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Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 457680 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #1295 on: June 21, 2022, 01:50:25 PM »

Quote
[...] Zwei Ökonominnen des Fiskalrats, Alena Bachleitner und Susanne Maidorn, haben in einer Analyse versucht abzuschätzen, wie die Teuerung der vergangenen Monate die Haushalte in Österreich trifft und was das mit ihren Einkommen macht.

Das Ergebnis: Die Zahl der Haushalte, bei denen die Konsumausgaben das verfügbare Einkommen übersteigen, dürfte stark gestiegen sein. Bei 35 Prozent der Haushalte reichen die Einkünfte demnach nicht mehr aus, um Ausgaben für Wohnen, Energie, Kleidung und Co abzudecken. Das betrifft immerhin rund 1,4 Millionen Haushalte. Vor dem aktuellen Anstieg der Preise waren eine Million Haushalte oder 25 Prozent finanziell überfordert.

... Interessant ist, dass der Inflationsdruck zunehmend in die Gruppe der Erwerbstätigen hineinwächst. Etwas mehr als die Hälfte jener Haushalte, die wegen der Teuerung seit Jänner 2022 ihre Konsumausgaben nicht mehr decken können, erzielen ein Erwerbseinkommen. Das Problem betrifft also neben Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern zunehmend auch Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen.

Die Rechnung zeigt noch etwas anderes: Wenn es sich bei 35 Prozent der Haushalte nicht ausgeht, heißt das im Umkehrschluss, es geht sich bei 65 Prozent aus. Etwa 40 Prozent der Haushalte haben demnach noch Polster, um sich Ersparnisse wegzulegen. Bei einem Drittel der reichsten Haushalte beträgt das Plus pro Monat sogar 1.000 Euro und mehr.

An dieser Stelle ein paar Einschränkungen. Die Analyse des Fiskalrats geht von einer Inflation von 6,2 Prozent aus. Wie gesagt, steigen die Preise sogar etwas stärker an.

... Zunächst dürfte das Antiteuerungspaket der Koalition einen großen Teil der zusätzlichen Ausgaben der unteren Gruppen ausgleichen. Exakt 600 Euro machen allein die Hilfsleistungen für vulnerable Gruppen wie Arbeitssuchende und Mindestsicherungsbezieher aus. Der erweiterte Klimabonus bringt heuer pro Person 500 Euro. Dazu kommen nochmals 500 Euro an steuerlichen Absetzbeträgen für erwerbstätige Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen.

Das Problem laut Fiskalratschef Christoph Badelt ist, dass die Regierung mit ihrem Antiteuerungspaket auch sehr viel Geld an Menschen verteilt, "die es in Wahrheit nicht brauchen. Jemand, der gut verdient, wird die Teuerung aushalten und eben etwas weniger sparen", so Badelt. "Wir können, wenn wir vernünftige Staatsfinanzen wollen, nicht alle Kosten abdecken. Es wird Wohlstandsverluste durch die Teuerung geben." Die angestellten Berechnungen ermöglichten zu analysieren, wer tatsächlich Hilfe brauche.

Und: Weil die Krise noch andauern wird, regt Badelt dringend an, staatlich ein Tool einzurichten, um diese vulnerablen Gruppen zielgerichtet identifizieren zu können. Weil auch immer mehr Erwerbstätige zu wenig Geld haben, reiche es nicht aus, an Bezieher von Sozialleistungen und Arbeitslosengeld Zuschüsse zu zahlen, so Badelt. (András Szigetvari, 21.6.2022)


Aus: "Bei einem Drittel der Haushalte reicht das Einkommen nicht zum Leben" András Szigetvari (21. Juni 2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000136719662/bei-einem-drittel-der-haushalte-reicht-das-einkommen-nicht-zum

Quote
Radfahrerin23

Der Warenkorb, der für die Berechnung der Inflation als Bemessungsgrundlage hergenommen wird, orientiert sich am Mittelstand.

Gerade die sozial schwächeren sind aber nich deutlich stärker betroffen, egal ob Pensionisten, Mindestsicherungsbezieher oder Erwerbstätige. Denn auf Wohnen, Heizen, Strom und Nahrung KANN man nicht verzichten. Und genau DAS ist noch deutlich teurer geworden als die 7,5% Inflation.


Quote
walter.romas, 21. Juni 2022, 06:31:48

Ok ich übersetze die Aussagen von Badelt mal: Unternehmer können/"müssen" die Preise aufgrund der steigenden Energiekosten anheben.
Arbeitnehmer müssen neben Realllohnverlusten halt jetzt auch mit Wohlstandseinbußen rechnen. Pech gehabt.
Das ist die ÖVP wie man sie kennt. Bin sehr gespannt ob ich nächstes Mal 8% Gehaltserhöhung bekomme (KV Abschluss bisschen über der Inflation).


Quote
EhAllesSuper, 21. Juni 2022, 06:24:49

Inflation bei knapp 8%

Laut Warenkorb. In dem sind etliche Artikel enthalten, die einen gewissen Lebensstandard voraussetzen, wie Freizeit, Urlaub, Möbel, Bekleidung, Eleltronikartikel. Vieles davon braucht man nicht für‘s tägliche Leben, sondern nur selten oder gar nicht.
Bei den lebensnotwendigen Sachen wie Wohnen, Ernährung, Energie usw. ist die gefühlte Inflation jetzt schon bei etwa 20%.
Noch ist Ruhe im Volk, weil für viele die exorbitanten Preiserhöhungen zwar wissentlich vorhanden aber noch nicht schlagend sind. Fernwärme, Gas, Öl.. Bei den Lebensmitteln spüren wir es jetzt schon täglich.
Da kommt noch was auf uns zu, wenn es den Regierungen der EU nicht bald gelingt, staatliche Regelungen einzuführen und miesen Kriegsgewinnlern das Handwerk zu legen.


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Die_Stadtläuferin

Man hätte in Zeiten wie diesen die Überschrift positiv formulieren sollen
"Trotz Krisen müssen sich 2 Drittel der Haushalte ihren Lebensstil nicht einschränken"


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W. Ö. gegen die Marmeladisierung des Alpenlandes

Als Fachkraft verlangt man halt eine adäquate Lohnerhöhung, an uns mangelt es eh händeringend.


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flinguin


"der markt funktioniert perfekt."

lol ... wie die kids sagen würden.

...


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Rohal

Der Markt funktioniert perfekt

Nein, in der aktuell etablierten Form funktioniert die freie Marktwirtschaft schlicht und ergreifend nicht dauerhaft. Es kommt durch diverse Effekte automatisch zu einer Ansammlung von Kapital bei jenen, die mehr Kapital und damit Marktmacht besitzen. Es läuft also stets darauf hinaus, dass es eine kontinuierliche Akkumulation des Kapitals bei einer im Verhältnis zur Gesamtheit immer kleiner werdenden Gruppe gibt. Sobald ein gewisser Kipppunkt (wird meistens als late-stage-capitalism bezeichnet) erreicht ist , kommt es zu sozialen Umwälzungen, Aufständen bzw. Kriegen. Was dabei rauskommt, kann man bspw. von Anfang bis Mitte des letzten Jahrhunderts in den Geschichtsbüchern nachlesen.


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ad vocem

Übrigens, bevor wir das alle vergessen: " 2020 wurden in Österreich 346.172 Millionäre gezählt."
https://www.derstandard.at/story/2000132339333/oesterreich-mit-vierthoechster-millionaersdichte-in-europa

346.172 Millionäre - das sind fast 4% der Bevölkerung.

Also unter 20 Personen - in der U-Bahn, im Wirtshaus, am See - jeweils eine/r ...


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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #1296 on: June 25, 2022, 11:41:41 AM »

Quote
[...] Anfang 1933 luden die Nationalsozialisten Vertreter der Wirtschaft nach Berlin ein, um sie aufzufordern, für den bevorstehenden Wahlkampf Geld zu spenden. Die Eingeladenen waren erfolgreiche Industrielle und Banker; zu ihnen gehörten Günther Quandt, Friedrich Flick und August von Finck. Nach der Machtübernahme traten sie in die Partei ein und arbeiteten mit dem Regime zusammen. Sie verdienten an der Aufrüstung und bereicherten sich durch Einsatz von Zwangsarbeitern und Raub jüdischer Unternehmen in Deutschland und in den besetzten Gebieten Europas. Warum konnten sie nach dem Krieg nahezu unbehelligt weiterarbeiten? Wie gingen sie mit ihrer Verantwortung für das Unrecht um ...


Aus: "David de Jong: Braunes Erbe" (2022)
Quelle: https://www.perlentaucher.de/buch/david-de-jong/braunes-erbe.html

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[...] Der Finanzjournalist De Jong erzählt am Beispiel von fünf Unternehmerfamilien – Quandt, Porsche, Flick, von Finck und Oetker –, wie sich deren Chefs Hitler an den Hals geworfen haben. Und er berichtet, wie sich Unternehmenserben bis heute um die Geschichte ihres Erbes herumdrücken, dessen Dividenden sie doch zu gern genießen. Er schildert, wie atemberaubend naiv diese Erben gelegentlich sind, wie zögerlich oder intrigant andere ihre Verantwortung leugnen.

Das hat man alles schon irgendwo ähnlich gelesen, dennoch ist dieses Buch etwas Besonderes: Denn es richtet sich, obwohl es jetzt ins Deutsche übersetzt wurde, gar nicht so sehr ans hiesige Publikum. Es ist geschrieben worden, um Verstrickung, Schuld und Verantwortung der Unternehmer für den Nationalsozialismus auch außerhalb Deutschlands bekannt zu machen.
Wer sich schon in der Vergangenheit mit den Unternehmensgeschichten aus dieser Zeit auseinandergesetzt hat, erfährt nur wenig Neues – die deutsche Übersetzung ist eine Art Einstiegslektüre für Interessierte. Doch hier ist ein Buch, das sehr gut geschrieben (und übersetzt) ist, das an Klatsch und Tratsch aus der Nazi-Zeit nicht spart, und das niemanden überfordert, der vor wissenschaftlichen Büchern mit tausenden von Anmerkungen Respekt hat.

De Jong zieht von den Großvätern, die die barbarischen Möglichkeiten der Nazi-Zeit – Zwangsarbeit, Arisierung, Kriegswirtschaft – nutzten, so etwas wie eine Charakter-Linie zu ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln, die bis heute von diesen Vermögen profitieren. Für die Quandts, die Flicks, die Porsches, die Oetkers und die von Fincks hat De Jong recherchiert, wie sie zu Nationalsozialisten wurden, was sie davon hatten, und wie sie diesen Teil ihrer Biografie nach 1945 abwuschen.
Das taten sie so erfolgreich, dass der Quandt-Enkel Stefan in einem Interview sagen konnte, sein Großvater sei kein überzeugter Nationalsozialist gewesen. Den Erben bescheinigt De Jong eine ähnliche Mentalität: Der Geschichte ihrer Unternehmen stellten sie sich nur, wenn sie von der Öffentlichkeit dazu gezwungen würden.
Nicht alle Unternehmer waren von Anfang an glühende Nationalsozialisten, doch die fünf haben den Aufstieg Hitlers unterstützt und finanziert, und mehr als die meisten anderen haben die fünf Familien bis weit in die Nachkriegszeit davon profitiert.

Die Geschichten De Jongs beginnen nicht im März 1933, und sie enden nicht im Mai 1945. Er erzählt, wie Günther Quandt und Friedrich Flick ihr Vermögen in den chaotischen Inflationszeiten der Weimarer Jahre machen. Er schildert ihre Furcht vor politischen Umstürzen von links.
Er beschreibt, wie der Bankier August von Finck deshalb schon 1931 allzu gerne bereit ist, Hitlers SS mit fünf Millionen Reichsmark unter die Arme zu greifen.
Er rechnet vor, wie Friedrich Flick mal neue Stiefel für einen Aufmarsch der SA bezahlt, mal der nationalsozialistischen Presse finanziell hilft, um dann wieder Geld für den Wahlkampf Hitlers zu geben. Die anderen machen es ähnlich.
De Jongs Fazit: Der Erfolg der NSDAP wäre ohne die Finanzspritzen des alten und neuen Unternehmertums so wohl nicht möglich gewesen.
Die Nazis revanchieren sich großzügig: Die neuen Großindustriellen mehren ihren Reichtum und ihr Geschäft, indem sie das Eigentum jüdischer Geschäftsleute „arisieren“, das Reich und seine Wehrmacht aufrüsten, Zwangsarbeiter in ihren Dienst zwingen, und sich in die besetzten Gebiete ausdehnen. Sie steigen weiter auf, werden zu den mächtigsten und reichsten Männern Deutschlands.

Es sind dieselben Charaktereigenschaften – Geschäftssinn, Opportunismus, Anpassungsfähigkeit – die ihnen den Neuanfang nach 1945 erleichtern. Die Unternehmer werden kurzzeitig interniert, sie werden entnazifiziert, nur einer von ihnen muss wegen Kriegsverbrechen ins Gefängnis.
Die anderen bekommen ihr Vermögen schnell zurück. Für den Kalten Krieg und das Wirtschaftswunder werden Unternehmer gebraucht, da wollen weder die Westalliierten noch die Politiker der jungen Bundesrepublik genau hinschauen – zumal sich einige der Unternehmensführer auch den neuen Parteien im neuen Land gegenüber wieder ausgesprochen großzügig zeigen.
1970 sind die Herren Flick, von Finck, Quandt und Oetker die reichsten Geschäftsleute Deutschlands. So, als wäre nie etwas gewesen.
De Jong erzählt diese Geschichten akribisch und gleichzeitig spannend. Aus dem verrückten Privatleben der Sippe Quandt-Goebbels wird ausführlich geplaudert, der Reichtum und der legendäre Geiz des Unternehmers von Finck wird farbenfroh illustriert – wie der Mann Hitler in München eine Kunsthalle baut, ohne selbst viel Geld einsetzen zu müssen, ist sogar witzig.
Der Ingenieur Ferdinand Porsche schickt die neuesten Ideen gleich per Depesche an den „Führer“, und der Chef des Nahrungsmittelherstellers Oetker, Richard Kaselowsky, bietet sich gerne an, die Wehrmacht mit Puddingpulver auszustatten.

David de Jong macht auf Verhaltensmuster aufmerksam, die er bei den Erben wiederfindet. Die wenigsten Unternehmen stellen sich ihrer Geschichte im Nationalsozialismus freiwillig, die allermeisten wurden von der Öffentlichkeit, von Journalisten, von Aktivisten dazu gezwungen – unter anderem auch von De Jong selbst.
Die Ergebnisse dieser Forschung sind in Fachkreisen bekannt, von einer breiten Öffentlichkeit aber werden sie nur selten wahrgenommen. Historikerkommission, Forschungsauftrag, Veröffentlichung, Entschädigung, Stiftung, fertig. Das ist das inzwischen übliche Schema, mit dem Unternehmen Vorwürfen begegnen, sie hätten ihre Nazi-Geschichte immer noch nicht aufgearbeitet. Den wenigsten kann man heute noch vorwerfen, sie kümmerten sich nicht.
De Jong aber liefert keine dröge wissenschaftliche Aufarbeitung, er erzählt Geschichten. Dabei schießt er gelegentlich übers Ziel hinaus. Woher will er wissen, dass Günther Quandt an seine Familiengeschichte denkt, als über dem Potsdamer Sommerhimmel ein Gewitter aufzieht? Was treibt ihn zu vermuten, dass des Unternehmers „Gedanken in die Vergangenheit wanderten,“ als die Reden zu seinem 60. Geburtstag gehalten sind?
Dieses Geraune, vermeintlich Enthüllende stört bei der Lektüre – weil De Jong es gar nicht nötig hätte.

David de Jong - Übersetzt von Jörn Pinnow und Michael Schickenberg
Braunes Erbe. Die dunkle Geschichte der reichsten deutschen UnternehmerdynastienKiepenheuer & Witsch, 496 Seiten Köln 2022



Aus: "David de Jong: „Braunes Erbe“: Reich durch Puddingpulver und Zwangsarbeit" Ursula Weidenfeld (21.05.2022)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/david-de-jong-braunes-erbe-kritik-100.html
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« Reply #1297 on: June 27, 2022, 11:37:47 AM »

Quote
[...] Millionenschwere Bargeldspenden - verstaut in einem Koffer und mehreren Taschen - soll Thronfolger Prinz Charles einem Medienbericht zufolge vor einigen Jahren aus Katar zugunsten seiner Stiftung entgegengenommen haben.

Der frühere katarische Ministerpräsident Scheich Hamad bin Dschasim Al Thani soll Charles zwischen 2011 und 2015 Bargeld im Wert von rund drei Millionen Euro übergeben haben, wie die „Times“ am Sonntag unter Berufung auf Insider-Quellen berichtete. Eine Million soll in einem Koffer, weitere Beträge in Einkaufstaschen eines bekannten Luxuskaufhauses verstaut gewesen sein.

Die Stiftung von Prinz Charles - der Prince of Wales's Charitable Fund - bestätigte auf Anfrage der Zeitung, die Zahlungen seien auf Wunsch des Spenders in bar gemacht worden. Die Organisation unterstützt Tierschutzprojekte und setzt sich für den Erhalt von Charles' Anwesen in Schottland ein.

Ein Sprecher von Prinz Charles betonte auf Anfrage der „Times“, die erhaltenen Gelder seien direkt an die Stiftung weitergeleitet worden. Diese habe sich um die korrekte Abwicklung gekümmert. Der Zeitung zufolge gibt es keine Hinweise darauf, dass die Zahlungen unrechtmäßig gewesen sein könnten.

Kritik gibt es allerdings an der Art der Spende und der Übergabe. Wenn eine Regierung wie Katar eine Spende an eine Stiftung machen wolle, gebe es andere Mittel und Wege, dies abzuwickeln, kritisierte Alistair Graham, der einst den Ausschuss für öffentliche Standards leitete. Er bezeichnete den Bericht als „wirklich schockierend“ und nicht nachvollziehbar. Aus Katar gab es zunächst keinen Kommentar.

Bereits im vergangenen Jahr hatten Charles' Stiftungen für Schlagzeilen gesorgt: Damals ging es um Korruptionsvorwürfe gegen seine Prince's Foundation. Deren damaliger Chef, der mittlerweile zurückgetreten ist, soll einem saudischen Geschäftsmann im Gegenzug für Spenden Unterstützung bei dessen Wunsch nach einem Ritterschlag und der britischen Staatsbürgerschaft zugesagt haben. Das Königshaus betonte, Prinz Charles habe keine Kenntnis von den Vorgängen gehabt. (dpa)


Aus: "Prinz Charles nahm Millionenspenden aus Katar in bar an" (27.06.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/geld-fuer-seine-stiftung-prinz-charles-nahm-millionenspenden-aus-katar-in-bar-an/28458212.html

-.-

Quote
[...] Der britische Thronfolger Prinz Charles hat laut einem Medienbericht eine Spende über eine Million Pfund (1,19 Millionen Euro) von Halbbrüdern des Terroristen Osama bin Laden angenommen. Das Geld ging an die Wohltätigkeitsorganisation Prince of Wales Charitable Fund, berichtete die Zeitung Sunday Times. Charles' Stiftung bestätigte die Spende. Der älteste Sohn von Queen Elizabeth II. traf sich demnach im Oktober 2013 in seiner Londoner Residenz Clarence House mit dem saudischen Unternehmer Bakr bin Laden.

Mehrere Berater hätten ihn aufgefordert, das Geld nicht anzunehmen oder zurückzuzahlen. Ihre Bedenken, dass die Spende sein Ansehen beschädigen könnte, habe Charles ignoriert. Der Chef der Stiftung, Ian Cheshire, sagte, alle fünf Treuhänder hätten der Spende zugestimmt. Eine namentlich nicht genannte Quelle in Clarence House sagte der Sunday Times, weder seien Berater bestürzt über die Zahlung gewesen, noch habe Charles ihre Bedenken "niedergebrüllt". Die Entscheidung über die Annahme habe allein bei den Treuhändern gelegen.

Osama bin Laden war der Drahtzieher der Terroranschläge in den USA vom 11. September 2001 mit Tausenden Toten, darunter 67 Briten. Er wurde am 2. Mai 2011 von US-Spezialeinheiten in Pakistan getötet. Es gibt keine Hinweise, dass Bakr bin Laden und sein Bruder Shafiq in die Attentate verwickelt waren oder Terrorismus unterstützen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Charles wegen einer Spende für seine Stiftung kritisiert wird. Vor wenigen Wochen hatte die Sunday Times berichtet, dass der Thronfolger zwischen 2011 und 2015 insgesamt drei Millionen Euro in bar vom katarischen Ex-Ministerpräsidenten Scheich Hamad bin Dschasim Al Thani angenommen habe. Eine Million sei in einem Koffer, weitere Beträge in Einkaufstaschen eines bekannten Luxuskaufhauses verstaut gewesen.


Aus: "Britische Königsfamilie: Prinz Charles nahm Spende von Familie Osama bin Ladens an" (31. Juli 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2022-07/prinz-charles-spende-osama-bin-laden

Quote
Wolfgang Seliger #28

Hm, ein paar Hintergrundinformationen wären schon gut. Die Meldung reicht mir so nicht aus.


Quote
karimragab #32

Ich finde, er hat richtig gehandelt. Rational betrachtet, gibt es keinen Grund eine gesamte Familie auszuschließen, die eindeutig nichts mit den Machenschaften von Osama Bin Laden zu tun hat. Kollektivstrafen sind schon in der Schule nicht erlaubt.


Quote
kajot #24

Eine eigentlich kaum erwähnenswerte Geschichte. Aber ein Punkt stößt mir doch übel auf und das ist: Die Architekten und Nutznießer dieses verkrusteten britischen Klassensystems, d.h. das brtische Königshaus, geruht also, auch einmal an diejenigen zu denken, die in diesem System maximal auf Brosamen hoffen dürfen. Also gründen sie großzügig Brosamenverteilungsmaschinen, genannt Wohltätigkeitsstiftungen, versehen sie mit hochtrabenden Namen, die zielgerichtet auf die Urheber dieser Großherzigkeit hinweisen, und beauftragen danach andere Personen, um sich mit den lästigen Details zu beschäftigen.

Es ist einer aufgeklärten Gesellschaft, zu der ich eigentlich auch die britische zähle, eigentlich nicht würdig, diesen Schein weiterhin wahren zu wollen. Und letztlich war auch der BREXIT nichts weiter als ein posthumes Aufflackern des Scheins des alten britischen Empires.

Man muss sich fragen, wen ein derartig morbides Gebilde wie dieses Königshaus überhaupt anziehen kann? Bei den unzähligen Frauen, die die heiratsfähigen Sprösslinge umschwirren, ist die Motivation nicht schwer zu erraten. Was aber motiviert saudi-arabische Brüder, für eine derartige Stiftung zu spenden? Aber gehen wir davon aus, dass das aus einer puren altruistischen Lebenseinstellung heraus geschah, ohne jedwede Erwartungshaltung.


Quote
tiwitt #36

Hä? Wo ist der Skandal? Reiche helfen Reichen, ganz normal eigentlich.


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« Last Edit: August 01, 2022, 12:45:23 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #1298 on: June 27, 2022, 12:26:11 PM »

Quote
[...] Madrid/Ceuta – Hunderte Flüchtlinge sind am Donnerstag gewaltsam in die spanische Nordafrika-Exklave Ceuta gelangt. Zwischen 450 und 600 Migranten hätten am frühen Morgen die gut sechs Meter hohen doppelten Grenzzäune überwinden können, berichteten spanische Medien übereinstimmend unter Berufung auf die Polizei.

Die Migranten hätten die Beamten unter anderem mit selbstgebauten Flammenwerfern und mit Branntkalk, der beim Kontakt mit der Haut gefährliche Verätzungen verursache, attackiert. Es habe sich um den größten Ansturm der vergangenen Jahre auf die Enklave an der Straße von Gibraltar gehandelt.

Dabei seien die Migranten so "brutal wie noch nie zuvor" vorgegangen, wurde ein Polizeisprecher von der Nachrichtenagentur Europa Press zitiert. Vier Beamte der Guardia Civil (Zivilgarde) und elf Migranten seien in ein Krankenhaus in Ceuta gebracht worden, hieß es.

Den Angaben zufolge versuchten Hunderte weitere Migranten, ebenfalls über die Grenzzäune zu klettern. Sie seien aber von spanischen und marokkanischen Beamten daran gehindert worden.

Spanien verfügt in Nordafrika über zwei Exklaven, die beide von Marokko beansprucht werden: Ceuta an der Meerenge von Gibraltar und das 250 Kilometer weiter östlich gelegene Melilla. In der Nähe der beiden Gebiete harren Zehntausende notleidende Afrikaner vorwiegend aus Ländern südlich der Sahara auf eine Gelegenheit, in die EU zu gelangen. (APA, 26.7.2018)


Aus: "Hunderte Migranten stürmen gewaltsam in spanische Exklave" (26. Juli 2018)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000084188753/hunderte-migranten-stuermen-gewaltsam-in-spanische-nordafrika-exklave

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Quote
[...] Tausende Menschen aus Afrika wollten die Grenzzäune der spanischen Exklave überwinden. Die Sicherheitskräfte schritten rigoros ein, es gab mehrere Tote. NGOs üben scharfe Kritik

Das Video zeigt eine unwirkliche Szene. Dutzende von Menschen liegen völlig durcheinander – erschöpft, manche mit deutlichen Verletzungen, andere vermutlich sogar tot. Die Szenerie ereignet sich vor einem Posten der Grenze, die Marokko von der spanischen Exklave Melilla trennt. Die Leidgeplagten liegen am Boden, umstellt von marokkanischen Gendarmen. Sie gehören zu den mehr als 1000 Migranten, meist aus dem subsaharischen Afrika stammend, die Freitagfrüh den Grenzzaun zu stürmen versuchten. Die Aufnahmen wurden von der Ortsgruppe Nador der Marokkanischen Menschenrechtsvereinigung (AMDH) verbreitet.

"Auf diese unmenschliche, gewalttätige Art wurden die Migranten am Grenzübergang Nador behandelt. Ihrem Schicksal überlassen, ohne Hilfe, stundenlang, was die Zahl der Toten ansteigen ließ", heißt es in einer Erklärung der AMDH zum Video. Während die spanischen und marokkanischen Behörden von 18 Toten sprechen, zählt die AMDH mindestens 37 tote Migranten. Hinzu kommen zwei tote Beamte der marokkanischen Gendarmerie. Hunderte Migranten sollen verletzt worden sein, mindestens 13 von ihnen schwer.

"Alles war voller Blut – Köpfe, Hände, Füße ...", zitiert die spanische Tageszeitung El País einen Anwohner, der den Grenzsturm beobachtet hatte. Er spricht von Paniksituationen, verursacht durch den Einsatz der marokkanischen Gendarmerie vor der Grenzanlage. Auch innerhalb des dreifachen Grenzzauns, mit dem sich Spanien von Marokko abschirmt, soll es zu turbulenten Szenen gekommen sein.

Die Anlage ist eine tödliche Falle. Sie besteht aus drei Zäunen, teilweise gekrönt von messerscharfem Nato-Draht. Zwischen zwei Reihen befindet sich ein Gewirr aus Stahlseilen, das das Erreichen des nächsten Zaunes erheblich erschwert. Und dann kommt auch noch eine Gasse, in der die spanischen Grenzschützer operieren.

Auch sie gingen nicht zimperlich vor. Bilder, die durch die sozialen Netzwerke gehen oder von spanischen Medien veröffentlicht wurden, zeigen, wie die spanische Guardia Civil diejenigen, die es geschafft hatten, auf spanischen Boden zu gelangen, gewaltsam durch Türen im Zaun zurücktreibt. Solche "pushbacks" sind nach internationalem Recht illegal. Denn einmal auf spanischem Boden, hat eigentlich jeder und jede das Recht, einen Asylantrag zu stellen. Auch wer dies nicht tut, darf ohne richterliches Verfahren nicht abgeschoben werden.

Mittlerweile verlangen neun spanische und marokkanische NGOs rund um die AMDH eine Untersuchung der Vorfälle. Die Toten und Verletzten seien "ein tragisches Symbol für die europäische Politik, den Grenzschutz zu externalisieren", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung. Auch die linksalternative Unidas Podemos (UP), die kleinere der beiden Parteien in der spanischen Linksregierung, verlangt Aufklärung.

Der sozialistische Regierungschef Pedro Sánchez sieht dafür jedoch keinen Bedarf. Trotz der erschreckenden Bilder solidarisierte sich der Ministerpräsident nicht etwa mit den Toten und Verletzten, sondern mit "den Sicherheitskräften unseres Landes".

Diese hätten "außerordentliche Arbeit" geleistet, um "einen gewaltsamen Angriff auf die Integrität unseres Landes, der von der Menschenhändlermafia organisiert wurde", abzuwehren, so Sánchez, der auch für die marokkanische Gendarmerie voller Lob war. Sie hätte mit den spanischen Sicherheitskräften zusammengearbeitet, um den "gewaltsamen Überfall zurückzudrängen".

Marokko war 1956 von Frankreich und Spanien unabhängig geworden. Dennoch hält Spanien dort weiterhin zwei Exklaven: Melilla und das 250 Kilometer weiter westlich gelegene Ceuta.

Sánchez hatte sich erst vor wenigen Wochen mit Marokkos König Mohammed VI. getroffen, um eine neue Freundschaft beider Länder zu besiegeln. Das Treffen fand nach mehreren Massenanstürmen auf die Grenze statt. Sánchez erkannte die Ansprüche Marokkos auf die ehemalige spanische Kolonie Westsahara an und versprach sich davon, dass es an den beiden Exklaven Melilla und Ceuta nicht mehr zu solchen Szenen wie am vergangenen Freitag kommen werde.

Die spanische Regierung will diese Woche beim Nato-Gipfel in Madrid die Verteidigung der Südflanke des Bündnisses zum Thema machen. Dabei geht es nicht nur um militärische Sicherheit. "Wir stehen vor sehr großen Bedrohungen unserer Südflanke, die unsere Souveränität gefährden, in Form der politischen, nicht zu akzeptierenden Nutzung von Energie und der irregulären Migration."


Aus: "Flucht und Migration: Schwere Vorwürfe nach Ansturm von Migranten auf Melilla" Reiner Wandler aus Madrid (26. Juni 2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000136909007/schwere-vorwuerfe-nach-ansturm-von-migranten-auf-melilla


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« Reply #1299 on: June 29, 2022, 05:36:32 PM »

Quote
[...] Die Inflation in Deutschland steigt – und wirkt sich auf das Einkaufsverhalten der Deutschen aus. Einer Studie zufolge will mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland mit niedrigerem Einkommen deshalb nun weniger Lebensmittel einkaufen.

Etwa 52 Prozent der Erwerbstätigen mit einem relativ niedrigen Haushaltseinkommen von bis 2.000 Euro netto im Monat sehen sich demnach genötigt, wegen der gestiegenen Preise ihre Nahrungsmittelkäufe einzuschränken. Vor allem die höheren Energiepreise sollen dafür verantwortlich sein, schreiben die Autoren einer Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Etwa 18 Prozent der Befragten wollen den Konsum von Nahrungsmitteln, Getränken, Tabakwaren und Ähnlichem "bedeutend" zurückfahren. 63 Prozent gaben an, beim Kauf von Kleidung und Schuhen inflationsbedingt kürzertreten zu wollen, 28 Prozent sogar deutlich.

Der akute Druck, den Konsum solcher Alltagsgüter zu reduzieren, nimmt mit wachsendem Einkommen ab. Über alle Einkommensgruppen hinweg wollen 39 Prozent der Erwerbspersonen künftig weniger Nahrungs- und Genussmittel kaufen, darunter 10 Prozent "bedeutend weniger". Bei Bekleidung und Schuhen wollen sich 53 Prozent einschränken, davon 18 Prozent "bedeutend". Je nach Energieart geben 62 Prozent der Befragten bei Warmwasser und bis 73 Prozent bei Strom an, ihren Verbrauch reduzieren zu wollen.

Große Unterschiede gibt es bei dem gestiegenen Bedarf an Geld, um den Lebensstandard zu halten. Knapp 36 Prozent der Befragten geben hier an, sie bräuchten aktuell monatlich 100 bis 250 Euro zusätzlich, um ihren bisherigen Lebensstandard halten zu können. 25 Prozent beziffern den Bedarf auf 50 bis 100 Euro. 16 Prozent nennen sogar 250 bis 500 Euro. Die Studie beruht auf einer Befragung von gut 6.200 Personen von Ende April bis Anfang Mai.

Im Mai lag die Inflation mit 7,9 Prozent so hoch wie seit dem Winter 1973/1974 nicht mehr. Das Statistische Bundesamt veröffentlicht die Daten für den Juni an diesem Mittwoch. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge wird erwartet, dass die Preise im Schnitt um 8,0 Prozent über dem Vorjahresmonat liegen.

Den Studienautoren zufolge verschärft die hohe Inflation die soziale Ungleichheit. Zudem drohe die sich abzeichnende Konsumzurückhaltung "die Erholung des privaten Verbrauchs nach der Corona-Pandemie zu verzögern" – was wiederum die Konjunktur deutlich schwächen könnte. Die Politik sollte weitere Entlastungspakete so konzipieren, "dass Haushalte mit geringen Einkommen spürbar stärker entlastet werden als jene mit höheren Einkommen", empfehlen die Autoren.


Aus: "Inflation: Menschen mit niedrigerem Einkommen wollen bei Lebensmitteln sparen" (29. Juni 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2022-06/inflation-einkommen-deutschland-lebensmittel

Quote
klioe #4

Ja gut, 'gewerkschaftsnahe' Stiftung, Gewerkschafts-Ergebnis. Kann man jetzt glauben oder nicht.


Quote
quarague #4.1

Wahrscheinlich kaufen die Menschen mit niedrigerem Einkommen einfach weniger Aktien und können damit die Inflation super ausgleichen. /s

...


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E_Dantes #5

Und dazu braucht es eine teure Studie? Da reicht ein Blick auf die Straße!


Quote
macht nix #7

"Menschen mit niedrigerem Einkommen wollen bei Lebensmitteln sparen"

Müsste die Überschrift nicht Menschen mit niedrigerem Einkommen müssen bei Lebensmitteln sparen lauten?


Quote
  Pinocchiona #17.1

Ich kaufe jedenfalls kein Bio mehr. Jetzt muss es wieder das normale Futter tun; Bio kann ich mir nicht mehr leisten, bin kein Gutverdiener. Aldi, Netto und Lidl ahoi.


Quote
Nhrui #19

Ein Trost ist, dass man sogar gesundheitsförderlich sparen kann: weniger Zigaretten, Alkohol, Süßigkeiten, Limos und auch weniger Fleisch. Da gibt es großes Sparpotential. Dann noch wenige ger Billigklamotten, die nach dem ersten Tragen aus dem Leim gehen....


Quote
etiennelantier #19.1

Ich sehe schon das neue reality-tv format "Hartz aber Fit"

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« Reply #1300 on: June 30, 2022, 12:01:17 PM »

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[...] Mit einer Quote von 16,6 Prozent hat die Armut in Deutschland im zweiten Pandemiejahr ein neues Rekordniveau erreicht. Jeder Sechste ist mittlerweile betroffen, so das Fazit des Paritätischen Armutsberichts, den der Gesamtverband am Mittwoch in Berlin vorstellte.

Die Situation einzelner Gruppen beschrieb Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Verbandes, als besonders dramatisch: Man habe einen traurigen neuen Höchststand bei der Kinderarmut, jedes fünfte Kind sei arm, sagte er. Ebenso gebe es "einen traurigen Rekord bei Rentnerinnen und Rentnern, da sind es auch mittlerweile über 17 Prozent, aber - das ist neu - wir haben auch besonders starke Zuwächse bei Beschäftigten", so Schneider.

Vor allem bei Selbstständigen sei die Armut sprunghaft angestiegen von neun auf jetzt über 13 Prozent. Empfehlungen wie kürzlich von Bundesfinanzminister Christian Lindner, die aktuelle Inflationsrate von 7,9 Prozent würde alle zwingen, die Gürtel enger zu schnallen, findet Ulrich Schneider zynisch: "Deutschland ist ein tief gespaltenes Land. Zu sagen, die Inflation trifft uns alle, ist völlig falsch."

Bei vielen Haushalten spiele die Inflation im Alltag überhaupt keine Rolle. Diese Haushalte würden weniger sparen können als bisher, denn erstaunlicherweise sei neben der Armut auch die Sparquote in Deutschland auf einem Rekordniveau. Das zeige die Spaltung der Gesellschaft.

Auch die regionalen Unterschiede in der Armutsverteilung in Deutschland sind erheblich. Problemregion Nr. 1 ist das Ruhrgebiet, der größte Ballungsraum der Bundesrepublik. Hier ist die Rate von Hartz IV-Empfängern extrem hoch, vor allem bei Kindern. In Gelsenkirchen und in Essen beläuft sie sich auf 39 Prozent, das heißt vier von zehn Kindern sind dort abhängig von Hartz IV.

Aber auch in Thüringen und Berlin sind die Zahlen der von Armut betroffenen Menschen rasant gestiegen. So ist in der Hauptstadt mit 19,6 Prozent fast jeder Fünfte von Armut betroffen. Das Schlusslicht im Ranking bildet jedoch Bremen mit 28 Prozent.

Zu den Aufsteigern hingegen zählen Länder wie Mecklenburg-Vorpommern und auch Brandenburg (14,5 Prozent). Hier verzeichnen die Regionen im Berliner Speckgürtel Havelland-Fläming (13,9 Prozent) und Oder-Spree (13,4 Prozent) eindeutig die niedrigsten Armutsquoten.

Ein Ost-West-Gefälle, so Schneider, lässt sich 30 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht mehr feststellen.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband kritisiert das von der Bundesregierung aufgelegte Entlastungspaket, das nach dem Gießkannenprinzip Geld verteile: "Damit vertieft man die Spaltung", urteilt Ulrich Schneider, "man vergrößert den Abstand zwischen Arm und Reich, und davor warnen wir sehr."

Der Geschäftsführer fordert die Bundesregierung auf, Maßnahmen zu konzipieren, die nachhaltig sind und bei den Betroffenen auch ankommen. So schlägt er eine dauerhafte Anhebung der Regelsätze in Hartz IV und in der Altersgrundsicherung um 200 Euro vor, sowie eine Verbesserung des Bafögs und des Wohngeldes, um auch diejenigen zu erreichen, die wenig mehr als die Grundsicherung haben.

"Wir hätten die Möglichkeit, mit diesen Reformen die Armut dauerhaft zu bekämpfen und damit unsere Gesellschaft widerstandsfähiger zu machen gegen Krisen wie Corona oder Preissteigerungsraten", so Schneider. Die steigenden Lebenshaltungskosten als Folge des Kriegs in der Ukraine würden die Situation der Betroffenen im Jahr 2022 zusätzlich verschärfen. Schon jetzt sei die höchste Inflationsrate in 50 Jahren zu verzeichnen.

Das würde zwar nicht automatisch bedeuten, dass die Zahl der Armen steige, doch die Kaufkraft schwinde zusehends. Dadurch verwandele sich soziale Not in soziales Elend. Ulrich Schneider warnt: "Darauf müssen wir uns einstellen, deshalb muss die Regierung jetzt rasch reagieren."

Sendung: rbb24 Inforadio, 29.06.22, 16:40 Uhr



Aus: "Armut in Deutschland auf Rekordniveau" (Mi 29.06.2022)
Quelle: https://www.rbb24.de/wirtschaft/beitrag/2022/06/berlin-armutsbericht-2022-paritaetischer-wohlfahrtsverband.html


"Paritätischer Gesamtverband: Armut in Deutschland auf neuem Höchststand"  Bernd Müller (30. Juni 2022)
https://www.heise.de/tp/features/Paritaetischer-Gesamtverband-Armut-in-Deutschland-auf-neuem-Hoechststand-7157590.html

Armutsbericht: Die Not in Deutschland ist so groß wie nie – Expertin attackiert Bundesregierung" Fabian Hartmann (30.06.2022)
https://www.fr.de/politik/hartz-iv-rente-armutsbericht-deutschland-bundesregierung-vdk-boewe-zr-91638694.html

« Last Edit: June 30, 2022, 12:27:36 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #1301 on: July 06, 2022, 12:50:18 PM »

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[...] WIEN taz | Karl-Heinz Grasser ist kein Steuerhinterzieher. Zu diesem Urteil ist am Montag ein Wiener Schöffensenat nach acht Prozesstagen gelangt. Die Staatsanwaltschaft hatte dem österreichischen Ex-Finanzminister vorgeworfen, über eine komplizierte Stiftungsstruktur in Liechtenstein und der Karibik Steuern in Höhe von mehr als zwei Millionen Euro hinterzogen zu haben. Es geht um Provisionen aus einem Engagement beim windigen Energieprojekt Meinl International Power vor zwölf Jahren.

Gerichtsauftritte des einstigen Politikers sind immer von einem Hauch von Showbusiness umgeben. Der Sohn eines Kärntner Autohändlers, der 2000 von Jörg Haider zum jüngsten Finanzminister der Republik bestellt wurde, hat durch seine Ehe mit der Kristall­erbin Fiona Swarovski in die Welt der Reichen und Schönen eingeheiratet und führte ein Jetset-Leben zwischen Kitzbühel und Capri. Dann holten ihn Affären aus der Zeit der ersten ÖVP-FPÖ-Regierung unter Wolfgang Schüssel ein, die zum Teil noch immer gerichtsanhängig sind. Vor anderthalb Jahren wurde er in einem Korruptionsverfahren zu acht Jahren Haft verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der glatte Freispruch kam überraschend, hatten sich doch Grasser und sein mitangeklagter Steuerberater gegenseitig belastet. Der Berater habe die Idee für die Konstruktion via Steuerparadies British Virgin Islands gehabt. Der gab an, dass Grasser die Konstruktion gegen seinen Rat eigenmächtig verändert habe. Für den Staatsanwalt seien beide bestrebt gewesen, „ihre eigene Verantwortung kleinzureden und aufs Gegenüber abzuschieben“.

Grasser, 53 Jahre alt, sieht sich als die verfolgte Unschuld. „Ich kann nur festhalten, dass mir heute Gerechtigkeit vor Gericht widerfahren ist“, erklärte er nach dem Freispruch, „ich hatte ja schon andere Erfahrungen in diesem Haus“. Damit meint er den Schuldspruch wegen Kickbacks bei einem Immobiliendeal, den er als Minister zu verantworten hatte. Über den Verlauf des Prozesses ist wenig bekannt, da gleich am ersten Prozesstag am 13. Juni die Öffentlichkeit ausgeschlossen wurde.

Verteidiger Norbert Wess warf der Staatsanwaltschaft einen Denkfehler vor: „Wäre man der Anklage gefolgt, wären wir auf eine Steuerbelastung von 95 Prozent gekommen. Das kann nicht stimmen.“ Überprüfen ließen sich diese Angaben nicht, da das Verfahren hinter verschlossenen Türen abgewickelt wurde und weder Grasser noch sein Steuerberater die zugrundeliegenden Zahlen offengelegt haben. Der Finanzrechtler Werner Doralt, befragt vom Ö1 Radio: „Mir scheints nicht sehr überzeugend.“

Richter Michael Tolstiuk und die Schöffen kamen aber zu dem Ergebnis, dass alles legal gelaufen sei. Grasser habe die Steuervermeidungskonstruktion dem Finanzamt zeitgerecht offengelegt. Ein Vorsatz der Steuerhinterziehung könne daher nicht nachgewiesen werden. Der Finanzjongleur zeigte sich zwar erleichtert, klagte aber über die zwölfjährige Verfahrensdauer. „Selber schuld“, meinte sinngemäß die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) bei Anklageerhebung im vergangenen Dezember in einer Pressemeldung. Darin verwies sie darauf, dass die Ermittlungen „äußerst komplex und umfangreich“ gewesen seien.


Aus: "Steuerhinterziehung in Österreich: Freispruch für Ex-Finanzminister" Ralf Leonhard, Auslandskorrespondent Österreich (5.7.2022)
Quelle: https://taz.de/Steuerhinterziehung-in-Oesterreich/!5862447/
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« Reply #1302 on: July 06, 2022, 12:56:21 PM »

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[...] Die Staatsanwaltschaft Köln hat nach Medienberichten im Zusammenhang mit Cum-Ex-Geschäften Anklage gegen den Miteigentümer und ehemaligen Chef der Privatbank M.M.Warburg, Christian Olearius, erhoben. Es gehe um mehrere Fälle schwerer Steuerhinterziehung, wie Süddeutsche Zeitung und WDR berichteten.

Der Bankier selbst bestreite die Vorwürfe. Von der Staatsanwaltschaft Köln war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten. Eine Sprecherin des zuständigen Landgerichts Bonn sagte, bei Gericht sei eine neue Cum-Ex-Klage eingegangen. Zu Details wollte sie sich nicht äußern.

"Mit Zahlungen im Jahr 2020 sind die Steuerforderungen wegen der Aktiengeschäfte der Bank beglichen worden", sagte ein M.M.Warburg-Sprecher. "Die Mehrheitsgesellschafter haben die Beträge aus ihrem eigenen Vermögen bezahlt." Die steuerliche Beurteilung der Cum-Ex-Geschäfte durch die Warburg Gruppe habe sich als falsch erwiesen. Die Mitglieder des Aufsichtsrats und des Vorstands von M.M.Warburg "missbilligen unrechtmäßige Steuergestaltungen jeder Art".

Vor dem Landgericht Bonn sind bereits mehrere Cum-Ex-Prozesse geführt worden, darunter auch gegen ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hamburger Bankhauses. Im Februar war ein ehemaliger Banker der Privatbank im Zusammenhang mit Cum-Ex-Geschäften zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt worden. Die Cum-Ex-Geschäfte, an denen der Angeklagte beteiligt gewesen sei, hätten zwischen 2009 und 2010 zu einem Steuerschaden von knapp 110 Millionen Euro geführt, hatte das Gericht damals erklärt.

Bei den Cum-Ex-Geschäften war dem deutschen Staat ein Schaden in Milliardenhöhe entstanden. Anleger ließen sich dabei eine einmal gezahlte Kapitalertragsteuer auf Aktiendividenden mithilfe von Banken mehrfach erstatten. Dazu verschoben sie um den Stichtag der Dividendenzahlung herum untereinander Aktien mit – also cum – und ohne – ex – Dividendenanspruch.

Bei Banken und Anwaltskanzleien gibt es deswegen immer wieder Durchsuchungen. Zuletzt hatte es im Juni eine Razzia gegen acht Beschuldigte bei der DekaBank in Frankfurt gegeben. Im bundesweit ersten großen Strafprozess hatte das Bonner Gericht im März 2020 Bewährungsstrafen gegen zwei britische Aktienhändler verhängt.


Aus: "Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Ex-Chef der Warburg-Bank" (5. Juli 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2022-07/cum-ex-warburg-christian-olearius

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« Reply #1303 on: July 06, 2022, 01:02:57 PM »

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[...] Etwa elf Millionen Haushalte in Deutschland können nicht genug für ihre Rente zurücklegen. Das ergab eine Untersuchung der Deutschen Versicherungsgesellschaft (GDV). Demnach sind vor allem untere Einkommensbezieher sowie Alleinstehende und Alleinerziehende betroffen. In vier von zehn Erwerbshaushalten sei der finanzielle Spielraum selbst dann zu klein, wenn sie ihr monatlich frei verfügbares Geld vollständig für die Altersvorsorge einsetzen würden.

Aufgrund des geringen Sparpotenzials bestehe in diesen Gruppen Nachhol- und Unterstützungsbedarf, sagte Prognos-Studienleiter Oliver Ehrentraut. Mögliche Zulagen, beispielsweise die staatliche Riester-Förderung oder auch Arbeitgeberzuschüsse zur betrieblichen Altersversorgung, flossen den Angaben zufolge in die Berechnung nicht mit ein.

Die derzeit hohe Teuerung verschärfe die Situation zusätzlich. "Die Inflation erhöht einerseits den Vorsorgebedarf für die Zukunft, engt aber zugleich den Spielraum zum Sparen heute ein", sagte GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen. Eine bessere Förderung insbesondere von Geringverdienern sei daher dringend notwendig, zumal die steigenden Preise die unteren Einkommensgruppen am stärksten treffen, hieß es.

Während die Konsumausgaben aller Haushalte seit April 2021 um durchschnittlich 5,7 Prozent gestiegen sind, erhöhten sie sich im untersten Einkommensviertel der Haushalte demnach um 7,8 Prozent. "Die Inflation verschärft die Altersvorsorgesituation breiter Bevölkerungsteile", sagte Ehrentraut. Menschen mit geringen Einkommen könnten die Teuerung kaum auffangen, da bei ihnen der Anteil an nicht notwendigen Ausgaben relativ klein sei. "Die Mehrausgaben gehen dann zulasten des Sparpotenzials und damit der Altersvorsorge."

Um vor allem Geringverdienern das Sparen zu erleichtern, sprach sich der GDV für ein attraktiveres und einfacheres Fördersystem aus. "Eine Erhöhung der Zulagen ist nötig", sagte Asmussen. Zugleich müssten die Ertragschancen in der geförderten Altersvorsorge verbessert werden, um der Inflation zu begegnen. Auch die Kosten der Produkte könnten der Versicherungswirtschaft zufolge sinken, wenn gesetzliche Vorgaben vereinfacht und komplizierte Wahlmöglichkeiten wegfallen würden.


Aus: "Elf Millionen Haushalte können nicht genug fürs Alter sparen" (6. Juli 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2022-07/altersvorsorge-rente-geringverdiener

Quote
dorfbeobachter #9

"Etwa elf Millionen Haushalte in Deutschland können nicht genug für ihre Rente zurücklegen. Das ergab eine Untersuchung der Deutschen Versicherungsgesellschaft (GDV). Demnach sind vor allem untere Einkommensbezieher sowie Alleinstehende und Alleinerziehende betroffen. "

Halte ich für untertrieben.  ...


Quote
propac #7

Fällt uns jetzt die Lohnpolitik der letzten 20 Jahre auf die Füße? Frei nach Schröder und dem geilsten Niedriglohnsektor in ganz Europa?


...
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« Reply #1304 on: July 12, 2022, 11:55:55 PM »

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[...] Junge Erwachsene fallen einer Studie zufolge häufig durch die Maschen des Wohnungslosenhilfe-Netzes. „Viele Jugendämter fühlen sich nicht mehr zuständig für junge Erwachsene“, heißt es in der am Dienstag in München veröffentlichten Untersuchung des Sozialpädagogischen Instituts des Vereins SOS Kinderdorf. Wohnungslosigkeit sei auch ein Indiz für das Versagen vorgelagerter Hilfsstrukturen.

Für die qualitative Studie hatte das Institut 14 Fachkräfte in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe interviewt. In einer zweiten Forschungsphase erstellte es 15 Fallstudien von jungen Wohnungslosen.

Psychische Probleme und eine negative Selbstsicht der Wohnungslosen sind der Untersuchung zufolge wesentliche Gründe dafür, dass Hilfe nicht greift. Die Fachkräfte gaben an, sie erlebten häufig, dass Betroffene sich selbst ausgrenzten und nicht an ihre Fähigkeiten glaubten. Sie seien oft so mit sich selbst beschäftigt, dass sie kaum Kapazitäten hätten, sich mit anderen Dingen auseinanderzusetzen.

Problematisch seien auch ererbte Verhaltensmuster. Ihre Familien seien oft von Alkohol und Schulden geprägt, so dass sie in Armutskarrieren hineingeboren würden und keine Orientierung hätten, wie sie gut ins Leben starten könnten.

Dennoch sei Wohnungslosigkeit junger Menschen nicht nur ein individuelles, sondern auch ein strukturelles Problem. Die Anlaufstellen im Bereich Therapie und Psychiatrie zum Beispiel seien unzureichend.

In Deutschland sind schätzungsweise 37.000 Menschen unter 27 Jahren wohnungslos. Diese Zahl zeige das Versagen des Sozialsystems, sagte Sabina Schutter, Vorstandsvorsitzende von SOS Kinderdorf: „In Deutschland sollte kein junger Mensch auf der Straße leben müssen.“ ´(epd)


Aus: "Hilfe erreicht junge Wohnungslose oft nicht" (12.07.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/jugendaemtern-fehlt-zustaendigkeitsgefuehl-hilfe-erreicht-junge-wohnungslose-oft-nicht/28500336.html

https://www.tagesspiegel.de/berlin/viele-kommen-bei-freunden-unter-befragung-soll-zahl-der-verdeckt-obdachlosen-menschen-in-berlin-ermitteln/28071882.html

---

Quote
[...] So viele Menschen wie nie zuvor in Deutschland müssen ihre Lebensmittel von den Tafeln beziehen. Eine Umfrage unter den bundesweit 962 Einrichtungen ergab, dass die Zahl der Kundinnen und Kunden seit Jahresbeginn um etwa die Hälfte gestiegen sei, teilte der Dachverband Tafel Deutschland mit. "Damit suchen deutlich über zwei Millionen armutsbetroffene Menschen Unterstützung bei der Ehrenamtsorganisation – so viele wie nie zuvor."

Fast jede fünfte Tafel gab bei einer Umfrage im Juni an, Lebensmittel an doppelt so viele oder noch mehr Menschen als vor einem halben Jahr zu verteilen. Mehr als 60 Prozent der Tafeln verzeichnen einen Zuwachs von bis zu 50 Prozent. Zu den neuen Kunden zählten vor allem Geflüchtete aus der Ukraine, aber auch viele Arbeitslose, Geringverdiener und Rentnerinnen.

Jede dritte Tafel musste den Angaben zufolge einen Aufnahmestopp einführen. Es fehlten Lebensmittel oder Ehrenamtliche, um allen zu helfen, die nach Unterstützung fragten. "Die Tafeln sind am Limit", sagte der Tafel Deutschland-Vorsitzende Jochen Brühl. "Wir sehen deutlich, dass es den Menschen jetzt am Nötigsten fehlt und rufen weiterhin zu Spenden für die Tafeln auf." Er kritisierte, dass der Staat für die Versorgung der Menschen sorgen müsse – nicht das Ehrenamt.

Der Sozialverband Deutschland forderte die Ampel-Koalition deshalb dazu auf, mit weiteren Entlastungsmaßnahmen gezielt Haushalte mit geringem und mittlerem Einkommen zu unterstützen. Der Hilferuf der Tafeln sei "ein echtes Armutszeugnis für Deutschland".

Die Tafeln sammeln überschüssige Lebensmittel von Händlern und Herstellern und verteilen diese. Mehr als 60.000 Ehrenamtliche engagieren sich dabei.


Aus: "Mehr als zwei Millionen Menschen suchen Hilfe bei der Tafel" (14. Juli 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2022-07/lebensmittel-tafeln-anstieg-zwei-millionen

Quote
Sumtina #2

Wenn man dann noch bedenkt, dass bislang die meisten noch nicht von den erhöhten Energiekosten, sondern rein durch die Teuerung der Lebensmittel dort anstehen, kann man in etwa eine Ahnung bekommen, wie das in ein paar Monaten aussieht. ...


Quote
Heini Huckeduster #2.1

@Sumtima: Dafür können Sie doch kluge Ratschläge im Kommentar 1 lesen!

["Müssen ist ja relativ. In der Regel muss man, weil man das Geld woanders ausgegeben hat. ...."]


Quote
Ein Unbekannter #10

Dieses traurige Szenario wird sich im kommenden Halbjahr bestimmt noch verstärken.
Gleichzeitig werden immer noch tonnenweise Lebensmittel weggeworfen, weil es günstiger und einfacher ist. Das wäre ein Punkt den eine Regierung sofort ändern könnte.


...
« Last Edit: July 14, 2022, 08:04:48 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #1305 on: July 27, 2022, 12:56:31 PM »

Quote
[...] Wegen des Arbeitskräftemangels in einigen Branchen hat Spanien seine Einwanderungsgesetze gelockert. So würden die oft langwierigen und ungeeigneten Einwanderungsverfahren, die hohe "soziale und wirtschaftliche Kosten" für Spanien verursachten, verbessert, teilte die Regierung mit. Mit der Reform soll der Arbeitskräftemangel etwa im Tourismus und in der Landwirtschaft bekämpft werden.

Unter anderem können Nicht-EU-Bürger, die seit mindestens zwei Jahren in Spanien leben, eine befristete Aufenthaltsgenehmigung beantragen, wie das Ministerium für soziale Sicherheit mitteilte. Internationale Studentinnen können künftig während ihres Studiums bis zu 30 Stunden pro Woche arbeiten. Nach ihrem Studium können sie in Spanien eine Arbeit aufnehmen. 

Spanien hat eine im EU-Vergleich hohe Arbeitslosenrate von 13,6 Prozent. Arbeitgeber haben nach eigenen Angaben jedoch Schwierigkeiten, in Branchen wie dem Tourismus, der Landwirtschaft, dem Bau- und Transportwesen Arbeitskräfte zu finden.


Aus: "Spanien lockert Einwanderungsgesetze wegen Arbeitskräftemangels" (26. Juli 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/2022-07/spanien-arbeitskraeftemangel-einwanderungsgesetze-migration-tourismus-landwirtschaft

Quote
Cala 2 #2

Immer wieder erstaulich, dass in Zeiten der Not, Einwanderungsgesetze gelockert werden.
In Wahrheit geht es nicht u die Menschen, sondern nur um die Wirschaft, dafür sind Migranten dann gut genug.
Doppelmoral in Hochpotenz.


Quote
regelaltersrentner #6

In der Landwirtschaft in Spanien werden meistens illegale Migranten eingesetzt, die man mit einem Euro in der Stunde abspeist.

Europas dreckige Ernte: Ausbeutung mit EU-Geldern | mehr/wert | BR Fernsehen
02.08.2018  Zehntausende Flüchtlinge und Migranten aus Afrika werden in der Landwirtschaft brutal ausgebeutet. Sie ernten in Spanien und Italien Obst und Gemüse, das in Deutschland zu Billigpreisen verkauft wird. Nach Informationen des Bayerischen Rundfunks erhalten Betriebe, die gegen Lohn- und Arbeitsschutzvorschriften verstoßen, sogar millionenschwere EU-Subventionen. ...
https://youtu.be/cZXGHspYW9E

...

Paweł Nowodwórski

13:06 Zwangsarbeit. Konzern Schwarz (Lidl, Kaufland) verkauft spanische Bio-Zucchini nur für 2,98 EUR/kg


...


Quote
Juergen Haecker #8

Das macht mich richtig wuetend. Ich bin durch die Gemuese- und Obstanbaugbiete im Sueden Spaniens (und Mittelspaniens) gefahren. Mit dem Rad. Oft hatte ich kaum meine Augen und meinen Mund wegen der Insekten offen lassen koennen. Aber gesehen habe ich genug. Menschen schwarzer Hauptfarbe, die vor einer Behausung aus Paletten und Textilfolie auf einem Feuer ihr Essen in einer Pfanne gekocht haben. Erzaehl mir bitte nicht jemand was von Folkore. Bei spanischem Obst/Gemuese muss ich nur noch ...


Quote
konne #9

Der Artikel umgeht leider wie die Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft und Tourismusbranche sind (Arbeitsstunden und Löhne) ein Landwirkt kann es sich nicht leisten 1000 Euro für eine Arbeitskraft zu zahlen auch in der Tourismusbranche geht es in vielen Bereichen ebenso (Arbeitszeit kann 19 oder 12 Stunden täglich betragen). Sehr einseitig der Artikel.


...
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« Reply #1306 on: July 27, 2022, 03:04:48 PM »

Quote
[...] Die im September geplante Ablösung von VW-Konzernchef Herbert Diess durch Porsche-Chef Oliver Blume ruft bei manchen Investoren und Branchenexperten Stirnrunzeln hervor. Dabei geht es etwa um die Frage, warum der künftig mit einer Beraterfunktion ausgestattete Diess gerade vor einem Jahr noch einmal vorzeitig einen neuen Vertrag erhielt. Im Juli 2021 stimmte der Aufsichtsrat der bis zum Oktober 2025 laufenden Weiterverpflichtung zu - obwohl es schon damals und zuvor von mehreren Seiten erhebliche Kritik an Diess' Führungs- und Kommunikationsstil gegeben hatte.

"Die Vertragsverlängerung aus dem letzten Jahr ist nicht nachvollziehbar", sagte der Leiter des Bereichs Unternehmensführung und Nachhaltigkeit bei der Sparkassen-Fondstochter Deka, Ingo Speich. Die Demission von Diess sei "ein Abgang mit Ansage", die Kontrolleure hätten weit früher Konsequenzen ziehen können. Diess selbst soll Druck für die Verlängerung gemacht haben. "Die Rechnung trägt jetzt wieder einmal der Aktionär", meinte Speich. "Auch der neue Beratervertrag wirft mehr Fragen als Antworten auf." Allein für das Jahr 2021 erhielt Diess inklusive Rentenansprüchen mehr als 10 Millionen Euro.

Die VW-Vorstandsgehälter lassen sich im Zeitverlauf nur schwer vergleichen und genau vorhersehen, weil sie von variablen Boni abhängen. Einige Beobachter schätzen, der bisherige Konzernchef - obschon bald nicht mehr in dieser Position - könnte bis Herbst 2025 bis zu weitere 30 Millionen Euro verdienen. "Der goldene Handschlag ist Zeichen schlechter Unternehmensführung und hat bei VW leider Tradition", kritisierte Janne Werning von Union Investment. Bereits mit Bernd Pischetsrieder in den 2000er Jahren oder mit der 2016/2017 nur gut ein Jahr gebliebenen Rechtsvorständin Christine Hohmann-Dennhardt seien hoch dotierte Fortzahlungen oder Abfindungen vereinbart worden.

Ein anderer Analyst sagte, diese Praxis sei aus seiner Sicht eine "Sauerei", zumal im Fall von Diess gleichzeitig Gerüchte zur Kürzung Zehntausender Jobs kursiert hätten. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger sprach von einem "Aufsichtsrat ohne Kompass, der in einem Jahr Hü, im anderen dann Hott" sage. Das komme einer "strategischen Minderleistung" gleich.

Mitglieder des Gremiums wollten sich mit Verweis auf die Vertraulichkeit der Sitzungen nicht zur damaligen Entscheidung äußern, auch nicht im Lichte der Entwicklungen davor. 2020 hatte Diess Teilen des Aufsichtsrats gar strafbares Verhalten und "fehlende Integrität" durch Indiskretionen vorgeworfen.

Zunächst war Diess bis zum Frühjahr 2023 als Vorstandschef der größten europäischen Autogruppe bestellt. Es gab jedoch mehrfach Konflikte mit dem Betriebsrat, der IG Metall und dem Land Niedersachsen, die neben den Vertretern der Eigentümerfamilien Porsche/Piëch die wichtigsten Aufseher stellen. Hinzu kamen zuletzt teure Verzögerungen bei eigener Software, die Modellanläufe gefährdet haben sollen. Im vergangenen Jahr habe noch niemand der entscheidenden Akteure den Bruch mit Diess gewagt, hieß es im Umfeld der Kontrolleure - im Nachhinein sei man oft klüger. Jetzt habe man aber gemerkt, dass es einfach nicht mehr weitergehe.

Quelle: ntv.de, kst/dpa [THEMEN: Volkswagen Herbert Diess Abfindungen Managergehälter]


Aus: "30 Millionen für drei Jahre? - "Goldener Handschlag" für bald Ex-VW-Chef in der Kritik" (27.07.2022)
Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Goldener-Handschlag-fuer-bald-Ex-VW-Chef-in-der-Kritik-article23489862.html

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« Reply #1307 on: July 28, 2022, 10:10:02 AM »

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[...] Wo und wie König Maha Vajiralongkorn seinen runden Geburtstag feiert, das weiß in Thailand fast niemand. Wer sich auf den Straßen der Hauptstadt Bangkok umhört, erntet Schulterzucken. In der Heimat ist der Monarch nur selten zu sehen, meist bei offiziellen Zeremonien.

Die meiste Zeit verbringt er wohl in Bayern, in seiner Villa am Starnberger See, aber auch von dort dringt mittlerweile kaum noch etwas über ihn und sein Leben an die Öffentlichkeit. Bekannt ist: Mit einem geschätzten Vermögen von 30 Milliarden Dollar (über 29 Milliarden Euro) gilt Rama X., so sein offizieller Name, als reichster Royal der Welt. Am Donnerstag (28. Juli) wird er 70 Jahre alt.

Der Geburtstag des Königs ist in Thailand immer ein öffentlicher Feiertag. In diesem Jahr dürfen sich die Bürger sogar auf ein langes Brücken-Wochenende freuen. Die staatliche Eisenbahn feiert den Tag mit Sonderfahrten von zwei Dampflokomotiven aus dem Zweiten Weltkrieg.

Die Züge bringen Interessenten auf einer historischen Route von Bangkok ins 80 Kilometer entfernte Ayutthaya, die frühere Hauptstadt des Königreichs Siam. So könnten Thais „an den Feierlichkeiten teilnehmen und ihre Loyalität gegenüber Seiner Majestät zeigen“, zitierte die Zeitung „Nation Thailand“ einen Bahnsprecher.

Maha Vajiralongkorn wurde als das zweitälteste Kind und einziger Sohn von Bhumibol Adulyadej und Königin Sirikit geboren. Als sein Vater 2016 starb, musste der damals 64-Jährige in riesige Fußstapfen treten. König Bhumibol galt in den sieben Jahrzehnten seiner Regentschaft als volksnah und pflichtbewusst. Von den Untertanen wurde er fast wie ein Gott verehrt. Sein Tod löste im Land eine beispiellose Welle von Trauerbekundungen aus.

Der Kronprinz hingegen hatte eher als Lebemann von sich reden gemacht, der zum Zeitpunkt seiner Krönung bereits drei gescheiterte Ehen hinter sich hatte. Lange wurde er als eine Art asiatischer Vetter von Prinz Charles beschrieben, von dem man nicht wusste, ob er jemals den Thron besteigen würde.

Seine Mutter, die im August 90. Geburtstag feiert, sagte einmal über ihn: „Mein Sohn hat etwas von einem Don Juan. Frauen finden ihn interessant, und er findet Frauen noch interessanter.“ Aus seinen Ehen gingen fünf Söhne und zwei Töchter hervor. Sein Sohn und Thronerbe, der 2005 geborene Prinz Dipangkorn, geht – soviel man weiß – in Deutschland auf eine Privatschule. Mit Königin Suthida (44), ehemals Stewardess, nach einigen Beförderungen nun Generalleutnant, ist er seit drei Jahren verheiratet.

Die beiden gaben sich nur wenige Tage vor der offiziellen Krönung im Mai 2019 das Jawort. Als sich Maha Vajiralongkorn Bodin Dradebaya Warangkun (was in etwa so viel heißt wie: „Der König der Blitze, Abkömmling von allmächtigen Gottheiten“) offiziell die 7,3 Kilogramm schwere „Goldene Krone des Sieges“ aufsetzte, war er schon zweieinhalb Jahre Monarch. Seit Beginn der Chakri-Dynastie 1782 haben erst neun Könige die gewichtige Krone getragen. Das Protokoll ist eisern, in Deutschland lebt es sich leichter.

Aber auch wenn der Regent meist außer Landes weilt, so ist er doch in der Heimat omnipräsent: Allerorts prangen überlebensgroße Porträts, nicht nur in staatlichen Behörden, sondern auch auf Schulhöfen, in der Bahn, vor den riesigen Shopping-Malls und sogar von vielen Hochhäusern blickt er herab. Streng und meist in goldenem Ornat, aber auch in Uniform mit vielen Orden ist er zu sehen, manchmal allein, oft zusammen mit Suthida.

Wie die Offiziellen ihren König gerne sähen, erfährt man am besten im Kino. Vor jedem Film wird ein Zusammenschnitt mit Szenen aus seinem Leben gezeigt, vor allem aber von seiner Krönung. Winkend steht er mit seiner Familie auf einem Balkon, Zehntausende jubeln ihm zu. Dazu wird die feierliche Königshymne gespielt. Als Regel gilt: Jeder soll aufstehen. In jüngster Zeit befolgen aber längst nicht mehr alle die Vorgabe.

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Demonstrationen, bei denen die Änderung eines strengen Gesetzes gegen Majestätsbeleidigung gefordert wurde. Auf Kritik am König, an der Königin und anderen Mitgliedern des Hofes stehen drakonische Strafen von bis zu 15 Jahren Haft. Das Thema war in dem südostasiatischen Land lange ein Tabu. Das Königshaus hat in Thailand aber auch weiterhin viele Anhänger.

Thailands Könige haben seit der Abschaffung der absoluten Monarchie 1932 auf dem Papier eigentlich keine politische Macht mehr. Trotzdem spielt das Königshaus eine hochpolitische Rolle: Ohne dessen Gunst kann in Bangkok keine Regierung überleben - auch die Militärs nicht, die seit 2014 wieder an der Macht sind. (dpa)


Aus: "Maha Vajiralongkorn von Thailand – der reichste König der Welt wird 70" (27.07.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/29-milliarden-euro-samt-villa-in-bayern-mahavajiralongkorn-von-thailand-der-reichste-koenig-der-welt-wird-70/28553562.html
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Re: [Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #1308 on: August 01, 2022, 01:03:41 PM »

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[...] Die Angst vor Corona und das Chaos an vielen Flughäfen haben das Reisen verändert. Wer es sich leisten kann, fliegt im Privatjet. Die Nachfrage in dem Segment hebt derzeit ab

... "Die veränderte Nachfrage und die Probleme in der Luftfahrt haben der Privatjet-Branche einen Nachfrageschub beschert", sagt Monika Rosen-Philipp, Börsenexpertin der Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft (ÖAG). Die Nutzung von Privatflugzeugen hat besonders im Vorjahr stark zugenommen. Auch weil Menschen wegen Corona lieber unter sich bleiben, als mit hunderten anderen Passagieren im Flugzeug zu sitzen.

Laut dem Luftfahrtdatenforscher Wingx gab es 2021 weltweit 3,3 Millionen Privatflüge – das ist neuer Rekord. Die Zahl lag sieben Prozent über dem bisherigen Hoch aus 2019. Die USA und Europa weisen dabei das größte Wachstum aus.

Immer mehr Menschen suchten nach einer individuellen Reiselösung mit Erlebnischarakter, zitiert die BBC Ian Moore, Chief Commercial Officer des Privatflugzeugunternehmens Vista-Jet. Das global agierende Unternehmen mit Hauptsitz in Malta betreibt 73 Flugzeuge. Laut Moore ist die Kundennachfrage im Vorjahr in Europa um 26 Prozent und im Rest der Welt um 21 Prozent gestiegen. Dabei stammten 71 Prozent der Anfragen von Passagieren, die zuvor keine regelmäßigen Nutzer der privaten Luftfahrt waren.

Die Nachfrage zu decken wird immer schwieriger. Jettly, eine neue Online-Buchungsplattform für Privatflugzeuge, erhielt zuletzt weltweit 15.000 Anfragen. Auch Jet-it und Jet-Club berichten, dass sie Schwierigkeiten haben, genügend neue Flugzeuge zu bekommen, um mit der Nachfrage Schritt zu halten.

... "Der Nachteil ist hier freilich die Umweltbelastung", sagt Rosen-Philipp und weist auf die schlechte CO2-Bilanz solcher Trips hin. Denn Privatflugzeuge sind fünf- bis 14-mal umweltschädlicher als kommerzielle Flieger. Hinzu kommt: je älter die Maschine, desto umweltschädlicher. Auch in diesem Sektor läuft zwar der Umstieg auf Bio-Kraftstoffe oder Wasserstoff. Doch auch das dauert. Der Bau neuer Maschinen verzögert sich. Bombardier, führender Anbieter in diesem Segment, kommt mit der Produktion neuer Flieger kaum nach. Neue Umweltauflagen sind ein Grund dafür, aber auch die Lieferkettenprobleme verzögern hier den Abflug.


Aus: "Warum immer mehr Menschen mit dem Privatjet in den Urlaub fliegen" Bettina Pfluger (1.8.2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000137918785/neuer-trendim-privatjet-in-den-urlaub

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MuhSagtDieKuh

Ist mir schon im Juni in Kroatien aufgefallen, an manchen Tagen ist alle paar Minuten ein Privatjet vom Inselflughafen abgehoben. Vor der Pandemie waren es eine handvoll pro Woche. Ziele meist an der Côte d'Azur oder auf griechischen Inseln.

... in den USA oder in UK ist der Privatjet mittlerweile in der oberen Mittelschicht angekommen, den man sich gönnt, wenn man mit Freunden auf Urlaub ist. Kein Stress am Flughafen, keine besoffenen Partytouristen in der EasyJet, und gerade bei Inseln auch der Vorteil, dass man sich Umsteigeverbindungen oder Fähren spart.


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« Reply #1309 on: August 01, 2022, 01:08:00 PM »

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[...] "Das war wohl ihr letzter gemeinsamer Immobiliendeal", schrieb die "New York Times" jüngst über ein Fleckchen Land auf dem Golfplatz von Ex-US-Präsident Donald J. Trump im Bundesstaat New Jersey. Es dient nun als letzte Ruhestätte für seine kürzlich verstorbene Ex-Frau Ivana Trump, die Mutter der drei gemeinsamen Kinder Ivanka, Donald Jr. und Eric Trump. Es sei entsprechend umgewidmet worden, um ihr dort eine traditionelle katholische Beisetzung zu ermöglichen, hieß in dem Artikel.

Ivana Trump, die von 1977 bis 1992 mit Donald Trump verheiratet war und eine zentrale Rolle bei seinen Immobiliengeschäften spielte, war Mitte Juli bei einem Unfall in ihrem New Yorker Anwesen ums Leben gekommen. Die Trauerfeier fand in einer Kirche an der Upper East Side statt. Danach wurde ihr goldgefärbter Sarg nach Bedminster in New Jersey verfrachtet und im engen Familienkreis in der Nähe des ersten Lochs auf dem Golfparcours beigesetzt.

Doch das stille und diskrete Begräbnis hat auch eine in sozialen Medien eine vieldiskutierte Frage aufgeworfen: Erhofft sich Ex-Präsident Donald Trump von der Beisetzung seiner Ex-Frau auf seinem Golfplatz einen Steuererlass?

Nach Angaben der Soziologieprofessorin Brooke Harrington, die am Dartmouth College unterrichtet und sich mit Steuerfragen befasst, ermöglicht es die Gesetzeslage in New Jersey, dass der Golfplatz nun als Friedhof durchgehen könnte und damit steuerbefreit wäre. Denn Friedhofsbetreiber sind laut Gesetzestext all jene Personen, Firmen oder Organisationen, "die einen Grund verwalten, der für die Beisetzungen von menschlichen oder kremierten Überresten gewidmet ist". Und Friedhofsbetreibern wird in New Jersey die Grund-, Einkommens- und Umsatzsteuer erlassen.

Unklar ist aber, wie groß ein entsprechender Steuernachlass ausfallen würde. Denn laut "Guardian" würde dieser nicht für den gesamten Golfplatz gelten, sondern nur anteilsmäßig, da er schlichtweg zu groß ist. Die Familie Trump hat sich einstweilen nicht zu den Spekulationen zu Wort gemeldet.

Bekannt ist allerdings, dass Trump schon lange angedacht hatte, einen Friedhof in New Jersey zu betreiben. Vor zehn Jahren wollte er sich selbst nach Medienberichten dort ein Mausoleum errichten. Später war ein Friedhof auf einem 20 Minuten entfernten Grundstück im Gespräch. 2017 wurden Pläne für zweierlei Friedhöfe am Golfplatz bekannt: einen mit zehn Gräbern für den engsten Familienkreis und einen weiteren mit rund 260 Plätzen zum Erwerb. Gebaut wurde bisher noch gar nichts: Nun macht Ivana Trump den Anfang – einzig eine Plakette und ein Strauß Blumen markieren Fotos des Boulevardblatts "New York Post" zufolge das Grab ohne Grabplatte.


Aus: "Warum ließ Donald Trump seine Ex-Frau auf dem Golfplatz bestatten?" Flora Mory (1.8.2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000137932183/warum-liess-donald-trump-seine-ex-frau-auf-dem-golfplatz

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« Reply #1310 on: August 02, 2022, 10:37:39 AM »

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[...] Annekathrin Kohout ist freie Kunstwissenschaftlerin und Autorin.  ...

Vorbei an den titanweißen Rillen, den ockerfarbenen aufgereihten Erhebungen und einer Lasur aus Purpur: Sanft streichelt Johanna Dumet mit ihren gepflegten Fingern, an denen ein prunkvoller, mit Steinchen besetzter Ring funkelt, über den pastosen Farbauftrag des eigenen Gemäldes. Beim Zuschauen ist das beinahe ein visuelles ASMR-Erlebnis. Es ist ein Ausschnitt aus einem Video, mit dem die Künstlerin auf Instagram ein neues Gemälde vorstellt: The most expensive cake in the world. In zwei weiteren Slides desselben Posts ist das Bild dann auch in Gänze zu sehen: eine zehnstöckige rosafarbene Torte, auf deren Etagen die Namen der zehn wertvollsten Modemarken der Welt geschrieben stehen (Nike an der Spitze, Chanel am Boden) und von Kirschen gekrönt werden; die Torte befindet sich unter einem schwungvollen, grün-weiß gestreiften Baldachin. Davor sitzt die Künstlerin lässig auf einem Designersofa, von Kopf bis Fuß in den Markenklamotten gekleidet, die sich bei Influencer:innen besonderer Beliebtheit erfreuen. Alle Labels sind verlinkt, genauso wie Dumets Galerie und die Messe, auf der das Bild bald zu sehen sein wird.

Angesehene Schriftsteller:innen und Kolleg:innen haben den Beitrag von Johanna Dumet geliked. In den Kommentaren zur Torte senden trendy Berliner Influencer Herzchen, eine prominente Podcasterin fragt, ob es sich bei dem Ring um einen Verlobungsring handelt, mal mehr und mal weniger anonyme Fans teilen mit, wie sehr sie die Arbeit der Künstlerin schätzen. Und es wird gefragt, wo und wie das Kunstwerk denn zu erwerben sei. Vermutlich gar nicht mehr, weil längst verkauft. So oder so: Johanna Dumet hat ein Vorzeigenetzwerk, und nicht erst, seit der Kunstmarkt-Influencer Magnus Resch entsprechende Analysen vorgelegt hat, ist Konsens, dass der Erfolg von Künstler:innen ganz wesentlich von ihrem Netzwerk abhängt. Um eines zu knüpfen und zu unterhalten, bietet Instagram die besten Voraussetzungen.

Instagram nimmt seit über einem Jahrzehnt maßgeblich Einfluss auf die Kunstszene. Künstler:innen können sich und ihre Arbeiten dort selbst inszenieren, sich mit einflussreichen Protagonist:innen des Kunstbetriebs verbinden, die ihrerseits neue Positionen zunehmend über die Plattform entdecken, ja vielleicht sogar durch den ganz und gar nicht banalen Algorithmus auf sie gestoßen werden. Nicht wenige Künstler:innen haben mittlerweile Follower und Fans, denen sie auch etwas bieten müssen. Und davon profitieren wiederum alle, die mit Kunst Geld verdienen wollen oder müssen. Manche Ausstellungen wirken bereits so, als hätte man sie für Instagram gemacht: Sie präsentieren followerstarke und fotogene Positionen, die möglichst viele Storys zum Event provozieren sollen.

Es gibt Medien, die es auf Instagram leichter haben als andere. Künstlerische Fotografie muss sich zum Beispiel in dem ohnehin fotografielastigen Medium viel stärker behaupten als Malerei, die im endlosen Feed direkt als Kunst heraussticht. Malerei, gerade wenn sie besonders üppig oder gestisch aufgetragen wurde, hatte es anfänglich schwer in den digitalen Medien. Größe, Haptik und die damit verbundenen Sinneseindrücke gingen verloren, die Bilder wirkten flach. Doch still und heimlich hat sich die Malerei mittlerweile neben der digitalen Kunst und NFTs zur Social-Media-Königin unter den künstlerischen Medien gemausert. Und das ist nicht zuletzt ihrer Materialiät zu verdanken, mit der sich – wie bei Dumet – sinnliche Videos erstellen lassen, die die Tastsinnbedürfnisse einer "berührungslosen Gesellschaft" befriedigen, wie es Elisabeth von Thadden in ihrem gleichnamigen Buch formulierte.

Natürlich müssen Künstler:innen auch selbst einige Voraussetzungen mitbringen, um erfolgreich zu sein. Was auf aufmerksamkeitsökonomischen Plattformen bedeutet: viele Likes und Kommentare zu erhalten, oft geteilt und so von Galerist:innen, Sammler:innen und Ausstellungsmacher:innen entdeckt zu werden. Neben dem Talent zur Vernetzung und Selbstinszenierung, dem Beherrschen der dissimulatio artis (sprich: dem authentischen Storytelling), ist es ebenfalls wirkungsvoll, ein Umfeld zu schaffen oder zu haben, das instagramable ist. In dem Kunst-Podcast Extrem Dumme Fragen antwortete Johanna Dumet auf diejenige, ob es ein Ereignis gebe, das den Beginn ihrer Karriere markiere, es sei die Investition in ein großes und ansehnliches Atelier gewesen. Denn dort sei es ihr fortan möglich geworden, ihre Malerei auf bestmögliche Art für Instagram zu inszenieren.

Mittlerweile haben Künstler:innen verschiedene Strategien entwickelt, sich auf Instagram zu präsentieren und sich zu den dort vorherrschenden Bildwelten zu verhalten. Wenig überraschend zeigen sich die meisten professionell oder erfolgreich; Bilder vom schönen Scheitern oder Inszenierungen als armer Künstler kommen selten vor (oder werden wenig angezeigt). Am geläufigsten sind Profile, die als Portfolios verwendet werden, einschließlich Einblicken in das Making-of, das Künstlerbüro und die Ausstellungspraxis. In dem Fall scheint Instagram eher ein Marketing-Tool neben anderen zu sein.

Doch es gibt ein neues Konzept, dem möglicherweise auch ein neues Selbstverständnis zugrunde liegt. Es besteht gerade nicht darin, lediglich die eigene Kunst oder Person zu bewerben, sondern darüber hinaus mit der eigenen Arbeit auch andere Produkte. Gerade Johanna Dumet macht das auf erstaunlich virtuose Weise. Luxus und Lifestyle, die Lieblingsthemen auf Instagram, sind oft ihre Motive. Etwa üppig gedeckte Tische mit Hummerkrabben und Champagner oder High Heels. Während andere Influencer:innen Luxusprodukte mit einem Outfit-Posting bewerben, malt sie Prada-Handschuhe, eine Yves-Saint-Laurent-Tasche und dazu Tabi-Schuhe von Maison Margiela. Ihr Kommentar dazu: "Who cares about Berlin winter when you have some Prada fancy gloves and you can walk in the dirty snow with your white Maison Margiela Tabi shoes and your Yves Saint Laurent Bag, really who cares?" ("Wen interessiert schon der Berliner Winter, wenn man ein paar schicke Handschuhe von Prada hat und mit seinen weißen Maison-Margiela-Tabi-Schuhen und seiner Yves-Saint-Laurent-Tasche durch den dreckigen Schnee laufen kann, wen kümmert das schon?")

Was man an dieser Stelle noch für kritische Affirmation oder bloße Ironie halten könnte, erweist sich jedoch als scheinbar offene Umgangsweise mit dem eigenen Markenfetischismus. Dumet kooperiert etwa mit Hermès, und für das Traditionshaus dürfte sie eine besonders wertvolle Influencerin sein, drückt sie doch allein mit ihrer künstlerischen und handwerklichen Arbeit eine Art von Luxus aus, in dem mehr Geld und Arbeit steckt als in einem sonst üblichen Outfit-Foto.

Johanna Dumet ist keinesfalls ein singuläres Phänomen, allerdings im deutschsprachigen Raum relativ einzigartig. Vielleicht, weil man sich hierzulande mit Konsumbekenntnissen immer schon schwerer tat. Tatsächlich gibt es aber international zunehmend Künstler, die mit ihrer Arbeit influencen, ja sogar zu Botschaftern einzelner Marken werden. Anders als bei Takashi Murakami oder Jeff Koons, die ebenfalls in regelmäßigen Abständen mit Labels kooperieren und deren Taschen oder Sneakers gestalten, werden bei Johanna Dumet, Andy Dixon oder Ignasi Monreal die Labels direkt in die eigene Bildwelt integriert. Sie werden zum Sujet und geraten im Kontext von Instagram dadurch zu individuellen und kreativ anmutenden Werbebildern unter anderen.

Das Werk des kanadischen Malers Andy Dixon ist mittlerweile sogar so eng mit dem Modelabel Versace verschränkt, dass die Referenz zu seiner individuellen Handschrift geworden ist. Wie auch bei Dumet handelt es sich dabei keinesfalls um Kritik, sondern um eine Identifikation mit der Luxusmarke. Er habe sich in früheren Arbeiten auf das Haus bezogen, weil er sich von dessen Ethos angezogen fühle, erklärte der Künstler etwa in einem Interview mit dem Magazin Fashion. Dass Versace seine in der Kunst entwickelten Entwürfe mittlerweile produziert, ist für Dixon ein wahr gewordener Traum.

Anders als in der Pop-Art, die sich eher auf die Alltagskultur der Vielen als auf die Luxuserfahrungen der Wenigen bezog, scheinen Kunst-Influencer Hermès-Taschen oder Versace-Shirts zu malen, um (mit ihren Werken) Teil jener Welt zu werden, in der man solche Gegenstände besitzt. Es ist sozusagen eine Art Vorstellungsgespräch, vergleichbar mit der Arbeit der klassischen Influencer, die auch erst Streetfotos mit selbst gekauften Sachen machen, sich so beweisen müssen, bevor sie die neuesten It-Pieces von den Unternehmen zugeschickt bekommen.

So sehr eine Plattform wie Instagram ökonomischen und gesellschaftlichen Aufstieg verheißt (und der in seltenen Fällen auch wahr wird), lautet die traurige Wahrheit aber letztlich, dass dieser in den meisten Fällen nicht ohne Ressourcen und Privilegien durch eine entsprechende Herkunft gelingt. In der hat man etwa ganz selbstverständlich gelernt, wie man sich präsentieren oder verhandeln, welche Konventionen man beherrschen muss.

In der Kunstwelt kamen lange Zeit die Ärmsten und Reichsten der Gesellschaft zusammen. Das ist eigentlich eine einzigartige Situation: Prekär lebende und arbeitende Künstler:innen trinken auf Ausstellungseröffnungen Champagner mit superreichen kosmopolitischen Sammler:innen, die gerade einen Zwischenstopp auf dem Weg von der Art Basel auf die Biennale in Venedig einlegen. Während sich die wohlhabenden Sammler:innen durch den Umgang mit Künstler:innen und bildender Kunst einen intellektuellen Anstrich geben können, profitieren die Künstler:innen von der finanziellen Unterstützung. Zumindest war das die für lange Zeit gültige unausgesprochene Vereinbarung, ein Tauschgeschäft zum Nutzen aller Beteiligten, das es so in keiner anderen Kultursparte gibt, weder in der Musik noch im Theater oder Film: Der frei verhandelbare Preis von physischen Kunstwerken (und besonders die Idee des Originals und damit Unikats) hat eine ganz eigene Marktsituation und Ökonomie geschaffen. Die hat auch deshalb so gut funktioniert, weil sich beide Parteien der jeweils anderen überlegen fühlen durften. Trotz gegenseitiger Abhängigkeit konnten sich die einen, die Künstler:innen, vormachen, moralisch, geistig, weltanschaulich in der stärkeren Position zu sein – und die anderen, die gut situierten Sammler:innen, blieben es objektiv finanziell, mit Ausnahme jener wenigen Künstler:innen, deren Erfolg derart groß war, dass sie irgendwann auch zu den Reichen gehörten.

Nun läuft dieses Abkommen aber Gefahr, beendet zu werden. Für Wohlhabende ist es nicht mehr von so großer Bedeutung, sich kunstaffin zu zeigen. Heute kann ihnen popkulturelle Bildung einen ebensolchen Statusgewinn verschaffen, wie es einst im eigenen Milieu nur Kenntnis und Unterstützung der Hochkultur vermochte. Ein Kostüm von Lady Gaga oder Art Toys von auf Instagram erfolgreichen jungen Nachwuchskünstler:innen zu besitzen, kann von genauso großer Attraktivität sein, wie ehedem Inhaber eines Gemäldes des heute längst unbezahlbaren Gerhard Richter zu sein. Und das Netz stellt, mehr noch als zuvor die Reproduktion von Originalen als Drucke, die Idee des physischen Besitzes von Kunst infrage. Sind NFTs dort nicht nur scheinbar eine ökonomische Lösung, ein Paradox und ein scam: Warum etwas kaufen, was man physisch nicht besitzen kann?

Bildende Künstler:innen büßen aus diesem Grund zunehmend ihre Sonderstellung ein. Einige reagieren darauf wie Dumet oder Dixon auf Instagram, wo die physisch existente Kunst ja nur abgebildet wird. Andere beginnen, die Gründe für das Nicht-mehr-Funktionieren des Sammler-Künstler-Verhältnisses kritisch zu hinterfragen. Worüber lange eher geschwiegen wurde, das thematisieren Künstlerinnen wie Zoë Claire Miller oder Marta Vovk in aller Direktheit sowohl in Zitatkacheln auf Instagram als auch in ihrer Kunst selbst: die Klassenfrage und die strukturellen Probleme dahinter. Wie sind die vorhandenen Abhängigkeiten entstanden? Woher kommt die Asymmetrie der Macht? Und auch: Woher kommt eigentlich das Geld der superreichen Kunstsammler:innen? Wie lassen sich die Arbeitsbedingungen der Künstler:innen verbessern?   

Instagram und die dort übliche gewollte oder ungewollte Präsenz des sozialen Status provoziert also unter Künstler:innen sehr unterschiedliche Reaktionen. Während die einen selbst zu Influencern werden, versuchen sich andere mit aller Kraft dem Lifestyle-Medium zu entziehen oder kämpfen sogar als Aktivist:innen gegen die oft bloßen Verheißungen eines berauschenden Jetset-Lebens an.

"Luxus ist eine Trotzreaktion", hat der Philosoph Lambert Wiesing einmal gesagt und dieser Erfahrung ein ganzes Buch gewidmet. Für das individuelle Erleben trifft das gewiss zu, ist damit doch oft eine irrationale Sehnsucht nach der Befreiung von jedem Vernunfts- und Effizienzdenken verbunden. Doch darum scheint es nicht zu gehen, wenn Johanna Dumet ihren "most expensive cake in the world" mit der Bemerkung kommentiert, schockierend sei auch, dass Zara und H&M es in die Top Ten der "wertvollsten Modemarken" geschafft hätten – was da noch zu sagen bleibe? Hier ist Luxus nur Anspruch und Distinktion, Lambert Wiesing würde wohl sagen "Protz". Es muss für Dumet wohl fast schon eine Qual gewesen sein, die vermeintlich niederen Brands in ihr Gemälde zu integrieren. Das spaßig als "Integrität" zu würdigen, wie es einer der Kommentatoren auf Instagram tat, bereitet bei all dem offen ausgelebten Klassismus dann doch ein bisschen Gänsehaut.



Aus: "Instagram: Ein Herzchen für die Kunst" Annekathrin Kohout (1. August 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2022-08/johanna-dumet-kunst-influencer-instagram-werbung-10nach8/komplettansicht

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SammysYoga #1

Üble Entwicklung von Kunst zur protzigen statusymboligen Edelmarkendekoration. ...


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Fehrberlliner #2

"Nun läuft dieses Abkommen aber Gefahr, beendet zu werden. Für Wohlhabende ist es nicht mehr von so großer Bedeutung, sich kunstaffin zu zeigen."

Ganz im Gegenteil. Anders gesagt: Die Explosion des Kunstmarktes durch die Entdeckung der "Kunst" als Accessoire für "Wohlhabende" (nicht mehr wie früher einige, sondern zahllose Reiche) ist schon seit ca. 15 Jahren ins Werk des Zeitgeistes gesetzt, so dass es für "Künstler" nur noch von Bedeutung ist, sich wohlstandsaffin zu zeigen.

= Ende der Kunst.

...


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simplizisimus #10

Die Moderne ist in die Jahre gekommen...


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« Reply #1311 on: August 03, 2022, 02:45:08 PM »

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[...] Die Lage im Frankfurter Bahnhofsviertel wird immer prekärer und durch Baustellen sowie das Neun-Euro-Ticket zusätzlich erschwert.

Frankfurt - Die Frau schreit, schlägt mit ihrer Handtasche nach einem Radfahrer, taumelt und stürzt der Länge nach auf den Asphalt. Der Mann auf dem Fahrrad lacht, steigt dann ab und hilft der Frau auf, die offensichtlich völlig zugedröhnt ist und sich jetzt an ein geparktes Auto anlehnen muss.

Es ist Dienstag, 11.30 Uhr, in der Frankfurter Moselstraße. Die Szene spielt sich unmittelbar vor dem „Hotel Mosel“ ab, in dem in der Nacht ein Mensch erschossen wurde. Doch die drei Polizisten, die den Eingang bewachen, nehmen von der Frau und dem Radfahrer keine Notiz, zu gewöhnlich. „Das ist eine andere Welt“, sagt ein Passant, der den Vorfall beobachtet hat.

Zu der „anderen Welt“ gehört auch die Niddastraße, direkt um die Ecke. Dort vegetieren zur gleichen Zeit etwa zwei Dutzend Menschen vor sich hin und freuen sich über den Schatten, der sich auf dem Bürgersteig noch bietet. Sie setzen sich Spritzen, kramen nach Essen oder Drogen. Es sind Szenen wie diese, die den neuen Frankfurter Polizeipräsidenten Stefan Müller erschrecken und von einer „Verelendung“ sprechen lassen, gegen die dringend etwas getan werden müsse.

Die Probleme im Frankfurter Bahnhofsviertel sind wahrlich nicht neu, aber vor allem in dem Gebiet zwischen Taunus- und Niddastraße immer sichtbarer. Klaus-Dieter Strittmatter kennt sie. Der ehemalige Polizist ist nicht nur Vorsitzender des Frankfurter Präventionsrats, sondern seit 2017 auch „Sonderkoordinator Bahnhofsviertel“.

Bei Streifzügen zeigt er Verantwortlichen des Ordnungsamts und anderer Gremien verschiedene Problemstellen. Da gebe es zum einen „die Baustellenproblematik“, sagt Strittmatter. Baugerüste würden von der Klientel oft schon als heimelig genug empfunden, um darunter zu campieren oder die Notdurft zu verrichten. Die Baustellen selbst würden aber auch „fehlgenutzt“. „Die Drogenklientel hat ein hohes Ruhebedürfnis und sucht Rückzugsbereiche.“

Dafür überwinde sie auch schon mal einen zweieinhalb Meter hohen Bauzaun. „Das Leben auf der Straße macht hart“, sagt Strittmatter. In anderen Bereichen machen die Baustellen die Verelendung hingegen noch deutlicher sichtbar. Nämlich dort, wo die Deutsche Bahn die Abgänge zur B-Ebene gesperrt und mit Stacheldraht umzäunt hat und damit Möglichkeiten nimmt, sich ein bisschen zu verstecken.

Das Bahnhofsviertel war nie ein Ort beschaulicher Friedlichkeit, doch mittlerweile vergeht kein Tag, an dem es nicht im Polizeibericht auftaucht. „Es gibt zunächst mal eine hohe Aggressivität in der Szene untereinander“, weiß Strittmatter. Aber auch Touristen, Schaulustige oder zufällige Passanten können schnell zum Opfer werden. Wer abends oder nachts alkoholisiert unterwegs sei, „wird als Opfer der Beschaffungskriminalität auserkoren“, sagt Strittmatter, fügt aber an, dass für die vielen Raubstraftaten nicht nur die Drogenszene verantwortlich sei.

Auch andere Kleinkriminelle suchen im Bahnhofsviertel nach Kundschaft und werden meist fündig. Stritmatter entwirft folgendes Szenario: Jemand hat in Sachsenhausen gebechert und will mit dem Zug nach Hause. Bis zur Abfahrt ist noch ein wenig Zeit. Dann wird in einem der „Spätis“ im Bahnhofsviertel Nachschub gekauft und vielleicht noch ein Gespräch gesucht ...

Verschlimmert hat sich die Situation Strittmatter zufolge ausgerechnet durch das Neun-Euro-Ticket der Bahn. Das locke nicht nur Klientel an, die nun ohne hohe Fahrtkosten günstige Drogen in Frankfurt kaufen könne, sondern befördere auch den Katastrophentourismus. „Wir stellen junge Leute fest, die sich durch die entsprechende Berichterstattung in den Medien motiviert fühlen, sich das im Bahnhofsviertel mal selbst anzuschauen und bei Instagram zu posten“, sagt Strittmatter und erinnert an einen Vorfall Anfang Juli, der ihn als Präventionsexperten besonders empört habe.

Ein Betrunkener wird niedergeschlagen und ausgeraubt. Der Raub wird per Handy gefilmt und ins Netz gestellt. Doch niemand der Zeug:innen alarmiert die Polizei. Die erfährt erst Tage später durch das Video von dem Vorfall, nach dem das Opfer ohne Bewusstsein im Krankenhaus landete.

Der nochmalige Anstieg von Raubstraftaten im Bahnhofsviertel in jüngster Zeit sei nicht zu leugnen, sagt Strittmatter. Mitte August habe er einen Ortstermin mit dem neuen Polizeipräsidenten, im September werde das Bahnhofsviertel auch Thema bei einer Sitzung des Präventionsrats sein. Die Situation ist mittlerweile so schlimm, dass einige Angehörige von Stadtpolizei und Feuerwehr gar nicht mehr in Frankfurt arbeiten wollen und die FES für die vielen Sperrmülleinsätze im Bahnhofsviertel nur noch mit uniformierter Verstärkung anrückt.

Vor dem Hotel Mosel ist an diesem Mittag noch immer die Polizei zugange. Auf dem Hotelbuchungsportal booking.com heißt es übrigens: „Highlight der Unterkunft: Dieses Hotel befindet sich im wahren Herzen von Frankfurt“.


Aus: "Frankfurter Bahnhofsviertel: Elendstourismus nimmt zu" Oliver Teutsch (03.08.2022)
Quelle: https://www.fr.de/frankfurt/frankfurt-bahnhofsviertel-elend-drogen-kriminalitaet-drogen-polizei-91702321.html

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wally

Natürlich ist das 9-Euro-Ticket schuld. Vorher gab es diese Probleme nicht. Der Bahnhof roch nach Rosenduft, es gab kostenlose öffentliche Toiletten, es wurde geputzt und die Polizei verteilte Flugblätter für Druckräume.


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Elbiz Kashmore >> wally

Richtig, so einen Blödsinn liest man selten und auch noch ausgerechnet von einem ehemaligem Polizisten, ''Vorsitzender des Frankfurter Präventionsrats'' und ''Sonderkoordinator Bahnhofsviertel''. Das Einzugsgebiet der täglich anreisenden Konsumenten von ''günstigen Drogen'' (meint der das ernst?) geht schon immer weit über das Rhein-Main-Gebiet hinaus, also bis hinter Friedberg, Hanau, Darmstadt, Mainz. Ebenso wenig ist der ''Katastrophentourismus'' eine Folge des 9 € Tickets, Menschen kommen seit jeher aus allen Gegenden des Erdballs zu Messen, kulturellen Ereignissen oder um Tante Gerda zu besuchen. Anschließend gehts in die Stangenbar zum entspannen und wenn nebenan ein Junkie kollabiert, wird halt das Handy gezückt und stante pede Pic oder Vid getwittert, oder auf Insta geteilt ...


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