Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 290620 times)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #910 on: Mai 11, 2019, 10:28:02 vorm. »
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[...] BERLIN taz | An diesem Freitag ist es mal wieder so weit. Der Bundestag in Berlin diskutiert vier Anträge der Opposition zum Thema Ostrenten. Es geht darin um Altersarmut, Lebensleistungen, Alterssicherung für bestimmte Berufsgruppen sowie in der DDR geschiedene Frauen. Es geht um gutes Leben im Alter, um das mühsame Ringen um Gerechtigkeit einer mittlerweile hochbetagten Bevölkerungsgruppe aus dem Osten. Reden werden gehalten, warme Worte wie Katzengold verteilt – doch am Ende werden die Abgeordneten der Großen Koalition mehrheitlich dem Vorschlag des Haushaltsausschusses folgen und alle Anträge ablehnen.

Keine rentenrechtliche Entlastung des Ostens, keine Gleichstellung der in der DDR geschiedenen Frauen mit ihren männlichen Altersgenossen. Wenn es gut läuft, könnte es demnächst einen Härtefallfonds geben für jene Rentnerinnen, die am Existenzminimum leben, obwohl sie ihr Leben lang gearbeitet haben. So steht es jedenfalls auf Seite 93 im Koalitionsvertrag.

Zu Hause in Chemnitz, Gera oder Schwedt können hochbetagte Frauen und Männer im Parlamentsfernsehen dabei zuschauen, wie das gesamtdeutsche Parlament ihnen mal wieder zeigt, wie egal sie ihm sind. Ostthemen sind im politischen Berlin nun mal keine Gewinnerthemen. Doch im Superlandtagswahljahr sind fruchtlose Parlamentsdebatten wie diese ein weiterer Grund für viele ostdeutsche RentnerInnen, sich noch weiter von ihren politischen VertreterInnen abzuwenden.

Wenn es eine Partei in der Regierung gibt, die sich zuständig fühlen sollte für die sozialen Belange der ostdeutschen Rentner, dann wäre das die SPD. Von den zurückliegenden 20 Jahren ist sie 15 in Regierungsverantwortung. Doch Carsten Schneider, Parlamentarischer Geschäftsführer der SozialdemokratInnen, antwortet auf die Frage, ob die noch lebenden etwa 250.000 benachteiligten in der DDR geschiedenen Frauen auf Unterstützung durch seine SPD hoffen dürfen: „Ich habe denen nie was vorgemacht. Das Recht, das zu DDR-Zeiten gegolten hat, kann nachträglich nicht durch Gesetzgebung geheilt werden. Deswegen lehnen wir das ab.“

Das Recht, von dem Carsten Schneider spricht, ist kompliziert und sorgt seit einem Vierteljahrhundert für ein nagendes Gefühl der Ungerechtigkeit im Osten. DDR-Frauen, die wegen der Kindererziehung zeitweise weniger arbeiteten, konnten mit einem symbolischen Betrag von monatlich drei Mark ihre spätere volle Rente absichern. Der Betrag war deshalb so niedrig, weil für die Höhe der später auszuzahlenden Rente ohnehin nur die letzten 20 Arbeitsjahre berücksichtigt wurden, in denen die Löhne und Gehälter am höchsten waren. Jüngere Frauen sollten sich also keine Sorgen machen müssen, wie sie Familie, Beruf und Weiterbildung unter einen Hut kriegen – am Geld für die Rente sollte es nicht scheitern. Auch Ausbildungsjahre oder Teilzeitphasen wurden als volle Rentenjahre angerechnet.

Einen Versorgungsausgleich jedoch, wie ihn das westdeutsche Scheidungsrecht vorsah, kannte die DDR nicht. Man ließ sich scheiden und ging fortan als ökonomisch unabhängige, ihr Einkommen selbst erarbeitende Person durchs Leben. Es herrschte ja Vollbeschäftigung. 1989, im letzten Jahr der DDR, lag die Frauenerwerbsquote bei neunzig Prozent.

Mit der Wiedervereinigung änderte sich das. Der eilig von den Regierungen Helmut Kohl und Lothar de Maizière ausgehandelte Einigungsvertrag sah vor, dass für Frauen aus dem Osten das West-Rentenrecht erst ab dem 1. Januar 1997 gelten soll. Bis dahin sollte ein Gesetz erarbeitet und beschlossen werden, das die Anwartschaften der in der DDR-geschiedenen Frauen regelt.

Ein solches Gesetz fehlt bis heute.

Statt dessen wurden auch die frühen Kindererziehungsjahre als Verdienst gewertet – machte also bei drei Mark pro Monat 36 Mark Rentenbeitrag pro Jahr. Seit nunmehr 22 Jahren fehlen diesen Frauen – von einst 300.000 leben noch etwa 100.000 – mehrere hundert Euro. Viele arbeiten bis heute, um ihre Miete zahlen zu können, und wenn sie eine neue Brille oder neue Zähne brauchen, bitten sie ihre Kinder um finanzielle Hilfe. Ostdeutsche Männer – das nur nebenbei – passten exakt ins gesamtdeutsche Recht; ihre Renten genießen bis heute Bestandsschutz.

In Magdeburg hebt Gerlinde Scheer den Telefonhörer ab. Die frühere Maschinenbauingenieurin ist heute 76 Jahre alt. Scheer ist Vorstandsmitglied im Verein der in der DDR geschiedenen Frauen. Für acht Euro Jahresbeitrag können dort Frauen Mitglied werden, der Verein kümmert sich dann um ihre Belange. Bis zur UNO haben sie es mit ihrer Klage geschafft, benachteiligt zu werden. Eine Abordnung von ihnen reiste gemeinsam nach New York, um ihr Anliegen zu schildern. 2017 dann hat der UN-Ausschuss für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau die Bundesregierung aufgefordert, bis März 2019 dazu Stellung zu nehmen. Ob es diese Stellungnahme inzwischen gibt und was möglicherweise drin steht – die Vereinsfrauen wissen es nicht.

„Zurzeit kriege ich laufend Mitteilungen: Verstorben! Verstorben!“, erzählt Gerlinde Scheer. Sie führt die Mitgliederkartei. Von früher einmal zweieinhalbtausend Frauen leben mittlerweile nur noch etwa tausend. Das, was die Betroffenen seit Jahren fürchten – und manche PolitikerInnen möglicherweise insgeheim erhoffen – nimmt längst seinen Lauf. Die Frauen vom Verein nennen es „die biologische Lösung“.

Gerlinde Scheer ist aber noch nicht bereit aufzugeben. Vielleicht, sagt sie, kann sich der Bundestag wenigstens auf einen Härtefallfonds für die ärmsten Rentnerinnen be­schließen. „Obwohl das eigentlich auch wieder eine Ungleichbehandlung wäre, Anspruch auf den Ausgleich haben wir schließlich alle. Wir haben unser Leben lang gearbeitet.“ Die meisten der geschiedenen Frauen waren Lehrerinnen, technische Assistentinnen, Ingenieurinnen, sie haben gutes Geld verdient. Dass ihnen das heute nichts nützt, sehen sie jeden Monat auf ihrem Kontoauszug. Es sind Geschichten wie diese, die im Osten von Mund zu Mund gehen; Erzählungen von Zweitklassigkeit und von der Tatenlosigkeit der Politik.

Seit vielen Jahren ist die Linkspartei an dem Thema dran. Für die Kümmererpartei des Ostens sind die Rentnerinnen eine wichtige Wählerinnengruppe. An diesem Freitag greift die Fraktion deshalb auf die Geschäftsordnung des Bundestages zurück, damit ausnahmsweise Bodo Ramelow, Thüringer Ministerpräsident der Linken, zum Thema sprechen darf. Der wird die richtigen Worte finden. Doch für die betroffenen Frauen ändert es nichts, die Opposition auf ihrer Seite zu haben. Sowohl der Haushaltsausschuss als auch der Wirtschaftsausschuss und der Familienausschuss empfehlen die Ablehnung des Linke-Antrags , die Forderung der Vereinten Nationen sofort umzusetzen.

In den Ausschussprotokollen ist nachzulesen, welche Fraktion wie argumentiert. Die Union zeigt Verständnis, verweist aber auf die Stichtagsregelung im Einigungsvertrag. Außerdem: Wenn die Frauen Recht bekämen, könnten sich auch andere benachteiligte Gruppen darauf berufen. Die FDP argumentiert, es handele sich um „unvermeidbare Strukturbrüche“, die nun mal entstünden, wenn zwei Sozialsysteme verschmolzen werden.

Und die SPD sieht die Ungerechtigkeit, verweist aber auf den Koalitionsvertrag, in den sie den Nothilfefonds hineinverhandelt hat. Eine Nachfrage der taz in der Fraktion ergibt, dass man dort mehr als ein Jahr nach dem Start der Großen Koalition von einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe weiß, die sich mit der Frage befasst, wie viele Frauen überhaupt betroffen wären. Ebenfalls unbekannt ist, welches Ministerium federführend ist und welche Kosten auf den deutschen Staat zukämen. So recht scheint bei der SPD niemand daran zu glauben, dass Gerlinde Scheer und ihre Mitstreiterinnen jemals Geld sehen könnten. Wie sagt Carsten Schneider, der Parlamentarische Geschäftsführer mit Thüringer Wahlkreis? „Ich mache den Frauen lieber keine unberechtigten Hoffnungen.“

Mittlerweile hat auch die AfD im Bundestag das Potenzial des Themas für sich entdeckt. Die Rechtspopulisten bringen an diesem Freitag gleich zwei Anträge zum Thema Ostrenten ein, für die geschiedenen Frauen fordern sie den von der SPD in den Koalitionsvertrag geschriebenen Härtefallfonds. Und die Regelung solle nicht nur von Altersarmut betroffenen Frauen zugute kommen, sondern allen Anspruchsberechtigten.

Gerlinde Scheel ist jede Unterstützung recht. Sie lobt den Wahlkämpfer Ramelow von der Linken, der „immer für uns eintritt“, und ärgert sich, dass sich „die Politiker aus den alten Bundesländern“ nicht für sie und ihre Mitstreiterinnen interessierten. „Aber wissen Sie“, sagt sie am Telefon, „eigentlich ist es egal, wer für uns moniert. Wenn das die AfD macht – verkehrt kann es nicht sein.“


Aus: "Die Pech-gehabt-Frauen" Anja Maier (10.5.2019)
Quelle: https://www.taz.de/Ostrenten-und-Altersarmut/!5593997/

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Reinhold Schramm


Es sind vor allem westdeutsche Frauen in der Armutsrente. Hier liegt in allen westdeutschen Bundesländern die GRV-Altersrente für Frauen im Durchschnitt deutlich unterhalb der gesetzlichen Grundsicherung (Sozialhilfe).

Meine (westdeutsche) Mutter hatte nach 33. Vollzeitarbeitsjahren, davon etwa 10. Jahre eine 7.Tage-Woche in unterbezahlter Arbeit, auch im Haushalt von Multimillionären, eine eigenständige Armutsrente auf dem geringen Niveau der Sozialhilfe. Sie hatte zudem drei Kinder. // In der DDR wäre sie gewiss eine anerkannte ''Heldin der Arbeit'' geworden! // Die GRV-Durchschnittsrente für ostdeutsche Frauen liegt heute bei etwa 880 Euro.

Eine Ausnahme besteht lediglich für Beamtinnen und Pensions-Witwen. Auch Ehefrauen von Politikern und Bürgermeistern können auch ohne lebenslange Erwerbsarbeit mit sehr hohen Witwenpensionen rechnen. Sogar, nach dem frühen Tod des Partners, über einen Zeitraum von mehr als 40 Jahren, mit aktuell mtl. mehr als 6.000,- Euro. Hierfür ist die Gesellschaft auch dazu bereit, mehrere Millionen Euro an Bürgermeister- und Beamten-Witwen zu zahlen; auch wenn diese Damen der Gesellschaft keinerlei Erwerbsarbeit nachgehen!


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amigo

Die AfD weiß doch, wer letztlich immer Schuld hat: Der Ausländer, der Asylant und anderes undoitsches.


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Hanne

Interessant wird es für einige nur, wenn es sie selbst betrifft.

Was sagen diese Damen zu Entschädigungen und Renten für ehemalige Zwangsarbeiter/innen oder gar Lagerinsassen, die diese nicht bekommen? Auch da sterben die Betroffenen einfach weg.

Den Damen ging es wenigstens ihr Arbeitsleben lang finanziell gut, dass kann heute bei Vollarbeitszeit auch kaum noch eine Frau - zumindest nicht die Mehrheit - sagen. Auch etlichen Männern geht es bei Vollerwerbstätigkeit finanziell nicht gut.

Und ja, wenn die AfD diesbezüglich was tut, auch okay.

Solche Typen sind mir sehr suspekt - egal, wo sie herkommen und was sie "geleistet" haben.

Wie viele von denen waren denn z.B. Spitzel und haben andere in ihren Positionen geknechtet? Wenn ich mir diese grimmigen Gesichter auf der Straße und in der Bahn im ehemaligen Ostgebiet ansehe, dann möchte ich oftmals gar nicht wissen, wie sie ihr Leben im System brav erfüllt haben.

Das mag bei den Männern genauso gewesen sein, aber auch Frauen in anderen Ländern, auch im Westen, bekommen aus welchen Gründen auch immer, keine oder kaum Lebensleistungsrente.

Sollen sie sich doch für eine Mindestrente für alle einsetzen, das hätte Charme und Sinn für die Zukunft und viele nach ihnen.

Diese Ego- und Opfergejammere nervt echt.

Es gibt so viele andere Benachteiligte, aber den Frauen geht es nur um sich selbst - egal, was es politisch kostet.


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Rolf B.

@Hanne Die Brutalität und Dummheit, die Sie hier verbreiten, ist erschreckend.


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Holzhirn

Und urch solche Dinge verspielen sich die großen Parteien ihren Rückhalt in der Bevölkerung. Ist nur die Frage ob die Mitte nach Links oder Rechts zerbröckelt.


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« Reply #911 on: Mai 11, 2019, 10:39:40 vorm. »
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[...] Zu den besten Traditionen des britischen Kinos gehört es, die gesellschaftlichen Verwerfungen im eigenen Land in präzis beobachteten, sozial-realistischen Filmen zu verarbeiten. Nicht erst seit Ken Loach ist daraus so etwas wie ein eigenes Genre geworden. In den 1990er Jahren gab es eine regelrechte Welle solcher Filme aus Großbritannien. Titel wie Billy Elliott oder Ganz oder gar nicht, in denen es um die Folgen der Thatcher-Ära ging, machten international Furore und waren dazu noch kommerziell erfolgreich. Gemeinsam war diesem „New British Cinema“, wie die Filme subsumiert wurden, die Parteinahme und Empathie der jeweiligen Regisseure für die Abgehängten und Verlierer der neoliberalen Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft. Regisseur Richard Billingham knüpft mit seinem Regiedebüt Ray & Liz an diese Tradition an, wenn das Ergebnis auch zwiespältiger ausfällt.

Wir schreiben die frühen 1980er im „Black Country“ in den Midlands, jener mittelenglischen Region, die mit ihren Kohlegruben und Stahlkraftwerken einst das Kernland der Industrialisierung darstellte. Es herrscht Rezession, die eiserne Lady regiert durch. Ray (Justin Salinger) und seine Frau Liz (Ella Smith) leben am Rande, nicht nur des Existenzminimums, sondern auch der Gesellschaft. Nach heutiger Terminologie würden sie als Unterschicht (dis-)qualifiziert.

Tatsächlich ist der Grad ihrer Verwahrlosung enorm. Von Erwerbsarbeit ist an keiner Stelle des Films die Rede; Ray und Liz leben in einer verkommenen Sozialwohnung von der Stütze. Ihre Tage verbringen sie mit Rauchen, Trinken und Nichtstun. Irgendetwas Sinnstiftendes ist in ihrem Leben nicht zu entdecken. Die beiden Söhne, der eine noch ein Kind, der andere ein Teenager, werden weitgehend ignoriert und sich selbst überlassen. Sie bewegen sich durch die Wohnung wie durch Feindesland, stets darauf bedacht, ihren Erzeugern möglichst aus dem Weg zu gehen.

In drei zusammenhanglos nebeneinander stehenden Episoden – jeweils mit einigem zeitlichen Abstand – erzählt der Film vom wenig erbaulichen Alltag der Familie. Wobei „Erzählen“ das falsche Wort ist, denn dies würde so etwas wie eine Handlung, eine Geschichte voraussetzen. Es passiert aber nichts im Leben der Billinghams. Ein Tag gleicht dem anderen, und die innerfamiliären Interaktionen bestehen hauptsächlich darin, dass man sich beschimpft und gegenseitig die letzten Pennys aus der Tasche klaut.

Nun könnte man erwarten, dass nach den Hintergründen, Bedingungen und Ursachen dieser deprimierenden Armut gefragt wird. Tut der Film aber nicht, er will nur zeigen. Zu einer Haltung oder gar Wertung kann sich der Autor und Regisseur nicht durchringen. Und das nimmt dem Film viel von seiner Relevanz. Das materielle, geistige und emotionale Elend, in dem die Billinghams leben, scheint wie ein unabwendbares Schicksal, wie aus der Luft über die Familie gekommen zu sein. Weder erfahren wir etwas über den konkreten gesellschaftlichen Kontext, noch darüber, ob Ray jemals etwas anderes gemacht hat, als zu trinken. Aus dem Wort „Abfindung“, das zwischendurch mal fällt, lässt sich immerhin schließen, dass er irgendwann gearbeitet haben muss. Genauso unbelichtet bleibt das soziale Umfeld – Nachbarn, Freunde, überhaupt eine Außenwelt kommen nicht vor. Die reine Binnensicht auf das Familienleben wird so letztlich zur privaten Nabelschau.

Etwas ratlos fragt sich der Zuschauer, was die Absicht gewesen sein mag, diesen Film zu machen, denn die Akteure bleiben statisch und machen keinerlei Entwicklung durch. Eine mögliche Auflösung ergibt sich beim Blick auf die Biografie des Regisseurs: Richard Billingham ist ein bekannter Fotograf – dies ist sein erstes Werk als Filmregisseur – und die Namensgleichheit mit den Filmfiguren kein Zufall. Der ältere Sohn Richard ist sein filmisches Alter ego; mit Ray & Liz arbeitet Billingham die eigene Familiengeschichte filmisch auf, um nicht zu sagen: er unterzieht sich einem Exorzismus.

Vor 20 Jahren publizierte Billingham bereits den erfolgreichen Bildband Ray’s a Laugh, in dem er in distanzlosen Bildern das Leben des alkoholkranken Vaters und seiner Familie festhielt. Ray & Liz ist nun praktisch der Film zum Buch und es ist verblüffend, mit welcher szenischen Detailtreue die Fotografien in Kinobilder übertragen wurden. Nicht zuletzt sorgen die großartigen Schauspieler für absolute Glaubwürdigkeit der Charaktere; es zeugt von großer Kunst, wie präzise Ella Smith hier Liz verkörpert und deren leeren, ausdruckslosen, gleichzeitig aber gierigen und lebenshungrigen Blick nachahmt.

Dass Billingham Fotograf ist, ist jeder Einstellung anzumerken. Zusammen mit seinem kongenialen Kameramann Dan Landin gelingt es ihm, eine angesichts des Sujets fast schon schmerzhafte dokumentarische Authentizität zu erzeugen. Dazu trägt bei – Filmkenner aufgepasst –, dass auf analogem 16mm-Filmmaterial und im Normalformat gedreht wurde. Die sanften Kamerafahrten und bisweilen extremen Nahaufnahmen erzeugen in ihrer fotografischen Qualität einen Sog, der den Betrachter förmlich in die Bilder hineinzieht.

Zu gern würde man erfahren, wie Billingham es letztlich geschafft hat, seinem Milieu und den damit verbundenen Prägungen zu entkommen. Ein Ausweg aus der hoffnungslosen Familiensituation deutet sich immerhin an, als am Ende des Films – jetzt passiert doch noch etwas – das Jugendamt vor der Tür steht und den jüngeren Bruder in seine Obhut nimmt. Na endlich! möchte man da als Zuschauer fast rufen, denn die Szenen, in denen die Kinder bar jeder Zuwendung vollkommen allein gelassen sind und es keinerlei Kommunikation zwischen ihnen und den Eltern gibt, gehören zu den quälendsten Momenten des Films. Nun vergießt sogar die Mutter einige Tränchen – hauptsächlich aber wohl deshalb, weil mit der Inobhutnahme des Sohnes auch die Sozialhilfe gekürzt wird.


Aus: "Dämonen der Armut" Frank Schirrmeister (Ausgabe 19/2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/daemonen-der-armut

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[...] Vielleicht geht es wegen dieser Beteuerung des eigenen Glücks in seinem Film auch nicht darum, die Eltern anzuklagen. Billingham beobachtet. Seine Bilder haben etwas Dokumentarisches, sind nicht voyeuristisch. "Ich stelle nicht die Schuldfrage", sagt er. "Denn ich kann meinen Eltern nicht die Schuld geben. Niemand hat ihnen gezeigt, wie man es richtig macht. Mein Vater dachte, dass die Schule meinem Bruder und mir alles beibringt, was man im Leben wissen muss." Wenn man Billingham fragt, ob er seinen Eltern vergeben hat, muss er lange überlegen: "Ich fühle keinen Ärger, wenn ich an sie denke. Man hat mich auch gefragt, ob sich meine Eltern bei mir entschuldigt haben. Aber wofür sollten sie sich entschuldigen? Dafür, dass sie so schlechte Eltern waren? Nein, das haben sie nie getan. Sie hatten einfach keine Ahnung, wie man sich um Kinder kümmert. Ich bin mir nicht sicher, aber ich vermute, ich habe ihnen vergeben."

Billingham wirkt milde, nachsichtig. Inzwischen ist er schließlich selbst Vater dreier Kinder. Der gelebte Vergleich seines heutigen, etablierten Lebens mit dem prekären Dasein seiner Jugendjahre machte die eigenen Eltern Ray und Liz noch einmal für seine Arbeit relevant. "Wir haben heute ein angenehmes Leben. Meine Kinder schlafen in sauberen Pyjamas, bekommen regelmäßig warme Mahlzeiten und tragen saubere Schuluniformen. Das hat mir wieder bewusst gemacht, wie sehr sich ihre Kindheit von meiner unterscheidet. Das wollte ich mit diesem Film noch einmal zeigen, weil ich das ja wirklich erlebt habe. Über die Zeit, in der ich aufgewachsen bin, existieren einige Filme. Doch teilweise sieht man darin nur Klischees. Das fühlt sich nicht echt an."

Anders als die Regisseure des New British Cinema wie Mike Leigh, Ken Loach oder Stephen Frears, die selbst aus der Mittelschicht stammen und sich filmisch der britischen Unterschicht annahmen, um mit diesem Stoff die politischen Verhältnisse der Thatcher-Ära anzuprangern, wuchs Billingham in den Verhältnissen auf, von denen die anderen erzählen. Er ist kein intellektueller Filmemacher, er kennt sein Sujet aus eigener Anschauung. Das macht seine Arbeit so unverwechselbar.

...


Aus: "Richard Billingham: "Ich stelle nicht die Schuldfrage"" Bettina Aust (11. Mai 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/film/2019-05/richard-billingham-filmemacher-spielfilmdebuet-ray-and-liz-familie-glueck-grossbritannien/komplettansicht

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Clemenules #1

"Sie hatten einfach keine Ahnung, wie man sich um Kinder kümmert. Ich bin mir nicht sicher, aber ich vermute, ich habe ihnen vergeben."

....

Meine Eltern wussten auch sehr vieles nicht besser. In absoluter Armut nach dem 2.Weltkrieg aufgewachsen. Ihre ersten Lebensjahre hat meine Mutter in einem fensterlosen Stall verbracht. Ab vier Jahre auf dem Feld gearbeitet. Sie schämte sich lange dafür. Wir Kinder haben erst im Erwachsenenalter davon erfahren.

Billingham bringt es auf den Punkt :
"Ich bin mir nicht sicher, aber ich vermute, ich habe ihnen vergeben."


« Last Edit: Mai 12, 2019, 12:08:46 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #912 on: Mai 14, 2019, 12:27:15 nachm. »
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[...] Eigentlich wollte Verena Bahlsen nur einen Witz machen. "Mir gehört ein Viertel von Bahlsen, da freu ich mich auch drüber, das soll mir auch weiterhin gehören", erzählte die junge Frau am Mittwoch auf der Bühne bei der Digital-Konferenz "Online Marketing Rockstars" – und begründete damit, warum sie Kapitalistin sei: "Ich will Geld verdienen und mir Segeljachten kaufen von meiner Dividende!"

Obwohl es offensichtlich ironisch gemeint war, griff ein Reporter des Handelsblatts ausgerechnet diesen Satz auf – weshalb sich jetzt schon seit Tagen Menschen über Verena Bahlsen aufregen. "Erben ist kein Leistung, Püppchen", schrieb einer, "von Beruf Tochter" lästerte das Lower Class Magazine und rief nach "mehr Neiddebatten".

Es ging, wie es so oft geht: Das aus dem Kontext gerissene Zitat verselbständigte sich, fast niemand machte sich die Mühe, im Video nachzuschauen, was Bahlsen eigentlich wirklich gesagt hatte. Und fast hätte die junge Frau, die eigentlich nur einen etwas naiven Vortrag über Sinn im Kapitalismus gehalten hatte, einem leid tun können.

Aber nur fast. Denn dann machte sie den Mund nochmal auf – und alles nur noch schlimmer.

In den Tagen nach ihrem Vortrag hatten nämlich ein paar Leute ausgegraben, dass der Erfolg der Firma Bahlsen auch auf einem Verbrechen gründete: In der NS-Zeit arbeiteten bei Bahlsen etwa 200 Zwangsarbeiterinnen, die aus Polen und der Ukraine verschleppt worden waren. Die Arbeiterinnen bekam Bahlsen zugeteilt, weil es als "kriegswichtig" eingestuft worden war und seit 1940 Verpflegung für Wehrmachtssoldaten herstellte. Das bedeutet: Bahlsen verdiente nicht nur Geld damit, Hitlers Kriegsmaschinerie am Laufen zu halten. Sondern die Firma benutzte dafür auch noch Zwangsarbeiter, deren Länder vorher von dieser Maschinerie überfallen worden waren.

Plötzlich erhielt die Kritik an Bahlsens Prahlerei eine dunklere Note: Die Erbin, die so stolz auf die Geschichte des Familienunternehmens ist, verdanke ihr Vermögen auch der Ausbeutung von Opfern des NS-Regimes.

Als die Bild-Zeitung die Erbin darauf ansprach, reagierte sie maximal pampig. "Es ist nicht in Ordnung, meinen Vortrag damit in Verbindung zu bringen", sagte sie – und damit hat sie vielleicht sogar ein bisschen recht: Es ist unfair, das jemandem an den Kopf zu werfen, der eigentlich nur darüber sprechen wollte, wie die Wirtschaft "ein Vehikel" sein kann, "um uns als Gesellschaft voranzubringen".

Aber dann redete Bahlsen weiter. Und das klang so:

"Das war vor meiner Zeit und wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt. Das Gericht hat die Klagen abgewiesen. Heute liegen keine Forderungen mehr gegen Bahlsen vor. Bahlsen hat sich nichts zuschulden kommen lassen."

Und das war dann ein richtig Griff ins Klo, an dem Bahlsen sich diesmal wirklich nur selbst die Schuld geben kann. Ganz abgesehen davon …

    … dass die Firma die Arbeiter ja nicht so toll behandelt haben kann, wenn die danach geklagt haben, …
    … und dass es gewagt ist, zu behaupten, Bahlsen habe sich "nichts zuschulden kommen lassen", nur weil ein Gericht die Firma wegen Verjährung ihrer Verbrechen nicht mehr verurteilen konnte, …

… ist es nicht einfach brutal geschmacklos, so mit der eigenen Vergangenheit umzugehen? Was hätte es Bahlsen gekostet, sich auch nur ein bisschen reuig zu zeigen? Stattdessen entschied sie sich dafür, die Zwangsarbeit im NS-Regime zu verharmlosen.

Denn natürlich war Bahlsen mit 200 Arbeiterinnen nicht der Hauptprofiteur der Zwangsarbeit im NS-Regime, in dem insgesamt zwölf Millionen Menschen aus ganz Europa zur Arbeit gezwungen wurden, von denen zweieinhalb Millionen ihr Leben verloren. Da gab es ganz andere: Alle deutschen Autohersteller, Flick, Krupp, oder I.G. Farben. Praktisch die gesamte deutsche Landwirtschaft funktionierte während der Kriegsjahre überhaupt nur noch, weil Zwangsarbeiter auf deutschen Höfen arbeiteten.

Aber auch wenn Bahlsen nur ein kleiner Teil der deutschen Ausbeutungs- und Vernichtungsmaschinerie war: Sich "nichts zuschulden kommen lassen" sieht anders aus.


Aus: "Hackt nicht auf der Bahlsen-Erbin herum, nur weil sie reich ist"  Matern Boeselager (2019)
Quelle: https://www.vice.com/de/article/mb8bmx/bahlsen-und-zwangsarbeiter-hackt-nicht-auf-der-erbin-herum-weil-sie-reich-ist

Nachtrag: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-05/erbin-verena-bahlsen-ns-zwangsarbeiter-verharmlosung-entschuldigung

"Nach umstrittenen Aussagen beim OMR Festival: Bahlsen-Erbin wehrt sich gegen Zwangsarbeiter-Kritik" (13.05.2019)
https://meedia.de/2019/05/13/nach-umstrittenen-aussagen-beim-omr-festival-bahlsen-erbin-wehrt-sich-gegen-zwangsarbeiter-kritik/

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Millenium sagt: 14.05.2019 um 08:54 Uhr

Die kiffenden Linken können natürlich mit maritimer Technik nichts anfangen.
Für das dämliche Proletariat reicht es meist noch nicht einmal zum Auto-Führerschein.
Und mit normalen Menschen haben diese Rothemden mit ihrer Progromstimmung gegen Wirtschaft, Aktionäre und Sparer auch nichts zu tun.
Wieso gibt man diesen Spinner vom Rand der Gesellschaft immer eine Platform?




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[...] Seit Mittwoch ist klar: Kevin Kühnert ist der schlimmste Mensch, der gerade in Deutschland herumläuft. Zumindest, wenn man dem konservativ-liberalen Establishment glaubt. Dinge, die sie dem Juso-Chef in den letzten beiden Tagen unter anderem an den Kopf geworfen haben:

    Er wolle die DDR zurückholen (Bild)
    Er sei ein "verirrter Fantast" mit einem "verschrobenen Retro-Weltbild" (Verkehrsminister Andreas Scheuer)
    Er sei auf Drogen (sein eigener Parteikollege Johannes Kars)
    Er wolle für Deutschland "den schlimmsten Links-Faschismus des 20. Jahrhunderts, der mehr als 25 Millionen Menschen das Leben gekostet hat" (Bild-Politikchef Julian Röpcke)
    Er sei im Grunde ein Nazi (mehrere Journalisten auf Twitter)

Gar nicht schlecht für einen, den die CDU letztes Jahr noch als den "niedlichen Kevin" belächelt hat. Wie hat er das gemacht?

Erstmal so: Kühnert hat der Zeit am 1. Mai ein Interview gegeben, in dem er ein paar Gedankenspiele darüber angestellt hat, wie Sozialismus in Deutschland aussehen könnte: Indem man Großkonzerne wie BMW kollektiviert, zum Beispiel, oder Privatbesitzern das Vermieten verbietet.

Klar, das sind steile Ideen, die man für nicht praktikabel, populistisch oder sogar völlig bescheuert halten kann – was auch viele Leute tun (andere finden, Kühnert habe auf jeden Fall einen Nerv getroffen). Aber die Wut, die gerade über den Juso-Chef hereinbricht, nur weil er öffentlich über Alternativen zum Kapitalismus nachdenkt, ist ziemlich einzigartig. Statt sich damit auseinanderzusetzen, belagert die Bild zum Beispiel seit Tagen führende SPD-Politiker, um ihnen eine Distanzierung von ihrem Parteikollegen abzupressen – als hätte Kühnert öffentlich verlangt, zuerst die BMW-Erben und dann alle Vermieter Deutschlands mit kollektivierten Heckler&Koch-Waffen erschießen zu lassen.

Was seine Feinde aber richtig zur Weißglut treibt, ist, dass Kühnert nicht nur zu seinen Äußerungen steht – sondern weiter in die Offensive geht. Auf Spiegel Online erklärte er, er habe seine Forderungen "sehr ernst gemeint", und dass er sich von den empörten Reaktionen erst recht bestärkt fühle, den Kapitalismus noch deutlicher zu kritisieren.

Noch viel schöner war allerdings seine Antwort auf einen herablassenden Tweet von Carsten Maschmeyer: Kühnert machte daraus einen der wohl stärksten und befriedigendsten Bodyslams in der deutschen Twitter-Geschichte:

Der Hintergrund: Carsten Maschmeyer stellt sich selbst gern als genialer Investor dar, womit er es in der Höhle des Löwen immerhin dauerhaft ins Privatfernsehen geschafft hat. Die Leute, die sich mit seinen Geschäftspraktiken beschäftigt haben, halten Maschmeyer dagegen für einen "Abzocker" (ARD), "Drückerkönig" (NDR), einen Feind der Pressefreiheit (FAZ und Deutscher Journalistenverband) und gescheiterten Cum-Ex-Spekulanten (ich).

Kurz: Wenn er solche Verteidiger hat, braucht der Kapitalismus wirklich keine Feinde mehr.

Was können wir also daraus lernen, was mit Kevin Kühnert gerade passiert? Oder – aus anderen, aber irgendwie auch gar nicht so anderen Gründen – mit Greta Thunberg? Dass es ganz einfach ist, von den Alten ernst genommen zu werden. Man muss ihnen nur dahin gehen, wo es wirklich weh tut: an ihre Portemonnaies. Und vor allem an ihre Autos.


Aus: "Keiner denkt mehr, dass Kevin Kühnert ein kleiner Junge ist"  Matern Boeselager (2019)
Quelle: https://www.vice.com/de/article/qv7kvp/kollektivierung-von-bmw-keiner-denkt-dass-juso-kevin-kuehnert-ein-kleiner-junge-ist
« Last Edit: Mai 15, 2019, 06:44:53 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #913 on: Mai 16, 2019, 09:23:53 vorm. »
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[...] Eine Hasen-Skulptur des US-Künstlers Jeff Koons hat bei einer Auktion in New York einen Preisrekord für das Werk eines lebenden Künstlers erzielt. Die Figur Rabbit aus dem Jahr 1986 erzielte beim Auktionshaus Christie‘s 91,1 Millionen Dollar (rund 81 Millionen Euro). Den Zuschlag erhielt nach Informationen der New York Times der Kunsthändler Robert E. Mnuchin, Vater des US-Finanzministers Steven Mnuchin.

Mit der aktuellen Versteigerung löst Koons den Rekord des britischen Malers David Hockney ab. Dessen Werk Portrait of an Artist (Pool with Two Figures) war vor einem halben Jahr, ebenfalls bei Christie‘s, für 90,3 Millionen Dollar versteigert worden. Das 1972 entstandene Acrylgemälde zeigt zwei Männer – einen von ihnen schwimmend im Pool, den anderen am Beckenrand stehend. Zuvor war Koons selbst der Rekordhalter gewesen: Seine Skulptur Balloon Dog hatte 2013 bei Christie's 58,4 Millionen Dollar erzielt.

Die rund einen Meter hohe Stahlskulptur Rabbit ist eines der bekanntesten Werke des US-Künstlers und wurde von Christie's vorab auf 80 Millionen Dollar geschätzt. Sie stammt aus der Sammlung des 2017 verstorbenen US-Verlegers Samuel Irving Newhouse. Ihm gehörte das Verlagshaus Condé Nast, das die Zeitschriften Vanity Fair, Vogue und den New Yorker herausgibt.


Aus: "Skulptur von Jeff Koons erzielt Rekordpreis" (16. Mai 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/kunst/2019-05/christies-jeff-koons-rabbit-rekordpreis-kunstmarkt

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« Reply #914 on: Mai 16, 2019, 09:29:36 vorm. »
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[...] Die Mitgliederzahl liegt zwischen einer niedrigen dreistellige Zahlund mehr als 1.000 Menschen. "Viele Clan-Mitglieder haben keinen oder einen niedrigen Schulabschluss, aber große Erwartungen an ihren Lebensstandard", sagte Kriminaldirektor Thomas Jungbluth. "Die Familie ist alles und die Ehre der Familie geht über alles."


Aus: "Nordrhein-Westfalen zählt 104 kriminelle Clans" (15. Mai 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-05/organisierte-kriminalitaet-clans-nrw-grossfamilien-parallelgesellschaften-straftaten

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« Reply #915 on: Mai 16, 2019, 09:37:43 vorm. »
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[...] Bei einer Razzia im gesamten Bundesgebiet haben Ermittler zahlreiche Geschäfts- und Privaträume durchsucht. Man habe die Wohnräume von acht "vermögenden Privatpersonen", elf Banken und Sparkassen sowie die Geschäftsräume von vier Steuerberatern durchsucht, teilte die Staatsanwalt Frankfurt mit – wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung. Neben der Staatsanwaltschaft Frankfurt waren das Bundeskriminalamt (BKA), das Landeskriminalamt Hamburg, die Oberfinanzdirektion Frankfurt und weitere Behörden an der Großrazzia beteiligt.

Um welche Banken es sich handelte, gaben die Behörden nicht bekannt. Stattdessen hieß es, die Geschäftsräume der Institute befänden sich in Aachen, Bonn, Düsseldorf, Erding, Frankfurt, Köln und Trier. In Aachen, Hamburg, Hürth und München wurden den Ermittlern zufolge Geschäftsräume von vier Steuerberatern durchsucht, in Hamburg die Räume von sechs Vermögensverwaltungen. Die Wohnräume der Privatpersonen befänden sich in Bad Tölz, Erkrath, Hamburg, Konz, Simmerath und auf Sylt.

Wie die Staatsanwaltschaft Frankfurt mitteilte, sollen die acht Verdächtigen mithilfe einer ehemaligen Tochtergesellschaft "einer deutschen Großbank" auf den Britischen Jungferninseln Gesellschaften in Steueroasen gegründet haben. Sie wollten so Kapitalerträge verbergen und Steuern vermeiden.

Die Razzia steht nach Behördeninformationen im Zusammenhang mit einer Durchsuchung bei der Deutschen Bank im November 2018. Damals hatten die Ermittler nach eigenen Angaben zahlreiche Geschäftsunterlagen in schriftlicher und elektronischer Form sichergestellt. Mitarbeiter der größten deutschen Bank sollen Kunden bei der Gründung von Briefkastenfirmen in sogenannten Steuerparadiesen geholfen haben. Ihren Verdacht stützten die Ermittler auf Daten der sogenannten Offshore Leaks und Panama Papers durch das BKA.

Die Deutsche Bank wies darauf hin, dass sich das aktuelle Ermittlungsverfahren nicht gegen den Konzern richte: "Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Privatpersonen. Die Deutsche Bank kooperiert mit der Staatsanwaltschaft und gibt alle angeforderten Unterlagen freiwillig heraus. Eine Durchsuchung der Geschäftsräume der Bank hat deshalb nicht stattgefunden."

Im Frühjahr 2016 hatte ein internationales Mediennetzwerk mit den Panama Papers aufgedeckt, dass hohe Geldsummen nach Panama flossen. Das Land in Zentralamerika gilt als Steueroase und Heimat zahlreicher Briefkastenfirmen. Ein Verbund investigativer Journalistinnen und Journalisten hatte 2013 mit den Offshore Leaks einen Datensatz zu Steueroasen und -hinterziehung im Internet veröffentlicht.


Aus: "Bundesweite Razzia bei Banken und Steuerkanzleien" (15. Mai 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/20191-05/panama-papers-steuerhinterziehung-razzia-deutsche-banken

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allesEssig #2

"...Wohnräume von acht "vermögenden Privatpersonen", elf Banken und Sparkassen sowie die Geschäftsräume von vier Steuerberatern durchsucht..."

Bei jenen vermögenden Privatpersonen sollte der gleiche Maßstab angelegt werden, der bei der Clankriminalität zugrunde gelegt wurde:
Vermögenswerte, bei welchen kein Beweis des legalen Zustandekommens geführt werden kann, sollten eingefroren werden, um zu Verhindern, dass diese durch Tricks verschoben werden und letztendlich bei Schuldnachweis dem deutschen Staat zugute kommen.


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Brustring #2.1

Aber, aber. Das sind doch Leistungsträger. ...


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DrkdD #11

Ist der FDP-Chef schon vor die Kameras getreten und hat davor gewarnt die hart arbeitenden Leistungsträger nicht zu vergraulen?


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« Reply #916 on: Mai 19, 2019, 09:00:53 nachm. »
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[...] Hildegard Hackstätter hat 45 Jahren lang in Deutschland gearbeitet. Als Platzanweiserin im Kino, als Verpackerin im Milchwerk und beim Rollladenbau. Sie hat im Altenheim und Thermalbad geputzt, war Badeaufseherin und hat Menschen mit Behinderung durch die Stadt gefahren. Sie hat das hinter sich, was man eine unstete Erwerbsbiografie nennt, aber gearbeitet hat sie fast immer. Als sie vor zwölf Jahren ihren Rentenbescheid bekam, erzählt sie, musste sie sich erst mal setzen. Bis nachts um drei hockte sie in ihrer Wohnung auf dem Boden und weinte. Nicht einmal 500 Euro, für 45 Jahre. "Mädchen, wir müssen raus aus Deutschland", hat Waldemar Hackstätter damals zu ihr gesagt.

So gingen sie also nach Bulgarien, das ärmste Land der Europäischen Union. Gut 500 Euro verdienen die Menschen hier im Schnitt, fast ein Viertel der Bevölkerung ist von Armut bedroht. In Bulgarien gehören arme deutsche Rentner zur oberen Mittelschicht. "Hier brauche ich nicht mehr in den Geldbeutel schauen und mich fragen, ob ich ins Restaurant gehen kann oder nicht", sagt Waldemar Hackstätter. "Hier gehe ich einfach rein." Mit dem Umzug haben die Hackstätters ihre Rente erhöht, ohne einen Cent mehr zu bekommen. ...


Aus: "EU-Rentner: "Mädchen, wir müssen raus aus Deutschland"" Aus einer Reportage von Christian Spiller, Sirakowo (19. Mai 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-05/deutsche-rentner-bulgarien-eu

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St.Expeditus #10

"So gingen sie also nach Bulgarien, das ärmste Land der Europäischen Union. Gut 500 Euro verdienen die Menschen hier im Schnitt, fast ein Viertel der Bevölkerung ist von Armut bedroht. In Bulgarien gehören arme deutsche Rentner zur oberen Mittelschicht."

Zur Wahrheit Europas gehört auch die soziale Ungleichheit. In Bulgarien oder Rumänien hat der durchschnittliche Arbeiter weniger als ganz arme deutsche Rentner! Nur muss der auch noch eine Familie ernähren.


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« Reply #917 on: Mai 20, 2019, 12:33:37 nachm. »
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[...] Toronto. Kleine Wohnung, kleine Küche. Das Fenster schließt nicht, das Wasser leckt. Reparaturen: Fehlanzeige. Die neuen Besitzer des Hauses sind anonym, niemand hat sie gesehen. "Könnte Frosty, der Schneemann sein", sagt der Mieter mit traurigem Sarkasmus. Doch sie haben Spuren hinterlassen: ein halbes Dutzend Überwachungskameras – und eine drastische Mieterhöhung. Berlin. Der bullige Kiez-Bäcker im Dialog mit dem jungen Baustadtrat Florian Schmidt. Die Miete für den Laden ist drastisch erhöht worden. Der Stadtrat versucht, Hoffnung zu wecken. Der Bäcker sieht keine Chance. Aber er will trotzdem kämpfen. Seoul. Ein Mann berichtet, wie sie kamen, ihn verprügelten und seine Frau traten, um sie aus ihrem Haus im Stadtzentrum zu vertreiben. London. Die Brandruine des Grenfell Tower. Viele Überlebende sind fast zwei Jahre später immer noch ohne dauerhafte Bleibe. Wenn sie eine bekommen, wird sie vermutlich nicht mehr hier sein. Das multikulturelle Viertel, in dem man sich vom Sehen kannte, ist heute Premium-Lage. "Sie haben gesagt, wer sich London nicht leisten kann, soll halt woanders hinziehen", schnaubt der Londoner, der sich gerade über seine Motorhaube beugt. "Die spinnen wohl!" Es ist in allen Städten dasselbe Phänomen: Der sicher geglaubte Lebensraum wird den Menschen unter den Füßen weggezogen.

Eine kleine Frau mit wachen Augen hört diesen Menschen zu, macht sich Notizen, fragt nach. Ihr Name ist Leilani Farha. Die Kanadierin ist UN-Sonderbotschafterin für angemessenes Wohnen. Push heißt der Dokumentarfilm des schwedischen Regisseurs Fredrik Gertten, der sie dabei begleitete. Farha versucht zu verstehen, was hier passiert, warum es überall gleichzeitig passiert und was dahintersteckt. Also fragt sie Experten wie den Nobelpreisträger Joseph Stiglitz oder die Soziologieprofessorin Saskia Sassen. "Dass die Mieten steigen, ist ein Mechanismus, den jeder versteht", sagt sie. "Aber dann kommt jemand anderer ins Spiel: Ein Monster, das niemand sieht, dessen Sprache niemand versteht. Also fragt man sich: Wer ist dieses Monster?" Das Monster: Das ist die Finanzialisierung des Wohnsektors, das sind die globalen Fonds, die seit der Krise 2008 massiv in Immobilien investieren. Sassen stellt unmissverständlich klar: Mit Gentrifizierung hat das nichts mehr zu tun. Es geht um mehr als um das Chai-Latte-Stübchen, das den alteingesessenen Handwerker ersetzt. Es geht um ganze Stadtviertel, die auf Immobilienmessen gehandelt werden, als Anlageobjekte, Assets, Parkplätze für Geld.

Die Bewohner sind da nur im Weg. Aber wenn nicht einmal der Krankenpfleger, die Polizistin, der Feuerwehrmann sich das Wohnen leisten können, funktioniert dann die Stadt überhaupt noch? Ganz zu schweigen von der enormen psychischen Belastung, wenn das vertraute Netzwerk aus Freunden und Nachbarn zerstört wird. Leilani Farha versucht, diesem Monster auf die Spur zu kommen, dem Anonymen ein Gesicht zu geben. Zum Beispiel das Gesicht von Stephen Schwarzman, CEO des weltweit operierenden Fund Blackstone Group. Farhas (letztendlich vergeblicher) Versuch, einen Termin mit Schwarzman zu bekommen, zieht sich als roter Faden durch den Film. Eine David-und-Goliath-Konstellation, die rührselig sein könnte, aber ganz in sachlicher Eindringlichkeit inszeniert wird. Denn das Monster sind auch die Pensionsfonds, die das Geld ihrer Kunden weltweit in Immobilien anlegen. Sind die Bösen also wir alle? Oder das System? "Ich glaube nicht, dass der Kapitalismus an sich das Problem ist", sagt Leilani Farha im Film. "Aber wenn Wohnen zur Handelsware wird, ist das etwas anderes, als wenn Gold Handelsware ist. Gold ist kein Menschenrecht, Wohnen schon."

Auch die Wiener Stadtforscherin Elke Rauth vom Fachmagazin Dérive sieht die Dringlichkeit des Films. "Die Wohnungsfrage ist die soziale Frage unserer Zeit. Push zeigt eindringlich auf, wie bedroht das Menschenrecht auf Wohnen weltweit bereits ist. Ein Immobilienmarkt, der Wohnraum nur noch als Ware und Möglichkeit zur Geldvermehrung sieht, muss zum Schutz des Gemeinwohls reguliert werden. Dazu braucht es eine Allianz zwischen Zivilgesellschaft, gemeinnütziger Bauwirtschaft und Politik." Eine solche Allianz hat auch Leilani Farha ins Leben gerufen: die Initiative "Shift", die sich für Wohnen als Menschenrecht einsetzt. Sie sitzt auch am Tisch, wenn sich Bürgermeister europäischer Metropolen zum Strategieaustausch treffen. Es ist einer der anrührendsten Filmmomente, als Farha bei diesem Meeting auf Ada Colau, die Bürgermeisterin von Barcelona, trifft, die selbst eine Bewegung gegen Immobilienspekulation gegründet hatte. Wenn diese zwei Frauen einander vertraut begrüßen und sich fast überrascht ihrer gar nicht so geringen Macht in diesem Moment bewusst werden, spürt man: Hier ist eine Veränderung möglich.

Dass Anfang Mai der sensible, ganz ohne Delogierungen auskommende Umbau eines Sozialwohnblocks in Bordeaux von Lacaton Vassal Architectes mit dem Mies van der Rohe Award der Europäischen Kommission ausgezeichnet wurde, ist ein weiteres Hoffnungszeichen – und kein Zufall, wie Jurymitglied Angelika Fitz, Direktorin des Architekturzentrums Wien, betont: "Der Mangel an leistbarem Wohnraum, wie wir ihn zurzeit in vielen Städten erleben, stellt eine Menschenrechtsverletzung dar. Es ist also nur konsequent, dass unter den fünf Finalisten gleich zwei kollektive Wohnprojekte waren." Es sind kleine Stiche gegen das immer noch übermächtige Monster. Push zeigt, wie fragil die Formen des Zusammenlebens sind und wie schnell sie zerstört werden können. Es ist der richtige Film zur richtigen Zeit.


Aus: "Wohnen: Spekulationsobjekt oder Menschenrecht?" Maik Novotny (19.5.2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000103312331/Wohnen-Spekulationsobjekt-oder-Menschenrecht

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cpucpu

spekulation. what else? btw..wie so ca alles im leben spekulativ ist. wohnen macht kein unterschied. fertig. menschenrecht..., silly. und was darfs sonst noch sein? so geht das nicht. ‚recht‘ für wen und weswegen? wer zahlt?


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Kassiteros Zinn

Haben Sie den Artikel gelesen? Wenn Krankenpfleger, Polizisten und Feuerwehrmänner sich das Wohnen zunehmend nicht mehr leisten können, sollens doch unter der Brücke wohnen, wie?


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lao-lan

Als Mieter einer Altbauwohnung im 4. Bezirk, Wien, erfuhr ich, dass unsere Wohnung, die in den letzten Jahren bereits 3 mal den Besitzer wechselte, inzwischen fast dreimal teurer geworden ist als vor 10 Jahren. Am gesamtzustand des Hauses har sich deshab noch lange nichts verbessert.


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Kanton

Seit der Null-Zins-Politik geht das große Geld in Beton-Gold. ...


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seefahrer-horst

Gundstücksmakler kennen Provisonen und Gewinnmargen, davon können Baufirmen nur träumen.
Merkspruch: "Durch Arbeit ist noch keiner reich geworden" :-)


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« Reply #918 on: Mai 20, 2019, 02:36:45 nachm. »
Robert Frederick Smith (born December 1, 1962) is an American businessman, investor and philanthropist. A former chemical engineer and investment banker, he is the founder, chairman and CEO of private equity firm Vista Equity Partners. In 2018, Smith was ranked by Forbes as the 163rd richest person in America. ...
https://en.wikipedia.org/wiki/Robert_F._Smith_(investor)

Quote
[...] Der amerikanische Multimilliardär Robert F. Smith ist mit einem besonderen Geschenk zur Graduiertenfeier des traditionell von Schwarzen besuchten Morehouse College im amerikanischen Bundesstaat Georgia gekommen: Er sagte den frischgebackenen Absolventen am Sonntag zu, für ihre Studienkredite komplett aufzukommen – geschätzte 40 Millionen Dollar. Das Vermögen des afroamerikanischen Geschäftsmanns beläuft sich Schätzungen zufolge auf 4,4 Milliarden Dollar (3,9 Milliarden Euro).

Er sei sicher, dass sich die Absolventen erkenntlich zeigen werden, indem sie helfen würden, das Leben anderer Afroamerikaner zu verbessern, sagte Smith vor dem versammelten Abschlussjahrgang der Hochschule in Atlanta. Die Absolventen und ihre Eltern brachen in Jubel und überbordenden Applaus aus. „Gerne würde ich jetzt einen Salto rückwärts machen, wenn ich das nur könnte“, sagte der BWL-Absolvent Elijah Dormeus.

Smith hatte zuvor eine 1,5-Millionen-Dollar-Spende an die Universität angekündigt, an der auch die Bürgerrechtsikone Martin Luther King Jr., Regisseur Spike Lee und Schauspieler Samuel L. Jackson ihren Abschluss gemacht hatten. Die Übernahme der Studienkredite war laut dem „Atlanta Journal and Constitution“ aber auch für die Hochschule eine Überraschung.

Angesichts der horrenden und weiter steigenden Studiengebühren in den Vereinigten Staaten geraten immer mehr Studenten tief in die roten Zahlen. Laut der Ratingagentur Fitch liegt die Gesamtverschuldung von Studenten in den Vereinigten Staaten bereits bei mehr als 1,5 Billionen Dollar.


Aus: "Amerikanischer Milliardär will Studienkredite übernehmen" (20.05.2019)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/amerikanischer-milliardaer-will-studienkredite-von-40-millionen-dollar-uebernehmen-16196909.html

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« Reply #919 on: Mai 23, 2019, 10:47:24 vorm. »
Quote
[...] Carina Altreiter (geb. 1985) hat in Wien und Linz Soziologie studiert. Ihre Schwerpunkte sind unter anderem Arbeitssoziologie, soziale Ungleichheit und sozialer Wandel. 2017 erhielt Altreiter für ihre Dissertation den Theodor-Körner-Förderpreis, die Arbeit erschien 2019 unter dem Titel "Woher man kommt, wohin man geht". Derzeit ist sie Postdoc-Projektmitarbeiterin im FWF-Projekt "Solidarität in Zeiten der Krise" an der Universität Wien.

STANDARD: Bourdieu hat beschrieben, wie Menschen ihre Klassenzugehörigkeit über ihren Habitus ausdrücken und sich so von anderen Klassen abgrenzen. Sind diese Praktiken heute noch dieselben?

Altreiter: Nein. Heute ist es zum Beispiel immer weniger der bürgerliche Geschmack wie die Oper, mit dem man sich von unteren Klassen abgrenzt. Es geht mehr darum, sich sowohl in der Klassik als auch im Mainstream auszukennen. Eine andere neue Spaltungslinie ist, dass sich heute vor allem die gut qualifizierte Mittelschicht dadurch nach unten abgrenzt, dass sie ihre Toleranz, ihren kosmopolitischen Geschmack, ihre Multikulturalität – wir kochen indisch, gehen auf den Wiener Brunnenmarkt – zur Schau stellt. Sie stellt sich moralisch höher als Menschen aus unteren Schichten, die – ich sag es jetzt ganz flapsig – nur Schnitzel essen, Volksmusik hören und alles ablehnen, was fremd ist.

STANDARD: Warum ist Bourdieu heute noch wichtig?

Altreiter: Das Spannende an Bourdieu für heutige Verhältnisse ist seine Analyse von Ungleichheitsverhältnissen, die über die rein strukturelle Ebene hinausgeht und aufzeigt, wie die Menschen selbst durch ihr tagtägliches Handel diese Verhältnisse selbst reproduzieren. Durch Praktiken der Abgrenzung werden Grenzen zwischen Klassen gezogen und Herrschaft aufrechterhalten.

STANDARD: Ungleichheit aufgrund der Klasse ist heute kaum noch Thema. Warum?

Altreiter: Es gibt heute einen stärkeren Fokus darauf, was Ungleichheiten aufgrund von Geschlecht, Ethnizität oder Religion bedeuten. In diesen Analysen hat man zwar oft auch den Bildungshintergrund der Eltern drinnen – quasi als kleine versteckte Klassenanalyse. Doch heute fehlt uns gerade im deutschsprachigen Raum das Verständnis dafür, dass Gesellschaften Klassengesellschaften sind, dass es Ungleichheiten gibt, die sich entlang von Klasse reproduzieren.

STANDARD: Warum ist auch der Begriff der "Klasse" weitgehend verschwunden?

Altreiter: Dafür gibt es mehrere Ursachen. Gesellschaftliche Verhältnisse haben die Erscheinungsformen sozialer Ungleichheit stark verändert. Der Begriff ist hierzulande auch stark ideologisch aufgeladen, was eine Etablierung als wissenschaftliche Kategorie schwierig macht. Es hat auch damit zu tun, dass das öffentliche Gesicht des Klassenbegriffs – die Arbeiter und Arbeiterinnen – aus dem Fokus geraten ist. Von den 1950er- bis in die 1980er-Jahre waren sie in der Industriesoziologie das Forschungsobjekt Nummer eins. Die Wissenschaft hat genau dann die Arbeiter und Arbeiterinnen verlassen, als sich historisch für sie das Blatt gewendet hat. Was Arbeiterinnen und Arbeitern heute fehlt, ist Anerkennung – sowohl materieller als auch symbolischer Art. Ihre Reallöhne sind im Vergleich zu anderen Beschäftigtengruppen gesunken. Und durch die Bildungsexpansion gibt es eine Abwertung der Lehre, eine Abwertung des kulturellen Kapitals der Arbeiterklasse. Alle sagen: Man muss studieren.

STANDARD: Woran sehen Sie, dass "Klasse" keine Rolle mehr spielt?

Altreiter: Wenn es beispielsweise um den Bildungshintergrund geht, wird oft individualisiert. Dass da jemand halt aus schwierigen Familienverhältnissen komme, aus Verhältnissen, wo es an diesem oder jenem gefehlt habe und dass es deswegen Schwierigkeiten in der Schule gebe. Hinzu kommt ein Diskurs, der suggeriert: Du kannst alles werden, wenn du nur willst. Man blendet aus, dass es ein gesamtes System ist, das bestimmte Benachteiligungen produziert. Diese Perspektive fehlt sowohl im öffentlichen Diskurs und zum Teil auch in der Wissenschaft. Doch ich habe das Gefühl, das ändert sich gerade, weil sich die Ungleichheiten verschärfen, die Klassenverhältnisse und auch der Klassenkampf werden unmittelbar spürbarer. In Österreich sehen wir das an den Kürzungen im Sozialbereich – und viel stärker noch in Frankreich an den Kämpfen der Gelbwesten.

STANDARD: Erklärt das auch das momentane große Interesse an Intellektuellen wie Édouard Louis und Didier Eribon, der eng mit Bourdieu zusammengearbeitet hat?

Altreiter: Teilweise ja. Didier Eribon hat vor allem im deutschsprachigen Raum viele mit seiner Geschichte über den Rechtspopulismus angesprochen. Wie können wir erklären, dass Arbeiter rechte Parteien wählen? Er hat versucht, dafür Erklärungen zu finden. In der Rezeption ging es aber weniger um den Ausbruch aus einer sozialen Klasse und mit welchen Leiden das verbunden ist – obwohl das ein ganz zentrales Thema von Eribon ist. Genau dazu gibt es tatsächlich sehr wenig Literatur. Es gibt zwar Aufstiegsgeschichten, diese thematisieren aber fast nie die Probleme und Schmerzen, die mit sozialer Mobilität verbunden sind. Dass es davon so wenig gibt, zeigt auch, dass eine bestimmte Klassenherkunft noch immer sehr schambehaftet ist.

STANDARD: Welche Schmerzen sind das?

Altreiter: Für Menschen, die aus dem sogenannten "bildungsfernen" Milieu kommen, ist es immer noch schwierig, sich in höheren Bildungseinrichtungen zurechtzufinden. Die Sprache, die Umgangsformen und die informellen Regeln werden in einer anderen Klasse geprägt und sind für diejenigen selbstverständlich, die damit aufgewachsen sind. Menschen, denen das fremd ist, fühlen sich oft sogar nach einem erfolgreichen Bildungsaufstieg an der Universität immer noch deplatziert.

STANDARD: In der Analyse von Marx waren sich die Menschen noch ihrer Zugehörigkeit zu einer Klasse bewusst, bei Bourdieu nicht. Was bedeutet das für das politische Handeln der weniger privilegierten Klassen?

Altreiter: Marx wird da oft verkürzt rezipiert, auch bei ihm entsteht Klassenbewusstsein erst über den politischen Kampf. Bourdieu meint, dass die Menschen die Herrschaftsverhältnisse so verinnerlicht haben, dass sie verkennen, in welchem System sie leben. Es ist daher ganz schwer, dieses System zu durchschauen. Klassenbewusstsein heißt ja, die Verhältnisse zu erkennen und daraus etwas zu entwickeln. Politische Mobilisierung ist sicherlich schwieriger geworden. Es gibt nicht nur die unterdrückte Arbeiterklasse, sondern auch Unterdrückung aufgrund des Geschlechts, der sexuellen Orientierung oder der geografischen Herkunft – es gibt insofern also auch doppelte und dreifache Unterdrückung. Das anzuerkennen ist wichtig, und man kann nicht wieder zum Alten zurückzukehren und diese "Nebenwidersprüche" ignorieren – im Sinne eines gemeinsamen Kampfes. Die Zersplitterung der Menschen haben wir aber nicht nur bei Identitätsfragen, sondern auch am Arbeitsmarkt. Die große Herausforderung ist, diese Unterschiede in ein gemeinsames Wir zu integrieren. Ein Beispiel, wo dieses Gemeinsame aber funktioniert hat, ist das Frauenvolksbegehren. Da haben sich viele verschiedene Gruppen gefunden und zusammengetan.

STANDARD: Sie haben sich in Ihrer Arbeit auf Industriearbeiterinnen und -arbeiter fokussiert. Wann in ihrem Leben hinterlässt Klasse die tiefste Spur?

Altreiter: In meiner Studie war es der Übergang von der Schule in die Arbeitswelt, dann, wenn Entscheidungen für das spätere Leben getroffen werden. Hier gibt es ein Zusammenspiel von strukturellen Faktoren, also dem Bildungssystem, und den Vorstellungen, die Jugendliche über ihre Zukunft haben. Das sind tief verinnerlichte Vorlieben: Man wollte immer schon Tischlerin, Kfz-Mechaniker werden, wollte schon immer etwas Praktisches tun. Die soziale Klasse produziert Selbstverständlichkeiten darüber, was man künftig macht. Es gibt also einen beschränkten Möglichkeitsraum, obwohl es heute verschiedenste Ausbildungsangebote gibt. Trotzdem bleibt die Frage, ob ich diese Möglichkeiten als für mich geeignet wahrnehme. Passt das zu mir? Die soziale Klasse entwickelt Zugkräfte – und diesen Kräften ist schwer zu entkommen.

...



Aus: "Soziologin Altreiter: "Die Mittelschicht stellt sich moralisch höher"" InterviewBeate Hausbichler (22. Mai 2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000103474440-1192182008549/Soziologin-Altreiter-Die-Mittelschicht-stellt-sich-moralisch-hoeher

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El Señor Hood

Ich unterschreibe das, was die Dame sagt - denn ich fühle es jeden Tag: nach aussen hin bin ich ein weltgewandter, bildungsbürgerlicher Akademiker und Kosmopolit, aber in meinem Herzen drin bin ich noch immer der tiafe Sauprolet, der ich einmal war und auch wohl immer sein werde.


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standarddeviation

Die Mittelschicht ist wie die Kirche im Mittelalter! - Dekadent, egoistisch, eigennützig, verschlagen, korrupt, missgünstig, scheinheilig. ...


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chezgarando

oh mit verlaub - alle schichten in europa sind das ...


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Leos 12 Monkeys

Klasse spielt eine Rolle, warum produzieren Akademiker-Familien Akademiker-Kinder, weil sogar das dümmste Kind soweit gedrillt wird, bis es das Studium schafft. Diese Mittel haben Arbeiter-Familien nicht.

Wieso kann eine ausgemachte Dumpfbacke wie Verena Bahlsen so stolz herumkrakeelen, dass sie Kapitalistin wäre?! Na klar, das Geld der Eltern sorgt für Selbstbewußtsein, für Freiheit und für mentale Ruhe.

Ich selbst bin weder noch, keinen Hochschulabschluss, kein Studium, aber aufgewachsen im 7. Bezirk, angehalten worden viel zu lesen und hab dies mit 700 gelesenen Büchern auch auf die Spitze getrieben.

Aber bin ich deswegen Bürgertum?...


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smeisinger

"Sie stellt sich moralisch höher als Menschen aus unteren Schichten, die nur Schnitzel essen, Volksmusik hören und alles ablehnen, was fremd ist."

Das trifft 100% auf mich, meine Freundin und den engeren Freundeskreis zu. Und ja, die Dame hat recht. Wer nicht gerne äthiopisch essen geht und lieber Dancing Stars statt Lars von Trier schaut, ist in meinen Augen - achtung Polemik - irgendwie deppert.


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warp.faktor


Das Zauberwort heißt: Distinktion!
Pierre Bourdieu hat uns gezeigt, dass jede soziale Klasse ganz eigene Kulturtechniken (Habitus) entwickelt, um sich nach unten abzugrenzen. Das ist ein Teil der Identität einer Person.

Sie tun das z.B. in dem Sie die FPÖ-WählerInnen als Dummköpfe und asozial abqualifizieren. Ihr Feindbild.

Mit der Entwertung der körperlichen Arbeit durch den weltweiten Wettbewerb hat man der Unterschicht jede Sicherheit und (Selbst)Respekt genommen. Logisch, dass auch die sich versuchen nach unten abzugrenzen, da kommen die Angebote der Rechtsextremen natürlich gelegen.

Umso mehr, als die meisten Migranten ja tatsächlich Konkurrenten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt sind.


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Frau Arielle

Mrs. Obama, eine schwarze studierte Frau, hat nun einmal immens mehr Privileg als ein weißer Mann, der mit seinem Volksschulabschluss zwischen Hilfsarbeiterjobs arbeitslos ist.

Die klassische Linke hat sich dermaßen auf die Privilegien Geschlecht, Rasse, Sexualität und Religion eingeschossen, dass sie die Klasse vergessen hat – ihr eigentliches Revier. Und das sind dann die Binnen-I-Hasser, die FPÖ wählen.


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Portier Portos

"Gerade AkademikerInnen tendieren dazu, nur geistige Arbeit als wertvoll und sinnstiftend anzusehen."

Leider. Lustigerweise höre ich immer wieder von Leuten, die ihren Bürojob aufgegeben und ein Handwerk gefunden haben, mit der sie wirkliche Freude haben, zB Tischler oder sowas. Es gehören einfach diese Handwerke aufgewertet, aber bitte nicht in schulischer Form. Ich will keine Lehrberufe mit Bachelor, das ist unnötig. Einfach nur mehr wert schätzen.


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Ergänzende Fragen

Die Mittelschicht hält sich vielleicht für moralisch "besser"- aber die Oberschicht ist moralbefreit. Muss sich erst gar nicht an moralische und gesetzliche Standards halten. Die machen das quasi "freiwillig". zB Steuern zahlen und solche Dinge (ohne Ironie: Menschen die sich persönlich aussuchen können, ob sie sich an Regeln halten oder eben nicht - sind größeren Versuchungen ausgesetzt. Ein Donald Trump stellt - neben seinen speziellen Eigenheiten - ein Sittenbild dar. Der Mann hat - nach heutiger Kaufkraft - 2-3 Milliarden geerbt und sieht sich als Selfmade-MIlliardär. Die Eltern spenden für eine angesehen Universität - und die Kinder halten sich für die geistige Elite, wenn sie dort studieren dürfen...)

(als *Gewerbebefreiter Neuer Selbständiger* MUSS ich mich an Regeln und Moral halten, wenn ich wirtschaftlich überleben will. Mein Handschlag und mein Wort zählt, wenn ich einen Job annehme. Und es gibt schon mehr Neue Selbständige als Einwohner in Graz oder im Burgenland. Von 350.000 wird Moral auch verlangt...)


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Apprentice Mulford

Mit viel Soziologengeschwurbel wird hier räsonniert,
dass den Linken die Arbeiterklasse abhanden gekommen ist, weil in punkto Arbeit, also Sicherheit, Mindestlöhne, Kündigungsschutz, Sozialleistungen etc. alles erreicht wurde, was die ersten Sozialisten erreichen wollten. Kernpunkt früher war die Arbeit, also deren Wert an sich, heute haben die Linken angefangen nach Personen zu segmentieren und sich dabei in kontraproduktiven, personenspezifischen Details verheddert, nicht einziges, aber klassisches Beispiel ist Gendern. Der Schweißer bei der Voest orientiert sich heute nicht mehr daran, was seine Arbeit wert ist und was er dafür bekommt, sondern daran, was - nur als Beispiel - ein anderer, der nix tut leistungslos erhält. ...


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viola1911

ironischerweise tragen intellektuelle wie bordieu durch die verwendung einer unnoetig verkomplizierten sprache zu der beschriebenen segretation bei. gendern ist auch ein gutes beispiel dafuer.


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redwood forest

Worauf das Interview nicht eingeht: der Anteil der klassischen Industriearbeiter sinkt in den post-industriellen Gesellschaften seit Jahrzehnten, noch weit staerker der Anteil der Bauern. Zugleich gibt es weltweit einen Anstieg an Urbanisierung. Dass damit gesellschaftliche Umbrueche entstehen, scheint naheliegend.

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Corello

Schon schön dass das marxistische Schubladendenken nie ausstirbt.

Du bist nichts, deine Klasse ist alles. Es gibt keine individuellen (Fehl)Entscheidungen keine Zufälle in den Biographien und sowieso hat alles System, nämlich ein fieses, ein bei Bedarf je nach dem patriarchales, sexistisches,, neoliberales, westliches oder imperialistisches. Und darüber wird immer zuwenig geredet, nicht weil es Quatsch ist, sondern seil es systematisch ist.

Wenn es mir schlecht geht, sind somit immer die Anderen schuld, ich nicht, deshalb darf ich jammern und fordern und herumpöbeln.
Und wer zur anderen Klasse gehört, ist schuld, darf beschimpft, geschlagen, enteignet, in den Gulag geschickt werden, egal was er tut.


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DeSadeHehe

Ich komme - finanziell gesehen aus der Unterschicht - alleinerziehende Mutter, Einkommen im unteren 0,25% Bereich, 0€ Kapital.
Wenn Sie die Ausgrenzung erlebt haben würden, die man erlebt, wenn man von dort startet, so ganz ohne Kapital, dann würden Sie ehrlich gesagt, nicht so einen Nonsense zu diesem Artikel dazufabulieren.
Die meisten mit denen ich in einer Klasse gewesen bin (bis zum Gymnasium) sind Hacklerkinder, kaum eines davon hat einen normal oder hoch dotierten Job.
Was anders ist bei denen, die wie meine Mitarbeiter größtenteils aus der Mittel- oder Oberschicht stammen.


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WässrigesWienerWürstchen

Glorioser Quatsch
Die Mittelschicht ist besser informiert als die Unterschicht
Und die Oberschicht ist besser informiert als die Mittelschicht.

...


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Renegade091

Sehr treffende Analyse von Fr. Altreiter. Vorallem wie sich die "Mittelschicht" nach unten abgrenzt. So hatte ich das noch gar nicht gesehen, aber wenn ich darüber nachdenke trifft das auch auf mein Umfeld zu.
Ergänzend bin ich noch der Meinung, und das ist auch spannend, würden diese gebildetere Schicht es abstreiten sich zur unteren Schicht hin abzugrenzen. Vermutlich auch um die moralische Überlegenheit für sich zu behaupten.


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« Reply #920 on: Mai 26, 2019, 02:05:05 nachm. »
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[...] Oft ist keine Katastrophe nötig – schon eine hohe Arztrechnung oder eine kostspielige Autoreparatur können das Leben vieler US-Amerikaner aus der Bahn werfen. Fast vier von zehn US-Bürgern können aus eigener Kraft keine unerwartete Rechnung in Höhe von 400 Dollar zahlen. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie der US-Zentralbank Federal Reserve (Fed). 27 Prozent der Befragten müssten sich Geld borgen oder Besitztümer verkaufen, zwölf Prozent könnten den Betrag auch dann nicht aufbringen. 17 Prozent wussten zum Zeitpunkt des Interviews schon, dass sie am Monatsende ihre Rechnungen nicht komplett würden zahlen können.

Diese Zahlen der Fed beschreiben nüchtern die harte soziale Realität in den Vereinigten Staaten. Eine Realität – so zeigt die Studie –, die für Schwarze und Hispanics besonders düster aussieht.

In den Medien und in der Tagespolitik fand das Thema bislang kaum Resonanz. Dabei könnte die Bestandsaufnahme der Fed den Demokraten eine Vorlage für den Wahlkampf gegen Donald Trump liefern. Der US-Präsident brüstet sich seit seinem Amtsantritt mit den guten Wirtschaftsdaten. Doch die Studie zeigt, dass die sozialen Verwerfungen trotz des Wirtschaftswachstums noch immer groß sind. Neben Zahlen zu Einkommen und Arbeitsverhältnissen beleuchtet die Fed-Studie auch Schulden und Lücken bei der Altersvorsorge. Die Ergebnisse machen vielfältige Probleme deutlich.

Da wären zunächst die Löhne. Laut einer im Sommer 2018 erschienenen Studie des Pew Research Center stagniert die inflationsbereinigte Kaufkraft für US-Arbeitnehmer seit 40 Jahren. Vor allem Geringverdiener sind in den vergangenen Jahrzehnten leer ausgegangen. Der bundesweite Mindestlohn ist seit 2007 nicht mehr gestiegen und liegt bei nur 7,25 Dollar. Wer so wenig verdient, kann nichts zurücklegen, auch nicht 400 Dollar für eine unvorhersehbare Ausgabe – oder für die Altersvorsorge. Auch dort zeichnet die Studie ein verheerendes Bild. Ein Viertel der US-Amerikaner hat keine privaten Pensionsrücklagen. Ein deutlich höherer Mindestlohn könnte helfen.

Das sehen offenbar auch die Demokraten und Demokratinnen so. Während sie mit ihrer moderaten Kandidatin Hillary Clinton das Thema 2016 noch weitgehend umschifften, gehört die Erhöhung des nationalen Mindestlohns auf 15 Dollar mittlerweile zu den Standardforderungen der meisten demokratischen Präsidentschaftskandidaten. Auch ein Gesetzesentwurf im Repräsentantenhaus dazu liegt vor. Gerade in trumptreuen Bundesstaaten verdienen überdurchschnittlich viele Wähler weniger als 15 Dollar. Mit dieser Forderung könnten die Demokraten den US-Präsidenten unter Druck setzen, der sich seit seinem Amtsantritt nicht mehr zu dem Thema geäußert hat.

Doch auch ein weitreichender Ausbau der staatlichen Altersvorsorge Social Security wäre notwendig, um Menschen eine stabile Rente zu ermöglichen, die Altersarmut verhindert. 9,2 Prozent der über 65-Jährigen leben trotz Social Security unterhalb der Armutsgrenze des Bundes.

Bisher haben die meisten demokratischen Kandidaten das Thema jedoch ausgespart. Lediglich der Parteilinke Bernie Sanders hat im Falle seines Wahlsiegs eine Ausweitung der staatlichen Rentenversicherung angekündigt und will die Beitragsbemessungsgrenze erhöhen. Während Arbeitnehmer bisher nur auf die ersten knapp 133.000 Dollar ihres Jahreseinkommens Rentenversicherungsbeiträge abführen müssen, sollen laut Sanders' Plan Einkommen bis 250.000 Dollar einbezogen werden. Gutverdiener müssten sich stärker als bisher an der Finanzierung von Social Security beteiligen.

Auch beim Thema Studienschulden besteht Handlungsbedarf: In den vergangenen 30 Jahren haben sich die Studiengebühren in den USA an öffentlichen Universitäten mehr als verdreifacht und an privaten Hochschulen mehr als verdoppelt. Vor allem Minderheiten besuchen wegen des hochselektiven Zulassungsverfahrens an US-Universitäten häufig gewinnorientierte sogenannte For-Profit-Colleges, die zwar bereitwillig fast alle Studenten und Studentinnen aufnehmen, aber entsprechend teurer sind. 20 Prozent der Absolventen sind laut Fed-Studie bei der Rückzahlung ihrer Studienschulden im Verzug.

Diese Studienschulden lähmen viele junge Amerikaner. Laut Fed zahlen Schuldner zwischen 200 und 299 Dollar im Monat ab – Geld, das bei der Familienplanung oder beim Kauf einer Immobilie fehlt.

Da von hohen Studienschulden vor allem die demokratische Stammwählerschaft aus gut gebildeten Großstädtern betroffen ist, haben sich fast alle ihrer Kandidaten und Kandidatinnen für 2020 für eine zumindest teilweise Abschaffung der Studiengebühren ausgesprochen. Bisher hat aber nur Elizabeth Warren, Senatorin aus Massachusetts, einen detaillierten Plan zur Tilgung von Studienschulden vorgelegt. Wer ein Haushaltseinkommen von weniger als 100.000 Dollar hat, dem erstattet der Staat bis zu 50.000 Dollar Studiengebühren. Warrens Vorschlag würde nach eigenen Angaben 640 Milliarden Dollar kosten und vor allem der Mittelschicht zugutekommen.

Zu wenig politischen Rückhalt erfährt auch das Thema Arbeitsrecht. 2018 waren gerade einmal 10,8 Prozent der Beschäftigten in Gewerkschaften organisiert – halb so viele wie 1985. Während Gewerkschaften im öffentlichen Sektor noch gut vertreten sind, sieht es im Privatsektor schwach aus. Nur 6,4 Prozent der dort Beschäftigten waren vergangenes Jahr in Gewerkschaften organisiert. Das Resultat sind unter anderem prekäre Beschäftigungsverhältnisse und mangelnde betriebliche Mitsprache. Laut Fed-Studie leidet jeder vierte Arbeitnehmer unter kurzfristigen Dienstplanänderungen.

Auch hierzu haben Elizabeth Warren und Bernie Sanders die detailliertesten Vorschläge erarbeitet. Warren will, dass in den Aufsichtsräten großer Unternehmen 40 Prozent Arbeitnehmer vertreten sind, die die Interessen der Belegschaft vertreten. Bisher ist diese in Deutschland verbreitete Form der Mitbestimmung in den USA unüblich.

Sanders fordert die Abschaffung der sogenannten Right-to-Work-Gesetze, die fast ausschließlich von Republikanern ausgehen und Gewerkschaften in vielen Bundesstaaten daran hindern, Arbeitnehmerbeiträge einzuziehen. Seit Monaten unterstützt er mit Solidaritätsaufrufen Streiks im ganzen Land, erst am Donnerstag solidarisierte Sanders sich mit Mitarbeitern der Fast-Food-Kette McDonald's, die einen Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde fordern. Joe Biden, der von vielen Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes unterstützt wird, äußerte sich dagegen nicht zum Streik der McDonald's-Arbeiter.

Der Fed-Bericht zeigt auch die Probleme beim privaten Zahlungsverkehr auf. Sechs Prozent der US-Amerikaner haben demnach kein Bankkonto, weitere 16 Prozent sind trotz Konto wegen mangelnder Deckung auf alternative Finanzierungsquellen angewiesen. Dazu zählen Geschäfte mit Pfandleihern, die es in den Armenvierteln aller US-Großstädte gibt, oder aber die gefürchteten Payday Loans (Zahltagkredite). Entsprechende Anbieter vergeben Darlehen zwar auch an Kunden mit schlechter Bonität, dafür verlangen sie aber Zinsen von durchschnittlich 400 Prozent. Hier sind ebenfalls vor allem Arme und Minderheiten betroffen.

Anfang Mai hat Bernie Sanders gemeinsam mit der Kongressabgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez ein Gesetz vorgestellt, das die Zahltagkredite stark einschränkt und die Zinsen von Kreditkartenschulden auf 15 Prozent beschränkt. Darüber hinaus würde das Gesetz die US-Post dazu auffordern, kostengünstige Bankkonten für finanzschwache Kunden bereitzustellen.

Auch Elizabeth Warren kämpft seit Jahren gegen die Payday-Loan-Industrie: zunächst ab 2010 als Architektin der unter Barack Obama gegründeten Verbraucherschutzbehörde für Finanzdienstleistungen (CFPB) und danach als Senatorin. Für viele andere Präsidentschaftskandidaten hat das Thema dagegen offenbar keine Priorität.

Angesichts der Vielzahl an Problemen bleibt die Frage, warum bisher nur wenige demokratische Kandidaten detaillierte und weitsichtige Konzepte zur Überwindung der tiefen sozialen Spaltung im Land vorgelegt haben. Aus dem Kongress kamen zwar eine Handvoll Gesetzesvorlagen, etwa zur betrieblichen Altersvorsorge und zur Überwachung der Finanzindustrie. Doch diese wenigen Initiativen reichen nicht, um den Wählern auch in der Opposition zu zeigen, dass man eine legislative Agenda im Ärmel hat, die das Leben der Menschen in den USA spürbar verbessern würde.

Stattdessen werden die Kongressarbeit und die politische Berichterstattung von Untersuchungen zum Mueller-Report, Trumps Steuerbescheiden und zahllosen Vorladungen von Vertrauten des Präsidenten geprägt. Mit den Alltagsproblemen der meisten US-Amerikaner hat das nichts zu tun.


Aus: "Zu wenig Lobby für die Mittellosen" Eine Analyse von Jörg Wimalasena, New York  (26. Mai 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-05/usa-studie-fed-wirtschaftsdaten-armut-renten-finanzen-bernie-sanders/komplettansicht

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deri punkt partei #3

„Trotz guter Wirtschaftsdaten“?

Vielleicht hängt ja das eine mit dem anderen zusammen?


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manveras #3.1 

Offensichtlich: Statistisch gesehen besitzen ja selbst die Ärmsten der Armen kleine Vermögen: "Die privaten US-Haushalte besitzen derzeit ein Rekordvermögen von 107 Billionen Dollar. Doch die reichsten 0,1 Prozent haben gleich viel wie die ärmsten 90 Prozent."
https://www.contra-magazin.com/2018/09/usa-rekordvermoegen-doch-die-haelfte-besitzt-nichts/


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artefaktum #11

>> Trotz guter Wirtschaftsdaten leben Millionen Amerikaner am Rande des Ruins. <<

Was soll eigentlich immer diese Verwunderung? Diese Entwicklung hat System. Da hat die Politik jahrzehntelang drauf hin gearbeitet, dass immer mehr Geld nach oben umverteilt wird. Das läuft bei uns nicht anders.


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« Last Edit: Mai 29, 2019, 11:19:40 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #921 on: Mai 26, 2019, 08:40:32 nachm. »
Quote
[...] Obdachlose schieben rostige Einkaufswagen mit wenigen Habseligkeiten über die Market Street, vorbei an den Fassaden der Hauptquartiere von Konzernen wie Twitter und Uber. Mit Steuervergünstigungen lockten die Stadtväter Technologie-Firmen in das Herz von San Francisco, nun schießen Luxus-Appartements und teure Bistros aus dem Boden. San Francisco, ehemals das Epizentrum der Hippie-Bewegung, Magnet für Künstler, Aussteiger und Einwanderer, steht nun für junge Multi-Millionäre, explodierende Mieten und steigende Obdachlosenzahlen.

Im weltweiten Vergleich ist San Francisco jetzt die Stadt mit der höchsten Milliardärsdichte. Der jüngsten Studie von "Wealth-X" zufolge kommt auf gut 11.000 Einwohner ein Superreicher, im Vergleich fällt New York mit rund 81.000 Menschen pro Milliardär weit ab. Nur in absoluten Zahlen hat die Acht-Millionen-Metropole New York bei der Milliardärszählung die Nase vorn, verglichen mit der Westküsten-Stadt mit ihren knapp 900.000 Einwohnern.

In San Francisco und dem benachbarten Silicon Valley, mit Facebook, Google und Apple, wächst mit jedem Börsengang die Zahl der Millionäre weiter an. Nach den Start-ups Pinterest, Zoom und Lyft feierte zuletzt der Fahrdienstvermittler Uber seine Aktien-Premiere, die Büro-App Slack und der Tourismus-Anbieter Airbnb wollen noch in diesem Jahr an die Börse.

Auch Herman Chan profitiert von dem Boom. Der 41-jährige ist Makler bei der auf Luxusimmobilien spezialisierten Firma "Sotheby's International Realty". "Ich will nicht klagen, die 'Tech Bros' zahlen meine Rechnungen", sagt Chan über die Flut der jungen Spitzenverdiener in der Tech-Branche, die sich astronomisch hohe Mieten und teure Häuser leisten können. 5.200 Dollar Monatsmiete (rund 4.660 Euro) für eine 80-Quadratmeter-Wohnung zahlt man im Luxusneubau "Nema", gleich neben den Hauptquartieren von Twitter und Uber. Für ein Einfamilienhaus im Raum San Francisco muss man durchschnittlich 1,3 Millionen Dollar hinblättern.

"Wir nennen sie 'HENRYs', High Earner Not Rich Yet", erklärt Chan. Also Gutverdiener mit einem Jahreseinkommen um die 200.000 Dollar, die damit noch nicht "wirklich reich" sind, sich aber Reisen, teure Restaurants, schicke Kleidung und teure Immobilien leisten können. Der in San Francisco aufgewachsene Makler klagt am Ende doch, dass die Kluft zwischen Arm und Reich in seiner Heimatstadt immer größer wird. "San Francisco hat seine Seele verloren", lamentiert Chan. Vielfalt und Kreativität sei durch "Sterilität" ersetzt worden.

"Wir haben nun die teuersten Mieten in den USA, die größte Obdachlosigkeit und die höchste soziale Ungleichheit", sagt Leslie Dreyer. Die Aktivistin arbeitet beim Mieterschutzverband Housing Rights Committee, nur wenige Straßen und doch Welten von den Tech-Konzernen auf Market Street entfernt. Mieter, die von Räumungen bedroht sind, suchen hier Hilfe. "Wir haben extrem viel zu tun", sagt Dreyer. Das Team hilft bei Zwangsräumungen, es organisiert Proteste, übt Druck auf die Stadt aus, bezahlbare Unterkünfte zu schaffen. "Es betrifft nun auch die Mittelklasse, wie Lehrer und Krankenschwestern. Spekulanten verdreifachen die Mieten und vertreiben Leute aus ihren Wohnungen", klagt Dreyer.

Die jüngst veröffentlichten Zahlen einer Obdachlosenschätzung im Jänner sprechen für sich. Mehr als 8.000 Menschen in San Francisco haben kein festes Dach über dem Kopf, ein 17-prozentiger Anstieg in zwei Jahren. Drastisch zugenommen hat auch die Zahl der Bedürftigen, die in ihren Autos schlafen.

Robin Silver wohnt seit eineinhalb Jahren in einer Zeltstadt an Rand einer vielbefahrenen Durchgangsstraße in Berkeley, auf der anderen Seite der Bucht von San Francisco. Fast zwei Dutzend Menschen leben in dem provisorischen Camp, Alkohol und Drogen sind nicht erlaubt. Die Stadt hat eine mobile Toilette aufgestellt, ein Solarmodul liefert Strom für ein Küchenzelt. "Richtig luxuriös", sagt Silver augenzwinkernd. Der Tod seiner Frau habe ihn aus der Bahn geworfen, erzählt der 63-Jährige Tontechniker. "Ich stehe auf einer Warteliste für eine Sozialwohnung, doch das kann einige Jahre dauern."

Rund 300 Millionen Dollar gibt die Stadt San Francisco jährlich zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit aus, doch die Betten in den Notunterkünften reichen bei Weitem nicht aus. "Grausam und unmenschlich" seien die Zustände in den Straßen von San Francisco, wo etwa Menschen in Zelten Hilfe verwehrt würde, hieß es im vergangenen Oktober in einem Bericht der Vereinten Nationen. Die Zeltlager wurden mit Slums in Indien und Mexiko verglichen.

Die reichen Tech-Konzerne, die zu der extremen Ungleichheit beitragen, sollen zur Kasse gebeten werden, fordern Aktivisten. Der Milliardär Marc Benioff, CEO des Cloud-Computing-Riesen Salesforce, ist auf ihrer Seite. Die Armut in seiner Heimatstadt San Francisco sei eine Katastrophe, sagte Benioff im Jänner in einem Interview des Senders CNBC auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Einige Technologie-Bosse würden die Probleme der Gentrifizierung und Obdachlosigkeit einfach ignorieren.

Im vergangenen Herbst stellte sich der Unternehmer hinter das Wählerreferendum "Proposition C", große Tech-Firmen mit Sitz in San Francisco höher zu besteuern und das Geld in städtische Sozialprogramme zu stecken. Frustrierte Wähler, für die das Leben in der Westküstenmetropole unerschwinglich wird, stimmten mit großer Mehrheit für die Sonder-Steuer.

Doch der erbitterte Klassenkampf zwischen der Tech-Elite und den alteingesessenen Bürgern spitzt sich weiter zu. Nachzulesen etwa in Artikeln, Fotos und Kommentaren auf der Facebook-Seite "VanishingSF" über das "Verschwinden" von San Francisco als Folge der "Supergentrifizierung".
...

 (APA, 26.5.2019)


Aus: "Milliardäre und Armut: Das große Tech-Beben spaltet San Francisco" APA (26. Mai 2019)
Quelle: https://www.derstandard.de/story/2000103826572/milliardaere-und-armut-das-grosse-tech-beben-spaltet-san-francisco

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datenPunk

Die 5K für 80m2 in bester Lage halte ich für einen Übertragungsfehler
Kenne Leute die dort für ein kleines WG Zimmer 3K bezahlen.


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valtheUW

ist schon etwas älter, aber América von t.c. boyle schildert diesen starken gegensatz ziemlich glaubwürdig.


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Chupacabra11

Eine Schande für eine der reichsten Regionen der Welt. Habe es 2011 und 2016 dort wahrnehmen müssen, dass es schlimmer wurde, wie auch im klimatisch angenehmeren LA. Man sagt, das sei das Erbe von Reagans Politik. Die Initiativen, die Housing First vorantreiben, sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Und es kann jedem widerfahren. Nachts zu Fuß Nähe Market Street/6th/Unionsquare oder in Downtown LA 6th street hinter der Mainstreet und es wird bedrückend und albtraumhaft. Zum California Dreaming hat sich ein Californian Nightmare gesellt.


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« Reply #922 on: Mai 29, 2019, 10:51:52 vorm. »
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[...] Nach ihrer Scheidung von Amazon-Chef Jeff Bezos will seine Ex-Ehefrau MacKenzie Bezos mindestens die Hälfte ihres Milliardenvermögens spenden. Bezos trat der Initiative „The Giving Pledge“ bei, wie die Organisation am Dienstag mitteilte. Die Unterzeichner verpflichten sich, zu ihren Lebzeiten oder in ihrem Testament mindestens die Hälfte ihres Vermögens gemeinnützigen Zwecken zukommen zu lassen. In einem Schreiben von MacKenzie Bezos hieß es, sie habe „eine unverhältnismäßig große Geldsumme“, die sie teilen könne. Sie werde ihren „bedächtigen Ansatz zur Philantropie“ weiterverfolgen, „bis der Safe leer ist“

Jeff (55) und MacKenzie Bezos (49) hatten im Januar angekündigt, sich nach 25 Ehejahren scheiden zu lassen. Im April einigten sie sich auf die Aufteilung ihres gemeinsamen Vermögens. Im weltweiten Milliardärs-Ranking Bloomberg Billionaires Index wird MacKenzie Bezos mit einem geschätzten Vermögen von 36,6 Milliarden Dollar (32,7 Milliarden Euro) auf Platz 22 geführt. Globaler Spitzenreiter ist weiterhin Jeff Bezos mit geschätzten 114 Milliarden Dollar.

„The Giving Pledge“ teilte am Dienstag weiter mit, neben MacKenzie Bezos seien seit dem vergangenen Jahr weitere 18 Philantropen der Initiative beigetreten. Damit sei die Zahl der Unterzeichner, die aus 23 Ländern stammten, inzwischen auf 204 angewachsen.

MacKenzie Bezos hatte im April mitgeteilt, sie sei „glücklich“ damit, Jeff Bezos 75 Prozent der Amazon-Aktien zu überlassen und zusätzlich die Stimmrechte ihrer Papiere an ihn abzutreten. Auch die Beteiligungen an der „Washington Post“ und der Raumfahrtfirma Blue Origin gingen demnach an Jeff Bezos.


Aus: "Nach Milliarden-Scheidung: Ex-Frau von Amazon-Chef will Hälfte ihres Vermögens spenden" (28.05.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/nach-milliarden-scheidung-ex-frau-von-amazon-chef-will-haelfte-ihres-vermoegens-spenden/24392228.html

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« Reply #923 on: Juni 01, 2019, 02:58:58 nachm. »
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[...] In Deutschland leben immer noch fast zwei Millionen Kinder in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften. Das berichtet das Redaktionsnetzwerk Deutschland unter Berufung auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit anlässlich des internationalen Kindertags. Demnach liegt die Zahl der von Hartz-IV-Leistungen lebenden unter 18-jährigen Kindern bei etwa 1,95 Millionen. Das entspricht einem Rückgang von 3,7 Prozent im Vergleich zu Ende 2017. Damals gab es noch 2,037 Millionen Kinder und Jugendliche, die auf die Grundsicherung angewiesen waren – das sind fast 15 Prozent aller Minderjährigen in der Bundesrepublik.

Besonders häufig sind noch immer Familien von Armut betroffen, in denen es nur einen Elternteil gibt. Ende 2018 erhielten 886.823 Kinder von Alleinerziehenden Sozialhilfe. Auch zwischen Ost- und Westdeutschland zeigt sich nach wie vor ein Unterschied: Während 13,5 Prozent der Minderjährigen im Westen Sozialleistungen erhalten, sind es 18,4 Prozent im Osten.

Generell sind die regionalen Unterschiede groß: Während die Quote der Kinder, die Hartz IV bekommen, in Sachsen auf dem durchschnittlichen Niveau von Westdeutschland liegt, ist in Bremen (32,1 Prozent) und Berlin (28,5) jedes dritte Kind arm. In Schleswig-Holstein benötigten 15,7 Prozent der Kinder unter 18 Sozialleistungen, in Niedersachsen 15 Prozent, in Nordrhein-Westfalen 19 Prozent und in Sachsen-Anhalt 20,3 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern habe der Wert bei 17,4 Prozent gelegen, in Brandenburg bei 13,7 Prozent, heißt es in dem Bericht.

Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linken-Bundestagsfraktion, Sabine Zimmermann, kritisierte, es sei für eines der reichsten Länder beschämend, "dass so viele Kinder von finanziellen Problemen betroffen sind". Statt unbeschwert aufwachsen zu können, lernten diese Kinder Entbehrungen kennen.

Zimmermann forderte von der Bundesregierung Maßnahmen gegen Kinderarmut. "Die Leistungen für Kinder müssen erhöht und eine eigenständige Kindergrundsicherung eingeführt werden." Die Bundestagsabgeordnete sprach sich außerdem für mehr Lohngerechtigkeit aus. Bei Kinderarmut gehe es um die Armut der Eltern: "Wir brauchen Löhne, von denen man leben und seine Familie ernähren kann."

Es gibt keine einheitlichen Berechnungen zu Kinderarmut in Deutschland. Der Deutsche Kinderschutzbund geht aber davon aus, dass schätzungsweise 4,4 Millionen Kinder in Armut leben. Als Maßnahme gegen Kinderarmut hatten die Bundesregierung unter Familienministerin Franziska Giffey (SPD) und Arbeitsminister Hubertus Heil (ebenfalls SPD) im Januar das sogenannte Starke-Familien-Gesetz verabschiedet. Von der Neuregelung sollen vor allem Alleinerziehende und Geringverdiener mit Kindern profitieren. Kritiker wie der Kinderschutzbund hatten die Änderungen allerdings als unzureichend kritisiert.


Aus: "Fast zwei Millionen Kinder sind auf Hartz IV angewiesen" (1. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-06/bundesagentur-fuer-arbeit-hartz-iv-leistungen-kinder-anzahl

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Lemartes #12.1

Wobei man sagen muss, das es der Niedriglohnsektor ist, der Deutschland konkurrenzfahig hält....


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Deserteur 2.0 #1

So traurig es ist, aber manche deutsche sind mit der Situation absolut einverstanden, anders ist es nicht zu erklären das sie immer eine solche Politik wählen.


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« Reply #924 on: Juni 03, 2019, 09:45:09 vorm. »
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[...] Wem gehören die Häuser, in denen wir leben? Das wollten die Redaktionen von Tagesspiegel und dem gemeinnützigen Recherchezentrum Correctiv gemeinsam mit den Berliner Bürgerinnen und Bürgern herausfinden. Auf Diskussionsveranstaltungen luden wir Leser, Politiker, Vertreter der Immobilienbranche und Experten ein, die Wohnungskrise der Hauptstadt zu diskutieren.

Seit Januar werten Journalisten in beiden Redaktionen Tausende Einsendungen von Lesern sowie Hintergrundgespräche, Akten, anonyme Hinweise und Datenbanken aus. Dabei ging es nicht darum, Informationen zu einzelnen privaten Hauseigentümern zusammenzustellen. Es ging stattdessen darum, Probleme aufzudecken, Strukturen aufzuzeigen und Missstände auf dem Berliner Wohnungsmarkt öffentlich zu machen. Schon während der Recherche wurden Dutzende Geschichten und Experteninterviews veröffentlicht.

Teil I der Gesamtauswertung beschäftigte sich dann im Februar 2019 mit möblierten Wohnungen. Dabei kam ans Licht, wie mit einem neuen Modell die Mietpreisbremse umgehbar wird. Teil II beschäftigt sich nun dem bislang verborgenen Firmengeflecht der Pears-Familie. In den nächsten Wochen werden weitere Teile der Endauswertung veröffentlicht.

Correctiv ist gemeinnützig und finanziert sich durch Spenden von Bürgern und Stiftungen. ...


... Die Recherchen von Tagesspiegel und Correctiv zeigen nun, dass dahinter System steckt. Tatsächlich gehören viele der Luxemburger Eigentümer allem Anschein nach zum selben Immobilientrust, der ein Netz aus Briefkastenfirmen über Luxemburg, Zypern und die britischen Jungferninseln gespannt hat. Der Trust ist unter anderem der alleinige Anteilseigner von Telereal Trillium, der größten Immobiliengesellschaft Großbritanniens im Wert von sechs Milliarden Pfund.

An der Spitze steht die britische Milliardärsfamilie Pears. Allein in Berlin besitzt das Pears-Imperium anscheinend weit mehr als 3000 Wohnungen und gehört damit zu den Großeigentümern der Stadt. Nur wusste das bisher niemand. Da der Senat die Verbindungen zwischen den Properties-Firmen nicht kennt, sieht er statt eines großen Konglomerats nur viele Dutzend einzelne Firmen.

Für die britischen Milliardäre hat die Anonymität Vorteile. Für die Stadt ist sie ein Problem. Wie die Recherchen zeigen, zahlt die Pears-Gruppe auf ihre Mieteinnahmen aus Berlin keine nennenswerten Steuern. Da die wahren Eigentumsverhältnisse verschleiert werden, kann die Gruppe bei Problemen weder von der Stadt noch den Mietern zur Verantwortung gezogen werden.

Die Hinweise von Berliner Mieterinnen und Mietern lassen von Anfang an darauf schließen, dass die Immobilienfirmen mehr verbindet als die immer gleiche Namensendung „Properties“: Alle sind in Luxemburg an derselben Adresse registriert. Insgesamt muss der Briefkasten dort die Post von 76 Firmen aus aller Welt fassen. Auch die Geschäftsführer sind immer dieselben. Wie viele Wohnungen diese Firmen in Berlin gekauft haben, weiß zu diesem Zeitpunkt kaum jemand.

Die Spur der wahren Eigentümern führt um die halbe Welt: von verstaubten Berliner Archiven bis auf tropische Inseln, die als Steueroasen gelten. Puzzlestücke über die Eigentumsverhältnisse in der Hauptstadt finden sich in rund tausend Akten der acht Berliner Grundbuchbezirke. Journalisten können dort Einsicht beantragen, wenn sie ein Interesse begründen können.

Auf Anfrage zu mehr als 25 Firmen, die mutmaßlich zum Pears-Imperium gehören, legen die Mitarbeiter in den Grundbuchämtern ganze Batzen Papier zur Durchsicht auf den Tisch. Einige Adressen liefern die Grundbuchämter auf Anfrage, viele andere müssen jedoch mühsam aus Kaufverträgen mit tausenden von Seiten herausgesucht werden. Denn das Archiv der Grundbuchämter ist veraltet, unübersichtlich, enthält teils Tippfehler.

Tatsächlich finden sich mehr als 110 Grundbuchakten mit mindestens 3000 Wohnungen in Berlin, die zum selben Muster passen. Die tatsächliche Zahl der Wohnungen könnte sogar noch viel höher liegen. Da auch Gewerbeflächen Teil eines Hauses sein können, wurden zweifelhafte Fälle aussortiert. Auf einer alten Version der Webseite von Pearsglobal.com, die über das Internet Archiv “Waybackmachine” noch einsehbar ist, macht das Unternehmen sogar die Angabe, es habe in Deutschland, vornehmlich in Berlin, insgesamt 6200 Wohnungen im Besitz.

So zum Beispiel in der Blücherstraße in Kreuzberg. Eine Immobilie der „Ebony Properties“. In Prenzlauer Berg besitzen die Firmen Mica und Indira viel, in Moabit die Firma Juventus. Die Mietshäuser liegen in guten bis besten Wohnlagen Berlins, gerade in solchen, die mit Gentrifizierung zu kämpfen haben, manche in Milieuschutzgebieten.

Schon länger gab es Gerüchte, dass sich hinter all den unterschiedlichen Firmen eigentlich nur ein Eigentümer versteckt. So kämpft derzeit in Neukölln die Kneipe „Syndikat“, die seit 33 Jahren Teil vom Kiez ist, gegen eine Räumungsklage in der Weisestraße. Der Hausbesitzer: die „Firman Properties S.à r.l.“. Dahinter vermuteten die Mieter bereits die Pears-Gruppe. Endgültig beweisen konnten sie es nicht. Aber sie trugen Indizien zusammen, darunter eine Liste mit etlichen Firmen, die alle zu dem selben Luxemburger Briefkasten führen.

Auf Anfragen zu seinem Bestand reagierte die Pears-Gruppe nicht. Der Konzern unterhält unter dem Namen „Pears Global Real Estate“ ein kleines Büro am Kurfürstendamm. Die Mitarbeiter dort geben keine Auskünfte. Eine Webseite existiert nicht mehr, Anfragen werden ignoriert. Am Telefon meldet sich ein Mitarbeiter, der sich erst mit seinen Kollegen abstimmen will. Später behauptet er, neu in der Firma zu sein und nicht weiterhelfen zu können. Die Bitte, den Hörer einem erfahrenen Kollegen zu übergeben, blockt er ab: Er sei alleine im Büro. Dann wird die Leitung unterbrochen. Auch persönliche Besuche bringen kein Ergebnis. Beim nächsten Telefonat heißt es am Ende nur noch „dazu kann ich Ihnen nichts sagen“.

Kontaktaufnahmen zu den luxemburgischen Geschäftsführern bleiben ebenfalls erfolglos. Zwar meldet sich ein Mann, doch einen Namen will er nicht verraten. Wer am Telefon sei? „Die andere Seite“, heißt es nebulös aus Luxemburg, die Geschäftsführung sei nicht im Haus. Dann ist auch dieses Gespräch vorbei.

Die Recherche aber zeigt: Hinter den Briefkasten-Firmen stehen sechs Luxemburger Firmen. Die wiederum gehören wohl zwei zypriotischen Firmen: Knapwed Limited und Cornway Limited. Aus den Grundbucheinträgen ist das nicht ersichtlich, denn dort taucht immer nur der unmittelbare Eigentümer auf.

Das Luxemburger Handelsregister und die internationale Firmendatenbank Orbis weisen aber darauf hin, dass die in Berlin aktiven Luxemburger Firmen ihre Muttergesellschaften auf Zypern haben. An diesen zypriotischen Muttergesellschaften wiederum halten jeweils zwei Firmen auf den britischen Jungferninseln Anteile: Junifler Limited und Karayan Limited. Doch hier verliert sich die Spur. Denn die kleine Inselgruppe vor Puerto Rico ist nicht nur bekannt für ihre niedrigen Steuersätze, die Jungferninseln verschleiern auch, wem die dort registrierten Firmen gehören. Selbst deutsche Steuerfahnder kommen hier fast nie weiter.

Erst eine seltsame Börsennotiz, die auf der Publikationsplattform Yumpu auffindbar ist, liefert schließlich einen Hinweis für eine der beiden Firmen, nämlich Junifler Limited. In einem dort veröffentlichten Bericht mit dem Logo der Deutschen Bank von 2005 an die irische Börse finden sich Vermerke über Kredite, die Junifler Limited anscheinend über ein Konto bei der Deutschen Bank gewährt hat. Laut diesem Dokument sei der Besitzer von Junifler Limited „Bernard Pears 1967 Settlement“, und die wiederum ist Teil des Pears Trusts.

Ein weiteres Indiz: Ein Dokument aus den Panama Papers, dass das „International Consortium of Investigative Journalists“ (ICIJ) und „Süddeutsche“ Correctiv auf Anfrage zur Verfügung gestellt haben, bestätigt, dass die Pears-Gruppe dahintersteht. In einem Gesprächsmemo ist unter der Überschrift „The B Pears 1967 Settlement“ festgehalten, wie über die „Restrukturierung der Offshore Gruppe“ verhandelt wurde. Dort tauchen auch die Namen der drei Pears-Brüder auf.

Das dänische Handelsregister liefert letztlich einen Beleg. Daraus ergibt sich der Nachweis, dass die Firmen, die zu Junifler gehören, am Ende zu Pears gehören. Als wirtschaftlich Berechtigte stehen dort Trevor Steven Pears, Mark Andrew Pears und David Alan Pears. Im Gegensatz zum deutschen Handelsregister muss dort stets der finale Eigentümer einer Firma eingetragen sein – unabhängig davon, wie viele Zwischenfirmen existieren.

Für die zweite Firma, Karayan Limited, ist die Suche komplizierter. Sie besitzt anscheinend über Ecken die Luxemburger-Firmen, die in Berlin aktiv sind, aber die Kette zur Pears-Gruppe lässt sich nicht lückenlos schließen. Allerdings deuten alle Indizien darauf hin. Die Firmen lassen sich in Deutschland von der Pears Global Real Estate GmbH am Kurfürstendamm vertreten.

Drüber hinaus werden alle in Berlin aktiven ProFirmen unter anderem von Geschäftsführerin Katarzyna Ciesielska geleitet. Diese ist außerdem in Dänemark für die Pears Global Real Estate Denmark tätig. Anders als in Deutschland zeigt hier die Pears-Familie Gesicht: Die letztendlichen Eigentümer der Firma sind laut dänischem Handelsregister die drei Pears-Söhne. So lässt sich die Verbindung von Berlin über Luxemburg, Zypern und die Karibikinseln bis nach Großbritannien rekonstruieren.

Kurz gesagt: Hinter all den Luxemburger Eigentümern, die den Mietern bekannt sind, stehen zwei Firmen auf den Jungferninsel, von denen eine klar dem Pears-Unternehmen zuzuordnen ist und die zweite in engem Zusammenhang mit der Pears-Gruppe steht. Auf Anfrage hat das Unternehmen nicht reagiert.

Warum der ganze Aufwand? Warum spannt man ein so kompliziertes Firmengeflecht?

Christoph Trautvetter, Experte der Berliner Initiative „Netzwerk Steuergerechtigkeit“ hat eine Studie über die größten Wohnungseigentümer in Berlin erstellt, die Correctiv und dem Tagesspiegel vorab vorliegt. Er sagt: „Solche Konstrukte haben oft den Grund, Steuern zu vermeiden“.

Mehrere Notare haben das dem Tagesspiegel und Correctiv bestätigt. Der Rechtsanwalt und Notar Thomas Miller von der Großkanzlei Heussen nennt das zugrunde liegende Prinzip banal.

Er erklärt das Vorgehen so: Ein Miethaus in Berlin gehört einer Objektgesellschaft mit Sitz in Berlin. Gewinne fallen aber hier nicht an. Denn die Berliner Firma hat auf dem Papier einen Kredit von der anderen Firma und muss so hohe Zinsforderungen an die Muttergesellschaft auf Zypern bezahlen, dass trotz der vielen Mieteinnahmen keine Gewinne übrigbleiben, die versteuert werden müssten. Oder die Grundstückseigentümerin ist eine Gesellschaft mit Sitz im Ausland und versteuert ihre Erträge dort.

Das Prinzip ist aus anderen Branchen bekannt. Der Apple-Konzern bezahlt trotz gewaltiger Einnahmen aus dem Verkauf von iPhones, iPads und anderer Produkte hierzulande so gut wie keine Steuern. Weil Apple Deutschland „Lizenzgebühren“ an ihren Konzern-Mutter mit Sitz in Irland bezahlen muss.

Tatsächlich findet sich in den Geschäftsberichten einer der Firmen, die der Pears-Gruppe zugeordnet werden kann, Anhaltspunkte, dass sie die in Berlin fälligen Steuern minimiert. So verbuchte die Firman Properties, die das Haus der Bar „Syndikat“ in der Weisestraße hält, in ihrem luxemburgischen Jahresabschluss für 2017 Einnahmen von knapp 1,2 Millionen Euro, aber nur Steuern von 535 Euro.

Der Grund: Firman Properties schreibt offiziell rote Zahlen, erklärt Steuerexperte Christoph Trautvetter. Denn sie muss hohe Zinsen für Kredite zahlen – allerdings an einer Mutterfirma, die ebenfalls zur Pears-Gruppe gehört.

Das Vorgehen ist völlig legal und ein beliebter Trick, um Gewinne aus Ländern mit hohem Steuersatz in Länder mit niedrigem Steuersatz zu verschieben. Die Pears-Gruppe reduziere so anscheinend die Steuern für ihre Berliner Investments, sagt Trautvetter. Die Geschäftsberichte 2017 von 24 Luxemburger Firmen, die in Berlin Wohnungen halten, weisen viele Verluste und wenig Steuern aus. Insgesamt wird für das gesamte Jahr 2017 nur 180.000 Euro Steuern angegeben.

Christoph Trautvetter hat errechnet, wie hoch der Gesamtumsatz der Luxemburger Firmen insgesamt sein könnte. Er kommt auf 49 Millionen Euro.

Die Gewinnverschiebung sei bisher ein Leichtes für Unternehmen, sagt Trautvetter. Eine effektive Unternehmensbesteuerung bestehe trotz einiger Reformbemühungen immer noch nicht.

Die Intransparenz der Immobilien-Großbesitzer hält Trautvetter für ein großes Problem. „Sie höhlt das Grundgesetz aus, nach dem Eigentum verpflichtet.“ In der Anonymität könne ein Eigentümer nur schwer zu etwas verpflichtet werden. Damit sich ein solches Firmenkonstrukt wie bei der Pears-Gruppe lohne, sei laut Notar Miller eine „kritische Größe“ Voraussetzung.

Die Notare und Berater, die nötig sind, um solche Konstrukte aufzusetzen, sind teuer. Außerdem bedeute es erheblichen Aufwand, Bilanzen und Steuererklärungen nach den unterschiedlichen nationalen Steuerregeln zu erstellen. Wer seinen Firmensitz auf den Jungferninseln hat, muss außerdem eine Verwaltungsfirma vor Ort bezahlen.

Zypern, Luxemburg und die Jungferninseln haben dabei für Firmen je unterschiedliche Vorteile. So ist beispielsweise die Amtssprache auf den Jungferninseln Englisch. Das kommt Konzernen aus den USA und Großbritannien entgegen. Zypern profitiere wiederum neben den niedrigen Körperschaftssteuern von seiner Lage im Herzen des Mittelmeers - und der Nähe zu Russland. Und Luxemburg ist für Immobiliengeschäfte mit das wichtigste Land, weil da die großen Kapitalgesellschaften ansässig sind.

Obwohl die Steuersparmodelle grundsätzlich legal sind, müssen die Firmen einiges beachten. Zum Beispiel, wenn die Finanzbehörden ein Umgehungsgeschäft feststellen, weil die Geschäftsführung der ausländischen Holding im Inland sitzt. Dann werden nicht nur die in der Vergangenheit gesparten Steuern zur Zahlung fällig, sondern es stellt sich auch die Frage, ob strafbares Handeln vorliegt. Bei der Pears-Gruppe gibt es dafür bisher keine Anzeichen.

Der Berliner Notar Uwe Fischer sieht das Problem ohnehin nicht in der tatsächlichen Steuerhinterziehung, „sondern der Kern des Problems ist die Steuervermeidung, die leicht zu organisieren ist. Das diese Möglichkeit weiter bestehe, sei eine „völlige Fehlentwicklung“ der Steuerpolitik. „Besser wäre, wir besteuern Mieteinnahmen pauschal an der Quelle.“

Der Berliner Senat reagiert überrascht auf die Recherchen. Bezüglich der Pears-Gruppe hätten bisher „keine hinreichenden Informationen über den aktuellen Bestand in Berlin“ vorgelegen, hieß es bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen. Wie viele Steuern dem Land Berlin entgehen durch Firmennetzwerke, die Einnahmen in der Stadt kleinrechnen, konnte die Senatsverwaltung für Finanzen nicht beantworten.

Berlins Senator für Finanzen, Matthias Kollatz (SPD), will aber in Berlin ansässige Unternehmen besser vor Steuervermeidung der Konkurrenz schützen und dem Land Steuereinnahmen sichern. Dafür sei aber eine nationale und internationale Anstrengung nötig, sagt Kollatz dem Tagesspiegel und bringt dazu einen neuen Vorschlag ins Gespräch: Eine „Publikationspflicht für Gewinne, Erträge und Umsätze international agierender Firmen in einer Country-by-country-Berichterstattung“.

Dies könne für mehr Transparenz sorgen und „nicht plausible Gewinne durch sogenannte Gestaltungsmaßnahmen“ offenbaren. Auch eine „effektive Mindestbesteuerung“ sei ein wirksames Instrument gegen das Kleinrechnen von Gewinnen. Darin seien sich Deutschland und Frankreich einig. Allerdings habe dieser Vorschlag trotz „mehrerer Anläufe“ nicht durchgesetzt werden können.

... Künftig dürfte die Pears-Gruppe auch in der derzeit heftig geführten Debatte um Enteignungen eine Rolle spielen. Es ist ein Volksbegehren auf dem Weg, das vorsieht, Großvermieter, denen mehr als 3000 Wohnungen gehören, zu enteignen. Die Regierungspartei Die Linke, die auch die Bausenatorin stellt, unterstützt das Vorhaben. Der Berliner Senat hat eine Liste mit zehn Firmen erstellen lassen, die davon betroffen wären. Die Firmen der Pears-Gruppe stehen bisher nicht darauf.

Der Senat schloss auf Anfrage nicht aus, dass neben der Pears-Gruppe auch andere Eigentümer unerkannt größere Wohnungsbestände zusammengekauft haben könnten. Damit steht auch in Frage, ob die bisherigen Kostenberechnungen für etwaige Enteignungen nach oben korrigiert werden müssen. Da die Eigentümer im Falle einer Vergesellschaftung entschädigt werden müssten, schätzt der Senat die Kosten bisher auf bis zu 36 Milliarden Euro.

Ähnlich im Unklaren über den Pears-Konzern waren die Aktivisten der Volksinitiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen“: „Nach einem Konflikt mit dem Gewerbemieter Syndikat kamen wir mehreren Firmen auf die Spur“, sagt Sprecher Rouzbeh Taheri. „Aber wir hatten bisher nicht die Kapazitäten, zu recherchieren und zu bestätigen, dass alle zu dem Kreis von Pears gehören.“ Taheri glaubt aber nicht, dass die gesetzlichen Grundlagen des Volksentscheids durch die bisher unbekannten Konzerne erschüttert werden könnten.

Über die Familie, die sich offenbar im großen Stil auf dem Berliner Wohnungsmarkt eingekauft hat, ist nur wenig bekannt. Die Mieter haben unterschiedliche Erfahrungen mit den neuen Eigentümern gemacht, die so gern unerkannt geblieben wären. Einige beschweren sich über das Geschäftsgebaren, andere berichten, dass sie über die stabilen Mieten froh seien.

In Großbritannien allerdings geriet Pears bereits in die Schlagzeilen, weil ihre Unterfirma St. Ermin einmal im Gegenzug für modernisierte Badezimmer die Mieten von sozial schwachen Bewohnern in Hackney um 300 Prozent erhöhen wollte.

Öffentlich tritt die Familie kaum in Erscheinung. Einmal 1998 taucht ihr Name in einem Artikel im britischen “Independent” auf, darin wird behauptet, dass die damals 64-jährige Clarice Pears reicher als die Queen sei.

Auf der Website der britischen Milliardärsfamilie heißt es: „Es geht uns nicht nur um das Geld“.

Man helfe, wo man könne. Jedes Jahr unterstütze die britische Milliardärsfamilie Pears wohltätige Zwecke mit bis zu 20 Millionen Pfund: Schulen, medizinische Versorgung, Entwicklungshilfe in Afrika. Dafür soll der Name Pears bekannt sein.

In einem Werbevideo für das Engagement der Pears-Familie sagt Trevor Pears, einer der Söhne: „It’s hard to do good“ – es ist schwer, Gutes zu tun.


Aus: "Das verdeckte Imperium" (Veröffentlicht am 31. Mai 2019)
Andreas Baum (Factchecking und Recherche), Justus von Daniels (Recherche und Koordination), Hendrik Lehmann (Rechereche und Koordination), David Meidinger
(Datenanalyse und Webentwicklung), Michael Gegg (Factchecking und Datenbereinigung), Sidney Gennies (Text und Produktion), Michel Penke (Recherche und Datenanalyse), Ralf Schönball (Text und Recherche),
Quelle: https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/das-verdeckte-imperium/

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« Reply #925 on: Juni 03, 2019, 10:43:23 vorm. »
Quote
[...] Tyron Frampton ... spricht darauf über Dinge, die er bestens kennt. Über das trostlose Aufwachsen in den East Midlands als eines von fünf Kindern einer viel zu jungen Alleinerzieherin. Über die Drogen, die Kriminalität, den Rassismus, über die diversen Krisen, die Großbritannien beuteln, und den bevorstehenden Brexit. Über eine vergessene Arbeiterklasse irgendwo im Nirgendwo ohne Hoffnung. Dazu schlüpft Slowthai in unterschiedliche Erzählerrollen, verknüpft das eigene Erleben mit anderen, realen und fiktiven (Lebens-)Geschichten. ... Das Mittel für Framptons pointierte Milieustudien ist Rap, die Attitüde Punk in Reinform. Seine Einflüsse könnten unterschiedlicher nicht sein, britisch sind sie jedoch alle.

...


Aus: ""Nothing Great About Britain": Mit Rap in den Klassenkampf" Amira Ben Saoud (3.6.2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000104218745/Nothing-Great-About-Britain-Mit-Rap-in-den-Klassenkampf

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soki3456

mit Musik wurde schon so oft Revolte probiert. ich bin da leider desillusioniert - aber gut dass es noch Chronisten des Elends gibt.


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« Reply #926 on: Juni 03, 2019, 02:25:01 nachm. »
Quote
[...] Die Grenzen zwischen Menschenhandel, Zuhälterei, Nötigung und Armut sind fließend. Wenn der Cousin danebensteht und aufpasst, dass die Frau Geld verdient, hat das nichts von Freiwilligkeit, aber Menschenhandel ist es auch nicht direkt. Den Frauen selbst bleibt fast nichts von dem Geld, das sie verdienen. Es gibt ein parasitäres Umfeld, das das schwer verdiente Geld den Frauen aus der Tasche zieht. Und wenn ihnen doch etwas übrig bleibt, tragen sie es zur Bank hier an der Ecke und überweisen es nach Hause.

...


Aus: "Prostitution an der Kurfürstenstraße: „Den Frauen bleibt fast nichts von dem Geld“" Helena Piontek (03.06.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/prostitution-an-der-kurfuerstenstrasse-den-frauen-bleibt-fast-nichts-von-dem-geld/24412676.html

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« Reply #927 on: Juni 05, 2019, 05:01:47 nachm. »
Quote
[...] Colin Crouch (* 1944 in London-Isleworth) ist ein britischer Politikwissenschaftler und Soziologe. Mit seiner zeitdiagnostischen Arbeit zur Postdemokratie und dem gleichnamigen Buch wurde er international bekannt. ... 2004 veröffentlichte Crouch das Werk Post-Democracy, 2008 auf Deutsch unter dem Titel Postdemokratie. Unter einem idealtypischen postdemokratischen politischen System versteht er „ein Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten werden. Es sind Wahlen, die sogar dazu führen können, daß Regierungen ihren Abschied nehmen müssen, in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, daß sie zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die Experten zuvor ausgewählt haben. Die Mehrheit der Bürger spielt dabei eine passive, schweigende, ja sogar apathische Rolle, sie reagieren nur auf die Signale, die man ihnen gibt. Im Schatten dieser politischen Inszenierung wird die reale Politik hinter verschlossenen Türen gemacht: von gewählten Regierungen und Eliten, die vor allem die Interessen der Wirtschaft vertreten.“ Zur Beruhigung der Massen werde eine Scheindemokratie als Showveranstaltung inszeniert. Crouch warf im Jahr 2008 der Politik des Neoliberalismus vor: „Je mehr sich der Staat aus der Fürsorge für das Leben der normalen Menschen zurückzieht und zuläßt, daß diese in politische Apathie versinken, desto leichter können Wirtschaftsverbände ihn – mehr oder minder unbemerkt – zu einem Selbstbedienungsladen machen. In der Unfähigkeit, dies zu erkennen, liegt die fundamentale Naivität des neoliberalen Denkens.“

...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Colin_Crouch (5. Juni 2019)

Quote
[...] Mit viel Geld lässt sich leicht Politik machen, die Zivilgesellschaft bleibt außen vor. In den USA ist das Problem allgegenwärtig, breitet sich aber auch in Europa aus.

Immer mehr Menschen stellen die Annahme infrage, Kapitalismus und Demokratie seien beste Freunde. Für diese berechtigte Skepsis gibt es zwei Hauptgründe: Erstens ist der moderne Kapitalismus ein globales Phänomen, während die Demokratie vor allem auf nationaler und lokaler Ebene stattfindet. Zweitens wird der moderne Kapitalismus von der Finanzwelt gelenkt, was zu einer wachsenden Ungleichheit führt. Größere Ungleichheit wiederum gefährdet die Demokratie.

Es steht also außer Frage, dass die Globalisierung für die Demokratie ein Problem darstellt. Die Weltwirtschaft wird entweder gar nicht oder von internationalen Organisationen reguliert, die gegenüber den Organen der Demokratie nur bedingt rechenschaftspflichtig sind. Außerdem können transnationale Firmen die Autorität der nationalen Demokratie allein schon dadurch untergraben, dass sie nur in Länder investieren, deren Wirtschaftspolitik ihnen gefällt. Das manifestiert sich am deutlichsten in den weltweit sinkenden Einnahmen aus Unternehmenssteuern, da die Staaten sich gegenseitig darin übertreffen wollen, die großzügigsten Steuergesetze zu bieten. Die Folge: Die Steuerlast wird auf den einzelnen Bürger abgewälzt und für staatliche Leistungen stehen weniger Ressourcen zur Verfügung.

Die Staaten könnten dieser Entwicklung natürlich entgegenwirken, indem sie sich der Herausforderung gemeinsam stellen. Meist ist die Versuchung jedoch zu groß, das Land mit den großzügigsten Bedingungen für internationale Konzerne zu werden. Die Europäische Union ist hier zumindest teilweise eine Ausnahme. Ihr Parlament ist das weltweit einzige Beispiel für eine transnationale Demokratie. Doch sein Einfluss ist schwach.

Die europäische Demokratie sieht sich zwei feindlichen Kräften gegenüber: der Beeinflussung der Europäischen Kommission und der einzelnen Mitgliedsstaaten durch Konzerne auf einer Ebene, die für das Parlament nicht zugänglich ist, und den Bemühungen xenophober Populisten, die Macht weg von der EU und zurück zu den Nationalstaaten zu bringen. Da die meisten Populisten in der politischen Rechten angesiedelt sind, interessiert es sie nicht, ob die Nationalstaaten gegen die Macht der Konzerne verlieren.

Grundsätzlich spielt sich Demokratie auf zwei Ebenen ab: auf der formellen Ebene der Wahlen und Parlamente und auf der informellen Ebene, auf der die Lobbyisten Druck auf die Zivilgesellschaft ausüben. Auf der ersten Ebene sind wir sehr darauf bedacht, für Gerechtigkeit zu sorgen. Jeder hat eine Stimme, egal, ob arm oder reich.

Für informelle Politik bestehen wenige Einschränkungen, und genau das ist die Grundlage für ihr Gedeihen und für unsere Freiheit. Wir können jederzeit auf vielfältige Weise Druck ausüben, um den Staat davon zu überzeugen, diese oder jene Politik zu verfolgen, solange wir nicht Korruption oder Gewalt einsetzen. Ob wir jedoch diesen Druck überhaupt ausüben können, hängt von den Ressourcen ab, über die wir verfügen. Daher begünstigt informelle Politik die Reichen und verstößt so gegen den Grundsatz der Gleichheit – einem Grundpfeiler der Demokratie.

Diese Disbalance spielt keine große Rolle, wenn die Ungleichheit in einem Land begrenzt ist oder wenn der Einfluss, der in einem Politikbereich ausgeübt wird, nicht ohne Weiteres auf einen anderen übertragen werden kann.

In den ersten drei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg war das weitgehend der Fall. Seither hat die Ungleichheit jedoch kontinuierlich zugenommen – nicht so sehr in der Mehrheit der Bevölkerung, sondern eher zwischen der kleinen Gruppe der Superreichen und allen anderen. Man muss schon sehr reich sein, um politischen Einfluss ausüben zu können, und diese kleine Gruppe, die vielleicht 0,1 Prozent der Bevölkerung ausmacht, ist genau in dieser Position. Ein solches Ausmaß an Ungleichheit herrscht vor allem in den USA, breitet sich aber derzeit nach Europa aus.

Der wichtigste Motor der Ungleichheit ist die Finanzialisierung der Weltwirtschaft. Was ist damit gemeint? Wer finanzielle Ressourcen besitzt und manipulieren kann, generiert Erträge, die mit keiner anderen Form menschlicher Aktivität jemals erzielt werden können. Wurde der Reichtum erst einmal erworben, kann eine Einzelperson oder ein Konzern einen Teil davon für politische Lobbyarbeit einsetzen und so staatliche Maßnahmen – wie Steuerpolitik, gesetzliche Veränderungen und Staatsaufträge – beeinflussen. Sie ermöglichen es dem Vermögensinhaber, in Zukunft noch mehr zu verdienen. Die zunehmende Ungleichheit und die Schwächung der Demokratie befinden sich so eng umklammert in einer verhängnisvollen Abwärtsspirale.

Doch eine weitere Spirale zeigt in die Gegenrichtung. Der moderne Kapitalismus ist abhängig vom Massenkonsum. Dieser wiederum hängt davon ab, dass die Einkommen der Bevölkerung in der Breite wachsen.

Im Jahr 2014 wurde in einem Arbeitspapier der Industrieländerorganistion OECD zur Beschäftigung und Migration errechnet, dass in den USA die obersten ein Prozent der Einkommensbezieher zwischen 1975 und 2007 (dem Jahr vor der Finanzkrise) fast 50 Prozent des Wachstums des Nationaleinkommens auf sich vereinten. Eine überwiegende Mehrheit der Bevölkerung verzeichnete dagegen stagnierende ober sogar rückläufige Einkommen. Trotzdem wurde weiter konsumiert. Dies war nur mithilfe einer wachsenden Verschuldung möglich, die trotz aller Risiken von einem Finanzsystem gefördert wurde, das durch die Lobbyarbeit der Banken dereguliert worden ist. Schließlich wurde die Belastung durch die hohen Ausfallrisiken zu viel für die Finanzmärkte. Es kam zu der Krise, von der wir uns immer noch nicht vollständig erholt haben.

Es stellt sich nun die Frage: Gibt es für einen vom Massenkonsum abhängigen Kapitalismus, der zunehmend Ungleichheit generiert, keinen anderen Weg, als die Haushalte erneut zu einer nicht tragbaren Schuldenlast zu ermuntern? Zum jetzigen Zeitpunkt scheint die Demokratie nicht imstande, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Klar ist: Der globale Kapitalismus kann nur auf transnationaler Ebene gezügelt werden. Unsere politischen Parteien scheinen jedoch gespalten zwischen denen, die sich den Lobbyisten geschlagen gegeben haben und nicht an Regulierung glauben, und solchen, die sich in die begrenzte Reichweite des Nationalismus zurückziehen wollen.

Der Kapitalismus behindert so den Wirkungsgrad der Demokratie. Dennoch haben die Kapitalisten keinen Grund, mit dieser Regierungsform unzufrieden zu sein. Die Demokratie sichert Rechtsstaatlichkeit und gibt eindeutig vor, mit welchen Verfahren Gesetze geändert werden können und wie für eine vorgeschlagene Veränderung Lobbyarbeit betrieben werden kann. Dies ist für Kapitalisten attraktiv.

Auf der anderen Seite kann eine Demokratie aber auch massenweise Vorschriften zum Schutz von nicht marktbezogenen, nicht unternehmerischen Interessen produzieren. Das bevorzugte Regime der Kapitalisten ist deshalb in Wahrheit das postdemokratische, wenn alle Formen der Demokratie und allen voran der Rechtsstaat weiter fortbestehen, das Elektorat jedoch passiv geworden ist und lediglich auf die sorgfältig betriebenen Wahlkampagnen reagiert.

Aktivismus und eine dynamische Zivilgesellschaft sind dabei nicht erwünscht, da sie dann störende Kontra-Lobbys hervorbringen könnte, die mit dem stillen Wirken der wirtschaftlichen Lobbyisten auf den Fluren der Regierung konkurrieren. Das Wiederaufflammen des Nationalismus stört zwar auch diese friedliche Szenerie, da sie sich jedoch auf die eigene Nation konzentriert, spielt sie auf der globalen Ebene kaum eine Rolle. Sie liegt einfach außerhalb ihres Einflussbereichs.

Bislang sind wir noch nicht an dem Punkt angelangt, an dem die Dominanz der Konzerne über die Politik vollkommen ist, denn dann wären alle Verbraucherschutz- und Arbeitsgesetze längst abgeschafft. In diese Richtung geht jedoch die Reise – angetrieben durch die zunehmende Ungleichheit und dadurch, dass politische und wirtschaftliche Macht sich gegenseitig stärken. Die Demokratie wird dem Kapitalismus wahrscheinlich auch in Zukunft den bestmöglichen Rahmen bieten. Jedoch gilt dies umgekehrt wohl nicht mehr.

Übersetzt aus dem Englischen von Supertext Deutschland GmbH 


Aus: "Die Superreichen gefährden die Demokratie" Ein Essay von Colin Crouch (5. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/kapitalismus-demokratie-ungleichheit-globalisierung/komplettansicht

Quote
Đakovo #2.5 

Ich sehe, dass in großen Teilen der Bevölkerung Gier schwindet und Teilen geil ist. Und ich bin guter Dinge, dass dieser Trend sich fortsetzt.
Es ist durchaus möglich, dass Geld als etwas asoziales betrachtet wird. Noch zeigen Hochglanzmagazine die Reichen und Schönen aber das Bild wandelt sich.
Mich beeindrucken übrigens Glückliche Menschen am meisten.
Und den Trumps dieser Welt sollte man paar Atolle zur Verfügung stellen, wo sie sich aneinander berauschen können.

Quote
Piet Vermailen #2.8

Ganz ohne Geld wird es nicht gehen, siehe Kommunismus.
Aber ich mag deinen Beitrag :)


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Gutsweib #2.7

Marktwirtschaften neigen immer zur Konzentration. Die notwendige Folge, es gibt eine steigende Zahl von Superreichen. Die seit Frau Merkel gültige Staatsdoktrin "marktkonforme Demokratie Staat statt sozialer Marktwirtschaft" fördert diese Entwicklung. Diese Politik wurde von den Medien immer bejubelt. Es soll sich also keiner beschweren.


Quote
jaundnein #2.14

Mit einer solchen Haltung "uns geht's doch noch gut" basierend auf einem angeblichen Trend, den ich aus meinem Umfeld nicht bestätigen kann, stellen Sie den reichen 1 bis 10% doch nur einen Freibrief aus. ...

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Ghandi19 #2.19

"Diese Politik wurde von den Medien immer bejubelt. Es soll sich also keiner beschweren."

Genau so ist es! - Zuerst Merkels Politik unkritisch und stärkend begleiten
und dann über die Trumps, den Brexit und Co. schimpfen,
als wäre das alles nicht die Politik, die sie als Medien "hofierten"....
(ja, auch Trump. Denn er ist 'nur' eine Folge des Versagens der Demokraten in den USA...und das waren und sind ja unsere Freunde.)

Und: Die Klattens, Quandts, Springer und Mohns machen auch hier mit Merkels CDU ihre Politik:
"Mit viel Geld lässt sich leicht Politik machen, die Zivilgesellschaft bleibt außen vor. In den USA ist das Problem allgegenwärtig, breitet sich aber auch in Europa aus. "


Quote
Waldschrat86 #2.47

Sie nennen's Leistungsgesellschaft, andere nicht und selbst wenn das alle täten, ist Leistung ziemlich heterogen. Als Beispiel und damit es auch nicht krumm wird, innerhelb des Segments bleibend: Bezahlter Leistungssport. Da gibt es im Fußball Unsummen, aus anderen Gründen als der erbrachtern Leistung auf dem Platz. Beim Handball, Basketball, Leichtathletik, usw. können die Sportler nur davon träumen, auch dann wenn ihr Sport, genauso viel oder gar mehr Leistung erfordert.

Hier wird auch nicht Reichtum verteufelt, sondern Superreichtum. Es gibt bettelarm. arm, saturiert, wohlhabend, reich, superreich. Ich würde mal schätzen per Leistung schafft man maximal wohlhabend, alles darüber ist nunmal system- bzw. gesellschaftsbedingt, wie eben beim Profifußballer im Gegensatz zum Profihandballer.


Quote
Juanito alimaña #2.48

Im Kommunismus hatte jeder jede Menge Geld,aber die Regale waren leer, das ist der Unterschied.


Quote
Deine Freiheit ist auch die der Anderen #2.49

Das Märchen, der Lokomotiven der Gesellschaft, nur wer reich ist ist Leitungsträger.
Hohle Phrasen zur Selbstermächtigung, bzw. Beweihräucherung


Quote
Stan Laurel #2.51

"...während die Ackermänner, Jains, Winterkorns und wie sie alle heißen für die größten Scheißjobs noch Millionengehälter- und abfindungen in den Arsch geblasen kriegen.
Das ist so selten dämlich, dass es schon lächerlich ist...."

Tatsächlich ist es auch immer wieder erhellend wenn man sich die Mühe macht nachzuhalten, was eigentlich aus Spitzen-Managern geworden ist, die in ihrer Aufgabe offensichtlich gescheitert sind. Man stellt erstaunt fest dass diese auffallend oft an anderer Stelle wieder und erneut in Spitzenpositionen Beschäftigung finden. Soviel zum Prinzip Leistung.
In Wahrheit gilt das Prinzip Kaste.


Quote
Willy Wusel #2.52

"Es gibt keine Gleichheit!"

Ach. Und ich dachte immer vor Gott und dem Gesetz sind alle Menschen gleich.
Und ich füge hinzu: bei politischen Wahlen in einer Demokratie.

...


Willy Wusel #2.53

"Jeff Bezos alleine auf einem Südsee-Atoll hätte nicht reich werden können."

Völlig richtig. Er hat ein Herr von unterbezahlten Paketboten, die hunderttausende von Stunden für ihn schuften.
Man fragt sich, wo der Unterschied zu Ludwig XIV ist. Der hatte die Bauern und das gemeine Volk, die für ihn und seinen Hof geschuftet haben.


Quote
Deine Freiheit ist auch die der Anderen #2.54

.. zum Kenterpunkt der Egoisten, Liberalisten, Marktradikalen. Selbstermächtigung durch Eigendefinition.
Es braucht eine freie Wirtschaft keine Frage, aber keine ungezügelte Regelfreie in der bestimmte Leute sich ermächtigen in Fragen der Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik die Deutungshoheit zu haben. Zumal wenn sie wie hier mit einer Selbstgefälligkeit und Absolutheit vorgetragen wird. Wer anderes zu sagen wagt wird abgewertet, diskreditiert der wird als jemand der es nicht versteht dargestellt. ...


Quote
Juanito alimaña #2.55

Tja...das mit Ludwig XIV und seine Umgebung war am Ende eine ziemlich kopflose Angelegenheit.Die französische Revolution war nichts anders als ein Putsch der Bourgeoisie gegen den Adel und die Kirche, aber das ist eine andere Baustelle.


Quote
TollerTyp87 #2.78

[Vilfredo Pareto untersuchte die Verteilung des Grundbesitzes in Italien und fand heraus, dass ca. 20 % der Bevölkerung ca. 80 % des Bodens besitzen. Im Jahr 1989 wurde festgestellt, dass 20 % der Bevölkerung 82,7 % des Weltvermögens besitzen. ... Daraus leitet sich das Paretoprinzip ab. Es besagt, dass sich viele Aufgaben mit einem Mitteleinsatz von ca. 20 % erledigen lassen, so dass 80 % aller Probleme gelöst werden. Es wird häufig kritiklos für eine Vielzahl von Problemen eingesetzt, ohne dass die Anwendbarkeit im Einzelfall belegt wird. ... https://de.wikipedia.org/wiki/Paretoprinzip (24. Mai 2019)]

... das Pareto-Prinzip ist keine systemunabhängige Grundkonstante, sondern beschreibt lediglich ein statistisches Verteilungs-Phänomän. Es gibt keine empirische Grundlage, die eine solche Verteilung beim Einkommen oder Besitz begründet. Die Verteilung bleibt damit eine systemische Frage.

Wir müssen endlich die Interpretation des Kapitalismus als eine Art unumstößliches Naturgesetz überwinden. Natürlich konzentriert sich in einer Welt des "imperativen Kapitalismus" mit dem Kapital auch Macht, wodurch immer auch Einfluss auf die Politik genommen wird, egal welches politische System vorherrscht. Grafiken über die Entwicklung der Verteilung von Einkommen und Besitz belegen diesen Einfluss. Die Globalisierung und überwiegend neoliberale Politik der vergangenen Jahre sei es durch IWF oder EZB hat diese Situation weiter verschärft und den Sozialstaat ausgehöhlt, der eigentlich als eine große Errungenschaft der Moderne angesehen wurde.

Eine neoliberale Marktwirtschaft ist weder sozial noch ökologisch. Sie ist Ursache der zukünftigen Herausforderungen (Klimawandel, Massenmigration etc.) und damit ungeeignet diese zu überwinden. Der Markt ist in vielen Bereichen eben nicht perfekt und muss daher reguliert werden. Klar muss auch die Einflussnahme in einem politischen System transparenter werden. Die Anpassung des politischen Systems allein, reicht allerdings nicht aus, um die ungleichen Machtverhältnisse auszugleichen.


Quote
Ghandi19 #3.36

"Die Lösung ist schwierig..."

Nein, es ist ganz einfach.
Der Politik fehlt nur der Wille.

...Beispiel:
Skandinavien


Quote
Josef Fragen #3.43

Einige der Superreichen( Warren Buffett, Bill Gates u.a. ) erkennen ja mittlerweile sogar die Gefahr, die von der enormen Ungleichverteilung des Kapitals, für die westlichen Demokratien ausgeht.
Nur haben diese auch keine Idee. Etwas Wohltätigkeit da und dort ist keine Perspektive.
Damit macht man nur die Unterschicht zu Almosenempfängern.
In diesen Kreisen muss die Einsicht wachsen, dass sie selbst nichts wären, wenn es nicht Millionen andere Menschen gäbe.
Was wären Google, Microsoft, Apple, Amazon, Aramco, Alibaba, Huawei, Samsung etc. wenn es nicht Milliarden von Menschen gäbe?
Also wäre es doch eine gute Idee von all diesen Unternehmen 20% - 30% der Aktien an einen Globalen Bürgerfonds zu übergeben.
Andernfalls könnte es ja passieren, dass man diese irgendwann zerschlagen muss oder ein globaler Boykott das schnelle Ende herbeiführt.


Quote
ikonist #4

1789


Quote
SörenFinnKevinCataleyaChantal #4.1

Lesen Sie mal bei Piketty nach, wie vergeblich diese Revolution im Hinblick auf die Vermögensverteilung war. Im 19.Jhd lebte und starb jeder dritte Einwohner von Paris völlig mittellos. Zwischen den glamourösesten und protzigsten Superreichen des ganzen Kontinents. Und er stellt zurecht (sinngemäß) die Frage, wie sich so viele Menschen ihr ganzes Leben lang so vera*schen lassen konnten.


Quote
ikonist #9

Die Ideologie des Neofeudalismus: Popkultur


Quote
Deserteur 2.0 #12

Ein Artikel der mir aus dem Herzen spricht. Wenn ein System jegliche Balance verliert, wie damals die Monarchie durch den Absolutismus, ist es schneller Geschichte als es ihm lieb sein kann.
Deswegen muss sich unsere Politik unabhängiger machen, was keine leichte Aufgabe ist, wenn dann damit gedroht wird, dass man tausende von Arbeitsplätzen verlegt. ...


Quote
Lurkling #14

Schönes Essay, dann bleibt nur zu hoffen das die junge Generation sich nicht mit gut bezahlten Jobs und vermeintlichem Erfolg abspeisen lässt wie die bisherigen und neben der Umweltkatastrophe die dieses System hervor gebracht hat auch noch das System der indirekten Beeinflussung als solches angeht.


Quote
Furbo #23

Guter Essay. Und recht hat der Verfasser. Wie die Großindustrie die Politik bestimmt, sieht man doch auch sehr gut in Deutschland. Die deutsche Regierung ist in weiten Bereichen nur noch das Sprachrohr irgendwelcher Interessenverbände.


Quote
Die Sieben Todsünden #24

Nick Hanauer (Milliardär) hat das übrigens schon vor fünf Jahren gesagt. Und wer könnte als Kapitalismusanbeter eigentlich einem Milliardär widersprechen, der das Geld nicht mal geerbt hat?

... You probably don’t know me, but like you I am one of those .01%ers, a proud and unapologetic capitalist. ... In fact, there is no example in human history where wealth accumulated like this and the pitchforks didn’t eventually come out. You show me a highly unequal society, and I will show you a police state. Or an uprising. There are no counterexamples.
https://www.politico.com/magazine/story/2014/06/the-pitchforks-are-coming-for-us-plutocrats-108014


Quote
Kaffeeonkel #26

Der Text hätte auch von Kewin Kühnert sein können. Im Augenblick zählt nur noch Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit (was immer man darunter auch verstehen mag). Es gab schon immer (Super)Reiche und wo bitte wurde in den letzten 30 Jahren in welchem Land der EU die Demokratie gefährdet oder gar abgeschafft? Professoren leben unter einer Käseglocke und malen sich immer ihren Idealzustand aus. Die haben einfach zu viel Zeit.


Quote
Aristocats1 #26.1

Ihr Beitrag zeugt von Unwissen. Beispiel Ungarn. Dort wurden nahezu alle kritischen Medien von Freunden Orbans aufgekauft. Praktisch gibt es dort keine freie Presse mehr. Oder was sagen Sie zu den Autokonzernen in Deutschland? Sie haben jahrelang geltende Gesetze gebeugt. Bis heute gibt es für die betrogenen Autokäufer nicht mal Entschädigungen. Von Strafen in Deutschland wegen der Umweltverschmutzung ganz zu schweigen.


Quote
ah-jun #26.2

Vielleicht leben auch Kaffeeonkel in einer Blase?
Im übrigen ist im Artikel genau ausgeführt, dass die Demokratie formal aufrechterhalten wird, aber der "Kern" in einer Salamitatik unauffällig ausgehöhlt wird.
Auch das Streben nach einem "Idealzustand" für die breite Bevölkerung ist nichts verwerfliches. Auch die Superreichen arbeiten - erfolgreich - an einem Idealzustand für ihre Gruppe.


Quote
hobuk #26.4

Während Sie in wahrscheinlich 100 Jahren kein Gehör bei der Regierung finden, geht es für einen "Leistungsträger" oder "Superreichen" bestimmt etwas schneller und auf dem kurzen Dienstweg.
Man kennt und hilft sich.
Insofern befinden wir uns eigentlich schon in einer Kleptokratie.
Oder anders gefragt, wieso werden Gesetze und Maßnahmen deutlich am Wählerwillen vorbei durchgesetzt?
(Afghanistankrieg, Glyphosat, TTIP(Versuch) , Dieselgate usw...)
Nur um ein paar Schlagwörter einzuwerfen.


Quote
Kai Ne-Ahnung #26.3
Die letzten 30 Jahre haben uns dahin gebracht, wo wir in den westlichen, neo"liberalen, kapitalistischen Systemen heute gelandet sind. Es geht um den Stand heute, und der ist:
Die Superreichen gefährden die Demokratie


Quote
alice_42 #28

>> Der Kapitalismus behindert so den Wirkungsgrad der Demokratie. <<

Er zerstört sie, wenn er nicht eingehegt und reguliert wird, unweigerlich. Denn eine Demokratie, in der einige wenige finanzstarke Interessenvertreter die Richtlinien bestimmen, ist bekanntlich gar keine Demokratie mehr, sondern eine Oligarchie.

Wir sind da auf einem guten Weg :-|


Quote
Aristocats1 #28.1

Das ist traurig aber wahr. Wir sind auf dem direkten Weg zurück in den Feudalismus. Auch heute gibt es wieder zahlreiche Privilegien für die Reichen, die Dank des Geldes dann auch vererbt werden. Es sei hier nur an die große Bankenrettung gedacht, die letzendlich nichts anderes war als eine große Reichenrettung. Die Kosten dafür wurden auf die Allgemeinheit abgewälzt. Länder wie Deutschland konnten das auf Kosten einer verrotteten Infrastruktur noch so wuppen. In den ärmeren Ländern (Spanien, Griechenland, Italien) hat die Bevölkerung diese Rettungsaktion mit massiver Verarmung bezahlt.


Quote
Anthon Hofreiter II #32

Es ist leider genau andersherum, wie man sehr schön am Beispiel Berlins sehen kann.
Sobald mehr Menschen von Transferleistungen leben, also in Berlin Politiker + Lobyisten + Hartzer, funktioniert Demokratie nicht mehr.
Dann wird, zu Lasten der Produktiven, welche diese Gruppe durchfüttern muss Politik gemacht, weil die Nehmer schlicht in der Mehrheit sind.


Quote
Bitte freundlich bleiben #32.1

Der Reiche lebt auch von den Transfairleistungen der Produktiven. ;-)


Quote
Anthon Hofreiter II #32.2

Jepp, völlige Zustimmung. ...


Quote
Super-Migrant #35

Die Regierung der Superarmen - mit all ihren Supereigenschaften - macht dann alles besser, oder?
Wie wäre es wenn der Staat sich nicht ständig einmischen würde? Dazu gehört es auch, dass er sich nicht von „Reichen“ bestechen lässt. Es ist doch klar, wenn der Staat sich als allmächtiger Etatismus aufführt, der meint alles bestimmen zu dürfen, dann kauft man sich diesen auch einfach.
Weniger Etatismus, mehr Freiheit, weniger Pöbel!

Quote
ah-jun #35.1
"Es ist doch klar, wenn der Staat sich als allmächtiger Etatismus aufführt, der meint alles bestimmen zu dürfen, dann kauft man sich diesen auch einfach."

Da ist es doch besser die Superreichen bekommen den Einfluss umsonst!


Quote
Geht_so_oder_auch_nicht #36

Die Bürger haben durch ihr jahrzehntelanges Wahlverhalten die heutigen Verhältnisse herbeigewählt. Natürlich kann man diese Entwicklung zwar kritisieren, aber letztendlich beruhen sie nun einmal auf demokratischen Wahlen. Die Mehrheit will diese Entwicklung so, das hat man als Demokrat zu akzeptieren, auch wenn man persönlich andere Vorstellungen hat.


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ah-jun #36.1

Da haben Sie recht. Wenn es darauf ankommet verbündet sich der Mittelstand mit den Interessen der Reichen und Superreichen gegen die Unterschicht.


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Kai Ne-Ahnung#36.2

Der Wähler will also das die gewählten Parteien/Politiker vor der Wahl ständig A versprechen aber sobald die Pöstchen gesichert sind, das B der Industrie, der Wirtschaft und der Vermögenden bedienen? Natürlich nur mit "Bauchschmerzen" und so. ...


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ClausM #62

Was sollen die Krokodilstränen? - Genau das war doch das allzu offensichtliche Ziel von Politik und Medien in den letzten Jahrzehnten.
Jeder Schlag, den man gegen die wirtschaftlich Schwächeren führte, wurde von frenetischem Jubel begleitet.


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GoaSkin #63

Die Supperreichen mögen die Demokratie gefährden, doch die ganz einfachen Leute möchten scheinbar die Demokratie schnell hinter sich bringen - mit Hilfe der Superreichen.
Denn sie sind nicht abgeneigt, Superreiche Leute wie Trump, Berlusconi oder Farage zu wählen, um diese Entwicklung zu beschleunigen.
Paradoxerweise werden solche Leute gerade mit der Argumentation gewählt, dass geglaubt wird, die Eliten hätten sich gegen die einfachen Leute verschworen. In der Konsequenz werden dann Politiker gewählt, die wie niemand sonst für diese Klischees stehen.


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konne #64

Wir leben heute in einer Scheindemokratie, Demokratie existiert nicht mehr. Wir können zwar protesitieren, frei sprechen aber das stört die Superreichen nicht. Solange man die Gehälter senken kann, Sozialleistungen streichen kann ist ihnen alles egal. Mam sieht es deutlich in Griechenland, und Spanien wo die Verarmung immer grösser wird. In Deuitschland ist man etwas diskreter ...


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Rabe374 #65

Ich sehe das ziemlich unproblematisch. Es geht uns allen unterm Strich sehr gut von den Lebensumständen, auch wenn such immer mehr der Sozialneid ob der angeblich so schlimmen eigenen finanziellen Lage einschleicht.

Das Problem scheint eher zu sein, dass immer mehr Leute unzufrieden mit dem eigenen sozialen Status sind. Es kann aber nun mal nicht einfach so jeder reich und schön sein, zumindest nicht ohne entsprechende oft jahrelange Anstrengung und grundlegende Fähigkeiten.

Wenn die Leute lieber mal mit dem zufrieden wären was sie haben, wäre schon viel geholfen. Man könnte jedem Normalbürger 1.000 Euro mehr im Monat an Einkommen schenken - nach ein paar Monaten würde er sich wieder arm und ungerecht behandelt vorkommen.


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Rekitsonga #65.1

>>Man könnte jedem Normalbürger 1.000 Euro mehr im Monat an Einkommen schenken - nach ein paar Monaten würde er sich wieder arm und ungerecht behandelt vorkommen.<<

Nein. Er würde sich freuen, dass er in seiner Wohnung bleiben darf, weil er die überhöhte Miete wieder bezahlen kann.


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Rabe374 #65.2


„Nein. Er würde sich freuen, dass er in seiner Wohnung bleiben darf, weil er die überhöhte Miete wieder bezahlen kann.“

Die armen Mieter. Nur ausgenommen und vor die Tür gesetzt von den pöhsen Immobilien-Haien. Schon klar. Man kann sich das Leben aber auch zurecht heulen.


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Flinders #67

Balsam für die Kommunistenseele. Mehr nicht.


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Mix Mastermond #97

Ich bin der Meinung, dass wir keine Neid-Debatte brauchen! Die reichen Menschen sollen ruhig reich sein. Warum auch nicht?
Hauptsache die armen Menschen leben ihr Leben in Würde!


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chrisbo18 #72

Je mehr ich erfahre und darüber nachdenke, desto mehr bekomme ich das Gefühl, dass diese Entwicklung kein Zufall ist, sondern mehr und mehr gesteuert wird.
Die Reichsten verfügen über Medienhäuser, Rohstoffquellen und Einflüsse in fast alle Unternehmen, die für Staaten oft eine große Abhängigkeit darstellen.
Die Gesellschaften werden ausgesaugt und müssen mehr und mehr leisten, während sich die Vermögen der Reichsten von selbst vervielfachen. Und dem ist kein Ende zu setzen!
Ich bin kein Sozialist oder Kommunist, doch plädiere ich für ein Ende dieser einseitigen Auslegung.
Auch frage ich mich, was man mit so viel Geld eigentlich will? Wie viele Häuser, Autos, Yachten oder was auch immer kann man besitzen oder gar nutzen?
Ok, das ist vielleicht eine naive Frage, doch wer erlaubt es, dass Geld über der Gesellschaft steht?
Der Kapitalismus ist nicht die schlechteste Lösung, doch was daraus gemacht wird, lässt mir graue Haare wachsen!


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djborislav #74

Ich kenne berufsbedingt Superreiche. Sie haben mittlerweile privaten Wachschutz und sind in ständiger Angst, dass ihre Kinder entführt werden.
Auch wird von den Superreichen chronisch die Gefahr einer Revolution unterschätzt, die Gelbwesten haben schonmal einen Vorgeschmack geliefert. Occupy ist zwar eingeschlafen, kann aber jederzeit in anderer Form wieder aufflammen, durch das Internet lässt sich gewaltsamer Widerstand bestens vernetzen.
Aber abgesehen von staatlicher Regulierung, die sehr wohl möglich wäre (Transaktionssteuer, Abschaffung privater Schiedsgerichte, strengere Bankenaufsicht mit genug Eigenkapitalauflagen...), muss sich auch jeder Aktien- und Fondbesitzer an die eigene Nase fassen: bin ich gierig und investiere ich in destruktive Heuschrecken-Unternehmen oder lege ich nachhaltig an und verzichte u.U. auf ein paar Prozent Rendite. Die Gier ist auch kollektiviert worden und betrifft uns alle.


Quote
Hansifritz #100

"Die Superreichen gefährden die Demokratie"

Vor einem Jahr lief sowas noch unter Verschwörungstheorie.


...

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« Reply #928 on: Juni 06, 2019, 10:27:16 nachm. »
Quote
[...] Die Staatsanwaltschaft Köln hat ihre Untersuchung gegen die Deutsche Bank im Zusammenhang mit umstrittenen Cum-Ex-Steuertransaktionen ausgeweitet. Die seit August 2017 gegen zwei ehemalige Mitarbeiter der Deutschen Bank ermittelnde Behörde habe nun Ermittlungen "gegen weitere ehemalige und aktuelle Mitarbeiter und Vorstandsmitglieder" eingeleitet, sagte ein Banksprecher. Es gehe um Cum-Ex-Transaktionen bestimmter ehemaliger Kunden der Bank. Laut dem Rechercheverbund Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR sind konkret betroffen der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Garth Ritchie und Ex-Bankchef Josef Ackermann.

Die Bank erklärte, die Maßnahme der Staatsanwaltschaft habe prozessuale Gründe, damit solle eine Verjährungsfrist unterbrochen werden. Es werde nicht davon ausgegangen, dass sich die Einschätzung des Sachverhalts durch die Staatsanwaltschaft geändert habe. "Auch die Einschätzung der Bank zum Sachverhalt hat sich hierdurch nicht verändert", so der Sprecher.

Nach Recherchen von Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR haben die Strafverfolger gegen rund 70 heutige und frühere Mitarbeiter der größten deutschen Bank Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Bei Cum-Ex-Geschäften nutzten Anleger eine inzwischen geschlossene Gesetzeslücke und ließen sich einmal abgeführte Kapitalertragsteuern mehrfach zurückerstatten. Dadurch entgingen dem Fiskus Milliarden.


Aus: "Staatsanwaltschaft weitet Cum-Ex-Ermittlungen gegen Deutsche Bank aus" (6. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2019-06/cum-ex-deutsche-bank-garth-ritchie-josef-ackermann


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« Reply #929 on: Juni 12, 2019, 12:23:20 nachm. »
Quote
[...] Das durchschnittliche Jahresgehalt eines Vorstandsmitglieds in einem Dax-Unternehmen betrug im vergangenen Jahr 3,51 Millionen Euro und war damit 52-mal so hoch wie das Jahreseinkommen der Angestellten in den Unternehmen. Diese Zahl hat die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz gemeinsam mit der Technischen Universität München errechnet. Eine entsprechende Studie zur Gehaltsschere in 29 von 30 Dax-Konzernen wurde in Frankfurt vorgestellt.

Die größte Differenz zwischen dem Einkommen eines Vorstandsmitglieds und dem eines Mitarbeiters oder einer Mitarbeiterin stellte die Studie bei Volkswagen fest: Das Gehalt auf höchster Führungsebene sei um ein 97-Faches höher als der durchschnittliche Personalaufwand pro Mitarbeiter im Unternehmen – ein Vorstandsmitglied verdiente 2018 im Schnitt sechs Millionen Euro. Mit rund 5,2 Millionen, das zweithöchste Gehalt, hätten Mitglieder des Vorstands im Pharmakonzern Merck erhalten.

Den dritten Platz erreichten die Vorstände der Deutschen Bank, was ein Autor der Studie kommentierte: Das Geldinstitut befinde sich "augenscheinlich nicht auf einem Erfolgskurs". Dennoch seien die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Leitung des Konzerns durchschnittlich mit 5,1 Millionen Euro entlohnt worden – ein Plus von 55,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das geringste Gehaltsgefälle bestehe bei der Deutschen Börse: Das Unternehmen, das den Deutschen Aktienindex herausgibt, zahle Vorständen im Schnitt einen 25-mal höheren Lohn als Angestellten.

Der Studie zufolge war das Gehaltsgefälle 2018 ebenso hoch wie im Vorjahr. Allerdings seien die Vorstandsgehälter insgesamt um 3,5 Prozent gesunken, zum ersten Mal seit mehreren Jahren.

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Marc Tüngler, sagte: Die Aufsichtsräte müssten darauf achten, dass sich die Schere in einem Unternehmen nicht zu weit öffne. Zu befürworten sei es, wenn sich die Bezahlung eines Vorstandsmitglieds am Aktienkurs des Konzerns orientiere: "Gute Leistung soll gut vergütet werden", sagte Tüngler. "Wenn es aber schlecht läuft, muss der Vorstand dies ebenfalls im Portemonnaie spüren. Und das sehen wir oft noch nicht."

Im vergangenen Jahr habe der Teil der Bezahlung, der anhand der Aktienperformance berechnet wurde, bei knapp 30 Prozent gelegen. Ein Drittel des Geldes sei Festgehalt, der verbleibende – und größte – Posten der Gesamtvergütung für Vorstände setze sich aus variablen Bonuszahlungen zusammen.

Auch zu den Gehältern von Vorstandsvorsitzenden wurden Zahlen präsentiert: Die Chefs der Dax-Unternehmen hätten 2018 im Schnitt ein Jahresgehalt von 5,4 Millionen Euro bezogen. Am besten bezahlt worden sei SAP-Vorstandschef Bill McDermott mit mehr als 10,8 Millionen Euro. SAP ist derzeit das wertvollste Unternehmen im Dax. Auf den SAP-Chef folgten Herbert Diess, dem VW 7,9 Millionen Euro gezahlt habe, und Bernd Scheifele, der für die Leitung des Konzerns Heidelberg Cement rund 7,3 Millionen Euro bekommen habe.

Erweitere man die Menge der untersuchten Unternehmen auf die Firmen, die im MDax verzeichnet sind, liege das Spitzengehalt für Vorstandschefs noch einmal höher: Die drei Chefs des Modeversandunternehmens Zalando, Robert Gentz, David Schneider und Rubin Ritter, hätten im vergangenen Jahr jeweils knapp 19,4 Millionen Euro verdient.

Im internationalen Vergleich würden diese Summen leicht übertroffen: In Europa etwa, habe der Chef des belgischen Getränkegroßkonzerns AB InBev, Carlos Brito, im vergangenen Jahr 31,8 Millionen Euro erhalten. Der Vorstandsvorsitzende des US-Unternehmens Disney, Robert Iger, sei mit knapp 55,6 Millionen Euro entlohnt worden. Der Großteil dieser Bezüge sei jeweils an den Aktienkurs des Unternehmens gekoppelt.

In ihrer Erhebung hat die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz Pensionszusagen nicht berücksichtigt. Andere Studien mit anderer Methodik kämen deshalb möglicherweise zu abweichenden Ergebnissen.


Aus: "Deutsche Börsenliga: Dax-Vorstände verdienen 52-mal so viel wie ihre Angestellten" (11. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/boerse/2019-06/deutsche-boersenliga-dax-konzerne-vorstaende-gehalt-gehaltsschere

Quote
felix78 #2.2

Ach was der Vorstand bekommt sind doch Peanuts, interessant ist was die Großaktionäre so bekommen. Zum Beispiel BMW Familie Quant lässt sich so 800 Millionen pro Jahr an Dividenden auszahlen, dagegen wirken die Vorstandsgehälter wie Trinkgeld. Vorstände sind auch nur Angestellte, lasst uns endlich mehr über die Beteuerung von Kapitaleinkommen diskutieren! Ich bin ja für die Steuerliche Gleichbehandlung aller einkommensarten und dafür das auch alle Einkommensarten Sozialversicherungspflichtig werden, wie in der Schweiz. Dann könnten wir uns Pflege, Rente, Polizei, Schulen, Lehrer, Kitas, Schwimmbäder, die Instandhaltung von Straßen und Brücken und vieles mehr leisten.

Aber das wird nicht passieren, wenn es unsere Regierung seit Anfang der 2000der nicht mal schafft Cum ex und Cum Cum Betrügerreien zu unterbinden.
 

Quote
Gerne_unterwegs #2.3

Da gab es doch einmal den Wahlslogan "Leistung soll sich wieder lohnen!" War das FDP? Haben die die Quandts gemeint?


Quote
felix78 #2.5

Ich bin mir sicher die FDP hat mich als Altenpfleger gemeint. ...


Quote
GlobalPlayer5001 #8

Wo ist das Aufregerthema? Die Höhe der Vorstandsvergütung wird vom Aufsichtsrat festgelegt, dieser wiederum wird von der Hauptversammlung gewählt. Das alles ist dank Publizitätspflichten komplett transparent.

Wenn ich der Meinung bin, dass ein Vorstand zu viel verdient, kann ich ja in ein anderes Wertpapier investieren. Wenn mir das insgesamt nicht vorteilhaft erscheint, dann wird der Konzern ja immerhin so gut gemanaged, dass die Rendite trotz Vorstandsgehältern stimmt.

Also: Wo ist das Thema???


Quote
GlobalPlayer5001 #8.3

>>Das Thema ist soziale Gerechtigkeit.<<

Nein, das Thema ist Neid und (noch schlimmer) Missgunst. ...


Quote
Gnurg #8.4

Das Problem ist ja, dass einige so viel Geld verdienen, wie sie unmöglich sinnvoll ausgeben können, andere hingegen nicht genug, um sich beispielsweise gesund zu ernähren oder einmal im Jahr Urlaub machen zu können. Das hat auch nicht wirklich mit Neid zu tun (jedenfalls nicht bei mir), aber es ist halt nicht gut für die Arbeitsmoral, wenn man sich den Arsch für ein Unternehmen aufreißt und nicht dafür entsprechend vergütet wird. Beziehungsweise wenn der eigene Bonus weniger Wert ist, als das Geld, dass der Vorstand verdient, wenn er während einer Sitzung mal pinkeln geht.

Abgesehen davon haben weder Aufsichtsrat noch die Mitglieder der Hauptversammlung ein Interesse am Wohl des Arbeiters oder der moralischen Verpflichtung des Unternehmens gegenüber der Gesellschaft, sondern allein an der eigenen Bereicherung.


Quote
GlobalPlayer5001 #8.6

>>Abgesehen davon haben weder Aufsichtsrat noch die Mitglieder der Hauptversammlung ein Interesse am Wohl des Arbeiters oder der moralischen Verpflichtung des Unternehmens gegenüber der Gesellschaft, sondern allein an der eigenen Bereicherung.<<

Das sind ja auch nicht alle Samariter, sondern die Aktionäre sind Kapitalgeber, die als Gegenleistung eine angemessene Rendite auf das eingesetzte Kapital erwarten. Wenn man das Zurverfügnungstellen von Kapital nicht gleich mitkriminalisieren will, hat das nicht mehr mit "eigener Bereicherung" zu tun als die Erwartung, Zinsen aus einem Wertpapier zu erzielen. Beides ist völlig legitim.


Quote
Echse des Bösen #8.12

"Nein, das Thema ist Neid und (noch schlimmer) Missgunst."

Nein, das Thema ist die Behauptung, das sei Leistungsgerechtigkeit. Man kann das System begründen mit "es ist halt so wie es ist" oder "wenn es geht, dann wird es so gemacht", aber man sollte daraus nicht ableiten, dass es auch gut oder leistungsgerecht ist. ... Das ist im Kern auch das Problem des Neoliberalismus - er definiert alles, was sich im Markt regelt, automatisch als Gerechtigkeit. Bittere Armut und überbordender Reichtum - gerecht, wenn es der Markt regelt. Da ist der Neoliberalismus nicht anders als der christlich-fundamentalistische Calvinismus von vor 300 Jahren.


Quote
hamletmaschinist #8.21

Die "hohen Vorstandsgehälter finanzieren" in erster Linie die schlechtbezahlten Leiharbeiter und die Kunden.

Quelle > https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/leiharbeit-erreicht-rekordniveau-in-deutschland-a-1111375.html [Donnerstag, 08.09.2016 ... Fast zwei von drei Leiharbeitern arbeiteten zuletzt zu besonders niedrigen Löhnen. Sie lagen unter der Niedriglohnschwelle von rund 1970 Euro, also unter dem Lohn, der zwei Drittel des mittleren Gehalts der Beschäftigten insgesamt beträgt. 5,7 Prozent der Leiharbeitnehmer haben Anspruch auf ergänzende Leistungen und stocken ihr Gehalt mit Hartz IV auf. Nur jedes vierte Leiharbeitsverhältnis besteht neun Monate oder länger. 15 Prozent dauern 15 Monate, 12 Prozent über 18 Monate. ]


Quote
d353rt #11

... ich möchte hier eine kleine Rechnung vorführen: Wenn Sie als Arbeitnehmer das Glück haben 5000€ im Monat zu verdienen (brutto), und das, sagen wir mal, 45 Jahre lang, dann haben Sie 2,7 Millionen € (Brutto) verdient. Wenn Sie aber nur 2500€ verdienen, dann kommen Sie logischerweise auf 1,35 Millionen. Wie gesagt in 45 Jahren.

Und dann kommt so ein Vorstandschef, und kassiert 10 Millionen Euro IN EINEM JAHR. Und er spendet dann z.B. an die FDP, die dann behauptet, dass unser Rentensystem nicht mehr tragbar sei. Das ist doch der reinste Klassenkampf von oben. Unser BIP hat sich in den letzten 20 Jahren fast verdoppelt... ...


Quote
GlobalPlayer5001 #11.1

So viel Neid und Missgunst. Sind wohl wenige Rheinländer hier im Forum: Man muss auch jönne könne ...


Quote
DrkdD #11.5

Fakten sollte man nicht mit Neid vergleichen. Außerdem ist der Ruf "Das ist nur Neid" einer der belanglosesten Argumente gegen ein Aufkommen der Unzufriedenheit bei denen, die den Reichtum finanzieren.


Quote
d353rt #11.6

"Ihre Wut in allen Ehren. Aber seit wann erkennen Vorstände ihren Mitarbeitern die Rente ab? Haben Sie einen konkreten Fall im Kopf?"

Ach davon gibt es mehr als nur einen Fall, es sind Millionen. Ein sehr aktuelles Beispiel: Amazon, ab heute der größte Konzern der Welt (größte Umsätze und Gewinne), der seine Angestellten über Leihfirmen einstellt, die keine Sozialabgaben bezahlen wollen, was die Rente nach unten drückt. Das nennt man dann gerne "Freiheit" und "Selbstständigkeit" . Es ging so weit, dass der Staat eingreifen musste, und ein entsprechendes Gesetz verabschiedet werden musste.
Reicht das?


Quote
GlobalPlayer5001 #11.8

>>Es ging so weit, dass der Staat eingreifen musste, und ein entsprechendes Gesetz verabschiedet werden musste.<<

Daraus folgt ja relativ direkt, dass Amazon vor Verabschiedung des Gesetzes nichts Unrechtmäßiges getan hat, denn sonst brauchte man ja kein neues Gesetz. Und jetzt werden sie sich wohl an das neue Gesetz halten. Wofür ist dies gleich noch ein Argument?

Ein wesentlicher Grund dafür, dass Aktionäre hohe Gehälter für Spitzenmanager mittragen ist doch, dass diese im Interesse der Anteilseigner die Performance der Unternehmen verbessern. Unternehmen sind keine karitativen Einrichtungen, sondern sollen Geld für die Anteilseigner verdienen. Wenn die Ersetzung einer Belegschaft durch Leiharbeiter dazu einen Beitrag leisten kann, dann ist dies genau das, was die Aktionäre zu Recht von der Geschäftsführung erwarten.


Quote
d353rt #11.12 

"Daraus folgt ja relativ direkt, dass Amazon vor Verabschiedung des Gesetzes nichts Unrechtmäßiges getan hat, denn sonst brauchte man ja kein neues Gesetz. Und jetzt werden sie sich wohl an das neue Gesetz halten. Wofür ist dies gleich noch ein Argument?"

1. Dafür, dass Sie allem Anschein nach nicht verstehen, dass man als Unternehmer auch in der Pflicht steht, seinen Angestellten ein Gehalt zu zahlen, von dem sie auch leben können, ohne aufstocken zu müssen.
2. Dafür, dass man genau sieht, auf wessen Rücken der Wohlstand von Amazon-Vorständen aufgebaut wird.
3. Dafür, dass einige im Jahr 2019 weiterhin an Sklaverei halten. Und damit meine ich nicht den IS (Islamischer Staat), sondern gebildete Menschen aus der westlichen Welt.
4. Dafür, dass sich diese Unternehmen auf Kosten der Allgemeinheit bereichern
5. etc.


Quote
GlobalPlayer5001 #11.18 

>>Eine Frage: wer leistet die eigentliche Arbeit, ohne die, wie Sie bestimmt wissen, kein Unternehmen bestehen kann. Die Angestellten oder die ANTEILSEIGNER?<<

Nun ja, es ist ein klarer Deal bei den Arbeitnehmern: Lohn gegen Arbeit. Und ein genauso klarer Deal ist es bei den Anteilseignern: Kapitalüberlassung gegen Rendite. Natürlich arbeiten die Arbeitnehmer, aber sie könnten es nicht, wenn die Anteilseigner nicht zuvor das Kapital zur Schaffung der Arbeitsplätze investiert hätten.

Soweit alles klar?


Quote
d353rt #11.19

"Natürlich arbeiten die Arbeitnehmer, aber sie könnten es nicht, wenn die Anteilseigner nicht zuvor das Kapital zur Schaffung der Arbeitsplätze investiert hätten."

Zwei drittel der ANTEILSEIGNER haben ihr Vermögen geerbt, das heißt, sie haben keinen Finger krumm gemacht. Solche Typen kenne ich: Papa war Facharbeiter, hat sein Leben lang geschuftet, und mehrere Immobilien erstanden. Jetzt ist er tot, und der geborene Sohn hat die Immobilien verkauft und "investiert". Und er setzt sich dafür ein, dass die Vollzeit-Angestellten, die oft schlicht keine andere Wahl haben, zum Hungerlohn schuften müssen, ganz anders als der Papa. und dann müssen diese Angestellten aufstocken, weil das Geld für das Frühstück für die Kids nicht reicht. Wissen Sie, wie man solche ANTEILSEIGNER nennt? Sozialschmarotzer. Parasiten.

Soweit alles klar?

Und noch etwas: ich hoffe dass man bei der nächsten Aktionärsversammlung von Daimler Benz nicht schon wieder die Polizei rufen muss, weil sich die ANTEILSEIGNER am Würstchenbuffet um die letzten Würstchen geprügelt haben.


Quote
deri punkt partei #19

ich finde, anstatt immer wieder die Gehälter der Vorstände zu thematisieren sollten wir mehr das untere Ende der Gehaltsliste in den Focus nehmen. ...

Quote
TottiZ #24

Und die Politik nennt es noch immer "Soziale Marktwirtschaft".


Quote
DrkdD #24.1

Situationskomik derer die den Lobbyisten den Weg bereiten.


Quote
Auf Krawall gebürstet #28

Jetzt aber bitte nicht wieder Klassenkampf- und Enteignungsdiskussionen. Es können halt nicht alle so viel Geld verdienen.


Quote
GlobalPlayer5001 #28.1

Ein frommer Wunsch, allein - Sie sehen es ja - die Neid- und Missgunstfraktion ist schon wieder voll in ihrem Element. Denen ist jedes Mittel recht, auf die angeblichen "Ungerechtigkeiten" in der Einkommensverteilung hinzuweisen. Und, zugegeben, Vorstände internationaler Konzerne geben hier ja auch eine schöne Projektionsfläche zum Abarbeiten her ...


Quote
St.Expeditus #36

Niemand wird als DAX-Vorstand geboren . Jeder hat prinzipiell die gleiche Chance.
Was man braucht ist Weitsicht. So müssen heute etwa die Autobosse entscheiden,
welche Autos sie 2040 verkaufen wollen. Eine falsche Entscheidung kann die Existenz
eines Konzerns und zehntausende Arbeitsplätze gefährden. Da sehe ich den Faktor 50 nicht als zu hoch an, wenn Balltreter oder Imkreisfahrer das zehnfache verdienen.


Quote
artefaktum #36.1

@St.Expeditus

>> So müssen heute etwa die Autobosse entscheiden,
welche Autos sie 2040 verkaufen wollen. Eine falsche Entscheidung kann die Existenz
eines Konzerns und zehntausende Arbeitsplätze gefährden. <<

In der Tat. Aber welche Konsequenzen haben falsche Entscheidungen für den Autoboss? Goldener Fallschirm für's Management, Arbeitslosigkeit für die Belegschaft. Mit "Eigenverantwortung" hat das herzlich wenig zu tun. Die gilt immer nur für den blöden Durchschnittsarbeitnehmer.


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Klacksklacks #36.6

Josef Ackermann hat in der Tat andere Sorgen, seit die Staatsanwaltschaft ihn als Beschuldigten im cum-ex-Skandal führt.


Quote
pöserpurche #38

Von mir aus können die auch 100-mal soviel verdienen. Verstehe das Problem nicht. Wer hat denn das zu kritisieren und/oder zu befinden, was zu viel zu wenig oder angemessen ist. Ein Komitee aus Journalisten, Robert Habeck und all die anderen Moralapostel?


Quote
vlavo #39

Der Aufsichtsrat genehmigt die Gehälter der Vorstände, die wiederum die Gehälter der Aufsichtsräte vorschlagen. Beide zusammen beschließen die Dividendenzahlung an die Aktionäre, die wiederum die Gehälter der Aufsichtsräte und Vorstände absegnen. Ein Zirkel. Die Angestellten sind außenvor. So sagt Michael Hartmann, Soziologe und einer der renommiertesten deutschen Eilieforscher. Diese Gier erodiert unseren Staat und lässt ihn von innen heraus faulen.


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LinuxSchurke #41

Das ist doch alles Peanuts was deutsche Manager verdienen.
Tim Cook, Apple-Chef, kassierte 2017 ein Gehalt von 12,8 Millionen US-Dollar. Das Grundgehalt liegt bei rund 3 Millionen US-Dollar pro Jahr, der Rest Boni.
Gehalt 2018:
15,7 Millionen US-Dollar
Zusätzlich zum Gehalt hat der Top-Manager jedoch noch lukrative Aktien-Optionen von Apple erhalten. So erhielt er laut dem 2011 unterschriebenen Vertrag im August 2017 ein Paket von 560.000 Aktien.

Natürlich ist das zuviel aus unserer Sicht, wird aber gezahlt. Und jetzt rechnet mal aus um wieviel mal das höher ist als bei der Apple Putzfrau mit 20000$ oder dem Apple Ingenieur mit 150000$ pro Jahr


Quote
Johanna88 #41.1

Nett von Ihnen, uns zu erklären, dass Perversion praktisch unendlich steigerbar ist.


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Flatearthler10000 #44

Ah, die typisch deutsche Neidkeule wird wieder ausgepackt.


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Klacksklacks #44.1

Nicht jede Kritik die Sie nicht verstehen gründet auf Neid.


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Rabe374 #47

Ist doch vollkommen ok. Wer das Gehalt verdienen möchte, kann ja einfach selber Vorstand werden, anstatt kleiner Angestellter zu sein. Aber vielleicht hat es doch einen Grund, weshalb es nur eine handvoll Bigplayer mit Millionengehältern gibt.


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exxkoelner #47.1

Der American Dream, vom Tellerwäscher zum Millionär, hat ja auch super geklappt - ca. 40 Mio. US-Bürger erhalten Essenmarken, 1% der Bevölkerung gehört 40% der Vermögen, 1% der Bevölkerung erhält 24% der gesamten Einkommen pro Jahr. Aktuell ist die USA bei einem Manager/Angestellten-Ratio von 380:1. Kann man ja so weiter laufen lassen und mal gucken was passiert, was soll schon schief gehen? ...


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Kanndassein #50

Bei den Vorstandsbezügen ist schon lange einiges aus den Fugen geraten, und gerade bei Aktiengesellschaften ist es erstaunlich, dass dies so hingenommen wird, selbst wenn die Unternehmensspitzen versagt haben. ...


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Flugbenzin #56

Die deutschen Vorstandsgehälter bewegen sich international im Mittelfeld. Wer gute Leute haben möchte, muss aber tief in die Tasche greifen. ...


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Johanna88 #56.1

"Wer gute Leute haben möchte, muss aber tief in die Tasche greifen."

Ah, jetzt verstehe ich das endlich!

Die Vorstände von Bayer und der Deutschen Bank waren einfach zu schlecht bezahlt.....
Na, da hätte ich auch selbst drauf kommen können, ich Dummchen...


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Sonja #57

Aufmacher wie bei der BILD-Zeitung... und auch ähnliches Niveau. Wenn jeder so viel schlauer ist und eine ähnliche Vita wie die Vorstände vorweisen kann, soll es einfach besser machen, ganz einfach.
Meist kommt dann die Ausrede: „Wenn ich denn wollte könnte ich das, aber das ist einfach unmoralisch blibla“ - jaja, man kennts. Ausreden, andere sind Schuld, vermeintliche Unfairness, Ungleichheit - das ganze Sozen-Gesabbel, anstatt einmal mit auf sich selbst zu schauen.


Quote
exxkoelner #59

Und die Manager tragen ja auch die ganze Verantwortung, wie Herr Winterkorn z.B.:

"Der Aufsichtsratschef von VW könnte in so einem Fall gar nicht mehr anders, als von Winterkorn Schadenersatz zu verlangen. Und ihn notfalls zu verklagen. Das brächte natürlich nicht die vielen Milliarden Euro zurück, die VW die Affäre bislang gekostet hat. Aber es wäre ein Signal. Wobei offen bliebe, was bei Winterkorn noch alles zu holen wäre. Er hat als Vorstandschef bis zu 17 Millionen Euro im Jahr an Gehalt und Boni kassiert. Als die Abgasaffäre schon eine Zeitlang lief, hat Winterkorn Millionenbeträge in die Schweiz geschafft, auf ein Depot bei einer Bank. Es handele sich wahrscheinlich um ein Depot der Ehefrau, notierten die Ermittler später. Die Ermittler vermuteten, der Ex-Konzernchef könnte einen "Notgroschen" für den Fall angelegt haben, dass er in der Affäre noch persönlich belangt werde. Der Clou an der Sache, aus Sicht Winterkorns: Nach allem, was bislang bekannt ist, wäre das völlig legal gewesen. Im Wege eines komplizierten Steuersparmodells unter Eheleuten, das "Güterstandsschaukel" genannt wird."
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/winterkorn-vw-prozess-dieselskandal-1.4410976-2

Bisher hat er ausgesagt, das er sich an nichts mehr erinnern kann in diesem Zusammenhang, man hat ja auch den Kopf so voll, bei der ganzen Verantwortung und so ...


Quote
Gisbert Beaumarais #59.1

Bei Winterkorn gibt es nur drei Möglichkeiten:
a) er lügt
b) er ist unfähig
c) er ist dement


Quote
Johanna88 #59.2

"Bei Winterkorn gibt es nur drei Möglichkeiten:
a) er lügt
b) er ist unfähig
c) er ist dement"

d) unterbezahlt....haben Sie vergessen.

Lerne ich ja gerade hier im Forum. Die Gehälter deutscher Manager sind einfach Unterkante.


Quote
Ledni Rok #60

Neid ist ein schlechter Charakterzug.


Quote
Professor Deutlich #60.1

Gier auch.


Quote
peterjunge #62

Irgendwie passend (oder erhellend), dass das Gehaltsgefälle gerade beim "Volks"-wagenkonzern am deutlichsten ist, bei dem ein Landesfürst der SPD einigen Einfluss hat aufgrund des Staatsanteils.


Quote
AllesKeinProblem #64

Aber diese Leute tragen doch so viel Verantwortung und müssen für alles in ihren Unternehmen gerade stehen! Volkswagen? Ach ja...
Aber man muss doch mit hohen Gehältern um die besten Köpfe werben um die Firma auf Erfolgskurs zu bringen! Deutsche Bank? Ach ja...
Was ist dann jetzt noch übrig als Argument? Aber natürlich: "Ihr seid doch alle nur neidisch."


Quote
Tiqqun #65

Und dennoch, sobald sich dann einer aus diesem Milieu zur Wahl stellt, all seinen Prunk zeigt, dann sehen die Menschen voller Ehrfurcht hinauf. Sei es ein Trump, ein Bloomberg, oder ein Merz. "Die haben bewiesen, dass sie es können" ...


Quote
Badener im Ausland #68

"Der Studie zufolge war das Gehaltsgefälle 2018 ebenso hoch wie im Vorjahr. Allerdings seien die Vorstandsgehälter insgesamt um 3,5 Prozent gesunken, zum ersten Mal seit mehreren Jahren. "

Ich habe den üblichen Hinweis aus der neoliberalen Mottenkiste vermisst, dass es ein „gutes Signal“ sei, wenn „die Ungleichheit nicht weiter wächst“.


Quote
tiefstapler #77

die leiterin einer kita bekommt monatlich den betrag X - für das aufbewahren von kindern.
ein vorstand der deutschen bank bekommt monatlich das 52-fache - für das aufbewahren von geld. ...


Quote
MaxFortis #77.1

Warum ist es ein Problem des Kapitalismus, wenn den Menschen Bankgeschäfte wichtiger sind als Kindererziehung?


Quote
tiefstapler #77.2

Mit einer Weisheit, die keine Tränen kennt,
mit einer Philosophie, die nicht zu lachen versteht,
und einer Größe, die sich nicht vor Kindern verneigt,
will ich nichts zu tun haben.
( Khalil Gibran )


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no-panic #78

52 mal mehr als der Durchschnittsverdiener im Laden, also 100 mal so viel wie die, die wirklich wertschöpfend arbeiten und etwas Greifbares herstellen. Das bedeutet, dass derjenige, der das Produkt, welches den Gewinn bringt, zusammenbaut, 100 Jahre arbeiten muss, um das zu bekommen, was so ein Vorstand in einem Jahr bekommt.
Wer hier nicht erkennen möchte, dass die Relationen nicht nur schief, sondern schlicht nicht mehr existent sind, ...


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CarpeDiem0987654321 #79

... wieder so eine Neiddebatte. ...


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« Reply #930 on: Juni 12, 2019, 01:25:44 nachm. »
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[...] Der Politiker Friedrich Merz ist Vizepräsident des Wirtschaftsrates der CDU und war früher Vorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag. Er ist Vorsitzender des Aufsichtsrats der Fondsgesellschaft BlackRock in Deutschland und kandidierte Ende vergangenen Jahres um den CDU-Parteivorsitz.

 Deutschland geht es gut. Wir leben in einem der schönsten und wohlhabendsten Länder der Welt. ... Die Agenda 2010 der rot-grünen Bundesregierung war der Versuch, die deutsche Volkswirtschaft in einem schärfer werdenden globalen Wettbewerb zukunftsfähig und zugleich die Sozialversicherungen demografiefest zu machen. ... Marktwirtschaft heißt vor allem Kapitaleinsatz: kapitalstarke Unternehmen, Kapitalbildung in Arbeitnehmerhand, Kapitalfundierung von Teilen der Sozialversicherungen, Kapitalerträge etwa für die Bildungseinrichtungen. All dies macht den Kapitalismus im bestverstandenen Sinn des Wortes zusammen mit der sozialen Verantwortung aller Akteure zum Wesenskern der sozialen Marktwirtschaft. Die Deutschen müssen wieder neu lernen, diesen Teil der Marktwirtschaft zu verstehen, damit sie gerettet werden kann. Und retten müssen wir sie, denn ohne Kapitaleinsatz und ohne Kapitalrentabilität gibt es keinen Sozialstaat und ohne Sozialstaat gibt es keine soziale Gerechtigkeit. ... Die Zahl der Aktionäre ist in Deutschland im letzten Jahr um rund 200.000 gestiegen, sie liegt jetzt wieder über zehn Millionen. Das ist, für sich genommen, eine gute Nachricht. Damit sind aber immer noch 70 Millionen Menschen in Deutschland ohne Zugang zu den Kapitalerträgen der Unternehmen. Immer noch arbeiten Millionen deutscher Beschäftigter in börsennotierten Aktiengesellschaften, deren Erfolg von Millionen ausländischer Aktionäre vereinnahmt wird. Kaum ein börsennotiertes Unternehmen in Deutschland hat noch mehrheitlich deutsche Aktionäre. Daran muss sich etwas ändern, aber daran lässt sich nur etwas ändern, wenn in Deutschland eine neue Kultur des Aktiensparens entsteht und sich daraus eine neue Teilhabe am Erfolg der Marktwirtschaft entwickelt. Ich bin, anders als früher, heute auch der Auffassung, dass der Gesetzgeber eine Verpflichtung zur privaten, kapitalmarktorientierten Vorsorge für das Alter ernsthaft prüfen sollte, in welcher Form auch immer. ... Starke Bürger vertrauen auf ihre eigenen Kräfte und übernehmen Verantwortung für sich und andere, engagieren sich in Familie, Schule und Politik, im Betrieb oder in den vielen gesellschaftlichen Problemfeldern. Wenn in dieser Weise Kapital und Soziales, Staat und Unternehmen, Stiftungen und Verbände, Initiativen und Bürger allgemeine Projekte unterstützen und tragfähige soziale Netzwerke knüpfen, kann das ganze kreative Potenzial unserer Gesellschaft zum Tragen kommen. Die unsichtbare Hand, von der Adam Smith sprach, führt dann nicht nur zu wirtschaftlichem, sondern auch zu sozialem Reichtum. Nicht inszenierter Klassenkampf, sondern eine konstruktive Partnerschaft zwischen wirtschaftlichem und sozialem Kapital schafft ein erneuertes bürgerliches Gemeinwesen. Aber ohne oder gar gegen den Kapitalmarkt sind diese Ziele allesamt nicht zu erreichen.


Aus: "Für eine neue Kultur des Sparens" Friedrich Merz (11. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/wirtschaftspolitik-deutschland-wohlstand-soziale-gerechtigkeit-demokratie-kapitalismuskritik/komplettansicht

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Ideosynkratisch #2

Hallo Herr Merz! Ich könnte mir Sie als Kanzler vorstellen! ...


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Polykanos #2.56

"Ich könnte mir Sie als Kanzler vorstellen!"

Ich auch - Horror!


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Einfacher Bürger #78

Die alte Kultur des Herumschwurbelns - Auch hier muss ins Deutsche übersetzt werden.

"Auf Dauer unbezahlbare soziale Leistungsversprechen und eine Übertragung der Lasten auf jüngere Generationen verstoßen gleich mehrfach gegen Vorsorgeprinzip und Nachhaltigkeit."

Runter mit den Sozialleistungen, ihr verwöhnten Blagen.

"Wenn die Zustimmung zu Demokratie und Marktwirtschaft wieder steigen soll, dann müssen aber nicht nur Zusammenhänge (besser) erklärt werden."

Ihr seid zu doof zu verstehen, dass Steuerermäßigungen für Wohlhabende gut sind.

"Ich bin ... der Auffassung, dass der Gesetzgeber eine Verpflichtung zur privaten, kapitalmarktorientierten Vorsorge für das Alter ernsthaft prüfen sollte"

Seht zu wo ihr die Kohle herbekommt. Mir doch egal.

"Starke Unternehmen verstehen sich als Wertschöpfungsgemeinschaften, die von der Gesellschaft profitieren und sich deshalb auch im Sinne der Corporate Citizenship für die Gesellschaft engagieren."

Alle Großunternehmen werden ein (steuerlich abzugsfähiges) Sommerfest für Kinder organisieren. Versprochen!

"Die unsichtbare Hand, von der Adam Smith sprach, führt dann nicht nur zu wirtschaftlichem, sondern auch zu sozialem Reichtum."

Mal gucken, wer immer noch darauf reinfällt, dass es den Menschen gut geht, wenn es den Reichen gut geht.



Sorry, aber unwählbar


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Einfacher Bürger #78.1

Ich fasse Merz' Aussagen mal zusammen: Wenn ihr glaubt, dass die Agenda 2010 schlimm war, dann lasst Euch mal von mir überraschen. Mir fallen noch ganz andere Sachen ein.


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efwe #2.70

merz die mittelstands-Atlantikbrücke, im ernst :)


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klaurot #14

Wir leben in einem der schönsten und wohlhabendsten Länder der Welt.

Wer ist "wir"? ...


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BCO #14.1

Wir = der Mittelstand (im Merz'schen Sinne).


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Bratstein #37

Der Mister Blackrock will uns die soziale Seite des Kapitalisum näherbringen. Prima! Wir sehen ja wie prächtig soziale Gerechtigkeit im Mutterland von Blackrock funktioniert. .. .


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roccco #15

Gebt mir die Kohle, zu eurem Wohle!
Der Mann von BlackRock möchte nur euer Bestes!


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mal denken mal handeln #38

Interessant, wie Merz von sozialer Gerechtigkeit zur Werbung für Aktienbesitz kommt, wofür er ja als Vorstand von Blackrock zu Zeiten der Parteivorsitzambitionen stark kritisiert wurde. ...


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till ratzeburg #39

"Wir sind uns in unserer Gesellschaft weitgehend einig, dass die Umweltpolitik vom Vorsorgeprinzip und vom Grundsatz der Nachhaltigkeit geleitet sein muss."

Wer ?
Die CDU ?
Ist das jetzt Ironie ?
Das ist genau das was die CDU nicht will. Die wollen keine Umweltpolitik. Das stört die nur. ...


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Glossolalia #42

Beim Lesen des Artikels beschleicht einen ja der Verdacht, der gute Herr Merz sei mit Marty McFly und Doc Browns deLorean direkt aus den 1980ern zu uns gekommen, um einen Essay über seine Weltsicht zu verbreiten.

Der Essay verströmt mit jedem Satz die Gewissheit, daß sich da jemand seit fast 40 Jahren kein Stück weiterentwickelt hat, sondern tatsächlich immer noch an den gleichen Kokolores erzählt, der schon vor 40 Jahren nichts als Wunschdenken war. Damals war es skurril, weil es auf der kapitalistischen Seite der gleiche weltfremde Dogmatismus war, wie die Marxismus-Leninismus Märchen der Gegenseite. Angesichts der historeischen Pleite des real existierenden Sozialismus sind diese Märchen allerdings heute eher gruselig, da sich der Verdacht erhärtet, daß auf dieser Seite (Kapitalismus) Leute tatsächlich an den törichten Quatsch glaubten, den sie verzapften...


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polarapfel #42.1

Wer seit den 80ern über 40 Jahre sein Geld statt auf dem Sparbuch, Tagesgeld oder der Lebensversicherung in Aktien investiert hat, ist jetzt reich. ...


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invoker #44

Herr Merz,
ich stimme Ihnen grundsätzlich zu. Nur: Welche konkreten Maßnahmen schlagen Sie vor? Eine Pflicht zum Aktienkauf dürfte einem Paketzusteller kaum helfen, er braucht das Kapital für seinen alltäglichen Konsum.

Eigentum verpflichtet. Amazon aber zahlt keinerlei Steuern, obwohl es reich ist und Jeff Bezos zum reichsten Mann der Welt gemacht hat.
Wie wäre es internationale Konzerne endlich wieder zu besteuern? Oder Finanzjongleure mit einer Finanztransaktionssteuer?


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Cyber200 #50

"Deutschland geht es gut. Wir leben in einem der schönsten und wohlhabendsten Länder der Welt"

...und deshalb haben wir 7 Millionen überschuldete Haushalte, Millionen Menschen die sich durch die "Tafel" ernähren müssen, kaputte Straßen und Brücken, Mindestlöhne von denen die wenigsten leben können, eine kaum einsatzfähige Bundeswehr, Menschen die die hohen Mieten nicht mehr bezahlen können, einen Pflegenotstand in den Krankenhäusern und in den Seniorenheime, eine desolate Deutsche Bahn, ein Stop and Go Verkehr auf den überlasteten Autobahnen u.v.a.m.

Vielen geht es gut bis sehr gut. Aber der gute Herr Merz, ein talentierter Politiker und Wirtschaftsjurist, sollte den Ball etwas flacher halten.


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Desaguliers #63

"Wenn die Zustimmung zu Demokratie und Marktwirtschaft wieder steigen soll, dann müssen aber nicht nur Zusammenhänge (besser) erklärt werden."

Sagen Sie mal, Herr Merz, halten Sie Ihre Landsleute eigentlich für dämlich? ...


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House MD #71

"All dies macht den Kapitalismus im bestverstandenen Sinn des Wortes zusammen mit der sozialen Verantwortung aller Akteure zum Wesenskern der sozialen Marktwirtschaft. Die Deutschen müssen wieder neu lernen, diesen Teil der Marktwirtschaft zu verstehen,..."

Sorry, Herr Merz, das ist Quatsch. Die Kaste, zu der Sie gehören, muss das wieder neu lernen.

Manager, die Gesetze brechen gehören eingesperrt. Manager, die ihre Firma ruinieren (zum Beispiel, um eine tolle Fusion/Übernahme im Lebenslauf stehen zu haben) gehören gefeuert, und nicht mit Millionenabfindungen und Beraterverträgen für Gier und Inkompetenz belohnt zu werden. Wenn eine Bank sich überhebt, gehört sie genauso geschlossen, wie der Drogeriemarkt. Der Staat kann dann ruhig die Sparer auszahlen, aber nicht mit Staatsgeld das Weiterzocken ermöglichen.

Ein Manager ist genauso ein Angestellter einer Firma wie Klofrau und Pförtner. Wenn die Mist bauen, werden sie gefeuert. Gleiches Recht für alle.

Das Problem ist doch hierzulande, dass sich die selbsternannten Eliten sich das "Tragen der Verantwortung" hoch bezahlen lassen, aber das sie, wenn was schief geht, sich aus der Verantwortung stehlen und die Allgemeninheit die Kosten tragen lassen. Immer. Wenn es um Banken geht, um die Bahn, um den Diesel, um die Flüchtlinge (Waffen in Kriegsgebiete liefern ist okay, aber um die Flüchtlinge möge sich der Steuerzahler kümmern).

Und zur sozialen Marktwirtschaft gehört auch: Steuern zahlen.


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House MD #86

"Erfolg deutscher Unternehmen von ausländischen Aktionären vereinnahmt"

Ja Herr Merz, das können Sie mal näher erklären. Zum Beispiel, wie es kommt, das der Erfolg von Bayer vereinnahmt wird von Monsanto, gerade rechtzeitig, wenn es darum geht, die Opfer deren Gifte zu kompensieren. Hat Ihre Firma, Blackrock, was damit zu tun, immerhin grösster oder zweitgrösster Aktionär bei beiden ?

https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/monsanto-und-bayer-bei-bayer-und-monsanto-reden-auf-beiden-seiten-dieselben-investoren-mit-1.3170377 [Bei Bayer und Monsanto reden auf beiden Seiten dieselben Investoren mit: An Monsanto und Bayer sind dieselben Investoren im großen Stil beteiligt: Blackrock etwa ist mit sieben Prozent Anteil der größte Aktionär bei Bayer - und mit 5,75 Prozent die Nummer zwei bei Monsanto. ... Die Verflechtungen der Großaktionäre sind auch der Monopolkommission aufgefallen. Sie machten den Fall interessant, sagte Achim Wambach, der Vorsitzende des Expertengremiums. "Insofern schließen sich hier Unternehmen zusammen, die eh zum Teil denselben Leuten gehören." ... (21. September 2016)]

... Wer seine Altersversorgung auf seinen stolzen Besitz von Bayer-Aktien oder auch der Deutschen Bank gründete, der durfte sich einmal vorzüglich gesichert glauben. Schließlich gehörten die beiden Unternehmen zu den Flaggschiffen der deutschen Wirtschaft. Heute ist er im Besitz von zwei erstklassigen Scherbenhaufen.


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Pfirsichköpfchen #101

Hoffentlich wird dieser Merz, der anscheinend noch in den 1980ern des Thatcherismus festhängt und seit den Chicagoboys nix dazu gelernt hat niemals MInister oder sogar Kanzler.
Das Ergebnis dieses Ökonomiemodells kann in GB studiert werden und die fatalen Auswirkungen auf die Durchschnittsbevölkerung.

Aber mal gefragt, warum thematisiert er nicht die 120-150 Mrd. steuerhinterzogenen Euros? Weiß der Herr Merz was über die Vermögensverteilung? Findet er den status quo gut so?
Was wird er gegen Offshorebanken, Steueroasen, CumEx Geschäfte unternehmen wollen? Da wird dem Staat Geld entzogen. Fang dort mal an, Merz, danach kannst dich dem miesmachen der unteren Einkommenshälfte widmen. Wer am Ende des Geldes noch 10 Tage Monat übrig hat, weil Vermietungsaasgeier hemmungslos plündern dürfen, der beschäftigt sich mit dem Aktienerwerb? IN der Merz Welt möglicherweise, in der Wirklichkeit geht es drum, das Giro nicht über den Dispo zu strapazieren. Sparen ist anders wo.

Dies ist der intellektuelle Offenbarungseid eines Abzockers ...


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Tordenskjold #106

Merz, Lindner, Weidel, Seeheimer Kreis.

Denk ich an Deutschland in der Nacht...


...
« Last Edit: Juni 12, 2019, 01:30:53 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #931 on: Juni 12, 2019, 02:40:21 nachm. »
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[...] Wie fühlt sich das Leben im Grandhotel an? Ich war dort. Als Zimmermädchen ... Fatima Benchenni (alle Namen in diesem Text wurden geändert) empfängt mich hier, in ihrem Büro, zum Einstellungsgespräch. Ich habe keine Erfahrungen als Zimmermädchen. „Ich gebe jedem eine Chance“, sagt sie. „Wir werden ja sehen, ob Sie den Takt halten können.“ Die Gouvernante, wie sie im Hotel von allen genannt wird, trägt einen blondierten, gestriegelten Pferdeschwanz, dickes Make-up und spricht mit einem starken provenzalischen Akzent. Man kann sie sich in einem Bistro am Hafen von Marseille vorstellen, bei einer Mauresque, diesem Aperitif aus Pastis und Mandelsirup. Fatima Benchennie stammt aus dem Maghreb und betreut im Hotel die Zimmermädchen. Unter ihrer Aufsicht werde ich arbeiten.

... Die Regeln sind strikt. Ein Kissenbezug, der ein bisschen knitterig ist, muss ausgewechselt werden. Kein Tropfen Wasser darf an den Fliesen im Bad hängen bleiben. Die Gouvernante prüft die fertigen Zimmer, sie kommt unangekündigt vorbei. „Sie schleicht sich an wie eine Katze“, warnt mich meine Kollegin Anca, die mich einweisen soll, eindringlich. Sie arbeitet seit fünf Jahren im Hotel. Anfangs scheint es mir unmöglich, wie viele Gesten sie in zackiger Choreographie ausführen kann, wie sie zum Fenster eilt, die Mülltüte schüttelt, mit dem Lappen den Wandvorsprung abwischt. „Mach am Besten immer alles in der gleichen Reihenfolge, damit es automatisch wird“, rät sie mir. Sie ist Ende dreißig, hat feine Züge und unter dem blauen Lidschatten einen reservierten, aber sanften Blick. Sie kommt aus Rumänien. Durch die Glaswand der Dusche, die sie mit vehementen Gesten wischt, erzählt sie mir von ihrer 17-jährigen Tochter, der sie jeden Monat Geld überweist, und ihrer Mutter, deren neues Gebiss sie noch abbezahlen muss. Anca verdient 1.000 Euro netto.

Bald mache ich meine eigenen Erfahrungen mit der Arbeitsmethode der Gouvernante: Immer, wenn ich es am wenigsten erwarte, taucht ihre kleine energische Gestalt in meinem Rücken auf. Manchmal schaut sie kurz ins Zimmer, sagt „tadellos“ und verschwindet wieder. Dann wieder fragt sie schneidend: „Haben Sie das Mittel auf die Fliesen gesprüht?“ Oder: „Das Bett ist nicht schön.“ Sie nimmt die Kissenzipfel und schüttelt sie vor ihrem fülligen Leib hin und her, ich muss es nachmachen.

Einmal putze ich gerade ein Bad, dusche die Fliesen ab, wie Anca es mir beigebracht hat. In den hinteren Ecken der Badewanne steht das Wasser. Mit dem Putzlappen wäre es ein aussichtsloses Unterfangen, es so trocken zu bekommen, dass man keine Tropfen mehr sieht. Ich packe kurzerhand eines der gebrauchten Handtücher auf dem Boden, um zumindest den gröbsten Schaden zu beheben. „So machen Sie das also, Sie putzen die Dusche mit den Handtüchern des Kunden?“, höre ich plötzlich.

Fatima Benchenni steckt ihren Kopf durch den Türspalt des Bads. „Das kann nicht sein. Sie wissen, dass das verboten ist! Unhygienisch! Wenn das so weitergeht, können Sie nicht bleiben!“ Ich stehe vor ihr wie ein Kleinkind, ihr Blick triumphiert. Sie weiß, wie sie furchteinflößend wirken kann. Man kennt solche dosierte Willkür von anderen Jobs, bei McDonald’s etwa, aber diese Situation ist besonders skurril, da man zwischen Klo und Dusche in einem seltsam intimen Raum steht.

Auf dem Papier werden im Hotel alle Zimmermädchen nach dem französischen Mindestlohn bezahlt, allerdings werden nicht die am Arbeitsplatz verbrachten Stunden gezählt, sondern die ihnen zugewiesenen Zimmer. Eine halbe Stunde hat man hier im Hotel, in dem ein Gast für eine Nacht zwischen 165 und 341 Euro zahlt, für die Reinigung des Zimmers. So der „Takt“, den Fatima Benchenni vorgibt. Das sind zwei Zimmer pro Stunde à fünf Euro. Gemessen an anderen Hotels ist das nicht schlecht, in manchen hat man für ein Zimmer nur acht bis zehn Minuten und bekommt dafür 2 Euro 50.

„Schafft ihr das?“, frage ich nach ein paar Tagen die Mädchen in der in der Umkleide. „Nie“, antwortet eine. „Bei einer Duplex Suite und bei einer Abreise brauchst du eine Stunde. Auch wenn du nur sauber machst, schaffst du es meistens nicht, wenn sie es nicht in gutem Zustand hinterlassen.“ Fatima Benchenni stellt nur in Teilzeit ein, „damit man ein bisschen ein Mensch bleiben kann“, so hatte die Gouvernante es in meinem Einstellungsgespräch formuliert. De facto arbeiten alle Zimmermädchen hier Vollzeit, werden aber nur in Teilzeit bezahlt.

Morgens darf man bei Gästen erst dann klopfen, wenn sie das Schild A memorable moment away (was immer das heißen soll), an ihrer Klinke aufgehängt haben. Man schleicht eine Weile durch die Gänge. Der Albtraum jedes Zimmermädchens aber ist ein Schild auf dem A memorable rest steht. Es ist mein zweiter Tag, ich arbeite noch immer mit Anca zusammen. Gegen 16 Uhr sind wir bis auf ein Zimmer fertig. An der Klinke eines Zimmers hängt dieses Schild. „Wir warten eine halbe Stunde“, sagt Anca und schlägt vor, eine rauchen zu gehen. Als wir zurückkommen, hängt das ominöse Schild immer noch da. Schüchtern klopft Anca an. Ein Mann öffnet einen Türspalt: „Können Sie ein bisschen warten, das Baby schläft“, sagt er. Ein eleganter Franzose, junger Vater. Die Gouvernante erscheint. „Tja, wenn er sagt, warten Sie ein bisschen, dann muss man ein bisschen warten!“, sagt sie und lächelt schief.

Müde kauern wir uns auf der anderen Seite des Gangs an die Wand. „Sollen wir nicht nochmal klopfen?“ Anca schüttelt den Kopf. „Wir können nichts tun“, sagt sie. Aber das Zimmer muss gereinigt werden. Niemals würde sie sich über die Arbeitsbedingungen beschweren, so wenig wie die anderen das tun. „Tja, am Ende hat es lange geschlafen!“, sagt der Gast nur, als er nach anderthalb Stunden die Tür öffnet. Es ist nach sechs, unser Arbeitsschluss war um zwei.

Manche Hotelgäste grüßen höflich, mehr Aufmerksamkeit erfährt man nur selten. Einmal schiebe ich gerade meinen Chariot, den Zimmermädchenwagen, durch den Gang. Ich trage mein Pinguinkostüm mit der übergeknöpften blauen Bluse, wie eine Maid in einem englischen Herrenhaus. Da kommt ein Gast aus seiner Tür, gefolgt von einer Frau. Als er mich sieht, zögert er kurz, zieht dann einen 10-Euro Schein aus der Tasche und bittet mich, sein Bett frisch zu machen. Mein Trinkgeld hatte sich bisher auf ein paar aufs Bett geworfene Centstücke beschränkt. Nicht gerade respektvoll, dann lieber gar nicht. Es gab mal eine Kultur, da hat man sich als Gast geschämt, wenn man zu wenig gab.

Ich gucke mich um, bin unsicher, ob ich den Schein überhaupt annehmen darf, lasse ihn schnell in meiner Tasche verschwinden. Als ich in sein Bad komme wird mir klar, ich hätte misstrauischer sein sollen. Er hatte sein Geschäft nicht beseitigt und die Toilette war vollgepinkelt bis auf den Boden. Als ich meinen Kolleginnen davon berichte, unter denen keine einzige Französin ist (sie kommen aus Madagascar, Paraguay, Nigeria oder Rumänien), erzählt mir eine, dass ein Gast sein Geschäft mal unter der Dusche verrichtet habe. Protest würde ihnen nicht einfallen. Schon allein weil sie wissen, dass sie sonst ihren Job verlieren. Die meisten arbeiten wie ich mit einem so genannten Contrat d’extra, einem befristeten Zusatzvertrag, der für jeden Tag neu geschlossen wird. Solche Verträge sollen es vor allem Arbeitgebern im Hotel- und Gastronomiegewerbe erleichtern, für einmalige Anlässe zusätzliches Personal einzustellen. Im Hotel arbeiten viele der Mädchen seit Monaten mit solchen Verträgen. „Im letzten Hotel war es auch schon so“, sagt Layla. „Ich werde mein Leben lang Zusatz sein.“

Layla stammt aus Marokko, sie ist jung, großgewachsen und hübsch. An einem meiner ersten Tage trägt sie eine Art silbernes Diadem im Haar. „Nehmen Sie mir dieses Ding ab“, schnarrt die Gouvernante, aber Layla lässt sich nicht unterkriegen. Am nächsten Tag trägt sie eine silberne Haarklammer mit einer großen Libelle daran. Sie möchte die französische Staatsbürgerschaft beantragen, aber dafür bräuchte sie einen festen Arbeitsvertrag.

Drei Wochen sind vergangen, seit ich im Hotel arbeite. Am Ende eines langen Tages, ich mache schon die vierte Überstunde, bin ich müde und verstimmt. Fatima Benchenni taucht auf. „Sagen Sie, glauben Sie nicht, der Job ist zu hart für Sie?“, höre ich sie fragen. Ich antworte, der Job passe mir gut, aber es stimme, dass ich es nicht gewöhnt sei, acht Stunden zu arbeiten und nur für vier bezahlt zu werden. „Das habe ich mir schon gedacht, ich glaube, Sie schaffen das nicht“, sagt die Gouvernante.

„Ich sehe Sie immer weniger auf lange Sicht bei uns. Deshalb glaube ich, ist es besser, wir sprechen jetzt miteinander.“ Dann soll ich sie in ihr Büro begleiten. „Hier ist es zu hart für Sie, aber ich würde Ihnen die Ibis-Hotels empfehlen, da glaube ich können Sie es schaffen“, sagt sie und gibt sich großmütig: „Wenn die mich anrufen, werde ich auch nicht sagen, dass sie zu langsam waren.“ Ein paar Sätze, erledigt.

Luisa Marie Schulz ist Journalistin, den Job im Viersternehotel hat sie zu Recherchezwecken angenommen




Aus: "Die Unsichtbare" Elsa Moritz (Ausgabe 14/2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-unsichtbare

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Wobei der Job immer noch hart wäre, selbst wenn er anständig bezahlt würde.


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« Reply #932 on: Juni 17, 2019, 11:50:10 vorm. »
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[...] Die unteren Bildungsschichten sind in vielen Demokratien aus der politischen Partizipation ausgestiegen. Dies gilt selbst für die kognitiv anspruchsloseste politische Beteiligungsform, nämlich Wahlen. In den USA haben 2012 bei den Präsidentschaftswahlen 80 Prozent derjenigen Personen angegeben, zur Wahl zu gehen, die über ein Haushaltseinkommen von 100.000 US-Dollar und mehr verfügten; von jenen Bürgern aber, die ein Einkommen von 15.000 Dollar und weniger hatten, erklärte nur ein Drittel seine Wahlabsicht.

Auch in Deutschland ist das untere Drittel aus der Partizipation ausgestiegen. Deutschland ist zu einer zwar stabilen, aber dafür sozial selektiven Zweidritteldemokratie geworden. Sozioökonomische Ungleichheit übersetzt sich in kapitalistischen Demokratien sehr direkt in die Ungleichheit politischer Beteiligung.

Banken, Hedgefonds und Großinvestoren diktieren direkt oder indirekt den Regierungen, wie sie besteuert werden wollen. Amazon in den USA und Google in Irland sind hier nur die spektakulärsten Fälle. Folgen die Regierungen nicht den Steuerbefreiungsforderungen der Investoren, wandern diese in Niedrigsteuerländer ab. Politiker wollen gewählt oder wiedergewählt werden. Fehlende Investitionen aber gefährden Konjunktur, Wachstum und Arbeitsplätze – und damit ihre Wiederwahl. Das Erpressungspotenzial geografisch flexiblen Anlagekapitals gegenüber demokratisch gewählten Regierungen hat zugenommen. Wie unter einem Brennglas hat sich dies in der Finanzkrise von 2007/2008 vor allem in Europa gezeigt. Die Banken erwiesen sich als too big to fail. Da der Staat die desaströsen Dominoeffekte kollabierender Banken befürchtete, rettete er viele von ihnen mit dem Steuergeld der Bürger.

In Zeiten der Globalisierung weist der Finanzkapitalismus einige Besonderheiten auf: Digitalisierung, Geschwindigkeit, Volumen, Komplexität und die räumliche Entgrenzung und Reichweite finanzieller Transaktionen. Parlamente dagegen, der institutionelle Kern der Demokratie, sind territorial begrenzt und benötigen Zeit für die Vorbereitung, Beratung und Verabschiedung von Gesetzen. So ist die Desynchronisierung von Politik und Finanzmärkten systemisch bedingt und unvermeidbar.

... Erst wenn die demokratischen Fundamente von Gleichheit und Freiheit nicht mehr durch entfesselte Märkte unterspült werden, lässt sich der Kapitalismus mit den Grundprinzipien der Demokratie versöhnen.


Aus: "Kapitalismus: Aus dem Gleichgewicht" Aus einem Essay von Wolfgang Merkel (17. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/kapitalismus-finanzialisierung-globalisierung-demokratie-ungleichheit/komplettansicht

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Zwischentöne #32 

Reagan und Thatcher fingen damit an und Blair und Schröder beendeten das Werk der neoliberalen Heilsversprecher.

Nur Sozialdemokraten waren in der Lage, das Fallbeil am solidarischen Gesellschaftssystem anzulegen, da es ohne ihren Verrat an der "Arbeiterklasse" den Neoliberalen unmöglich gewesen wäre, die soziale Marktwirtschaft zu entarten.

Bis heute haben es die "Seeheimer" in der SPD nicht kapiert, dass sie damit den Untergang ihrer Partei und den Sieg der neoliberalen Gesellschaftsveränderer beschlossen.

Der Warner (Lafontaine) wurde in die Wüste geschickt und die Totengräber
sitzen heute bei der Leiche und "versaufen die Haut" solange noch ein Tropen in der Flasche ist und der mehr Prozent als die eigene Partei hat.

Sogar ein Neoliberaler erster Güte, der ehem. Finanzminister und Kanzlerkandidat
Steinbrück, hat diesen Irrweg mittlerweile erkannt. Leider immer erst dann, wenn
ihm niemand mehr zuhört.

Noch heute schwärmen und loben diejenigen die ANGEDA-Politik der SPD und geben
der Partei gute Ratschläge, die sie am liebsten im Abgrund sähen. Und die SPD ist immer noch nicht so weit, ihr eigenes Versagen klipp und klar zu benennen und diesen Irrweg zu verlassen.

Ein entfesseltes Ungeheuer (Kapitalismus) bändigt man nicht durch immer neue Opfer sondern dadurch, dass man es in Ketten legt und die Krallen und Zähne zieht.

Es muss wieder gelten, dass der Staat den Markt regelt und nicht die unsägliche Merkel-Sicht der marktkonformen Demokratie.

[Der Kardinalfehler war der Genosse der Bosse und seine Anhänger, die die SPD okkupierten, alle Widersacher in der Partei kalt stellten, in die innere Immigration/Wahlenthaltung trieben oder zum Parteiaustritt.

Mit Schröder, Klement, Müntefering, Steinbrück, Steinmeier, Hombach und den versammelten Seeheimern hatte der Marsch der SPD in die neoliberale Mittel längst begonnen, alle waren überzeugte Anhänger des New Deal, der Entfesselung der Kapital- und Finanzmärkte und wollten lieber mit den Bossen Champagner schlürfen statt mit dem Kumpel ein Bier zu trinken.

Dies wäre durch Lafontaine und die paar Linken in der Partei nicht aufzuhalten gewesen.

Noch heute klatscht man in der SPD den Totengräbern (s.o.) mehr Beifall, als dem "gefallenen Engel" Lafontaine.]


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Fritz IV #35

Wenn die Einkommens- und Vermögensunterschiede derartig krasse Formen annehmen, gibts keine Demokratie mehr.
Die Oligarchen können sich dann alles kaufen, die Regierung, die Justiz, die Presse.
Ja, sie können sogar in den Medien die Selbst-Bezeichnung "Investoren" durchsetzen.


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Bberliner #38

Die Geldschöpfung war und ist feudal organisiert, solange das so bleibt und die monetären Lebensadern der Ökonomie nicht demokratisiert werden, solange sollte die Erosion von Demokratie keinen ernsthaft verwundern?


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1971koepi #42

Das Kapital regiert. Hat jemand etwas anderes erwartet? Demokratie ist von Menschen gemacht. Menschen agieren in der Regel im Eigeninteresse und sind somit vom Kapital beeinflussbar. Sei es durch Anerkennung, schnöden Mammon, ... . Die Käuflichkeit der Herrschenden hat bisher noch jedes System kaputtgemacht.


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Strogow #46

 ... Globalisierung, damals noch Imperialismus genannt ...

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mounia #47

Es regieren die sog. Märkte.Das hat mit Demokratie nix zu tun,auch wenn es marktkonforme Demokratie genannt wird.


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skipporiginal #48

"Die Banken erwiesen sich als too big to fail. " Nein.

Erwiesen - Erweisen; in diesem Zusammenhang also Nachweisen oder Beweisen;

Einen Beweis oder Nachweis hat es nicht gegeben. Es wurde schlicht als "alternativlos" bzeichnet und verkauft ...


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Einfacher Bürger #62.1

Die Krönung ist diese Aussage: "Auch in Deutschland ist das untere Drittel aus der Partizipation ausgestiegen."

Ausgestiegen? Wohl eher rausgestossen, bei voller Fahrt. Und die Politik hat mit der Agenda 2010 noch nachgetreten.

Danke für nichts.


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« Reply #933 on: Juni 24, 2019, 09:57:18 vorm. »
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[...] Wenn die Zeit der Bilanzpräsentationen vorbei ist, kommt für Aktionäre der Bonusmoment. Dann wird die Dividende – das ist ein Teil des Gewinns – an sie ausgeschüttet. 3,2 Milliarden Euro werden heuer allein von den 20 Unternehmen, die im heimischen Leitindex ATX notieren, an die Anleger weitergereicht. Das ist um 17,2 Prozent mehr als im Vorjahr (2,75 Mrd. Euro) und ein neuer Rekord. Das zweite Jahr in Folge zahlen alle 20 ATX-Unternehmen eine Dividende aus. Mit 597,4 Mio. Euro vergütet die Erste Group ihre Anleger am großzügigsten, gefolgt von OMV (571,8 Mio. Euro) und der Raiffeisen Bank International mit 305,6 Mio. Euro. In Summe haben 75 Prozent der ATX-Konzerne ihre Dividendenzahlung erhöht – zum Teil recht großzügig. Das geht aus dem Dividendenreport 2019 der Arbeiterkammer Wien hervor.

... in Deutschland können die Anleger jubeln. Die Dax-Konzerne zahlen ebenfalls Dividenden in Rekordhöhe. Die Ausschüttungen steigen heuer im Vorjahresvergleich um knapp drei Prozent auf insgesamt 36,5 Milliarden Euro. Das haben die Wirtschaftsprüfer des Beratungsunternehmens EY berechnet. 15 der 30 Konzerne zahlen demnach mehr Dividende aus als je zuvor. Insgesamt erhöhen 21 Unternehmen ihre Ausschüttungen an die Aktionäre – trotz eines sich abschwächenden wirtschaftlichen Umfelds. 


Aus: "Warum es für Aktionäre jetzt Geld regnet" Bettina Pfluger (24.6.2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000105302681/Warum-es-fuer-Aktionaere-jetzt-Geld-regnet


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« Reply #934 on: Juni 24, 2019, 04:57:12 nachm. »
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[...] Als Reinigungskraft verdient Holtkotte den Mindestlohn in ihrer Branche, das sind 10,56 Euro pro Stunde in Westdeutschland. Mit ausreichend Arbeitstagen kommt sie monatlich auf einen Betrag zwischen 1.050 und 1.100 Euro, sagt sie. Damit gilt Holtkotte hierzulande als armutsgefährdet, auch wenn sie es lieber "knapp bei Kasse" nennt. Sie ist 48, und weil sie nichts zurücklegen kann, droht ihr im Ruhestand Altersarmut, wie momentan jeder fünfte Renter und Rentnerin in Deutschland.

Holtkottes Rente wird später 715 Euro betragen. Über diese Zahl hat sie im letzten Dreivierteljahr in Interviews, TV-Sendungen und Talkshows gesprochen. Redakteure klopfen gerne bei Holtkotte an, wenn sie Protagonisten zum Thema Altersarmut oder prekäre Arbeit suchen, wegen ihrer kernigen Sätze – und weil es nicht einfach ist, jemanden zu finden, der so offen über Armut redet. "Ich spreche aus, wofür sich viele schämen", sagt Holtkotte. Denn sie sei nicht diejenige, die sich genieren sollte. "Die Arbeitgeber in allen Branchen müssen lernen, anständige Gehälter zu zahlen. Sonst sollen sie Pickel am Arsch bekommen und zu kurze Arme, um sich zu kratzen."

Mittlerweile hat Holtkotte auch ein Buch geschrieben, das am 25. Juni erscheint. Der Titel ist an ihren zukünftigen Rentensatz angelehnt: 715 Euro – Wenn die Rente nicht zum Leben reicht. Eine Reinigungskraft klagt an. Darin erzählt Holtkotte ihre Lebensgeschichte als Arbeiterin im Niedriglohnsektor. Zum anderen kritisiert sie die Rentenpolitik und stellt Forderungen auf. Zum Beispiel: "Spart nicht länger an euren Mitarbeitern, das sind Menschen, denen ihr euren Wohlstand verdankt."               

Angefangen hat Holtkottes öffentliches Leben im Herbst vergangenen Jahres. Der WDR filmte sie für die Doku Arm trotz Arbeit. Holtkotte erzählt darin vom Arbeitsalltag im Krankenhaus, den Rückschmerzen, der Schmerztablette nach Feierabend. Kurz danach wurde sie im Morgenmagazin des ARD in einem gleichnamigen Beitrag interviewt, live in ihrer kleinen Küche, frühmorgens vor der Schicht.

Wenige Monate später diskutierte Holtkotte mit dem Arbeitsminister, der Sozialverbandspräsidentin, einem FDP-Fraktionssprecher und dem Cicero-Chefredakteur in der Talkshow hart aber fair über Heils Vision der Grundrente: Wer 35 Jahre oder länger in die Rentenversicherung eingezahlt hat, soll nach seinen Plänen eine Mindestrente erhalten – und zwar ohne Prüfung der Bedürftigkeit des Antragstellers. Holtkotte selbst hat keine Ersparnisse, sagte sie in der Sendung, wetterte aber dennoch gegen die Bedarfsprüfung: "Es ist eine Frechheit, dass die Menschen im Endeffekt so bestraft werden." Plasberg fragte sie daraufhin, mit wem sie am liebsten mal den Job tauschen würde. Holtkotte nannte Heil und der Arbeitsminister schlug ein. Holtkotte begleitete ihn dann einen Tag lang in Berlin, war mit ihm beim 100. Geburtstag der Internationalen Arbeitsorganisation. Heil schrubbte nach Holtkottes Anweisung gemeinsam mit ihr im Keller die Bettgestelle.

Der Anruf des Verlegers kam einen Tag nach ihrem Auftritt in Plasbergs Sendung, erzählt sie. "Ihnen ist schon klar, mit wem Sie hier reden, ne?", habe sie in den Hörer gesagt. "Ich hab nix mit Büchern an der Brause, hab für so was kein Geld." Als sie verstand, worum es ging, habe sie aber sofort zugesagt. Zum einen, weil ein Urlaub an der Nordsee vom Honorar rausspringen könnte. Zum anderen, weil sie auf die "versteckten Menschen" aufmerksam machen wollte – so nennt Holtkotte sich selbst und ihre Kolleginnen im Reinigungsgewerbe. Sie ist überzeugt davon, dass auch ihre Arbeit wichtig für die Gesellschaft ist, sagt sie. "Wenn alle Reinigungskräfte in jedem Krankenhaus, in jeder Kneipe, zum selben Zeitpunkt den Lappen hinlegen, läuft gar nix mehr", sagt Holtkotte.

Knapp vier Monate nach dem Anruf hält Holtkotte ihr 128-seitiges Buch in der Hand, und findet, dass ihr Foto auf dem Cover viel zu streng aussieht. "Wie Frau Rottenmeier, ne?", die Hausdame in Heidi. In dem Micky-Mouse-Shirt und der Jeans, die sie heute trägt, scheint sie viel weniger forsch als in der weißen Reinigungskluft. Kämpferisch bleibt sie trotzdem: "Mir war schon klar, dass dumme Sprüche kommen werden, nach dem Motto: ‘Hättste was Vernünftiges gelernt, hättste heute vernünftiges Geld!'", sagt sie. "Da lach ich nur drüber. Wer im Krankenhaus im sauberen Bett liegt, soll froh sein, dass ich nix Vernünftiges gelernt hab."

Holtkotte arbeitet, seit sie 19 Jahre alt ist. Zuerst in der Schokoladenfabrik am Fließband, dann die nächsten 19 Jahre als Gärtnerin, im Verkauf, im und am Wochenmarkt. Nachdem ihre Mutter starb, zog Holtkotte von Dortmund nach Bochum und ging in die Altenpflege, betreute drei Jahre lang Menschen im Wachkoma und hievte 100 Kilogramm schwere Patienten von Bett zu Bett. Dann kamen zwei Bandscheibenvorfälle, eine Reha, das Arbeitslosengeld I, das ein Jahr später in Hartz IV mündete. Der Berater im Jobcenter habe ihr vorgeschlagen, für 1,50 Euro pro Stunde Pferde zu striegeln. Sie habe ihm geantwortet, sie werde nicht so einen Blödsinn erledigen, nur um aus der Statistik zu fallen. Stattdessen spazierte sie ins Bochumer Krankenhaus und blieb so lange hartnäckig, bis sie zum Probearbeiten kommen durfte. "Die Vorgesetzte hat mich gefragt: ‘Wie gefällt's Ihnen?’ Und ich so: ‘Kann einem ein Reinigungsjob gefallen?’", erzählt sie. "Man muss doch arbeiten. Das ist schon okay so. Und abgesehen von dem Reinigen sind die Leute ganz cool." Seit sieben Jahren ist sie dort angestellt.

Aufhören zu arbeiten, komme für sie nicht infrage – auch wenn sich ihr Nettogehalt kaum vom Hartz-IV-Satz unterscheidet, den sie bekommen würde. Es tut ihr weh, sagt sie, dass sie trotz der harten Arbeit manchmal am Ende des Monats überlegen muss, ob sie sich lieber etwas zu essen kauft oder für zehn Euro tanken geht. Oder dass sie einen abgebrochenen Zahn nicht behandeln lässt, weil sie sich die Monatsbeiträge für eine Zusatzversicherung nicht leisten kann. Wegen Existenzängsten hatte sich Holtkotte auch gegen das Muttersein entschieden. "An ein Kind wär' ich in meinem Leben schneller gekommen als an fünf Euro. Aber mit welcher Zukunft? Aufstocken?", sagt sie. Für ihren Nachwuchs hätte sie sich Sicherheit gewünscht, aber stabil genug sei ihr Leben zu keinem Zeitpunkt gewesen.

Holtkotte glaubt an mindestens zwei Dinge: erstens an Gerechtigkeit. Deswegen engagiert sie sich als Betriebsrätin, Gewerkschafterin und ehrenamtliche Richterin am Arbeits- und Sozialgericht. Und zweitens glaubt sie daran, dass sich etwas verändert, wenn man laut wird. Vielleicht ist es auch der Grund, warum sie auch an Feiertagen Pressetermine wahrnimmt, oder sich auf den Jobtausch mit Heil einlässt, zu dem er mit einem riesigen Kamerateam anrückte.

"Ich weiß schon, dass jetzt alle scharf auf die Interviews sind, und im August hörste dann nix mehr von der Reinigungskraft aus'm Pott", sagt Holtkotte. Wahrscheinlich hat sie damit recht. Denn sie ist nicht die erste Reinigungskraft und Gewerkschafterin aus dem Pott, die in den Medien über prekäre Arbeit spricht und Lösungen fordert. Auch die kürzlich verstorbene Susanne Neumann und Petra Vogel haben in den letzten Jahren in Talkshows und Zeitungen für soziale Gerechtigkeit ihre Stimme erhoben und dafür Applaus bekommen. Neumann trat in die SPD ein und dann wieder aus, schrieb ein Buch. Vogel hat in der ZDF-Sendung Klartext, Frau Merkel die Kanzlerin selbst gefragt, wie sie im Alter überleben solle, hat sich mit dem Wischmop bei der Arbeit filmen lassen. Beide Frauen sind bald wieder aus den Medien verschwunden.

Der Mitarbeiterausweis, den Holtkotte im Arbeitsministerium getragen hat, hängt jetzt an der Fotowand im Flur, gleich neben Fotos von ihrem Vater, dem großen und kleinen Bruder, der Schwägerin, Fotos von gemeinsamen Kneipen- und Grillabenden. Ihrer Familie, sagt Holtkotte, würde sie gerne mal etwas zurückgeben. Vom Buchhonorar will sie 300 Euro abzwacken und damit nächstes Jahr, zum 50. Geburtstag, eine Party organisieren, und denjenigen Danke sagen, die ihr immer unter die Arme greifen.

Denn obwohl sie eine so große Klappe habe, sei sie nicht nur immer "Susi, die Granate". Es gäbe auch die anderen Tage, an denen sie auf der Couch säße und flenne und sich überlege, wie es weitergehen soll, mit ihrem Leben, ihrer Arbeit, ihrer Rente. Als einmal ein befristeter Arbeitsvertrag ausgelaufen ist, hat sie beispielsweise schon Zweifel bekommen, ob es immer so schlau war, die eigene Meinung so laut zu sagen. "Aber wieso soll ich nicht frei denken dürfen?", sagt sie dann. "Weil ich eine Reinigungskraft bin?"

Wie würde sie sich ihr Leben in einem Deutschland vorstellen, in dem alles, wofür sie sich einsetzt, umgesetzt worden wäre? Holtkotte wird leiser, zum ersten Mal nach fünf Stunden. Eine Utopie will ihr nicht einfallen. Stattdessen zählt sie auf, was sie nicht will: ihre Wohnung verlieren und die Nuckelpinne verkaufen müssen, an der Tafel um Lebensmittel betteln, in Mülleimer greifen und Flaschen sammeln. Und dann fügt sie an: "Nach so einem Leben, in dem ich immer fleißig arbeiten war und niemandem auf den Sack gegangen bin, habe ich das einfach nicht verdient."

Susanne Holtkotte, "715 Euro – Wenn die Rente nicht zum Leben reicht. Eine Reinigungskraft klagt an." Riva Verlag, 128 Seiten



Aus: "Sie schämt sich kein bisschen" Juli Katz, Bochum (24. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/arbeit/2019-06/soziale-gerechtigkeit-armut-job-susanne-holtkotte-reinigungskraft/komplettansicht

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Super-Migrant #1

Bei aller Liebe und Respekt für die Arbeit einer Reinigungskraft, aber wieso hat man solche Ansprüche? Gewisse Berufe haben nun mal bestimmte Preise. Das weiß man vorher! Und man hatte ein ganzes Menschenleben Zeit das ganze in andere Bahnen zu lenken. Tat es aber nicht, weil man dachte es könne ewig so weiter gehen. Mehr Eigenverantwortung könnte den keine gut tun, aber das darf man ja nicht mehr von den Leuten fordern!

[ ... Marktpreis eben. Marktverzerrungen rächen sich immer in irgendeiner Form! Man hat Entscheidungen getroffen im Leben, aber zu diesen möchte man dann doch nicht stehen. Komisch! Und die anderen sollen für die persönlichen Entscheidungen geradestehen. Alles klar! ... Ich hätte auch so gerne so vieles. Aber das muss man sich halt erstmal verdienen.  ... Die Leute sollen einfach nur realistisch bleiben und ihre Anspruchshaltung überdenken! ... Putzkräfte sind leicht zu ersetzen. Dann wird diese Tätigkeit eben durch jemand anderen ausgeführt. ...]


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Bahatschi #1.23

... von welchem Anspruch sprechen Sie? Was die gute Dame da formuliert, halte ich nicht einmal für den Mindestanspruch, den ein fleißiger, sein Leben lang arbeitstätiger Mensch, haben darf. Ich verstehe Ihre Haltung, ich war früher ähnlich drauf. Der Kapitalismus bzw. dessen Marktgesetze als Begründung jeglicher sozialer Ungerechtigkeit. Anders konnte ich für mich einfach nicht rechtfertigen, mit einem gesellschaftlich weniger relevanten Job das 8fache von bspw. der guten Dame hier zu verdienen.

Vielleicht fällt bei Ihnen der Groschen auch noch, ich wünsche es Ihnen.


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Löwe Samson #1.25

..." dass die Arbeit von Frau Holtkotte gesamtgesellschaftlich deutlich wertvoller ist als die ihrige"...

Sehr gut, das ist genau die Schlüsselfrage, die an viele Jobs gestellt werden sollte.


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GlobalTraveler #1.30

... Vor kurzem gab es hier auf ZON die Diskussion über die schlechte Bezahlung der Paketboten. Gleiche Tenor wie hier. Mein Einwand war annähernd der gleiche wie hier, die Antworten darauf auch.
Keinen Tag später hatte man Leute dazu befragt: Nein, die Paketkosten dürfen aber nicht steigen...

Jeder, der für seine Urlaubsreise den billigsten Anbieter sucht, der auf ebay oder Amazon über den Preis selektiert, der beim Discounter Jeans mitnimmt oder im Media-Markt nach dem Preis fragt, sollte hier besser ganz still sein.


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Mr.Finch #1.32

Ich finde Ihre Kommentare ziemlich menschenverachtend. Sie setzen den Arbeitsmarkt mit dem Markt für Waren und Dienstleistungen gleich. Hier geht es aber um Menschen. Menschen, die jeden Morgen aufstehen, 8 Stunden arbeiten und eine wichtige und sinnvolle Tätigkeit verrichten. Nur weil diese Tätigkeit keine umfangreiche Ausbildung voraussetzt und deshalb die Arbeitskräfte leicht austauschbar sind, ändert das nichts daran, dass diese Menschen für das Funktionieren unseres Gesamtsystems unverzichtbar sind. Und genau das rechtfertigt eine faire Bezahlung. Das Argument "hätten sie etwas Vernünftiges gelernt" ist wirklich die dümmstmögliche Aussage zu dem Thema. Wenn alle BWL studiert hätten, müssten diese Arbeiten trotzdem von jemandem verrichtet werden. Dann halt von Leuten mit Master in BWL.
Wer in Vollzeit arbeitet hat das Recht auf eine faire Entlohnung und eine entsprechend Rente, die vor Armut schützt. Gesteht man das solchen Menschen nicht zu, ist das barbarisch und widerlich.


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Wollte auch mal was schreiben #1.35

[Richtig. Für 10,-/h lasse ich putzen, bei 20,-/h ziehe ich den Anzug aus und putze selbst.]

Im Krankenhaus oder auf dem Bahnhofsklo?


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Neues vom Dorf #1.55

Der deutsche paritätische Wohlfahrtsverband hat vor einigen Jahren errechnet, dass, um keine Grundrente zu beantragen [zu müssen] nach 45 Jahren [Arbeit], der Mindestlohn 12,50 Eur betragen müsste. ...


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  Kausu #19

Wenn das Einkommen ihr zu gering ist, dann sollte sie vielleicht mit der Teilzeit aufhören.


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« Reply #935 on: Juni 25, 2019, 09:41:20 vorm. »
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[...] In einem offenen Brief haben sich mehrere reiche US-Unternehmer für die Einführung einer Vermögensteuer ausgesprochen. Zu den Initiatoren gehören etwa der Milliardär George Soros, Facebook-Mitbegründer Chris Hughes sowie Disney-Erben und die Besitzer der Hotelkette Hyatt. Sie rufen die Präsidentschaftsbewerber für die Wahl 2020 auf, eine gemäßigte Vermögensteuer zu unterstützen. "Amerika steht in der moralischen, ethischen und ökonomischen Verantwortung, unseren Wohlstand stärker zu besteuern", heißt es in dem Brief, der auf der Plattform Medium veröffentlicht wurde.

Demnach kann eine Vermögensteuer dabei helfen, den Klimawandel anzugehen, die Wirtschaft zu stärken und Chancengleichheit zu schaffen. Umfragen zeigten, dass eine Mehrheit eine moderate Vermögensteuer für die reichsten Amerikaner unterstütze, schreiben die Autoren. Mehrere der demokratischen Präsidentschaftsbewerber haben sich bereits für eine Vermögensteuer ausgesprochen.

Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner verweisen unter anderem auf den Großinvestor Warren Buffet, der nach eigenen Angaben niedriger besteuert wird als seine Sekretärin. Sie signalisieren Unterstützung für die Vorstöße zu den Vermögensteuerplänen einiger demokratischer Präsidentschaftsbewerber – darunter die Senatorin Elizabeth Warren und Beto O'Rourke. Sie mahnen aber auch einen überparteilichen Konsens an.

Der Aufruf trägt die Unterschriften von 18 Unterzeichnern und Unterzeichnerinnen aus elf Familien und wird zusätzlich von einem weiteren Milliardär unterstützt, der anonym bleiben möchte.


Aus: "Vermögensteuer: "Besteuert uns stärker"" (25. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-06/vermoegenssteuer-usa-superreiche-unternehmer-us-wahlkampf

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sonstwer #32

Vermögenssteuer ist Kommunismus und ein Werkzeug des Teufels....


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Super-Migrant #15.3

Die Typen sollen einfach für sich sprechen und nicht für alle. Das ist äußerst anmaßend!


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Super_Kluk #15.4

Es ist äußerst anmaßend, dass Sie den Personen den Mund verbieten wollen. Diese dürfen fordern, was sie wollen.


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Konsumpapst #4

Sowas würde ich in Deutschland gern einmal erleben.


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hitd #4.8

... Gab es u.a. schon 2011: Deutsche Millionäre fordern Steuererhöhungen

"Nehmt unser Geld", fordern vier prominente Millionäre. Sie plädieren für Steuererhöhungen für Reiche, um Deutschlands Schulden zu tilgen. (31.08.2011)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/aufruf-der-reichen-deutsche-millionaere-fordern-steuererhoehungen/4561436.html


Quote
silverbeard8 #13.1

... Menschen, die am Existenzminimum leben, haben keine Möglichkeit zu Konsumieren. So kann ein Unternehmer keinen Profit machen. Das schwächt die Aktien. In amerikanischen Städten gibt es inzwischen ganze Viertel, wo die Menschen in Zelten auf der Strasse leben, weil sie sich keine Wohnung mehr leisten können.


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E_Dantes #19

Vielleicht haben die einfach erkannt, dass der Elfenbeinturm zusammen kracht, wenn das Fundament bröckelt. ..


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vincentvision #23

Man muss nicht arm sein, um ein soziales Gewissen zu haben!

Aber das werden die gesellschaftlichen Ichlinge, die linken, sozialen Mitmenschen vorwerfen, unglaubwürdig zu sein, wenn sie sich als Reiche für Soziales einsetzen und sich dennoch auch persönlichen Luxus leisten, nie verstehen (wollen).

Und so pöbelt dann schnell auch der missgünstige Kleinbürger, der einer Sawsan Chebli (Migrantin, Muslima, SPD) ihre Rolex vorwirft oder den Grünen pauschal unterstellt „ihre Kinder alle auf Privatschulen“ zu schicken.

Trostlos.


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Einfacher Bürger #24

"Sie wollen damit die Chancenungleichheit verringern."

Die Wahrheit ist: Sie wollen Bernie Sanders verhindern.

Jahrzehntelang haben sich die Superreichen nicht die Bohne für Chancengleichheit interessiert. Ganz abgesehen davon kann man fragen, inwiefern höhere Steuern die Chancengleichheit verringern. Aber, geschenkt.

Die Unterzeichner haben erkannt, dass die USA einem Pulverfass gleicht, welches ihnen jeden Moment um die Ohren fliegen kann. Sie haben es in der Vergangenheit schlicht in jeder Hinsicht übertrieben. Hungerlöhne, Opposition gegen die Einrichtung eines Sozialstaates europäischer art, Steuervermeidung bis zum Exzess. Alles um noch mehr, noch mehr, und noch mehr zu raffen.

Die Folge: Ideen vom Sozialstaat, die noch 2016 (vor lächerlichen drei Jahren) von einer Mehrheit der Amerikaner als Sozialismus rundweg abgelehnt wurden, sind inzwischen Mainstream. Was für eine rasante Entwicklung.

Von außen ist es interessant zu beobachten, wie sich die Situation in den USA weiter entwickelt.


Quote
deefens #24.1

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.


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silverbeard8 #25

Der ein oder andere Superreiche begreift eben, das man besser und sicherer lebt, wenn alle ein auskömmliches Leben haben und nicht kriminell oder radikal werden müssen. ...


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Jeep-SRT #25.1

Steuern sind das eine, was die Politik mit dem Geld macht, ist wiederum etwas anderes.
Ein Blick auf Deutschland zeigt, dass Rekordsteuereinnahmen kein Garant für eine intakte Infrastruktur oder gar Reichtum sind.
Was würde die Bundesregierung mit zusätzlichen 100 Mrd. € machen?


Quote
Love Street #37

Seltsam, warum spenden sie ihr Geld dann nicht freiwillig ?


Quote
Diego666 #37.1

... Warum gründen die Aufrufer nicht einfach Stiftungen, die dem Gemeinwohl zu gute kommen? - nach dem Motto, lasst die Bösen böse sein und die Guten Gutes machen.
Man kann sich sicher sein, dass diese Milliardäre hier das auch machen. Eine Steuer sorgt für eine organisierte Abgabe auch für die, die das nicht oder nur unzureichend machen würden.

Das System hat sie reich gemacht und andere im Gegenzug immer ärmer, da ist es nur fair, dass das System ihnen einen Teil des Geldes wieder abnimmt, um es dem System zurückzuführen.

Niemand verlangt, dass sie dadurch arm werden, im Gegenteil, ich gönne ihnen Reichtum, aber eben keinen Unanständigen, der zu Lasten der Allgemeinheit geht.

P.S. Aber wie man auch hier sieht, das ist das Rufen in den Wald.



Quote
Nightrider #50

Kleiner Rückblick: zu Nixon's Zeiten lag der Spitzsteuersatz noch bei 70%, ohne dass deshalb der Sozialismus ausgebrochen wäre.

Nach 40 Jahren neoliberaler Dauerindoktrinierung gilt es nun schon als revolutionärer Akt, die Steuern wieder zu erhöhen. Und da sich die Demokraten offenbar immer noch damit schwertun, ihr soziales Gewissen wiederzuentdecken, muss man ein paar Unternehmer vorschicken...

Das sagt einiges aus über den bedauernswerten Zustand der Demokraten; Parallelen zur Sozialdemokratie in Europa dürfen ebenfalls gezogen werden.


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« Reply #936 on: Juni 26, 2019, 11:57:24 vorm. »
Quote
[...] Der Tod Walter Lübckes hat endlich auch bürgerlich-konservativen Kreisen die Gefahr des Rechtsextremismus deutlich vor Augen geführt. ...


Aus: "Stephan E. gesteht Mord an Lübcke: Warum Zweifel an seiner Aussage berechtigt sind" Markus Decker (26.06.2019)
Quelle: https://www.kn-online.de/Nachrichten/Politik/Kommentar-Das-Gestaendnis-von-Stephan-E.-ist-konsequent

-


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Nicht Chevy Chase @DrWaumiau 01:55 - 26. Juni 2019

Stephan E. hat im Mordfall Lübcke gestanden.

Armin Schuster, CDU-Obmann im Innenausschuss:
"Das wäre der erste rechtsextremistische Mord seit dem Kriegsende"
https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-558753.html (26.06.2019)

WER. SAGT. ES. IHM?

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Wolfgang @wulfman_muc
26. Juni
Antwort an @DrWaumiau
Ist der Mann gestern aus 30 Jahren Koma erwacht?

-

Daniel J. @d_jaenecke
26. Juni
Antwort an @DrWaumiau
Er meint, der erste Mord der zählt. An einem Politiker. Sagt er ja auch ganz klar so im Interview.
Muss man ja verstehen, wenn es einen Politiker trifft ist das natürlich dramatischer als beim gemeinen Pöbel.

-


OhneName @calien_666
26. Juni
Antwort an @DrWaumiau
Der Typ war Obmann im 2. NSU-Ausschuss und redet von "erstem rechtsextremen Mord seit dem Krieg". ...

-

Herr Dachschaden @dachschadenheit
26. Juni
Antwort an @DrWaumiau
Klarer Verhaspler, er meint ziemlich sicher "erster rechtsextremistischer Politikermord", daher auch der Bezug zur RAF. Dennoch ohne Zweifel dämlich, vor allem weil er die Chance zur Korrektur hat.

-

Juli @realjulih
26. Juni
Antwort an @DrWaumiau
Ich denke, dass ich weiß, was er sagen wollte. Der erste rechtsextremistische Mord an einem Politiker. Aber die Mordversuche hat er außer Acht gelassen. Naja, etwas unbeholfen war er da.

...


Quelle: https://twitter.com/DrWaumiau/status/1143804972179623936?s=03
« Last Edit: Juni 29, 2019, 11:11:54 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #937 on: Juni 26, 2019, 02:00:29 nachm. »
Quote
[...] Schlecker-Frauen, das war mal ein geflügeltes Wort. Es meinte die fast 25.000 Verkäuferinnen der Drogeriemarktkette Schlecker, die in die Pleite gerutscht war. Fünf Jahre ist das her. Die Schlecker-Frauen wären damals beinahe zum Wort des Jahres geworden. Das zeigt, wie sehr die Schockwellen der Pleite das ganze Land erschüttert haben. Das Schicksal der Verkäuferinnen hat Deutschland sehr bewegt.

Sie sind dann bald vergessen worden. Die Gewerkschaften klagen, dass das Interesse „sehr schnell deutlich nachgelassen“ hat. Nun aber wird sich das wohl schlagartig ändern. Denn jetzt, am 6. März, stehen Drogeriemarktkönig Anton Schlecker und seine Familie vor Gericht.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart wirft ihm vor, rund 70 Millionen Euro beiseitegeschafft zu haben. Er soll außerdem die Lage seines Konzerns falsch dargestellt, später unrichtige Angaben vor dem Insolvenzgericht gemacht und das auch noch an Eides statt versichert haben.

Die Staatsanwälte sind einiges gewohnt, sie haben unter anderem gegen den Drogerie-Patriarchen Erwin Müller und Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking ermittelt. Sie hatten einiges zu tun, um Schleckers Pleite aufzuarbeiten. Die Ermittlungsakte umfasst 204 Aktenordner, außerdem haben die Fahnder 150 Umzugskartons an Asservaten zusammengetragen. Für Schlecker steht viel auf dem Spiel: Allein der Vorwurf des vorsätzlichen Bankrotts in einem besonders schweren Fall kann eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren bedeuten.

Das Landgericht Stuttgart hat allerdings nicht nur die Anklage der Staatsanwaltschaft gegen Schlecker zugelassen, sondern auch die gegen seine Frau Christa und die beiden Kinder Lars und Meike. Der Verdacht ist, dass sie ihrem Mann beziehungsweise Vater geholfen haben, im Juristendeutsch: Anklage wegen Beihilfe zur Insolvenzverschleppung und Untreue.

Und wie die Dinge stehen, kann es gut sein, dass etliche Schlecker-Frauen ins Gericht kommen, in der Hoffnung, dass ihnen späte Gerechtigkeit widerfährt. Christel Hoffmann jedenfalls, früher Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, sagt: „Ich hoffe, dass die ganze Wahrheit auf den Tisch kommt.“ Die Umstände des Bankrotts lägen schließlich noch immer im Dunklen. Sie wirft Schlecker noch immer vor, dass er es damals nicht für nötig hielt, den Betriebsrat und die Beschäftigten über die Lage der Firma zu informieren. Sie wirft ihm auch vor, dass er die Ideen seiner Mitarbeiter ignoriert hat, wie er seine Läden besser hätte machen können.

Das Schmuddel-Image der kleinen Läden, so sagen es Experten, sei einer der wichtigsten Gründe, warum es Schlecker nicht mehr gibt. Die Deutschen sind lieber in die großen und hübscheren Filialen der Konkurrenz gegangen als in Lädchen mit schmalen Gängen und nackten Neonröhren an der Decke.

...  „Viele Schlecker-Frauen waren schwer zu vermitteln“, sagt Ver.dis Landesfachbereichsleiter Bernhard Franke. „Weil sie überdurchschnittlich alt waren, größtenteils vollzeitbeschäftigt und wohnortnah im ländlichen Raum gearbeitet haben. Dieses Profil gibt es im Einzelhandel praktisch nicht mehr.“

Dabei, sagt Franke, hätte alles ganz anders kommen können.

„Damals ist viel an politischer Ideologie gescheitert.“ Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz und die baden-württembergische Landesregierung seien sich schon über eine Transfergesellschaft einig gewesen. Die dafür notwenige Staatsbürgschaft in Höhe von 70 Millionen Euro habe am Ende aber der FDP-Wirtschaftsminister in Berlin verhindert. „Leider“, sagt Franke, „wurde das hinterher nie politisch aufgearbeitet.“ Und auch für das Unternehmens- und das Insolvenzrecht habe man keine Lehren aus dem Fall Schlecker gezogen. Von dem Prozess erhofft sich Franke deshalb auch nicht allzu viel. Er findet gut, dass der Fall juristisch aufgearbeitet wird. Aber es wird nicht viel dabei herauskommen, glaubt er.

Eine symbolische Genugtuung für die Schlecker-Frauen vielleicht, mehr nicht.


Aus: "Die vergessenen Frauen des Anton Schlecker" Carsten Dierig, Wirtschaftskorrespondent (06.03.2017)
Quelle: https://www.welt.de/wirtschaft/article162604400/Die-vergessenen-Frauen-des-Anton-Schlecker.html

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Quote
[...] Laut dem Manager Magazin verfügte die Familie Anton Schleckers 2011 über ein Gesamtvermögen von circa 1,95 Milliarden Euro und belegte in diesem Jahr damit Platz 56 unter den 500 reichsten Deutschen.

Nach der Insolvenz im Januar 2012 war nach Aussage von Schleckers Tochter Meike sein Vermögen und das der Familie aufgezehrt und kein signifikantes Vermögen mehr vorhanden.[9] Laut Manager Magazin standen der Familie dennoch weiterhin rund 70.000 Euro monatlich (aus Vermögen der Kinder und der Ehefrau) zur Verfügung.

...

1998 verurteilte das Landgericht Stuttgart das Ehepaar Schlecker per Strafbefehl zu einer Freiheitsstrafe von je zehn Monaten auf Bewährung und zu einer Geldstrafe in Höhe von je einer Million Euro, weil sie den Schlecker-Beschäftigten eine tarifliche Bezahlung vorgetäuscht hatten. Tatsächlich lagen die Löhne niedriger, was das Gericht als Betrug wertete.

Am 18. Juli 2012 gab die Staatsanwaltschaft Stuttgart bekannt, dass gegen Schlecker und 13 weitere Beschuldigte ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Untreue, Insolvenzverschleppung und Bankrott eingeleitet worden sei. Bis zum 12. August gelangte der Durchsuchungsbeschluss in die Hände des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Anton Schlecker konnte allerdings als eingetragener Kaufmann nicht wegen Insolvenzverschleppung belangt werden.

Am 13. April 2016 erhob die Staatsanwaltschaft Stuttgart erneut Anklage gegen Schlecker wegen vorsätzlichen Bankrotts in 36 Fällen. Seine Frau Christa und die beiden Kinder Meike und Lars mussten sich wegen Beihilfe verantworten. Den Kindern wurde außerdem Insolvenzverschleppung und Untreue vorgeworfen. Vor Bekanntgabe der Insolvenz im Jahre 2012 sollen die Unternehmer Millionenbeträge beiseite geschafft haben. Der Strafprozess vor dem Landgericht Stuttgart begann am 6. März 2017. Angeklagt waren neben den vier Familienmitgliedern auch zwei Angestellte der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. Anton Schlecker, so die Staatsanwaltschaft, soll von der drohenden Zahlungsunfähigkeit gewusst und trotzdem in 36 Fällen Vermögenswerte in Millionenhöhe beiseite geschafft und so dem Zugriff der Gläubiger entzogen haben. 13 Fälle davon seien sogar besonders schwere Fälle des Bankrotts, weil Schlecker aus Gewinnsucht gehandelt habe.

Am 27. November 2017 verurteilte eine Kammer des Landgerichts Stuttgart Anton Schlecker zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung und seine Kinder zu Haftstrafen ohne Bewährung.[20]

Am 12. Dezember 2017 begann am Landesgericht Linz ein Zivilprozess gegen die Ehefrau und die Kinder von Anton Schlecker.


https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Schlecker (17. Februar 2019)

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Quote
[...] Der Sohn des einstigen Drogeriemarktunternehmers Anton Schlecker, Lars Schlecker, hat seine Gefängnisstrafe angetreten. Er befinde sich seit Kurzem in Haft, teilte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart am Mittwoch mit.

Wo Lars Schlecker seine Strafe absitzt, wurde nicht mitgeteilt. Seine Schwester Meike ist noch nicht in Haft. Beide wurden vor wenigen Wochen zum Haftantritt geladen. Sie waren im April in letzter Instanz vom Bundesgerichtshof zu jeweils zwei Jahren und sieben Monaten Haft verurteilt worden.

Den beiden Kindern von Anton Schlecker werden Untreue, Insolvenzverschleppung, Bankrott und Beihilfe zum Bankrott ihres Vaters angelastet. Das Unternehmen Schlecker, einst die größte Drogeriemarktkette Europas, hatte im Januar 2012 Insolvenz angemeldet. Eine Rettung schlug fehl, Tausende Mitarbeiter verloren ihre Jobs.

Lars und Meike Schlecker hatten gegen ihre Verurteilung durch das Landgericht Stuttgart Revision eingelegt. Der Bundesgerichtshof hatte diese Ende April zurückgewiesen, verkürzte aber die Freiheitsstrafen.


Aus: "Lars Schlecker tritt Haftstrafe an" (26.06.2019)
Quelle: https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/schlecker-pleite-lars-schlecker-tritt-haftstrafe-an-a-1274357.html

Quote
SKhan heute, 12:16 Uhr

Wem nützt das?

Strafrechtliche Sanktionen in Form von Freiheitsstrafen bringen in so einem Fall gar nichts. Sie sind weder Genugtuung für die Geschädigten, noch schrecken sie irgendjemanden ab. Sinnvoller wäre es doch, wenn man verpflichtet werden würde den wirtschaftlichen Schaden wiedergutzumachen.


Quote
viaspericolata heute, 12:27 Uhr

Wohltäter

[Zitat von theo01] In der Diskussion wird mMn. unterschlagen, dass die Familie Schlecker diese Arbeitsplätze selber geschaffen hat. Man kann jeden nur warnen, sich selbständig zu machen, viel zu arbeiten, ins Risiko zu gehen, Arbeitsplätze zu schaffen. Der Fall Schlecker zeigt, wohin das unter Umständen führen kann. Dann doch lieber als Beamter oder im öffentlichen Dienst einen nine-to-five-job erledigen, sich über raffgierige Unternehmer aufregen, "Grün" oder gar "Links" wählen und sich dabei wohl fühlen.

ja genau, die Schleckers haben das Unternehmen nur gegründet, um Arbeitsplätze zu schaffen und der Bevölkerung etwas Gutes zu tun! So wird's gewesen sein. ...


Quote
cadasil, 12:34 Uhr

16.

[Zitat von theo01] In der Diskussion wird mMn. unterschlagen, dass die Familie Schlecker diese Arbeitsplätze selber geschaffen hat. Man kann jeden nur warnen, sich selbständig zu machen, viel zu arbeiten, ins Risiko zu gehen, Arbeitsplätze zu schaffen. Der Fall Schlecker zeigt, wohin das unter Umständen führen kann. Dann doch lieber als Beamter oder im öffentlichen Dienst einen nine-to-five-job erledigen, sich über raffgierige Unternehmer aufregen, "Grün" oder gar "Links" wählen und sich dabei wohl fühlen.

Sehe ich auch so. Die Schleckers haben die Arbeitsplätze geschaffen und die Sache dann an die Wand gefahren, jetzt sind die Arbeitsplätze eben wieder weg! Das ist das Risiko eines jeden
Arbeitnehmers. Klar ist das im Einzelfall bitter, aber das ist nicht das Unrecht an diesem Fall. Das liegt darin, dass Gläubiger auf ihren rechtmäßigen finanziellen Ansprüchen sitzen geblieben sind. Darum ist die Haftstrafe auch gerechtfertigt!


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schmidt-post heute, 12:51 Uhr

19.

[Zitat von cadasil] Sehe ich auch so. Die Schleckers haben die Arbeitsplätze geschaffen und die Sache dann an die Wand gefahren, jetzt sind die Arbeitsplätze eben wieder weg! Das ist das Risiko eines jeden Arbeitnehmers. Klar ist das im Einzelfall bitter, aber das ist nicht das Unrecht an diesem Fall. Das liegt darin, dass Gläubiger auf ihren rechtmäßigen finanziellen Ansprüchen sitzen geblieben sind. Darum ist die Haftstrafe auch gerechtfertigt!

Genau. Arbeitsplätze aus Menschenfreundlichkeit... Nur mit was haben sie dann zig- Millionen verdient?



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crunchy_frog, 13:19 Uhr

22.

[Zitat von theo01] In der Diskussion wird mMn. unterschlagen, dass die Familie Schlecker diese Arbeitsplätze selber geschaffen hat. Man kann jeden nur warnen, sich selbständig zu machen, viel zu arbeiten, ins Risiko zu gehen, Arbeitsplätze zu schaffen. Der Fall Schlecker zeigt, wohin das unter Umständen führen kann. Dann doch lieber als Beamter oder im öffentlichen Dienst einen nine-to-five-job erledigen, sich über raffgierige Unternehmer aufregen, "Grün" oder gar "Links" wählen und sich dabei wohl fühlen.

Sie übersehen aber, dass die Schleckers nicht dafür verurteilt wurden, daß sie die selbst (bzw. von ihrem Vater) geschaffenen Arbeitsplätze wieder vernichtet oder verloren haben. Das Urteil lautet auf Insolvenzverschleppung und das ist etwas völlig anderes, nämlich glatter Betrug. Und ich denke mal wir können uns einig sein, daß Betrug grundsätzlich nicht unbedtraft bleiben darf. Oder?


...

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« Reply #938 on: Juni 26, 2019, 11:16:33 nachm. »
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[...] Strange OldWoman @strangeoldwoman 07:49 - 24. Juni 2019

Wenn Du länger als 2 Jahre von H4 leben musstest beginnt Deine komplette Vergangenheit sich aufzulösen, egal wiewiele Jahre Du gearbeitet oder was Du geleistet hast. Du musstest umziehen (Vorgabe der Miete), deine Vorräte jeglicher Art (auch seelisch) sind aufgebraucht, Deine Kleidung konntest Du nicht mehr adäquat ersetzen was zu kompletten persönlichen Stilverlust führte (da Du tragen musst was günstig war/passt, nicht tragen kannst was Dir gefällt), Deine Ex-Kollegen sind schon lange Fremde, auch Freunde hast Du verloren da Du einfach nicht mehr mitkommen kannst zu Aktivitäten und nicht immer "eingeladen werden willst", Du kommst Dir gesellschaftlich wertlos vor und Dir wird suggeriert dass Du die Gesellschaft belastest ohne wiederzugeben, Dein Körper verändert sich wegen der mangelhaften Ernährung, Deine Seele verändert sich wegen der Ausgrenzung und Einsamkeit, Du treibst quasi auf einer Luftmatratze immer weiter vom Ufer weg und versuchst mit dem Dir drohenden irgendwie ins Reine zu kommen. ...

Zur Vervollständigung möchte ich ein paar Worte zu meiner Bio hinzufügen:48 J, mit 16 Mutter gew./seit 16 Alleinerz./eigene Whg.,Schule+Ausbildung gemacht(Tagesmutter/Kita), 16 Jahre Ganztags gearbeitet in div.Stellen, Kind ist 31,hat Abi+Master+Beruf seit einigen Jahren psych. Erkrankung,Arbeitslos,in H4 gerutscht, noch kränker geworden...


Poesiealbum @rslmusik
25. Juni Antwort an @strangeoldwoman
Mein Kollegium und ich helfen, fighten, arbeiten und und und für die Menschen und mit den Menschen in unserer Beratung. Ein Hartz IV / ALG II bashing ist aus meiner Sicht unangebracht. Kritisch auseinandersetzen und nachsteuern? Gerne. Ich drücke die Daumen gegen Arbeitslosigkeit.


Strange OldWoman @strangeoldwoman
25. Juni
Ich schildere nur die Realität von Betroffenen; da ich vor meiner Erkrankung selbst im öfftl. Dienst tätig war weiß ich das man sich diese nichtmal ansatzweise vorstellen kann wenn man nicht selbst betroffen ist [ ].
Hätte man mir vor 10,15 Jahren gesagt dass ich mit 48 morgens um 5 Pfandflaschen sammeln werde um was zu Essen für den Tag zu kaufen, ich hätte es NICHT geglaubt !!!

...


Quelle: https://twitter.com/strangeoldwoman/status/1143169308094283776?s=03

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« Reply #939 on: Juni 29, 2019, 12:28:56 nachm. »
"Allein 643 Millionäre: Wie hoch Gehälter und Boni bei der Deutschen Bank ausfallen"
Von Florian Hamann 22 März 2019
https://news.efinancialcareers.com/de-de/310786/was-die-deutsche-bank-fur-ihre-mitarbeiter-springen-lasst

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[...] Deutsche Bank erwägt Abbau von bis zu 20.000 Jobs - Noch sind die Sparpläne nicht final: Laut Medienberichten könnte bei der Deutschen Bank jede fünfte Stelle wegfallen. ...


Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2019-06/christian-sewing-deutsche-bank-stellenabbau (28. Juni 2019)


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Nette Haferflocken #11

Bei solchen Nachrichten stelle ich mir vor, wie 20.000 Angestellte gutes Geld fürs nichts tun bekommen haben oder "minderleister" waren.
Was taten diese 20.000 vorher, daß [sie] jetzt nicht mehr gebraucht [werden]?


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Sonja. #12

Lange überfällig - die meisten Bullshit-Jobs sind bekanntlich in der Finanzbranche ...


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tenshinhonk #12.1

Mit solchen Bezeichnungen wäre ich vorsichtig. Wer weiß was aus dem eigenen Berufsbild in 20 Jahren wird?


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Palzwoi #14

Hoffentlich trifft's die Richtigen! Als ich gelesen habe, dass es 2018 noch 650 Mitarbeiter gab, die mehr als 1 Mio. € Vergütung kassieren, wollte ich das kaum glauben. Firmenwert im Keller, Ansehen ruiniert, aber die fühlen sich noch wie die Wirtschaftskapitäne! ...


Quote
Ascender #12.5

Ich bin Analyst im Geschäftskundenkreditbereich. Was bei uns seit einiger Zeit abgeht ist nicht mehr feierlich. Da werden gute Azubis nicht übernommen und sich anschließend über den Fachkräftemangel beschwert. Nicht jeder kann die Geschäftskundenanalyse. Keiner will etwas mit den Banken zu tun haben, Kredite wollen sie aber alle. Beschweren tun sich sowieso alle. Wenn ein Kredit ausfällt, wird man als kleiner Mitarbeiter zur Sau gemacht, sonst aber unter Druck gesetzt die Kredite endlich rauszuhauen. Man solle sich nicht so anstellen, das ist schließlich ein guter Kunde und man bräuchte den Umsatz...

Die meisten Aufgaben in der Bank können auch von ungelernten Kräften übernommen werden, aber was meinen Sie was für eine Qualität dabei rumkommt. Falsche Datensätze, Textbausteine als Antwort auf eine Kundenmail, Rückstände in der Bearbeitung nehmen immer weiter zu, der Service wird vernachlässigt... Die Beschwerden häufen sich jedenfalls, seitdem das Personal bei uns immer weiter ausgedünnt wird. Die verbliebenen müssen es ausbaden und werden von Kunden, Vertrieblern und Chefs runtergeputzt.
Und das alles, weil sich irgendwelche Elite-Banker in den Vorstandsetagen ohne Sinn auf Nachhaltigkeit verzockt haben. Wobei denen das egal sein wird, denn es ist alles nur auf kurzfristigen Erfolg ausgelegt. 20.000 Mitarbeiter müssen gehen, hura, da jubeln die Aktionäre. Was für ein Irrsinn...


Quote
WMichel #21

Ich finde die Wortwahl vom "Stellenabbau" oder vom "Abbau von Jobs" immer sehr zynisch.

Man baut Rohstoffe ab, um etwas zu gewinnen.
Warum wird in Bezug auf Menschen und deren Schicksal in der Bergbausprache gesprochen?

Und dann wird die Bedeutung auch noch umgekehrt.
Man baut Kohle im Tagebau ab, um Energie zu gewinnen.
Aber die Jobs werden abgebaut, um etwas (den Rohstoff Mensch) loszuwerden.
Echt perverse Wortwahl.
Und jeder plappert's nach!


Quote
Spiralo #21.2

Ziel des Jobabbaus ist die Gewinnung von Rentabilität.


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martytothero #22

Jede fünfte Stelle. Die Deutsche Bank. Das muss man sich mal vorstellen. Die Vorstellung, dass Josef Ackermann immer noch den fleißigen jungen Studenten erzählt, wie man managt, und die womöglich noch an seinen Lippen hängen bzw. er sich das zumindest so noch vorstellt - das ist schon schwer deprimierend.


...

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[...]

Der seit Längerem in der Kritik stehende Garth Ritchie tritt zum 31. Juli als Leiter der Unternehmens- und Investmentbank (CIB) und auch als Vorstandsmitglied der Deutschen Bank zurück. Das teilte der Konzern mit. Um eine reibungslose Übergabe zu sichern, werde Ritchie die Bank noch bis Ende November 2019 beraten. Die Verantwortung für die Unternehmens- und Investmentbank werde Konzernchef Christian Sewing selbst übernehmen, hieß es.

Die Deutsche Bank steckt mitten in einem grundlegenden Umbau. Berichten zufolge sollen weltweit 15.000 bis 20.000 Stellen gestrichen werden, ein Fünftel der Belegschaft. Vor allem im Investmentbanking sollen Arbeitsplätze wegfallen. Wenn sich der Aufsichtsrat am kommenden Sonntag trifft, könnten konkrete Entscheidungen fallen – vorab aber werden immer mehr Details über die geplanten Neuerungen bekannt.

So sagten zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters, die Deutsche Bank wolle das Investmentbanking in ihrer bisherigen Form zerschlagen und eine neue Sparte für die Betreuung von Unternehmenskunden schaffen. Das Investmentbanking solle kräftig schrumpfen – Sewing verabschiedet sich hier von den Ambitionen seiner Vorgänger – und von der bisherigen Unternehmens- und Investmentbank abgetrennt werden. Eine neue Sparte für Unternehmens- und viele Firmenkunden, die bislang von der Privat- und Firmenkundenbank betreut werden, solle entstehen. Sie solle ein eigenes Ressort im Vorstand erhalten. Das ist nur ein Teil des tief greifenden Konzernumbaus. Die Deutsche Bank lehnte eine Stellungnahme dazu ab.

Ritchie, der auch stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Geldhauses ist, startete seine Laufbahn bei der Bank 1996 in Johannesburg und hatte im Laufe der Jahre verschiedene Führungspositionen inne. Seit 2016 saß er im Vorstand. Auf der Hauptversammlung im Mai stimmten nur gut 61 Prozent der Aktionäre für seine Entlastung. Die Investoren störten sich insbesondere an seiner hohen Vergütung und einer millionenschweren Sonderzahlung.


Aus: "Garth Ritchie: Chef des Investmentbankings verlässt die Deutsche Bank" (5. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-07/garth-ritchie-deutsche-bank-investmentbanking-ruecktritt

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Quote
[...] Im größten deutschen Steuerskandal weitet die Staatsanwaltschaft Köln ihre Ermittlungen gegen große Banken aus. Nach Informationen des Recherchenetzwerkes von „Süddeutscher Zeitung“, NDR und WDR betrifft dies auch die Deutsche Bank, bei der allein 70 heutige und ehemalige Mitarbeiter ins Visier geraten sind – offenbar auch Top-Manager wie Investmentbanking-Chef Garth Ritchie. Die Deutsche Bank äußerte sich nicht dazu, gegen wen konkret ermittelt wird. Sie bestätigte lediglich, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen „gegen weitere ehemalige und aktuelle Mitarbeiter und Vorstandsmitglieder eingeleitet“ habe.

Den Banken wird vorgeworfen, beim sogenannten Cum-Ex-Skandal mit dem Handel von Aktien mit (Cum) und ohne (Ex) Dividende den Staat um Milliarden betrogen haben, in dem sich die Händler die auf die Dividendenerlöse fällige Steuer mehrmals erstatten ließen. Der „SZ“ zufolge untersuchen die Ermittler nun auch Banken, die derlei Deals zwar nicht selbst betrieben haben, jedoch als Abwicklungsdienstleister fungierten.

Dies könnte womöglich auch für die Deutsche Bank gelten, heißt es weiter. Das Institut gab daraufhin bekannt, man habe nicht „an einem organisierten Cum-Ex-Markt“ teilgenommen – nicht als Käufer und auch nicht als Verkäufer von Aktien. Der Bank zufolge geschehe die Ermittlungsausweitung „rein aus Gründen der Verjährungsunterbrechung“.



Dass Garth Ritchies Name nun prominent im Zusammenhang mit den Cum-Ex-Ermittlungen genannt wird, kommt für ihn zur Unzeit. Der Investmentbanker steht schon länger in der Kritik. Bei der Hauptversammlung Ende Mai wurde Ritchie von den Aktionären nur mit 61 Prozent entlastet. So schlecht wie Ritchie schnitt nur Compliance-Chefin Sylvie Matherat bei den Aktionären ab. Beide erhielten 14 Prozentpunkte weniger als die anderen Vorstände, denen 75 Prozent der anwesenden Aktionäre das Vertrauen aussprachen.

Die Investoren der Deutschen Bank stören sich an den hohen Bonuszahlungen, die der Investmentbank-Chef im vergangenen Jahr erhalten hat, obwohl er seine gesetzten Ziele einem Bericht des „Handelsblatts“ zufolge nur zu 80 Prozent erreicht hatte. Obwohl die anderen Vorstandsmitglieder wie CEO Christian Sewing ihren Zielen deutlich näher kamen, verdiente kein Deutsche-Bank-Vorstandsmitglied mehr als Ritchie, der 8,6 Millionen Euro einstrich.

Das liegt vor allem an der sogenannten „Funktionszulage“, die der Südafrikaner als Verantwortlicher für das Brexit-Management erhält und die rund ein Drittel der Gesamtvergütung ausmacht. Die hohen Bonuszahlungen der Bank brachten einige Aktionäre zuletzt stark in Rage: „Wie können Sie bei einer so schwachen Zielerreichung derart hohe Bonusbeiträge gewähren“, lautete bei der Hauptversammlung die rhetorische Frage der Deka zur generellen Vergütungspraxis in der Bank.

Bereits im vergangenen Jahr wurde lange über einen möglichen Abschied von Garth Ritchie spekuliert. Sein auslaufender Vertrag wurde letztendlich aber doch um weitere fünf Jahre verlängert. Dennoch reißen die Spekulationen über ein vorzeitiges Ausscheiden nicht ab. Zum einen wird gemutmaßt, die Deutsche Bank könnte Ritchie ablösen wollen, auf der anderen Seite gibt es auch Spekulationen darüber, dass Ritchie sich entscheiden könnte, das Institut zu verlassen. 

Auch Ritchies Vorstandskollegin Sylvie Matherat, die für Recht und Compliance bei der Deutschen Bank verantwortlich ist, steht in der Kritik. Ihr wird immer wieder vorgeworfen, die Skandale der Deutschen Bank nicht energisch genug aufgearbeitet zu haben. Dass vergangenes Jahr die Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin dann noch einen Sonderbeauftragten in die Deutsche Bank entsandte, um das Haus beim Vorgehen gegen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung zu überwachen, dürfte ihre Position nicht gestärkt haben.


Aus: "Garth Ritchie droht offenbar Cum-Ex-Ärger" Philipp Habdank ( 07.06.2019)
Quelle: https://www.finance-magazin.de/banking-berater/banking/garth-ritchie-droht-offenbar-cum-ex-aerger-2040331/

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Quote
[...] Der Skandal um die Cum-Ex-Steuertricks mit mehrfachen Dividendensteuererstattungen zieht immer weitere Kreise. Die Zahl der Verdachtsfälle erhöhte sich 2018 um 81 auf 499. Das Volumen der möglicherweise zu unrecht erstatteten oder angerechneten Kapitalertragsteuer summierte sich auf knapp 5,5 Milliarden Euro, erfuhr die WirtschaftsWoche aus dem Bundesfinanzministerium.

Die Ermittlungsbehörden der Länder haben damit jedoch die vermutliche Schadenssumme für den Fiskus inzwischen um 120 Millionen Euro nach unten korrigiert. Das Bundesfinanzministerium erwartet nach Informationen der WirtschaftsWoche „nach jetzigem Stand nicht“, dass noch eine erhebliche Zahl von Neufällen bei dem Cum-Ex-Skandal hinzukommt.

Bei den umstrittenen Cum-Ex-Geschäften haben Finanzinvestoren mit Hilfe von Beratern und Finanzinstituten rund um den Dividendenstichtag Aktien mit („cum“) und ohne („ex“) Ausschüttungsanspruch rasch hin und her verkauft, um sich die nur einmal gezahlte Kapitalertragssteuer mehrfach erstatten zu lassen.



Aus: "5,5 Milliarden Euro Steuerschaden Zahl der Cum-Ex-Verdachtsfälle gestiegen" Christian Ramthun (05. Juli 2019)
Quelle: https://www.wiwo.de/finanzen/steuern-recht/5-5-milliarden-euro-steuerschaden-zahl-der-cum-ex-verdachtsfaelle-gestiegen/24528934.html

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Quote
[...] Der Cum-Ex-Gesamtschaden für den deutschen Fiskus soll mehr als zehn Milliarden Euro betragen. ...


Aus: "Cum-Ex Steuerskandal: Landgericht Bonn plant Banken vorzuladen" Petra Nagel (30.06.2019)
Quelle: https://www1.wdr.de/nachrichten/cum-ex-musterprozess-im-steuerskandal-100.html
« Last Edit: Juli 05, 2019, 05:15:04 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #940 on: Juni 29, 2019, 09:34:31 nachm. »
Quote
[...] Wem gehören die Häuser, in denen wir leben? Das wollten die Redaktionen von Tagesspiegel und dem gemeinnützigen Recherchezentrum Correctiv gemeinsam mit den Berliner Bürgerinnen und Bürgern herausfinden. ... Seit Januar werten Journalisten in beiden Redaktionen Tausende Einsendungen von Lesern sowie Hintergrundgespräche, Akten, anonyme Hinweise und Datenbanken aus. Dabei ging es nicht darum, Informationen zu einzelnen kleinen privaten Hauseigentümern zusammenzustellen. Es ging stattdessen darum, Probleme aufzudecken, größere Strukturen aufzuzeigen, Missstände sichtbar zu machen und eine bessere Faktengrundlage für die öffentliche Debatte zu legen. ...

Es gibt einen Mann, der das Potenzial des Berliner Wohnungsmarktes wohl besser erkannt hat als alle anderen. Zumindest hat er es am klügsten genutzt. Yakir Gabay, 53 Jahre alt, sitzt in einem hellblauen Hemd in einem grauweißen Büro in Tegel. Laut Forbes-Liste sind nur 567 Menschen auf der Welt noch reicher als er. Sein Vermögen soll 3,5 Milliarden Dollar betragen. Verdient hat er es vor allem mit Immobilien – auch in Berlin. Er sagt: „Ich bin mir nicht sicher, ob Politikern bewusst ist, dass sie mit den Kräften des Freihandels spielen.“

Der Senat will Mieterhöhungen in den nächsten fünf Jahren verbieten. Die erste Hürde für einen Volksentscheid, der Großeigentümer enteignen will, ist schon genommen. Der Druck auf die Immobilienwirtschaft steigt, Aktienkurse erzittern mit jeder neuen Debatte um Marktregulierung. Und selten ist in dieser Stadt so erbittert wie jetzt darüber gestritten worden, wer eigentlich profitieren kann, wer profitieren darf, vom Berliner Wohnungsmarkt.

Berlin ist Hauptstadt der Mieter. Von den 1,9 Millionen Wohnungen in der ganzen Stadt sind 1,5 Millionen Mietwohnungen – 81,5 Prozent. Privatpersonen oder Eigentümergemeinschaften gehören etwa 40 Prozent der Mietwohnungen. Das zeigt eine Analyse des Immobiliendienstleisters Savills. Die restlichen 60 Prozent der Wohnungen gehören professionell wirtschaftenden Eigentümern.

Was in Berlin besonders ist: Während privatwirtschaftliche Unternehmen in den meisten deutschen Städten noch keine dominierende Rolle auf dem Wohnungsmarkt übernehmen, gehören ihnen in der Hauptstadt 29 Prozent des Mietwohnungsbestandes. Ein Fünftel aller Berliner Mietwohnungen gehört Unternehmen, die Immobilien zu ihrem Hauptgeschäft gemacht haben.

Die mächtigsten unter ihnen: börsennotierte Konzerne. 230.000 Wohnungen sind in ihrem Besitz – 15 Prozent des gesamten Mietwohnraums. Ihre Namen kennt seit der Enteignungsdebatte fast jeder: Deutsche Wohnen, Vonovia, ADO Properties, Covivio, Akelius, TAG Immobilien, Grand City Properties.

Die meisten von ihnen sind nicht älter als 20 Jahre. Sie alle machen Kursgewinne, von denen die deutsche Industrie derzeit nur träumen kann.

Tagesspiegel und Correctiv haben in den vergangenen acht Monaten zum Berliner Immobilienmarkt recherchiert. Nun wollten wir wissen: Auf wen trifft man, wenn man die Frage „Wem gehört Berlin?“ bis ganz zu Ende verfolgt? Zu welchen Menschen und Firmen gelangt man, wenn man der Spur des Geldes durch den Finanzmarkt folgt? Die Recherche führt zu milliardenschweren Investmentfonds, Superreichen – und den Mietern selbst.

Wie ist Berlin in den Fokus der globalen Anleger geraten? Auf der Suche nach Antworten beginnt man vielleicht am besten bei Grand City Properties. Knapp drei Euro das Stück kostet die Aktie dieser Firma bei Börsengang im Jahr 2012. Am 28. August 2018 erreicht sie ihren Höchststand. 24 Euro mussten die Anleger nun zahlen, um von den spektakulären Dividenden des Unternehmens profitieren zu können. Ein Gewinn von fast 800 Prozent. Es ist einer der erfolgreichsten Börsengänge, die in den vergangenen zehn Jahren an der Frankfurter Börse stattgefunden haben. Und auch die Konkurrenten fahren in den letzten Jahren Rekordgewinne ein.

Ihr Erfolg erklärt sich vor allem aus politischen Entscheidungen der Vergangenheit. Es begann am 1. Januar 1990. Da endete in Deutschland die sogenannte Wohnungsgemeinnützigkeit – Wohnungsunternehmen mussten bis dahin bestimmte Steuern nicht zahlen, waren aber in Mieterhöhungen und Unternehmensgewinnen beschränkt.

Als die Beschränkungen fielen, verkauften die öffentlichen Wohnungsunternehmen massenhaft. Hunderttausende Wohnungen wurden privatisiert. Große Bestände landeten beim Vonovia (24.000 Wohnungen), Deutschlands größtem Privateigentümer. Auch Berlin brauchte dringend Geld. Allein 2004 trennte sich Berlin von 64.000 Wohnungen der GSW, die heute im Besitz der Deutschen Wohnen sind.

Dass Private-Equity-Unternehmen, also Firmen mit Kapital privater Investoren, begannen, die Bestände einzukaufen, war der Anfang der großen Wohnimmobilien-AGs, sagt Bernd Janssen. Er ist beim Investment-Banking-Unternehmen VictoriaPartners auf die Analyse von Immobilienaktien spezialisiert und beobachtet den Markt seit Jahren.

Der Einstieg in den Berliner Wohnungsmarkt war für die Aktiengesellschaften ein Glücksgriff. Nach der Finanzkrise 2008 senkte die Europäische Zentralbank den Leitzins, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Das ebnete den Weg für weitere Immobilienkäufe – zu extrem günstigen Zinsen. Der Bestand wuchs.

Und so stiegen wiederum immer größere Anleger in die Immobilien-AGs ein. Auch solche, die sich vorher nicht groß für Immobilien interessierten. „Die Immobilienquote der Versicherungen und Pensionskassen ist in den letzten Jahren stark gestiegen“, sagt Janssen. Auch weil sichere Alternativen wie Bundesanleihen keine Rendite mehr brächten. Berlin gehört inzwischen zu den wichtigsten Standorten für Investoren überhaupt.

Dass der Berliner Immobilienmarkt als besonders attraktiv gilt, hat mehrere Gründe. Erstens: die demografische Entwicklung. Zuzug ist gut für den Wert von Immobilien. Zweitens: wenig Leerstand und wenig Neubau. Wohnungsknappheit spielt den Immobilienkonzernen in die Hände. Sie können nun kräftige Mieterhöhungen durchsetzen. Drittens: Viele Häuser sind noch nicht modernisiert. Sie haben also hohes Wertsteigerungspotenzial. Und das geht viertens derzeit besonders gut, weil Kredite eben gerade fast nichts kosten.

So ergibt sich eine Spirale. Denn der Wert einer Immobilie bemisst sich nach der Qualität des Gebäudes zusammen mit der erwarteten Mietpreisentwicklung im Haus. So ist das Zusammenspiel zwischen niedrigen Zinsen, Modernisierungen und Mietsteigerungsmöglichkeiten Gold wert. Die Häuser kosten jedes Jahr mehr. Und so können die großen Unternehmen in ihren Bilanzen jedes Jahr hohe Wertsteigerungen für ihre Häuser angeben. Wer das rechtzeitig verstanden hatte, konnte fantastische Summen anhäufen.

Yakir Gabay gehört zweifellos zu diesen Menschen. Keine Tonaufnahmen, alle Zitate müssen später schriftlich verhandelt werden. Das ist die Bedingung für dieses Gespräch. Yakir Gabay lebt in London. Er hat sowohl Grand City Properties als auch Aroundtown aufgebaut. Heute sitzt er bei beiden im Beirat. Neben ihm sitzen Andrew Wallis, CEO von Aroundtown und Mitglied des Beirats von Grand City Properties und Christian Windfuhr, CEO von Grand City Properties. Dazu eine Pressesprecherin, ein weiterer Pressesprecher ist aus dem Urlaub zugeschaltet.

An der Wand hängen zwei Fotos von Szenen aus Jugendspielen des 1. FC Union. Erst kürzlich wurde bekannt, dass Aroundtown neuer Hauptsponsor der ersten Mannschaft wird, die gerade den Aufstieg in die Bundesliga geschafft hat. Die Firma ist eine der größten privaten Gewerbeimmobilienfirmen Deutschlands. Der Gesamtmarktwert beträgt 8,1 Milliarden Euro. Aroundtown gehören Gebäude wie das Hilton Berlin, das Park Center Treptow und das Schlosshotel Grunewald.

Die Tochterfirma Grand City Properties hat sich derweil auf Wohnungen in Großstädten spezialisiert, allen voran Berlin. Deutschlandweit besitzt die Firma gut 84.000 Wohnungen, in Berlin ist sie mit 7500 Wohnungen der siebtgrößte private Eigentümer. Aroundtown hält 39 Prozent an Grand City. Beide sind in Luxemburg registriert.

Yakir Gabay erzählt, dass er an Berlin geglaubt habe, als die anderen es nicht taten. Das erste Berliner Haus habe er 2004 in Schöneberg gekauft. 33 Wohnungen, 30 Prozent Leerstand. „Ich glaube daran, dass sich auf lange Sicht immer ein Preisgleichgewicht einstellt“, sagt er. Überall lagen die Immobilienwerte schon höher. Er war überzeugt, dass Berlin irgendwann folgt. „Aber ich hatte auch nicht erwartet, dass die Preise so stark steigen würden.“

„Der Gewinn von Immobilienfirmen beruht zu einem wesentlichen Teil auf den Wertsteigerungen der Immobilien, und nicht auf Mieterhöhungen“, sagt Gabay. „Die Wertsteigerungen sind wiederum vor allem dadurch begründet, dass es derzeit so niedrige Zinsen gibt, und daher viele Investoren Immobilien als sichere und stabile Anlageform nachfragen. Das lässt die Preise selbst bei gleichbleibenden Mieten steigen.“

... Grand City selbst widme sich derzeit vermehrt dem Bauen. Die Nachverdichtung durch Neubau sei inzwischen oft lohnenswerter als der Kauf alter Häuser. Ob die Rechnung für Investoren aber noch aufgeht, wenn der Mietendeckel kommt, bezweifelt Gabay.

Auch auf die Frage, warum Grand City und Aroundtown eigentlich in Luxemburg registriert seien, hat Gabay eine einfache Antwort. Der Standort sei als Firmensitz schlicht bevorzugt und marktüblich für internationale Investoren. Man zahle aber fast die gleichen Steuern als wäre die Firma in Deutschland registriert. „Wir gehen nicht offshore, und haben das auch nicht vor.” Als Offshore-Standorte gelten Staaten wie die Bahamas, die nur schwer für Steuerfahnder erreichbar sind.

Roger Akelius hielt genau das für eine gute Idee. Er ist Schwede und wohnt inzwischen offiziell auf den Bahamas. Der Name Akelius fällt immer wieder während der Recherche für „Wem gehört Berlin?“. Über keinen Eigentümer haben sich bei Tagesspiegel und Correctiv im Rahmen der „Wem gehört Berlin?“-Recherche im Verhältnis mehr Mieter beschwert. Liegt die Durchschnittsmiete bei Grand City Properties bei 7,60 Euro und die Neuvermietungspreis bei 12 Euro pro Quadratmeter, hat Akelius 8,64 Euro bei Bestandsmietern und eine Durchschnittsmiete bei neuen Verträgen von 16 Euro pro Quadratmeter.

Die von Roger Akelius gegründete Akelius-Gruppe besitzt mehr als 50.000 Wohnungen weltweit, Gesamtwert der Immobilien laut Unternehmenswebsite: zwölf Milliarden Euro. Mit knapp 14.000 Wohnungen liegt der größte Anteil der Akelius-Wohnungen in Berlin. Den größten Teil seines Vermögens hat der Schwede einer Stiftung auf den Bahamas übertragen, die wohltätige Tätigkeiten unterstützen soll. Besonders an SOS-Kinderdörfer spendet sie.

Ein weiterer Zweck der Stiftung ist „Bildung und Forschung zu Wohnungsimmobilien“. Ihr Vermögen beträgt laut ihrer Homepage 100 Milliarden schwedische Kronen, das sind neun Milliarden Euro.

84,5 Prozent hält die Stiftung über eine Firma in Zypern an Akelius. Zwei weitere Anteilseigner sind ebenfalls Stiftungen, wie aus einem Börsenprospekt der irischen Börse hervorgeht. Die „Grandfather Roger Foundation“ und die „Hugo Research Foundation.“ Beide sind auf den Bahamas registriert. Auf die Frage, wer hinter den Stiftungen steckt und warum sie auf den Bahamas registriert sind, heißt es: „Hierzu möchte Akelius keine Angaben machen.“ Und auf die Frage, ob und wie viel Steuern die Akelius-Gruppe oder Roger Akelius selbst bezahlen, heißt es knapp: „Akelius versteuert dort, wo wir arbeiten.“

Erst Mitte der 1990er Jahre begann Akelius, in Immobilien zu investieren. Sein Erfolg begann in den 70ern – als Buchautor. Er schrieb zunächst Programmierbücher, dann ging es um Investments. Anfang der 1980er Jahre erschien dann ein Bestseller von Akelius. Darin erklärte er den Schweden, wie sie am besten Steuern sparen – ganz legal, so wie die großen Unternehmen.

Der europäische Leiter der Akelius-Gruppe ist Ralf Spann. Er sitzt in einem Berliner Altbau mitten in Kreuzberg. Und erwägt nun, gegen den Mietendeckel zu klagen. „Wer denken Sie, wird die neue Wohnung bekommen? Ich glaube, das werden nicht diejenigen sein, denen angeblich geholfen werden soll.“ Und: „Ich war zwei Jahre in New York. Berlin hat dort eine unglaublich starke Strahlkraft.“ Man wolle noch lange hierbleiben.

Strahlkraft hat auch Leonardo Del Vecchio. Er hält 2,5 Prozent der Unternehmensanteile an Covivio, viertgrößter Berliner Eigentümer. Die Firma besitzt derzeit 15.700 Wohnungen in Berlin. Das rechnet sich. Del Vecchio ist der zweitreichste Mann Italiens, ihm gehört eine 60-Meter-Yacht.

Sein Vater verkaufte Obst und Gemüse auf Mailands Straßen und starb vor seiner Geburt. Seine Mutter gab ihn ins Waisenhaus. Nach seinem Schulabschluss arbeitete in einer Schlosserei. Dann versuchte es sich als Unternehmer. Im Alter von 25 Jahren gründete er das Unternehmen Luxottica.

Heute ist die Firma der größte Brillenhersteller der Welt. Ray Ban und Oakley gehören zu seinem Imperium. Auch für zahlreiche Luxusmarken wie Chanel, Prada und Versace produziert Del Vecchios Unternehmen Gestelle. Und so landen die Ausgaben für hippe Sonnenbrillen am Ende teilweise in Berliner Häusern.

Die drei Männer sind keine Ausnahmen. Einer Umfrage der britischen Immobilienberatungsfirma Knight Frank zufolge investieren die Superreichen am liebsten in Aktien und Immobilien. Del Vecchio tut das über seine Familienholding Delfin. Mit 26 Prozent ist er an der französischen Immobilienfirma Covivio SA beteiligt, die zu den größten Eigentümern Europas zählt. Der wiederum gehört Covivio SE, das deutsche Tochterunternehmen, das nicht nur Immobilien in Berlin, sondern auch in ganz Deutschland hält und zu 55 Prozent dem Mutterkonzern gehört.

Das Wirtschaftsmagazin Forbes schätzt sein Vermögen auf 19,8 Milliarden Dollar, Platz 50 auf der Forbes-Liste der Milliardäre 2019.

... Berliner Wohnungen sind in Zeiten der Nullzinspolitik [ ] sehr attraktiv für Milliardäre. Am Aktienmarkt sind sie trotzdem vergleichsweise kleine Player. Die wahren Könige des Markts sind hier Vermögensverwalter und Pensionsfonds. Ihr Kapital: das Hundert- und Tausendfache der Superreichen.

Und sie akkumulieren über Umwege inzwischen enorme Anteile. Zum Beispiel bei der Deutsche Wohnen, mit über 115.000 Wohnungen Berlins größter Eigentümer und größter Gewinner der Wohnungsprivatisierungen. Ein Blick auf die Anteilseigner zeigt: Knapp 70 Prozent der Aktien sind im sogenannten Streubesitz, gehören also Aktionären, die anonym sind. Das können kleine Privatanleger sein genauso wie Unternehmen.

Interessant sind die restlichen 30 Prozent. Ab drei Prozent der Anteile müssen Unternehmen dies bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht melden. Und treten somit aus der Anonymität heraus. Bei der Deutschen Wohnen sind es vier Anteilseigner, die am meisten von den Gewinnen profitieren.

Da ist der amerikanische Finanzdienstleister State Street Corporation mit drei Prozent Anteilen. Auf Platz drei mit sieben Prozent steht die Norges Bank, die Zentralbank von Norwegen. Sie verwaltet den staatlichen Pensionsfonds, der die Öleinnahmen des Landes so investieren soll, dass sie als Rücklage für schlechte Zeiten dienen. In der Investmentstrategie des Fonds ist Berlin eine der Städte, auf die sie ihre Immobilieninvestments konzentrieren.

Platz zwei geht an MFS Investment Management, eine der ältesten Vermögensverwaltungsgesellschaften der Welt. 1924 gegründet, verlor es einen Großteil seines Vermögens im Börsencrash im Jahr 1929, überstand aber die Krise. Heute gehört MFS zum dem kanadischen Lebensversicherer und Finanzunternehmen Sun Life.

Auf Platz 1: Blackrock. Das Unternehmen ist spätestens der breiten Masse bekannt, seit der CDU-Politiker Friedrich Merz bei dem deutschen Ableger des Vermögensverwalters einstieg. Auch bei Berlins zweitgrößtem privaten Wohnungseigentümer Vonovia ist Blackrock der größte Anteilseigner. Und auch an TAG Immobilien und Aroundtown, dem Mutterkonzern von Grand City Properties hält das Unternehmen Anteile.

Blackrocks Anteile an Deutsche Wohnen von 10,2 Prozent würden ganz grob umgerechnet 11 800 Wohnungen in Berlin entsprechen. Nimmt man die anderen Anteile dazu, wären es 15.700 Wohnungen in Deutschland. So würde an der Börse zwar niemand rechnen, aber es zeigt, wie die Debatte um den Berliner Wohnungsmarkt teils völlig an den Profiteuren vorbei geht. Demonstriert wird gegen die Deutsche Wohnen, nicht gegen Blackrock.

Blackrock verwaltet und vermehrt das Vermögen seiner Kunden. Insgesamt sind das 6300 Milliarden Dollar Anlagekapital. Dass der Konzern an mehr als 17.000 Unternehmen beteiligt ist, liegt an den Finanzprodukten, die er verkauft. Sogenannte Indexfonds halten branchenübergreifend Anteile an Konzernen, die an der Börse gelistet sind. So wird Blackrock zum größten Aktionär Europas.

Auch wenn Blackrock normalerweise nicht bei den öffentlichen Hauptversammlungen der AGs teilnimmt, kann der Konzern trotzdem seine Stimmrechte wahrnehmen und somit Unternehmensentscheidungen beeinflussen. Hält er an verschiedenen Unternehmen aus einer Branche Aktien, ist die potentielle Macht enorm, heißt es von Experten. Es gefährde den freien Wettbewerb.

Blackrock selbst schreibt dazu: „In die laufende Unternehmensführung mischt sich BlackRock nicht ein.“ Immer wieder betont Blackrock, dass das Geld nicht ihnen selbst gehöre. Man sei nur Treuhänder. Der Unternehmenschef Larry Fink sschrieb in einer Nachricht an die Anteilseigner: „Unsere Kunden sind Lehrer, Krankenschwestern, Feuerwehrleute, Wissenschaftler, Geschäftsleute und so viele andere. Sie sind Mütter, Väter und Großeltern. Und ihre finanziellen Ziele sind Investitionen in den Ruhestand, ein Haus zu kaufen oder das College zu bezahlen.“

Sind die größten Profiteure also am Ende Normalverdiener?

Auch Berliner Mieter legen ihr Geld in privater Altersvorsorge an. Und investieren so unwissentlich in ihren eigenen Vermieter. So wie eine Vonovia-Mieterin aus Neukölln. Sie ist 39 Jahre alt und möchte lieber anonym bleiben. Sie wohnt mitten in jenem Kiez, in dem in den vergangenen Jahren die Mieten um mehr als 100 Prozent angestiegen sind. Auf Drängen ihrer Mutter, die sich Sorgen um die Altersvorsorge der Tochter machte, schloss sie eine Riesterrente ab.

Sie selbst arbeitet im Umweltbereich, ist Kundin bei einer Umweltbank, achtet auf Nachhaltigkeit. Mit einer ehemaligen Beamtenversicherung kann man nicht viel falsch machen, dachte sie sich und zahlte von nun an jeden Monat regelmäßig Geld in ihre Riesterrente.

Gleichzeitig kämpfte sie mit ihrem Vermieter – dem Immobilienkonzern Vonovia. Gleich zwei Gerichtsverfahren führt sie gegen Vonovia wegen der Nebenkostenabrechnungen. Außerdem versuchte das Unternehmen schon zweimal, ihre Miete zu erhöhen. Als zwei Nachbarwohnungen frei wurden, sanierte der Vermieter und erhöhte die Miete. Lag sie vorher noch zwischen 4,75 und 5,50 Euro, kostete der Quadratmeter von nun an 16 Euro, erzählt sie. Die Gewinne dieser Firmen seien unfassbar, sagt sie.

Ob sie wisse, dass sie über ihre Altersvorsorge selbst in Vonovia investieren? – Stille am anderen Ende der Leitung.

Das trifft auf viele zu. Immer mehr Deutsche investieren in eine private Altersvorsorge. Um das Geld ihrer Kunden gewinnbringend anzulegen, investieren viele Rentenfonds oder Versicherungen die Beiträge nicht nur direkt in Immobilien, sondern auch in dem Finanzmarkt – entweder in Form von Aktien oder in Investmentfonds. Was ihre Kunden meist nicht wissen – wo es langfristige gewinnbringende Investments geht, ist Blackrock nicht weit.

Im Fall der Neuköllner Vonovia-Mieterin sind es die Fonds, die sie und ihren Eigentümer zu indirekten Geschäftspartnern machen. Die Versicherung Debeka gehört zu den Blackrock-Kunden. Das versteckt sich tief in den Geschäftsberichten und Anlagestrategien des Versicherers. Die Debeka Riesterrente investiert ihre Überschüsse in den Debeka Global Share Fund – einen versicherungsinternen Fonds.

Der investiert in einen Blackrock-Fond mit dem komplizierten Namen iShares STOXX Europe 600. In seinem Portfolio findet man Anteile von fünf großen Berliner Immobilienkonzernen: Deutsche Wohnen, Covivio, Grand City Properties, TAG Immobilien und – mit dem höchsten Anteil – Vonovia. Ihre Mieterin kann nur noch bitter lachen. „Wir schaufeln uns hier unser eigenes Grab“, sagt sie.

Natürlich ist ihr eigener Anteil an der Entwicklung verschwindend gering. Doch die Masse macht es. Bei vielen großen Anbietern für Altersvorsorge wird man fündig. Bei der Allianz zum Beispiel. Ihre Lebensversicherung investiert indirekt über Fonds in die Wohnimmobilienkonzerne. Gleichzeitig hält ihr Rentenfonds auch direkt Anteile an Berlins zweitgrößtem privaten Vermieter Vonovia. Oder die Sparkassen. Ihre Lebensversicherung hat in ihren eigenen Produkten der Deka Investment Fonds Anteile an Vonovia. Und die Generali Lebensversicherung, auf der BaFin-Liste der größten Erstversicherer auf Platz sechs, hält so Anteile an Vonovia.

Der R+V Pensionsfonds investiert über einen Fonds in ADO Properties und Deutsche Wohnen. Und die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) ist über Investmentfonds mit 9,9 Prozent an TAG Immobilien beteiligt. Zehn Prozent der Arbeitnehmer in Berlin arbeiten für den öffentlichen Dienst. Feuerwehrmänner, Krankenschwestern, aber auch Verwaltungsangestellte und nicht-verbeamtete Lehrer zahlen dort ein – und das nicht einmal freiwillig. Wer einen Tarifvertrag im öffentlichen Dienst hat, ist pflichtversichert. In den meisten Fällen ist das dann bei der VBL.

Somit schließt sich ein Kreis aus Mietern, Pensionsfonds, Immobilien-AGs und dem Finanzmarkt. Und die Spirale dreht sich immer schneller. Beispielsweise gibt es nun immer mehr Riester-geförderte Fonds-Sparpläne, 3,3 Millionen, die zumindest leicht höhere Dividenden versprechen. Zum Start des Förderprogramms waren es noch 174.000 Verträge. Die Steigerung war so gewünscht. Als Riester die Rente senkte, wollte er den Deutschen stattdessen eine staatlich subventionierte Möglichkeit schaffen, am Kapitalmarkt teilzunehmen. Nicht nur die Reichen sollten profitieren, sondern auch Ottonormalverdiener.

Inzwischen liegt die durchschnittliche Rendite neuer Riester-Verträge allerdings unter einem Prozent. Ganz im Gegensatz zu den steigenden Mieten.


Aus: "Wer profitiert vom Berliner Mietmarkt?" Andreas Baum, Michael Gegg, Sidney Gennies, Hendrik Lehmann, Helena Wittlich (28. Juni 2019)
Quelle: https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/mieten-und-renditen/


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« Reply #941 on: Juli 06, 2019, 03:13:15 vorm. »
Quote
[...] Frauen aus Südosteuropa wurden und werden für niedrig qualifizierte und stigmatisierte Arbeiten importiert. Unsichtbar für viele stabilisieren sie dort die Gesellschaft.

... Ankica, eine dieser "Gastarbeiterinnen", die beinahe ihr ganzes Arbeitsleben in Frankfurt verbrachte, betonte im Gespräch mit mir, dass die Frauen gekommen waren, um zu arbeiten, arbeiten, arbeiten. Das Verb arbeiten wiederholte sie dreimal, vielleicht weil die Frauen mindestens drei Arbeitsstellen parallel hatten. Ihr Ziel war es, den Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen und die Eltern abzusichern, die in der Heimat zurückgeblieben waren.

... Die Anthropologin Duga Mavrinac vom Institut für anthropologische Forschung in Zagreb beschäftigt sich mit den sogenannten Badantinnen, Frauen, die in heutiger Zeit aus Kroatien nach Italien gehen, um dort ältere und pflegebedürftige Menschen zu betreuen und in Haushalten arbeiten, die sich teure Altersheime und professionelle Pflegerinnen nicht leisten können. Die Badantinnen ersetzen vollständig die vernachlässigten Segmente der Sozialpolitik in jenen Ländern, die nicht genug Mittel in die wachsende ältere Bevölkerungsgruppe investieren. Gleichzeitig ersetzen diese Frauen die traditionellen Rollen der Schwiegertöchter und der Töchter, die sich früher zu Hause um die älteren Familienmitglieder gekümmert haben. Über diese Badantinnen in Italien gibt es genauso wenig offizielle Angaben wie über die Frauen, die nach Deutschland kommen, um sich hier um ältere Menschen zu kümmern, da sich diese Migrationen und ihr Engagement auf dem Schwarzmarkt abspielen.

Diese Tatsache erläuterte mir die Ethnologin Tanja Višić vom Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt, die bereits seit vier Jahren die Arbeitsmigrationen von Frauen aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawien erforscht. "Sie verbleiben maximal drei Monate in den hiesigen Haushalten, so lange, wie ein Touristenvisum Gültigkeit besitzt. Länger könnten sie es sowieso weder physisch noch psychisch aushalten, da sie 24 Stunden am Tag zur Verfügung stehen müssen. Meines Erachtens kann man sie nicht als bloße Putzfrauen, Haushälterinnen oder Pflegerinnen bezeichnen", sagt Višić, "sie organisieren sich untereinander, sie gehen ins Unbekannte, ohne die deutsche Sprache zu sprechen und ohne die gesellschaftlichen Codes zu kennen, aber dennoch übernehmen sie die Verantwortung für die Existenz ihrer eigenen Familien." ...


Aus: "Migration: Heldinnen? Ja, Heldinnen" Ivana Sajko (Aus dem Kroatischen von Alida Bremer)  (5. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2019-07/migration-frauen-jugoslawien-arbeitsmigration/komplettansicht

Quote
Condorito #1

Nicht Süd-, aber Ost-, selbst erlebt: Eine ältere Dame wurde von ihrer aus Polen stammenden 24-Pflegerin nach dem Sturz persönlich hochgehievt; sie betreut sie liebevoll. Die Tochter stellte mir die Pflegerin vor mit den Worten: "Ich habe die Polin mitgebracht". Als ich "die Polin" nach ihrem Namen fragte, war sie erstaunt, dass das jemanden interessiert.


Quote
jstawl #1.1

Bzgl. Pflegerinnen aus Osteuropa haben wir auch gemerkt, dass das Verhalten gegenüber diesen Menschen sehr unterschiedlich war. Einige behandelten die Menschen, die ihre Mütter und Väter versorgt haben, wie hauseigene Sklaven. Ich habe da von den ungarischen Pflegerinnen, die sich um unsere Oma gekümmert haben, echt schreckliches gehört.

Für uns waren das nicht einfach Angestellte oder "die Ungarin" sondern Teilzeit-Familienmitglieder, wir haben uns auch für die Heimat, für die Familie, für das Leben der Pflegerinnen interessiert.

Ohne Migranten wären wir in der Pflege mittlerweile völlig aufgeschmissen.


Quote
sqrt #2.6

Die meisten Pflegekräfte, Bauarbeiter, Schlachter, usw. vom Balkan verdienen heute hierzulande so wenig, dass sie sich Überweisungen nachhause nur wortwörtlich vom Munde absparen müssen. ...


Quote
Dietersen #8

Grandioser Artikel, der die Leistungen dieser Frauen würdigt. Ohne diese Form von Arbeitsmigration aus Ost- und Südosteuropa wären in Deutschland schon längst die Lichter aus in den Pflegeeinrichtungen, Großküchen und Putzkolonnen.... unfassbar, was sich diese Menschen hier obendrein noch anhören durften über Jahrzehnte. Erst jetzt, wo der neue Feind Islam am Horizont erschienen ist, sind die Hetzer ruhig und finden Polen und Jugoslawen plötzlich gut. Ja, so ist Deutschland. Danke für nichts.


Quote
Maximilian Wilhelm #8.3

"wären in Deutschland schon längst die Lichter aus in den Pflegeeinrichtungen, Großküchen und Putzkolonnen..."

Oder es würden endlich vernünftige Gehälter gezahlt, weil die Nachfrage das Angebot bei weitem übersteigt. Der Import billiger Arbeitskräfte ist der Grund, warum die Eigentumsverhältnisse in Deutschland so ungleich wie im Jahr 1900 verteilt sind.

Ohne diese Menschen - deren Beitrag ich sehr schätze - wären Politik und Wirtschaft längst zu tiefgreifenden Reformen gezwungen gewesen. So können sie es noch hinauszögern.


Quote
Ztdzd #13

Es ist schon sehr ärgerlich, dass Frauen aus Südosteuropa die "traditionellen Aufgaben der dt. Töchter und Schwiegertöchter" übernehmen : Putzen, kochen, Alte pflegen. Es wird jetzt endlich, endlich Zeit, dass Männer und Söhne sowie Schwiegersöhne solche Aufgaben übernehmen. Die Frauen, ich hoffe auch die aus Südosteuropa, sind längst mindestens so gut ausgebildet wie ihre Männer. Auf gehts Frauen, die Männer sind dran mit der Hälfte dieser Arbeit, ob mit oder ohne Bezahlung, das wird sich zeigen.


Quote
sqrt #13.1

Die Männer schufteten jahrzehntelang in den Minen, auf dem Bau, an den Fliessbändern, heute auch in Schlachthäusern, usw.


Quote
Ztdzd #13.3

Das stimmt natürlich. Und dennoch : eine Gesellschaft ist erst dann gerecht, wenn die Hausarbeit und die Pflege der Alten zwischen Mann und Frau aufgeteilt ist. Die Frauen sind es wert, dass sie in ihrem gelernten Beruf gutes Geld verdienen dürfen.


Quote
Schlaupilz #13.4

Es geht hier um die monatelange Trennung der betroffenen Frauen von ihren Familien im Herkunftsland. Es ist bezeichnend mit welcher Kaltherzigkeit Sie die Satzaussage verdrehen.


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« Reply #942 on: Juli 06, 2019, 06:21:37 nachm. »
Quote
[...] Auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer sind die Verhältnisse in Deutschland nicht überall gleich. Am Arbeitsmarkt zeigt sich das nicht nur an unterschiedlichen Gehältern, sondern auch an der Arbeitszeit: Im vergangenen Jahr haben Westdeutsche durchschnittlich 1.295 Stunden gearbeitet. In Ostdeutschland – Berlin eingeschlossen – waren es 1.351 Stunden, also 56 Stunden mehr. Auch die Löhne sind im Westen höher: Im Jahresdurchschnitt verdienten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit 36.088 Euro brutto fast 5.000 Euro mehr als die Beschäftigten im Osten (31.242 Euro). Die Bundestagsfraktion der Linken wertete diese Zahlen auf Grundlage der Daten der Statistischen Ämter von Bund und Ländern aus.

Die Linken-Sozialexpertin Sabine Zimmermann sagte, es sei inakzeptabel, dass sich die Bundesregierung offensichtlich mit einem "Sonderarbeitsmarkt Ost" abgefunden habe. Als Lösungsansatz nannte sie eine Stärkung der im Osten deutlich schwächeren Tarifbindung. Dafür müssten Tarifverträge in einer Branche leichter für allgemeinverbindlich erklärt werden können. Zudem fordert die Linke schon seit Längerem eine Erhöhung des Mindestlohns auf zwölf Euro pro Stunde. Aktuell liegt er bei 9,19 Euro, ab 2020 soll er auf 9,35 Euro angehoben werden.

Den Statistiken zufolge arbeiteten im vergangenen Jahr die Menschen in Sachsen-Anhalt mit 1.373 Stunden am meisten. Am niedrigsten war diese Zahl im Saarland mit 1.269 Stunden pro Arbeitnehmer. Der bundesweite Schnitt liegt bei 1.305 Arbeitsstunden.

Bei den Löhnen und Gehältern bleibt Hamburg an erster Stelle. In der Hansestadt verdienten Beschäftigte durchschnittlich 41.785 Euro brutto. Die niedrigsten Gehälter werden in Mecklenburg-Vorpommern gezahlt: 28.520 Euro betrug das mittlere Bruttogehalt. Bundesweit waren es 35.229 Euro je Arbeitnehmer.

Beim Arbeitsvolumen erfasst der Arbeitskreis Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden am jeweiligen Arbeitsort – auch bei Beschäftigten mit mehreren Jobs. Nicht einbezogen werden etwa Urlaub, Elternzeit, Feiertage, Kurzarbeit oder Abwesenheit wegen Krankheit.


Aus: "Ostdeutsche arbeiten mehr und verdienen weniger" (6. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/2019-07/ostdeutschland-mehr-arbeitsstunden-weniger-lohn


Quote
ansv #8

Was soll diese Statistik eigentlich sagen? Es gibt unendlich viele prekär Beschäftigte, die sehr gerne mehr als 20 Stunden arbeiten würden, sind die berücksichtigt? Und was genau sagt der Durchschnittsverdienst eines ganzen Bundeslands aus? Von dem, was man im oberbayerischen Dorf verdient, bezahlt man in München auch keine Wohnung. ...


Quote
bromfiets #8.1

Es gab 2018 weniger Vollzeitarbeitsplätze als 1998, obwohl die vielbejubelte Arbeitslosenquote 1998 weit höher lag. Dafür haben wir halt 4 Mio. neue Teilzeitarbeitsplätze bzw. eine Teilzeitquote von mittlerweile 40%. Rund 3.2 Mio. Menschen haben Nebenjobs. Details siehe hier: http://doku.iab.de/arbeitsmarktdaten/AZ_Komponenten.xlsx

Wenn es das Ziel der Agenda 2010 war, den Arbeitsmarkt zu amerikanisieren, dann kann nur sagen: Ziel erreicht. ...


Quote
ansv #8.4

"Amerikanisierung" klingt irgendwie zu harmlos. Herr SPD-Schröder hat es 2005 in Davos deutlicher gesagt "Wir haben unseren Arbeitsmarkt liberalisiert. Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt".

Das war das Ziel, das wurde erreicht. Mit den Hartz-Reformen hat man dafür gesorgt, dass Qualifikation sich nicht mehr rentiert. Wer arbeitslos wird, muss jede Arbeit annehmen, sonst wird die Unterstützung gestrichen. Und wer einmal im Callcenter sitzt, kommt dort nur schwer wieder raus.

Gleichzeitig wird alles unterlaufen, was einmal von Gewerkschaften erstritten wurde. Kündigungsschutz entfällt z. B. wenn man nur mit Teilzeitkräften arbeitet. Im Handel ist das nahezu standard, Discounter stellen ihre ganze Personalpoliltik darauf ab, dass bei einem Kranheitsausfall nie mehr als 20 Stunden zu verteilen sind. Und bei anderen gibt es gleich nur eine Garantie für 20 Stunden / Monat, der Rest ist auf Abruf und Goodwill.

Trotz allem - das betrifft ganz Deutschland. Nicht nur den Osten. Und ich kann mich gar nicht beruhigen über diesen Artikel. Was will man damit erreichen? Wohl kaum Zufriedenheit im Saarland (wir arbeiten am wenigsten) sondern Unzufriedenheit im Osten (wir habens immer gewusst, wir sind so arme Schweine)...


Quote
xvulkanx #14

Was nützt das höhere Einkommen in den westdeutschen Metropolen, wenn das von den hohen Mieten aufgefressen wird. ...


Quote
wd #26

Das mit der "Produktivität" ist eine lustige Sache.
Monteurstunde in Hamburg 120€
Monteurstunde Niedersachsen Provinz 60€
Beide Monteure erledigen die gleiche Arbeit in der gleichen Zeit.


...


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« Reply #943 on: Juli 09, 2019, 12:34:58 nachm. »
Quote
[...] Die Zahl der Millionäre ist zuletzt in Deutschland und in aller Welt zurückgegangen. Das geht aus dem jährlichen „World Wealth Report“ der Unternehmensberatung Capgemini hervor, der am Montag in Frankfurt vorgestellt wurde. Allerdings betrachtet diese Erhebung nur das „anlagefähige“ Vermögen, in Dollar gerechnet, aus Sicht eines Vermögensverwalters. Nicht berücksichtigt werden etwa Sammlerstücke, Gebrauchsgüter und selbstgenutzte Immobilien.

Wer unter diesen Voraussetzungen mehr als eine Million Dollar auf die Waage bringt, zählt als „High Net Worth Individual“, als „Dollar-Millionär“. Nach dieser Zählweise gab es zuletzt 18 Millionen Millionäre in aller Welt, das waren rund 0,3 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. In Deutschland sank die Zahl der Millionäre um 1,1 Prozent auf 1,35 Millionen.

Als wichtigsten Grund für den Rückgang nannte Klaus-Georg Meyer von Capgemini die Kursverluste an den Börsen im Jahr 2018, die von den Wertzuwächsen bei fremdgenutzten Immobilien nicht ausgeglichen wurden. Es war in Deutschland und in aller Welt der erste Rückgang der Millionärszahlen seit dem Jahr 2008, als die Weltfinanzkrise viele große Vermögen erheblich belastet hatte.

Am meisten Millionäre gibt es demnach weiterhin in den Vereinigten Staaten mit 5,3 Millionen, das war — gegen den globalen Trend — ein Plus von 1 Prozent. Auf Platz zwei kommt Japan mit 3,2 Millionen (minus 0,4 Prozent) vor Deutschland mit 1,35 Millionen (minus 1,1 Prozent) und China mit 1,19 Millionen Millionären (minus 5 Prozent).

Besonders stark zurückgegangen ist die Zahl der Millionäre in Hongkong mit einem Minus von 10 Prozent auf 153.000. Meyer erklärte das mit der starken Abhängigkeit Hongkongs von den Kapitalmärkten. Zu den Ausnahmen vom globalen Trend gehörten hingegen eine Reihe von Ölstaaten. So nahm in Saudi-Arabien (plus 7 Prozent) und Kuweit (plus 8 Prozent) die Zahl der Millionäre deutlich zu. Meyer erklärte das mit dem starken Ölpreis – und den Versuchen der Ölländer, durch Investitionen unabhängiger von dem Rohstoff zu werden.

Unter allen Weltregionen verzeichnete der Raum „Asien-Pazifik“ mit minus 1,7 Prozent den stärksten Rückgang der Millionärszahlen. Europa verlor 0,5 Prozent. Nordamerika konnte ein Plus von 0,4 Prozent verzeichnen — und der Nahe Osten den größten Zuwachs mit 5,8 Prozent.

Schaut man sich die Entwicklung der Vermögen der Millionäre an, ergibt sich ein ähnliches Bild wie bei der Zahl der Millionäre. Sowohl in aller Welt (minus 2,9 Prozent) als auch in Deutschland (minus 3,9 Prozent) sank das Vermögen. In Nordamerika ergab sich die Besonderheit, dass zwar die Zahl der Millionäre leicht gestiegen ist, das Gesamtvermögen aller Millionäre aber um 1,1 Prozent zurückging.

Dabei ist Millionär nicht gleich Millionär. Die Unternehmensberatung teilt die Vermögenden in drei Gruppen ein: Zu den „Millionären von nebenan“ mit einem Vermögen zwischen einer und fünf Millionen Dollar gehören 90 Prozent aller Millionäre. Sie kommen aber nur auf 43 Prozent des Millionärsvermögens.

Die mittlere Gruppe mit 5 bis 30 Millionen Dollar machen 9 Prozent der Millionäre aus, sie verfügen über 23 Prozent des Millionärsvermögens. Und die „Ultra-HNWI“, das sind Leute mit mehr als 30 Millionen Dollar, machen zwar nur 0,9 Prozent aller Millionäre aus — sie verfügen aber über stolze 33,7 Prozent des Millionärsvermögens.

Relativ am stärksten abgenommen hat nun im vergangenen Jahr das Vermögen der reichsten Gruppe (minus 6,3 Prozent) — auch die Zahl der ganz reichen Millionäre ist mit einem Minus von 3,9 Prozent am stärksten zurückgegangen.

Sorgen machen müsse man sich um die Millionäre trotz dieses Vermögensrückgangs wohl nicht, war Meyers Einschätzung. Treiber in Deutschland seien das gegenüber dem Vorjahr geringere Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent gewesen sowie der Rückgang der Marktkapitalisierung deutscher Aktien um 22,4 Prozent.

Die Immobilienpreise seien im Gegenzug um 6,8 Prozent gestiegen. Die nach wie vor relativ hohe Zahl von Millionären in Deutschland habe etwas mit dem starken Mittelstand zu tun, meinte Meyer. Viele Millionäre hätten ihr Vermögen geerbt. Es gebe aber auch Angestellte mit einem entsprechenden Einkommen, die es neu zum Millionär gebracht hätten.

Mit Umfragen hat die Unternehmensberatung auch analysiert, wie die Millionäre ihr Vermögen jetzt anlegen (Stand erstes Quartal). Dabei gab es einige Auffälligkeiten: Aktien wurden offenbar in aller Welt vielfach durch Kasse oder Ähnliches („Cash und Cash-Äquivalente“) ersetzt. Der Aktienanteil an den Millionärs-Portfolios ging um 5,2 Prozentpunkte auf 25,7 Prozent zurück. Cash schaffte es global mit 27,9 Prozent auf den größten Anteil am Portfolio, ein Plus von 0,7 Prozentpunkten. Zumindest unter den befragten Millionären haben offenbar einige ihre Immobilien-Investitionen zurückgefahren. Der Anteil sank um einen Prozentpunkt auf 15,8 Prozent.

In Deutschland waren diese Effekte sogar noch stärker: Der Anteil der Immobilien am Portfolio sank um 12,7 Prozentpunkte auf 17,8 Prozent. Die Kassenbestände stiegen im Gegenzug um 7,8 Prozentpunkte auf 27,4 Prozent. Meyer sagte, auch wenn die Umfragen nach Angaben der beteiligten Meinungsforscher repräsentativ seien, würde er aufgrund der geringen Grundgesamtheit der Millionäre die Aussagen zum Desinvestment in Immobilien nicht überbewerten. Es scheine aber „als Trend“ bei Millionären durchaus eine größere Vorsicht gegenüber Immobilien zu geben als früher.

Größere Anteile als früher an den Portfolios der Millionäre haben der Untersuchung zufolge alternative Investments, dazu zählen strukturierte Produkte, Hedgefonds, Derivate, Fremdwährungen, Rohstoffe und Private Equity. „Gerade bei den ganz Reichen hat Private Equity an Bedeutung gewonnen“, sagte Meyer.

Eine Besonderheit gebe es in Lateinamerika: Dort habe man es mit relativ vielen jungen Millionären zu tun. Diese setzten mehr auf Aktien als frühere Generationen. Nicht zuletzt deshalb habe der Aktienanteil dort gegen den Trend um 12 Prozentpunkte zugelegt – auf immerhin 32,7 Prozent.


Aus: "Neue Reichen-Studie : Die Zahl der Millionäre in Deutschland schrumpft" Christian Siedenbiedel (09.07.2019)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/finanzen/die-zahl-der-millionaere-in-deutschland-schrumpft-laut-capgemini-16274770.html

Quote
Letzen Monat gab es bei Ihnen noch ganz andere Werte

    Johann Sajdowski (urmensch), 09.07.2019 - 09:15

In der Infografik "Hier leben die meisten Millionäre" hatten die USA 14,7 Mio. davon, China 1,3 Mio., Japan 1,1 Mio., die Schweiz 500.000, GB, D, F, CAN und I je 400.000, Taiwan 200.000. - Was stimmt denn nun?
[Anmerkung der Moderation: Sehr geehrter Herr Sajdowski, vielen Dank für Ihre Anmerkung! Wir haben ihre Frage an das zuständige Ressort weitergeleitet und folgende Antwort erhalten: Es handelt sich um zwei Studien aus zwei Quellen, die Vermögen unterschiedlich definieren. BCG berücksichtigt nur einen Teil der sogenannten Alternativen Investments wie etwa Derivate oder Rohstoffe. GVor allem aber bleiben Immobilien komplett außen vor, während Capgemini nur die selbstgenutzten Immobilien aus der Betrachtung ausschließt. gerade letzteres dürfte die unterschiedlichen Zahlen hinreichend erklären. Wir hoffen, dass wir Ihnen damit weiterhelfen können. Viele Grüße! ]


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Die Zahl der Millionäre in Deutschland schrumpft:

    Uwe Schweitzer (Mel230396), 09.07.2019 - 06:45

Sind denn schon Spendenkonten freigeschaltet ?


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« Reply #944 on: Juli 13, 2019, 03:31:20 vorm. »
Quote
[...] Das Adelshaus Hohenzollern erhebt einem Medienbericht zufolge Anspruch auf Tausende Kunstwerke von teils nationaler Bedeutung aus öffentlichen Museen in Berlin und Brandenburg. Dies gehe aus Unterlagen aus seit Jahren geheim laufenden Vergleichsverhandlungen mit der öffentlichen Hand hervor, berichtet der Tagesspiegel. Hohenzollern-Oberhaupt Georg Friedrich Prinz von Preußen verlangt demnach zudem dauerhaftes unentgeltliches Wohnrecht für die Familie im Potsdamer Schloss Cecilienhof oder zwei anderen Schlossvillen.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) ließ mitteilen, bei den Gesprächen mit Bund, Berlin und Brandenburg gehe es um eine dauerhafte Gesamtlösung für verschiedene Kunst- und Sammlungsgegenstände. "Zurzeit liegen die Verhandlungspositionen immer noch sehr weit auseinander", hieß es.

Hintergrund sei ein Gesetz aus dem Jahr 1926 über die Vermögensauseinandersetzung zwischen dem damaligen Staat Preußen und dem Haus Hohenzollern. Nun gehe es unter anderem um rechtliche Unklarheiten im damaligen Vertrag. Laut Tagesspiegel soll es sich um Sammlungsobjekte handeln, die sich heute vor allem bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und beim Deutschen Historischen Museum befinden. "Darunter befinden sich auch Gegenstände und Gemälde von erheblichem Wert und historischer Bedeutung", hieß es aus dem Staatsministerium für Kultur und Medien.

Die Hohenzollern zählen zum deutschen Hochadel, das derzeitige Familienoberhaupt ist Ururenkel von Wilhelm II., dem letzten deutschen Kaiser. Dem Bericht zufolge erweiterten die Hohenzollern zuletzt ihre Forderungen an die öffentliche Hand um Teile des früheren Hausarchivs und der Bibliothek der Preußenkönige sowie den Anspruch auf Wohnrecht.

Laut Tagesspiegel hatte Grütters' Stab die Forderung am 13. Juni per Brief abgelehnt. In dem Schreiben heiße es, dass die Vertreter Berlins, Brandenburgs und des Bundes keine geeignete Grundlage für Erfolg versprechende Verhandlungen sehen. Seit mindestens 2014 werde über strittige Eigentums- und Besitzverhältnisse verhandelt. Nach Informationen der Zeitung hatte das Adelshaus zwischenzeitlich die Leihverträge für Kunstwerke mit öffentlichen Museen gekündigt. Das Adelshaus habe auf Anfrage keine Details genannt, sondern von laufenden Verhandlungen gesprochen. Der Bund habe in dem Brief einen Gütetermin für den 24. Juli angesetzt, um zu beraten, ob es noch einen Lösungsweg gibt.

Bislang war lediglich bekannt, dass das Haus Hohenzollern für die Rückgabe früherer Immobilien kämpft – oder eine Entschädigung in Millionenhöhe für frühere Preußenschlösser, deren Rückgabe eindeutig ausgeschlossen ist. Zuletzt hatte das Landgericht Koblenz eine Klage von Georg Friedrich Prinz von Preußen auf Rückgabe des Schlosses Rheinfels gegen das Land Rheinland Pfalz abgewiesen.


Aus: "Prinz von Preußen: Hohenzollern erheben Anspruch auf Tausende Kunstwerke" (12. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/kunst/2019-07/prinz-von-preussen-hohenzollern-rueckforderung-kunst-kanzleramt

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Der Quotenwagnerianer #4

Wieso checken diese ehemaligen Adelsgeschlechter eigentlich nicht, dass es seit 100 Jahren vorbei ist?
Der Adelsstand ist abgeschafft, jegliche Sonderrechte und Besitzsstände sind verwirkt.


Quote
Schelmchen #4.1

Ihre Worte in das Ohr der Reichsbürger, es gibt sogar Nichtadelige welche mental irgendwo zwischen Mittelalter und Renaissance leben. ...


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TB42 #4.11

"Ich finde es etwas komisch, dass wir Milliardären ihr Erbe zustehen, aber Adelshäuer wie das der Hohenzollern, welche den modernen Nationalstaat Deutschland schufen haben kein Recht auf ihr Eigentum?"

Nun haben die Hohenzollern ja nicht nur Nationalstaaten geschaffen (zumal das ja wohl eher Bismarck war?), sondern auch so einen klitzekleinen Weltkrieg angefangen. Ups, kann ja jedem mal passieren ...


Quote
Tordenskjold #4.46

["Ich finde es etwas komisch, dass wir Milliardären ihr Erbe zustehen, aber Adelshäuer wie das der Hohenzollern, welche den modernen Nationalstaat Deutschland schufen haben kein Recht auf ihr Eigentum?"]

Glauben Sie diesen royalen Unsinn wirklich selber?

Wilhelm II war ein eitler Universaldilettant, der seinen Beitrag leistete um Europa ins Verderben zu führen.
Alle Reformen wurden von Sozialdemokraten gegen stärkste Widerstände erkämpft.
In Sachen Demokratie hinkte Deutschland unter den Hohenzollern den Franzosen und Briten hinterher.


Quote
various #4.29

Hallo,

mein juedischer Grossvater hat fuer seinen 'Aufenthalt' im Konzentrationslager-Mauthausen Gusen keinen Pfennig Entschaedigung erhalten, die polnisch-litauische Seite meine Familie nie einen Cent fuer die Gebiete, die meiner Familie durch die deutsche Enteignung und die darauf folgende Sovietherrschaft verloren gegangen sind. Unser Familiensitz ist heute eine Discothek und Vergnuegungspark -

Ja, sie werden diese Gebiete nie wieder sehen. Ihre wie meine Famlilie war Teil einer Macht und Besitzstruktur, die sich ueber Jahrhunderte in Europa entwickelt hat. Ob sie etwas fuer die Kriege konnte oder nicht - die Zeiten des Feudalismus sind vorbei.

Meiner Meinun nach sollte man die positiven Aspekte der Unverteilung von Macht und Eigentum sehen, und anachronistische Adelsgeschlechter dort hinschicken wo sie hingehoeren: In das Geschichtsbuch.


Quote
Ferndenker #4.39

Ja man kanns doch mal versuchen. Es geht vermutlich gar nicht darum, das alles durchzusetzen, sondern lukrative Vergleiche zu erwirken. It's all about the money.


Quote
Schelmchen #5

Wenn das Haus Hohenzollern so gerne ihre frühen "Besitztümer" zurückhaben möchten, so können sie gerne auch die Reparationszahlungen des ersten Weltkrieges aus dem Versailler Verträgen komplett übernehmen. Inklusive Zinsen, Schulden werden schließlich ebenfalls mit vererbt.


Quote
  Dohlenmann #22

Irgendwie anachronistisch und schon so bizarr, dass es fast charmant ist! ...


Quote
Schnucki3 #25

... und ich erhebe Anspruch auf den Erbteil meiner Eltern aus dem Treuhandvermögen der ehemaligen DDR und zwar in Bar...

Ja nee, ist klar.


...

"Eigentumsansprüche auf tausende bedeutsame Kunstwerke Wie der Streit zwischen Kaiser-Ururenkel und Bund eskalieren konnte" Thorsten Metzner (13.07.2019)
 Gemälde, Kunstschätze und ein Wohnrecht: Die Nachfahren der preußischen Herrscher erheben Ansprüche auf Museumsgüter. Nun eskaliert der Streit. Ein Überblick. ...
https://www.tagesspiegel.de/berlin/eigentumsansprueche-auf-tausende-bedeutsame-kunstwerke-wie-der-streit-zwischen-kaiser-ururenkel-und-bund-eskalieren-konnte/24588740-all.html

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Quote
[...] Man kann den Vorgang als einigermaßen bizarr ansehen. Ein volles Jahrhundert ist vergangen, seit die deutschen Fürsten auf einen Schlag an Macht und Herrlichkeit verloren, hinweggepustet von ihren Untertanen, die es nach vier Jahren Krieg und Entbehrungen satt waren, sich länger von oben herab beherrschen zu lassen.

Die Hohenzollern traf es materiell vergleichsweise härter als manche Standeskollegen, zumal die Welfen und die Wittelsbacher. Deren Nachfahren erfreuen sich bis heute erheblicher Reichtümer. Soweit es allein um materielle Forderungen ginge, könnte man gedanklich folgen; wer versuchte heutzutage nicht, die Vergangenheit auf dem Klagewege für sich nutzbar zu machen.

Doch das Begehr von Hohenzollern-Prinz Georg Friedrich reicht weiter. Es geht ihm, kurz gesagt, um Geschichtspolitik. Ein Hohenzollernmuseum soll her. Und augenscheinlich soll ein solches Museum nicht nur die Biografien von Wilhelm und seiner Auguste Victoria erzählen, von den vier Friedrich Wilhelms auf dem Thron oder den drei Friedrichs. Nein, es geht offenbar um die die Deutungshoheit über die Geschichte. Denn was sollten die eingeklagten „Mitwirkungsrechte“ anderes ermöglichen, als eine gezielte Einflussnahme auf die Darstellung der regierenden Vorfahren?

Mögen die derzeitige Hohenzollern-Familie auf der ein oder anderen Immobilie Wohnrecht erhalten. Doch „Mitwirkungsrechte“ über die Ausleihe einzelner Kunstwerke, gar ein Gestaltungsrecht an einem Museum – eine solche Zumutung ist in einer aufgeklärten Gesellschaft ausgeschlossen. Im Lichte dieser Forderung erweisen sich die Hohenzollern-Wünsche als Beleg dafür, dass es am Verständnis der deutschen Geschichte der vergangenen einhundert Jahre ganz offensichtlich hapert.


Aus: "Eine Zumutung für die aufgeklärte Gesellschaft" Bernhard Schulz (14.07.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/bizarre-forderungen-der-hohenzollern-eine-zumutung-fuer-die-aufgeklaerte-gesellschaft/24591532.html

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Sofie 14.07.2019, 17:47 Uhr
Lieber Herr Schulz,
das mit dem Wohnrecht meinen Sie wohl nicht ernst? ...


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spreeathen 14.07.2019, 16:24 Uhr
Wohnrecht?

    Mögen die derzeitige Hohenzollern-Familie auf der ein oder anderen Immobilie Wohnrecht erhalten.

Viele Menschen in diesem Land suchen derzeit händeringend nach bezahlbarem Wohnraum oder haben wegen der explosionsartig angestiegenen Mieten Angst, dass sie ihre Wohnung, die sie vielleicht schon seit Jahrzehnten bewohnen, bald aufgeben müssen, weil sie die Mieten nicht mehr zahlen können.

Und da soll jetzt - hundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Abdankung Kaiser Wilhems II. - die Hohenzollern-Familie "auf der eine oder anderen Immobilie Wohnrecht erhalten" - vielleicht noch unentgeltlich und lebenslang?...


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rixdorf 14.07.2019, 18:31 Uhr
Ging nicht vor ein paar Jahren durch die Medien, dass Deutschland seine letzte Rate an Reparationszahlungen aus dem ersten Weltkrieg gezahlt hat. Wie wäre es, wenn man den Gesamtbetrag der Reparationen der Familie Hohenzollern in Rechnung stellt und gegenrechnet. Da käme dann sicherlich ein erquickliches Sümmchen für den Staat bei raus. ...


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A.v.Lepsius 14.07.2019, 17:08 Uhr
Die Deutschen sind ein undankbares Pack.

Mein Vorschlag: Es gibt gewiss Staaten auf dieser Erde, die sich mit einer repräsentativen Monarchie schmücken würden.
Disneyland ist auch immer auf der Suche nach einer neuen Attraktion, und ein Wohnrecht wäre bestimmt möglich.
Dann gibt es ja auch noch die vielen neuen Milliardäre, denen die Ideen zum Geldausgeben ausgehen und die sich bestimmt für skurriles begeistern können.

Einfach eine Anzeige bei einer Plattform einstellen: Adelsfamilie Leasing oder Kauf, Bedingungen Schloss und Krone, angemessenes Taschengeld.


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