Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 279346 times)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #945 on: July 22, 2019, 02:29:35 PM »
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[...] Wo die finanzielle Lage es zulässt, da geht der Trend in Richtung SUV, und wo sie es nicht zulässt, da gibt es doch häufig den Wunsch nach einem solchen Stadtpanzer. Die Marktforschungsfirma Puls kam 2017 in einer Umfrage zu dem Ergebnis, dass ein Drittel der befragten Nicht-SUV-Fahrer sich sehnlichst wünschen, ein solches Gefährt zu besitzen. Der Autohersteller Ford fand 2016 heraus, dass ein SUV für mehr als ein Drittel der 17- bis 34-Jährigen Deutschen als zentrales Erfolgssymbol gilt. ... Das Auto ist ein Zeichen dafür, noch nicht „ganz unten“ gelandet zu sein. Ein SUV signalisiert, dass ein Mensch den Anforderungen der Gesellschaft entsprechen kann. Er zeigt sich leistungsbereit, aktiv, wettbewerbsfähig und attraktiv. ... In deutschen Städten sind es häufig abstiegsbedrohte Männer mit Migrationsgeschichte, die Wert auf den Besitz eines großen, teuren Autos legen. Weil sie mehr als andere Gruppen dem Generalverdacht ausgesetzt sind, lieber Sozialleistungen zu beziehen als zu arbeiten, halten sie an diesem Symbol einer soliden Existenz fest. Wenn die neue Mittelklasse ihnen nun das Autofahren madig macht, dann steckt darin eine potenziell rassistische Abwertung des Lebensstils dieser Menschen, die letztlich nur das wollen, wonach wir alle streben: soziale Anerkennung.

...


Aus: "Hier in dem Panzer fühl’ ich mich frei" Christian Baron (Ausgabe 27/2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/cbaron/hier-in-dem-panzer-fuehl2019-ich-mich-frei

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Lethe | Community

||| „Die Welt wird regiert von Stadtmenschen, während wir schuften und verlieren.“ Über solche Aussagen mag man die Nase rümpfen, aber es ist eine Meinung, die jenseits der Szeneviertel weit verbreitet ist. |||

Interessanter wäre eine Antwort auf die Frage, ob die Aussage auf ein Faktum verweist oder als bloße Meinung der Abgehängten als unwichtig eingestuft werden kann. In den "Szenevierteln" scheint eher letzteres Konsens zu sein, und Deutungshoheit ist bekanntlich eine feine Sache, vor allem innerhalb einer geschlossenen peer group.

||| In deutschen Städten sind es häufig abstiegsbedrohte Männer mit Migrationsgeschichte, die Wert auf den Besitz eines großen, teuren Autos legen. |||

In allen einigermaßen reichen Vierteln deutscher Städte finden sich erhebliche Mengen reicher "Geburts"-Deutscher als Beleg, dass es gebeutelter Migranten nicht bedarf, um die Vorliebe für SUVs zu erklären.


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Richard Zietz | Community

... Der SUV als Statussymbol ist sicher ein Aspekt. Möglich ist er letztlich jedoch nur auf der Basis des einseitigen Autowahns, den die Politik aktiv mit unterstützt. Die Unterlassungen beim öffentlichen Nahverkehr – angefangen bei der neoliberalen Wende, in deren Folge diese gesellschaftliche Basisleistung hemmungslos privatisiert bzw. an mehr oder weniger dubiose Drittanbieter verschleudert wurde – sprechen in jeglicher Beziehung eine beredte Sprache.

Die Diskrepanz zwischen Worten und Taten sollte man sich ruhig auch in Hinblick auf die Klimaziele, die angeblich alle vertreten, auf der Zunge zergehen lassen. Nicht zuletzt auch die Anhänger(innen) der neu auf den Plan getretenen Verzichtsideologie. ... Positiv formuliert: Ohne Wende in der Nahverkehrspolitik ist eine Abkehr vom »Kultobjekt Automobil« nicht möglich. Alles andere ist am Thema vorbeigeredet.


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schmerz.keks | Community

... die neigung zur übersteigerten geltungserwartung lässt sich evolutionär erklären ...


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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #946 on: July 23, 2019, 09:05:38 AM »
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[....] Mit Hamburg oder München kann die deutsche Hauptstadt noch nicht mithalten, wenn die Reichen und Schönen gezählt werden. Aber das ist nur eine Frage der Zeit. Denn auch zwischen Spree und Havel fühlen sich Millionäre zunehmend wohl. Ihre Zahl ist in den vergangenen drei Jahren um mehr als 50 Prozent auf 749 gestiegen. Sogar in Marzahn-Hellersdorf leben sechs Einkommensmillionäre.

...


Aus: "Wie ehrlich sind Berlins Millionäre?" Ulrich Zawatka-Gerlach (22.07.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/reiche-in-der-hauptstadt-wie-ehrlich-sind-berlins-millionaere/24687930.html

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #947 on: July 23, 2019, 12:43:22 PM »
Adel steht stets auch für Sichtbarkeit und Symbolisierung, nicht zuletzt für die Darstellung von Traumwelten für nicht-adlige Beobachter. , Stephan Malinowski (7. August 2019), Quelle: https://www.sueddeutsche.de/kultur/adel-ns-regime-widerstand-1.4553120


„Aber das zunächst einmal wirklich Berückende an dem sich nach der Wiener Begegnung anspinnenden Briefwechsel ist, dass auch die Schmonzette und der süße Kitsch, die wahrscheinlich in jeder realen Liebesbegegnung stecken, in ihm ihre Plätze haben.“ (Online-Ausgabe der tageszeitung, Briefwechsel zwischen Celan und Bachmann. Die sich Entliebenden, 15.08.2008)

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[...] Am Dienstag zeigte das ZDF zu bester Sendezeit, Primetime um 20.15 Uhr, die unerträgliche Adels-Schmonzette “Endlich Prinzessin: Kate und Charlene”. Ein 45-Minuten-Programm, klebrig wie Zuckerguss, kitschig wie ein Groschenroman und mit dem journalistischen Anspruch eines Hotel-Werbefilmchens. ... Kein Klischee, keine durchgenudelte Formulierung, kein Griff in die Schmalzkiste wurde ausgespart bei “Endlich Prinzessin”. Die Vergleiche zwischen Herzogin Kate und Prinzessin Diana durften ebensowenig fehlen, wie jene zwischen Charlene und Grace Kelly. Das soziale Engagement der Adelsbräute wurde durchgekaut und es kamen reihenweise “Society-Experten” zu Wort.

Bunte-Chefin Patricia Riekel kennt man ja wenigstens noch, aber wer zum Teufel ist Dagmar Schumacher? Die auskunftsfreudige Dame wurde wahlweise als “Society-Expertin”, “Gast von Albert und Charlene” und gegen Ende gar nur noch als “Partygast” bezeichnet. Ist aber auch Wurst, solange die sonore Erzählerstimme gut Abgehangenes schwadronieren konnte (“Zwei, die sprichwörtlich in einem Boot sitzen”) und zuckrige Kaufhausmusik zu Bildern eingespielt wurde, die aussehen, wie ein Werbevideo für das Luxushotel “The Oyster Box (“In Schale ist hier einfach alles”).

Ein paar verdruckste Andeutungen über böse Gerüchte zu Fürst Alberts unehelichen Kindern wurden von Charlene-Freundin Franziska van Almsick schnell weg-kommentiert und die “Reportage” wandte sich schnell klebrigen Baby-Spekulationen zu. Fazit: “Welche von beiden das Rennen macht, wird die Zukunft zeigen. Bonne Chance, Charlene. Good Luck Kate.” Filme wie “Endlich Prinzessin” festigen den Ruf des ZDF, ein Kukident-Kanal zu sein. Und selbst die Generation Ü60 hätte Besseres verdient, als dieses TV auf dem Niveau einer drittklassigen Yellow-Zeitschrift, zusammengetackert aus Archivmaterial und Interviews mit Adabeis.


Aus: "Die royale Primetime-Schmonzette im ZDF" Stefan Winterbauer (27.06.2012)
Quelle: https://meedia.de/2012/06/27/die-royale-primetime-schmonzette-im-zdf/

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[...] „Sie war Monacos Jahrhundertfürstin“, feiert Brad Pitts Stimme die große Grace Kelly im öffentlich-rechtlichen Regenbogenprogramm. Vom Hollywoodstar, fährt er dramatisch fort, „wird sie zur vielumjubelten Landesmutter“, (noch dramatischere Kunstpause) „die viel zu früh“, (noch mehr Geigen) „aus dem Leben scheidet“ (so richtig dramatische Kunstpause). Das Fürstentum, sagt sodann ein Experte mit hippem Vollbart, „fiel wie ein Kartenhaus“ in sich zusammen. „Doch ihre Enkel“, beruhigt Brad Pitt, „machen Monaco wieder zu einem Ort, auf den die Welt schaut“. Na ja – zumindest die des ZDF.

Denn dem bietet sich heute Abend mal wieder günstige Gelegenheit, tief im Urschleim des europäischen Hochadels zu knien: Die tödlich verunglückte Fürstin, standesgemäß umbenannt in Gracia Patricia, wäre demnächst 90 Jahre alt geworden – da frönt das Zweite zu gern seiner dienstäglichen Lieblingsbeschäftigung: Boulevard als Journalismus zu tarnen. „Mythos Monaco“ heißt die neueste Anbiederung der zuständigen Redaktion ans Wertesystem dynastischer Herrschaft, und schon ihr Untertitel „Das Erbe der Grace Kelly“ lässt wenig Zweifel daran, wie sie sich am schillernden Thema selbst berauscht. Ein Thema, das auch hier oft auf Hörensagen, Hintergrundrauschen und der beliebten Mimik-Interpretation basiert.

 Beim „Sittenporträt dreier Generationen“, wie das ZDF seine dreiviertelstündige Doku nennt, zitieren Eingeweihte also schon mal „Freunde“, dass die letzten Jahre von Rainier und Grace „ihre besten waren“, oder lassen „traurige Gerüchte“ kursieren, Kellys Nachfolgerin Charlène habe „anscheinend nicht das perfekte Glück“ gefunden. Übrigens trotz „Traumhochzeit“, wie Eheschließungen in dieser traditionellen Weltanschauung nur heißen. Wenn die derart komplettierte Braut schwanger wird, „schenkt“ sie dem Vater darin dann „drei Kinder“, Todesfälle sind Folgen eines Fluchs und lebende Ausbrüche aus dem Käfig der Konventionen „Abstürze“, wie ihn Prinzessin Stephanie in den 80ern exerziert hat. Mit Babys von verschiedenen Vätern. Unehelich!

Von Beginn an geht es bei dieser Reise durch den geografisch zweitkleinsten, klatsch-presserechtlich drittgrößten Staat der Erde also um zweierlei: Schein und Schatten einer Erbmonarchie, die der Adelskenner Rolf Seelmann-Eggebert bis heute als „reines Glamourhaus“ abkanzelt, das ihn als einziges unter all den blaublütigen Glamourhäusern nie interessiert habe. Ein Boulevardkonstrukt eben, politisch irrelevant, aber glitzernd wie Trumps Wohnzimmer zur Adventszeit, also ein gefundenes Galadinner für ZDF-Autorin Anne Kauth – auch wenn sie die Hochzeit vom hoch verschuldeten Fürst Rainier mit der prestigeträchtigen Oscar-Preisträgerin Grace als das entlarvt, was es damals war: eine reine PR-Maßnahme.

Bei der Hochzeit 1956 nämlich, so erfahren wir in „Mythos Monaco“, war Europas Hochadel vollzählig abwesend, bei Grace Kellys Beerdigung 26 Jahre später hingegen zahlreich zugegen – auch dank tatkräftiger Hilfe der globalen Boulevardpresse, die genau das tat, was sich heute Abend wiederholt: Lifestyle, Glamour, Stars und Mode so aufzublasen, dass die Ingredienzen des Gossip-Journalismus irgendwann irgendwie bedeutsam wirken. Wenn der Begriff „Steuerparadies“ da ganze zwei Mal in Nebensätzen fällt und die Presse ebenso beiläufig mit dem rechtspopulistischen Kampfbegriff „Journaille“ bedacht wird, kann das ZDF daher noch so oft betonen, in Monte Carlo sei alles bloß Schall und Rauch – es hilft doch kräftig dabei mit, beides zu emittieren. Nachfrage sticht Angebot, das Fernsehen ist ein freier Markt.


Aus: "Wo bleibt das Riechsalz?" Jan Freitag (22.07.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/adels-doku-mythos-monaco-wo-bleibt-das-riechsalz/24687624.html

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Karl-Heinz123 22.07.2019, 17:04 Uhr

Der Film scheint terminliech ziemlich genau auf die Wohngeld- und Rückgabeforderungen der Hohenzollern abgestimmt! ...


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« Last Edit: August 07, 2019, 12:32:13 PM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #948 on: July 24, 2019, 08:55:39 AM »
Quote
[...] Die Deutsche Bank hat nach eigenen Angaben im zweiten Quartal einen Verlust von 3,15 Milliarden Euro verzeichnet.  ... Zuwächste erhofft sich die Bank durch das Geschäft mit vermögenden Privatkunden und kann bereits jetzt gute Zahlen der Vermögensverwalter-Tochter DWS vorlegen. Dort steigerte man den Gewinn im zweiten Quartal um 21 Prozent auf 185 Millionen Euro.


Aus: "Konzernumbau sorgt für größeren Milliardenverlust als erwartet" (24. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-07/deutsche-bank-konzernumbau-milliardenverlust-stellenabbau

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« Reply #949 on: July 25, 2019, 11:01:55 AM »
Quote
[...] Madrid – Der Gründer des Modekette Zara, Amancio Ortega, besitzt ein riesiges Immobilienvermögen. Im gehörten Ende 2018 gewerbliche Immobilien im Wert von fast zehn Milliarden Euro, wie seine Investmentfirma am Mittwochabend in Madrid mitteilte. Das sei ein Plus von 11,5 Prozent im Vergleich zu 2017.

Mit den Dividenden-Ausschüttungen der Zara-Mutter Inditex hat der 83-Jährige zahlreiche Gebäude erworben, die von erstklassigen Shoppingimmobilien in London und New York bis hin zu Bürogebäuden im Zentrum Madrids reichen.Die meisten Beteiligungen Ortegas werden in einer Gesellschaft namens Pontegadea Inversiones gebündelt. Diese hält 50,01 Prozent an Inditex. Das Jahresergebnis von Pontegadea zeigte für Ende 2018 ein Immobilienvermögen von 9,767 Milliarden Euro. Anfang 2019 schloss Pontegadea den Kauf zweier Bürogebäude in Seattle ab, die derzeit an Amazon vermietet sind. Inditex hatte im März eine Dividendenerhöhung um 17 Prozent angekündigt. (APA, 24.7.2019)


Aus: "Zara-Gründer baute Immobilien-Imperium auf" (25. Juli 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000106664354/zara-gruender-baute-immobilien-imperium-auf

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Quote
[...] „Ich habe diesen Artikel, den Sie kaufen wollen, hergestellt, aber ich wurde dafür nicht bezahlt“ – diese Worte waren auf den Etiketten mehrerer Kleidungsstücke zu lesen. Wie die Nachrichtenagentur „Associated Press“ (AP) berichtet, haben Angestellte eines Zara-Lieferanten die Botschaften angebracht.

Konkret habe es sich dabei um den türkischen Bekleidungsproduzent „Bravo Tekstil“ gehandelt, der neben Zara auch die Modeketten Mango oder Next beliefert. AP zufolge habe der Betrieb vor einiger Zeit quasi „über Nacht“ geschlossen – ohne die letzten drei Monatsgehälter oder Abfindungen an die Angestellten zu zahlen.

Mit ihren Botschaften in den Etiketten wollten die Angestellten auf ihre Situation aufmerksam machen – und zugleich Druck auf Zara ausüben. 140 ehemalige Mitarbeiter haben außerdem eine Petition gestartet, mit der sie die Auszahlung ihrer Gehälter fordern.

Wie in der Petition beschrieben, warten die Arbeiter schon weit über ein Jahr auf ihr Geld. Bereits im Juli 2016 haben sie ihr Gehalt nicht erhalten. Gläubiger hätten alle Maschinen und Wertgegenstände aus der Fabrik konfisziert, die Chefs seien mit den Einnahmen abgehauen.

Obwohl die zuständige Gewerkschaft seit August 2016 mit Zara und anderen Marken über den Fall verhandelt, habe sich bislang nur wenig getan. Nach einem Jahr Verhandlungen hätten die Marken erklärt, dass sie etwa ein Viertel der Forderung bezahlen. „In anderen Worten: Die Marken erkennen ihre Verantwortung an, aber sie dachten, wir verdienen nicht mehr als ihren Abfall“, heißt es in der Petition.

Inzwischen gibt es offizielle Stellungnahmen der Konzerne. Das Textilunternehmen „Inditex“, zu dem unter anderem Zara gehört, erklärte gegenüber dem Mode- und Beauty-Portal „Refinery 29“:

„Inditex hat all seine vertraglichen Verpflichtungen mit Bravo Textil [sic] eingehalten und arbeitet derzeit gemeinsam mit der IndustriAll Schwestergesellschaft, Mango und Next daran, einen Hilfsfond für die betroffenen Mitarbeiter einzurichten, die von dem betrügerischen Verschwinden des Besitzers der Produktionsstätte betroffen sind.“

Wie hoch dieser Hilfsfond sein soll und ob die Arbeiter mehr als nur ein Viertel der geforderten Summe erhalten werden, konkretisierte Inditex nicht weiter.

Auch wenn Inditex, Zara oder Mango ihre Verpflichtungen formal eingehalten haben – dass sie Arbeiter, die für sie Kleidung produzieren, nicht besser schützen, ist traurig. Bedenklich ist auch, dass es scheinbar medienwirksame Aktionen wie versteckte „Hilferufe“ in den Etiketten braucht, damit die Konzerne ihre Verantwortung ernst nehmen.


Aus: "Zara: Hilferuf von Textil-Arbeitern in Etiketten gefunden" Nadja Ayoub Kategorien: Mode (8. November 2017)
Quelle: https://utopia.de/zara-hilferuf-von-arbeitern-in-etiketten-gefunden-69171/

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[...] Das Modelabel Zara ist sehr bemüht um ein soziales Image. Jetzt muss es aber 1,4 Millionen Euro zahlen, um das brasilianische Arbeitsministerium zu besänftigen: In São Paulo ließ ein Zulieferer Kleidung für Zara in Sklavenarbeit herstellen.

... Die Arbeiter wohnten in Schlafquartieren oberhalb der Fabrik, die Arbeitsbedingungen seien entwürdigend und gesundheitsschädigend gewesen, sagte ein Sprecher des Arbeitsministeriums der Nachrichtenagentur AFP. Der Zulieferer Aha produziert hauptsächlich für Zara. Inditex wies die Verantwortung zurück, trotzdem wurde ein Verfahren eingeleitet, Zara sollte 8,2 Millionen Euro Strafe zahlen. Am Dienstag teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass der Konzern mit einer außergerichtlichen Einigung die Summe deutlich reduzieren konnte. Zara wird außerdem aufgefordert, seine Zulieferer strenger zu überprüfen, wird aber nicht für zukünftige Fälle haftbar erklärt.

Das spanische Unternehmen teilte mit, der nun geschlossene Kompromiss zeige, dass sich die "Gruppe Inditex verpflichtet fühlt, stärker zu kontrollieren, dass auch Subunternehmer im Einklang mit den brasilianischen Gesetzen und der bestehenden Selbstverpflichtung des Konzerns arbeiteten". Die spanische Zeitung El País zitiert hingegen brasilianische Analysten, laut denen die Zahlung ein "Schuldeingeständnis" sei.

Es ist nicht der erste Fall dieser Art. 2001 kaufte die niederländische Menschenrechtsorganisation Clean Clothes Campaign Aktien von Inditex, kam dadurch einfacher an Informationen und publizierte eine Studie über die Arbeitsbedingungen in marokkanischen Fabriken, in denen Näherinnen schlecht bezahlt und misshandelt würden. Inditex kündigte daraufhin die Verträge mit 200 Zulieferern. 2003 berichtete der britische Independent, Mexikos Zoll habe Inditex beschuldigt, in Asien gefertigte Ware umzuetikettieren, um den Eindruck zu erwecken, sie komme aus Spanien. Das Unternehmen wies die Vorwürfe zurück.

In Spanien hat Inditex, das drittgrößte börsennotierte Unternehmen, einen guten Ruf. Selbst die Gewerkschaften haben wenig auszusetzen. Gründer Amancio Ortega, einer der zehn reichsten Männer der Welt, unterhält eine Stiftung, die die Ausbildung junger Menschen fördert. Seine Frau Rosalía Mera solidarisierte sich im Mai mit der Bewegung der "Empörten", die in Madrid gegen sozialen Kahlschlag protestierten. Im Januar 2011 zog Ortega sich von der Firmenspitze zurück, hält aber noch ein bedeutendes Aktienpaket.

Inditex-Marken wie Zara, Pull & Bear, Massimo Dutti, Bershka, Stradivarius und Oysho bedienen unterschiedliche Käufergruppen, funktionieren aber nach demselben Konzept: Die Kollektion wird alle paar Tage erneuert und vermittelt so stets den Eindruck, auf der Höhe der Zeit zu sein. Nach Meinung von Kritikern sind Angebotspolitik und Preise kaum mit fairen Produktionsbedingungen in Einklang zu bringen.


Aus: "Zaras Sklaven" Sebastian Schoepp, Marlene Weiss  (22. Dezember 2011)
Quelle: https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/arbeitsbedingungen-in-brasilien-zaras-sklaven-1.1241679

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« Reply #950 on: July 25, 2019, 11:10:56 AM »
Quote
[...] Auch im Knast ist es heiß: Zur Erfrischung bekommen die Häftlinge in Bayerns Gefängnissen bei der anhaltenden Hitze unter anderem kalte Gurkensuppe aufgetischt. Es gebe auch mehr frisches Obst und Gemüse sowie Fruchtjoghurt, teilte das Justizministerium in München auf Anfrage mit.

Die Hafträume würden zudem häufiger gelüftet. Für die Gefangenen gebe es mehr zu trinken. "Auch die regelmäßigen Duschzeiten werden zur Abkühlung von den Gefangenen gerne genutzt", sagte eine Sprecherin. Zu den genauen Temperaturen in den einzelnen Haftanstalten im Freistaat machte das Ministerium keine Angaben.


Aus: "Häftlinge bekommen Hitze-Kost" (25. Juli 2019)
Quelle: https://www.sueddeutsche.de/bayern/bayern-hitze-temperaturen-gefaengnis-1.4539127

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« Reply #951 on: July 30, 2019, 01:48:46 PM »
Quote
[...] Die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland ist nach Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe zuletzt deutlich gestiegen. Nach letzten verfügbaren Zahlen sei von einer Steigerung um 15 bis 20 Prozent von 2016 auf 2017 auszugehen, erklärte die Verbandsgeschäftsführerin Werena Rosenke am Dienstag in Berlin. Demnach waren im Laufe des Jahres 2017 geschätzt etwa 650.000 Menschen ohne Wohnung.

Die Zahl liegt deutlich niedriger, als sie von der Initiative zuvor geschätzt worden war. Grund für die Abweichung nach unten um 210.000 ist ein verändertes Berechnungssystem. Das vorherige Schätzmodell sei "aufgrund fehlender neuer empirischer Studien veraltet" gewesen, erklärte die Arbeitsgemeinschaft. Nunmehr werde die jährliche "Wohnungsnotfallberichterstattung"in Nordrhein-Westfalen zur Grundlage für die Hochrechnung benutzt.

Unter den Wohnungslosen sind laut der Initiative auch 375.000 anerkannte Asylsuchende und Flüchtlinge in Flüchtlingsunterkünften und Erstaufnahmeeinrichtungen der Bundesländer. Nimmt man die Geflüchteten aus der Zählung, waren 2017 dem Bericht zufolge gut 275.000 Menschen ohne Wohnung in Deutschland.

Die meisten der etwa 650.000 Wohnungslosen lebten der der Initiative zufolge in Notunterkünften. Unter ihnen seien etwa 22.000 Kinder und minderjährige Jugendliche.

Unter den Wohnungslosen sind laut der Initiative auch 375.000 anerkannte Asylsuchende und Flüchtlinge in Flüchtlingsunterkünften und Erstaufnahmeeinrichtungen der Bundesländer. Nimmt man die Geflüchteten aus der Zählung, waren 2017 dem Bericht zufolge gut 275.000 Menschen ohne Wohnung in Deutschland.

Die meisten der etwa 650.000 Wohnungslosen lebten der der Initiative zufolge in Notunterkünften. Unter ihnen seien etwa 22.000 Kinder und minderjährige Jugendliche.

Als Hauptgründe für die steigende Zahl der Wohnungslosen nennt die Arbeitsgemeinschaft "das unzureichende Angebot an bezahlbarem Wohnraum, die Schrumpfung des Sozialwohnungsbestandes und die Verfestigung von Armut". Es fehle vor allem an bezahlbaren Wohnungen für Menschen mit niedrigem Einkommen und Empfänger staatlicher Transferleistungen. "Benötigt werden pro Jahr 80.000 bis 100.000 neue Sozialwohnungen und weitere 100.000 bezahlbare Wohnungen."

Die Initiative forderte, die Beteiligung des Bundes an der sozialen Wohnraumförderung deutlich zu erhöhen. Außerdem müsse in den Kommunen überall "ein funktionsfähiges System der Prävention von Wohnungsverlusten" installiert werden. In der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe engagieren sich unter anderem soziale Dienste und Einrichtungen sowie politische Institutionen.

Sozialverbände und Wohnungslosen-Initiativen bemängeln seit langem, dass es keine bundesweit gesicherten Zahlen zu Wohnungslosen gibt. Sie sehen darin ein Hindernis beim effektiven Umgang mit diesem Problem. Das Bundessozialministerium kündigte Juni an, "in Kürze" einen Referentenentwurf für eine "bundesweite Wohnungslosenberichterstattung" vorzulegen. (AFP, dpa)


Aus: "Obdachlosigkeit nimmt zu: 650.000 Menschen haben keine Wohnung" (30.07.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/obdachlosigkeit-nimmt-zu-650-000-menschen-haben-keine-wohnung/24851478.html

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« Reply #952 on: August 05, 2019, 01:31:42 PM »
Quote
[...] „Es gibt kaum ein Land, das seine Leistungsträger so schlecht behandelt wie Deutschland“, sagt der Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrats Wolfgang Steiger und verweist auf die hohe Steuerbelastung gerade auch für Fachkräfte und Mittelständler. Es fehle das Bewusstsein, dass man seinen Wohlstand vor allem der breit gefächerten, starken Industrie verdanke. „Nach Energiewirtschaft und energieintensiven Branchen wird gerade die Automobilindustrie mit politisch gesetzten Zeitlimits und fragwürdigen Grenzwerten einem Dauerstress unterzogen“, rügt der Chef des parteinahen Unternehmerverbandes. Eine der wichtigsten Säulen der Wirtschaft werde so gefährdet. ... Ifo-Chef Fuest rät der Bundesregierung angesichts der eingetrübten Wachstumsaussichten dringend, die Rahmenbedingungen in Deutschland zu verbessern. So sollten die Unternehmenssteuersätze auf ein international wettbewerbsfähiges Niveau abgesenkt werden. ...

Lesen Sie auch: Friedrich Merz (CDU) schreibt jede Woche in WELT AM SONNTAG - Merz meint: Zu hohe Steuern gefährden Deutschlands Wohlstand
https://www.welt.de/politik/deutschland/plus197557091/Friedrich-Merz-Wachsende-Steuer-und-Abgabenlast-in-Deutschland.html (EUR)



Aus: "„In der Weltwirtschaft verändert sich gerade etwas fundamental“" Dorothea Siems (04.08.2019)
Quelle: https://www.welt.de/wirtschaft/article197920661/Konjunktur-Die-Risiken-fuer-Deutschland-wachsen.html

Quote
K. P.

 „Es gibt kaum ein Land, das seine Leistungsträger so schlecht behandelt wie Deutschland“

Dieser Satz ist Balsam für meine Ohren!


Quote
Martin M.

 Ich bete, dass die SPD mit den neuen Vorsitzenden diese unsägliche Regierung aufkündigt und die CDU saniert mit Merz antritt. ...


Quote
Harald J.

„Es gibt kaum ein Land, das seine Leistungsträger so schlecht behandelt wie Deutschland“, sagt der Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrats Wolfgang Steiger und verweist auf die hohe Steuerbelastung gerade auch für Fachkräfte und Mittelständler.”

Tolle Feststellung Herr Steiger. Dann tun Sie doch was dagegen. Immerhin regiert Ihre Partei bereits seit über einem Jahrzehnt dieses Land.


Quote
Johann M.

 Bin schon lange weg Grüsse aus der Schweiz


Quote
Kopfballer

 Ach deswegen läuft hier die Wirtschaft nicht mehr so gut! Weil der Johann nicht mehr da ist! Ich wusste es doch!


Quote
Asamat B.

 Ein absolutes Amen zu diesem Artikel. Ein Satz ist besonders treffend: "Es fehle das Bewusstsein, dass man seinen Wohlstand vor allem der breit gefächerten, starken Industrie verdanke." - wir jubeln lieber irgendwelchen Träumen und Idealisten die keine Ahnung haben wie hart ihre Eltern dafür arbeiten mussten, damit der Nachwuchs sich Ideale überhaupt leisten kann!


Quote
Jens B.

 Ein sehr treffender Artikel, danke. Manchmal wünsch ich mir die Rezession aber fast herbei, es würde zumindest die derzeitigen politischen Verwirrungen und Belanglosigkeiten bereinigen.


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« Reply #953 on: August 05, 2019, 04:32:56 PM »
Quote
[...] Rex Hohlbein. Der entwarf 20 Jahre lang preisgekrönte Häuser für reiche Menschen, darunter Manager von Microsoft – das Unternehmen hat im Vorort Redmond seinen Hauptsitz.

Dieses Leben endete mit einem Hallo im Herbst 2010. Hohlbein fuhr mit dem Fahrrad am Fremont-Kanal entlang zu seinem Büro. Er sah einen Mann auf einer Parkbank schlafen, neben ihm ein Einkaufswagen mit seinem Besitz. Hohlbein hielt an, tippte dem Mann auf die Schulter, sagte Hallo und bot ihm an, später bei ihm im Büro auf eine Tasse Kaffee vorbeizukommen, die Toilette zu benutzen. „Ich weiß gar nicht mehr, warum ich ihn damals angesprochen habe“, sagt er heute.
Er selbst war nie obdachlos, niemand aus seiner Familie oder aus seinem Bekanntenkreis, er musste sich nie Sorgen um die eigene Wohnung machen. Aber er hatte in den Wochen vor der Begegnung ein paarmal mit anderen Obdachlosen am Kanal gesprochen. „Das muss mich irgendwie geöffnet haben, ich war bereit“, sagt er. Bereit, die Komfortzone zu verlassen, wie er das nennt. Und dorthin zu gehen, wo man als Mensch lernt und wächst durch neue Erfahrungen.

Der Mann jedenfalls kam noch am selben Tag ins Büro und stellte sich als Chiaka vor. Dieser Chiaka Zulu Howze fragte Rex Hohlbein, ob er ihm die Geschichte für Kinder vorlesen dürfte, an der er gerade schrieb. Als der Architekt die 20 Seiten, vollgeschrieben und halb zerbröselt, in Howzes Händen sah, dachte er: Oh je, das kann dauern. Doch nach ein paar Minuten fing er an zu weinen, so ergriffen war er. Hohlbein ließ Howze in einem kleinen Schuppen neben dem Büro übernachten, er lagerte die Bilder des Mannes, der auch malte, für ihn. Und er erstellte eine Facebook-Seite mit der Kunst des Obdachlosen.

Schnell sprach sich herum, dass da ein Architekt in Fremont seine Bürotür für Obdachlose öffnet. Immer mehr kamen, tranken einen Kaffee, nutzten die Toilette, erzählten ihre Geschichte oder wärmten sich einfach nur auf. Hohlbein erinnert sich an Joseph, der bald jeden Tag bei ihm im Büro saß und das Kreuzworträtsel der »New York Times« löste. Die Arbeit des Architekten litt, zwei Jahre lang verdiente er kaum etwas. „Es war ein Chaos, ein wunderschönes Chaos“, sagt er. Die Hohlbeins lebten vom Einkommen von Rex’ Frau Cindy und vom Ersparten. Als Hohlbein dachte, er müsse sich entscheiden, ob er ein Architekt ist oder sich um Obdachlose kümmert – da hatte er das eigentlich längst getan.

In Seattle fehlen heute Tausende bezahlbare Wohnungen – für Menschen, die trotz eines oder mehrerer Jobs nicht mal die Hälfte des Durchschnittseinkommens verdienen. Ein Grund für den Mangel ist, dass, abgesehen von den Hochhausblocks in der Innenstadt, praktisch die ganze Stadt aus Einfamilienhäusern besteht. Will der Stadtrat in einem Viertel das Baurecht ändern und auch Apartmenthäuser zulassen, protestieren die Einwohner. Die fürchten den Wertverfall und die Kriminalität, die sie dem Zuzug von ärmeren Menschen zuschreiben.

Aber ein kleines Holzhaus mit einem Bewohner pro Straßenblock, das müsste doch gehen, dachte sich Rex Hohlbein, holte den Zeichenstift aus der Schublade und entwarf mit seiner Tochter Jenn Lafreniere das Block Home. Die Idee: Hausbesitzer stellen sich kleine Häuser in ihren Garten und lassen dort Obdachlose wohnen.

...


Aus: "Rex Hohlbein: Der Architekt der Obdachlosen" Gerd Schild (2019)
Quelle: https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2019/unabhaengigkeit/rex-hohlbeinder-architekt-der-obdachlosen?utm_source=zeit&utm_medium=parkett

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« Reply #954 on: August 05, 2019, 04:51:22 PM »
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[...] Der britische Sänger Sting (67) hat sich in New York eine Penthouse-Wohnung für 65,8 Millionen Dollar (etwa 59 Millionen Euro) gekauft. Das sei der teuerste Immobilienverkauf der Metropole im Juli gewesen, berichtete die „New York Times“ am Samstag. Die dreistöckige Wohnung in einem 18-stöckigen Haus direkt südlich des Central Park hat einen Panorama-Blick über den Park, drei Schlafzimmer und fünf Badezimmer. Erst im vergangenen Jahr hatte Sting, der zum zweiten Mal verheiratet ist und sechs Kinder hat, eine Wohnung um die Ecke der neuen für 50 Millionen Dollar verkauft. Der Musiker war solo und als Frontmann der Band The Police weltweit berühmt geworden. (dpa)


Aus: "Sting kauft Wohnung in New York für 65,8 Millionen Dollar" (05.08.2019)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/smalltalk/sting-kauft-wohnung-in-new-york-fuer-65-8-millionen-dollar-16273938.html

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« Reply #955 on: August 07, 2019, 05:37:04 PM »
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[...] „Ich glaube, es gibt keinen Ort, keine Straße in Berlin, wo Betteln nicht irgendeine Relevanz hat“, sagt die Sozialarbeiterin Anna-Sofie Gerth, die in Berlin-Wilmersdorf eine Tagesstätte für Wohnungslose leitet. „In jeder S-Bahn, in jeder U-Bahn, an den großen Plätzen in Berlin, ich würde sagen, an jedem zweiten Supermarkt. Auch in Banken, wo Menschen einem die Tür aufmachen, in der Hoffnung, dass man ihnen etwas in ihren Becher wirft.“

Doch auch wenn man die Bettler in der Hauptstadt an jeder Ecke sieht, bleiben sie für den Rest der Gesellschaft in gewisser Weise unsichtbar. Man steckt ihnen Geld zu oder Essen, man ignoriert sie oder ist genervt, wenn man auf einer S-Bahn-Fahrt zum gefühlt hundertsten Mal mit einer vermutlich ausgedachten Elendsgeschichte konfrontiert wird. Was weiß man schon über ihr Leben, wie sie ihren Alltag organisieren und wie sie es schaffen, in Berlin auf der Straße zu überleben?

Es sind Menschen wie Ronny, Straßenpunk und 33 Jahre alt. Ein kleiner, kräftiger Mann mit hellen Augen und vielen Zahnlücken. Ein freundliches, offenes Gesicht, schwer gezeichnet durch Alkohol, Drogen und neun Jahre auf der Straße. Eigentlich sei er Gärtner, sagt Ronny. „Schule beendet und die Ausbildung beendet. Und dann sollen sie mir mal Obdachlose zeigen, die Schule und Ausbildung beendet haben. Das sind nicht viele.“

Ronny lebt in der Nähe des Bahnhofs Zoologischer Garten, seit Jahrzehnten ein Hotspot für Obdachlose, Stricher und Drogenabhängige. Sein Geld verdient er als Bettler:

„Ich setze mich irgendwo hin, wo Leute vorbeikommen, stell den Becher hin, die Leute kommen direkt zu mir und schmeißen es rein.“ Manche würden sich auch mit ihm unterhalten. Er selbst spreche die Leute allerdings nie an. „Weil ich einen Respekt habe vor die Leute“, so Ronny. „Weil ich obdachlos bin, habe ich Respekt.“

Über die Jahre hat sich Ronny einen Stammplatz zum Betteln erkämpft, vor einem großen Supermarkt. Ein Premiumplatz, denn das Geschäft ist jeden Tag geöffnet und hat viel Laufkundschaft. Zwischen 10 und 30 Euro bekomme er täglich in seinen Becher, sagt er. Und dann sind da noch die Leute, die ihm kein Geld geben, aber ihm etwas kaufen wollen.

„Einige fragen mich, bevor sie in den Laden reingehen: Brauchst du irgendwas?“, erzählt Ronny. „Nee, ick hab alles“, sage er dann. Aber wenn sie dann fragen: Brauchst du noch ein Bier? – „Ja, gern.“

Nur von Kindern will er kein Geld haben: „Es gibt auch Familien, die geben den Kinder das Geld in die Hand und die Kinder schmeißen das Geld in den Becher rein.“ Für Ronny ein „No-Go“: Warum machen die Eltern es nicht selbst, sondern schicken die Kinder vor?

Die Jahre auf der Straße und der Alkohol haben Ronnys Gesundheit angegriffen. Er leidet unter Krampfanfällen – und hat inzwischen auch keine Lust mehr, auf der Straße zu leben. Schon gar nicht in Berlin: „Die Osteuropäer, Südländer, also die ganzen, die vom Ausland kommen, es wird mir zu viel“, erklärt er. Ronny träumt davon, nach Hamburg zu gehen und dort sesshaft zu werden.

Nicht nur, weil dort weniger Ausländer seien. Auch wegen des FC St. Pauli, dessen Fan er ist. Und wegen des frischen Fischs: „Kann sein, dass ich dann auch mit auf einen Kutter gehe, zum Arbeiten, zum Fischfang.“

Straßenpunks wie Ronny, die vom Schnorren leben, gehören in Berlin gewissermaßen zum Lokalkolorit, genauso wie die Musiker in den S- und U-Bahnen. Doch in den letzten Jahren sind neue Formen des Bettelns hinzugekommen: Straßenzeitungsverkäufer oder Flaschensammler etwa, die zwar etwas tun, aber ebenfalls auf guten Willen ihrer Umgebung angewiesen sind, ihnen etwas zukommen zu lassen.

So hat sich am unteren Rand der Gesellschaft in den letzten Jahren eine Art Schattenökonomie des Bettelns entwickelt, von der niemand so genau weiß, wie viele Menschen sie ernährt:

„Es gibt keinerlei Statistik“, sagt die Sozialarbeiterin Anna-Sofie Gerth. Die Zahl der Bettler in der Stadt sei aber auf jeden Fall vierstellig. Denn es gebe etwa 6000 Obdachlose in Berlin. Von denen betteln zwar nicht alle. Aber umgekehrt ist auch nicht jeder Bettler obdachlos.

„Pfandsammeln und Zeitungverkaufen – das machen schon eher Leute, die noch Wohnraum haben, die mit ihrem Geld nicht klarkommen oder die sanktioniert sind vom Jobcenter, weil sie irgendwelchen Mitwirkungspflichten nicht nachgekommen sind,“ erklärt Wilhelm Nadolny, Leiter der Bahnhofsmission am Zoologischen Garten in Berlin.

Das Aufkommen dieser „Nebenerwerbsbettler“ liegt zum einen daran, dass sich die soziale Lage für viele Menschen in Berlin in den letzten Jahren verschlechtert hat.

Zum anderen könnte es aber auch Ausdruck eines Kulturwandels sein: Denn seit der Hartz-IV-Debatte ist der Umgang mit Armut offener und offensiver geworden.

Armut wird nicht mehr so versteckt wie früher, sondern viele Menschen haben weniger Scheu, Hilfe in Anspruch zu nehmen: Zum Beispiel zu den Tafeln zu gehen, um günstig Lebensmittel zu kaufen.

Inzwischen scheinen auch manche Formen des Bettelns nicht mehr tabuisiert zu sein: „Ich würde sagen, Flaschensammeln ist nicht mehr so schambehaftet“, sagt Anna-Sofie Gerth.

„Wenn ich sehe, es gibt Leute, die haben Einkaufswagen, die besonders präpariert sind, damit man besonders viele Flaschen sammeln und es ganz toll stapeln kann, dann zeigt das ja auch: Ich kann was. Ich kann nicht nur Flaschen sammeln, sondern auch noch ein Konzept entwickeln, wie ich besonders viele sammele. Und das wird schon anerkannt. Dass da so eine Hemmschwelle gesunken ist, das würde ich schon sagen.“

Für Anna-Sofie Gerth von der Berliner „City-Station“ steht dahinter auch eine Generationenfrage: „Die Älteren, die hier zu Gast sind, die Nachkriegsgeneration, die wissen, wie die mit zwei Scheiben Brot und Butter die Woche überleben, die kriegen das irgendwie hin“, sagt sie. „Ich glaube, dass das Menschen, die ein bisschen jünger sind, die solche Zeiten nicht durchmachen mussten, dass da auch Kompetenzen fehlen, wie überlebe ich mit zwei Scheiben Brot die Woche.“

Für die sei es dann einfacher, rauszugehen und Flaschen zu sammeln. „Weil sie eben nicht mehr dumm angemacht werden, weil es gesellschaftlich minimal akzeptierter ist oder da so eine Toleranz entsteht.“

Klaus ist 63, ein großer, schwer übergewichtiger Mann, der sich nur noch mit Mühe ohne Rollstuhl fortbewegen kann. Früher hat er Getränke ausgefahren und sich erfolglos als Selbständiger versucht. Jetzt sind die Knie kaputt und das Geld vom Amt reicht hinten und vorne nicht:

„Von Hartz IV ist schwer zu leben, jedenfalls für einen Menschen, der früher normal gelebt hat“, sagt er. „Dann musste ich eben sehen, was ich mache. Und in der S-Bahn hat mir eines Tages einer mal ein paar ‚Straßenfeger‘ (Berliner Straßenzeitung, die 2018 eingestellt wurde) in die Hand gedrückt. Verkauf doch mal so was, sagt er zu mir. Hab ich gesagt, na warum nicht?“

Inzwischen bessert Klaus sein Hartz IV auf, indem er in einer vornehmen Villengegend Berlins die Straßenzeitung „Motz“ verkauft. So drei, vier Stunden am Tag müsse man das schon machen, sagt er. „Wenn man Glück hat, verdient man gut, und manchmal sitzt man auch eine Stunde, wo gar nichts läuft.“

Insgesamt kämen so etwa 250 Euro im Monat zusammen, sagt Klaus.

Vorausgesetzt er halte sich an bestimmte Regeln. „Man muss gut angezogen sein, das heißt normal, man darf nicht Zigaretten rauchen, man darf nicht Alkohol trinken, so was wollen die Leute nicht haben“, erklärt er. „Selbst wenn mir mal die Augen zufallen, die Leute sehen alles, wenn ich mal ein Loch im Strumpf habe oder wenn ich mal eine Tüte da zu liegen habe, das wollen die Leute nicht. Der Platz muss ordentlich aussehen! Desto mehr Trinkgeld gibt's.“

Allerdings wollen die meisten Leute gar keine Zeitung. Sondern sie geben ihm lieber so Geld. Ist Klaus damit dann nicht eigentlich ein herkömmlicher Bettler? Er widerspricht heftig:

„Eben nicht! Weil ja manchmal auch Leute kommen und mir eine Zeitung abkaufen, das ist ja nicht, dass nun gar keiner kommt. Eine Zeitung muss dabei sein, das ist das mindeste, dass man wenigstens vor sich selber sagen kann, ich bin ein Verkäufer und kein Bettler.“

Aber das Motiv der Leute, ihm Geld zu geben oder eine Zeitung abzukaufen, ist doch Mitleid? „Ja, so ungefähr“, räumt Klaus ein. Findet er das nicht ein bisschen komisch? „Ja, es ist nicht gut. Ich meine nur, im Moment lässt sich da nichts machen. Es ist ja so schon deprimierend, aber wenn da wenigstens eine Zeitung dabei ist, kann man ja den Schein noch wahren. Vor sich selber.“

Deprimierend findet Klaus auch, dass man immer mehr weniger Geld auf der Straße verdient, weil inzwischen so viele dort unterwegs sind: „An jeder Ecke stehen die“, sagt er. „Und die Leute sagen, wenn wir schon fünf Leuten vorher was gegeben haben, dann können wir Ihnen nicht auch noch was geben.“

Doch immer wieder kursieren wilde Geschichten in der Regenbogenpresse über Bettler, deren Tageseinnahme das übersteigt, was ein mittlerer Angestellter im gleichen Zeitraum verdient – und dann auch noch steuerfrei. Ganz unschuldig sind Bettler daran nicht, denn viele neigen dazu, ihre Situation positiver darzustellen, als sie ist.

„Ich glaube, da spielen Scham und Selbstbild eine Rolle“, erklärt der Sozialarbeiter Wilhelm Nadolny. „Menschen bauen sich ja ihre eigene Realität zusammen, dass sie selber gut dastehen.“ Er hält die Verdienstmöglichkeiten von Bettlern dagegen für äußerst beschränkt.

„Ich glaube, es reicht gerade so zur Überlebenssicherung“, sagt Nadolny. Und das sei meistens Suchtmittel einkaufen. „Als Alkoholabhängiger ist man so mit 10, 20 Euro am Tag dabei. Die Leute, die Heroin konsumieren, müssen teilweise am Tag 170 Euro erbetteln. Das schaffen Menschen wohl, aber die haben dann einen 20-Stunden-Arbeitstag.“

„In Nürnberg hatte ich innerhalb von einer halben Stunde 40 Euro zusammengeschnorrt“, sagt Vivi, 28. Eine hübsche, blonde Frau in Jogginghose und grauem T-Shirt, der man nicht ansieht, dass sie zurzeit auf der Straße lebt.

Anders sei es, in Berlin zu betteln: „Wenn du dich hier mal hinhockst und nach ein bisschen Kleingeld fragst, ein paar Cent oder was weiß ich, dann werden die gleich beleidigend.“

Vivi lümmelt sich in der Berliner Bahnhofsmission auf einem Sessel herum und erklärt, wie man am erfolgreichsten schnorrt: „Erstmal hat man als Frau ja grundsätzlich einen Tittenbonus“, sagt sie. „Dann noch eine Trauermiene aufsetzen, das macht es dann auch noch. Und wie du die Leute nach Geld fragst, das ist auch noch so ein Punkt.“

Vivi ist voller Wut: Auf ihre Mutter, die sie nicht wollte, auf den Vater, der die Mutter früh verließ – und auf die Behörden, die ihr ihren Sohn weggenommen haben, weil sie sich nicht adäquat um ihn kümmern konnte.

Vor Kurzem hat sie ihren Freund Danny kennengelernt. Auch er lebt auf der Straße. Nicht zum ersten Mal: „Es gab Zeiten, da habe ich geraubt, räuberische Erpressung gemacht, hab Leute kaputtgeprügelt, hab damals alles gemacht, um an Geld zu kommen. Aber das war eine andere Zeit.“

Dannys Leben, so wie er es erzählt, ist ein permanenter Wechsel zwischen drinnen und draußen, nicht nur, was das Leben in Wohnungen oder auf der Straße angeht. Mit seinen 26 Jahren war er schon dreimal im Gefängnis. Aber er hat auch eine Berufsausbildung als Maler und Lackierer. Und zwei Kinder, von denen eines bereits tot ist. Vor drei Jahren hat Danny zum ersten Mal gebettelt:

„Es war erniedrigend“, erinnert er sich. „Ich hab eigentlich diesen Malerbrief in der Hose, kann was, habe eigentlich eine Familie. Ich stehe jetzt hier so. Toll. Was mach ich da jetzt? Dann hab ich eine Oma gefragt wegen Geld und habe Tränen in den Augen gehabt, weil es mir so peinlich war. Extrem.“

Die angesprochen Frau reagierte aber offenbar recht positiv und lud Danny erst zum Kuchen in eine Bäckerei ein, drückte ihm danach noch 10 Euro in die Hand. „So, hier, kauf dir was, und wenn du willst, auch ein Bier“, sagt Danny. „Dann hab ich mir Essen und Tabak geholt, und da stand sie noch am Bus, und dann hab ich ihr das gezeigt. Und dann geht die in diesen Döner-Laden und hat mir ein Bier gekauft.“

Inzwischen bevorzugen Danny und Vivi eine andere Form des Bettelns: Sie sammeln Pfandflaschen. Danny hat das auch früher schon gemacht, am Bahnhof Südkreuz in Berlin. „Da habe ich, wenn ich Glück hatte, am Tag knapp 50 Euro gehabt“, sagt er. Weil man da auch in den Zügen sammeln konnte und da offenbar einiges findet. Nicht nur Pfandflaschen: „Manchmal findest du auch ein bisschen Tabak, manchmal hast du auch ein Handy gefunden.“

Allein mit Pfandflaschen 50 Euro zu verdienen, ist viel Arbeit. Selbst wenn man nur die wertvollen findet, die 25 Cent bringen, brauchte man davon 200 Stück. Zwei Müllsäcke voll, erklärt Danny. Doch das ist inzwischen nur noch mit Fleiß, Disziplin und bei größeren Events möglich wie Konzerten, Fußballspielen oder größeren Festen.

„Da musst du schon wirklich Glück haben und auch die richtigen Ecken kennen, wo du weißt, da rennt keiner so wirklich hin“, erklärt Vivi. „Und dann halt auch mal in die Büsche reinkriechen, scheiß drauf, ob du dir Zecken einfängst. Hauptsache, du hast erstmal ein bisschen Geld.“

Ein bisschen Geld – das heißt? „An einem normalen Tag vielleicht einen Tabakbeutel und ein bisschen Essen“, sagt Danny. „Ein Tabakbeutel kostet jetzt 4,30, okay, und dann noch ein Toastbrot, das reicht zum Essen. Hat man mehr, kann man noch eine Wurst holen.“

Weil inzwischen so viele Flaschensammler in Berlin unterwegs sind, kommt es immer wieder zu Konflikten um Pfandflaschen. Bei denen auch Danny mitmischt: „Ist es eine alte Dame, die vielleicht ihre Rente aufbessern will, dann okay, komm, lass sie“, sagt er. „Aber kommt da so ein Besoffener oder einer, der sich was spritzen will, dann kann es schon mal dazu kommen, dass ich dem eine Schelle gebe, weil, ich tu keinem von so was Drogen finanzieren.“

Er selber habe schon mal ein Messer an der Kehle gehabt, weil er offenbar an einen Abfalleimer geraten war, den ein anderer als sein Revier betrachtete, erzählt Danny.

„Zum Glück war aber die Bundespolizei gleich da.“ Wenn man schon auf der Straße lebt, sollte man sich eigentlich gegenseitig unterstützen, meint Vivi. Und sich wegen Pfandflaschen abstechen oder sich gegenseitig beklauen. „Was ich jetzt leider in den letzten Tagen auch schon paar mal hatte. Wurde mir erstmal das Portemonnaie geklaut und dann noch der frisch gekaufte Tabak. Sechs Euro oder was kam der?“ – „6,50“, sagt Danny und schüttelt den Kopf:

„Allgemein ist alles so krass und krank geworden, auch jetzt abgesehen vom Flaschensammeln. Ich hab mich jetzt in den letzten zwei Wochen mit Kumpel fast boxen müssen, weil die auf eine Frau raufwollten“, sagt Danny.

„Das war mein Ziehpapa, der auf mich draufwollte im Suff“, erklärt Vivi. „Aber er hat sich dann entschuldigt und okay ... Er hat so oft auf mich aufgepasst, da war Danny noch nicht dagewesen.“ „Man kann so besoffen sein, wie man will, man geht nicht auf eine Frau“, sagt Danny.

Es ist voll geworden auf dem „fünften Arbeitsmarkt“ – und ungemütlich. Die Stimmung auf der Straße ist schlecht:

„Ist egal, was Sie denken, ich hab eine Meinung und einen Standpunkt: Ich kann eine Sorte Leute nicht leiden – nicht alle, kommt immer drauf an, wie sie zu mir sind –, und das sind Ausländer“. Sagt Helga, 70, und ist damit beileibe nicht die Einzige. Sondern Sätze wie diesen hört man häufig von denen, die ganz unten sind. Denn der harte Verteilungskampf auf Berlins Straßen wird von vielen Betroffenen als ethnischer Konflikt wahrgenommen.

„Rassismus ist ein großes Thema“, bestätigt die Sozialarbeiterin Anna-Sofie Gerth. „Sowohl dass sich Menschen zusammentun aus ihrem Land und dann gegen andere wettern, als auch dass deutsche Obdachlose oder deutsche Bettler sagen, die nehmen uns jetzt unser Geld weg, das uns zustehen würde.“ Dass das nicht richtig so sei, sei schwer zu formulieren. „Da gibt es sehr viel Unruhe und Neid und auch Verständnislosigkeit.“

Das beobachtet Anna-Sofie Gerth auch in der Tagesstätte für wohnungslose Menschen, die sie leitet: „Es gibt richtig Lager. Man sieht es auch bei uns im Gastraum, an einem Tisch sitzen nur die Rumänen und am anderen nur die Polen, und beide werfen sich feindselige Blicke zu.“

Hintergrund des Konflikts ist die Konkurrenzsituation. Da gilt es gegenzusteuern. „Das ist auch eines unserer Themen, dass wir sagen, ihr sitzt alle im gleichen Boot, und dass wir versuchen, eine Gemeinsamkeit zu schaffen, und wir sichern euch zu, heute darf jeder duschen und nicht erst die Rumänen und dann die Russen, sondern wer zuerst kommt, darf zuerst duschen“, sagt sie.

Viele, die hier stranden, sind aus Ost- und Südosteuropa. Sie sind nach Berlin gekommen, weil sie glaubten, hier ihr Glück machen zu können. „Berlin ist einfach toll“, sagt Anna-Sofie Gerth. „Das ist auch der Grund, warum andere Bürger nach Berlin kommen. Das ist eine große Stadt, wo man die Hoffnung hat, im Niedriglohnsektor, irgendein Hotel saubermachen oder in der Gastronomie, auch mit wenig Sprachkenntnissen etwas zu finden.“

Viel zu oft klappt es nicht, weil Berlin vielleicht noch einen schlecht bezahlten Job zu bieten hat, aber keinen Wohnraum. Und dann geht es vielen schnell wie Igor, Anfang 50 und seit sechs Monaten in Berlin. Vor der Bahnhofsmission am Zoologischen Garten trinkt er mit anderen Polen Bier.

„Guck mal. Meine Handy – weg. Meine Ausweis – weg“, sagt Igor in gebrochenem deutsch. Er hat einen Rucksack dabei und eine große Plastiktüte, in der ein paar leere Pfandflaschen liegen. Davon lebt er derzeit. „Das ist crazy“, meint er und kündigt an, sich morgen endlich um neue Ausweispapiere zu kümmern.

Bevor er nach Berlin kam, hat Igor für eine Zeitarbeitsfirma im bayerischen Kulmbach gearbeitet. Er kramt in seinem Rucksack herum: ein bisschen Kleidung, ein Kulturbeutel, ein paar lose Einwegrasierer und zwei DIN-A4-Mappen. „Guck mal“, sagt er und breitet den Inhalt der Mappen auf dem Tisch aus: Eine Meldebestätigung aus Kulmbach, ein Schreiben der Krankenversicherung, das ihn für arbeitsunfähig erklärt, und Bankunterlagen.

Keine Wohnung und keine Arbeit zu haben sei eine Katastrophe, sagt Igor. Er scheint es immer noch nicht fassen zu können, dass alles so gekommen ist.

„Mein deutscher Kollege in Bayern hat gefragt: Wo gehst du hin?“ Nach Berlin, habe er gesagt. „Hauptstadt. Das ist Deutschland.“ Berlin sei nicht Deutschland, fand der Kollege. Berlin sei Multikulti. Auch Igor findet, dass es zu viele arabische, türkische, russische, polnische Menschen, gibt, die in Berlin auf der Straße leben. In Bayern hingegen schlafe keiner auf der Straße. „Das ist Deutschland.“

Mitleid als Geschäftsmodell? Der Sozialarbeiter Willy Nadolny hält nichts davon, das Phänomen Betteln unter diesem Aspekt zu betrachten: „Ich finde es ausdrücklich richtig, Leuten Geld zu geben auf der Straße, weil Mitleid ja so eine Konnotation hat, dass jemand auf Mitleid macht, mit Absicht seine Situation dramatisiert, damit ich ihm Geld gebe.“

Dennoch kann Betteln nicht ohne die Geberseite betrachtet werden, denn der Bettelnde muss den potenziellen Geber anrühren, überzeugen oder sonst wie dazu bringen, ihm etwas zu geben. Und dabei haben nicht alle die gleichen Chancen, denn auch die Geberökonomie folgt ihren Gesetzen.

Und nach diesen Gesetzen, vermutet Anna-Sofie Gerth, verdienen deutsche Menschen am besten, „denen man abnimmt, dass sie einen schweren Schicksalsschlag hatten und die was verkaufen oder Hunde vorm Supermarkt festhalten“. Also die, die eine Leistung erbringen, die ansprechbar sind und zu denen man irgendeine Art von Kontakt aufbauen kann.

Also meist der Typ Bettler, der am wenigsten unangenehm für den Gebenden ist, weil allzu viel Elend verstört:

„Es gibt Leute, die kommen in die Bahn rein und man will sofort fliehen, weil das einfach so stinkt, weil die Menschen halt Beine teilweise haben, die am Verwesen sind, und weil das nicht auszuhalten ist, selbst für Fachleute“, sagt Wilhelm Nadolny von der Bahnhofsmission. „Ich bin einiges gewohnt von Arbeit, aber das sind dann auch Sachen, wo einem dann die Tränen kommen, allein schon durch den Geruch. Und wenn man dann drüber nachdenkt, dann kommen einem noch mal die Tränen.“

Die, die stinken und völlig verwahrlost und kaputt sind, bekämen am wenigsten, sagt Anna-Sofie Gerth. Auch, weil man sich schon als Bürger da gar nicht mehr hintraue: „Weil man denkt, oh, der wirkt so psychisch instabil oder nachher fange ich mir noch eine Krankheit ein, wenn ich dem einen Euro in die Hand drücke.“

Sodass auch auf dem „fünften Arbeitsmarkt“ die Schwächsten durchs Raster fallen, die über keinerlei Ressourcen mehr verfügen, sich selbst zu helfen.

„Ich gebe kaum in Berlin, weil das meine Stadt ist und ich ja mit den Menschen zusammenarbeite und es irgendwie komisch für mich wäre, wenn ich jemandem erst in der S-Bahn was gebe und eine halbe Stunde später ist der hier, steht er auf der Arbeit in der Tür“, sagt Anna-Sofie Gerth. „Deswegen gebe ich oft in anderen Städten, und ich gebe tatsächlich den Menschen, die kaltschweißig, zitternd, stinkend irgendwo rumliegen und nichts mehr mitkriegen, weil ich weiß, die brauchen das, um irgendwie noch die Nacht zu überleben, um irgendwie an was ranzukommen, was noch eine kurzfristige Lösung ist.“


Aus: "Betteln und Flaschensammeln: Überleben auf dem „fünften Arbeitsmarkt“" Ulrike Köppchen (06.08.2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/betteln-und-flaschensammeln-ueberleben-auf-dem-fuenften.976.de.html?dram:article_id=455623
« Last Edit: August 08, 2019, 12:54:50 PM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #956 on: August 08, 2019, 12:52:50 PM »
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[...] Es ist kein offizieller Titel. Aber mit einigem Recht kann sich Stephan Fanderl ab sofort der neue deutsche „Mr. Warenhaus“ nennen. Unter seiner Führung soll der lang gehegte Traum von der Deutschen Warenhaus AG – dem Zusammenschluss der ewigen Rivalen Karstadt und Kaufhof unter einem Dach – doch noch Wirklichkeit werden. Die Grundlagen dafür hat der 54 Jahre alte Manager in mühsamer Arbeit bei Karstadt gelegt.

Als der aus einer Ingolstädter Kaufmannsfamilie stammende Fanderl 2014 das Ruder bei dem Essener Unternehmen übernahm, war das wahrscheinlich der schwierigste Job, der im deutschen Einzelhandel zu vergeben war. Nach der Pleite des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor hatten sich unter dem nächsten Eigentümer, dem deutsch-amerikanischen Investor Nicolas Berggruen, die Problem eher noch verschärft. Am Ende musste Berggruen die Karstadt Warenhaus GmbH für den symbolischen Preis von einem Euro an die Signa-Holding des österreichischen Investors René Benko verkaufen.

Fanderl – bis zu diesem Zeitpunkt Aufsichtsratschef der Warenhauskette – übernahm auf Bitte von Benko den Vorstandsvorsitz bei der ums Überleben kämpfenden Firma. Er fing an, Karstadt umzukrempeln. Dabei begann er ganz oben. Die repräsentativen Vorstandsbüros in der Zentrale wurden abgeschafft, stattdessen saßen plötzlich auch die Topmanager im nüchternen Großraumbüro.

Gleichzeitig verordnete Fanderl der Warenhauskette eine harte Sanierung, zu der auch der Abbau zahlreicher Stellen und Filialschließungen gehörten. Bei der Gewerkschaft stieß das Vorgehen damals auf heftigen Widerstand. Die Mitarbeiter würden für die Managementfehler der vergangenen Jahre bestraft, klagte Ver.di-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger angesichts der von Fanderl vorangetriebenen Schließungspläne.

Der neue Chef strich aber nicht nur Stellen, er stutzte auch das Marken-Wirrwarr bei Karstadt und ließ Flächen an externe Händler vermieten. Bei der Sanierungsarbeit kam ihm zugute, dass er den Einzelhandel als Sohn eines Edeka-Händlers von Kindesbeinen an erlebt hat. „Dass er Handel kann, merken Mitarbeiter beim ersten Besuch in der Filiale“, zitierte das Fachblatt „Textilwirtschaft“ eine Stimme aus Fanderls Umfeld. „Der bleibt beim ersten Warenträger stehen und sagt den Mitarbeitern, wo der Fehler ist.“

Die Akribie machte sich bezahlt. Fanderl gelang, woran seine Vorgänger scheiterten. Für das Geschäftsjahr 2016/2017 wies das Unternehmen mit seinen 79 Warenhäusern erstmals seit zwölf Jahren unter dem Strich wieder einen Gewinn aus: 1,4 Millionen Euro.

„Karstadt geht es finanziell so gut wie die letzten 15 Jahre nicht mehr“, sagte der Manager im Frühjahr dem „Handelsblatt“. Inzwischen plant die Warenhauskette unter Fanderls Führung nach rund 30 Jahren sogar wieder die Eröffnung zweier neuer Filialen in Berlin.

Der Erfolg wirkt umso beeindruckender, weil der lange Zeit deutlich erfolgreichere Konkurrent Kaufhof gleichzeitig unter dem neuen kanadischen Eigentümer Hudson’s Bay Company (HBC) in die roten Zahlen rutschte und auch dort ein erheblicher Sanierungsbedarf deutlich wurde. Ein Problem, das jetzt Fanderl lösen muss.

Dass die Fusion von Karstadt und Kaufhof der Königsweg ist, um die Zukunft der Warenhäuser in Deutschland gegen Konkurrenz von Online-Anbietern wie Amazon, Billigketten wie Primark sowie Einkaufs- und Outletcentern zu sichern, steht für Fanderl fest. Immer wieder betonte er in den vergangenen Monaten: „Die industrielle Logik in diesem Geschäft hat sich seit Jahren nicht verändert. Sie spricht für ein einziges Warenhausunternehmen in Deutschland.“

Nun muss er beweisen, dass der Zusammenschluss der Warenhauskonzerne wirklich neue Kräfte freisetzen kann. Viele Mitarbeiter dürften allerdings mit gemischten Gefühlen in die Zukunft blicken. Schließlich hat „Mr. Warenhaus“ schon bei Karstadt bewiesen, dass er auch zu harten Einschnitten bereit ist, wenn er sie für nötig hält.


Aus: "Stephan Fanderl ist ab sofort der deutsche „Mr. Warenhaus“" Erich Reimann (11.09.2018)
Quelle: https://www.welt.de/regionales/nrw/article181494144/Stephan-Fanderl-Der-deutsche-Mr-Warenhaus.html

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[...] Die Mitarbeiter des angeschlagenen Warenhauskonzerns Galeria Kaufhof müssen sich auf harte Einschnitte einstellen. 2600 Vollzeitstellen müssten gestrichen werden, zudem wolle Kaufhof aus dem Flächentarifvertrag aussteigen, teilte das Unternehmen am Freitag mit. In seinem derzeitigen Zustand sei Galeria Kaufhof "nicht überlebensfähig", erklärte Vorstandschef Stephan Fanderl. Die Gewerkschaft Verdi nannte den Sanierungsplan "untragbar".

Galeria Kaufhof, seit November mit Karstadt zu einem Gemeinschaftsunternehmen fusioniert, benötigt laut Fanderl ein "umfassendes Sanierungskonzept". Kurzfristig brauche die Warenhauskette Investitionen in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrags.

Fanderl verwies auf das schlechte Weihnachtsgeschäft. Mit einem Minus von fast vier Prozent gegenüber dem Vorjahr habe es "deutlich unter den Erwartungen" gelegen. Bereits im November aber habe Karstadt-Eigner Signa eine Finanzspritze in "signifikanter Millionenhöhe" leisten müssen, um die Kette zu stabilisieren.

Filialen sollten "zunächst" nicht geschlossen werden, erklärte Fanderl. Die 2600 Vollzeitstellen sollten vor allem in der Verwaltung und durch den Abbau von Doppelfunktionen wegfallen.

Der Ausstieg aus dem Flächentarifvertrag sei "gegenwärtig alternativlos", erklärte Fanderl. Dies sei "keine grundsätzliche Ablehnung von Tarifverträgen", versicherte er. Er strebe in einem nächsten Schritt eine auf die Notlage von Kaufhof zugeschnittene Tariflösung an, also einen sogenannten Haustarifvertrag.

Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger erklärte: "Ein Sanierungsplan ohne Einbeziehung des Betriebsrats und die Ankündigung des Ausstiegs aus der Tarifbindung - das lehnen wir ab und werden um jeden Arbeitsplatz kämpfen."

Nutzenberger kritisierte, es sei nicht hinnehmbar, dass der Konzern sich "allein auf dem Rücken der Beschäftigten gesundstoßen" wolle. Was völlig fehle, sei ein tragfähiges Zukunftskonzept. "Wo sind die Vorschläge, wie es in Zukunft weitergeht? Wo soll investiert werden? Welche Opfer sollen die Manageretagen aufbringen? Nichts davon wird angepackt."

Das neue Gemeinschaftsunternehmen Karstadt und Galeria Kaufhof gehört zu 49,99 Prozent dem kanadischen Handelskonzern HBC und zu 50,01 Prozent der österreichischen Signa-Holding des Investors René Benko.

Sitz des neuen Gemeinschaftsunternehmens soll Essen sein, die bisherige Unternehmenszentrale von Karstadt. Köln, bisheriger Sitz von Kaufhof, bleibe "ein wichtiger Standort der Gruppe", versicherte Fanderl.

Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen sagte der "Rheinischen Post", er freue sich sehr über diese Entscheidung. "Für uns bedeutet das, dass wir national und auch international im Wettbewerb als Wirtschaftsstandort bestehen können."


Aus: "Galeria Kaufhof streicht 2600 Vollzeitstellen und steigt aus Flächentarif aus" (25. Januar 2019)
Quelle: https://www.stern.de/news/galeria-kaufhof-streicht-2600-vollzeitstellen-und-steigt-aus-flaechentarif-aus-8550902.html

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[...] Der Warenhauskönig René Benko setzt die Fusion von Kaufhof und Karstadt nun auch in den obersten Kontrollgremien der Kaufhäuser fort. Wolfram Keil, Finanzchef der Signa Gruppe, übernimmt zusätzlich zum Aufsichtsratsvorsitz von Karstadt nun auch die gleiche Funktion bei Kaufhof.

Das hat der Kaufhof-Aufsichtsrat auf seiner fast fünfstündigen Sitzung am Mittwoch beschlossen. Er ersetzt mit sofortiger Wirkung Bernd Beetz, der seinen Posten niedergelegt hat. Der ehemalige Chef des Luxusgüterkonzerns Coty war damals als Vertreter des kanadischen Konzerns Hudson's Bay Company (HBC) in den Aufsichtsrat eingezogen.

Der Schritt kommt nicht überraschend. Mitte Juni hatte Benkos Signa Holding mitteilte, dass man die restlichen Anteile der Warenhausgruppe von HBC übernehmen werde. Die Kanadier waren zuletzt noch mit 49,99 Prozent an Kaufhof beteiligt.

Ein Sanierer, der nicht lange fackelt

Keil gilt als Sanierer, der nicht lange fackelt. Vor seinem Engagement bei den Österreichern war der Immobilienexperte bei diversen Finanzinvestoren beschäftigt. Von Terra Firma über Cerberus bis hin zu Square Four - Unternehmen, die im Volksmund gerne auch Heuschrecken genannt werden.

Bei den Arbeitnehmern von Kaufhof stößt die Berufung Keils auf Skepsis, gilt er im Gegensatz zu Beetz als wenig diplomatisch. Besonders Kaufhof drohen im Zuge der Fusion harte Einschnitte mit Stellenstreichungen. Bereits nach dem schlechten Weihnachtsgeschäft hatte der Chef der Warenhaus AG, Stephan Fanderl angekündigt, bei Karstadt und Kaufhof 2600 Vollzeitstellen zu streichen.

Die Stimmung bei den Beschäftigten ist dementsprechend schlecht. Eine Entscheidung des Aufsichtsrats dürfte diese nicht steigern: Die Hauptverwaltung von Kaufhof in Köln soll bis Ende des Jahres geschlossen werden - der Mietvertrag läuft aber noch bis 2028.


Aus: "Eigentümer baut um: René Benko setzt neuen Chefaufseher bei Kaufhof ein" Margret Hucko (18.07.2019)
Quelle: https://www.manager-magazin.de/unternehmen/handel/galeria-karstadt-kaufhof-rene-benko-setzt-neuen-chefaufseher-bei-kaufhof-ein-a-1277868.html

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« Reply #957 on: August 12, 2019, 03:15:31 PM »
Quote
[...] Wer als Single mehr als 3.440 Euro netto im Monat zu Verfügung hat, gehört zur Oberschicht. So definieren Ökonomen die einkommensstärksten zehn Prozent der Gesellschaft. Kinderlose Paare zählen ab einem gemeinsamen Haushaltseinkommen von 5.160 Euro netto im Monat zur Oberschicht. Das geht aus einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hervor.

...  Auffällig ist, wie stark sich die Lebenssituation auf das Armutsrisiko auswirkt: 75 Prozent der Alleinerziehenden haben der Studie zufolge weniger als das bedarfsgewichtete Medianeinkommen. Auch 60 Prozent der Alleinlebenden sind ärmer. Dagegen haben 64 Prozent der kinderlosen Paare mehr als diese Summe im Monat zur Verfügung.

Für die Alleinerziehenden zeigt sich noch ein anderer Effekt: Das mittlere Einkommen der Alleinerziehenden liegt bei 1.309 Euro netto im Monat. Mit dieser Summe zählt man zum einkommensärmsten Viertel der Bevölkerung.

... Das Durchschnittseinkommen von Akademikerinnen und Akademikern liegt demnach bei 2.541 Euro für Alleinlebende. Drei Viertel der Bevölkerung in Deutschland haben weniger als diese Summe im Monat zu Verfügung.

... Interessant ist darüber hinaus die Selbsteinschätzung der meisten Menschen, die statistisch zur Oberschicht gehören. Die Studienautorinnen und Studienautoren verglichen die Daten mit den Ergebnissen früherer Umfragen und stellten fest: Die Mehrheit der Wohlhabenden sortiert sich selbst eher zur Mittelschicht, allenfalls zur oberen Mittelschicht. Aber kaum jemand sieht sich selbst zur Oberschicht zugehörig. Woran das liegt, darauf findet die Studie keine Antworten.

Möglicherweise hat das etwas mit den Stereotypen und Vorurteilen von Oberschicht und Reichtum zu tun – aber auch etwa damit, dass sich die Einkommensspanne für die Oberschicht weit zieht. Sehr wenige Personen in Deutschland haben ein monatliches Einkommen etwa durch Kapitaleinkünfte, das weit über den statistischen Werten liegt. Medienberichte über Spitzenmanager wie den früheren Daimler-Chef Dieter Zetsche, der eine Rente von mehr als 4.250 Euro pro Tag ab 2020 bekommen soll, prägen offenbar die Vorstellung vieler Menschen von der Oberschicht. Manche könnten daher denken, dass man erst ab einem Monatseinkommen von mehreren Zehntausend Euro wirklich zur Oberschicht zählt.


Aus: "Paare mit mehr als 5.160 Euro gehören zur Oberschicht" (12. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-08/institut-der-deutschen-wirtschaft-einkommen-singlehaushalt-gehalt/komplettansicht

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Tillmann König #1.30

"Und auch für Wohnungen im Bereich von 1800-2500€ darf man sich gegen dutzende oder noch mehr Mitbewerber durchsetzen..."

Das ist richtig. Allerdings habe ich, wenn ich eingeladen wurde, meistens auch eine Zusage bekommen. Hier mal ein paar Tipps:
-Bereits beim Anschreiben auf immoscout / immowelt möglichst viel von sich preisgeben - dazu gehören Beruf, Einkommen, Schufascore, die Tatsache, dass man kein Instrument spielt, keine Haustiere hat und nicht raucht.
- Bei der Besichtigung pünktlich erscheinen, die Unterlagen ausgedruckt mitbringen, ähnlich einer Bewerbungsmappe. Hier gehören Gehaltsnachweise rein, der ausgedruckte Schufascore (mindestens 95%, besser mehr), Kontaktdaten des vorherigen Vermieters, der gerne über Sie und Ihre Zahlungsmoral Auskunft gibt. Gegebenenfalls auch Kontoauszüge beilegen.
- Natürlich ordentlich gekleidet zum Besichtiungstermin erscheinen. Wenn Sie Tattoos haben sollten: Mit der Kleidung verdecken! Nachfragen stellen, aber nicht zu kritische. Wenn der Vormieter möchte, dass Sie diese und jene Möbel ablösen, sagen Sie "gerne". Wenn der Makler Witze macht -> lachen Sie. Stellen Sie sich auf jeden Fall mit dem Makler und dem Vormieter gut.
- Betonen Sie immer wieder, dass Sie nicht rauchen, keine Instrumente spielen, sich niemals Haustiere anschaffen werden und an einem möglichst langfristigen Mietverhältnis interessiert sind.


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SoconF #1.39

Die Zahlen sind komplett unseriös, die Schichtenzugehörigkeit muss man am VERMÖGEN und nicht am Einkommen festmachen. Die komplette Oberschicht fehlt nämlich in der Aufstellung, da diese Kapitalerträge, Dividende, Unternehmensbeteiligungen haben und dort die Erträge generieren und nicht aus nichtselbständiger Arbeit.

Alles Augenwischerei....


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Anton Hoffreither IV #1.41

Das ist genau wie bei Armut, die wird halt auch relativ definiert.

Reichtum bei 5000€ Netto bei Doppelverdienern zu unterstellen, zeigt eigentlich nur, wie arm die Deutschen eigentlich wirklich sind.


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Super-Migrant #10

OK, dann bin ich wohl auch Oberschicht. Framing nennt man das glaub ich! Das soll nämlich noch mehr Steuern legitimieren, mit der Neidgesellschaft im Rücken kann man der Oberschicht jede Steuer aufdrücken!


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Gorgar #15

Sozialistisches Gefasel. Oberschicht ist für mich der, der sich Eigentum leisten kann und keine Sorge um sein Einkommen haben muss, bzw genug beiseite legen kann. Wer durch Jobverlust schnell zur Unterschicht wird, ist keine Oberschicht.


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St.Ma #16

Früher - vor 30 oder 40 Jahren konnte ein Familienvater mit Durchschnittseinkommen eine Familie ernähren. Es hat für die Miete, Lebensmittel, Kleidung, Schulausstattung, Auto und 2 Wochen Urlaub gereicht. Nicht üppig aber ausreichend. Heute mit nur einem Einkommen vollkommen undenkbar. Wobei die Produktivität inzwischen stark angestiegen ist. ...


Quote
Macintom #16.2

"Wo zum Teufel ist das Geld geblieben?"

Tja, das ist der Globalisierung und dem Druck, billiger als woanders zu produzieren, gewichen. Aber Sie haben recht: Mein Vater war ganz und gar nicht reich, aber trotzdem reichte sein Einkommen um eine vierköpfige Familie zu ernähren. Heute undenkbar.


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Warmonger #16.5

Mein Vater war bei einer Zeche als Fahrer angestellt.
Erst haben wir mit drei Kindern im Zechenhaus gelebt.
Später hat er mit Hilfe einiger Kumpels von der Zeche ein Mehrfamilienhaus gebaut, dass wegen Sozialwohnungen staatlich gefördert wurde.
Dafür waren für 30 Jahre die Mieten gedeckelt, lagen unter dem Markwert und durften nicht angehoben werden.

Wir hatten ein VW Käfer, sind nach Italien in den Urlaub gefahren, waren im Schwazrwald wandern, in der Eifel etc. Manchmal waren wir auch campen.
Niemand musste damals zur Arbeit pendeln. Das gab es nicht. Alle haben fußläufig zum Arbeitgeber gewohnt odr es gab Werksbusse von Siemens etc.
Wi r hatten früh ein Telefon, einen Kühlschrank, ein Fernseher.
Ich hatte nie das Gefühl, dass es an irgendetwas gefehlt hätte. (Und damals hat alles noch 30 JAhre gehalten, konnte repariert werden und war nicht nach 2 Jahren kaputt).

Und was ist heute? ...


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NochNeMeinung #18

Hier lässt sich wieder sehr gut sehen, dass das Ehegattensplitting asozial ist und dringend durch ein Familiensplitting vergleichbar mit dem französischen System ersetzt werden sollte. Es ist nicht Aufgabe des Staates, das Zusammenleben von erwachsenen Menschen, die zum Standesamt gegangen sind, zu fördern, sondern nur diejenigen zu entlasten, die Kinder großziehen. Und das eine hat mit dem anderen heutzutage immer weniger zu tun, weil das Familienmodel der 50er Jahre schon lange nicht mehr die Regel ist.


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Anjabdg #19

Einkommen oder Vermögen sind für Schichtenzugehörigkeit vergleichsweise belanglos. Ob einer zur Oberschicht gehört, erweist sich allein am Habitus.


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Herr Wolfmann #28

Ob jemand zur Oberschicht gehört, lässt sich wohl kaum in Geld messen. Zur
Oberschicht zählen wohl eher Menschen, die ungewöhnlich großen Einfluss
auf andere haben. Wichtiger als Geld dürften dabei Persönlichkeit, geistige Fähigkeiten, Engagement, Fortune und Beziehungen sein. Eigentlich unterscheidet
sich das reale Leben von Armen, Mittelschicht und Reichen in Deutschland weniger
als weltweit und mehr in der Sozialtheorie als in der Realität. Es gibt Reiche, die
sehr bescheiden leben, und Ärmere mit beachtlichen Ansprüchen. Vieles bleibt
hier fließend und relativ. So wird dem hungrigen Magen eine heiße Bratwurst
mit Senf viel höheren Genuss bieten als dem Satten Kaviar oder Entenbrust.
Ein rechter Philosoph kann in armen Verhältnissen glücklich leben und sich
auch selbst zur Oberschicht im Volk rechnen.


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cardoso2222 #31

“Kinderlose Paare zählen ab einem gemeinsamen Haushaltseinkommen von 5.160 Euro netto im Monat zur Oberschicht”

In der zitierten Studie wird nicht von Oberschicht geredet, sondern nur davon, wo man in der Einkommensverteilung liegt. Das sagt uns nur wie ich im Vergleich zu anderen in D verdiene. Daraus eine sozio-ökonomische Schicht anzuleiten ist sehr gewagt.


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ssr #33

Oberschicht definiere ich als jemand, der sich substanziell in Firmen etc. einkaufen kann, bzw. jemand der locker 3/4 seines Besitzes verlieren kann und dann immer noch nicht zum Durchschnitt gehört.


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Freundschafter #36

Wer hat den die Deutungshoheit über den Begriff Oberschicht z.B. das Diese die reichsten 10% und nicht die reichsten 5% sind?
Das ist doch eine willkürliche Festlegung, oder?


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timboso #43

Nun ja.

Bei 3.440 Euro netto im Monat = Oberschicht. Würde ich persönlich ja noch lachen. War ich immer schon drüber. ...


...

Offline Textaris(txt*bot)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #958 on: August 13, 2019, 03:01:37 PM »
Quote
[...] 70 Jahre Grundgesetz, 30 Jahre Mauerfall: Im Jahr 2019 werden große Jubiläen begangen. Doch was die Politik als wichtige demokratische Errungenschaften feiert, was bedeutet das eigentlich den Bürgerinnen und Bürgern noch? Offenbar nicht mehr allzu viel, folgt man dem Befund einer Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, die der SPD nahe steht. Demnach ist die Mehrheit der Deutschen, nämlich 53 Prozent, unzufrieden damit, wie die Demokratie hierzulande funktioniert – ein Tiefstand.

Das war nicht immer so: Lange waren etwa 60 Prozent der Deutschen zufrieden mit der Demokratie, doch seit 2015/16 gibt es einen steilen Knick nach unten. Die Studienautoren führen das vor allem auf die wirtschaftliche Situation und den Anstieg der Flüchtlingszahlen zurück.

Dabei zeigen sich große Unterschiede: Menschen mit hoher Bildung und Einkommen sind überdurchschnittlich zufrieden mit der Demokratie. Die Kehrseite ist, dass diejenigen, die sich tendenziell wenig an Wahlen beteiligen, besonders unzufrieden sind, etwa Menschen mit geringerem Einkommen. Auch unter Nichtwählern ist der Anteil der Unzufriedenen besonders hoch: Er liegt bei mehr als 70 Prozent. Und wer findet, es sei völlig egal, wer regiert, ist ebenfalls unzufrieden mit der Demokratie. Menschen auf dem Land sind unzufriedener als Großstädter.

In Ostdeutschland, wo bald drei neue Landtage gewählt werden, ist der Frust besonders groß: Nur etwas mehr als ein Drittel (36 Prozent) der Ostdeutschen ist zufrieden mit der Art und Weise, wie die Demokratie funktioniert, gegenüber knapp der Hälfte (49 Prozent) im Westen. Dieser große Abstand zwischen beiden Seiten besteht seit Jahren und wird nicht kleiner. Studienautor Frank Decker, Politikwissenschaftler an der Universität Bonn, sagt: "Teile der Ostdeutschen sind noch nicht wirklich angekommen in der liberalen Demokratie."

Das macht er auch an den Wahlerfolgen der AfD fest: Zwar gebe es keine Anzeichen, dass sich die Menschen gänzlich von der Demokratie abwenden. Aber die Erfolge der AfD in Ostdeutschland seien dramatisch. Eine kritische Schwelle sei insbesondere in Sachsen erreicht: "Da gibt es tatsächlich demokratiegefährdende Tendenzen."

Gleichzeitig sind die Ostdeutschen deutlich optimistischer als Westdeutsche: 41 Prozent blicken zuversichtlich in die Zukunft, im Westen sind es etwa 30 Prozent. Allerdings ist das Zukunftsvertrauen insgesamt gering: Zwei Drittel der Deutschen gehen davon aus, dass es künftigen Generationen in Deutschland schlechter gehen wird. Am pessimistischsten sind Süddeutsche – möglicherweise, weil sie den größten Wohlstand und damit am meisten zu verlieren zu haben.

Viele Befragte sehen den Wohlstand ungleich verteilt: Zwei Drittel stimmen der Aussage zu, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung nicht von der guten wirtschaftlichen Entwicklung profitiert. Das sähen auch jene so, "die selbst nicht auf der Verliererseite sind", schreiben die Autoren.

Unterschiede gibt es zwischen den Anhängerinnen und Anhängern der einzelnen Parteien. Mit etwa zwei Dritteln Zustimmung sind Anhänger der Union am zufriedensten mit der Demokratie in Deutschland. Das erklären die Autoren mit dem Gefühl, den Wahlsieger und damit die spätere Regierungspartei gewählt zu haben. Auch die Grünen-Anhänger sind mit deutlicher Mehrheit zufrieden. Große Unzufriedenheit zeigen dagegen Anhänger der Linken: Nur ein Drittel findet die Demokratie, wie sie funktioniert, gut.

Gänzlich unzufrieden sind Anhänger der AfD: Nur sieben Prozent sagen, sie finden die Funktionsweise der Demokratie gut oder sehr gut. Studienautor Decker warnt: Die AfD sei zwar eine demokratisch gewählte Partei, aber nicht unbedingt eine demokratische Partei. "Sie steht auf Kriegsfuß mit elementaren Prinzipien der Demokratie."

Eines dieser elementaren Prinzipien der Demokratie sind Teilhabemöglichkeiten für die Bürgerinnen und Bürger – in einer repräsentativen Demokratie wie in Deutschland sind das vornehmlich Wahlen. Und auch hier herrscht große Unzufriedenheit. 40 Prozent sagen, sie wünschten sich mehr direkte Demokratie – ein Wert, der allerdings wieder sinkt, womöglich angesichts der verheerenden Folgen des Brexit-Referendums.

Die Unzufriedenheit drückt sich auch darin aus, dass viele Menschen den politischen Institutionen kaum noch vertrauen. Parteien, Bundestag und Bundesregierung sowie den Medien wird wenig Vertrauen entgegengebracht. Auffällig sind auch hier AfD-Anhänger: Ihr Vertrauen in Parteien und Bundesregierung liegt im einstelligen Bereich.

Das geringe Vertrauen in Parteien äußert sich überdies im negativen Bild von Politikern: Fast 90 Prozent der Befragten sagen, dass die meisten Politiker mehr versprechen, als sie halten könnten. Und drei Viertel glauben, dass sich Politiker nicht um die Sorgen von Menschen wie ihnen kümmern. Umgekehrt erkennen zwei Drittel an, dass der Politikerjob schwer ist, und nur eine Minderheit findet, dass Politiker unverständlich sprechen würden.

Das schlechteste Image von Politikern haben mit großem Abstand die Anhänger der AfD. Die Anhänger aller anderen Bundestagsparteien (mit Ausnahme der Linken) gestehen Politikerinnen und Politikern mehrheitlich zu, das Beste für das Land im Sinn zu haben.

Woran liegt nun diese Unzufriedenheit – und was kann man dagegen tun?

Politiker "sind nicht die besseren Menschen und brauchen es auch nicht zu sein", schreiben die Autoren. Gleichwohl geben sie mehrere Empfehlungen ab, um das Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen: Sie sollten in ihren Positionen beständig sein, nur das versprechen, was sie halten können, mit eigenen Fehlern aufrichtig umgehen und auf lukrative Nebentätigkeiten verzichten.

Der Studie zufolge sind viele Menschen in Deutschland vor allem enttäuscht davon, was die Politik konkret umsetzt. Das war schon  1997 so: Als Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Probleme das Ende der Kohl-Jahre einläuteten, lag die Demokratiezufriedenheit ähnlich niedrig wie jetzt.

Heute treiben die Menschen insbesondere Rente und Wohnen  um. Nur ein Viertel findet, dass der Staat den Lebensstandard im Alter gut gewährleistet, noch weniger Menschen finden das Problem, ausreichend (bezahlbaren) Wohnraum zu schaffen, gut gelöst: Nur 15 Prozent stimmen hier zu. Gut bewertet wird dagegen mehrheitlich die Bildung, der Lebensstandard Arbeitsloser und die Gesundheitsversorgung.

Welche Forderungen haben die Menschen also an die Politik? Die Studie wurde von der Friedrich-Ebert-Stiftung beauftragt – daher überrascht es nicht, dass Kernforderungen der SPD abgefragt wurden. Demnach sind 77 Prozent der Befragten für eine Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung und fast zwei Drittel für ein staatliches Vorkaufsrecht für Wohnungen. Zudem lehnt es eine knappe Mehrheit der Befragten ab, Migranten weniger Sozialleistungen zu gewähren als Einheimischen. Auch die Idee, Arbeitslose zu verpflichten, jeden Job anzunehmen, auch wenn dieser Job nicht ihrer Qualifikation entspricht und sie weniger verdienen würden, weist die Mehrheit zurück. Erstaunlich ist dabei: Allen Hartz-IV-Debatten zum Trotz, die die SPD fast zerrissen hätten, sind SPD-Anhänger mehrheitlich für diese Jobverpflichtung. 

Ebenso auffällig ist, dass Befragte mit Migrationshintergrund mit mehr als zwei Dritteln viel stärker dafür sind, Zugewanderten weniger Sozialleistungen zu gewähren als Einheimischen. Doch Studienautor Decker findet das nicht überraschend: "Es geht um Konkurrenz. Die Arbeitsmigranten, die sich ihren Wohlstand in Deutschland hart erarbeitet haben, sind offenbar weniger bereit, mit neuen Zuwanderern zu teilen, die zum Teil aus anderen Kulturkreisen kommen, wie etwa die Flüchtlinge aus dem arabischen Raum. Wohlfahrtschauvinismus als Einstellung findet sich nicht nur unter den Biodeutschen."

In Ostdeutschland sei der Wunsch, einheimische Menschen bei Sozialleistungen gegenüber Zuwanderern zu bevorzugen, auch wegen der massenhaften Abwanderung so groß (57 Prozent Zustimmung gegenüber 43 Prozent in Westdeutschland), so Decker. Der Verlust großer Bevölkerungsteile nach dem Mauerfall habe die Gesellschaft verändert und sei vergleichbar mit anderen mittel- und osteuropäischen Ländern. "Die innereuropäische Konfliktlinie über die Flüchtlingspolitik in Europa verläuft direkt durch Deutschland."

Neben konkreten Politikangeboten empfehlen die Autorinnen und Autoren neue Beteiligungsmöglichkeiten. Denn Zukunftsthemen wie der Klimaschutz liefen repräsentativen Systemen, die auf kurzfristige Wahlerfolge ausgerichtet sind, zuwider, sagt Studienautor Decker. Die Beschäftigung mit Klimapolitik ist also nicht attraktiv für gewählte Politiker, weil sich ihre Ergebnisse erst viel später zeigen. Um Gesetze und Programme zu langfristigen Zukunftsthemen zu verabschieden, könnten daher alternative Beratungs- und Entscheidungsverfahren wie zum Beispiel Loskammern sinnvoll sein. Als Beispiel führt Decker Irland an: Dort hat eine Gruppe zufällig ausgewählter Bürgerinnen und Bürger mit großem Erfolg zusammen mit Experten eine Verfassungsreform zu umstrittenen Themen wie Schwangerschaftsabbruch und der Ehe für alle erarbeitet.

Aber, so schränkt Decker ein: Zu viele Hoffnungen solle man in solche institutionellen Reformen nicht setzen, sondern: "Die Bürger müssen sich mit dem politischen Angebot besser identifizieren können. Das heißt, die Interessen derjenigen, die heute auf der Strecke bleiben oder glauben, dass sie auf der Strecke bleiben, wieder stärker zu berücksichtigen", etwa mit der Grundrente ohne Bedürfnisprüfung und einer besseren Wohnungspolitik.

Denn: "Der Schlüssel, um das Vertrauen wieder zu stärken, ist der Politik-Output. Der Staat muss sich mehr um den Zusammenhalt und um die Gleichheit in der Gesellschaft kümmern."


Aus: "Friedrich-Ebert-Stiftung: Mehrheit der Deutschen ist demokratieverdrossen" Rita Lauter (13.08.2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-08/friedrich-ebert-stiftung-demokratie-ostdeutsche-westdeutsche-zufrieden-studie/komplettansicht

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karl-m #3

Was ist dass denn für eine Frage! Mit der Demokratie kann man nicht zufrieden oder unzufrieden sein. Sie ist eine Staatsform, die kann man bevorzugen oder ablehnen.
Ich war mit der Politik von Brandt und teilweise von Schmidt einverstanden und somit zufrieden. Die Politik von Kohl und AM lehnte ich ab und war/bin damit unzufrieden.
Alle genannten Kanzler agierten in der selben Salatsform. Die Frage muss lauten: Sind sie mit der Umsetzung der Demokratie aktuell zufrieden?


Quote
Proclamator #3.5

"Die Frage muss lauten: Sind sie mit der Umsetzung der Demokratie aktuell zufrieden?"

Nein. Die Frage müsste lauten: Sind sie mit der Politik, die Ihre Regierung derzeit macht zufrieden und fühlen Sie sich repräsentiert?


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zimuncumuncu #4

Was für ein bemitleidenswert misanthropisches Volk wir doch sind. Bei allen Problemen und bei aller gerechtfertigter Kritik. Dieses Ergebnis ist vollkommen losgelöst von der Realität.


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dingensda #4.7

Liebe Demokratieverdrossene,
ich würde mal einen Studienaufenthalt in einem Land empfehlen, in dem eine Lichtgestalt wie Putin, Erdogan, Maduro oder Idi Amin Dada (Gott hab ihn selig) dafür sorgt, dass alles immer bestens läuft.

Alternativ möchte ich mit Walter Lübcke sagen: Es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten, und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist. Das ist die Freiheit eines jeden Deutschen.


Quote
Slowenendeutscher #4.12

Es kommt immer darauf an , welche Realität man für real hält.
Man soll nicht alles denken , was man glaubt.


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Coveillance #5

"Mehrheit der Deutschen ist demokratieverdrossen
Nur noch eine Minderheit ist einer Untersuchung zufolge zufrieden mit der Demokratie"

Ist es nicht möglich, dass diese Mehrheit nicht mit der Demokratie, sondern mit dem Demokratie-Schauspiel unzufrieden ist, welches momentan aufgeführt wird, im Berliner Reichstagsgebäude, welches nun von Zaun und Wassergraben umgeben wird?


Quote
Thrym #7

Wir haben momentan die Wahl zwischen:

-einem völlig ambitionslosen Verwaltungsmodus von Karrieristen (Union, SPD)

-hysterischen Moralisten (Linke, Grüne) mit unendlich teuren weltfremden Ideen

-einer FDP, die sich von ihrem sozialliberalen Bürgerrechts-Markenkern entfernt hat

-einer AfD die es nicht schafft und auch gar nicht immer schaffen will, sich von Rechtsradikalen zu distanzieren. Die dafür aber ein Alleinstellungsmerkmal beim Bekämpfen illegaler Migration hat.

Wie soll denn da irgendjemand wirklich begeistert sein Kreuzchen machen? Es kann halt jeder genervt das wählen, was er persönlich für das kleinste Übel hält. Aber Begeisterung? Nein!


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UniKrebsforscher #7.3

Die Gesetze der Physik sind nicht weltfremd. Klimawandel is coming (Winter is going). Die Grünen sind eher noch zu wenig fordernd. Mag sein dass Ihnen das nicht passt. Ändert aber nichts. Man kann sich zwar noch eine Weile selbst belügen, wird dann aber trotzdem von den menschengemachten Tatsachen (CO2 Anstieg, Umweltzerstörung) eingeholt...


Quote
Dada Max #7.4

Man könnte zum Beispiel über das Kreuzchen hinaus mal aus der reinen Konsumentenrolle rauskriechen und selbst aktiv in das Geschehen eingreifen, wenn man denn tatsächlich so wahnsinnig unzufrieden ist. Ist hierzulande nicht verboten. Man darf sogar eine andere Meinung haben als die Mehrheit. Und diese äußern, ohne eingesperrt zu werden. Immerhin leben wir in einer Demokratie.



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« Reply #959 on: August 14, 2019, 09:03:27 AM »
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[...] In Deutschland sinkt die Zahl der Sozialwohnungen. Im vergangenen Jahr sind deutlich mehr Wohnungen für Menschen mit geringem Einkommen weggefallen, als neu gebaut wurden. So gab es zum Jahresende 2018 fast 42.500 Sozialwohnungen weniger als noch ein Jahr zuvor, ein Minus von 3,5 Prozent. Das geht aus der Antwort des Innenministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor. Insgesamt wurden zum Jahreswechsel fast 1,18 Millionen Sozialwohnungen in Deutschland vermietet.

Bei diesen Wohnungen sind die Mieten staatlich reguliert und dadurch vergleichsweise niedrig. Nur Menschen, bei denen die Behörden einen besonderen Bedarf sehen, dürfen dort wohnen. Zentrales Kriterium ist das Haushaltseinkommen – allerdings sind die Einkommensgrenzen von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich. In der Regel dürfen die Mieterinnen und Mieter auch dann in der Sozialwohnung bleiben, wenn sie nach einiger Zeit mehr verdienen.

Sozialwohnungen bleiben aber nicht ewig Sozialwohnungen. Nach einer bestimmten Zeit, üblicherweise 30 Jahre, fallen sie aus der Bindung und können normal am Markt vermietet werden. Weil seit den Achtzigerjahren nur wenige Sozialwohnungen neu gebaut wurden, fehlt es heute an Ersatz.

In den vergangenen 15 Jahren hat sich ihre Zahl etwa halbiert. Inzwischen werden mit staatlicher Förderung zwar wieder vermehrt solche Wohnungen gebaut – doch das reicht nicht, um die Gesamtzahl konstant zu halten. Allein im vergangenen Jahr fielen der Statistik zufolge bundesweit rund 70.000 Sozialwohnungen aus der Bindung, etwa 27.000 wurden neu gebaut.

Caren Lay von der Linksfraktion fordert deshalb ein "Rettungsprogramm für den Sozialen Wohnungsbau". Statt Fördergelder wie geplant zu senken, müssten zehn Milliarden Euro investiert und 250.000 neue Sozialwohnungen gebaut werden. Im vergangenen Jahr hatte der Bund den Ländern rund 1,5 Milliarden Euro für die sogenannte Wohnraumförderung zur Verfügung gestellt.

Außerdem müssten einmal geförderte Sozialwohnungen künftig immer Sozialwohnungen bleiben, sagte Lay. Nach ihrer Rechnung fehlen in Deutschland derzeit mehr als fünf Millionen Wohnungen für Menschen mit geringem Einkommen.

Fast in allen Bundesländern sind die Zahlen rückläufig. Einzig in Bayern (plus 1.285 Wohnungen) und in Sachsen (plus 161 Wohnungen) wurden im vergangenen Jahr mehr Sozialwohnungen gebaut, als aus der Bindung fielen. In Berlin blieb das Verhältnis stabil. In Brandenburg dagegen schrumpfte der Sozialwohnungsbestand innerhalb eines Jahres um mehr als 12.200 Wohnungen oder fast 30 Prozent.

Die meisten Sozialwohnungen pro Person gab es 2018 in den Stadtstaaten Hamburg und Berlin, die wenigsten im Saarland und in Sachsen-Anhalt. In absoluten Zahlen führt das bevölkerungsstarke Nordrhein-Westfalen mit mehr als 450.000 geförderten Wohnungen – im Saarland dagegen gab es nur 530 Mietwohnungen mit Belegungsbindung.


Aus: "Über 42.000 Sozialwohnungen weniger in Deutschland" (14. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-08/sozialer-wohungsbau-weniger-sozialwohnungen-deutschland