Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 264426 times)

0 Members and 2 Guests are viewing this topic.

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9754
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #930 on: June 12, 2019, 01:25:44 PM »
Quote
[...] Der Politiker Friedrich Merz ist Vizepräsident des Wirtschaftsrates der CDU und war früher Vorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag. Er ist Vorsitzender des Aufsichtsrats der Fondsgesellschaft BlackRock in Deutschland und kandidierte Ende vergangenen Jahres um den CDU-Parteivorsitz.

 Deutschland geht es gut. Wir leben in einem der schönsten und wohlhabendsten Länder der Welt. ... Die Agenda 2010 der rot-grünen Bundesregierung war der Versuch, die deutsche Volkswirtschaft in einem schärfer werdenden globalen Wettbewerb zukunftsfähig und zugleich die Sozialversicherungen demografiefest zu machen. ... Marktwirtschaft heißt vor allem Kapitaleinsatz: kapitalstarke Unternehmen, Kapitalbildung in Arbeitnehmerhand, Kapitalfundierung von Teilen der Sozialversicherungen, Kapitalerträge etwa für die Bildungseinrichtungen. All dies macht den Kapitalismus im bestverstandenen Sinn des Wortes zusammen mit der sozialen Verantwortung aller Akteure zum Wesenskern der sozialen Marktwirtschaft. Die Deutschen müssen wieder neu lernen, diesen Teil der Marktwirtschaft zu verstehen, damit sie gerettet werden kann. Und retten müssen wir sie, denn ohne Kapitaleinsatz und ohne Kapitalrentabilität gibt es keinen Sozialstaat und ohne Sozialstaat gibt es keine soziale Gerechtigkeit. ... Die Zahl der Aktionäre ist in Deutschland im letzten Jahr um rund 200.000 gestiegen, sie liegt jetzt wieder über zehn Millionen. Das ist, für sich genommen, eine gute Nachricht. Damit sind aber immer noch 70 Millionen Menschen in Deutschland ohne Zugang zu den Kapitalerträgen der Unternehmen. Immer noch arbeiten Millionen deutscher Beschäftigter in börsennotierten Aktiengesellschaften, deren Erfolg von Millionen ausländischer Aktionäre vereinnahmt wird. Kaum ein börsennotiertes Unternehmen in Deutschland hat noch mehrheitlich deutsche Aktionäre. Daran muss sich etwas ändern, aber daran lässt sich nur etwas ändern, wenn in Deutschland eine neue Kultur des Aktiensparens entsteht und sich daraus eine neue Teilhabe am Erfolg der Marktwirtschaft entwickelt. Ich bin, anders als früher, heute auch der Auffassung, dass der Gesetzgeber eine Verpflichtung zur privaten, kapitalmarktorientierten Vorsorge für das Alter ernsthaft prüfen sollte, in welcher Form auch immer. ... Starke Bürger vertrauen auf ihre eigenen Kräfte und übernehmen Verantwortung für sich und andere, engagieren sich in Familie, Schule und Politik, im Betrieb oder in den vielen gesellschaftlichen Problemfeldern. Wenn in dieser Weise Kapital und Soziales, Staat und Unternehmen, Stiftungen und Verbände, Initiativen und Bürger allgemeine Projekte unterstützen und tragfähige soziale Netzwerke knüpfen, kann das ganze kreative Potenzial unserer Gesellschaft zum Tragen kommen. Die unsichtbare Hand, von der Adam Smith sprach, führt dann nicht nur zu wirtschaftlichem, sondern auch zu sozialem Reichtum. Nicht inszenierter Klassenkampf, sondern eine konstruktive Partnerschaft zwischen wirtschaftlichem und sozialem Kapital schafft ein erneuertes bürgerliches Gemeinwesen. Aber ohne oder gar gegen den Kapitalmarkt sind diese Ziele allesamt nicht zu erreichen.


Aus: "Für eine neue Kultur des Sparens" Friedrich Merz (11. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/wirtschaftspolitik-deutschland-wohlstand-soziale-gerechtigkeit-demokratie-kapitalismuskritik/komplettansicht

Quote
Ideosynkratisch #2

Hallo Herr Merz! Ich könnte mir Sie als Kanzler vorstellen! ...


Quote
Polykanos #2.56

"Ich könnte mir Sie als Kanzler vorstellen!"

Ich auch - Horror!


Quote
Einfacher Bürger #78

Die alte Kultur des Herumschwurbelns - Auch hier muss ins Deutsche übersetzt werden.

"Auf Dauer unbezahlbare soziale Leistungsversprechen und eine Übertragung der Lasten auf jüngere Generationen verstoßen gleich mehrfach gegen Vorsorgeprinzip und Nachhaltigkeit."

Runter mit den Sozialleistungen, ihr verwöhnten Blagen.

"Wenn die Zustimmung zu Demokratie und Marktwirtschaft wieder steigen soll, dann müssen aber nicht nur Zusammenhänge (besser) erklärt werden."

Ihr seid zu doof zu verstehen, dass Steuerermäßigungen für Wohlhabende gut sind.

"Ich bin ... der Auffassung, dass der Gesetzgeber eine Verpflichtung zur privaten, kapitalmarktorientierten Vorsorge für das Alter ernsthaft prüfen sollte"

Seht zu wo ihr die Kohle herbekommt. Mir doch egal.

"Starke Unternehmen verstehen sich als Wertschöpfungsgemeinschaften, die von der Gesellschaft profitieren und sich deshalb auch im Sinne der Corporate Citizenship für die Gesellschaft engagieren."

Alle Großunternehmen werden ein (steuerlich abzugsfähiges) Sommerfest für Kinder organisieren. Versprochen!

"Die unsichtbare Hand, von der Adam Smith sprach, führt dann nicht nur zu wirtschaftlichem, sondern auch zu sozialem Reichtum."

Mal gucken, wer immer noch darauf reinfällt, dass es den Menschen gut geht, wenn es den Reichen gut geht.



Sorry, aber unwählbar


Quote
Einfacher Bürger #78.1

Ich fasse Merz' Aussagen mal zusammen: Wenn ihr glaubt, dass die Agenda 2010 schlimm war, dann lasst Euch mal von mir überraschen. Mir fallen noch ganz andere Sachen ein.


Quote
efwe #2.70

merz die mittelstands-Atlantikbrücke, im ernst :)


Quote
klaurot #14

Wir leben in einem der schönsten und wohlhabendsten Länder der Welt.

Wer ist "wir"? ...


Quote
BCO #14.1

Wir = der Mittelstand (im Merz'schen Sinne).


Quote
Bratstein #37

Der Mister Blackrock will uns die soziale Seite des Kapitalisum näherbringen. Prima! Wir sehen ja wie prächtig soziale Gerechtigkeit im Mutterland von Blackrock funktioniert. .. .


Quote
roccco #15

Gebt mir die Kohle, zu eurem Wohle!
Der Mann von BlackRock möchte nur euer Bestes!


Quote
mal denken mal handeln #38

Interessant, wie Merz von sozialer Gerechtigkeit zur Werbung für Aktienbesitz kommt, wofür er ja als Vorstand von Blackrock zu Zeiten der Parteivorsitzambitionen stark kritisiert wurde. ...


Quote
till ratzeburg #39

"Wir sind uns in unserer Gesellschaft weitgehend einig, dass die Umweltpolitik vom Vorsorgeprinzip und vom Grundsatz der Nachhaltigkeit geleitet sein muss."

Wer ?
Die CDU ?
Ist das jetzt Ironie ?
Das ist genau das was die CDU nicht will. Die wollen keine Umweltpolitik. Das stört die nur. ...


Quote
Glossolalia #42

Beim Lesen des Artikels beschleicht einen ja der Verdacht, der gute Herr Merz sei mit Marty McFly und Doc Browns deLorean direkt aus den 1980ern zu uns gekommen, um einen Essay über seine Weltsicht zu verbreiten.

Der Essay verströmt mit jedem Satz die Gewissheit, daß sich da jemand seit fast 40 Jahren kein Stück weiterentwickelt hat, sondern tatsächlich immer noch an den gleichen Kokolores erzählt, der schon vor 40 Jahren nichts als Wunschdenken war. Damals war es skurril, weil es auf der kapitalistischen Seite der gleiche weltfremde Dogmatismus war, wie die Marxismus-Leninismus Märchen der Gegenseite. Angesichts der historeischen Pleite des real existierenden Sozialismus sind diese Märchen allerdings heute eher gruselig, da sich der Verdacht erhärtet, daß auf dieser Seite (Kapitalismus) Leute tatsächlich an den törichten Quatsch glaubten, den sie verzapften...


Quote
polarapfel #42.1

Wer seit den 80ern über 40 Jahre sein Geld statt auf dem Sparbuch, Tagesgeld oder der Lebensversicherung in Aktien investiert hat, ist jetzt reich. ...


Quote
invoker #44

Herr Merz,
ich stimme Ihnen grundsätzlich zu. Nur: Welche konkreten Maßnahmen schlagen Sie vor? Eine Pflicht zum Aktienkauf dürfte einem Paketzusteller kaum helfen, er braucht das Kapital für seinen alltäglichen Konsum.

Eigentum verpflichtet. Amazon aber zahlt keinerlei Steuern, obwohl es reich ist und Jeff Bezos zum reichsten Mann der Welt gemacht hat.
Wie wäre es internationale Konzerne endlich wieder zu besteuern? Oder Finanzjongleure mit einer Finanztransaktionssteuer?


Quote
Cyber200 #50

"Deutschland geht es gut. Wir leben in einem der schönsten und wohlhabendsten Länder der Welt"

...und deshalb haben wir 7 Millionen überschuldete Haushalte, Millionen Menschen die sich durch die "Tafel" ernähren müssen, kaputte Straßen und Brücken, Mindestlöhne von denen die wenigsten leben können, eine kaum einsatzfähige Bundeswehr, Menschen die die hohen Mieten nicht mehr bezahlen können, einen Pflegenotstand in den Krankenhäusern und in den Seniorenheime, eine desolate Deutsche Bahn, ein Stop and Go Verkehr auf den überlasteten Autobahnen u.v.a.m.

Vielen geht es gut bis sehr gut. Aber der gute Herr Merz, ein talentierter Politiker und Wirtschaftsjurist, sollte den Ball etwas flacher halten.


Quote
Desaguliers #63

"Wenn die Zustimmung zu Demokratie und Marktwirtschaft wieder steigen soll, dann müssen aber nicht nur Zusammenhänge (besser) erklärt werden."

Sagen Sie mal, Herr Merz, halten Sie Ihre Landsleute eigentlich für dämlich? ...


Quote
House MD #71

"All dies macht den Kapitalismus im bestverstandenen Sinn des Wortes zusammen mit der sozialen Verantwortung aller Akteure zum Wesenskern der sozialen Marktwirtschaft. Die Deutschen müssen wieder neu lernen, diesen Teil der Marktwirtschaft zu verstehen,..."

Sorry, Herr Merz, das ist Quatsch. Die Kaste, zu der Sie gehören, muss das wieder neu lernen.

Manager, die Gesetze brechen gehören eingesperrt. Manager, die ihre Firma ruinieren (zum Beispiel, um eine tolle Fusion/Übernahme im Lebenslauf stehen zu haben) gehören gefeuert, und nicht mit Millionenabfindungen und Beraterverträgen für Gier und Inkompetenz belohnt zu werden. Wenn eine Bank sich überhebt, gehört sie genauso geschlossen, wie der Drogeriemarkt. Der Staat kann dann ruhig die Sparer auszahlen, aber nicht mit Staatsgeld das Weiterzocken ermöglichen.

Ein Manager ist genauso ein Angestellter einer Firma wie Klofrau und Pförtner. Wenn die Mist bauen, werden sie gefeuert. Gleiches Recht für alle.

Das Problem ist doch hierzulande, dass sich die selbsternannten Eliten sich das "Tragen der Verantwortung" hoch bezahlen lassen, aber das sie, wenn was schief geht, sich aus der Verantwortung stehlen und die Allgemeninheit die Kosten tragen lassen. Immer. Wenn es um Banken geht, um die Bahn, um den Diesel, um die Flüchtlinge (Waffen in Kriegsgebiete liefern ist okay, aber um die Flüchtlinge möge sich der Steuerzahler kümmern).

Und zur sozialen Marktwirtschaft gehört auch: Steuern zahlen.


Quote
House MD #86

"Erfolg deutscher Unternehmen von ausländischen Aktionären vereinnahmt"

Ja Herr Merz, das können Sie mal näher erklären. Zum Beispiel, wie es kommt, das der Erfolg von Bayer vereinnahmt wird von Monsanto, gerade rechtzeitig, wenn es darum geht, die Opfer deren Gifte zu kompensieren. Hat Ihre Firma, Blackrock, was damit zu tun, immerhin grösster oder zweitgrösster Aktionär bei beiden ?

https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/monsanto-und-bayer-bei-bayer-und-monsanto-reden-auf-beiden-seiten-dieselben-investoren-mit-1.3170377 [Bei Bayer und Monsanto reden auf beiden Seiten dieselben Investoren mit: An Monsanto und Bayer sind dieselben Investoren im großen Stil beteiligt: Blackrock etwa ist mit sieben Prozent Anteil der größte Aktionär bei Bayer - und mit 5,75 Prozent die Nummer zwei bei Monsanto. ... Die Verflechtungen der Großaktionäre sind auch der Monopolkommission aufgefallen. Sie machten den Fall interessant, sagte Achim Wambach, der Vorsitzende des Expertengremiums. "Insofern schließen sich hier Unternehmen zusammen, die eh zum Teil denselben Leuten gehören." ... (21. September 2016)]

... Wer seine Altersversorgung auf seinen stolzen Besitz von Bayer-Aktien oder auch der Deutschen Bank gründete, der durfte sich einmal vorzüglich gesichert glauben. Schließlich gehörten die beiden Unternehmen zu den Flaggschiffen der deutschen Wirtschaft. Heute ist er im Besitz von zwei erstklassigen Scherbenhaufen.


Quote
Pfirsichköpfchen #101

Hoffentlich wird dieser Merz, der anscheinend noch in den 1980ern des Thatcherismus festhängt und seit den Chicagoboys nix dazu gelernt hat niemals MInister oder sogar Kanzler.
Das Ergebnis dieses Ökonomiemodells kann in GB studiert werden und die fatalen Auswirkungen auf die Durchschnittsbevölkerung.

Aber mal gefragt, warum thematisiert er nicht die 120-150 Mrd. steuerhinterzogenen Euros? Weiß der Herr Merz was über die Vermögensverteilung? Findet er den status quo gut so?
Was wird er gegen Offshorebanken, Steueroasen, CumEx Geschäfte unternehmen wollen? Da wird dem Staat Geld entzogen. Fang dort mal an, Merz, danach kannst dich dem miesmachen der unteren Einkommenshälfte widmen. Wer am Ende des Geldes noch 10 Tage Monat übrig hat, weil Vermietungsaasgeier hemmungslos plündern dürfen, der beschäftigt sich mit dem Aktienerwerb? IN der Merz Welt möglicherweise, in der Wirklichkeit geht es drum, das Giro nicht über den Dispo zu strapazieren. Sparen ist anders wo.

Dies ist der intellektuelle Offenbarungseid eines Abzockers ...


Quote
Tordenskjold #106

Merz, Lindner, Weidel, Seeheimer Kreis.

Denk ich an Deutschland in der Nacht...


...
« Last Edit: June 12, 2019, 01:30:53 PM by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9754
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #931 on: June 12, 2019, 02:40:21 PM »
Quote
[...] Wie fühlt sich das Leben im Grandhotel an? Ich war dort. Als Zimmermädchen ... Fatima Benchenni (alle Namen in diesem Text wurden geändert) empfängt mich hier, in ihrem Büro, zum Einstellungsgespräch. Ich habe keine Erfahrungen als Zimmermädchen. „Ich gebe jedem eine Chance“, sagt sie. „Wir werden ja sehen, ob Sie den Takt halten können.“ Die Gouvernante, wie sie im Hotel von allen genannt wird, trägt einen blondierten, gestriegelten Pferdeschwanz, dickes Make-up und spricht mit einem starken provenzalischen Akzent. Man kann sie sich in einem Bistro am Hafen von Marseille vorstellen, bei einer Mauresque, diesem Aperitif aus Pastis und Mandelsirup. Fatima Benchennie stammt aus dem Maghreb und betreut im Hotel die Zimmermädchen. Unter ihrer Aufsicht werde ich arbeiten.

... Die Regeln sind strikt. Ein Kissenbezug, der ein bisschen knitterig ist, muss ausgewechselt werden. Kein Tropfen Wasser darf an den Fliesen im Bad hängen bleiben. Die Gouvernante prüft die fertigen Zimmer, sie kommt unangekündigt vorbei. „Sie schleicht sich an wie eine Katze“, warnt mich meine Kollegin Anca, die mich einweisen soll, eindringlich. Sie arbeitet seit fünf Jahren im Hotel. Anfangs scheint es mir unmöglich, wie viele Gesten sie in zackiger Choreographie ausführen kann, wie sie zum Fenster eilt, die Mülltüte schüttelt, mit dem Lappen den Wandvorsprung abwischt. „Mach am Besten immer alles in der gleichen Reihenfolge, damit es automatisch wird“, rät sie mir. Sie ist Ende dreißig, hat feine Züge und unter dem blauen Lidschatten einen reservierten, aber sanften Blick. Sie kommt aus Rumänien. Durch die Glaswand der Dusche, die sie mit vehementen Gesten wischt, erzählt sie mir von ihrer 17-jährigen Tochter, der sie jeden Monat Geld überweist, und ihrer Mutter, deren neues Gebiss sie noch abbezahlen muss. Anca verdient 1.000 Euro netto.

Bald mache ich meine eigenen Erfahrungen mit der Arbeitsmethode der Gouvernante: Immer, wenn ich es am wenigsten erwarte, taucht ihre kleine energische Gestalt in meinem Rücken auf. Manchmal schaut sie kurz ins Zimmer, sagt „tadellos“ und verschwindet wieder. Dann wieder fragt sie schneidend: „Haben Sie das Mittel auf die Fliesen gesprüht?“ Oder: „Das Bett ist nicht schön.“ Sie nimmt die Kissenzipfel und schüttelt sie vor ihrem fülligen Leib hin und her, ich muss es nachmachen.

Einmal putze ich gerade ein Bad, dusche die Fliesen ab, wie Anca es mir beigebracht hat. In den hinteren Ecken der Badewanne steht das Wasser. Mit dem Putzlappen wäre es ein aussichtsloses Unterfangen, es so trocken zu bekommen, dass man keine Tropfen mehr sieht. Ich packe kurzerhand eines der gebrauchten Handtücher auf dem Boden, um zumindest den gröbsten Schaden zu beheben. „So machen Sie das also, Sie putzen die Dusche mit den Handtüchern des Kunden?“, höre ich plötzlich.

Fatima Benchenni steckt ihren Kopf durch den Türspalt des Bads. „Das kann nicht sein. Sie wissen, dass das verboten ist! Unhygienisch! Wenn das so weitergeht, können Sie nicht bleiben!“ Ich stehe vor ihr wie ein Kleinkind, ihr Blick triumphiert. Sie weiß, wie sie furchteinflößend wirken kann. Man kennt solche dosierte Willkür von anderen Jobs, bei McDonald’s etwa, aber diese Situation ist besonders skurril, da man zwischen Klo und Dusche in einem seltsam intimen Raum steht.

Auf dem Papier werden im Hotel alle Zimmermädchen nach dem französischen Mindestlohn bezahlt, allerdings werden nicht die am Arbeitsplatz verbrachten Stunden gezählt, sondern die ihnen zugewiesenen Zimmer. Eine halbe Stunde hat man hier im Hotel, in dem ein Gast für eine Nacht zwischen 165 und 341 Euro zahlt, für die Reinigung des Zimmers. So der „Takt“, den Fatima Benchenni vorgibt. Das sind zwei Zimmer pro Stunde à fünf Euro. Gemessen an anderen Hotels ist das nicht schlecht, in manchen hat man für ein Zimmer nur acht bis zehn Minuten und bekommt dafür 2 Euro 50.

„Schafft ihr das?“, frage ich nach ein paar Tagen die Mädchen in der in der Umkleide. „Nie“, antwortet eine. „Bei einer Duplex Suite und bei einer Abreise brauchst du eine Stunde. Auch wenn du nur sauber machst, schaffst du es meistens nicht, wenn sie es nicht in gutem Zustand hinterlassen.“ Fatima Benchenni stellt nur in Teilzeit ein, „damit man ein bisschen ein Mensch bleiben kann“, so hatte die Gouvernante es in meinem Einstellungsgespräch formuliert. De facto arbeiten alle Zimmermädchen hier Vollzeit, werden aber nur in Teilzeit bezahlt.

Morgens darf man bei Gästen erst dann klopfen, wenn sie das Schild A memorable moment away (was immer das heißen soll), an ihrer Klinke aufgehängt haben. Man schleicht eine Weile durch die Gänge. Der Albtraum jedes Zimmermädchens aber ist ein Schild auf dem A memorable rest steht. Es ist mein zweiter Tag, ich arbeite noch immer mit Anca zusammen. Gegen 16 Uhr sind wir bis auf ein Zimmer fertig. An der Klinke eines Zimmers hängt dieses Schild. „Wir warten eine halbe Stunde“, sagt Anca und schlägt vor, eine rauchen zu gehen. Als wir zurückkommen, hängt das ominöse Schild immer noch da. Schüchtern klopft Anca an. Ein Mann öffnet einen Türspalt: „Können Sie ein bisschen warten, das Baby schläft“, sagt er. Ein eleganter Franzose, junger Vater. Die Gouvernante erscheint. „Tja, wenn er sagt, warten Sie ein bisschen, dann muss man ein bisschen warten!“, sagt sie und lächelt schief.

Müde kauern wir uns auf der anderen Seite des Gangs an die Wand. „Sollen wir nicht nochmal klopfen?“ Anca schüttelt den Kopf. „Wir können nichts tun“, sagt sie. Aber das Zimmer muss gereinigt werden. Niemals würde sie sich über die Arbeitsbedingungen beschweren, so wenig wie die anderen das tun. „Tja, am Ende hat es lange geschlafen!“, sagt der Gast nur, als er nach anderthalb Stunden die Tür öffnet. Es ist nach sechs, unser Arbeitsschluss war um zwei.

Manche Hotelgäste grüßen höflich, mehr Aufmerksamkeit erfährt man nur selten. Einmal schiebe ich gerade meinen Chariot, den Zimmermädchenwagen, durch den Gang. Ich trage mein Pinguinkostüm mit der übergeknöpften blauen Bluse, wie eine Maid in einem englischen Herrenhaus. Da kommt ein Gast aus seiner Tür, gefolgt von einer Frau. Als er mich sieht, zögert er kurz, zieht dann einen 10-Euro Schein aus der Tasche und bittet mich, sein Bett frisch zu machen. Mein Trinkgeld hatte sich bisher auf ein paar aufs Bett geworfene Centstücke beschränkt. Nicht gerade respektvoll, dann lieber gar nicht. Es gab mal eine Kultur, da hat man sich als Gast geschämt, wenn man zu wenig gab.

Ich gucke mich um, bin unsicher, ob ich den Schein überhaupt annehmen darf, lasse ihn schnell in meiner Tasche verschwinden. Als ich in sein Bad komme wird mir klar, ich hätte misstrauischer sein sollen. Er hatte sein Geschäft nicht beseitigt und die Toilette war vollgepinkelt bis auf den Boden. Als ich meinen Kolleginnen davon berichte, unter denen keine einzige Französin ist (sie kommen aus Madagascar, Paraguay, Nigeria oder Rumänien), erzählt mir eine, dass ein Gast sein Geschäft mal unter der Dusche verrichtet habe. Protest würde ihnen nicht einfallen. Schon allein weil sie wissen, dass sie sonst ihren Job verlieren. Die meisten arbeiten wie ich mit einem so genannten Contrat d’extra, einem befristeten Zusatzvertrag, der für jeden Tag neu geschlossen wird. Solche Verträge sollen es vor allem Arbeitgebern im Hotel- und Gastronomiegewerbe erleichtern, für einmalige Anlässe zusätzliches Personal einzustellen. Im Hotel arbeiten viele der Mädchen seit Monaten mit solchen Verträgen. „Im letzten Hotel war es auch schon so“, sagt Layla. „Ich werde mein Leben lang Zusatz sein.“

Layla stammt aus Marokko, sie ist jung, großgewachsen und hübsch. An einem meiner ersten Tage trägt sie eine Art silbernes Diadem im Haar. „Nehmen Sie mir dieses Ding ab“, schnarrt die Gouvernante, aber Layla lässt sich nicht unterkriegen. Am nächsten Tag trägt sie eine silberne Haarklammer mit einer großen Libelle daran. Sie möchte die französische Staatsbürgerschaft beantragen, aber dafür bräuchte sie einen festen Arbeitsvertrag.

Drei Wochen sind vergangen, seit ich im Hotel arbeite. Am Ende eines langen Tages, ich mache schon die vierte Überstunde, bin ich müde und verstimmt. Fatima Benchenni taucht auf. „Sagen Sie, glauben Sie nicht, der Job ist zu hart für Sie?“, höre ich sie fragen. Ich antworte, der Job passe mir gut, aber es stimme, dass ich es nicht gewöhnt sei, acht Stunden zu arbeiten und nur für vier bezahlt zu werden. „Das habe ich mir schon gedacht, ich glaube, Sie schaffen das nicht“, sagt die Gouvernante.

„Ich sehe Sie immer weniger auf lange Sicht bei uns. Deshalb glaube ich, ist es besser, wir sprechen jetzt miteinander.“ Dann soll ich sie in ihr Büro begleiten. „Hier ist es zu hart für Sie, aber ich würde Ihnen die Ibis-Hotels empfehlen, da glaube ich können Sie es schaffen“, sagt sie und gibt sich großmütig: „Wenn die mich anrufen, werde ich auch nicht sagen, dass sie zu langsam waren.“ Ein paar Sätze, erledigt.

Luisa Marie Schulz ist Journalistin, den Job im Viersternehotel hat sie zu Recherchezwecken angenommen




Aus: "Die Unsichtbare" Elsa Moritz (Ausgabe 14/2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-unsichtbare

Quote
Lethe | Community

Wobei der Job immer noch hart wäre, selbst wenn er anständig bezahlt würde.


Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9754
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #932 on: June 17, 2019, 11:50:10 AM »
Quote
[...] Die unteren Bildungsschichten sind in vielen Demokratien aus der politischen Partizipation ausgestiegen. Dies gilt selbst für die kognitiv anspruchsloseste politische Beteiligungsform, nämlich Wahlen. In den USA haben 2012 bei den Präsidentschaftswahlen 80 Prozent derjenigen Personen angegeben, zur Wahl zu gehen, die über ein Haushaltseinkommen von 100.000 US-Dollar und mehr verfügten; von jenen Bürgern aber, die ein Einkommen von 15.000 Dollar und weniger hatten, erklärte nur ein Drittel seine Wahlabsicht.

Auch in Deutschland ist das untere Drittel aus der Partizipation ausgestiegen. Deutschland ist zu einer zwar stabilen, aber dafür sozial selektiven Zweidritteldemokratie geworden. Sozioökonomische Ungleichheit übersetzt sich in kapitalistischen Demokratien sehr direkt in die Ungleichheit politischer Beteiligung.

Banken, Hedgefonds und Großinvestoren diktieren direkt oder indirekt den Regierungen, wie sie besteuert werden wollen. Amazon in den USA und Google in Irland sind hier nur die spektakulärsten Fälle. Folgen die Regierungen nicht den Steuerbefreiungsforderungen der Investoren, wandern diese in Niedrigsteuerländer ab. Politiker wollen gewählt oder wiedergewählt werden. Fehlende Investitionen aber gefährden Konjunktur, Wachstum und Arbeitsplätze – und damit ihre Wiederwahl. Das Erpressungspotenzial geografisch flexiblen Anlagekapitals gegenüber demokratisch gewählten Regierungen hat zugenommen. Wie unter einem Brennglas hat sich dies in der Finanzkrise von 2007/2008 vor allem in Europa gezeigt. Die Banken erwiesen sich als too big to fail. Da der Staat die desaströsen Dominoeffekte kollabierender Banken befürchtete, rettete er viele von ihnen mit dem Steuergeld der Bürger.

In Zeiten der Globalisierung weist der Finanzkapitalismus einige Besonderheiten auf: Digitalisierung, Geschwindigkeit, Volumen, Komplexität und die räumliche Entgrenzung und Reichweite finanzieller Transaktionen. Parlamente dagegen, der institutionelle Kern der Demokratie, sind territorial begrenzt und benötigen Zeit für die Vorbereitung, Beratung und Verabschiedung von Gesetzen. So ist die Desynchronisierung von Politik und Finanzmärkten systemisch bedingt und unvermeidbar.

... Erst wenn die demokratischen Fundamente von Gleichheit und Freiheit nicht mehr durch entfesselte Märkte unterspült werden, lässt sich der Kapitalismus mit den Grundprinzipien der Demokratie versöhnen.


Aus: "Kapitalismus: Aus dem Gleichgewicht" Aus einem Essay von Wolfgang Merkel (17. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/kapitalismus-finanzialisierung-globalisierung-demokratie-ungleichheit/komplettansicht

Quote
Zwischentöne #32 

Reagan und Thatcher fingen damit an und Blair und Schröder beendeten das Werk der neoliberalen Heilsversprecher.

Nur Sozialdemokraten waren in der Lage, das Fallbeil am solidarischen Gesellschaftssystem anzulegen, da es ohne ihren Verrat an der "Arbeiterklasse" den Neoliberalen unmöglich gewesen wäre, die soziale Marktwirtschaft zu entarten.

Bis heute haben es die "Seeheimer" in der SPD nicht kapiert, dass sie damit den Untergang ihrer Partei und den Sieg der neoliberalen Gesellschaftsveränderer beschlossen.

Der Warner (Lafontaine) wurde in die Wüste geschickt und die Totengräber
sitzen heute bei der Leiche und "versaufen die Haut" solange noch ein Tropen in der Flasche ist und der mehr Prozent als die eigene Partei hat.

Sogar ein Neoliberaler erster Güte, der ehem. Finanzminister und Kanzlerkandidat
Steinbrück, hat diesen Irrweg mittlerweile erkannt. Leider immer erst dann, wenn
ihm niemand mehr zuhört.

Noch heute schwärmen und loben diejenigen die ANGEDA-Politik der SPD und geben
der Partei gute Ratschläge, die sie am liebsten im Abgrund sähen. Und die SPD ist immer noch nicht so weit, ihr eigenes Versagen klipp und klar zu benennen und diesen Irrweg zu verlassen.

Ein entfesseltes Ungeheuer (Kapitalismus) bändigt man nicht durch immer neue Opfer sondern dadurch, dass man es in Ketten legt und die Krallen und Zähne zieht.

Es muss wieder gelten, dass der Staat den Markt regelt und nicht die unsägliche Merkel-Sicht der marktkonformen Demokratie.

[Der Kardinalfehler war der Genosse der Bosse und seine Anhänger, die die SPD okkupierten, alle Widersacher in der Partei kalt stellten, in die innere Immigration/Wahlenthaltung trieben oder zum Parteiaustritt.

Mit Schröder, Klement, Müntefering, Steinbrück, Steinmeier, Hombach und den versammelten Seeheimern hatte der Marsch der SPD in die neoliberale Mittel längst begonnen, alle waren überzeugte Anhänger des New Deal, der Entfesselung der Kapital- und Finanzmärkte und wollten lieber mit den Bossen Champagner schlürfen statt mit dem Kumpel ein Bier zu trinken.

Dies wäre durch Lafontaine und die paar Linken in der Partei nicht aufzuhalten gewesen.

Noch heute klatscht man in der SPD den Totengräbern (s.o.) mehr Beifall, als dem "gefallenen Engel" Lafontaine.]


Quote
Fritz IV #35

Wenn die Einkommens- und Vermögensunterschiede derartig krasse Formen annehmen, gibts keine Demokratie mehr.
Die Oligarchen können sich dann alles kaufen, die Regierung, die Justiz, die Presse.
Ja, sie können sogar in den Medien die Selbst-Bezeichnung "Investoren" durchsetzen.


Quote
Bberliner #38

Die Geldschöpfung war und ist feudal organisiert, solange das so bleibt und die monetären Lebensadern der Ökonomie nicht demokratisiert werden, solange sollte die Erosion von Demokratie keinen ernsthaft verwundern?


Quote
1971koepi #42

Das Kapital regiert. Hat jemand etwas anderes erwartet? Demokratie ist von Menschen gemacht. Menschen agieren in der Regel im Eigeninteresse und sind somit vom Kapital beeinflussbar. Sei es durch Anerkennung, schnöden Mammon, ... . Die Käuflichkeit der Herrschenden hat bisher noch jedes System kaputtgemacht.


Quote
Strogow #46

 ... Globalisierung, damals noch Imperialismus genannt ...

Quote
mounia #47

Es regieren die sog. Märkte.Das hat mit Demokratie nix zu tun,auch wenn es marktkonforme Demokratie genannt wird.


Quote
skipporiginal #48

"Die Banken erwiesen sich als too big to fail. " Nein.

Erwiesen - Erweisen; in diesem Zusammenhang also Nachweisen oder Beweisen;

Einen Beweis oder Nachweis hat es nicht gegeben. Es wurde schlicht als "alternativlos" bzeichnet und verkauft ...


Quote
Einfacher Bürger #62.1

Die Krönung ist diese Aussage: "Auch in Deutschland ist das untere Drittel aus der Partizipation ausgestiegen."

Ausgestiegen? Wohl eher rausgestossen, bei voller Fahrt. Und die Politik hat mit der Agenda 2010 noch nachgetreten.

Danke für nichts.


...

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9754
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #933 on: June 24, 2019, 09:57:18 AM »
Quote
[...] Wenn die Zeit der Bilanzpräsentationen vorbei ist, kommt für Aktionäre der Bonusmoment. Dann wird die Dividende – das ist ein Teil des Gewinns – an sie ausgeschüttet. 3,2 Milliarden Euro werden heuer allein von den 20 Unternehmen, die im heimischen Leitindex ATX notieren, an die Anleger weitergereicht. Das ist um 17,2 Prozent mehr als im Vorjahr (2,75 Mrd. Euro) und ein neuer Rekord. Das zweite Jahr in Folge zahlen alle 20 ATX-Unternehmen eine Dividende aus. Mit 597,4 Mio. Euro vergütet die Erste Group ihre Anleger am großzügigsten, gefolgt von OMV (571,8 Mio. Euro) und der Raiffeisen Bank International mit 305,6 Mio. Euro. In Summe haben 75 Prozent der ATX-Konzerne ihre Dividendenzahlung erhöht – zum Teil recht großzügig. Das geht aus dem Dividendenreport 2019 der Arbeiterkammer Wien hervor.

... in Deutschland können die Anleger jubeln. Die Dax-Konzerne zahlen ebenfalls Dividenden in Rekordhöhe. Die Ausschüttungen steigen heuer im Vorjahresvergleich um knapp drei Prozent auf insgesamt 36,5 Milliarden Euro. Das haben die Wirtschaftsprüfer des Beratungsunternehmens EY berechnet. 15 der 30 Konzerne zahlen demnach mehr Dividende aus als je zuvor. Insgesamt erhöhen 21 Unternehmen ihre Ausschüttungen an die Aktionäre – trotz eines sich abschwächenden wirtschaftlichen Umfelds. 


Aus: "Warum es für Aktionäre jetzt Geld regnet" Bettina Pfluger (24.6.2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000105302681/Warum-es-fuer-Aktionaere-jetzt-Geld-regnet


Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9754
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #934 on: June 24, 2019, 04:57:12 PM »
Quote
[...] Als Reinigungskraft verdient Holtkotte den Mindestlohn in ihrer Branche, das sind 10,56 Euro pro Stunde in Westdeutschland. Mit ausreichend Arbeitstagen kommt sie monatlich auf einen Betrag zwischen 1.050 und 1.100 Euro, sagt sie. Damit gilt Holtkotte hierzulande als armutsgefährdet, auch wenn sie es lieber "knapp bei Kasse" nennt. Sie ist 48, und weil sie nichts zurücklegen kann, droht ihr im Ruhestand Altersarmut, wie momentan jeder fünfte Renter und Rentnerin in Deutschland.

Holtkottes Rente wird später 715 Euro betragen. Über diese Zahl hat sie im letzten Dreivierteljahr in Interviews, TV-Sendungen und Talkshows gesprochen. Redakteure klopfen gerne bei Holtkotte an, wenn sie Protagonisten zum Thema Altersarmut oder prekäre Arbeit suchen, wegen ihrer kernigen Sätze – und weil es nicht einfach ist, jemanden zu finden, der so offen über Armut redet. "Ich spreche aus, wofür sich viele schämen", sagt Holtkotte. Denn sie sei nicht diejenige, die sich genieren sollte. "Die Arbeitgeber in allen Branchen müssen lernen, anständige Gehälter zu zahlen. Sonst sollen sie Pickel am Arsch bekommen und zu kurze Arme, um sich zu kratzen."

Mittlerweile hat Holtkotte auch ein Buch geschrieben, das am 25. Juni erscheint. Der Titel ist an ihren zukünftigen Rentensatz angelehnt: 715 Euro – Wenn die Rente nicht zum Leben reicht. Eine Reinigungskraft klagt an. Darin erzählt Holtkotte ihre Lebensgeschichte als Arbeiterin im Niedriglohnsektor. Zum anderen kritisiert sie die Rentenpolitik und stellt Forderungen auf. Zum Beispiel: "Spart nicht länger an euren Mitarbeitern, das sind Menschen, denen ihr euren Wohlstand verdankt."               

Angefangen hat Holtkottes öffentliches Leben im Herbst vergangenen Jahres. Der WDR filmte sie für die Doku Arm trotz Arbeit. Holtkotte erzählt darin vom Arbeitsalltag im Krankenhaus, den Rückschmerzen, der Schmerztablette nach Feierabend. Kurz danach wurde sie im Morgenmagazin des ARD in einem gleichnamigen Beitrag interviewt, live in ihrer kleinen Küche, frühmorgens vor der Schicht.

Wenige Monate später diskutierte Holtkotte mit dem Arbeitsminister, der Sozialverbandspräsidentin, einem FDP-Fraktionssprecher und dem Cicero-Chefredakteur in der Talkshow hart aber fair über Heils Vision der Grundrente: Wer 35 Jahre oder länger in die Rentenversicherung eingezahlt hat, soll nach seinen Plänen eine Mindestrente erhalten – und zwar ohne Prüfung der Bedürftigkeit des Antragstellers. Holtkotte selbst hat keine Ersparnisse, sagte sie in der Sendung, wetterte aber dennoch gegen die Bedarfsprüfung: "Es ist eine Frechheit, dass die Menschen im Endeffekt so bestraft werden." Plasberg fragte sie daraufhin, mit wem sie am liebsten mal den Job tauschen würde. Holtkotte nannte Heil und der Arbeitsminister schlug ein. Holtkotte begleitete ihn dann einen Tag lang in Berlin, war mit ihm beim 100. Geburtstag der Internationalen Arbeitsorganisation. Heil schrubbte nach Holtkottes Anweisung gemeinsam mit ihr im Keller die Bettgestelle.

Der Anruf des Verlegers kam einen Tag nach ihrem Auftritt in Plasbergs Sendung, erzählt sie. "Ihnen ist schon klar, mit wem Sie hier reden, ne?", habe sie in den Hörer gesagt. "Ich hab nix mit Büchern an der Brause, hab für so was kein Geld." Als sie verstand, worum es ging, habe sie aber sofort zugesagt. Zum einen, weil ein Urlaub an der Nordsee vom Honorar rausspringen könnte. Zum anderen, weil sie auf die "versteckten Menschen" aufmerksam machen wollte – so nennt Holtkotte sich selbst und ihre Kolleginnen im Reinigungsgewerbe. Sie ist überzeugt davon, dass auch ihre Arbeit wichtig für die Gesellschaft ist, sagt sie. "Wenn alle Reinigungskräfte in jedem Krankenhaus, in jeder Kneipe, zum selben Zeitpunkt den Lappen hinlegen, läuft gar nix mehr", sagt Holtkotte.

Knapp vier Monate nach dem Anruf hält Holtkotte ihr 128-seitiges Buch in der Hand, und findet, dass ihr Foto auf dem Cover viel zu streng aussieht. "Wie Frau Rottenmeier, ne?", die Hausdame in Heidi. In dem Micky-Mouse-Shirt und der Jeans, die sie heute trägt, scheint sie viel weniger forsch als in der weißen Reinigungskluft. Kämpferisch bleibt sie trotzdem: "Mir war schon klar, dass dumme Sprüche kommen werden, nach dem Motto: ‘Hättste was Vernünftiges gelernt, hättste heute vernünftiges Geld!'", sagt sie. "Da lach ich nur drüber. Wer im Krankenhaus im sauberen Bett liegt, soll froh sein, dass ich nix Vernünftiges gelernt hab."

Holtkotte arbeitet, seit sie 19 Jahre alt ist. Zuerst in der Schokoladenfabrik am Fließband, dann die nächsten 19 Jahre als Gärtnerin, im Verkauf, im und am Wochenmarkt. Nachdem ihre Mutter starb, zog Holtkotte von Dortmund nach Bochum und ging in die Altenpflege, betreute drei Jahre lang Menschen im Wachkoma und hievte 100 Kilogramm schwere Patienten von Bett zu Bett. Dann kamen zwei Bandscheibenvorfälle, eine Reha, das Arbeitslosengeld I, das ein Jahr später in Hartz IV mündete. Der Berater im Jobcenter habe ihr vorgeschlagen, für 1,50 Euro pro Stunde Pferde zu striegeln. Sie habe ihm geantwortet, sie werde nicht so einen Blödsinn erledigen, nur um aus der Statistik zu fallen. Stattdessen spazierte sie ins Bochumer Krankenhaus und blieb so lange hartnäckig, bis sie zum Probearbeiten kommen durfte. "Die Vorgesetzte hat mich gefragt: ‘Wie gefällt's Ihnen?’ Und ich so: ‘Kann einem ein Reinigungsjob gefallen?’", erzählt sie. "Man muss doch arbeiten. Das ist schon okay so. Und abgesehen von dem Reinigen sind die Leute ganz cool." Seit sieben Jahren ist sie dort angestellt.

Aufhören zu arbeiten, komme für sie nicht infrage – auch wenn sich ihr Nettogehalt kaum vom Hartz-IV-Satz unterscheidet, den sie bekommen würde. Es tut ihr weh, sagt sie, dass sie trotz der harten Arbeit manchmal am Ende des Monats überlegen muss, ob sie sich lieber etwas zu essen kauft oder für zehn Euro tanken geht. Oder dass sie einen abgebrochenen Zahn nicht behandeln lässt, weil sie sich die Monatsbeiträge für eine Zusatzversicherung nicht leisten kann. Wegen Existenzängsten hatte sich Holtkotte auch gegen das Muttersein entschieden. "An ein Kind wär' ich in meinem Leben schneller gekommen als an fünf Euro. Aber mit welcher Zukunft? Aufstocken?", sagt sie. Für ihren Nachwuchs hätte sie sich Sicherheit gewünscht, aber stabil genug sei ihr Leben zu keinem Zeitpunkt gewesen.

Holtkotte glaubt an mindestens zwei Dinge: erstens an Gerechtigkeit. Deswegen engagiert sie sich als Betriebsrätin, Gewerkschafterin und ehrenamtliche Richterin am Arbeits- und Sozialgericht. Und zweitens glaubt sie daran, dass sich etwas verändert, wenn man laut wird. Vielleicht ist es auch der Grund, warum sie auch an Feiertagen Pressetermine wahrnimmt, oder sich auf den Jobtausch mit Heil einlässt, zu dem er mit einem riesigen Kamerateam anrückte.

"Ich weiß schon, dass jetzt alle scharf auf die Interviews sind, und im August hörste dann nix mehr von der Reinigungskraft aus'm Pott", sagt Holtkotte. Wahrscheinlich hat sie damit recht. Denn sie ist nicht die erste Reinigungskraft und Gewerkschafterin aus dem Pott, die in den Medien über prekäre Arbeit spricht und Lösungen fordert. Auch die kürzlich verstorbene Susanne Neumann und Petra Vogel haben in den letzten Jahren in Talkshows und Zeitungen für soziale Gerechtigkeit ihre Stimme erhoben und dafür Applaus bekommen. Neumann trat in die SPD ein und dann wieder aus, schrieb ein Buch. Vogel hat in der ZDF-Sendung Klartext, Frau Merkel die Kanzlerin selbst gefragt, wie sie im Alter überleben solle, hat sich mit dem Wischmop bei der Arbeit filmen lassen. Beide Frauen sind bald wieder aus den Medien verschwunden.

Der Mitarbeiterausweis, den Holtkotte im Arbeitsministerium getragen hat, hängt jetzt an der Fotowand im Flur, gleich neben Fotos von ihrem Vater, dem großen und kleinen Bruder, der Schwägerin, Fotos von gemeinsamen Kneipen- und Grillabenden. Ihrer Familie, sagt Holtkotte, würde sie gerne mal etwas zurückgeben. Vom Buchhonorar will sie 300 Euro abzwacken und damit nächstes Jahr, zum 50. Geburtstag, eine Party organisieren, und denjenigen Danke sagen, die ihr immer unter die Arme greifen.

Denn obwohl sie eine so große Klappe habe, sei sie nicht nur immer "Susi, die Granate". Es gäbe auch die anderen Tage, an denen sie auf der Couch säße und flenne und sich überlege, wie es weitergehen soll, mit ihrem Leben, ihrer Arbeit, ihrer Rente. Als einmal ein befristeter Arbeitsvertrag ausgelaufen ist, hat sie beispielsweise schon Zweifel bekommen, ob es immer so schlau war, die eigene Meinung so laut zu sagen. "Aber wieso soll ich nicht frei denken dürfen?", sagt sie dann. "Weil ich eine Reinigungskraft bin?"

Wie würde sie sich ihr Leben in einem Deutschland vorstellen, in dem alles, wofür sie sich einsetzt, umgesetzt worden wäre? Holtkotte wird leiser, zum ersten Mal nach fünf Stunden. Eine Utopie will ihr nicht einfallen. Stattdessen zählt sie auf, was sie nicht will: ihre Wohnung verlieren und die Nuckelpinne verkaufen müssen, an der Tafel um Lebensmittel betteln, in Mülleimer greifen und Flaschen sammeln. Und dann fügt sie an: "Nach so einem Leben, in dem ich immer fleißig arbeiten war und niemandem auf den Sack gegangen bin, habe ich das einfach nicht verdient."

Susanne Holtkotte, "715 Euro – Wenn die Rente nicht zum Leben reicht. Eine Reinigungskraft klagt an." Riva Verlag, 128 Seiten



Aus: "Sie schämt sich kein bisschen" Juli Katz, Bochum (24. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/arbeit/2019-06/soziale-gerechtigkeit-armut-job-susanne-holtkotte-reinigungskraft/komplettansicht

Quote
Super-Migrant #1

Bei aller Liebe und Respekt für die Arbeit einer Reinigungskraft, aber wieso hat man solche Ansprüche? Gewisse Berufe haben nun mal bestimmte Preise. Das weiß man vorher! Und man hatte ein ganzes Menschenleben Zeit das ganze in andere Bahnen zu lenken. Tat es aber nicht, weil man dachte es könne ewig so weiter gehen. Mehr Eigenverantwortung könnte den keine gut tun, aber das darf man ja nicht mehr von den Leuten fordern!

[ ... Marktpreis eben. Marktverzerrungen rächen sich immer in irgendeiner Form! Man hat Entscheidungen getroffen im Leben, aber zu diesen möchte man dann doch nicht stehen. Komisch! Und die anderen sollen für die persönlichen Entscheidungen geradestehen. Alles klar! ... Ich hätte auch so gerne so vieles. Aber das muss man sich halt erstmal verdienen.  ... Die Leute sollen einfach nur realistisch bleiben und ihre Anspruchshaltung überdenken! ... Putzkräfte sind leicht zu ersetzen. Dann wird diese Tätigkeit eben durch jemand anderen ausgeführt. ...]


Quote
Bahatschi #1.23

... von welchem Anspruch sprechen Sie? Was die gute Dame da formuliert, halte ich nicht einmal für den Mindestanspruch, den ein fleißiger, sein Leben lang arbeitstätiger Mensch, haben darf. Ich verstehe Ihre Haltung, ich war früher ähnlich drauf. Der Kapitalismus bzw. dessen Marktgesetze als Begründung jeglicher sozialer Ungerechtigkeit. Anders konnte ich für mich einfach nicht rechtfertigen, mit einem gesellschaftlich weniger relevanten Job das 8fache von bspw. der guten Dame hier zu verdienen.

Vielleicht fällt bei Ihnen der Groschen auch noch, ich wünsche es Ihnen.


Quote

Löwe Samson #1.25

..." dass die Arbeit von Frau Holtkotte gesamtgesellschaftlich deutlich wertvoller ist als die ihrige"...

Sehr gut, das ist genau die Schlüsselfrage, die an viele Jobs gestellt werden sollte.


Quote
GlobalTraveler #1.30

... Vor kurzem gab es hier auf ZON die Diskussion über die schlechte Bezahlung der Paketboten. Gleiche Tenor wie hier. Mein Einwand war annähernd der gleiche wie hier, die Antworten darauf auch.
Keinen Tag später hatte man Leute dazu befragt: Nein, die Paketkosten dürfen aber nicht steigen...

Jeder, der für seine Urlaubsreise den billigsten Anbieter sucht, der auf ebay oder Amazon über den Preis selektiert, der beim Discounter Jeans mitnimmt oder im Media-Markt nach dem Preis fragt, sollte hier besser ganz still sein.


Quote
Mr.Finch #1.32

Ich finde Ihre Kommentare ziemlich menschenverachtend. Sie setzen den Arbeitsmarkt mit dem Markt für Waren und Dienstleistungen gleich. Hier geht es aber um Menschen. Menschen, die jeden Morgen aufstehen, 8 Stunden arbeiten und eine wichtige und sinnvolle Tätigkeit verrichten. Nur weil diese Tätigkeit keine umfangreiche Ausbildung voraussetzt und deshalb die Arbeitskräfte leicht austauschbar sind, ändert das nichts daran, dass diese Menschen für das Funktionieren unseres Gesamtsystems unverzichtbar sind. Und genau das rechtfertigt eine faire Bezahlung. Das Argument "hätten sie etwas Vernünftiges gelernt" ist wirklich die dümmstmögliche Aussage zu dem Thema. Wenn alle BWL studiert hätten, müssten diese Arbeiten trotzdem von jemandem verrichtet werden. Dann halt von Leuten mit Master in BWL.
Wer in Vollzeit arbeitet hat das Recht auf eine faire Entlohnung und eine entsprechend Rente, die vor Armut schützt. Gesteht man das solchen Menschen nicht zu, ist das barbarisch und widerlich.


Quote
Wollte auch mal was schreiben #1.35

[Richtig. Für 10,-/h lasse ich putzen, bei 20,-/h ziehe ich den Anzug aus und putze selbst.]

Im Krankenhaus oder auf dem Bahnhofsklo?


Quote
Neues vom Dorf #1.55

Der deutsche paritätische Wohlfahrtsverband hat vor einigen Jahren errechnet, dass, um keine Grundrente zu beantragen [zu müssen] nach 45 Jahren [Arbeit], der Mindestlohn 12,50 Eur betragen müsste. ...


Quote
  Kausu #19

Wenn das Einkommen ihr zu gering ist, dann sollte sie vielleicht mit der Teilzeit aufhören.


...

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9754
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #935 on: June 25, 2019, 09:41:20 AM »
Quote
[...] In einem offenen Brief haben sich mehrere reiche US-Unternehmer für die Einführung einer Vermögensteuer ausgesprochen. Zu den Initiatoren gehören etwa der Milliardär George Soros, Facebook-Mitbegründer Chris Hughes sowie Disney-Erben und die Besitzer der Hotelkette Hyatt. Sie rufen die Präsidentschaftsbewerber für die Wahl 2020 auf, eine gemäßigte Vermögensteuer zu unterstützen. "Amerika steht in der moralischen, ethischen und ökonomischen Verantwortung, unseren Wohlstand stärker zu besteuern", heißt es in dem Brief, der auf der Plattform Medium veröffentlicht wurde.

Demnach kann eine Vermögensteuer dabei helfen, den Klimawandel anzugehen, die Wirtschaft zu stärken und Chancengleichheit zu schaffen. Umfragen zeigten, dass eine Mehrheit eine moderate Vermögensteuer für die reichsten Amerikaner unterstütze, schreiben die Autoren. Mehrere der demokratischen Präsidentschaftsbewerber haben sich bereits für eine Vermögensteuer ausgesprochen.

Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner verweisen unter anderem auf den Großinvestor Warren Buffet, der nach eigenen Angaben niedriger besteuert wird als seine Sekretärin. Sie signalisieren Unterstützung für die Vorstöße zu den Vermögensteuerplänen einiger demokratischer Präsidentschaftsbewerber – darunter die Senatorin Elizabeth Warren und Beto O'Rourke. Sie mahnen aber auch einen überparteilichen Konsens an.

Der Aufruf trägt die Unterschriften von 18 Unterzeichnern und Unterzeichnerinnen aus elf Familien und wird zusätzlich von einem weiteren Milliardär unterstützt, der anonym bleiben möchte.


Aus: "Vermögensteuer: "Besteuert uns stärker"" (25. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-06/vermoegenssteuer-usa-superreiche-unternehmer-us-wahlkampf

Quote
sonstwer #32

Vermögenssteuer ist Kommunismus und ein Werkzeug des Teufels....


Quote
Super-Migrant #15.3

Die Typen sollen einfach für sich sprechen und nicht für alle. Das ist äußerst anmaßend!


Quote
Super_Kluk #15.4

Es ist äußerst anmaßend, dass Sie den Personen den Mund verbieten wollen. Diese dürfen fordern, was sie wollen.


Quote
Konsumpapst #4

Sowas würde ich in Deutschland gern einmal erleben.


Quote
hitd #4.8

... Gab es u.a. schon 2011: Deutsche Millionäre fordern Steuererhöhungen

"Nehmt unser Geld", fordern vier prominente Millionäre. Sie plädieren für Steuererhöhungen für Reiche, um Deutschlands Schulden zu tilgen. (31.08.2011)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/aufruf-der-reichen-deutsche-millionaere-fordern-steuererhoehungen/4561436.html


Quote
silverbeard8 #13.1

... Menschen, die am Existenzminimum leben, haben keine Möglichkeit zu Konsumieren. So kann ein Unternehmer keinen Profit machen. Das schwächt die Aktien. In amerikanischen Städten gibt es inzwischen ganze Viertel, wo die Menschen in Zelten auf der Strasse leben, weil sie sich keine Wohnung mehr leisten können.


Quote
E_Dantes #19

Vielleicht haben die einfach erkannt, dass der Elfenbeinturm zusammen kracht, wenn das Fundament bröckelt. ..


Quote
vincentvision #23

Man muss nicht arm sein, um ein soziales Gewissen zu haben!

Aber das werden die gesellschaftlichen Ichlinge, die linken, sozialen Mitmenschen vorwerfen, unglaubwürdig zu sein, wenn sie sich als Reiche für Soziales einsetzen und sich dennoch auch persönlichen Luxus leisten, nie verstehen (wollen).

Und so pöbelt dann schnell auch der missgünstige Kleinbürger, der einer Sawsan Chebli (Migrantin, Muslima, SPD) ihre Rolex vorwirft oder den Grünen pauschal unterstellt „ihre Kinder alle auf Privatschulen“ zu schicken.

Trostlos.


Quote
Einfacher Bürger #24

"Sie wollen damit die Chancenungleichheit verringern."

Die Wahrheit ist: Sie wollen Bernie Sanders verhindern.

Jahrzehntelang haben sich die Superreichen nicht die Bohne für Chancengleichheit interessiert. Ganz abgesehen davon kann man fragen, inwiefern höhere Steuern die Chancengleichheit verringern. Aber, geschenkt.

Die Unterzeichner haben erkannt, dass die USA einem Pulverfass gleicht, welches ihnen jeden Moment um die Ohren fliegen kann. Sie haben es in der Vergangenheit schlicht in jeder Hinsicht übertrieben. Hungerlöhne, Opposition gegen die Einrichtung eines Sozialstaates europäischer art, Steuervermeidung bis zum Exzess. Alles um noch mehr, noch mehr, und noch mehr zu raffen.

Die Folge: Ideen vom Sozialstaat, die noch 2016 (vor lächerlichen drei Jahren) von einer Mehrheit der Amerikaner als Sozialismus rundweg abgelehnt wurden, sind inzwischen Mainstream. Was für eine rasante Entwicklung.

Von außen ist es interessant zu beobachten, wie sich die Situation in den USA weiter entwickelt.


Quote
deefens #24.1

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.


Quote
silverbeard8 #25

Der ein oder andere Superreiche begreift eben, das man besser und sicherer lebt, wenn alle ein auskömmliches Leben haben und nicht kriminell oder radikal werden müssen. ...


Quote
Jeep-SRT #25.1

Steuern sind das eine, was die Politik mit dem Geld macht, ist wiederum etwas anderes.
Ein Blick auf Deutschland zeigt, dass Rekordsteuereinnahmen kein Garant für eine intakte Infrastruktur oder gar Reichtum sind.
Was würde die Bundesregierung mit zusätzlichen 100 Mrd. € machen?


Quote
Love Street #37

Seltsam, warum spenden sie ihr Geld dann nicht freiwillig ?


Quote
Diego666 #37.1

... Warum gründen die Aufrufer nicht einfach Stiftungen, die dem Gemeinwohl zu gute kommen? - nach dem Motto, lasst die Bösen böse sein und die Guten Gutes machen.
Man kann sich sicher sein, dass diese Milliardäre hier das auch machen. Eine Steuer sorgt für eine organisierte Abgabe auch für die, die das nicht oder nur unzureichend machen würden.

Das System hat sie reich gemacht und andere im Gegenzug immer ärmer, da ist es nur fair, dass das System ihnen einen Teil des Geldes wieder abnimmt, um es dem System zurückzuführen.

Niemand verlangt, dass sie dadurch arm werden, im Gegenteil, ich gönne ihnen Reichtum, aber eben keinen Unanständigen, der zu Lasten der Allgemeinheit geht.

P.S. Aber wie man auch hier sieht, das ist das Rufen in den Wald.



Quote
Nightrider #50

Kleiner Rückblick: zu Nixon's Zeiten lag der Spitzsteuersatz noch bei 70%, ohne dass deshalb der Sozialismus ausgebrochen wäre.

Nach 40 Jahren neoliberaler Dauerindoktrinierung gilt es nun schon als revolutionärer Akt, die Steuern wieder zu erhöhen. Und da sich die Demokraten offenbar immer noch damit schwertun, ihr soziales Gewissen wiederzuentdecken, muss man ein paar Unternehmer vorschicken...

Das sagt einiges aus über den bedauernswerten Zustand der Demokraten; Parallelen zur Sozialdemokratie in Europa dürfen ebenfalls gezogen werden.


...

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9754
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #936 on: June 26, 2019, 11:57:24 AM »
Quote
[...] Der Tod Walter Lübckes hat endlich auch bürgerlich-konservativen Kreisen die Gefahr des Rechtsextremismus deutlich vor Augen geführt. ...


Aus: "Stephan E. gesteht Mord an Lübcke: Warum Zweifel an seiner Aussage berechtigt sind" Markus Decker (26.06.2019)
Quelle: https://www.kn-online.de/Nachrichten/Politik/Kommentar-Das-Gestaendnis-von-Stephan-E.-ist-konsequent

-


Quote
Nicht Chevy Chase @DrWaumiau 01:55 - 26. Juni 2019

Stephan E. hat im Mordfall Lübcke gestanden.

Armin Schuster, CDU-Obmann im Innenausschuss:
"Das wäre der erste rechtsextremistische Mord seit dem Kriegsende"
https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-558753.html (26.06.2019)

WER. SAGT. ES. IHM?

-

Wolfgang @wulfman_muc
26. Juni
Antwort an @DrWaumiau
Ist der Mann gestern aus 30 Jahren Koma erwacht?

-

Daniel J. @d_jaenecke
26. Juni
Antwort an @DrWaumiau
Er meint, der erste Mord der zählt. An einem Politiker. Sagt er ja auch ganz klar so im Interview.
Muss man ja verstehen, wenn es einen Politiker trifft ist das natürlich dramatischer als beim gemeinen Pöbel.

-


OhneName @calien_666
26. Juni
Antwort an @DrWaumiau
Der Typ war Obmann im 2. NSU-Ausschuss und redet von "erstem rechtsextremen Mord seit dem Krieg". ...

-

Herr Dachschaden @dachschadenheit
26. Juni
Antwort an @DrWaumiau
Klarer Verhaspler, er meint ziemlich sicher "erster rechtsextremistischer Politikermord", daher auch der Bezug zur RAF. Dennoch ohne Zweifel dämlich, vor allem weil er die Chance zur Korrektur hat.

-

Juli @realjulih
26. Juni
Antwort an @DrWaumiau
Ich denke, dass ich weiß, was er sagen wollte. Der erste rechtsextremistische Mord an einem Politiker. Aber die Mordversuche hat er außer Acht gelassen. Naja, etwas unbeholfen war er da.

...


Quelle: https://twitter.com/DrWaumiau/status/1143804972179623936?s=03
« Last Edit: June 29, 2019, 11:11:54 AM by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9754
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #937 on: June 26, 2019, 02:00:29 PM »
Quote
[...] Schlecker-Frauen, das war mal ein geflügeltes Wort. Es meinte die fast 25.000 Verkäuferinnen der Drogeriemarktkette Schlecker, die in die Pleite gerutscht war. Fünf Jahre ist das her. Die Schlecker-Frauen wären damals beinahe zum Wort des Jahres geworden. Das zeigt, wie sehr die Schockwellen der Pleite das ganze Land erschüttert haben. Das Schicksal der Verkäuferinnen hat Deutschland sehr bewegt.

Sie sind dann bald vergessen worden. Die Gewerkschaften klagen, dass das Interesse „sehr schnell deutlich nachgelassen“ hat. Nun aber wird sich das wohl schlagartig ändern. Denn jetzt, am 6. März, stehen Drogeriemarktkönig Anton Schlecker und seine Familie vor Gericht.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart wirft ihm vor, rund 70 Millionen Euro beiseitegeschafft zu haben. Er soll außerdem die Lage seines Konzerns falsch dargestellt, später unrichtige Angaben vor dem Insolvenzgericht gemacht und das auch noch an Eides statt versichert haben.

Die Staatsanwälte sind einiges gewohnt, sie haben unter anderem gegen den Drogerie-Patriarchen Erwin Müller und Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking ermittelt. Sie hatten einiges zu tun, um Schleckers Pleite aufzuarbeiten. Die Ermittlungsakte umfasst 204 Aktenordner, außerdem haben die Fahnder 150 Umzugskartons an Asservaten zusammengetragen. Für Schlecker steht viel auf dem Spiel: Allein der Vorwurf des vorsätzlichen Bankrotts in einem besonders schweren Fall kann eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren bedeuten.

Das Landgericht Stuttgart hat allerdings nicht nur die Anklage der Staatsanwaltschaft gegen Schlecker zugelassen, sondern auch die gegen seine Frau Christa und die beiden Kinder Lars und Meike. Der Verdacht ist, dass sie ihrem Mann beziehungsweise Vater geholfen haben, im Juristendeutsch: Anklage wegen Beihilfe zur Insolvenzverschleppung und Untreue.

Und wie die Dinge stehen, kann es gut sein, dass etliche Schlecker-Frauen ins Gericht kommen, in der Hoffnung, dass ihnen späte Gerechtigkeit widerfährt. Christel Hoffmann jedenfalls, früher Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, sagt: „Ich hoffe, dass die ganze Wahrheit auf den Tisch kommt.“ Die Umstände des Bankrotts lägen schließlich noch immer im Dunklen. Sie wirft Schlecker noch immer vor, dass er es damals nicht für nötig hielt, den Betriebsrat und die Beschäftigten über die Lage der Firma zu informieren. Sie wirft ihm auch vor, dass er die Ideen seiner Mitarbeiter ignoriert hat, wie er seine Läden besser hätte machen können.

Das Schmuddel-Image der kleinen Läden, so sagen es Experten, sei einer der wichtigsten Gründe, warum es Schlecker nicht mehr gibt. Die Deutschen sind lieber in die großen und hübscheren Filialen der Konkurrenz gegangen als in Lädchen mit schmalen Gängen und nackten Neonröhren an der Decke.

...  „Viele Schlecker-Frauen waren schwer zu vermitteln“, sagt Ver.dis Landesfachbereichsleiter Bernhard Franke. „Weil sie überdurchschnittlich alt waren, größtenteils vollzeitbeschäftigt und wohnortnah im ländlichen Raum gearbeitet haben. Dieses Profil gibt es im Einzelhandel praktisch nicht mehr.“

Dabei, sagt Franke, hätte alles ganz anders kommen können.

„Damals ist viel an politischer Ideologie gescheitert.“ Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz und die baden-württembergische Landesregierung seien sich schon über eine Transfergesellschaft einig gewesen. Die dafür notwenige Staatsbürgschaft in Höhe von 70 Millionen Euro habe am Ende aber der FDP-Wirtschaftsminister in Berlin verhindert. „Leider“, sagt Franke, „wurde das hinterher nie politisch aufgearbeitet.“ Und auch für das Unternehmens- und das Insolvenzrecht habe man keine Lehren aus dem Fall Schlecker gezogen. Von dem Prozess erhofft sich Franke deshalb auch nicht allzu viel. Er findet gut, dass der Fall juristisch aufgearbeitet wird. Aber es wird nicht viel dabei herauskommen, glaubt er.

Eine symbolische Genugtuung für die Schlecker-Frauen vielleicht, mehr nicht.


Aus: "Die vergessenen Frauen des Anton Schlecker" Carsten Dierig, Wirtschaftskorrespondent (06.03.2017)
Quelle: https://www.welt.de/wirtschaft/article162604400/Die-vergessenen-Frauen-des-Anton-Schlecker.html

-

Quote
[...] Laut dem Manager Magazin verfügte die Familie Anton Schleckers 2011 über ein Gesamtvermögen von circa 1,95 Milliarden Euro und belegte in diesem Jahr damit Platz 56 unter den 500 reichsten Deutschen.

Nach der Insolvenz im Januar 2012 war nach Aussage von Schleckers Tochter Meike sein Vermögen und das der Familie aufgezehrt und kein signifikantes Vermögen mehr vorhanden.[9] Laut Manager Magazin standen der Familie dennoch weiterhin rund 70.000 Euro monatlich (aus Vermögen der Kinder und der Ehefrau) zur Verfügung.

...

1998 verurteilte das Landgericht Stuttgart das Ehepaar Schlecker per Strafbefehl zu einer Freiheitsstrafe von je zehn Monaten auf Bewährung und zu einer Geldstrafe in Höhe von je einer Million Euro, weil sie den Schlecker-Beschäftigten eine tarifliche Bezahlung vorgetäuscht hatten. Tatsächlich lagen die Löhne niedriger, was das Gericht als Betrug wertete.

Am 18. Juli 2012 gab die Staatsanwaltschaft Stuttgart bekannt, dass gegen Schlecker und 13 weitere Beschuldigte ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Untreue, Insolvenzverschleppung und Bankrott eingeleitet worden sei. Bis zum 12. August gelangte der Durchsuchungsbeschluss in die Hände des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Anton Schlecker konnte allerdings als eingetragener Kaufmann nicht wegen Insolvenzverschleppung belangt werden.

Am 13. April 2016 erhob die Staatsanwaltschaft Stuttgart erneut Anklage gegen Schlecker wegen vorsätzlichen Bankrotts in 36 Fällen. Seine Frau Christa und die beiden Kinder Meike und Lars mussten sich wegen Beihilfe verantworten. Den Kindern wurde außerdem Insolvenzverschleppung und Untreue vorgeworfen. Vor Bekanntgabe der Insolvenz im Jahre 2012 sollen die Unternehmer Millionenbeträge beiseite geschafft haben. Der Strafprozess vor dem Landgericht Stuttgart begann am 6. März 2017. Angeklagt waren neben den vier Familienmitgliedern auch zwei Angestellte der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. Anton Schlecker, so die Staatsanwaltschaft, soll von der drohenden Zahlungsunfähigkeit gewusst und trotzdem in 36 Fällen Vermögenswerte in Millionenhöhe beiseite geschafft und so dem Zugriff der Gläubiger entzogen haben. 13 Fälle davon seien sogar besonders schwere Fälle des Bankrotts, weil Schlecker aus Gewinnsucht gehandelt habe.

Am 27. November 2017 verurteilte eine Kammer des Landgerichts Stuttgart Anton Schlecker zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung und seine Kinder zu Haftstrafen ohne Bewährung.[20]

Am 12. Dezember 2017 begann am Landesgericht Linz ein Zivilprozess gegen die Ehefrau und die Kinder von Anton Schlecker.


https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Schlecker (17. Februar 2019)

-

Quote
[...] Der Sohn des einstigen Drogeriemarktunternehmers Anton Schlecker, Lars Schlecker, hat seine Gefängnisstrafe angetreten. Er befinde sich seit Kurzem in Haft, teilte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart am Mittwoch mit.

Wo Lars Schlecker seine Strafe absitzt, wurde nicht mitgeteilt. Seine Schwester Meike ist noch nicht in Haft. Beide wurden vor wenigen Wochen zum Haftantritt geladen. Sie waren im April in letzter Instanz vom Bundesgerichtshof zu jeweils zwei Jahren und sieben Monaten Haft verurteilt worden.

Den beiden Kindern von Anton Schlecker werden Untreue, Insolvenzverschleppung, Bankrott und Beihilfe zum Bankrott ihres Vaters angelastet. Das Unternehmen Schlecker, einst die größte Drogeriemarktkette Europas, hatte im Januar 2012 Insolvenz angemeldet. Eine Rettung schlug fehl, Tausende Mitarbeiter verloren ihre Jobs.

Lars und Meike Schlecker hatten gegen ihre Verurteilung durch das Landgericht Stuttgart Revision eingelegt. Der Bundesgerichtshof hatte diese Ende April zurückgewiesen, verkürzte aber die Freiheitsstrafen.


Aus: "Lars Schlecker tritt Haftstrafe an" (26.06.2019)
Quelle: https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/schlecker-pleite-lars-schlecker-tritt-haftstrafe-an-a-1274357.html

Quote
SKhan heute, 12:16 Uhr

Wem nützt das?

Strafrechtliche Sanktionen in Form von Freiheitsstrafen bringen in so einem Fall gar nichts. Sie sind weder Genugtuung für die Geschädigten, noch schrecken sie irgendjemanden ab. Sinnvoller wäre es doch, wenn man verpflichtet werden würde den wirtschaftlichen Schaden wiedergutzumachen.


Quote
viaspericolata heute, 12:27 Uhr

Wohltäter

[Zitat von theo01] In der Diskussion wird mMn. unterschlagen, dass die Familie Schlecker diese Arbeitsplätze selber geschaffen hat. Man kann jeden nur warnen, sich selbständig zu machen, viel zu arbeiten, ins Risiko zu gehen, Arbeitsplätze zu schaffen. Der Fall Schlecker zeigt, wohin das unter Umständen führen kann. Dann doch lieber als Beamter oder im öffentlichen Dienst einen nine-to-five-job erledigen, sich über raffgierige Unternehmer aufregen, "Grün" oder gar "Links" wählen und sich dabei wohl fühlen.

ja genau, die Schleckers haben das Unternehmen nur gegründet, um Arbeitsplätze zu schaffen und der Bevölkerung etwas Gutes zu tun! So wird's gewesen sein. ...


Quote
cadasil, 12:34 Uhr

16.

[Zitat von theo01] In der Diskussion wird mMn. unterschlagen, dass die Familie Schlecker diese Arbeitsplätze selber geschaffen hat. Man kann jeden nur warnen, sich selbständig zu machen, viel zu arbeiten, ins Risiko zu gehen, Arbeitsplätze zu schaffen. Der Fall Schlecker zeigt, wohin das unter Umständen führen kann. Dann doch lieber als Beamter oder im öffentlichen Dienst einen nine-to-five-job erledigen, sich über raffgierige Unternehmer aufregen, "Grün" oder gar "Links" wählen und sich dabei wohl fühlen.

Sehe ich auch so. Die Schleckers haben die Arbeitsplätze geschaffen und die Sache dann an die Wand gefahren, jetzt sind die Arbeitsplätze eben wieder weg! Das ist das Risiko eines jeden
Arbeitnehmers. Klar ist das im Einzelfall bitter, aber das ist nicht das Unrecht an diesem Fall. Das liegt darin, dass Gläubiger auf ihren rechtmäßigen finanziellen Ansprüchen sitzen geblieben sind. Darum ist die Haftstrafe auch gerechtfertigt!


Quote
schmidt-post heute, 12:51 Uhr

19.

[Zitat von cadasil] Sehe ich auch so. Die Schleckers haben die Arbeitsplätze geschaffen und die Sache dann an die Wand gefahren, jetzt sind die Arbeitsplätze eben wieder weg! Das ist das Risiko eines jeden Arbeitnehmers. Klar ist das im Einzelfall bitter, aber das ist nicht das Unrecht an diesem Fall. Das liegt darin, dass Gläubiger auf ihren rechtmäßigen finanziellen Ansprüchen sitzen geblieben sind. Darum ist die Haftstrafe auch gerechtfertigt!

Genau. Arbeitsplätze aus Menschenfreundlichkeit... Nur mit was haben sie dann zig- Millionen verdient?



Quote
crunchy_frog, 13:19 Uhr

22.

[Zitat von theo01] In der Diskussion wird mMn. unterschlagen, dass die Familie Schlecker diese Arbeitsplätze selber geschaffen hat. Man kann jeden nur warnen, sich selbständig zu machen, viel zu arbeiten, ins Risiko zu gehen, Arbeitsplätze zu schaffen. Der Fall Schlecker zeigt, wohin das unter Umständen führen kann. Dann doch lieber als Beamter oder im öffentlichen Dienst einen nine-to-five-job erledigen, sich über raffgierige Unternehmer aufregen, "Grün" oder gar "Links" wählen und sich dabei wohl fühlen.

Sie übersehen aber, dass die Schleckers nicht dafür verurteilt wurden, daß sie die selbst (bzw. von ihrem Vater) geschaffenen Arbeitsplätze wieder vernichtet oder verloren haben. Das Urteil lautet auf Insolvenzverschleppung und das ist etwas völlig anderes, nämlich glatter Betrug. Und ich denke mal wir können uns einig sein, daß Betrug grundsätzlich nicht unbedtraft bleiben darf. Oder?


...

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9754
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #938 on: June 26, 2019, 11:16:33 PM »
Quote
[...] Strange OldWoman @strangeoldwoman 07:49 - 24. Juni 2019

Wenn Du länger als 2 Jahre von H4 leben musstest beginnt Deine komplette Vergangenheit sich aufzulösen, egal wiewiele Jahre Du gearbeitet oder was Du geleistet hast. Du musstest umziehen (Vorgabe der Miete), deine Vorräte jeglicher Art (auch seelisch) sind aufgebraucht, Deine Kleidung konntest Du nicht mehr adäquat ersetzen was zu kompletten persönlichen Stilverlust führte (da Du tragen musst was günstig war/passt, nicht tragen kannst was Dir gefällt), Deine Ex-Kollegen sind schon lange Fremde, auch Freunde hast Du verloren da Du einfach nicht mehr mitkommen kannst zu Aktivitäten und nicht immer "eingeladen werden willst", Du kommst Dir gesellschaftlich wertlos vor und Dir wird suggeriert dass Du die Gesellschaft belastest ohne wiederzugeben, Dein Körper verändert sich wegen der mangelhaften Ernährung, Deine Seele verändert sich wegen der Ausgrenzung und Einsamkeit, Du treibst quasi auf einer Luftmatratze immer weiter vom Ufer weg und versuchst mit dem Dir drohenden irgendwie ins Reine zu kommen. ...

Zur Vervollständigung möchte ich ein paar Worte zu meiner Bio hinzufügen:48 J, mit 16 Mutter gew./seit 16 Alleinerz./eigene Whg.,Schule+Ausbildung gemacht(Tagesmutter/Kita), 16 Jahre Ganztags gearbeitet in div.Stellen, Kind ist 31,hat Abi+Master+Beruf seit einigen Jahren psych. Erkrankung,Arbeitslos,in H4 gerutscht, noch kränker geworden...


Poesiealbum @rslmusik
25. Juni Antwort an @strangeoldwoman
Mein Kollegium und ich helfen, fighten, arbeiten und und und für die Menschen und mit den Menschen in unserer Beratung. Ein Hartz IV / ALG II bashing ist aus meiner Sicht unangebracht. Kritisch auseinandersetzen und nachsteuern? Gerne. Ich drücke die Daumen gegen Arbeitslosigkeit.


Strange OldWoman @strangeoldwoman
25. Juni
Ich schildere nur die Realität von Betroffenen; da ich vor meiner Erkrankung selbst im öfftl. Dienst tätig war weiß ich das man sich diese nichtmal ansatzweise vorstellen kann wenn man nicht selbst betroffen ist [ ].
Hätte man mir vor 10,15 Jahren gesagt dass ich mit 48 morgens um 5 Pfandflaschen sammeln werde um was zu Essen für den Tag zu kaufen, ich hätte es NICHT geglaubt !!!

...


Quelle: https://twitter.com/strangeoldwoman/status/1143169308094283776?s=03

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9754
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #939 on: June 29, 2019, 12:28:56 PM »
"Allein 643 Millionäre: Wie hoch Gehälter und Boni bei der Deutschen Bank ausfallen"
Von Florian Hamann 22 März 2019
https://news.efinancialcareers.com/de-de/310786/was-die-deutsche-bank-fur-ihre-mitarbeiter-springen-lasst

-

Quote
[...] Deutsche Bank erwägt Abbau von bis zu 20.000 Jobs - Noch sind die Sparpläne nicht final: Laut Medienberichten könnte bei der Deutschen Bank jede fünfte Stelle wegfallen. ...


Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2019-06/christian-sewing-deutsche-bank-stellenabbau (28. Juni 2019)


Quote
Nette Haferflocken #11

Bei solchen Nachrichten stelle ich mir vor, wie 20.000 Angestellte gutes Geld fürs nichts tun bekommen haben oder "minderleister" waren.
Was taten diese 20.000 vorher, daß [sie] jetzt nicht mehr gebraucht [werden]?


Quote
Sonja. #12

Lange überfällig - die meisten Bullshit-Jobs sind bekanntlich in der Finanzbranche ...


Quote
tenshinhonk #12.1

Mit solchen Bezeichnungen wäre ich vorsichtig. Wer weiß was aus dem eigenen Berufsbild in 20 Jahren wird?


Quote
Palzwoi #14

Hoffentlich trifft's die Richtigen! Als ich gelesen habe, dass es 2018 noch 650 Mitarbeiter gab, die mehr als 1 Mio. € Vergütung kassieren, wollte ich das kaum glauben. Firmenwert im Keller, Ansehen ruiniert, aber die fühlen sich noch wie die Wirtschaftskapitäne! ...


Quote
Ascender #12.5

Ich bin Analyst im Geschäftskundenkreditbereich. Was bei uns seit einiger Zeit abgeht ist nicht mehr feierlich. Da werden gute Azubis nicht übernommen und sich anschließend über den Fachkräftemangel beschwert. Nicht jeder kann die Geschäftskundenanalyse. Keiner will etwas mit den Banken zu tun haben, Kredite wollen sie aber alle. Beschweren tun sich sowieso alle. Wenn ein Kredit ausfällt, wird man als kleiner Mitarbeiter zur Sau gemacht, sonst aber unter Druck gesetzt die Kredite endlich rauszuhauen. Man solle sich nicht so anstellen, das ist schließlich ein guter Kunde und man bräuchte den Umsatz...

Die meisten Aufgaben in der Bank können auch von ungelernten Kräften übernommen werden, aber was meinen Sie was für eine Qualität dabei rumkommt. Falsche Datensätze, Textbausteine als Antwort auf eine Kundenmail, Rückstände in der Bearbeitung nehmen immer weiter zu, der Service wird vernachlässigt... Die Beschwerden häufen sich jedenfalls, seitdem das Personal bei uns immer weiter ausgedünnt wird. Die verbliebenen müssen es ausbaden und werden von Kunden, Vertrieblern und Chefs runtergeputzt.
Und das alles, weil sich irgendwelche Elite-Banker in den Vorstandsetagen ohne Sinn auf Nachhaltigkeit verzockt haben. Wobei denen das egal sein wird, denn es ist alles nur auf kurzfristigen Erfolg ausgelegt. 20.000 Mitarbeiter müssen gehen, hura, da jubeln die Aktionäre. Was für ein Irrsinn...


Quote
WMichel #21

Ich finde die Wortwahl vom "Stellenabbau" oder vom "Abbau von Jobs" immer sehr zynisch.

Man baut Rohstoffe ab, um etwas zu gewinnen.
Warum wird in Bezug auf Menschen und deren Schicksal in der Bergbausprache gesprochen?

Und dann wird die Bedeutung auch noch umgekehrt.
Man baut Kohle im Tagebau ab, um Energie zu gewinnen.
Aber die Jobs werden abgebaut, um etwas (den Rohstoff Mensch) loszuwerden.
Echt perverse Wortwahl.
Und jeder plappert's nach!


Quote
Spiralo #21.2

Ziel des Jobabbaus ist die Gewinnung von Rentabilität.


Quote
martytothero #22

Jede fünfte Stelle. Die Deutsche Bank. Das muss man sich mal vorstellen. Die Vorstellung, dass Josef Ackermann immer noch den fleißigen jungen Studenten erzählt, wie man managt, und die womöglich noch an seinen Lippen hängen bzw. er sich das zumindest so noch vorstellt - das ist schon schwer deprimierend.


...

-

Quote
[...]

Der seit Längerem in der Kritik stehende Garth Ritchie tritt zum 31. Juli als Leiter der Unternehmens- und Investmentbank (CIB) und auch als Vorstandsmitglied der Deutschen Bank zurück. Das teilte der Konzern mit. Um eine reibungslose Übergabe zu sichern, werde Ritchie die Bank noch bis Ende November 2019 beraten. Die Verantwortung für die Unternehmens- und Investmentbank werde Konzernchef Christian Sewing selbst übernehmen, hieß es.

Die Deutsche Bank steckt mitten in einem grundlegenden Umbau. Berichten zufolge sollen weltweit 15.000 bis 20.000 Stellen gestrichen werden, ein Fünftel der Belegschaft. Vor allem im Investmentbanking sollen Arbeitsplätze wegfallen. Wenn sich der Aufsichtsrat am kommenden Sonntag trifft, könnten konkrete Entscheidungen fallen – vorab aber werden immer mehr Details über die geplanten Neuerungen bekannt.

So sagten zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters, die Deutsche Bank wolle das Investmentbanking in ihrer bisherigen Form zerschlagen und eine neue Sparte für die Betreuung von Unternehmenskunden schaffen. Das Investmentbanking solle kräftig schrumpfen – Sewing verabschiedet sich hier von den Ambitionen seiner Vorgänger – und von der bisherigen Unternehmens- und Investmentbank abgetrennt werden. Eine neue Sparte für Unternehmens- und viele Firmenkunden, die bislang von der Privat- und Firmenkundenbank betreut werden, solle entstehen. Sie solle ein eigenes Ressort im Vorstand erhalten. Das ist nur ein Teil des tief greifenden Konzernumbaus. Die Deutsche Bank lehnte eine Stellungnahme dazu ab.

Ritchie, der auch stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Geldhauses ist, startete seine Laufbahn bei der Bank 1996 in Johannesburg und hatte im Laufe der Jahre verschiedene Führungspositionen inne. Seit 2016 saß er im Vorstand. Auf der Hauptversammlung im Mai stimmten nur gut 61 Prozent der Aktionäre für seine Entlastung. Die Investoren störten sich insbesondere an seiner hohen Vergütung und einer millionenschweren Sonderzahlung.


Aus: "Garth Ritchie: Chef des Investmentbankings verlässt die Deutsche Bank" (5. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-07/garth-ritchie-deutsche-bank-investmentbanking-ruecktritt

-

Quote
[...] Im größten deutschen Steuerskandal weitet die Staatsanwaltschaft Köln ihre Ermittlungen gegen große Banken aus. Nach Informationen des Recherchenetzwerkes von „Süddeutscher Zeitung“, NDR und WDR betrifft dies auch die Deutsche Bank, bei der allein 70 heutige und ehemalige Mitarbeiter ins Visier geraten sind – offenbar auch Top-Manager wie Investmentbanking-Chef Garth Ritchie. Die Deutsche Bank äußerte sich nicht dazu, gegen wen konkret ermittelt wird. Sie bestätigte lediglich, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen „gegen weitere ehemalige und aktuelle Mitarbeiter und Vorstandsmitglieder eingeleitet“ habe.

Den Banken wird vorgeworfen, beim sogenannten Cum-Ex-Skandal mit dem Handel von Aktien mit (Cum) und ohne (Ex) Dividende den Staat um Milliarden betrogen haben, in dem sich die Händler die auf die Dividendenerlöse fällige Steuer mehrmals erstatten ließen. Der „SZ“ zufolge untersuchen die Ermittler nun auch Banken, die derlei Deals zwar nicht selbst betrieben haben, jedoch als Abwicklungsdienstleister fungierten.

Dies könnte womöglich auch für die Deutsche Bank gelten, heißt es weiter. Das Institut gab daraufhin bekannt, man habe nicht „an einem organisierten Cum-Ex-Markt“ teilgenommen – nicht als Käufer und auch nicht als Verkäufer von Aktien. Der Bank zufolge geschehe die Ermittlungsausweitung „rein aus Gründen der Verjährungsunterbrechung“.



Dass Garth Ritchies Name nun prominent im Zusammenhang mit den Cum-Ex-Ermittlungen genannt wird, kommt für ihn zur Unzeit. Der Investmentbanker steht schon länger in der Kritik. Bei der Hauptversammlung Ende Mai wurde Ritchie von den Aktionären nur mit 61 Prozent entlastet. So schlecht wie Ritchie schnitt nur Compliance-Chefin Sylvie Matherat bei den Aktionären ab. Beide erhielten 14 Prozentpunkte weniger als die anderen Vorstände, denen 75 Prozent der anwesenden Aktionäre das Vertrauen aussprachen.

Die Investoren der Deutschen Bank stören sich an den hohen Bonuszahlungen, die der Investmentbank-Chef im vergangenen Jahr erhalten hat, obwohl er seine gesetzten Ziele einem Bericht des „Handelsblatts“ zufolge nur zu 80 Prozent erreicht hatte. Obwohl die anderen Vorstandsmitglieder wie CEO Christian Sewing ihren Zielen deutlich näher kamen, verdiente kein Deutsche-Bank-Vorstandsmitglied mehr als Ritchie, der 8,6 Millionen Euro einstrich.

Das liegt vor allem an der sogenannten „Funktionszulage“, die der Südafrikaner als Verantwortlicher für das Brexit-Management erhält und die rund ein Drittel der Gesamtvergütung ausmacht. Die hohen Bonuszahlungen der Bank brachten einige Aktionäre zuletzt stark in Rage: „Wie können Sie bei einer so schwachen Zielerreichung derart hohe Bonusbeiträge gewähren“, lautete bei der Hauptversammlung die rhetorische Frage der Deka zur generellen Vergütungspraxis in der Bank.

Bereits im vergangenen Jahr wurde lange über einen möglichen Abschied von Garth Ritchie spekuliert. Sein auslaufender Vertrag wurde letztendlich aber doch um weitere fünf Jahre verlängert. Dennoch reißen die Spekulationen über ein vorzeitiges Ausscheiden nicht ab. Zum einen wird gemutmaßt, die Deutsche Bank könnte Ritchie ablösen wollen, auf der anderen Seite gibt es auch Spekulationen darüber, dass Ritchie sich entscheiden könnte, das Institut zu verlassen. 

Auch Ritchies Vorstandskollegin Sylvie Matherat, die für Recht und Compliance bei der Deutschen Bank verantwortlich ist, steht in der Kritik. Ihr wird immer wieder vorgeworfen, die Skandale der Deutschen Bank nicht energisch genug aufgearbeitet zu haben. Dass vergangenes Jahr die Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin dann noch einen Sonderbeauftragten in die Deutsche Bank entsandte, um das Haus beim Vorgehen gegen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung zu überwachen, dürfte ihre Position nicht gestärkt haben.


Aus: "Garth Ritchie droht offenbar Cum-Ex-Ärger" Philipp Habdank ( 07.06.2019)
Quelle: https://www.finance-magazin.de/banking-berater/banking/garth-ritchie-droht-offenbar-cum-ex-aerger-2040331/

-

Quote
[...] Der Skandal um die Cum-Ex-Steuertricks mit mehrfachen Dividendensteuererstattungen zieht immer weitere Kreise. Die Zahl der Verdachtsfälle erhöhte sich 2018 um 81 auf 499. Das Volumen der möglicherweise zu unrecht erstatteten oder angerechneten Kapitalertragsteuer summierte sich auf knapp 5,5 Milliarden Euro, erfuhr die WirtschaftsWoche aus dem Bundesfinanzministerium.

Die Ermittlungsbehörden der Länder haben damit jedoch die vermutliche Schadenssumme für den Fiskus inzwischen um 120 Millionen Euro nach unten korrigiert. Das Bundesfinanzministerium erwartet nach Informationen der WirtschaftsWoche „nach jetzigem Stand nicht“, dass noch eine erhebliche Zahl von Neufällen bei dem Cum-Ex-Skandal hinzukommt.

Bei den umstrittenen Cum-Ex-Geschäften haben Finanzinvestoren mit Hilfe von Beratern und Finanzinstituten rund um den Dividendenstichtag Aktien mit („cum“) und ohne („ex“) Ausschüttungsanspruch rasch hin und her verkauft, um sich die nur einmal gezahlte Kapitalertragssteuer mehrfach erstatten zu lassen.



Aus: "5,5 Milliarden Euro Steuerschaden Zahl der Cum-Ex-Verdachtsfälle gestiegen" Christian Ramthun (05. Juli 2019)
Quelle: https://www.wiwo.de/finanzen/steuern-recht/5-5-milliarden-euro-steuerschaden-zahl-der-cum-ex-verdachtsfaelle-gestiegen/24528934.html

-

Quote
[...] Der Cum-Ex-Gesamtschaden für den deutschen Fiskus soll mehr als zehn Milliarden Euro betragen. ...


Aus: "Cum-Ex Steuerskandal: Landgericht Bonn plant Banken vorzuladen" Petra Nagel (30.06.2019)
Quelle: https://www1.wdr.de/nachrichten/cum-ex-musterprozess-im-steuerskandal-100.html
« Last Edit: July 05, 2019, 05:15:04 PM by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9754
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #940 on: June 29, 2019, 09:34:31 PM »
Quote
[...] Wem gehören die Häuser, in denen wir leben? Das wollten die Redaktionen von Tagesspiegel und dem gemeinnützigen Recherchezentrum Correctiv gemeinsam mit den Berliner Bürgerinnen und Bürgern herausfinden. ... Seit Januar werten Journalisten in beiden Redaktionen Tausende Einsendungen von Lesern sowie Hintergrundgespräche, Akten, anonyme Hinweise und Datenbanken aus. Dabei ging es nicht darum, Informationen zu einzelnen kleinen privaten Hauseigentümern zusammenzustellen. Es ging stattdessen darum, Probleme aufzudecken, größere Strukturen aufzuzeigen, Missstände sichtbar zu machen und eine bessere Faktengrundlage für die öffentliche Debatte zu legen. ...

Es gibt einen Mann, der das Potenzial des Berliner Wohnungsmarktes wohl besser erkannt hat als alle anderen. Zumindest hat er es am klügsten genutzt. Yakir Gabay, 53 Jahre alt, sitzt in einem hellblauen Hemd in einem grauweißen Büro in Tegel. Laut Forbes-Liste sind nur 567 Menschen auf der Welt noch reicher als er. Sein Vermögen soll 3,5 Milliarden Dollar betragen. Verdient hat er es vor allem mit Immobilien – auch in Berlin. Er sagt: „Ich bin mir nicht sicher, ob Politikern bewusst ist, dass sie mit den Kräften des Freihandels spielen.“

Der Senat will Mieterhöhungen in den nächsten fünf Jahren verbieten. Die erste Hürde für einen Volksentscheid, der Großeigentümer enteignen will, ist schon genommen. Der Druck auf die Immobilienwirtschaft steigt, Aktienkurse erzittern mit jeder neuen Debatte um Marktregulierung. Und selten ist in dieser Stadt so erbittert wie jetzt darüber gestritten worden, wer eigentlich profitieren kann, wer profitieren darf, vom Berliner Wohnungsmarkt.

Berlin ist Hauptstadt der Mieter. Von den 1,9 Millionen Wohnungen in der ganzen Stadt sind 1,5 Millionen Mietwohnungen – 81,5 Prozent. Privatpersonen oder Eigentümergemeinschaften gehören etwa 40 Prozent der Mietwohnungen. Das zeigt eine Analyse des Immobiliendienstleisters Savills. Die restlichen 60 Prozent der Wohnungen gehören professionell wirtschaftenden Eigentümern.

Was in Berlin besonders ist: Während privatwirtschaftliche Unternehmen in den meisten deutschen Städten noch keine dominierende Rolle auf dem Wohnungsmarkt übernehmen, gehören ihnen in der Hauptstadt 29 Prozent des Mietwohnungsbestandes. Ein Fünftel aller Berliner Mietwohnungen gehört Unternehmen, die Immobilien zu ihrem Hauptgeschäft gemacht haben.

Die mächtigsten unter ihnen: börsennotierte Konzerne. 230.000 Wohnungen sind in ihrem Besitz – 15 Prozent des gesamten Mietwohnraums. Ihre Namen kennt seit der Enteignungsdebatte fast jeder: Deutsche Wohnen, Vonovia, ADO Properties, Covivio, Akelius, TAG Immobilien, Grand City Properties.

Die meisten von ihnen sind nicht älter als 20 Jahre. Sie alle machen Kursgewinne, von denen die deutsche Industrie derzeit nur träumen kann.

Tagesspiegel und Correctiv haben in den vergangenen acht Monaten zum Berliner Immobilienmarkt recherchiert. Nun wollten wir wissen: Auf wen trifft man, wenn man die Frage „Wem gehört Berlin?“ bis ganz zu Ende verfolgt? Zu welchen Menschen und Firmen gelangt man, wenn man der Spur des Geldes durch den Finanzmarkt folgt? Die Recherche führt zu milliardenschweren Investmentfonds, Superreichen – und den Mietern selbst.

Wie ist Berlin in den Fokus der globalen Anleger geraten? Auf der Suche nach Antworten beginnt man vielleicht am besten bei Grand City Properties. Knapp drei Euro das Stück kostet die Aktie dieser Firma bei Börsengang im Jahr 2012. Am 28. August 2018 erreicht sie ihren Höchststand. 24 Euro mussten die Anleger nun zahlen, um von den spektakulären Dividenden des Unternehmens profitieren zu können. Ein Gewinn von fast 800 Prozent. Es ist einer der erfolgreichsten Börsengänge, die in den vergangenen zehn Jahren an der Frankfurter Börse stattgefunden haben. Und auch die Konkurrenten fahren in den letzten Jahren Rekordgewinne ein.

Ihr Erfolg erklärt sich vor allem aus politischen Entscheidungen der Vergangenheit. Es begann am 1. Januar 1990. Da endete in Deutschland die sogenannte Wohnungsgemeinnützigkeit – Wohnungsunternehmen mussten bis dahin bestimmte Steuern nicht zahlen, waren aber in Mieterhöhungen und Unternehmensgewinnen beschränkt.

Als die Beschränkungen fielen, verkauften die öffentlichen Wohnungsunternehmen massenhaft. Hunderttausende Wohnungen wurden privatisiert. Große Bestände landeten beim Vonovia (24.000 Wohnungen), Deutschlands größtem Privateigentümer. Auch Berlin brauchte dringend Geld. Allein 2004 trennte sich Berlin von 64.000 Wohnungen der GSW, die heute im Besitz der Deutschen Wohnen sind.

Dass Private-Equity-Unternehmen, also Firmen mit Kapital privater Investoren, begannen, die Bestände einzukaufen, war der Anfang der großen Wohnimmobilien-AGs, sagt Bernd Janssen. Er ist beim Investment-Banking-Unternehmen VictoriaPartners auf die Analyse von Immobilienaktien spezialisiert und beobachtet den Markt seit Jahren.

Der Einstieg in den Berliner Wohnungsmarkt war für die Aktiengesellschaften ein Glücksgriff. Nach der Finanzkrise 2008 senkte die Europäische Zentralbank den Leitzins, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Das ebnete den Weg für weitere Immobilienkäufe – zu extrem günstigen Zinsen. Der Bestand wuchs.

Und so stiegen wiederum immer größere Anleger in die Immobilien-AGs ein. Auch solche, die sich vorher nicht groß für Immobilien interessierten. „Die Immobilienquote der Versicherungen und Pensionskassen ist in den letzten Jahren stark gestiegen“, sagt Janssen. Auch weil sichere Alternativen wie Bundesanleihen keine Rendite mehr brächten. Berlin gehört inzwischen zu den wichtigsten Standorten für Investoren überhaupt.

Dass der Berliner Immobilienmarkt als besonders attraktiv gilt, hat mehrere Gründe. Erstens: die demografische Entwicklung. Zuzug ist gut für den Wert von Immobilien. Zweitens: wenig Leerstand und wenig Neubau. Wohnungsknappheit spielt den Immobilienkonzernen in die Hände. Sie können nun kräftige Mieterhöhungen durchsetzen. Drittens: Viele Häuser sind noch nicht modernisiert. Sie haben also hohes Wertsteigerungspotenzial. Und das geht viertens derzeit besonders gut, weil Kredite eben gerade fast nichts kosten.

So ergibt sich eine Spirale. Denn der Wert einer Immobilie bemisst sich nach der Qualität des Gebäudes zusammen mit der erwarteten Mietpreisentwicklung im Haus. So ist das Zusammenspiel zwischen niedrigen Zinsen, Modernisierungen und Mietsteigerungsmöglichkeiten Gold wert. Die Häuser kosten jedes Jahr mehr. Und so können die großen Unternehmen in ihren Bilanzen jedes Jahr hohe Wertsteigerungen für ihre Häuser angeben. Wer das rechtzeitig verstanden hatte, konnte fantastische Summen anhäufen.

Yakir Gabay gehört zweifellos zu diesen Menschen. Keine Tonaufnahmen, alle Zitate müssen später schriftlich verhandelt werden. Das ist die Bedingung für dieses Gespräch. Yakir Gabay lebt in London. Er hat sowohl Grand City Properties als auch Aroundtown aufgebaut. Heute sitzt er bei beiden im Beirat. Neben ihm sitzen Andrew Wallis, CEO von Aroundtown und Mitglied des Beirats von Grand City Properties und Christian Windfuhr, CEO von Grand City Properties. Dazu eine Pressesprecherin, ein weiterer Pressesprecher ist aus dem Urlaub zugeschaltet.

An der Wand hängen zwei Fotos von Szenen aus Jugendspielen des 1. FC Union. Erst kürzlich wurde bekannt, dass Aroundtown neuer Hauptsponsor der ersten Mannschaft wird, die gerade den Aufstieg in die Bundesliga geschafft hat. Die Firma ist eine der größten privaten Gewerbeimmobilienfirmen Deutschlands. Der Gesamtmarktwert beträgt 8,1 Milliarden Euro. Aroundtown gehören Gebäude wie das Hilton Berlin, das Park Center Treptow und das Schlosshotel Grunewald.

Die Tochterfirma Grand City Properties hat sich derweil auf Wohnungen in Großstädten spezialisiert, allen voran Berlin. Deutschlandweit besitzt die Firma gut 84.000 Wohnungen, in Berlin ist sie mit 7500 Wohnungen der siebtgrößte private Eigentümer. Aroundtown hält 39 Prozent an Grand City. Beide sind in Luxemburg registriert.

Yakir Gabay erzählt, dass er an Berlin geglaubt habe, als die anderen es nicht taten. Das erste Berliner Haus habe er 2004 in Schöneberg gekauft. 33 Wohnungen, 30 Prozent Leerstand. „Ich glaube daran, dass sich auf lange Sicht immer ein Preisgleichgewicht einstellt“, sagt er. Überall lagen die Immobilienwerte schon höher. Er war überzeugt, dass Berlin irgendwann folgt. „Aber ich hatte auch nicht erwartet, dass die Preise so stark steigen würden.“

„Der Gewinn von Immobilienfirmen beruht zu einem wesentlichen Teil auf den Wertsteigerungen der Immobilien, und nicht auf Mieterhöhungen“, sagt Gabay. „Die Wertsteigerungen sind wiederum vor allem dadurch begründet, dass es derzeit so niedrige Zinsen gibt, und daher viele Investoren Immobilien als sichere und stabile Anlageform nachfragen. Das lässt die Preise selbst bei gleichbleibenden Mieten steigen.“

... Grand City selbst widme sich derzeit vermehrt dem Bauen. Die Nachverdichtung durch Neubau sei inzwischen oft lohnenswerter als der Kauf alter Häuser. Ob die Rechnung für Investoren aber noch aufgeht, wenn der Mietendeckel kommt, bezweifelt Gabay.

Auch auf die Frage, warum Grand City und Aroundtown eigentlich in Luxemburg registriert seien, hat Gabay eine einfache Antwort. Der Standort sei als Firmensitz schlicht bevorzugt und marktüblich für internationale Investoren. Man zahle aber fast die gleichen Steuern als wäre die Firma in Deutschland registriert. „Wir gehen nicht offshore, und haben das auch nicht vor.” Als Offshore-Standorte gelten Staaten wie die Bahamas, die nur schwer für Steuerfahnder erreichbar sind.

Roger Akelius hielt genau das für eine gute Idee. Er ist Schwede und wohnt inzwischen offiziell auf den Bahamas. Der Name Akelius fällt immer wieder während der Recherche für „Wem gehört Berlin?“. Über keinen Eigentümer haben sich bei Tagesspiegel und Correctiv im Rahmen der „Wem gehört Berlin?“-Recherche im Verhältnis mehr Mieter beschwert. Liegt die Durchschnittsmiete bei Grand City Properties bei 7,60 Euro und die Neuvermietungspreis bei 12 Euro pro Quadratmeter, hat Akelius 8,64 Euro bei Bestandsmietern und eine Durchschnittsmiete bei neuen Verträgen von 16 Euro pro Quadratmeter.

Die von Roger Akelius gegründete Akelius-Gruppe besitzt mehr als 50.000 Wohnungen weltweit, Gesamtwert der Immobilien laut Unternehmenswebsite: zwölf Milliarden Euro. Mit knapp 14.000 Wohnungen liegt der größte Anteil der Akelius-Wohnungen in Berlin. Den größten Teil seines Vermögens hat der Schwede einer Stiftung auf den Bahamas übertragen, die wohltätige Tätigkeiten unterstützen soll. Besonders an SOS-Kinderdörfer spendet sie.

Ein weiterer Zweck der Stiftung ist „Bildung und Forschung zu Wohnungsimmobilien“. Ihr Vermögen beträgt laut ihrer Homepage 100 Milliarden schwedische Kronen, das sind neun Milliarden Euro.

84,5 Prozent hält die Stiftung über eine Firma in Zypern an Akelius. Zwei weitere Anteilseigner sind ebenfalls Stiftungen, wie aus einem Börsenprospekt der irischen Börse hervorgeht. Die „Grandfather Roger Foundation“ und die „Hugo Research Foundation.“ Beide sind auf den Bahamas registriert. Auf die Frage, wer hinter den Stiftungen steckt und warum sie auf den Bahamas registriert sind, heißt es: „Hierzu möchte Akelius keine Angaben machen.“ Und auf die Frage, ob und wie viel Steuern die Akelius-Gruppe oder Roger Akelius selbst bezahlen, heißt es knapp: „Akelius versteuert dort, wo wir arbeiten.“

Erst Mitte der 1990er Jahre begann Akelius, in Immobilien zu investieren. Sein Erfolg begann in den 70ern – als Buchautor. Er schrieb zunächst Programmierbücher, dann ging es um Investments. Anfang der 1980er Jahre erschien dann ein Bestseller von Akelius. Darin erklärte er den Schweden, wie sie am besten Steuern sparen – ganz legal, so wie die großen Unternehmen.

Der europäische Leiter der Akelius-Gruppe ist Ralf Spann. Er sitzt in einem Berliner Altbau mitten in Kreuzberg. Und erwägt nun, gegen den Mietendeckel zu klagen. „Wer denken Sie, wird die neue Wohnung bekommen? Ich glaube, das werden nicht diejenigen sein, denen angeblich geholfen werden soll.“ Und: „Ich war zwei Jahre in New York. Berlin hat dort eine unglaublich starke Strahlkraft.“ Man wolle noch lange hierbleiben.

Strahlkraft hat auch Leonardo Del Vecchio. Er hält 2,5 Prozent der Unternehmensanteile an Covivio, viertgrößter Berliner Eigentümer. Die Firma besitzt derzeit 15.700 Wohnungen in Berlin. Das rechnet sich. Del Vecchio ist der zweitreichste Mann Italiens, ihm gehört eine 60-Meter-Yacht.

Sein Vater verkaufte Obst und Gemüse auf Mailands Straßen und starb vor seiner Geburt. Seine Mutter gab ihn ins Waisenhaus. Nach seinem Schulabschluss arbeitete in einer Schlosserei. Dann versuchte es sich als Unternehmer. Im Alter von 25 Jahren gründete er das Unternehmen Luxottica.

Heute ist die Firma der größte Brillenhersteller der Welt. Ray Ban und Oakley gehören zu seinem Imperium. Auch für zahlreiche Luxusmarken wie Chanel, Prada und Versace produziert Del Vecchios Unternehmen Gestelle. Und so landen die Ausgaben für hippe Sonnenbrillen am Ende teilweise in Berliner Häusern.

Die drei Männer sind keine Ausnahmen. Einer Umfrage der britischen Immobilienberatungsfirma Knight Frank zufolge investieren die Superreichen am liebsten in Aktien und Immobilien. Del Vecchio tut das über seine Familienholding Delfin. Mit 26 Prozent ist er an der französischen Immobilienfirma Covivio SA beteiligt, die zu den größten Eigentümern Europas zählt. Der wiederum gehört Covivio SE, das deutsche Tochterunternehmen, das nicht nur Immobilien in Berlin, sondern auch in ganz Deutschland hält und zu 55 Prozent dem Mutterkonzern gehört.

Das Wirtschaftsmagazin Forbes schätzt sein Vermögen auf 19,8 Milliarden Dollar, Platz 50 auf der Forbes-Liste der Milliardäre 2019.

... Berliner Wohnungen sind in Zeiten der Nullzinspolitik [ ] sehr attraktiv für Milliardäre. Am Aktienmarkt sind sie trotzdem vergleichsweise kleine Player. Die wahren Könige des Markts sind hier Vermögensverwalter und Pensionsfonds. Ihr Kapital: das Hundert- und Tausendfache der Superreichen.

Und sie akkumulieren über Umwege inzwischen enorme Anteile. Zum Beispiel bei der Deutsche Wohnen, mit über 115.000 Wohnungen Berlins größter Eigentümer und größter Gewinner der Wohnungsprivatisierungen. Ein Blick auf die Anteilseigner zeigt: Knapp 70 Prozent der Aktien sind im sogenannten Streubesitz, gehören also Aktionären, die anonym sind. Das können kleine Privatanleger sein genauso wie Unternehmen.

Interessant sind die restlichen 30 Prozent. Ab drei Prozent der Anteile müssen Unternehmen dies bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht melden. Und treten somit aus der Anonymität heraus. Bei der Deutschen Wohnen sind es vier Anteilseigner, die am meisten von den Gewinnen profitieren.

Da ist der amerikanische Finanzdienstleister State Street Corporation mit drei Prozent Anteilen. Auf Platz drei mit sieben Prozent steht die Norges Bank, die Zentralbank von Norwegen. Sie verwaltet den staatlichen Pensionsfonds, der die Öleinnahmen des Landes so investieren soll, dass sie als Rücklage für schlechte Zeiten dienen. In der Investmentstrategie des Fonds ist Berlin eine der Städte, auf die sie ihre Immobilieninvestments konzentrieren.

Platz zwei geht an MFS Investment Management, eine der ältesten Vermögensverwaltungsgesellschaften der Welt. 1924 gegründet, verlor es einen Großteil seines Vermögens im Börsencrash im Jahr 1929, überstand aber die Krise. Heute gehört MFS zum dem kanadischen Lebensversicherer und Finanzunternehmen Sun Life.

Auf Platz 1: Blackrock. Das Unternehmen ist spätestens der breiten Masse bekannt, seit der CDU-Politiker Friedrich Merz bei dem deutschen Ableger des Vermögensverwalters einstieg. Auch bei Berlins zweitgrößtem privaten Wohnungseigentümer Vonovia ist Blackrock der größte Anteilseigner. Und auch an TAG Immobilien und Aroundtown, dem Mutterkonzern von Grand City Properties hält das Unternehmen Anteile.

Blackrocks Anteile an Deutsche Wohnen von 10,2 Prozent würden ganz grob umgerechnet 11 800 Wohnungen in Berlin entsprechen. Nimmt man die anderen Anteile dazu, wären es 15.700 Wohnungen in Deutschland. So würde an der Börse zwar niemand rechnen, aber es zeigt, wie die Debatte um den Berliner Wohnungsmarkt teils völlig an den Profiteuren vorbei geht. Demonstriert wird gegen die Deutsche Wohnen, nicht gegen Blackrock.

Blackrock verwaltet und vermehrt das Vermögen seiner Kunden. Insgesamt sind das 6300 Milliarden Dollar Anlagekapital. Dass der Konzern an mehr als 17.000 Unternehmen beteiligt ist, liegt an den Finanzprodukten, die er verkauft. Sogenannte Indexfonds halten branchenübergreifend Anteile an Konzernen, die an der Börse gelistet sind. So wird Blackrock zum größten Aktionär Europas.

Auch wenn Blackrock normalerweise nicht bei den öffentlichen Hauptversammlungen der AGs teilnimmt, kann der Konzern trotzdem seine Stimmrechte wahrnehmen und somit Unternehmensentscheidungen beeinflussen. Hält er an verschiedenen Unternehmen aus einer Branche Aktien, ist die potentielle Macht enorm, heißt es von Experten. Es gefährde den freien Wettbewerb.

Blackrock selbst schreibt dazu: „In die laufende Unternehmensführung mischt sich BlackRock nicht ein.“ Immer wieder betont Blackrock, dass das Geld nicht ihnen selbst gehöre. Man sei nur Treuhänder. Der Unternehmenschef Larry Fink sschrieb in einer Nachricht an die Anteilseigner: „Unsere Kunden sind Lehrer, Krankenschwestern, Feuerwehrleute, Wissenschaftler, Geschäftsleute und so viele andere. Sie sind Mütter, Väter und Großeltern. Und ihre finanziellen Ziele sind Investitionen in den Ruhestand, ein Haus zu kaufen oder das College zu bezahlen.“

Sind die größten Profiteure also am Ende Normalverdiener?

Auch Berliner Mieter legen ihr Geld in privater Altersvorsorge an. Und investieren so unwissentlich in ihren eigenen Vermieter. So wie eine Vonovia-Mieterin aus Neukölln. Sie ist 39 Jahre alt und möchte lieber anonym bleiben. Sie wohnt mitten in jenem Kiez, in dem in den vergangenen Jahren die Mieten um mehr als 100 Prozent angestiegen sind. Auf Drängen ihrer Mutter, die sich Sorgen um die Altersvorsorge der Tochter machte, schloss sie eine Riesterrente ab.

Sie selbst arbeitet im Umweltbereich, ist Kundin bei einer Umweltbank, achtet auf Nachhaltigkeit. Mit einer ehemaligen Beamtenversicherung kann man nicht viel falsch machen, dachte sie sich und zahlte von nun an jeden Monat regelmäßig Geld in ihre Riesterrente.

Gleichzeitig kämpfte sie mit ihrem Vermieter – dem Immobilienkonzern Vonovia. Gleich zwei Gerichtsverfahren führt sie gegen Vonovia wegen der Nebenkostenabrechnungen. Außerdem versuchte das Unternehmen schon zweimal, ihre Miete zu erhöhen. Als zwei Nachbarwohnungen frei wurden, sanierte der Vermieter und erhöhte die Miete. Lag sie vorher noch zwischen 4,75 und 5,50 Euro, kostete der Quadratmeter von nun an 16 Euro, erzählt sie. Die Gewinne dieser Firmen seien unfassbar, sagt sie.

Ob sie wisse, dass sie über ihre Altersvorsorge selbst in Vonovia investieren? – Stille am anderen Ende der Leitung.

Das trifft auf viele zu. Immer mehr Deutsche investieren in eine private Altersvorsorge. Um das Geld ihrer Kunden gewinnbringend anzulegen, investieren viele Rentenfonds oder Versicherungen die Beiträge nicht nur direkt in Immobilien, sondern auch in dem Finanzmarkt – entweder in Form von Aktien oder in Investmentfonds. Was ihre Kunden meist nicht wissen – wo es langfristige gewinnbringende Investments geht, ist Blackrock nicht weit.

Im Fall der Neuköllner Vonovia-Mieterin sind es die Fonds, die sie und ihren Eigentümer zu indirekten Geschäftspartnern machen. Die Versicherung Debeka gehört zu den Blackrock-Kunden. Das versteckt sich tief in den Geschäftsberichten und Anlagestrategien des Versicherers. Die Debeka Riesterrente investiert ihre Überschüsse in den Debeka Global Share Fund – einen versicherungsinternen Fonds.

Der investiert in einen Blackrock-Fond mit dem komplizierten Namen iShares STOXX Europe 600. In seinem Portfolio findet man Anteile von fünf großen Berliner Immobilienkonzernen: Deutsche Wohnen, Covivio, Grand City Properties, TAG Immobilien und – mit dem höchsten Anteil – Vonovia. Ihre Mieterin kann nur noch bitter lachen. „Wir schaufeln uns hier unser eigenes Grab“, sagt sie.

Natürlich ist ihr eigener Anteil an der Entwicklung verschwindend gering. Doch die Masse macht es. Bei vielen großen Anbietern für Altersvorsorge wird man fündig. Bei der Allianz zum Beispiel. Ihre Lebensversicherung investiert indirekt über Fonds in die Wohnimmobilienkonzerne. Gleichzeitig hält ihr Rentenfonds auch direkt Anteile an Berlins zweitgrößtem privaten Vermieter Vonovia. Oder die Sparkassen. Ihre Lebensversicherung hat in ihren eigenen Produkten der Deka Investment Fonds Anteile an Vonovia. Und die Generali Lebensversicherung, auf der BaFin-Liste der größten Erstversicherer auf Platz sechs, hält so Anteile an Vonovia.

Der R+V Pensionsfonds investiert über einen Fonds in ADO Properties und Deutsche Wohnen. Und die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) ist über Investmentfonds mit 9,9 Prozent an TAG Immobilien beteiligt. Zehn Prozent der Arbeitnehmer in Berlin arbeiten für den öffentlichen Dienst. Feuerwehrmänner, Krankenschwestern, aber auch Verwaltungsangestellte und nicht-verbeamtete Lehrer zahlen dort ein – und das nicht einmal freiwillig. Wer einen Tarifvertrag im öffentlichen Dienst hat, ist pflichtversichert. In den meisten Fällen ist das dann bei der VBL.

Somit schließt sich ein Kreis aus Mietern, Pensionsfonds, Immobilien-AGs und dem Finanzmarkt. Und die Spirale dreht sich immer schneller. Beispielsweise gibt es nun immer mehr Riester-geförderte Fonds-Sparpläne, 3,3 Millionen, die zumindest leicht höhere Dividenden versprechen. Zum Start des Förderprogramms waren es noch 174.000 Verträge. Die Steigerung war so gewünscht. Als Riester die Rente senkte, wollte er den Deutschen stattdessen eine staatlich subventionierte Möglichkeit schaffen, am Kapitalmarkt teilzunehmen. Nicht nur die Reichen sollten profitieren, sondern auch Ottonormalverdiener.

Inzwischen liegt die durchschnittliche Rendite neuer Riester-Verträge allerdings unter einem Prozent. Ganz im Gegensatz zu den steigenden Mieten.


Aus: "Wer profitiert vom Berliner Mietmarkt?" Andreas Baum, Michael Gegg, Sidney Gennies, Hendrik Lehmann, Helena Wittlich (28. Juni 2019)
Quelle: https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/mieten-und-renditen/


Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9754
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #941 on: July 06, 2019, 03:13:15 AM »
Quote
[...] Frauen aus Südosteuropa wurden und werden für niedrig qualifizierte und stigmatisierte Arbeiten importiert. Unsichtbar für viele stabilisieren sie dort die Gesellschaft.

... Ankica, eine dieser "Gastarbeiterinnen", die beinahe ihr ganzes Arbeitsleben in Frankfurt verbrachte, betonte im Gespräch mit mir, dass die Frauen gekommen waren, um zu arbeiten, arbeiten, arbeiten. Das Verb arbeiten wiederholte sie dreimal, vielleicht weil die Frauen mindestens drei Arbeitsstellen parallel hatten. Ihr Ziel war es, den Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen und die Eltern abzusichern, die in der Heimat zurückgeblieben waren.

... Die Anthropologin Duga Mavrinac vom Institut für anthropologische Forschung in Zagreb beschäftigt sich mit den sogenannten Badantinnen, Frauen, die in heutiger Zeit aus Kroatien nach Italien gehen, um dort ältere und pflegebedürftige Menschen zu betreuen und in Haushalten arbeiten, die sich teure Altersheime und professionelle Pflegerinnen nicht leisten können. Die Badantinnen ersetzen vollständig die vernachlässigten Segmente der Sozialpolitik in jenen Ländern, die nicht genug Mittel in die wachsende ältere Bevölkerungsgruppe investieren. Gleichzeitig ersetzen diese Frauen die traditionellen Rollen der Schwiegertöchter und der Töchter, die sich früher zu Hause um die älteren Familienmitglieder gekümmert haben. Über diese Badantinnen in Italien gibt es genauso wenig offizielle Angaben wie über die Frauen, die nach Deutschland kommen, um sich hier um ältere Menschen zu kümmern, da sich diese Migrationen und ihr Engagement auf dem Schwarzmarkt abspielen.

Diese Tatsache erläuterte mir die Ethnologin Tanja Višić vom Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt, die bereits seit vier Jahren die Arbeitsmigrationen von Frauen aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawien erforscht. "Sie verbleiben maximal drei Monate in den hiesigen Haushalten, so lange, wie ein Touristenvisum Gültigkeit besitzt. Länger könnten sie es sowieso weder physisch noch psychisch aushalten, da sie 24 Stunden am Tag zur Verfügung stehen müssen. Meines Erachtens kann man sie nicht als bloße Putzfrauen, Haushälterinnen oder Pflegerinnen bezeichnen", sagt Višić, "sie organisieren sich untereinander, sie gehen ins Unbekannte, ohne die deutsche Sprache zu sprechen und ohne die gesellschaftlichen Codes zu kennen, aber dennoch übernehmen sie die Verantwortung für die Existenz ihrer eigenen Familien." ...


Aus: "Migration: Heldinnen? Ja, Heldinnen" Ivana Sajko (Aus dem Kroatischen von Alida Bremer)  (5. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2019-07/migration-frauen-jugoslawien-arbeitsmigration/komplettansicht

Quote
Condorito #1

Nicht Süd-, aber Ost-, selbst erlebt: Eine ältere Dame wurde von ihrer aus Polen stammenden 24-Pflegerin nach dem Sturz persönlich hochgehievt; sie betreut sie liebevoll. Die Tochter stellte mir die Pflegerin vor mit den Worten: "Ich habe die Polin mitgebracht". Als ich "die Polin" nach ihrem Namen fragte, war sie erstaunt, dass das jemanden interessiert.


Quote
jstawl #1.1

Bzgl. Pflegerinnen aus Osteuropa haben wir auch gemerkt, dass das Verhalten gegenüber diesen Menschen sehr unterschiedlich war. Einige behandelten die Menschen, die ihre Mütter und Väter versorgt haben, wie hauseigene Sklaven. Ich habe da von den ungarischen Pflegerinnen, die sich um unsere Oma gekümmert haben, echt schreckliches gehört.

Für uns waren das nicht einfach Angestellte oder "die Ungarin" sondern Teilzeit-Familienmitglieder, wir haben uns auch für die Heimat, für die Familie, für das Leben der Pflegerinnen interessiert.

Ohne Migranten wären wir in der Pflege mittlerweile völlig aufgeschmissen.


Quote
sqrt #2.6

Die meisten Pflegekräfte, Bauarbeiter, Schlachter, usw. vom Balkan verdienen heute hierzulande so wenig, dass sie sich Überweisungen nachhause nur wortwörtlich vom Munde absparen müssen. ...


Quote
Dietersen #8

Grandioser Artikel, der die Leistungen dieser Frauen würdigt. Ohne diese Form von Arbeitsmigration aus Ost- und Südosteuropa wären in Deutschland schon längst die Lichter aus in den Pflegeeinrichtungen, Großküchen und Putzkolonnen.... unfassbar, was sich diese Menschen hier obendrein noch anhören durften über Jahrzehnte. Erst jetzt, wo der neue Feind Islam am Horizont erschienen ist, sind die Hetzer ruhig und finden Polen und Jugoslawen plötzlich gut. Ja, so ist Deutschland. Danke für nichts.


Quote
Maximilian Wilhelm #8.3

"wären in Deutschland schon längst die Lichter aus in den Pflegeeinrichtungen, Großküchen und Putzkolonnen..."

Oder es würden endlich vernünftige Gehälter gezahlt, weil die Nachfrage das Angebot bei weitem übersteigt. Der Import billiger Arbeitskräfte ist der Grund, warum die Eigentumsverhältnisse in Deutschland so ungleich wie im Jahr 1900 verteilt sind.

Ohne diese Menschen - deren Beitrag ich sehr schätze - wären Politik und Wirtschaft längst zu tiefgreifenden Reformen gezwungen gewesen. So können sie es noch hinauszögern.


Quote
Ztdzd #13

Es ist schon sehr ärgerlich, dass Frauen aus Südosteuropa die "traditionellen Aufgaben der dt. Töchter und Schwiegertöchter" übernehmen : Putzen, kochen, Alte pflegen. Es wird jetzt endlich, endlich Zeit, dass Männer und Söhne sowie Schwiegersöhne solche Aufgaben übernehmen. Die Frauen, ich hoffe auch die aus Südosteuropa, sind längst mindestens so gut ausgebildet wie ihre Männer. Auf gehts Frauen, die Männer sind dran mit der Hälfte dieser Arbeit, ob mit oder ohne Bezahlung, das wird sich zeigen.


Quote
sqrt #13.1

Die Männer schufteten jahrzehntelang in den Minen, auf dem Bau, an den Fliessbändern, heute auch in Schlachthäusern, usw.


Quote
Ztdzd #13.3

Das stimmt natürlich. Und dennoch : eine Gesellschaft ist erst dann gerecht, wenn die Hausarbeit und die Pflege der Alten zwischen Mann und Frau aufgeteilt ist. Die Frauen sind es wert, dass sie in ihrem gelernten Beruf gutes Geld verdienen dürfen.


Quote
Schlaupilz #13.4

Es geht hier um die monatelange Trennung der betroffenen Frauen von ihren Familien im Herkunftsland. Es ist bezeichnend mit welcher Kaltherzigkeit Sie die Satzaussage verdrehen.


...

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9754
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #942 on: July 06, 2019, 06:21:37 PM »
Quote
[...] Auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer sind die Verhältnisse in Deutschland nicht überall gleich. Am Arbeitsmarkt zeigt sich das nicht nur an unterschiedlichen Gehältern, sondern auch an der Arbeitszeit: Im vergangenen Jahr haben Westdeutsche durchschnittlich 1.295 Stunden gearbeitet. In Ostdeutschland – Berlin eingeschlossen – waren es 1.351 Stunden, also 56 Stunden mehr. Auch die Löhne sind im Westen höher: Im Jahresdurchschnitt verdienten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit 36.088 Euro brutto fast 5.000 Euro mehr als die Beschäftigten im Osten (31.242 Euro). Die Bundestagsfraktion der Linken wertete diese Zahlen auf Grundlage der Daten der Statistischen Ämter von Bund und Ländern aus.

Die Linken-Sozialexpertin Sabine Zimmermann sagte, es sei inakzeptabel, dass sich die Bundesregierung offensichtlich mit einem "Sonderarbeitsmarkt Ost" abgefunden habe. Als Lösungsansatz nannte sie eine Stärkung der im Osten deutlich schwächeren Tarifbindung. Dafür müssten Tarifverträge in einer Branche leichter für allgemeinverbindlich erklärt werden können. Zudem fordert die Linke schon seit Längerem eine Erhöhung des Mindestlohns auf zwölf Euro pro Stunde. Aktuell liegt er bei 9,19 Euro, ab 2020 soll er auf 9,35 Euro angehoben werden.

Den Statistiken zufolge arbeiteten im vergangenen Jahr die Menschen in Sachsen-Anhalt mit 1.373 Stunden am meisten. Am niedrigsten war diese Zahl im Saarland mit 1.269 Stunden pro Arbeitnehmer. Der bundesweite Schnitt liegt bei 1.305 Arbeitsstunden.

Bei den Löhnen und Gehältern bleibt Hamburg an erster Stelle. In der Hansestadt verdienten Beschäftigte durchschnittlich 41.785 Euro brutto. Die niedrigsten Gehälter werden in Mecklenburg-Vorpommern gezahlt: 28.520 Euro betrug das mittlere Bruttogehalt. Bundesweit waren es 35.229 Euro je Arbeitnehmer.

Beim Arbeitsvolumen erfasst der Arbeitskreis Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden am jeweiligen Arbeitsort – auch bei Beschäftigten mit mehreren Jobs. Nicht einbezogen werden etwa Urlaub, Elternzeit, Feiertage, Kurzarbeit oder Abwesenheit wegen Krankheit.


Aus: "Ostdeutsche arbeiten mehr und verdienen weniger" (6. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/2019-07/ostdeutschland-mehr-arbeitsstunden-weniger-lohn


Quote
ansv #8

Was soll diese Statistik eigentlich sagen? Es gibt unendlich viele prekär Beschäftigte, die sehr gerne mehr als 20 Stunden arbeiten würden, sind die berücksichtigt? Und was genau sagt der Durchschnittsverdienst eines ganzen Bundeslands aus? Von dem, was man im oberbayerischen Dorf verdient, bezahlt man in München auch keine Wohnung. ...


Quote
bromfiets #8.1

Es gab 2018 weniger Vollzeitarbeitsplätze als 1998, obwohl die vielbejubelte Arbeitslosenquote 1998 weit höher lag. Dafür haben wir halt 4 Mio. neue Teilzeitarbeitsplätze bzw. eine Teilzeitquote von mittlerweile 40%. Rund 3.2 Mio. Menschen haben Nebenjobs. Details siehe hier: http://doku.iab.de/arbeitsmarktdaten/AZ_Komponenten.xlsx

Wenn es das Ziel der Agenda 2010 war, den Arbeitsmarkt zu amerikanisieren, dann kann nur sagen: Ziel erreicht. ...


Quote
ansv #8.4

"Amerikanisierung" klingt irgendwie zu harmlos. Herr SPD-Schröder hat es 2005 in Davos deutlicher gesagt "Wir haben unseren Arbeitsmarkt liberalisiert. Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt".

Das war das Ziel, das wurde erreicht. Mit den Hartz-Reformen hat man dafür gesorgt, dass Qualifikation sich nicht mehr rentiert. Wer arbeitslos wird, muss jede Arbeit annehmen, sonst wird die Unterstützung gestrichen. Und wer einmal im Callcenter sitzt, kommt dort nur schwer wieder raus.

Gleichzeitig wird alles unterlaufen, was einmal von Gewerkschaften erstritten wurde. Kündigungsschutz entfällt z. B. wenn man nur mit Teilzeitkräften arbeitet. Im Handel ist das nahezu standard, Discounter stellen ihre ganze Personalpoliltik darauf ab, dass bei einem Kranheitsausfall nie mehr als 20 Stunden zu verteilen sind. Und bei anderen gibt es gleich nur eine Garantie für 20 Stunden / Monat, der Rest ist auf Abruf und Goodwill.

Trotz allem - das betrifft ganz Deutschland. Nicht nur den Osten. Und ich kann mich gar nicht beruhigen über diesen Artikel. Was will man damit erreichen? Wohl kaum Zufriedenheit im Saarland (wir arbeiten am wenigsten) sondern Unzufriedenheit im Osten (wir habens immer gewusst, wir sind so arme Schweine)...


Quote
xvulkanx #14

Was nützt das höhere Einkommen in den westdeutschen Metropolen, wenn das von den hohen Mieten aufgefressen wird. ...


Quote
wd #26

Das mit der "Produktivität" ist eine lustige Sache.
Monteurstunde in Hamburg 120€
Monteurstunde Niedersachsen Provinz 60€
Beide Monteure erledigen die gleiche Arbeit in der gleichen Zeit.


...


Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9754
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #943 on: July 09, 2019, 12:34:58 PM »
Quote
[...] Die Zahl der Millionäre ist zuletzt in Deutschland und in aller Welt zurückgegangen. Das geht aus dem jährlichen „World Wealth Report“ der Unternehmensberatung Capgemini hervor, der am Montag in Frankfurt vorgestellt wurde. Allerdings betrachtet diese Erhebung nur das „anlagefähige“ Vermögen, in Dollar gerechnet, aus Sicht eines Vermögensverwalters. Nicht berücksichtigt werden etwa Sammlerstücke, Gebrauchsgüter und selbstgenutzte Immobilien.

Wer unter diesen Voraussetzungen mehr als eine Million Dollar auf die Waage bringt, zählt als „High Net Worth Individual“, als „Dollar-Millionär“. Nach dieser Zählweise gab es zuletzt 18 Millionen Millionäre in aller Welt, das waren rund 0,3 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. In Deutschland sank die Zahl der Millionäre um 1,1 Prozent auf 1,35 Millionen.

Als wichtigsten Grund für den Rückgang nannte Klaus-Georg Meyer von Capgemini die Kursverluste an den Börsen im Jahr 2018, die von den Wertzuwächsen bei fremdgenutzten Immobilien nicht ausgeglichen wurden. Es war in Deutschland und in aller Welt der erste Rückgang der Millionärszahlen seit dem Jahr 2008, als die Weltfinanzkrise viele große Vermögen erheblich belastet hatte.

Am meisten Millionäre gibt es demnach weiterhin in den Vereinigten Staaten mit 5,3 Millionen, das war — gegen den globalen Trend — ein Plus von 1 Prozent. Auf Platz zwei kommt Japan mit 3,2 Millionen (minus 0,4 Prozent) vor Deutschland mit 1,35 Millionen (minus 1,1 Prozent) und China mit 1,19 Millionen Millionären (minus 5 Prozent).

Besonders stark zurückgegangen ist die Zahl der Millionäre in Hongkong mit einem Minus von 10 Prozent auf 153.000. Meyer erklärte das mit der starken Abhängigkeit Hongkongs von den Kapitalmärkten. Zu den Ausnahmen vom globalen Trend gehörten hingegen eine Reihe von Ölstaaten. So nahm in Saudi-Arabien (plus 7 Prozent) und Kuweit (plus 8 Prozent) die Zahl der Millionäre deutlich zu. Meyer erklärte das mit dem starken Ölpreis – und den Versuchen der Ölländer, durch Investitionen unabhängiger von dem Rohstoff zu werden.

Unter allen Weltregionen verzeichnete der Raum „Asien-Pazifik“ mit minus 1,7 Prozent den stärksten Rückgang der Millionärszahlen. Europa verlor 0,5 Prozent. Nordamerika konnte ein Plus von 0,4 Prozent verzeichnen — und der Nahe Osten den größten Zuwachs mit 5,8 Prozent.

Schaut man sich die Entwicklung der Vermögen der Millionäre an, ergibt sich ein ähnliches Bild wie bei der Zahl der Millionäre. Sowohl in aller Welt (minus 2,9 Prozent) als auch in Deutschland (minus 3,9 Prozent) sank das Vermögen. In Nordamerika ergab sich die Besonderheit, dass zwar die Zahl der Millionäre leicht gestiegen ist, das Gesamtvermögen aller Millionäre aber um 1,1 Prozent zurückging.

Dabei ist Millionär nicht gleich Millionär. Die Unternehmensberatung teilt die Vermögenden in drei Gruppen ein: Zu den „Millionären von nebenan“ mit einem Vermögen zwischen einer und fünf Millionen Dollar gehören 90 Prozent aller Millionäre. Sie kommen aber nur auf 43 Prozent des Millionärsvermögens.

Die mittlere Gruppe mit 5 bis 30 Millionen Dollar machen 9 Prozent der Millionäre aus, sie verfügen über 23 Prozent des Millionärsvermögens. Und die „Ultra-HNWI“, das sind Leute mit mehr als 30 Millionen Dollar, machen zwar nur 0,9 Prozent aller Millionäre aus — sie verfügen aber über stolze 33,7 Prozent des Millionärsvermögens.

Relativ am stärksten abgenommen hat nun im vergangenen Jahr das Vermögen der reichsten Gruppe (minus 6,3 Prozent) — auch die Zahl der ganz reichen Millionäre ist mit einem Minus von 3,9 Prozent am stärksten zurückgegangen.

Sorgen machen müsse man sich um die Millionäre trotz dieses Vermögensrückgangs wohl nicht, war Meyers Einschätzung. Treiber in Deutschland seien das gegenüber dem Vorjahr geringere Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent gewesen sowie der Rückgang der Marktkapitalisierung deutscher Aktien um 22,4 Prozent.

Die Immobilienpreise seien im Gegenzug um 6,8 Prozent gestiegen. Die nach wie vor relativ hohe Zahl von Millionären in Deutschland habe etwas mit dem starken Mittelstand zu tun, meinte Meyer. Viele Millionäre hätten ihr Vermögen geerbt. Es gebe aber auch Angestellte mit einem entsprechenden Einkommen, die es neu zum Millionär gebracht hätten.

Mit Umfragen hat die Unternehmensberatung auch analysiert, wie die Millionäre ihr Vermögen jetzt anlegen (Stand erstes Quartal). Dabei gab es einige Auffälligkeiten: Aktien wurden offenbar in aller Welt vielfach durch Kasse oder Ähnliches („Cash und Cash-Äquivalente“) ersetzt. Der Aktienanteil an den Millionärs-Portfolios ging um 5,2 Prozentpunkte auf 25,7 Prozent zurück. Cash schaffte es global mit 27,9 Prozent auf den größten Anteil am Portfolio, ein Plus von 0,7 Prozentpunkten. Zumindest unter den befragten Millionären haben offenbar einige ihre Immobilien-Investitionen zurückgefahren. Der Anteil sank um einen Prozentpunkt auf 15,8 Prozent.

In Deutschland waren diese Effekte sogar noch stärker: Der Anteil der Immobilien am Portfolio sank um 12,7 Prozentpunkte auf 17,8 Prozent. Die Kassenbestände stiegen im Gegenzug um 7,8 Prozentpunkte auf 27,4 Prozent. Meyer sagte, auch wenn die Umfragen nach Angaben der beteiligten Meinungsforscher repräsentativ seien, würde er aufgrund der geringen Grundgesamtheit der Millionäre die Aussagen zum Desinvestment in Immobilien nicht überbewerten. Es scheine aber „als Trend“ bei Millionären durchaus eine größere Vorsicht gegenüber Immobilien zu geben als früher.

Größere Anteile als früher an den Portfolios der Millionäre haben der Untersuchung zufolge alternative Investments, dazu zählen strukturierte Produkte, Hedgefonds, Derivate, Fremdwährungen, Rohstoffe und Private Equity. „Gerade bei den ganz Reichen hat Private Equity an Bedeutung gewonnen“, sagte Meyer.

Eine Besonderheit gebe es in Lateinamerika: Dort habe man es mit relativ vielen jungen Millionären zu tun. Diese setzten mehr auf Aktien als frühere Generationen. Nicht zuletzt deshalb habe der Aktienanteil dort gegen den Trend um 12 Prozentpunkte zugelegt – auf immerhin 32,7 Prozent.


Aus: "Neue Reichen-Studie : Die Zahl der Millionäre in Deutschland schrumpft" Christian Siedenbiedel (09.07.2019)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/finanzen/die-zahl-der-millionaere-in-deutschland-schrumpft-laut-capgemini-16274770.html

Quote
Letzen Monat gab es bei Ihnen noch ganz andere Werte

    Johann Sajdowski (urmensch), 09.07.2019 - 09:15

In der Infografik "Hier leben die meisten Millionäre" hatten die USA 14,7 Mio. davon, China 1,3 Mio., Japan 1,1 Mio., die Schweiz 500.000, GB, D, F, CAN und I je 400.000, Taiwan 200.000. - Was stimmt denn nun?
[Anmerkung der Moderation: Sehr geehrter Herr Sajdowski, vielen Dank für Ihre Anmerkung! Wir haben ihre Frage an das zuständige Ressort weitergeleitet und folgende Antwort erhalten: Es handelt sich um zwei Studien aus zwei Quellen, die Vermögen unterschiedlich definieren. BCG berücksichtigt nur einen Teil der sogenannten Alternativen Investments wie etwa Derivate oder Rohstoffe. GVor allem aber bleiben Immobilien komplett außen vor, während Capgemini nur die selbstgenutzten Immobilien aus der Betrachtung ausschließt. gerade letzteres dürfte die unterschiedlichen Zahlen hinreichend erklären. Wir hoffen, dass wir Ihnen damit weiterhelfen können. Viele Grüße! ]


Quote
Die Zahl der Millionäre in Deutschland schrumpft:

    Uwe Schweitzer (Mel230396), 09.07.2019 - 06:45

Sind denn schon Spendenkonten freigeschaltet ?


...

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9754
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #944 on: July 13, 2019, 03:31:20 AM »
Quote
[...] Das Adelshaus Hohenzollern erhebt einem Medienbericht zufolge Anspruch auf Tausende Kunstwerke von teils nationaler Bedeutung aus öffentlichen Museen in Berlin und Brandenburg. Dies gehe aus Unterlagen aus seit Jahren geheim laufenden Vergleichsverhandlungen mit der öffentlichen Hand hervor, berichtet der Tagesspiegel. Hohenzollern-Oberhaupt Georg Friedrich Prinz von Preußen verlangt demnach zudem dauerhaftes unentgeltliches Wohnrecht für die Familie im Potsdamer Schloss Cecilienhof oder zwei anderen Schlossvillen.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) ließ mitteilen, bei den Gesprächen mit Bund, Berlin und Brandenburg gehe es um eine dauerhafte Gesamtlösung für verschiedene Kunst- und Sammlungsgegenstände. "Zurzeit liegen die Verhandlungspositionen immer noch sehr weit auseinander", hieß es.

Hintergrund sei ein Gesetz aus dem Jahr 1926 über die Vermögensauseinandersetzung zwischen dem damaligen Staat Preußen und dem Haus Hohenzollern. Nun gehe es unter anderem um rechtliche Unklarheiten im damaligen Vertrag. Laut Tagesspiegel soll es sich um Sammlungsobjekte handeln, die sich heute vor allem bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und beim Deutschen Historischen Museum befinden. "Darunter befinden sich auch Gegenstände und Gemälde von erheblichem Wert und historischer Bedeutung", hieß es aus dem Staatsministerium für Kultur und Medien.

Die Hohenzollern zählen zum deutschen Hochadel, das derzeitige Familienoberhaupt ist Ururenkel von Wilhelm II., dem letzten deutschen Kaiser. Dem Bericht zufolge erweiterten die Hohenzollern zuletzt ihre Forderungen an die öffentliche Hand um Teile des früheren Hausarchivs und der Bibliothek der Preußenkönige sowie den Anspruch auf Wohnrecht.

Laut Tagesspiegel hatte Grütters' Stab die Forderung am 13. Juni per Brief abgelehnt. In dem Schreiben heiße es, dass die Vertreter Berlins, Brandenburgs und des Bundes keine geeignete Grundlage für Erfolg versprechende Verhandlungen sehen. Seit mindestens 2014 werde über strittige Eigentums- und Besitzverhältnisse verhandelt. Nach Informationen der Zeitung hatte das Adelshaus zwischenzeitlich die Leihverträge für Kunstwerke mit öffentlichen Museen gekündigt. Das Adelshaus habe auf Anfrage keine Details genannt, sondern von laufenden Verhandlungen gesprochen. Der Bund habe in dem Brief einen Gütetermin für den 24. Juli angesetzt, um zu beraten, ob es noch einen Lösungsweg gibt.

Bislang war lediglich bekannt, dass das Haus Hohenzollern für die Rückgabe früherer Immobilien kämpft – oder eine Entschädigung in Millionenhöhe für frühere Preußenschlösser, deren Rückgabe eindeutig ausgeschlossen ist. Zuletzt hatte das Landgericht Koblenz eine Klage von Georg Friedrich Prinz von Preußen auf Rückgabe des Schlosses Rheinfels gegen das Land Rheinland Pfalz abgewiesen.


Aus: "Prinz von Preußen: Hohenzollern erheben Anspruch auf Tausende Kunstwerke" (12. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/kunst/2019-07/prinz-von-preussen-hohenzollern-rueckforderung-kunst-kanzleramt

Quote
Der Quotenwagnerianer #4

Wieso checken diese ehemaligen Adelsgeschlechter eigentlich nicht, dass es seit 100 Jahren vorbei ist?
Der Adelsstand ist abgeschafft, jegliche Sonderrechte und Besitzsstände sind verwirkt.


Quote
Schelmchen #4.1

Ihre Worte in das Ohr der Reichsbürger, es gibt sogar Nichtadelige welche mental irgendwo zwischen Mittelalter und Renaissance leben. ...


Quote
TB42 #4.11

"Ich finde es etwas komisch, dass wir Milliardären ihr Erbe zustehen, aber Adelshäuer wie das der Hohenzollern, welche den modernen Nationalstaat Deutschland schufen haben kein Recht auf ihr Eigentum?"

Nun haben die Hohenzollern ja nicht nur Nationalstaaten geschaffen (zumal das ja wohl eher Bismarck war?), sondern auch so einen klitzekleinen Weltkrieg angefangen. Ups, kann ja jedem mal passieren ...


Quote
Tordenskjold #4.46

["Ich finde es etwas komisch, dass wir Milliardären ihr Erbe zustehen, aber Adelshäuer wie das der Hohenzollern, welche den modernen Nationalstaat Deutschland schufen haben kein Recht auf ihr Eigentum?"]

Glauben Sie diesen royalen Unsinn wirklich selber?

Wilhelm II war ein eitler Universaldilettant, der seinen Beitrag leistete um Europa ins Verderben zu führen.
Alle Reformen wurden von Sozialdemokraten gegen stärkste Widerstände erkämpft.
In Sachen Demokratie hinkte Deutschland unter den Hohenzollern den Franzosen und Briten hinterher.


Quote
various #4.29

Hallo,

mein juedischer Grossvater hat fuer seinen 'Aufenthalt' im Konzentrationslager-Mauthausen Gusen keinen Pfennig Entschaedigung erhalten, die polnisch-litauische Seite meine Familie nie einen Cent fuer die Gebiete, die meiner Familie durch die deutsche Enteignung und die darauf folgende Sovietherrschaft verloren gegangen sind. Unser Familiensitz ist heute eine Discothek und Vergnuegungspark -

Ja, sie werden diese Gebiete nie wieder sehen. Ihre wie meine Famlilie war Teil einer Macht und Besitzstruktur, die sich ueber Jahrhunderte in Europa entwickelt hat. Ob sie etwas fuer die Kriege konnte oder nicht - die Zeiten des Feudalismus sind vorbei.

Meiner Meinun nach sollte man die positiven Aspekte der Unverteilung von Macht und Eigentum sehen, und anachronistische Adelsgeschlechter dort hinschicken wo sie hingehoeren: In das Geschichtsbuch.


Quote
Ferndenker #4.39

Ja man kanns doch mal versuchen. Es geht vermutlich gar nicht darum, das alles durchzusetzen, sondern lukrative Vergleiche zu erwirken. It's all about the money.


Quote
Schelmchen #5

Wenn das Haus Hohenzollern so gerne ihre frühen "Besitztümer" zurückhaben möchten, so können sie gerne auch die Reparationszahlungen des ersten Weltkrieges aus dem Versailler Verträgen komplett übernehmen. Inklusive Zinsen, Schulden werden schließlich ebenfalls mit vererbt.


Quote
  Dohlenmann #22

Irgendwie anachronistisch und schon so bizarr, dass es fast charmant ist! ...


Quote
Schnucki3 #25

... und ich erhebe Anspruch auf den Erbteil meiner Eltern aus dem Treuhandvermögen der ehemaligen DDR und zwar in Bar...

Ja nee, ist klar.


...

"Eigentumsansprüche auf tausende bedeutsame Kunstwerke Wie der Streit zwischen Kaiser-Ururenkel und Bund eskalieren konnte" Thorsten Metzner (13.07.2019)
 Gemälde, Kunstschätze und ein Wohnrecht: Die Nachfahren der preußischen Herrscher erheben Ansprüche auf Museumsgüter. Nun eskaliert der Streit. Ein Überblick. ...
https://www.tagesspiegel.de/berlin/eigentumsansprueche-auf-tausende-bedeutsame-kunstwerke-wie-der-streit-zwischen-kaiser-ururenkel-und-bund-eskalieren-konnte/24588740-all.html

-

Quote
[...] Man kann den Vorgang als einigermaßen bizarr ansehen. Ein volles Jahrhundert ist vergangen, seit die deutschen Fürsten auf einen Schlag an Macht und Herrlichkeit verloren, hinweggepustet von ihren Untertanen, die es nach vier Jahren Krieg und Entbehrungen satt waren, sich länger von oben herab beherrschen zu lassen.

Die Hohenzollern traf es materiell vergleichsweise härter als manche Standeskollegen, zumal die Welfen und die Wittelsbacher. Deren Nachfahren erfreuen sich bis heute erheblicher Reichtümer. Soweit es allein um materielle Forderungen ginge, könnte man gedanklich folgen; wer versuchte heutzutage nicht, die Vergangenheit auf dem Klagewege für sich nutzbar zu machen.

Doch das Begehr von Hohenzollern-Prinz Georg Friedrich reicht weiter. Es geht ihm, kurz gesagt, um Geschichtspolitik. Ein Hohenzollernmuseum soll her. Und augenscheinlich soll ein solches Museum nicht nur die Biografien von Wilhelm und seiner Auguste Victoria erzählen, von den vier Friedrich Wilhelms auf dem Thron oder den drei Friedrichs. Nein, es geht offenbar um die die Deutungshoheit über die Geschichte. Denn was sollten die eingeklagten „Mitwirkungsrechte“ anderes ermöglichen, als eine gezielte Einflussnahme auf die Darstellung der regierenden Vorfahren?

Mögen die derzeitige Hohenzollern-Familie auf der ein oder anderen Immobilie Wohnrecht erhalten. Doch „Mitwirkungsrechte“ über die Ausleihe einzelner Kunstwerke, gar ein Gestaltungsrecht an einem Museum – eine solche Zumutung ist in einer aufgeklärten Gesellschaft ausgeschlossen. Im Lichte dieser Forderung erweisen sich die Hohenzollern-Wünsche als Beleg dafür, dass es am Verständnis der deutschen Geschichte der vergangenen einhundert Jahre ganz offensichtlich hapert.


Aus: "Eine Zumutung für die aufgeklärte Gesellschaft" Bernhard Schulz (14.07.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/bizarre-forderungen-der-hohenzollern-eine-zumutung-fuer-die-aufgeklaerte-gesellschaft/24591532.html

Quote
Sofie 14.07.2019, 17:47 Uhr
Lieber Herr Schulz,
das mit dem Wohnrecht meinen Sie wohl nicht ernst? ...


Quote
spreeathen 14.07.2019, 16:24 Uhr
Wohnrecht?

    Mögen die derzeitige Hohenzollern-Familie auf der ein oder anderen Immobilie Wohnrecht erhalten.

Viele Menschen in diesem Land suchen derzeit händeringend nach bezahlbarem Wohnraum oder haben wegen der explosionsartig angestiegenen Mieten Angst, dass sie ihre Wohnung, die sie vielleicht schon seit Jahrzehnten bewohnen, bald aufgeben müssen, weil sie die Mieten nicht mehr zahlen können.

Und da soll jetzt - hundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Abdankung Kaiser Wilhems II. - die Hohenzollern-Familie "auf der eine oder anderen Immobilie Wohnrecht erhalten" - vielleicht noch unentgeltlich und lebenslang?...


Quote
rixdorf 14.07.2019, 18:31 Uhr
Ging nicht vor ein paar Jahren durch die Medien, dass Deutschland seine letzte Rate an Reparationszahlungen aus dem ersten Weltkrieg gezahlt hat. Wie wäre es, wenn man den Gesamtbetrag der Reparationen der Familie Hohenzollern in Rechnung stellt und gegenrechnet. Da käme dann sicherlich ein erquickliches Sümmchen für den Staat bei raus. ...


Quote
A.v.Lepsius 14.07.2019, 17:08 Uhr
Die Deutschen sind ein undankbares Pack.

Mein Vorschlag: Es gibt gewiss Staaten auf dieser Erde, die sich mit einer repräsentativen Monarchie schmücken würden.
Disneyland ist auch immer auf der Suche nach einer neuen Attraktion, und ein Wohnrecht wäre bestimmt möglich.
Dann gibt es ja auch noch die vielen neuen Milliardäre, denen die Ideen zum Geldausgeben ausgehen und die sich bestimmt für skurriles begeistern können.

Einfach eine Anzeige bei einer Plattform einstellen: Adelsfamilie Leasing oder Kauf, Bedingungen Schloss und Krone, angemessenes Taschengeld.


...
« Last Edit: July 15, 2019, 09:11:02 AM by Textaris(txt*bot) »