Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 325435 times)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #945 on: Juli 22, 2019, 02:29:35 nachm. »
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[...] Wo die finanzielle Lage es zulässt, da geht der Trend in Richtung SUV, und wo sie es nicht zulässt, da gibt es doch häufig den Wunsch nach einem solchen Stadtpanzer. Die Marktforschungsfirma Puls kam 2017 in einer Umfrage zu dem Ergebnis, dass ein Drittel der befragten Nicht-SUV-Fahrer sich sehnlichst wünschen, ein solches Gefährt zu besitzen. Der Autohersteller Ford fand 2016 heraus, dass ein SUV für mehr als ein Drittel der 17- bis 34-Jährigen Deutschen als zentrales Erfolgssymbol gilt. ... Das Auto ist ein Zeichen dafür, noch nicht „ganz unten“ gelandet zu sein. Ein SUV signalisiert, dass ein Mensch den Anforderungen der Gesellschaft entsprechen kann. Er zeigt sich leistungsbereit, aktiv, wettbewerbsfähig und attraktiv. ... In deutschen Städten sind es häufig abstiegsbedrohte Männer mit Migrationsgeschichte, die Wert auf den Besitz eines großen, teuren Autos legen. Weil sie mehr als andere Gruppen dem Generalverdacht ausgesetzt sind, lieber Sozialleistungen zu beziehen als zu arbeiten, halten sie an diesem Symbol einer soliden Existenz fest. Wenn die neue Mittelklasse ihnen nun das Autofahren madig macht, dann steckt darin eine potenziell rassistische Abwertung des Lebensstils dieser Menschen, die letztlich nur das wollen, wonach wir alle streben: soziale Anerkennung.

...


Aus: "Hier in dem Panzer fühl’ ich mich frei" Christian Baron (Ausgabe 27/2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/cbaron/hier-in-dem-panzer-fuehl2019-ich-mich-frei

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Lethe | Community

||| „Die Welt wird regiert von Stadtmenschen, während wir schuften und verlieren.“ Über solche Aussagen mag man die Nase rümpfen, aber es ist eine Meinung, die jenseits der Szeneviertel weit verbreitet ist. |||

Interessanter wäre eine Antwort auf die Frage, ob die Aussage auf ein Faktum verweist oder als bloße Meinung der Abgehängten als unwichtig eingestuft werden kann. In den "Szenevierteln" scheint eher letzteres Konsens zu sein, und Deutungshoheit ist bekanntlich eine feine Sache, vor allem innerhalb einer geschlossenen peer group.

||| In deutschen Städten sind es häufig abstiegsbedrohte Männer mit Migrationsgeschichte, die Wert auf den Besitz eines großen, teuren Autos legen. |||

In allen einigermaßen reichen Vierteln deutscher Städte finden sich erhebliche Mengen reicher "Geburts"-Deutscher als Beleg, dass es gebeutelter Migranten nicht bedarf, um die Vorliebe für SUVs zu erklären.


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Richard Zietz | Community

... Der SUV als Statussymbol ist sicher ein Aspekt. Möglich ist er letztlich jedoch nur auf der Basis des einseitigen Autowahns, den die Politik aktiv mit unterstützt. Die Unterlassungen beim öffentlichen Nahverkehr – angefangen bei der neoliberalen Wende, in deren Folge diese gesellschaftliche Basisleistung hemmungslos privatisiert bzw. an mehr oder weniger dubiose Drittanbieter verschleudert wurde – sprechen in jeglicher Beziehung eine beredte Sprache.

Die Diskrepanz zwischen Worten und Taten sollte man sich ruhig auch in Hinblick auf die Klimaziele, die angeblich alle vertreten, auf der Zunge zergehen lassen. Nicht zuletzt auch die Anhänger(innen) der neu auf den Plan getretenen Verzichtsideologie. ... Positiv formuliert: Ohne Wende in der Nahverkehrspolitik ist eine Abkehr vom »Kultobjekt Automobil« nicht möglich. Alles andere ist am Thema vorbeigeredet.


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schmerz.keks | Community

... die neigung zur übersteigerten geltungserwartung lässt sich evolutionär erklären ...


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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #946 on: Juli 23, 2019, 09:05:38 vorm. »
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[....] Mit Hamburg oder München kann die deutsche Hauptstadt noch nicht mithalten, wenn die Reichen und Schönen gezählt werden. Aber das ist nur eine Frage der Zeit. Denn auch zwischen Spree und Havel fühlen sich Millionäre zunehmend wohl. Ihre Zahl ist in den vergangenen drei Jahren um mehr als 50 Prozent auf 749 gestiegen. Sogar in Marzahn-Hellersdorf leben sechs Einkommensmillionäre.

...


Aus: "Wie ehrlich sind Berlins Millionäre?" Ulrich Zawatka-Gerlach (22.07.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/reiche-in-der-hauptstadt-wie-ehrlich-sind-berlins-millionaere/24687930.html

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #947 on: Juli 23, 2019, 12:43:22 nachm. »
Adel steht stets auch für Sichtbarkeit und Symbolisierung, nicht zuletzt für die Darstellung von Traumwelten für nicht-adlige Beobachter. , Stephan Malinowski (7. August 2019), Quelle: https://www.sueddeutsche.de/kultur/adel-ns-regime-widerstand-1.4553120


„Aber das zunächst einmal wirklich Berückende an dem sich nach der Wiener Begegnung anspinnenden Briefwechsel ist, dass auch die Schmonzette und der süße Kitsch, die wahrscheinlich in jeder realen Liebesbegegnung stecken, in ihm ihre Plätze haben.“ (Online-Ausgabe der tageszeitung, Briefwechsel zwischen Celan und Bachmann. Die sich Entliebenden, 15.08.2008)

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[...] Am Dienstag zeigte das ZDF zu bester Sendezeit, Primetime um 20.15 Uhr, die unerträgliche Adels-Schmonzette “Endlich Prinzessin: Kate und Charlene”. Ein 45-Minuten-Programm, klebrig wie Zuckerguss, kitschig wie ein Groschenroman und mit dem journalistischen Anspruch eines Hotel-Werbefilmchens. ... Kein Klischee, keine durchgenudelte Formulierung, kein Griff in die Schmalzkiste wurde ausgespart bei “Endlich Prinzessin”. Die Vergleiche zwischen Herzogin Kate und Prinzessin Diana durften ebensowenig fehlen, wie jene zwischen Charlene und Grace Kelly. Das soziale Engagement der Adelsbräute wurde durchgekaut und es kamen reihenweise “Society-Experten” zu Wort.

Bunte-Chefin Patricia Riekel kennt man ja wenigstens noch, aber wer zum Teufel ist Dagmar Schumacher? Die auskunftsfreudige Dame wurde wahlweise als “Society-Expertin”, “Gast von Albert und Charlene” und gegen Ende gar nur noch als “Partygast” bezeichnet. Ist aber auch Wurst, solange die sonore Erzählerstimme gut Abgehangenes schwadronieren konnte (“Zwei, die sprichwörtlich in einem Boot sitzen”) und zuckrige Kaufhausmusik zu Bildern eingespielt wurde, die aussehen, wie ein Werbevideo für das Luxushotel “The Oyster Box (“In Schale ist hier einfach alles”).

Ein paar verdruckste Andeutungen über böse Gerüchte zu Fürst Alberts unehelichen Kindern wurden von Charlene-Freundin Franziska van Almsick schnell weg-kommentiert und die “Reportage” wandte sich schnell klebrigen Baby-Spekulationen zu. Fazit: “Welche von beiden das Rennen macht, wird die Zukunft zeigen. Bonne Chance, Charlene. Good Luck Kate.” Filme wie “Endlich Prinzessin” festigen den Ruf des ZDF, ein Kukident-Kanal zu sein. Und selbst die Generation Ü60 hätte Besseres verdient, als dieses TV auf dem Niveau einer drittklassigen Yellow-Zeitschrift, zusammengetackert aus Archivmaterial und Interviews mit Adabeis.


Aus: "Die royale Primetime-Schmonzette im ZDF" Stefan Winterbauer (27.06.2012)
Quelle: https://meedia.de/2012/06/27/die-royale-primetime-schmonzette-im-zdf/

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[...] „Sie war Monacos Jahrhundertfürstin“, feiert Brad Pitts Stimme die große Grace Kelly im öffentlich-rechtlichen Regenbogenprogramm. Vom Hollywoodstar, fährt er dramatisch fort, „wird sie zur vielumjubelten Landesmutter“, (noch dramatischere Kunstpause) „die viel zu früh“, (noch mehr Geigen) „aus dem Leben scheidet“ (so richtig dramatische Kunstpause). Das Fürstentum, sagt sodann ein Experte mit hippem Vollbart, „fiel wie ein Kartenhaus“ in sich zusammen. „Doch ihre Enkel“, beruhigt Brad Pitt, „machen Monaco wieder zu einem Ort, auf den die Welt schaut“. Na ja – zumindest die des ZDF.

Denn dem bietet sich heute Abend mal wieder günstige Gelegenheit, tief im Urschleim des europäischen Hochadels zu knien: Die tödlich verunglückte Fürstin, standesgemäß umbenannt in Gracia Patricia, wäre demnächst 90 Jahre alt geworden – da frönt das Zweite zu gern seiner dienstäglichen Lieblingsbeschäftigung: Boulevard als Journalismus zu tarnen. „Mythos Monaco“ heißt die neueste Anbiederung der zuständigen Redaktion ans Wertesystem dynastischer Herrschaft, und schon ihr Untertitel „Das Erbe der Grace Kelly“ lässt wenig Zweifel daran, wie sie sich am schillernden Thema selbst berauscht. Ein Thema, das auch hier oft auf Hörensagen, Hintergrundrauschen und der beliebten Mimik-Interpretation basiert.

 Beim „Sittenporträt dreier Generationen“, wie das ZDF seine dreiviertelstündige Doku nennt, zitieren Eingeweihte also schon mal „Freunde“, dass die letzten Jahre von Rainier und Grace „ihre besten waren“, oder lassen „traurige Gerüchte“ kursieren, Kellys Nachfolgerin Charlène habe „anscheinend nicht das perfekte Glück“ gefunden. Übrigens trotz „Traumhochzeit“, wie Eheschließungen in dieser traditionellen Weltanschauung nur heißen. Wenn die derart komplettierte Braut schwanger wird, „schenkt“ sie dem Vater darin dann „drei Kinder“, Todesfälle sind Folgen eines Fluchs und lebende Ausbrüche aus dem Käfig der Konventionen „Abstürze“, wie ihn Prinzessin Stephanie in den 80ern exerziert hat. Mit Babys von verschiedenen Vätern. Unehelich!

Von Beginn an geht es bei dieser Reise durch den geografisch zweitkleinsten, klatsch-presserechtlich drittgrößten Staat der Erde also um zweierlei: Schein und Schatten einer Erbmonarchie, die der Adelskenner Rolf Seelmann-Eggebert bis heute als „reines Glamourhaus“ abkanzelt, das ihn als einziges unter all den blaublütigen Glamourhäusern nie interessiert habe. Ein Boulevardkonstrukt eben, politisch irrelevant, aber glitzernd wie Trumps Wohnzimmer zur Adventszeit, also ein gefundenes Galadinner für ZDF-Autorin Anne Kauth – auch wenn sie die Hochzeit vom hoch verschuldeten Fürst Rainier mit der prestigeträchtigen Oscar-Preisträgerin Grace als das entlarvt, was es damals war: eine reine PR-Maßnahme.

Bei der Hochzeit 1956 nämlich, so erfahren wir in „Mythos Monaco“, war Europas Hochadel vollzählig abwesend, bei Grace Kellys Beerdigung 26 Jahre später hingegen zahlreich zugegen – auch dank tatkräftiger Hilfe der globalen Boulevardpresse, die genau das tat, was sich heute Abend wiederholt: Lifestyle, Glamour, Stars und Mode so aufzublasen, dass die Ingredienzen des Gossip-Journalismus irgendwann irgendwie bedeutsam wirken. Wenn der Begriff „Steuerparadies“ da ganze zwei Mal in Nebensätzen fällt und die Presse ebenso beiläufig mit dem rechtspopulistischen Kampfbegriff „Journaille“ bedacht wird, kann das ZDF daher noch so oft betonen, in Monte Carlo sei alles bloß Schall und Rauch – es hilft doch kräftig dabei mit, beides zu emittieren. Nachfrage sticht Angebot, das Fernsehen ist ein freier Markt.


Aus: "Wo bleibt das Riechsalz?" Jan Freitag (22.07.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/adels-doku-mythos-monaco-wo-bleibt-das-riechsalz/24687624.html

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Karl-Heinz123 22.07.2019, 17:04 Uhr

Der Film scheint terminliech ziemlich genau auf die Wohngeld- und Rückgabeforderungen der Hohenzollern abgestimmt! ...


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« Last Edit: August 07, 2019, 12:32:13 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #948 on: Juli 24, 2019, 08:55:39 vorm. »
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[...] Die Deutsche Bank hat nach eigenen Angaben im zweiten Quartal einen Verlust von 3,15 Milliarden Euro verzeichnet.  ... Zuwächste erhofft sich die Bank durch das Geschäft mit vermögenden Privatkunden und kann bereits jetzt gute Zahlen der Vermögensverwalter-Tochter DWS vorlegen. Dort steigerte man den Gewinn im zweiten Quartal um 21 Prozent auf 185 Millionen Euro.


Aus: "Konzernumbau sorgt für größeren Milliardenverlust als erwartet" (24. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-07/deutsche-bank-konzernumbau-milliardenverlust-stellenabbau

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« Reply #949 on: Juli 25, 2019, 11:01:55 vorm. »
Quote
[...] Madrid – Der Gründer des Modekette Zara, Amancio Ortega, besitzt ein riesiges Immobilienvermögen. Im gehörten Ende 2018 gewerbliche Immobilien im Wert von fast zehn Milliarden Euro, wie seine Investmentfirma am Mittwochabend in Madrid mitteilte. Das sei ein Plus von 11,5 Prozent im Vergleich zu 2017.

Mit den Dividenden-Ausschüttungen der Zara-Mutter Inditex hat der 83-Jährige zahlreiche Gebäude erworben, die von erstklassigen Shoppingimmobilien in London und New York bis hin zu Bürogebäuden im Zentrum Madrids reichen.Die meisten Beteiligungen Ortegas werden in einer Gesellschaft namens Pontegadea Inversiones gebündelt. Diese hält 50,01 Prozent an Inditex. Das Jahresergebnis von Pontegadea zeigte für Ende 2018 ein Immobilienvermögen von 9,767 Milliarden Euro. Anfang 2019 schloss Pontegadea den Kauf zweier Bürogebäude in Seattle ab, die derzeit an Amazon vermietet sind. Inditex hatte im März eine Dividendenerhöhung um 17 Prozent angekündigt. (APA, 24.7.2019)


Aus: "Zara-Gründer baute Immobilien-Imperium auf" (25. Juli 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000106664354/zara-gruender-baute-immobilien-imperium-auf

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[...] „Ich habe diesen Artikel, den Sie kaufen wollen, hergestellt, aber ich wurde dafür nicht bezahlt“ – diese Worte waren auf den Etiketten mehrerer Kleidungsstücke zu lesen. Wie die Nachrichtenagentur „Associated Press“ (AP) berichtet, haben Angestellte eines Zara-Lieferanten die Botschaften angebracht.

Konkret habe es sich dabei um den türkischen Bekleidungsproduzent „Bravo Tekstil“ gehandelt, der neben Zara auch die Modeketten Mango oder Next beliefert. AP zufolge habe der Betrieb vor einiger Zeit quasi „über Nacht“ geschlossen – ohne die letzten drei Monatsgehälter oder Abfindungen an die Angestellten zu zahlen.

Mit ihren Botschaften in den Etiketten wollten die Angestellten auf ihre Situation aufmerksam machen – und zugleich Druck auf Zara ausüben. 140 ehemalige Mitarbeiter haben außerdem eine Petition gestartet, mit der sie die Auszahlung ihrer Gehälter fordern.

Wie in der Petition beschrieben, warten die Arbeiter schon weit über ein Jahr auf ihr Geld. Bereits im Juli 2016 haben sie ihr Gehalt nicht erhalten. Gläubiger hätten alle Maschinen und Wertgegenstände aus der Fabrik konfisziert, die Chefs seien mit den Einnahmen abgehauen.

Obwohl die zuständige Gewerkschaft seit August 2016 mit Zara und anderen Marken über den Fall verhandelt, habe sich bislang nur wenig getan. Nach einem Jahr Verhandlungen hätten die Marken erklärt, dass sie etwa ein Viertel der Forderung bezahlen. „In anderen Worten: Die Marken erkennen ihre Verantwortung an, aber sie dachten, wir verdienen nicht mehr als ihren Abfall“, heißt es in der Petition.

Inzwischen gibt es offizielle Stellungnahmen der Konzerne. Das Textilunternehmen „Inditex“, zu dem unter anderem Zara gehört, erklärte gegenüber dem Mode- und Beauty-Portal „Refinery 29“:

„Inditex hat all seine vertraglichen Verpflichtungen mit Bravo Textil [sic] eingehalten und arbeitet derzeit gemeinsam mit der IndustriAll Schwestergesellschaft, Mango und Next daran, einen Hilfsfond für die betroffenen Mitarbeiter einzurichten, die von dem betrügerischen Verschwinden des Besitzers der Produktionsstätte betroffen sind.“

Wie hoch dieser Hilfsfond sein soll und ob die Arbeiter mehr als nur ein Viertel der geforderten Summe erhalten werden, konkretisierte Inditex nicht weiter.

Auch wenn Inditex, Zara oder Mango ihre Verpflichtungen formal eingehalten haben – dass sie Arbeiter, die für sie Kleidung produzieren, nicht besser schützen, ist traurig. Bedenklich ist auch, dass es scheinbar medienwirksame Aktionen wie versteckte „Hilferufe“ in den Etiketten braucht, damit die Konzerne ihre Verantwortung ernst nehmen.


Aus: "Zara: Hilferuf von Textil-Arbeitern in Etiketten gefunden" Nadja Ayoub Kategorien: Mode (8. November 2017)
Quelle: https://utopia.de/zara-hilferuf-von-arbeitern-in-etiketten-gefunden-69171/

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[...] Das Modelabel Zara ist sehr bemüht um ein soziales Image. Jetzt muss es aber 1,4 Millionen Euro zahlen, um das brasilianische Arbeitsministerium zu besänftigen: In São Paulo ließ ein Zulieferer Kleidung für Zara in Sklavenarbeit herstellen.

... Die Arbeiter wohnten in Schlafquartieren oberhalb der Fabrik, die Arbeitsbedingungen seien entwürdigend und gesundheitsschädigend gewesen, sagte ein Sprecher des Arbeitsministeriums der Nachrichtenagentur AFP. Der Zulieferer Aha produziert hauptsächlich für Zara. Inditex wies die Verantwortung zurück, trotzdem wurde ein Verfahren eingeleitet, Zara sollte 8,2 Millionen Euro Strafe zahlen. Am Dienstag teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass der Konzern mit einer außergerichtlichen Einigung die Summe deutlich reduzieren konnte. Zara wird außerdem aufgefordert, seine Zulieferer strenger zu überprüfen, wird aber nicht für zukünftige Fälle haftbar erklärt.

Das spanische Unternehmen teilte mit, der nun geschlossene Kompromiss zeige, dass sich die "Gruppe Inditex verpflichtet fühlt, stärker zu kontrollieren, dass auch Subunternehmer im Einklang mit den brasilianischen Gesetzen und der bestehenden Selbstverpflichtung des Konzerns arbeiteten". Die spanische Zeitung El País zitiert hingegen brasilianische Analysten, laut denen die Zahlung ein "Schuldeingeständnis" sei.

Es ist nicht der erste Fall dieser Art. 2001 kaufte die niederländische Menschenrechtsorganisation Clean Clothes Campaign Aktien von Inditex, kam dadurch einfacher an Informationen und publizierte eine Studie über die Arbeitsbedingungen in marokkanischen Fabriken, in denen Näherinnen schlecht bezahlt und misshandelt würden. Inditex kündigte daraufhin die Verträge mit 200 Zulieferern. 2003 berichtete der britische Independent, Mexikos Zoll habe Inditex beschuldigt, in Asien gefertigte Ware umzuetikettieren, um den Eindruck zu erwecken, sie komme aus Spanien. Das Unternehmen wies die Vorwürfe zurück.

In Spanien hat Inditex, das drittgrößte börsennotierte Unternehmen, einen guten Ruf. Selbst die Gewerkschaften haben wenig auszusetzen. Gründer Amancio Ortega, einer der zehn reichsten Männer der Welt, unterhält eine Stiftung, die die Ausbildung junger Menschen fördert. Seine Frau Rosalía Mera solidarisierte sich im Mai mit der Bewegung der "Empörten", die in Madrid gegen sozialen Kahlschlag protestierten. Im Januar 2011 zog Ortega sich von der Firmenspitze zurück, hält aber noch ein bedeutendes Aktienpaket.

Inditex-Marken wie Zara, Pull & Bear, Massimo Dutti, Bershka, Stradivarius und Oysho bedienen unterschiedliche Käufergruppen, funktionieren aber nach demselben Konzept: Die Kollektion wird alle paar Tage erneuert und vermittelt so stets den Eindruck, auf der Höhe der Zeit zu sein. Nach Meinung von Kritikern sind Angebotspolitik und Preise kaum mit fairen Produktionsbedingungen in Einklang zu bringen.


Aus: "Zaras Sklaven" Sebastian Schoepp, Marlene Weiss  (22. Dezember 2011)
Quelle: https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/arbeitsbedingungen-in-brasilien-zaras-sklaven-1.1241679

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« Reply #950 on: Juli 25, 2019, 11:10:56 vorm. »
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[...] Auch im Knast ist es heiß: Zur Erfrischung bekommen die Häftlinge in Bayerns Gefängnissen bei der anhaltenden Hitze unter anderem kalte Gurkensuppe aufgetischt. Es gebe auch mehr frisches Obst und Gemüse sowie Fruchtjoghurt, teilte das Justizministerium in München auf Anfrage mit.

Die Hafträume würden zudem häufiger gelüftet. Für die Gefangenen gebe es mehr zu trinken. "Auch die regelmäßigen Duschzeiten werden zur Abkühlung von den Gefangenen gerne genutzt", sagte eine Sprecherin. Zu den genauen Temperaturen in den einzelnen Haftanstalten im Freistaat machte das Ministerium keine Angaben.


Aus: "Häftlinge bekommen Hitze-Kost" (25. Juli 2019)
Quelle: https://www.sueddeutsche.de/bayern/bayern-hitze-temperaturen-gefaengnis-1.4539127

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« Reply #951 on: Juli 30, 2019, 01:48:46 nachm. »
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[...] Die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland ist nach Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe zuletzt deutlich gestiegen. Nach letzten verfügbaren Zahlen sei von einer Steigerung um 15 bis 20 Prozent von 2016 auf 2017 auszugehen, erklärte die Verbandsgeschäftsführerin Werena Rosenke am Dienstag in Berlin. Demnach waren im Laufe des Jahres 2017 geschätzt etwa 650.000 Menschen ohne Wohnung.

Die Zahl liegt deutlich niedriger, als sie von der Initiative zuvor geschätzt worden war. Grund für die Abweichung nach unten um 210.000 ist ein verändertes Berechnungssystem. Das vorherige Schätzmodell sei "aufgrund fehlender neuer empirischer Studien veraltet" gewesen, erklärte die Arbeitsgemeinschaft. Nunmehr werde die jährliche "Wohnungsnotfallberichterstattung"in Nordrhein-Westfalen zur Grundlage für die Hochrechnung benutzt.

Unter den Wohnungslosen sind laut der Initiative auch 375.000 anerkannte Asylsuchende und Flüchtlinge in Flüchtlingsunterkünften und Erstaufnahmeeinrichtungen der Bundesländer. Nimmt man die Geflüchteten aus der Zählung, waren 2017 dem Bericht zufolge gut 275.000 Menschen ohne Wohnung in Deutschland.

Die meisten der etwa 650.000 Wohnungslosen lebten der der Initiative zufolge in Notunterkünften. Unter ihnen seien etwa 22.000 Kinder und minderjährige Jugendliche.

Unter den Wohnungslosen sind laut der Initiative auch 375.000 anerkannte Asylsuchende und Flüchtlinge in Flüchtlingsunterkünften und Erstaufnahmeeinrichtungen der Bundesländer. Nimmt man die Geflüchteten aus der Zählung, waren 2017 dem Bericht zufolge gut 275.000 Menschen ohne Wohnung in Deutschland.

Die meisten der etwa 650.000 Wohnungslosen lebten der der Initiative zufolge in Notunterkünften. Unter ihnen seien etwa 22.000 Kinder und minderjährige Jugendliche.

Als Hauptgründe für die steigende Zahl der Wohnungslosen nennt die Arbeitsgemeinschaft "das unzureichende Angebot an bezahlbarem Wohnraum, die Schrumpfung des Sozialwohnungsbestandes und die Verfestigung von Armut". Es fehle vor allem an bezahlbaren Wohnungen für Menschen mit niedrigem Einkommen und Empfänger staatlicher Transferleistungen. "Benötigt werden pro Jahr 80.000 bis 100.000 neue Sozialwohnungen und weitere 100.000 bezahlbare Wohnungen."

Die Initiative forderte, die Beteiligung des Bundes an der sozialen Wohnraumförderung deutlich zu erhöhen. Außerdem müsse in den Kommunen überall "ein funktionsfähiges System der Prävention von Wohnungsverlusten" installiert werden. In der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe engagieren sich unter anderem soziale Dienste und Einrichtungen sowie politische Institutionen.

Sozialverbände und Wohnungslosen-Initiativen bemängeln seit langem, dass es keine bundesweit gesicherten Zahlen zu Wohnungslosen gibt. Sie sehen darin ein Hindernis beim effektiven Umgang mit diesem Problem. Das Bundessozialministerium kündigte Juni an, "in Kürze" einen Referentenentwurf für eine "bundesweite Wohnungslosenberichterstattung" vorzulegen. (AFP, dpa)


Aus: "Obdachlosigkeit nimmt zu: 650.000 Menschen haben keine Wohnung" (30.07.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/obdachlosigkeit-nimmt-zu-650-000-menschen-haben-keine-wohnung/24851478.html

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« Reply #952 on: August 05, 2019, 01:31:42 nachm. »
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[...] „Es gibt kaum ein Land, das seine Leistungsträger so schlecht behandelt wie Deutschland“, sagt der Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrats Wolfgang Steiger und verweist auf die hohe Steuerbelastung gerade auch für Fachkräfte und Mittelständler. Es fehle das Bewusstsein, dass man seinen Wohlstand vor allem der breit gefächerten, starken Industrie verdanke. „Nach Energiewirtschaft und energieintensiven Branchen wird gerade die Automobilindustrie mit politisch gesetzten Zeitlimits und fragwürdigen Grenzwerten einem Dauerstress unterzogen“, rügt der Chef des parteinahen Unternehmerverbandes. Eine der wichtigsten Säulen der Wirtschaft werde so gefährdet. ... Ifo-Chef Fuest rät der Bundesregierung angesichts der eingetrübten Wachstumsaussichten dringend, die Rahmenbedingungen in Deutschland zu verbessern. So sollten die Unternehmenssteuersätze auf ein international wettbewerbsfähiges Niveau abgesenkt werden. ...

Lesen Sie auch: Friedrich Merz (CDU) schreibt jede Woche in WELT AM SONNTAG - Merz meint: Zu hohe Steuern gefährden Deutschlands Wohlstand
https://www.welt.de/politik/deutschland/plus197557091/Friedrich-Merz-Wachsende-Steuer-und-Abgabenlast-in-Deutschland.html (EUR)



Aus: "„In der Weltwirtschaft verändert sich gerade etwas fundamental“" Dorothea Siems (04.08.2019)
Quelle: https://www.welt.de/wirtschaft/article197920661/Konjunktur-Die-Risiken-fuer-Deutschland-wachsen.html

Quote
K. P.

 „Es gibt kaum ein Land, das seine Leistungsträger so schlecht behandelt wie Deutschland“

Dieser Satz ist Balsam für meine Ohren!


Quote
Martin M.

 Ich bete, dass die SPD mit den neuen Vorsitzenden diese unsägliche Regierung aufkündigt und die CDU saniert mit Merz antritt. ...


Quote
Harald J.

„Es gibt kaum ein Land, das seine Leistungsträger so schlecht behandelt wie Deutschland“, sagt der Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrats Wolfgang Steiger und verweist auf die hohe Steuerbelastung gerade auch für Fachkräfte und Mittelständler.”

Tolle Feststellung Herr Steiger. Dann tun Sie doch was dagegen. Immerhin regiert Ihre Partei bereits seit über einem Jahrzehnt dieses Land.


Quote
Johann M.

 Bin schon lange weg Grüsse aus der Schweiz


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Kopfballer

 Ach deswegen läuft hier die Wirtschaft nicht mehr so gut! Weil der Johann nicht mehr da ist! Ich wusste es doch!


Quote
Asamat B.

 Ein absolutes Amen zu diesem Artikel. Ein Satz ist besonders treffend: "Es fehle das Bewusstsein, dass man seinen Wohlstand vor allem der breit gefächerten, starken Industrie verdanke." - wir jubeln lieber irgendwelchen Träumen und Idealisten die keine Ahnung haben wie hart ihre Eltern dafür arbeiten mussten, damit der Nachwuchs sich Ideale überhaupt leisten kann!


Quote
Jens B.

 Ein sehr treffender Artikel, danke. Manchmal wünsch ich mir die Rezession aber fast herbei, es würde zumindest die derzeitigen politischen Verwirrungen und Belanglosigkeiten bereinigen.


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« Reply #953 on: August 05, 2019, 04:32:56 nachm. »
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[...] Rex Hohlbein. Der entwarf 20 Jahre lang preisgekrönte Häuser für reiche Menschen, darunter Manager von Microsoft – das Unternehmen hat im Vorort Redmond seinen Hauptsitz.

Dieses Leben endete mit einem Hallo im Herbst 2010. Hohlbein fuhr mit dem Fahrrad am Fremont-Kanal entlang zu seinem Büro. Er sah einen Mann auf einer Parkbank schlafen, neben ihm ein Einkaufswagen mit seinem Besitz. Hohlbein hielt an, tippte dem Mann auf die Schulter, sagte Hallo und bot ihm an, später bei ihm im Büro auf eine Tasse Kaffee vorbeizukommen, die Toilette zu benutzen. „Ich weiß gar nicht mehr, warum ich ihn damals angesprochen habe“, sagt er heute.
Er selbst war nie obdachlos, niemand aus seiner Familie oder aus seinem Bekanntenkreis, er musste sich nie Sorgen um die eigene Wohnung machen. Aber er hatte in den Wochen vor der Begegnung ein paarmal mit anderen Obdachlosen am Kanal gesprochen. „Das muss mich irgendwie geöffnet haben, ich war bereit“, sagt er. Bereit, die Komfortzone zu verlassen, wie er das nennt. Und dorthin zu gehen, wo man als Mensch lernt und wächst durch neue Erfahrungen.

Der Mann jedenfalls kam noch am selben Tag ins Büro und stellte sich als Chiaka vor. Dieser Chiaka Zulu Howze fragte Rex Hohlbein, ob er ihm die Geschichte für Kinder vorlesen dürfte, an der er gerade schrieb. Als der Architekt die 20 Seiten, vollgeschrieben und halb zerbröselt, in Howzes Händen sah, dachte er: Oh je, das kann dauern. Doch nach ein paar Minuten fing er an zu weinen, so ergriffen war er. Hohlbein ließ Howze in einem kleinen Schuppen neben dem Büro übernachten, er lagerte die Bilder des Mannes, der auch malte, für ihn. Und er erstellte eine Facebook-Seite mit der Kunst des Obdachlosen.

Schnell sprach sich herum, dass da ein Architekt in Fremont seine Bürotür für Obdachlose öffnet. Immer mehr kamen, tranken einen Kaffee, nutzten die Toilette, erzählten ihre Geschichte oder wärmten sich einfach nur auf. Hohlbein erinnert sich an Joseph, der bald jeden Tag bei ihm im Büro saß und das Kreuzworträtsel der »New York Times« löste. Die Arbeit des Architekten litt, zwei Jahre lang verdiente er kaum etwas. „Es war ein Chaos, ein wunderschönes Chaos“, sagt er. Die Hohlbeins lebten vom Einkommen von Rex’ Frau Cindy und vom Ersparten. Als Hohlbein dachte, er müsse sich entscheiden, ob er ein Architekt ist oder sich um Obdachlose kümmert – da hatte er das eigentlich längst getan.

In Seattle fehlen heute Tausende bezahlbare Wohnungen – für Menschen, die trotz eines oder mehrerer Jobs nicht mal die Hälfte des Durchschnittseinkommens verdienen. Ein Grund für den Mangel ist, dass, abgesehen von den Hochhausblocks in der Innenstadt, praktisch die ganze Stadt aus Einfamilienhäusern besteht. Will der Stadtrat in einem Viertel das Baurecht ändern und auch Apartmenthäuser zulassen, protestieren die Einwohner. Die fürchten den Wertverfall und die Kriminalität, die sie dem Zuzug von ärmeren Menschen zuschreiben.

Aber ein kleines Holzhaus mit einem Bewohner pro Straßenblock, das müsste doch gehen, dachte sich Rex Hohlbein, holte den Zeichenstift aus der Schublade und entwarf mit seiner Tochter Jenn Lafreniere das Block Home. Die Idee: Hausbesitzer stellen sich kleine Häuser in ihren Garten und lassen dort Obdachlose wohnen.

...


Aus: "Rex Hohlbein: Der Architekt der Obdachlosen" Gerd Schild (2019)
Quelle: https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2019/unabhaengigkeit/rex-hohlbeinder-architekt-der-obdachlosen?utm_source=zeit&utm_medium=parkett

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« Reply #954 on: August 05, 2019, 04:51:22 nachm. »
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[...] Der britische Sänger Sting (67) hat sich in New York eine Penthouse-Wohnung für 65,8 Millionen Dollar (etwa 59 Millionen Euro) gekauft. Das sei der teuerste Immobilienverkauf der Metropole im Juli gewesen, berichtete die „New York Times“ am Samstag. Die dreistöckige Wohnung in einem 18-stöckigen Haus direkt südlich des Central Park hat einen Panorama-Blick über den Park, drei Schlafzimmer und fünf Badezimmer. Erst im vergangenen Jahr hatte Sting, der zum zweiten Mal verheiratet ist und sechs Kinder hat, eine Wohnung um die Ecke der neuen für 50 Millionen Dollar verkauft. Der Musiker war solo und als Frontmann der Band The Police weltweit berühmt geworden. (dpa)


Aus: "Sting kauft Wohnung in New York für 65,8 Millionen Dollar" (05.08.2019)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/smalltalk/sting-kauft-wohnung-in-new-york-fuer-65-8-millionen-dollar-16273938.html

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« Reply #955 on: August 07, 2019, 05:37:04 nachm. »
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[...] „Ich glaube, es gibt keinen Ort, keine Straße in Berlin, wo Betteln nicht irgendeine Relevanz hat“, sagt die Sozialarbeiterin Anna-Sofie Gerth, die in Berlin-Wilmersdorf eine Tagesstätte für Wohnungslose leitet. „In jeder S-Bahn, in jeder U-Bahn, an den großen Plätzen in Berlin, ich würde sagen, an jedem zweiten Supermarkt. Auch in Banken, wo Menschen einem die Tür aufmachen, in der Hoffnung, dass man ihnen etwas in ihren Becher wirft.“

Doch auch wenn man die Bettler in der Hauptstadt an jeder Ecke sieht, bleiben sie für den Rest der Gesellschaft in gewisser Weise unsichtbar. Man steckt ihnen Geld zu oder Essen, man ignoriert sie oder ist genervt, wenn man auf einer S-Bahn-Fahrt zum gefühlt hundertsten Mal mit einer vermutlich ausgedachten Elendsgeschichte konfrontiert wird. Was weiß man schon über ihr Leben, wie sie ihren Alltag organisieren und wie sie es schaffen, in Berlin auf der Straße zu überleben?

Es sind Menschen wie Ronny, Straßenpunk und 33 Jahre alt. Ein kleiner, kräftiger Mann mit hellen Augen und vielen Zahnlücken. Ein freundliches, offenes Gesicht, schwer gezeichnet durch Alkohol, Drogen und neun Jahre auf der Straße. Eigentlich sei er Gärtner, sagt Ronny. „Schule beendet und die Ausbildung beendet. Und dann sollen sie mir mal Obdachlose zeigen, die Schule und Ausbildung beendet haben. Das sind nicht viele.“

Ronny lebt in der Nähe des Bahnhofs Zoologischer Garten, seit Jahrzehnten ein Hotspot für Obdachlose, Stricher und Drogenabhängige. Sein Geld verdient er als Bettler:

„Ich setze mich irgendwo hin, wo Leute vorbeikommen, stell den Becher hin, die Leute kommen direkt zu mir und schmeißen es rein.“ Manche würden sich auch mit ihm unterhalten. Er selbst spreche die Leute allerdings nie an. „Weil ich einen Respekt habe vor die Leute“, so Ronny. „Weil ich obdachlos bin, habe ich Respekt.“

Über die Jahre hat sich Ronny einen Stammplatz zum Betteln erkämpft, vor einem großen Supermarkt. Ein Premiumplatz, denn das Geschäft ist jeden Tag geöffnet und hat viel Laufkundschaft. Zwischen 10 und 30 Euro bekomme er täglich in seinen Becher, sagt er. Und dann sind da noch die Leute, die ihm kein Geld geben, aber ihm etwas kaufen wollen.

„Einige fragen mich, bevor sie in den Laden reingehen: Brauchst du irgendwas?“, erzählt Ronny. „Nee, ick hab alles“, sage er dann. Aber wenn sie dann fragen: Brauchst du noch ein Bier? – „Ja, gern.“

Nur von Kindern will er kein Geld haben: „Es gibt auch Familien, die geben den Kinder das Geld in die Hand und die Kinder schmeißen das Geld in den Becher rein.“ Für Ronny ein „No-Go“: Warum machen die Eltern es nicht selbst, sondern schicken die Kinder vor?

Die Jahre auf der Straße und der Alkohol haben Ronnys Gesundheit angegriffen. Er leidet unter Krampfanfällen – und hat inzwischen auch keine Lust mehr, auf der Straße zu leben. Schon gar nicht in Berlin: „Die Osteuropäer, Südländer, also die ganzen, die vom Ausland kommen, es wird mir zu viel“, erklärt er. Ronny träumt davon, nach Hamburg zu gehen und dort sesshaft zu werden.

Nicht nur, weil dort weniger Ausländer seien. Auch wegen des FC St. Pauli, dessen Fan er ist. Und wegen des frischen Fischs: „Kann sein, dass ich dann auch mit auf einen Kutter gehe, zum Arbeiten, zum Fischfang.“

Straßenpunks wie Ronny, die vom Schnorren leben, gehören in Berlin gewissermaßen zum Lokalkolorit, genauso wie die Musiker in den S- und U-Bahnen. Doch in den letzten Jahren sind neue Formen des Bettelns hinzugekommen: Straßenzeitungsverkäufer oder Flaschensammler etwa, die zwar etwas tun, aber ebenfalls auf guten Willen ihrer Umgebung angewiesen sind, ihnen etwas zukommen zu lassen.

So hat sich am unteren Rand der Gesellschaft in den letzten Jahren eine Art Schattenökonomie des Bettelns entwickelt, von der niemand so genau weiß, wie viele Menschen sie ernährt:

„Es gibt keinerlei Statistik“, sagt die Sozialarbeiterin Anna-Sofie Gerth. Die Zahl der Bettler in der Stadt sei aber auf jeden Fall vierstellig. Denn es gebe etwa 6000 Obdachlose in Berlin. Von denen betteln zwar nicht alle. Aber umgekehrt ist auch nicht jeder Bettler obdachlos.

„Pfandsammeln und Zeitungverkaufen – das machen schon eher Leute, die noch Wohnraum haben, die mit ihrem Geld nicht klarkommen oder die sanktioniert sind vom Jobcenter, weil sie irgendwelchen Mitwirkungspflichten nicht nachgekommen sind,“ erklärt Wilhelm Nadolny, Leiter der Bahnhofsmission am Zoologischen Garten in Berlin.

Das Aufkommen dieser „Nebenerwerbsbettler“ liegt zum einen daran, dass sich die soziale Lage für viele Menschen in Berlin in den letzten Jahren verschlechtert hat.

Zum anderen könnte es aber auch Ausdruck eines Kulturwandels sein: Denn seit der Hartz-IV-Debatte ist der Umgang mit Armut offener und offensiver geworden.

Armut wird nicht mehr so versteckt wie früher, sondern viele Menschen haben weniger Scheu, Hilfe in Anspruch zu nehmen: Zum Beispiel zu den Tafeln zu gehen, um günstig Lebensmittel zu kaufen.

Inzwischen scheinen auch manche Formen des Bettelns nicht mehr tabuisiert zu sein: „Ich würde sagen, Flaschensammeln ist nicht mehr so schambehaftet“, sagt Anna-Sofie Gerth.

„Wenn ich sehe, es gibt Leute, die haben Einkaufswagen, die besonders präpariert sind, damit man besonders viele Flaschen sammeln und es ganz toll stapeln kann, dann zeigt das ja auch: Ich kann was. Ich kann nicht nur Flaschen sammeln, sondern auch noch ein Konzept entwickeln, wie ich besonders viele sammele. Und das wird schon anerkannt. Dass da so eine Hemmschwelle gesunken ist, das würde ich schon sagen.“

Für Anna-Sofie Gerth von der Berliner „City-Station“ steht dahinter auch eine Generationenfrage: „Die Älteren, die hier zu Gast sind, die Nachkriegsgeneration, die wissen, wie die mit zwei Scheiben Brot und Butter die Woche überleben, die kriegen das irgendwie hin“, sagt sie. „Ich glaube, dass das Menschen, die ein bisschen jünger sind, die solche Zeiten nicht durchmachen mussten, dass da auch Kompetenzen fehlen, wie überlebe ich mit zwei Scheiben Brot die Woche.“

Für die sei es dann einfacher, rauszugehen und Flaschen zu sammeln. „Weil sie eben nicht mehr dumm angemacht werden, weil es gesellschaftlich minimal akzeptierter ist oder da so eine Toleranz entsteht.“

Klaus ist 63, ein großer, schwer übergewichtiger Mann, der sich nur noch mit Mühe ohne Rollstuhl fortbewegen kann. Früher hat er Getränke ausgefahren und sich erfolglos als Selbständiger versucht. Jetzt sind die Knie kaputt und das Geld vom Amt reicht hinten und vorne nicht:

„Von Hartz IV ist schwer zu leben, jedenfalls für einen Menschen, der früher normal gelebt hat“, sagt er. „Dann musste ich eben sehen, was ich mache. Und in der S-Bahn hat mir eines Tages einer mal ein paar ‚Straßenfeger‘ (Berliner Straßenzeitung, die 2018 eingestellt wurde) in die Hand gedrückt. Verkauf doch mal so was, sagt er zu mir. Hab ich gesagt, na warum nicht?“

Inzwischen bessert Klaus sein Hartz IV auf, indem er in einer vornehmen Villengegend Berlins die Straßenzeitung „Motz“ verkauft. So drei, vier Stunden am Tag müsse man das schon machen, sagt er. „Wenn man Glück hat, verdient man gut, und manchmal sitzt man auch eine Stunde, wo gar nichts läuft.“

Insgesamt kämen so etwa 250 Euro im Monat zusammen, sagt Klaus.

Vorausgesetzt er halte sich an bestimmte Regeln. „Man muss gut angezogen sein, das heißt normal, man darf nicht Zigaretten rauchen, man darf nicht Alkohol trinken, so was wollen die Leute nicht haben“, erklärt er. „Selbst wenn mir mal die Augen zufallen, die Leute sehen alles, wenn ich mal ein Loch im Strumpf habe oder wenn ich mal eine Tüte da zu liegen habe, das wollen die Leute nicht. Der Platz muss ordentlich aussehen! Desto mehr Trinkgeld gibt's.“

Allerdings wollen die meisten Leute gar keine Zeitung. Sondern sie geben ihm lieber so Geld. Ist Klaus damit dann nicht eigentlich ein herkömmlicher Bettler? Er widerspricht heftig:

„Eben nicht! Weil ja manchmal auch Leute kommen und mir eine Zeitung abkaufen, das ist ja nicht, dass nun gar keiner kommt. Eine Zeitung muss dabei sein, das ist das mindeste, dass man wenigstens vor sich selber sagen kann, ich bin ein Verkäufer und kein Bettler.“

Aber das Motiv der Leute, ihm Geld zu geben oder eine Zeitung abzukaufen, ist doch Mitleid? „Ja, so ungefähr“, räumt Klaus ein. Findet er das nicht ein bisschen komisch? „Ja, es ist nicht gut. Ich meine nur, im Moment lässt sich da nichts machen. Es ist ja so schon deprimierend, aber wenn da wenigstens eine Zeitung dabei ist, kann man ja den Schein noch wahren. Vor sich selber.“

Deprimierend findet Klaus auch, dass man immer mehr weniger Geld auf der Straße verdient, weil inzwischen so viele dort unterwegs sind: „An jeder Ecke stehen die“, sagt er. „Und die Leute sagen, wenn wir schon fünf Leuten vorher was gegeben haben, dann können wir Ihnen nicht auch noch was geben.“

Doch immer wieder kursieren wilde Geschichten in der Regenbogenpresse über Bettler, deren Tageseinnahme das übersteigt, was ein mittlerer Angestellter im gleichen Zeitraum verdient – und dann auch noch steuerfrei. Ganz unschuldig sind Bettler daran nicht, denn viele neigen dazu, ihre Situation positiver darzustellen, als sie ist.

„Ich glaube, da spielen Scham und Selbstbild eine Rolle“, erklärt der Sozialarbeiter Wilhelm Nadolny. „Menschen bauen sich ja ihre eigene Realität zusammen, dass sie selber gut dastehen.“ Er hält die Verdienstmöglichkeiten von Bettlern dagegen für äußerst beschränkt.

„Ich glaube, es reicht gerade so zur Überlebenssicherung“, sagt Nadolny. Und das sei meistens Suchtmittel einkaufen. „Als Alkoholabhängiger ist man so mit 10, 20 Euro am Tag dabei. Die Leute, die Heroin konsumieren, müssen teilweise am Tag 170 Euro erbetteln. Das schaffen Menschen wohl, aber die haben dann einen 20-Stunden-Arbeitstag.“

„In Nürnberg hatte ich innerhalb von einer halben Stunde 40 Euro zusammengeschnorrt“, sagt Vivi, 28. Eine hübsche, blonde Frau in Jogginghose und grauem T-Shirt, der man nicht ansieht, dass sie zurzeit auf der Straße lebt.

Anders sei es, in Berlin zu betteln: „Wenn du dich hier mal hinhockst und nach ein bisschen Kleingeld fragst, ein paar Cent oder was weiß ich, dann werden die gleich beleidigend.“

Vivi lümmelt sich in der Berliner Bahnhofsmission auf einem Sessel herum und erklärt, wie man am erfolgreichsten schnorrt: „Erstmal hat man als Frau ja grundsätzlich einen Tittenbonus“, sagt sie. „Dann noch eine Trauermiene aufsetzen, das macht es dann auch noch. Und wie du die Leute nach Geld fragst, das ist auch noch so ein Punkt.“

Vivi ist voller Wut: Auf ihre Mutter, die sie nicht wollte, auf den Vater, der die Mutter früh verließ – und auf die Behörden, die ihr ihren Sohn weggenommen haben, weil sie sich nicht adäquat um ihn kümmern konnte.

Vor Kurzem hat sie ihren Freund Danny kennengelernt. Auch er lebt auf der Straße. Nicht zum ersten Mal: „Es gab Zeiten, da habe ich geraubt, räuberische Erpressung gemacht, hab Leute kaputtgeprügelt, hab damals alles gemacht, um an Geld zu kommen. Aber das war eine andere Zeit.“

Dannys Leben, so wie er es erzählt, ist ein permanenter Wechsel zwischen drinnen und draußen, nicht nur, was das Leben in Wohnungen oder auf der Straße angeht. Mit seinen 26 Jahren war er schon dreimal im Gefängnis. Aber er hat auch eine Berufsausbildung als Maler und Lackierer. Und zwei Kinder, von denen eines bereits tot ist. Vor drei Jahren hat Danny zum ersten Mal gebettelt:

„Es war erniedrigend“, erinnert er sich. „Ich hab eigentlich diesen Malerbrief in der Hose, kann was, habe eigentlich eine Familie. Ich stehe jetzt hier so. Toll. Was mach ich da jetzt? Dann hab ich eine Oma gefragt wegen Geld und habe Tränen in den Augen gehabt, weil es mir so peinlich war. Extrem.“

Die angesprochen Frau reagierte aber offenbar recht positiv und lud Danny erst zum Kuchen in eine Bäckerei ein, drückte ihm danach noch 10 Euro in die Hand. „So, hier, kauf dir was, und wenn du willst, auch ein Bier“, sagt Danny. „Dann hab ich mir Essen und Tabak geholt, und da stand sie noch am Bus, und dann hab ich ihr das gezeigt. Und dann geht die in diesen Döner-Laden und hat mir ein Bier gekauft.“

Inzwischen bevorzugen Danny und Vivi eine andere Form des Bettelns: Sie sammeln Pfandflaschen. Danny hat das auch früher schon gemacht, am Bahnhof Südkreuz in Berlin. „Da habe ich, wenn ich Glück hatte, am Tag knapp 50 Euro gehabt“, sagt er. Weil man da auch in den Zügen sammeln konnte und da offenbar einiges findet. Nicht nur Pfandflaschen: „Manchmal findest du auch ein bisschen Tabak, manchmal hast du auch ein Handy gefunden.“

Allein mit Pfandflaschen 50 Euro zu verdienen, ist viel Arbeit. Selbst wenn man nur die wertvollen findet, die 25 Cent bringen, brauchte man davon 200 Stück. Zwei Müllsäcke voll, erklärt Danny. Doch das ist inzwischen nur noch mit Fleiß, Disziplin und bei größeren Events möglich wie Konzerten, Fußballspielen oder größeren Festen.

„Da musst du schon wirklich Glück haben und auch die richtigen Ecken kennen, wo du weißt, da rennt keiner so wirklich hin“, erklärt Vivi. „Und dann halt auch mal in die Büsche reinkriechen, scheiß drauf, ob du dir Zecken einfängst. Hauptsache, du hast erstmal ein bisschen Geld.“

Ein bisschen Geld – das heißt? „An einem normalen Tag vielleicht einen Tabakbeutel und ein bisschen Essen“, sagt Danny. „Ein Tabakbeutel kostet jetzt 4,30, okay, und dann noch ein Toastbrot, das reicht zum Essen. Hat man mehr, kann man noch eine Wurst holen.“

Weil inzwischen so viele Flaschensammler in Berlin unterwegs sind, kommt es immer wieder zu Konflikten um Pfandflaschen. Bei denen auch Danny mitmischt: „Ist es eine alte Dame, die vielleicht ihre Rente aufbessern will, dann okay, komm, lass sie“, sagt er. „Aber kommt da so ein Besoffener oder einer, der sich was spritzen will, dann kann es schon mal dazu kommen, dass ich dem eine Schelle gebe, weil, ich tu keinem von so was Drogen finanzieren.“

Er selber habe schon mal ein Messer an der Kehle gehabt, weil er offenbar an einen Abfalleimer geraten war, den ein anderer als sein Revier betrachtete, erzählt Danny.

„Zum Glück war aber die Bundespolizei gleich da.“ Wenn man schon auf der Straße lebt, sollte man sich eigentlich gegenseitig unterstützen, meint Vivi. Und sich wegen Pfandflaschen abstechen oder sich gegenseitig beklauen. „Was ich jetzt leider in den letzten Tagen auch schon paar mal hatte. Wurde mir erstmal das Portemonnaie geklaut und dann noch der frisch gekaufte Tabak. Sechs Euro oder was kam der?“ – „6,50“, sagt Danny und schüttelt den Kopf:

„Allgemein ist alles so krass und krank geworden, auch jetzt abgesehen vom Flaschensammeln. Ich hab mich jetzt in den letzten zwei Wochen mit Kumpel fast boxen müssen, weil die auf eine Frau raufwollten“, sagt Danny.

„Das war mein Ziehpapa, der auf mich draufwollte im Suff“, erklärt Vivi. „Aber er hat sich dann entschuldigt und okay ... Er hat so oft auf mich aufgepasst, da war Danny noch nicht dagewesen.“ „Man kann so besoffen sein, wie man will, man geht nicht auf eine Frau“, sagt Danny.

Es ist voll geworden auf dem „fünften Arbeitsmarkt“ – und ungemütlich. Die Stimmung auf der Straße ist schlecht:

„Ist egal, was Sie denken, ich hab eine Meinung und einen Standpunkt: Ich kann eine Sorte Leute nicht leiden – nicht alle, kommt immer drauf an, wie sie zu mir sind –, und das sind Ausländer“. Sagt Helga, 70, und ist damit beileibe nicht die Einzige. Sondern Sätze wie diesen hört man häufig von denen, die ganz unten sind. Denn der harte Verteilungskampf auf Berlins Straßen wird von vielen Betroffenen als ethnischer Konflikt wahrgenommen.

„Rassismus ist ein großes Thema“, bestätigt die Sozialarbeiterin Anna-Sofie Gerth. „Sowohl dass sich Menschen zusammentun aus ihrem Land und dann gegen andere wettern, als auch dass deutsche Obdachlose oder deutsche Bettler sagen, die nehmen uns jetzt unser Geld weg, das uns zustehen würde.“ Dass das nicht richtig so sei, sei schwer zu formulieren. „Da gibt es sehr viel Unruhe und Neid und auch Verständnislosigkeit.“

Das beobachtet Anna-Sofie Gerth auch in der Tagesstätte für wohnungslose Menschen, die sie leitet: „Es gibt richtig Lager. Man sieht es auch bei uns im Gastraum, an einem Tisch sitzen nur die Rumänen und am anderen nur die Polen, und beide werfen sich feindselige Blicke zu.“

Hintergrund des Konflikts ist die Konkurrenzsituation. Da gilt es gegenzusteuern. „Das ist auch eines unserer Themen, dass wir sagen, ihr sitzt alle im gleichen Boot, und dass wir versuchen, eine Gemeinsamkeit zu schaffen, und wir sichern euch zu, heute darf jeder duschen und nicht erst die Rumänen und dann die Russen, sondern wer zuerst kommt, darf zuerst duschen“, sagt sie.

Viele, die hier stranden, sind aus Ost- und Südosteuropa. Sie sind nach Berlin gekommen, weil sie glaubten, hier ihr Glück machen zu können. „Berlin ist einfach toll“, sagt Anna-Sofie Gerth. „Das ist auch der Grund, warum andere Bürger nach Berlin kommen. Das ist eine große Stadt, wo man die Hoffnung hat, im Niedriglohnsektor, irgendein Hotel saubermachen oder in der Gastronomie, auch mit wenig Sprachkenntnissen etwas zu finden.“

Viel zu oft klappt es nicht, weil Berlin vielleicht noch einen schlecht bezahlten Job zu bieten hat, aber keinen Wohnraum. Und dann geht es vielen schnell wie Igor, Anfang 50 und seit sechs Monaten in Berlin. Vor der Bahnhofsmission am Zoologischen Garten trinkt er mit anderen Polen Bier.

„Guck mal. Meine Handy – weg. Meine Ausweis – weg“, sagt Igor in gebrochenem deutsch. Er hat einen Rucksack dabei und eine große Plastiktüte, in der ein paar leere Pfandflaschen liegen. Davon lebt er derzeit. „Das ist crazy“, meint er und kündigt an, sich morgen endlich um neue Ausweispapiere zu kümmern.

Bevor er nach Berlin kam, hat Igor für eine Zeitarbeitsfirma im bayerischen Kulmbach gearbeitet. Er kramt in seinem Rucksack herum: ein bisschen Kleidung, ein Kulturbeutel, ein paar lose Einwegrasierer und zwei DIN-A4-Mappen. „Guck mal“, sagt er und breitet den Inhalt der Mappen auf dem Tisch aus: Eine Meldebestätigung aus Kulmbach, ein Schreiben der Krankenversicherung, das ihn für arbeitsunfähig erklärt, und Bankunterlagen.

Keine Wohnung und keine Arbeit zu haben sei eine Katastrophe, sagt Igor. Er scheint es immer noch nicht fassen zu können, dass alles so gekommen ist.

„Mein deutscher Kollege in Bayern hat gefragt: Wo gehst du hin?“ Nach Berlin, habe er gesagt. „Hauptstadt. Das ist Deutschland.“ Berlin sei nicht Deutschland, fand der Kollege. Berlin sei Multikulti. Auch Igor findet, dass es zu viele arabische, türkische, russische, polnische Menschen, gibt, die in Berlin auf der Straße leben. In Bayern hingegen schlafe keiner auf der Straße. „Das ist Deutschland.“

Mitleid als Geschäftsmodell? Der Sozialarbeiter Willy Nadolny hält nichts davon, das Phänomen Betteln unter diesem Aspekt zu betrachten: „Ich finde es ausdrücklich richtig, Leuten Geld zu geben auf der Straße, weil Mitleid ja so eine Konnotation hat, dass jemand auf Mitleid macht, mit Absicht seine Situation dramatisiert, damit ich ihm Geld gebe.“

Dennoch kann Betteln nicht ohne die Geberseite betrachtet werden, denn der Bettelnde muss den potenziellen Geber anrühren, überzeugen oder sonst wie dazu bringen, ihm etwas zu geben. Und dabei haben nicht alle die gleichen Chancen, denn auch die Geberökonomie folgt ihren Gesetzen.

Und nach diesen Gesetzen, vermutet Anna-Sofie Gerth, verdienen deutsche Menschen am besten, „denen man abnimmt, dass sie einen schweren Schicksalsschlag hatten und die was verkaufen oder Hunde vorm Supermarkt festhalten“. Also die, die eine Leistung erbringen, die ansprechbar sind und zu denen man irgendeine Art von Kontakt aufbauen kann.

Also meist der Typ Bettler, der am wenigsten unangenehm für den Gebenden ist, weil allzu viel Elend verstört:

„Es gibt Leute, die kommen in die Bahn rein und man will sofort fliehen, weil das einfach so stinkt, weil die Menschen halt Beine teilweise haben, die am Verwesen sind, und weil das nicht auszuhalten ist, selbst für Fachleute“, sagt Wilhelm Nadolny von der Bahnhofsmission. „Ich bin einiges gewohnt von Arbeit, aber das sind dann auch Sachen, wo einem dann die Tränen kommen, allein schon durch den Geruch. Und wenn man dann drüber nachdenkt, dann kommen einem noch mal die Tränen.“

Die, die stinken und völlig verwahrlost und kaputt sind, bekämen am wenigsten, sagt Anna-Sofie Gerth. Auch, weil man sich schon als Bürger da gar nicht mehr hintraue: „Weil man denkt, oh, der wirkt so psychisch instabil oder nachher fange ich mir noch eine Krankheit ein, wenn ich dem einen Euro in die Hand drücke.“

Sodass auch auf dem „fünften Arbeitsmarkt“ die Schwächsten durchs Raster fallen, die über keinerlei Ressourcen mehr verfügen, sich selbst zu helfen.

„Ich gebe kaum in Berlin, weil das meine Stadt ist und ich ja mit den Menschen zusammenarbeite und es irgendwie komisch für mich wäre, wenn ich jemandem erst in der S-Bahn was gebe und eine halbe Stunde später ist der hier, steht er auf der Arbeit in der Tür“, sagt Anna-Sofie Gerth. „Deswegen gebe ich oft in anderen Städten, und ich gebe tatsächlich den Menschen, die kaltschweißig, zitternd, stinkend irgendwo rumliegen und nichts mehr mitkriegen, weil ich weiß, die brauchen das, um irgendwie noch die Nacht zu überleben, um irgendwie an was ranzukommen, was noch eine kurzfristige Lösung ist.“


Aus: "Betteln und Flaschensammeln: Überleben auf dem „fünften Arbeitsmarkt“" Ulrike Köppchen (06.08.2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/betteln-und-flaschensammeln-ueberleben-auf-dem-fuenften.976.de.html?dram:article_id=455623
« Last Edit: August 08, 2019, 12:54:50 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #956 on: August 08, 2019, 12:52:50 nachm. »
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[...] Es ist kein offizieller Titel. Aber mit einigem Recht kann sich Stephan Fanderl ab sofort der neue deutsche „Mr. Warenhaus“ nennen. Unter seiner Führung soll der lang gehegte Traum von der Deutschen Warenhaus AG – dem Zusammenschluss der ewigen Rivalen Karstadt und Kaufhof unter einem Dach – doch noch Wirklichkeit werden. Die Grundlagen dafür hat der 54 Jahre alte Manager in mühsamer Arbeit bei Karstadt gelegt.

Als der aus einer Ingolstädter Kaufmannsfamilie stammende Fanderl 2014 das Ruder bei dem Essener Unternehmen übernahm, war das wahrscheinlich der schwierigste Job, der im deutschen Einzelhandel zu vergeben war. Nach der Pleite des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor hatten sich unter dem nächsten Eigentümer, dem deutsch-amerikanischen Investor Nicolas Berggruen, die Problem eher noch verschärft. Am Ende musste Berggruen die Karstadt Warenhaus GmbH für den symbolischen Preis von einem Euro an die Signa-Holding des österreichischen Investors René Benko verkaufen.

Fanderl – bis zu diesem Zeitpunkt Aufsichtsratschef der Warenhauskette – übernahm auf Bitte von Benko den Vorstandsvorsitz bei der ums Überleben kämpfenden Firma. Er fing an, Karstadt umzukrempeln. Dabei begann er ganz oben. Die repräsentativen Vorstandsbüros in der Zentrale wurden abgeschafft, stattdessen saßen plötzlich auch die Topmanager im nüchternen Großraumbüro.

Gleichzeitig verordnete Fanderl der Warenhauskette eine harte Sanierung, zu der auch der Abbau zahlreicher Stellen und Filialschließungen gehörten. Bei der Gewerkschaft stieß das Vorgehen damals auf heftigen Widerstand. Die Mitarbeiter würden für die Managementfehler der vergangenen Jahre bestraft, klagte Ver.di-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger angesichts der von Fanderl vorangetriebenen Schließungspläne.

Der neue Chef strich aber nicht nur Stellen, er stutzte auch das Marken-Wirrwarr bei Karstadt und ließ Flächen an externe Händler vermieten. Bei der Sanierungsarbeit kam ihm zugute, dass er den Einzelhandel als Sohn eines Edeka-Händlers von Kindesbeinen an erlebt hat. „Dass er Handel kann, merken Mitarbeiter beim ersten Besuch in der Filiale“, zitierte das Fachblatt „Textilwirtschaft“ eine Stimme aus Fanderls Umfeld. „Der bleibt beim ersten Warenträger stehen und sagt den Mitarbeitern, wo der Fehler ist.“

Die Akribie machte sich bezahlt. Fanderl gelang, woran seine Vorgänger scheiterten. Für das Geschäftsjahr 2016/2017 wies das Unternehmen mit seinen 79 Warenhäusern erstmals seit zwölf Jahren unter dem Strich wieder einen Gewinn aus: 1,4 Millionen Euro.

„Karstadt geht es finanziell so gut wie die letzten 15 Jahre nicht mehr“, sagte der Manager im Frühjahr dem „Handelsblatt“. Inzwischen plant die Warenhauskette unter Fanderls Führung nach rund 30 Jahren sogar wieder die Eröffnung zweier neuer Filialen in Berlin.

Der Erfolg wirkt umso beeindruckender, weil der lange Zeit deutlich erfolgreichere Konkurrent Kaufhof gleichzeitig unter dem neuen kanadischen Eigentümer Hudson’s Bay Company (HBC) in die roten Zahlen rutschte und auch dort ein erheblicher Sanierungsbedarf deutlich wurde. Ein Problem, das jetzt Fanderl lösen muss.

Dass die Fusion von Karstadt und Kaufhof der Königsweg ist, um die Zukunft der Warenhäuser in Deutschland gegen Konkurrenz von Online-Anbietern wie Amazon, Billigketten wie Primark sowie Einkaufs- und Outletcentern zu sichern, steht für Fanderl fest. Immer wieder betonte er in den vergangenen Monaten: „Die industrielle Logik in diesem Geschäft hat sich seit Jahren nicht verändert. Sie spricht für ein einziges Warenhausunternehmen in Deutschland.“

Nun muss er beweisen, dass der Zusammenschluss der Warenhauskonzerne wirklich neue Kräfte freisetzen kann. Viele Mitarbeiter dürften allerdings mit gemischten Gefühlen in die Zukunft blicken. Schließlich hat „Mr. Warenhaus“ schon bei Karstadt bewiesen, dass er auch zu harten Einschnitten bereit ist, wenn er sie für nötig hält.


Aus: "Stephan Fanderl ist ab sofort der deutsche „Mr. Warenhaus“" Erich Reimann (11.09.2018)
Quelle: https://www.welt.de/regionales/nrw/article181494144/Stephan-Fanderl-Der-deutsche-Mr-Warenhaus.html

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[...] Die Mitarbeiter des angeschlagenen Warenhauskonzerns Galeria Kaufhof müssen sich auf harte Einschnitte einstellen. 2600 Vollzeitstellen müssten gestrichen werden, zudem wolle Kaufhof aus dem Flächentarifvertrag aussteigen, teilte das Unternehmen am Freitag mit. In seinem derzeitigen Zustand sei Galeria Kaufhof "nicht überlebensfähig", erklärte Vorstandschef Stephan Fanderl. Die Gewerkschaft Verdi nannte den Sanierungsplan "untragbar".

Galeria Kaufhof, seit November mit Karstadt zu einem Gemeinschaftsunternehmen fusioniert, benötigt laut Fanderl ein "umfassendes Sanierungskonzept". Kurzfristig brauche die Warenhauskette Investitionen in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrags.

Fanderl verwies auf das schlechte Weihnachtsgeschäft. Mit einem Minus von fast vier Prozent gegenüber dem Vorjahr habe es "deutlich unter den Erwartungen" gelegen. Bereits im November aber habe Karstadt-Eigner Signa eine Finanzspritze in "signifikanter Millionenhöhe" leisten müssen, um die Kette zu stabilisieren.

Filialen sollten "zunächst" nicht geschlossen werden, erklärte Fanderl. Die 2600 Vollzeitstellen sollten vor allem in der Verwaltung und durch den Abbau von Doppelfunktionen wegfallen.

Der Ausstieg aus dem Flächentarifvertrag sei "gegenwärtig alternativlos", erklärte Fanderl. Dies sei "keine grundsätzliche Ablehnung von Tarifverträgen", versicherte er. Er strebe in einem nächsten Schritt eine auf die Notlage von Kaufhof zugeschnittene Tariflösung an, also einen sogenannten Haustarifvertrag.

Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger erklärte: "Ein Sanierungsplan ohne Einbeziehung des Betriebsrats und die Ankündigung des Ausstiegs aus der Tarifbindung - das lehnen wir ab und werden um jeden Arbeitsplatz kämpfen."

Nutzenberger kritisierte, es sei nicht hinnehmbar, dass der Konzern sich "allein auf dem Rücken der Beschäftigten gesundstoßen" wolle. Was völlig fehle, sei ein tragfähiges Zukunftskonzept. "Wo sind die Vorschläge, wie es in Zukunft weitergeht? Wo soll investiert werden? Welche Opfer sollen die Manageretagen aufbringen? Nichts davon wird angepackt."

Das neue Gemeinschaftsunternehmen Karstadt und Galeria Kaufhof gehört zu 49,99 Prozent dem kanadischen Handelskonzern HBC und zu 50,01 Prozent der österreichischen Signa-Holding des Investors René Benko.

Sitz des neuen Gemeinschaftsunternehmens soll Essen sein, die bisherige Unternehmenszentrale von Karstadt. Köln, bisheriger Sitz von Kaufhof, bleibe "ein wichtiger Standort der Gruppe", versicherte Fanderl.

Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen sagte der "Rheinischen Post", er freue sich sehr über diese Entscheidung. "Für uns bedeutet das, dass wir national und auch international im Wettbewerb als Wirtschaftsstandort bestehen können."


Aus: "Galeria Kaufhof streicht 2600 Vollzeitstellen und steigt aus Flächentarif aus" (25. Januar 2019)
Quelle: https://www.stern.de/news/galeria-kaufhof-streicht-2600-vollzeitstellen-und-steigt-aus-flaechentarif-aus-8550902.html

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[...] Der Warenhauskönig René Benko setzt die Fusion von Kaufhof und Karstadt nun auch in den obersten Kontrollgremien der Kaufhäuser fort. Wolfram Keil, Finanzchef der Signa Gruppe, übernimmt zusätzlich zum Aufsichtsratsvorsitz von Karstadt nun auch die gleiche Funktion bei Kaufhof.

Das hat der Kaufhof-Aufsichtsrat auf seiner fast fünfstündigen Sitzung am Mittwoch beschlossen. Er ersetzt mit sofortiger Wirkung Bernd Beetz, der seinen Posten niedergelegt hat. Der ehemalige Chef des Luxusgüterkonzerns Coty war damals als Vertreter des kanadischen Konzerns Hudson's Bay Company (HBC) in den Aufsichtsrat eingezogen.

Der Schritt kommt nicht überraschend. Mitte Juni hatte Benkos Signa Holding mitteilte, dass man die restlichen Anteile der Warenhausgruppe von HBC übernehmen werde. Die Kanadier waren zuletzt noch mit 49,99 Prozent an Kaufhof beteiligt.

Ein Sanierer, der nicht lange fackelt

Keil gilt als Sanierer, der nicht lange fackelt. Vor seinem Engagement bei den Österreichern war der Immobilienexperte bei diversen Finanzinvestoren beschäftigt. Von Terra Firma über Cerberus bis hin zu Square Four - Unternehmen, die im Volksmund gerne auch Heuschrecken genannt werden.

Bei den Arbeitnehmern von Kaufhof stößt die Berufung Keils auf Skepsis, gilt er im Gegensatz zu Beetz als wenig diplomatisch. Besonders Kaufhof drohen im Zuge der Fusion harte Einschnitte mit Stellenstreichungen. Bereits nach dem schlechten Weihnachtsgeschäft hatte der Chef der Warenhaus AG, Stephan Fanderl angekündigt, bei Karstadt und Kaufhof 2600 Vollzeitstellen zu streichen.

Die Stimmung bei den Beschäftigten ist dementsprechend schlecht. Eine Entscheidung des Aufsichtsrats dürfte diese nicht steigern: Die Hauptverwaltung von Kaufhof in Köln soll bis Ende des Jahres geschlossen werden - der Mietvertrag läuft aber noch bis 2028.


Aus: "Eigentümer baut um: René Benko setzt neuen Chefaufseher bei Kaufhof ein" Margret Hucko (18.07.2019)
Quelle: https://www.manager-magazin.de/unternehmen/handel/galeria-karstadt-kaufhof-rene-benko-setzt-neuen-chefaufseher-bei-kaufhof-ein-a-1277868.html

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« Reply #957 on: August 12, 2019, 03:15:31 nachm. »
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[...] Wer als Single mehr als 3.440 Euro netto im Monat zu Verfügung hat, gehört zur Oberschicht. So definieren Ökonomen die einkommensstärksten zehn Prozent der Gesellschaft. Kinderlose Paare zählen ab einem gemeinsamen Haushaltseinkommen von 5.160 Euro netto im Monat zur Oberschicht. Das geht aus einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hervor.

...  Auffällig ist, wie stark sich die Lebenssituation auf das Armutsrisiko auswirkt: 75 Prozent der Alleinerziehenden haben der Studie zufolge weniger als das bedarfsgewichtete Medianeinkommen. Auch 60 Prozent der Alleinlebenden sind ärmer. Dagegen haben 64 Prozent der kinderlosen Paare mehr als diese Summe im Monat zur Verfügung.

Für die Alleinerziehenden zeigt sich noch ein anderer Effekt: Das mittlere Einkommen der Alleinerziehenden liegt bei 1.309 Euro netto im Monat. Mit dieser Summe zählt man zum einkommensärmsten Viertel der Bevölkerung.

... Das Durchschnittseinkommen von Akademikerinnen und Akademikern liegt demnach bei 2.541 Euro für Alleinlebende. Drei Viertel der Bevölkerung in Deutschland haben weniger als diese Summe im Monat zu Verfügung.

... Interessant ist darüber hinaus die Selbsteinschätzung der meisten Menschen, die statistisch zur Oberschicht gehören. Die Studienautorinnen und Studienautoren verglichen die Daten mit den Ergebnissen früherer Umfragen und stellten fest: Die Mehrheit der Wohlhabenden sortiert sich selbst eher zur Mittelschicht, allenfalls zur oberen Mittelschicht. Aber kaum jemand sieht sich selbst zur Oberschicht zugehörig. Woran das liegt, darauf findet die Studie keine Antworten.

Möglicherweise hat das etwas mit den Stereotypen und Vorurteilen von Oberschicht und Reichtum zu tun – aber auch etwa damit, dass sich die Einkommensspanne für die Oberschicht weit zieht. Sehr wenige Personen in Deutschland haben ein monatliches Einkommen etwa durch Kapitaleinkünfte, das weit über den statistischen Werten liegt. Medienberichte über Spitzenmanager wie den früheren Daimler-Chef Dieter Zetsche, der eine Rente von mehr als 4.250 Euro pro Tag ab 2020 bekommen soll, prägen offenbar die Vorstellung vieler Menschen von der Oberschicht. Manche könnten daher denken, dass man erst ab einem Monatseinkommen von mehreren Zehntausend Euro wirklich zur Oberschicht zählt.


Aus: "Paare mit mehr als 5.160 Euro gehören zur Oberschicht" (12. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-08/institut-der-deutschen-wirtschaft-einkommen-singlehaushalt-gehalt/komplettansicht

Quote
Tillmann König #1.30

"Und auch für Wohnungen im Bereich von 1800-2500€ darf man sich gegen dutzende oder noch mehr Mitbewerber durchsetzen..."

Das ist richtig. Allerdings habe ich, wenn ich eingeladen wurde, meistens auch eine Zusage bekommen. Hier mal ein paar Tipps:
-Bereits beim Anschreiben auf immoscout / immowelt möglichst viel von sich preisgeben - dazu gehören Beruf, Einkommen, Schufascore, die Tatsache, dass man kein Instrument spielt, keine Haustiere hat und nicht raucht.
- Bei der Besichtigung pünktlich erscheinen, die Unterlagen ausgedruckt mitbringen, ähnlich einer Bewerbungsmappe. Hier gehören Gehaltsnachweise rein, der ausgedruckte Schufascore (mindestens 95%, besser mehr), Kontaktdaten des vorherigen Vermieters, der gerne über Sie und Ihre Zahlungsmoral Auskunft gibt. Gegebenenfalls auch Kontoauszüge beilegen.
- Natürlich ordentlich gekleidet zum Besichtiungstermin erscheinen. Wenn Sie Tattoos haben sollten: Mit der Kleidung verdecken! Nachfragen stellen, aber nicht zu kritische. Wenn der Vormieter möchte, dass Sie diese und jene Möbel ablösen, sagen Sie "gerne". Wenn der Makler Witze macht -> lachen Sie. Stellen Sie sich auf jeden Fall mit dem Makler und dem Vormieter gut.
- Betonen Sie immer wieder, dass Sie nicht rauchen, keine Instrumente spielen, sich niemals Haustiere anschaffen werden und an einem möglichst langfristigen Mietverhältnis interessiert sind.


Quote
SoconF #1.39

Die Zahlen sind komplett unseriös, die Schichtenzugehörigkeit muss man am VERMÖGEN und nicht am Einkommen festmachen. Die komplette Oberschicht fehlt nämlich in der Aufstellung, da diese Kapitalerträge, Dividende, Unternehmensbeteiligungen haben und dort die Erträge generieren und nicht aus nichtselbständiger Arbeit.

Alles Augenwischerei....


Quote
Anton Hoffreither IV #1.41

Das ist genau wie bei Armut, die wird halt auch relativ definiert.

Reichtum bei 5000€ Netto bei Doppelverdienern zu unterstellen, zeigt eigentlich nur, wie arm die Deutschen eigentlich wirklich sind.


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Super-Migrant #10

OK, dann bin ich wohl auch Oberschicht. Framing nennt man das glaub ich! Das soll nämlich noch mehr Steuern legitimieren, mit der Neidgesellschaft im Rücken kann man der Oberschicht jede Steuer aufdrücken!


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Gorgar #15

Sozialistisches Gefasel. Oberschicht ist für mich der, der sich Eigentum leisten kann und keine Sorge um sein Einkommen haben muss, bzw genug beiseite legen kann. Wer durch Jobverlust schnell zur Unterschicht wird, ist keine Oberschicht.


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St.Ma #16

Früher - vor 30 oder 40 Jahren konnte ein Familienvater mit Durchschnittseinkommen eine Familie ernähren. Es hat für die Miete, Lebensmittel, Kleidung, Schulausstattung, Auto und 2 Wochen Urlaub gereicht. Nicht üppig aber ausreichend. Heute mit nur einem Einkommen vollkommen undenkbar. Wobei die Produktivität inzwischen stark angestiegen ist. ...


Quote
Macintom #16.2

"Wo zum Teufel ist das Geld geblieben?"

Tja, das ist der Globalisierung und dem Druck, billiger als woanders zu produzieren, gewichen. Aber Sie haben recht: Mein Vater war ganz und gar nicht reich, aber trotzdem reichte sein Einkommen um eine vierköpfige Familie zu ernähren. Heute undenkbar.


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Warmonger #16.5

Mein Vater war bei einer Zeche als Fahrer angestellt.
Erst haben wir mit drei Kindern im Zechenhaus gelebt.
Später hat er mit Hilfe einiger Kumpels von der Zeche ein Mehrfamilienhaus gebaut, dass wegen Sozialwohnungen staatlich gefördert wurde.
Dafür waren für 30 Jahre die Mieten gedeckelt, lagen unter dem Markwert und durften nicht angehoben werden.

Wir hatten ein VW Käfer, sind nach Italien in den Urlaub gefahren, waren im Schwazrwald wandern, in der Eifel etc. Manchmal waren wir auch campen.
Niemand musste damals zur Arbeit pendeln. Das gab es nicht. Alle haben fußläufig zum Arbeitgeber gewohnt odr es gab Werksbusse von Siemens etc.
Wi r hatten früh ein Telefon, einen Kühlschrank, ein Fernseher.
Ich hatte nie das Gefühl, dass es an irgendetwas gefehlt hätte. (Und damals hat alles noch 30 JAhre gehalten, konnte repariert werden und war nicht nach 2 Jahren kaputt).

Und was ist heute? ...


Quote
NochNeMeinung #18

Hier lässt sich wieder sehr gut sehen, dass das Ehegattensplitting asozial ist und dringend durch ein Familiensplitting vergleichbar mit dem französischen System ersetzt werden sollte. Es ist nicht Aufgabe des Staates, das Zusammenleben von erwachsenen Menschen, die zum Standesamt gegangen sind, zu fördern, sondern nur diejenigen zu entlasten, die Kinder großziehen. Und das eine hat mit dem anderen heutzutage immer weniger zu tun, weil das Familienmodel der 50er Jahre schon lange nicht mehr die Regel ist.


Quote
Anjabdg #19

Einkommen oder Vermögen sind für Schichtenzugehörigkeit vergleichsweise belanglos. Ob einer zur Oberschicht gehört, erweist sich allein am Habitus.


Quote
Herr Wolfmann #28

Ob jemand zur Oberschicht gehört, lässt sich wohl kaum in Geld messen. Zur
Oberschicht zählen wohl eher Menschen, die ungewöhnlich großen Einfluss
auf andere haben. Wichtiger als Geld dürften dabei Persönlichkeit, geistige Fähigkeiten, Engagement, Fortune und Beziehungen sein. Eigentlich unterscheidet
sich das reale Leben von Armen, Mittelschicht und Reichen in Deutschland weniger
als weltweit und mehr in der Sozialtheorie als in der Realität. Es gibt Reiche, die
sehr bescheiden leben, und Ärmere mit beachtlichen Ansprüchen. Vieles bleibt
hier fließend und relativ. So wird dem hungrigen Magen eine heiße Bratwurst
mit Senf viel höheren Genuss bieten als dem Satten Kaviar oder Entenbrust.
Ein rechter Philosoph kann in armen Verhältnissen glücklich leben und sich
auch selbst zur Oberschicht im Volk rechnen.


Quote
cardoso2222 #31

“Kinderlose Paare zählen ab einem gemeinsamen Haushaltseinkommen von 5.160 Euro netto im Monat zur Oberschicht”

In der zitierten Studie wird nicht von Oberschicht geredet, sondern nur davon, wo man in der Einkommensverteilung liegt. Das sagt uns nur wie ich im Vergleich zu anderen in D verdiene. Daraus eine sozio-ökonomische Schicht anzuleiten ist sehr gewagt.


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ssr #33

Oberschicht definiere ich als jemand, der sich substanziell in Firmen etc. einkaufen kann, bzw. jemand der locker 3/4 seines Besitzes verlieren kann und dann immer noch nicht zum Durchschnitt gehört.


Quote
Freundschafter #36

Wer hat den die Deutungshoheit über den Begriff Oberschicht z.B. das Diese die reichsten 10% und nicht die reichsten 5% sind?
Das ist doch eine willkürliche Festlegung, oder?


Quote
timboso #43

Nun ja.

Bei 3.440 Euro netto im Monat = Oberschicht. Würde ich persönlich ja noch lachen. War ich immer schon drüber. ...


...

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« Reply #958 on: August 13, 2019, 03:01:37 nachm. »
Quote
[...] 70 Jahre Grundgesetz, 30 Jahre Mauerfall: Im Jahr 2019 werden große Jubiläen begangen. Doch was die Politik als wichtige demokratische Errungenschaften feiert, was bedeutet das eigentlich den Bürgerinnen und Bürgern noch? Offenbar nicht mehr allzu viel, folgt man dem Befund einer Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, die der SPD nahe steht. Demnach ist die Mehrheit der Deutschen, nämlich 53 Prozent, unzufrieden damit, wie die Demokratie hierzulande funktioniert – ein Tiefstand.

Das war nicht immer so: Lange waren etwa 60 Prozent der Deutschen zufrieden mit der Demokratie, doch seit 2015/16 gibt es einen steilen Knick nach unten. Die Studienautoren führen das vor allem auf die wirtschaftliche Situation und den Anstieg der Flüchtlingszahlen zurück.

Dabei zeigen sich große Unterschiede: Menschen mit hoher Bildung und Einkommen sind überdurchschnittlich zufrieden mit der Demokratie. Die Kehrseite ist, dass diejenigen, die sich tendenziell wenig an Wahlen beteiligen, besonders unzufrieden sind, etwa Menschen mit geringerem Einkommen. Auch unter Nichtwählern ist der Anteil der Unzufriedenen besonders hoch: Er liegt bei mehr als 70 Prozent. Und wer findet, es sei völlig egal, wer regiert, ist ebenfalls unzufrieden mit der Demokratie. Menschen auf dem Land sind unzufriedener als Großstädter.

In Ostdeutschland, wo bald drei neue Landtage gewählt werden, ist der Frust besonders groß: Nur etwas mehr als ein Drittel (36 Prozent) der Ostdeutschen ist zufrieden mit der Art und Weise, wie die Demokratie funktioniert, gegenüber knapp der Hälfte (49 Prozent) im Westen. Dieser große Abstand zwischen beiden Seiten besteht seit Jahren und wird nicht kleiner. Studienautor Frank Decker, Politikwissenschaftler an der Universität Bonn, sagt: "Teile der Ostdeutschen sind noch nicht wirklich angekommen in der liberalen Demokratie."

Das macht er auch an den Wahlerfolgen der AfD fest: Zwar gebe es keine Anzeichen, dass sich die Menschen gänzlich von der Demokratie abwenden. Aber die Erfolge der AfD in Ostdeutschland seien dramatisch. Eine kritische Schwelle sei insbesondere in Sachsen erreicht: "Da gibt es tatsächlich demokratiegefährdende Tendenzen."

Gleichzeitig sind die Ostdeutschen deutlich optimistischer als Westdeutsche: 41 Prozent blicken zuversichtlich in die Zukunft, im Westen sind es etwa 30 Prozent. Allerdings ist das Zukunftsvertrauen insgesamt gering: Zwei Drittel der Deutschen gehen davon aus, dass es künftigen Generationen in Deutschland schlechter gehen wird. Am pessimistischsten sind Süddeutsche – möglicherweise, weil sie den größten Wohlstand und damit am meisten zu verlieren zu haben.

Viele Befragte sehen den Wohlstand ungleich verteilt: Zwei Drittel stimmen der Aussage zu, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung nicht von der guten wirtschaftlichen Entwicklung profitiert. Das sähen auch jene so, "die selbst nicht auf der Verliererseite sind", schreiben die Autoren.

Unterschiede gibt es zwischen den Anhängerinnen und Anhängern der einzelnen Parteien. Mit etwa zwei Dritteln Zustimmung sind Anhänger der Union am zufriedensten mit der Demokratie in Deutschland. Das erklären die Autoren mit dem Gefühl, den Wahlsieger und damit die spätere Regierungspartei gewählt zu haben. Auch die Grünen-Anhänger sind mit deutlicher Mehrheit zufrieden. Große Unzufriedenheit zeigen dagegen Anhänger der Linken: Nur ein Drittel findet die Demokratie, wie sie funktioniert, gut.

Gänzlich unzufrieden sind Anhänger der AfD: Nur sieben Prozent sagen, sie finden die Funktionsweise der Demokratie gut oder sehr gut. Studienautor Decker warnt: Die AfD sei zwar eine demokratisch gewählte Partei, aber nicht unbedingt eine demokratische Partei. "Sie steht auf Kriegsfuß mit elementaren Prinzipien der Demokratie."

Eines dieser elementaren Prinzipien der Demokratie sind Teilhabemöglichkeiten für die Bürgerinnen und Bürger – in einer repräsentativen Demokratie wie in Deutschland sind das vornehmlich Wahlen. Und auch hier herrscht große Unzufriedenheit. 40 Prozent sagen, sie wünschten sich mehr direkte Demokratie – ein Wert, der allerdings wieder sinkt, womöglich angesichts der verheerenden Folgen des Brexit-Referendums.

Die Unzufriedenheit drückt sich auch darin aus, dass viele Menschen den politischen Institutionen kaum noch vertrauen. Parteien, Bundestag und Bundesregierung sowie den Medien wird wenig Vertrauen entgegengebracht. Auffällig sind auch hier AfD-Anhänger: Ihr Vertrauen in Parteien und Bundesregierung liegt im einstelligen Bereich.

Das geringe Vertrauen in Parteien äußert sich überdies im negativen Bild von Politikern: Fast 90 Prozent der Befragten sagen, dass die meisten Politiker mehr versprechen, als sie halten könnten. Und drei Viertel glauben, dass sich Politiker nicht um die Sorgen von Menschen wie ihnen kümmern. Umgekehrt erkennen zwei Drittel an, dass der Politikerjob schwer ist, und nur eine Minderheit findet, dass Politiker unverständlich sprechen würden.

Das schlechteste Image von Politikern haben mit großem Abstand die Anhänger der AfD. Die Anhänger aller anderen Bundestagsparteien (mit Ausnahme der Linken) gestehen Politikerinnen und Politikern mehrheitlich zu, das Beste für das Land im Sinn zu haben.

Woran liegt nun diese Unzufriedenheit – und was kann man dagegen tun?

Politiker "sind nicht die besseren Menschen und brauchen es auch nicht zu sein", schreiben die Autoren. Gleichwohl geben sie mehrere Empfehlungen ab, um das Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen: Sie sollten in ihren Positionen beständig sein, nur das versprechen, was sie halten können, mit eigenen Fehlern aufrichtig umgehen und auf lukrative Nebentätigkeiten verzichten.

Der Studie zufolge sind viele Menschen in Deutschland vor allem enttäuscht davon, was die Politik konkret umsetzt. Das war schon  1997 so: Als Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Probleme das Ende der Kohl-Jahre einläuteten, lag die Demokratiezufriedenheit ähnlich niedrig wie jetzt.

Heute treiben die Menschen insbesondere Rente und Wohnen  um. Nur ein Viertel findet, dass der Staat den Lebensstandard im Alter gut gewährleistet, noch weniger Menschen finden das Problem, ausreichend (bezahlbaren) Wohnraum zu schaffen, gut gelöst: Nur 15 Prozent stimmen hier zu. Gut bewertet wird dagegen mehrheitlich die Bildung, der Lebensstandard Arbeitsloser und die Gesundheitsversorgung.

Welche Forderungen haben die Menschen also an die Politik? Die Studie wurde von der Friedrich-Ebert-Stiftung beauftragt – daher überrascht es nicht, dass Kernforderungen der SPD abgefragt wurden. Demnach sind 77 Prozent der Befragten für eine Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung und fast zwei Drittel für ein staatliches Vorkaufsrecht für Wohnungen. Zudem lehnt es eine knappe Mehrheit der Befragten ab, Migranten weniger Sozialleistungen zu gewähren als Einheimischen. Auch die Idee, Arbeitslose zu verpflichten, jeden Job anzunehmen, auch wenn dieser Job nicht ihrer Qualifikation entspricht und sie weniger verdienen würden, weist die Mehrheit zurück. Erstaunlich ist dabei: Allen Hartz-IV-Debatten zum Trotz, die die SPD fast zerrissen hätten, sind SPD-Anhänger mehrheitlich für diese Jobverpflichtung. 

Ebenso auffällig ist, dass Befragte mit Migrationshintergrund mit mehr als zwei Dritteln viel stärker dafür sind, Zugewanderten weniger Sozialleistungen zu gewähren als Einheimischen. Doch Studienautor Decker findet das nicht überraschend: "Es geht um Konkurrenz. Die Arbeitsmigranten, die sich ihren Wohlstand in Deutschland hart erarbeitet haben, sind offenbar weniger bereit, mit neuen Zuwanderern zu teilen, die zum Teil aus anderen Kulturkreisen kommen, wie etwa die Flüchtlinge aus dem arabischen Raum. Wohlfahrtschauvinismus als Einstellung findet sich nicht nur unter den Biodeutschen."

In Ostdeutschland sei der Wunsch, einheimische Menschen bei Sozialleistungen gegenüber Zuwanderern zu bevorzugen, auch wegen der massenhaften Abwanderung so groß (57 Prozent Zustimmung gegenüber 43 Prozent in Westdeutschland), so Decker. Der Verlust großer Bevölkerungsteile nach dem Mauerfall habe die Gesellschaft verändert und sei vergleichbar mit anderen mittel- und osteuropäischen Ländern. "Die innereuropäische Konfliktlinie über die Flüchtlingspolitik in Europa verläuft direkt durch Deutschland."

Neben konkreten Politikangeboten empfehlen die Autorinnen und Autoren neue Beteiligungsmöglichkeiten. Denn Zukunftsthemen wie der Klimaschutz liefen repräsentativen Systemen, die auf kurzfristige Wahlerfolge ausgerichtet sind, zuwider, sagt Studienautor Decker. Die Beschäftigung mit Klimapolitik ist also nicht attraktiv für gewählte Politiker, weil sich ihre Ergebnisse erst viel später zeigen. Um Gesetze und Programme zu langfristigen Zukunftsthemen zu verabschieden, könnten daher alternative Beratungs- und Entscheidungsverfahren wie zum Beispiel Loskammern sinnvoll sein. Als Beispiel führt Decker Irland an: Dort hat eine Gruppe zufällig ausgewählter Bürgerinnen und Bürger mit großem Erfolg zusammen mit Experten eine Verfassungsreform zu umstrittenen Themen wie Schwangerschaftsabbruch und der Ehe für alle erarbeitet.

Aber, so schränkt Decker ein: Zu viele Hoffnungen solle man in solche institutionellen Reformen nicht setzen, sondern: "Die Bürger müssen sich mit dem politischen Angebot besser identifizieren können. Das heißt, die Interessen derjenigen, die heute auf der Strecke bleiben oder glauben, dass sie auf der Strecke bleiben, wieder stärker zu berücksichtigen", etwa mit der Grundrente ohne Bedürfnisprüfung und einer besseren Wohnungspolitik.

Denn: "Der Schlüssel, um das Vertrauen wieder zu stärken, ist der Politik-Output. Der Staat muss sich mehr um den Zusammenhalt und um die Gleichheit in der Gesellschaft kümmern."


Aus: "Friedrich-Ebert-Stiftung: Mehrheit der Deutschen ist demokratieverdrossen" Rita Lauter (13.08.2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-08/friedrich-ebert-stiftung-demokratie-ostdeutsche-westdeutsche-zufrieden-studie/komplettansicht

Quote
karl-m #3

Was ist dass denn für eine Frage! Mit der Demokratie kann man nicht zufrieden oder unzufrieden sein. Sie ist eine Staatsform, die kann man bevorzugen oder ablehnen.
Ich war mit der Politik von Brandt und teilweise von Schmidt einverstanden und somit zufrieden. Die Politik von Kohl und AM lehnte ich ab und war/bin damit unzufrieden.
Alle genannten Kanzler agierten in der selben Salatsform. Die Frage muss lauten: Sind sie mit der Umsetzung der Demokratie aktuell zufrieden?


Quote
Proclamator #3.5

"Die Frage muss lauten: Sind sie mit der Umsetzung der Demokratie aktuell zufrieden?"

Nein. Die Frage müsste lauten: Sind sie mit der Politik, die Ihre Regierung derzeit macht zufrieden und fühlen Sie sich repräsentiert?


Quote
zimuncumuncu #4

Was für ein bemitleidenswert misanthropisches Volk wir doch sind. Bei allen Problemen und bei aller gerechtfertigter Kritik. Dieses Ergebnis ist vollkommen losgelöst von der Realität.


Quote
dingensda #4.7

Liebe Demokratieverdrossene,
ich würde mal einen Studienaufenthalt in einem Land empfehlen, in dem eine Lichtgestalt wie Putin, Erdogan, Maduro oder Idi Amin Dada (Gott hab ihn selig) dafür sorgt, dass alles immer bestens läuft.

Alternativ möchte ich mit Walter Lübcke sagen: Es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten, und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist. Das ist die Freiheit eines jeden Deutschen.


Quote
Slowenendeutscher #4.12

Es kommt immer darauf an , welche Realität man für real hält.
Man soll nicht alles denken , was man glaubt.


Quote
Coveillance #5

"Mehrheit der Deutschen ist demokratieverdrossen
Nur noch eine Minderheit ist einer Untersuchung zufolge zufrieden mit der Demokratie"

Ist es nicht möglich, dass diese Mehrheit nicht mit der Demokratie, sondern mit dem Demokratie-Schauspiel unzufrieden ist, welches momentan aufgeführt wird, im Berliner Reichstagsgebäude, welches nun von Zaun und Wassergraben umgeben wird?


Quote
Thrym #7

Wir haben momentan die Wahl zwischen:

-einem völlig ambitionslosen Verwaltungsmodus von Karrieristen (Union, SPD)

-hysterischen Moralisten (Linke, Grüne) mit unendlich teuren weltfremden Ideen

-einer FDP, die sich von ihrem sozialliberalen Bürgerrechts-Markenkern entfernt hat

-einer AfD die es nicht schafft und auch gar nicht immer schaffen will, sich von Rechtsradikalen zu distanzieren. Die dafür aber ein Alleinstellungsmerkmal beim Bekämpfen illegaler Migration hat.

Wie soll denn da irgendjemand wirklich begeistert sein Kreuzchen machen? Es kann halt jeder genervt das wählen, was er persönlich für das kleinste Übel hält. Aber Begeisterung? Nein!


Quote
UniKrebsforscher #7.3

Die Gesetze der Physik sind nicht weltfremd. Klimawandel is coming (Winter is going). Die Grünen sind eher noch zu wenig fordernd. Mag sein dass Ihnen das nicht passt. Ändert aber nichts. Man kann sich zwar noch eine Weile selbst belügen, wird dann aber trotzdem von den menschengemachten Tatsachen (CO2 Anstieg, Umweltzerstörung) eingeholt...


Quote
Dada Max #7.4

Man könnte zum Beispiel über das Kreuzchen hinaus mal aus der reinen Konsumentenrolle rauskriechen und selbst aktiv in das Geschehen eingreifen, wenn man denn tatsächlich so wahnsinnig unzufrieden ist. Ist hierzulande nicht verboten. Man darf sogar eine andere Meinung haben als die Mehrheit. Und diese äußern, ohne eingesperrt zu werden. Immerhin leben wir in einer Demokratie.



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« Reply #959 on: August 14, 2019, 09:03:27 vorm. »
Quote
[...] In Deutschland sinkt die Zahl der Sozialwohnungen. Im vergangenen Jahr sind deutlich mehr Wohnungen für Menschen mit geringem Einkommen weggefallen, als neu gebaut wurden. So gab es zum Jahresende 2018 fast 42.500 Sozialwohnungen weniger als noch ein Jahr zuvor, ein Minus von 3,5 Prozent. Das geht aus der Antwort des Innenministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor. Insgesamt wurden zum Jahreswechsel fast 1,18 Millionen Sozialwohnungen in Deutschland vermietet.

Bei diesen Wohnungen sind die Mieten staatlich reguliert und dadurch vergleichsweise niedrig. Nur Menschen, bei denen die Behörden einen besonderen Bedarf sehen, dürfen dort wohnen. Zentrales Kriterium ist das Haushaltseinkommen – allerdings sind die Einkommensgrenzen von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich. In der Regel dürfen die Mieterinnen und Mieter auch dann in der Sozialwohnung bleiben, wenn sie nach einiger Zeit mehr verdienen.

Sozialwohnungen bleiben aber nicht ewig Sozialwohnungen. Nach einer bestimmten Zeit, üblicherweise 30 Jahre, fallen sie aus der Bindung und können normal am Markt vermietet werden. Weil seit den Achtzigerjahren nur wenige Sozialwohnungen neu gebaut wurden, fehlt es heute an Ersatz.

In den vergangenen 15 Jahren hat sich ihre Zahl etwa halbiert. Inzwischen werden mit staatlicher Förderung zwar wieder vermehrt solche Wohnungen gebaut – doch das reicht nicht, um die Gesamtzahl konstant zu halten. Allein im vergangenen Jahr fielen der Statistik zufolge bundesweit rund 70.000 Sozialwohnungen aus der Bindung, etwa 27.000 wurden neu gebaut.

Caren Lay von der Linksfraktion fordert deshalb ein "Rettungsprogramm für den Sozialen Wohnungsbau". Statt Fördergelder wie geplant zu senken, müssten zehn Milliarden Euro investiert und 250.000 neue Sozialwohnungen gebaut werden. Im vergangenen Jahr hatte der Bund den Ländern rund 1,5 Milliarden Euro für die sogenannte Wohnraumförderung zur Verfügung gestellt.

Außerdem müssten einmal geförderte Sozialwohnungen künftig immer Sozialwohnungen bleiben, sagte Lay. Nach ihrer Rechnung fehlen in Deutschland derzeit mehr als fünf Millionen Wohnungen für Menschen mit geringem Einkommen.

Fast in allen Bundesländern sind die Zahlen rückläufig. Einzig in Bayern (plus 1.285 Wohnungen) und in Sachsen (plus 161 Wohnungen) wurden im vergangenen Jahr mehr Sozialwohnungen gebaut, als aus der Bindung fielen. In Berlin blieb das Verhältnis stabil. In Brandenburg dagegen schrumpfte der Sozialwohnungsbestand innerhalb eines Jahres um mehr als 12.200 Wohnungen oder fast 30 Prozent.

Die meisten Sozialwohnungen pro Person gab es 2018 in den Stadtstaaten Hamburg und Berlin, die wenigsten im Saarland und in Sachsen-Anhalt. In absoluten Zahlen führt das bevölkerungsstarke Nordrhein-Westfalen mit mehr als 450.000 geförderten Wohnungen – im Saarland dagegen gab es nur 530 Mietwohnungen mit Belegungsbindung.


Aus: "Über 42.000 Sozialwohnungen weniger in Deutschland" (14. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-08/sozialer-wohungsbau-weniger-sozialwohnungen-deutschland

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« Reply #960 on: August 14, 2019, 05:00:58 nachm. »
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[...] Klang nach einem coolen Geschäftsmodell: Wer grad keine Zeit hat zu kochen, kann sich das Essen fix bestellen, zwischendurch, per App. Reproduktion mit einem Klick erledigt. Früher unbezahlte (weibliche) Hausarbeit wird nun auf den Markt geworfen: So entstehen sogar Jobs. Klar, für 7,50 Euro pro Stunde durch den Regen radeln, zig Stockwerke erklimmen, dabei vom Chef per App gestresst werden, das klingt uncool. Aber hey, c‘est la vie. Fahrer beschwerten sich hier und da, gaben Zeitungen Stoff für Reportagen, und das Geschäft brummte weiter. Türkise und pinke Radler überall.

Nun verschwinden erstere: Deliveroo zieht sich vom 16. August an aus Deutschland zurück, kündigte das Unternehmen an – am 12. August. Was innerhalb von vier Tagen auch verschwindet: das Einkommen der Fahrer. Kündigungsfrist gab es bei den 1.100 Freelancern keine, Anspruch auf eine Abfindung auch nicht. Aus PR-Gründen zahlt Deliveroo ihnen nun „Kulanzpakete“, basierend auf dem Tagessatz der durchschnittlichen wöchentlichen Einnahmen der letzten Wochen. Mindestens: 50 Euro.

Dass prekäre Arbeitsbedingungen super in ein Geschäftsmodell passen, das Angebot und Nachfrage just in time aufeinander abstimmen muss, ist nichts Neues. Volle Flexibilität für das Unternehmen, volle Unsicherheit für die Arbeiterinnen: das Comeback der Tagelöhner im Neoliberalismus. Wer profitiert? Die Kapitalisten!, möchte die Marxistin rufen, nur: Das stimmt nicht. Deliveroo und sein niederländischer Konkurrent Takeaway, Mutter des deutschen Lieferando, verzeichnen Jahr für Jahr Verluste. Was ist das für ein Geschäfsmodell?

Ein „sehr schlechtes“ – zitiert das Manager Magazin Takeaway-Gründer Jitse Groen selbst, „unmöglich profitabel zu betreiben“. Der „Gewinn“ von Takeaway in Deutschland lag 2018 bei minus 36,7 Millionen Euro. Besiegen konnte der Konzern Deliveroo dennoch, einfach, weil er wächst: von 2016 auf 2018 stieg der Takeaway-Umsatz von 37 auf 86 Millionen Euro. Das Unternehmen schluckte Lieferando, Foodora – und nun den britischen Lieferdienst Just eat. Friss oder stirb wird zu: Friss einfach! Irgendein Investor wird schon weiter Kapital zuschießen. Bis die Wette aufgeht, die Konkurrenz weg ist und die Preise steigen können. Oder: Bis die Blase platzt.


Aus: "Friss einfach" Elsa Koester (14.08.2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/elsa-koester/friss-einfach


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« Reply #961 on: August 19, 2019, 10:48:18 vorm. »
Quote
[...] Der Chef der angeschlagenen Restaurantkette Vapiano, Cornelius Everke, hat seinen Rücktritt angekündigt. In einer Mitteilung des Unternehmens wurden persönliche Gründe genannt. Der Vertrag werde "einvernehmlich" und schon zum 31. August beendet, hieß es weiter.

Die schnell gewachsene Restaurantkette steckt seit längerem tief in der Krise (Eine Analyse finden Sie hier). Bei einem Umsatz von rund 372 Millionen Euro musste das Unternehmen 2018 einen Verlust von 101 Millionen Euro hinnehmen. Dies lag vor allem an hohen Abschreibungen und höheren Betriebskosten im Zuge der Ausdehnung. Der Schuldenberg wuchs deutlich an. Auf gleicher Fläche - also ohne Berücksichtigung der neuen Restaurants - sank der Umsatz um ein Prozent.

Einen Nachfolger für Everke hat Vapiano der Mitteilung zufolge noch nicht gefunden. Die Aufsichtsratsvorsitzende Vanessa Hall soll das Unternehmen vorübergehend bis mindestens April 2020 führen. Die dauerhafte Nachfolge soll dann in einem "strukturierten Prozess" gesucht werden.

Der Aufsichtsrat möchte in seiner turnusmäßigen Aufsichtsratssitzung am Dienstag den Vertrag des Finanzchefs Lutz Scharpe für weitere drei Jahre bis Juni 2023 verlängern. In der Mitteilung von Sonntagabend betont das Unternehmen, Kontinuität auf der Position des Finanzvorstands zu wollen.

Das scheint angesichts der Entwicklungen der vergangenen Monate auch notwendig. Dreimal hatte Vapiano im Frühjahr die Vorlage des Jahresabschlusses verschoben und dies mit Verhandlungen wegen eines dringend benötigten Kredits über 30 Millionen Euro begründet. Erst Ende Mai kam eine verbindliche Kreditzusage von den finanzierenden Banken und den Großaktionären. Rund vier Wochen später gab es dann erst den Jahresabschluss.

Vapiano war 2017 an die Börse gegangen. Mit den Erlösen aus dem Börsengang setzte die Kette auf Expansion, im vergangenen Jahr kamen mehr als 30 neue Restaurants hinzu. In 33 Staaten ist Vapiano inzwischen präsent mit rund 230 Restaurants, die meisten davon in Deutschland. Noch-Vorstandschef Everke räumte im Juni Fehler bei der Wachstumsstrategie ein. "In der Vergangenheit haben wir uns bei der Auslandsexpansion etwas verhoben", sagte er.

Doch die Probleme sind nicht nur im Ausland zu suchen. Lange Warteschlangen sorgten auch in Deutschland bei Kunden immer wieder für Ärger. Dieses Problem will das Unternehmen nach früheren Angaben angehen, indem Arbeitsabläufe geändert und die Menükarte vereinfacht werden.

49 verschiedene Gerichte hatte man dauerhaft auf der Karte plus 10 saisonale Gerichte, zudem konnte man unter elf verschiedenen Pastasorten wählen. Das sei zu viel, zumal es Bestellungen kompliziert mache, sagte Everke im Juni. Einen asiatischen Salat brauche man zum Beispiel künftig nicht mehr. Er kündigte an, die Menükarte bald zu verschlanken. "Wir müssen zurück zu den Wurzeln, also zur klassischen, ehrlichen italienischen Küche."


Aus: "Angeschlagene Restaurantkette: Vapiano-Chef Everke tritt ab" (18.08.2019)
Quelle: https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/vapiano-chef-cornelius-everke-tritt-ab-a-1282520.html


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« Reply #962 on: August 19, 2019, 11:41:59 vorm. »
Quote
[...] Keine Frage: Der Mann hat geradezu Shakespear’sche Qualitäten. Büchner-Preisträger Rainald Goetz setzte ihm dann in der Figur der egomanischen Managerfigur Johann Holtrop tatsächlich ein literarisches Denk- und Mahnmal.

Middelhoff will das Buch nie gelesen haben, entdeckt nun aber doch Gemeinsamkeiten, die er in seinem eigenen Werk bereitwillig gesteht: maßlose Gier, Narzissmus, konsequente Mutation zum „Arschloch“. Selbst die Geliebte, die im US-Management seiner Firma gearbeitet hat, wird gebeichtet.

En passant diskreditiert er dann gleich die komplette deutsche Management-Elite: Im Dax seien doch alle ähnlich kaputte Alphawölfe. Auch von spät entdeckter „Scham“ ist nun ausgiebigst die Rede. Middelhoff scheint mittlerweile eingesehen zu haben, dass man nicht Tausende von Karstadt-Angestellten rauswerfen und am Freitag nach Südfrankreich fliegen kann zu Familie, Superjacht (108 Fuß lang) und weiterer Megavilla.

Aber für das Schicksal der Opfer solcher Chefs, wie er einer war, will er interessanterweise keinerlei Verantwortung übernehmen. „Fachlich haben sich alle strategischen Entscheidungen bei Arcandor und Karstadt-Quelle als die richtigen erwiesen“, sagt er heute. Das juristische Urteil gegen ihn nennt er ohnehin weiterhin „fragwürdig“.

Bis 2020 läuft seine Privatinsolvenz. Seine Frau hat sich von ihm getrennt. Er lebe heute, sagt er, von dem, was diesseits der Pfändungsfreigrenze von seinen Bertelsmann-Pensionsansprüchen übrig bleibt. Auch die Bucheinnahmen flössen in die Insolvenzmasse, kämen also seinen Gläubigern zugute.

Zeigt sich da also doch ein Geläuterter, der in Knast und offenem Vollzug als Pflegehelfer in der Behindertenwerkstatt Bethel zu sich und von dort direkt zu Gott gefunden hat? Zweifel sind angebracht, ob die anstehenden Buß- und Bettage der Buch-PR wirklich tiefe Lehren bereithalten außer so manchem Schlüssellochblick.

Zuletzt trat er bisweilen bei sogenannten „Fuck up Nights“ in Erscheinung, wo gescheiterte Unternehmer über die Gründe ihres Scheiterns Auskunft geben. Er will, dass man aus seinen Fehlern lernt. Es wird zwar nicht so richtig klar, was, außer, dass ein rund 100.000 Quadratmeter großes Anwesen in Saint-Tropez irgendwie einen anderen, schlechteren Menschen aus einem machen kann.

Aber auch ein drittes Buch wird der Republik nicht erspart bleiben: Middelhoff kündigt nach der Abrechnung mit der Justiz („A 115“) und sich selbst („Schuldig“) schon jetzt eine Art Krimi an, auf jeden Fall Fiktion, die nichts weniger enthüllen will als „Das System“. Drunter macht‘s einer wie Big T. immer noch nicht, auch wenn er heute wirklich milder wirkt da auf dem Flughafen, entspannter auch.

Er will halt immer noch vor allem eines: geliebt werden. „Die grundsätzliche Disposition, ein gutes Bild abgeben zu wollen, werde ich nicht ablegen können und wollen, sie ist auch ein Stück Antrieb.“ Früher versuchte er das durch seine immer größer werdenden Deals und Auftritte, aktuell testet er Selbstgeißelung als Mittel zum Zweck.

Er will endlich mal zum Vorbild taugen oder wenigstens einen Rekord verbuchen: beides zusammen vielleicht in der Rolle des gescheitertsten Managers der Republik? Die Frage der „FAS“ ist da durchaus legitim: „Wenn schon schuldig, wollen Sie aber auch der schuldigste Schuldige sein?“

Flug EW 9031 hat Verspätung. Middelhoff sitzt schließlich ganz hinten in der Propellermaschine. Kinder schreien den kompletten Flug über. In Düsseldorf muss man noch ewig auf dem verregneten Rollfeld stehen, weil die Koffer nicht ausgeladen werden. Im Bus ist es eng. Middelhoff beschwert sich nicht. Er reist mit kleinstem Gepäck – auf dem Weg zu seiner greisen Mutter, erzählt er im Terminal.

Nicht nur bei ihr wird er jetzt wieder viel über sich reden. Thomas Middelhoffs Lieblingsthema ist nun mal: Thomas Middelhoff.


Aus: "Die Buß- und Bettage von Thomas Middelhoff" Thomas Tuma (18.08.2019)
Quelle: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/big-t-die-buss-und-bettage-von-thomas-middelhoff/24916162.html?


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« Reply #963 on: August 22, 2019, 04:35:55 nachm. »
Quote
[...]  Madrid. Zehntausende Urlauber werden am kommenden Wochenende auf den spanischen Mittelmeerinseln Ibiza und Formentera ihre Zimmer selbst in Ordnung bringen müssen. Die Zimmermädchen haben einen Streik ausgerufen.

Das Bett nicht gemacht, den Boden nicht gewienert, das Bad nicht geputzt: Zehntausende von Urlaubern werden am kommenden Wochenende auf den spanischen Mittelmeerinseln Ibiza und Formentera ihre Zimmer selbst in Ordnung bringen müssen. Denn die rund 8000 Zimmermädchen in ihren Hotels fühlen sich von den Hoteliers schlecht behandelt und haben mitten in der touristischen Hochsaison einen Streik ausgerufen. Auf Mallorca und auf dem spanischen Festland soll es parallel Protestkundgebungen geben.

Geringe Löhne, harte Akkordarbeit, unbezahlte Überstunden, keine freien Tage, mangelhafte soziale Absicherung, Diskriminierung – die Liste der Klagen ist lang. So lang, dass inzwischen sogar ein dokumentarischer Kinofilm über das Leiden der spanischen Zimmermädchen entstanden ist, der den Titel „Hotel Ausbeutung“ trägt. „Wir halten den Tourismus, den wichtigsten Motor der nationalen Wirtschaft, in Gang“, klagt darin die Reinigungskraft eines Hotels, doch die Zimmermädchen würden mancherorts wie Sklaven behandelt.

„Wir sind keine Maschinen, sondern Menschen“, lautet einer der Slogans, mit dem die Frauen auf die Barrikaden gehen. Etliche Hoteliers bekamen in den letzten Monaten bereits die Wut der Zimmermädchen, die in Wirklichkeit gestandene Frauen sind, zu spüren. Mit Transparenten bewaffnet postierten sich die Hotel-Putzfrauen, die sich unter dem Namen „Las Kellys“ organisiert haben, vor Hoteltüren und skandierten: „Wir wollen würdige Arbeitsbedingungen.“

Dazu gehöre zum Beispiel, dass die Arbeitsbelastung verringert werde, sagt Milagros Carreño. Die 54-Jährige arbeitet seit 30 Jahren als Zimmermädchen und ist die Sprecherin der Kellys auf Ibiza. „Normalerweise müssen wir 21 oder 22 Zimmer am Tag säubern, aber manche Kolleginnen müssen bis zu 30 Zimmer herrichten. Das ist unmenschlich“, klagte sie, als sie den Streik ankündigte. Daneben müssten auch noch Flure, Essenssäle und Eingangshallen gesäubert werden. „Einige Zimmermädchen haben nicht einmal Zeit, eine Essenspause zu machen.“

Die Folge dieser beschwerlichen Arbeit und Hetzjagd von Zimmer zu Zimmer seien chronische Gesundheitsschäden. Viele Frauen würden den Arbeitstag nur mit Pillen durchhalten. Nach einer Umfrage der Gewerkschaften schlucken 70 Prozent der Zimmermädchen Tabletten, etwa weil ihnen der Rücken wehtut, oder weil sie Depression haben. „Irgendwann kommt dann der Zeitpunkt, wo wir einfach nicht mehr können“, sagt Carreño. Deswegen fordern die Kellys auch eine Anerkennung ihrer Gesundheitsschäden als Berufskrankheiten.

Der Aufstand lenkt den Blick auf die Schattenseiten des spanischen Tourismusbooms. Das nationale Fremdenverkehrsamt meldet zwar von Jahr zu Jahr neue Besucher- und Einnahmerekorde – in 2018 kamen 83 Millionen ausländische Urlauber nach Spanien. Aber die rund 200.000 Zimmermädchen, welche in ganz Spanien maßgeblich dafür sorgen, dass sich die Hotelgäste wohlfühlen, profitieren nicht von dem Boom. Ganz im Gegenteil. Viele Hotels vergeben inzwischen den Reinigungsservice an externe Firmen, wodurch sich die Arbeitsbedingungen für die Raumpflegerinnen verschlechtert haben.

Was verdienen Zimmermädchen? Nach den Tarifverträgen der spanischen Hotelbranche stehen den direkt Angestellten für eine Vollzeitbeschäftigung etwa 1500 Euro brutto im Monat zu. Das klingt gar nicht so schlecht für spanische Verhältnisse, aber in der Praxis werden diese Tarife nicht durchweg eingehalten.

Zum Beispiel zahlen externe Reinigungsfirmen den Zimmermädchen selten mehr als 1000 Euro. In den touristischen Großstädten Madrid oder Barcelona seien die meisten Zimmermädchen über externe Firmen angestellt, berichtet Myriam Barros, nationale Sprecherin der Kellys. Sie fordert, dass die Zimmermädchen der externen Firmen genauso bezahlt werden müssen wie die hoteleigenen Kräfte.

„Wir sind die wahren Stars der Hotels“, steht auf manchen jener Protestplakate, mit denen die Kellys am kommenden Wochenende auf die Straße gehen wollen. Ein Hinweis darauf, dass sie nicht nur bessere Arbeitsbedingungen wollen, sondern auch mehr Anerkennung wünschen – und sei es auch nur in Form eines kleinen Trinkgelds, das von den Gästen auf dem Kopfkissen zurückgelassen wird.


Aus: "Streik der Zimmermädchen: Ibiza-Urlauber müssen Hotelbetten selbst machen" Ralph Schulze (22.08.2019)
Quelle: http://www.general-anzeiger-bonn.de/news/panorama/Ibiza-Urlauber-m%C3%BCssen-Hotelbetten-selbst-machen-article4170435.html

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« Reply #964 on: August 26, 2019, 11:27:15 vorm. »
David Hamilton Koch [koʊk] (* 3. Mai 1940 in Wichita, Kansas; † 23. August 2019 in Southampton, Hamptons, New York) war ein US-amerikanischer Unternehmer, Philanthrop und Politiker. Er besaß ein geschätztes Vermögen von 43,8 Milliarden US-Dollar (Stand: 2018) und war damit – wie sein Bruder Charles G. Koch – auf Platz 8 der Forbes-Liste der reichsten Menschen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/David_H._Koch

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Die Leugnung der menschengemachten globalen Erwärmung (teils auch als Klimaleugnung, Klimawandelleugnung oder Klimawissenschaftsleugnung bezeichnet) ist das Ablehnen, Nicht-wahrhaben-Wollen, Bestreiten oder Bekämpfen des wissenschaftlichen Konsenses der Klimaforschung zur gegenwärtig stattfindenden globalen Erwärmung. Hierzu zählt insbesondere das dogmatische Abstreiten, dass sich die Erde zurzeit erwärmt, dass dieser Effekt anthropogen, das heißt menschengemacht, ist und dass die Erwärmung große gesellschaftliche und ökologische Probleme zur Folge hat. Neben diesen drei Grundkategorien Trendleugnung, Ursachenleugnung und Folgenleugnung wird oft auch eine vierte Kategorie Konsensleugnung hinzugezählt, also das Bestreiten, dass diese Kernaussagen in der Forschung seit Langem unstrittig sind. Insbesondere als Selbstbezeichnung werden auch Klimawandelskepsis, Klimaskepsis und Klimaskeptizismus genutzt.  ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Leugnung_der_menschengemachten_globalen_Erw%C3%A4rmung

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Quote
[...] David Koch war Verfechter des freien Marktes – und stemmte sich zeitlebens gemeinsam mit Bruder Charles und einem Gesamtvermögen von 100 Milliarden Öl-Dollar gegen jede progressive Vernunft. Gegen Occupy Wall Street, gegen die universelle Krankenversicherung, gegen den Klimaschutz. Nach langer Krankheit ist er am Freitag mit 79 Jahren verstorben.

Die Gebrüder Koch waren für Progressive wie eine unsichtbare Wand aus Granit. Egal was Linksliberale unternahmen, sie unterlagen, weil die Koch-Brüder wieder einen stramm konservativen Politiker mit einer lukrativen Stelle eingekauft oder einen neuen konservativen Think Tank aus dem Boden gestampft hatten. Selbst wenn man nur ein besseres öffentliches Verkehrssystem für die eigene Stadt forderte, entstand eine Gegeninitiative, hinter der die Ölbarone aus Kansas standen.

Dabei hatte David Koch von den beiden Brüdern stets eher die leichtere und elegantere Rolle. Sein Bruder Charles war und ist der Stratege, der bis heute von Beratern umzingelt den Konzern leitet. David, der jüngere Bruder, war als Playboy bekannt, der lieber auf Park Avenue lebte und erst mit 56 heiratete. Der Zwei-Meter-Mann war eine nie versiegende Quelle plumper Herrenwitze, die er für gewöhnlich mit einem nasalen Lachen abschloss.

Er war gerne auf Parties und liebte das Ballett. Eine seiner bekanntesten Taten bleibt eine Spende von 100 Millionen Dollar an das New York City Ballett, das das eigene Theater prompt auch in „David H. Koch Theater“ umbenannte.

Doch er hatte auch den Ehrgeiz, mehr zu sein: 1980 versuchte er sich als Vizepräsidentschaftskandidat der Libertarian Party. Doch gegen Ronald Reagans „konservative Revolution“ holten er und Ed Clark nur 1,1 Prozent der Stimmen. Und so blieb es bei einem Versuch. Auf Reagan folgte die Familie Bush mit „Compassionate Conservatism“ und einem multiethnischen Zugang in der Familie wie in der Politik. Zuletzt finanzierten die Kochs deshalb die Opposition innerhalb der Partei: die Tea Party.

David Koch hatte sich womöglich auf einen ruhigen Lebensabend eingestellt und nicht mehr erwartet, eine libertäre Revolution mitzuerleben. Dann kam Donald Trump, der es verstand, die konservative, weiße Arbeiterschaft für sich gewinnen zu gewinnen, ehe er sich für die Politikbedürfnisse von Milliardären einsetzte.

Während des Wahlkampfes 2016 wurde noch viel über die Distanz zwischen Trump und den Kochs gesprochen. Doch nach Trumps erstem gesetzgeberischen Triumph in Washington – der steuerlichen Entlastung für Reiche – begab er sich noch am selben Tag in die Wohnung David Kochs, ganz als ob er zeigen wollte: „Ich habe eure Schlacht gewonnen“.

Donald Trump hat als New Yorker Playboy geschafft, was David Koch verwehrt wurde. Es reicht nicht, reich und jovial zu sein, sondern man muss auch Straßenkämpfer sein. David Koch war das nicht.


Aus: "US-Milliardär David Koch gestorben: Jovialer Deregulierer" Anjana Shrivastava (25. 8. 2019)
Quelle: https://taz.de/US-Milliardaer-David-Koch-gestorben/!5620514/

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Quote
Der US-Milliardär und einflussreiche Unterstützer erzkonservativer Politik, David Koch, ist tot. Der Unternehmer sei nach langer Krankheit mit 79 Jahren gestorben, teilte die Firma "Koch Industries" von ihm und seinem Bruder Charles am Freitag mit.

Die Brüder machten mit einem Imperium an Ölpipelines, Rinderfarmen, Papier- und Düngemittel-Herstellern sowie Technologiefirmen ein Vermögen. Forbes listet David Koch mit mehr als 42 Milliarden Dollar (etwa 38 Milliarden Euro) als einen der reichsten Menschen der Welt.

Ihr Geld benutzten die Koch-Brüder über Jahrzehnte, um die Politik in den USA zu beeinflussen. Die Kochs pumpten seit den 70er-Jahren mindestens 100 Millionen Dollar in politische Bewegungen, konservative republikanische Kandidaten oder Think Tanks, um den rechten Rand in den USA zu stärken. David Koch war 1980 sogar Kandidat für das Amt des Vize-Präsidenten der kleineren Libertären Partei.

Zu David Kochs politischen Überzeugungen gehörten der Rückbau des Staates - der Staat sollte seiner Auffassung nach möglichst wenig in das Leben seiner Bürger eingreifen -, die freien Märkte und niedrige Steuern. Die Brüder unterstützten auch Gesetzesvorhaben zur Bekämpfung der illegalen Einwanderung, zur Lockerung von Umweltvorschriften, zur Schwächung der Gewerkschaften, zur Aushöhlung der staatlichen Gesundheitsversorgung und für die Rechte zum Besitz von Waffen.

Eine von den Kochs unterstützte Initiative versucht derzeit, in US-Großstädten wie Phoenix (Arizona) den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs zu verhindern – damit die Bevölkerung weiter Auto fährt und Benzin verbraucht. Außerdem finanzierten sie mehrere Denkfabriken wie das Cato Institute und das Heartland Institute, die Desinformation zum Klimawandel verbreiteten. Die Bewegung der Klimawandel-Leugner wäre ohne die Milliarden der Koch-Brüder „weitaus marginaler als sie es jetzt ist“, sagte der Koch-Biograf Christopher Leonard dem Magazin „The New Republic“. „Das ist gar keine Frage.“

Wegen ihres Engagements wurden die Kochs, die ursprünglich aus Kansas im Zentrum der Vereinigten Staaten stammen, auch als Wegbereiter der rechten Tea-Party-Bewegung innerhalb der republikanischen Partei und letztlich auch der Präsidentschaft Donald Trumps gesehen. Mit Trump allerdings verband David Koch keine innige Freundschaft, die Brüder unterstützten seinen Wahlkampf vergleichsweise verhalten.

Koch erlebte auch Rückschläge und Tragödien. 1991 überlebte er einen Flugzeugabsturz, bei dem nach Angaben von "Koch Industries" 35 Menschen starben. Kurz danach erkrankte er an Prostata-Krebs, der nie ganz geheilt werden konnte. Insgesamt habe Koch Millionen für wohltätige Zwecke gespendet - darunter für die Bekämpfung von Krebs oder für Bildungs- und Kultureinrichtungen.

Außenminister Mike Pompeo sprach der Familie am Freitag per Twitter sein Beileid aus. Die Nachricht von Kochs Tod habe ihn traurig gemacht.


Aus: "US-Milliardär David Koch stirbt mit 79 und hinterlässt ein schreckliches Vermächtnis" (Sonntag, 25.08.2019)
Quelle: https://www.focus.de/finanzen/boerse/nach-jahrelanger-krankheit-wegbereiter-von-donald-trump-erzkonservativer-milliardaer-david-koch-stirbt-mit-79_id_11063766.html

Quote
25.08.19, 02:01 | Stefan Rothe

Solche Leute werden in Deutschland gebraucht

Leider begiebt sich FOCUS wieder auf die korrekte politische Schiene. Menschen wie Koch würde man in Deutschland dringend brauchen. Damit die Dinge vom Kopf auf die Füße gestellt werden.


Quote
24.08.19, 08:43 | Dieter Schmeer

Koch vertritt Trump Positionen

Wenn Herr Koch ein schreckliches Vermächtnis hinterlässt, dann hat Amerika auch einen schrecklichen Präsidenten, denn der vertritt dieselben Positionen und Ansichten. Da verbessern auch die Millionen, die Herr Koch für wohltätige Zwecke spendete, die in der Regel der Image-Pflege dienen, nicht das Bild eines Mannes, der mindestens 50% der amerikanischen Bevölkerung hinter sich hat. Es sind die Leute, die auch Donald Trump wählen.


...
« Last Edit: August 26, 2019, 11:32:47 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #965 on: August 28, 2019, 09:42:04 vorm. »
Quote
Wolf K.

 Unterschied zwischen reich und arm:
1.) Reiche Menschen halten Armut für die Wurzel allen Übels und „normale“ denken, dass Geld den Charakter verdirbt.
2.) Reiche Menschen halten Egoismus für eine Tugend und normale halten Egoismus für ein Laster.
3.) Reiche Menschen sind Macher und normale sind Lottospieler.
4.) Reiche Menschen machen ihre Leidenschaft zum Beruf und normale arbeiten in einem Beruf, der ihnen häufig nicht einmal Spaß macht.
5.) Reiche Menschen wissen, dass die Börse von Gier und Emotionen beherrscht wird und normale denken, dass es dort rational zugeht.
6.) Reiche Menschen bringen ihren Kindern bei, wie man reich wird und normale nicht.
7.) Reiche Menschen finden durch Geld inneren Frieden und normale versinken im Stress.
8.) Reiche Menschen mögen Bildung (aber nicht alle) lieber als Unterhaltung und normale lassen sich berieseln.
9.) Reiche Menschen konzentrieren sich aufs Geldverdienen und normale konzentrieren sich aufs Sparen.
10.) Reiche Menschen erwarten, dass ihr Leben immer besser wird und normale gehen davon aus, dass sie gegen den Abstieg kämpfen.
11.) Reiche Menschen sind süchtig vor allem nach Erfolg.
12.) Reiche Menschen denken, dass man alles haben kann und normale denken, sie müssten sich entscheiden.


Quote
ex s.

 Vermögenssteuer = Neidsteuer.

...


Quote
Frieder Wild

 Man sollte schon etwas differenzieren: Nicht jeder Reiche wurde durch eigenen Fleiß reich und nicht jeder Arme war faul. Es gibt auch viele, die durch staatliche Subventionen reich geworden sind und, man muss es leider so sagen, der Staat hat sich grundsätzlich an die breite Masse gehalten. Die Vermögensteuer ist eine statische Steuer, die relativ leicht zu umgehen ist. Ich erinnere nur an die riesigen, bestens bewachten Lagerhallen in Singapur, wo viele Vermögenden ihre Kunstschätze deponiert haben. Vermögen jedweder Art unterliegen einer Bewertung, die niemals ganz stimmig sein kann und wofür es auch nicht genügend Fachkräfte gibt. Diese Streitereien führten letzlich dazu, dass Kohl die Vermögensteuer ausgesetzt hat, was mE falsch war, denn es beschleunigte das Auseinanderdriften zwischen Armen und Reichen. ...


Quote
Heinz h.

 Diese sogenannten Reichen von denen hier die Rede ist sollten nicht mit noch mehr Steuern verärgert werden, die werden mehr gebraucht als die Politiker die sich so was einfallen lassen,
90% oder mehr dieser Leute sind nämlich Arbeitgeber und Die sollte man nicht ins Ausland treiben.


Quote
Ralf E.

 Wie ist das zum Beispiel mit der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Banken? Die Deutsche Bank hat die Weltwirtschaftskrise ab 2008 mit verursacht, die Banker aber jahrelang absurd hohe Gehälter eingestrichen. Waren die nun wirtschaftlich leistungsfähig, da sie so viel "verdient" haben oder vielleicht doch eher nicht? Wie ist das mit den Niedriglohnarbeitern, die z.B. Amazons Reichtum mit ermöglichten. Die haben jahrelang wenig verdient, Amazon keine Steuern an den deutschen Staat gezahlt, gleichzeitig wurden hier Steuer zahlende Unternehmen von Amazon platt gemacht und die Niedriglohnarbeiter haben prekär gelebt. Wer hat da nun eine hohe wirtschaftliche Leistungsfähigkeit vorzuweisen? ...


Quote
Ernst S.

... Die Vorstandsgehälter der Dax-Konzerne lagen einmal bei dem 14fachen der Gehälter der bei diesen Unternehmen beschäftigten, heute liegen wir bei dem 50fachen. Das ist das Problem. Die Reallohnentwicklung bei den oberen 10% der Bevölkerung war positiv. Die Armen haben 25% an Kaufkraft verloren. Alles politisch gewollt und durch Lobbyarbeit gefördert!



Quote
Ralf M.

 Ich bin vor 6 Jahren nach Deutschland gezogen und habe mir ein Haus für 850.000 Euro gekauft. Jetzt ist es 1.250.000 wert. Ich habe also jedes Jahr 75.000 Euro hinzugewonnen, ohne einen Cent Steuer zahlen zu müssen. Wenn ich jetzt pro Jahr 1% also 12.000 Euro Vermögenssteuer zahlen soll, ist das gemessen an dem Wertzuwachs noch immer wesentlich niedriger als mein Einkommensteuersatz. Natürlich würde ich lieber weiterhin nichts zahlen, aber gerecht wäre das nicht.


Quote
Alexander H.

 Wenn man den "Armen" einen Gefallen tun will, dann SENKE man deren Steuern. Davon haben sie direkt was. Von der Besteuerung von "Reichen" haben sie nichts. Die SPD speist die Armen also mit Gefühlen ab, mit negativen (Neid) noch dazu. ...


Quote
Bernward H.

 Die Vermögenssteuer wurde erst 1997 ausgesetzt. In der Folge wurden noch einige weitere Maßnahmen zur Förderung großer Vermögen getroffen. Vor allem der Finanzmarkt der uns einige Jahre später komplett um die Ohren geflogen ist wurde komplett entfesselt. Das Ergebnis haben wir alle gesehen und wir werden noch mindestens eine Generation daran zu knabbern haben.
Es wird immer so getan als wäre eine Vermögenssteuer der Untergang des Abendlandes, das Gegenteil war (fast) der Fall.


Quote
Klaus R.

 Ich bin auch für Umverteilung und zwar von faul zu fleißig und nicht umgekehrt, wie heute. Letztendlich können sie auch alle Menschen gleich stellen. Dann haben in 5 Jahren, die Fleißigen, die heute mehr haben als andere auch wieder mehr und diejenigen, die heute arm sind, sind wieder arm. Wahrscheinlich sind sie sogar innerhalb von einem halben Jahr schon wieder arm. In Deutschland denkt jeder, Vermögen ist einem nur so zugeflogen. Dass vielleicht jemand hart dafür gearbeitet hat, ist mittlerweile undenkbar. Diese Gesellschaft ist ungerecht und gibt immer demjenigen, der sich nicht anstrengt. Das sind genau die Fehlanreize, die dazu führen, dass das halbe Land nicht mehr arbeiten gehen möchte.


Quote
Daniel R.

 "Ich bin auch für Umverteilung und zwar von faul zu fleißig und nicht umgekehrt, wie heute." Was gute Fachkräfte in der Pflege leisten ist fleißiger als ein Topmanager oder Aufsichtsratmitglied. Die übrigens bei Versagen keinerlei Konsequenzen zu fürchten haben.


...

Kommentare zu: https://www.welt.de/wirtschaft/article199208660/Vermoegensteuer-Die-Idee-der-SPD-ist-alles-nur-nicht-gerecht.html

-

Quote
[...] Wenn der Ton schrill wird und nach einer drohenden Revolution klingen soll, sehen Deutschlands Milliardäre ein Prozent ihres Vermögens in Gefahr. Das „Handelsblatt“ titelt bereits „Im Klassenkampf“. Ein Kommentator der „Welt“ meint, die „Erfolgsarmen“ würden gegen die „Erfolgreichen“ mobilisiert.

Worum geht’s? Die SPD plant eine Mini-Vermögensteuer, die vor allem jene bezahlen müssen, die sich nicht entscheiden können, ob sie sich als nächstes eine Yacht oder einen Privatjet kaufen. [https://www.tagesspiegel.de/politik/kandidat-fuer-den-spd-vorsitz-lauterbach-will-fuer-vermoegenssteuer-ausstieg-aus-grosser-koalition/24945350.html]

An dieser Stelle werden die Verteidiger möglichst hoher grenzenloser Reichtümer „Populismus“ rufen. Oder „Sozialismus“. Oder „linker Umverteilungswahn“. Oder „Staatsgier“. An oberster Stelle ihrer Besitzstandswahrerrhetorik rangieren allerdings die Begriffe „Neidgesellschaft“ und „Sozialneid“.

Das lässt tief blicken: Nicht das Recht auf die eigenen Milliarden wird verteidigt, sondern die Motivation derer in den Dreck gezogen, die auf extrem hohe Vermögen eine Abgabe erheben wollen. Diese Neider!

Das Wort hat einen schlechten Ruf. „Neid“, das heißt Missgunst, Unzufriedenheit, Misstrauen, Kleingeistigkeit. Der Neid ist eine von sieben Todsünden. Er zerfrisst die Seele, zerstört den Gleichmut. Ein Neider zu sein, will sich keiner nachsagen lassen.

Ein anderes Wort für „Neid“ lautet indes „Gerechtigkeitssehnsucht“. Das klingt schon ganz anders. Wer sich nach Gerechtigkeit sehnt, strebt danach, das urdemokratische Versprechen von Gleichheit zu erfüllen. Mann und Frau sollen gleich sein, schwarz und weiß, Homosexuelle und Heterosexuelle, Gläubige und Nichtgläubige.

In einer Demokratie haben Neid und Gerechtigkeitssehnsucht eine potenziell emanzipatorische Funktion. Die einst aus Geschlecht, Herkunft, sexueller Orientierung und Religion abgeleiteten Diskriminierungen sollen abgeschafft werden.

Nun heißt es, die Reichen haben ihren Reichtum verdient, sie haben ihn erarbeitet, er sei einzig und allein das Produkt ihrer Leistung, und Leistungsbereitschaft dürfe nicht bestraft werden. Doch jeder weiß, dass das so nicht stimmt. Auch die Reichen wissen das.

Äußere Faktoren wie der Bildungsabschluss der Eltern, das Geschlecht oder ein möglicher Migrationshintergrund tragen in erheblichem Maße zu Erfolg oder Misserfolg bei. Schwer vorstellbar, dass ein Multimilliardär wirklich eine Korrelation zwischen der Arbeit im Schweiße seines Angesichts und seinem Vermögen empfindet.
In der ständischen Gesellschaft war der Bauer nicht neidisch auf den König. Sie lebten in verschiedenen Welten, die keine Schnittmenge hatten. In der Demokratie dagegen sind die Menschen idealerweise gleich, sie sollen die gleichen Chancen haben, vor Gericht gleichbehandelt werden.

Deshalb wird Ungleichheit als Verstoß gegen ein Prinzip, ein Ideal gewertet. Das bezieht sich in erster Linie auf angeborene Eigenschaften, umfasst aber auch die Einkommensverteilung, sofern sie nicht allein auf individueller Anstrengung und Leistung beruht.

 In Deutschland hat die Ungleichheit in den vergangenen Jahren stärker zugenommen als im Durchschnitt der OECD-Länder. Die Niederlande, Finnland oder Norwegen sind wesentlich egalitärer. Das trägt sowohl zum gesellschaftlichen Frieden als auch zur persönlichen Zufriedenheit bei.

Den Mechanismus illustriert ein Experiment: Ihr Chef bietet Ihnen eine Gehaltserhöhung um 1000 Euro an, Ihre Kollegen sollen allerdings 2000 Euro mehr bekommen. Als Alternative würde die gesamte Belegschaft 500 Euro zusätzlich erhalten. Welches Modell wählen Sie? Die meisten Menschen entscheiden sich für die zweite Variante, also alle 500 Euro mehr. Das zeigt: Für die Stärkung eines als gerecht empfundenen Gleichheitsideals ist der Einzelne zum Verzicht bereit.

Es ist seltsam, ja erschreckend, dass eine Person, die Begriffe wie „Solidarität“, „Teilhabe“, „Chancengleichheit“ oder „Verantwortungsgemeinschaft“ benutzt, oft spöttisch belächelt wird. Offenbar ist es den Niedrigsteuerapologeten gelungen, ihre Antipoden als gleichmacherische Phantasten darzustellen, die sich anhören wie eine Mischung aus Margot Käßmann und Sahra Wagenknecht. Auch Sozialdemokraten schließt der Vorwurf der Kirchentagsromantik ein.
Um ihre Pfründe zu sichern, sind die Claqueure der Ellenbogengesellschaft sogar bereit, die eigene Widerspruchsfreiheit zu opfern. Im Kampf gegen eine Vermögensteuer etwa singen sie ein Loblied auf die individuelle Leistung. Der Erfolg eines Menschen, sagen sie, hängt allein von seinem Tun ab, seinen Fähigkeiten und Entschlüssen.

Dieses Kriterium wird indes beim Kampf gegen eine Erhöhung der Erbschaftsteuer dreist außer Kraft gesetzt. Denn wer erbt, hat ja nichts geleistet. Er wird reich aufgrund von Familie, Verwandtschaft, Dynastie.

 Von Warren Buffett, dem inzwischen 88 Jahre alten amerikanischen Großinvestor, Unternehmer und Mäzen, der selbst stets bescheiden blieb und den größten Teil seines Vermögens an die „Bill-und-Melinda-Gates“-Stiftung spendete, ist dieser Satz überliefert: „Es gibt gar keinen Grund, warum künftige Generationen kleiner Buffetts das Land beherrschen sollen, nur weil sie aus der richtigen Gebärmutter gekommen sind."
In den USA ist die Erbschaftsteuer weitaus höher als in Deutschland, weil dort die Gnade der reichen Geburt dem Leistungsgedanken widerspricht.

Durch Erbschaften werden soziale und regionale Unterschiede verschärft. Knapp 400 Milliarden Euro werden jedes Jahr vererbt. In den neuen Bundesländern werden nur relative geringe Vermögen an die nächste Generation übertragen. Das durchschnittliche Erbvolumen in Mecklenburg-Vorpommern beträgt nicht einmal ein Viertel dessen, was in Hamburg vererbt wird.

Die Erbschaftsteuer wiederum wird von Fachanwälten „Dummensteuer“ genannt, weil es diverse Möglichkeiten gibt, sie erheblich zu verringern. Experten schätzen, dass etwa 98 Prozent des Erbvolumens steuerfrei sind.

 Es bleibt alles wahr: Leistung muss sich lohnen. Ungleichheit kann ein Anreiz sein, sich anzustrengen. Der Markt hat seine eigenen Gesetze. Geld allein macht nicht glücklich. Doch aus diesen Mantren das Verbot einer Vermögensteuer abzuleiten sowie den Widerstand gegen eine Erhöhung der Erbschaftsteuer, ist absurd.

Die Superreichen verkraften die Abgabe, ohne aus dem Land fliehen oder Investitionen zurückschrauben zu müssen. Das Gerede vom Klassenkampf, einer Neidgesellschaft und deutscher Leistungsfeindlichkeit ist aufgeblasen und realitätsfremd.
Psychologen unterscheiden vier Formen von Neid: Er kann sich ehrgeizig stimulierend äußern, empört rechtend, depressiv lähmend, feindselig schädigend. Als Gerechtigkeitssehnsucht umfasst das Gefühl vor allem die zweite Form.

Die Wahrnehmung gravierender sozialer Ungleichheit empört. Vermögens- und Einkommensunterschiede, die nicht allein von der Leistung abhängen, sondern auch von der Herkunft, verlangen nach einem Ausgleich. Um mehr geht es bei der Vermögensteuer nicht. Es wird Zeit, dass sie kommt.


Aus: "Die SPD und die Vermögensteuer: Mehr Neid wagen!" Malte Lehming (27.08.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/die-spd-und-die-vermoegensteuer-mehr-neid-wagen/24947626.html

Quote
P.Aurora 27.08.2019, 22:45 Uhr
Das ist schon ironisch, wie die SPD hinsichtlich der Vermögenssteuer von „Gerechtigkeit“ spricht und dieser Kommentar dem Thema „Sozialneid“ gewidmet wurde, jedoch jene vermeintliche „Neider“ selbst eh nichts von diesen Mehreinnahmen sehen, da sie schließlich in die Staatskassen fließen würden. Ich bezweifle, dass z.B. sozial Schwächere zukünftig nachts besser schlafen könnten, mit den Gedanken "Hach, den Reichen fehlt jetzt ein Sandkorn, jawoll!". Von einem Ausgleich kann man erst sprechen, wenn man mit den Einnahmen aus einer Vermögenssteuer konkrete Maßnahmen gegen Ungleichheit finanzieren will. Sofern dies nicht der Fall ist, sollte man eher über eine grundlegende Reform des Steuersystems nachdenken, von der tatsächlich jeder profitieren würde.


Quote
BangJI 27.08.2019, 22:26 Uhr

Als ich im 4. Quartal 2018 in einem Wochenbericht des DIW las, dass die Vermögens- und Einkommensverhältnisse im Jahre 2016 in Deutschland derart gewesen sind, wie sie es in der Zeit von 1910 bis 1914 im Deutschen Kaiserreich waren.

Wie doof muss Mensch eigentlich sein, um nicht 1 und 1 zusammenzählen zu können, um auf das Ergebnis:
Im Jahre 2007 verfügten weniger als 25% aller deutschen Privathaushalte über mehr als 75% aller deutschen Privatvermögen  und mehr als 75% aller deutschen Privathaushalte verfügten über weniger als 25% aller deutschen Privatvermögen.
Die Quelle dieser Daten findet sich in den öffentlich zugänglichen Datenbanken der Deutschen Bundesbank, denen von Destatis und denen von Eurostat.

Der gesamte Rest der Debatte ist Agitprop, Desinformation und Faktenklitterung, was aber Gottlob kaum einer in diesem Lande begreift, ausser "den Wenigen".



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« Reply #966 on: August 31, 2019, 01:03:55 nachm. »
Quote
[...] Jeder dritte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Ostdeutschland arbeitet trotz Vollzeitbeschäftigung für einen Niedriglohn. Das geht aus einer Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor, wie das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) berichtet. Demnach sind in Ostdeutschland mehr als 1,2 Millionen in Vollzeit Beschäftigte zu Niedriglöhnen angestellt – das entspricht einem Anteil von 32,1 Prozent aller ostdeutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Deutschlandweit sind 19,3 Prozent aller in Vollzeit Beschäftigten unter der sogenannten Niedriglohnschwelle von 2.203 Euro brutto angestellt. In den westdeutschen Bundesländern liegt der Anteil der Niedriglohnempfänger in Vollzeitjobs bei 16,5 Prozent.

"Die Bundesregierung lässt die Menschen in ihrer Not allein und hält an ihrer verfehlten Arbeitsmarktpolitik fest", sagte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Susanne Ferschl. Die große Verbreitung von Niedriglöhnen führte sie auch auf Hartz IV zurück.

Der Anteil von Niedriglohnempfängern unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland stark. In Nordrhein-Westfalen sind 17,1 Prozent aller Vollzeitarbeitnehmer zu Niedriglöhnen beschäftigt, in Mecklenburg-Vorpommern sind es 37,9 Prozent. Besonders stark betroffen sind Frauen und junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unter 25 Jahren.


Aus: "Einkommensverteilung: Jeder dritte ostdeutsche Arbeitnehmer erhält Niedriglohn" (31. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-08/einkommensverteilung-ostdeutschland-niedriglohn-vollzeit-arbeitnehmer

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einervonvieren #6

Das muss man sich einmal vorstellen:
In Mecklenburg-Vorpommern sind 37,9 Prozent der Vollzeitbeschäftigten im Niedriglohnbereich.
Dazu kommt aktuell 6,7% Arbeitslosen- und 9,3% Unterbeschäftigungsquote.

Quelle: https://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Statistik-nach-Regionen/Politische-Gebietsstruktur/Mecklenburg-Vorpommern-ab-09-2011-Nav.html

D.h. über 50% der arbeitsfähigen Bevölkerung geht es dort augenscheinlich finanziell schlecht.


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tamsin paine #6.6

Danke für den Link. "Unterbeschäftigt" bedeutet übrigens: In (Zwangs-)Maßnahmen des Jobcenters/Arbeitsamtes.
Die Zahl der offenen Stellen ist 17 000 (und davon werden viele schlecht bezahlt und/oder saisonal in der Gastronomie sein), die Zahl von Arbeitslosen und Unterbeschäftigen zusammen 132 000.
Das sind wirklich schlimme Zahlen. Und wenn man dann noch bedenkt, wie die Infrastruktur abgebaut wurde und bei dem weitläufigen Land ...


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margherita #9

Das sagt doch so erst mal nicht viel aus. Meine Fragen an die Statistiker:
Welche Schulbildung und Qualifikation haben diese Niedriglöhner? Welche Berufe bzw. Tätigkeiten sind betroffen? Wie alt sind diese Arbeitnehmer bzw. welche Berufserfahrungen haben sie? Was verdienen ihre Vorgesetzten, sind die genau so entlohnt wie im Westen? Was kosten die Wohnungen und die sonstige Lebenshaltung?

Als Qualifikation reicht es nicht, "Mitteldeutschen aus Ossiland" zu sein... oder sollen dort Fensterputzer wie Ärzte oder Ingenieure bezahlt werden, bloß weil sie nicht im Westen wohnen? Die Zeiten des Arbeiter-und Bauernstaates, in dem Löhne vom Polibüro nach ideologischen Kriterien beschlossen wurden, sind - nach dem ausdrücklichen Willen der damals in der DDR Lebenden! - vorbei. Nun zählen andere Maßstäbe für die Einkommenssituation, ruchzen sich eben nach Angebot und Nachfrage bzw. Machtposition am Markt, wie im Kapitalismus üblich.
Alles andere ist Wahlkampfgetöse und in meinen Augen populistisch.


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Norrington #11

Das liegt hauptsächlich daran, dass die lebensunterhaltungskosten im Osten wesentlich niedriger sind
Vergleicht mal den Preis einer Wohnung in Hamburg oder München mit Brandenburg oder Sachsen. Da kostet eine Wohnung mal eben nur halb so viel, kein Wunder also, dass dann auch weniger Gehalt ausreicht.


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User XX #11.1

Achja klar die wohnkosten.
Und der Rest?
Genau, ist genau so teuer wie in München oder Hamburg.
Achja, wenn sie schon dabei sind vergleichen Sie mal die Preise von Leipzig und Dresden.


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Skeptiker66 #13

Ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben


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heikensen #13.1

Gähn.


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bromfiets #27

""Die Bundesregierung lässt die Menschen in ihrer Not allein und hält an ihrer verfehlten Arbeitsmarktpolitik fest", sagte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Susanne Ferschl. Die große Verbreitung von Niedriglöhnen führte sie auch auf Hartz IV zurück. "

Tja, einige Arbeitgeber schaffen nur Minijobs, Teilzeitjobs, Leiharbeit oder Werkverträge und verweisen die Leute dann auf aufstockendes ALG II. Das ist nicht nur Sozialmissbrauch, sondern auch ökonomischer Unsinn: Denn so behaupten sich nicht etwa die Firmen mit den effiziesten Prozessen und besten Produkten am Markt, sondern diejenigen, die auf Staatskosten Sozialdumping betreiben.

Letztlich ist aufstockendes ALG II eine gigantische Subvention ineffizienter Arbeitsplätze. Das unbefristete Vollzeitarbeitsverhältnis mit Tarifbezahlung sollte wieder der Regelfall werden. Teilzeit mit aufstockendem ALG II sollte nur mit sachlichem Grund möglich sein (Kindererziehung, Pflege, Ausbildung, Krankheit etc.)
Man könnte auch das aufstockende ALG II über eine Sonderumlage für Arbeitgeber finanzieren, dann hätte sich das Thema auch sehr schnell erledigt.


...

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« Reply #967 on: August 31, 2019, 04:56:30 nachm. »
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[...]

*    Zur Mittelschicht zählt, wer als Single zwischen 1000 und 2200 Euro netto im Monat hat.
*    Bei einem Ehepaar mit zwei kleinen Kindern sind es zwischen 2100 und 4600 Euro netto. Darunter beginnt die Unterschicht, darüber schon die Oberschicht.


...  Im Kampf um die eigene Karriere entgeht der Mittelschicht, wie unerreichbar die Eliten sind, die ihren Status nicht etwa durch Leistung erwerben, sondern von Generation zu Generation vererben: Die obersten zehn Prozent besitzen bereits 61 Prozent des gesamten Volksvermögens und kassieren 36 Prozent aller Einkünfte.

Der Selbstbetrug wird der Mittelschicht leicht gemacht. Die Reichen verschleiern ihren Wohlstand derart gekonnt, dass völlig unklar ist, wie reich sie wirklich sind. Fest steht nur, dass Billionen aus der Statistik verschwinden. Der Grund: Das Statistische Bundesamt erfasst keine Einkommen über 18.000 Euro netto im Monat - die wirklich Reichen tauchen in den offiziellen Zahlen also gar nicht auf.

Die Mittelschicht überschätzt ihren Status aber auch, weil sie viel Kraft und Aufmerksamkeit darauf verwendet, sich vehement von der Unterschicht abzugrenzen. Nur zu gern pflegt die Mittelschicht das Vorurteil, dass die Armen Schmarotzer seien. So meinen immerhin 57 Prozent der Bundesbürger, dass sich Langzeitarbeitslose "ein schönes Leben auf Kosten der Gesellschaft machen". Aus dieser Verachtung für die Unterschicht entsteht eine fatale Allianz: Die Mittelschicht wähnt sich an der Seite der Elite, weil sie meint, dass man gemeinsam von perfiden Armen ausgebeutet werde.

Künftig dürfte die Mittelschicht sogar noch stärker belastet werden. Die Finanzkrise hat die Staatsverschuldung stark erhöht - und diese Kosten wird erneut allein die Mittelschicht tragen, wenn sie sich nicht aus ihrem verqueren Bündnis mit den Vermögenden löst.

Die Mittelschicht ahnt bereits, dass die Kosten der Finanzkrise an ihr hängen bleiben sollen. Trotzdem wendet sie sich weiterhin gegen die Unterschicht und nicht etwa gegen die Eliten. So sagen fast 65 Prozent aller Menschen, die sich selbst von der Wirtschaftskrise betroffen fühlen: "In Deutschland müssen zu viele schwache Gruppen mitversorgt werden." Wieder gerät völlig aus dem Blick, dass vor allem die Vermögenden davon profitiert haben, dass der Staat mit Milliardensummen Banken und Wirtschaft gerettet hat.

Die Mittelschicht wird so lange für die Reichen zahlen, wie sie sich selbst zu den Reichen zählt.


Aus: "Die Mittelschicht betrügt sich selbst" Aus einem Gastkommentar von Ulrike Herrmann (08.04.2010)
Quelle: https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/soziale-gerechtigkeit-die-mittelschicht-betruegt-sich-selbst-a-687760.html

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« Reply #968 on: September 12, 2019, 10:16:25 vorm. »
Quote
[...] Schon mit seinem ersten Buch aus dem Jahr 2013 „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ sorgte der französische Wirtschaftsprofessor Thomas Piketty weltweit für Aufsehen. Vor allem in den USA war seine These, dass unregulierter Kapitalismus immer zu Vermögensungleichheit führt, hoch umstritten. Nun hat er nachgelegt. Sein neues Werk erscheint am heutigen Donnerstag in Frankreich und trägt den Titel „Capital et Idéologie“ (zu deutsch: Kapital und Ideologie). Es ist ein ehrgeiziges Werk von 1232 Seiten. Und wieder spart Piketty nicht an radikalen Forderungen.

„Ich schlage vor, dass wir das Privateigentum hinter uns lassen und zum sozialen und temporären Eigentum übergehen.“ Was für ihn aber keinesfalls Kommunismus bedeutet, sondern ein bessere Verteilung des Reichtums. Der Franzose, Forschungsdirektor an der Schule für Sozialforschung EHESS und Wirtschaftsprofessor am Ecole d´économie in Paris, sieht Ungleichheit als ideologisch und politisch bestimmt und damit gewollt.

Pikettys erstes Werk wurde in 40 Sprachen übersetzt und mehr als 2,5 Millionen Mal verkauft. „Capital et Idéologie“ bezeichnet der Autor selbst im Vorspann als eine Fortsetzung. Er betont: „Es ist Zeit, den Kapitalismus zu überwinden.“ Reichtum solle nicht mehr nur in den Händen weniger sein, das Kapital müsse besser verteilt werden. Er zeigt unter anderem mit Grafiken, dass ab den 1980er Jahren die Reichen immer reicher wurden. Das Buch ist eine Geschichte der Ungleichheit auf wirtschaftlicher, sozialer, intellektueller und politischer Ebene von frühen Sklavengesellschaften bis zu den heutigen modernen kapitalistischen Formen.

Pikettys Tenor dabei: Der Kampf für Gleichheit und Bildung war es, der die wirtschaftliche Entwicklung und den menschlichen Fortschritt gefördert hat, nicht der Besitz. Er plädiert für einen neuen Sozialismus, in dem Mitbestimmung herrscht. Für ihn ist das eine neue Gleichheit, sozialer, in der alle das gleiche Recht auf Bildung haben, die Macht besser verteilt ist und niemand zu viel Eigentum anhäufen kann.

Obwohl es auf trockenen Zahlen beruht, konnte Piketty mit dem ersten Werk eine große Leserschaft erreichen. Er selbst glaubt fest daran, dass Buch Nummer zwei ihm noch besser gelungen ist. Dem Magazin „L’Obs“ sagte er: „Ich habe Fortschritte gemacht.“ Er habe noch mehr Material gesammelt. Deshalb brauche er noch ein paar Seiten mehr. Dass das Thema Wirtschaft die große Leidenschaft des heute 48-Jährigen ist merkt man. Auf Basis vieler Forschungsergebnisse und Zahlen leitet er konkrete Tipps für Änderungen der Wirtschaftsordnung ab. Und er könnte damit durchaus Gehör finden; viele politisch eher links Beheimatete schwören auf ihn, so auch der Ex-US-Präsident Barack Obama.

Besitz ist für Piketty dabei heute so etwas wie eine heilige Kuh. „Die Sakralisierung des Eigentums ist eine Art Antwort auf das Ende der Religion.“ Es fülle die Leere. Da Piketty aber ein pragmatischer Ökonom und kein Idealist ist, will er den Kapitalismus nicht abschaffen, sondern eben nur geschickt „überwinden“. Privateigentum soll nicht abgeschafft werden, sondern umgewandelt werden, sozial werden und nicht mehr auf alle Ewigkeit in den Händen weniger verbleiben.

Dazu kommen vor allem im letzten Teil des Buches die konkreten Beispiele: Kein Aktionär soll an börsennotierten Firmen mehr als zehn Prozent der Stimmrechte halten dürfen – so wird der Besitz eingeschränkt. Piketty schlägt außerdem eine progressive Vermögenssteuer ab 100.000 Euro vor, die für Milliardäre dann 90 Prozent betragen soll. Das habe es nach dem ersten Weltkrieg schon in den USA gegeben, rechtfertigt sich Piketty. Damit will er die abgehobene Luxuswelt der Milliardäre zerschlagen.

Das Geld aus der Reichensteuer will er für eine „Universalkapitalausstattung“ verwenden, eine Art Grundeinkommen für alle. Alle Französinnen und Franzosen sollen – sobald sie 25 Jahre alt werden – 120.000 Euro erhalten, damit sie Häuser kaufen und Firmen gründen können. Das ist in Paris nicht viel: damit kann man gerade mal zehn Quadratmeter erwerben. Privateigentum, das im Rahmen bleibt, sieht Piketty durchaus als vernünftige Motivation. Laut Piketty stört eine Reichensteuer das Wachstum keinesfalls. Im Gegenteil; in den Unternehmen plädiert er für mehr Mitbestimmung der Angestellten und bessere Verteilung der Macht, um auch die Bezahlung von Spitzenmanagern transparenter zu machen.

Im Gegensatz zu Präsident Emmanuel Macron will er das Gesamtvermögen wieder versteuern. Macron war davon abgerückt und veranschlagt die Steuer nur noch auf Immobilien ab 1,3 Millionen Euro, nicht mehr auf Kapital. Das kritisiert Piketty im Interview mit „L’Obs“: „Das wirkliche Ziel war, die Reichen zu schonen.“ In Deutschland soll das Buch am 11. März 2020 im Verlag C.H. Beck erscheinen.


Aus: "Thomas Pikettys zweites Buch: Der Star-Ökonom, der jedem Franzosen 120.000 Euro schenken will" Tanja Kuchenbecker (12.09.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/thomas-pikettys-zweites-buch-der-star-oekonom-der-jedem-franzosen-120-000-euro-schenken-will/25005412.html

-

Quote
[...] Zu Pikettys Rockstar-Status passt sein Wunderkind-Werdegang. Als Sohn eines Aussteigerpaars schaffte er es mit 18 an die Ecole Normale Supérieure in Paris, mit 22 doktorierte er an der London School of Economics, anschliessend wurde er Professor an einer dritten Elite-Uni, dem MIT in Boston. Heute ist er 48 und lehrt unter anderem an der Paris School of Economics, die er mitgegründet hat.

... In seiner Karriere beschäftigen Piketty bis heute zwei Dinge ganz besonders: erstens die Ungleichheit, gesellschaftlich und wirtschaftlich. Und zweitens die Statistiken, die in den Archiven verstauben, aber eigentlich die mitreissende Weltgeschichte dieser sozioökonomischen Abgründe erzählen.

...


Aus: "Starökonom fordert 90-Prozent-Steuer auf Milliardenvermögen" (10.09.2019)
Quelle: https://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/standardstaroekonom-fordert-90prozentsteuer-auf-milliardenvermoegen/story/29649023

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Quote
[...] Im neuen Buch versucht er sich an einer weltweiten Geschichte ungleicher Gesellschaften, von der frühen Feudalzeit bis heute, und der Ideologien, die sie rechtfertigen sollten, von französischen Bischöfen des 11. Jahrhunderts bis zum chinesischen Parteiherrscher Xi Jinping.

Diesmal hebt Piketty allerdings hervor, dass es keine Zwangsläufigkeit ungerechter Verhältnisse gebe: Nach dem Zweiten Weltkrieg sei von Europa bis Amerika dank entschiedener Politiken zur Umverteilung die extreme Konzentration von Vermögen und Einkommen korrigiert worden. Gleichzeitig sei dies die dynamischste Phase wirtschaftlicher Entwicklung in den betreffenden Ländern gewesen.

Die intellektuelle Auslaugung der Sozialdemokratie, ihre mangelnde Antwort auf die Globalisierung, die Enttäuschung über den Kommunismus und dessen Ende in einem „kleptokratischen Hyperkapitalismus“ macht Piketty dafür verantwortlich, dass es seit Ende der 80er-Jahre wieder zu einer Verschärfung der Ungleichheit und einer Rückkehr des Nationalismus kommen konnte.

Die Apologeten einer „Heiligsprechung des Eigentums“ hätten freie Bahn gehabt. Das offiziell kommunistische China sei „innerhalb kurzer Zeit viel ungleicher geworden als Europa, eindeutig ein Scheitern des Regimes“, schreibt Piketty mit detaillierten Statistiken als Beleg. Insgesamt aber fällt der Part über die postkommunistischen Staaten viel zu kurz aus.

Ausführlich behandelt der 48-Jährige dagegen seine Alternative, den „partizipativen Sozialismus“. Damit dürfte er sich fast alle zum Feind machen, von den Anhängern eines reinen Kapitalismus bis zur harten Linken, die ihn umworben hat und deren Wahlkampagnen er in den vergangenen Jahren öfters unterstützt hat. Piketty spricht zwar von der „Überwindung des Kapitalismus“, doch sein Rezept bedient sich ausdrücklich einiger Elemente der deutschen Sozialen Marktwirtschaft, besonders der paritätischen Mitbestimmung.

... Der Sozialismus à la Piketty ist eine Kombination aus einer weiterentwickelten Mitbestimmung, progressiven Vermögens- und Erbschaftsteuern und einem chancengerechten Bildungssystem unabhängig von der sozialen Herkunft.

Hinzu kommt eine andere Parteienfinanzierung, die den Einfluss finanzstarker Interessen auf die Demokratie stoppen soll. Schließlich will er Besteuerung und Parlamentarismus möglichst auf eine transnationale Ebene heben – „ein ideales, idyllisches Szenario“, wie er selbst einräumt.

Mit seiner Lebensgefährtin Julia Cagé, deren Arbeiten er ausführlich zitiert, habe er in den letzten Jahren „die Welt neu erfunden“, schreibt Piketty in der Danksagung. Hunderttausende Leser werden am Ergebnis teilhaben wollen. Ob der Idealist auch politischen Erfolg hat, steht auf einem anderen Blatt.


Aus: "Mit seinem neuen Werk macht sich Ökonom Piketty alle zum Feind – Linke wie Rechte" Thomas Hanke (12.09.2019)
Quelle: https://www.handelsblatt.com/politik/international/buch-capital-et-ideologie-mit-seinem-neuen-werk-macht-sich-oekonom-piketty-alle-zum-feind-linke-wie-rechte/25003506.html


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« Reply #969 on: September 18, 2019, 04:44:27 nachm. »
Quote
[...] Das Geldvermögen der Deutschen ist trotz der Dauertiefzinsen und Kursverluste an den Aktienmärkten angestiegen. Das geht aus dem jährlichen Global Wealth Report 2019 der Allianz hervor, der für 53 Länder Bargeld, Bankeinlagen und Wertpapiere sowie Ansprüche gegenüber Versicherungen und Pensionsfonds, nicht jedoch Immobilien berücksichtigt. "Die Deutschen sparen mit Macht gegen die Dürre bei Zinsen und Kapitalerträgen an", sagte Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. Weltweit sank das Bruttogeldvermögen dagegen erstmals seit der Finanzkrise 2008.

Grund für den Anstieg ist der Allianz zufolge der boomende Arbeitsmarkt und steigende Löhne. Dadurch seien mehr Menschen in der Lage, Geld zurückzulegen. Das Bruttogeldvermögen – also einschließlich Schulden – ist demzufolge 2018 trotz der Kurseinbrüche an den Aktienmärkten um 2,2 Prozent auf 6,2 Billionen Euro gestiegen. Damit gehörte Deutschland zu den wenigen europäischen Ländern, die einen Zuwachs erzielten. 2018 seien erstmals die Geldvermögen in Industrie- und Schwellenländern gleichzeitig zurückgegangen. Selbst 2008, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, sei dies nicht der Fall gewesen.

Das Geldvermögen der Deutschen liegt netto pro Kopf bei 52.860 Euro. Deutschland lag in der Liste der 20 reichsten Länder unverändert auf dem 18. Platz. Die Liste wird angeführt von den USA, der Schweiz, Singapur, Taiwan und den Niederlanden. Es folgen Japan, Schweden, Belgien, Neuseeland, Dänemark, Kanada, Großbritannien, Israel, Australien, Frankreich, Österreich und Italien.

Entgegen ihres Rufs waren die deutschen Haushalte der Allianz zufolge bei Weitem nicht die vorsichtigsten Sparer im vergangenen Jahr. Zwar stieg der Anteil der Bankeinlagen an den frischen Spargeldern auf 57 Prozent. Im übrigen Westeuropa lag der Wert aber bei 68 Prozent. Die deutschen Sparer investierten laut der Angaben ein Fünftel ihres Anlagegeldes in Aktien und Fonds, die übrigen Haushalte verkauften in der Summe Wertpapiere.   

Nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts haben sich im vergangenen Jahr trotz der Kursturbulenzen wieder mehr Kleinanleger in Deutschland an die Börse getraut. Die Zahl der Aktionäre und Besitzer von Aktienfondsanteilen stieg im Jahresschnitt um etwa 250.000. Insgesamt besaßen etwa 10,3 Millionen Bürger, die älter sind als 14 Jahre, Aktienfonds oder Anteilsscheine von Unternehmen. Damit erreichte die Zahl der Aktienbesitzer den höchsten Wert seit 2007.

Der eskalierende Handelskonflikt zwischen den USA und China, die Ungewissheiten des Brexits und geopolitische Spannungen trübten die Stimmung der Anleger. "Die zunehmende Unsicherheit fordert ihren Tribut", sagte Heise. Handel sei kein Nullsummenspiel. "Entweder gewinnen alle – wie in der Vergangenheit – oder es verlieren alle – wie im letzten Jahr." Netto, also abzüglich von Schulden, sank das Geldvermögen in den 53 untersuchten Staaten insgesamt um 1,9 Prozent auf 129,8 Billionen Euro.

Angesichts der Erholung an den Aktienmärkten im ersten Halbjahr rechnet die Allianz in diesem Jahr weltweit mit einem Anstieg des Bruttogeldvermögens um knapp 7 Prozent. Vorausgesetzt, es gebe keine politischen Störfeuer, die die Börsen belasteten.


Aus: ""Global Wealth Report": Die Deutschen besitzen mehr Geld" (18. September 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-09/global-wealth-report-geldvermoegen-sparen-zinsen

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Gerry10 #4

Hmmm...auf der Hauptseite von ZO heisst es gleich unter diesem Beitrag das die Zahl der Tafelbenutzer deutlich gestiegen ist.
https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-09/armut-tafel-hilfsorganisation-lebensmittel-renter-anstieg

Ich kann mich noch an eine Zeit erinnern als es die Tafel nicht gab weil sie nicht notwendig war....


Quote
aristogeiton #3

Ich glaube, hier wird mal wieder das durchschnittliche Vermögen der Deutschen berechnet, ohne auf die Verteilung dieser Vermögen zu achten. Fast €60000 pro Kopf gibt es ja auch wenn 10% je 600000 und der Rest nichts hat. Vermutlich ist die Verteilung sogar noch viel krasser. Das gilt natürlich auch (oder besser: erst recht) für andere Länder.

Ich interpretiere die Titelaussage mal so: Die Reichen in Deutschland sind noch reicher geworden - in anderen Ländern haben die Reichen eher Geld verloren.


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« Reply #970 on: September 19, 2019, 09:25:16 vorm. »
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[...] Immer mehr Menschen gehen zu den Tafeln in Deutschland, um sich Lebensmittel zu holen, die sie sich im Supermarkt nicht leisten können. Innerhalb eines Jahres ist die Zahl der regelmäßigen Kundinnen und Kunden um zehn Prozent gestiegen, teilte der Dachverband am Mittwoch mit. Aktuell kommen 1,65 Millionen Bedürftige. Besonders dramatisch sei, wie viel Rentner unter ihnen sind.

Die Tafeln sind seit 26 Jahren ein Spiegel der Gesellschaft am untersten Rand. Nach der aktuellen Bilanz lebt fast die Hälfte jener, die anstehen, von Hartz IV. Bei einem guten Viertel handelt es sich um Senioren, die im Alter von der Grundsicherung oder einer zu knappen Rente leben. In den letzten Monaten kamen sogar 20 Prozent mehr alte Menschen als im Jahr zuvor. Ein Fünftel sind zudem Menschen aus dem Ausland, die einen Asylantrag in Deutschland gestellt haben.

Weitere Gruppen sind Geringverdiener, deren Verdienst nicht ausreicht – und Alleinerziehende. Deutschlandweit sind 39 Prozent der Alleinerziehenden auf staatliche Grundsicherung angewiesen – fünfmal häufiger als Paarfamilien. Das zeigt sich auch bei den Tafeln. Nach dem Alter aufgesplittet, sind 44 Prozent der Nutzer im erwerbsfähigen Alter, 30 Prozent Kinder und Jugendliche und 26 Prozent Senioren.

In den vergangenen 14 Jahren nahm die Zahl der Tafel-Nutzer um mehr als das Dreifache zu, teilte der Verein weiterhin mit. 2005 lag sie bei 500 000. 2007 waren es 700 000 und 2015 anderthalb Millionen. Nach Angaben der Organisation handelt es sich jetzt um den ersten deutlichen, landesweiten Anstieg seit 2014.

In den Jahren dazwischen verlief die Entwicklung regional unterschiedlich. In bestimmten Gegenden nahm die Zahl der Bedürftigen bedingt durch den Zuzug von Flüchtlingen 2015 und 2016 zu, in anderen ging sie in dem Zeitraum zurück. Inzwischen habe es bei Flüchtlingen einen Rückgang um sechs Prozent gegeben. Die Zahl der Tafeln blieb in den vergangenen zwölf Monaten mit knapp 950 beinahe konstant. Die steigende Nachfrage ist somit nicht durch eine Ausweitung des Angebots zu erklären.

Niedrige Rentenzahlungen werden nach langer Arbeitslosigkeit als zweithäufigster Grund genannt, eine Tafel aufzusuchen. „Diese Entwicklung ist alarmierend – Altersarmut wird uns in den kommenden Jahren mit einer Wucht überrollen, wie es heute der Klimawandel tut“, sagte der Tafel-Chef Jochen Brühl. Erschreckend sei auch, dass fast 50.000 Minderjährige in den vergangenen Monaten zu den Tafel-Nutzern hinzugekommen sind.

In Deutschland würden Kinder „systematisch“ vernachlässigt, das Bildungssystem sei eines der undurchlässigsten aller Mitgliedsländer der OSZE. „Hier wachsen wegen struktureller Nachteile die Altersarmen von übermorgen heran“, mahnte Brühl. An den Tafeln stünden eher Menschen, die keinen Schulabschluss, keine Ausbildung vorweisen können. Aktuell würden außerdem die steigenden Mieten den Andrang an den Tafeln verstärken.

Mehr als eine Million Menschen bezieht in Deutschland Grundsicherung. Das zeigen die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts. In Berlin sind es über 83 000 Bürger. Die Grundsicherung ist eine Form der Sozialhilfe, die Rentner und Menschen mit einer Erwerbsminderung bekommen, wenn sie mit ihrer Rente nicht über die Runden kommen. Zieht man die Menschen mit einer Erwerbsminderung ab, sind mehr als 566 000 Bürger jenseits der 65 aus finanziellen Gründen ein Fall für die Sozialhilfe. Oft sind es Geringverdiener, Langzeitarbeitslose oder gescheiterte Selbstständige. Doch das sind nur die offiziellen Zahlen. Viele Rentner scheuen den Gang zum Amt – aus der unberechtigten Angst, dass sich die Behörden das Geld bei ihren Kindern zurückholen könnten. „40 bis 50 Prozent der Bedürftigen verzichten auf staatliche Leistungen“, heißt es beim Sozialverband VdK.

Die freiwilligen Helfer arbeiten schon lange an ihrer Leistungsgrenze, heißt es. Zuletzt wurde dies bei einem Eklat im vergangenen Jahr thematisiert: Die Essener Tafel geriet im Frühjahr 2018 bundesweit in die Schlagzeilen, weil sie beschloss, Lebensmittel vorübergehend nur noch an Deutsche auszugeben. Ein angeblich zu groß gewordener Anteil an Ausländern von 75 Prozent sei inzwischen unter den Kunden. Der Spiegel zitierte den Vorsitzenden der Essener Tafel Jörg Sartor mit den Worten: „Die deutsche Oma oder die alleinerziehende deutsche Mutter haben sich bei uns zuletzt nicht mehr wohlgefühlt.“ Unter den Syrern und Russlanddeutschen gebe es „ein Nehmer-Gen“. Einige würden drängeln und schubsen, es fehle an „einer Anstellkultur“.

Der Bundesvorsitzende Jochen Brühl sah die umstrittene Reaktion der Essener Tafel als eine Art Hilferuf. Er habe gehofft, dass die Empörung ein Umdenken auslösen würde. Stattdessen seien die Probleme und die Gleichgültigkeit gegenüber den Abgehängten aus seiner Sicht geblieben.

Obwohl immer mehr Menschen die Unterstützung der Tafeln suchen, kann die Organisation im Vergleich zum Vorjahr auch nur unwesentlich mehr Lebensmittel weiterreichen: gut 265.000 Tonnen sind es; 500 Kilogramm in jeder Minute. Mehr sei nicht möglich wegen zu wenig Helfern und fehlendem Geld für mehr Kühlfahrzeuge und Lagerräume. An einem Mangel an Lebensmitteln liege es nicht. Während die Tafeln für viele Menschen in diesem Land eine Lebensnotwendigkeit sind, würden jedes Jahr gleichzeitig bis zu 18 Millionen Tonnen Essbares weggeschmissen.

Jochen Brühl kritisierte, die aktuelle Entwicklung sei schon seit zehn Jahren absehbar, seit vier Jahren würden die Tafeln darauf hinweisen – ohne ein Echo aus der Politik. „Das Thema Armut braucht lösungsorientierte Vorschläge und muss ganz oben auf die politische Agenda gepackt werden“, forderte der Tafel-Chef. Der Soziologe Stefan Selke nennt die Existenz der Tafeln als Almosensystem in einem so reichen Land einen politischen Skandal. „Sie sind der Pannendienst einer sozial erschöpften Gesellschaft, die immer mehr ihrer Mitglieder als Überflüssige abspeist“, sagte er.

Auch die Opposition meldete sich zu Wort. „Der Staat muss jederzeit dafür Sorge tragen, dass das Recht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum für jeden realisiert wird“, sagte Wolfgang Strengmann-Kuhn, Abgeordneter der Grünen im Bundestag. Die Zahlen der Tafelnutzer würden das „armutspolitische Versagen der Bundesregierung“ verdeutlichen. „Wir fordern eine armutsfeste Garantiesicherung die sanktionsfrei und niedrigschwellig ist, eine Garantierente, die die Lebensleistung anerkennt, sowie eine Kindergrundsicherung, die deutlich macht: Jedes Kind ist gleich viel wert.“

...


Aus: "Warum immer mehr Menschen zu den Tafeln müssen"  Marie Rövekamp Heike Jahberg (18.09.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/armes-deutschland-warum-immer-mehr-menschen-zu-den-tafeln-muessen/25029964.html

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paulino 18.09.2019, 21:56 Uhr

Gleichzeitig könnten letztes Jahr allein die 1.000 vermögendsten deutschen Familien ihren Reichtum um 140 Milliarden(!) € vergrößern. Das eine funktioniert nicht ohne das andere... Einfach nur pervers...


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ideologophob 18.09.2019, 19:50 Uhr

    
    ·         „Niedrige Rentenzahlungen werden nach langer Arbeitslosigkeit als zweithäufigster Grund genannt, eine Tafel aufzusuchen.
    ·          „Diese Entwicklung ist alarmierend – Altersarmut wird uns in den kommenden Jahren mit einer Wucht überrollen, wie es heute der Klimawandel tut“, sagte der Tafel-Chef Jochen Brühl.
    ·         …  „Das Thema Armut braucht lösungsorientierte Vorschläge und muss ganz oben auf die politische Agenda gepackt werden“, forderte der Tafel-Chef.“


Es sind Millionen Menschen verschiedener Bevölkerungssegmente, denen die Zivilgesellschaft ein menschenwürdiges Leben vorenthält.
Nur für sie protestiert und streikt niemand.
Und in den Medien taucht dieses Prekariat kaum auf.
Daher Anerkennung für diesen ausführlichen Bericht – mag er auch nur anlassbedingt sein.


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« Reply #971 on: September 19, 2019, 09:44:03 vorm. »
Quote
Herbstzellah @jazellah_
05:16 - 18. Sept. 2019

In der Schulzeit mussten ja immer alle Bücher immer feinsäuberlich in Folien eingepackt werden. Wir hatten dieses Geld nicht. Meine Mama hat immer dieses durchsichtige Paketband genommen und damit meine Bücher beklebt. Arm macht erfinderisch. Ein Thread

Lehrer haben irgendwann nicht mehr gefragt was ich in den Ferien mache. Sie wussten dass wir zu Hause bleiben und mir das super unangenehm war das allen zu sagen die nach malle, Kanaren, USA geflogen sind.

Ich erinnere mich an einen Monat in dem die Sozialhilfe nicht kam weil vergessen wurde mamas Einkommen zu löschen. Es war bitter kalt und wir haben den ganzen Nachmittag auf der Treppe vor der Sparkasse gesessen und es kam nichts.
Mobbing war Bestandteil. Weil meine Klamotten nicht cool waren, ich kein Geld für das Café hatte. Weil ich alte schulsachen hatte. Weil ich in keinem coolen Verein war.
Ende des Monats war der Kühlschrank leer. Meine Mum hat es trotzdem geschafft selbst aus gähnender leere was zu zaubern. Btw gibt es keinen Menschen vor dem ich mehr Hochachtung habe.

Die größte Ausgrenzung waren schulsachen. Taschenrechner, farbkästen, Füller. Es musste immer die und die Marke sein. Von Sportsachen fange ich gar nicht an. Ich war so dankbar in der Oberstufe nur noch Block und kulli zu brauchen.

Erst spät habe ich verstanden dass meine Mama das ganze Jahr an Versandhäuser gezahlt hat für die Weihnachtsgeschenke vom Vorjahr. Ab da an habe ich mir nur noch Sachen gewünscht die ich eh brauchte wie Schuhe oder so.

Dann kamen Tanzschule und Fahrschule. Und ich war die einzige die sich das nicht leisten konnte. Für die tanzschule hat mein Bruder auf sein Ticket verzichtet und ist jeden Tag 2 x 6 km gelaufen.

Ende des Monats bin ich oft zu Hause geblieben weil es eh kein Brot mehr gab. Die besten Erinnerungen waren immer die Tage an dem das Geld kam und wir im Supermarkt mal kaufen konnten was wir wollten.

Macht euch nichts vor. Bildung und Teilhabe ist ein Privileg das der Unterschicht nicht zugänglich ist. Ich wäre gerne studieren gegangen aber die Aussicht auf weitere 6-7 Jahre in Armut haben mich mein duales Studium machen lassen. Am Tag der ersten Zahlung habe ich geweint.

Meine Mutter war am Boden zerstört als sie gesehen hat wie glücklich ich das erste essen der Tafel nach Hause geschleppt hab. Es gab Äpfel und Puddings Ende des Monats!

Funfact zu diesem thread: ich bin aber heute sehr gut im Kopfrechnen weil ich lange Zeit keinen Taschenrechner hatte.

... Ich habe in einem Jobcenter längere Zeit gearbeitet. Auch das BuT Paket schützt nicht vor Ausgrenzung. Klassenfahrten werden bezahlt aber halt nicht das Taschengeld. 70€ und 30€ im Jahr reichen halt vorne und hinten nicht um schulsachen zu kaufen... Und wir haben wenigstens immer die Bezieher über ihren Anspruch aufgeklärt und jeder hat es auch unkompliziert erhalten ABER es war stigmatisierend und es ist einfach nicht in jeder Stadt so der Fall.

...

Frau Monstermann  @MrsMonstermann
Antwort an @jazellah_

Ich sichere mir diesen Thread für die Momente, in denen Schüler wieder naiv behaupten, jeder habe in der Schule die gleichen Möglichkeiten - man müsse sich halt nur anstrengend.


Herbstzellah @jazellah_

Hahahaha ja das ist naiv


Herzog @Herzog18616573

Antwort an @jazellah_: Manche der Sachen kann ich nachvollziehen, andere nicht, da ging es mir deutlich besser.
Danke für den thread.

Holger Scherer @HolgerScherer
Antwort an @jazellah_

wieso mussten Bücher in Folie eingepackt werden?

c0dy @c0dy_42

"damit sie länger halten" nach spätestens 3 Monaten is die eh abgefleddert

...

yeah @Dieses_Rufus
Antwort an @jazellah_ @echtallwissend

Meine Eltern haben es geschafft uns (3 Kinder) in den schwierigsten Zeiten (nach Abzug von Miete und anderen nicht vermeidbare Unkosten wie Versicherungen) mit weniger als 400€ durch zu bringen. Für Lebensmittel, Schulsachen, Klassenfahrten, Klamotten, B-day Geschenke etc.
Das ist wirklich nicht schön, trotzdem hatte ich eine tolle Kindheit die ich niemals tauschen würde. Ich kann sie Situationen also sehr gut nachvollziehen und bewundere besonders meine Mutter zutiefst dafür.

...


Akiina1987 @akiina1987
Antwort an @jazellah_ @LaVieVagabonde

Ich Habs kennengelernt. Leider. Ich erinner mich dass ich Mama nach 2 Euro fragte für eine tütensuppe und ein Brötchen und die Antwort war "du hast gestern warm gegessen"

...

M @_morios
Antwort an @jazellah_ @alexclaain

Ich hatte leider keine wundervolle Mutter aber dafür die gleiche Armut. ... Harte Zeiten, aber sie haben mich definitiv besser gemacht! Ich werd immer wissen wo ich her komm.

...

Katrin Kemmler @KatrinKemmler1
Antwort an @jazellah_

Seit ich vor über 20 Jahren mein Kind bekommen habe, wettere ich gegen die Armut der Kinder von Alleinerziehenden. Kämpfe für Kinder - statt Ehegattensplitting. Total verrücktes Argument: man dürfe Paare nicht bestrafen, die keine Kinder bekommen können. Sagen Politiker.

...


Gigabot @Gigaknork
Antwort an @jazellah_

Jetzt hab ich tatsächlich Tränen in meinen Augen... Meine Mom war genauso! Wir hatten nie was, ich hab jeden Ausflug sausen lassen müssen, habe manchmal in der Schule bei den Erzählungen von Ferien etc. Irgendwelche Sachen erfunden, damit ich irgendwas zu erzählen hatte.  ... Zu Ihren Lebzeiten hat sie quasi ihr letztes Hemd für mich und meine Schwester gegeben...

...


Quelle: https://twitter.com/jazellah_/status/1174296233743175681?s=03

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« Reply #972 on: September 19, 2019, 09:47:49 vorm. »
Quote
[...] Die Deutsche Bahn will künftig ehemalige Manager nicht mehr mit Beraterverträgen ausstatten. Wie der Aufsichtsrat nach seiner Sitzung in Berlin mitteilte, sollen ab sofort Beraterverträge für frühere DB-Manager grundsätzlich untersagt sein, ebenso entsprechende Verträge mit "Personen mit politisch exponierter Stellung". Aufsichtsratschef Michael Odenwald erklärte: "Für uns steht fest: Die Praxis der Vergangenheit wird abgestellt."

Die Bahn hatte seit Anfang Juni auffällige Beraterverträge untersucht, die ehemalige Topmanager des Konzerns in den Jahren von 2010 bis 2018 ohne Beteiligung des Aufsichtsrates erhalten hatten. Schon vor der Sitzung war durchgesickert, dass in elf Fällen Verstöße gegen das Aktienrecht festgestellt worden seien. Zuletzt war bekannt geworden, dass es auch Verträge mit dem früheren NRW-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers gab. Der CDU-Politiker äußerte sich dazu bislang nicht.

In einem Fall spricht der Aufsichtsrat von Bereicherung. Das Gremium machte daher den Weg für Rückforderungen von Honoraren von einem Ex-Vorstand einer Tochtergesellschaft frei. Er soll für den mit über 300.000 Euro dotierten Kontrakt keine ausreichenden Leistungen geliefert haben.

Die Untersuchung der Affäre hatte sich vor allem auf Verträge mit Ex-Vorstand Ulrich Homburg konzentriert. In einem Fall wurde dem Untersuchungsbericht zufolge, der Reuters vorlag, ein Vertrag pflichtwidrig am Aufsichtsrat des Konzerns vorbei geschlossen. Unterzeichnet hatte diesen Kontrakt Homburgs Nachfolger als Personenverkehrsvorstand, Berthold Huber. Als Konsequenz wurde ihm daraufhin nach Angaben aus Konzernkreisen die geplante Zuständigkeit für die Güterbahn DB Cargo doch nicht übertragen.

Für Verantwortliche bei der Bahn waren vor der Sitzung Rügen oder Abmahnungen im Gespräch gewesen. Dazu gab es am Mittwoch aber noch keine Entscheidung. Der Aufsichtsrat lehnte es jedoch ab, auch nur einen der untersuchten Beraterverträge nachträglich zu genehmigen.

...


Aus: "Bahn schafft Beraterverträge mit Ex-Managern ab" (Tsp, Reuters, dpa) (19.09.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/elf-verstoesse-gegen-aktienrecht-bahn-schafft-beratervertraege-mit-ex-managern-ab/25031404.html

Quote
Gophi 08:43 Uhr
Ein kleiner, aber notwendiger und überfälliger Schritt in Richtung weniger Korruption und Misswirtschaft in den obersten Etagen. In wie vielen Konzernen diese "Beraterverträge" wohl noch gängige Praxis sind? ...


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« Reply #973 on: Oktober 09, 2019, 04:41:10 nachm. »
Quote
[...] Den Finanzbehörden sind aus dem Ausland Milliardenvermögen von Deutschen gemeldet worden. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor, die ZEIT ONLINE vorliegt. Nicht-EU-Staaten informierten die Bundesrepublik im Jahr 2017 demnach über Erträge in Höhe von fast 39 Milliarden Euro. Diese Gelder sind steuerlich relevant. Insgesamt lagen auf deutschen Konten außerhalb der EU 269,4 Milliarden Euro. Zuerst hatte die Süddeutsche Zeitung darüber berichtet.

Basis für den automatischen Informationsaustausch ist ein Standard, den die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung erarbeitet hatte. Der Austausch von Daten war bereits 2014 vereinbart worden, sollte jedoch erst 2017 beginnen. Neben den fünf größten EU-Staaten Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien gehörten unter anderem auch Bermuda und die Kaimaninseln zu den Erstunterzeichnern.

Im Jahr 2016, bevor der automatische Austausch galt, hatte Deutschland noch deutlich weniger Informationen erhalten, wie die Zahlen der Bundesregierung zeigen. Damals meldeten Staaten außerhalb der EU den deutschen Behörden lediglich Erträge in Höhe von 2,4 Milliarden Euro.

Auch EU-Länder melden inzwischen mehr Geld. Der Datenaustausch soll aber vor allem darauf abzielen, Steuerflucht in sogenannte Steueroasen zu verhindern. Laut OECD haben inzwischen 95 Staaten Kontostände automatisch verschickt. Dazu gehören Länder wie Singapur, Lichtenstein und Andorra, die in der Vergangenheit oft als Steueroasen bezeichnet wurden und für den Informationsaustausch ihr Bankgeheimnis lockerten.

Nicht dabei sind die USA. Allerdings stützen diese sich bei ihrem Kampf gegen Steuerhinterziehung auf ein Netzwerk aus eigenen bilateralen Abkommen, die als Vorbild für die jetzt auf OECD-Ebene unterzeichneten Verträge dienen und ähnliche Absprachen festschreiben. Zwischen den USA und Deutschland greift ein solches Übereinkommen zum Datenaustausch bereits seit 2013.

Wie hoch die Summen sind, die aus den einzelnen Staaten und Gebieten gemeldet werden, bleibt laut Bundesregierung geheim. Die Vertraulichkeit sei "fundamentale Voraussetzung für die Bereitschaft der Staaten, an dem Informationsaustausch teilzunehmen", hieß es in der Antwort auf die Anfrage der Bundesregierung. Diese Regeln nicht zu akzeptieren, würde die "langjährigen Anstrengungen zur Bekämpfung von Steuerflucht" gefährden.

Informationen, die an Deutschland gemeldet werden, leitet das Bundeszentralamt für Steuern an die zuständigen Finanzämter weiter. Unklar ist, was durch den automatischen Informationsaustausch zusätzlich in die Kassen der Steuerbehörden fließen wird. Die Verarbeitung der gemeldeten Informationen sei noch nicht abgeschlossen, teilte die Bundesregierung mit.


Aus: "Milliardenvermögen aus dem Ausland an deutsche Behörden gemeldet" Jurik Caspar Iser (9. Oktober 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-10/steuerflucht-bankguthaben-ausland-vermoegen-steueroase


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« Reply #974 on: Oktober 22, 2019, 10:10:24 vorm. »
Quote
[...] "Das Defizit, unter dem der Heilige Stuhl leidet, hat ein besorgniserregendes Ausmaß angenommen; es besteht die Gefahr, dass es zu einem Default führen könnte", heißt es in einem Dokument, das der italienische Enthüllungsjournalist Gianluigi Nuzzi in seinem neuen Buch "Giudizio Universale" ("Das Jüngste Gericht") vorlegt. Das brisante Dokument war am 18. Mai 2018 vom vatikanischen Wirtschaftsrat verfasst worden, einem von Papst Franziskus geschaffenen Kontrollorgan für die diversen Finanzinstitutionen des Kirchenstaats.

Insgesamt verwertete Nuzzi in seinem Buch dreitausend vertrauliche Dokumente, die ihm im Laufe der letzten Jahre aus dem Innern des Vatikans zugespielt worden waren. Default, Zahlungsunfähigkeit, Bankrott, Pleite: Dieses Szenario sei "zum konkreten Albtraum innerhalb der heiligen Palazzi" geworden, schreibt die Römer Zeitung "La Republica", die über das gestern Abend vorgestellte Enthüllungsbuch ausführlich berichtete.

Der Zustand der vatikanischen Finanzen sei "dramatisch": Die Einnahmen aus Spenden und Diözesen seien – nicht zuletzt wegen des durch den Missbrauchsskandal verursachten Vertrauensverlusts – eingebrochen, die Kosten insbesondere für das Personal der Vatikanstadt und des Heiligen Stuhls seien parallel dazu "unkontrolliert" gewachsen, der Buchwert vieler Vermögenswerte habe nach unten korrigiert werden müssen, lautet die Diagnose von Nuzzi. Hinzu komme eine vermutlich gravierende Finanzierungslücke in der Pensionskasse der Vatikanangestellten.

Trotz der von Papst Franziskus im Jahr 2014 eingeleiteten Sparmaßnahmen seien allein im Zeitraum zwischen 2015 und 2017 die Vatikan-Ausgaben um 62 Prozent gewachsen, berichtet Nuzzi in seinem Buch. Das Defizit im laufenden Jahr werde um 63 Millionen Euro steigen, was einem Plus von fast 200 Prozent entspräche.

Ob diese Zahlen korrekt sind, ist freilich nicht ganz klar: Der vom deutschen Kardinal Reinhard Marx präsidierte Wirtschaftsrat bemängelte laut Nuzzi schon vor über einem Jahr, dass von einzelnen vatikanischen Behörden "fundamentale Informationen" zurückgehalten würden. Dies Angaben wären erforderlich, "um das Defizit exakt und korrekt bestimmen" zu können, wie es in einem im Buch zitierten Protokoll heißt.

Die nach wie vor fast vollständige Intransparenz bleibt das zentrale Problem der Vatikanfinanzen: Die letzten offiziellen Angaben zu den Budgets des Heiligen Stuhls und der Vatikanstadt stammen aus dem Jahr 2006. Der Etat des Heiligen Stuhls lag damals bei 228 Millionen Euro; für den Vatikanstaat wurde das Gesamtvolumen im gleichen Jahr auf 150 Millionen Euro geschätzt.

Es ist bekannt, dass der Vatikan auf einem immensen Vermögen an Wertanlagen und Immobilien sitzt. Aber vor allem bei der Verwaltung des Grundbesitzes regiert Vetternwirtschaft und Ineffizienz: Von den rund 4400 vatikanischen Immobilien stünden deren 800 leer, weitere 3200 seien zu teilweise lächerlich tiefen Vorzugsmieten vergeben worden, schreibt Nuzzi. Trotz der Billig-Mieten verzeichne die vatikanische Güterverwaltung Apsa Mietausstände von 2,6 Millionen Euro.

Der frivole und zum Teil auch kriminelle Umgang mit den Geldern des Kirchenstaats durch Prälaten und Vatikanangestellte ist seit langem bekannt. Erst Anfang Oktober ist ein neuer Skandal aufgeflogen: Fünf Vatikanangestellte sind wegen Verdachts auf Amtsmissbrauch, Korruption, Unterschlagung und Geldwäsche von ihren Ämter suspendiert worden. Es geht um illegale oder zumindest fragwürdige Immobilien-Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe im Ausland.

Außerdem sollen 250 Millionen Dollar aus den Vatikan-Kassen in eine Ölplattform vor der Küste Angolas investiert worden sein. Franziskus hat die Affäre als derart gravierend eingestuft, dass er den erfahrenen italienischen Mafia-Jäger Giuseppe Pignatone an seinen Hof geholt und zum Präsidenten des vatikanischen Tribunals ernannt hat.

Nuzzis neues Buch führt dem Leser vor Augen, wie wenig Erfolg Papst Franziskus bisher mit seinen Reformbemühungen im Finanzwesen hatte. In der Kurie werde weiterhin gemauert, Behörden verweigere Kontrollen und lehnten die Zusammenarbeit mit den neuen, vom Papst geschaffenen Aufsichtsbehörden ab, schreibt die "Repubblica".

Viele Finanzverantwortliche rückten nur einen Teil der Unterlagen heraus, das vatikanische Staatssekretariat stehe ganz ausserhalb des Einflussbereichs der Kontrolleure. Franziskus bemühe sich nach Kräften, die alten Seilschaften zu zerschlagen und die Strukturen zu erneuern – aber er sei nach wie vor mit erbittertem Widerstand konfrontiert. Der Papst sei "isoliert", schreibt die "Repubblica".
 

Aus: "Frivoler Umgang mit Geld: Im Vatikan geht die Angst vor der Pleite um"  Dominik Straub aus Rom (21. Oktober 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000110146984/frivoler-umgang-mit-geld-im-vatikan-geht-die-angst-vor

Quote
maaskantje_ 06xx1008040 6

man könnte ja den Ablasshandel wieder einführen ...


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Flat Jack

Wer mal im vatikanischem Museum war, weiß dass die katholische Kirche nicht am Hungertuch nagen wird.


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CosMoe, wissen:schaft 23

Um Gottes Willen! Wie kann man denn der ach so armen Kirche am besten helfen?! Ich schlage "thoughts and prayers" vor.


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Wozu bitte?

Da kann man nur Beten oder?
Man könnte auch
Vermögen offenlegen,
Bilanzprüfungen durchführen,
Korruption bekämpfen,
Kindesmissbrauch verfolgen, etc.

...


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Suchender, nicht Wissender

Die heiligen Männer der Kirche

Bischöfe, die erster Klasse mit dem Flugzeug zu einer kleinen Visitation eines Entwicklungsprojektes um die halbe Welt fliegen, und deren Besuch die Hälfte dessen Kostet, was das Projekt insgesamt in einem Jahr zur Verfügung hat, um mehreren hundert Kindern Unterkunft und Verpflegung zu bieten.
Tebartz van Elst, der sich eine privat Wohnung um über € 6 Millionen bauen ließ, aber gleichzeitig die Katholiken zu spenden für Arme aufrief, ist leider nur eines von vielen Beispielen, von denen der Vatikan natürlich alles weiß. Denn zusätzlich zu seiner Bischofs Pension von € 5500 erhält van Elst vom Vatikan noch € 3000 extra für einen extra für ihn geschaffenen Posten.


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la-la-lama

Ist Maßlosigkeit nicht eine Todsünde?



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« Reply #975 on: Oktober 23, 2019, 04:05:59 nachm. »
Quote
[...] Die Studie / Die Initiative - More in Common ist eine gemeinnützige, spendenfinanzierte Organisation, die sich der Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhangs verschrieben hat. In den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland will die Organisation die Gründe der gesellschaftlichen Polarisierung erforschen und Ansätze entwickeln, wie man ihr entgegenwirken kann. Gemeinsam präsentieren Die ZEIT und ZEIT ONLINE die für Deutschland vorliegenden Ergebnisse.


... Unsichtbarkeit wirkt auf eine Gesellschaft destabilisierend. Erst recht in einer Demokratie – sie lebt ja davon, dass jede Stimme zählt. Umso brisanter ist die Studie Die andere deutsche Teilung der Initiative More in Common, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland erforscht hat und der ZEIT exklusiv vorab vorlag. Die Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis, dass 30 Prozent der Menschen in Deutschland "eine große Distanz zum politischen System und ihren Mitmenschen" empfinden. Sie seien deshalb "auf politisch-gesellschaftlicher Ebene kaum sichtbar". More in Common nennt diese Gruppe das "unsichtbare Drittel". Wer dazu zählt, fühle sich weder von der Politik der Parteien noch von zivilgesellschaftlichen Bewegungen angesprochen. "Sichtbar" sind demnach nur zwei Drittel der Gesellschaft.

Die Zweidrittelgesellschaft: Das ist ein altes politisches Schlagwort, es geistert seit den Achtzigerjahren durch die Soziologie. Geprägt hat es der SPD-Politiker Peter Glotz angesichts der damaligen Furcht, dass technische Entwicklungen die Arbeit eines Drittels der Bürger entbehrlich machen und kulturelle Entwicklungen dieses Drittel auch in anderen Bereichen des Lebens abhängen könnten. Doch laut der Studie von More in Common besteht das unsichtbare Drittel nicht nur aus Abgehängten. Auch ein großer Teil der jungen Menschen mit mittlerem sozialen Status und sicherem Job gehört dazu.

Das Münchner Meinungsforschungsinstitut Kantar Public, das die Studie durchgeführt hat, erhob nicht nur harte Daten wie Einkommen, Alter, Bildungsgrad, sondern versuchte vor allem, die Werte der Menschen zu ergründen. Die Meinungsforscher haben 4001 repräsentativ ausgewählte Personen in Deutschland dazu befragt, wie sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt bewerten, ob sie sich sozial eingebunden fühlen, was sie von der Zukunft und der Politik erwarten.

Es kristallisierten sich sechs Gruppen heraus, die ähnlich groß sind: die Offenen (16 Prozent), denen Selbstentfaltung, Weltbürgertum und kritisches Denken wichtig sind; die Involvierten (17 Prozent), die über viel Bürgersinn verfügen; die Etablierten (17 Prozent), die zufrieden sind mit dem Erreichten; die Pragmatischen (16 Prozent), die sich auf ihr persönliches Vorankommen konzentrieren; die Enttäuschten (14 Prozent), die das Gefühl haben, zu kurz zu kommen, und die Wütenden (19 Prozent), die ein fundamentales Misstrauen gegenüber dem System hegen.

Das unsichtbare Drittel setzt sich aus den Pragmatischen und den Enttäuschten zusammen. Verglichen mit den anderen Gruppen, fühlen sie sich mit weitem Abstand am häufigsten einsam; oft wissen sie nicht, wohin sie gehören. Zu den Pragmatischen zählen überdurchschnittlich viele Menschen mit Migrationshintergrund. Beide Gruppen sind politisch desorientiert, sie tun sich schwer damit, sich in das gängige Rechts-links-Schema einzuordnen. Und es gehören viele junge Menschen dazu, von den 18- bis 39-Jährigen sind es 44 Prozent, das unsichtbare Drittel umfasst also einen wichtigen Teil der Zukunft Deutschlands.

Vielleicht wird das unsichtbare Drittel sogar einmal ausschlaggebend sein für fundamentale Richtungsentscheidungen, und zwar gerade weil es politisch desorientiert ist. Denn umso mehr Potenzial bietet es den Parteien für einen Stimmenzuwachs: Die Hälfte der Nichtwähler findet sich im unsichtbaren Drittel. Und auch die Affinität zur AfD ist unter den Enttäuschten und Pragmatischen hoch, höher ist sie nur unter den Wütenden.

Beides kann sich ändern – nur weist gerade nichts auf eine positive Entwicklung hin. Laut der More-in-Common-Studie sind 70 Prozent der Menschen in Deutschland der Meinung, dass sich das Land in die falsche Richtung bewege. Nur jeder Zweite ist zufrieden damit, wie die deutsche Demokratie funktioniert. Dass sich in den vergangenen fünf Jahren die gesellschaftliche Lage verschlechtert habe, glaubt mehr als die Hälfte. Und nur fünf Prozent rechnen mit Besserung in den kommenden Jahren.

Dieser düstere Blick nach vorn könnte darauf hindeuten, dass dem gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland schwere Zeiten bevorstehen. Zwar sind 70 Prozent der Befragten davon überzeugt, dass es wichtig wäre, eine gemeinsame Grundlage zu finden. Aber eine Mehrheit glaubt nicht, dass dies gelingen könne angesichts der Unterschiede zwischen den Parteien, den Weltanschauungen und den Lebensweisen in diesem Land. Drohen also amerikanische Verhältnisse? Unüberbrückbare Spaltungen?

Die More-in-Common-Studie legt diesen Schluss nahe – belegen kann sie ihn nicht. Schon deshalb nicht, weil es sich bei der Befragung um eine Momentaufnahme handelt. Um eine Tendenz aus den Zahlen herauszulesen, bräuchte es Vergleichsdaten aus früheren Jahren, die aber gibt es nicht. Das sei ein generelles Problem vieler Befragungsstudien, sagt die Frankfurter Soziologin Nicole Deitelhoff: "Aus weichen Umfragekriterien werden relativ harte Schlussfolgerungen gezogen." Deitelhoff ist gerade dabei, mit anderen ein Institut aufzubauen, das den gesellschaftlichen Zusammenhalt systematischer untersuchen soll, gefördert wird es vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Es wird Soziologen, Politikwissenschaftler, Historikerinnen, Juristinnen, Medienwissenschaftler und Geografinnen aus Instituten, die quer über die Republik verteilt sind, zusammenbringen. Ein Schwerpunkt soll die Datenerhebung bilden, um gezielt Lücken bisheriger Studien schließen und diese besser vergleichen zu können. Startschuss ist Mitte 2020.

Bis dahin kann man sich ein Stück weit mit der Sozialphilosophie behelfen. Der Philosoph Axel Honneth, bis 2018 Direktor des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt, hat schon 1994 das gesellschaftliche Auseinanderdriften beschrieben und nach einer Lösung gesucht. Die Bürger pluraler Gesellschaften, schrieb er damals, bedürften "einer sozialen Wertschätzung, wie sie nur auf der Basis gemeinsam geteilter Zielsetzungen erfolgen kann". Im Innersten zusammen hält die Gesellschaft demnach also nicht Tradition, die als gemeinsamer Besitz definiert wäre, sondern das, was gemeinsam erreicht werden soll. Kurz gesagt: Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist Zukunft wichtiger als Herkunft.

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf lassen sich zwei schockierende Zahlen aus der More-in-Common-Studie in Beziehung zueinander setzen, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben: Nur 24 Prozent der Befragten glauben, die Politik gehe "derzeit die wichtigen Themen in Deutschland entschieden" an – und 60 Prozent befürworten, einen Schlussstrich unter die Verbrechen der deutschen Vergangenheit zu ziehen, statt sich damit kritisch auseinanderzusetzen. Offenbar müssen die Schulen und die Politiker noch besser vermitteln, wie wichtig gerade das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte für unser Selbstverständnis sein sollte. – Und vielleicht fällt gerade diese kritische Beschäftigung mit der Vergangenheit den Bürgern leichter, wenn sie das Gefühl haben, dass die Herausforderungen der Zukunft angepackt werden.

Vor allem beim Thema Gerechtigkeit sehen die Bürger laut der More-in-Common-Studie Handlungsbedarf. 72 Prozent beschäftigt das Thema häufig, das sind deutlich mehr als etwa bei der Migration (59 Prozent). Am stärksten wird das unsichtbare Drittel von Gerechtigkeitsfragen umgetrieben. Faire Löhne, bezahlbarer Wohnraum, eine höhere Besteuerung von Spitzenverdienern: Das wäre die Agenda des unsichtbaren Drittels, wenn es eine hätte.

Vielleicht entwickelt sich diese ja noch. Sobald etwa die Politik beginnt, das unsichtbare Drittel zur Kenntnis zu nehmen – aus eigenem Interesse, weil eine Demokratie es sich nicht leisten kann, 30 Prozent der Bürger außen vor zu lassen, schon gar nicht, wenn weitere 19 Prozent bereits wüten. Sollten die Unsichtbaren – Pflegekräfte, Supermarkt-Kassierer, Handyladenbesitzer – dann beginnen, aus dem Schatten zu treten, könnten sie die lange Geschichte der Emanzipationsbewegung fortschreiben, indem sie dafür sorgen, dass sich die Demokratie in Deutschland sozial vertieft.

Quellen

    Die aktuelle Studie von More in Common zum Download: www.dieandereteilung.de
    Peter Glotz (1984): Die Arbeit der Zuspitzung
    Axel Honneth (1994): Kampf um Anerkennung



Aus: "Soziale Gerechtigkeit: Das unsichtbare Drittel" Maximilian Probst (23. Oktober 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/2019/44/soziale-gerechtigkeit-more-in-common-studie-demokratie-emanzipation/komplettansicht

Quote
quoth-the raven #26

Die Offenen und die Wütenden..... Wer da einen Gegensatz konstruiert trägt zur Spaltung der Gesellschaft bei. Und warum wird das kritische Denken einzig den Offenen zugeschrieben? Warum wird hier mit Begriffen wie "politisch desorientiert" für ganze Bevölkerungsgruppen operiert? Sorry, das hat alles weder Hand noch Fuß.


Quote
rolfmueller #30

Die sechs gesellschaftlichen Typen in der Studie bilden die Gesellschaft nur unzureichend ab. Was soll ein Typ „Die Wütenden“ aussagen, wenn ich schon aus eigener Erfahrung weiß, dass es wütende Menschen gibt, die für Mindestlöhne arbeiten müssen oder von geringen Renten leben, und die den drastischen Erhöhungen von Mieten, Energie- und Mobilitätskosten immer weniger entgegenzusetzen haben, gleichzeitig aber antirassistisch denken und fühlen, eine bunte, multiethnische und -kulturelle Gesellschaft bejahen. Und ihnen stehen ebenfalls wütende Menschen gegenüber, die sichere, durchschnittlich oder sogar besser bezahlte Jobs haben, wenig oder keine existenzielle Sorgen, aber ihre Vorstellung von Gesellschaft, Kultur, Lebensweise und Religion im Mainstream nicht mehr ausreichend wiederfinden und deshalb zu 20 Prozent AfD wählen. Ich denke zum Beispiel an Regionen im Speckgürtel um Stuttgart, in dem die meisten ein eigenes Haus besitzen, der Volkswagen von Mercedes kommt, der gutbezahlte Job sicher ist, denen aber die ganze Richtung nicht passt, weil sie nicht neben dunkelhäutigen Menschen leben und von Personal ohne Akzent bedient werden wollen.


Quote
LaberRhabarber2 #1

"Viele Deutsche fühlen sich laut einer aktuellen Studie übersehen. Das ist gefährlich. Besonders für Politiker gilt jetzt: Augen auf!"

Das gilt aber auch für die Medien. Vielleicht sogar noch mehr.


Quote
Cymbeline #1.1

"Das gilt aber auch für die Medien. Vielleicht sogar noch mehr."

Weil …?


Quote
Lorenz_01 #1.3

... weil sich die Realität im Land in den Medien viel zu wenig widerspiegelt?

Ich brauche ganz sicher keine gleichgeschalteten Medien, die ausschließlich die eigene Filterblase bedienen. Es ist aber tendenziell erkennbar, dass die in der Studie genannte Gruppe der "Offenen" weitaus mehr zu Wort kommt, als es ihrem prozentualen Bevölkerungsanteil entspricht. Kommt dann noch dazu, dass sich in dieser Gruppe auch eine latente Neigung zur "Erziehung" der übrigen findet, kann das für eine Gesellschaft nicht gut sein. ...


Quote
Le Toast #1.10

Werden Medien vom Volk gewählt und haben die Aufgabe dessen Interessen zu vertreten?


Quote
McBudaTea #3

Ich habe den Eindruck, dass sich die Gruppe, die tatsächlich übersehen wird, sich sehr stark von der Gruppe unterscheidet, die sich übersehen fühlt.


Quote
zipit #3.7

Ich habe auch so meine Zweifel an der Aussagekraft der Studien von More in Common; zumindest an deren "Hidden Tribes" Studie aus dem Jahr 2018.

Abseits der generellen Erfolglosigkeit des Ansatzes der Verhaltensforschung, Menschen in Gruppen mit fest definierten Attributen einzuteilen ("die Etablierten", "die Erfolglosen", etc.) und aus diesem Modell zuverlässige Vorhersagen abzuleiten, fiel mir in jener Studie der extreme Bias gegen linke Positionen auf. Linke wurden dort u. a. als "angry, cautious, unhappy, insecure, distrustful, disillusioned" getagt, während rechte bis konservative Positionen als "religious, middle class, patriotic, moralistic, white, retired, highly engaged, uncompromising" (vollständige Liste) getagt wurden, also weitgehend jene kritisch bis pejorativen Tags fehlten ([1], S. 7 und entsprechende Abschnitte).

Folgt aktuelle Deutschland-Studie der Hidden Tribes Studie in Methodik und Modell, würde ich auch diese aufgrund von Beliebigkeit und Nicht-Nachvollziehbarkeit der gesetzten Merkmale für wenig beachtenswert halten. Das Interview ist einfach keine geeignetes Mittel, um gesellschaftliche Strukturen aufzudecken, besonders dann, wenn sich der Auftraggeber auf die Fahnen geschrieben hat, tatsächliche oder vermeintliche politische Extrempositionen aufzudecken.

[1] https://www.moreincommon.com/media/nhplchwt/hidden_tribes_report.pdf



Quote
yagi #16

Die Unsichtbaren sind die Verlierer in der Vermögensmehrungsbewegung und müssen müssen das so sehen. Und dann, unsere Politik- und Wirtschafts-Eliten verliessen den Boden der sozialen Marktwirtschaft - nach dem Verschwinden des sozialistischen Ostblocks entledigte man sich jeglicher Hemmnisse hin zum ungezügelten Finanzkapitalismus.
In unserer heutigen Welt, in der weniger als 0,1 % der Bevölkerung über 50% des gesamten Vermögens besitzen, der reichste Mann Deutschlands (Lidl Eigentümer) sein Vermögen letztes Jahr um 1 Milliarde vermehrt hat, seine Angestellten der Altersarmut entgegenwerkeln, ist das Empfinden der Unsichtbaren über soziale Ungerechtigkeit mehr als berechtigt, bald so noch stärker werdend, so wie andersherum die Anhänger der Altparteien immer weniger werden, denn die Altparteien haben nicht nur den Traum vom besseren Deutschland zerstört, es war einmal eine soziale Marktwirtschaft, das ist zur Realität geworden- die Spaltung der Gesellschaft.


Quote
Schlaupilz #21

Interessante Studie, die nachdenklich macht. Ihre Schlussfolgerung: "Faire Löhne, bezahlbarer Wohnraum und höhere Besteuerung von Spitzenverdienern". Das muss machbar sein!


Quote
xtina72 #21.1

Jo - wird ja auch erst seit 40 Jahre gefordert. Und war trotzdem noch nie machbar, da hatten die, die an miesen Löhnen, unbezahlbaren Wohnung usw. verdienen, nun mal etwas dagegen. Und die bestimmen das Spiel.


Quote
KölscheGöre #21.2

Jaja.

Die pöhsen Spitzenverdiener.

Warum verdienen die bloß nur mehr als andere?
Leistung und Fähigkeiten dürfen es ja nicht sein.
Wahrscheinlich Versklavung und Knechtung der Armen.
Das wird es sein...


Quote
Easy B. #22

Im Sinne der Aufklärung sind solche Befragungen nützlich. Aber ob die gutgemeinte Empfehlung "Besonders für Politiker gilt jetzt: Augen auf!" irgendetwas bewirken wird???

Die Politiker orientieren sich schon lange nicht mehr an den Stimmungen/Ansichten der Bevölkerung, weil sie wissen, dass die Wähler keine Alternativen haben. Die Mainstream-Parteien sind ja inzwischen kaum noch zu unterscheiden - und die Randparteien links und rechts werden von der Medien-Propaganda im Zaum gehalten.

Insofern können die Mainstream-Parteien tun und lassen, was sie wollen und das tun sie auch. Gerade in Deutschland orientieren sie sich nur noch am Wohlstand der oberen Zehntausend und lassen sich von deren Lobbyisten/Verbänden/Stiftungen diktieren, was gewünscht wird. Letztlich ein Selbstbedienungsladen für das Finanzbürgertum...


Quote
Easybaer #23

Ganz schockierend der Artikel und trotzdem, ist man nicht auch zum Teil für sich selbst verantwortlich? Es heißt nicht umsonst, jeder ist seines Glückes Schmied. Ausnahmen gibt es natürlich immer, aber 30%?


Quote
KölscheGöre #23.2

Was?

Sie fordern hier Eigenverantwortung, Gestaltungswille und Leistung?
Ketzer!


Quote
roland_s #23.3

Jeder ist seines Glückes Schmied - kaum eine "Weisheit", die ideologischer ist.

"Ist jeder seines Glückes Schmied?" Gesine Palmer (2015)
Der Rollstuhlfahrer beispielsweise, der seit einem Unfall behindert ist, wird doch wohl etwas falsch gemacht, sein Glück eben nicht richtig geschmiedet haben.
Psychologisch nennt man so eine Ansicht Angstabwehr. Wer die Eigenverantwortung in dieser Weise missversteht, will nicht wissen, dass jeder auch ohne eigenes Zutun Pech haben kann. Damit drückt man sich um die Verantwortung, die wir in der Gesellschaft auch für einander haben. Wer selbst schuld ist an seinem Unglück, der soll auch die Folgen selbst in den Griff kriegen, sagt man dann. ...
https://www.deutschlandfunkkultur.de/falsche-volksweisheit-ist-jeder-seines-glueckes-schmied.1005.de.html?dram:article_id=311364


Quote
jgstefan #45


Zu diesem Thema gibt es eine Studie der Uni Osnarbrück die über 15 Jahre die Gesetzgeberische Tätigkeit diverser Bundesregierungen darauf hin untersuchte in wieweit normale Bürger ihre Anliegen berücksichtigt finden. Das Ergebnis war niederschmetternd, Anliegen von Normalbürgern und Geringverdienern werden gegen null berücksichtigt. Selbige Studie gab is auch in den USA mit dem selben Ergebnis.

Systematisch verzerrte Entscheidungen? Die Responsivität der deutschen Politik von 1998 bis 2015.
http://www.zedf.uni-osnabrueck.de/media/endbericht-systematisch-verzerrte-entscheidungen.pdf



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« Reply #976 on: Oktober 24, 2019, 10:48:15 vorm. »
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[...] Der SPD-Politiker Otto Schily war von 1998 bis 2005 Bundesinnenminister. Otto Schily war von 1998 bis 2005 Bundesinnenminister. Der 87-jährige Sozialdemokrat, der einst die Grünen mitgegründet hat, ist Rechtsanwalt und lebt in Berlin

In Deutschland sind 99,5 Prozent aller Unternehmen mittelständische Firmen, sie erwirtschaften mehr als jeden zweiten Euro und stellen über die Hälfte aller Arbeitsplätze. Leider scheint dieser schlichte Sachverhalt bei der SPD weitgehend – vielleicht mit Ausnahme der Kommunalpolitiker – in Vergessenheit geraten zu sein. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass die SPD Vorschläge auftischt, die für den Mittelstand eine ernsthafte wirtschaftliche Bedrohung darstellen. Der SPD scheint ohnehin seit dem Ausscheiden von Gerhard Schröder aus der aktiven Politik wirtschaftlicher Sachverstand abhandengekommen zu sein. In dieses Bild gehört, dass sie inzwischen einen Überbietungswettbewerb veranstaltet, auf welche Weise dem Mittelstand zusätzliche Steuern aufgebürdet werden könnten. Den Solidaritätszuschlag soll der Mittelstand weiter zahlen, der Verlustabzug bei Finanzanlagen soll eingeschränkt werden, und nun soll auch die Vermögensteuer wieder eingeführt werden, damit es in Deutschland angeblich wieder gerechter zugehe.

Die Vermögensteuer ist aber weder gerecht noch sozial, sie ist wirtschaftsschädigend und damit unsozial, ungerecht und mittelstandsfeindlich.

Die Befürworter der Vermögensteuer berufen sich in erster Linie auf die Vermögensverteilung in Deutschland. Aber die Vermögensteuer bewirkt keineswegs eine Besserstellung von wirtschaftlich Schwächeren. Sie konfisziert lediglich Vermögen. Genau genommen ist sie deshalb eine Verstaatlichung von Vermögen. Sie entzieht gerade den mittelständischen Unternehmen Eigenkapital, das für ihre Entwicklung von großer Bedeutung ist.

Die Befürworter der Vermögensteuer verweisen gern auf die Schweiz, in der eine Vermögensteuer erhoben wird. Sie verschweigen aber, dass von 36 OECD-Staaten nur noch drei eine Vermögensteuer kassieren. In der Schweiz gilt sie mittlerweile als Auslaufmodell. Außerdem liegt die Steuerbelastung in der Schweiz insgesamt erheblich unter dem Hochsteuerniveau in Deutschland.

Die Vermögensteuer soll privates Vermögen in Gestalt von Kunstgegenständen, Schmuck, Edelmetall und anderen Werten betreffen. Deren Erfassung, wie auch das von Betriebsvermögen, ist äußerst schwierig; sie würde zu nahezu unüberwindlichen Bewertungsproblemen führen, zu einer Vielzahl von Verfahren vor den Finanzgerichten und zu einer unerträglichen Verletzung der Privatsphäre. Der bürokratische Aufwand wäre enorm, für die Steuerpflichtigen ebenso wie für den Fiskus. Dieser Aufwand würde nicht nur die Gewinne der mittelständischen Unternehmen mindern – und damit die Ertragsteuern –, sondern würde aufseiten des Staates auch mehr Personal erfordern – und damit höhere Steuern. Ein großer Teil des Vermögensteuer-Aufkommens würde also bereits durch höhere Kosten des Fiskus aufgezehrt und stünde keineswegs, wie behauptet wird, für Infrastruktur-Projekte zur Verfügung.

Die fatalsten Auswirkungen hat die Vermögensteuer dann, wenn ein Unternehmen sie zu entrichten hat, seine Erträge dafür aber nicht ausreichen. Dann muss das Unternehmen Vermögen veräußern. Zwangsverkäufe verringern die Kapitalbasis mittelständischer Unternehmen und begünstigen Wettbewerber aus Niedrigsteuerländern. Will die SPD das?

Eine Vermögensteuer ist unsozial, weil sie die Erträge und die Investitionsmöglichkeiten der Unternehmen erheblich einschränkt und damit den Spielraum für höhere Löhne und für die Beteiligung der Arbeitnehmer am Unternehmenskapital einengt – von der Gefährdung bestehender Arbeitsplätze ganz zu schweigen.

Zu geradezu grotesken Ergebnissen würde die Vermögensteuer bei Immobilieneigentum führen. Eine breite Eigentumsstreuung ist gesellschaftlich wünschenswert, denn sie verringert die Abhängigkeit der Bürger von Vermietern und trägt zur individuellen Alterssicherung bei. Deshalb ist es eine positive Entwicklung, dass die Deutschen gerade vermehrt Wohneigentum kaufen. Angesichts der gestiegenen Grundstückspreise würden viele Immobilien jedoch schnell die für die Vermögensbesteuerung vorgesehenen Schwellenwerte erreichen. Damit geriete die Kalkulation für die Alterssicherung oder die Eigennutzung völlig aus den Fugen.

In zahllosen Fällen würde die Vermögensteuer zu einer verfassungswidrigen Substanzbesteuerung und damit in letzter Konsequenz zur Enteignung führen. Nehmen wir als Beispiel eine Frau, die Inhaberin eines Handwerksbetriebes in Berlin ist. Als Altersversorgung hat sie in Kreuzberg vor zehn Jahren ein Mietshaus erworben, für einen damals marktgerechten Preis. Mittlerweile ist der Wert der Immobilie auf das Dreifache gestiegen, ihr Vermögen hat sich also verdreifacht. Die Einnahmen sind aber gleich geblieben, denn die Mieten kann oder will die Eigentümerin nicht erhöhen. Müsste diese Frau künftig Vermögensteuer zahlen, bliebe ihr am Jahresende ein Negativergebnis. Sie wäre also gezwungen, zuzuschießen oder das Haus zu verkaufen. Als Käufer bietet sich ein Immobilienfonds aus einem Steuerparadies an. Ist das gerecht?

Vor solchen Zwangsverkäufen wären wirklich reiche Bürger gefeit. Das würde dazu führen, dass besonders Reiche immer reicher würden. Ist das sozialdemokratisch?

Zu erinnern ist schließlich daran, dass die Vermögensteuer nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts nur so bemessen werden darf, dass sie zusammen mit den sonstigen Steuerbelastungen die Substanz des Vermögens, den Vermögensstamm, unberührt lässt und aus üblichen Erträgen bezahlt werden kann. Das Grundgesetz, mit anderen Worten, verbietet eine schrittweise Konfiskation, die den Steuerpflichtigen übermäßig belasten und seine Vermögensverhältnisse grundlegend beeinträchtigen würde.

Die Überschrift für die von Ludwig Erhard konzipierte soziale Marktwirtschaft hieß "Wohlstand für alle". In den gesellschaftlichen Alltag übersetzt muss das heißen: "Eigentum für möglichst viele". Die Politik, und vor allem die Sozialdemokratie, sollte sich daher darum bemühen, die Eigentumsbildung in Gestalt von Wohneigentum, durch die Gründung von kleinen und mittleren Unternehmen, durch die Beteiligung von Arbeitnehmern an den Unternehmen und wo immer an anderer Stelle zu fördern, statt den Menschen und dem Mittelstand immer mehr Steuern aufzubürden und damit Eigentumsbildung zu erschweren.

Ungleiche und ungerechte Besteuerung auszugleichen ist gewiss eine wichtige Aufgabe. Die krassesten Unterschiede bestehen heute aber offenkundig in der übermäßigen Besteuerung der arbeitenden Menschen und der mittelständischen Unternehmen in Deutschland gegenüber einer allenfalls marginalen Besteuerung der immer mächtiger werdenden internationalen Internet-Unternehmen wie Google, Twitter, Facebook, Amazon oder Apple und wie sie alle heißen. Dagegen vorzugehen ist für die Politik sicherlich keine leichte Aufgabe. Aber sie würde sich lohnen. Für die SPD und Olaf Scholz sollte dies eine ihrer Hauptaufgaben sein.


Aus: "Vermögenssteuer: Eigentum für möglichst viele!" Ein Gastbeitrag von Otto Schily (23. Oktober 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/2019/44/vermoegensteuer-eigentum-gerechtigkeit-sozialdemokraten/komplettansicht

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del Cerro #4.1

...Schily ist halt ein Vermögender ("Toskanafraktion")
der von den Vermögenden (SPD´lern) jetzt vorgeschickt wird -
klar wollen die keine Vermögensteuer...


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frechernono #3.28

Zeit Online - wo sich High Potentials und Leistungsträger die Klinke in die Hand geben.


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Der Korrektor #72

Auf die Idee, dass Steuern ja eigentlich eine verfassungswidrige Verstaatlichung sind, ist man am Stammtisch auch schon gekommen.


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Serp4 #7

Faszierend dass die SPD-ler die maßgeblich für den Zusammenfall der SPD verantwortlich sind immer noch meinen die hätten irgendwas sinnvolles beizutragen.
Der Text könnte 1 zu 1 auch von einem CDU-ler oder FDP-ler stammen.


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Bluto Blutarski #7.1

"Der Text könnte 1 zu 1 auch von einem CDU-ler oder FDP-ler stammen ."

Da muss ich wiedersprechen: Die würden sich nicht trauen, so plump und offensichtlich interessengesteuert zu argumentieren. Sowas traut sich nur ein Agenda-Gestählter.


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Bluto Blutarski #7.3

Da haben Sie natürlich Recht. Der Punkt ist nur der: Hätte Kohl die Agenda 2010 verbrochen, wäre das Volk (vielleicht) auf die Strasse gegangen. Den Sozis hat man eine solche Sauerei schlicht nicht zugetraut.


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einfacheranständigerBürger #3.6

Lieber Herr Schily,
schön wäre es wenn sie mal einen konstruktiven Vorschlag machen würden wie wir verhindern dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht! ...



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  Markus Alexander #3.10

Ich bin ein großer Freund der Initiative "SPD pur", die sich mit Stolz an die Agenda 2010 erinnert. Keine Reform hat dem Land so aus dem Schlamassel geholfen wie diese. Die Arbeitslosigkeit, die zuvor noch zu den europaweit höchsten zählte, sank binnen Jahren auf einen Tiefstand. Den Aufschwung der letzten Jahre, die gut gelungene "Verarbeitung" der Wirtschaftskrise von 2008ff. ist wesentlich ein Verdienst der Schröder'schen Reformen.

Die SPD muss die Partei sein, die mit Verve den Beweis antreten will, dass freie Marktwirtschaft und sozialer Ausgleich Ziele sind, die nicht einander widersprechen, sondern einander BEDINGEN. Das ist die SPD, die auch in Zukunft Erfolg haben wird, und keine abgewrackte alte Tante, die gescheiterten Ideen von vorgestern anhängt! Letztere Rolle möge der Linkspartei überlassen bleiben...


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frechernono #3.14

>Die SPD muss kräftig in Richtung Mitte schwenken.

"Mitte" ist eine Euphemismus für konservativ. ...


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Genji #3.16

Man stelle sich vor es ist Aufschwung und niemand merkst. Die Wirtschaftsstärke eines Landes ist bedeutungslos, wenn die Verteilung nicht stimmt und hier zu Lande stimmt sie ganz sicher nicht. ...



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agt69 #3.35

„ Das ist ja die Krux der SPD! Weiß gar nicht was Kühnert da noch macht...soll er doch zu den Linken gehen, wenn er es ernst meint.“

Ja das sollte er! ...


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pauleric #3.42

“Markliberaler. Ab in die Union, AfD oder FDP. Solche Leute haben in der SPD nichts zu suchen. Solche sind ein Hauptgrund für das erstarken der AfD.“

Die AfD und die Grünen sind auch marktliberal bzw. neoliberal. Kurzum: Alle Parteien, bis auf die Linkspartei (noch).
Im Grunde ihaben wir fast schon eine neoliberale Einheitspartei ...


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  Shinee #5

Das ist das beste, was ich seit langer Zeit von der SPD gelesen habe.
Aufgabe der Sozialdemokratie sollte es sein, Wohlstand zu ermöglichen
und nicht Wohlstand zu verhindern.


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Koga jebe #5.1

Und die Aufstocker fragen sich, ob sie lediglich zu blöd sind Kapital zu bilden.


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ah-jun #5.2

"Aufgabe der Sozialdemokratie sollte es sein, Wohlstand zu ermöglichen und nicht Wohlstand zu verhindern"

Ein schöner, aber doch ziemlich unsinniger Satz. Das was die Wirtschaft an Mehrwert erzeugt landet seit vielen Jahren hauptsächlich bei den Vermögenden und nicht bei den Arbeitnehmern. ...


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  marcome #19

Dass der sich nicht schämt, noch weiterhin vorzugeben, für die Sozialdemokratie zu sprechen.


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44 Beobachter #23

Hier schreibt kein Sozialdemokrat, sondern ein Vertreter der Mittelstandsvereinigung. ...


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elgringo #35

Auweia, der Schily kommt! Vom RAF-Anwalt zum hardcore-Kapitalisten. Das macht dem so schnell keiner nach...


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PeterPaulMary #66

Ich hätte nicht gedacht, das dem RAF-Anwalt jemals zustimmen würde.


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SigmundJulius #37

Fakten: 42% Abgehängte, die seit über 20 Jahren keinen Einkommenszuwachs mehr erfahren konnten!
In den letzten 20Jahren durften die unteren Einkommensgruppen 5% mehr Steuern zahlen, während die Reichsten 5% weniger Steuern zahlen mußten.
Das Rentenniveau wurde von ursprünglich 70% auf unsolidarische 48% abgesenkt.
Wer hier keinen Handlungsbedarf sieht, ist blind oder egoistisch!


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Avatarbild UnsereFeindeSindWirSelbst #59

Ja klar, erst den größten Niedriglohnsektor Westeuropas installieren, und dann den Menschen was von Eigentum erzählen. ...


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Clemenules #37.2

// Die "Abgehängten" sind selber Schuld. //


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boingboing #53

Ich kenne einen alten Steuerberater, der nie verstanden hatte, warum die Vermögenssteuer, wie sie bis 1996 in Deutschland bestand, beendet und nicht adäquat ersetzt wurde.

Seine Rede ist: "Den Reichen unter meinen Mandanten war es völlig egal, wenn sie gegen Ende des Jahres 5000 oder 50000 EUR Vermögenssteuer zahlen mussten. Sie haben es gar nicht gemerkt. Aber für die Bundesländer waren die Einkünfte durchaus von Bedeutung."

Er hat auch nie nachvollziehen können, dass die Einkommensteuerbelastung der Großverdiener über die Geschichte der Bundesrepublik immer mehr gesenkt wurde. Für ihn sind das kleptokratische Entwicklungen.

Für mich ebenfalls, ich sehe die zunehmende Ungerechtigkeit im Laufe von etwas 60 Jahren, die ich jetzt lebe. Die Menschen im Staat verspüren das ebenfalls, und sie verlieren das Vertrauen in die Sicherheit und Gerechtigkeit des Staatswesens. Diese Entwicklung ist beängstigend und zerstörerisch für unser Gemeinwesen. ...


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Giselle #70

Zitat: "Die Politik, und vor allem die Sozialdemokratie, sollte sich daher darum bemühen, die Eigentumsbildung in Gestalt von Wohneigentum. ... zu fördern...."

Wo waren Sie, Herr Schily, als mit H-IV der kleine Lohnabhängige dazu verdonnert wurde seine Substanz an Geringvermoegen (Lebensversicherung etc) zu verschleudern ehe er/sie die viel zu geringe, Bedarfe unterdeckende Stütze erhält?

Die Eigentumsbildung wurde für Lohnabhängige per Agenda2010 verhindert.
Sinkende Löhne im "besten Niedriglohnsektor von Europa" (laut Gerhard Schröder in Davos) bei exorbitant gestiegenen Mieten ist gleichbedeutend mit gestiegener Armut von Kindern bis hin zu Rentnern. Eine "Sozial"demokratische Partei, die 1. mit H-IV verantwortlich für die stetig sich weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich ist und 2. die eigentliche Zielgruppe, die Lohnabhaengigen verraten hat, eine solche Partei ist durch und durch unglaubwürdig.



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Südvorstadt #68

Liebe Genossinnen und Genossen, liebe SPD-Mitglieder, liebe Delegierte,
DAS ist der Grund, warum Euch nur noch 15 Prozent der Deutschen mit fallender Tendenz wählen. Otto Schily verbreitet auch im Jahr 2019 das neoliberale Mantra des unantastbaren Reichen. ... Und gleichzeitig klafft die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auf wie eine tiefe Wunde, immer weniger Menschen besitzen immer mehr Geld und es wird immer mehr und mehr und mehr, und unten muss Oma Erna Pfandflaschen aus dem Müll fingern und Hansjörg morgens und abends anderthalb Stunden in die Firma pendeln, weil er sich trotz zwei Verdienern in der Familie keine Wohnung in der Stadt leisten kann. Und der Schily von der SPD stellt sich echt vor die Reichen und sagt, die sind unantastbar. ...


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plow siebel #75

 ... Am krassesten finde ich das hier: Die Ermittlung der Vermögenssteuer führe "zu einer unerträglichen Verletzung der Privatsphäre". Das schreibt der Mann, der mit seiner Hartz-IV-Gesetzgebung Armen Kontrolleure in die Wohnung schickt, die kontrollieren sollen, ob vorhandene Zahnbürsten und benutzte Wäsche auf eine verschwiegene Bedarfsgemeinschaft hinweisen. Leute, die dermaßen offen und platt die Interessen der Reichen durchsetzen wollen, sollte die SPD nicht mehr zu Wort kommen lassen. Die sind für den Untergang dieser Partei verantwortlich.


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neoliberaler Revisionist #84

Ich finde es schockierend, welche Neiddebatten zu diesem Thema geführt werden.  ...


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classichouse #87

Ein erschreckendes Bild wie viel Neid in den Kommentaren ist.


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  grussausberlin #101

... Schilys Argumentation zeigt vor allem eins: absolute Ferne von der Realität der arbeitenden Durchschnittsbevölkerung. Damit passt er gut auf den Copilotensitz in Friedrich Merzens Cessna (die eine von den beiden), deren Besitz aus dessen Sicht typisch für die deutsche Mittelschicht ist. ...


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marian0 #103

>>Die Vermögensteuer ist aber weder gerecht noch sozial, sie ist wirtschaftsschädigend und damit unsozial, ungerecht und mittelstandsfeindlich. <<

Herr Schily - erst Grüne, dann SPD, dann Innenminister und innenpolitischer Hardliner. Und jetzt ist er auch noch Finanz- und Wirtschaftspolitiker, allerdings mit abenteuerlich unseriöser Argumentation.
Wenn er doch geschwiegen hätte!


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Kai Hamann #131

Herr Schily sollte einmal direkt mit den Folgen der Verwüstungen konfrontiert werden, die die finanzmarktfreundliche Politik der SPD angerichtet hat. ...


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Hobby Sokrates #148

Über Eigentum für alle reden und übertriebenen Reichtum Weniger meinen. Das ist verlogen.
Selten so ein schwaches, undurchdachtes Pamphlet gelesen.


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« Last Edit: Oktober 24, 2019, 11:48:31 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #977 on: Oktober 24, 2019, 10:58:03 vorm. »
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[...] Ingar Solty ist Autor und Referent am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa Luxemburg Stiftung

Der griechisch-französische Staatstheoretiker Nicos Poulantzas hat in seinem Hauptwerk „Staatstheorie“ einmal geschrieben, dass die Klassen in einer Gesellschaft, die Besitzenden und die Nichtbesitzenden, immer im Konflikt miteinander stünden, selbst wenn man das nicht immer gleich sofort erkennen könne.

Nun, kann man in dieser Woche wohl sagen, sieht man diese Konflikte der Klassen weltweit ziemlich offen zutage treten. International gehen von Chile [https://www.tagesschau.de/ausland/chile-proteste-reaktion-101.html] über Haiti [https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/der-kommende-aufstand] bis in den Irak [https://www.derstandard.at/story/2000110183077/insgesamt-157-tote-wegen-exzessiver-gewalt-durch-sicherheitskraefte-im-irak] und den Libanon [https://www.spiegel.de/politik/ausland/proteste-im-libanon-stuerzt-alles-analyse-a-1292791.html] die Massen auf die Straßen und protestieren gegen Armut, Perspektivlosigkeit und Preiserhöhungen.

Man sieht den Klassenkampf aber auch ganz offen in Deutschland ausbrechen, wenn die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die selbsternannte „Zeitung für Deutschland“, geradezu panikartig auf den in Berlin beschlossenen „Mietendeckel“ reagiert. „Der Berliner Mietendeckel kommt“, hieß es da am Wochenende unter der Überschrift „Vermieter, hört die Signale!“. Die Deckelung der ins Extreme gesteigerten Mieten sei „eine schlechte Nachricht nicht nur für Vermieter in der Hauptstadt“ und „der seit Jahrzehnten wohl drastischste Eingriff in die deutsche Eigentumsordnung und eine scharfe Attacke auf die Vertragsfreiheit“, die als „elementare Bestandteile der sozialen Marktwirtschaft“ ausgemacht werden. Das von der Linke-Senatorin Katrin Lompscher angestoßene und vom rot-rot-grünen Senat verabschiedete Gesetz werde „daher weit über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus Beachtung finden.“

Man möchte der FAZ entgegnen: „Seht’s mal so. Vier Jahrzehnte liefen die Eingriffe in die (Volks-)Eigentumsordnung nur in Eurem Interesse, im Interesse der betuchten FAZ-Kernleserschaft – im Interesse der gigantisch gewachsenen Zahl derer, die nicht von Arbeit, sondern von Kapitaleinkommen leben. 627.000 Menschen sind das heute – laut Statistischem Bundesamt. Von 80 Millionen. Lange habt Ihr nicht geklagt. Lange galt alles, von den Privatisierungen des öffentlichen Wohnungsbaus, der Krankenhäuser, der Bahnstrecken bis zur Verscherbelung des gesamten DDR-Volkseigentums – als alternativlos. Als all das durchgesetzt wurde, habt Ihr nicht das Ende der sogenannten „sozialen Marktwirtschaft“ ausgerufen. Und das, obwohl immer mehr Menschen, von denen die wenigsten die FAZ lesen, das als ein solches Ende erlebt haben.

Und jetzt? Jetzt beginnt sich das Blatt ganz langsam zu wenden und schon schreit Ihr Zeter und Mordio! Aber für uns, die wir nicht von Kapitaleinkommen leben, heißt das bloß: Wir sind offensichtlich erfolgreich auf dem richtigen Weg. Und dieser Weg ist noch längst nicht zu Ende.“

Denn beschließt das Abgeordnetenhaus nun, wie vorgesehen, im Februar die Deckelung der Mieten für die nächsten fünf Jahre, dann ist das für die große Mieterinnen- und Mietermehrheit in Berlin ein historischer Etappenerfolg. Er verschafft der Berliner Regierung und den vielen Mieterbewegungen die Luft zum Atmen, die nötig ist für die Entspannung des Berliner Mietmarktes. Jene Luft, die nötig ist, um den sozialen Druck für die Sozialisierung der großen Immobilienkonzerne wie Deutsche Wohnen und Vonovia voranzutreiben, die sich und ihre Shareholder in den letzten Jahren so gigantisch an den Arbeitseinkommen der Berliner Mieterinnen und Mieter bereichert haben. Denn bislang blockiert die SPD in der Regierung die Volksabstimmung zu „Deutsche Wohnen und Co. enteignen“. Auch das – die Art und Weise, wie insbesondere die SPD in der Regierung im Interesse der Immobilienwirtschaft den Mietendeckel zu bremsen und zu verwässern versucht hat – gehört zu den Kämpfen zwischen den Interessen oben und unten.

Und diese Woche hat sich noch eine andere Frontlinie im Klassenkampf aufgetan: Die Bundesbank hat die Forderung auf eine erneute Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 69 oder 70 Jahre erhoben. Die gesetzliche Rente sei wegen des „demographischen Wandels“ nicht mehr finanzierbar, heißt es mal wieder. Die Menschen würden älter, darum müssten sie – trotz hoher Produktivitätsfortschritte – halt länger arbeiten.

All das wurde uns schon einmal erzählt: nämlich vor der Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67, die 2007 mit den Stimmen von CDU/CSU und SPD beschlossen wurde. Das Problem an dieser Argumentation ist, dass sie falsch ist – und von denselben Leuten und aus denselben neoliberalen Kreisen kommt, die die Probleme in der gesetzlichen Rentenkasse erst verursacht haben. Dies taten sie, indem sie die Rentenformel auflösten, also die paritätische Finanzierung der Rentenversicherung durch Kapital und Arbeit, um das Kapital im Namen der Widde-widde-Wettbewerbsfähigkeit zu entlasten. Sie taten es, indem sie einen staatlich subventionierten Niedriglohnsektor schufen – also linke Tasche, rechte Tasche spielten.

Die Auflösung der Rentenformel und der Niedriglohnsektor haben dann zu massiven Zahlungsausfällen in den Sozialsystemen geführt. Und klammert man einmal die Tatsache aus, dass schon heute Leute ab 50 oft keine Jobs mehr finden, wenn sie einmal entlassen worden sind, weil Jüngere billiger sind oder schneller mit dem Computer umgehen können, dann bleibt unterm Strich, dass die neoliberale Lösung mal wieder darin bestehen soll, das Renteneintrittsalter zu erhöhen und Alt gegen Jung auszuspielen. Eine weitere Umverteilung von unten nach oben. Eine Form von Klassenkampf, Klassenkampf von oben.

Was hieße hier denn Klassenkampf von unten? Vielleicht das: Eine Rentenversicherung für alle, in die auch die Beamten einzahlen. Und die Förderung von tarifgebundenen und sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen. Das fordert der DGB – Alles Gute zum 70. Geburtstag! – übrigens schon lange.

Sichtbar wird der Klassenkampf dieser Tage übrigens auch in den USA, wo die Washington Post – die dem reichsten Mann der Welt gehört, Amazon-Chef Jeff Bezos – darüber berichtet, wie der achtreichste Mann der Welt – Facebook-Gründer Mark Zuckerberg – Bernie Sanders scharf attackiert. Weil der US-Präsidentschaftskandidat sich gegen die Obszönität der großen Milliardenvermögen und für eine Vermögenssteuer ausgesprochen hat, der zufolge Zuckerberg im letzten Jahr 5,5 Milliarden US-Dollar an Steuerzahlungen hätte leisten müssen.

Und Sanders selbst? Hat soeben vor 26.000 begeisterten New Yorkerinnen eine triumphale Rückkehr auf die politische Bühne gefeiert – zusammen mit dem sozialistischen Dokumentarfilmer Michael Moore und der sozialistischen Kongressabgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez. Die vor Kurzem noch eine arme Barkeeperin in New York City war. Sie sind immer in Konflikt miteinander, die Besitzenden. Und die Nichtbesitzenden.
 

Aus: "Klassenkampf von allen Seiten" Ingar Solty (2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/klassenkampf-von-allen-seiten

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man.f.red | Community

Middle Class Screwed.
Not Just The US.

Big Mike explains what happened to the American Middle Class...and why the American Dream has slipped so far out of reach for many families. (2011)
https://www.youtube.com/watch?v=uB7jdjsFErM


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Kalle | Community

Ob Bernie ein Nichtbesitzender ist...


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« Reply #978 on: Oktober 25, 2019, 11:27:12 vorm. »
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[...] Die Zahl der Empfänger von Leistungen der sozialen Mindestsicherung ist im vergangenen Jahr gesunken. Ende 2018 erhielten 7,2 Millionen Menschen Hilfen zur Existenzsicherung, 5,1 Prozent weniger als ein Jahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt am Freitag in Wiesbaden mitteilte. Gemessen an der Gesamtbevölkerung sank der Anteil der Leistungsempfänger von 9,2 Prozent zum Jahresende 2017 auf 8,7 Prozent zum Jahresende 2018. Der Anteil ging damit das dritte Jahr in Folge zurück.

Die häufigste Mindestsicherungsleistung ist den Angaben zufolge das Arbeitslosengeld II, das Ende 2018 knapp 5,6 Millionen Menschen bezogen. Das waren 5,7 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung kam 1,1 Millionen Menschen zugute (minus 1,9 Prozent). Hilfe zum Lebensunterhalt außerhalb von Einrichtungen floss an 121.000 Menschen (minus 4,3 Prozent).

Zahlungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhielten 411.000 Menschen, 12,2 Prozent weniger als im Vorjahr. Dieser Rückgang sei auf eine sinkende Zahl von Asylanträgen sowie auf die hohe Zahl abgeschlossener Asylverfahren zurückzuführen, erläuterte die Statistikbehörde.

Mit einem Minus von sieben Prozent ging die Anzahl der Empfänger sozialer Mindestsicherungsleistungen in den neuen Bundesländern (einschließlich Berlin) erneut überdurchschnittlich zurück, wie das Statistische Bundesamt weiter mitteilte. Der Anteil der Empfänger an der Bevölkerung ging dort seit dem Jahr 2006 - mit Ausnahme des Jahres 2015 - nahezu kontinuierlich zurück. Im alten Bundesgebiet waren 4,5 Prozent weniger Menschen auf die Leistungen angewiesen. (epd)


Aus: "Weniger Menschen beziehen soziale Mindestsicherung" (25.10.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/drittes-jahr-in-folge-rueckgang-weniger-menschen-beziehen-soziale-mindestsicherung/25154388.html

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2010ff 10:23 Uhr

Es gibt bei Wahlanalysen seit einigen Jahren die Rubrik "Wählerwanderung". Es hilft zu erklären, wohin sich die Wähler bewegt haben.

Solch eine Erläuterung wäre gerade hier im Bereich der Grundsicherung von großem Vorteil. Würde sie doch deutlich machen, ob es den abgängigen Grundsicherungsbeziehern gelungen ist, der Armut zu entkommen - oder nicht.

Es gibt jetzt also "nur" noch 7.2 Millionen Menschen, die Grundsicherung beziehen. Rund jeder 10te.
Es wäre interessant zu erfahren, wohin diese ehemaligen Grundsicherungsbezieher sich verändert haben.
Im AlG II -Bereich kann es so sein, dass sie in "Lohn und Brot" gekommen sind. Das dürfte in vielen Fällen so sein, es gab ja Job-Aufwuchs in der deutschen Volkswirtschaft.
Sie können auch in die Rente gekommen sein. Oder sich aus dem Hartz IV-System abgemeldet haben.
Im Bereich der Grundsicherungsbezieher im Rentenalter sind wie viele der Bezieher verstorben?
Man weiß es nicht. Und das ist schade, denn zumindest ich fühle mich nur "halb" informiert.


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« Reply #979 on: Oktober 25, 2019, 11:35:04 vorm. »
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[...] Gernot Laganda, 47, ist Leiter der Klima- und Katastrophenpräventionsabteilung im Welternährungsprogramm (WFP) der UN. Das Programm erreicht jährlich 90 Millionen Menschen.

... Derzeit gehen wir von 822 Millionen hungernden Menschen weltweit aus. ... Seit den frühen 1990er-Jahren hat sich die Zahl der Klimakatastrophen auf rund 200 mehr als verdoppelt. Derzeit sind 22 Millionen Menschen im Jahr gezwungen aufgrund von Klimaereignissen zu migrieren, weil sie ihre Lebensgrundlagen verlieren. Die meisten innerhalb des jeweiligen Landes. Erzwungene Migration wird ein immer größeres Problem. ... Wir erleben jetzt die Auswirkungen auf das Klima, die wir durch unseren CO2-Ausstoß längst erzeugt haben.  Die Entscheidungen, die wir heute in unseren Volkswirtschaften treffen, bekommt erst die Generation unserer Kinder zu spüren. Die 1,5-Grad-Schwelle wird auf jeden Fall überschritten. In einigen afrikanischen Ländern ist das Durchschnittsklima bereits jetzt bis zu zwei Grad höher als in vorindustriellen Zeiten. Das ist die Realität, in der wir leben. ...


Aus: "Klimawandelfolgen und Hunger „Bei uns schrillt immer öfter die Sirene“"  Matthias Jauch Nantke Garrelts (24.10.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/klimawandelfolgen-und-hunger-bei-uns-schrillt-immer-oefter-die-sirene/25152562.html