Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 249143 times)

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Offline Textaris(txt*bot)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #930 on: June 12, 2019, 01:25:44 PM »
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[...] Der Politiker Friedrich Merz ist Vizepräsident des Wirtschaftsrates der CDU und war früher Vorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag. Er ist Vorsitzender des Aufsichtsrats der Fondsgesellschaft BlackRock in Deutschland und kandidierte Ende vergangenen Jahres um den CDU-Parteivorsitz.

 Deutschland geht es gut. Wir leben in einem der schönsten und wohlhabendsten Länder der Welt. ... Die Agenda 2010 der rot-grünen Bundesregierung war der Versuch, die deutsche Volkswirtschaft in einem schärfer werdenden globalen Wettbewerb zukunftsfähig und zugleich die Sozialversicherungen demografiefest zu machen. ... Marktwirtschaft heißt vor allem Kapitaleinsatz: kapitalstarke Unternehmen, Kapitalbildung in Arbeitnehmerhand, Kapitalfundierung von Teilen der Sozialversicherungen, Kapitalerträge etwa für die Bildungseinrichtungen. All dies macht den Kapitalismus im bestverstandenen Sinn des Wortes zusammen mit der sozialen Verantwortung aller Akteure zum Wesenskern der sozialen Marktwirtschaft. Die Deutschen müssen wieder neu lernen, diesen Teil der Marktwirtschaft zu verstehen, damit sie gerettet werden kann. Und retten müssen wir sie, denn ohne Kapitaleinsatz und ohne Kapitalrentabilität gibt es keinen Sozialstaat und ohne Sozialstaat gibt es keine soziale Gerechtigkeit. ... Die Zahl der Aktionäre ist in Deutschland im letzten Jahr um rund 200.000 gestiegen, sie liegt jetzt wieder über zehn Millionen. Das ist, für sich genommen, eine gute Nachricht. Damit sind aber immer noch 70 Millionen Menschen in Deutschland ohne Zugang zu den Kapitalerträgen der Unternehmen. Immer noch arbeiten Millionen deutscher Beschäftigter in börsennotierten Aktiengesellschaften, deren Erfolg von Millionen ausländischer Aktionäre vereinnahmt wird. Kaum ein börsennotiertes Unternehmen in Deutschland hat noch mehrheitlich deutsche Aktionäre. Daran muss sich etwas ändern, aber daran lässt sich nur etwas ändern, wenn in Deutschland eine neue Kultur des Aktiensparens entsteht und sich daraus eine neue Teilhabe am Erfolg der Marktwirtschaft entwickelt. Ich bin, anders als früher, heute auch der Auffassung, dass der Gesetzgeber eine Verpflichtung zur privaten, kapitalmarktorientierten Vorsorge für das Alter ernsthaft prüfen sollte, in welcher Form auch immer. ... Starke Bürger vertrauen auf ihre eigenen Kräfte und übernehmen Verantwortung für sich und andere, engagieren sich in Familie, Schule und Politik, im Betrieb oder in den vielen gesellschaftlichen Problemfeldern. Wenn in dieser Weise Kapital und Soziales, Staat und Unternehmen, Stiftungen und Verbände, Initiativen und Bürger allgemeine Projekte unterstützen und tragfähige soziale Netzwerke knüpfen, kann das ganze kreative Potenzial unserer Gesellschaft zum Tragen kommen. Die unsichtbare Hand, von der Adam Smith sprach, führt dann nicht nur zu wirtschaftlichem, sondern auch zu sozialem Reichtum. Nicht inszenierter Klassenkampf, sondern eine konstruktive Partnerschaft zwischen wirtschaftlichem und sozialem Kapital schafft ein erneuertes bürgerliches Gemeinwesen. Aber ohne oder gar gegen den Kapitalmarkt sind diese Ziele allesamt nicht zu erreichen.


Aus: "Für eine neue Kultur des Sparens" Friedrich Merz (11. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/wirtschaftspolitik-deutschland-wohlstand-soziale-gerechtigkeit-demokratie-kapitalismuskritik/komplettansicht

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Ideosynkratisch #2

Hallo Herr Merz! Ich könnte mir Sie als Kanzler vorstellen! ...


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Polykanos #2.56

"Ich könnte mir Sie als Kanzler vorstellen!"

Ich auch - Horror!


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Einfacher Bürger #78

Die alte Kultur des Herumschwurbelns - Auch hier muss ins Deutsche übersetzt werden.

"Auf Dauer unbezahlbare soziale Leistungsversprechen und eine Übertragung der Lasten auf jüngere Generationen verstoßen gleich mehrfach gegen Vorsorgeprinzip und Nachhaltigkeit."

Runter mit den Sozialleistungen, ihr verwöhnten Blagen.

"Wenn die Zustimmung zu Demokratie und Marktwirtschaft wieder steigen soll, dann müssen aber nicht nur Zusammenhänge (besser) erklärt werden."

Ihr seid zu doof zu verstehen, dass Steuerermäßigungen für Wohlhabende gut sind.

"Ich bin ... der Auffassung, dass der Gesetzgeber eine Verpflichtung zur privaten, kapitalmarktorientierten Vorsorge für das Alter ernsthaft prüfen sollte"

Seht zu wo ihr die Kohle herbekommt. Mir doch egal.

"Starke Unternehmen verstehen sich als Wertschöpfungsgemeinschaften, die von der Gesellschaft profitieren und sich deshalb auch im Sinne der Corporate Citizenship für die Gesellschaft engagieren."

Alle Großunternehmen werden ein (steuerlich abzugsfähiges) Sommerfest für Kinder organisieren. Versprochen!

"Die unsichtbare Hand, von der Adam Smith sprach, führt dann nicht nur zu wirtschaftlichem, sondern auch zu sozialem Reichtum."

Mal gucken, wer immer noch darauf reinfällt, dass es den Menschen gut geht, wenn es den Reichen gut geht.



Sorry, aber unwählbar


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Einfacher Bürger #78.1

Ich fasse Merz' Aussagen mal zusammen: Wenn ihr glaubt, dass die Agenda 2010 schlimm war, dann lasst Euch mal von mir überraschen. Mir fallen noch ganz andere Sachen ein.


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efwe #2.70

merz die mittelstands-Atlantikbrücke, im ernst :)


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klaurot #14

Wir leben in einem der schönsten und wohlhabendsten Länder der Welt.

Wer ist "wir"? ...


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BCO #14.1

Wir = der Mittelstand (im Merz'schen Sinne).


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Bratstein #37

Der Mister Blackrock will uns die soziale Seite des Kapitalisum näherbringen. Prima! Wir sehen ja wie prächtig soziale Gerechtigkeit im Mutterland von Blackrock funktioniert. .. .


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roccco #15

Gebt mir die Kohle, zu eurem Wohle!
Der Mann von BlackRock möchte nur euer Bestes!


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mal denken mal handeln #38

Interessant, wie Merz von sozialer Gerechtigkeit zur Werbung für Aktienbesitz kommt, wofür er ja als Vorstand von Blackrock zu Zeiten der Parteivorsitzambitionen stark kritisiert wurde. ...


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till ratzeburg #39

"Wir sind uns in unserer Gesellschaft weitgehend einig, dass die Umweltpolitik vom Vorsorgeprinzip und vom Grundsatz der Nachhaltigkeit geleitet sein muss."

Wer ?
Die CDU ?
Ist das jetzt Ironie ?
Das ist genau das was die CDU nicht will. Die wollen keine Umweltpolitik. Das stört die nur. ...


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Glossolalia #42

Beim Lesen des Artikels beschleicht einen ja der Verdacht, der gute Herr Merz sei mit Marty McFly und Doc Browns deLorean direkt aus den 1980ern zu uns gekommen, um einen Essay über seine Weltsicht zu verbreiten.

Der Essay verströmt mit jedem Satz die Gewissheit, daß sich da jemand seit fast 40 Jahren kein Stück weiterentwickelt hat, sondern tatsächlich immer noch an den gleichen Kokolores erzählt, der schon vor 40 Jahren nichts als Wunschdenken war. Damals war es skurril, weil es auf der kapitalistischen Seite der gleiche weltfremde Dogmatismus war, wie die Marxismus-Leninismus Märchen der Gegenseite. Angesichts der historeischen Pleite des real existierenden Sozialismus sind diese Märchen allerdings heute eher gruselig, da sich der Verdacht erhärtet, daß auf dieser Seite (Kapitalismus) Leute tatsächlich an den törichten Quatsch glaubten, den sie verzapften...


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polarapfel #42.1

Wer seit den 80ern über 40 Jahre sein Geld statt auf dem Sparbuch, Tagesgeld oder der Lebensversicherung in Aktien investiert hat, ist jetzt reich. ...


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invoker #44

Herr Merz,
ich stimme Ihnen grundsätzlich zu. Nur: Welche konkreten Maßnahmen schlagen Sie vor? Eine Pflicht zum Aktienkauf dürfte einem Paketzusteller kaum helfen, er braucht das Kapital für seinen alltäglichen Konsum.

Eigentum verpflichtet. Amazon aber zahlt keinerlei Steuern, obwohl es reich ist und Jeff Bezos zum reichsten Mann der Welt gemacht hat.
Wie wäre es internationale Konzerne endlich wieder zu besteuern? Oder Finanzjongleure mit einer Finanztransaktionssteuer?


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Cyber200 #50

"Deutschland geht es gut. Wir leben in einem der schönsten und wohlhabendsten Länder der Welt"

...und deshalb haben wir 7 Millionen überschuldete Haushalte, Millionen Menschen die sich durch die "Tafel" ernähren müssen, kaputte Straßen und Brücken, Mindestlöhne von denen die wenigsten leben können, eine kaum einsatzfähige Bundeswehr, Menschen die die hohen Mieten nicht mehr bezahlen können, einen Pflegenotstand in den Krankenhäusern und in den Seniorenheime, eine desolate Deutsche Bahn, ein Stop and Go Verkehr auf den überlasteten Autobahnen u.v.a.m.

Vielen geht es gut bis sehr gut. Aber der gute Herr Merz, ein talentierter Politiker und Wirtschaftsjurist, sollte den Ball etwas flacher halten.


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Desaguliers #63

"Wenn die Zustimmung zu Demokratie und Marktwirtschaft wieder steigen soll, dann müssen aber nicht nur Zusammenhänge (besser) erklärt werden."

Sagen Sie mal, Herr Merz, halten Sie Ihre Landsleute eigentlich für dämlich? ...


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House MD #71

"All dies macht den Kapitalismus im bestverstandenen Sinn des Wortes zusammen mit der sozialen Verantwortung aller Akteure zum Wesenskern der sozialen Marktwirtschaft. Die Deutschen müssen wieder neu lernen, diesen Teil der Marktwirtschaft zu verstehen,..."

Sorry, Herr Merz, das ist Quatsch. Die Kaste, zu der Sie gehören, muss das wieder neu lernen.

Manager, die Gesetze brechen gehören eingesperrt. Manager, die ihre Firma ruinieren (zum Beispiel, um eine tolle Fusion/Übernahme im Lebenslauf stehen zu haben) gehören gefeuert, und nicht mit Millionenabfindungen und Beraterverträgen für Gier und Inkompetenz belohnt zu werden. Wenn eine Bank sich überhebt, gehört sie genauso geschlossen, wie der Drogeriemarkt. Der Staat kann dann ruhig die Sparer auszahlen, aber nicht mit Staatsgeld das Weiterzocken ermöglichen.

Ein Manager ist genauso ein Angestellter einer Firma wie Klofrau und Pförtner. Wenn die Mist bauen, werden sie gefeuert. Gleiches Recht für alle.

Das Problem ist doch hierzulande, dass sich die selbsternannten Eliten sich das "Tragen der Verantwortung" hoch bezahlen lassen, aber das sie, wenn was schief geht, sich aus der Verantwortung stehlen und die Allgemeninheit die Kosten tragen lassen. Immer. Wenn es um Banken geht, um die Bahn, um den Diesel, um die Flüchtlinge (Waffen in Kriegsgebiete liefern ist okay, aber um die Flüchtlinge möge sich der Steuerzahler kümmern).

Und zur sozialen Marktwirtschaft gehört auch: Steuern zahlen.


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House MD #86

"Erfolg deutscher Unternehmen von ausländischen Aktionären vereinnahmt"

Ja Herr Merz, das können Sie mal näher erklären. Zum Beispiel, wie es kommt, das der Erfolg von Bayer vereinnahmt wird von Monsanto, gerade rechtzeitig, wenn es darum geht, die Opfer deren Gifte zu kompensieren. Hat Ihre Firma, Blackrock, was damit zu tun, immerhin grösster oder zweitgrösster Aktionär bei beiden ?

https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/monsanto-und-bayer-bei-bayer-und-monsanto-reden-auf-beiden-seiten-dieselben-investoren-mit-1.3170377 [Bei Bayer und Monsanto reden auf beiden Seiten dieselben Investoren mit: An Monsanto und Bayer sind dieselben Investoren im großen Stil beteiligt: Blackrock etwa ist mit sieben Prozent Anteil der größte Aktionär bei Bayer - und mit 5,75 Prozent die Nummer zwei bei Monsanto. ... Die Verflechtungen der Großaktionäre sind auch der Monopolkommission aufgefallen. Sie machten den Fall interessant, sagte Achim Wambach, der Vorsitzende des Expertengremiums. "Insofern schließen sich hier Unternehmen zusammen, die eh zum Teil denselben Leuten gehören." ... (21. September 2016)]

... Wer seine Altersversorgung auf seinen stolzen Besitz von Bayer-Aktien oder auch der Deutschen Bank gründete, der durfte sich einmal vorzüglich gesichert glauben. Schließlich gehörten die beiden Unternehmen zu den Flaggschiffen der deutschen Wirtschaft. Heute ist er im Besitz von zwei erstklassigen Scherbenhaufen.


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Pfirsichköpfchen #101

Hoffentlich wird dieser Merz, der anscheinend noch in den 1980ern des Thatcherismus festhängt und seit den Chicagoboys nix dazu gelernt hat niemals MInister oder sogar Kanzler.
Das Ergebnis dieses Ökonomiemodells kann in GB studiert werden und die fatalen Auswirkungen auf die Durchschnittsbevölkerung.

Aber mal gefragt, warum thematisiert er nicht die 120-150 Mrd. steuerhinterzogenen Euros? Weiß der Herr Merz was über die Vermögensverteilung? Findet er den status quo gut so?
Was wird er gegen Offshorebanken, Steueroasen, CumEx Geschäfte unternehmen wollen? Da wird dem Staat Geld entzogen. Fang dort mal an, Merz, danach kannst dich dem miesmachen der unteren Einkommenshälfte widmen. Wer am Ende des Geldes noch 10 Tage Monat übrig hat, weil Vermietungsaasgeier hemmungslos plündern dürfen, der beschäftigt sich mit dem Aktienerwerb? IN der Merz Welt möglicherweise, in der Wirklichkeit geht es drum, das Giro nicht über den Dispo zu strapazieren. Sparen ist anders wo.

Dies ist der intellektuelle Offenbarungseid eines Abzockers ...


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Tordenskjold #106

Merz, Lindner, Weidel, Seeheimer Kreis.

Denk ich an Deutschland in der Nacht...


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« Last Edit: June 12, 2019, 01:30:53 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #931 on: June 12, 2019, 02:40:21 PM »
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[...] Wie fühlt sich das Leben im Grandhotel an? Ich war dort. Als Zimmermädchen ... Fatima Benchenni (alle Namen in diesem Text wurden geändert) empfängt mich hier, in ihrem Büro, zum Einstellungsgespräch. Ich habe keine Erfahrungen als Zimmermädchen. „Ich gebe jedem eine Chance“, sagt sie. „Wir werden ja sehen, ob Sie den Takt halten können.“ Die Gouvernante, wie sie im Hotel von allen genannt wird, trägt einen blondierten, gestriegelten Pferdeschwanz, dickes Make-up und spricht mit einem starken provenzalischen Akzent. Man kann sie sich in einem Bistro am Hafen von Marseille vorstellen, bei einer Mauresque, diesem Aperitif aus Pastis und Mandelsirup. Fatima Benchennie stammt aus dem Maghreb und betreut im Hotel die Zimmermädchen. Unter ihrer Aufsicht werde ich arbeiten.

... Die Regeln sind strikt. Ein Kissenbezug, der ein bisschen knitterig ist, muss ausgewechselt werden. Kein Tropfen Wasser darf an den Fliesen im Bad hängen bleiben. Die Gouvernante prüft die fertigen Zimmer, sie kommt unangekündigt vorbei. „Sie schleicht sich an wie eine Katze“, warnt mich meine Kollegin Anca, die mich einweisen soll, eindringlich. Sie arbeitet seit fünf Jahren im Hotel. Anfangs scheint es mir unmöglich, wie viele Gesten sie in zackiger Choreographie ausführen kann, wie sie zum Fenster eilt, die Mülltüte schüttelt, mit dem Lappen den Wandvorsprung abwischt. „Mach am Besten immer alles in der gleichen Reihenfolge, damit es automatisch wird“, rät sie mir. Sie ist Ende dreißig, hat feine Züge und unter dem blauen Lidschatten einen reservierten, aber sanften Blick. Sie kommt aus Rumänien. Durch die Glaswand der Dusche, die sie mit vehementen Gesten wischt, erzählt sie mir von ihrer 17-jährigen Tochter, der sie jeden Monat Geld überweist, und ihrer Mutter, deren neues Gebiss sie noch abbezahlen muss. Anca verdient 1.000 Euro netto.

Bald mache ich meine eigenen Erfahrungen mit der Arbeitsmethode der Gouvernante: Immer, wenn ich es am wenigsten erwarte, taucht ihre kleine energische Gestalt in meinem Rücken auf. Manchmal schaut sie kurz ins Zimmer, sagt „tadellos“ und verschwindet wieder. Dann wieder fragt sie schneidend: „Haben Sie das Mittel auf die Fliesen gesprüht?“ Oder: „Das Bett ist nicht schön.“ Sie nimmt die Kissenzipfel und schüttelt sie vor ihrem fülligen Leib hin und her, ich muss es nachmachen.

Einmal putze ich gerade ein Bad, dusche die Fliesen ab, wie Anca es mir beigebracht hat. In den hinteren Ecken der Badewanne steht das Wasser. Mit dem Putzlappen wäre es ein aussichtsloses Unterfangen, es so trocken zu bekommen, dass man keine Tropfen mehr sieht. Ich packe kurzerhand eines der gebrauchten Handtücher auf dem Boden, um zumindest den gröbsten Schaden zu beheben. „So machen Sie das also, Sie putzen die Dusche mit den Handtüchern des Kunden?“, höre ich plötzlich.

Fatima Benchenni steckt ihren Kopf durch den Türspalt des Bads. „Das kann nicht sein. Sie wissen, dass das verboten ist! Unhygienisch! Wenn das so weitergeht, können Sie nicht bleiben!“ Ich stehe vor ihr wie ein Kleinkind, ihr Blick triumphiert. Sie weiß, wie sie furchteinflößend wirken kann. Man kennt solche dosierte Willkür von anderen Jobs, bei McDonald’s etwa, aber diese Situation ist besonders skurril, da man zwischen Klo und Dusche in einem seltsam intimen Raum steht.

Auf dem Papier werden im Hotel alle Zimmermädchen nach dem französischen Mindestlohn bezahlt, allerdings werden nicht die am Arbeitsplatz verbrachten Stunden gezählt, sondern die ihnen zugewiesenen Zimmer. Eine halbe Stunde hat man hier im Hotel, in dem ein Gast für eine Nacht zwischen 165 und 341 Euro zahlt, für die Reinigung des Zimmers. So der „Takt“, den Fatima Benchenni vorgibt. Das sind zwei Zimmer pro Stunde à fünf Euro. Gemessen an anderen Hotels ist das nicht schlecht, in manchen hat man für ein Zimmer nur acht bis zehn Minuten und bekommt dafür 2 Euro 50.

„Schafft ihr das?“, frage ich nach ein paar Tagen die Mädchen in der in der Umkleide. „Nie“, antwortet eine. „Bei einer Duplex Suite und bei einer Abreise brauchst du eine Stunde. Auch wenn du nur sauber machst, schaffst du es meistens nicht, wenn sie es nicht in gutem Zustand hinterlassen.“ Fatima Benchenni stellt nur in Teilzeit ein, „damit man ein bisschen ein Mensch bleiben kann“, so hatte die Gouvernante es in meinem Einstellungsgespräch formuliert. De facto arbeiten alle Zimmermädchen hier Vollzeit, werden aber nur in Teilzeit bezahlt.

Morgens darf man bei Gästen erst dann klopfen, wenn sie das Schild A memorable moment away (was immer das heißen soll), an ihrer Klinke aufgehängt haben. Man schleicht eine Weile durch die Gänge. Der Albtraum jedes Zimmermädchens aber ist ein Schild auf dem A memorable rest steht. Es ist mein zweiter Tag, ich arbeite noch immer mit Anca zusammen. Gegen 16 Uhr sind wir bis auf ein Zimmer fertig. An der Klinke eines Zimmers hängt dieses Schild. „Wir warten eine halbe Stunde“, sagt Anca und schlägt vor, eine rauchen zu gehen. Als wir zurückkommen, hängt das ominöse Schild immer noch da. Schüchtern klopft Anca an. Ein Mann öffnet einen Türspalt: „Können Sie ein bisschen warten, das Baby schläft“, sagt er. Ein eleganter Franzose, junger Vater. Die Gouvernante erscheint. „Tja, wenn er sagt, warten Sie ein bisschen, dann muss man ein bisschen warten!“, sagt sie und lächelt schief.

Müde kauern wir uns auf der anderen Seite des Gangs an die Wand. „Sollen wir nicht nochmal klopfen?“ Anca schüttelt den Kopf. „Wir können nichts tun“, sagt sie. Aber das Zimmer muss gereinigt werden. Niemals würde sie sich über die Arbeitsbedingungen beschweren, so wenig wie die anderen das tun. „Tja, am Ende hat es lange geschlafen!“, sagt der Gast nur, als er nach anderthalb Stunden die Tür öffnet. Es ist nach sechs, unser Arbeitsschluss war um zwei.

Manche Hotelgäste grüßen höflich, mehr Aufmerksamkeit erfährt man nur selten. Einmal schiebe ich gerade meinen Chariot, den Zimmermädchenwagen, durch den Gang. Ich trage mein Pinguinkostüm mit der übergeknöpften blauen Bluse, wie eine Maid in einem englischen Herrenhaus. Da kommt ein Gast aus seiner Tür, gefolgt von einer Frau. Als er mich sieht, zögert er kurz, zieht dann einen 10-Euro Schein aus der Tasche und bittet mich, sein Bett frisch zu machen. Mein Trinkgeld hatte sich bisher auf ein paar aufs Bett geworfene Centstücke beschränkt. Nicht gerade respektvoll, dann lieber gar nicht. Es gab mal eine Kultur, da hat man sich als Gast geschämt, wenn man zu wenig gab.

Ich gucke mich um, bin unsicher, ob ich den Schein überhaupt annehmen darf, lasse ihn schnell in meiner Tasche verschwinden. Als ich in sein Bad komme wird mir klar, ich hätte misstrauischer sein sollen. Er hatte sein Geschäft nicht beseitigt und die Toilette war vollgepinkelt bis auf den Boden. Als ich meinen Kolleginnen davon berichte, unter denen keine einzige Französin ist (sie kommen aus Madagascar, Paraguay, Nigeria oder Rumänien), erzählt mir eine, dass ein Gast sein Geschäft mal unter der Dusche verrichtet habe. Protest würde ihnen nicht einfallen. Schon allein weil sie wissen, dass sie sonst ihren Job verlieren. Die meisten arbeiten wie ich mit einem so genannten Contrat d’extra, einem befristeten Zusatzvertrag, der für jeden Tag neu geschlossen wird. Solche Verträge sollen es vor allem Arbeitgebern im Hotel- und Gastronomiegewerbe erleichtern, für einmalige Anlässe zusätzliches Personal einzustellen. Im Hotel arbeiten viele der Mädchen seit Monaten mit solchen Verträgen. „Im letzten Hotel war es auch schon so“, sagt Layla. „Ich werde mein Leben lang Zusatz sein.“

Layla stammt aus Marokko, sie ist jung, großgewachsen und hübsch. An einem meiner ersten Tage trägt sie eine Art silbernes Diadem im Haar. „Nehmen Sie mir dieses Ding ab“, schnarrt die Gouvernante, aber Layla lässt sich nicht unterkriegen. Am nächsten Tag trägt sie eine silberne Haarklammer mit einer großen Libelle daran. Sie möchte die französische Staatsbürgerschaft beantragen, aber dafür bräuchte sie einen festen Arbeitsvertrag.

Drei Wochen sind vergangen, seit ich im Hotel arbeite. Am Ende eines langen Tages, ich mache schon die vierte Überstunde, bin ich müde und verstimmt. Fatima Benchenni taucht auf. „Sagen Sie, glauben Sie nicht, der Job ist zu hart für Sie?“, höre ich sie fragen. Ich antworte, der Job passe mir gut, aber es stimme, dass ich es nicht gewöhnt sei, acht Stunden zu arbeiten und nur für vier bezahlt zu werden. „Das habe ich mir schon gedacht, ich glaube, Sie schaffen das nicht“, sagt die Gouvernante.

„Ich sehe Sie immer weniger auf lange Sicht bei uns. Deshalb glaube ich, ist es besser, wir sprechen jetzt miteinander.“ Dann soll ich sie in ihr Büro begleiten. „Hier ist es zu hart für Sie, aber ich würde Ihnen die Ibis-Hotels empfehlen, da glaube ich können Sie es schaffen“, sagt sie und gibt sich großmütig: „Wenn die mich anrufen, werde ich auch nicht sagen, dass sie zu langsam waren.“ Ein paar Sätze, erledigt.

Luisa Marie Schulz ist Journalistin, den Job im Viersternehotel hat sie zu Recherchezwecken angenommen




Aus: "Die Unsichtbare" Elsa Moritz (Ausgabe 14/2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-unsichtbare

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Wobei der Job immer noch hart wäre, selbst wenn er anständig bezahlt würde.