Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 306488 times)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #1015 on: Februar 18, 2020, 12:25:52 nachm. »
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[...] Journalisten streiten und schreiben, manchmal über Jahrzehnte, um zu etablieren, was irgendwann ein Narrativ sein wird. Kenntnis hilft. Aber auch eine Verbindung aus historischem Bewusstsein, der Bereitschaft zur Ergriffenheit und zum Engagement – und ein Gefühl für den richtigen Zeitpunkt.

Michael Sontheimer, der am Montag 65 Jahre alt wird, gehört zu solche Journalisten. Er hat Politologie und Geschichte studiert – am Otto-Suhr-Institut, der Lehrstätte etlicher späterer tazler –, das hat sicher geholfen. Eine gewisse biografische Gelassenheit, als Sohn einer gutbürgerlichen Bildungsfamilie, kam dazu. ...

... Er war taz-Mitbegründer, ging Mitte der 80er Jahre zur Zeit kam in den Neunzigern als Chefredakteur zurück und war dann bis sozusagen gestern beim Spiegel; zehn Bücher von ihm gibt es auch – zum Berliner Bausumpf beispielsweise, zur RAF und zum Deutschen Herbst, zu Vietnam & Kambodscha. Er erfand mit anderen die taz-Panter-Stiftung, setzt sich für die Förderung des kritischen Journalismus ein („Er hat es nötig.“) und hält auf seine Weise Aufklärung und Engagement zusammen. Unter anderem, indem er für Assange, Snowden und Manning streitet.

Herzlichen Glückwunsch, Micha, keep uncalm and carry on!


Aus: "Das Untragische als Lebensform" Elke Schmitter (2020)
Quelle: https://taz.de/Zu-Michael-Sontheimers-65-Geburtstag/!170363/

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« Reply #1016 on: M?RZ 09, 2020, 12:35:11 nachm. »
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[...] „Fehlstart“ ist weniger ein Coming-of-Age- oder Bildungsroman als eine schonungslose soziologische Betrachtung. Als solche hat „Fehlstart“ viele gelungene Passagen.


Aus: "Frankreichs Jugend hat keine Chance" Gerrit Bartels (09.02.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/fehlstart-von-marion-messina-frankreichs-jugend-hat-keine-chance/25525686.html

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[...] Und dann erschien 2017 Ihr erster Roman „Fehlstart“. Wie war das Schreiben für Sie?

Marion Messina: Ich hatte lange Zeit ständig Notizen gemacht. Dann aber sehr viel Zeit damit zugebracht, um mich zu entscheiden, ob ich nun in der ersten oder dritten Person schreibe, ob es eine männliche oder weibliche Figur wird und ob die Geschichte in Grenoble oder Paris beginnt ... das musste lange reifen. Es fühlte sich an wie eine geleugnete Schwangerschaft, aber als ich dann wusste, es wird die 17-jährige Aurélie aus Sicht eines unpersönlichen Erzählers, war kein Halten mehr – und plötzlich war das Baby da. Als es erschien, kam es mir wie eine Hommage vor, die ich dem Frankreich widmete, das bislang in der Literatur nicht vorkam.

Das war auch der Grund, warum Sie sich ein Jahr später an die Seite der Gelbwesten gestellt haben?

Marion Messina: Als die Gelbwestenbewegung begann, war das geradezu eine Befreiung. Es war das Frankreich, das ich kenne, das sich plötzlich Gehör verschafft hat, nach Paris gereist ist, um auf die Straße zu gehen. Das war so erleichternd, dass sich endlich die Mehrheit zu Wort meldet. Diese Mehrheit wird verachtet von den wenigen, die sich auf ihre Kosten bereichern. Ich habe nie vergessen, wo ich herkomme, was für Scheißjobs ich gemacht habe, dass ich am Stadtrand von Paris lebe, wo jeden Morgen ab acht Uhr eine Schlange vor dem Lidl steht. Was meine Generation betrifft, so hat uns der Zugang zur Pornografie geprägt, durch den wir eine standardisierte Vorstellung vom Sex haben, gleichzeitig gibt es ultrafeministische Ansichten. Wir haben eine neue Prekarität erlebt, selbst wenn wir haufenweise Diplome vorweisen können, die aber nichts mehr wert sind. Wir sehen, wie unmöglich es ist, Eigentum zu erwerben, wenn die Familie keinen Beitrag leisten kann. Bei uns überlagern sich wirklich viele Nachteile, und dann fragt man sich, ob das alles noch Sinn hat. ... Wenn wir „Scheiße!“ sagen wollen, tun wir das. Ich bin immer hellhörig, was die Sprache von Menschen am Rande der Gesellschaft, abseits von Paris, angeht. Ich achte auf sprachliche Veränderungen, auf Jargon, auf das Vokabular. Die unterschiedliche Ausdrucksweise hat heute nichts mehr mit Regionen oder Dialekten zu tun, sondern mit einem Französisch, das urban geprägt ist, vom Dienstleistungssektor, vom Management-Englisch. Der Sprachgebrauch ähnelt sich in Paris, Lyon und anderen Städten, aber schon 50 Kilometer von Paris entfernt sprechen die Menschen anders.

... Wie hat sich das Land unter Macron verändert?

Frankreich ist paradoxerweise unter Macron wieder nach links gerückt. Einen Teil junger Wähler hat er enttäuscht. Die dachten, das klassische Angestelltendasein ist sowieso abgeschrieben, dann eben ein Start-up. Bis ihnen klarwurde, dass sie nun ununterbrochen arbeiten müssen, keine soziale Absicherung haben und selbst im Krankheitsfall weitermachen müssen. Andere, wie die Gelbwesten, haben oft zuvor nie demonstriert, waren nie politisch interessiert. Das hat sich geändert, nachdem sie gesehen haben, zu was der Staat in der Lage ist: abgerissene Hände, zerschossene Augen, Militärfahrzeuge als Antwort auf soziale Proteste. Das hat sie politisiert, wenn auch nicht im positiven Sinn. Unter Macron ist der Rückzug des Staates extrem konkret spürbar geworden. Aus heutiger Sicht fällt es mir sogar schwer, Jacques Chirac oder Nicolas Sarkozy noch als rechte Präsidenten zu bezeichnen, denn sie haben weitaus weniger Einschnitte in den Sozialsystemen und weniger Privatisierungen vorgenommen. In Deutschland herrscht der Eindruck, wir würden uns zu viele Beamte und öffentliche Ausgaben leisten. Und weil Deutschland die Europäische Union dominiert, sollen die anderen Länder an den Maastrichtkriterien festhalten, um die Neuverschuldung gering zu halten. Aber man kann doch für die Haushaltsdisziplin nicht mehrere Millionen Menschen auf der Straße verrecken lassen. Soziale Bewegungen und Aufstände haben in Frankreich eine lange Geschichte, die kulturell verankert ist. Immerhin: Die Gesellschaft, die Macron vorschwebt, ist ein Geschenk für die Literatur, man kann jede Menge darüber schreiben.


Aus: "„Wir lieben es, Tabus zu brechen“" Romy Straßenburg (Ausgabe 10/2020)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/linkerhand/wir-lieben-es-tabus-zu-brechen

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« Reply #1017 on: M?RZ 15, 2020, 10:57:23 vorm. »
Quote
Stehauf-Mädchen aka La Rabiata @JanaRennsteig

Ok. Wg. Corona gelten jetzt also als systemrelevante Berufsgruppen: Med. Personal. Kinderbetreuung. Supermarkt-Mitarbeiter. Trucker. Busfahrer.
Also quasi alle, die sich bisher fragen lassen mussten, warum sie nix ordentliches gelernt haben.


https://twitter.com/JanaRennsteig/status/1238922239996760065?s=03

...

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Replying to @JanaRennsteig @PeterRReichel

Als Supermarkt Mitarbeiter geht das runter wie Öl. Danke 😍
7:36 PM - 14 Mar 2020


https://twitter.com/JoKe_r95/status/1239017641068703745

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« Reply #1018 on: M?RZ 18, 2020, 10:43:39 vorm. »
"Die Supermarktkassiererin: Dienstleisterin unseres Herzens" Ronald Pohl (18. März 2020)
Sie verrichtet auch in einschränkungsreichen Zeiten Heldinnenarbeit an der Kassa
Spricht man eine der heroischen Damen bei der Ausübung ihrer Tätigkeit an, erhält man bereitwillig Auskunft. Supermarktkassiererinnen leisten zum Beispiel eine Wochenarbeitszeit von 30 Stunden, die in mehr oder minder flexible Schichten aufgeteilt wird. Sie sagen dieser Tage: "Natürlich habe ich Angst!" [Coronavirus] Und: "Einfach ist es nicht!" Zumal, wenn man eine fünfjährige Tochter zu Hause hat, die der Obsorge bedarf. Wie gut, wenn wenigstens der Lebensgefährte beruflich abkömmlich ist und Heimdienst leisten kann. ...
https://www.derstandard.at/story/2000115845953/die-supermarktkassiererin-dienstleisterin-unseres-herzens

Quote
rollingpebbles

Was bringt uns diese Streicheleinheit? - Genau diese Menschen und all die Anderen, welche täglich die Realwirtschaft am Laufen halten sind die Helden. Zum Dank werden sie mit Hungerlöhnen abgespeist, auf Grund unsozialer Steuergesetze vom Staat auch noch ausgesaugt und beim kleinsten Share Holder Verlust auf die Straße gesetzt. ...


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gsiberger86

Zur Zeit ist etwas Interessantes zu beobachten: Menschen mit Berufen, die "eher weniger" verdienen, leisten gerade enorm wichtig, unaufschiebbare, gefährdete Arbeit... (Menschen im Lebensmittelhandel, Reinigungskräfte, Sozial- und Pflegebereich, öffentlicher Verkehr, usw.)


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Protagoras v. Abdera

Ja, es ist schon erstaunlich, wenn bemerkt wird, dass hinter vermeintlich alltäglichen Selbstverständlichkeiten menschliche Arbeitskraft steckt. In vielen Bereichen ist das so. Die Pflegekräfte haben sich knapp vor dem Ausbruch der Infektionen im Streik befunden, und zwar zugunsten einer einzigen Forderung, der 35h-Woche, die man ihnen nicht erfüllen wollte, weil angeblich aus Kostengründen nicht möglich. Aktuell nimmt die Regierung wieder Milliarden in die Hand, um Unternehmenskredite zu besichern, Kurzarbeit und Direkthilfen zu bezahlen. Ja, die Krise zeigt auch, was eigentlich alles möglich wäre, würden wir nicht im "Normalbetrieb" in einer derart ungleichen und vermachteten Gesellschaft leben.


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La Grande Inter

Das traurige wird sein - ist diese Krise vorbei, wird man die Billa Kassiererin erst wieder für abschätzige Äußerungen hernehmen und die Leute werden wieder schreien:"zweiteee Kassaaa bitte".


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avpr1a

Man sollte die kasirerinnen nicht heroisieren, sonder 1. Schutzausrustung zu Verfügung stellen, zumindest die Rauch Kallert Masken und Handschuhe und 2. Ihnen von der Republik aus eine ordentliche finanzielle Aufbesserung zukommen lassen. Alles Andere hat den üblen Beigeschmack von "Kanonenfutter" um in der Kriegssprache zu bleiben.



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Robert Holzmann (* 27. Februar 1949 in Leoben, Steiermark) ist ein österreichischer Wirtschaftswissenschaftler. Von 1997 bis 2011 war er in verschiedenen Positionen bei der Weltbank in Washington, D.C. tätig, von 1997 bis 2009 als Sector Director, von 2009 bis 2011 als Research Director und 2002/03 als Senior Vice-President. Im Jänner 2019 wurde er als Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank nominiert ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Holzmann_(Wirtschaftswissenschaftler)

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[...] STANDARD: Die Maßnahmen der Regierung kompensieren nicht den Ausfall der Unternehmen und EPUs (Ein-Personen-Unternehmen). Sie müssen die Kredithilfen ja wieder zurückzahlen. Müsste ihnen die öffentliche Hand den Ausfall nicht ersetzen, damit sie überleben können?

Holzmann: Man wird den Ausfall zu einem großen Teil ersetzen, aber nicht komplett. Es ist nicht Aufgabe der Regierung, alles zu ersetzen, sondern das Überleben der Unternehmen sicherzustellen und den Leuten ihr Auskommen. Wir alle müssen uns auf Einschränkungen einstellen. Aber so wird die Krise eine bewältigbares Problem bleiben.

STANDARD: Auf Pleiten würden Massenentlassungen folgen. Deutschland ändert das Insolvenzrecht, setzt Konkursanträge aus. Sollte man das auch in Österreich tun?

Holzmann: Von Insolvenzen sind wir in Österreich noch entfernt, und Insolvenzen gehören auch in guten Zeiten zur Wirtschaft dazu. Dieser Ansatz ist problematisch, denn er macht keinen Unterschied zwischen Unternehmen, die sowieso nicht überlebt hätten, und denen, die schon überlebt hätten. Diese Hilfe ist ein Fehler, weil damit die Reinigungskräfte nicht wirken können. Sie würde verhindern, dass man aus diesem Loch gestärkt herauskommt.

STANDARD: Sie meinen, die Krise reinigt die Wirtschaft?

Holzmann: Jede Wirtschaftskrise ist auch eine Reinigung, Sie kennen sicher Joseph Schumpeter und seine Theorie der schöpferischen Zerstörung. Schon die Geldpolitik der letzten Jahre mit Null- und Negativzinsen hat diese Reinigungskraft etwas unterbrochen. Man kann eine Krise auch dazu nützen, gestärkt daraus hervorzugehen und dabei den sozialen Anforderungen Genüge zu tun.

STANDARD: Sie führen den tiefen Fall der Aktienmärkte also auch darauf zurück, dass die Märkte durch die erhöhte Liquidität zuletzt sehr stark gestiegen sind?

Holzmann: Die Aktienkurse waren losgelöst von realen Werten, der jetzige Sturz kam also nicht überraschend. Es ist immer besser, die Verluste zu konsumieren, als zu versuchen, sie hinauszuzögern – Japan leidet immer noch darunter. Für die Betroffenen, die Vermögen verlieren, ist das natürlich ein Problem. Aber für die Wirtschaft ist so eine Bereinigung gut.

STANDARD: Trug die Geldpolitik zu einer Zombifizierung der Wirtschaft bei, also dazu, kaputte Unternehmen am Leben zu halten?

Holzmann: Das ist eine These. Aber es gibt auch andere Folgen, etwa dass Platzhirsche, die den Markt beherrschen, mit billigen Finanzierungen expandieren und den Konkurrenten die Luft wegnehmen. Das ist in den letzten Jahren passiert. Wenn das also aufhört und ein Teil der Bereinigung ist, wäre es ein positiver Aspekt der Krise.

STANDARD: Heißt das, dass Sie in den Folgen der Krankheit beziehungsweise des Schutzes vor Corona eine Genesung der Wirtschaft sehen?

Holzmann: Ich hätte das so nicht formuliert. Aber ja, dieser Gesundheitsschock, so schlimm er auch ist, führt andererseits dazu, bestimmte Geschäftsmodelle zu überdenken – ob es nun um das Outsourcing in ferne Länder samt langen Transportwegen geht oder um die Organisation der Wirtschaft. Man sollte die Zeit nutzen, Dinge zu ändern, die man schon lang ändern wollte. Nach dem Motto: "Verschwende nie eine Krise, um Verbesserungen durchzuführen." Ich würde anregen, zu prüfen, was wir künftig anders machen könnten.

STANDARD: Sie betonen die Stärke von Österreichs Finanzsystem. Sollte es aber zu größeren Firmenpleiten kommen: Halten die Banken das aus?

Holzmann: Es kommt auf die Schwere des Schocks an. Aber Österreichs Banken haben ihr Eigenkapital seit der Finanzkrise verdoppelt und sind gut aufgestellt.

STANDARD: Wenn Banken jetzt nicht alle überfälligen Kredite fällig stellen: Widerspricht das nicht Ihrer These, dass nun die Zeit wäre für Selektion auf den Märkten?

Holzmann: Wenn man alle Unternehmen, die nicht zurückzahlen können, sofort vor die Tür setzt, würde das zum großen Schock führen – dafür gibt es aber keinen Grund. Verlängern wird man Kredite für Unternehmen, die Ausfallsentschädigungen bekommen – wie etwa im Tourismus. Man muss aber sicherstellen, dass nur die überlebensfähigen Firmen überleben, die anderen, die auch ohne Krise aus dem Markt ausgeschieden wären, sollen nicht überleben. Im Moment ist die Bereitstellung von Liquidität das Wichtigste. Danach liegt es an den Banken, zu entscheiden, wer weiterfinanziert wird und wer nicht.

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Aus: "Nationalbankchef: "Sicherstellen, dass nur überlebensfähige Firmen überleben"" Renate Graber, Andreas Schnauder (18.3.2020)
Quelle:

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Tobias Braun

Erschreckend - Was für ein offenherziges und informatives Interview. Frei von Empathie für all jene, die die derzeitige Situation unverschuldet trifft.


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jiminy die grille

Es ist doch immer wieder erfrischend, wenn genau die, die wie die Maden im Speck leben, einem erklären wie die Welt funktionieren soll. ... Und so jemand spricht von "positive Reinigungskräften".


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Cures

Was für ein Irrer.


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tablespace65

Bei HOLZMANNs Aussagen und Ansichten zieht es einem die Schuhe aus! - Seine arrogante und präpotente Art, von oben herab die Situation zu analysieren und dabei auch noch an der Realität vorbeizuschwadronieren, ist einfach nur unglaublich! Und zusätzlich scheint er auch noch die Fakten und die Realität nicht wahrhaben zu wollen.
Während inzwischen schon fast jeder davon ausgeht, dass es auch in Österreich zu einer Rezession kommen wird, schwafelt er noch von "postiven Reinigungskräften für die Wirtschaft" daher! ...



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zege de zung

Sitzt im Elfenbeinturm und faselt von Auslese.


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Gert Bachmann

Sozaldarwinismus pur. Als scheinbare Rechtfertigung für Geldadel.


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vor diktat verreist

Ganz allgemein gesagt: Es gibt viel zu viele kapitale Ar......lö....., die in maßgeblichen Positionen sitzen (ohne selbst je Risiko tragen zu müssen), sich über andere in unerträglicher Manier erheben und als *Experten* ihren Sermon öffentlich absondern dürfen.


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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #1019 on: M?RZ 19, 2020, 10:35:25 vorm. »
Quote
[...] Sonst ist um diese Jahreszeit nicht viel los in den Hamptons, der New Yorker Goldküste, wo die reichen Menschen gerne ihre Sommer verbringen. Die Villen im Stil englischer Landhäuser, französischer Chateaus oder italienischer Renaissance-Paläste, gebaut mit den Erlösen aus erfolgreicher Hedgefonds-Spekulation und Private Equity Deals, sind noch eingemottet. Selbst die Sträucher und Bäume in den parkartigen Gärten drum herum sind sorgfältig mit Jutesäcken verpackt, um sie vor der harschen Atlantikwitterung zu schützen.

In den einstigen Fischer- und Bauerndörfern harren normalerweise nur wenige Einheimische in der kalten Jahreszeit aus. In den Schaufenstern von Boutiquen wie Intermix hängen im Sommer Designerstücke wie Kleider von Brock Collection mit Blumenmuster für 1.910 Dollar. Auf einem Schild steht, man freue sich, die erlesene Kundschaft in der neuen Saison 2020 begrüßen zu dürfen.

Doch am vergangenen Freitag waren alle Parkplätze entlang der Main Street in Southampton voll: Mercedes, Porsche, Jaguar – alle Luxusmarken der Welt aneinandergereiht. Im populären Laden Cheese Shoppe, der Sandwiches und Panini mit Namen wie "Firenze" oder "Mt. Fuji" für 11,95 Dollar anbietet, werden die Kunden mit Desinfektionsmittel empfangen. "Seit gestern herrscht Hochbetrieb, die Leute sind massenhaft aus der City gekommen", sagt Nicole, eine Mittzwanzigerin, die hier bedient und nur ihren Vornamen nennen will.

Die Menschen von der noblen Upper East Side in Manhattan haben ihre Koffer gepackt, nachdem Andrew Cuomo, Gouverneur von New York, Versammlungen von mehr als 500 Menschen untersagt hatte und die Theater am Broadway geschlossen wurden. Wohltätigkeits-Galas und Dinners wurden hastig abgesagt. Die Horace Mann School, wo ein Unterrichtsjahr 53.000 Dollar kostet, schickte alle Schüler nach Hause, nachdem dort ein Coronafall bestätigt wurde.

Skiurlaub in den Edel-Lodges von Aspen schien auch nicht mehr opportun, nachdem ein Gast aus Australien in dem Rocky-Mountain-Ort positiv getestet wurde. "Staycation in the Hamptons! Wie das Coronavirus Park Avenues Ferienpläne zerschießt", titelte Town & Country, die Postille der Ostküsten-Geldaristokratie.

In dem Bericht beschwert sich Jill Kargman, die als "Autorin, Schauspielerin und Upper East Side Mom" vorgestellt wird, über das selbstgewählte Corona-Exil: "Ich bin süchtig nach New York, ich würde lieber an Corona sterben, als an Langeweile einzugehen!" Krista Krieger, Vorsitzende des Non-Profit-Organisation Empowers Africa, die laut Webseite "menschliches Empowerment, Wildtier- und Umweltschutz in Sub-Saharah Afrika" fördert, klagt derweilen, dass ihre Tochter, eine Oberstufenschülerin, nun nicht den geplanten Schulausflug auf die Bahamas machen darf.

Eltern kleinerer Kinder sorgen sich wegen ihrer Nannys – oder besser gesagt wegen der Möglichkeit, dass die Kinderfrauen das Virus einschleppen. Sie sind oft Immigrantinnen, die in den Außenbezirken der Stadt wohnen. "Soll man sie noch mit der U-Bahn fahren lassen oder ist Uber besser?", lautet eine Frage auf Park Slope Parents, einem Onlineforum für das bei betuchteren Familien angesagte Viertel in Brooklyn.

Die Panik führt zu Hamsterkäufen auf hohem Niveau. Aus Morells Weinladen in East Hampton laufen die Kunden nun mit Kisten statt mit einzelnen Flaschen aus der Tür. Nebenan bei Citarella ist Verkäuferin Elidia noch immer fassungslos:  "Die Leute haben gekauft wie verrückt, egal, was!" Die drei Hamptons-Filialen des Delikatessentempels – zu den Spezialitäten gehört frischer Hummer – verzeichneten 50 Prozent mehr Umsatz.

"Statt eine Ecke von dem Käse zu ordern, nehmen die Leute gleich den ganzen Laib mit", sagte Helen Gurrera, die Geschäftsführerin des Einzelhändlers dem New York Magazine. Und Lobel's, ein New Yorker Traditionsmetzger, erhielt laut dem Magazin von einem offenbar von Angst geplagten Kunden eine Bestellung in Höhe von 10.000 Dollar für 100 Steaks, 100 Lammkoteletts, 100 Hühnerbrüsten und anderen Spezialitäten.

Doch auch die Wohlhabenden stoßen auf Beschränkungen in der neuen Zeit. So berichtete ein empörter New Yorker dem Finanznachrichtendienst Bloomberg, er habe 30.000 Dollar von seinem Konto bei der Chase-Bankfiliale in den Hamptons abheben wollen, doch der Angestellte habe ihm mitgeteilt, das Limit seien 10.000 Dollar. JPMorgan Chase, die größte Bank nach Bilanzsumme, erklärte auf Anfrage Bloombergs, die Filialen verfügten über genug Bargeld.

Die New York Times berichtete von einer Bank-of-America-Filiale in Manhattan, der die 100-Dollar-Scheine ausgingen, nachdem mehrere Kunden bis zu 50.000 Dollar abhoben. Charterunternehmen für Privatjets müssen ihrer Kundschaft sagen, dass auch sie den Reisebeschränkungen unterliegen. Auch wenn diese teilweise bis zu 150.000 Dollar für einen Platz an Bord bieten.

Und die Corona-Quarantäne könnte unerwartete Nebenwirkungen für das Jetset-Leben haben: "Die ganze Upper East Side wird sich danach scheiden lassen", erklärte eine Society Lady nur halb im Scherz. "Die Leute verbringen mehr Zeit mit der Familie, als die meisten es je erlebt haben."


Aus: "Hamsterkäufe auf hohem Niveau" Heike Buchter (18. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-03/quarantaene-coronavirus-wohlhabende-new-york/komplettansicht

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Ludwig van Wegen #1.5

Autofahrer, die andere mit ihrer (ziemlich sicher unterirdischen) Musikauswahl behelligen, sind deutlich unangenehmer als hedonistische Snobs.


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IPS Pflege #3

... Freut mich doch sehr für Sie das es genießen können. Als Prekarier (Fachpfleger für Intensivmedizin) ist es schön zu lesen das sich die Elite es sich gutgehen lässt.


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janipeki #3.1

Wie wär's mit einem Gefühl für feine Ironie?


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Studierendenvertretender #4

"Die Reichen decken sich mit edlen Weinen, Lammfilets und Bargeld ein."

Nachvollziehbar, eher als sich mit 10-Jahres-Vorräten an Klopapier "einzudecken".


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Etna #13

Ist doch nichts Neues. Auch früher sind Adlige in Seuchenzeiten aus den Städten auf ihre Landsitze geflohen und haben es sich dort gut gehen lassen. Bestes literarisches Beispiel: Das Decamerone.

[https://de.wikipedia.org/wiki/Decamerone]


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zeisig #29

"Und die Corona-Quarantäne könnte unerwartete Nebenwirkungen für das Jetset-Leben haben". Wäre nicht das Schlechteste, wenn die Corona-Quarantäne Nebenwirkungen für das Leben der Anyways in den Hamptons, in Ischgl, Berlin und all den anderen Orten auf der Welt, wo es den Anyways gefällt, hätte. Vielleicht werden einige sogar darüber nachdenken, was ihre Lebensweise für alle anderen mit sich bringt. Das wäre schön.


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« Reply #1020 on: M?RZ 23, 2020, 12:17:38 nachm. »
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[...] Im Moment fühlt man sich vielerorts als freischaffende Künstlerin wie eine Figur, die sich selbst beim freien Fall beobachtet. Jede Sicherheit fällt weg. Der Fall auf freier Strecke, diesen Ausdruck kannte ich bisher nur für Figuren die ich auf der Bühne verkörpern durfte. Eine Grenzerfahrung, die auch ein spielerischer Inspiration sein kann eine persönliche Tragödie also, die ein Figur zu einem essentiellen Tiefe bringen kann.  Doch wenn die Tragödie dein eigenes Leben bestimmt, verschiebt sich etwas gewaltig. Es wird zu deiner persönlichen Tragödie.

Und derzeit beobachte ich Veränderungen und erlebe den Verlust von allen beruflichen Säulen. Als ich als Kind aus dem ehemaligen Jugoslawien vor den Aggressoren geflohen bin, wusste man zu mindestens wer dein Gegner ist. Die Situation damals, also die Grundstimmung ist vergleichbar mit der jetzigen Situation. Natürlich befinden wir uns nicht im Krieg, und ich bin mir meinen Privilegien als weiße Frau in Westeuropa bewusst. Das Gefühl der diffusen Angst, verändert die Menschen in Deutschland. Die Hypotheken auf Ängste und die realen Existenzängste von KollegInnen haben Daseinsberechtigung. Wir wissen alle nur zu gut, dass „Angst essen Seele auf“ bedeutet.

Der Unterschied zu damals liegt gerade darin, dass nicht erkennbar ist wer der Gegner sein könnte, die Fragestellung nach potentiellen Ansteckungen und die Möglichkeit einer Ansteckung hat sich tief in unsere Köpfe gebohrt. Bei mir fallen Drehtage ganz aus, oder werden auf den Herbst verschoben. Ähnliches passiert mit Vorstellungen, die ausgesetzt werden. Honorare fallen weg, Synchronstudios machen ganz dicht, mein Stipendium beim internationalen Forum in Berlin, das im Mai stattfinden sollte findet zum Glück im nächsten Jahr statt. Natürlich ist man als freiberufliche Schauspielerin und Autorin immer auf eine Mischkalkulation angewiesen, aber gerade fallen alle Säulen weg. Selbst als meine Nebentätigkeit als Yogalehrerin wird für nicht absehbare Zeit ausfallen. Ich hatte das Glück im letzten Jahr viel spannende Projekte zu verwirklichen, sodass ich noch finanzielle Rücklagen für ein paar Monate habe. Aber was passiert dann? Wir arbeiten unter prekären Bedingungen und viele selbständige und freischaffende Künsterinnen haben nicht die Möglichkeiten zu sparen. Kredite aufzunehmen, die man dann nicht abbezahlen kann, sind für mich und viele meiner Kollegen keine Option. Daher brauchen wir jetzt politische schnelle Entscheidungen. Vergesst uns nicht, dass ist meine Bitte an die Politik und Lokalpolitik. Wir sind eine Gruppe von Menschen, die in dieser Gesellschaft „Hochleistungsport “ leisten, aber nicht ausreichend dafür bezahlt werden, wir können es uns nicht leisten vor leeren Reihen zu spielen, anders als die Kollegen von Fußballclubs. Daher besteht jetzt die Möglichkeit über neue Strategien zu verhandeln wie zum Beispieldas bedingungslose Grundeinkommen und gemeinsam zu diskutieren über soziale Ungleichheit. Gerade erlebe ich auch viele positive Veränderungen und Solidarität. Entscheidungen können auch sehr schnell geschlossen werden, doch dies kann nur konstruktiv sein, wenn man Künstlerinnen direkt nach ihren Lebensrealitäten befragt werden. Leider können wir nicht im Homeoffice arbeiten, da der Livemoment entscheidend ist. Nichtsdestotrotz konzipiere ich gerade ein Homevideo für meine Schauspielschüler, denn dynamische und kreative Denkweisen sind nun mal die Währung für alle Kreativen.  Deshalb möchte ich an alle appellieren zu künstlerischen und politischen Allianzen, die freischaffende Künstler aus Köln gemeinsam an einen Tisch (mit genügend Sicherheitsabstand) bringen und Strategien aus unserer Sprachlosigkeit zu formulieren und zu finden, damit ein finanzielles Hilfspaket zustande kommen kann.

Jasmina Music, 1988 in Banja Luka geboren, kam im Alter von fünf Jahren mit ihren Eltern nach Dortmund. Sie studierte Schauspiel in Hamburg und Tuzla, sowie Psychologie in Köln. Jasmina Music arbeitet als Schauspielerin, Performerin und Autorin in Bosnien, Herzegowina und Deutschland.


Aus: "Angst essen Seele auf: Im Warteraum Zukunft" Jasmina Music (23. März 2020)
Quelle: https://www.ruhrbarone.de/angst-essen-seele-auf-im-warteraum-zukunft/181155

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Nina, 23. März 2020 um 11:15

Ich kann es nicht mehr hören… das ewige Klagen der ach so wichtigen Künstler. Als ob sich alles um sie drehen würde… Ich warte derweil auf die persönlichen Berichte von Dienstleistern, Angestellten, Produzenten, Landwirte, Friseure, Prostituierte, Bildungseinrichtungen, Pädagogen, Lotto-Annahmestellen, Restaurants, Franchise-Filialen, kleine Bäckereien mit Ladencafé, ….
Liebe Künstler, ihr seid nicht der Nabel der Welt.


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[...] „Für Musikschaffende werden die kommenden Monate eine extrem harte Zeit. Wie kaum ein anderes Berufsbild ist unser Einkommen stark von einem funktionierenden, freien und öffentlichen Leben abhängig. Viele meiner Freundinnen und Kollegen sind durch die Coronakrise akut von finanziellen Ausfällen betroffen. Manche haben die letzten Monate Geld in ein Album investiert und müssten jetzt touren, um das mit den Konzerten wieder einzuspielen und ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

... Dabei kann ich mich noch glücklich schätzen, weil ich einen Vorschuss meines Verlags bekommen habe. Ich hoffe, dass auch andere Labels so kulant und solidarisch sind. Noch härter wird es wohl Musikerinnen und Musiker aus subkulturellen Kontexten, reine Instrumentalisten und Studiomusiker treffen, die meist keine Urheberrechte an Stücken haben und somit nicht einmal einen GEMA-Vorschuss erhalten können.

... Mein Mitbewohner arbeitete in den letzten Wochen am Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg an der Theatermusik für ein aktuelles Stück und hat schon viel Zeit in Proben investiert hat. Die Vorführungen fallen nun komplett aus. Ihm wurde das Honorar trotz der Ausfälle ausgezahlt. Gerade die staatlich geförderten Projekte sollten diesem Beispiel folgen und die Beteiligten rückstandslos finanziell entschädigen.

Der Staat könnte zudem gezielt Förderungen höher bezuschussen, wie beispielsweise die „Initiative Musik“. Vielleicht ist es auch möglich, so etwas wie eine Krisenfond einzurichten und Musikerinnen und Musikern bei nachgewiesenem Ausfall eine Erstattung auszuzahlen. Selbstverständlich dürfen dabei Clubs, Veranstalter und Booker nicht vergessen werden.

... Kultur ist kein Luxus, der in den kommenden Wochen mal eben etwas hintenüberfällt, es ist ein extrem wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft. Und eben nicht nur die Hoch-, sondern auch die Subkultur. Die Politik darf in der Krise nicht nur Unternehmen Subventionen und Hilfsprogramme zusichern. Sie muss erkennen, welch immenser Schaden momentan für freiberufliche Kreativschaffende und die Musikbranche entsteht - und diesem entschlossen entgegenwirken.“



Aus: "Musikerin Lùisa über Corona-Lockdown „Es ist ein künstlerisches und emotionales Desaster“" (23.03.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/musikerin-lisa-ueber-corona-lockdown-es-ist-ein-kuenstlerisches-und-emotionales-desaster/25672022.html

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mr.l 12:14 Uhr

    Kultur ist kein Luxus

Auch wenn ich die Sorgen und das Anliegen verstehe... aber hier werden die wirtschaftlichen Folgen dessen, was gerade passiert, offensichtlich unterschätzt. Die Schulden, die nun gemacht werden müssen um den Zusammenbruch der Wirtschaft zu verhindern, sind immens. Zu fordern oder zu erwarten, dass die musikalische Subkultur gerettet werden muss, ist Angesichts der Probleme die auf uns zukommen völlig Weltfremd.


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[...] Düsseldorf Mit einem Milliarden-Schirm will die NRW-Landesregierung die Wirtschaft in der Corona-Krise retten. Die Corona-Fallzahlen steigen landesweit weiter an. Weitere Einschränkungen im öffentlichen Leben sind zu erwarten.

Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat am Sonntag ein für das Land beispielloses Rettungspaket in Höhe von 25 Milliarden Euro zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise beschlossen. In einer Sondersitzung per Schalte brachte die Regierung den Rettungsschirm auf den Weg. Schon am Dienstag soll der Landtag in einer Sondersitzung die Milliardenhilfen für Unternehmen und Beschäftigte im Schnelldurchlauf beschließen. Unterdessen erörterten die Ministerpräsidenten der Bundesländer mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Sonntag weitere Maßnahmen im Kampf gegen die Corona-Pandemie.

„Wir befinden uns alle in einer wahrhaft außergewöhnlichen Extremsituation und sehen uns plötzlich Aufgaben und Problemen gegenüber, die wir uns vorher kaum vorstellen konnten“, sagte Finanzminister Lutz Lienenkämper (CDU) laut Mitteilung. „Mit unserem NRW-Rettungsschirm wollen wir den Zusammenbruch vieler Firmen vermeiden und viele Arbeitsplätze und ganze Erwerbsbiografien von Familien retten.“

Der Landtag soll sich am Dienstag mit dem Gesetzespaket des Kabinetts und einem Nachtragshaushalt für 2020 befassen, über den das Land bis zu 25 Milliarden Euro an neuen Schulden machen will. Damit sollen Bürgschaften, Steuerstundungen sowie Soforthilfen für Kleinunternehmen und Solo-Selbstständige finanziert werden. Die Kreditaufnahme soll in Tranchen abhängig von den benötigten Ausgaben erfolgen. Zugleich machte Lienenkämper klar, dass weitere Maßnahmen folgen werden. „Niemand weiß, welche Herausforderungen noch auf uns zukommen.“

Die Zahl der bestätigten Coronavirus-Infektionen stieg in NRW weiter an. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums von Sonntag (Stand 11.00 Uhr) gab es landesweit 7361 nachgewiesene Fälle. Das ist im bevölkerungsreichsten Bundesland ein Zuwachs von mehr als 600 im Vergleich zum Vortag. Die Zahl der erfassten Todesfälle in NRW stieg um neun auf 32.

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Aus: "25 Milliarden Euro : NRW-Kabinett billigt Milliarden-Hilfe für die Wirtschaft" (22. März 2020)
Quelle: https://www.aachener-zeitung.de/nrw-region/nrw-kabinett-billigt-milliarden-hilfe-fuer-die-wirtschaft_aid-49688839

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[...] Allmählich zeichnen sich die Dimensionen der Schäden ab, die diese Krise in der Wirtschaft hinterlassen wird. Sie sind gewaltig, und es ist noch lange nicht klar, wie groß sie letztlich ausfallen werden. Aber das Münchner ifo-Institut hat sich jetzt in einer Schätzung versucht. "Die Kosten werden voraussichtlich alles übersteigen, was aus Wirtschaftskrisen oder Naturkatastrophen der letzten Jahrzehnte in Deutschland bekannt ist", sagt der ifo-Präsident Clemens Fuest. Je nachdem, welches Szenario man zugrunde lege, könne die Wirtschaft um sieben bis zu 21 Prozentpunkte schrumpfen. In Geld ausgedrückt bedeutet das Kosten von 255 bis 729 Milliarden Euro.

Die Bundesregierung hat angekündigt, auf diese immense Herausforderung entschlossen zu reagieren und an diesem Montag im Kabinett ein beispielloses Hilfspaket beschlossen, das viele unterschiedliche Lebensbereiche umfasst: Unternehmen, aber auch normale Bürgerinnen und Bürger, sollen unterstützt werden. Was das den deutschen Staat letztendlich kosten wird, ist noch schwer zu beziffern, da es einerseits um direkte Zahlungen geht und andererseits um Bürgschaften und Kredite. Klar ist aber, wie hoch die neuen Schulden sind, die die Bundesregierung dafür jetzt aufnehmen will: 156 Milliarden Euro, so viel wie nie zuvor auf einmal.

Dieses Geld wird nun unterschiedlich eingesetzt. Wie Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) während einer gemeinsamen Pressekonferenz erklärten, sollen etwa 50 Milliarden Euro für direkte Hilfszahlungen an Kleinstbetriebe, Selbstständige, Künstlerinnen, Heilpraktiker oder Pfleger aufgewendet werden. Sie können über drei Monate 9.000 bis 15.000 Euro erhalten. Das soll unbürokratisch funktionieren, die Antragsteller müssen nur versichern, dass sie durch die Corona-Krise einen Liquiditätsengpass haben.

"Es kommt darauf an, dass wir schnell helfen", sagte Altmaier dazu, damit diese Kleinunternehmen "erhalten bleiben, auch wenn ihnen das Einkommen wegbricht". Der Wirtschaftsminister hob hervor, dass allein in diesem Bereich zehn Millionen Menschen tätig seien. Es gehe bei den Hilfen aber nicht darum, Umsatzausfälle zu ersetzen, sondern lediglich laufende Betriebsausgaben abzudecken.

Die beiden Minister gingen zudem erneut auf das Paket ein, das für mittelgroße Firmen bereitgestellt wird. Das unbegrenzte Kreditprogramm über die staatliche Förderbank KfW ist seit diesem Montag verfügbar. Die KfW genehmigte die ersten Notfall-Darlehen bereits, die Unternehmen über ihre Hausbanken beantragen können. Gleich zu Beginn des Arbeitstages um 8.30 Uhr seien zwei Kredite bewilligt worden in der Kategorie bis zu drei Millionen Euro, sagte ein KfW-Sprecher. Weitere Angaben über die Anzahl der eingegangenen Kreditanträge sollen folgen.

"Die Banken und die KfW haben sich intensiv auf den heutigen Tag vorbereitet", sagte KfW-Chef Günther Bräunig. "Noch nie haben wir ein Programm so schnell startklar bekommen. Der Bund übernimmt fast vollständig die Haftung und die Kreditmargen sind extrem niedrig." Die Sonderkredite stehen Firmen zur Verfügung, die wegen der raschen Ausbreitung des Coronavirus vorübergehend in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind und Liquidität zur Überbrückung brauchen. Mit den Darlehen, die teilweise bis zu 90 Prozent durch den Staat garantiert sind, können Betriebsmittel und Investitionen finanziert werden.

Bei größeren Konzernen will die Bundesregierung notfalls mit staatlichen Beteiligungen verhindern, dass Unternehmen in der Krise zu leichten Opfern von Firmenaufkäufern werden. "Wir sind entschlossen, unseren Unternehmen in dieser Zeit zur Seite zu stehen", sagte Altmaier. Die Bundesregierung lege es zwar nicht auf staatliche Beteiligungen an. Sie sei aber mit dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) dafür gerüstet, der ein Volumen von 100 Milliarden Euro haben werde. Das Instrument habe man aus der Zeit der Finanzkrise übernommen und werde es jetzt für Unternehmen aller Branchen öffnen.

Ein weiteres bewährtes Mittel aus der damaligen Krise ist das Kurzarbeitergeld. Wenn es keine Arbeit mehr gibt, kann ein Unternehmen seine Beschäftigten in Kurzarbeit schicken – die Bundesagentur für Arbeit übernimmt 60 Prozent des Lohns, bei Menschen mit Kindern 67 Prozent. Die Unternehmen bekommen die Sozialbeiträge erstattet. Kurzarbeitergeld kann fließen, wenn nur zehn Prozent der Beschäftigten vom Arbeitsausfall betroffen sind, statt wie bisher ein Drittel. Auch Zeitarbeitsunternehmen können die Leistung anzeigen. Die Regierung geht bisher von mehr als zwei Millionen Fällen aus, für die das Kurzarbeitergeld gezahlt werden muss. Kosten wird das rund zehn Milliarden Euro.

Auch wenn noch schwer vorauszusehen ist, wie lange die Krise anhält und wie viele Maßnahmen notwendig werden, hat das ifo-Institut anhand der bisherigen Zahlen zu schätzen versucht, wie viel Geld der Staat jetzt aufbringen muss. Ausgelassen haben die Wissenschaftler jedoch in der Kalkulation die geplanten Bürgschaften und Kredite sowie eventuelle europäische Rettungsmechanismen. Das ifo kommt so bisher auf eine Belastung für die öffentlichen Haushalte von bis zu 200 Milliarden Euro.


Aus: "Wirtschaftsmaßnahmen: Was das alles kostet" Zacharias Zacharakis (23. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-03/wirtschaftsmassnahmen-corona-krise-hilfspakete-kosten/seite-2

« Last Edit: M?RZ 24, 2020, 12:32:40 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #1021 on: M?RZ 24, 2020, 12:43:18 nachm. »
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[...] Wer in Frankreich momentan ohne eine Bescheinigung und einen triftigen Grund die Wohnung verlässt, muss 135 Euro Strafe zahlen. Viele wohlhabende Städter sind deswegen aus den Großstädten in ihre Ferienhäuser oder Zweitwohnsitze auf dem Land geflohen, wo sich der Hausarrest besser aushalten lässt. In Esmilis Heimat Seine Saint-Denis kann sich das kaum jemand leisten. In dem Departement, das nördlich an Paris grenzt, leben mehr als anderthalb Millionen Menschen auf engstem Raum zusammen. Die Wohnblocksiedlungen, die sich hinter dem Stade de France an der Pariser Stadtgrenze bis zum Horizont auftürmen, bilden eine Kulisse, die viele Deutsche nur aus Rapvideos und Brennpunkt-Kinofilmen kennen: ein buntes Wirrwarr aus Ethnien und Nationen inmitten von Beton.

... Hamza Esmili sagt, er habe eine schöne Wohnung, in der es sich aushalten lässt. Sein Wohnhaus sei jedoch extrem heruntergekommen und verdreckt. Viele seiner Nachbarn verdingen sich als Tagelöhner auf dem Bau und leben in Unterkünften, die ein Zusammenleben unter Ausgangssperre gar nicht zulassen. Oft würden sich mehrere die Betten teilen, erklärt Esmili. Die einen würden tagsüber arbeiten und nachts schlafen, die anderen hielten es andersherum: "Da, wo jemand schläft, ist nicht unbedingt seine Wohnung." Eine solche hätten viele Menschen in seinem Viertel nämlich gar nicht. Wie bitte schön sollen sie dann den Anweisungen der Regierung Folge leisten und zu Hause bleiben?

Der Soziologe sagt, es ärgere ihn, dass die französische Öffentlichkeit dieses Problem seiner Meinung nach durch eine rassistische Brille betrachtet. Die oft armen Bewohner der Vorstädte – viele von ihnen mit Migrationshintergrund – würden als undiszipliniert dargestellt. Als sähen sie nicht ein, dass es einer nationalen Kraftanstrengung bedarf, um das Virus einzuhegen. Tatsächlich berichtet die Presse bereits von vermeintlich Halbstarken, die entgegen der Regeln vor ihren Wohnblocks sitzen, Joints rauchen oder Polizisten anpöbeln. Gleichzeitig räumt der Soziologe, der sich seit einigen Jahren mit den Mechanismen in den Pariser Vororten beschäftigt, jedoch ein: "Die Menschen haben hier nicht dieselbe Beziehung zum Staat. Es ist nicht verwunderlich, dass sie die Anweisungen nicht akzeptieren."

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Aus: "Was, wenn sie in den Vorstädten die Nerven verlieren?" Tassilo Hummel (24. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/corona-vorsorge-pariser-vororte-ausgangsbeschraenkungen-regierung

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« Reply #1022 on: M?RZ 26, 2020, 10:00:35 vorm. »
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[...] Einen Gefallen hat Madonna sich und anderen wohlhabenden Amerikanern mit dem Badewanne-Rosenblätter-Video bestimmt nicht getan. „Das Besondere an Covid-19 ist, dass es der Krankheit egal ist, wie reich oder berühmt man ist. Bei ihr sind alle gleich“, hatte die Queen of Pop schwadroniert, als sie am Wochenende nackt und mit perfektem Makeup zu leiser Musik in der Wanne saß. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. In sozialen Medien beschimpften Tausende Amerikaner Madonna als dumm, selbstverliebt und abgehoben.

Tatsächlich scheint das „Material Girl“ mit einem geschätzten Vermögen von mehr als 800 Millionen Dollar in den vergangenen Wochen eher selten aus den Fenstern ihres Stadthauses an Manhattans Upper East Side geblickt zu haben. Seit sich Corona auch zwischen New York und Los Angeles ausbreitet, surren über Manhattan die Motoren. Die Angst, sich bei einem Linienflug mit dem Virus zu infizieren, treibt Geschäftsleute und Prominente in Privatjets.

Flugunternehmen wie „Blade“ schicken derweil regelmäßig Hubschrauber in Küstenorte der Hamptons, wo sich viele wohlhabende New Yorker in ihren Ferienhäusern isoliert haben. Auf Bestellung versorgen sie die Stadtflüchtigen mit Medikamenten, Büchern und Computern. „Vieles, das man in New York einfach kaufen kann, ist dort nicht erhältlich. Wir durchleben gerade eine außergewöhnliche Zeit und sind bemüht zu helfen“, meint Firmensprecher Simon McLaren.

Computer per Hubschrauber sind nur eine Dienstleistung, um Amerikas Wohlhabenden die Corona-Krise zu erleichtern. Wegen Ausgangsbeschränkungen in Los Angeles und New York steigt auch die Nachfrage nach Hausangestellten, die mit ihren Arbeitgebern unter einem Dach wohnen. Die Vorzüge? Unterstützung beim Kochen, Putzen und Kinderhüten sowie ein geringeres Risiko, sich bei der Hausangestellten anzustecken, nachdem diese im Bus von Downtown Los Angeles nach Malibu gefahren ist.

Firmen wie „Lily Pond Services“, bei Prominenten wegen der Vermittlung diskreter Hilfe geschätzt, suchen in Pandemiezeiten aber auch medizinisches Personal. „Mich erreichen viele Anrufe von Klienten, die nach Ärzten oder Krankenschwestern fragen, die vorübergehend bei ihnen einziehen. Für den Fall, dass sie sich infizieren und getestet werden müssen“, sagte Melissa Psitos, die Inhaberin von „Lily Pond Services“, dem „Hollywood Reporter“.

Social Distancing treibt viele „One percenter“, wie Amerikas Großverdiener genannt werden, aufs Wasser. Obwohl die Saison noch nicht begonnen hat, ziehen sie sich auf Yachten zurück. Auch hier versucht Psitos zu helfen. „Plötzlich soll ich auch Boote mit Personal versorgen. Viele Leute machen sich so große Sorgen wegen des Virus, dass sie meinen, der sicherste Platz sei vor der Küste.“

Makler für Luxusimmobilien berichten zudem von Milliardären auf der Suche nach Privatinseln in der Karibik. Viele Technologieunternehmer soll es derweil aus dem Silicon Valley nach Neuseeland ziehen. Für den Notfall legte sich Peter Thiel, Mitgründer des Bezahldienstes Paypal, schon vor einigen Jahren einen Rückzugsort im entlegenen Queenstown zu, Panikraum inklusive.

Bei vielen Nicht-Millionären regt sich inzwischen Widerstand. Nach Medienberichten über Prominente wie Idris Elba und Kris Jenner, die einen der raren Coronatests bekamen, obwohl sie keine Symptome zeigten, lehnen immer mehr Gemeinden Pandemietouristen ab. Nobelorte wie die Hamptons, Nantucket und Martha’s Vineyard, Zweitwohnsitz der Obamas, klagen bereits über leere Regale in den Lebensmittelgeschäften. „In dieser Stadt ist kein Gemüse mehr zu finden. Das haben wir elitären Leuten zu verdanken, die meinen, dass sie über den Regeln stehen“, wetterte ein Bewohner East Hamptons in der „New York Post“.

Auch auf der Insel Nantucket, die eigentlich erst in den Sommermonaten wohlhabende Besucher aus New York, Washington und Philadelphia anzieht, gehen langsam Toilettenpapier, Konserven und Eier aus. Nach Rücksprache mit Massachusetts’ Katastrophenschutzbehörden haben die Stadtväter nun eine Ausgangssperre verhängt – und den Fährverkehr eingeschränkt.


Aus: "Amerikanische Oberklasse : Die Reichen fliehen aufs Wasser" Christiane Heil, Los Angeles (25.03.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/corona-krise-in-den-usa-die-reichen-fliehen-aus-den-grossstaedten-16694547.html


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« Reply #1023 on: M?RZ 26, 2020, 12:07:31 nachm. »
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[...] Auch Monteursunterkünfte, z.B. in der Iltisstraße und am Tonberg waren Thema. Hier wohnen Bulgaren und Rumänen, die in Kiel zumeist auf dem Bau arbeiten. Man sieht morgens die Transporter, die sie zur Arbeit abholen. Herr Jungnickel vom Seniorenbeirat sagte, Monteurswohnungen wären nicht Neues, und die Bewohner lebten dort zwar auf Zeit, aber doch für länger. Hier wäre das Problem eher die ausbeuterischen Bedingungen unter denen diese EU-Arbeitnehmer in Kiel existieren.

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Aus: "Zu viele Ferienwohnungen in Gaarden?" UrsulaS in Allgemein, Stadtteile (24. März 2020 )
Quelle: https://kielaktuell.com/2020/03/24/zu-viele-ferienwohnungen-in-gaarden/

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« Reply #1024 on: M?RZ 26, 2020, 02:39:34 nachm. »
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[...] Ganz Italien ist eine Sperrzone. Schulen, Kindergärten, Universitäten sind geschlossen, Veranstaltungen abgesagt. Die Corona-Pandemie hat Italien schwer getroffen, viele Krankenhäuser sind überlastet, mehrere Tausend Menschen gestorben. ... Die Philosophin Donatella Di Cesare warnt vor Egoismen und kritisiert eine fehlende politische Präsenz. Den Glauben an die Europäische Union hat sie verloren. Die Italienerinnen und Italiener merkten, Europa existiere nicht mehr, sagt sie. ... Wir haben in Italien viele Krisen überlebt, und das auch, weil wir als optimistisch gelten, sagt die Philosophin Donatella Di Cesare. Aber diesmal sei alles anders.

Di Cesare: ... es gibt privilegierte Menschen, die zu Hause bleiben dürfen, und andere, die sich in dieser Krise exponieren müssen. Darüber wird die Politik nachdenken müssen. Wir sprechen gerade nicht über die Migranten. Und warum? Weil wir sie vergessen haben. Wir in Italien wissen nicht einmal, welche Maßnahmen gerade zum Beispiel in den Camps der Sinti und Roma hier in Rom gelten und in den Aufnahmeeinrichtungen für Geflüchtete. Es interessiert absolut niemanden gerade. Die Italienerinnen und Italiener sorgen sich um ihre eigene Immunität, denn das interessiert sie wirklich. Was auf Lesbos passiert, ist egal.

Claudio Rizzello: Allein auf der griechischen Insel Lesbos leben rund 20.000 Migranten unter menschenunwürdigen Bedingungen. Durch das Coronavirus droht ihnen nun auch noch eine medizinische Katastrophe. Warum lässt uns das kalt?

Di Cesare: Weil es immer erst um die eigene Immunität geht. Vor einigen Wochen noch wurden viele Chinesen in Italien stark diskriminiert. Sie wurden richtig angefeindet. Der Präsident der Region in Venetien, Luca Zaia, sagte im Fernsehen, Chinesen würden lebende Mäuse essen, daher käme das Virus. Das Video ging viral. Und Zaia, ein Vertreter der Lega-Partei, wollte damit natürlich Hass säen. Jetzt werden die Chinesen gefeiert, sind Helden, weil sie medizinische Versorgung nach Italien brachten. So funktioniert die immune Demokratie. Ich will meine Privilegien behalten und immun bleiben. Was draußen passiert, geht mich gar nichts an. Das ist das Spiel der Diskriminierung.

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Aus: "Italien: "Ich weiß nicht, wie lange wir das durchhalten"" Interview: Claudio Rizzello (26. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/italien-coronavirus-krise-konsequenzen-donatella-di-cesare/komplettansicht