden, rügte SVR-Mitglied Lars Feld die Entscheidung: „So höhlt man die gesetzlich gewährte Unabhängigkeit des Gremiums aus.“ Die Wirtschaftsweise Isabel Schnabel forderte, bei der Besetzung des Rats müsse „die wissenschaftliche Qualifikation an oberster Stelle stehen“, und diese Qualifikation zeige sich unter anderem in Publikationen in international anerkannten Fachzeitschriften.

Der Ökonom Justus Haucap kommentierte die Wahl Trugers mit: „Den Gewerkschaften ist der SVR offenbar völlig egal“. Für seinen Kollegen Philip Jung von der TU Dortmund „desavouieren die Gewerkschaften den SVR als wissenschaftliches Gremium“. Gewerkschaftsnahe Ökonomen hielten am Wochenende dagegen: „Truger kennt die deutsche Finanzpolitik wie kaum ein anderer“, so IMK-Ökonom Sebastian Gechert. Andrew Watt, Leiter der IMK-Abteilung für europäische Wirtschaftspolitik, schrieb, Bofinger sei zwar schwer zu ersetzen, aber Truger sei eine „hervorragende Wahl“.

Eine Zwischenposition nahm der Ökonom Rudolf Bachmann ein, der befürchtet, dass im SVR künftig „linke Themen noch weniger eine Rolle spielen werden, weil sie zu leicht mit Unwissenschaftlichkeit beschmiert werden können. Das können die Gewerkschaften nicht wollen.“ Bachmann hätte lieber andere Kandidaten – zum Beispiel den Düsseldorfer Ökonomen Jens Südekum – an Trugers Stelle gesehen.

Für dauerhafte Differenzen unter den Wirtschaftsweisen ist also gesorgt, sollte Truger tatsächlich berufen werden. Der Ökonom sieht darin kein Problem: „In der Volkswirtschaftslehre gibt es nicht die eine richtige Politikempfehlung“, sagte er dem „Handelsblatt“. Wenn es um ökonomische Zusammenhänge gehe, dann gebe es unterschiedliche Modelle und damit auch unterschiedliche wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen. Er „fände es gut, wenn sich in den Schlussfolgerungen das große Spektrum der in der Volkswirtschaftslehre vertretenen Ansätze widerspiegeln würde“.


Aus: "Alle gegen einen" Stephan Kaufmann (02.10.2018)
Quelle: http://www.fr.de/wirtschaft/wirtschaftsweise-alle-gegen-einen-a-1593150

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #804 on: October 04, 2018, 12:32:42 PM »
Quote
[...] Bei einer Auktion in Edinburgh geht eine Flasche mit 60 Jahre altem Whisky für einen Rekordpreis weg. Der Käufer kommt aus Fernost.  ... Den Zuschlag bei der Auktion in Edinburgh erhielt ein Käufer aus dem Fernen Osten. Dort gebe es ein "riesiges Interesse an Whisky", sagte Richard Harvey vom Auktionshaus Bonhams. "Überall im Fernen Osten werden Whisky-Bars eröffnet." Ein Drittel bis 40 Prozent aller Verkäufe des Auktionshauses gingen in diese Region.

Die am Mittwoch erzielten 848.750 Pfund stellen einen neuen Weltrekord für eine Flasche schottischen Whisky bei einer öffentlichen Auktion dar. "Es ist eine große Ehre, einen neuen Weltrekord aufgestellt zu haben, vor allem hier in Schottland, der Heimat des Whiskys", sagte Bonhams-Whisky-Experte Martin Green. Das Auktionshaus hält nun die Rekorde für die drei teuersten Whisky-Flaschen, die je bei Versteigerungen verkauft wurden.

...


Aus: "Seltener schottischer Whisky für knapp eine Million Euro versteigert" (04.10.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/macallan-valerio-adami-seltener-schottischer-whisky-fuer-knapp-eine-million-euro-versteigert/23145874.html


Quote
[...] rixdorf 11:45 Uhr
Unser westliches 'Wertesystem' wird immer perverser und dekadenter. Rund um die Welt versinken Inseln im Wasser, täglich sterben mehr als 7.000 Kinder unter fünf Jahren an den Folgen von Hunger und Mangelernährung  Und die Profiteure geben eine Millionen Euro für einen knappen Liter Alkohol aus. Was könnte man mit diesem Geld nicht alles vernünftiges tun.


Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #805 on: October 08, 2018, 05:10:19 PM »
Quote
[...] Wohnen in Deutschlands Hochschulstandorten verteuert sich weiter. Studierende müssen in den meisten Großstädten zwischen 9,8 Prozent (Greifswald) und 67,3 Prozent (Berlin) mehr Miete zahlen als noch 2010, wie aus dem neuen Studentenwohnpreisindex im Auftrag des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervorgeht. Allein im vergangenem Jahr seien die Mietpreise demnach um zwischen 2,2 Prozent (Greifswald) und 9,8 Prozent (Berlin) gestiegen.

... Zwar sind vor allem in der Hauptstadt die Mieten überdurchschnittlich stark gestiegen, doch zahlen Studierende in einer anderen deutschen Großstadt mit Abstand die meiste Miete: in München. Durchschnittlich 600 Euro bezahlen Studierende dort monatlich für ihre Wohnung, darauf folgt Frankfurt am Main mit 488 Euro monatlich. Am günstigsten wohnen Studentinnen und Studenten derzeit in Magdeburg. Dort verlangen Vermieterinnen und Vermieter im Durchschnitt 200 Euro pro Monat. Zu den günstigsten Universitätsstandorten gehören mit unter 300 Euro Miete auch Leipzig, Jena, Greifswald, Kiel, Göttingen und Aachen.

... Die Studie basiert auf Daten von Internetportalen. Das IW untersuchte, welche Inserate Studierende finden, wenn sie in eine neue Stadt ziehen, kein Wohnheimzimmer erhalten und ausschließlich auf Onlineangebote angewiesen sind. "Die Zahl der Inserate ist noch hoch, aber rückläufig", sagte Voigtländer. Neben der starken Wohnungsnachfrage in den Großstädten ist laut IW auch die hochwertiger gewordene Ausstattung der Wohnungen ein Grund für den rasanten Preisanstieg. Vor allem die Qualität von Neubauten sei gehobener als früher.

Mit Blick auf das durchschnittliche Budget von Studierenden ist der Mietanstieg eine starke Belastung für viele von ihnen. Laut Sozialerhebung des Studentenwerks stehen ihnen monatlich im Schnitt 918 Euro zur Verfügung. Je nach Stadt müssen Studierende zwischen etwa einem und zwei Dritteln ihres Geldes für das eigene Zimmer ausgeben.

...


Aus: "Studierende geben bis zu zwei Drittel für Miete aus" (8. Oktober 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-10/studentenwohnpreisindex-mieten-studierende-hochschulstandorte-mieten-berlin-muenchen

Quote
Miasto #2

Wenn immer mehr Studierende in bestimmte Ballungsbiete drängen, dann wird es halt teurer. Das ist unvermeidbar. Viele Studenten haben erkennbar genügend finanzielle Mittel, um sich diesen Wunsch zu erfüllen.


Quote
Überzogenepolemik #2.1

So wird studieren an den bekannten, guten Universitäten zum Privileg der Reichen. ...


Quote
Zangenzug #2.3

Privilegiert sind vor allem die Schlauen, die für sich das Optimum aus allen Lebensbereichen herausholen ...


Quote
DerJoker1991 #2.13

Ich glaube in München studieren Leute die:

1) Aus der Gegend München kommen
2) Sich die Mieten irgendwie leisten können. Sei es durch Arbeiten neben dem Studium, Bafög oder Zuschuss von Eltern.


Quote
Raynor84 #3.7

"Komisch . Meine Tochter bezahlt in Kiel 320 Euro für ein 14 qm Zimmer im Studentenwohnheim."

Musste beim Lesen des Artikels auch etwas die Augen zusammenkneifen, als ich das mit dem so angeblich billigen Kiel erblickte.
Ich bin seit 9 Jahren Kieler, war und bin zwar kein Student, aber ich habe bislang in 4 Stadtteilen gelebt und kann sagen, dass man nichtmal in Gaarden-Ost für 300 warm eine eigene Wohnung bekommt. Selbst im unbeliebten Mettenhof wird das sehr schwer. Ein (kleines) WG-Zimmer kann man jedoch sogar am Exer für den Preis bekommen. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regeln, mein Bruder wohnt für 290€ warm auf 26qm in einer 1 Z-Wohnung in Hassee.


Quote
systemiclupus #3.8

Aus zuverlässiger Quelle weiß ich dass man in Kiel auch für ~300€ ein wg Zimmer in bester Lage bekommt. Allerdings muss man dafür häufig andere studierende kennen die einen vermitteln bzw in ihrer wg aufnehmen können. ...


Quote
BloederHennes #7

Höre das parallel gerade auch im Radio. Drängt sich mir da doch ein MIMIMI auf ;)

"OMG.... die ARMEN Studenten !!!" /iro off

Was ist eigentlich mit den GANZEN Anderen ? Azubis / ALG 2 / Alleinerziehende / etcetc. ? Die zahlen die Miete aus der Portokasse ? ...


Quote
dorfbeobachter #9

"Studierende geben bis zu zwei Drittel für Miete aus" - Nein, das ist absolut falsch.

Der angemessene Gesamtunterhaltsbedarf eines Studenten, der nicht bei seinen Eltern oder einem Elternteil wohnt, beträgt seit 2016 in der Regel monatlich 670 €. Hierin sind bis 280 € für Unterkunft einschließlich umlagefähiger Nebenkosten und Heizkosten (Warmmiete) sowie bis zu 90 € monatlich für ausbildungs- bzw. berufsbedingte Aufwendungen enthalten. Ab WS 2016/ 2017 steigt der Gesamtbedarf analog des BAFöG-Höchstsatzes von 670 € auf 735 €.
Mein Sohn ist heute als Student nach München gezogen. Die Angebote lagen jenseits 100% des "Gesamtbedarfs" bei bis zu 950€. Am Ende gab es ein WG-Zimmer für 750.


Quote
IrbanMutarez #9.2

280€ Mietkosten? Von welcher Stadt reden wir?


Quote
heragema #19

Die Wohnungsmisere für Studenten spiegelt die Wohn- und Eigentumspolitik der Regierungen der letzten 30 Jahre wider. Die private Wohneigentumsquote ist weitgehend konstant und die besser und am Besten verdienenden haben noch dazu gelegt. Die „besser gestellten“ haben also keine Wohnprobleme, ihre Wohnflächen wurden im Gegenteil durchschnittlich größer. Aber der Bau von preiswertem Wohnraum stagnierte, Investoren legten ihr Geld eher in Geschäftsbauten an. Bis die Wohnungen, weil rar, so teuer wurden, das es für sie rentabel wurde. So gibt es private Gesellschaften in Deutschland die die bis ca. 450 000 Wohnungen verwalten. Selbst kommunale Wohnbaugesellschaften perfektionieren das Prinzip: billige Wohnungen durch „Renovierung“ oder Abriss vernichten, dann renovierte oder neu gebaute Wohnungen teurer weitergeben. Das kommunale Wohnbaugesellschaften mit ca. 20 000 Wohnungen einen Überschuss von 20 Millionen Euro erwirtschaften wird zur Zeit keine Seltenheit sein. ...


Quote
Muehlenbach #20

Wenn ich solche Artikel lese, wird mir immer wieder klar, was für ein Glück ich doch hatte. Als ich 2015 in Stuttgart angefangen habe zu studieren, ist eine Kommilitonin und deren Mutter gerade aus ihrer alten Wohnung ausgezogen, woraufhin ich gleich mit einem Mitstudenten eine WG gegründet habe und dort eingezogen bin. Wir sind mittlerweile zu dritt und zahlen für 80qm (inklusive Garten, Keller, Garage) 875€ warm, also etwa 290€ pro Person. Einkaufsmöglichkeiten sind alle fußläufig erreichbar und mit der Stadtbahn ist man in 10 Minuten im Zentrum. Andere, die ich kenne, zahlen für 14qm-Zimmer 500€ oder mehr!


Quote
thassilofi #29

Habe vor genau 10 Jahren als Erstsemester-Student in Freiburg eine Bude gesucht. Damals ging es noch, da habe ich dann eine 2-Zimmer Whg. für 740 EUR warm gefunden, wo wir dann eine 2er WG draus gemacht haben und jeder mit 400 EUR im Monat ne super Unterkunft hatte. Unterdessen ist es hier nur noch pervers, Studium ist lange abgeschlossen - auch für Berufstätige eine absolute Zumutung.


Quote
Wilhelm Pollmann #29.1

Als ich mein Studium begann,imJahr 1967, wohnte ich in einer ca 20 qm Etagenwohnung privat in Münster für sage und schreibe 67 DM und bekam noch Beihilfe aus dem damaligen Honnefer Model. Wenn meine Tochter jetzt in Münster statt in Bielefeld studieren würde, müsste sie ca 600 Euro Miete für eine Studentenbude bezahlen.Das könnte ich als Rentner für meine Tochter kaum stemmen.


Quote
Lustgreis #35

Studenten sind nun wirklich die letzte Gruppe, die jammern sollte. Man ist halt nur nicht bereit, auch mal eine halbe Stunde mit der S-Bahn oder gar dem Bus in die Uni zu fahren.


Quote
thassilofi #35.1

bis zu einem gewissen grade ist da etwas dran. die generation meiner eltern, die um 1970 studiert haben waren da sicher anspruchsloser (siehe einzelzimmer zur untermiete, klo übern hof usw.)


Quote
Offene Augen #36

Warum sollte es für Studierende anders sein, mit der Miete, als für den Rest der Bürger? Natürlich müssen auch Studierende mehr Miete zahlen, wenn überall die Mieten steigen und niemand etwas dagegen tut. Es sitzen doch alle im gleichen Boot.


...

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #806 on: October 08, 2018, 05:36:23 PM »
Quote
[...]  In Deutschland mangelt es bereits vielerorts an Arbeitskräften. Jedoch ist nicht jeder Deutsche bereit umzuziehen, damit er eine Arbeitsstelle findet. Wer aber aus Polen oder Rumänien komme, der gehe laut Bericht oft in die Regionen, in denen es an Arbeitskräften mangelt – und erledige dort die Arbeit, für die sich sonst kein Arbeitnehmer findet. ...


Aus: "Jede zweite neue Arbeitsstelle mit Ausländern besetzt" (7. Oktober 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-10/bundesagentur-arbeit-migranten-auslaender-jobs-statistik

Quote
imWestennixNeues #3

Schade, dass man keine Aufsplittung in sozialversicherungspflichtige und geringfügige Beschäfitigungen erhält. Der qualitative Unterschied ist enorm. So ist diese Aussagekraft eher gering.


Quote
Nurotec #3.9

... was sie sonst noch an statistischen randerscheinungen diskutieren wollen.... Interessiert mich jetzt erstmal nicht.


Quote
Das Fünfte Element #3.12

Menschen, die mehrere Minijobs machen weil sie keinen Vollzeitjob finden sind keine statistische Randerscheinung.
Und dass solche Menschen dir egal sind sagt genug über dich aus.


Quote
GO1984 #5

Sehr gut für die Unternehmer, schlecht für die Einheimischen, da das Lohniveau sinkt.


Quote
Seebrügge #5.5

Die Marktgesetze von Angebot und Nachfrage haben bisher immer auch für den Arbeitsmarkt gegolten. Deshalb steigen die Gehälter von Kurierfahrern weniger als die von Ingenieuren.


Quote
Vernunftorientiert #5.6

Wer es glaubt...

Warum wird denn die Marktwirtschaft im Niedriglohnbereich nicht angewendet? Warum haben wir eine politische Diskussion über die Bezahlung von Pflegekräften?


Quote
Bert Holzstation #5.11

"Die Marktgesetze von Angebot und Nachfrage haben bisher immer auch für den Arbeitsmarkt gegolten."

Das haben sie nachweislich nicht, wie man an den geringen Löhnen für Pflegekräfte trotz immenser Nachfrage sieht.

Das liegt aber weniger an den Marktgesetzen, als daran, dass ein Arbeitsmarkt gar kein klassischer Markt ist. Dem Arbeitsmarkt fehlt ein elementarer Bestandteil jeden Marktes, das Gleichgewicht der Kräfte.


Quote
Seebrügge #5.15

Gilt auch für Pflegekräfte: Hier gibt es zwar eine immense Nachfrage, aber auf Seiten der Kassen keine Bereitschaft mehr zu zahlen. Dann bleibt es eben bei der unbefriedigten Nachfrage. Das will man jetzt lösen, indem das Angebot durch Kräfte aus dem Kosovo erhöht wird.


Quote
Franz Xy #9

Das Problem ist, dass es in Osteuropa für die meisten Menschen toll und großartig ist für 1000 Euro im Monat zu arbeiten.
Ihr Einsatz in Deutschland wird nur zum Nachteil der hiesigen unteren Schicht sein. ...


Quote
Dropisius #12

So wie polnische Handwerker nach Deutschland kommen, weil hier besser bezahlt wird, gehen z.B. deutsche Ärzte gerne in die Schweiz weil dort besser bezahlt wird. Dieses Spiel gibt es auf der ganzen Welt und ist immer eine Frage von Angebot und Nachfrage.


Quote
Gelbe Tulpe #18

Momentan wird ja viel gebaut, da Wohnungen fehlen und Schulen saniert werden. Nach dem Einbruch des Wohnungsbaus in den vergangenen Jahren fehlen halt deutsche Bauarbeiter, da diese weniger ausgebildet worden.

Man sollte daraus aber nicht schließen, dass es einen Fachkräftemangel gibt. Dieser ist allein schon deshalb unglaubwürdig, da die Arbeitgeber bei ihren Stellenangeboten nicht mal das Gehalt angeben, das sie bezahlen wollen.


...

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #807 on: October 09, 2018, 10:36:47 AM »
Quote
[...] Cornelia Koppetsch (Soziologin und lehrt als Professorin an der TU Darmstadt) im Gespräch über Innenstädte, die bald so homogen sind wie Reihenhaussiedlungen.

Judith Lembke: Was bedeuten die hohen Mieten und Kaufpreise für die soziale Mischung in unseren Städten?

Cornelia Koppetsch: Auch wenn dies kaum gewollt und den Beteiligten zumeist nicht bewusst ist: Die hohen Preise funktionieren wie eine hochgradig effektive Grenze. ... In den begehrten und teuren Stadtteilen lassen sich Personen aus unteren Schichten zunehmend gar nicht mehr antreffen. Die Viertel werden kulturell und sozial immer homogener. Auf diese Weise wird von klein auf der Kontakt mit Menschen aus anderen sozialen Schichten unterbunden. So etwa haben Arbeiterkinder in den 1970er Jahren oftmals noch selbstverständlich mit den Lehrerkindern auf der Straße gespielt. Das wäre heute so kaum noch möglich: Zum einen, weil die Nachbarschaften zunehmend entmischt sind und zum anderen, weil die Lehrer ihre Kinder nicht mehr so gerne auf der Straße spielen lassen, sondern mit dem Auto zum Musikunterricht oder Ballett fahren.

Judith Lembke: Die Innenstadt ist also bald so homogen wie eine Reihenhaussiedlung?

Cornelia Koppetsch: Ja, diese Entwicklung hat ihre Wurzeln in den siebziger Jahren. Damals hat ein buntes, zumeist studentisches Alternativmilieu begonnen, damals noch sehr günstige und oft heruntergekommene Altbauquartiere als Lebensraum für sich zu entdecken. Dann haben sich ihre Bewohner im Zuge ihrer beruflichen Etablierung verbürgerlicht, weitere Akademiker und auch Familien sind nachgezogen, wodurch sich die ehemaligen Alternativquartiere oftmals zu Hochburgen gehobener Bürgerlichkeit herausgeputzt haben. Denn dort sind ja nicht nur die Mieten und Eigentumswohnungen teurer geworden, sondern auch die Restaurants, Bio-Supermärkte und das Sportangebot.

Judith Lembke: Werden diese teuren Viertel heute auch bewusst gewählt, um sich abzuschotten?

Cornelia Koppetsch: Einer aktuellen, von Marcel Helbig und Stefanie Jähnen am Wissenschaftszentrum Berlin durchgeführten Studie zufolge, zeigt sich diese Tendenz zur sozialen Entmischung vor allem bei Familien mit Kindern: Ist die Nachbarschaft zu durchmischt, neigen viele Mittelschichtseltern dazu, ihre Kinder auf private Grundschulen zu geben. Gibt es diese Option nicht, ziehen sie eher weg, in ein sozial bessergestelltes, homogeneres Viertel.

Judith Lembke: Sie erforschen genau dieses Milieu, die akademische urbane Mittelschicht. Was lässt sich über deren Lebensstil sagen?

Cornelia Koppetsch: Die Paradoxie besteht ja darin, dass viele von ihnen glauben, sie seien kosmopolitisch, weil sie hochmobil sind und viel gesehen haben. Dabei führt der Städtetourismus, den sie pflegen, vor allem dazu, dass sie sich auch anderswo auf der Welt im selben Setting bewegen wie zu Hause, nämlich in den gentrifizierten teuren Vierteln anderer Großstädte. Auch die innerstädtischen Quartiere, in denen sie selbst wohnen, halten sie nicht für abgeschottet, denn sie sind ja ethnisch durchmischt – weil der Nachbar zum Beispiel ein Wissenschaftler aus Lateinamerika oder ein asiatischer Banker ist.

Judith Lembke: Und wieso sind die Viertel ihrer Ansicht nach trotzdem immer homogener?

Cornelia Koppetsch: Die Grenzziehung verläuft nicht ostentativ und nicht gegen Einwanderer, wie etwa bei den Rechtspopulisten, sondern nach unten – durch hohe Immobilien- und Mietpreise aber auch durch die Bevorzugung von Kontakten, etwa von Partnern und Freunden, aus demselben Milieu. Man lebt zunehmend getrennt von denen, die sich das Wohnen in diesen Vierteln und den damit verbundenen Lebensstil nicht mehr leisten können. Viele 'Kosmopoliten' machen sich gar nicht bewusst, dass sie in sozialen Enklaven leben.

Judith Lembke: Glauben Sie, dass sich diese Entmischung der Städte noch fortsetzt?

Cornelia Koppetsch: Ja, die Dynamik weist zumindest in diese Richtung. Wo sich junge gut ausgebildete Menschen, etwa Kreative und Studenten, die etablierten angesagten Viertel nicht mehr leisten können, ziehen sie als Raumpioniere in neue, bislang noch bezahlbare Viertel, wie etwa Hamburg-Wilhelmsburg oder Berlin-Kreuzkölln. Diese könnten einen ähnlichen Zyklus der Gentrifzierung wie einst Prenzlauer Berg in Berlin oder das Schanzenviertel in Hamburg durchlaufen: Ihre Bewohner werden von Studenten zu Gutverdienern, es ziehen sozial Bessergestellte und Familien nach und die Viertel werden schließlich auch für Investoren interessant. Der Kreislauf setzt sich fort.

Judith Lembke: Und wie endet das Ganze?

Cornelia Koppetsch: Das ist schwer vorauszusagen. Es gibt verschiedene Phasen der Gentrifizierung. An manchen Orten scheinen wir schon in der letzten, der sogenannten 'kalten Phase' angekommen – zum Beispiel in einigen Häuserblocks in Berlin-Mitte. Dort haben Menschen von außerhalb Wohnungen gekauft, die sie gar nicht mehr selbst bewohnen oder vermieten können, sondern die meiste Zeit einfach leer stehen lassen. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, würde dies in letzter Konsequenz zur Entleerung der Städte und zu Vierteln führen, die sich wie ausgestorben anfühlen.



Aus: "Gentrifizierung : „Hohe Mieten sind eine sehr effektive Grenze“" Judith Lembke (08.10.2018)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wohnen/soziologin-cornelia-koppetsch-ueber-homogene-innenstaedte-15827087.html


Quote
  Wolfgang Klein (Parvus), 08.10.2018 - 16:34

Ich will nicht durchmischt werden!

In meiner Jugend hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, an einem solchen Durchmischungsexperiment in Hanau Kesselstadt teilzunehmen. Der vorgebliche Nutzen eines Kontakts unterschiedlicher Schichten ist schnell als Ideologie enttarnt, denn auch bei einer solchen Durchmischung geht man sich möglichst aus dem Weg bzw. hat keine sozialen Kontakte in ein anderes Milieu. Das einzige was man davon hat, ist anhaltender Ärger über die Wertminderung des Eigenheims durch die zwischen die Ein- und Zweifamilienhäuser gepflanzten Wohnblocks, denen man schon von außen ansieht, wie heruntergekommen sie innen sind. In Kontakt mit Bewohnern bin ich zweimal gekommen: Einmal als ich als Zivi einen Trinker mit Schlaganfall vom Tagespflegeheim in seine Wohnung fahren musste, die ihn gleich noch als Messie outete. Das andere Mal als mir ein anderer Trinker aus einem solchen Block mit dem Fahrrad die Tür meines Autos abfuhr und er sich weigerte, mit seiner Versicherung zu kommunizieren.

In meiner Kindheit habe ich noch in einer Arbeitersiedlung am anderen Ende der Stadt gelebt. Mein Großvater war Industriearbeiter und meine Eltern haben im gleichen Haus gewohnt. Mein Vater wurde erst in den 1960ern Beamter, nachdem er sich nach dem Krieg als Maurer und Fliesenleger durchgeschlagen hat. Seine Ausbildung im dritten Reich konnte er wegen Kriegsdienst nicht abschließen. Die Siedlung wurde aus stadtplanerischen Gründen aufgelöst und die Bewohner entschädigt. In die schon freien Häuser wurden Sozialfälle einquartiert. Mit einem der Jungen neben uns war ich befreundet, was meine Eltern nicht gerne sahen. Durch die Wand zum Nachbarhaus konnte man immer hören, wie der Vater im Suff seine Kinder verdroschen hat. Meine Eltern hatten Angst ihn anzuzeigen, weil sie fürchteten, selbst verprügelt zu werden. ...


Quote
Michael Schnelle (MichaelSchnelle), 08.10.2018 - 23:19

Da kann man ja richtig froh sein, dass aus Ihnen trotz dieser harten Kindheit etwas geworden ist.


Quote
Karin Maas (Maison), 08.10.2018 - 18:37

Dann würde ich für Sie eine Gated Community mit Zugangsbeschränkung und mit besonderen Sicherheitsmaßnahmen vorschlagen.


Quote
Christian Bickel (Fingalo), 08.10.2018 - 15:09

Man opfert eben nicht die eigenen Kinder der linken Ideologie.


...

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #808 on: October 10, 2018, 12:13:07 PM »
Quote
[...] Eine schmale Liege, ein Campingkocher, ein Kühlschrank hinter der Außentür, ein Tablet als Fernsehersatz – wenn Juri Pylnev dem Besucher seine Behausung zeigt, wirkt er ein wenig beschämt. Der winzige Raum ist kaum vier Quadratmeter groß. Aber darin und davor verbringt er zwei Drittel seiner Lebenszeit.

 Pylnevs Zuhause ist die Fahrerkabine eines Lastzuges, mit dem er acht Monate im Jahr unterwegs ist. An diesem heißen Sonntag im September ist der 35-jährige Familienvater aus dem ukrainischen Dnipropetrowsk auf dem Rastplatz „Aachener Land“ an der Autobahn nahe der Grenze zu Belgien untergekommen. Schon Freitag Nachmittag hat er hier Halt gemacht, um einen der begehrten Stellplätze zu ergattern und die vorgeschriebene Ruhezeit von mehr als 45 Stunden zu verbringen. Für drei Euro kann er duschen gehen, der Gang zur Toilette kostet 50 Cent. Die zweitägige Rast in der Kabine ist eigentlich EU-weit verboten, aber anders als im nahen Belgien kümmert das die deutsche Polizei nicht. Darum parken die 40-Tonner hier dicht an dicht in vier Reihen. Dazwischen sitzen und stehen, essen und trinken die Fahrer, die meisten allein. Der Duft von Bratfett, Alkohol, Schweiß und Urin hängt in der Luft.

Pylnev, muskulös, kahlgeschoren und mit einem schüchternen Lächeln auf dem Jungsgesicht, ist ein moderner Wanderarbeiter. Er fährt für eine Spedition in Polen, aber dort ist er nicht im Einsatz. Zum Dienstantritt fährt er stattdessen mehr als 2000 Kilometer aus der Ukraine nach Deutschland, um dort den Lastzug von einem Kollegen zu übernehmen. Dieses Mal in München. Anschließend steuert er zwei Monate lang kreuz und quer durch Westeuropa, mindestens 10 000 Kilometer im Monat. Wohin er welche Ladung bringt, erfährt er von Tag zu Tag neu per SMS. Derzeit bringt er „irgendwas aus Glas“ nach Belgien. Vor dort kann es nach Italien gehen oder nach Schweden. „Ist mir auch egal“, sagt er. Seine Frau und seinen zehnjährigen Sohn sieht Pylnev nur alle drei Monate. „Das ist sehr hart", gesteht er und wirft einen traurigen Blick auf das Foto neben den Armaturen. Aber der ukrainische Mindestlohn beträgt 100 Euro im Monat. „Hier kriege ich bis zu 1800 Euro“, sagt er, und das weitgehend steuerfrei und ohne Sozialabgaben. Die werden lediglich für den polnischen Mindestlohn von rund 500 Euro bezahlt. Dazu erhält er eine Pauschale von 50 Euro für jeden Arbeitstag, solange er unterwegs ist. Für seine Zeiten in der Heimat, für Krankheit und Altersvorsorge bekommt er dagegen fast nichts. Er hätte Anspruch darauf, so schreiben es die Gesetze der Länder vor, in denen er tätig ist. Aber das kümmert weder seinen Arbeitgeber noch die Behörden. „Und was soll ich schon machen?“, fragt er achselzuckend.

So wie Pylnev leben Hunderttausende auf den Straßen Westeuropas. Ihre bis zu 500 PS starken Maschinen sind fast alle in Polen und anderen östlichen EU-Ländern registriert. Die Fahnen an ihren Frontscheiben verraten, dass die Fahrer selbst meist noch weiter im Osten zu Hause sind, in Weißrussland, der Ukraine, in Moldawien, Serbien und Kasachstan. Sie führen ein einsames Leben auf der Autobahn und sind zugleich das logistische Rückgrat der europäischen Ökonomie mit ihren Lieferketten über die Grenzen hinweg. Ohne sie würde kein Auto gebaut, blieben die Supermärkte leer und die Fabriken stünden still. Doch beim Umgang mit seinen motorisierten Lastenträgern zeigt sich Europa von seiner schlechtesten Seite. Reporter von Investigate Europe haben von Portugal bis Norwegen mit mehr als 100 Fahrern aus 14 Ländern gesprochen sowie EU-Politiker, Aufsichtsbeamte, Spediteure und große Auftraggeber aus der Automobilindustrie befragt. Demnach:

- werden die fast ausschließlich osteuropäischen Fahrer systematisch um ihre gesetzlich verbrieften Rechte auf faire Entlohnung und soziale Absicherung betrogen;

- rekrutiert die Logistikbranche mit Hilfe der Behörden in Polen Jahr für Jahr zigtausend Fahrer aus Ländern außerhalb der EU, deren technische Qualifikation und körperliche Eignung nicht amtlich überprüft wird;

- müssen die meisten Fahrer über Monate in ihren Kabinen hausen, obwohl das EU-Recht alle zwei Wochen eine zweitägige Pause außerhalb ihrer Fahrzeuge vorschreibt;

- dulden die Aufsichtsbehörden der meisten EU-Länder den flächendeckenden Rechtsbruch, weil sie kaum Kontrollen durchführen und

- profitieren insbesondere Autohersteller als Großauftraggeber mit ihren EU-weiten Zuliefernetzwerken, während sie gleichzeitig vorgeben, nichts von den illegalen Methoden ihrer Transportpartner zu wissen.

Die Lage der Fahrer sei „unwürdig“ und „alle möglichen Gesetze, die wir gemacht haben, werden gebrochen“, sagte kürzlich auch die frühere Arbeitsministerin und heutige SPD-Chefin Andrea Nahles, nachdem sie selbst mit betroffenen Fahrern gesprochen hatte.

Der Missstand ist eine der ungeplanten Folgen der europäischen Integration: Alle EU-Staaten sind Teil des Binnenmarktes, in dem es jedem Unternehmen frei steht, seine Angestellten EU-weit einzusetzen. Aber die Steuer- und Sozialgesetzgebung erfolgt rein national. Daraus machten die osteuropäischen Staaten nach ihrem EU-Beitritt ab 2004 ein Geschäftsmodell zur Förderung des Exports von Dienstleitungen. Sie stellten Tagespauschalen für ins Ausland entsandte Arbeitnehmer von Steuern und Sozialabgaben frei. In der Folge verschob die Logistikbranche die Anstellung ihrer Lkw-Fahrer für den Fernverkehr im großen Stil nach Osteuropa. Inzwischen setzen die führenden Logistikkonzerne wie DHL, Schenker oder DSV „im internationalen Straßentransport so gut wie keine eigenen Fahrzeuge mehr ein, sondern engagieren billige Subunternehmer aus dem Osten“, berichtet der Fachjournalist Jan Bergrath, der die Branche seit Jahrzehnten beobachtet. Andere wie der französische Marktführer Geodis, der niederländische Logistiker Ewals oder das deutsche Familienunternehmen Duvenbeck und tausende weitere gründeten Tochterfirmen in Polen und Tschechien, in Rumänien und der Slowakei. Die Dimension dieser Verlagerung zeigt sich insbesondere in Polen: Von 2004 bis 2017 stieg dort die Zahl der registrierten Speditionen von weniger als 10 000 auf mehr als 30 000.

Um wie viel Geld es dabei geht, dokumentiert eine Studie des Comité National Routier, einem Expertengremium der französischen Regierung. Demnach kostet die Anstellung eines Fahrers in Bulgarien gerade mal 16 000 Euro im Jahr, in Polen oder Tschechien sind es 20 000 Euro. Schließen die Unternehmen den Arbeitsvertrag dagegen in Deutschland oder Frankreich, bezahlen sie pro Fahrer, trotz relativ geringer Entlohnung, wegen der Beiträge für die Sozialkassen rund 46 000 Euro jährlich.

 So rutschen immer größere Teile des Transportgeschäfts auch in Westeuropa auf das osteuropäische Lohnniveau. Gemessen an den Maut-Einnahmen auf den deutschen Autobahnen bestreiten Lkw mit osteuropäischen Kennzeichen schon fast die Hälfte des Ferntransports. In der Folge klagt die Branche jetzt über Nachwuchsmangel. Allein in Deutschland fehlen 45 000 Fahrer, warnt der Deutsche Speditions- und Logistikverband. Bei sinkendem Angebot und steigender Nachfrage wäre zu erwarten, dass die Löhne schnell steigen und die Arbeitszeiten den sozialen Bedürfnissen der Fahrer angepasst werden, sodass wieder mehr junge Leute einsteigen. Doch genau das passiert nicht. Denn die Transportkonzerne und ihre Kunden haben eine weitaus billigere Lösung gefunden: den Import von Wanderarbeitern von jenseits der EU-Grenzen.

Wie das praktisch abläuft, ist in einem der modernen Hochhäuser in der Warschauer Jerozolimskie-Straße zu beobachten. Hier residiert die polnische Aufsichtsbehörde für den Straßentransport. An den zwölf Schaltern im Erdgeschoss ist an diesem Montag im September schon morgens um acht die Zahl der Antragsteller so groß, dass keine Wartenummern mehr übrig sind. Fast alle haben dasselbe Anliegen: Sie benötigen Testate für neue Lkw-Fahrer aus Ländern außerhalb der EU, damit Europas Logistik-Unternehmen ihre vorwiegend in Westeuropa stationierten Lastzüge weiter billig bemannen können.

 Die Nachfrage nach den Dokumenten für die Einwanderung per Lkw sei regelrecht explodiert, berichtet Behördenchefin Magorzata Wojtal-Bialaszewska. Bis 2013 wurden rund 5000 solcher Testate pro Jahr ausgestellt. 2017 erteilte die Behörde dann bereits für 65 000 Fahrer aus Nicht-EU-Ländern eine Erlaubnis. Im ersten Halbjahr 2018 ergingen sogar schon 53 000 neue Zulassungen für EU-Einwanderer am Lenkrad, darunter mehr als 20 000 aus der Ukraine, die wie Juri Pylnev nun als Autobahn-Nomaden unterwegs sind. Weitere 5000 Fahrer importierte die Branche bis Juni aus Weißrussland, die anderen kommen aus Moldawien, Russland, Kasachstan und aus Sri Lanka und den Philippinen. Bis Jahresende werden es voraussichtlich mehr als 70 000, bestätigt die Amtsleiterin gegenüber Investigate Europe. Gleichzeitig steigen die Zahlen auch in Litauen und weiteren Staaten, wie interne Daten der EU-Kommission zeigen.

Für die Testate fordert das EU-Recht Nachweise über einen festen Wohnsitz im Land des Arbeitgebers, die Fahrerqualifikation für schwere Lkw sowie eine medizinische und psychologische Eignungsprüfung durch amtlich zugelassene Ärzte. Das klingt aufwendig, ist in Polen aber ganz einfach: Die interessierten Unternehmen mussten bis vor kurzem lediglich ankreuzen, dass ihnen die entsprechenden Dokumente vorliegen, eine Prüfung fand nicht statt. Erst seit März müssen sie zumindest Kopien beibringen. Ob diese echt sind, könne aber mangels Personal nicht immer geprüft werden, gesteht die Behördenchefin. Das heißt, die tatsächliche Eignung von zigtausend Lkw-Fahrern, die mit 40 Tonnen im Rücken über Europas Straßen fahren, wurde nie amtlich untersucht.

Die Profiteure sind vornehmlich westliche Unternehmen und ihre Kunden, wie die niederländische Großspedition De Rooy, die auf Transporte der neuen Fahrzeuge von Lkw-Herstellern wie Renault, DAF, Iveco oder Volvo spezialisiert ist. Für die polnische Tochter meldet DeRooy Jahresumsätze von bis zu 20 Millionen Euro. Vor Ort ist sie aber lediglich als Briefkastenfirma unter der Adresse eines Warschauer Büroservice-Anbieters registriert. Die rund 500 Fahrer der Firma, vornehmlich aus der Ukraine und Rumänien, arbeiten auch nicht in Polen, sondern fast ausschließlich im Westen. Das bestätigen vier ukrainische De-Rooy-Fahrer, die auf einem Parkplatz im belgischen Gent mit einer Ladung von Volvo-Maschinen Halt machen. Aus Polen wird also keine Transport-Dienstleistung exportiert, sondern lediglich billiges Personal. Fragen zu diesem Geschäftsmodell wollte die Firma nicht beantworten.

Mangels Aufsicht werden insbesondere die EU-fremden Fahrer häufig Opfer illegaler Praktiken. Das erfuhr etwa der 32-jährige Georges Munteanu, der sich 2016 in Chisinau, der Hauptstadt Moldawiens, von einem Vertreter der holländischen Spedition Brinkman anheuern ließ. Er erhielt einen polnischen Arbeitsvertrag und bekam ein Testat der Warschauer Behörde, aber er hat dort nie gewohnt oder gearbeitet. Stattdessen brachte man ihn mittels tagelanger, unbezahlter Kleinbusfahrten zu den Firmenstationen in Belgien oder Schweden, von wo aus Brinkman als Subunternehmen des Logistikkonzerns Ewals Lieferungen für BMW, Mercedes und Scania abwickelte. Krankenversichert war Munteanu nur als Tourist. Neben dem steuerfreien Standardlohn von 40 Euro pro Tag, hatte man ihm zahlreiche Boni versprochen: fünf Euro pro Tag für teure Länder wie Schweden, weitere fünf für „gute Arbeit“, noch mal zwei für Sprachkenntnisse und einige mehr. „Doch dann fanden sie immer einen Grund, das nicht zu bezahlen“, erzählt er. „Ein falsches Komma im Fahrbericht reichte schon.“ Immer wieder habe ihm die Firma den Lohn um hunderte von Euro gekürzt. Auf Nachfrage erklärte Brinkman, die polnische Tochter sei Ende 2016 aufgelöst worden, man arbeite jetzt mit einer Firma namens Hoekman, die völlig unabhängig sei. Deren Chef ist allerdings ein früherer Angestellter von Brinkman. Und Munteanu erhielt keinen neuen Arbeitsvertrag, sondern nur eine Mitteilung, dass sein Arbeitgeber jetzt Hoekman heiße.

Dass all das illegal ist, erfuhr der junge Moldawier jedoch erst, als ihn eines Sonntags auf einem Rastplatz in Venlo ein Holländer namens Edwin Atema ansprach. Der 39-jährige Aktivist ist so etwas wie der gute Geist der Fernfahrerzunft in der EU. Zehn Jahre hat er selbst Lastzüge gesteuert, bis er 2009 bei der niederländischen Gewerkschaft FNV anheuerte, um gegen das grassierende „Sozialdumping“ in der Branche vorzugehen. Fast jedes Wochenende ist er seitdem unterwegs, um den Fahrern ihre Rechte zu erklären und die illegalen Methoden ihrer Arbeitgeber zu dokumentieren. Atema, ein kräftiger Mann mit Glatzkopf, Brille und Bauchansatz, ist eher der gemütliche Typ, der stets gute Laune verbreitet. Aber wenn er über seine Erfahrungen auf den Rastplätzen spricht, dann überkommt ihn heiliger Zorn: „Diese Branche ist moralisch verkommen bis auf die Knochen“, empört er sich. Die Fahrer „werden ihrer Würde beraubt“ und seien „Opfer von Wirtschaftsverbrechern“.

 Das klingt übertrieben. Selbst viele Fahrer würden ihm widersprechen, weil sie netto meist mehr Geld bekommen als mit einem regulären Job in der Heimat. „Trotzdem ist es Unrecht“, insistiert Atema. Das beklagt auch der junge deutsche Gewerkschafter Michael Wahl, der für das DGB-Projekt „Faire Mobilität“ die Beratung für Lkw-Fahrer koordiniert. „Sie arbeiten bei uns, ihre Auftraggeber sitzen hier, also müssen sie auch nach hiesigem Recht angestellt und bezahlt werden“, fordert Wahl. Tatsächlich schreibt die geltende EU-Richtlinie zur Entsendung von Arbeitnehmern ins EU-Ausland vor, dass für diese die Bestimmungen des Arbeitsortes gelten. In den Niederlanden und in Skandinavien steht den Fahrern darum die Bezahlung nach dem dort allgemeinverbindlichen Tarifvertrag zu. In Frankreich, Belgien und Deutschland haben sie Anrecht auf den Mindestlohn einschließlich Kranken- und Rentenversicherung sowie bezahlten Urlaub. Wegen der langen Warte- und Ladezeiten sind die meisten Fahrer 60 Stunden in der Woche im Einsatz und müssten daher für die Arbeit in Deutschland 2330 Euro brutto bekommen. Netto wären das 1790 Euro, eine Summe, die viele mit den abgabenfreien Tagespauschalen tatsächlich verdienen. Dazu hätten sie aber noch Recht auf eine Absicherung für Krankheit und Alter sowie bezahlten Urlaub.

Vor Gericht hat Atemas Gewerkschaft die niederländischen Standards für Fahrer aus dem Osten schon mehrfach durchgesetzt, wenn er sie zu einer Klage überreden konnte. Erst im August verurteilte ein holländisches Berufungsgericht das Unternehmen Brinkman wegen Bruch des Tarifvertrages zu einer Strafe von 100 000 Euro und Nachzahlungen an die Fahrer. Auch das Finanzgericht Baden-Württemberg entschied jüngst gegen zwei slowakische Speditionen, die sich geweigert hatten, die Einhaltung des deutschen Mindestlohngesetzes nachzuweisen.

Gleichwohl kämpfen Atema und seine Kollegen bisher weitgehend vergeblich. Denn auch die westlichen EU-Staaten versagen bei der Durchsetzung der geltenden Normen. Das weiß keiner besser als der belgische Polizei-Inspektor Raymond Lausberg, der mit seinen Beamten seit Jahren gegen den Wildwuchs im Transportgeschäft vorgeht. „Wenn wir einen belgischen Anhänger mit einer ungarischen oder rumänischen Zugmaschine sehen, dann ist es so gut wie sicher, dass sie betrügen“, erzählt er während einer Razzia auf dem Rastplatz Soumagne an der A40 nahe der deutschen Grenze. „Warum sonst sollte eine belgische Firma eine Firma aus dem Osten beauftragen, wenn es nicht um Sozialdumping zu Lasten der Fahrer geht?“ Deren Schicksal geht ihm zu Herzen. „In den Kabinen stinkt es oft unerträglich, sie können sich und ihre Kleidung nicht richtig waschen, wir finden sogar oft Flaschen mit Urin am Straßenrand von Fahrern, die nicht mal zum Pinkeln anhalten“, sagt er. „Ist dies das Europa, das wir wollen?“

Diesmal wird er gleich beim ersten Lastzug fündig. Dort weckt er einen Fahrer der ungarischen Firma Waberer’s, die mit mehr als 4000 Lastzügen Marktführer in Europa ist. Lausberg zieht die Fahrerkarte aus dem Tachografen, der die Lenk- und Ruhezeiten aufzeichnet. Er liest die Daten mit seinem Laptop aus und sieht sofort, dass der Mann drei Wochen unterwegs war, ohne einmal zwei Tage am Stück auszuruhen. Das aber ist spätestens nach zwei Wochen Pflicht. Zugleich ist er wegen der verbotenen Rast in der Kabine dran. Der Fahrer, der wie viele seiner Kollegen am Sonntag schon mittags betrunken ist, zahlt klaglos die fälligen 2000 Euro Bußgeld. Die Kreditkarte ist auf seinen Arbeitgeber Waberer’s ausgestellt.

 So geht das acht Stunden lang, dann haben Lausberg und seine an drei Rastplätzen eingesetzten Teams wieder fast 50 000 Euro für die Staatskasse eingenommen. Aber er macht sich keine Illusionen. „Was wir tun, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt er. Mehr als 7000 Lkw passieren allein diese Autobahn jeden Tag. Lausbergs Team dagegen kommt nur auf 3500 Kontrollen im ganzen Jahr. Für die betroffenen Firmen sind die Strafen lediglich eine kleine Zusatzgebühr.

Die Belgier gehen noch am strengsten vor. In Deutschland verfügt das zuständige Bundesamt für Güterverkehr über gerade mal 215 Kontrollbeamte für den gesamten Lkw-Verkehr. Wenn Fahrer ihre Ruhezeiten unterschreiten, sind lediglich 120 Euro pro fehlender Stunde fällig. Die verbotene Rast auf den Parkplätzen wird fast nie geahndet, weil die Kontrolleure erst dann Bußgelder verhängen, wenn die vorgeschriebenen 45 Stunden schon überschritten sind. Für die Überprüfung der Löhne ist wiederum die Finanzkontrolle Schwarzarbeit des Zolls zuständig, die ohnehin unterbesetzt ist. Und wenn geprüft wird, dann fordert die Behörde erst mal die Unterlagen bei den Arbeitgebern an. Im Jahr 2017 wurden daher gerade mal 217 Ermittlungsverfahren wegen Verstößen gegen das Mindestlohngesetz bei Kraftfahrern eingeleitet, und das einschließlich der ebenfalls für Lohndumping bekannten regionalen Lieferdienste für den Onlinehandel. Die abschreckende Wirkung ist vermutlich begrenzt.

Das entspricht so gar nicht der offiziellen Position der Bundesregierung. Noch unter Führung der früheren Arbeitsministerin Andrea Nahles formierte sie Anfang 2017 mit neun weiteren EU-Ländern die sogenannte „road alliance“, um schärfere Regeln zum Schutz der Fahrer durchzusetzen.

Dagegen steht die geschlossene Front der EU-Regierungen aus Osteuropa, die das Vorhaben gemeinsam mit den Logistikkonzernen als „Protektionismus“ des Westens geißeln. Einer der Wortführer dabei ist Ferenc Lajkó, der Chef von Waberer’s, dem EU-Marktführer aus Ungarn mit der Sonne im Logo. Lajkó behauptet, es gebe gar „kein Sozialdumping“ mehr. Dagegen spricht nicht nur die Erfahrung der belgischen Polizei. Zwei weitere rumänische Fahrer von Waberer’s berichteten Investigate Europe auf dem Rastplatz Aachener Land, dass sie drei Monate am Stück führen und stets in ihren Kabinen übernachteten. Zudem betragen ihre Arbeitsphasen einschließlich der Warte- und Ladezeiten 60 Stunden pro Woche. Die Fahrer verdienen nach Angaben von CEO Lajkó selbst im Schnitt aber nur 1600 Euro netto im Monat, werden also gemessen an ihrer Arbeitszeit weit unter dem deutschen und erst recht dem französischen Mindestlohn bezahlt. Eine Stellungnahme zu diesem Widerspruch lehnt der Konzern ab, ließ er über einen Anwalt mitteilen.

Die Inszenierung des Problems als Interessenskonflikt zwischen Ost und West ist allerdings irreführend. Das demonstriert etwa der Verband „Transport Logistics Poland“. Der verteidigt vehement den vermeintlichen polnischen Wettbewerbsvorteil, aber viele seiner Mitgliedsfirmen haben ihren Hauptsitz im Westen.

Wie hart der politische Streit geführt wird, zeigt ein einzigartiger Vorgang im EU-Parlament im vergangenen Juni. Dort hatte die Kommission ein „lex specialis“ für die Transportbranche vorgelegt. Demnach sollten die Regeln für die Entsendung von Arbeitnehmern ins Ausland, also die Pflicht zur Zahlung ortsüblicher Löhne und Sozialabgaben, bei Lkw-Fahrern erst vom vierten Tag des Aufenthalts in einem Land gelten. Weil die Tachografen in den Fahrzeugen keine Grenzübetritte aufzeichnen, wäre die Vorschrift kaum durchzusetzen. Darum wies der beratende Ausschuss für Beschäftigung das Ansinnen zunächst zurück. Doch dann geschah etwas Merkwürdiges: Im hauptverantwortlichen Ausschuss für Transport verabschiedete eine Mehrheit überraschend eine noch radikalere Version des Gesetzes. Demnach sollte der grenzüberschreitende Lkw-Verkehr gänzlich vom Prinzip gleicher Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort befreit werden. Dafür stimmten nicht nur die Osteuropäer aller Fraktionen, sondern bei den Konservativen auch die Parlamentarier aus Deutschland, Frankreich und Holland. Ausgerechnet der CSU-Abgeordnete und Fraktionschef Manfred Weber, neuerdings Bewerber für das Amt des Kommissionspräsidenten, hatte mit einer persönlichen E-Mail Druck gemacht und Zustimmung zur Radikalliberalisierung gefordert, „auch wenn es Ihnen schwerfällt“. Da müsse man „die Reihen schließen“, schrieb er.

Käme es tatsächlich dazu, „dann gibt es in Europa zwei Klassen von Arbeitnehmern, eine mit allen Rechten und uns Rechtlose auf dem Lkw“, protestierte ein belgischer Fahrer nach dem Votum noch im Sitzungssaal. Daraufhin forderten an die 100 Abgeordnete, den Vorgang im Plenum zur Abstimmung zu stellen. Prompt hob die Parlamentsmehrheit eine Woche später den Beschluss wieder auf. Nun ist allerdings völlig offen, wie es weitergeht. Genauso paralysiert ist auch der Ministerrat, sagt ein belgischer Ministerialer, der dem zuständigen Gremium angehört.

Gibt es also keine Hoffnung auf Besserung für das Leben der Autobahn-Nomaden? Doch, meint Gewerkschafter Atema. Es gelte, die eigentlichen Profiteure zur Verantwortung zu ziehen: Die großen Auftraggeber für Ferntransporte sollen die Einhaltung der Gesetze bei ihren Geschäftspartnern durchsetzen, fordert er. Dazu zählen vor allem die Automobilkonzerne, deren europaweite Zulieferketten ein gigantisches Transportvolumen erzeugen. So werden im Logistikzentrum von Audi in Ingolstadt bis zu 500 Lastzüge pro Tag abgefertigt. Die Aufträge dafür ergehen jedoch ausschließlich an die Anbieter mit dem niedrigsten Preis. Das bestätigte Jon Kuiper, der Chef des niederländischen Logistikers Koopman, im Gespräch mit Investigate Europe. Seine Firma liefert vor allem neue Wagen aus und ist daher mit den meisten Autokonzernen im Geschäft. Noch bezahlt er seine Fahrer nach niederländischem Tarif. Aber das wird immer schwieriger. „Für unsere Kunden ist der Transport eine Ware wie alle anderen, und dafür fordern sie von uns jedes Jahr eine Senkung der Preise“, berichtet er. Weil aber die Kosten für Diesel, Fahrzeuge und Maut nicht zu drücken sind, bleiben nur die Fahrerkosten. Da seien „Wettbewerber, die sich nicht an die Regeln halten“ im Vorteil.

Dabei versprechen die Richtlinien zur sozialen Verantwortung, denen sich die Autohersteller verschrieben haben, das genaue Gegenteil. So heißt es in der Sozialcharta von Volkswagen, „die Vergütungen, die für eine normale Arbeitswoche gezahlt werden, entsprechen mindestens dem rechtlich gültigen und zu garantierenden Minimum“ und „Volkswagen unterstützt und ermutigt ausdrücklich ihre Geschäftspartner, diese Erklärung in ihrer jeweils eigenen Unternehmenspolitik zu berücksichtigen“. Auch der BMW-Konzern fordert in den Richtlinien für seine Geschäftspartner, es sei „von überragender Bedeutung, dass unternehmerische Aktivitäten die soziale Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern berücksichtigen“ , und dies gelte „auch für Zulieferer“. Tatsächlich müssten auch die Spediteure in den Verträgen mit den Autofirmen stets die Einhaltung solcher Richtlinien bestätigen, erzählt Kuiper. „Aber da macht man nur ein Kreuz an der richtigen Stelle“, sagt er. „Die Einhaltung dieser Verpflichtung ist nie entscheidend für die Auftragsvergabe.“

Nicht zufällig trafen die Reporter von Investigate Europe darum auf den Warteplätzen vor den Fabriken von Renault, Fiat, Jaguar-Landrover, Volkswagen und BMW sowie deren Tochtermarken Audi, Porsche und Mini in großer Zahl auf die Fahrzeuge all der Firmen, die ihre Lastzüge von billigen Wanderarbeitern aus dem Osten fahren lassen. Auf Nachfrage versicherten Sprecher von Volkswagen und BMW jedoch, dass von möglichen Rechtsbrüchen und illegalen Praktiken ihrer Transportpartner nichts bekannt sei. Immerhin verspricht Volkswagen, man „gehe allen Hinweisen auf Verstöße gegen unsere Nachhaltigkeitsanforderungen konsequent nach“. Bei Bestätigung des Verdachts werde der Lieferant aufgefordert, „einen Maßnahmenplan zur Behebung der Problemlage vorzulegen“.

Vielleicht sollten die Verantwortlichen Ausflüge auf die Parkplätze vor den firmeneigenen Lieferzentren wagen und mit den dort wartenden Fahrern über deren Arbeitsbedingungen sprechen.

Die nötigen Hinweise kämen gewiss.

*Die Namen der Fahrer wurden geändert.


Aus: "Das schmutzige Geschäft mit Lkw-Fahrern aus Osteuropa" Harald Schumann Elisa Simantke (08.10.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/investigate-europe-recherche-das-schmutzige-geschaeft-mit-lkw-fahrern-aus-osteuropa/23146010-all.html


Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #809 on: October 10, 2018, 03:26:36 PM »
Quote
[...] Resi hätte es wissen können. So las sich das Kosthäppchen aus dem Verbrecher Verlag zur Ankündigung dieses neuen Romans von Anke Stelling. Resi ist ihre Erzählerin, von der man nicht so recht weiß: Wie viel Anke Stelling steckt eigentlich in ihr? Und wie viel Enttäuschung über Freunde, die sich entpuppen, wenn es um Geld geht und die Grenzen, die sie ziehen, wenn eine den verlogenen Schein infrage stellt?

Und wüssten wir nicht, dass Anke Stellung in Ulm geboren wurde, im schönen Schwaben, woher auch Resis Freunde alle kommen, mit denen sie gemeinsam das Gymnasium besucht hat und dann – noch in den wilden 1990ern – den Abflug nach Berlin gewagt hat, wir würden ins Grübeln kommen.

Kommt sie denn nicht aus Cottbus? Oder Chemnitz? Oder – sagen wir mal: Bitterfeld? Da, wo junge, kluge Frauen genauso gelernt haben, das Leben zu meistern: mit wenig Geld, ohne finanzielle Unerstützung durch die Eltern, in lauter Provisorien, in denen sie den nicht vorhandenen Reichtum dadurch kaschieren, dass sie lieber alles selber machen?

Dieser Roman ist wichtig. Weil er in herrlicher Gnadenlosigkeit zeigt, dass die heutigen Scheingefechte zwischen West und Ost zutiefst verlogen sind. Was wohl die Berliner als erste gemerkt haben. Sie haben erlebt, wie Verdrängung und Gentrifizierung passieren. Und sie haben ihr Feindbild an die Wände gemalt: die Schwaben.

Ist es Zufall, dass auch Resis Freunde von da kommen?

Wahrscheinlich nicht. Denn für die Kinder gut betuchter Familien war die Öffnung des Ostens (Ich schreib’s hier extra noch mal hin: Wir haben den Osten geöffnet. Auch für unsere lieben Brüder und Schwestern. Freiheit ist, wenn eingesperrte Leute ihre Mauern einreißen, nicht wenn Onkel Kurt mit dem Mercedes vorfährt) auch eine Chance, ein riesiges Stück Freiheit, ein paar von ihren Träumen zu verwirklichen.

Was so in München, Stuttgart und Frankfurt schon lange nicht mehr ging. In Berlin, der „Armutshauptstadt“, schon. Da war auf einmal experimenteller Raum. Und viele gut betuchte Familienväter kamen auf einmal wieder in den Besitz von Ostberliner Immobilien. Sogar im S-Bahn-Ring. So auch in diesem Fall, auch wenn Resi die ganze Zeit rätselt, wie das geschah – ob durch Restitution oder einfach als Schnäppchen. Wer 1990 Geld hatte, konnte sich billig eindecken.

Wem gehört Berlin heute?

Resi erfährt es. Am eigenen Leibe. Denn ihre Geschichte beginnt mit einem hundsgemeinen Brief. Einer ihrer alten schwäbischen Freunde, in dessen Mietwohnung sie als Untermieterin mit ihrer kleinen Familie unterkam, teilt ihr in Kopie mit, dass er die Wohnung gekündigt hat. Kein Gespräch vorher, keine Erklärungen. Resi muss selbst herausfinden, was nicht stimmt.

Und sie lernt – ein bisschen spät mit über 40 – ihre alten Freunde von einer Seite kennen, von der sie sie bisher nicht kennen wollte. Weil scheinbar alle gleich waren, damals, am Gymnasium. Da hatte sie nicht wirklich wahrnehmen wollen, dass sie selbst zwar eine echte Aufsteigerin war aus einer Familie, in der das Geld immer knapp war, und dass die neuen Freunde und Freundinnen, die sie am Gymnasium kennenlernte, zwar dufte Menschen waren, aber …

Das Aber zerschneidet unser Land in zwei säuberliche Teile. Die, die sich mit Geld alles kaufen können, auch ein selbst gebautes Haus für die ganze Clique in Berlin. Und die, denen ein mitfühlender Freund quasi nebenbei anbietet, den Mit-Einzug zu spendieren. Weil man sich ja kennt und befreundet ist.

Aber Resi ist nicht mit eingezogen, blieb mit ihrem Freund Sven und den vier Kindern lieber in der Altbauwohnung. Etwas war ihr suspekt an diesem Angebot. Was es war, kann sie erst sagen, als sie die Kündigung in den Händen hält und darüber nachdenkt, warum die Menschen, die ihr immerfort versichern, sie zu lieben, so begegnen. Auch Ulf, der Architekt, in den sie mal verliebt war, den sie hätte heiraten können. Aber auch da gab es schon, wie sie sich erinnert, diese unausgesprochenen Grenzen, die ihre Welt von der Welt ihrer gut versorgten Mitschüler trennte.

Die Szenen, die sie mit Ulf und seiner Familie erlebte, vermischen sich mit den Erinnerungen ihrer Mutter, die einmal ganz Ähnliches erlebte. Irgendwann, wenn die Geliebte den Ansprüchen nicht mehr genügt, bekommt sie es gezeigt und muss gehen.

Die Lektion hat Resi gelernt. Und lernt sie jetzt erst richtig. Denn jetzt lernt sie – auch wenn sie es nicht wirklich wahrhaben will – ihre Freunde erst richtig kennen. Sie lernt, wie schnell man sich in deren Augen schuldig macht, wenn man seine Gefühle zeigt, seine Zweifel und sein Unbehagen. Wie es Resi in einem Zeitschriften-Artikel getan hat, der sich mit der Bauwut der Neuberliner beschäftigte und dem, was daraus dann am Straßenrand wurde. Und ein Buch hat sie wohl auch noch darüber geschrieben.

Normalerweise fällt so etwas wie ein Stein ins Wasser. Normalerweise reagiert in der so aufs Äußere bedachten Bundesrepublik niemand darauf, gibt es nicht einmal eine kleine öffentliche Kritik. Unser Feuilleton ist brav. Denn natürlich schreiben da vor allem Leute, die aus demselben Milieu kommen wie die Häuslebauer und Bewohner all der schnieke sanierten Prachtstraßen in Berlin, in denen heute keiner mehr von den ärmlichen Bewohnern zu finden ist, die hier mal wohnten, als Berlin noch eine graue Maus war.

Leute, zu denen sich Resi eigentlich zählt – denn sie hat zwar Erfolg mit ihren Romanen. Aber sie kann sich nicht mit ihren Freunden vergleichen, die kraft ihrer Beziehungen in ganz anderen Einkommensverhältnissen gelandet sind.

Sie haben ihre Schäfchen im Trockenen, um mal den Titel aufzugreifen. Sie hatten ihre Schäfchen schon im Trockenen, als sie geboren wurden. Denn der Reichtum in Deutschland wird vererbt. Wer reich ist, muss keine Romane schreiben, in denen er versucht, auf ganz menschlicher Ebene auszuloten, was schiefläuft in dieser Welt.

Und warum die Sprüche, die man dafür bekommt, wenn man doch wieder scheitert, so hinterfotzig sind, boshaft, voller Verachtung. Und Resi bekommt etliche solcher „coolen“ Sprüche zu hören von ihren Freunden. Sie hätte es doch wissen müssen. Oder – frei nach Franz Josef Degenhardt: So etwas macht MAN nicht.

Ein Vierteljahr hat Resi Zeit, darüber nachzudenken, dann müssen sie, Sven und die Kinder raus aus der vertrauten Wohnung mit dem 18 Jahre alten Mietvertrag. Zeit genug, herauszufinden, was sie wohl falsch gemacht haben könnte. Und was ihre tollen Freunde, mit denen sie einmal auf dem Hausdach gefeiert hat, eigentlich meinen, wenn sie sie jetzt zum Sündenbock machen, nur weil sie finden, Resi hätte so nie über sie in der Öffentlichkeit schreiben dürfen. Sie hat damit, wie es aussieht, am Lack gekratzt.

Sie bekommt es auf die harte Tour eingebläut, dass es in diesem Land nicht um Gleichheit oder Freiheit geht, sondern um Status. Wer es nicht packt, seinen Status zu verbessern (und sei es, dass sie den reichen Ulf heiratete), der ist ein Versager. Oder genauer: Der wird zum Versager gestempelt. Nicht ohne Grund nimmt Frank einen billigen Stempel, um Resi die Kündigung des Mietvertrages zukommen zu lassen.

Es dauert eine Weile, aber man spürt, wie in Resi nicht nur die Verärgerung wächst – nebst der Scham, die ihr die seltsamen Antworten ihrer Freunde einzupflanzen versuchen. Aber sie wird auch wütender. Jedem Einzelnen schreibt sie nach und nach eine Mail – wobei man als Leser nie weiß, ob sie die Mails wirklich abschickt. In einer Mail an Ulf, der nicht mal in einem klärenden Gespräch fähig ist, mit Resi tatsächlich über die Gründe für das Verhalten der Gruppe zu sprechen, wird sie am Ende sehr deutlich.

Willkommen in der Wegwerfgesellschaft, könnte man schreiben.

Denn wie beiläufig (und wohl gedankenlos) hat Ulf seinen Kumpel Frank mit der Aussage in Schutz genommen, der habe doch nur endlich einmal ausmisten wollen.

„Jetzt sehe ich, dass ich und mit mir meine Familie von Euch schon nicht einmal mehr als Menschen betrachtet werden, sondern als Müll“, schreibt Resi.

Und auf einmal wird hinter ihren arrivierten Freunden eine ganze Gesellschaft sichtbar. Denn nicht nur jede Menge Ostdeutscher haben genau das erlebt – wie Müll behandelt zu werden. Von gut bezahlten, gut gekleideten und immer freundlichen Menschen aus einer anderen Welt.

Denn dass sie aus einer völlig anderen Welt kommen, in der sie sich Resis Sorgen überhaupt nicht vorstellen können, das hat sie nun langsam begriffen. Es ist eine Schein-Welt, eine, die Menschen dazu bringt, jederzeit so zu tun, als wären sie super erfolgreich, super gut drauf und beneidenswert.

Oder aus einem Dialog Resis mit ihrer klugen großen Tochter Bea zitiert, die damit hadert, dass sich ihre Familie keine Ferienreise nach Amerika oder in die Berge leisten kann, die besser betuchten Kinder der Klasse aber lauter tolle Instagram-Fotos posten: „Gepostet um zu blenden, anzugeben, zu behaupten? Dir ein Minderwertigkeitsgefühl zu vermitteln, dich auszustechen, dir den Wunsch nach etwas einzuimpfen, das gar nicht existiert?“

Es ist wohl der bitterste und schärfste Roman, der über unsere neu-deutsche Wirklichkeit seit langem geschrieben wurde. So genau und bissig, dass man merkt, wie tief verletzt nicht nur Resi ist von diesem neoliberalen Gehabe, wie sie es nennt, mit dem immerfort alle Unterschiede zugekleistert werden, damit nur ja keiner sieht, dass die Spaltung durch die ganze Gesellschaft geht und die, die es haben, regelrecht mit Verachtung auf alle, wirklich alle herabschauen, die in brotlosen Jobs (der Schriftstellerei zum Beispiel) feststecken und sich am Ende keine Wohnung mehr im Berliner S-Bahn-Ring leisten können. Motto: Da habt ihr es wohl einfach nicht begriffen.

Resi begreift sehr wohl, auch wenn keiner ihrer alten Freunde den Mumm hat, über die tatsächlichen Gründe hinter der Kündigung (auch der Freundschaften) zu sprechen. Sie kann die Zeichen und Worte lesen. Und sie weiß: „Wir sind Opfer. Und unseres Glückes Schmied! Wir machen uns gut in egal welcher Kulisse, sind Protagonisten unseres Lebens …“

Nur Weihnachten findet dann halt nicht mehr innerhalb des S-Bahn-Rings statt, wo die Kinder der Reichen zusehends unter sich bleiben, sondern in Ahrensfelde, oder so. So genau weiß man das nicht, denn manchmal erzählt Anke Stelling auch ein paar phantasievolle Alternativgeschichten, sodass man sich die mögliche Variante aussuchen kann. Aber dann doch lieber Ahrensfelde als Marzahn.

Wie gut kennt man das.

Der Riss in Deutschland geht nicht zwischen Ost und West, wie uns die gut bezahlten Edelfedern die ganze Zeit zu erzählen versuchen. Er verläuft zwischen den immer schon Reichen und immer Reicheren und denen, denen sie so gerne ihre Verachtung zeugen. Punkt.

Ein herrlich bissiger Roman. So herzerfrischend, dass man so langsam ahnt, warum die verdrängten Berliner die Schwaben nicht leiden können.

Anke Stelling Schäfchen im Trockenen, Verbrecher Verlag, Berlin 2018


Aus: "Schäfchen im Trockenen: Der gnadenlos bissige Roman über die schönen verlogenen Reichen von heute" Ralf Julke (10. Oktober 2018)
Quelle: https://www.l-iz.de/bildung/buecher/2018/10/Schaefchen-im-Trockenen-Der-gnadenlos-bissige-Roman-ueber-die-schoenen-verlogenen-Reichen-von-heute-237625