Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 268719 times)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #960 on: August 14, 2019, 05:00:58 PM »
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[...] Klang nach einem coolen Geschäftsmodell: Wer grad keine Zeit hat zu kochen, kann sich das Essen fix bestellen, zwischendurch, per App. Reproduktion mit einem Klick erledigt. Früher unbezahlte (weibliche) Hausarbeit wird nun auf den Markt geworfen: So entstehen sogar Jobs. Klar, für 7,50 Euro pro Stunde durch den Regen radeln, zig Stockwerke erklimmen, dabei vom Chef per App gestresst werden, das klingt uncool. Aber hey, c‘est la vie. Fahrer beschwerten sich hier und da, gaben Zeitungen Stoff für Reportagen, und das Geschäft brummte weiter. Türkise und pinke Radler überall.

Nun verschwinden erstere: Deliveroo zieht sich vom 16. August an aus Deutschland zurück, kündigte das Unternehmen an – am 12. August. Was innerhalb von vier Tagen auch verschwindet: das Einkommen der Fahrer. Kündigungsfrist gab es bei den 1.100 Freelancern keine, Anspruch auf eine Abfindung auch nicht. Aus PR-Gründen zahlt Deliveroo ihnen nun „Kulanzpakete“, basierend auf dem Tagessatz der durchschnittlichen wöchentlichen Einnahmen der letzten Wochen. Mindestens: 50 Euro.

Dass prekäre Arbeitsbedingungen super in ein Geschäftsmodell passen, das Angebot und Nachfrage just in time aufeinander abstimmen muss, ist nichts Neues. Volle Flexibilität für das Unternehmen, volle Unsicherheit für die Arbeiterinnen: das Comeback der Tagelöhner im Neoliberalismus. Wer profitiert? Die Kapitalisten!, möchte die Marxistin rufen, nur: Das stimmt nicht. Deliveroo und sein niederländischer Konkurrent Takeaway, Mutter des deutschen Lieferando, verzeichnen Jahr für Jahr Verluste. Was ist das für ein Geschäfsmodell?

Ein „sehr schlechtes“ – zitiert das Manager Magazin Takeaway-Gründer Jitse Groen selbst, „unmöglich profitabel zu betreiben“. Der „Gewinn“ von Takeaway in Deutschland lag 2018 bei minus 36,7 Millionen Euro. Besiegen konnte der Konzern Deliveroo dennoch, einfach, weil er wächst: von 2016 auf 2018 stieg der Takeaway-Umsatz von 37 auf 86 Millionen Euro. Das Unternehmen schluckte Lieferando, Foodora – und nun den britischen Lieferdienst Just eat. Friss oder stirb wird zu: Friss einfach! Irgendein Investor wird schon weiter Kapital zuschießen. Bis die Wette aufgeht, die Konkurrenz weg ist und die Preise steigen können. Oder: Bis die Blase platzt.


Aus: "Friss einfach" Elsa Koester (14.08.2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/elsa-koester/friss-einfach


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« Reply #961 on: August 19, 2019, 10:48:18 AM »
Quote
[...] Der Chef der angeschlagenen Restaurantkette Vapiano, Cornelius Everke, hat seinen Rücktritt angekündigt. In einer Mitteilung des Unternehmens wurden persönliche Gründe genannt. Der Vertrag werde "einvernehmlich" und schon zum 31. August beendet, hieß es weiter.

Die schnell gewachsene Restaurantkette steckt seit längerem tief in der Krise (Eine Analyse finden Sie hier). Bei einem Umsatz von rund 372 Millionen Euro musste das Unternehmen 2018 einen Verlust von 101 Millionen Euro hinnehmen. Dies lag vor allem an hohen Abschreibungen und höheren Betriebskosten im Zuge der Ausdehnung. Der Schuldenberg wuchs deutlich an. Auf gleicher Fläche - also ohne Berücksichtigung der neuen Restaurants - sank der Umsatz um ein Prozent.

Einen Nachfolger für Everke hat Vapiano der Mitteilung zufolge noch nicht gefunden. Die Aufsichtsratsvorsitzende Vanessa Hall soll das Unternehmen vorübergehend bis mindestens April 2020 führen. Die dauerhafte Nachfolge soll dann in einem "strukturierten Prozess" gesucht werden.

Der Aufsichtsrat möchte in seiner turnusmäßigen Aufsichtsratssitzung am Dienstag den Vertrag des Finanzchefs Lutz Scharpe für weitere drei Jahre bis Juni 2023 verlängern. In der Mitteilung von Sonntagabend betont das Unternehmen, Kontinuität auf der Position des Finanzvorstands zu wollen.

Das scheint angesichts der Entwicklungen der vergangenen Monate auch notwendig. Dreimal hatte Vapiano im Frühjahr die Vorlage des Jahresabschlusses verschoben und dies mit Verhandlungen wegen eines dringend benötigten Kredits über 30 Millionen Euro begründet. Erst Ende Mai kam eine verbindliche Kreditzusage von den finanzierenden Banken und den Großaktionären. Rund vier Wochen später gab es dann erst den Jahresabschluss.

Vapiano war 2017 an die Börse gegangen. Mit den Erlösen aus dem Börsengang setzte die Kette auf Expansion, im vergangenen Jahr kamen mehr als 30 neue Restaurants hinzu. In 33 Staaten ist Vapiano inzwischen präsent mit rund 230 Restaurants, die meisten davon in Deutschland. Noch-Vorstandschef Everke räumte im Juni Fehler bei der Wachstumsstrategie ein. "In der Vergangenheit haben wir uns bei der Auslandsexpansion etwas verhoben", sagte er.

Doch die Probleme sind nicht nur im Ausland zu suchen. Lange Warteschlangen sorgten auch in Deutschland bei Kunden immer wieder für Ärger. Dieses Problem will das Unternehmen nach früheren Angaben angehen, indem Arbeitsabläufe geändert und die Menükarte vereinfacht werden.

49 verschiedene Gerichte hatte man dauerhaft auf der Karte plus 10 saisonale Gerichte, zudem konnte man unter elf verschiedenen Pastasorten wählen. Das sei zu viel, zumal es Bestellungen kompliziert mache, sagte Everke im Juni. Einen asiatischen Salat brauche man zum Beispiel künftig nicht mehr. Er kündigte an, die Menükarte bald zu verschlanken. "Wir müssen zurück zu den Wurzeln, also zur klassischen, ehrlichen italienischen Küche."


Aus: "Angeschlagene Restaurantkette: Vapiano-Chef Everke tritt ab" (18.08.2019)
Quelle: https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/vapiano-chef-cornelius-everke-tritt-ab-a-1282520.html


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« Reply #962 on: August 19, 2019, 11:41:59 AM »
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[...] Keine Frage: Der Mann hat geradezu Shakespear’sche Qualitäten. Büchner-Preisträger Rainald Goetz setzte ihm dann in der Figur der egomanischen Managerfigur Johann Holtrop tatsächlich ein literarisches Denk- und Mahnmal.

Middelhoff will das Buch nie gelesen haben, entdeckt nun aber doch Gemeinsamkeiten, die er in seinem eigenen Werk bereitwillig gesteht: maßlose Gier, Narzissmus, konsequente Mutation zum „Arschloch“. Selbst die Geliebte, die im US-Management seiner Firma gearbeitet hat, wird gebeichtet.

En passant diskreditiert er dann gleich die komplette deutsche Management-Elite: Im Dax seien doch alle ähnlich kaputte Alphawölfe. Auch von spät entdeckter „Scham“ ist nun ausgiebigst die Rede. Middelhoff scheint mittlerweile eingesehen zu haben, dass man nicht Tausende von Karstadt-Angestellten rauswerfen und am Freitag nach Südfrankreich fliegen kann zu Familie, Superjacht (108 Fuß lang) und weiterer Megavilla.

Aber für das Schicksal der Opfer solcher Chefs, wie er einer war, will er interessanterweise keinerlei Verantwortung übernehmen. „Fachlich haben sich alle strategischen Entscheidungen bei Arcandor und Karstadt-Quelle als die richtigen erwiesen“, sagt er heute. Das juristische Urteil gegen ihn nennt er ohnehin weiterhin „fragwürdig“.

Bis 2020 läuft seine Privatinsolvenz. Seine Frau hat sich von ihm getrennt. Er lebe heute, sagt er, von dem, was diesseits der Pfändungsfreigrenze von seinen Bertelsmann-Pensionsansprüchen übrig bleibt. Auch die Bucheinnahmen flössen in die Insolvenzmasse, kämen also seinen Gläubigern zugute.

Zeigt sich da also doch ein Geläuterter, der in Knast und offenem Vollzug als Pflegehelfer in der Behindertenwerkstatt Bethel zu sich und von dort direkt zu Gott gefunden hat? Zweifel sind angebracht, ob die anstehenden Buß- und Bettage der Buch-PR wirklich tiefe Lehren bereithalten außer so manchem Schlüssellochblick.

Zuletzt trat er bisweilen bei sogenannten „Fuck up Nights“ in Erscheinung, wo gescheiterte Unternehmer über die Gründe ihres Scheiterns Auskunft geben. Er will, dass man aus seinen Fehlern lernt. Es wird zwar nicht so richtig klar, was, außer, dass ein rund 100.000 Quadratmeter großes Anwesen in Saint-Tropez irgendwie einen anderen, schlechteren Menschen aus einem machen kann.

Aber auch ein drittes Buch wird der Republik nicht erspart bleiben: Middelhoff kündigt nach der Abrechnung mit der Justiz („A 115“) und sich selbst („Schuldig“) schon jetzt eine Art Krimi an, auf jeden Fall Fiktion, die nichts weniger enthüllen will als „Das System“. Drunter macht‘s einer wie Big T. immer noch nicht, auch wenn er heute wirklich milder wirkt da auf dem Flughafen, entspannter auch.

Er will halt immer noch vor allem eines: geliebt werden. „Die grundsätzliche Disposition, ein gutes Bild abgeben zu wollen, werde ich nicht ablegen können und wollen, sie ist auch ein Stück Antrieb.“ Früher versuchte er das durch seine immer größer werdenden Deals und Auftritte, aktuell testet er Selbstgeißelung als Mittel zum Zweck.

Er will endlich mal zum Vorbild taugen oder wenigstens einen Rekord verbuchen: beides zusammen vielleicht in der Rolle des gescheitertsten Managers der Republik? Die Frage der „FAS“ ist da durchaus legitim: „Wenn schon schuldig, wollen Sie aber auch der schuldigste Schuldige sein?“

Flug EW 9031 hat Verspätung. Middelhoff sitzt schließlich ganz hinten in der Propellermaschine. Kinder schreien den kompletten Flug über. In Düsseldorf muss man noch ewig auf dem verregneten Rollfeld stehen, weil die Koffer nicht ausgeladen werden. Im Bus ist es eng. Middelhoff beschwert sich nicht. Er reist mit kleinstem Gepäck – auf dem Weg zu seiner greisen Mutter, erzählt er im Terminal.

Nicht nur bei ihr wird er jetzt wieder viel über sich reden. Thomas Middelhoffs Lieblingsthema ist nun mal: Thomas Middelhoff.


Aus: "Die Buß- und Bettage von Thomas Middelhoff" Thomas Tuma (18.08.2019)
Quelle: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/big-t-die-buss-und-bettage-von-thomas-middelhoff/24916162.html?


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« Reply #963 on: August 22, 2019, 04:35:55 PM »
Quote
[...]  Madrid. Zehntausende Urlauber werden am kommenden Wochenende auf den spanischen Mittelmeerinseln Ibiza und Formentera ihre Zimmer selbst in Ordnung bringen müssen. Die Zimmermädchen haben einen Streik ausgerufen.

Das Bett nicht gemacht, den Boden nicht gewienert, das Bad nicht geputzt: Zehntausende von Urlaubern werden am kommenden Wochenende auf den spanischen Mittelmeerinseln Ibiza und Formentera ihre Zimmer selbst in Ordnung bringen müssen. Denn die rund 8000 Zimmermädchen in ihren Hotels fühlen sich von den Hoteliers schlecht behandelt und haben mitten in der touristischen Hochsaison einen Streik ausgerufen. Auf Mallorca und auf dem spanischen Festland soll es parallel Protestkundgebungen geben.

Geringe Löhne, harte Akkordarbeit, unbezahlte Überstunden, keine freien Tage, mangelhafte soziale Absicherung, Diskriminierung – die Liste der Klagen ist lang. So lang, dass inzwischen sogar ein dokumentarischer Kinofilm über das Leiden der spanischen Zimmermädchen entstanden ist, der den Titel „Hotel Ausbeutung“ trägt. „Wir halten den Tourismus, den wichtigsten Motor der nationalen Wirtschaft, in Gang“, klagt darin die Reinigungskraft eines Hotels, doch die Zimmermädchen würden mancherorts wie Sklaven behandelt.

„Wir sind keine Maschinen, sondern Menschen“, lautet einer der Slogans, mit dem die Frauen auf die Barrikaden gehen. Etliche Hoteliers bekamen in den letzten Monaten bereits die Wut der Zimmermädchen, die in Wirklichkeit gestandene Frauen sind, zu spüren. Mit Transparenten bewaffnet postierten sich die Hotel-Putzfrauen, die sich unter dem Namen „Las Kellys“ organisiert haben, vor Hoteltüren und skandierten: „Wir wollen würdige Arbeitsbedingungen.“

Dazu gehöre zum Beispiel, dass die Arbeitsbelastung verringert werde, sagt Milagros Carreño. Die 54-Jährige arbeitet seit 30 Jahren als Zimmermädchen und ist die Sprecherin der Kellys auf Ibiza. „Normalerweise müssen wir 21 oder 22 Zimmer am Tag säubern, aber manche Kolleginnen müssen bis zu 30 Zimmer herrichten. Das ist unmenschlich“, klagte sie, als sie den Streik ankündigte. Daneben müssten auch noch Flure, Essenssäle und Eingangshallen gesäubert werden. „Einige Zimmermädchen haben nicht einmal Zeit, eine Essenspause zu machen.“

Die Folge dieser beschwerlichen Arbeit und Hetzjagd von Zimmer zu Zimmer seien chronische Gesundheitsschäden. Viele Frauen würden den Arbeitstag nur mit Pillen durchhalten. Nach einer Umfrage der Gewerkschaften schlucken 70 Prozent der Zimmermädchen Tabletten, etwa weil ihnen der Rücken wehtut, oder weil sie Depression haben. „Irgendwann kommt dann der Zeitpunkt, wo wir einfach nicht mehr können“, sagt Carreño. Deswegen fordern die Kellys auch eine Anerkennung ihrer Gesundheitsschäden als Berufskrankheiten.

Der Aufstand lenkt den Blick auf die Schattenseiten des spanischen Tourismusbooms. Das nationale Fremdenverkehrsamt meldet zwar von Jahr zu Jahr neue Besucher- und Einnahmerekorde – in 2018 kamen 83 Millionen ausländische Urlauber nach Spanien. Aber die rund 200.000 Zimmermädchen, welche in ganz Spanien maßgeblich dafür sorgen, dass sich die Hotelgäste wohlfühlen, profitieren nicht von dem Boom. Ganz im Gegenteil. Viele Hotels vergeben inzwischen den Reinigungsservice an externe Firmen, wodurch sich die Arbeitsbedingungen für die Raumpflegerinnen verschlechtert haben.

Was verdienen Zimmermädchen? Nach den Tarifverträgen der spanischen Hotelbranche stehen den direkt Angestellten für eine Vollzeitbeschäftigung etwa 1500 Euro brutto im Monat zu. Das klingt gar nicht so schlecht für spanische Verhältnisse, aber in der Praxis werden diese Tarife nicht durchweg eingehalten.

Zum Beispiel zahlen externe Reinigungsfirmen den Zimmermädchen selten mehr als 1000 Euro. In den touristischen Großstädten Madrid oder Barcelona seien die meisten Zimmermädchen über externe Firmen angestellt, berichtet Myriam Barros, nationale Sprecherin der Kellys. Sie fordert, dass die Zimmermädchen der externen Firmen genauso bezahlt werden müssen wie die hoteleigenen Kräfte.

„Wir sind die wahren Stars der Hotels“, steht auf manchen jener Protestplakate, mit denen die Kellys am kommenden Wochenende auf die Straße gehen wollen. Ein Hinweis darauf, dass sie nicht nur bessere Arbeitsbedingungen wollen, sondern auch mehr Anerkennung wünschen – und sei es auch nur in Form eines kleinen Trinkgelds, das von den Gästen auf dem Kopfkissen zurückgelassen wird.


Aus: "Streik der Zimmermädchen: Ibiza-Urlauber müssen Hotelbetten selbst machen" Ralph Schulze (22.08.2019)
Quelle: http://www.general-anzeiger-bonn.de/news/panorama/Ibiza-Urlauber-m%C3%BCssen-Hotelbetten-selbst-machen-article4170435.html

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #964 on: August 26, 2019, 11:27:15 AM »
David Hamilton Koch [koʊk] (* 3. Mai 1940 in Wichita, Kansas; † 23. August 2019 in Southampton, Hamptons, New York) war ein US-amerikanischer Unternehmer, Philanthrop und Politiker. Er besaß ein geschätztes Vermögen von 43,8 Milliarden US-Dollar (Stand: 2018) und war damit – wie sein Bruder Charles G. Koch – auf Platz 8 der Forbes-Liste der reichsten Menschen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/David_H._Koch

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Die Leugnung der menschengemachten globalen Erwärmung (teils auch als Klimaleugnung, Klimawandelleugnung oder Klimawissenschaftsleugnung bezeichnet) ist das Ablehnen, Nicht-wahrhaben-Wollen, Bestreiten oder Bekämpfen des wissenschaftlichen Konsenses der Klimaforschung zur gegenwärtig stattfindenden globalen Erwärmung. Hierzu zählt insbesondere das dogmatische Abstreiten, dass sich die Erde zurzeit erwärmt, dass dieser Effekt anthropogen, das heißt menschengemacht, ist und dass die Erwärmung große gesellschaftliche und ökologische Probleme zur Folge hat. Neben diesen drei Grundkategorien Trendleugnung, Ursachenleugnung und Folgenleugnung wird oft auch eine vierte Kategorie Konsensleugnung hinzugezählt, also das Bestreiten, dass diese Kernaussagen in der Forschung seit Langem unstrittig sind. Insbesondere als Selbstbezeichnung werden auch Klimawandelskepsis, Klimaskepsis und Klimaskeptizismus genutzt.  ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Leugnung_der_menschengemachten_globalen_Erw%C3%A4rmung

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Quote
[...] David Koch war Verfechter des freien Marktes – und stemmte sich zeitlebens gemeinsam mit Bruder Charles und einem Gesamtvermögen von 100 Milliarden Öl-Dollar gegen jede progressive Vernunft. Gegen Occupy Wall Street, gegen die universelle Krankenversicherung, gegen den Klimaschutz. Nach langer Krankheit ist er am Freitag mit 79 Jahren verstorben.

Die Gebrüder Koch waren für Progressive wie eine unsichtbare Wand aus Granit. Egal was Linksliberale unternahmen, sie unterlagen, weil die Koch-Brüder wieder einen stramm konservativen Politiker mit einer lukrativen Stelle eingekauft oder einen neuen konservativen Think Tank aus dem Boden gestampft hatten. Selbst wenn man nur ein besseres öffentliches Verkehrssystem für die eigene Stadt forderte, entstand eine Gegeninitiative, hinter der die Ölbarone aus Kansas standen.

Dabei hatte David Koch von den beiden Brüdern stets eher die leichtere und elegantere Rolle. Sein Bruder Charles war und ist der Stratege, der bis heute von Beratern umzingelt den Konzern leitet. David, der jüngere Bruder, war als Playboy bekannt, der lieber auf Park Avenue lebte und erst mit 56 heiratete. Der Zwei-Meter-Mann war eine nie versiegende Quelle plumper Herrenwitze, die er für gewöhnlich mit einem nasalen Lachen abschloss.

Er war gerne auf Parties und liebte das Ballett. Eine seiner bekanntesten Taten bleibt eine Spende von 100 Millionen Dollar an das New York City Ballett, das das eigene Theater prompt auch in „David H. Koch Theater“ umbenannte.

Doch er hatte auch den Ehrgeiz, mehr zu sein: 1980 versuchte er sich als Vizepräsidentschaftskandidat der Libertarian Party. Doch gegen Ronald Reagans „konservative Revolution“ holten er und Ed Clark nur 1,1 Prozent der Stimmen. Und so blieb es bei einem Versuch. Auf Reagan folgte die Familie Bush mit „Compassionate Conservatism“ und einem multiethnischen Zugang in der Familie wie in der Politik. Zuletzt finanzierten die Kochs deshalb die Opposition innerhalb der Partei: die Tea Party.

David Koch hatte sich womöglich auf einen ruhigen Lebensabend eingestellt und nicht mehr erwartet, eine libertäre Revolution mitzuerleben. Dann kam Donald Trump, der es verstand, die konservative, weiße Arbeiterschaft für sich gewinnen zu gewinnen, ehe er sich für die Politikbedürfnisse von Milliardären einsetzte.

Während des Wahlkampfes 2016 wurde noch viel über die Distanz zwischen Trump und den Kochs gesprochen. Doch nach Trumps erstem gesetzgeberischen Triumph in Washington – der steuerlichen Entlastung für Reiche – begab er sich noch am selben Tag in die Wohnung David Kochs, ganz als ob er zeigen wollte: „Ich habe eure Schlacht gewonnen“.

Donald Trump hat als New Yorker Playboy geschafft, was David Koch verwehrt wurde. Es reicht nicht, reich und jovial zu sein, sondern man muss auch Straßenkämpfer sein. David Koch war das nicht.


Aus: "US-Milliardär David Koch gestorben: Jovialer Deregulierer" Anjana Shrivastava (25. 8. 2019)
Quelle: https://taz.de/US-Milliardaer-David-Koch-gestorben/!5620514/

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Quote
Der US-Milliardär und einflussreiche Unterstützer erzkonservativer Politik, David Koch, ist tot. Der Unternehmer sei nach langer Krankheit mit 79 Jahren gestorben, teilte die Firma "Koch Industries" von ihm und seinem Bruder Charles am Freitag mit.

Die Brüder machten mit einem Imperium an Ölpipelines, Rinderfarmen, Papier- und Düngemittel-Herstellern sowie Technologiefirmen ein Vermögen. Forbes listet David Koch mit mehr als 42 Milliarden Dollar (etwa 38 Milliarden Euro) als einen der reichsten Menschen der Welt.

Ihr Geld benutzten die Koch-Brüder über Jahrzehnte, um die Politik in den USA zu beeinflussen. Die Kochs pumpten seit den 70er-Jahren mindestens 100 Millionen Dollar in politische Bewegungen, konservative republikanische Kandidaten oder Think Tanks, um den rechten Rand in den USA zu stärken. David Koch war 1980 sogar Kandidat für das Amt des Vize-Präsidenten der kleineren Libertären Partei.

Zu David Kochs politischen Überzeugungen gehörten der Rückbau des Staates - der Staat sollte seiner Auffassung nach möglichst wenig in das Leben seiner Bürger eingreifen -, die freien Märkte und niedrige Steuern. Die Brüder unterstützten auch Gesetzesvorhaben zur Bekämpfung der illegalen Einwanderung, zur Lockerung von Umweltvorschriften, zur Schwächung der Gewerkschaften, zur Aushöhlung der staatlichen Gesundheitsversorgung und für die Rechte zum Besitz von Waffen.

Eine von den Kochs unterstützte Initiative versucht derzeit, in US-Großstädten wie Phoenix (Arizona) den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs zu verhindern – damit die Bevölkerung weiter Auto fährt und Benzin verbraucht. Außerdem finanzierten sie mehrere Denkfabriken wie das Cato Institute und das Heartland Institute, die Desinformation zum Klimawandel verbreiteten. Die Bewegung der Klimawandel-Leugner wäre ohne die Milliarden der Koch-Brüder „weitaus marginaler als sie es jetzt ist“, sagte der Koch-Biograf Christopher Leonard dem Magazin „The New Republic“. „Das ist gar keine Frage.“

Wegen ihres Engagements wurden die Kochs, die ursprünglich aus Kansas im Zentrum der Vereinigten Staaten stammen, auch als Wegbereiter der rechten Tea-Party-Bewegung innerhalb der republikanischen Partei und letztlich auch der Präsidentschaft Donald Trumps gesehen. Mit Trump allerdings verband David Koch keine innige Freundschaft, die Brüder unterstützten seinen Wahlkampf vergleichsweise verhalten.

Koch erlebte auch Rückschläge und Tragödien. 1991 überlebte er einen Flugzeugabsturz, bei dem nach Angaben von "Koch Industries" 35 Menschen starben. Kurz danach erkrankte er an Prostata-Krebs, der nie ganz geheilt werden konnte. Insgesamt habe Koch Millionen für wohltätige Zwecke gespendet - darunter für die Bekämpfung von Krebs oder für Bildungs- und Kultureinrichtungen.

Außenminister Mike Pompeo sprach der Familie am Freitag per Twitter sein Beileid aus. Die Nachricht von Kochs Tod habe ihn traurig gemacht.


Aus: "US-Milliardär David Koch stirbt mit 79 und hinterlässt ein schreckliches Vermächtnis" (Sonntag, 25.08.2019)
Quelle: https://www.focus.de/finanzen/boerse/nach-jahrelanger-krankheit-wegbereiter-von-donald-trump-erzkonservativer-milliardaer-david-koch-stirbt-mit-79_id_11063766.html

Quote
25.08.19, 02:01 | Stefan Rothe

Solche Leute werden in Deutschland gebraucht

Leider begiebt sich FOCUS wieder auf die korrekte politische Schiene. Menschen wie Koch würde man in Deutschland dringend brauchen. Damit die Dinge vom Kopf auf die Füße gestellt werden.


Quote
24.08.19, 08:43 | Dieter Schmeer

Koch vertritt Trump Positionen

Wenn Herr Koch ein schreckliches Vermächtnis hinterlässt, dann hat Amerika auch einen schrecklichen Präsidenten, denn der vertritt dieselben Positionen und Ansichten. Da verbessern auch die Millionen, die Herr Koch für wohltätige Zwecke spendete, die in der Regel der Image-Pflege dienen, nicht das Bild eines Mannes, der mindestens 50% der amerikanischen Bevölkerung hinter sich hat. Es sind die Leute, die auch Donald Trump wählen.


...
« Last Edit: August 26, 2019, 11:32:47 AM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #965 on: August 28, 2019, 09:42:04 AM »
Quote
Wolf K.

 Unterschied zwischen reich und arm:
1.) Reiche Menschen halten Armut für die Wurzel allen Übels und „normale“ denken, dass Geld den Charakter verdirbt.
2.) Reiche Menschen halten Egoismus für eine Tugend und normale halten Egoismus für ein Laster.
3.) Reiche Menschen sind Macher und normale sind Lottospieler.
4.) Reiche Menschen machen ihre Leidenschaft zum Beruf und normale arbeiten in einem Beruf, der ihnen häufig nicht einmal Spaß macht.
5.) Reiche Menschen wissen, dass die Börse von Gier und Emotionen beherrscht wird und normale denken, dass es dort rational zugeht.
6.) Reiche Menschen bringen ihren Kindern bei, wie man reich wird und normale nicht.
7.) Reiche Menschen finden durch Geld inneren Frieden und normale versinken im Stress.
8.) Reiche Menschen mögen Bildung (aber nicht alle) lieber als Unterhaltung und normale lassen sich berieseln.
9.) Reiche Menschen konzentrieren sich aufs Geldverdienen und normale konzentrieren sich aufs Sparen.
10.) Reiche Menschen erwarten, dass ihr Leben immer besser wird und normale gehen davon aus, dass sie gegen den Abstieg kämpfen.
11.) Reiche Menschen sind süchtig vor allem nach Erfolg.
12.) Reiche Menschen denken, dass man alles haben kann und normale denken, sie müssten sich entscheiden.


Quote
ex s.

 Vermögenssteuer = Neidsteuer.

...


Quote
Frieder Wild

 Man sollte schon etwas differenzieren: Nicht jeder Reiche wurde durch eigenen Fleiß reich und nicht jeder Arme war faul. Es gibt auch viele, die durch staatliche Subventionen reich geworden sind und, man muss es leider so sagen, der Staat hat sich grundsätzlich an die breite Masse gehalten. Die Vermögensteuer ist eine statische Steuer, die relativ leicht zu umgehen ist. Ich erinnere nur an die riesigen, bestens bewachten Lagerhallen in Singapur, wo viele Vermögenden ihre Kunstschätze deponiert haben. Vermögen jedweder Art unterliegen einer Bewertung, die niemals ganz stimmig sein kann und wofür es auch nicht genügend Fachkräfte gibt. Diese Streitereien führten letzlich dazu, dass Kohl die Vermögensteuer ausgesetzt hat, was mE falsch war, denn es beschleunigte das Auseinanderdriften zwischen Armen und Reichen. ...


Quote
Heinz h.

 Diese sogenannten Reichen von denen hier die Rede ist sollten nicht mit noch mehr Steuern verärgert werden, die werden mehr gebraucht als die Politiker die sich so was einfallen lassen,
90% oder mehr dieser Leute sind nämlich Arbeitgeber und Die sollte man nicht ins Ausland treiben.


Quote
Ralf E.

 Wie ist das zum Beispiel mit der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Banken? Die Deutsche Bank hat die Weltwirtschaftskrise ab 2008 mit verursacht, die Banker aber jahrelang absurd hohe Gehälter eingestrichen. Waren die nun wirtschaftlich leistungsfähig, da sie so viel "verdient" haben oder vielleicht doch eher nicht? Wie ist das mit den Niedriglohnarbeitern, die z.B. Amazons Reichtum mit ermöglichten. Die haben jahrelang wenig verdient, Amazon keine Steuern an den deutschen Staat gezahlt, gleichzeitig wurden hier Steuer zahlende Unternehmen von Amazon platt gemacht und die Niedriglohnarbeiter haben prekär gelebt. Wer hat da nun eine hohe wirtschaftliche Leistungsfähigkeit vorzuweisen? ...


Quote
Ernst S.

... Die Vorstandsgehälter der Dax-Konzerne lagen einmal bei dem 14fachen der Gehälter der bei diesen Unternehmen beschäftigten, heute liegen wir bei dem 50fachen. Das ist das Problem. Die Reallohnentwicklung bei den oberen 10% der Bevölkerung war positiv. Die Armen haben 25% an Kaufkraft verloren. Alles politisch gewollt und durch Lobbyarbeit gefördert!



Quote
Ralf M.

 Ich bin vor 6 Jahren nach Deutschland gezogen und habe mir ein Haus für 850.000 Euro gekauft. Jetzt ist es 1.250.000 wert. Ich habe also jedes Jahr 75.000 Euro hinzugewonnen, ohne einen Cent Steuer zahlen zu müssen. Wenn ich jetzt pro Jahr 1% also 12.000 Euro Vermögenssteuer zahlen soll, ist das gemessen an dem Wertzuwachs noch immer wesentlich niedriger als mein Einkommensteuersatz. Natürlich würde ich lieber weiterhin nichts zahlen, aber gerecht wäre das nicht.


Quote
Alexander H.

 Wenn man den "Armen" einen Gefallen tun will, dann SENKE man deren Steuern. Davon haben sie direkt was. Von der Besteuerung von "Reichen" haben sie nichts. Die SPD speist die Armen also mit Gefühlen ab, mit negativen (Neid) noch dazu. ...


Quote
Bernward H.

 Die Vermögenssteuer wurde erst 1997 ausgesetzt. In der Folge wurden noch einige weitere Maßnahmen zur Förderung großer Vermögen getroffen. Vor allem der Finanzmarkt der uns einige Jahre später komplett um die Ohren geflogen ist wurde komplett entfesselt. Das Ergebnis haben wir alle gesehen und wir werden noch mindestens eine Generation daran zu knabbern haben.
Es wird immer so getan als wäre eine Vermögenssteuer der Untergang des Abendlandes, das Gegenteil war (fast) der Fall.


Quote
Klaus R.

 Ich bin auch für Umverteilung und zwar von faul zu fleißig und nicht umgekehrt, wie heute. Letztendlich können sie auch alle Menschen gleich stellen. Dann haben in 5 Jahren, die Fleißigen, die heute mehr haben als andere auch wieder mehr und diejenigen, die heute arm sind, sind wieder arm. Wahrscheinlich sind sie sogar innerhalb von einem halben Jahr schon wieder arm. In Deutschland denkt jeder, Vermögen ist einem nur so zugeflogen. Dass vielleicht jemand hart dafür gearbeitet hat, ist mittlerweile undenkbar. Diese Gesellschaft ist ungerecht und gibt immer demjenigen, der sich nicht anstrengt. Das sind genau die Fehlanreize, die dazu führen, dass das halbe Land nicht mehr arbeiten gehen möchte.


Quote
Daniel R.

 "Ich bin auch für Umverteilung und zwar von faul zu fleißig und nicht umgekehrt, wie heute." Was gute Fachkräfte in der Pflege leisten ist fleißiger als ein Topmanager oder Aufsichtsratmitglied. Die übrigens bei Versagen keinerlei Konsequenzen zu fürchten haben.


...

Kommentare zu: https://www.welt.de/wirtschaft/article199208660/Vermoegensteuer-Die-Idee-der-SPD-ist-alles-nur-nicht-gerecht.html

-

Quote
[...] Wenn der Ton schrill wird und nach einer drohenden Revolution klingen soll, sehen Deutschlands Milliardäre ein Prozent ihres Vermögens in Gefahr. Das „Handelsblatt“ titelt bereits „Im Klassenkampf“. Ein Kommentator der „Welt“ meint, die „Erfolgsarmen“ würden gegen die „Erfolgreichen“ mobilisiert.

Worum geht’s? Die SPD plant eine Mini-Vermögensteuer, die vor allem jene bezahlen müssen, die sich nicht entscheiden können, ob sie sich als nächstes eine Yacht oder einen Privatjet kaufen. [https://www.tagesspiegel.de/politik/kandidat-fuer-den-spd-vorsitz-lauterbach-will-fuer-vermoegenssteuer-ausstieg-aus-grosser-koalition/24945350.html]

An dieser Stelle werden die Verteidiger möglichst hoher grenzenloser Reichtümer „Populismus“ rufen. Oder „Sozialismus“. Oder „linker Umverteilungswahn“. Oder „Staatsgier“. An oberster Stelle ihrer Besitzstandswahrerrhetorik rangieren allerdings die Begriffe „Neidgesellschaft“ und „Sozialneid“.

Das lässt tief blicken: Nicht das Recht auf die eigenen Milliarden wird verteidigt, sondern die Motivation derer in den Dreck gezogen, die auf extrem hohe Vermögen eine Abgabe erheben wollen. Diese Neider!

Das Wort hat einen schlechten Ruf. „Neid“, das heißt Missgunst, Unzufriedenheit, Misstrauen, Kleingeistigkeit. Der Neid ist eine von sieben Todsünden. Er zerfrisst die Seele, zerstört den Gleichmut. Ein Neider zu sein, will sich keiner nachsagen lassen.

Ein anderes Wort für „Neid“ lautet indes „Gerechtigkeitssehnsucht“. Das klingt schon ganz anders. Wer sich nach Gerechtigkeit sehnt, strebt danach, das urdemokratische Versprechen von Gleichheit zu erfüllen. Mann und Frau sollen gleich sein, schwarz und weiß, Homosexuelle und Heterosexuelle, Gläubige und Nichtgläubige.

In einer Demokratie haben Neid und Gerechtigkeitssehnsucht eine potenziell emanzipatorische Funktion. Die einst aus Geschlecht, Herkunft, sexueller Orientierung und Religion abgeleiteten Diskriminierungen sollen abgeschafft werden.

Nun heißt es, die Reichen haben ihren Reichtum verdient, sie haben ihn erarbeitet, er sei einzig und allein das Produkt ihrer Leistung, und Leistungsbereitschaft dürfe nicht bestraft werden. Doch jeder weiß, dass das so nicht stimmt. Auch die Reichen wissen das.

Äußere Faktoren wie der Bildungsabschluss der Eltern, das Geschlecht oder ein möglicher Migrationshintergrund tragen in erheblichem Maße zu Erfolg oder Misserfolg bei. Schwer vorstellbar, dass ein Multimilliardär wirklich eine Korrelation zwischen der Arbeit im Schweiße seines Angesichts und seinem Vermögen empfindet.
In der ständischen Gesellschaft war der Bauer nicht neidisch auf den König. Sie lebten in verschiedenen Welten, die keine Schnittmenge hatten. In der Demokratie dagegen sind die Menschen idealerweise gleich, sie sollen die gleichen Chancen haben, vor Gericht gleichbehandelt werden.

Deshalb wird Ungleichheit als Verstoß gegen ein Prinzip, ein Ideal gewertet. Das bezieht sich in erster Linie auf angeborene Eigenschaften, umfasst aber auch die Einkommensverteilung, sofern sie nicht allein auf individueller Anstrengung und Leistung beruht.

 In Deutschland hat die Ungleichheit in den vergangenen Jahren stärker zugenommen als im Durchschnitt der OECD-Länder. Die Niederlande, Finnland oder Norwegen sind wesentlich egalitärer. Das trägt sowohl zum gesellschaftlichen Frieden als auch zur persönlichen Zufriedenheit bei.

Den Mechanismus illustriert ein Experiment: Ihr Chef bietet Ihnen eine Gehaltserhöhung um 1000 Euro an, Ihre Kollegen sollen allerdings 2000 Euro mehr bekommen. Als Alternative würde die gesamte Belegschaft 500 Euro zusätzlich erhalten. Welches Modell wählen Sie? Die meisten Menschen entscheiden sich für die zweite Variante, also alle 500 Euro mehr. Das zeigt: Für die Stärkung eines als gerecht empfundenen Gleichheitsideals ist der Einzelne zum Verzicht bereit.

Es ist seltsam, ja erschreckend, dass eine Person, die Begriffe wie „Solidarität“, „Teilhabe“, „Chancengleichheit“ oder „Verantwortungsgemeinschaft“ benutzt, oft spöttisch belächelt wird. Offenbar ist es den Niedrigsteuerapologeten gelungen, ihre Antipoden als gleichmacherische Phantasten darzustellen, die sich anhören wie eine Mischung aus Margot Käßmann und Sahra Wagenknecht. Auch Sozialdemokraten schließt der Vorwurf der Kirchentagsromantik ein.
Um ihre Pfründe zu sichern, sind die Claqueure der Ellenbogengesellschaft sogar bereit, die eigene Widerspruchsfreiheit zu opfern. Im Kampf gegen eine Vermögensteuer etwa singen sie ein Loblied auf die individuelle Leistung. Der Erfolg eines Menschen, sagen sie, hängt allein von seinem Tun ab, seinen Fähigkeiten und Entschlüssen.

Dieses Kriterium wird indes beim Kampf gegen eine Erhöhung der Erbschaftsteuer dreist außer Kraft gesetzt. Denn wer erbt, hat ja nichts geleistet. Er wird reich aufgrund von Familie, Verwandtschaft, Dynastie.

 Von Warren Buffett, dem inzwischen 88 Jahre alten amerikanischen Großinvestor, Unternehmer und Mäzen, der selbst stets bescheiden blieb und den größten Teil seines Vermögens an die „Bill-und-Melinda-Gates“-Stiftung spendete, ist dieser Satz überliefert: „Es gibt gar keinen Grund, warum künftige Generationen kleiner Buffetts das Land beherrschen sollen, nur weil sie aus der richtigen Gebärmutter gekommen sind."
In den USA ist die Erbschaftsteuer weitaus höher als in Deutschland, weil dort die Gnade der reichen Geburt dem Leistungsgedanken widerspricht.

Durch Erbschaften werden soziale und regionale Unterschiede verschärft. Knapp 400 Milliarden Euro werden jedes Jahr vererbt. In den neuen Bundesländern werden nur relative geringe Vermögen an die nächste Generation übertragen. Das durchschnittliche Erbvolumen in Mecklenburg-Vorpommern beträgt nicht einmal ein Viertel dessen, was in Hamburg vererbt wird.

Die Erbschaftsteuer wiederum wird von Fachanwälten „Dummensteuer“ genannt, weil es diverse Möglichkeiten gibt, sie erheblich zu verringern. Experten schätzen, dass etwa 98 Prozent des Erbvolumens steuerfrei sind.

 Es bleibt alles wahr: Leistung muss sich lohnen. Ungleichheit kann ein Anreiz sein, sich anzustrengen. Der Markt hat seine eigenen Gesetze. Geld allein macht nicht glücklich. Doch aus diesen Mantren das Verbot einer Vermögensteuer abzuleiten sowie den Widerstand gegen eine Erhöhung der Erbschaftsteuer, ist absurd.

Die Superreichen verkraften die Abgabe, ohne aus dem Land fliehen oder Investitionen zurückschrauben zu müssen. Das Gerede vom Klassenkampf, einer Neidgesellschaft und deutscher Leistungsfeindlichkeit ist aufgeblasen und realitätsfremd.
Psychologen unterscheiden vier Formen von Neid: Er kann sich ehrgeizig stimulierend äußern, empört rechtend, depressiv lähmend, feindselig schädigend. Als Gerechtigkeitssehnsucht umfasst das Gefühl vor allem die zweite Form.

Die Wahrnehmung gravierender sozialer Ungleichheit empört. Vermögens- und Einkommensunterschiede, die nicht allein von der Leistung abhängen, sondern auch von der Herkunft, verlangen nach einem Ausgleich. Um mehr geht es bei der Vermögensteuer nicht. Es wird Zeit, dass sie kommt.


Aus: "Die SPD und die Vermögensteuer: Mehr Neid wagen!" Malte Lehming (27.08.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/die-spd-und-die-vermoegensteuer-mehr-neid-wagen/24947626.html

Quote
P.Aurora 27.08.2019, 22:45 Uhr
Das ist schon ironisch, wie die SPD hinsichtlich der Vermögenssteuer von „Gerechtigkeit“ spricht und dieser Kommentar dem Thema „Sozialneid“ gewidmet wurde, jedoch jene vermeintliche „Neider“ selbst eh nichts von diesen Mehreinnahmen sehen, da sie schließlich in die Staatskassen fließen würden. Ich bezweifle, dass z.B. sozial Schwächere zukünftig nachts besser schlafen könnten, mit den Gedanken "Hach, den Reichen fehlt jetzt ein Sandkorn, jawoll!". Von einem Ausgleich kann man erst sprechen, wenn man mit den Einnahmen aus einer Vermögenssteuer konkrete Maßnahmen gegen Ungleichheit finanzieren will. Sofern dies nicht der Fall ist, sollte man eher über eine grundlegende Reform des Steuersystems nachdenken, von der tatsächlich jeder profitieren würde.


Quote
BangJI 27.08.2019, 22:26 Uhr

Als ich im 4. Quartal 2018 in einem Wochenbericht des DIW las, dass die Vermögens- und Einkommensverhältnisse im Jahre 2016 in Deutschland derart gewesen sind, wie sie es in der Zeit von 1910 bis 1914 im Deutschen Kaiserreich waren.

Wie doof muss Mensch eigentlich sein, um nicht 1 und 1 zusammenzählen zu können, um auf das Ergebnis:
Im Jahre 2007 verfügten weniger als 25% aller deutschen Privathaushalte über mehr als 75% aller deutschen Privatvermögen  und mehr als 75% aller deutschen Privathaushalte verfügten über weniger als 25% aller deutschen Privatvermögen.
Die Quelle dieser Daten findet sich in den öffentlich zugänglichen Datenbanken der Deutschen Bundesbank, denen von Destatis und denen von Eurostat.

Der gesamte Rest der Debatte ist Agitprop, Desinformation und Faktenklitterung, was aber Gottlob kaum einer in diesem Lande begreift, ausser "den Wenigen".



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« Reply #966 on: August 31, 2019, 01:03:55 PM »
Quote
[...] Jeder dritte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Ostdeutschland arbeitet trotz Vollzeitbeschäftigung für einen Niedriglohn. Das geht aus einer Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor, wie das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) berichtet. Demnach sind in Ostdeutschland mehr als 1,2 Millionen in Vollzeit Beschäftigte zu Niedriglöhnen angestellt – das entspricht einem Anteil von 32,1 Prozent aller ostdeutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Deutschlandweit sind 19,3 Prozent aller in Vollzeit Beschäftigten unter der sogenannten Niedriglohnschwelle von 2.203 Euro brutto angestellt. In den westdeutschen Bundesländern liegt der Anteil der Niedriglohnempfänger in Vollzeitjobs bei 16,5 Prozent.

"Die Bundesregierung lässt die Menschen in ihrer Not allein und hält an ihrer verfehlten Arbeitsmarktpolitik fest", sagte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Susanne Ferschl. Die große Verbreitung von Niedriglöhnen führte sie auch auf Hartz IV zurück.

Der Anteil von Niedriglohnempfängern unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland stark. In Nordrhein-Westfalen sind 17,1 Prozent aller Vollzeitarbeitnehmer zu Niedriglöhnen beschäftigt, in Mecklenburg-Vorpommern sind es 37,9 Prozent. Besonders stark betroffen sind Frauen und junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unter 25 Jahren.


Aus: "Einkommensverteilung: Jeder dritte ostdeutsche Arbeitnehmer erhält Niedriglohn" (31. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-08/einkommensverteilung-ostdeutschland-niedriglohn-vollzeit-arbeitnehmer

Quote
einervonvieren #6

Das muss man sich einmal vorstellen:
In Mecklenburg-Vorpommern sind 37,9 Prozent der Vollzeitbeschäftigten im Niedriglohnbereich.
Dazu kommt aktuell 6,7% Arbeitslosen- und 9,3% Unterbeschäftigungsquote.

Quelle: https://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Statistik-nach-Regionen/Politische-Gebietsstruktur/Mecklenburg-Vorpommern-ab-09-2011-Nav.html

D.h. über 50% der arbeitsfähigen Bevölkerung geht es dort augenscheinlich finanziell schlecht.


Quote
tamsin paine #6.6

Danke für den Link. "Unterbeschäftigt" bedeutet übrigens: In (Zwangs-)Maßnahmen des Jobcenters/Arbeitsamtes.
Die Zahl der offenen Stellen ist 17 000 (und davon werden viele schlecht bezahlt und/oder saisonal in der Gastronomie sein), die Zahl von Arbeitslosen und Unterbeschäftigen zusammen 132 000.
Das sind wirklich schlimme Zahlen. Und wenn man dann noch bedenkt, wie die Infrastruktur abgebaut wurde und bei dem weitläufigen Land ...


Quote
margherita #9

Das sagt doch so erst mal nicht viel aus. Meine Fragen an die Statistiker:
Welche Schulbildung und Qualifikation haben diese Niedriglöhner? Welche Berufe bzw. Tätigkeiten sind betroffen? Wie alt sind diese Arbeitnehmer bzw. welche Berufserfahrungen haben sie? Was verdienen ihre Vorgesetzten, sind die genau so entlohnt wie im Westen? Was kosten die Wohnungen und die sonstige Lebenshaltung?

Als Qualifikation reicht es nicht, "Mitteldeutschen aus Ossiland" zu sein... oder sollen dort Fensterputzer wie Ärzte oder Ingenieure bezahlt werden, bloß weil sie nicht im Westen wohnen? Die Zeiten des Arbeiter-und Bauernstaates, in dem Löhne vom Polibüro nach ideologischen Kriterien beschlossen wurden, sind - nach dem ausdrücklichen Willen der damals in der DDR Lebenden! - vorbei. Nun zählen andere Maßstäbe für die Einkommenssituation, ruchzen sich eben nach Angebot und Nachfrage bzw. Machtposition am Markt, wie im Kapitalismus üblich.
Alles andere ist Wahlkampfgetöse und in meinen Augen populistisch.


Quote
Norrington #11

Das liegt hauptsächlich daran, dass die lebensunterhaltungskosten im Osten wesentlich niedriger sind
Vergleicht mal den Preis einer Wohnung in Hamburg oder München mit Brandenburg oder Sachsen. Da kostet eine Wohnung mal eben nur halb so viel, kein Wunder also, dass dann auch weniger Gehalt ausreicht.


Quote
User XX #11.1

Achja klar die wohnkosten.
Und der Rest?
Genau, ist genau so teuer wie in München oder Hamburg.
Achja, wenn sie schon dabei sind vergleichen Sie mal die Preise von Leipzig und Dresden.


Quote
Skeptiker66 #13

Ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben


Quote
heikensen #13.1

Gähn.


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bromfiets #27

""Die Bundesregierung lässt die Menschen in ihrer Not allein und hält an ihrer verfehlten Arbeitsmarktpolitik fest", sagte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Susanne Ferschl. Die große Verbreitung von Niedriglöhnen führte sie auch auf Hartz IV zurück. "

Tja, einige Arbeitgeber schaffen nur Minijobs, Teilzeitjobs, Leiharbeit oder Werkverträge und verweisen die Leute dann auf aufstockendes ALG II. Das ist nicht nur Sozialmissbrauch, sondern auch ökonomischer Unsinn: Denn so behaupten sich nicht etwa die Firmen mit den effiziesten Prozessen und besten Produkten am Markt, sondern diejenigen, die auf Staatskosten Sozialdumping betreiben.

Letztlich ist aufstockendes ALG II eine gigantische Subvention ineffizienter Arbeitsplätze. Das unbefristete Vollzeitarbeitsverhältnis mit Tarifbezahlung sollte wieder der Regelfall werden. Teilzeit mit aufstockendem ALG II sollte nur mit sachlichem Grund möglich sein (Kindererziehung, Pflege, Ausbildung, Krankheit etc.)
Man könnte auch das aufstockende ALG II über eine Sonderumlage für Arbeitgeber finanzieren, dann hätte sich das Thema auch sehr schnell erledigt.


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« Reply #967 on: August 31, 2019, 04:56:30 PM »
Quote
[...]

*    Zur Mittelschicht zählt, wer als Single zwischen 1000 und 2200 Euro netto im Monat hat.
*    Bei einem Ehepaar mit zwei kleinen Kindern sind es zwischen 2100 und 4600 Euro netto. Darunter beginnt die Unterschicht, darüber schon die Oberschicht.


...  Im Kampf um die eigene Karriere entgeht der Mittelschicht, wie unerreichbar die Eliten sind, die ihren Status nicht etwa durch Leistung erwerben, sondern von Generation zu Generation vererben: Die obersten zehn Prozent besitzen bereits 61 Prozent des gesamten Volksvermögens und kassieren 36 Prozent aller Einkünfte.

Der Selbstbetrug wird der Mittelschicht leicht gemacht. Die Reichen verschleiern ihren Wohlstand derart gekonnt, dass völlig unklar ist, wie reich sie wirklich sind. Fest steht nur, dass Billionen aus der Statistik verschwinden. Der Grund: Das Statistische Bundesamt erfasst keine Einkommen über 18.000 Euro netto im Monat - die wirklich Reichen tauchen in den offiziellen Zahlen also gar nicht auf.

Die Mittelschicht überschätzt ihren Status aber auch, weil sie viel Kraft und Aufmerksamkeit darauf verwendet, sich vehement von der Unterschicht abzugrenzen. Nur zu gern pflegt die Mittelschicht das Vorurteil, dass die Armen Schmarotzer seien. So meinen immerhin 57 Prozent der Bundesbürger, dass sich Langzeitarbeitslose "ein schönes Leben auf Kosten der Gesellschaft machen". Aus dieser Verachtung für die Unterschicht entsteht eine fatale Allianz: Die Mittelschicht wähnt sich an der Seite der Elite, weil sie meint, dass man gemeinsam von perfiden Armen ausgebeutet werde.

Künftig dürfte die Mittelschicht sogar noch stärker belastet werden. Die Finanzkrise hat die Staatsverschuldung stark erhöht - und diese Kosten wird erneut allein die Mittelschicht tragen, wenn sie sich nicht aus ihrem verqueren Bündnis mit den Vermögenden löst.

Die Mittelschicht ahnt bereits, dass die Kosten der Finanzkrise an ihr hängen bleiben sollen. Trotzdem wendet sie sich weiterhin gegen die Unterschicht und nicht etwa gegen die Eliten. So sagen fast 65 Prozent aller Menschen, die sich selbst von der Wirtschaftskrise betroffen fühlen: "In Deutschland müssen zu viele schwache Gruppen mitversorgt werden." Wieder gerät völlig aus dem Blick, dass vor allem die Vermögenden davon profitiert haben, dass der Staat mit Milliardensummen Banken und Wirtschaft gerettet hat.

Die Mittelschicht wird so lange für die Reichen zahlen, wie sie sich selbst zu den Reichen zählt.


Aus: "Die Mittelschicht betrügt sich selbst" Aus einem Gastkommentar von Ulrike Herrmann (08.04.2010)
Quelle: https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/soziale-gerechtigkeit-die-mittelschicht-betruegt-sich-selbst-a-687760.html

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« Reply #968 on: September 12, 2019, 10:16:25 AM »
Quote
[...] Schon mit seinem ersten Buch aus dem Jahr 2013 „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ sorgte der französische Wirtschaftsprofessor Thomas Piketty weltweit für Aufsehen. Vor allem in den USA war seine These, dass unregulierter Kapitalismus immer zu Vermögensungleichheit führt, hoch umstritten. Nun hat er nachgelegt. Sein neues Werk erscheint am heutigen Donnerstag in Frankreich und trägt den Titel „Capital et Idéologie“ (zu deutsch: Kapital und Ideologie). Es ist ein ehrgeiziges Werk von 1232 Seiten. Und wieder spart Piketty nicht an radikalen Forderungen.

„Ich schlage vor, dass wir das Privateigentum hinter uns lassen und zum sozialen und temporären Eigentum übergehen.“ Was für ihn aber keinesfalls Kommunismus bedeutet, sondern ein bessere Verteilung des Reichtums. Der Franzose, Forschungsdirektor an der Schule für Sozialforschung EHESS und Wirtschaftsprofessor am Ecole d´économie in Paris, sieht Ungleichheit als ideologisch und politisch bestimmt und damit gewollt.

Pikettys erstes Werk wurde in 40 Sprachen übersetzt und mehr als 2,5 Millionen Mal verkauft. „Capital et Idéologie“ bezeichnet der Autor selbst im Vorspann als eine Fortsetzung. Er betont: „Es ist Zeit, den Kapitalismus zu überwinden.“ Reichtum solle nicht mehr nur in den Händen weniger sein, das Kapital müsse besser verteilt werden. Er zeigt unter anderem mit Grafiken, dass ab den 1980er Jahren die Reichen immer reicher wurden. Das Buch ist eine Geschichte der Ungleichheit auf wirtschaftlicher, sozialer, intellektueller und politischer Ebene von frühen Sklavengesellschaften bis zu den heutigen modernen kapitalistischen Formen.

Pikettys Tenor dabei: Der Kampf für Gleichheit und Bildung war es, der die wirtschaftliche Entwicklung und den menschlichen Fortschritt gefördert hat, nicht der Besitz. Er plädiert für einen neuen Sozialismus, in dem Mitbestimmung herrscht. Für ihn ist das eine neue Gleichheit, sozialer, in der alle das gleiche Recht auf Bildung haben, die Macht besser verteilt ist und niemand zu viel Eigentum anhäufen kann.

Obwohl es auf trockenen Zahlen beruht, konnte Piketty mit dem ersten Werk eine große Leserschaft erreichen. Er selbst glaubt fest daran, dass Buch Nummer zwei ihm noch besser gelungen ist. Dem Magazin „L’Obs“ sagte er: „Ich habe Fortschritte gemacht.“ Er habe noch mehr Material gesammelt. Deshalb brauche er noch ein paar Seiten mehr. Dass das Thema Wirtschaft die große Leidenschaft des heute 48-Jährigen ist merkt man. Auf Basis vieler Forschungsergebnisse und Zahlen leitet er konkrete Tipps für Änderungen der Wirtschaftsordnung ab. Und er könnte damit durchaus Gehör finden; viele politisch eher links Beheimatete schwören auf ihn, so auch der Ex-US-Präsident Barack Obama.

Besitz ist für Piketty dabei heute so etwas wie eine heilige Kuh. „Die Sakralisierung des Eigentums ist eine Art Antwort auf das Ende der Religion.“ Es fülle die Leere. Da Piketty aber ein pragmatischer Ökonom und kein Idealist ist, will er den Kapitalismus nicht abschaffen, sondern eben nur geschickt „überwinden“. Privateigentum soll nicht abgeschafft werden, sondern umgewandelt werden, sozial werden und nicht mehr auf alle Ewigkeit in den Händen weniger verbleiben.

Dazu kommen vor allem im letzten Teil des Buches die konkreten Beispiele: Kein Aktionär soll an börsennotierten Firmen mehr als zehn Prozent der Stimmrechte halten dürfen – so wird der Besitz eingeschränkt. Piketty schlägt außerdem eine progressive Vermögenssteuer ab 100.000 Euro vor, die für Milliardäre dann 90 Prozent betragen soll. Das habe es nach dem ersten Weltkrieg schon in den USA gegeben, rechtfertigt sich Piketty. Damit will er die abgehobene Luxuswelt der Milliardäre zerschlagen.

Das Geld aus der Reichensteuer will er für eine „Universalkapitalausstattung“ verwenden, eine Art Grundeinkommen für alle. Alle Französinnen und Franzosen sollen – sobald sie 25 Jahre alt werden – 120.000 Euro erhalten, damit sie Häuser kaufen und Firmen gründen können. Das ist in Paris nicht viel: damit kann man gerade mal zehn Quadratmeter erwerben. Privateigentum, das im Rahmen bleibt, sieht Piketty durchaus als vernünftige Motivation. Laut Piketty stört eine Reichensteuer das Wachstum keinesfalls. Im Gegenteil; in den Unternehmen plädiert er für mehr Mitbestimmung der Angestellten und bessere Verteilung der Macht, um auch die Bezahlung von Spitzenmanagern transparenter zu machen.

Im Gegensatz zu Präsident Emmanuel Macron will er das Gesamtvermögen wieder versteuern. Macron war davon abgerückt und veranschlagt die Steuer nur noch auf Immobilien ab 1,3 Millionen Euro, nicht mehr auf Kapital. Das kritisiert Piketty im Interview mit „L’Obs“: „Das wirkliche Ziel war, die Reichen zu schonen.“ In Deutschland soll das Buch am 11. März 2020 im Verlag C.H. Beck erscheinen.


Aus: "Thomas Pikettys zweites Buch: Der Star-Ökonom, der jedem Franzosen 120.000 Euro schenken will" Tanja Kuchenbecker (12.09.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/thomas-pikettys-zweites-buch-der-star-oekonom-der-jedem-franzosen-120-000-euro-schenken-will/25005412.html

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Quote
[...] Zu Pikettys Rockstar-Status passt sein Wunderkind-Werdegang. Als Sohn eines Aussteigerpaars schaffte er es mit 18 an die Ecole Normale Supérieure in Paris, mit 22 doktorierte er an der London School of Economics, anschliessend wurde er Professor an einer dritten Elite-Uni, dem MIT in Boston. Heute ist er 48 und lehrt unter anderem an der Paris School of Economics, die er mitgegründet hat.

... In seiner Karriere beschäftigen Piketty bis heute zwei Dinge ganz besonders: erstens die Ungleichheit, gesellschaftlich und wirtschaftlich. Und zweitens die Statistiken, die in den Archiven verstauben, aber eigentlich die mitreissende Weltgeschichte dieser sozioökonomischen Abgründe erzählen.

...


Aus: "Starökonom fordert 90-Prozent-Steuer auf Milliardenvermögen" (10.09.2019)
Quelle: https://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/standardstaroekonom-fordert-90prozentsteuer-auf-milliardenvermoegen/story/29649023

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Quote
[...] Im neuen Buch versucht er sich an einer weltweiten Geschichte ungleicher Gesellschaften, von der frühen Feudalzeit bis heute, und der Ideologien, die sie rechtfertigen sollten, von französischen Bischöfen des 11. Jahrhunderts bis zum chinesischen Parteiherrscher Xi Jinping.

Diesmal hebt Piketty allerdings hervor, dass es keine Zwangsläufigkeit ungerechter Verhältnisse gebe: Nach dem Zweiten Weltkrieg sei von Europa bis Amerika dank entschiedener Politiken zur Umverteilung die extreme Konzentration von Vermögen und Einkommen korrigiert worden. Gleichzeitig sei dies die dynamischste Phase wirtschaftlicher Entwicklung in den betreffenden Ländern gewesen.

Die intellektuelle Auslaugung der Sozialdemokratie, ihre mangelnde Antwort auf die Globalisierung, die Enttäuschung über den Kommunismus und dessen Ende in einem „kleptokratischen Hyperkapitalismus“ macht Piketty dafür verantwortlich, dass es seit Ende der 80er-Jahre wieder zu einer Verschärfung der Ungleichheit und einer Rückkehr des Nationalismus kommen konnte.

Die Apologeten einer „Heiligsprechung des Eigentums“ hätten freie Bahn gehabt. Das offiziell kommunistische China sei „innerhalb kurzer Zeit viel ungleicher geworden als Europa, eindeutig ein Scheitern des Regimes“, schreibt Piketty mit detaillierten Statistiken als Beleg. Insgesamt aber fällt der Part über die postkommunistischen Staaten viel zu kurz aus.

Ausführlich behandelt der 48-Jährige dagegen seine Alternative, den „partizipativen Sozialismus“. Damit dürfte er sich fast alle zum Feind machen, von den Anhängern eines reinen Kapitalismus bis zur harten Linken, die ihn umworben hat und deren Wahlkampagnen er in den vergangenen Jahren öfters unterstützt hat. Piketty spricht zwar von der „Überwindung des Kapitalismus“, doch sein Rezept bedient sich ausdrücklich einiger Elemente der deutschen Sozialen Marktwirtschaft, besonders der paritätischen Mitbestimmung.

... Der Sozialismus à la Piketty ist eine Kombination aus einer weiterentwickelten Mitbestimmung, progressiven Vermögens- und Erbschaftsteuern und einem chancengerechten Bildungssystem unabhängig von der sozialen Herkunft.

Hinzu kommt eine andere Parteienfinanzierung, die den Einfluss finanzstarker Interessen auf die Demokratie stoppen soll. Schließlich will er Besteuerung und Parlamentarismus möglichst auf eine transnationale Ebene heben – „ein ideales, idyllisches Szenario“, wie er selbst einräumt.

Mit seiner Lebensgefährtin Julia Cagé, deren Arbeiten er ausführlich zitiert, habe er in den letzten Jahren „die Welt neu erfunden“, schreibt Piketty in der Danksagung. Hunderttausende Leser werden am Ergebnis teilhaben wollen. Ob der Idealist auch politischen Erfolg hat, steht auf einem anderen Blatt.


Aus: "Mit seinem neuen Werk macht sich Ökonom Piketty alle zum Feind – Linke wie Rechte" Thomas Hanke (12.09.2019)
Quelle: https://www.handelsblatt.com/politik/international/buch-capital-et-ideologie-mit-seinem-neuen-werk-macht-sich-oekonom-piketty-alle-zum-feind-linke-wie-rechte/25003506.html


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« Reply #969 on: September 18, 2019, 04:44:27 PM »
Quote
[...] Das Geldvermögen der Deutschen ist trotz der Dauertiefzinsen und Kursverluste an den Aktienmärkten angestiegen. Das geht aus dem jährlichen Global Wealth Report 2019 der Allianz hervor, der für 53 Länder Bargeld, Bankeinlagen und Wertpapiere sowie Ansprüche gegenüber Versicherungen und Pensionsfonds, nicht jedoch Immobilien berücksichtigt. "Die Deutschen sparen mit Macht gegen die Dürre bei Zinsen und Kapitalerträgen an", sagte Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. Weltweit sank das Bruttogeldvermögen dagegen erstmals seit der Finanzkrise 2008.

Grund für den Anstieg ist der Allianz zufolge der boomende Arbeitsmarkt und steigende Löhne. Dadurch seien mehr Menschen in der Lage, Geld zurückzulegen. Das Bruttogeldvermögen – also einschließlich Schulden – ist demzufolge 2018 trotz der Kurseinbrüche an den Aktienmärkten um 2,2 Prozent auf 6,2 Billionen Euro gestiegen. Damit gehörte Deutschland zu den wenigen europäischen Ländern, die einen Zuwachs erzielten. 2018 seien erstmals die Geldvermögen in Industrie- und Schwellenländern gleichzeitig zurückgegangen. Selbst 2008, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, sei dies nicht der Fall gewesen.

Das Geldvermögen der Deutschen liegt netto pro Kopf bei 52.860 Euro. Deutschland lag in der Liste der 20 reichsten Länder unverändert auf dem 18. Platz. Die Liste wird angeführt von den USA, der Schweiz, Singapur, Taiwan und den Niederlanden. Es folgen Japan, Schweden, Belgien, Neuseeland, Dänemark, Kanada, Großbritannien, Israel, Australien, Frankreich, Österreich und Italien.

Entgegen ihres Rufs waren die deutschen Haushalte der Allianz zufolge bei Weitem nicht die vorsichtigsten Sparer im vergangenen Jahr. Zwar stieg der Anteil der Bankeinlagen an den frischen Spargeldern auf 57 Prozent. Im übrigen Westeuropa lag der Wert aber bei 68 Prozent. Die deutschen Sparer investierten laut der Angaben ein Fünftel ihres Anlagegeldes in Aktien und Fonds, die übrigen Haushalte verkauften in der Summe Wertpapiere.   

Nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts haben sich im vergangenen Jahr trotz der Kursturbulenzen wieder mehr Kleinanleger in Deutschland an die Börse getraut. Die Zahl der Aktionäre und Besitzer von Aktienfondsanteilen stieg im Jahresschnitt um etwa 250.000. Insgesamt besaßen etwa 10,3 Millionen Bürger, die älter sind als 14 Jahre, Aktienfonds oder Anteilsscheine von Unternehmen. Damit erreichte die Zahl der Aktienbesitzer den höchsten Wert seit 2007.

Der eskalierende Handelskonflikt zwischen den USA und China, die Ungewissheiten des Brexits und geopolitische Spannungen trübten die Stimmung der Anleger. "Die zunehmende Unsicherheit fordert ihren Tribut", sagte Heise. Handel sei kein Nullsummenspiel. "Entweder gewinnen alle – wie in der Vergangenheit – oder es verlieren alle – wie im letzten Jahr." Netto, also abzüglich von Schulden, sank das Geldvermögen in den 53 untersuchten Staaten insgesamt um 1,9 Prozent auf 129,8 Billionen Euro.

Angesichts der Erholung an den Aktienmärkten im ersten Halbjahr rechnet die Allianz in diesem Jahr weltweit mit einem Anstieg des Bruttogeldvermögens um knapp 7 Prozent. Vorausgesetzt, es gebe keine politischen Störfeuer, die die Börsen belasteten.


Aus: ""Global Wealth Report": Die Deutschen besitzen mehr Geld" (18. September 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-09/global-wealth-report-geldvermoegen-sparen-zinsen

Quote
Gerry10 #4

Hmmm...auf der Hauptseite von ZO heisst es gleich unter diesem Beitrag das die Zahl der Tafelbenutzer deutlich gestiegen ist.
https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-09/armut-tafel-hilfsorganisation-lebensmittel-renter-anstieg

Ich kann mich noch an eine Zeit erinnern als es die Tafel nicht gab weil sie nicht notwendig war....


Quote
aristogeiton #3

Ich glaube, hier wird mal wieder das durchschnittliche Vermögen der Deutschen berechnet, ohne auf die Verteilung dieser Vermögen zu achten. Fast €60000 pro Kopf gibt es ja auch wenn 10% je 600000 und der Rest nichts hat. Vermutlich ist die Verteilung sogar noch viel krasser. Das gilt natürlich auch (oder besser: erst recht) für andere Länder.

Ich interpretiere die Titelaussage mal so: Die Reichen in Deutschland sind noch reicher geworden - in anderen Ländern haben die Reichen eher Geld verloren.


...

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« Reply #970 on: September 19, 2019, 09:25:16 AM »
Quote
[...] Immer mehr Menschen gehen zu den Tafeln in Deutschland, um sich Lebensmittel zu holen, die sie sich im Supermarkt nicht leisten können. Innerhalb eines Jahres ist die Zahl der regelmäßigen Kundinnen und Kunden um zehn Prozent gestiegen, teilte der Dachverband am Mittwoch mit. Aktuell kommen 1,65 Millionen Bedürftige. Besonders dramatisch sei, wie viel Rentner unter ihnen sind.

Die Tafeln sind seit 26 Jahren ein Spiegel der Gesellschaft am untersten Rand. Nach der aktuellen Bilanz lebt fast die Hälfte jener, die anstehen, von Hartz IV. Bei einem guten Viertel handelt es sich um Senioren, die im Alter von der Grundsicherung oder einer zu knappen Rente leben. In den letzten Monaten kamen sogar 20 Prozent mehr alte Menschen als im Jahr zuvor. Ein Fünftel sind zudem Menschen aus dem Ausland, die einen Asylantrag in Deutschland gestellt haben.

Weitere Gruppen sind Geringverdiener, deren Verdienst nicht ausreicht – und Alleinerziehende. Deutschlandweit sind 39 Prozent der Alleinerziehenden auf staatliche Grundsicherung angewiesen – fünfmal häufiger als Paarfamilien. Das zeigt sich auch bei den Tafeln. Nach dem Alter aufgesplittet, sind 44 Prozent der Nutzer im erwerbsfähigen Alter, 30 Prozent Kinder und Jugendliche und 26 Prozent Senioren.

In den vergangenen 14 Jahren nahm die Zahl der Tafel-Nutzer um mehr als das Dreifache zu, teilte der Verein weiterhin mit. 2005 lag sie bei 500 000. 2007 waren es 700 000 und 2015 anderthalb Millionen. Nach Angaben der Organisation handelt es sich jetzt um den ersten deutlichen, landesweiten Anstieg seit 2014.

In den Jahren dazwischen verlief die Entwicklung regional unterschiedlich. In bestimmten Gegenden nahm die Zahl der Bedürftigen bedingt durch den Zuzug von Flüchtlingen 2015 und 2016 zu, in anderen ging sie in dem Zeitraum zurück. Inzwischen habe es bei Flüchtlingen einen Rückgang um sechs Prozent gegeben. Die Zahl der Tafeln blieb in den vergangenen zwölf Monaten mit knapp 950 beinahe konstant. Die steigende Nachfrage ist somit nicht durch eine Ausweitung des Angebots zu erklären.

Niedrige Rentenzahlungen werden nach langer Arbeitslosigkeit als zweithäufigster Grund genannt, eine Tafel aufzusuchen. „Diese Entwicklung ist alarmierend – Altersarmut wird uns in den kommenden Jahren mit einer Wucht überrollen, wie es heute der Klimawandel tut“, sagte der Tafel-Chef Jochen Brühl. Erschreckend sei auch, dass fast 50.000 Minderjährige in den vergangenen Monaten zu den Tafel-Nutzern hinzugekommen sind.

In Deutschland würden Kinder „systematisch“ vernachlässigt, das Bildungssystem sei eines der undurchlässigsten aller Mitgliedsländer der OSZE. „Hier wachsen wegen struktureller Nachteile die Altersarmen von übermorgen heran“, mahnte Brühl. An den Tafeln stünden eher Menschen, die keinen Schulabschluss, keine Ausbildung vorweisen können. Aktuell würden außerdem die steigenden Mieten den Andrang an den Tafeln verstärken.

Mehr als eine Million Menschen bezieht in Deutschland Grundsicherung. Das zeigen die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts. In Berlin sind es über 83 000 Bürger. Die Grundsicherung ist eine Form der Sozialhilfe, die Rentner und Menschen mit einer Erwerbsminderung bekommen, wenn sie mit ihrer Rente nicht über die Runden kommen. Zieht man die Menschen mit einer Erwerbsminderung ab, sind mehr als 566 000 Bürger jenseits der 65 aus finanziellen Gründen ein Fall für die Sozialhilfe. Oft sind es Geringverdiener, Langzeitarbeitslose oder gescheiterte Selbstständige. Doch das sind nur die offiziellen Zahlen. Viele Rentner scheuen den Gang zum Amt – aus der unberechtigten Angst, dass sich die Behörden das Geld bei ihren Kindern zurückholen könnten. „40 bis 50 Prozent der Bedürftigen verzichten auf staatliche Leistungen“, heißt es beim Sozialverband VdK.

Die freiwilligen Helfer arbeiten schon lange an ihrer Leistungsgrenze, heißt es. Zuletzt wurde dies bei einem Eklat im vergangenen Jahr thematisiert: Die Essener Tafel geriet im Frühjahr 2018 bundesweit in die Schlagzeilen, weil sie beschloss, Lebensmittel vorübergehend nur noch an Deutsche auszugeben. Ein angeblich zu groß gewordener Anteil an Ausländern von 75 Prozent sei inzwischen unter den Kunden. Der Spiegel zitierte den Vorsitzenden der Essener Tafel Jörg Sartor mit den Worten: „Die deutsche Oma oder die alleinerziehende deutsche Mutter haben sich bei uns zuletzt nicht mehr wohlgefühlt.“ Unter den Syrern und Russlanddeutschen gebe es „ein Nehmer-Gen“. Einige würden drängeln und schubsen, es fehle an „einer Anstellkultur“.

Der Bundesvorsitzende Jochen Brühl sah die umstrittene Reaktion der Essener Tafel als eine Art Hilferuf. Er habe gehofft, dass die Empörung ein Umdenken auslösen würde. Stattdessen seien die Probleme und die Gleichgültigkeit gegenüber den Abgehängten aus seiner Sicht geblieben.

Obwohl immer mehr Menschen die Unterstützung der Tafeln suchen, kann die Organisation im Vergleich zum Vorjahr auch nur unwesentlich mehr Lebensmittel weiterreichen: gut 265.000 Tonnen sind es; 500 Kilogramm in jeder Minute. Mehr sei nicht möglich wegen zu wenig Helfern und fehlendem Geld für mehr Kühlfahrzeuge und Lagerräume. An einem Mangel an Lebensmitteln liege es nicht. Während die Tafeln für viele Menschen in diesem Land eine Lebensnotwendigkeit sind, würden jedes Jahr gleichzeitig bis zu 18 Millionen Tonnen Essbares weggeschmissen.

Jochen Brühl kritisierte, die aktuelle Entwicklung sei schon seit zehn Jahren absehbar, seit vier Jahren würden die Tafeln darauf hinweisen – ohne ein Echo aus der Politik. „Das Thema Armut braucht lösungsorientierte Vorschläge und muss ganz oben auf die politische Agenda gepackt werden“, forderte der Tafel-Chef. Der Soziologe Stefan Selke nennt die Existenz der Tafeln als Almosensystem in einem so reichen Land einen politischen Skandal. „Sie sind der Pannendienst einer sozial erschöpften Gesellschaft, die immer mehr ihrer Mitglieder als Überflüssige abspeist“, sagte er.

Auch die Opposition meldete sich zu Wort. „Der Staat muss jederzeit dafür Sorge tragen, dass das Recht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum für jeden realisiert wird“, sagte Wolfgang Strengmann-Kuhn, Abgeordneter der Grünen im Bundestag. Die Zahlen der Tafelnutzer würden das „armutspolitische Versagen der Bundesregierung“ verdeutlichen. „Wir fordern eine armutsfeste Garantiesicherung die sanktionsfrei und niedrigschwellig ist, eine Garantierente, die die Lebensleistung anerkennt, sowie eine Kindergrundsicherung, die deutlich macht: Jedes Kind ist gleich viel wert.“

...


Aus: "Warum immer mehr Menschen zu den Tafeln müssen"  Marie Rövekamp Heike Jahberg (18.09.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/armes-deutschland-warum-immer-mehr-menschen-zu-den-tafeln-muessen/25029964.html

Quote
paulino 18.09.2019, 21:56 Uhr

Gleichzeitig könnten letztes Jahr allein die 1.000 vermögendsten deutschen Familien ihren Reichtum um 140 Milliarden(!) € vergrößern. Das eine funktioniert nicht ohne das andere... Einfach nur pervers...


Quote
ideologophob 18.09.2019, 19:50 Uhr

    
    ·         „Niedrige Rentenzahlungen werden nach langer Arbeitslosigkeit als zweithäufigster Grund genannt, eine Tafel aufzusuchen.
    ·          „Diese Entwicklung ist alarmierend – Altersarmut wird uns in den kommenden Jahren mit einer Wucht überrollen, wie es heute der Klimawandel tut“, sagte der Tafel-Chef Jochen Brühl.
    ·         …  „Das Thema Armut braucht lösungsorientierte Vorschläge und muss ganz oben auf die politische Agenda gepackt werden“, forderte der Tafel-Chef.“


Es sind Millionen Menschen verschiedener Bevölkerungssegmente, denen die Zivilgesellschaft ein menschenwürdiges Leben vorenthält.
Nur für sie protestiert und streikt niemand.
Und in den Medien taucht dieses Prekariat kaum auf.
Daher Anerkennung für diesen ausführlichen Bericht – mag er auch nur anlassbedingt sein.


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« Reply #971 on: September 19, 2019, 09:44:03 AM »
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Herbstzellah @jazellah_
05:16 - 18. Sept. 2019

In der Schulzeit mussten ja immer alle Bücher immer feinsäuberlich in Folien eingepackt werden. Wir hatten dieses Geld nicht. Meine Mama hat immer dieses durchsichtige Paketband genommen und damit meine Bücher beklebt. Arm macht erfinderisch. Ein Thread

Lehrer haben irgendwann nicht mehr gefragt was ich in den Ferien mache. Sie wussten dass wir zu Hause bleiben und mir das super unangenehm war das allen zu sagen die nach malle, Kanaren, USA geflogen sind.

Ich erinnere mich an einen Monat in dem die Sozialhilfe nicht kam weil vergessen wurde mamas Einkommen zu löschen. Es war bitter kalt und wir haben den ganzen Nachmittag auf der Treppe vor der Sparkasse gesessen und es kam nichts.
Mobbing war Bestandteil. Weil meine Klamotten nicht cool waren, ich kein Geld für das Café hatte. Weil ich alte schulsachen hatte. Weil ich in keinem coolen Verein war.
Ende des Monats war der Kühlschrank leer. Meine Mum hat es trotzdem geschafft selbst aus gähnender leere was zu zaubern. Btw gibt es keinen Menschen vor dem ich mehr Hochachtung habe.

Die größte Ausgrenzung waren schulsachen. Taschenrechner, farbkästen, Füller. Es musste immer die und die Marke sein. Von Sportsachen fange ich gar nicht an. Ich war so dankbar in der Oberstufe nur noch Block und kulli zu brauchen.

Erst spät habe ich verstanden dass meine Mama das ganze Jahr an Versandhäuser gezahlt hat für die Weihnachtsgeschenke vom Vorjahr. Ab da an habe ich mir nur noch Sachen gewünscht die ich eh brauchte wie Schuhe oder so.

Dann kamen Tanzschule und Fahrschule. Und ich war die einzige die sich das nicht leisten konnte. Für die tanzschule hat mein Bruder auf sein Ticket verzichtet und ist jeden Tag 2 x 6 km gelaufen.

Ende des Monats bin ich oft zu Hause geblieben weil es eh kein Brot mehr gab. Die besten Erinnerungen waren immer die Tage an dem das Geld kam und wir im Supermarkt mal kaufen konnten was wir wollten.

Macht euch nichts vor. Bildung und Teilhabe ist ein Privileg das der Unterschicht nicht zugänglich ist. Ich wäre gerne studieren gegangen aber die Aussicht auf weitere 6-7 Jahre in Armut haben mich mein duales Studium machen lassen. Am Tag der ersten Zahlung habe ich geweint.

Meine Mutter war am Boden zerstört als sie gesehen hat wie glücklich ich das erste essen der Tafel nach Hause geschleppt hab. Es gab Äpfel und Puddings Ende des Monats!

Funfact zu diesem thread: ich bin aber heute sehr gut im Kopfrechnen weil ich lange Zeit keinen Taschenrechner hatte.

... Ich habe in einem Jobcenter längere Zeit gearbeitet. Auch das BuT Paket schützt nicht vor Ausgrenzung. Klassenfahrten werden bezahlt aber halt nicht das Taschengeld. 70€ und 30€ im Jahr reichen halt vorne und hinten nicht um schulsachen zu kaufen... Und wir haben wenigstens immer die Bezieher über ihren Anspruch aufgeklärt und jeder hat es auch unkompliziert erhalten ABER es war stigmatisierend und es ist einfach nicht in jeder Stadt so der Fall.

...

Frau Monstermann  @MrsMonstermann
Antwort an @jazellah_

Ich sichere mir diesen Thread für die Momente, in denen Schüler wieder naiv behaupten, jeder habe in der Schule die gleichen Möglichkeiten - man müsse sich halt nur anstrengend.


Herbstzellah @jazellah_

Hahahaha ja das ist naiv


Herzog @Herzog18616573

Antwort an @jazellah_: Manche der Sachen kann ich nachvollziehen, andere nicht, da ging es mir deutlich besser.
Danke für den thread.

Holger Scherer @HolgerScherer
Antwort an @jazellah_

wieso mussten Bücher in Folie eingepackt werden?

c0dy @c0dy_42

"damit sie länger halten" nach spätestens 3 Monaten is die eh abgefleddert

...

yeah @Dieses_Rufus
Antwort an @jazellah_ @echtallwissend

Meine Eltern haben es geschafft uns (3 Kinder) in den schwierigsten Zeiten (nach Abzug von Miete und anderen nicht vermeidbare Unkosten wie Versicherungen) mit weniger als 400€ durch zu bringen. Für Lebensmittel, Schulsachen, Klassenfahrten, Klamotten, B-day Geschenke etc.
Das ist wirklich nicht schön, trotzdem hatte ich eine tolle Kindheit die ich niemals tauschen würde. Ich kann sie Situationen also sehr gut nachvollziehen und bewundere besonders meine Mutter zutiefst dafür.

...


Akiina1987 @akiina1987
Antwort an @jazellah_ @LaVieVagabonde

Ich Habs kennengelernt. Leider. Ich erinner mich dass ich Mama nach 2 Euro fragte für eine tütensuppe und ein Brötchen und die Antwort war "du hast gestern warm gegessen"

...

M @_morios
Antwort an @jazellah_ @alexclaain

Ich hatte leider keine wundervolle Mutter aber dafür die gleiche Armut. ... Harte Zeiten, aber sie haben mich definitiv besser gemacht! Ich werd immer wissen wo ich her komm.

...

Katrin Kemmler @KatrinKemmler1
Antwort an @jazellah_

Seit ich vor über 20 Jahren mein Kind bekommen habe, wettere ich gegen die Armut der Kinder von Alleinerziehenden. Kämpfe für Kinder - statt Ehegattensplitting. Total verrücktes Argument: man dürfe Paare nicht bestrafen, die keine Kinder bekommen können. Sagen Politiker.

...


Gigabot @Gigaknork
Antwort an @jazellah_

Jetzt hab ich tatsächlich Tränen in meinen Augen... Meine Mom war genauso! Wir hatten nie was, ich hab jeden Ausflug sausen lassen müssen, habe manchmal in der Schule bei den Erzählungen von Ferien etc. Irgendwelche Sachen erfunden, damit ich irgendwas zu erzählen hatte.  ... Zu Ihren Lebzeiten hat sie quasi ihr letztes Hemd für mich und meine Schwester gegeben...

...


Quelle: https://twitter.com/jazellah_/status/1174296233743175681?s=03

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« Reply #972 on: September 19, 2019, 09:47:49 AM »
Quote
[...] Die Deutsche Bahn will künftig ehemalige Manager nicht mehr mit Beraterverträgen ausstatten. Wie der Aufsichtsrat nach seiner Sitzung in Berlin mitteilte, sollen ab sofort Beraterverträge für frühere DB-Manager grundsätzlich untersagt sein, ebenso entsprechende Verträge mit "Personen mit politisch exponierter Stellung". Aufsichtsratschef Michael Odenwald erklärte: "Für uns steht fest: Die Praxis der Vergangenheit wird abgestellt."

Die Bahn hatte seit Anfang Juni auffällige Beraterverträge untersucht, die ehemalige Topmanager des Konzerns in den Jahren von 2010 bis 2018 ohne Beteiligung des Aufsichtsrates erhalten hatten. Schon vor der Sitzung war durchgesickert, dass in elf Fällen Verstöße gegen das Aktienrecht festgestellt worden seien. Zuletzt war bekannt geworden, dass es auch Verträge mit dem früheren NRW-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers gab. Der CDU-Politiker äußerte sich dazu bislang nicht.

In einem Fall spricht der Aufsichtsrat von Bereicherung. Das Gremium machte daher den Weg für Rückforderungen von Honoraren von einem Ex-Vorstand einer Tochtergesellschaft frei. Er soll für den mit über 300.000 Euro dotierten Kontrakt keine ausreichenden Leistungen geliefert haben.

Die Untersuchung der Affäre hatte sich vor allem auf Verträge mit Ex-Vorstand Ulrich Homburg konzentriert. In einem Fall wurde dem Untersuchungsbericht zufolge, der Reuters vorlag, ein Vertrag pflichtwidrig am Aufsichtsrat des Konzerns vorbei geschlossen. Unterzeichnet hatte diesen Kontrakt Homburgs Nachfolger als Personenverkehrsvorstand, Berthold Huber. Als Konsequenz wurde ihm daraufhin nach Angaben aus Konzernkreisen die geplante Zuständigkeit für die Güterbahn DB Cargo doch nicht übertragen.

Für Verantwortliche bei der Bahn waren vor der Sitzung Rügen oder Abmahnungen im Gespräch gewesen. Dazu gab es am Mittwoch aber noch keine Entscheidung. Der Aufsichtsrat lehnte es jedoch ab, auch nur einen der untersuchten Beraterverträge nachträglich zu genehmigen.

...


Aus: "Bahn schafft Beraterverträge mit Ex-Managern ab" (Tsp, Reuters, dpa) (19.09.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/elf-verstoesse-gegen-aktienrecht-bahn-schafft-beratervertraege-mit-ex-managern-ab/25031404.html

Quote
Gophi 08:43 Uhr
Ein kleiner, aber notwendiger und überfälliger Schritt in Richtung weniger Korruption und Misswirtschaft in den obersten Etagen. In wie vielen Konzernen diese "Beraterverträge" wohl noch gängige Praxis sind? ...


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« Reply #973 on: October 09, 2019, 04:41:10 PM »
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[...] Den Finanzbehörden sind aus dem Ausland Milliardenvermögen von Deutschen gemeldet worden. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor, die ZEIT ONLINE vorliegt. Nicht-EU-Staaten informierten die Bundesrepublik im Jahr 2017 demnach über Erträge in Höhe von fast 39 Milliarden Euro. Diese Gelder sind steuerlich relevant. Insgesamt lagen auf deutschen Konten außerhalb der EU 269,4 Milliarden Euro. Zuerst hatte die Süddeutsche Zeitung darüber berichtet.

Basis für den automatischen Informationsaustausch ist ein Standard, den die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung erarbeitet hatte. Der Austausch von Daten war bereits 2014 vereinbart worden, sollte jedoch erst 2017 beginnen. Neben den fünf größten EU-Staaten Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien gehörten unter anderem auch Bermuda und die Kaimaninseln zu den Erstunterzeichnern.

Im Jahr 2016, bevor der automatische Austausch galt, hatte Deutschland noch deutlich weniger Informationen erhalten, wie die Zahlen der Bundesregierung zeigen. Damals meldeten Staaten außerhalb der EU den deutschen Behörden lediglich Erträge in Höhe von 2,4 Milliarden Euro.

Auch EU-Länder melden inzwischen mehr Geld. Der Datenaustausch soll aber vor allem darauf abzielen, Steuerflucht in sogenannte Steueroasen zu verhindern. Laut OECD haben inzwischen 95 Staaten Kontostände automatisch verschickt. Dazu gehören Länder wie Singapur, Lichtenstein und Andorra, die in der Vergangenheit oft als Steueroasen bezeichnet wurden und für den Informationsaustausch ihr Bankgeheimnis lockerten.

Nicht dabei sind die USA. Allerdings stützen diese sich bei ihrem Kampf gegen Steuerhinterziehung auf ein Netzwerk aus eigenen bilateralen Abkommen, die als Vorbild für die jetzt auf OECD-Ebene unterzeichneten Verträge dienen und ähnliche Absprachen festschreiben. Zwischen den USA und Deutschland greift ein solches Übereinkommen zum Datenaustausch bereits seit 2013.

Wie hoch die Summen sind, die aus den einzelnen Staaten und Gebieten gemeldet werden, bleibt laut Bundesregierung geheim. Die Vertraulichkeit sei "fundamentale Voraussetzung für die Bereitschaft der Staaten, an dem Informationsaustausch teilzunehmen", hieß es in der Antwort auf die Anfrage der Bundesregierung. Diese Regeln nicht zu akzeptieren, würde die "langjährigen Anstrengungen zur Bekämpfung von Steuerflucht" gefährden.

Informationen, die an Deutschland gemeldet werden, leitet das Bundeszentralamt für Steuern an die zuständigen Finanzämter weiter. Unklar ist, was durch den automatischen Informationsaustausch zusätzlich in die Kassen der Steuerbehörden fließen wird. Die Verarbeitung der gemeldeten Informationen sei noch nicht abgeschlossen, teilte die Bundesregierung mit.


Aus: "Milliardenvermögen aus dem Ausland an deutsche Behörden gemeldet" Jurik Caspar Iser (9. Oktober 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-10/steuerflucht-bankguthaben-ausland-vermoegen-steueroase