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Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 154218 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #645 on: July 18, 2017, 10:14:51 AM »

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[...] Selbst wenn man die Monarchie mit der Queen an der Spitze außen vor lässt, zerfällt die britische Gesellschaft heute in sieben Klassen. Das ergab die Great British Class Survey, eine von der BBC im Jahr 2013 veröffentlichte Studie der Wissenschaftler Mike Savage von der London School of Economics und Fiona Devine von der University of Manchester. Aufgeschlüsselt nach ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital identifizierten die Wissenschaftler folgende Klassen: Elite, etablierte und technische Mittelklasse, neu-wohlhabende Arbeiter, traditionelle Arbeiterklasse, junge Dienstleistungsarbeiter und Prekariat.

Gerade um die unteren Klassen steht es nicht besonders gut. Die Autoren der BBC-Studie sortieren fast die Hälfte der Bevölkerung in die drei untersten Klassen ein, allein 15 Prozent zählen sie zum Prekariat. Diese Menschen haben ein durchschnittliches Jahreseinkommen von nur 8.000 Pfund, so gut wie keine Ersparnisse oder Grundbesitz und sind auch sozial und kulturell benachteiligt. Es sind die Angehörigen dieser Klasse, über die die Labour-Abgeordnete Emma Dent Coad kürzlich in ihrer ersten Rede im britischen Unterhaus sprach. Sie wurde kurz vor dem Grenfell-Brand als erste Labour-Abgeordnete für den Bezirk Kensington ins Parlament gewählt und berichtete von den Lebensbedingungen, die es dort gibt: fünf Kinder, die sich eine Matratze teilen, Mangelernährung, giftiger Schimmel, chronische Krankheiten, all das habe sie zwischen Royal Albert Hall und Naturkundemuseum gesehen.

Etwa 5.000 Pfund sparte man bei der Renovierung des Grenfell Towers, wie der Guardian berichtete, weil man statt brandbeständiger Verkleidungen lieber die günstigere Variante nahm, die nun im Verdacht steht, dazu beigetragen zu haben, dass sich die Flammen so schnell verbreiteten.Auch die Feuerwehrleute, von den Briten als Helden gefeiert, klagen über Sparmaßnahmen des ehemaligen Londoner Bürgermeisters und jetzigen Außenministers Boris Johnson. Die Polizei stimmt in diese Kritik ein, auch das staatliche Gesundheitssystem NHS funktioniert nach einer Reihe von wirtschaftlichen Amputationen schlecht. Vor der Wahl hatte Theresa May vorgeschlagen, das kostenlose Schulessen für Kinder aus armen Familien zu streichen und Pflegebedürftige für ihre Versorgung bis zu 100.000 Pfund selbst zahlen zu lassen.

Wer nach den Ursachen für diese Armut und damit für die extremen Unterschiede in der britischen Gesellschaft sucht, muss sich drei Faktoren vor Augen führen. Er muss erstens zurückgehen in die britische Geschichte bis in die ausgebliebene bürgerliche Revolution vor mehr als 200 Jahren, muss sich zweitens ansehen, wie unbeweglich das britische Bildungssystem immer noch ist, und muss drittens verstehen, wie der Neoliberalismus der vergangenen 40 Jahre die Situation verschärft hat.

Es ist nicht übertrieben, eine Ursache für das heutige Klassensystem in der Zeit der Französischen Revolution zu suchen, eine Revolution, die auf der Insel so nicht stattgefunden hat. Während auf dem europäischen Festland das Bürgertum dem Adel seine Ländereien und Sonderrechte streitig machte, schaffte es die herrschende angelsächsische Klasse einigermaßen unfallfrei, sich in die neuen Verhältnisse einzusortieren. So kommt es, dass sich Nachnamen wie Baskerville, Montgomery, Darcy oder Percy, die auf reiche Großgrundbesitzer zu Zeiten der normannischen Eroberer von 1066 zurückgehen, bis zum heutigen Tag überproportional in den Immatrikulationslisten der prestigeträchtigen Universitäten von Oxford und Cambridge finden, ebenso im Parlament oder in Erburkunden. Der schottische Wirtschaftsprofessor Gregory Clark hat das in seinem Buch The Son Also Rises: Surnames and the History of Social Mobility anschaulich zurückverfolgt.

Die soziale Mobilität, also die Möglichkeit, von der einen Klasse in andere auf- oder auch abzusteigen, ist in Großbritannien besonders gering. So dauert es für Angehörige der untersten Klasse zehn Generationen, um sich einen Weg in die Mitte der Gesellschaft zu erarbeiten, hat Clark herausgefunden. Umgekehrt ist für scheiternde Eliten der Absturz entsprechend sanft.

Als Voraussetzung für hohe soziale Mobilität gilt allgemein ein Bildungssystem, das auch den Angehörigen der unteren Schichten gute Chancen bietet. Doch in Großbritannien hängt es noch heute von der Klassenzugehörigkeit ab, wer welche Schule besucht. Und das hat Folgen: Nur sieben Prozent der Briten haben nicht staatliche Schulen besucht, aber sie machen mehr als 70 Prozent der Justiz und des Militärs aus, 60 Prozent der höheren medizinischen Berufe und 50 Prozent der Journalisten, Verwaltung und sogar des Kabinetts. Das zeigt eine Untersuchung des Sutton Trust.

Ähnliche Zusammenhänge weist auch die BBC-Studie für Universitäten auf. Überdurchschnittlich viele Angehörige der Eliten waren auf angesehenen Hochschulen und landeten danach im Topmanagement, anderen prestigeträchtigen Berufen oder in der Politik: 10 von 23 Kabinettsmitgliedern in Theresa Mays neuer Regierung haben Abschlüsse von Oxford oder Cambridge, sie selbst auch. Drei ihrer Minister kommen aus dem gleichen Studiengang: PPE – Philosophy, Politics, and Economics an der University of Oxford. Dieser Studiengang, so schrieb der Guardian einmal, "lenkt Großbritannien". Damit ist nicht nur die Politik gemeint, die rechts wie links von Absolventen dieses Programmes dominiert wird, sondern auch die Medien und Politikbeobachter.

Als Ergänzung zu diesem Bildungssystem mit seinen teuren Privatschulen und Topuniversitäten wurden im 19. Jahrhundert die staatlichen Schulen konzipiert – allerdings nicht, um den unteren Klassen besondere Aufstiegschancen zu verschaffen, sondern um sie unter Kontrolle zu halten, urteilt die Erziehungswissenschaftlerin Diane Reay von der Universität Cambridge. Etwa ein Jahrhundert später aber, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, zeichneten sich für die weniger privilegierten Klassen Veränderungen ab. Großbritannien hatte stark an Wirtschaftsleistung eingebüßt, lag zum Teil in Trümmern, der Lebensstandard war gering. Die benachteiligten Klassen machten sich hörbar. Der Staat musste etwas unternehmen.

Bei allen Gegensätzen einigten sich Labour und Konservative auf einen post war consensus. Die Nachkriegsregierungen setzten auf Keynesianismus, nahmen Kernindustrien unter staatliche Kontrolle und erkannten an, dass Interessen der Arbeiterschaft ebenso legitim sind wie die der höheren Klassen. Gewerkschaften spielten eine große Rolle in der Lohngestaltung und mit dem National Health Service wurde eine flächendeckende Krankenversicherung eingeführt. Das schaffte die Klassengesellschaft zwar nicht ab, verbesserte die Situation der Arbeiterschaft aber.

Doch trotz aller Verbesserungen, wirtschaftlich kam das Königreich im internationalen Vergleich nicht voran. Die Inflationsraten und Löhne waren zu hoch, das Außenhandelsdefizit zu groß. Diese sogenannte britische Krankheit veranlasste die Konservativen dazu, Ende der siebziger Jahre den Nachkriegskonsens aufzukündigen und eine Therapie mit neoliberaler Politik zu versuchen – zuvorderst umgesetzt von der Premierministerin Margaret Thatcher, die elf Jahre im Amt war. Die Ausgaben wurden begrenzt, wo es nur ging, Privatisierungen vorangetrieben. Damit hatte Thatcher zwar großen wirtschaftlichen Erfolg, aber das Land zahlte dafür einen hohen Preis: Die Ungleichheit nahm wieder stark zu. Ende der neunziger Jahre lag die relative Armut dreimal so hoch wie zu Beginn der Amtszeit Thatchers, schreiben die Sozialwissenschaftler Anthony Giddens und Patrick Diamond in The New Egalitarianism.

Wichtige Strukturen und Institutionen wie die Gewerkschaften, die für die Anliegen der unteren Klassen gekämpft hatten, wurden beinahe vollständig zerstört.

Erst Mitte der neunziger Jahre schlug der charismatische Labour-Politiker Tony Blair einen dritten Weg vor, zwischen Thatchers ungezügelter Marktwirtschaft und alten Labour-Sozialstaatsideen. Er gewann damit Wahlen, aber seine Versprechen, das Schulsystem und das von Thatcher beschnittene Gesundheitssystem zu verbessern, blieben weitgehend unerfüllt. Zwar ist das Schulsystem nicht mehr so hierarchisch, wie es noch in den sechziger Jahren war, doch es ist, mit all seinen Sonderregelungen und Reformen der vergangenen Jahrzehnte weit davon entfernt, für alle die gleichen Chancen zu bieten.

[...] Eine durchgreifende Reform, die das komplexe Schulsystem vereinfacht und Privilegien abbaut, hat es in Großbritannien bislang nicht gegeben.
Auch deshalb ist der Unterschied zwischen Arm und Reich in den vergangenen Jahrzehnten immer größer geworden. Wenn in den Nachkriegsjahren die Ungleichheit für einige Zeit abnahm, so nahm sie ab den achtziger Jahren wieder zu. Das zeigen Untersuchungen des Equality Trust, der von den Ungleichheitsforschern Kate Pickett und Richard Wilkinson gegründet wurde. Heute vereint das reichste Fünftel der Bevölkerung 40 Prozent der gesamten Einkommen auf sich. Die Ungleichheit zeigt sich auch jenseits der monetären Kategorien: Die Lebenserwartung im ärmeren Teil des Londoner Stadtteils Southwark ist sieben Jahre kürzer als im wohlhabenderen Teil. Auch die Chance, einen guten Schulabschluss zu erreichen, ist im ärmeren Teil um zehn Prozentpunkte geringer.

Die Ungleichheit besteht also an vielen stellen: zwischen Jungen und Alten, zwischen Stadt und Land und zwischen der weißen Mehrheit und den ethnischen Minderheiten. Die ökonomischen und sozialen Realitäten der Briten sind enorm divers. Das Konzept der Klasseneinteilung bildet diese Ungleichheiten an wichtiger Stelle ab.

Jeremy Corbyn, der seit 2015 Labour-Parteichef ist, will dieses Klassensystem nun verändern. Lange galt er als sozialistisches Schreckgespenst, doch mit dem Erfolg bei der jüngsten Wahl konnte er sich auch innerparteilich durchsetzen. Er hat ein linkes Gegenprogramm zur noch nachhallenden neoliberalen Blair-Ära aufgelegt, das vor allem der Parteibasis gefällt. Corbyn hat mit seiner Labour-Partei zwar nicht die Mehrheit bei der Wahl gewonnen, sie aber den Konservativen genommen und gezeigt, dass ein Programm für Bildung, Gesundheit und Sozialstaat seine Wähler findet. Viele dieser Wähler sind jung und Teil einer ethnischen Minderheit. Sie gehören also zu den Klassen, die von der Politik der vergangenen Jahrzehnte besonders benachteiligt wurden.

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Nikolas der zweite #31

Man hat den Eindruck, dass das Thema ohne den Brexit nicht von Interesse wäre. Dabei ist eine soziale Schieflage ein weit verbreitetes Phänomen in der EU, wenn gleich es in den reichen EU-Ländern offiziell marginalsiert wird.



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Staatsei Nr.1 #24

"Großbritannien ist nicht nur in der Frage des Brexit gespalten. Das Land ist immer noch eine Klassengesellschaft, sozialer Aufstieg ist fast unmöglich."

Ich frage mich, warum grundsätzlich immer nur vor anderer Leute Tür gekehrt wird? Die selbe Klassengesellschaft haben wir in Deutschland, die Probleme sind identisch. Leider liest man nach innen eher beschwichtigende Töne, zum selben Thema. Aber unliebsame Themen sind ja eh aus der Mode, die sucht man lieber im Ausland.


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Brendon Hickey #26

something that you dont mention is division on religious lines, if you're a catholic like me you go to a catholic school, protestants go to church of england school, muslims go to islamic school and jew go to jewish schools. i live in oldham, it has about 40% muslim population but my school was 100% white and catholic mostly ethnic irish people who are generations living in Britain, the school further up the road was 100% muslim.. it means from a young age you have a sense of them and us and of course when your kids and walk past the other school you throw stones at the windows :D

the grenfell tower was full of illegal immigrants and a lot of the people sublet the flats to people, do they dont even know who is missing.
https://www.theguardian.com/uk-news/2017/jul/02/grenfell-tower-residents-nearby-will-not-have-to-pay-rent-says-council


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Kulturpessimistin #28

Ein guter Artikel. Natürlich ist es in GB auch etwas einfacher, Strukturen auszumachen, speziell, was den Adel betrifft.
Wenn man aber schon einmal damit anfängt: Den fehlenden Bruch konstatieren Geschichtswissenschafter auch in Deutschland, von der Märzrevolution über eine monarchistische Staatsgründung noch im 19. Jahrhundert bis hin zur auch nur halben Revolution Anfang des 20. Jahrhunderts.
Und hernach ging es vom Keynesianismus zum Neoliberalismus weiter.
Ob es daran liegt? Für mich eher zweitrangig, weil mir im "weil vor 200 Jahren" einfach zu wenig Raum für Selbstwirksamkeit liegt.
Feststellen kann man: In Deutschland wird Kindern von armen Eltern erst ab dem Status "versetzungsgefährdet" Nachhilfe finanziert. Für Kinder von 6-14 Jahre liegt der SGB II-Anteil für Bildung bei 1,40 Euro pro Monat, danach bei 5,43 Euro.
Ich kenne Jugendliche, die für die Leistungskurs-Bücher für Kinder mit armen Eltern Geld sammelten. Es gibt Projekte, die Kindern ein Frühstück ermöglichen, das von zu Hause nicht oder nur mäßig gestellt werden kann. Das ist etwas, was ich im Jahr 2017 einfach nicht dulden will. Gleiches gilt für Kommentare, die jetzt mit Elternverantwortung kommen. Kinder gilt es zu schützen und das, egal, welche Eltern sie haben. Eine Regierung, die das nicht schafft, ist die Wiederwahl nicht wert.


...


Aus: "Großbritannien: Einmal unten, immer unten"  Malte Laub, London (17. Juli 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-07/grossbritannien-klassengesellschaft-brexit-bildung-ungleichheit/komplettansicht
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« Reply #646 on: July 20, 2017, 01:33:33 PM »

Quote
[...] Roger Clarke ist britischer Geister-Experte. Was nicht bedeutet, dass er selbst von ihrer Existenz überzeugt ist. ... In England glaubten traditionell die Arbeiterklasse und die Upper Class an Geister, nicht aber Angehörige der Mittelschicht. Dementsprechend spuke es in Pubs und auf Schlössern, wohingegen kaum je ein Gespenst in einem Bürgerhaus umgehe. Erst seit wenigen Jahrzehnten sei der Geisterglaube nicht mehr schichtspezifisch.


Aus: "Literatur: Gespenster-Experte beim Philosophiefestival" (01.06.2015)
Quelle: http://www.focus.de/kultur/buecher/literatur-gespenster-experte-beim-philosophiefestival_id_4720193.html
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« Reply #647 on: August 30, 2017, 09:54:07 AM »

Quote
[...]  Deutschland ist ein Land der zwei Welten. Auf der einen Seite ist da eine Welt, in der die Menschen bester Kauflaune sind. In der sehr viele Deutsche einen Job haben, ihre Bereitschaft zur Anschaffung teurer Güter wie Möbel und Autos hoch ist. In der viele Menschen damit rechnen, dass ihre Einkommen weiter steigen werden. In der ein Abteilungsleiter in der Automobilindustrie schon jetzt 120 000 Euro im Jahr verdient, ein junger Manager mit 60 000 Euro jährlich rechnen kann. Es ist eine Welt des Wohlstands – die so gar nicht zu der anderen Welt passen will, der Welt der Armut. In der nimmt das Armutsrisiko trotz guter Konjunktur nicht ab. In der sind erneut so viele Jugendliche von Armut bedroht wie nie. In der leben eine Million Kinder in Haushalten, in denen die Eltern trotz Arbeit Hartz IV beziehen. Und doch gehören beide Welten zu Deutschland.

Kurz vor der Bundestagswahl ist die Bundesrepublik sowohl von Wohlstand geprägt wie von Armut. Dazu passen auch die Wahlversprechen der großen Parteien. „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ steht die CDU. „Zeit für mehr Gerechtigkeit“ fordert die SPD.

 Doch wie konnte es so weit kommen? Woran liegt es, dass die Wirtschaft wächst, die Konjunktur boomt – und der Wohlstand doch an vielen vorbeigeht? Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erklärt sich das vor allem mit der Entwicklung am Arbeitsmarkt. „Zwar haben wir eine deutliche Abnahme der Arbeitslosigkeit“, sagt er, „aber es ist weiterhin so, dass wir im Arbeitsmarkt eine sehr hohe Ungleichheit haben.“ Einerseits haben heute also durchaus sehr viel mehr Menschen einen Job als noch vor einigen Jahren – andererseits werden viele dafür aber nur schlecht bezahlt. Manchen reicht eine Arbeitsstelle schlicht nicht, um über die Runden zu kommen. 2,7 Millionen Angestellte in Deutschland haben noch einen Zweitjob, oft weil es ohne gar nicht geht.

Dass Armut und Wohlstand gleichermaßen wachsen können, liegt vor allem an den wachsenden Einkommensunterschieden. Zu diesem Schluss kommt auch das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Das rechnete gerade vor: Bei den höheren Einkommensschichten gab es zwischen 1991 und 2014 starke Zugewinne, während die unteren Einkommen eher stagnierten.

 Besonders stark merken das Angestellte der Dienstleistungsindustrie, die trotz Vollzeitstelle oft nur schlecht verdienen. Wer zum Beispiel im Zimmerservice oder als Küchenhilfe arbeitet, bekommt im Schnitt lediglich knapp 20.000 Euro im Jahr, zeigt eine aktuelle Auswertung des Portals Gehalt.de. Friseure kommen lediglich auf 21-000, Berufskraftfahrer auf 27.000 Euro im Jahr. Gut geht es dagegen zum Beispiel all jenen, die in der Automobilindustrie arbeiten. Dort steigen die Gehälter derzeit um 2,8 Prozent jährlich und damit stärker als im Gesamtmarkt, zeigt eine Analyse der Beratung Korn Ferry. Die Hersteller würden zunehmend mit Tech- und IT-Unternehmen um Bewerber buhlen. Das treibe die Gehaltsspirale in der Branche nach oben, heißt es.

Berlin hat davon wenig. Die Automobilindustrie ist in der Stadt schwach, die Dienstleistungsindustrie mit ihren schlecht bezahlten Jobs dafür umso stärker ausgeprägt. Auch deshalb gilt in der Hauptstadt laut aktuellen Zahlen noch immer jeder Fünfte als armutsgefährdet. Unter den Bundesländern stehen nur Bremen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern noch schlechter da, zeigt die Auswertung des Statistischen Bundesamts. Im Automobilland Baden-Württemberg ist das Armutsrisiko dagegen bundesweit am geringsten.

 Ändern dürfte sich an diesem Gefälle so schnell wenig, meint DIW-Experte Grabka. Die Daten würden eher darauf hindeuten, dass die Einkommensunterschiede und das Armutsrisiko weiter zunehmen dürften – trotz guter Konjunktur. Grabka sieht deshalb die Politiker in der Pflicht. So meint er, die geringfügige Beschäftigung müsse zurückgedrängt werden, zum Beispiel indem man den Mindestlohn weiter erhöht. Handlungsbedarf sieht er auch bei den Alleinerziehenden, unter denen das Armutsrisiko besonders hoch ist.

Der Deutsche Kinderschutzbund wünscht sich deshalb eine „Kindergrundsicherung“ in Höhe von 573 Euro monatlich pro Kind. Das Deutsche Kinderhilfswerk meint, es müsse stärker in Bildung und Integration der nach Deutschland zugewanderten Kinder und Jugendlichen investiert werden. Der Paritätische Wohlfahrtsverband wünscht sich von der neuen Bundesregierung einen „Masterplan“ zur Bekämpfung der Armut.

Diese Forderungen gehören ebenso zu Deutschland wie die guten Zahlen vom GfK. Das Konsumforschungsinstitut misst regelmäßig, wie kauffreudig die Deutschen sind, und verkündet: Die Konsumneigung der Bundesbürger sei „weiterhin auf einem stabilen Wachstumskurs“. Viele rechnen laut GfK-Daten mit steigenden Gehältern: Die Einkommenserwartung eile „weiter von Rekord zu Rekord“.


Aus: "Trotz Wachstum steigt die Armut" Carla Neuhaus (29.08.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/konjunktur-in-deutschland-trotz-wachstum-steigt-die-armut/20256690.html

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« Reply #648 on: September 07, 2017, 01:17:00 PM »

scouser: British
Someone who comes from Liverpool
by Earl Crumpet December 11, 2002

scouser
Inhabitiant of liverpool, often downplayed by rival cities due to false stereotypes from godawefull 80's TV shows such as "Bread", "Boys from the black stuff" and "Brookside" depicting them to be thieves and killers, and enforced by the peasant underclass of youths known as "scallys" or "chavs" who are generally annoying cunts. while these can be found anywhere in the United Kingdom, some people live under the delsuion that they dont exist around them, and they are only found in liverpool.
Scousers are usually easy going, up for a laugh, and welcoming to outsiders, and usually posess a strong wit similar to that of the Irish, and Geordies, also loves a good party!
"we do dat doe dont we doe?"
"calm down!"

by scouser4life November 23, 2004

https://www.urbandictionary.com/define.php?term=scouser (09/2017)

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Quote
[...] Die Scouser Girls der Working- und Lower-Middle-Class jedenfalls träumen von einem gesellschaftlichen Aufstieg, der durch harte Arbeit nicht zu erreichen ist. Man kann im Kosmetikstudio oder im örtlichen Tesco-Markt noch so viele Überstunden schieben, reich wird man davon nie. Und in dem ungeheuer teuren englischen Universitätssystem sind diejenigen, die sich nicht an die dreißig- bis fünfzigtausend Pfund Schulden für ihre Ausbildung aufbürden wollen, eben ziemlich arm dran. 

Kein Wunder also, wenn diese Mädchen und Frauen ihre gesamten Ambitionen darauf richten, eine WAG (Footballer's Wife & Girlfriend), also Freundin, Verlobte oder idealerweise Ehefrau eines Sportlers zu werden. Emanzipiert mag dieses Projekt nicht gerade sein, und jeder anständigen Feministin ein Dorn im Auge. Aber wie wir alle wissen, ist Feminismus doch eher eine bourgeoise Angelegenheit. Dass diese Mädchen trotz allem hart arbeiten können, sieht man ihnen an. Man erkennt, wie viel dort gewachst, gebleicht, auf- und weggespritzt wurde. Allein das tägliche Bräunen! Der Spraytan darf da ruhig orangefarben und sehr künstlich aussehen. Warum auch nicht? Es wissen doch alle, dass man im englischen Sommer keine Bräune aufbauen kann. Das Gleiche gilt für die Lockenwickler, die die Scouser Unterschichtenschönheit auch tagsüber beim Shoppen im Haar trägt. Mit Wallemähne ist noch niemand aus dem Bett gestiegen.

Eigentlich darf Schönheit so nicht sein. Sie muss mühelos aussehen. Das jedenfalls lehren uns tagtäglich Frauenzeitschriften, die uns einen "Undone-Look" empfehlen, für dessen Umsetzung es nur 30 verschiedener Produkte bedarf. Gerne wird ein "Pariser Chic" empfohlen. Französinnen, so las ich neulich in der Fashion-Bibel Vogue, gehen angeblich am liebsten in Jeans, T-Shirt und flachen Schuhen auf Dates. Das Haar zart verwuschelt, das Make-up durchscheinend, die natürlichen Vorzüge betonend. Wer's glaubt! So etwas käme einer Scouser Beauty nie in den Sinn. Das teure Dior-Make-up wird, falls greifbar, Schicht für Schicht auf das orange grundierte Gesicht gespachtelt und zur Basis für viel Rouge. Sehr viel Rouge. Wem das nicht reicht, der betreibt Contouring, das ist das, was Kim Kardashian groß gemacht hat: Das Näschen wird visuell verschmälert, Wangenknochen und Lippen werden betont.

An so einer Scouse Barbie ist natürlich kaum etwas echt. Gelnägel sind ein "Must-Have", und wer es sich leisten kann, oder die Sache als smartes Investment betrachtet, lässt sich die Körbchengröße von B auf Doppel-D aufpolstern, Fußballer stehen ja scheinbar darauf. Kein Markt ist härter umkämpft als der Heiratsmarkt. Und, "der Heiratsmarkt bezahlt Frauen besser als der Arbeitsmarkt", wie es die Soziologin Jutta Allmendinger jüngst konstatiert hat.

Der Scouser Beauty Look ist aber nicht nur Teil eines Class Codes, der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht signalisiert, sondern auch eine überaus demokratische Version von Schönheit. Während eine aristokratische Schönheit über natürlich feine, perfekt proportionierte Gesichtszüge à la Grace Kelly verfügen sollte (es ist kein Zufall, dass aristokratische Schönheiten nie echte Aristokratinnen sind, weil der jahrhundertelange Inzest eher das Gegenteil von Schönheit erzeugt) und die Middle-Class-Beauty durch eine Vielzahl teurer Produkte natürliche Vorzüge zu unterstreichen und Makel zu vertuschen hat, wird bei der Unterschichtenschönheit die Sichtbarkeit des Gemachten zum Statement: Schönheit ist harte Arbeit. Die Scouser Unterschichten-Beauty ist deshalb eine Geistesschwester der New Yorker Business Frau mit ihrem "Power Dressing", den teuren Klamotten, Schuhen und Taschen, legendär verkörpert von Kim Cattrall alias Samantha Jones in Sex and the City. Vielleicht ist es gar kein Zufall, dass Cattrall selbst eine geborene Scouserin ist, wenn sie auch in Kanada aufwuchs.

Samanthas schönstes Zitat aus der Serie lautet übrigens: "Die Auswahl ist eng. Du kannst keine Fendi-Tasche schwingen, ohne dabei fünf Loser umzuhauen." Und damit wären wir bei den Männern. Die behaupten hartnäckig, sie bevorzugten "natürliche Frauen", meinen dabei aber eigentlich, dass sie Frauen bevorzugen, die ihr Make-up und alle sonstigen Verschönerungsmaßnahmen so unauffällig wie möglich aussehen lassen. Mich zum Beispiel wollte noch kein Mann in meiner natürlichen, vollbehaarten Schönheit sehen. Toll wäre das schon! Ich käme nämlich nicht ständig zu spät, wenn ich nicht rasieren, frisieren, toupieren, anmalen, überdecken und peelen müsste. Und da reden wir nur von meinem Kopf!

Was Männer jedenfalls laut Studien zum Paarungsverhalten ebenfalls bevorzugen, sind Frauen, die einen geringeren Bildungsstand und ein geringeres Einkommen besitzen als sie selbst. Insofern sind die Scouser Beauties, indem sie vortäuschen, sie hätten wenig mehr als Wasserstoffperoxid und Spraytan-Dämpfen in ihrem Working-Class-Köpfchen, vielleicht die wesentlich schlaueren Spielerinnen auf dem Datingfeld. Und wie sagte doch der große Fußball-Weise Sepp Herberger: "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel." Einmal verheiratet, drehen sich die Spielregeln zugunsten der Frau. Heimvorteil eben.

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Mettigelfan #1

Und, "der Heiratsmarkt bezahlt Frauen besser als der Arbeitsmarkt"
Wußte bisher nicht, daß Fußballer derzeit auf Dragqueens, wie auf dem Foto zu sehen, stehen.


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zzy #1.4

Mit welcher selbstgefälligen Euphorie hier die ersten Kommentatoren über das Aussehen der Frauen herfallen, ist schon bezeichnend. Da wird ein Artikel, der eigentlich ein Klassenproblem behandelt, schnell zum pubertären Jungsgespräch. Immer wieder überrascht es mich, mit welcher Vehemenz (hauptsächlich) Männer Frauen verurteilen, die nicht ihrem Schönheitsideal entsprechen. Als würden sie sich persönlich angegriffen fühlen - klar, denn die Frau hat sich ja ausschließlich zu ihrem Wohlgefallen zu stylen. Wenn das schief geht, na das geht ja gar nicht!


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Jochen Schweizer #1.9

Diese Frauen sehen ja furchtbar aus!


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Art Hirtmann #1.12

"Mit welcher selbstgefälligen Euphorie hier die ersten Kommentatoren über das Aussehen der Frauen herfallen, ist schon bezeichnend. Da wird ein Artikel, der eigentlich ein Klassenproblem behandelt, schnell zum pubertären Jungsgespräch."

Nun, trösten Sie sich. Von den Bildern her zu urteilen, hat Donald Trump, also der größte Jungenklassenrüpel aller Zeiten, längst seine weibliche Seite entdeckt. Was will man mehr.


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Hamlet54 #4

Heute war hier ein Artikel mit dem Begriff der "toxischen Männlichkeit". Kann man diese Frauen als Vertreterinnen der "toxischen Weiblichkeit" deklarieren?


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CantHappenHere #4.10

Friseurologie mit Aufbaustudium Nagelstudio!


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almay #6

Immerhin haben diese Damen noch den Heiratsmarkt. Die männlichen Scouser haben nicht mal das.


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Tordenskjold #12

Ein herrlicher Artikel. Sehr unterhaltsam, voller schöner Formulierungen und feiner Beobachtungen. Die gesellschaftliche Kontextierung macht die Sache rund. Danke für einen Einblick in eine exotische Welt.


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Matt_Worst #13

'Frauen sind der Frauen Wolf'

Wenn Frauen sich über andere Frauen, deren Aussehen und Verhaltensweisen, daß Maul zereißen, dann kann jeder Chauvi oder Sexist einpacken.
Bösartig und arrogant der Konkurrenz gegenüber, wird am Ende die eigene Opferrolle betont. - Topthemen der modernen Frau: Brüste, Brauen, Körperbehaarung und natürlich die Partnerwahl, bzw. das Paarungsverhalten. Das ist so schlecht, das ist schon wieder gut.
Freue mich unbedingt auf den nächsten Beitrag dieser Reihe, irgendwo zwischen der 'Brigitte' & 'Bravo-Girl'.


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vera sagt die wahrheit #21

Wie viele Fußballer gibt es denn auf dem Paarungsmarkt? Da ist doch ein ungeheurer Frauenüberschuss. Heiraten die dann doch den Maurer aus dem Nachbarort?


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CatEater #28

Ich versteh' den Sinn des Artikels nicht.

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Flugboot #28.1

Respect the brow!


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oberstingg #28.2

ja man


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Suebe333 #36

Mal locker machen bitte. Das weibliche Schönheitsideal wird in jedem Land anders definiert. Wenn ich in meiner Stadt am Wochenende abends an der örtlichen "Russendisko" vorbeigehe und dort all die Ost europäischen aufgedonnerten "Schönheiten" sehe, dann ist das auch so gar nicht mein Geschmack. Französische Bekannte von mir, die letztens zu Besuch waren, wunderten sich dagegen über den langweiligen und (für deren Empfinden) billigen und genormten H&M Einheitslook deutscher Frauen.
Briten hatten eben schon immer einen ganz speziellen Geschmack. Nicht nur in der Mode und Styling. Eine K. Price ist auf der Insel seit Jahren ein Vorbild für viele junge Frauen. Himmel hilf. Die könnte man mir nackt auf den Bauch binden, da würde ich eher das andere Ufer suchen, als dass sich da was regen würde. Leben und leben lassen. Diese Vielfalt und modischen Entgleisungen gehören eben auch zur Vielfalt auf unserem Kontinent.


...


Aus: "Schönheit: Man nennt sie Scouser Beauties" Marlen Hobrack (6. September 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/kultur/2017-09/schoenheit-unterschicht-england-scouse-brow-10nach8/komplettansicht


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« Reply #649 on: September 12, 2017, 04:13:45 PM »

In Europa gibt es über 4000 Firmen, die Family-Office-Dienstleistungen erbringen, 750 davon widmen sich ausschließlich den Geschäften einer einzigen Familie, beispielsweise die Jacobs Holding in der Schweiz. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Family_Office (09/2017)

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[...] Die besonders vermögenden Privatinvestoren rund um den Globus konnten sich im vergangenen Jahr über eine erhebliche Verbesserung ihrer Anlageergebnisse freuen. Wie die UBS gemeinsam mit dem Analysehaus Campden Research in einer umfangreichen Studie ermittelt hat, stieg die Rendite von Family Offices weltweit 2016 auf durchschnittlich 7 Prozent. Im Jahr zuvor hatte die Performance noch bei mageren 0,3 Prozent gelegen, so die Untersuchung.

Basis für die erfreuliche Entwicklung war UBS und Campden Research zufolge vor allem der Aufschwung an den Aktienmärkten. Die Superreichen vergrößerten das Gewicht dieser Assetklasse in den vergangenen zwölf Monaten in ihren Depots nochmals. Inzwischen beträgt der Anteil der Aktien an einem durchschnittlichen Family-Office-Portfolio der Studie zufolge rund 27 Prozent. Aktien sind damit die mit Abstand wichtigste Assetklasse für Milionäre und Milliardäre. Zudem profitierte die betuchte Klientel stark von erfolgreichen Private-Equity-Investments, so die Untersuchung.

Ein Anlagetyp, der dagegen bei Superreichen immer weiter ins Hintertreffen gerät, sind Hedgefonds. Wie die UBS sowie Campden Research herausgefunden haben, sank der Anteil dieser Fonds in den Portfolios im vergangenen Jahr erneut auf inzwischen nur noch7,1 Prozent. 30 Prozent der untersuchten weit mehr als 200 Family Offices planen zudem, ihren Hedgefonds-Anteil künftig weiter zu reduzieren.

Auch die reichsten Menschen der Welt haben offenbar kein Geld zu verschenken: Hedgefonds leiden seit geraumer Zeit generell unter Mittelabflüssen, denn ihre hohen Gebühren stehen offensichtlich aus Sicht von immer mehr Anlegern in keinem vernünftigen Verhältnis zu den mittlerweile oft eher mageren Anlageergebnissen. Lediglich so genannte Quant-Fonds, Investmentvehikel also, die durch Computerprogramme gemanagt werden, erfreuen sich im Hedgefonds-Kosmos zurzeit zunehmender Beliebtheit.

...


Aus: "Mehr Aktien, mehr Private-Equity Hedgefonds adé - Superreiche wenden sich Private-Equity zu" Christoph Rottwilm (12.09.2017)
Quelle: http://www.manager-magazin.de/finanzen/alternativegeldanlage/hedgefonds-ade-superreiche-wenden-sich-private-equity-zu-a-1167243.html
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« Reply #650 on: September 13, 2017, 04:51:11 PM »

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[...] VW-Vorstände sollen jahrelang für konzerneigene Immobilien in und um Wolfsburg Mieten gezahlt haben, die deutlich unter dem Marktpreis gelegen hätten. Das berichtet die "Bild am Sonntag" unter Berufung auf Aufsichtsratsunterlagen. Wie aus einem internen Dokument hervorgehe, seien sechs Vorstände betroffen gewesen. Darunter seien der frühere Finanzvorstand und heutige Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch sowie Ex-Vorstandschef Martin Winterkorn gewesen. Laut den Unterlagen habe Pötsch für ein Haus mit einer Wohnfläche von 324 Quadratmetern eine monatliche Netto-Kaltmiete von 1532 Euro gezahlt. Winterkorn sei auf eine Miete von 1725 Euro bei einer Wohnfläche von 520 Quadratmetern gekommen. Das entspricht einem Quadratmeterpreis von rund drei Euro. Beide hätten in den Häusern privat gewohnt. Anfang 2014 habe der Autobauer auf Betreiben des damaligen Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch die Mieten erhöht. Pötsch und Winterkorn mussten fortan jeweils rund 650 Euro pro Monat mehr zahlen. "Die Mitglieder des Vorstandes" müssten künftig "Häuser zu Marktpreisen mieten", soll in einem vertraulichen Papier stehen. Und weiter: "Es erfolgt eine regelmäßige Überprüfung der Miete im Vergleich zu den ortsüblichen Marktmieten." Die Kosten für die Gartenpflege trage jedes Vorstandsmitglied ab sofort selbst.

Ebenfalls Anfang 2014 mussten mehrere VW-Vorstände wegen der privaten Nutzung von Firmenflugzeugen Geld nachzahlen. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig prüft deshalb laut Informationen des "Spiegels" einen Untreue-Verdacht. VW weist die Vorwürfe zurück.
Bei dem VW-Aufsichtsratchef Pötsch habe es sich um eine Summe von mehr als einer halben Million Euro für Privatflüge mit Firmenjets gehandelt, berichtete die "Bild am Sonntag". Laut der Zeitung habe der damalige Aufsichtsrat Piëch auf die Rückzahlungen gedrängt.


Aus: "VW-Manager sollen für ihre konzerneigenen Villen nur Mini-Mieten gezahlt haben" (10/09/2017)
Quelle: http://www.huffingtonpost.de/2017/09/10/mini-mieten-vw-winterkorn-poetsch_n_17954534.html

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[...] Eine Studie der Hans Böckler Stiftung zeigt die soziale Spaltung anhand der Mieten.  ... Nach einer am Mittwoch veröffentlichten Studie im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans Böckler Stiftung müssen Haushalte an der Armutsgrenze fast 40 Prozent ihrer Einkünfte fürs Wohnen ausgeben. Haushalte mit überdurchschnittlichem Einkommen wenden dagegen nur 17 Prozent für die Bruttokaltmiete auf. ... Bei Sozialwissenschaftlern und Immobilienexperten gilt eine Mietbelastungsquote von mehr als 30 Prozent des Haushaltseinkommens als problematisch. Bei geringeren Einkommen bleibt dann nicht mehr genug Geld zum auskömmlichen Leben.

...  Jeder vierte Haushalt in Deutschlands Großstädten lag schon vor drei Jahren bei mehr als 30 Prozent des Einkommens. Das sind rund 5,6 Millionen Haushalte. Gut eine Million Haushalte in Großstädten geben mehr als die Hälfte ihres Einkommens für die Miete aus. Fast ebenso viele haben nach Abzug der Miete nur noch Geld in Höhe des Hartz-IV-Satzes zum Leben übrig.

Die Wissenschaftler haben für die Studie Daten des Mikrozensus 2014 ausgewertet; inzwischen sind die Mieten weiter gestiegen. In dem Forschungsprojekt an der Humboldt Universität zu Berlin wurden die Miethöhen und Mietbelastungen für die 77 größten deutschen Städte untersucht. Erwartungsgemäß sind Mietwohnungen in München und Frankfurt am teuersten. Die in Relation zum Einkommen höchste Mietbelastung tragen indes die Einwohner von Bonn, Neuss, Bremerhaven und Bremen. Im Mittel lag die Belastung fürs Wohnen bundesweit bei 26,8 Prozent des Haushaltsnettoeinkommens. (epd, rok)


Aus: "Haushalte an der Armutsgrenze: Fast 40 Prozent der Einkünfte gehen für Mieten drauf" (13.09.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/haushalte-an-der-armutsgrenze-fast-40-prozent-der-einkuenfte-gehen-fuer-mieten-drauf/20320466.html
« Last Edit: September 13, 2017, 04:55:27 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #651 on: September 16, 2017, 12:38:17 PM »

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[...] Der Wahltag rückt näher, und wieder einmal sieht es düster aus für die deutsche Sozialdemokratie. Vielerorts wird gerätselt, warum die SPD es trotz engagierter Wahlkampagne und einem charismatischen Kandidaten nicht schafft, sich aus dem Umfragetief zu befreien. An Schulz’ Wahlkampfthema kann es eigentlich nicht liegen. Laut einer Yougov-Umfrage vom August finden Wähler fast aller großen Parteien mehrheitlich, dass soziale Ungerechtigkeit ein sehr großes Problem in Deutschland ist – das gilt auch für Nichtwähler und Unentschlossene.

Die Wähler müssten den Sozialdemokraten also in Scharen zulaufen. Dennoch liegt die SPD laut aktuellen Umfragen bei mageren 23 Prozent. Das liegt daran, dass sie das Thema soziale Gerechtigkeit nicht glaubwürdig besetzen kann. Denn einen wichtiger Teil der Wähler lässt sie außer Acht: Arbeitslose und Abgehängte.

Sinnbildlich dafür war Schulz’ Rede am Nominierungsparteitag Ende Juni. Der SPD-Chef sprach von „den Menschen, die in unserem Land hart arbeiten“, von „Leistungsträgerinnen und Leistungsträgern“. Damit machte er klar, dass er sich politisch nur an die sogenannte Mitte richtet. Eine „sozial gerechte“ Politik orientiert sich aber an den Schwächsten. In seiner fast eineinhalbstündigen Rede erwähnte Schulz weder Langzeitarbeitslose noch die fast 1,2 Millionen Hartz-IV-Aufstocker, die so wenig verdienen, dass sie trotz Arbeit nicht ohne Sozialleistungen überleben können. Nur aus vorherigen Äußerungen lässt sich Schulz’ Haltung zum Thema Hartz IV ableiten.

So befürwortet der SPD-Vorsitzende, der dem rechten Parteiflügel nahesteht, Sanktionen gegen Leistungsbezieher. „Bei den Sanktionen geht es ja nicht um Schikanen“, sagte Schulz im März. Vielmehr darum, „dass sich selbstverständlich auch Bezieher von Hartz IV an bestimmte Spielregeln halten und etwa verabredete Gesprächstermine einhalten“. Ansonsten umschifft er das Thema lieber. Das überrascht nicht. Es waren die Sozialdemokraten, die ab 2003 gemeinsam mit den Grünen die Hartz-Gesetze beschlossen. Sie verdammten damit einen großen Teil des SPD-Arbeitermilieus zu Armut und Perspektivlosigkeit. Bis heute lehnen die Sozialdemokraten Nachbesserungen an Hartz-IV-Sätzen, Zumutbarkeitskriterien und Meldeauflagen ab.

Mit dieser harten Haltung hat die SPD ihre Kernklientel entfremdet. Ungelernte, Handwerker, Arbeiter und Geringverdiener im Dienstleistungssektor sind eigentlich klassische SPD-Wähler. Mit der Agenda 2010 wurden viele marginalisiert. Der Leiharbeitssektor wuchs, die Löhne stagnierten. Wer arbeitslos wurde, verlor schnell sein Erspartes, musste nahezu jede Arbeit annehmen – und wählte folgerichtig auch nicht mehr die Agenda-Partei SPD. 11,2 Prozentpunkte verloren die Sozialdemokraten bei der Bundestagswahl 2009 gegenüber 2005.

Die abgewanderten Wähler kamen nicht zurück – und das ist auch nachvollziehbar. Wer täglich um das wirtschaftliche Überleben kämpfen muss, läuft sonntags nicht zur Wahlurne und macht sein Kreuz auch nicht bei der Partei, die er für die eigene Armut verantwortlich macht. Im Milieu der Abgehängten gehen der SPD die Stimmen verloren. Und die Sozialdemokraten wollen offenbar immer noch keine politischen Angebote an marginalisierte Bevölkerungsgruppen machen. Schulz’ Vorschläge eines verlängerten ALG I richten sich an jene, die noch einen Job haben.

Wer bereits in der Hartz-IV-Mühle festhängt, dem nützt der Vorstoß nichts. Die SPD verbucht den Mindestlohn als großen Erfolg – doch Langzeitarbeitslose sind in den ersten sechs Monaten nach Arbeitsaufnahme vom Mindestlohn ausgenommen. Auch die Verdoppelung des Schonvermögens für Leistungsbezieher hilft Langzeitarbeitslosen nicht, die entweder nie über Vermögen verfügten oder bereits dazu gezwungen wurden, die eigenen Ersparnisse aufzubrauchen, um überhaupt Hartz IV zu erhalten. Für Hartz-IV-Empfänger wichtige Themen werden von der SPD ignoriert. Sie wendet sich nicht dagegen, dass Alleinerziehenden das Kindergeld gestrichen wird, wenn sie Arbeitslosengeld II beziehen. Auch das diskriminierende Modell der Bedarfsgemeinschaften wird nicht hinterfragt.

Wenn die SPD also Arbeitern, Armen und Abgehängten keine Perspektive mehr bietet, bleiben eben genau die 20 plus X Prozent Wählerstimmen übrig, bei denen die SPD nun schon seit fast einem Jahrzehnt hängen bleibt. Mit der Anbiederung an die FDP und der Ablehnung der Linkspartei (die Hartz IV massiv kritisiert) wissen die Wähler, dass Sozialreformen zugunsten der Armen mit der SPD nicht zu machen sind.

... Mit der Agenda-Politik hat die SPD den sozialpolitischen Diskurs nach rechts verschoben. Um wieder attraktiv zu werden, muss sie die sozial-, arbeits- und wirtschaftspolitische Debatte im Land wieder nach links rücken. Und das geht nur mit einer Abkehr von der Agenda-Politik – und einer Zuwendung zu deren Opfern.

Quote
agerwiese, 16.09.2017 10:18

Die ganze Diskussion um Hartz IV sitzt einem gewaltigen Irrtum auf. Es wird immer so getan, als ob die Regelungen nur die Auswirkungen auf die Leistungsempfänger selbst hätten. Falsch. Diese Regelungen verbunden mit einem zu niedrig angesetzten Mindestlohn und der fehlenden Einschränkung der Leiharbeit haben direkte und indirekte Auswirkungen auf ca 30% der Beschäftigten.
Man möchte sich halt eine billige Kaste der Dienstleister halten, die dann evtl. noch selber schuld sind, weil sie nicht so gut in der Schule aufgepasst haben.



Aus: "Debatte SPD und Hartz IV: Nichts übrig für die Armen" Jörg Wimalasena (16. 9. 2017)
Quelle: http://www.taz.de/Debatte-SPD-und-Hartz-IV/!5444702/

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« Reply #652 on: September 16, 2017, 12:44:44 PM »

Quote
[...] Hannes Koch  - Geboren 1961, ist selbstständiger Wirtschaftskorrespondent in Berlin. Er schreibt über nationale und internationale Wirtschafts- und Finanzpolitik. ... 2007 erschien sein Buch „Soziale Kapitalisten“, das sich mit der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen beschäftigt. Bis 2007 arbeitete Hannes Koch unter anderem als Parlamentskorrespondent bei der taz.

Mein 17-jähriger Sohn überrascht mich mit der Nachricht, dass William H. Gates III, wie Microsoft-Gründer Bill Gates sich nennt, bald der erste Billionär der Welt werden könnte. Er besäße dann ein Vermögen von einer Billion Euro – 1.000 Milliarden. Ganz schön viel für eine einzelne Person, finde ich. Zurückgelehnt erklärt dagegen mein Sprössling: „Bill Gates hat die Welt verändert. Und er hat doch keinem etwas weggenommen.“

Ich sehe das anderes. Jemand, der soviel Kapital besitzt, hat wohl zu wenig Steuern bezahlt. Über den mittlerweile riesigen Abstand von Arm und Reich kann ich mich wunderbar aufregen. Seit der Einführung von Hartz IV vor 13 Jahren führt dieses Land eine Gerechtigkeitsdebatte. Seltsamerweise spielt das Thema im Wahlkampf aber fast keine Rolle.

Die Sozial-Thesen von SPD-Kandidat Martin Schulz zünden nicht. Sahra Wagenknecht und den Nationalbolschewisten bei den Linken ist ihre Ideologie wichtiger, als sich mit praktischer Politik in einer rot-rot-grünen Koalition die Hände schmutzig zu machen. Und die Grünen haben aus der Wahlniederlage 2013 den Schluss gezogen, ihrer wohlhabenden Klientel lieber keine Opfer abzuverlangen.

Der tiefere Grund für das Unvermögen, gesellschaftlich über Gerechtigkeit zu diskutieren, ist jedoch ein anderer. Sex ist kein Tabu mehr – Geld sehr wohl. Wer wie viel verdient und wie viel besitzt, spielt in Gesprächen kaum eine Rolle. Am Arbeitsplatz soll oder darf man darüber nicht reden, weil die Firmen ihre Beschäftigten und die Männer die schlechter verdienenden Frauen auf diese Art einfacher beherrschen.

Auch privat verzichtet man meist darauf, um keinen Neid auszulösen oder weniger betuchte Freunde nicht zu beschämen. Unlängst trank ich mit einer Bekannten die Nacht durch. Ich plapperte dies und das und erzählte, dass ich ordentlich verdiene. Nicht um rumzuprotzen, sondern weil ich finde, die Bedeutung des Mammons darf man nicht ignorieren. Sie meinte dazu brüsk: „Ich habe keine Lust, mit dir über Geld zu sprechen.“

Das ist ein Problem. Wer die privaten Finanzen beschweigt, wird den öffentlichen Haushalt nicht verstehen. Ein Beispiel: Nach dem Fall der Mauer, bekam meine Mutter einen halben Bauernhof in Sachsen-Anhalt plus Land geschenkt. Er hatte einem Onkel gehört und war in der 1950er Jahren kollektiviert worden. „Rückgabe vor Entschädigung“ hieß das Prinzip. 200.000 Euro davon investierte ich in eine Eigentumswohnung in Berlin-Kreuzberg. Von meinem damaligen Gehalt im journalistischen Niedriglohnsektor hätte ich mir die Hütte, die mittlerweile gut das Doppelte wert ist, niemals leisten können. Weil mir jedoch die Erbschaft in den Schoß fiel, gehöre ich nun zu den reichsten 15 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung. Interessanterweise bezahle ich für diese Kapitalvermehrung fast keine Steuer. Vierteljährlich zieht das Finanzamt 53 Euro Grundsteuer ein.

Über so etwas muss man sich unterhalten. Dann ist es leichter zu erkennen, ob etwas schief läuft. Vermutlich ist vielen Angehörigen der sogenannten, selbst empfundenen Mittelschicht nicht klar, dass sie tatsächlich am oberen Ende der gesellschaftlichen Hierarchie stehen. Ein paar hundert Euro mehr Grundsteuer würden mir finanziell nicht das Genick brechen. Das Geld-Tabu verhindert solche Debatten.  ...


Aus: "Das letzte Tabu" Kolumne von Hannes Koch (15. 9. 2017)
Quelle: http://www.taz.de/Kolumne-Wir-retten-die-Welt/!5447391/
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« Reply #653 on: September 18, 2017, 07:44:53 AM »

Quote
[...] Soziologe Heinz Bude: ... man merkt doch, dass Schulz und weite Teile der Sozialdemokratie ihr Land nicht mehr kennen. Sie realisieren die Modernität nicht.

Jan Feddersen Was ist es denn, wofür diese Sozialdemokraten blind sind?

Erstens, die Polarisierung in der Beschäftigung. Wir haben sehr viele Leute, die in klassischen arbeiterlichen Positionen tätig sind und denen es ziemlich gut geht. Sie sind im Werkzeugmaschinenbau oder in der Medizintechnik beschäftigt. Sie werden gut bezahlt, sind nachgefragt und genießen Respekt.

Und auf der anderen Seite?

Ist ein neues Proletariat entstanden, das mit Paketzustellungen, mit Pflege oder auch mit Regalefüllen und Kleideraufräumen in Discountern befasst ist. Mit den tausend Euro, die man da im Schnitt netto im Monat hat, kann man nicht leben und nicht sterben. Aber wichtiger noch: Es gibt keine Aufstiege im Beruf. Man bleibt sein Leben lang auf der Position, auf der man vor 25 Jahren angefangen hat. ... Es gibt offenbar eine Spaltung innerhalb der Arbeiterschaft. Die Facharbeiterinnen und Facharbeiter aus der Hochproduktivitätsökonomie wollen einen fairen Anteil an der Wertschöpfung und handeln den mit mächtigen Gewerkschaften im Rücken aus. Die Dienstleistungsproletarier haben niemanden hinter sich ...


Aus: "Soziologe Heinz Bude über Wahlkampf: „Ein großer Sack voll Hoffnung“" (17. 9. 2017)
Quelle: http://www.taz.de/Soziologe-Heinz-Bude-ueber-Wahlkampf/!5447200/
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« Reply #654 on: September 18, 2017, 11:32:59 AM »

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[...] Wien – Die Vielzahl an Enthüllungen hat in den letzten Jahren verdeutlich: Viele Superreiche horten ihr Vermögen – legal oder illegal – im Ausland. Auch im Hinblick auf die Volumina, die in diversen Steueroasen gebunkert werden, gibt es diverseste Schätzungen. Nun konnte ein Forscherteam vom National Bureau of Economic Research (NBER) in Cambridge, Massachusetts erstmals nachzeichnen, woher die größten Finanzmittel stammen. Ein Team rund um den Verteilungsexperten Gabriel Zucman hat dabei die Angaben von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) über die Einlagen in Ländern ausgewertet, die von Personen mit Wohnsitz in anderen Staaten stammen. Die Statistiken der BIZ, die auch als Bank der Notenbanken bezeichnet wird, lagen bisher nur in aggregierter Form vor. Man wusste zwar, wie viel Ausländer beispielsweise in Singapur angelegt haben, nicht aber, welche Vermögen US-Amerikanern oder Chinesen zuzurechnen sind. Aus den neuen Daten hat das NBER-Team errechnet, wie hoch die grenzüberschreitend verwalteten Summen sind und wer sie hält.

Insgesamt kommen die Experten zu dem Schluss, dass das Offshore-Vermögen bei rund zehn Prozent der Wirtschaftsleistung liegt (untersucht wurden Länder mit einem Bruttoinlandsprodukt von mehr als 200 Mrd. Dollar, Österreichs Wert liegt bei 386 Mrd. Dollar). Besonders die oberen Ausreißer sind imposant. Griechen und Argentinier bunkern fast 40 Prozent der Wirtschaftsleistung im Ausland, Russen fast 50 Prozent. Über dieser Grenze liegen laut Papier Saudi-Arabien, Venezuela und die Vereinigten Arabischen Emirate. Wobei letzteres Land auf einen Wert von mehr als 70 Prozent des BIP kommt.

... Die Forscher räumen ein, dass die Daten fehleranfällig sein könnten, weil die BIZ-Zahlen auf Einlagen basieren und keine Anleihen-, Aktien- und andere Vermögen enthalten. Zudem werden Billionen über Briefkastenfirmen in Steueroasen gehalten, deren wirtschaftliche Eigentümer im Verborgenen bleiben. Für beide Unwägbarkeiten haben Zucman & Co Werte geschätzt. Ein Abgleich mit den Ergebnissen des Informationslecks Panama Papers zeige eine große Übereinstimmung mit den Annahmen, heißt es.

In einem zweiten Schritt geht die neue Arbeit auf das schmale Segment der Superreichen ein, weil deren Vermögenszuwachs zu einem großen Teil für die wachsende Ungleichheit in den letzten Jahrzehnten verantwortlich ist. Konkret werden die reichsten 0,01 Prozent in einigen Ländern einer genaueren Betrachtung unterzogen. Während in skandinavischen Ländern vier bis fünf Prozent der Vermögen im Ausland gebunkert sind, liegt der Anteil in Großbritannien, Frankreich und Spanien zwischen 30 und 40 Prozent. Diese Staaten werden nur von Russland getoppt, wo die High Society mehr als die Hälfte ihrer Finanzmittel offshore veranlagt hat. Dagegen ist der Anteil grenzüberschreitend gehaltener Finanzmittel in den USA gering, obwohl die Superreichen in den Vereinigten Staaten prozentuell mit Abstand über die größten Vermögen verfügen. Bei der Destination von Auslandsgeldern gibt es schon seit Jahren einen klaren Trend. Asien, insbesondere Hongkong, hat die Schweiz als größter Offshore-Magnet abgelöst.

Quote
Steirer01, 18.09.2017

Die einzigen die alles versteuern sind die Lohnsteuerzahler, sie versteuern jeden Cent. Bei allen anderen gibt es sehr viel "Gestaltungsmöglichkeiten".



Aus: "Studie enthüllt, wer am meisten Vermögen im Ausland bunkert" Andreas Schnauder (18.9.2017)
Quelle: http://derstandard.at/2000064197118/Studie-enthuellt-wer-am-meisten-Vermoegen-im-Ausland-bunkert
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« Reply #655 on: September 19, 2017, 10:40:17 AM »

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[...] Die Not mit den miesen Jobs hat viele Gesichter. Mal sind es Werkverträge ohne Kranken- und Sozialversicherung, mal sind es Teilzeitjobs, die nicht zum Leben reichen. Mal müssen sich die Betroffenen von einem befristeten Vertrag zum nächsten hangeln, oder sie müssen als Scheinselbstständige und Leiharbeiter ihr Dasein fristen. Die Methoden unterscheiden sich je nach Land und nationaler Gesetzgebung (siehe Beispiele rechte Spalte), doch die Konsequenz ist immer dieselbe: Zig Millionen EU-Bürger müssen sich mit unsicheren und gering entlohnten Jobs durchschlagen, die ihnen keine Lebensperspektive bieten – mit wachsender Tendenz. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will den Trend sogar verstärken. Seine Regierung erlaubt Arbeitgebern künftig, Arbeitskräfte nur noch für einzelne Projekte anzuheuern, die jederzeit kündbar sind. Gleichzeitig sollen die landesweit gültigen Tarifverträge verschwinden, die bisher Schutz vor solchen Praktiken boten.

Dabei läuft Europas Wirtschaft so gut wie seit zehn Jahren nicht mehr. Allein in der Eurozone fanden seit Ende 2012 über fünfeinhalb Millionen Menschen eine neue Arbeit. Doch vier von fünf dieser neuen Jobs bieten nach Angaben von Eurostat, dem statistischen Amt der EU, nur Teilzeit oder sind befristet und meist niedrig entlohnt. Gleichzeitig wünschen sich zwei Drittel der Betroffenen unbefristete Vollzeitstellen, konstatiert die EU-Kommission im jüngsten Bericht über den EU-Arbeitsmarkt. Europas vermeintlicher Boom sei „von niedriger Qualität“, urteilt die Forschungsabteilung der US-Bank Merrill Lynch.

Das trifft vor allem junge Menschen. Mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer bis 25 in der Eurozone ist nur auf Zeit angestellt, in Spanien sind es sogar mehr als 70 Prozent. „Das ist sehr problematisch“, sagt Marianne Thyssen, EU-Kommissarin für Beschäftigung und Soziales. „Es hindert sie daran, das Haus ihrer Eltern zu verlassen, sie können keine Wohnung erwerben, sie können keine Entscheidungen treffen, und das schwächt die gesamte Wirtschaft“, warnt die konservative EU-Politikerin aus Belgien.

„Menschen in unsicheren Jobs investieren nicht in ihre Ausbildung, ebenso wenig ihre Arbeitgeber“, erklärt sie. „Je mehr prekäre Beschäftigung es gibt, umso weniger produktiv ist die Volkswirtschaft“, sagt Thyssen und ist sich darin einig mit namhaften Ökonomen. „Diese unsicheren Formen von Arbeit sind extrem teuer sowohl für die Betroffenen als auch für die Gesellschaft“, meint Olivier Blanchard, langjähriger Chef-Ökonom des Internationalen Währungsfonds.

 Doch warum hat die von Soziologen so genannte „Prekarisierung“ der Arbeit ein solches Ausmaß erreicht? Und was muss geschehen, um sie aufzuhalten? Diesen Fragen ist das Team von Investigate Europe nachgegangen, und der Befund ist ernüchternd:

Bei der Regulierung der Arbeitsmärkte
- folgen Europas Regierungen und die EU-Kommission seit Jahren Annahmen und Theorien, die sich als falsch und wirklichkeitsfremd erwiesen haben;
- setzten Kommissare und Finanzminister der Eurogruppe systematisch Flächentarifverträge außer Kraft, bekämpften Gewerkschaften und förderten so Ungleichheit und Prekarisierung;
- sind die EU-Länder nun in einen Wettlauf nach unten für Löhne und Arbeitnehmerrechte verstrickt, der nationale Auswege erschwert.

Das Schlüsselwort für diese Entwicklung laute „Flexibilität“, erklärt der französische Gewerkschafter Thibault Weber, als studierter Betriebswirt der Mann vom Fach im Vorstand des Europäischen Gewerkschaftsbundes. Europas Wirtschaftspolitiker seien „von der Vorstellung besessen, der Arbeitsmarkt sei ein Markt wie jeder andere, und müsse daher maximal flexibel gestaltet werden“, sagt Weber. Das aber heiße, Unternehmen zu ermöglichen, Arbeitskräfte je nach Marktlage und Gutdünken zu beschäftigen, und das zu möglichst geringen Kosten, also zulasten der Arbeitnehmer. Dieser Maxime, so Weber, folge die Arbeitsmarktpolitik in ganz Europa, „die Prekarisierung ist das logische Resultat.“

Tatsächlich läuft seit rund zwei Jahrzehnten eine Welle der Deregulierung durch das Arbeitsrecht der EU-Länder, die bis heute anhält. Allein seit 2008 zählte die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) mehr als 400 Änderungen nationaler Arbeitsmarktregeln. Und die meisten dieser im Ökonomen-Jargon so genannten Strukturreformen folgen dem gleichen Rezept: Sind die Arbeitskräfte erst ausreichend flexibel und billig, dann schaffen die Unternehmen mehr Jobs, die Arbeitslosigkeit sinkt, und die Wirtschaft wächst.

Das war auch die Logik der „Agenda 2010“, mit der die Regierung des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder „verkrustete Strukturen“ auf dem deutschen Arbeitsmarkt aufbrach, wie er es nannte. Gleich achtmal sprach Schröder in seiner Regierungserklärung zum Thema im März 2003 von „Flexibilität“ und „flexibel machen“. Und so wurde die Leiharbeit von „bürokratischen Beschränkungen befreit“ und die Obergrenze für befristete Arbeit bei Start-ups auf vier Jahre ausgedehnt, wurden Niedriglohn- und Minijobs steuerlich begünstigt und Arbeitslose gezwungen, jedes Jobangebot anzunehmen, egal wie schlecht bezahlt. Parallel dazu verließen zahllose Unternehmen den Verbund der Flächentarifverträge und nutzten Leiharbeit, Werkverträge, Teilzeit und Befristung, um ihre Lohnkosten zu drücken.

All das gilt europaweit bis heute als großer Erfolg. Die Arbeitslosenquote sank auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Gerne verweisen Politiker in anderen europäischen Ländern darum auf das deutsche Modell, wenn sie den heimischen Arbeitsmarkt weiter deregulieren wollen. Auch Kanzlerin Merkel preist die deutschen „Reformen“. Erst danach sei Deutschland wirtschaftlich „gegenüber Frankreich davongezogen“, behauptete Merkel im vergangenen Mai.

 Doch die Geschichte vom deutschen Jobwunder ist irreführend. So stieg zwar die Zahl der Erwerbstätigen von 2003 bis Ende 2016 um mehr als zehn Prozent von 39 auf 43 Millionen. Doch die zusätzliche Beschäftigung geht zum größten Teil darauf zurück, dass Vollzeitarbeitsplätze durch Teilzeit- und Minijobs ersetzt wurden. Die tatsächlich geleistete Arbeitszeit stieg darum bis 2010 gar nicht, stattdessen wurde die Arbeit nur auf mehr Köpfe verteilt. Und auch nachdem 2011 die Konjunktur anzog, wächst das Arbeitsvolumen weit langsamer als die Beschäftigung und liegt noch immer unter dem Niveau der frühen 90er Jahre. 2016 lebten daher 4,8 Millionen Menschen in Deutschland ausschließlich von Minijobs. Weitere 1,5 Millionen arbeiten unfreiwillig in Teilzeit. Hinzu kommen rund eine Million Leiharbeiter und mehr als zwei Millionen Solo-Selbstständige ohne Angestellte, von denen die meisten nicht genug Arbeit haben.

Die „industrielle Reservearmee“ der Arbeitslosen, wie Karl Marx sie einst nannte, „wurde um den Preis verkleinert, dass die Reservearmee der Unterbeschäftigten in Teilzeitarbeit und der Überbeschäftigten, die gleich mehrere Jobs machen müssen, gewachsen ist“. So beschreibt der Wirtschaftssoziologe Oliver Nachtwey, Autor des Bestsellers „Die Abstiegsgesellschaft“, das Ergebnis.

Damit bescherte das vermeintliche deutsche Wunder Millionen ein Leben an der Armutsgrenze. Das heißt, sie müssen mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen, das sind rund 1070 Euro im Monat. Trotz hoher Beschäftigungsrate steigt deren Anteil seit 18 Jahren auf nun schon 16 Prozent der Bevölkerung. Und selbst ein großer Teil der Vollzeitbeschäftigten hat den Anschluss verloren. Die unteren 40 Prozent der Lohnbezieher in Deutschland erzielten 2016 nach Abzug der Inflation weniger Einkommen als 20 Jahre zuvor, musste die Bundesregierung im Armuts-/Reichtumsbericht einräumen. Das deutsche Wunder sei „nur ein Mythos“ urteilte darum die „Financial Times“. Zu dem gleichen Schluss kam auch Christian Odendahl, Chef-Ökonom des wirtschaftsnahen Centre for European Reform, der für die englischsprachige Welt eine fundierte Klarstellung verfasste.

Die eigentliche Stärke des deutschen Modells erwies sich dagegen in der Rezession nach dem Lehman-Crash im Jahr 2009. Während zig Millionen Menschen in aller Welt ihre Jobs verloren, schalteten die deutschen Unternehmen auf Kurzarbeit und fuhren die Arbeitszeitkonten ihrer Mitarbeiter runter, Entlassungen gab es kaum. Als die Konjunktur wieder anzog, konnten sie darum nahtlos die Produktion ankurbeln und ihre Marktanteile vergrößern. „Es war also das genaue Gegenteil des Dogmas von der externen Flexibilität“ der Schröder-Agenda, „die den deutschen Arbeitsmarkt in der Krise rettete“, schlussfolgert der Ökonom Stefan Lehndorff vom Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg. „Die interne Flexibilität“, ausgehandelt mit den und nicht gegen die Arbeitnehmer, habe Arbeitslosigkeit verhindert. Insofern sei es eine „bittere Ironie“, dass Deutschland bis heute „aus den falschen Gründen“ als Vorbild gelte.

Das Missverständnis diente allerdings der Gewinnmehrung durch Senkung der Lohnkosten. So geriet das Konzept vom flexiblen Arbeitnehmer zur mächtigen Doktrin. In Spanien wurden Kurzfristverträge für wenige Monate die Regel, die Niederlande flexibilisierten ihre Arbeitskräfte in die variable Teilzeit und in Italien wurde die Scheinselbstständigkeit zur Norm, nachdem 2006 die freien Berufe wie Anwalt oder Architekt „für den Wettbewerb geöffnet“ und die Tarifordnung abgeschafft wurde.

 Am weitesten ging die Prekarisierung in Polen. Um das Land nach dem EU-Beitritt für internationale Investoren attraktiv zu machen, fügte die Regierung in Warschau 2004 der Befristung eine besondere Attraktion hinzu: Wer ohnehin nur auf Zeit angestellt war, konnte auch jederzeit ohne Angabe von Gründen gekündigt werden. Gleichzeitig erfuhr die Auftrags-Beschäftigung dort nach Zivilrecht eine massive Ausweitung, die Betroffenen nicht nur die Sozial- und Krankenversicherung vorenthält, sondern sogar den gesetzlichen Mindestlohn.

Viele Arbeitgeber, vom Weltkonzern bis zum Kleinunternehmer, machen davon Gebrauch. Darum sind heute mehr als ein Drittel aller polnischen Arbeitnehmer nur ungesichert oder zu Armutslöhnen beschäftigt, mehr als in jedem anderen EU-Land. Polens Arbeitsrecht sei „ein Rückfall ins 19. Jahrhundert“, empört sich Adam Rogalewski, der Europa-Sekretär der polnischen Gewerkschaftsallianz OPZZ.

Polen blieb aber nicht allein. Als die Finanzkrise viele EU-Länder in die Rezession stürzte und die Verschuldung sowie die Arbeitslosenquoten hochtrieb, erkoren die damalige EU-Kommission unter Führung des wirtschaftsliberalen Präsidenten José Barroso und die Finanzminister der Eurozone die Deregulierung des Arbeitsrechts zu einer Art Wunderwaffe. Welt-Ökonom Blanchard, seinerzeit Forschungschef des IWF, erschien das schon damals seltsam. „Strukturreformen waren bis 2009 keine große Sache“, erinnert er sich. Aber dann sei daraus plötzlich „ein Slogan“ geworden, der bei jeder Konferenz erklang. „Es gab diese Sicht, dass schwächere Gewerkschaften und mehr Lohnflexibilität der Weg aus der Krise seien, das wurde vertreten wie ein religiöser Glaube“, sagt er. Und natürlich „ließ sich so die Last von den Finanzministern und Notenbanken auf andere verschieben“, sagt Blanchard.

Da forderte dann Barrosos Wirtschaftskommissar, der Finne Oli Rehn, von den Krisenländern „eine flexible Lohnfindung und mehr Anreize für Arbeitslose bei der Jobsuche“. Parallel dazu setzte Zentralbankchef Mario Draghi die Regierungen in Spanien und Italien unter Druck. Um ihre Kreditwürdigkeit zurückzugewinnen, sollten sie „die Verhandlung von Tarifverträgen reformieren und Vereinbarungen auf Ebene einzelner Firmen zulassen, um Löhne und Arbeitsbedingungen an deren spezifische Bedürfnissen anzupassen“, schrieb er nach Rom. Und Spanien erteilte er die Auflage, „Maßnahmen zur Lohnmäßigung im privaten Sektor“ zu ergreifen und Arbeitsverträge zu erlauben für die „die Entschädigung bei Kündigung sehr gering ist“.

 Rehns Beamte hielten daraufhin in einem „Bericht zur Arbeitsmarktentwicklung“ fest, was „beschäftigungsfreundliche Reformen“ seien. Demnach galt es
- „die Bedingungen für den Kündigungsschutz zu lockern“ und „Entschädigungszahlungen zu senken“;
- „die maximale Dauer und Zahl der befristeten Verträge zu erhöhen“;
- „den Geltungsbereich von Tarifverträgen zu reduzieren“ und
- „ganz allgemein die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften zur Lohnfestsetzung zu mindern“.

Wie unverhohlen Europas Regierende mit dieser Agenda den Interessen von Managern und Unternehmenseignern folgten, zeigte sich insbesondere in den Krisenstaaten Portugal, Griechenland und Rumänien. Deren Regierungen waren abhängig von den Notkrediten der anderen Eurostaaten und des IWF. Das nutzten die Beamten der eingesetzten „Troika“ aus Kommission, IWF und Europäischer Zentralbank (EZB), um – im Auftrag der Kreditgeber – das dortige Arbeits- und Tarifrecht radikal zugunsten der Arbeitgeber zu ändern.

Die passenden Vorschläge dazu machte zum Beispiel im Oktober 2011 Pierre Deleplanque, Chef des Zementherstellers „Heracles“, der griechischen Tochterfirma des weltgrößten Baustoffkonzerns Lafarge. Nach einem privaten Treffen mit den Troika-Beamten sandte der Konzernmanager seine Forderungen an den Athener Bürochef des IWF, berichtete die Zeitung „Efimerida ton Syntakton“, der griechische Medienpartner von Investigate Europe. „Vertraulich, nur zum internen Gebrauch“ erklärte der Konzernmanager da, dass neben der „Aussetzung von Branchentarifverträgen“ auch die Gültigkeit der alten Firmentarifverträge bei Großunternehmen enden müsse, „um individuelle Vereinbarungen zu ermöglichen“ – und so Arbeitnehmern jeden Schutz zu nehmen.

 Genau so kam es. Die Kreditverträge, Memoranda of Understanding genannt, erzwangen, dass Arbeitnehmer fortan gegen geringe Entschädigung zu kündigen waren. Gleichzeitig wurden die bis dahin üblichen Tarifverträge abgeschafft. Verhandelt wird heute fast nur noch auf Ebene der Firmen, meist direkt mit den Beschäftigten. Die neuen Gesetze „gaben den Arbeitgebern die Macht für einseitige Entscheidungen“, wie „die Umwandlung von Vollzeitverträgen in atypische Anstellungen illustrierte“, befanden Sozialwissenschaftler der Uni Manchester in einer Studie, die ironischerweise von der EU-Kommission finanziert wurde. Demnach wurden seit 2011 zahllose feste Verträge in befristete Teilzeitanstellungen verwandelt, in vier von fünf Fällen ohne Zustimmung der Betroffenen. Die Prekarisierung war Programm, die Löhne fielen im Schnitt um 23 Prozent.

Das erzwungene Ende der Tarifverhandlungen verstieß gegen die UN-Konvention für Arbeitsrechte, urteilte die UN-Arbeitsorganisation ILO. Doch das kümmerte die EU-Kommission wenig. Im Gegenteil: Die gleiche Radikalreform zogen ihre Beamten auch in Portugal durch. Dort stoppten sie die bis dahin übliche Ausdehnung zentral verhandelter Verträge auf alle Betriebe einer Branche. Der Erfolg war durchschlagend. Bis 2008 hatten rund 45 Prozent aller portugiesischen Beschäftigten einen Vertrag nach Tarif. Sechs Jahre später waren es gerade noch fünf Prozent.

In Rumänien überschritten die EU-Beamten sogar ihr rechtlich gebotenes Mandat, um ihre marktradikalen Vorstellungen durchzusetzen. Als sie dort ab 2009 das „Streamlining der Institutionen zur Lohnfestsetzung“ zur Bedingung für einen Notkredit machten, bedienten sie direkt die Interessen internationaler Konzerne. „Der Council of Foreign Investors und die US-Handelskammer waren am Entwurf der neuen Arbeitsgesetze beteiligt und sehr zufrieden“, berichtet die Sozialwissenschaftlerin Aurora Trif von der Dublin University, die für eine EU-finanzierte Studie die beteiligten Akteure befragte. Diese machten keinen Hehl aus ihrem Einfluss auf die Gesetzgebung, erzählt Trif.

Heraus kam so ein Arbeitsgesetz, das es den Unternehmen freistellte, Vollzeitbeschäftigte auf Teilzeit zu setzen, neue Arbeitsverträge nur noch befristet auszustellen und unbegrenzt Leiharbeiter zu beschäftigen. Gleichzeitig schaffte die marktliberale Regierung unter Ägide der EU-Kommission die nationalen Tarifverträge ab und machte die Aushandlung neuer Verträge vom Gutdünken der Arbeitgeber abhängig. Das bis dahin geltende Tarifsystem, das für 90 Prozent aller Arbeitnehmer galt, „wurde praktisch zerschlagen“, beklagt Petru Dandea, Generalsekretär des Gewerkschaftsbundes Cartel Alfa. Zudem verloren gewählte Gewerkschaftsvertreter das Recht auf Kündigungsschutz genauso wie Arbeitnehmer, die es wagen, zu streiken.

 Infolge der Brachialreform fielen die Löhne so weit, dass inzwischen 40 Prozent aller Arbeitnehmer nur noch den gesetzlichen Mindestlohn beziehen. „Wir werden bezahlt, als ob wir ein Land der Unqualifizierten seien“, empört sich Gewerkschafter Dandea.

Das nahm die damalige EU-Kommission bewusst in Kauf. Als eine Nachfolgeregierung in Bukarest 2012 ankündigte, wieder landesweit verpflichtende Tarifverträge zu ermöglichen, legten die Beamten des damals zuständigen Kommissars Olli Rehn gemeinsam mit dem IWF ihr Veto ein. „Wir mahnen die Behörden dringend, dass nationale Tarifverträge sich nicht auf Löhne beziehen und nicht der Fortschritt zunichtegemacht wird, der im Arbeitsrecht in 2011 erreicht wurde“, schrieben sie an die Regierung – unisono mit der amerikanischen Handelskammer, die einen ähnlichen Protestbrief sandte. Daraufhin gab die Regierung den Plan auf.

 Spätestens mit dieser Intervention maßten sich Rehn und seine Beamten allerdings ein Recht an, das ihnen nicht zusteht. Im Artikel 153 des EU-Vertrages heißt es ausdrücklich, dass die EU und ihre Organe „für das Arbeitsentgelt“ keinerlei Kompetenz haben. Rehn, heute Vorstand der finnischen Zentralbank, möchte zu seiner Einmischung in das Arbeitsrecht anderer Länder aber keine Auskunft mehr geben und lehnte eine Interviewanfrage ab. Auch der frühere niederländische Finanzminister Jeroen Dijsselbloem, der als Vorsitzender der Eurogruppe die Prekarisierung in Griechenland und Portugal beaufsichtigte, möchte nicht mehr dazu befragt werden.

Womöglich mit gutem Grund. Denn längst hat sich herausgestellt, dass die „Strukturreformen“ gegen die Beschäftigten keinen messbaren Erfolg für die Volkswirtschaft bringen. „Die Regulierung des Arbeitsmarktes hat keine statistisch signifikante Wirkung auf die Produktivität“, konstatierte der IWF, die weltweit führende Institution der ökonomischen Forschung, bereits im Jahresbericht 2015. Selbst die traditionell marktliberalen Ökonomen der OECD, des Clubs der Wohlstandsländer, räumten vergangenes Jahr ein: „Die Flexibilisierung der Kündigungsschutzgesetze hat im schlimmsten Fall keine oder nur begrenzte Wirkung auf das Niveau der Beschäftigung.“ Eine im Mai veröffentlichte Studie des „European Trade Union Institutes“ (ETUI), dem Thinktank der EU-Gewerkschaften, prüfte die Frage anhand von umfassenden Erhebungen aus acht Ländern, darunter Spanien, Polen und Deutschland. Diese Daten lieferten „ein ganz klares Ergebnis“, sagt Martin Myant, Chefökonom des ETUI. Es gebe „keinen empirischen Beleg“, dass „Deregulierung die Beschäftigung gesteigert oder die Arbeitslosigkeit für bestimmte Gruppen gesenkt“ habe. Die Reformen waren dagegen „begleitet von der Zunahme prekärer Beschäftigung, gerade in den Ländern, die besonders energisch dereguliert haben“, bewiesen Myant und seine Kollegen.

Sogar EZB-Präsident Mario Draghi, der einst in Spanien und Italien auf Lohnmäßigung und Schwächung der Gewerkschaften drang, plagen nun Zweifel. Denn jetzt wächst zwar die Wirtschaft, aber die Löhne wachsen nicht mit. Damit bleibt die Inflation so gering, dass Draghi und seine Kollegen es nicht wagen, die Zinsen wieder auf gewohntes Niveau zu heben. „Die Lohn- und Preissetzung in der Eurozone haben sich geändert“, erklärte Draghi Ende Juni. Zwar hätten „die Strukturreformen die Löhne flexibilisiert, aber nur nach unten und nicht nach oben“, beklagte er.

 Dieser Mechanismus birgt ein enormes Risiko: Die misslungenen Reformen haben die EU-Länder in einen Wettlauf nach unten für Löhne und Arbeitsbedingungen verstrickt. Die nächste Runde startet jetzt in Frankreich. Noch sind dort weniger Menschen in unsicheren und schlecht bezahlten Jobs gefangen als in anderen EU-Ländern. Das sehen Frankreichs Arbeitgeber als Nachteil und drängen auf „Dezentralisierung“ der Lohnverhandlungen und flexible Arbeitsverträge. Präsident Emmanuel Macron liefert nun genau eine solche „pro-business“-Reform, wie die „Financial Times“ schrieb.

Zwar „gibt es praktisch keinen Beleg dafür, dass die Liberalisierung des Arbeitsmarktes in Frankreich die Beschäftigung erhöhen wird“, warnte der Harvard-Ökonom Dani Rodrik. Aber das kümmert Macron und seine Berater nicht. Künftig sollen Arbeitnehmer und Manager direkt auf Firmenebene verhandeln, und die bisher gesetzlich garantierte Anwendung nationaler Tarifverträge wird aufgehoben, beschloss die Regierung. „Wir geben Arbeitnehmern und Arbeitgebern die Freiheit, sich selbst zu organisieren“, erklärte im Gespräch mit Investigate Europe der leitende Direktor des Arbeitsministeriums und Macrons Chefarchitekt für die Reform, der nicht namentlich genannt werden möchte. Dass es dabei um Senkung der Lohnkosten gehe, bestreitet Macrons Technokrat, obwohl genau das in Spanien oder Portugal die Folge solcher Reformen war.

 Gleichzeitig öffnet die Macron-Regierung einen weiteren Weg ins Prekariat: Künftig können Arbeitnehmer auch für ein „projet des chantiers“ angeheuert werden, formal unbefristet, aber begrenzt für ein Projekt, und damit leicht kündbar.

So treibt Frankreich die Prekarisierung weiter voran, obwohl das Gegenteil nötig wäre. Wolle man der wachsenden Ungleichheit begegnen, bedürfe es der „Re-Regulierung“ des Arbeitsrechts, „um die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer wieder zu stärken“, fordert etwa Gustav Horn, Chef des gewerkschaftsnahen deutschen Instituts für Makroökonomie (IMK). „Prekäre Jobs dürfen nicht die Norm werden“, meint auch Marianne Thyssen, Brüssels Kommissarin für Beschäftigung und Soziales, die mit der früheren Deregulierungspolitik ihrer Behörde nichts mehr zu tun haben will.

Ein Instrument wäre zum Beispiel, bei befristeten Verträgen die Arbeitgeberbeiträge zu den Sozialkassen stark anzuheben. Schließlich müssen die Betroffenen weit häufiger Arbeitslosengeld beziehen. Darum wäre es nur folgerichtig, dass die Unternehmen die Kosten dafür selbst bezahlen, wenn sie Arbeitskräfte „flexibel“ anstellen wollen. „Wir wollen keine Trittbrettfahrer in den Sozialsystemen,“ kritisiert Kommissarin Thyssen.

 Das wäre jedoch nur ein erster Schritt. Nötig sei zudem eine Reform am Prinzip des Arbeitsrechts, fordert Claudio Treves, Generalsekretär für die freien Berufe beim italienischen Gewerkschaftsbund CGIL. Anstatt die vielen verschiedenen Vertragsformen zu reglementieren, die es in der EU gebe, gelte es „eine europäische Charta der Grundrechte für Arbeitnehmer“ zu schaffen, die jedem Beschäftigten, unabhängig vom jeweiligen Vertrag, das Recht auf Kranken- und Rentenversicherung sowie auf ein existenzsicherndes Mindesteinkommen garantiere. Diese Forderung haben in Italien bereits 1,3 Millionen Menschen unterschrieben, berichtet Treves.

Noch sind die neuen Prekarier keine politische Kraft, die so etwas durchsetzen könnte. Nur die wenigsten sind Mitglied einer Gewerkschaft. Das könnte sich bald ändern, weil die Digitalisierung die Prekarisierung eskaliert: Plattformkonzerne wie Uber, Foodora oder Amazon umgehen das Arbeitsrecht, ihre Mitarbeiter haben meist keine soziale Absicherung, keine Betriebsräte und keinen Kündigungsschutz. ...

Quote
RaLiWiWi 12.09.2017, 19:52 Uhr

Die traurige Wahrheit ist bekannt und sie ist wie der Artikel sehr gut aufzeigt, kein unabänderliches Naturgesetz sondern von Menschen gemacht, genauer auf Forderung der Kapitalbesitzer durch willfähige PolitikerInnen umgesetzt und medial durch einen Großteil der Presse dem Volk als alternativlos verkauft.
Und viele PolitikerInnen und JournalistInnen geben vor sich zu  wundern, dass allmählich Unruhe bei den Menschen in Europa aufkommt und die Skepsis gegen jene Parteien und Strukturen wächst die diese gezielte und sukzessive Verelendung von zig Millionen Menschen zu verantworten hat.


Quote
2010ff 12.09.2017, 19:23 Uhr

    Die Prekarisierung wurde absichtlich herbeigeführt.

Das ist der Schlüsselsatz !

... Umgesetzt dann von gewissenlosen Politikern wie Thatcher, Reagan in Deutschland von Kohl, Schröder/Fischer, fröhlich fortgesetzt von Merkel/Steinmeier, Merkel/Steinbrück, Merkel/Westerwelle/Seehofer, Merkel/Gabriel.
Seit dem Mauerfall wurde der Faktor Arbeit - vor allem für die untere Hälfte der abhängig Beschäftigten - mit Vorsatz, Planung und präziser Umsetzung entwertet - Jahr für Jahr.
Soziale Marktwirtschaft - das alte Modell - wurde Stück für Stück abgebaut, der Sozial- und Wohlfahrtsstaat umgewandelt in einen Suppenküchenstaat. Soziale Marktwirtschaft ebenfalls zurück entwickelt in einen Feudalkapitalismus, immmer mehr in Richtung Oligarchie.
Die Prekarisierung geschieht auf offener Bühne. Auch die Folgen für die Betroffenen wie für die Gesamtgesellschaft sind für jeden erkennbar.
Und dennoch finden sich genug Lemminge in diesem Land, die ignorieren, wie sich das Land immer mehr spaltet in reich gegen arm. Sie lesen es seit mehr als 10 Jahren - Tag für Tag - und tun: nichts.
Es finden sich genug Lemminge, die fröhlich den Weg nach vorne gehen - den anderen hinterher.
Und die Grundmelodie für die Lemminge lautet: Deutschland geht es gut.


...


Aus: "Arbeitsmarkt: Europas neue Reservearmee" Harald Schumann und Elisa Simantke (12.09.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/arbeitsmarkt-europas-neue-reservearmee/20301470-all.html
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« Reply #656 on: September 27, 2017, 09:59:55 AM »

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[...] Padrone“ nennt Soleyman, 22, seinen Boss, dessen Namen er nicht kennt. Der Boss ist ein italienischer Bauer, der Soleyman früh morgens um vier Uhr aus dem Schlaf reißt, manchmal noch früher. Anrufe dieser Art bedeuten: Es gibt Arbeit! Im Innenhof einer stillgelegten Milchfabrik erwachen die Männer auf ihren Matratzen. Mit Fahrrädern und Mopeds schwärmen sie in alle Richtungen aus. Sie schnallen Literflaschen auf die Gepäckträger und stülpen sich Handschuhe über die rauen Hände. Zwei Dinge haben die Männer hier gemeinsam. Erstens: Sie stammen aus dem Senegal und sind auf Schlepperbooten nach Europa geflüchtet. Zweitens: Sie erledigen einen Job, den in Italien längst niemand mehr machen möchte. Sie ernten Tomaten.

Trotz steigender Automatisierung und dem Einsatz von Maschinen auf den Feldern ist die italienische Landwirtschaft auf ausländische Erntearbeiter angewiesen. Um dem Druck der Handelsketten und dem Lohndumping aus China standzuhalten, greifen Landwirte auf billige Saisonarbeiter zurück. Neben Afrikanern, die über die Mittelmeerroute nach Europa geflüchtet sind, auch auf Bulgaren und Rumänen. Die italienische Bauernvereinigung Coldiretti schätzt, dass allein in Süditalien 120.000 Migranten und Flüchtlinge arbeiten. Von einer vielfach höheren Dunkelziffer geht die italienische Gewerkschaft Flai-CGIL aus. Denn alleine in Foggia, wo Soleyman in der alten Fabrik lebt, sollen es laut CGIL 50.000 Menschen sein. In Süditalien arbeiten die Saisonarbeiter für einen Stundenlohn, der zwischen drei und vier Euro liegt, leben in Ghettos am Rande der Städte, umgeben von Feldern, auf denen sie in glühender Hitze Tomaten, Oliven, Peperoni, Melonen und Orangen ernten. Man nennt sie die neuen Sklaven Europas.

Im August, zur Hochsaison der Tomatenernte, pilgern viele von ihnen in die Provinz Foggia im Südosten Italiens. Hier, in der Region Apulien, sind die größten Tomatenplantagen des Landes zu finden. Rund zwei Millionen Tonnen Tomaten werden in Foggia jedes Jahr geerntet. Der Großteil landet auf dem europäischen Markt. Die wichtigsten Abnehmer sind Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Bei den Endprodukten handelt es sich um Konserventomaten. Laut dem italienischen Statistikamt Istat stammen die meisten Tomaten für die industrielle Verarbeitung aus Apulien. Sie landen auf Tiefkühlpizzen oder im Dosenthunfisch.

Landesweit bringt das Exporterlöse in Milliardenhöhe ein. Doch nicht alle verdienen mit am „roten Gold Apuliens“. Nur 3,50 Euro bekommt ein Erntehelfer in Foggia für das Befüllen einer Kiste, die 300 Kilogramm fasst. Das italienische Mindestgehalt für diese Form der Arbeit liegt bei 7,50 Euro pro Stunde. Das Kisten-System ist zwar illegal, aber rentabel. Die Männer arbeiten schnell, legen wenige Pausen ein und trinken nur unregelmäßig Wasser. Im August stiegen die Temperaturen in Foggia auf bis zu 45 Grad. Wer die Mittagshitze in der Region gespürt hat, der weiß, wie gefährlich es sein kann, über Stunden auf freiem Feld zu stehen.

Die Tomaten werden nicht einzeln gepflückt, sondern als Stauden aus der Erde gerissen. Dann schütteln die Arbeiter sie in kleine Körbe aus, die in regelmäßigen Abständen in die 300-Kilogramm-Kiste entleert werden. Die Kiste ist so groß, dass Gabelstapler sie auf die Trucks laden müssen, die auf Feldwegen direkt zum Acker fahren. Ist der Truck voll, werden die Arbeiter zu einem neuen Feld gebracht.

Auf den dreckigen Matratzen in den Ghettos rund um die Stadt ruhen sich junge Männer aus Nigeria, Gambia, Senegal oder Ghana aus, die erzählen, dass sie unter diesen Bedingungen zehn Plastikkisten am Tag gefüllt haben. Das sind 3.000 Kilogramm Tomaten. Am Ende des Tages bekommen die wenigsten ihr Geld bar auf die Hand. Die Männer beklagen, dass ihre „Padroni“ sie über Wochen nicht bezahlt haben. Wer keine Papiere hat oder wessen Aufenthaltsstatus unklar ist, der ist erpressbar.

Dazu kommt die strenge Hierarchie im Ghetto, der sich die Arbeiter fügen müssen. Die Sozial- und Kulturanthropologin Elettra Griesi von der Universität Innsbruck, die über Erntehelfer in Apulien forscht, spricht von einer „Ausbeutungspyramide“. Ganz oben stehen die Supermarktketten und Großhändler, dann kommen die Landwirte, ganz unten sind die Erntehelfer. Dazwischen stehen die sogenannten „Caporali“, Mittelsmänner aus den migrantischen Gemeinschaften, die den italienischen Bauern billige Arbeitskräfte beschaffen. Sie alle sind voneinander abhängig und möchten sich Eigengewinne sichern. Ganz unten bleibt nicht mehr viel übrig. „Es sind die ausländischen Erntearbeiter, die bei diesem wirtschaftlichen Prozess alles zu verlieren haben“, sagt Griesi. „Sie sind von der Ausbeutung und Exklusion am stärksten betroffen.“

Daraus hat sich ein Geschäftsmodell entwickelt. Früher standen die Caporali selbst auf den Feldern, jetzt haben sich viele hochgearbeitet und verdienen am System mit: 50 Cent für jede geerntete Kiste und fünf Euro pro Arbeiter für die Fahrt auf die Felder. Die „Capos“ sind die „Kings of Slaves“, die „Big Bosses“ im Ghetto. Sie koordinieren nicht nur den Arbeitsmarkt, sondern auch den Drogenhandel, die Prostitution und die Shops und Bars im Lager. „Ohne Capos keine Arbeit“, sagt Jurist und Flai-CGIL-Gewerkschafter Raffaele Falcone.

Falcone, 28, lenkt seinen Wagen über eine holprige, unbefestigte Straße. Das Zentrum der Stadt Foggia, wo sein Büro liegt, hat er längst hinter sich gelassen. Zehn Kilometer außerhalb, mitten in der Peripherie, dort, wo selbst der Kartendienst auf dem Smartphone keine Straßen mehr anzeigt, beginnt die Produktionskette der italienischen Tomaten. Hier draußen begegnet man nur zwei Sorten von Autos: Riesigen Trucks, die bis zu vier Reihen Plastikkisten voller Gemüse geladen haben. Und weißen, klapprigen Minivans, in die sich zehn oder mehr schwarze Männer gezwängt haben. Autos fahren im Ghetto nur die Caporali. Am Horizont, wo die Hitze am Asphalt flimmert, erscheint etwas, das auf dem ersten Blick wie das Gelände eines Festivals aussieht. Bald sind Laternen, dann kleine quadratische Container, dann schiefe Holzhütten erkennbar. Was früher ein Militärflughafen war, ist jetzt Wohnort der Erntearbeiter, weit weg von der Stadt, wo sie niemand sieht. Mit 2.000 Bewohnern, darunter 150 Frauen, ist Borgo Mezzanone das größte von rund acht Ghettos rund um Foggia. Während die Männer auf den Feldern arbeiten, verkaufen viele der Frauen ihren Körper. Sie sitzen auf Plastikstühlen entlang der Schnellstraßen von Foggia. Zehn Euro zahlen die Arbeiter am Abend in den Bars und Discos des Ghettos für Sex mit diesen Frauen.

Die Arbeiter leben in alten Wohnwagen und Holzverschlägen, die sie sich aus Karton, Pressspanplatten und Plastikplanen zimmern. Wer schon länger hier ist, hat Platz in einem der Ein-Raum-Container gefunden, die aus der Zeit des Militärflughafens stammen und in denen je bis zu zehn Männer schlafen. Als „hoch militarisiert“ beschreibt Gewerkschafter Falcone die Hierarchie im Ghetto. In den Containern, wie sie einst die italienische Armee nutzte, leben heute billige Rekruten für die Felder.

Auch Soleyman, der junge Senegalese, arbeitet unter diesen Bedingungen. Der Unterschied: Er fährt mit dem Rad zu den Feldern oder wird direkt von seinem „Padrone“ abgeholt. Gemeinsam mit 200 Männern hat er sich in der alten Fabrik niedergelassen, um möglichst unabhängig zu sein. Der erste Schritt, um sich von einem Caporali zu lösen, ist ein Fahrrad. So sparen sich die Männer die Pauschale für den Transport, immerhin fünf Euro am Tag. In den hohen Räumen der Fabrik, in denen der Verputz von den Wänden blättert, reparieren sie die Schläuche ihrer Mountainbikes, um sie für den nächsten Tag einsatzfähig zu machen. Ein Fahrrad oder ein Moped bedeutet in Foggia ein Stück Freiheit vom Caporali. Doch vor der Ausbeutung schützen sie nicht.

Gewerkschafter Falcone sitzt auf einer Couch in der Fabrik, nippt an einem Schwarztee mit Zucker und überfliegt Listen, in denen die Männer ihr Tagespensum eintragen. Dort steht vermerkt, dass die Arbeiter Sieben-Tage-Wochen hinter sich haben, in denen sie bis zu 17 Kisten füllten. Viele von ihnen sprechen Deutsch und sagen „weißte“, weil sie etwa zwei Jahre in München oder Frankfurt gelebt haben. Sie haben die Flucht über das Mittelmeer überlebt, in Aufnahmezentren auf Lampedusa und Sizilien festgesessen, haben es nach Deutschland geschafft und werden jetzt, zurück in Italien, als menschliche Erntemaschinen benutzt. ...


Aus: "Sie schürfen rotes Gold" Franziska Tschinderle (06:00 26.09.2017, Ausgabe 35/2017)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/sie-schuerfen-rotes-gold
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« Reply #657 on: September 28, 2017, 09:30:05 AM »

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[...] Ein Jahrzehnt nach dem Beginn der weltweiten Finanzkrise ist die Welt so reich wie nie zuvor. Durch den stetigen Aufschwung in den Industrieländern und den Boom an den Börsen stieg das globale Geldvermögen im vergangenen Jahr um gut sieben Prozent auf rund 169,2 Billionen Euro, wie aus dem aktuellen „Global Wealth Report“ hervorgeht, den der Versicherungskonzern Allianz am Mittwoch vorgestellt hat.

Die Autoren des Reports haben die Vermögens- und Schuldenlage privater Haushalte in 53 Staaten untersucht. Bei ihrer Berechnung berücksichtigten sie Bankeinlagen, Wertpapiere, Versicherungen und Pensionsfonds, nicht aber Immobilien. Der Großteil des Zuwachses ging demnach auf Wertveränderungen bei Aktien und Anleihen zurück. Mit den Vermögen wuchsen allerdings auch die Schulden der privaten Haushalte – und zwar um 5,5 Prozent, so stark wie zuletzt im Jahr 2007, als die Finanzkrise ihren Anfang nahm. Netto, also abzüglich der Schulden, stiegen die Geldvermögen somit um 7,6 Prozent auf 128,5 Billionen Euro. Was ebenfalls ein Rekordhoch sei.

Nach Abzug der Schulden liegen die US-Amerikaner vorne mit netto 177 210 Euro. Gefolgt von Schweizern (175 720 Euro) und Japanern (96 890 Euro). Wer am stärksten aufholt, ist Asien. Schließt man Japan aus, wuchsen die Vermögen der Asiaten 2016 um durchschnittlich 15 Prozent – so schnell wie nirgendwo sonst. Die beiden anderen aufstrebenden Regionen sind laut dem Report Lateinamerika und Osteuropa.

Deutschland liegt beim Durchschnittsvermögen pro Kopf mit knapp 50 000 Euro lediglich auf Rang 18 – hinter europäischen Nachbarländern wie Dänemark, Belgien, Österreich und Frankreich. Deutsche Sparer seien nämlich sehr risikoscheu und würden ihr Geld lieber zur Bank bringen, anstatt es am Kapitalmarkt zu investieren. Deshalb profitierten sie, anders als etwa die US-Amerikaner, auch nicht so sehr von der guten Entwicklung an den Weltbörsen. „Während die amerikanischen Haushalte also ihr Geld für sich arbeiten lassen“, schreiben die Autoren, „ist es in Europa und vor allem in Deutschland umgekehrt: Vermögenswachstum wird durch eigene Sparleistungen hart erarbeitet.“ Die deutschen Sparer machten aus ihrer „hervorragenden Startposition“ zu wenig.

Die Entwicklung der Vermögensverteilung werde laut den Allianz-Autoren vor allem durch ein Phänomen bestimmt: „durch das stürmische Wachstum der globalen Vermögensmittelklasse“. Seit dem Jahr 2000 habe sich die Zahl der Mitglieder um rund 450 Millionen auf über eine Milliarde Menschen mehr als verdoppelt. Die überwiegende Mehrheit stamme aus der Vermögensunterklasse. Eine große Gruppe von Menschen, die zuvor so gut wie keine Ersparnisse hatte, könne also zunehmend Geldsummen anhäufen. Zur Mittelklasse zählt die Studie Menschen mit einem Vermögen zwischen 7700 und 45 900 Euro. Vier von fünf Aufsteigern waren Chinesen.

In den Industrieländern hingegen hätten sich Globalisierung, Strukturwandel und Finanzkrise umgekehrt ausgewirkt: Etwa 60 Millionen Menschen, die jetzt zur Mittelklasse zählten, seien aus der Oberklasse abgestiegen. Davon betroffen seien vor allem USA und Japan, aber auch europäische Krisenländer wie Italien und Griechenland. Die Welt sei letztlich noch immer weit von einer „gerechten“ Verteilung entfernt. Die reichsten zehn Prozent der Welt würden 79 Prozent der Netto-Geldvermögen unter sich verteilen. Im Jahr 2000 lag diese Konzentration allerdings bei 91 Prozent.


Aus: "Weltweites Vermögen: So reich wie noch nie" Marie Rövekamp (27.09.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/weltweites-vermoegen-so-reich-wie-noch-nie/20387458.html
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« Reply #658 on: October 10, 2017, 09:32:39 AM »

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[...] Die „Deutsche Wohnen“ hat es geschafft: Sie ist in Europa in den Top5 der größten börsennotierten Immobiliengesellschaften. In Deutschland ist nur noch die „Vonovia“ größer. In Berlin nicht, wo der Forscher Heinz Bontrup in einer Studie im Auftrag der Linken-Fraktion der Deutschen Wohnen eine „marktmächtige Stellung“ bescheinigt – mit mehr als 110.000 Wohnungen in der Stadt.

Profitieren kann der Konzern vor allem vom Wohnungsmangel und den deshalb steigenden Mieten. Seit 2009 stiegen die Mieten in den sieben größten deutschen Städten um 40 Prozent im Durchschnitt. In derselben Zeit sanken die Zinsen für Immobilien-Kredite um mehrere Prozentpunkte. Der Zinssturz ist für die „Deutsche Wohnen“ von existenzieller Bedeutung. Denn sie war Anfang 2016 mit fast vier Milliarden Euro verschuldet. Aber beides spielt Immobilien-Investoren in die Hände.

Zumal die Konzerne außerdem noch von Steuergeschenken profitieren. Statt wie jeder andere am Markt ein Haus oder eine Wohnung zu verkaufen (Asset Deals) mit der Pflicht dann Grunderwerbsteuer zu zahlen, stecken die Verkäufer die Immobilien in eine Firma – und verkaufen 95 Prozent der Anteile (Shares) an die Käufer. Grunderwerbsteuer wird dann nicht fällig. Beabsichtigt hatte der Gesetzgeber das so nicht. Der Bund wollte mit dieser Regelung Betriebe entlasten im Falle eines Eigentümerwechsels und durch den Verzicht auf Steuern deren Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit schonen. Nun fördert sie mit der „Deutsche Wohnen“ einen Konzern, in dem es nicht mal die gesetzliche betriebliche Mitbestimmung gibt.

In Berlin geriet die „Deutsche Wohnen“ wiederholt durch Attacken auf den Mietspiegel in Verruf. Zumal Mieter dabei auch vor Gericht gezerrt wurden, um überhöhte Mietforderungen durchzusetzen. Meist hielt der Mietspiegel dem Urteil der Richter stand. Dennoch bereiten Senat und die Arbeitsgruppe Mietspiegel eine grundlegende Überarbeitung des Instruments zum Vergleich und zur Anhebung der Mieten vor. Dazu soll auch die Einstufung der Wohnlagen geändert werden. Diese hatte „Deutsche-Wohnen“-Chef Michael Zahn vor einigen Monaten im Abgeordnetenhaus stark attackiert. Das machte offensichtlich Eindruck.

Bedienen muss die „Deutsche Wohnen“ ihre Aktionäre: mit Renditen. Dazu muss sie Gewinn machen. Im vergangenen Jahr waren es 1,6 Milliarden Euro, zehn Mal mehr als vier Jahre zuvor. Weit mehr als die Hälfte des Gewinns schüttet die „Deutsche Wohnen“ an ihre Aktionäre aus. Das ist „eindeutig zu viel“, sagt der Forscher Bontrup. Denn die „überzogene Ausschüttungspolitik lässt sich nur unter einer aggressiven Mietpreissteigerungspolitik bei gleichzeitig geringer Instandhaltung der Wohnungsbestände“ durchsetzen. Einfach ausgedrückt: Die Mieter müssen immer mehr bezahlen für Wohnungen in eher schlechtem Zustand – bis die abgerockten Immobilien grundlegend saniert werden, was wiederum erhebliche Mieterhöhungen ermöglicht.

Zahn bestreitet das alles: „Wir handeln nicht aus Renditegier“, sagte er bei einer Anhörung im Abgeordnetenhaus. Die Firma müsse aber die vernachlässigten Miethäuser etwa von der gekauften, einst landeseigenen GSW sanieren. Und dabei, das räumte Zahn ein, seien Fehler geschehen. Dass Mieter etwa ohne Heizung dastanden, erklärte er auch damit, dass die Anlagen gar nicht der „Deutsche Wohnen“ gehörten –, sondern einem Dienstleister. „Contracting“ nennt sich dieses Modell, das während der ersten Privatisierungswelle von Wohnungsbeständen gerne eingesetzt wurde, als die Finanzinvestoren noch „Heuschrecken“ genannt wurden. Solche Contracting-Verträge laufen häufig über viele Jahre.

Aber Zahn nennt es einen „Fehler“, dass die „Deutsche Wohnen“ bei Ausfällen von Heizungen etwa zunächst Versicherungsfragen habe klären wollen. Das werde sich nicht wiederholen. Versäumnisse bei der Mängelbeseitigung räumte er auch ein. Seit geraumer Zeit werde aber jeder einzelne Fall sogar im Vorstand diskutiert. Vertreiben wolle die Firma keinen Mieter. Und bei Sanierungen lege der Konzern „deutlich weniger“ als die zulässigen elf Prozent der Kosten auf Mieter um. Außerdem hätten 92 Prozent der Mieter den Sanierungsplänen für die ersten Blöcke der Otto-Suhr-Siedlung zugestimmt. Und auch an die Bundesgesetze halte sich der Konzern bei Mieterhöhungen, die soziale Härtefälle betreffen.

Die Einkaufstour der „Deutschen Wohnen“ ist nicht vorbei. Zuletzt hatte sie im März des laufenden Jahres rund 3900 Wohnungen und 270 Gewerbeeinheiten für 655 Millionen Euro in der Stadt gekauft: „Hochwertige Altbau-Gebäude in zentralen Lagen von Berlin, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut wurden“, hieß es damals. Die durchschnittliche Miete betrage 6,92 Euro je Quadratmeter. Ein „weiteres Potenzial zur Optimierung“ liege in den knapp sieben Prozent leer stehende Wohnungen aus dem neu gekauften Bestand.

Da stellt sich die Frage, ob auch die vermieteten Wohnungen anhand des Mietspiegels auf Spielräume zur „Optimierung“ untersucht werden.


Quote
Krokofant 09.10.2017, 09:50 Uhr
All die, die da mit den Mietwohnungen der kleinen Leute, also mit den existenziellen Grundbedürfnissen, Kohle verdienen, sind die, die für die weltweite Spaltung der Gesellschaften verantwortlich sind. ...


Quote
Anstand 09.10.2017, 10:13 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Krokofant 09.10.2017, 09:50 Uhr

... All Die, tragen dafür sorge, dass es überhaupt Wohnungen zu mieten gibt. All Die, die Brot backen, Getreide und Gemüse anbauen und dies nicht aus Gutmenschlichkeit, sondern um damit "Kohle" zu machen.


...


Aus: ""Deutsche Wohnen" in Berlin: 110.000 Wohnungen, 110.000 Renditeobjekte" Ralf Schönball, Redakteur (09.10.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/berlin/deutsche-wohnen-in-berlin-110-000-wohnungen-110-000-renditeobjekte/20425844.html
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« Reply #659 on: October 10, 2017, 09:35:03 AM »

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[...] In wenigen Stunden soll es so weit sein: Läuft alles nach Plan, wird Ex-Kanzler Gerhard Schröder in den Aufsichtsrat des russischen Energieriesen Rosneft gewählt. Das Gehalt soll sich im sechsstelligen Bereich bewegen. Es ist nicht der erste Job des Altkanzlers in der Privatwirtschaft. Erneut entzündet sich daran Kritik - schließlich erhält Schröder daneben noch Geld aus der Staatskasse. Zum Beispiel für ein Büro in Berlin.

561.000 Euro waren es in diesem Jahr allein für die Bezahlung der Mitarbeiter im Berliner Büro. Das geht aus einer Antwort des Bundeskanzleramts auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor. Als Altkanzler hat Schröder, wie auch frühere Bundespräsidenten, einen Anspruch auf ein Büro.

Zudem erhält Schröder ein Ruhegehalt, das alleine für seine sieben Amtsjahre als Kanzler (1998 bis 2005) laut Gesetz rund 35 Prozent des Gehalts der derzeitigen Regierungschefin Angela Merkel (CDU) beträgt. Das sind damit 6446 Euro im Monat. Hinzu kommen Bezüge für seine Zeit in der niedersächsischen Landesregierung und als Bundestagsabgeordneter.

Der Linken-Politiker Alexander Neu warf Schröder und anderen Ex-Politikern eine "Mentalität des Absahnens" vor. Sie missbrauchten die politischen Kontakte aus ihrer Amtszeit um an Jobs in der Wirtschaft zu kommen, sagte er. "Ganz nebenbei nutzen sie weiterhin die Privilegien ehemaliger Spitzenpolitiker, wie Büros und Mitarbeiter."

Schröder soll an diesem Freitag in den Aufsichtsrat des russischen Energieriesen Rosneft gewählt werden und eventuell auch Chef des Gremiums werden. Wieviel Geld er für den Job bekommt ist nicht genau bekannt.

Der SPD-Politiker hatte nach einem Medienbericht über die Vorstandsgehälter bei Rosneft in Höhe von sechs Millionen Euro selbst gesagt, er bekomme weniger als ein Zehntel - also 600.000 Euro - davon. Die Europäische Union hat den Staatskonzern Rosneft wegen Russlands Rolle im Ukraine-Konflikt 2014 mit Sanktionen belegt.

Kurz nach seiner Abwahl als Kanzler 2005 war der heute 73-jährige Schröder bereits beim Betreiber der Gas-Pipeline Nord Stream von Russland nach Deutschland eingestiegen. Er wurde Vorsitzender des Aktionärsausschusses eines Konsortiums, an dem der russische Staatskonzern Gazprom die Mehrheit hält. Im vergangenen Jahr wurde er zudem Chef des Verwaltungsrats der Gazprom-Tochter Nord Stream 2.

mho/dpa


Aus: " Berlin: Schröder erhält mehr als halbe Million Euro für Altkanzler-Büro" (29.09.2017)
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gerhard-schroeder-altkanzler-erhaelt-561-000-euro-fuer-buero-aus-staatskasse-a-1170471.html
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