Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 325599 times)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #770 on: August 27, 2018, 03:34:18 nachm. »
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[...] Zwei Saxofonistinnen stehen am Eingang der S-Bahn-Station Hermannstraße und entlocken ihren Instrumenten ein Hupen und Jaulen. Besonders schön geraten die Stellen, an denen sich das Neuköllner Ambiente direkt mit der Musik verbindet – wenn also ein Polizeiauto mit grellem Tatütata vorbeirast oder ein Busfahrer demonstriert, dass seine Hupe lauter ist als jeder noch so schrille Saxofon-Ton.

Die Initiative Neue Musik Berlin hatte zu dem kleinen Konzert am Freitag geladen – an den Ort, wo die Berliner S-Bahn angekündigt hatte, demnächst sogenannte atonale Musik spielen zu wollen. Nicht, weil man damit Fahrgäste beglücken wollte, im Gegenteil: um Herumlungerer und Trinker zu vertreiben, die sich vor dem S-Bahn-Eingang in zu hoher Zahl aufhielten.

Die Idee schlug Wellen: Lisa Benjes, Mitarbeiterin der Initiative Neue Musik, macht am Freitag deutlich, wie dumm und geschichtsvergessen der Vorstoß der Berliner S-Bahn-Betriebe sei. Benjes verweist darauf, dass der Begriff „atonale Musik“ Komponisten wie Arnold Schönberg und Alban Berg in den 1920er Jahren diskreditieren sollte.

Später wurde deren kompositorisches Schaffen von den Nazis zur sogenannten Entarteten Kunst gezählt. Und mit einer einst derart verfemten Musik wolle man nun gegen Menschen am Rande der Gesellschaft vorgehen? „Wenn man darüber nachdenkt, ist das, was hier geplant wird, wirklich nicht mehr lustig“, so Lisa Benjes.

Auch über die Ressentiments gegenüber einer Musikrichtung, die hier in platter Weise nur verstärkt würden, kann sie sich trefflich aufregen. Boulevardblätter hätten von „Grusel­klängen gegen Obdachlose“ fabuliert.

Benjes sieht darin die Instrumentalisierung einer Musikform, die eigentlich „auch Spaß machen soll“. Spaß macht es den Leuten, die zahlreich zum Bahnhofskonzert gekommen sind, sichtlich. Neben Musik gibt es belegte Brötchen, Kartoffelsalat und Bier. Die Message ist klar: Atonale Musik, wenn man sie denn so nennen mag, soll Menschen zusammenbringen, nicht spalten.

Vor dem S-Bahnhof Hermannstraße waren eher ruhige „atonale“ Klänge zu vernehmen. Ein Flötist spielte nach den Saxofonistinnen Glissandi mit sehr viel Pausen zwischen den Tönen. Danach war ein Cellist an der Reihe, der sich von einem Synthesizer begleiten ließ. Auch nichts, was als Musikfolter durchginge.

Dass auch jemand von der Berliner S-Bahn selbst am Freitag bei dem kleinen Konzert war, wurde am Tag darauf bekannt. Die S-Bahn Berlin GmbH bestätigte am Sonntag auf taz-Anfrage Zeitungsberichte vom Samstag, man wolle von der Sache mit der atonalen Musik in dem S-Bahnhof Abstand nehmen. Stattdessen will man es nun vielleicht mit Naturgeräuschen versuchen.

Gezwitscher gegen Biertrinker, Quaken gegen Obdachlose? Mal sehen, was die Vögel und Frösche von der Idee halten werden.


Aus: "Berliner S-Bahn: Atonal doch nicht ideal" Andreas Hartmann (26. 8. 2018)
Quelle: https://www.taz.de/Berliner-S-Bahn/!5528001/

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Jim Hawkins

In Hamburg haben sie das auch schon mal mit klassischer Musik versucht:
www.taz.de/!642665/

Mir ist schleierhaft, wo die Obdachlosen denn hin sollen. Man bekämpft nicht das Problem, sondern seine Sichtbarkeit.


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rero

@Jim Hawkins Es ging nicht um Obdachlose, sondern um Trinker und Junkies.

Die können durchaus Wohnungen haben und treffen sich trotzdem gern an öffentlichen Plätzen.


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Sisalbaum

@rero "Die können durchaus Wohnungen haben und treffen sich trotzdem gern an öffentlichen Plätzen."

So what?

Sind Plätze eigentlich noch öffentlich, wenn sich Teile der Öffentlichkeit dort nicht mehr aufhalten dürfen?


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SamS

Lesefrucht aus denäm MuWi-Studium: Schnulzige Volksmusik soll in manchen Städten tatsächlich gegen Treffpunkte jugendlicher Trinker geholfen haben. Vielleicht Silbereisen, Helene F. und die Herzbuben im Wechsel (kenn mich aber nicht so gut aus, das wurde im Studium kaum behandelt, vielleicht gibt es noch schleimigeres 😆).

Meine Vermutung: Die Jugend wäre gleich weg, und die älteren Trinker nach einer Stunde friedlich eingeschlafen... Ob die Lärmbelästigung aud den Lautsprechern besser ist, als die aus den feuchten Kehlen der Zecher, wage ich aber zu bezweifeln ...


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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #771 on: August 29, 2018, 12:34:14 nachm. »
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[...] Teurer, stärker, breiter - das Wettrüsten auf der Buckelpiste geht weiter und die Geländewagen wachsen immer mehr über sich hinaus. Wer dachte, dass dabei mit Bentley Bentayga und Rolls-Royce Cullinan der Gipfel erreicht wäre, den belehrt Maybach jetzt eines besseren. Ein Fahrbericht.

Um als Nachzügler überhaupt noch irgendwie aufzufallen, haben die Schwaben die Idee vom Luxus-SUV jetzt mit dem Vision Mercedes-Maybach Ultimate Luxury auf die Spitze getrieben. Die im Frühjahr in Peking enthüllte Designstudie tritt deshalb nicht nur protziger auf und ist prunkvoller ausgestattet als Bentley & Co. Sie folgt auch einem völlig neuen Karosseriekonzept und vereinigt erstmals die Idee vom SUV mit der einer Limousine.

Von vorn mag der Maybach deshalb noch aussehen wie ein gewöhnlicher Geländewagen. Doch von der Seite und vor allem von hinten zeigt der rote Riese mit seinem Stufenheck ein ungewöhnliches Bild, und dabei sind die turbinenartigen 24-Zoll-Felgen noch das unspektakulärste.

Natürlich muss man dieses SUV mit Stufenschnitt nicht schön finden, und um ehrlich zu sein, tut man sich damit wahrscheinlich sogar ein bisschen schwer. Aber der Wagen fällt selbst unter den Geländegängern auf - und um nichts anderes geht es in dieser Liga.

Auch innen trägt Daimler bei der Studie etwas dicker auf als die Konkurrenz. Wenn Geld keine Rolle spielt und man sich nicht um die maschinelle Fertigung kümmern muss, können die Designer aus dem Vollen schöpfen. Deshalb sitzt man im Fond auf weißen Loungesesseln und blickt auf ein Ambiente, das geprägt ist von großen Holzkonsolen und schillernden Oberflächen in Roségold.

Vor allem in China, wo mittlerweile die meisten Maybachs verkauft werden und wo die Studie maßgeblich gestaltet wurde, scheint die luxuriöse Ausstattung den Geschmack zu treffen.

Der Fokus auf Ostasien erklärt auch ein paar andere Details im noblen Fond: Das Bäumchen zwischen den Sitzen ist die chinesische Nationalpflanze. Und wo andere Luxusliner ein Barfach für Whiskey oder Champagner haben, wartet in der Mittelkonsole des Maybach bei exakt 85 Grad ein Service für grünen Tee. Selbst das Rot der Karosserie ist ein Tribut an den wichtigsten Markt - und deshalb der chinesischen Flagge nachempfunden.

Während die Hinterbänkler in einem bei Geländewagen bislang unerreichten Luxus schwelgen, muss der Fahrer ein paar Einschränkungen hinnehmen - zumindest in der Studie. Diese hat zwar Millionen gekostet, weil sie in mehreren Wochen von Hand aufgebaut wurde. Aber dafür muss man sie mit Samthandschuhen anfassen und kann sie kaum schneller als mit Schrittgeschwindigkeit bewegen.

Die Lenkung ist schwergängig, der Wendekreis riesig und die Geländegängigkeit endet am nächsten Kanaldeckel - schon eine Bordsteinkante zwingt die Ingenieure, die den Testwagen begleiten, zur Schnappatmung.

In der Theorie dagegen ist der Maybach so üppig motorisiert, wie es sich für den ungekrönten König der SUV gehört. Und obendrein ist er auch noch zukunftsfest, weil elektrisch angetrieben. An jeder Achse haben die Entwickler zwei Stromer vorgesehen und eine Systemleistung von 550 kW/750 PS in Aussicht gestellt. Damit sollte der Sprint von 0 auf 100 km/h in weniger als fünf Sekunden gelingen und das Spitzentempo locker bei 250 km/h liegen.

Und weil im Fahrzeugboden ein Akku von 80 kWh steckt, kommt das SUV im Smoking bis zu 500 Kilometer weit. Lange Wartezeiten an der Ladesäule mag Maybach den Kunden dabei nicht zumuten. Stattdessen gibt es ein Schnellladesystem mit 350 kW, mit dem man binnen fünf Minuten den Strom für 100 Kilometer zapfen kann.

Schön oder schaurig? Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, doch unbenommen hat Maybach mit dem Ultimate-Luxury-Konzept einen neuen Zugang zum boomenden SUV-Segment gefunden. Oder besser gesagt: hätte. Denn mehr als dieses Einzelstück wird es nicht geben.

Zu groß sind die Investitionen und zu klein die Stückzahlen, als dass sich eine eigenständige Entwicklung für die Luxusmarke lohnen würde. Doch vergebens war das Millionenprojekt trotzdem nicht. Denn zumindest macht es Lust auf den nächsten Mercedes GLS, den es auch als Maybach geben soll. Zwar ist er ohne Stufenheck, ohne Teeservice und auch ohne Elektroantrieb geplant - aber zumindest innen mit Loungesesseln und außen mit reichlich Lametta.


Aus: "Vision Mercedes-Maybach Ultimate Luxury im Test" (29.08.2018)
Quelle: http://www.fr.de/leben/auto/autotest/suv-im-smoking-vision-mercedes-maybach-ultimate-luxury-im-test-a-1572266

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« Reply #772 on: September 02, 2018, 03:38:31 nachm. »
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[...] Die Reichen werden in Deutschland immer reicher. Die Zahl der Millionäre hat in den letzten 15 Jahren um 85.000 zugenommen und liegt jetzt bei 1,4 Millionen, berichtet der Business Insider. Die Zahl der Millionäre steigt also, während die Reallöhne im Durchschnitt eher stagnieren und das Segment der Niedriglöhner wächst und wächst.

Am besten lebt es sich derweil an der Spitze bei den 1000 Reichsten, von denen knapp ein Viertel Milliardäre sind. Deren Vermögen nahm allein im vergangenen Jahr um 13 Prozent zu. 13 Prozent! Wie hoch war noch mal gleich ihre letzte Lohnerhöhung, verehrte Leserin, verehrter Leser?

Die deutsche Wirtschaftsleistung, das Bruttoinlandsprodukt, ist in dieser Zeit jedenfalls nur um 2,2 Prozent gestiegen, das heißt, die oberen 1000 haben nicht nur ihre Position gehalten, sondern ihr Stück vom Kuchen weiter vergrößert.

Dabei ist es nicht so, dass der Haufen, auf den der Teufel da mal wieder sein Geschäft gemacht hat, vorher klein gewesen wäre: Laut Focus wird das Vermögen der 1000 reichsten Deutschen auf 1,177 Billionen Euro geschätzt.

Um das mal ins Verhältnis zu setzen: Der Bund gibt in diesem Jahr rund 335 Milliarden Euro für all seine Aufgaben aus. Das heißt, vom Vermögen der 1000 Reichsten könnte das Land in gewisser Weise drei oder, wenn wir alle öffentlichen Haushalte zusammen nehmen, immer noch knapp zwei Jahre leben.

Nun kann man, wie es das Magazin macht, einfach alle jene, die sich an diesem obszönen Reichtum stoßen, als Neider abstempeln. Man kann auch nach Sündenböcken suchen, damit nicht allzu laut über das Naheliegende nachgedacht wird.

Letzteres wird ja von gewalttätigen Fußtruppen in Chemnitz derzeit eifrig getan und ein bestens situierter ehemaliger Berliner Finanzsenator und Bundesbanker, langjähriger Profiteur und Mitorganisator der Umverteilung von unten nach oben, liefert ihnen und ihren biederen Sympatisanten gerade jede Menge neue Argumentationshilfen.

    Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
    Art. 14 (2) GG

Man kann aber auch doch noch einmal über das Naheliegende nachdenken, sich an die vom Grundgesetz geforderte soziale Verantwortung des Eigentums erinnern und überlegen, was mit dem Geld alles Schönes angestellt werden könnte, wie mit ihm die schwer gebeutelten Beschäftigten in der Pflege besser entlohnt und dort mehr Arbeitsplätze geschaffen werden könnten.

Man könnte darüber nachdenken, wie die Grundschullehrer besser entlohnt und die Klassen verkleinert werden könnten, wie die Versorgung mit Ärzten wieder auf das Niveau der 1980er Jahre zu bringen wäre, wie in den Kommunen mehr Personal von der Kita über die Straßenreinigung bis in die Bauverwaltungen eingestellt werden könnte usw. usf.

Utopisch? Vielleicht müsste man ja einfach nur aufhören, Rattenfängern hinterher zu laufen, beginnen die richtigen Fragen zu stellen und sich umschauen, wie in der Vergangenheit und in anderen Ländern die kleinen Leute ihre Interessen durchgesetzt haben?


Aus: "Obszöner Reichtum: Die oberen 1000 haben jetzt über eine Billion Euro" Wolfgang Pomrehn  (02. September 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/news/Obszoener-Reichtum-Die-oberen-1000-haben-jetzt-ueber-eine-Billion-Euro-4152916.html

Quote
     schlägerpolizist, 02.09.2018 12:53

Aber, aber … der Trickle-down-Effekt!

Ja, aber was ist denn mit dem Trickle-down-Effekt, hä? Der besagt doch – und das wird uns doch immerzu in die Ohren getrötet – dass der Reichtum der oberen Zehntausend allmählich nach unten in die niedrigeren Schichten tropft und uns alle glücklich und reich und wohlhabend macht!!!einself111

Wie kann es denn da sein, dass die Vermögen der unteren Schichten – der Arbeiter, Angestellten und Kleinselbstständigen immer weniger werden, während das Vermögen der Reichen immer größer wird?

Kann es etwa sein, dass es genau umgekehrt ist? Kann es sein, dass in Wahrheit eine Umverteilung stets von unten nach oben stattfindet?
NEIN, NEIN, das kann doch gar nicht sein! Dann wären wir ja Jahrzehnte lang belogen worden und das würde doch niemand tun...


Quote
     BGMD, 02.09.2018 10:23

13% vs. 2%

Die Zahlen im Artikel sollten auch dem letzten einleuchten lassen, dass extremer Reichtum immer auf Kosten anderer angehäuft wird.


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« Last Edit: September 05, 2018, 05:14:31 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #773 on: September 04, 2018, 12:35:37 nachm. »
Quote
[...] Ann-Kathrin Volkmann hat stundenlang vor der Kamera gestanden, Erdbeerkuchen gegessen, Waffeln gebacken und mit Knutschmund ins Gegenlicht geguckt. Sie hat Ballons in den Himmel steigen lassen und ist mit ausgestreckten Armen in die Luft gesprungen. „Live everyday like it’s your last one“, hat sie unter dieses Bild geschrieben. Harte Arbeit, kombiniert mit Kalendersprüchen, die auf Instagram aussieht wie spontan eingefangenes Glück. #jump #havefun #sunshine.

Das Leben aus der Selfie-Perspektive. Volkmann wollte mit ihren Fotos zeigen, wie sie ihre Generation sieht.

Lisa Gessner hat für den Kunstunterricht einen Film gemacht. Darin sieht man sie, wie sie auf einer Wiese liegt und Musik hört. Von der Welt um sie herum bekommt sie nichts mit, aber das macht ihr nichts, sie ist ja in ihrer eigenen Welt. Snapchat, Instagram, Musik, dafür braucht sie nur Handy, Kopfhörer und Internet.

Die beiden Schülerinnen sind 17 Jahre alt, nächstes Jahr machen sie Abitur am Carl-Humann-Gymnasium in Essen. Sie gehören einer Generation an, die schon bei der Einschulung mit Smartphones und Tablets umgehen kann. Manchmal nennt man sie Post-Millennials oder Selfie-Generation, aber meistens Generation Z – diejenige nach den Generationen X und Y. Für sie ist es normal, Serien bei Netflix zu gucken, Musik zu streamen, sich die Weltlage von Youtubern und alle anderen Probleme von Google erklären zu lassen.

Nicht mal neun Millionen Menschen in Deutschland sind um die Jahrtausendwende geboren und jetzt 15 bis 24 Jahre alt. Aber sie sind die Zukunft. Deshalb interessiert man sich derzeit besonders in Unternehmen dafür, was da auf einen zukommt.

Wichtig zu wissen: Mehr als die Hälfte der Deutschen ist mit Autoatlanten, Schallplatten, Telefonzellen und Kaltem Krieg aufgewachsen. 47 Millionen sind 40 Jahre alt und älter. Sie haben zwar auch Handys und Apps, aber sie gehen ins Internet, die Generation Z lebt darin.

Lisa Gessner und Ann-Kathrin Volkmann sind Teil einer Schülergruppe des Essener Gymnasiums, die diese Frage im Kunstunterricht beantworten wollte: Wer sind wir eigentlich?

Wenn Soziologen eine Generation beschreiben, fassen sie Millionen von Menschen zusammen, die in einem Zeitraum von meist 15 Jahren geboren wurden, und ordnen ihnen bestimmte Eigenschaften zu. Weil sie in derselben Zeit aufgewachsen sind und dieselben gesellschaftlichen Entwicklungen erlebt haben, geht man davon aus, dass sie ähnlich geprägt sind. Weil Menschen aber sehr unterschiedlich sind und ihr Leben auch davon bestimmt wird, aus welcher sozialen Schicht sie kommen, sind solche Beschreibungen immer nur Tendenzen. Besonders dann, wenn es sich um Schüler, Studenten und Berufsanfänger handelt, von denen noch niemand weiß, wie sie wirklich einmal leben, denken und arbeiten werden. Der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann, der die Jugend seit Jahrzehnten erforscht, sagt: „Wir müssen abwarten, wie sich die Generation Z entwickelt. Aber es gibt schon einige Dinge, die wir wissen.“

Die Jahrtausendkinder sind mit Barack Obama, Angela Merkel, Miley Cyrus, Justin Bieber und „Fack ju Göthe“ aufgewachsen, in einer Zeit relativ großen Wohlstands, zumindest in Deutschland. Als Terroristen 2001 die Flugzeuge ins World Trade Center steuerten, waren Lisa Gessner und Ann-Kathrin Volkmann gerade geboren, zu Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007 noch in der Grundschule. Sie haben nur wenige globale Krisen bewusst erlebt.

Aber sie bekommen nun mit, wie vieles, das lange unzerstörbar schien, zu zerfallen droht: Europa, Demokratien, die stabilen Machtverhältnisse in der Welt. Sie wachsen mit Debatten über selbstfahrende Autos und Künstliche Intelligenz auf, in einer Zeit großer Umbrüche und großer Angst.

Im Kunstraum in Essen hängt ein Plakat, das die Schüler gestaltet haben. Darauf ist das Zimmer eines Jugendlichen zu sehen. Im Schrank: ein Levi’s-T-Shirt, ein Adidas-Kapuzenpullover, Sneakers von Nike. Der Bewohner sitzt auf seinem Sofa und macht ein Selfie. ...

„Hotel Mama“ steht auf dem Plakat, weil die Mutter nebenan die Wäsche wäscht. Das sagt nicht alles, aber schon viel.

Die Generation Z ist nicht rebellisch. Warum auch? Es ist ja alles erlaubt: Männer dürfen Männer lieben, Frauen dürfen Frauen lieben, Haare dürfen blau oder grau sein, und wenn in der Nase Ringe und Holzkeile stecken, regt das keinen mehr auf. Auch die Eltern nicht. Die sind ja nun auch ewig jung, tätowiert und tragen Slim-Fit-Jeans, die über den Knöcheln enden. Wieso also nicht mit der Mutter Schminktipps austauschen und das anziehen, was alle anderen auch tragen?

„Ich erzähle meiner Mama alles von meinem Leben. Wir haben ein sehr enges Verhältnis.“ (Maja Klöß, 17)

Ein sehr enges Verhältnis zu den Eltern und der Familie ist typisch für die um die Jahrtausendwende Geborenen. Sie lassen sich gern umsorgen, die meisten wollen ihre Kinder so erziehen, wie ihre Eltern sie erzogen haben, und sie wollen heiraten. In einer Welt, in der sich alles sehr schnell verändert, suchen sie nach Sicherheit.

„Vielleicht hat es bei uns den Anschein, dass wir faul sind, weil wir uns wie die Generation vorher alle Optionen offenhalten. Aber wir wissen oft nicht, was wir machen wollen, weil es so viele Möglichkeiten gibt.“ (Julia Schulz, 17)

Die Schüler wissen, dass sie sich auf eine ungewisse Zukunft mit einer guten Ausbildung am besten vorbereiten. Deswegen machen mittlerweile knapp 50 Prozent eines Jahrgangs Abitur, fast doppelt so viele wie noch vor 30 Jahren. Deswegen wollen auch so viele studieren: Im vergangenen Studienjahr gab es 512.000 Studienanfänger, 150.000 mehr als zehn Jahre zuvor. Viele Schüler wählen ihre Leistungskurse so, dass sie den besten Schnitt bekommen, die Studenten ihre Fächer so, dass sie einen Job finden. Die beliebtesten Studiengänge sind Betriebswirtschaftslehre, Maschinenbau und Jura.

Die Jugendlichen sind ehrgeizig und pragmatisch, aber auch unsicher. Fast jeder dritte bricht sein Studium in den ersten Semestern ab, viele reisen nach der Schule erst einmal durch die Welt, bevor sie entscheiden, wie es weitergeht. Denn sie sind jung. Mit 17 oder 18 haben sie Abitur und wahrscheinlich schon mehr Länder gesehen als ihre Großeltern bis zum Tod. Es ist eine globale Generation, die die Welt nur ohne Grenzen kennt. Die Jahrtausendkinder aus der Mittelschicht können Englisch, gehen selbstverständlich ins Ausland und sind über soziale Netzwerke mit Menschen aller Kontinente verbunden. Das mache sie weltoffener und toleranter, sagen Wissenschaftler.

Sie sagen auch, dass die Mehrheit der jungen Menschen in Deutschland ihrer Zukunft optimistischer entgegenblicke als die Generationen zuvor. Obwohl sie sich nach Sicherheit sehnen. Der große Unterschied zu früheren Generationen ist nämlich, dass die Generation Z in einer Zeit aufwächst, in der den Unternehmen der Nachwuchs ausgeht. Sie kann es sich leisten, anspruchsvoll zu sein.

„Ich möchte etwas machen, worin ich einen Sinn sehe. Das ist mir wichtiger, als viel Geld zu verdienen.“ (Lara Sechtin, 17)

„Ich will einen Mittelweg finden. Also gut über die Runden kommen, weil ich es von zu Hause nicht anders kenne, aber ich will auch Spaß haben an meinem Beruf und Zeit für die Familie, weil ich Kinder haben möchte.“ (Laura Wiechert, 17)

„Viele überlegen, welche Berufe es in Zukunft überhaupt noch geben wird. Welcher Beruf wird nicht gleich von einem Roboter übernommen? Wo werden wir noch lange Zeit Menschen brauchen?“ (Lara Sechtin, 17)

Sie wollen einen sicheren Job, den sie als sinnvoll empfinden, und genug Zeit für das übrige Leben haben. Die Schüler in Essen sagen, was auch in Studien über sie steht: Beruf und Freizeit sollen getrennte Lebenswelten sein. Familie und Kinder vor Karriere. Und bitte keine Überstunden! Denn die um die Jahrtausendwende Geborenen wollen keine Burnout-Generation sein.

Sie wissen, dass sie Ansprüche haben, die nicht jedem Arbeitgeber gefallen. Aber sie sind wenige, und sie sind die Zukunft. Das wissen sie auch.

...




Generationen in Deutschland (nach Klaus Hurrelmann)

Die Nachkriegsgeneration (1925–1940) fand ein zerstörtes und demoralisiertes Land vor. Das schweißte die jungen Menschen zusammen. Sie wurden zu einer pragmatischen und skeptischen Generation, die nur das tat, was nötig war, und in erster Linie überleben wollte.

Die 68er-Generation (1940–1955) wuchs nach den Aufbauerfolgen der Eltern in einer entspannten wirtschaftlichen Lage und in einer funktionierenden Demokratie auf. Ein Teil der Jugend setzte sich sehr kritisch mit der autoritären Haltung und der Nazi-Vergangenheit der Eltern auseinander. Dieser Konflikt gilt bis heute als politische Revolution einer jungen Generation.

Die Babyboomer (1955–1970) sind zahlenmäßig die stärkste Generation in Deutschland und dominierend in Gesellschaft, Wirt-schaft und Politik. Tendenziell sind sie die Kinder optimistischer Eltern, beruflich sehr ehrgeizig und politisch aktiv.

Die Generation X (1970–1985) wuchs ebenfalls in Sicherheit auf, obwohl sich wirtschaftlich schon Krisen abzeichneten. Wegen der geburtenstarken Vorgängergeneration blieb vielen der Zugang zu verantwortungsvollen beruflichen Positionen verwehrt.

Die Generation Y (1985–1999) war oft Gegenstand klischeehaft geführter Debatten. Die jungen Leute haben politische Span- nungen, Terroranschläge und globale Kriege miterlebt, gelten als die erste Generation „digitaler Eingeborener“ und wissen, wie unberechenbar die Zukunft ist. Ihre sinnsuchende Grundhaltung hat ihnen das Etikett „Generation Why“ eingebracht. Charak- teristisch ist ihr starker Selbstbezug und das permanente Abwägen von Alternativen.

...


Aus: "Generation Z: Erst das Vergnügen, dann die Arbeit" Sophie Burfeind (2018)
Quelle: https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2018/personal/generation-z-erst-das-vergnuegen-dann-die-arbeit

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« Reply #774 on: September 04, 2018, 01:14:58 nachm. »
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[...] Außer in Leipzig, Dresden und Chemnitz arbeiten 40 Prozent aller Beschäftigten in Sachsen im Niedriglohnsektor. Das belegen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, die dem MDR vorliegen. Demnach ist die Lage in drei sächsischen Landkreisen sogar noch gravierender. Im Vogtlandkreis, dem Erzgebirgskreis sowie dem Landkreis Görlitz arbeitet sogar die Hälfte aller erwerbstätigen Menschen im sogenannten Niedriglohnsektor.

In Thüringen zeigt sich die Lage im Kyffhäuserkreis, in Sachsen-Anhalt im Landkreis Stendal ähnlich brisant. Auch hier arbeitet die Hälfte aller Beschäftigten nur für einen niedrigen Lohn. In Leipzig, Chemnitz und Dresden liegt der Anteil der Niedriglöhner bei 30 Prozent.

Tariflöhne im Westen seien 27 Jahre nach der Wiedervereinigung deutlich höher als im Osten, monierte die Abgeordnete im Sächsischen Landtag von Bündnis 90/Die Grünen, Petra Zais. Sogar innerhalb der Tarifverträge seien Lohnabstriche bis sechs Prozent möglich. Hinzu komme das Phänomen, dass sich in Sachsen immer weniger Unternehmen überhaupt an Tarife binden.

... Die niedrigen Löhne in vielen Branchen führen langfristig auch zu niedrigen Renten unter der Armutsgrenze.

Die Leipzigerin Regina Richter hat 51 Jahre gearbeitet. Jetzt bekommt die Friseurin nach Abzügen eine Rente von 626,80 Euro. "Was mich am meisten geschockt hat, war die Tatsache, dass an meinem Rentenbescheid der Antrag für die Grundsicherung steckte", sagte sie. "Meine Rente ist niedriger als mein Mindestlohn-Gehalt." Vorher hatte die Leipzigerin viele Jahre nur für einen Stundenlohn von fünf Euro gearbeitet. ...

Die Friseurin Richter forderte, dass sich am Rentensystem etwas ändern muss und Beschäftigte sollten sich gegen die Ungleichheiten wehren. Viele Menschen seien noch immer prekär beschäftigt und könnten nicht von ihrem Geld leben, so Richter. Beim Streik der Zulieferer in Sachsen habe man gesehen, was passiert, wenn sich die Menschen das nicht mehr gefallen lassen.

Landtagsabgeordnete Zais appellierte: "Es handelt sich hier nicht um einen bedauerlichen Einzelfall, es betrifft wirklich breite Schichten. Viele Menschen rutschen unter die Armutsgrenze, dieser Zustand ist nicht haltbar." Das Horrorszenario, das mit den Mindestlöhnen viele Arbeitsplätze verloren gehen, sei nicht eingetreten. Zais bezeichnete die Agenda 2010 als "größte Deregulierung ohne Abfederung". 

Es habe eine beachtliche Entwicklungen auf dem sächsischen Arbeitsmarkt gegeben, so Thum. Die Arbeitslosenzahlen seien gesunken. Die Angleichung der Einkommensunterschiede komme langsam, aber sie komme. Es brauche jedoch Geduld.


Aus: "Fakt ist! aus Dresden: Aufstocker, Minijobber, Niedriglöhner - arm dran im reichen Deutschland "
Katrin Tominski  (MDR Fakt ist! | 04.09.2017 | 22:05 Uhr), Zuletzt aktualisiert: 05. September 2017
Quelle: https://www.mdr.de/sachsen/fakt-ist-niedriglohn-102.html


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« Reply #775 on: September 05, 2018, 11:07:37 vorm. »
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[...] Der Elitenforscher und Soziologe Michael Hartmann problematisiert in seinem Buch "Die Abgehobenen. Wie die Eliten die Demokratie gefährden" die gesellschaftlichen Folgen von sozialer Exklusivität der Mächtigen im Lande. Was zunächst wie ein Diskursbeitrag zum Populismus klingt, kann sich auf fundierte sozialwissenschaftliche Studien stützen – und geht einher mit beachtenswerten politischen Warnungen. ...

Sein neues Buch bilanziert deren Ergebnisse im Lichte der erwähnten Problematik. Bereits in der Einleitung formuliert Hartmann als zentrale These: "Die Eliten sind in ihrer großen Mehrheit inzwischen so weit von der breiten Bevölkerung entfernt, dass sie zunehmend Schwierigkeiten haben, deren Probleme zu erkennen und die Folgen ihrer Entscheidungen für die Bevölkerung zu verstehen" (S. 9). Zur Elite gehören für Hartmann nicht Prominente und Reiche, sondern nur die Personen, die etwa in Politik und Wirtschaft reale Macht ausüben können. Der Autor blickt zunächst auf die soziale Herkunft und stellt fest, dass sie dadurch in Einstellung und Habitus geprägt sind und entsprechend denken und handeln. Daraus folgt: "Die Eliten in den großen westlichen Industriestaaten sind überwiegend sozial exklusiv und homogen." Deren Haltung "zu sozialer Ungleichheit und neoliberaler Politik wird entscheidend durch ihre soziale Herkunft geprägt" (S. 29).

Der Blick nach Großbritannien und den USA zeige, dass dort Politiker aus der Upperclass Politik für die Upperclass machen würden. Als deren gesellschaftliche Folge stiegen die sozialen Unterschiede an. Dabei handele es sich um ein internationales Phänomen, das eben auch für Deutschland konstatiert werden könne. Einher gehe damit eine besondere Deutung, welche der eigenen Interessenlage entspreche: kriminelle Finanztricks werden legitimiert, Steuerhinterziehung als Kavaliersdelikt betrachtet, Steuerforderungen als staatlicher Raubzug diffamiert. Damit lebe die Elite mental und sozial in ihrem eigenen Kosmos. Hartmann erklärt sich dadurch auch den Rechtspopulismus, der damit eingehenden Unmut aufgreife. Als Alternative fordert er eine Politik jenseits des Neoliberalismus und eine Orientierung am Schlüsselwort der "sozialen Gerechtigkeit". Dazu heißt es bezogen auf Konsequenzen: "Die Veränderung der Labour Party unter Jeremy Corbyn zeigt, wie eine solche Wende inhaltlich und personell aussehen müsste" (S. 249).

... Mit der Berufung auf eine Fülle von eigenen und anderen sozialwissenschaftlichen Studien macht der Autor deutlich, dass nicht wenige gesellschaftlichen Probleme mit der sozialen Exklusivität der mächtigen Eliten zusammenhängen. Gerade deren Abgeschlossenheit wird als Problem ausgemacht, ist doch auch Deutschland mehr eine Eliten- und weniger eine Leistungsgesellschaft. Mitunter neigt Hartmann aber auch zu Vereinfachungen. So hat der Aufstieg des Rechtspopulismus zwar auch etwas mit der Abgehobenheit von mächtigen Eliten und der Anstieg von sozialer Ungleichheit zu tun, lässt sich aber angesichts von noch anderen Bedingungsfaktoren allein oder primär nicht darauf zurückführen. Auch stellt sich die Frage nach den politischen Alternativen noch genauer, wenngleich Antworten darauf nicht die Aufgabe eines Soziologen sein müssen. Insgesamt handelt es sich gleichwohl um eine beachtenswerte Studie.

Michael Hartmann, Die Abgehobenen. Wie die Eliten die Demokratie gefährden, Frankfurt/M. 2018 (Campus-Verlag), 276 S., ...


Aus: "Die Abgehobenheit der Eliten – aus soziologischer Sicht" Armin Pfahl-Traughber (31. Aug 2018)
Quelle: https://hpd.de/artikel/abgehobenheit-eliten-soziologischer-sicht-15899


Quote

rainerB. am 31. August 2018 - 22:31

Glückwunsch Herr Rezensent! Sind Sie doch nach ca. 2 Jahren und zahlreichen Rezensionen zum Thema des sog. "Rechtpopulismus" nun doch bei den eigentlichen Ursachen angelangt. Mit einem kritischeren Blick hätten Sie schon viel früher bei Ihren vielen dbzgl. Buchbesprechungen die Spreu vom Weizen trennen und die Leser besser orientieren können.

Sie fanden es aber stets interessanter, propagandistische Populismus-Definitionen auf dem hpd nachzuplappern, wie z.B. 'Populisten würden einen Gegensatz zw. Volk und einer Elite konstruieren' - als ob es diesen gar nicht gäbe...

Und auch jetzt wollen Sie die Hauptursache immer noch bestreiten: "Mitunter neigt Hartmann aber auch zu Vereinfachungen. So hat der Aufstieg des Rechtspopulismus zwar auch etwas mit der Abgehobenheit von mächtigen Eliten und der Anstieg von sozialer Ungleichheit zu tun, lässt sich aber angesichts von noch anderen Bedingungsfaktoren allein oder primär nicht darauf zurückführen." Nicht primär??

Da frage ich mich, welche "anderen Bedingungsfaktoren" es stattdessen sein sollen?? Der "Aufstieg des Rechtspopulismus" hat sehr wohl primär mit wachsender soz. Ungleichheit zu tun, denn diese verschafft ihm überhaupt erst die massenwirksame Klientel, ohne die Rechtsautoritäre über einen begrenzten Einfluss nicht hinauskommen würden!

Es ist ein Armutszeugnis für den hpd, bzgl. "Populismus"-Diskussionen über zwei Jahre hinweg nicht aus einem parteienbezogenen Links-Rechts-Schema und polit. Korrektheit herausgefunden zu haben!

Und auch mit dieser Rezension sind Sie leider sehr spät am Thema "Wie die Eliten die Demokratie gefährden", denn schon im April hat Paul Schreyer fast gleichlautend getitelt: "Die Angst der Eliten - Wer fürchtet die Demokratie?" und aus demokratischer Sicht tiefgründig beantwortet.

Bleibt nur zu hoffen, dass nun auch der hpd wegkommt vom nicht zielführenden 'Populisten wollen die Demokratie abschaffen' und endlich erkennt, dass große Teile der etablierten Eliten in DE wie auch der EU schon seit Jahren mit nichts Geringerem beschäftigt sind!


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malte am 1. September 2018 - 12:00

Das Problem mit dem Eliten-Begriff der Rechtspopulisten ist doch, dass hier gar nicht real existierende Eliten angegriffen werden, sondern der politische Gegner einfach willkürlich als Elite definiert wird. Insofern kann man hier sehr wohl von einer Konstruktion sprechen. [Wenn Rechtspopulisten von "Eliten" sprechen, sind damit nicht real existierende Eliten - also Menschen, die reale Macht ausüben - gemeint, sondern ein bestimmtes kulturelles Millieu. In diesem Weltbild, auf das der Begriff "verquer" tatsächlich passt, gehört ein Mensch, der in einer Großstadt lebt, in einem prekären Job in der Medienbranche arbeitet, morgens Soja-Latte trinkt und schon mal gehört hat, was das Wort "Gender" bedeutet, angeblich zu den Eliten, während der Kleinunternehmer aus dem Vorort, der zwei Autos in der Garage stehen hat und jeden Samstag im Schützenverein vorbeischaut, angeblich "den kleinen Mann auf der Straße" darstellt. Siehe auch den Text "Wer Elite ist, bestimmen wir" von Bernhard Torsch in konkret 1/17.]


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« Reply #776 on: September 05, 2018, 11:51:20 vorm. »
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[...] Spiegel Online ... wo nervtötende bewegte Werbeflächen ein konzentriertes Lesen der Texte erheblich behindern. Um lesen zu können, müssen Leser das Browserfenster auf die Breite der mittleren Spalte reduzieren. Adblocker sind nicht mehr möglich. Statt sich zu fragen, warum die Leser Adblocker nutzen wollen, sperrt Spiegel Online deren Nutzer aus.

Weil die Verzweiflung offenbar groß und die Werbeflächen immer noch nicht genug Umsatz bringen, führte Spiegel Online die Werbung über die gesamte Seitenbreite ein - quer über die mittlere Textspalte. Erstmalig am 07.07.2018 stellte Spiegel Online eine solche Maximalwerbung für den BMW i8 Roadster in den oberen Bereich der Startseite. Vom ersten Artikel war nur noch ein 2-Zeiler zu sehen, dann folgt die riesige Werbefläche, und erst nach dem Herunter-scrollen ging es redaktionell weiter.

Bemerkenswert bei dieser Werbung: Versteht sich Spiegel Online als Medium für die Zielgruppe potentieller Käufer von 155.000 € - Autos? Das würde die wirtschaftspolitische Ausrichtung erklären. Andererseits zeigte Spiegel Online am 27.08. eine ebenso bildschirmfüllende Werbung für eine Casting Show, die die entgegengesetzte Zielgruppe anspricht. Nach der Devise "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" erklärt das viele Werbekunden-orientierte Minnesänger Artikel - und fehlende kritische Inhalte.

Die experimentelle Spiegel-Tochter bento geht noch weiter und führt Leser mit "native advertising" in die Irre, also Werbe-Artikeln, die von bento Redakteuren im bento-Layout geschrieben werden, aber lediglich eine irreführende Werbung sind. In Printausgabe Nr. 17 / 2014 lehnte der Spiegel noch ab, was er unter Brinkbäumer, Hans und Hass einführte: "Eine Gefahr für den unabhängigen Journalismus ist das nicht - der findet hier ohnehin kaum statt.

... Symptomatisch für den journalistischen Niedergang des Spiegel ist die Kündigung des vielfach preisgekrönten Journalisten Harald Schumann. Dieser erlebte seit 1999, dass Artikel abgelehnt wurden, die "zu kritisch, zu links, nicht angepasst genug" waren. So schrieb Schumann u.a. einen positiven Artikel über Windkraft, den Chefredakteur Aust ablehnte. Dass Fass lief über bei der berühmt-berüchtigten Spiegel Ausgabe 14/2004 "Der Windmühlenwahn" mit einer "haarsträubend falschen und manipulierten Titelgeschichte mit gefälschten Fotos und gefälschten Zitaten". Chefredakteur Aust, der "seine Pferdezucht im Landkreis Stade von Windrädern bedroht sah" gab die Anweisung, die Windkraft niederzuschreiben.

Beim Berliner Journalistenpreis 2010 erläuterte Schumann auch, wie Banken / Konzerne / Anzeigenkunden Druck auf Redaktionen ausüben, um kritischen Journalismus zu verhindern.

Schumann erklärte: "Es ist in der deutschen Presse gang und gäbe, dass Chefredakteure oder Ressortleiter ihren Untergebenen sagen, wie sie zu denken haben. Dass Vorgaben gemacht werden, was sie recherchieren dürfen, und was nicht. Und dass viele junge Kollegen daran gehindert werden, überhaupt kritische Journalisten zu werden, weil ihre Vorgesetzten das gar nicht wollen." Hand in Hand mit dem Verlust der Glaubwürdigkeit geht die Distanz zu den Lesern. Kommentarfunktionen wurden weitgehend abgeschaltet. Auf der Facebook-Seite werden vorwiegend banale "Panorama"-Themen gepostet. Die "Leserkonferenz" (Paul Schreyer berichtete unter "Inszenierte Offenheit", Katrin McClean unter "Ein Dinner mit den Überzeugten") war eine Farce wie Merkels inszenierter "Bürgerdialog".

Fast alle Massen-Printmedien befinden sich in der Krise. Die Bild verlor in den letzten 20 Jahren zwei Drittel ihrer Leser. Die Druckauflage der Süddeutsche Zeitung sank in den letzten 10 Jahren um 36 Prozent, die des Handelsblatts um 52 Prozent und die der ZEIT um 11 Prozent. Fast alle Zeitungen und Magazine rechnen sich ihre Verkaufszahlen mit teilweise verschleuderten ePapers schön. Springer hat seine Immobilien bereits verkaufen müssen, die FAZ liegt nur noch knapp über 200.000 Exemplaren und kann ihr Verlagsgebäude nicht mehr halten, die Welt verkauft nur noch 86.000 Exemplare, die taz fiel unter 50.000 und bettelt immer offensiver um Spenden. Bei der Funcke-Gruppe und Madsack werden immer mehr Redaktionen zusammengelegt und Stellen gestrichen.

In diesem Umfeld geht es auch beim Spiegel wirtschaftlich seit etwa 10 Jahren bergab. Die Abonnentenzahl sank um 26 Prozent. Die Zahl der verkauften Hefte sank seit 2008 von über 1 Million um 30 Prozent auf 704.656 im 2. Quartal 2018. Von 2007 bis 2014 sank der Umsatz der Spiegel-Gruppe um rund ein Fünftel. Spiegel Online hat zwar erheblich hinzugewonnen und erzielt mit rund 40 Millionen Klicks pro Monat nach bild.de unter den Websites der Massenmedien die größte Reichweite, ist aber zu klein, um die Umsatzverluste vor allem beim alten Schlachtschiff - der Printausgabe - wettzumachen.

Konsequenz von Chefredakteur Brinkbäumer und Geschäftsführer Hass 2015: Jeder fünfte Vollzeit-Angestellte musste gehen, darunter 35 Angestellte aus der Redaktion. 2017 gab es Umsatzverluste von 11 Millionen Euro, die wahrscheinlich vor allem durch baldige Kündigungen kompensiert werden sollen.


Aus: "Neoliberaler Nachfolger für abgesetzten Spiegel-Chefredakteur" Jörg Gastmann (04. September 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Neoliberaler-Nachfolger-fuer-abgesetzten-Spiegel-Chefredakteur-4153348.html?seite=all

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     sadbydefinition, 04.09.2018 15:24

"für die Zielgruppe potentieller Käufer von 155.000 € - Autos"

    Versteht sich Spiegel Online als Medium für die Zielgruppe potentieller Käufer von 155.000 € - Autos?

Der Print-Spiegel besteht doch seit Jahren schon gefühlt aus mehr Werbung für teure Uhren, Autos und sonstigen Luxus-Kram als aus echten Artikeln! Anscheinend sind Spiegel-Leser allesamt Millionäre...


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     KarierterHut

mehr als 1000 Beiträge seit 15.07.2009
04.09.2018 15:49

    100 Permalink Melden

Re: "für die Zielgruppe potentieller Käufer von 155.000 € - Autos"

... Nein. Solche Werbung und ähnlich gelagerte Zeitschriften (z.B. für Uhren und Hifi) sollen die weniger Vermögenden zu mehr Leistung anstacheln. Das ist die Möhre die man ihnen vor die Nase hält. Wer sich keine goldene Rolex kaufen kann der blättert wenigstens in einer Zeitschrift mit bunten Bildern und träumt davon.

Und die Werbung vom i8 soll ja nicht den Verkauf des i8 ankurbeln sondern die Marke BMW als ganzes innovativ und leistungsfähig erscheinen lassen. Daher macht die Anzeige schon Sinn.



Quote
     etwasvernunft, 04.09.2018 20:15

Das mit dem "zu Leistung anstacheln" halte ich für sekundär

Ziel ist, den Statuswert des Käufers zu heben. Denn wenn keiner weiß, dass es diese Artikel (Luxusautos, Uhren etc.) erstens gibt und zweitens wie sie aussehen, dann sind sie für ihre Träger wertlos. Dann sagt niemand Ahh und Ohh, was muss das für ein wichtiger Mensch sein. Es hat die gleiche Funktion wie das Schloss in feudalen Zeiten, denen wir uns mit Riesenschritten wieder annähern.


Quote
     Twistie2015, Bettina Hammer

04.09.2018 16:24

Re: "für die Zielgruppe potentieller Käufer von 155.000 € - Autos"

sadbydefinition schrieb am 04.09.2018 15:24:

        Versteht sich Spiegel Online als Medium für die Zielgruppe potentieller Käufer von 155.000 € - Autos?

    Der Print-Spiegel besteht doch seit Jahren schon gefühlt aus mehr Werbung für teure Uhren, Autos und sonstigen Luxus-Kram als aus echten Artikeln! Anscheinend sind Spiegel-Leser allesamt Millionäre...


Eher nicht. Aber die Werbung ist ja zum einen gut um das steuerlich geltend zu machen für den Werbenden und funktioniert natürlich als Trigger - du siehst die Yacht oder die Rolex, begleitend gibt es dann die Prominews mit den Bildchen der Promis, die die Rolex tragen, mit Bildern von den Yachten, die gerade verkauft werden usw. Das wirkt als Anreiz - ach, hätte ich das nur auch. Dann ergibst du dich entweder in die Träume oder aber du versuchst, durch Arbeit auch so weit zu kommen.

In beiden Fällen wirst du aber nicht weiter die wenigen politischen Artikel lesen, egal wie einseitig, oder gar anfangen, diese kritisch zu begleiten.

Darum gibt es auch so viele Kommentare bei "in unserer WG will einer von uns nicht mehr putzen, was soll ich tun" oder "Brad und Angelina - Scheidungsverfahren wird schlimmer", während die wenigen politischen Artikel, die noch mit Foren aufwarten, verwaist sind.

Bento dagegen ködert die feministische Zielgruppe mit pseudofeministischen Artikeln über Menstruationsblutkunst, Schamlippenveränderung und Rasurverzicht (wie liberal, wie furchtlos, wow!) und lenkt sie brav auf Facebook und Co, wo noch diskutiert werden darf damit sich Spon rühmen kann, während sie aber kein Geld für Forenmoderation etc. ausgeben müssen.

die Themen werden kurz angerissen, in "ich finde auch..."-Manier abgehandelt und gut.

...


Quote
          fensterfisch, 04.09.2018 11:31

Vom "Sturmgeschütz der Demokratie" zur Güllepumpe des Neoliberalismus. Was für ein Abstieg.

Mfg FF


Quote
     Netzweltler, 04.09.2018 10:55


"Manager-Magazin" für neureichen Geldadel, "Spiegel" für den Pöbel aber inhaltlich auf gleicher Linie. So ist das in der neoliberal gehirngewäschten deutschen Gesellschaft.


Quote
     nt98b4, 04.09.2018 11:17

Re: "Manager-Magazin" für neureichen Geldadel, "Spiegel" für den Pöbel
Früher war es Bild für Herrn Maier und Spiegel für Dr. Maier.
So ändern sich die Zeiten...


Quote
     Naturzucker, 04.09.2018 09:30

    Beim Berliner Journalistenpreis 2010 erläuterte Schumann auch, wie Banken / Konzerne / Anzeigenkunden Druck auf Redaktionen ausüben, um kritischen Journalismus zu verhindern.

Harald Schumann über die "Innere Pressefreiheit" in Deutschland
Dankesrede von Harald Schumann, Preisträger Berliner Journalistenpreis 'Der lange Atem' 2010 - 1. Preis. Berlin, 03.11.2010
--> https://www.youtube.com/watch?v=xUc1zkO5QdA

Alleine der darin enthalteneLink war es wert, den Artikel zu lesen.


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« Reply #777 on: September 05, 2018, 04:03:22 nachm. »
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[...] Der Mann ist sehr schmutzig, als er schüchtern und ohne etwas zu sagen neben meinem Taxi stehen bleibt. Hier an der Nachrücke, unter den Gleisen des Hauptbahnhofs und über der Tunneleinfahrt, stehen in der Nacht rund 50 Taxis. Er hat nirgends gefragt, und so wie ich meine Kollegen einschätze, hätte es auch nicht viel Sinn gehabt. “Penner” bekommen hier nichts. Warum er neben mir stehen bleibt, weiß ich nicht. Vielleicht habe ich nicht so verächtlich geschaut wie manch anderer. Ich lasse das Fenster runter und Frage: “Hunger?”. Er nickt, sagt weiterhin nichts. Ich steige aus und hole mein Pausenbrot aus dem Kofferraum. “Käse und Salat, ok?”. Wieder nickt er, steckt die Stulle ein und das 2-Euro-Stück, das ich ihm in die Hand lege.
“Tanke.”
Neben der Taxihalte geht es ein, zwei Meter runter, dann ist dort eine dreckige Sandfläche. Ein riesiges Hundeklo, neben dem sich der Tiergartentunnel in die Erde schiebt.
Genau an dieser Stelle, nicht mehr als fünf Meter neben den fahrenden Autos, in der Dunkelheit unter den Bahngleisen, liegt seine Matratze. Ein alter Einkaufswagen steht daneben, Kartons, vermutlich sein ganzer Besitz. Minutenlang hantiert der Mann dort, legt Decken auf die Matratze, räumt sie wieder ab. Es sind jetzt minus 4 Grad, natürlich sollte er lieber in eine Obdachlosenunterkunft bei dieser Kälte. Aber die rund 800 Plätze reichen nicht für geschätzte 8-10.000 Menschen, die in Berlin auf der Straße leben.
Schließlich legt er sich hin, deckt sich mit zwei Mänteln zu. Neben meinem Wagen stehen drei Kollegen, rauchen und quatschen. Ich verstehe nur “Scheiß Geschäft”. Dabei bräuchten sie nur mal ein paar Meter weiter zu kucken, um zu sehen, wie dreckig es einem wirklich gehen kann.


Aus: "Unter’m Bahnhof" Aro Kuhrt,Taxi (15. Januar 2013)
Quelle: https://www.berlinstreet.de/6550

Quote
Bernd sagt: 15. Januar 2013 um 21:23 Uhr

*schluck*



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« Reply #778 on: September 05, 2018, 04:18:57 nachm. »
Quote
[...] Über den ganzen Stress der Zeit seit Dezember habe ich ganz vergessen, über das Hinterhaus zu berichten - das ist jetzt fast fertig, und ich freue mich auf das Vermieten. Es ist ein gutes Gefühl, so etwas zu haben und zu wissen, dass man nicht schreiben muss, was anderen behagt.

...


Aus: "Lebe wild und gefährlich" (Mittwoch, 29. August 2018, 22:50, von donalphons)
Quelle: https://rebellmarkt.blogger.de/stories/2697043/

Quote
colorcraze, Freitag, 31. August 2018, 20:49
Es ist ein gutes Gefühl, so etwas zu haben und zu wissen, dass man nicht schreiben muss, was anderen behagt.
Das freut mich sehr.
Es gibt so wenige Unabhängige, die es sich leisten können, auch mal einen Schritt zurückzutreten und sich das Bild aus weiterer Entfernung anzuschauen.
Oder im Gewühl mal einen Augenblick stehenzubleiben und nachzudenken.
Das ist so selten. Und so wertvoll.
Bleiben Sie uns erhalten.
Auch wenn ich nie in die Bezahlartikel schauen werde.


Quote
donalphons, Dienstag, 4. September 2018, 00:16
Das mit der FAZ wäre, das zeigt sich gerade, so oder so nicht mehr lange gut gegangen, da sind inzwischen massive Verwerfungen aufgetreten, auf diversen Ebenen, Leute sind gegangen, Mittel wurden gestrichen... und die Welt ist wirklich gut zu mir. Mag egoistisch klingen, aber das brauche ich gerade.

« Last Edit: September 05, 2018, 04:21:08 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #779 on: September 06, 2018, 01:41:10 nachm. »
Quote
[...]  Knapp jede dritte Frau zwischen 30 und 34 hat laut Statistischem Bundesamt einen Hochschulabschluss. Damit haben sie die Akademiker überholt.

Junge Menschen in Deutschland erreichen tendenziell einen höheren Bildungsabschluss als die Generation ihrer Eltern. Das zeigen die Ergebnisse des Mikrozensus 2017, den das Statistische Bundesamt in Wiesbaden veröffentlicht hat. Demnach verfügen 29 Prozent der 30- bis 34-Jährigen über einen Abschluss an einer Hochschule. Bei den heute 60- bis 64-Jährigen liegt der Anteil bei 19 Prozent.

Dass die junge Generation aufgeholt hat, zeigt sich vor allem bei Frauen: Über eine Generation hinweg hat sich der Anteil der Akademikerinnen laut der Erhebung verdoppelt. Bei Frauen im Alter von 30 bis 34 verfügten 30 Prozent über einen Hochschulabschluss; bei den 60- bis 64-Jährigen waren es nur 15 Prozent. Zum Vergleich: Bei Männern in der gleichen Altersgruppe sind es 27 Prozent, bei der älteren Generation 22 Prozent. Damit gibt es in Deutschland heute mehr junge Akademikerinnen als Akademiker. 

Den Mikrozensus gibt es seit 1957. Laut Statistischem Bundesamt stellt er Daten zur Struktur der Bevölkerung und deren wirtschaftlichen und sozialen Lage bereit. 


Aus: "Hochschulstatistik: Doppelt so viele Akademikerinnen wie vor einer Generation" (6. September 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/arbeit/2018-09/hochschulstatistik-frauen-hochschulabschluss-bildung

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« Reply #780 on: September 09, 2018, 01:10:05 nachm. »
"Weniger Moral, mehr Politik!" Bernd Ulrich (5. September 2018, 17:00 Uhr Editiert am 9. September 2018, 11:49 Uhr DIE ZEIT Nr. 37/2018)
Die einen regen sich über undankbare Flüchtlinge auf, die anderen über SUV-Fahrer. Empörung von allen Seiten. Aber es gibt einen Ausweg aus dieser Übermoral.
Kommentar zu: https://www.zeit.de/2018/37/moral-hypermoral-ideologiekritik-arnold-gehlen

Quote
Christian W. #11

Herrje Zeit-Online, kommt mal aus eurer akademischen Filterblase!
Die meisten Menschen da draußen interessiert es einen Scheiß, was sich irgendwelche Dozenten mit zu viel Tagesfreizeit an der Uni ausgedacht haben.
Meine Erfahrung ist, dass es genau andersherum ist, die Menschen werden immer unmoralischer, sie werden immer egoistischer, wollen alles haben, aber das darf nichts kosten, immer rücksichtsloser und der Grundrespekt ist auch weg.
Aber ich hänge ja auch privat nur mit normalen Arbeitern und Angestellten aus der unteren Mittelschicht rum und verkaufe Lebensmittel, vielleicht kommt ich daher auch zu anderen Ergebnissen.



Quote
Zivilisationswächter #11.1

Meine Erfahrung ist, dass es genau andersherum ist, die Menschen werden immer unmoralischer, sie werden immer egoistischer, wollen alles haben, aber das darf nichts kosten, immer rücksichtsloser und der Grundrespekt ist auch weg.

Sie meinen also, die grundlegende Arschlochisierung der Gesellschaft ist bereits weit fortgeschritten? Dem würde ich aus meiner Erfahrung heraus zustimmen.
Aber gerade das sollte doch die Notwendigkeit eines moralischen Handelns klar verdeutliochen, oder nicht?


Quote
Stehaufmann #11.2

Die Menschen sind nicht mehr "Arschloch", sondern es gibt immer weniger Gemeinsamkeit. Wenn es aber keine allgemeinverbindlichen Regeln mehr gibt, dann steigt die Anzahl der Interaktionen, die als "feindlich" wahrgenommen werden.

Eines der Gründe, warum ich immer wieder und wieder gegen "Neuaushandeln" von Zusammenleben eindringlichst warne ! Das ist nämlich nichts als Code für (heißen oder kalten) Bürgerkrieg .... verstehen die Meisten aber nicht !


Quote
Arnd-Matthias Langner #12

Früher war weniger Moral. Nicht in dem Sinne, dass die Menschen zu anderen Zeiten unmoralischer gehandelt hätten, gemeint ist etwas anderes: Der Geltungsbereich des Moralischen, ...scheint sich zuletzt rasant ausgedehnt zu haben."

Richtig. Und "früher" hat man vielleicht auch etwas trennschärfer unterschieden zwischen Moral einerseits und Phärisäertum bzw. Heuchelei andererseits.

Moral ist meine sehr individuelle Konsequenz aus meinen ethischen Prinzipien. Es ist meine genuine Entscheidung und ich(!) trage die kosten und Folgen meiner Überzeugung, statt sie anderen aufzuerlegen.

Heuchelei und an der ist der Zeitgeist überreich, ist das billige(!) Erheben moralischer Ansprüche an Andere. Andere sollen das tun was ich will - und was mir deswegen nicht weh tun würde wenn es gesetzlich geboten würde, und das lassen was mir ohnehin keinen Spaß macht und worauf ich deswegen auch nicht verzichten müsste, wenn ich VERBOT (für alle) schreie.

Ich will meinen Empathiekick und die Rechnung dafür möchte ich eigentlich gern vergesellschaften. Ich möchte in einem hömogenen Bullerbü leben und deswegen sollen gefälligst alle nach meiner Facon selig werden.

Gerade die Christen, die gern mit christlicher Moral argumentieren sind selten in der Rolle des armen Witwe, die ohne viel Aufhebens ihre Scherflein ihrer Überzeugung opfert, sie sind oft genug in der Rolle des Pharisäers mit dem erigierten moralischen Zeigefinger, der auf die Person (und in den Geldbeutel) des Nächsten zielt.


Quote
Tordenskjold #21

Ein gut formulierter Artikel, der am Ende aber lediglich nur den Begriff der Moral abwertet.

Quasi die akademische Variante des rechten Lamentos über die "Gutmenschen". Ja, die Moral der bösen "Teddybärschwenker" und "Veggie Day"-Befürworter ist oft widersprüchlich, anstrengend, intolerant.

Aber das Gegenteil ist der komplett moralbefreite völkisch/nationale Rassismus, der seine inhumanen Ansichten inzwischen komplett hemmungslos hinausposaunt.

Aber wo keine Moral mehr ist, da kann man sie natürlich auch nicht kritisieren.


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« Reply #781 on: September 10, 2018, 09:41:02 vorm. »
Quote
[...] Die Zahl der Leiharbeiter in Deutschland ist im Zeitraum von 2007 bis 2017 um 43 Prozent gestiegen. Das geht nach Angaben des Redaktionsnetzwerkes Deutschland (RND) aus einer Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor. Ende vergangenen Jahres waren demnach mehr als eine Million Menschen in Zeitarbeit tätig und damit so viele wie nie. Zehn Jahre zuvor waren es noch rund 720.000 Menschen gewesen.

Der Anteil der Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter an der Gesamtbeschäftigung lag damit im vergangenen Jahr bei 2,8 Prozent. In der Metallbearbeitung und im Lager- und Postbereich ist er mit 14,9 beziehungsweise 12 Prozent deutlich höher gewesen.

Leiharbeit soll Betrieben die Flexibilität ermöglichen, kurzfristig Personal aufzustocken. Sie soll vor allem Langzeitarbeitslosen und Geringqualifizierten die Chance bieten, in den Arbeitsmarkt zu kommen. Leiharbeiter erhalten einen deutlichen geringeren Lohn als andere Arbeitnehmer. 2017 betrug der mittlere Bruttolohn von Vollzeit-Leitarbeitern den Angaben zufolge 1.868 Euro monatlich, der von allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten 3.209 Euro.

Aus der Antwort geht dem Bericht zufolge auch hervor, dass Leiharbeit nur bedingt reguläre Beschäftigung ermöglicht. Demnach hatten rund 40 Prozent von den Menschen, die im zweiten Halbjahr 2017 ein Beschäftigungsverhältnis in Leiharbeit beendeten, 90 Tage danach noch keinen neuen Job. Rund 60 Prozent hätten in diesem Zeitraum eine neue Beschäftigung gefunden – etwa 40 Prozent von ihnen jedoch ein weiteres Mal in Leiharbeit.


Aus: "Anteil der Leiharbeiter auf Rekordhoch" (10. September 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-09/zeitarbeit-leiharbeit-bundesarbeitsministerium-beschaeftigung-zahlen

Quote
Saures für Mary #1

Nun bin ich verwirrt! Wird uns nicht immer erzählt, dass es uns Deutschen so gut geht?


Quote
Friedrich Nietzsche #1.1

Sind Sie Leiharbeiter?


Quote
Nennwert #1.4

Deutschland geht es fantastisch was die äußere Statistik betrifft ...


Quote
Justin Teim #1.5

Sie verstehen das falsch. Nicht uns Deutschen, sondern den Deutschen Unternehmen geht es gut.


Quote
  Mitch Ross #4

"In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Menschen in Zeitarbeit um gut 40 Prozent erhöht. Ein Übergang in einen regulären Job gelingt eher selten."

Und damit das auch so bleibt, ruft man seitens interessierter Kreise nach Fachkräften aus dem Ausland. Kann man die Nierdriglöhner so so prima gegeneinander ausspielen.


Quote
August S #4.1

Leider überlassen die Linken dieses Thema lieber Nazi-Parteien, verschreckt von einer von schwerreichen Milliardären finanzierten Presse, die natürlich beim Blick auf ihr Aktien-Depot auch keinerlei Sinn darin sehen, dieses Thema aus der Schmuddelecke herauszuführen.


Quote
IchSagJaNurMalSo #8

Die moderne Sklaverei nimmt immer weiter zu, wen wundert dies auch?
Daß eine ganze Branche Milliardengewinne mit dem "verleihen" von Arbeitnehmern erwirtschaftet finde ich eine sehr traurige Tatsache.
Die Politik schaut weiterhin tatenlos zu, denen kann es ja egal sein wie es den Menschen ergeht, welche mit Ihrer Arbeit zu niedrigsten Löhnen und Gehältern malochen gehen müssen um andere zu bereichern, welche diese "vermittelt" haben.
Hauptsache die Leute sind aus den Arbeitslosen-Statistiken raus.


Quote
parrot0815 #9

Leiharbeit soll Betrieben die Flexibilität ermöglichen, kurzfristig Personal aufzustocken. Sie soll vor allem Langzeitarbeitslosen und Geringqualifizierten die Chance bieten, in den Arbeitsmarkt zu kommen.

Soll soll soll... tatsächlich ist die Beschäftigung von Leiharbeitern eine langfristige Methode, um die Lohnkosten deutlich zu senken. ...


Quote
UniKrebsforscher #11

Die soziale Marktwirtschaft wird seit Jahren immer weiter ausgehöhlt, Gewerkschaften geschwächt. Ungebremster Kapitalismus ist nun mal menschenverachtend. Also nicht sonderlich überraschend.


Quote
Runkelstoss #17

Die Zahl der Menschen in befristeter Beschäftigung, die sachgrundlos entlassen werden können, hat in den Jahren 2016-2017 um 10% (!) zugenommen (Quelle DlF).

Ich gehe davon aus, das befristete Beschäftigung und Leiharbeit das Arbeitsverhältnis der Zukunft ist.
Das hat natürlich gravierende Konsequenzen für die ganze Gesellschaft, Altersarmut nur als ein Beispiel. Ich glaube dass die Eigentümer des Landes sich eine extrem abhängige und prekär beschäftigte Schicht von Arbeitern wünscht, die bereit ist, zu jeder Bedingung zu arbeiten.


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« Reply #782 on: September 10, 2018, 04:50:33 nachm. »
Kommentare zu: „Finanzkrise: Ein Oligopol der Großbanken“ – In der Finanzkrise haben wir die Chance verpasst, die Systemfrage zu stellen. Die Folgen sind gravierend: Wenn es ernst wird, müssen erneut alle einstehen. Ein Essay von Adam Tooze, New York | https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-09/finanzkrise-lehman-brothers-crashed-adam-tooze (10. September 2018)


Quote
Gumbalaya #8

“In der Finanzkrise haben wir die Chance verpasst, die Systemfrage zu stellen.”

Falsch! - WIR haben millionenfach diese und andere Fragen gestellt aber die Entscheidungsträger und Volksrepräsentanten haben sich dafür entschieden UNS zu ignorieren!


Quote
resto #8.2

Mit "wir'' kann der Schreiber meiner Meinung nach nur die Medien und die Regierenden meinen.


Quote
Erkos #13

Nein, WIR haben nicht verpasst, die Systemfrage zu stellen. ...


Quote
Des Teufels Anwalt #8.3

Das sind ja auch die relevanten.
Oder haben Sie echt geglaubt, SIE gehörten dazu?


Quote
wolf_niese #10

Die Bankenkrise 2008 wäre verhindert gewesen in den 90 Jahren zu Zeiten der postneoliberen Hypes der Bankenderegulierungen weltweit bis zum Lehmann-Crash mit einer Tobinsteuer (https://de.wikipedia.org/wiki/Tobin-Steuer) - die heute sprachlich verunglimpft als Finanztransaktionssteuer daher kommt und die Staaten es immer noch nicht auf die Reihe gekriegt haben...


Quote
tiefstapler #13.1

Wir leben in einer Finanzoligarchie mit demokratischen Applikationen.


Quote
AgeofAquarius #15

Der Artikel ist eine einzige Verharmlosung. Angeblich war mal wieder alles alternativlos.
In Wahrheit hat die politische Linke die Frage der Verteilungsgerechtigkeit für 30 Silberlinge in Form von multikulti-liberalen Freiräumen für privilegierte Bürgerzöglinge verscherbelt und sich mit den Großbanken verbündet.
Die Systemfrage überlässt man den Rechten. Die hofft man durch reine Verunglimpfung zum Schweigen zu bringen.
Damit erspart man sich das lästige Argumentieren.


Quote
JuliusU995 #17

1. Gewinne werden privatisiert
2. Verluste sozialisiert

Zack, da liegt das Problem. Das liegt am System ergo Bankenaufsicht. Daccord !
Aber auf Merkel rum zuhacken weil Sie meinte die Bankenrettung sei Alternativlos....
Möchte nicht wissen was passiert wäre in Deutschland hätte man die Banken und damit die Spareinlagen von Millionen von Bürgern einfach den Bach runter gehen lassen.
Schauen Sie nach Chemnitz, was passieren kann und stellen sie sich vor was passiert wäre hätte man die deutsche Bank z.b. implodieren lassen.


Quote
MowKow #18

"In der Finanzkrise haben wir die Chance verpasst, die Systemfrage zu stellen. "

"WIR" ? Wen meint denn der Autor mit "wir" ?

Die Occupy Bewegung wurde mit Hilfe der Polizei geräumt und die Bankenrettung auf Kosten der Bürger von der Politik als "alternativlos" durchgedrückt. Kritische Stimmen wurden von der Presse/Politik ignoriert oder gar denunziert Während man Kollateralschäden wie Griechenland/Portugal/Irland unter Aufsicht stellt, können die für die Krise verantwortlichen Banken weiterhin schalten und walten wie es ihnen gefällt die Systemfrage wurde von der Poltitik nie gestellt ...


Quote
BlauPeterBlau #18.1

---Die Occupy Bewegung wurde mit Hilfe der Polizei geräumt und die Bankenrettung auf Kosten der Bürger von der Politik als "alternativlos" durchgedrückt----

Den Bürger in Deutschland hat das kaum was gekostet. Er hat von den Milliarden, die vorher verteilt wurden und von denen auch der Fiskus gefüttert wurde massiv vorab profitiert.
Das wird nie berücksichtigt. Man muß sich privat auf die nächste Krise halt etwas besser vorbereiten. Gelder auf Konten unter 100.000 halten, Also besser auf mehrere Konten verteilen.
Häuser so früh wie möglich abbezahlen, am besten mit Sondertilgungen. Dann klappt das auch. Alles nur Panikmache.


Quote
Alex Vanderbilt #22

"In der Finanzkrise haben wir die Chance verpasst, die Systemfrage zu stellen."

Oh nein! Damit kommt ihr nicht davon! Die Systemfrage wurde gestellt. Mehrfach. Island hat sie beispielsweise auch beantworte, wie sie hätte überall beantwortet werden sollen. In D und dem Rest Europas und der Welt wurde sie vielmehr abgetan und ignoriert, weil das Weiter So bequemer und profitabler war. Die Frage wurde gestellt. Was nicht getan wurde, war, sie auch umfassend und für die Bürger zufriedenstellend zu beantworten. Das ist ein gewaltiger Unterschied, der auch die Schuld dorthin schiebt, wo sie hingehört: Zu den Banken, der Wirtschaft und der Politik. Nicht, wie hier versucht wird, zu den Bürgern. [ ... "Wenn es ernst wird, müssen alle einstehen." Müssen wir? Warum? Wo steht die Pflicht gesetzlich festgeschrieben, dass die Gesellschaft für die Zockerei von Banken und anderen Unternehmen einstehen muss? Vielmehr sollte man nicht dafür einstehen, diese Unternehmen und vor allem die leitenden Personen auf gigantischen Schadenersatz verklagen und diese der geschädigten Bevölkerung zu Gute kommen lassen. Der Markt regelt alles, heißt es immer so schön. Der Markt braucht den Staat nicht, heißt es immer. Ganz richtig! Und gerade bei Fällen von fahrlässiger Zockerei sollte man den Markt walten lassen, wie es sich gehört.
Alternativ können wir auch weiterhin einstehen. Allerdings das nächste Mal zu den Konditionen, die die Bevölkerung den Unternehmen aufzwingt, nicht zu den Konditionen der Unternehmen. ...]


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Die Macht der Banken ist nicht nur demokratiegefährdend, sondern antidemokratisch.(siehe Goldman Sachs SENSATION beim ZDF !!! Erwin Pelzig über Goldman Sachs, ihre Abteilungen und Personal https://youtu.be/XXLlrd5dKQc // [ Nihilistic Nietzsche
Nihilistic Nietzsche 2016, Die Kommentare kann man sich echt nicht antun. Die Juden regieren die Welt? Wer recherchiert kriegt schnell mit, dass z.B. J.P. Morgan nicht jüdisch ist, genauso wenig wie Rockefeller, auch wenn beides permanent behauptet wird. Sind die Chefs der deutschen Bank Juden? Wladimir Putin ist auch kein Jude und verfügt über ein Vermögen von 40 Milliarden US-Dollar (umgerechnet). KEINER regiert die Welt, sie ist zu komplex, um noch verstanden zu werden. ...])

Mehr Regulierungen und eine höhere Eigenkapitalquote sind schön, aber viel zu wenig. Banken dürfen immer noch sowohl als Geschäftbank wie auch als Investmentbank tätig sein. Und in dem Artikel klingt an, dass entgegen der Aussagen von PolitikerInnen Verluste auch künftig sozialisiert werden.
Es braucht keine Reformen, es braucht gar eine Revolution, in der Banken demokratisiert werden, heißt vergesellschaftet werden.


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Dekadenzverachter #26

>>>In der Finanzkrise haben wir die Chance verpasst, die Systemfrage zu stellen.<<<

??? ... Wer ist "wir" ?


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Artbagua #29

Ich sehe das so:

Es ist ernst, und wir müssen alle büßen - für das menschliche Versagen der Ökonomen.
Ich denke, dass Bandenbetrug längst zum System selbst geworden ist. Spontan fallen mir Begriffe und Namen wie Cum Ex, Wells Fargo, Deutsche Bank, Commerzbank und Samsung ein(die Liste ließe sich natürlich lange fortsetzen!). Ehrlich überleben kann in diesem System kaum noch jemand.
Die Folgen sind schon lange da, beispielsweise hat sich in Deutschland die Anzahl der Obdachlosen mehr als verdoppelt.
Mehr authentischer Kapitalismus statt Kartell - Politik könnte durchaus helfen, aber wer will das in Zeiten der sozialen Netzwerke noch ernsthaft?
Das Scheitern wäre sprichwörtlich vorprogrammiert.


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yagi #30

Wie kann so etwas passieren?
Zitat aus dem Text:
„Aber der Reihe nach: Die Politiker und Zentralbanker, die 2008 einem möglichen Zusammenbruch des globalen Finanzsystems gegenüberstanden, waren keine Radikalen.“
NEIN, viel schlimmer, es waren und es sind heute noch PLUTOKRATEN!.
Wir mögen noch in Demokratien leben, aber sie werden immer mehr von einer Herrschaft der Reichen, anders gesagt: einer Plutokratie überschattet.


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47Ronin #31

Die Systemfrage wurde durchaus gestellt.

Es haben nur diejenigen Politiker gewonnen, die sich ganz dreist und offen auf die Seite der "systemrelvanten Banken" schlugen. Das hat die Wähler offenbar überzeugt. Ihr Pech.


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Dr.Schaarschmidt #34

Es gibt in der Ökonomie immer zwei Seiten: Die Erste sagt,im Krisenfall müssen wir helfen und die Zweite, nein, auf keinen Fall, das ist eine notwendige Marktbereinigung.
Man kann immer beiden zugeneigt sein, je nach politischer Ausrichtung.


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SchartinMulz #37

Als sich Politiker kurz nach der Überwindung der Finanzkrise öffentlich empörten, dass die gerade mit unserem Geld geretteten Banken schon wieder Boni an ihre Mangaer auszahlten, war mir klar, dass sich nichts ändern würde.
Denn die Banken tun nur, was die Politik ihnen erlaubt. Und offensichtlich waren an die Zahlungen keine Bedingungen geknüpft.


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deep_franz #39

"Leider scheint derzeit niemand in politischer Verantwortung, weder in Europa noch in den Vereinigten Staaten, dazu bereit, diese Fragen zu beantworten, geschweige denn in politische Entscheidungen umzusetzen."
Der gesamte Artikel ist nach meinem laienhaften Dafürhalte sehr gelehrt und enthält viele Wahrheiten. Herr Tooze kennt sich m.E. sehr gut aus, was Kapital und Banken angeht.
Um so naiver erscheint mir, daß er tatsächlich zu glauben scheint, die Politik könne in diesen Dingen weitreichende Entscheidungen treffen.
Es ist die Naivität der demokratisch Gesinnten, sei sie wahrhaftig oder gespielt, die die Demokratie in größte Schwierigkeiten bringt.


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Rollender Stein #41

Zitat: "In der Finanzkrise haben wir die Chance verpasst, die Systemfrage zu stellen."

Nein, das stimmt so nicht. Ich stelle sie immer und immer wieder seit 10 Jahren und werde regelmäßig dafür übergangen, ausgelacht, nicht ernst genommen, als Spinner usw. bezeichnet. Das geht übrigens allen so, die diese Frage stellen.



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AloisZwackelmann #48

"..In der Finanzkrise haben wir die Chance verpasst, die Systemfrage zu stellen. Die Folgen sind gravierend: Wenn es ernst wird, müssen erneut alle einstehen...."

Natürlich müssen wir wieder zahlen. Kein Politiker traut sich, die Wirtschaft zu regulieren. Noch nicht einmal die Finanztransaktionssteuer hat man hinbekommen (wollen).

...
« Last Edit: September 26, 2018, 02:39:40 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #783 on: September 11, 2018, 02:21:19 nachm. »
Quote
[...] Auch kann man die staatliche Sprachverwahrlosung nicht mehr ertragen. Ich mag nur ein Beispiel anführen, nämlich die inflationäre wie beiläufige Erwähnung von den "Menschen, die sich abgehängt fühlen". Das bezieht sich offenbar auf die kleinen Trottel von der Straße, die da draußen hinter der Mattscheibe im Land herumstreunen und deren Einzelschicksale zwischen Jobcenter, Krankschreibung, Eckkneipe, Pflegeloch, Discounthallen und Teilzeitirrsinn verziffert werden.

Naht irgendeine Wahl überbieten sich die urplötzlich so volksnahen Empört-und-betroffen-zugleich-Groko-Charmeure darin, jetzt endlich diese verlorenen Seelen "abzuholen" und "einzufangen" und sie "zurück ins Boot" zu holen. Es ist auch die besorgte Rede von der "Augenhöhe" und davon, dass man die Mühseligen und Beladenen "wieder ernst nehmen" wird - also diese RTL-II-Gimpel, halb White Trash, halb dunkeldeutsches Pack.

Der Zynismus der christlich-liberalen Biomoralisten besteht darin, Millionen von Mitbürgern bis tief in den Mittelstand hinein das Recht abzusprechen, abgehängt zu SEIN. Mit perfider Arroganz werden die Abgehängten auf sich selbst zurückgeworfen. Anschluss verpasst? Euer Problem.

Mehr leisten, mehr Ego-Shooting, mehr Anpassung an unsere schöne neue Wertewelt, einfach mal ein bisschen durch die Institutionen marschieren wie Joschka auf seinem langen Weg in den Schoß seiner Ziehmutter Madeleine Albright, die 1996 meinte: "Ja, ich glaube, die halbe Million Kinder, die wegen der US-Irak-Sanktionen starben, waren den Preis wert." Ihr rundlicher Ziehsohn, einst Vietnamkriegsgegner, dann balkanischer Kriegstreiber und heute ein stirnrunzelnd halluzinierendes Nato-Strichmännchen residiert in einer abgedunkelten Villa im Berliner Nobelviertel Dahlem und bezieht Entgelte von bis zu 30.000 Euro für trostloses Geschwätz.

Fischer wie Schröder oder das Elend namens Scharping sind gloriale Beispiele dafür, wie sich die parlamentarische Betriebsamkeit in eine jämmerliche Simulation von Demokratie verwandelt hat. Gerade die rotgrünen Anteile unseres Wahrheitsregimes tun sich hervor dabei, inzwischen jedes freie frische Denken zu konfiszieren und real-bestehende Interessengegensätze und Widersprüche zu kaschieren.

... Ach ja, der Journalismus: Diese hypnotisierten Top-Schreiber bei Zeit, FAZ, Welt, Spiegel, SZ und wer sich im Wendekreis des Talentschuppens des moralisch verwahrlosten Irrsinns sonst noch nährt, hätten es zu Willy Brandts Zeiten mit einiger Mühe gerade noch in die Rubrik "Vermischtes" geschafft.

...


Aus: "Two Riders were approaching: Der Anfang vom Ende der deutschen Medien" Wolf Reiser (11. September 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Two-Riders-were-approaching-Der-Anfang-vom-Ende-der-deutschen-Medien-4158735.html?seite=all


Wolf Reiser (* 30. Dezember 1955 in Munderkingen, Baden-Württemberg) ist ein deutscher Schriftsteller.
https://de.wikipedia.org/wiki/Wolf_Reiser

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« Reply #784 on: September 17, 2018, 05:37:03 nachm. »
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[...] Sie dreht sich weiter, immer weiter. Die Drehscheibe auf der Bühne. Mit den Sitzbänken, die für manche Betten sind. Genau wie der Kreislauf des Lebens, der die von Wohnungs- und Obdachlosigkeit betroffenen Menschen, die Tafelgänger, gefangen hält. Sie sind Gefangene einer Endlosschleife der Armutsökonomie – in einem der wohlhabendsten Länder der Welt.

„Auf der Straße“ ist das erste Stück der US-amerikanischen Theaterregisseurin Karen Breece am Berliner Ensemble, das sie zusammen mit Berliner wohnungs- und obdachlosen Menschen inszeniert hat. Mit den Worten des athenischen Reformers Solon und dessen Aufruf zu mehr Eunomia, Wohlgesetzlichkeit, gelingt dem Stück ein imposanter Einstieg. Breece, die aus dem Bereich des politisch-dokumentarischen Theaters kommt, hat mehrere Monate lang mit Obdachlosen, mit auf staatliche Unterstützung angewiesenen Menschen und Menschen, die sich genau um diesen Teil der Bevölkerung kümmern, zahlreiche Gespräche geführt. So kommt es, dass der Obdachlose René Wallner, der in Wirklichkeit anders heißt und der in einem Kircheneingang in Berlin-Mitte wohnt, der ehemalige Obdachlose Psy Chris und die robuste, liebenswürdige Alexandra Zipperer, die so herzlich lachen kann, obwohl ihr nur 70 Euro im Monat zum Leben bleiben, zusammen mit Bettina Hoppe und Nico Holonics, Schauspielern des Berliner Ensembles, auf der Bühne stehen. Zwei Mal werden sie dabei von dem integrativen Chor „Different Voices of Berlin“ begleitet und immer wieder durchbricht laute, schrille Technomusik die fortwährende Alltagsmonotonie. Hier soll das aufregende Berliner Partyleben mit dem Leben auf der Straße kontrastiert werden.

Anschaulich, ergreifend und ohne Beschönigung schleudern sie dem Publikum Alltagsszenen und knallharte Fakten aus dem täglichen Überlebenskampf der sozialen Unterschicht ins Gesicht. Wie Mitarbeiter des Hygienecenters am Bahnhof Zoo über drei Stunden lang den festgewachsenen Kot vom Körper eines Mannes kratzen. Wie der 'weiße, reiche, alte Mann' der minderjährigen Obdachlosen auflauert und wie die alleinerziehende Mutter versucht, ihrer kleinen Tochter ab und zu Mal ein Stück Obst oder ein Eis zu kaufen. Bettina Hoppe und Nico Holonics unterstützen die drei Laiendarsteller, indem sie versuchen ihre Wut, ihre Verzweiflung oder ihre völlige Resignation zu verstehen, nachzuempfinden und nachzuspielen. Aber als Psy Kindheitserinnerungen voller Gewalt und Alkohol aus seinem Tagebuch vorliest, bricht Bettina Hoppe ab. Das könne sie nicht darstellen, das sei für sie unvorstellbar, erklärt sie. „Denk einfach an einen schrecklichen Autounfall“, entgegnet Psy.

Mehrmals wird so dezidiert auf die Inszenierung, auf das Spielen selbst verwiesen. Mehrmals wird die vierte Wand durchbrochen und das Publikum, die intellektuelle, theateraffine Mittel- und Oberschicht, direkt angesprochen. Und vorgeführt. Wie es sich um das Verpassen des Yogatermins oder die Öffnungszeiten des Biosupermarktes ärgert, während andere in ständiger Sorge darum leben, wo sie am nächsten Tag schlafen können und ob sie wenigstens eine warme Mahlzeit kriegen. Auch Sozialämter, Krankenversicherungen und Politiker, die sich „ja nicht um alles kümmern können“ und deren Aufgabe es ist, die Gesellschaft vor den Obdachlosen, die „nur Couchsurfing“ betreiben, zu schützen, werden immer wieder angegriffen. Es ist fast komisch, wenn es nicht so tragisch wäre und eigentlich bleibt einem das Lachen auch im Halse stecken.

Am Ende geht man nach Hause und schämt sich fast, dass man sich nun auf die gemütliche Couch legt und nicht neben René auf die harte Parkbank. Man kauft sogar den Karuna Compass, die neue Berliner Obdachlosenzeitung, und nimmt sich vor, das bald wieder zu tun. Viel Neues zeigt „Auf der Straße“ trotzdem nicht. Das zutiefst erschütternde Leid der Obdachlosen und die unfassbare Ignoranz des Staates sind schon lange ein offenes Geheimnis. Aber viel geändert hat sich daran auch nichts. Und so dreht es sich weiter, das Rad der Mittellosen. Für sie gilt – mit Alexandras Worten – weiterhin: „Wo ein Wille ist, ist oft (k)ein Weg“.


Aus: "„Wo ein Wille ist, ist oft (k)ein Weg“" Alina Sabransky (14.09.2018)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/alinas/wo-ein-wille-ist-ist-oft-k-ein-weg

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« Reply #785 on: September 18, 2018, 11:25:01 vorm. »
Quote
[...] Ist die BVG kaltherzig, wenn sie Obdachlosen in eisigen Winternächten keinen Platz mehr in ihren U-Bahnhöfen gewährt? Das meint jedenfalls die Caritas. Sie reagierte auf eine entsprechende Ankündigung der BVG mit der Forderung nach einem „Zeichen der Solidarität“. Die BVG wiederum fühlt sich der stark veränderten Situation nicht gewachsen. Statt wie früher vier bis sieben Personen pro Nacht hätten im vergangenen Winter regelmäßig mehrere Dutzend in den U-Bahnhöfen Südstern und Lichtenberg übernachtet, sagte BVG-Sprecher Markus Falkner. Die Zahlen hätten sich zum Teil verzehnfacht.

„Auf der seitlichen Stromschiene sind 750 Volt Starkstrom, sie ist rund um die Uhr an“, so Falkner. Auch nachts würden wegen Bauarbeiten und zum Rangieren Züge fahren. „Bei nicht selten mehreren Dutzend Menschen im Bahnhof, die oft unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stehen, ist das buchstäblich lebensgefährlich“, hatte BVG-Chefin Sigrid Nikutta gegenüber der „Morgenpost“ den Vorstoß begründet. Laut Falkner verrichteten Menschen teilweise ihre Notdurft im Gleisbett; es gibt keine Toiletten in den U-Bahnhöfen, auch keine Schlafplätze – die BVG ist ein Verkehrsunternehmen, das aus dem Gefühl sozialer Verantwortung Menschen vor dem Erfrieren habe schützen wollen, genau wie Caritas, Diakonie und Rotes Kreuz, die gemeinsam die Kältehilfe bilden.

Doch jetzt sind Obdachlose in den U-Bahnhöfen zu zahlreich, sie sind oft stark alkoholisiert oder stehen unter anderen Drogen und das Sicherheitspersonal kann sich mit vielen gar nicht verständigen, da sie kein Deutsch sprechen. Das Unternehmen habe auch eine Fürsorgepflicht gegenüber den BVG-Mitarbeitern, sagte Nikutta.



    Als Kundin ist mir die Sicherheit der Obdachlosen vor dem Erfrieren wichtiger als die Sauberkeit eines Bahnhofs.

…schreibt NutzerIn ElsbethM



In die Kälte schicken wolle die BVG aber niemanden, sagte die BVG-Chefin. Man sei sich der sozialen Verantwortung bewusst, brauche aber Unterstützung. Beispielsweise könnten die BVG-Sicherheitsmitarbeiter telefonisch einen Wagen der Kältehilfe anfordern, um die Menschen unterzubringen.

Außerdem sei die Zahl der Schlafplätze verdoppelt worden, es gebe also genug richtige Betten für Berlins Obdachlose. Das stimmt – und hilft doch nichts. „Zu sagen: Jetzt haben wir genug Betten, jetzt müssen sie nicht mehr in die U-Bahnhöfe, das funktioniert nicht“, sagt Caritas-Sprecher Thomas Gleißner. Die Sozialverwaltung bestätigt das. Es gebe Obdachlose, die nicht in die Kältehilfe wollten, sagt eine Sprecherin, denn auch dort gälten Regeln. Manche kämen keine Nacht ohne Alkohol aus, andere wollten sich nicht von ihren Hunden trennen. Eine zunehmende Zahl von Menschen lasse sich überhaupt nicht mehr in Systeme integrieren. In dieser Woche will sich Breitenbach mit der BVG zusammensetzen, um auszuloten, was machbar ist – und wenn man Dixi-Klos in den Bahnhöfen aufstellt.

Die Kältehilfe wird in diesem Jahr verlängert. Sie beginnt mit geringeren Kapazitäten schon am 1. Oktober statt am 1. November, und sie endet erst mit dem April statt dem März. Die Standorte sind noch unklar, etwa ob auf dem Tempelhofer Feld wieder Schlafplätze eingerichtet werden. Im vergangenen Winter hatte es die Rekordzahl von 1100 Schlafplätzen gegeben, davon 100 in einem Hangar des Flughafens Tempelhof. Die Zahl der Wohnungslosen hat sich in Berlin in den vergangenen Jahren vervielfacht. Die meisten von ihnen sind Ausländer, 29 Prozent haben einen deutschen Pass. Obdachlosigkeit betrifft zudem immer mehr Frauen und Familien.


Aus: "BVG will U-Bahnhöfe im Winter nicht mehr für Obdachlose öffnen" Fatina Keilani (17.09.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/nahverkehr-in-berlin-bvg-will-u-bahnhoefe-im-winter-nicht-mehr-fuer-obdachlose-oeffnen/23075894.html

Quote
schoenfeldp 10:05 Uhr
ich war am Anfang auch dafür, die Bahnhöfe als Nachtlager anzubieten, aber wie so oft, gut gemeint hat nicht immer ein gutes Ergebnis. Allein am Bahnhof Neukölln sind inzwischen auch tagsüber immer mehrere Obdachlose, die dort quasi leben. In den Durchgängen, die sich sich mit bettelnden Roma-Frauen teilen, fällt man fast über sie. In den Abendstunden teilen sie sich zum schlafen die Bänke mit den Jungs, die irgendwelche Chemie konsumieren. Diese Obdachlosen riechen nicht nur aufgrund mangelnder Waschmöglichkeiten streng, sie haben auch offene und eiternde Wunden oder haben die, mit allen Körperausscheidungen durchtränken, Hosen bis zu den Knien heruntergezogen oder zeigen ein unberechenbares, verwirrtes Verhalten. So zu vegetieren ist absolut würdelos und für die Fahrgäste eine Belastung, die nicht im Fahrpreis enthalten sein sollte - denn nicht jeder Fahrgast ist erwachsen, Krankenpfleger, Rettungssantitäter oder sonstwie geschult, mit solche Situationen umzugehen.


Quote
seidi 08:16 Uhr
Ergänzung zu meinem Kommentar von 08.02 Uhr

wieso werden nicht Schulturnhallen und Sporthallen für Obdachlose geöffnet?
bei Flüchtlingen ging das doch auch problemlos

oder man stellt den Obdachlosen Contrainer zur verfügung
das wäre alle mal besser als in U Bahnhöfen zu übernachten

wieso wird das nicht gemacht oder zumindest in Erwägung gezogen?


Quote
molsart 10:58 Uhr
Antwort auf den Beitrag von seidi 08:16 Uhr
In dem Text steht ja, dass manche nicht in Unterkünfte ziehen möchte, weil da Regeln gelten...


Quote
Klappleiterin 17.09.2018, 20:41 Uhr
Warum öffnet man nicht die Shoppingmalls nachts für Obdachlose? Die sind für den Aufenthalt von Menschen wesentlich besser geeignet, sie sind räumlich abgeschlossen, ohne Zugluft und beheizt, außerdem gibt es sanitäre Anlagen. Inzwischen stehen in vielen Shoppingmalls sowieso größere Flächen ungenutzt leer und die Betriebspause ist auch länger als bei der U-Bahn - die letzte U-Bahn fährt meist kurz nach eins, die erste schon wieder um 4 Uhr morgens, die Shoppingcenter dagegen schließen um 22 Uhr und öffnen erst wieder morgens um acht.

Die BVG hat sich mehrere Jahre lang freiwillig darum gekümmert, Obdachlosen nachts eine Unterkunft zu bieten, da kann man doch mit gutem Recht sagen, jetzt sind mal andere dran? Vielleicht Unternehmen, die mehr Geld einnehmen als die BVG?


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Vercingetorix 10:09 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Klappleiterin 17.09.2018, 20:41 Uhr
Sehr guter Vorschlag. Leider fehlt den Großunternehmen, die die Malls betreiben und deren Managern die nötige Empathie, um etwas so anständiges freiwillig zu tun. Ob sie von der Politik schon durch die geltende Gesetzeslage dazu gezwungen werden könnten, weiss ich nicht; eventuell müssten Behörden dafür eine Art Notlage ausrufen.


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froggy08 17.09.2018, 18:39 Uhr


Da weht die eiskalte Wind der Unmenschlichkeit durch die zugigen U-Bahnhöfe und Tunnel. Obdachlose und noch besoffen passen halt nicht in unsere schicke Welt, wo nur noch der Wert des Geldes zählt. Und da wird dann mit Sicherheitsbedenken argumentiert, obwohl man eigentlich nur die Kosten, die dieses Personengruppe verursacht, auf andere Einrichtungen in der Stadt abwälzen mochte. Ich weiss auch nicht, wie viel Obdachlose sich in kalten Winternacht durch Berühren der Stromschiene haben aufwärmen wollen und dabei zu Tode gekommen sind. In den Medien gar davon eigentlich nie etwas zu lesen. Im übrigen könnte man ja auch die Bahnsteige absperren und nur die Zwischengeschosse nutzen, zumindest dort wo diese verfügbar sind. Wo soll diese  asoziale Unmenschlichkeit noch hinführen?


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hana13 08:02 Uhr
Hier kommt die Diskussion schon wieder sehr polarisierend "rüber". Wer seinen Weg nicht durch ausufernde Obdachlosenlager in die Bahn suchen will und es hasst, buchstäblich durch Kotze, Pisse und Fäkalien waten zu müssen und sich obendrein auch aggressiv anbetteln oder anpöbeln zu lassen, will diese Leute sofort erfrieren lassen. Gibt ja wohl noch etwas dazwischen.

Die Leute, die mit der Situation in Berliner U-Bahnhöfen und Bahnen (und das sind ja nicht nur die "offiziell nachts freigegebenen") kein Problem haben, fahren vermutlich eher selten und nicht zu Randzeiten. Als Vielfahrer hatte ich nun schon so viele sehr unangenehme Situationen...

Irgendwie fehlt mir auch immer noch die Begründung, weshalb sich die Berliner BVG für polnische und russische Obdachlose zuständig fühlen muss. Das waren übrigens die Sprachen der letzten Pöbler - es gibt bestimmt noch weitere Länder, die uns ihre Obdachlosen zur Überwinterung schicken...

Das scheinen auch wenige zu verstehen: Angebot schafft Nachfrage. Und solange alle Grenzen offen sind, suchen sich auch Obdachlose den für sie (relativ) angenehmsten Platz. Und da machen sich doch viele umliegende Länder auf deutsche Kosten einen schlanken Fuß.


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Henrik1970 17.09.2018, 17:19 Uhr

Obdachlosen, ganz egal woher sie kommen, muss die Möglichkeit gegeben werden, einigermaßen warm und erfrierungssicher zu übernachten.
Dies muss nicht in den U-Bahnhöfen sein, aber der Senat muss dafür Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Das hat etwas mit Menschlichkeit zu tun. ...


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« Reply #786 on: September 18, 2018, 11:36:31 vorm. »
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[...] Der Eisbär, wie ihn alle nennen und er sich selbst, nimmt eine gespielt staatstragende Haltung an, ruckelt noch kurz das Hörgerät hinterm rechten Ohr zurecht, macht eine übertrieben schwungvolle und doch sehr elegante Bewegung mit dem linken Arm, dann rezitiert er aus einem seiner zahlreichen Gedichte: „Zum Weiterleben muss es einen geben, der unsere Innenwelt zusammenhält …“

Dann lacht der Eisbär laut auf, öffnet dabei seinen zahnlosen Mund und wird sofort wieder still. Der Tod, sagt er, trete erst ein, wenn niemand mehr über einen rede. Deshalb, fährt er fort, wolle er, dass auf seiner Beerdigung unbedingt „der Helmut“, ein ehrenamtlicher Mitarbeiter und guter Freund, die Rede hält. Er würde sich freuen, wenn „ganz viele Menschen kommen“, seine Freunde, sie sollen um ein Lagerfeuer sitzen, Gitarre spielen und singen.

 Sein bürgerlicher Name, Siegfried Hausberg, ist ihm egal, Hauptsache, auf dem Grabstein steht „Eisbär“.

Wieder Gekicher. Er kann nicht anders, als mitten im Erzählen und Rezitieren noch schnell die neuesten, ihm ständig ins Hirn schießenden Wortwitze mitzuteilen: „Ohne Zähne mach mir keine Szene! Sagt der Zahnarzt!“ Der Eisbär kann auch über sich selbst Witze machen.

Siegfried Hausberg ist ein ziemlich schlanker, schlauer Mann, dessen lange, sonnenverwöhnte Arme und Beine lustig herumschlackern, wenn er sich bewegt. Seine wenigen Haare liegen wie dünne Watte auf seinem Kopf. Aber der Kopf ist voller Einfälle, Ideen und Wissen. An einem Spätsommertag steht er im vierten Stock des Wohnheims der evangelischen Kirche für alkoholkranke Männer in der Kreuzberger Nostitzstraße, Zimmer 401, hinter ihm kann man aus zwei Panoramafenstern des Eckzimmers auf den Berufsverkehr am Mehringdamm schauen. Draußen tobt das Leben, hier drinnen hat der Eisbär sein eigenes fein säuberlich an die Wand geklebt. Mit Tesafilm und möglichst kleinem Abstand zum nächsten Bild. Auf Hunderten von Blättern im DIN-A4-Format, meist mit Kugelschreiber gezeichnet, hat er sein Leben verewigt – vom Treppenhaus im dritten Stock aufwärts zum vierten, hinein in sein Zimmer und bis unter die Decken.

 Das Heim, in dem 46 Männer wohnen und in dem er mit seinen 78 Jahren der Älteste ist und einer der sehr wenigen, die nach der Alkoholabhängigkeit wieder trocken wurden, ist für ihn, wie er sagt, „kein Abstellgleis, sondern meine Heimat. Und das Beste, was mir passieren konnte“.

In diesem Haus, das in gewisser Weise auch ein Hospiz ist, weil die meisten hierbleiben, bis sie sterben, und dabei begleitet werden, werden die Biografien der Männer in Ehren gehalten. Wenn sie sterben, kommen sie, auch wenn sie keine Mittel oder Angehörige haben, in das „Grab mit Namen“, das die Heilig Kreuz-Passion der evangelischen Kirche im Jahr 2001 initiiert hat. Auf dem Friedhof „Vor dem Halleschen Tor/Jerusalemfriedhof“ gibt es einen Erinnerungsstein, der Pfarrer spricht, eine Trauerfeier wird abgehalten und meistens trifft man sich danach auch zum Leichenschmaus. Denn bei dem wird schließlich über den Verstorbenen geredet und sich erinnert. Manchmal kommen viele Menschen, manchmal nur ein paar aus dem Wohnheim. 59 mittellos Verstorbene, die ansonsten per ordnungsbehördlicher Bestattung begraben worden wären, sind mittlerweile auf dem Friedhof beigesetzt. Jede Namensgravur kostet 275 Euro, die meist über Spenden bezahlt werden.

 Doch ein solches Begräbnis für obdachlose oder mittellose Menschen, die keine Angehörigen mehr haben oder bei denen die Angehörigen nicht mehr zu finden sind und sich auch nicht kümmern wollen, ist in Berlin eine Ausnahme. Normalerweise landen diese Menschen nun auf einem Friedhof in Mitte nahe dem Humboldthain, der sich seit rund zwei Jahren still und leise und von einer breiten Öffentlichkeit völlig unbemerkt zu dem Armenfriedhof der Stadt entwickelt hat – weil er der kostengünstigste im Geschäft mit ordnungsbehördlichen Bestattungen ist. Mehr als 2000 Menschen werden hier jährlich auf Urnenreihengrabstätten beerdigt, 40 Zentimeter Abstand liegen zwischen den Urnen. Der Eisbär möchte nicht dort enden.

An einem sonnigen Tag im September ist dieser Alte Dom Friedhof St. Hedwig der katholischen Kirche in der Liesenstraße nahe dem Humboldthain gegen elf Uhr vormittags fast menschenleer, von Weitem sehen einige Grabstellen so aus, als würden unzählige kleine, vollkommen hellgrüne Blumen auf dem Grab stehen. Diese futuristischen „Blumen“ stehen im Kontrast zu den oft alten, aber sehr großen und schweren denkmalgeschützten Grabsteinen. Kommt man näher an die Gräber heran, erkennt man Dutzende von Plastikschildern in hellgrüner Farbe. Sie sind immer dort eingesteckt, wo besonders alte Grabsteine stehen, die von ihren ursprünglichen Pächtern nicht mehr genutzt werden. Auf den Plastikschildern, den sogenannten Merkpfählen, sind die Namen der Toten, Geburtstag und Todestag vermerkt sowie eine Registraturnummer.

Ein paar Meter weiter hat ein Mann im schwarzen Anzug eine Urne zur Andacht in die kleine Kapelle gebracht. Drei große Kerzen brennen neben dem Altar aus Marmor, weiße Blumen stehen vor dem Tisch für die Urne. Es ist niemand gekommen, um zu trauern. Trotzdem bleibt die Urne 15 Minuten stehen. Dann trägt der Mann, ein Bestatter einer Firma, die vom Friedhof für solche Begräbnisse beauftragt wird, die Urne zum Grab, spricht ein Gebet und verbuddelt sie – neben den vielen anderen Urnen, die bereits in der Erde sind. Dies entspricht den behördlichen Anforderungen dieser sogenannten ordnungsbehördlichen Bestattungen, wie die korrekte amtsdeutsche Bezeichnung für diese Art von Beerdigungen lautet. Die Mitarbeiter der jeweiligen Gesundheitsämter der Bezirke haben sieben Tage Zeit, um Angehörige zu ermitteln. Ermitteln heißt, beim Melderegister und beim Standesamt nachzufragen. Sind Angehörige im Ausland oder werden nicht gefunden, haben sie Pech. Die Rechnung bekommen sie dann nach dem Begräbnis – so ist die Gesetzeslage. Freunde oder Bekannte darf das Amt nicht benachrichtigen.

Vor der kleinen Kapelle auf dem katholischen Friedhof Alter Dom steht nun auch Galina Kalugina, die Friedhofsverwalterin der katholischen Kirche. Andere Friedhöfe haben ihr Preisdumping vorgeworfen. Sie sagt: „Was wir hier machen, ist nichts anderes, als unsere soziale Aufgabe zu erfüllen.“ Auf dem Spaziergang über den Friedhof erläutert Galina Kalugina ihr Konzept. Sie hat die großen, alten und sehr teuren Gräber, deren Nutzungsrechte ausgelaufen sind oder die von den jeweiligen Pächtern nicht mehr verlängert werden, die aber aus Denkmalschutzgründen trotzdem vom Friedhof gepflegt werden müssen, quasi umgewidmet. In der Friedhofsgebührenordnung fielen früher 96 Euro für eine „gärtnerische Erstanlage einer Urnenwahlgrabstätte“ an. Jetzt werden die ordnungsbehördlichen Bestattungen auf vorhandenen Gräbern vollzogen, sodass der Friedhof die 96 Euro einspart. Damit konnte Kalugina den vormaligen Preis von 461 Euro auf 365 Euro drücken. Berlinweit ist sie damit am günstigsten.

Bisher hat es in Berlin Friedhöfe gegeben, wie etwa den Parkfriedhof in Neukölln, die einmal im Monat ordnungsbehördliche Beerdigungen im Minutentakt durchgeführt haben. Mit anonymen Gräbern. Das gibt es auf dem Friedhof in der Liesenstraße nicht. Die Urnen werden auch nicht wie in Neukölln per Schubkarre zur Grabstelle transportiert, sondern getragen. „Ein Gebet wird auch gesprochen“, sagt Kalugina und findet: „Arm und Reich haben hier bei uns zusammengefunden.“ Allerdings mit dem für manche womöglich irritierenden Charme, dass die Toten, von denen sich die meisten zu Lebzeiten eine Grabplatte niemals hätten leisten können, nun unter teuren Marmormonumenten begraben liegen, die unter Denkmalschutz stehen.

...


Aus: "Sammelgräber in Berlin "Ich bin doch etwas Besonderes"" Armin Lehmann (17.09.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/sammelgraeber-in-berlin-ich-bin-doch-etwas-besonderes/23066034.html

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« Reply #787 on: September 19, 2018, 09:52:19 vorm. »
Quote
[...] Es ist fast schwierig, nach diesem Film sich eines Anflugs von Paranoia zu erwehren. Denn was Autorin Jennifer Deschamps schildert, ist nichts weniger als die kriminelle Struktur im Finanzgewerbe. Dafür steht eine Bank, die vor genau zehn Jahren pleite ging. Pleite gehen musste, weil die US-Regierung nicht noch eine kriminelle Vereinigung mit Geld des Steuerzahlers stützen wollte. Denn diese Bank hatte wie andere auch mit faulen Krediten gehandelt, hatte Kunden Kredite für Hauskäufe aufgedrängt, die sie nicht zurückzahlen konnten. Aber Lehman Brothers, bis dato die viertgrößte Bank der USA, war besonders rücksichtslos vorgegangen. Ihr Konkurs aber blieb bekanntlich nicht ohne Folgen für die gesamte Weltwirtschaft. Jetzt erinnern auch im Fernsehen verschiedene Beiträge an die Finanzkrise und ihre Verursacher. Und warnen, dass es wieder so kommen könnte.

Autorin Deschamps zeichnet die Betrügereien minutiös nach, indem sie die Geschichte des Skandals von Menschen erzählen lässt, die damals bei Lehman arbeiteten – und die das Desaster vorhersahen. Deshalb verließen sie die Firma oder wurden entlassen. Aber nicht nur das. Sie wurden belästigt, verfolgt und bedroht, mussten ihre gutbürgerliche Existenz aufgeben. Matthew Lee, zum Beispiel, ehemals Vizepräsident der Finanzabteilung bei Lehman, hat sein Haus verkauft, sich ein Motorrad angeschafft und fährt seither um die Welt – um Verfolgern zu entgehen.

Sylvia Vega-Sutfin geht nur noch mit umgeschnalltem Revolver zum Joggen, nachdem sie in Mafia-Manier bedroht worden war: „Ich weiß, wo du lebst, wo deine Töchter zur Schule gehen. Du gehörst mir,“ habe ihr ein Mann gesagt. Sie hatte, wie ihre Kolleginnen auch, das schmutzige Geschäft nicht länger mitmachen wollen. Die Frauen mussten einen hohen Preis für ihre moralische Integrität zahlen: Verlust von Eigentum, Angst, Depressionen.

Obwohl Deschamps mit den Whistleblowern als Zeugen  der Verbrechen immer wieder „talking heads“, also Personen und deren Berichte abfilmen muss, gelingt ihr, die Geschichte in abwechslungsreiches Bildmaterial zu kleiden, etwa wenn sie Matthew Lee auf seiner Maschine durch einsame Landschaften düsen lässt. So spielt  sie einen Werbespot ein mit einem Quartett von üppigen Blondinen, die für „COW“  werben – ein passender Name, wenn man Kunden melken will. Denn die gierigen Banker hatten es auf Leute mit geringem Einkommen, also tendenziell eher weniger Gebildete und Leichtgläubige abgesehen. Die Folge: Millionen von Amerikanern verloren ihr Eigenheim. In Orten wie Stockton in Kalifornien sprach man von den „Toter-Rasen-Versteigerungen“.

Die Banken blieben auf den nicht zurückzahlbaren Krediten sitzen. Der Staat griff ein, um sie zu retten – außer Lehman Brothers.  Die Insolvenz-Summe betrug am Ende  700 Milliarden US-Dollar. Matthew Lee weist darauf hin, dass seit 2008 keiner der Verantwortlichen für schuldig befunden wurde. Richard Fuld etwa, den sie „Gorilla“ nannten. Er war in Blitzgeschwindigkeit zum Chef von Lehman aufgestiegen und hatte sich mit Millionen-Boni füttern lassen, nachdem er seine Mitarbeiterinnen zu immer höheren Abschlüssen getrieben hatte. Selbst war er kaum sichtbar, residierte im 31. Stock. Und heute lebt er als steinreicher Kunstliebhaber unbehelligt – statt im Gefängnis zu sitzen. ...


Aus: "„Inside Lehman Brothers“, Arte: Der Gorilla im 31. Stock" Daland Segler (18.09.2018)
Quelle: http://www.fr.de/kultur/netz-tv-kritik-medien/tv-kritik/inside-lehman-brothers-arte-der-gorilla-im-31-stock-a-1585423

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« Reply #788 on: September 20, 2018, 09:38:38 vorm. »
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[...] Die „Generation Mitte“ fürchtet nicht um ihre Arbeit oder ihren sozialen Status. Was die meisten bekümmert, ist stattdessen der schwindende Zusammenhalt zwischen den Menschen. Materialistischer, egoistischer, intoleranter – so nehmen die Leistungsträger die deutsche Gesellschaft wahr. Das geht zumindest aus einer Umfrage des Allensbach-Instituts hervor. Auftraggeber ist der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Einer Mehrheit der 30- bis 59-Jährigen geht es demnach besser als vor fünf Jahren. Nur noch 27 Prozent haben jedoch Vertrauen in die politische Stabilität des Landes. 2015 behauptete dies noch knapp jeder Zweite. Woran das liegt, lässt sich aus der Umfrage nicht ablesen. Ursachen wurden nicht erfragt; 2017 und 2016 fehlte die Frage. „Die Stimmung ist trotz der brummenden Wirtschaft nicht gut“, sagte Verbandspräsident Wolfgang Weiler. Damit sei eine Jahrzehnte alte Regel außer Kraft gesetzt.

Die mittlere Generation hat laut der Umfrage ein anderes Verhältnis zu Geld als ihre Eltern. „Sparsam leben ist kein Lebensziel mehr“, sagte Köcher. Obwohl sich die meisten wünschten, finanziell unabhängig und abgesichert zu sein, halte nur jeder Siebte Sparsamkeit für wichtig – aus Sicht der Versicherer ein „alarmierendes“ Ergebnis, denn sie leben von der privaten Vorsorge. Nur ein Drittel der Befragten sei zudem überzeugt, in einer glücklichen Zeit zu leben. 42 Prozent hielten die Zeiten für ausgesprochen schwierig.

Im Kontrast dazu steht die Einschätzung der „Generation Mitte“ bezüglich ihrer ganz persönlichen Situation: 42 Prozent der Befragten empfinden sich über die vergangenen Jahre hinweg betrachtet als Wohlstandsgewinner, nur 18 Prozent beklagen eine Verschlechterung. Sie gehören zumeist zu den unteren sozialen Schichten. Nur elf Prozent sehen die Gefahr eines sozialen Abstiegs (2016: 15 Prozent). So wenige wie nie fürchten um ihren Job. Wobei unter den Einkommensschwachen 25 Prozent darum bangen.

Im Vergleich mit ihren Eltern im gleichen Alter sehen die 30- bis 59-Jährigen für sich die größeren finanziellen Möglichkeiten und persönlichen Entfaltungsspielräume. Sie können sich mehr leisten, leichter in den Urlaub fahren, freier entscheiden, wo sie leben wollen. Allerdings empfinden sie ihr Leben auch als fordernder und anstrengender als das ihrer Mütter und Väter. So finden 61 Prozent, dass ihre Eltern weniger Stress und Hektik hatten, 45 Prozent, dass es damals mehr Planungssicherheit gab.

Im Ranking der wichtigen Dinge im Leben stehen mit 90 Prozent Gesundheit, eine stabile Partnerschaft und finanzielle Unabhängigkeit (83 und 82 Prozent) ganz oben. Auf den letzten Plätzen stehen Religion (16 Prozent) – und Sparsamkeit (14 Prozent). 60 Prozent finden, dass sie als Eltern heute mehr gefordert sind als ihre Mütter und Väter; 42 Prozent, dass die Erziehung der Kinder durch das Internet heute schwieriger geworden ist. 57 Prozent glauben zudem, dass das Internet die Kinder und Jugendlichen heutzutage am meisten beeinflusst, nur neun Prozent glauben noch an eine Prägung durch Lehrer. Bis vor wenigen Jahren sei in diesem Ranking auch nach dem Einfluss der Kirchen gefragt worden, sagte Köcher. Das lohne sich aber nicht mehr und sei deshalb herausgenommen worden.

Für die Umfrage „#GenerationMitte“ waren im Auftrag der deutschen Versicherer mehr als tausend Männer und Frauen interviewt worden. Die Studie wird seit 2013 jährlich durchführt. Die Befragten stehen für 35 Millionen Menschen, die wiederum 70 Prozent der Erwerbstätigen ausmachen.


Aus: "Die "Generation Mitte" verliert das Vertrauen in die Politik" Marie Rövekamp (19.09.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/umfrage-der-deutschen-versicherer-die-generation-mitte-verliert-das-vertrauen-in-die-politik/23086618.html

Quote
kurzundknapp 08:24 Uhr

    Im Ranking der wichtigen Dinge im Leben stehen mit 90 Prozent Gesundheit

da wundert es doch, dass die pflanzenspritzgifte immer noch erlaubt sind. es ist aber auch ein zeichen, dass die Politiker über ihre wähler hinwegregieren.
noch mehr wundert es aber, dass die wähler die "hinwegregierer" immer wieder wählen.


Quote
riegel 19.09.2018, 20:19 Uhr

    Was die meisten bekümmert, ist stattdessen der schwindende Zusammenhalt zwischen den Menschen. Materialistischer, egoistischer, intoleranter –
    so nehmen die Leistungsträger die deutsche Gesellschaft wahr.


Wer ist denn die deutsche Gesellschaft?
Eine anonyme Masse oder auch die Befragten selber?
Zuammengefasst: Wir leben heute und jetzt. Wir sind mobil! Die Gesellschaft ist egoistisch!
Irgendwann wird der Staat sich schon um uns kümmern -sparen brauchen wir nicht. Einfach konsequent Wahrnehmungen umgesetzt. Ein tieferer ZUammenhalt der Gemeinscahft oder Menschheit - Fehlanzeige ergo : ein wir auch immer "religiöser" Kontext ist nicht notwendig - weder atheistisch noch theistisch -
Glaubenssatz: Die Gesellschaft ist:. Materialistischer, egoistischer, intoleranter – also eine Projektion des eignen Lebensstiles?


...

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« Reply #789 on: September 20, 2018, 09:45:05 vorm. »
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[...] Die Behörden wollen das übergroße Wandbild für den vor eineinhalb Wochen am Tempelhofer Feld erschossenen Nidal R. überstreichen lassen. Doch wann dies geschieht, ist noch nicht klar. Das bestätigte die Senatsverkehrsverwaltung am Mittwoch. Nidal R., Intensivtäter, Spross eines deutsch-arabischen Clans und Dauergast im Strafvollzug, war am Sonntagabend vor eineinhalb Wochen am Ostrand des Tempelhofer Feldes niedergeschossen worden. Am Donnerstag vergangener Woche wurde er beigesetzt – 2000 Gäste kamen, darunter die Oberhäupter einschlägiger Clans.

Am Sonntagabend brachten laut Augenzeugen professionelle Sprayer nach Bildvorlage ein Wandbild an die Rückseite eines Imbiss-Gebäudes an – abgeschirmt von mehreren bulligen Männern. Nun prangt dort ein Porträt von Nidal R. mit Palästinenser-Schal – wie ein Heldenbild für getötete islamistische Kämpfer in Nahost. Rund um Tatort und Wandbild sitzen seit Tagen Grüppchen von jungen Männern. Viele in Jogginghosen, sie feixen und lachen. Immer wieder schauen sie sich aber auch nervös um – fast so, als bewachten sie den Tatort. Der aufgesprühte Spruch „Bitte nicht übermalen“ ist inzwischen wieder entfernt.

... die Polizei aber [hat]  damit zu tun, die Täter zu finden, die Nidal R. an einem Eisstand vor den Augen von Kindern und Familien niedergeschossen haben. Es gibt mehrere Spuren, der Fluchtwagen wurde gefunden. Zudem kursieren Namen von Mitgliedern eines Clans. Es könnte sich bei der Tat, so heißt es, auch um einen Racheakt aus verletztem Ehrgefühl handeln.


Aus: "Wandbild von Nidal R. wird entfernt"  Alexander Fröhlich, Judith Langowski, Hannes Soltau (20.09.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/nach-mord-am-tempelhofer-feld-wandbild-von-nidal-r-wird-entfernt/23087714.html

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NeuBolle 19.09.2018, 20:42 Uhr
Warum denn entfernen? Für viele Mitbürger war Nidal R. offenbar ein Rollenvorbild, jemand, mit dem sich nicht wenige junge Berliner augenscheinlich identifizieren können.



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« Reply #790 on: September 20, 2018, 12:23:50 nachm. »
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altautonomer, 17. September 2018 — 18:10

[...] 3.500 behelmte Bürger in Uniform verdienen gegenwärtig ihr Geld für sich und ihre Familien damit, im Interesse des Energiegiganten RWE den Klimawandel zu beschleunigen.

Und es gibt auch Veranwortliche mit Namen und Gesichtern. Im Aufsichtsrat der RWE sitzen überwiegend Betriebsratsvorsitzende, außerdem Frank Bsirske, Grüner verdi-Chef und Ulrich Sierau (SPD), OB von Dortmund. Aufsichtsratsvorsitzender ist Dr. Werner Brandt von der ProSieben/Sat1 Medea SE.

https://www.group.rwe/der-konzern/organisationsstruktur/rwe-ag/aufsichtsrat

Es gibt daneben auch einen Beirat der RWE. Beirat
Über den Beirat werden Kommunalpolitiker in die Geschäftspolitik der RWE eingebunden. Die offizielle Aufgabe ist die Beratung der RWE in Fragen der Unternehmens- und Energiepolitik mit regionalem Bezug. Der aus vier Regionalbeiräten bestehende Beirat hat 110 Mitglieder. Über die Beiratsvergütung werden folgende Angaben gemacht: Grundvergütung 3.000 Euro pro Jahr, Sitzungsgeld 1.000 Euro pro Sitzung, Auslagenersatzpauschale 100 Euro pro Sitzung. Pro Jahr finden insgesamt vier Sitzungen statt. Die Bürgermeisterin meiner Stadt ist dort auch Mitglied.

Hier die aktuelle (̶v̶̶e̶̶r̶̶b̶̶r̶̶e̶̶c̶̶h̶̶e̶̶r̶-)Mitgliederliste:
https://www.rwe.com/web/cms/mediablob/de/3279458/data/431194/5/rwe/ueber-rwe/kommunen/beirat-des-rwe-konzerns/struktur-und-funktion/Mitgliederliste.pdf

Es waren neben der Politik seinerzeit hauptsächlich auch Betriebsräte und Gewerkschaftsfunktionäre, die den Ausstieg aus der Atomstromproduktion behinderten und verzögerten.

Für mich sind das alles tumbe Totengräber der Zukunft.

Emotionale und berührende Rede einer Aktivistin:
https://www.youtube.com/watch?v=1R7XAl3wasw


Ein Kommentar zu: "„Verwaldung und Entwaldung“" (2018)
Quelle: https://klausbaum.wordpress.com/2018/09/16/verwaldung-und-entwaldung/


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« Reply #791 on: September 24, 2018, 11:27:19 vorm. »
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... Es liegt was in der Luft: Junge Frauen suchen nach Sinn und flüchten in die Natur. Chakrenbalance, Kristalltherapie und Korbflechten sind .... hip. ... Chloe gehört einer Bewegung junger Frauen an, die mitten im Leben stehen, aber nach mehr suchen. Sie treffen sich regelmäßig in den Wäldern rund um London. Die Zusammenkünfte der sogenannten Sisterhood werden durch schamanische Praktiken, vedische Meditation, Tanz und Gesang begleitet. Dabei werden Lebensmittel fermentiert, Körbe geflochten, Stoffe gefärbt, Kräutermedizin hergestellt, Gedichte geschrieben, Yoga praktiziert, gemeinsam gekocht und vieles mehr. "Wir können nicht länger in einer zusammenhanglosen Welt existieren. Unser Überleben hängt davon ab, sich zu erinnern, wer wir sind und woher wir kommen", erklärt Charlotte Hall. Charlotte ist im gleichen Alter wie Chloe, lebt ebenfalls in London und arbeitet als PR-Beraterin in der Modeindustrie. Sie kam schon als Kind mit alternativen Lebensformen in Kontakt, besuchte regelmäßig New-Age-Gemeinschaften auf dem Land, die temporär zusammen lebten, Hütten nach altertümlichen Methoden bauten und ihr Essen am offenen Feuer zubereiteten. Als Teenager wandte sie sich von diesem Lebensstil ab, um wie die anderen zu sein. Erst mit der Schwangerschaft und Geburt ihrer Tochter öffnete sie sich wieder für ein anderes Leben und nimmt seither regelmäßig an Women's Gatherings teil.  ...
Aus: "Schamanismus: Finde die Weisheit der Gebärmutter" Lilli Heinemann (2. August 2017)
https://www.zeit.de/kultur/2017-07/schamanismus-spiritualitaet-rituale-grossstadtleben-10nach8/komplettansicht

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Mag is back #1

Nur meine persönliche Meinung. Die oben genannten Rituale und Praktiken sehen für mich stark nach Wohlstandsdekadenz aus.



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commandantina #13

Endlich mal ein angenehm nüchterner, nicht von vornherein ablehnender, aber doch kritisch hinterfragender Artikel zum Esoterik-Trend unserer Zeit, danke! Ich persönlich kann dieses Gewäsch "Verbinde dich mit deinen Körperteilen und heilige sie!" nicht ausstehen - dazu kenne ich (beruflich bedingt) viel zu viele Frauen im besten Alter, die erst aufgeblüht sind, als sie ihre Gebärmutter los waren. Auch die Behauptung, "göttliche Weiblichkeit" sei gleichbedeutend mit einem unbedingt zu akzeptierenden Empfangsprinzip (Zitat: "Bei der zelebrierten göttlichen Weiblichkeit ginge es hingegen um das Empfangen, darum, es den Dingen zu erlauben, zu einem zu kommen.") halte ich psychologisch für gefährlichen Unsinn: Es sind die Fesseln der Verzweiflung, die eine Frau der anderen anzulegen versucht, damit sie die Einsamkeit echter Erkenntnis nicht alleine ertragen muss.


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JuliusU995 #16

"Chloe erklärt, dass die weibliche Kraft und Weisheit in der Gebärmutter "

Ok ZON ich versuche es sachlich. Gibt es nicht auch den Brauch das Mütter nach der Entbindung ein Teil der Plazenta zubreiten und essen ?
Es tut mir leid, ich kann mir nicht helfen. Aber ich weiß nicht wie man auf sowas reagieren soll ?
Humor ? Wut ? Gleichgültigkeit ? Schreiend zur Tür hinaus laufen? Und kommt es mir nur so vor oder geht es bei den ganzen Eso-Kram eigentlich nur um Sex ? Ich mein wenn ein paar Verpeielte gerne Geld ausgeben, bitte schön. Nur bei diesen ganzen EsoZeugs gibt es eine Menge Menschen die ernsthafte Probleme haben und verzweifelt sind. Kommt mir zu kurz in dem Artikel.


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twigalo #16.1  —  3. August 2017, 11:50 Uhr 3

Lesen Sie weiter unten den Kommentar, der auf den Zusammenhang mit vorher erlebtem sexuellen Mißbrauch hinweist, und auf die konkret erlebte und nachhaltige Verbesserung und Entkrampfung im Beckenbereich durch praktisch geübte Entspannung. Das ist plausibel. Vielleicht müssen Sie dann nicht mehr schreien. Auch wenn das Ganze in etwas zu mystische Terminologie gepackt ist - wenn es hilft, hilft' s.


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Something_is_rotten #17  —  2. August 2017, 22:29 Uhr 5

Chakrenbalance statt Klassenkampf...vorübergehend...


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Kybernetik #18  —  2. August 2017, 22:54 Uhr 7

"Im Zentrum dieser Spiritualität steht auch der Holismus, der besagt, dass ein System als Ganzes funktioniert und nicht aus Einzelteilen zusammengesetzt ist – es geht um die Verbundenheit von allem mit allem."

Eigentlich ist es sogar wissenschaftlicher Konsens, das ein System anders funktioniert, als seine Einzelteile. Das es Systemgesetzte gibt, Regelkreise etc. Schaut man sich die Biosphäre an, so ist tatsächlich alles miteinander vernetzt und bilden verschiedene Organisationsformen aus, die wiederum mit anderen in Verbindung stehen.

Manche Menschen, die eine Psychose durchlebt haben, haben öfters auch spirituelle Erfahrungen gemacht. In diesen berichten sie immer wieder von dem wunderbaren Gefühl des Einseins mit der Natur und das alles mit allem verbunden ist.

Der Mensch wird wohl erst dann verstehen, dass er nicht außerhalb der Natur steht sondern mitten drin, wenn er es endlich geschafft hat sich selbst den Ast abzusägen, auf dem er sitzt.

Ich denke auch, das Spritualität durchaus etwas ist, wozu ein Mensch fähig ist und das dies auch einen Sinn erfüllt, gerade, wenn der Sinn nicht mehr im größer, schneller, mehr, gesehen wird, sondern in der Entschleunigung, der Rückbesinnung, der Erdung und letztlich wieder in einer zugewandten Gemeinschaft.


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Googlefix #19  —  2. August 2017, 23:21 Uhr 5

Früher ging es eben etwas prosaischer zu. Bekannt wurden in den 70er Jahren die Selbstuntersuchungsgruppen, in denen sich Frauen gegenseitig mit gynäkologischem Besteck selbst untersuchten, alternative Verhütungsmittel erprobten und versuchten, sich Wissen und Kompetenz um und über den eigenen Körper anzueignen. Die sprirituellen Aspekte waren damals Thema in den Hexenseminaren.

Ziel war damals das Kennenlernen und Wertschätzen des eigenen Geschlechts, das ja heute vielfach noch als minderwertig begriffen wird. Analog dazu gibt es eben für die Männer die Schwitzhüttenrituale, denen auch Putin und Schröder frönten.


Quote
Laubfall #21  —  2. August 2017, 23:30 Uhr 5

Die Damen leben oder lebten in der City in ihrem Kokon aus Materialismus, Äußerlichkeiten, Beliebigkeit und mehr.

Würden Sie auf dem Land leben, mit eigenem Garten, Natur, im Einklang mit den Jahreszeiten, geerdet und weit weg von jedem Jet-Set, so hätten sie alles gehabt, was sie jetzt verzweifelt suchen.


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Frau. Huber #21.1  —  3. August 2017, 7:27 Uhr

Ich glaube nicht, dass man das pauschal so sagen kann. Ich kenne z. B. eine Frau, die einen eigenen Garten hat, ein Kind hat, wenig Geld hat und alles andere als ein Jet Set Typ ist. Aber sie ist von so schamanischem Klimbim ziemlich angetan, was evtl auch damit zu tun hat, dass sie als Teenager vergewaltigt wurde und darüber nie wirklich hinweg gekommen ist und Probleme mit ihrem Körper und ihrer Weiblichkeit hat.


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twigalo #21.2  —  3. August 2017, 11:03 Uhr 2

Ich glaube nicht, dass sie etwas ' verzweifelt' suchen. Vielleicht ein paar wenige, aber die meisten scheinen schon ganz zufrieden zu sein mit ihren Aktivitäten, haben Spaß dabei, und stören tun sie damit ja niemanden. Und wer weiss, was dann in ein paar Jahren sein wird. Der Weg ist das Ziel. Bis dahin viel Zeit in der Natur verbracht zu haben, ist jedenfalls für Körper und Geist schon mal nicht verkehrt. Komisch wird es dann, wenn sie teure Seminare machen.


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Teilzeitberliner #23  —  2. August 2017, 23:45 Uhr 3

Die dürfen alle wählen gehen!

Das macht mir Angst.


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X #23.2  —  3. August 2017, 2:26 Uhr 4

Angst und so ist normal für einen Städter, der in entfremdeter Umgebung einer entfremdeten Arbeit nachgeht.
Machen Sie mal was Anderes, bevor Sie sich dann im September selbst in der Wahlkabine einfinden.



Quote
Merowinger II #23.3  —  3. August 2017, 5:33 Uhr 6

Wer Menschen, die die Spiritualität für sich entdecken, für eine grosse Gefahr hält, dem ist nun wirklich nicht mehr zu helfen. Als ob es nicht genug echte Probleme gäbe, vor denen man Angst haben sollte.


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twigalo #23.4  —  3. August 2017, 11:08 Uhr 1

Genauso wie die aggressiven Automachos, Deutsche Islamisten, Nazis, egoistische bullies usw. Und die sind übrigens keinen Deut rationaler.


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Yvolat #27  —  3. August 2017, 1:18 Uhr 5

Anscheinend macht die Autorin dieses Artikels sich lieber über etwas lustig, das ihr suspekt ist, als dass sie sich auch nur bemüht, es zu verstehen. Den Ton des Artikels finde ich unerträglich, die Verachtung für Frauen, die einen anderen, tieferen Sinn im Leben suchen, ist in jeder Zeile spürbar.
Zur "Weisheit der Gebärmutter" - als jemand, die als Kind sexuell missbraucht wurde, weiß ich, wie sehr diese Erfahrung sich im Becken als Störfaktor festsetzt, und das betrifft die Geschlechtsorgane (u.a. Gebärmutter), aber auch das Tan Tien, ein "Reservoir" unserer Lebensenergie. Blockaden der Lebensenergie im Beckenbereich haben sehr viele Frauen, nicht nur aufgrund persönlicher sexueller Mb-Erfahrungen (die natürlich nicht jede hat oder in der gleichen Weise hat), sondern auch aufgrund von religiös/kulturell verankerter Beschmutzung der weiblichen Sexualität, und der Tatsache, dass man als Frau immer wieder aufs Sexuelle reduziert/bezogen wird und es sehr schwer hat, einfach nur als Mensch wahrgenommen zu werden (nicht alle Frauen profitieren davon oder genießen es, sich sexuell/erotisch in Szene zu setzen) - all das hinterlässt Narben, und diese Narben haben im Sinne der Lebensenergie einen Ort, das Becken.
Ich bin übrigens ganz und gar keine Anhängerin von Esoterik, die für mich deutliche Gefahren hat, aber die spirituelle Sehnsucht der Frauen kann ich gut verstehen und teile sie. Schade, dass die Autorin den beschriebenen Trend nur benutzt, um sich einen abzulachen.


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ikonist #33  —  3. August 2017, 5:09 Uhr

es wird mit Hexenverbrennungen enden


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twigalo #33.1  —  3. August 2017, 11:21 Uhr 1

Hä?


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ikonist #33.2  —  3. August 2017, 13:58 Uhr

der >(schwarze)humorlevel< ist nicht sehr hoch!?


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Gerhard Mall #34  —  3. August 2017, 5:14 Uhr 1

Mich erinnern die beschriebenen Praktiken an Rituale der NS-Zeit, die auf die Wandervogelbewegung und die Reformbewegung zurückgingen. Die Suche nach "Sinn" ist ungebrochen. Sehr interessanter Artikel!


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Kabeljau #38  —  3. August 2017, 9:23 Uhr 3

Als ich die Überschrift las musste ich spontan lachen. Es erinnerte mich sofort an meine Zeit als Student. Damals gab es an der Uni eine Menstruationsgruppe, die sich bei Mondschein treffen und gemeinsam menstruieren wollte.

Kommt irgendwie alles wieder.


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biermännchen #42  —  3. August 2017, 11:44 Uhr 2

"Wenn Menschen aufhören, an Gott zu glauben, dann glauben sie nicht an nichts, sondern an alles Mögliche. Das ist die Chance der Propheten – und sie kommen in Scharen." G.K. Chesterton


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Farmhouse #43  —  3. August 2017, 11:44 Uhr 1

So lange die Zunft der Seelenquacksalber jeden Morgen einen Dummen und eine Dumme findet, der für ihr Auskommen sorgt, werden Lichtwesen, Auren und Energiezentren die Regale der Buchläden und die Konten der Feen und Schamanen füllen.


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Pyntanell #45  —  3. August 2017, 13:14 Uhr 3

Ich finde es immer wieder interessant, dass Schamanismus mit der üblichen Esogeldmacherei verbunden wird. Dabei ist gerade Schamanismus eine Erfahrung, für die man eigentlich keinen Tinnef braucht. Keine Ritualgegenstände, keine Kristalle,keine Altäre. Man braucht nur die Welt um sich herum und die Bereitschaft, ihr zuzuhöhren.


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derneuekarl #53  —  3. August 2017, 19:19 Uhr 2

Ein typisches Weiberding und einer der ersten Problempunkte, die ein Mann abchecken sollte. Vor allem eine potenzielle Geldvernichtungsmaschine im Haushalt, denn wer wird wohl in erster Linie von Astro-TV/Questico abgezockt? Für den Preis eines Fläschchens Schwingungswasser vom professionellen Channel-Medium kann der männliche Spinner viel Freie Energie aus einem alten Plattenspielermotor schöpfen...

Also Vorsicht, Männer, denn es fängt in jungen Jahren ganz harmlos mit Horoskopelesen, Homöopathie und Feng Shui an, und kann sich bei nicht beständigem Contra zu einem veritablen Schamanismus auswachsen. ...


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Merowinger II #53.1  —  3. August 2017, 20:00 Uhr 2

Das erste, was man "abchecken" sollte, ist solche Arroganz und Ignoranz wie in Ihrem Beitrag. Nein, Spiritualität ist kein "typisches Weiberding". Und es gibt viele Männer, die sich eine spirituelle Parterin wünschen. Hören Sie also bitte auf, von sich aus auf andere zu schließen.


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Farmhouse #54  —  4. August 2017, 22:39 Uhr

Für zahlreiche dieser Sinnsuche-Angebote gilt:

Skrupellose Scharlatane bringen Menschen in schwierigen Lebenssituationen (seien diese psychisch, physisch, materiell,....), von denen manch eine und einer profesioneller wie auch immer geartete Hilfe oder Unterstützung bedarf, um ihr Geld und manchmal um ihre ganze Existenz.


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ichweissdassichnichtsweiss2 #56  —  vor 21 Stunden

Dieser Quatsch ist doch inzwischen schon schon bei Trainings für Führungskräfte eingezogen. Solange man ein Haufen Geld damit verdienen kann ist alles recht. Willkommen im post-faktischen Zeitalter.


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califex #61

Die einen fangen dann philosophische Grundsatzdebatten an, die zweiten verteidigen die katholische und evangelische Kirche, dritte bekunden Sympathie gegenüber Spiritualität, distanzieren sich aber von Abzocke; vierte berichten dann von persönlichen Missbrauchserfahrungen (ja, das ist schon schlecht) – das führt doch alles zu nichts! ...


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[...] Der Rapper Kollegah will mit seinen "10 Boss-Geboten" Männer wieder zu Männern machen und steht damit oben auf der Bestsellerliste. ... wer heult, ist ein Lauch, ein Fridolin oder eine Muschi – wobei der genretypische Sexismus, der von Feministinnen sogar gelegentlich als "identitäre Strategie" verteidigt wird, sich hier überraschenderweise auf ein Mindestmaß beschränkt. Kollegah schreibt sogar, dass Frauen bereits wüssten, was er seinen Lesern noch predigen muss: dass Probleme bloß Herausforderungen seien und im Scheitern eine Chance läge. ... Ohnehin sind die Instruktionen aus dem schwer gelebten Leben von mit Askese überbackener Banalität: Übe dich in Geduld, arbeite an deinem Händedruck, sei selbstständig, sei nicht perfekt, sei kreativ, mach Fehler, zieh dir was Ordentliches an, lern kochen, probier's mal mit Yoga, lies ein Buch, red keinen Scheiß, benimm dich, achte aufs Karma, meditiere und lass die Hände über der Bettdecke. In der Summe ist das so furchterregend wie Scarface am Altglascontainer. Dies wäre die abschließend überaus beruhigende Nachricht an alle, die sich wieder Sorgen machen, was die 13-jährigen Söhne gerade lesen. So gesehen: Alles wird gut, ihr Fridoline.


Aus: "Spann mal an, Fridolin" Eine Rezension von David Hugendick (25. September 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/literatur/2018-09/alpha-kollegah-rapper-buch-veroeffentlichung

Quote
Morrisson #4

Lieber Lauch als Rapper!


Quote
babasikander #4.9

Morrisson fickt den Rap, Digga!


Quote
Elefant Terrible #5

Der Mann hat noch eine große Karriere als Autor für Abreißkalender, Glückskekszettel und Horoskope vor sich.


Quote
Frau. Huber #18

Abgelehnt an Trevor Noah möchte ich gerne anmerken, dass jeder, der jemals einer Geburt beigewohnt hat bezeugen kann, dass eine Muschi ein ausgesprochen strapazierfähiges und starkes Organ ist. Ein kompletter Mensch wird durch eine Muschi gepresst und danach funktioniert sie einwandfrei.

Man probiere Ähnliches mit einem Penis...

Insofern ist der Versuch, einen Mann abzuwerten, indem man ihn "Muschi" nennt eigentlich wirklich witzig. Angemessener wäre "Du Penis", "Du Hoden" oder "Du Auge", wenn man unbedingt ein empfindliches Organ braucht, um Verletzlichkeit zu illustrieren.


Quote
Rothemdsärmel #18.1

Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und differenziert. Danke, die Redaktion/ee


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« Last Edit: September 25, 2018, 02:44:19 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #792 on: September 24, 2018, 08:44:36 nachm. »
Quote
[...] Jeder achte Deutsche lebt dauerhaft unter prekären Umständen. Das ergab eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin, die die gewerkschaftliche Hans-Böckler-Stiftung gefördert hat. Demnach arbeiten rund vier Millionen Menschen und damit 12,3 Prozent der Erwerbstätigen über mehrere Jahre hinweg in perspektivlosen Jobs mit geringem Einkommen und mangelnder sozialer Absicherung. Besonders häufig betroffen sind demnach Frauen im Haupterwerbsalter, die oft Kinder haben. Die zweitgrößte Gruppe sind Väter, die drittgrößte junge Männer.

Das Forscherteam um Jutta Allmendinger und Markus Promberger von der Universität Erlangen-Nürnberg macht die unsichere Situation der Menschen nicht nur am Arbeitsverhältnis fest, sondern auch an den Lebensverhältnissen allgemein. Es fragte auch nach Armut, Überschuldung oder Wohnverhältnissen. Die Datengrundlage stammt aus den Jahren 1993 bis 2012.

Eine Datensammlung zur "Qualität der Arbeit", die das Statistische Bundesamt vorgestellt hat, zeigt zudem, dass immer mehr Beschäftigte auch am Wochenende arbeiten und vor allem Führungskräfte überlange Arbeitszeiten haben. Zudem zeigt die Statistik, dass viele Menschen im Niedriglohnsektor arbeiten.

Als Niedriglöhner gilt, wer weniger als zehn Euro in der Stunde verdient und damit auch weniger als zwei Drittel des mittleren Stundenlohns. Dem Statistischen Bundesamt zufolge betrifft das mehr als jeden fünften Beschäftigten. Frauen mussten sich deutlich häufiger (Quote: 27,2 Prozent) mit niedrigen Löhnen zufrieden geben als Männer (15,8 Prozent). Die weiblichen Beschäftigten arbeiten zudem wesentlich häufiger in gering bezahlten (Dienstleistungs-)Berufen und sind in Teilzeit oder geringfügig beschäftigt.

Etwa jeder zehnte Vollzeiterwerbstätige in Deutschland arbeitet regelmäßig mehr als 48 Stunden in der Woche. Bei Männern ist das den Berechnungen zufolge mit 13 Prozent etwa doppelt so häufig der Fall wie bei Frauen (6,3 Prozent). Generell gilt: je älter, desto länger die Arbeitszeiten. Das hänge auch damit zusammen, dass Führungskräfte eher in höheren Altersgruppen zu finden seien, schreibt das Bundesamt.

Es gibt aber auch positive Nachrichten am deutschen Arbeitsmarkt: 2017 waren nahezu alle Beschäftigten krankenversichert, knapp 89 Prozent hätten bei Arbeitslosigkeit Anspruch auf Arbeitslosengeld I und 83 Prozent der Erwerbspersonen waren in der gesetzlichen Krankenversicherung. Im Schnitt nahm 2017 jeder Arbeitnehmer die Rekordzahl von 31,4 Urlaubstagen. Die Fehlzeiten wegen Krankheit nahmen wieder ab auf 10,6 Arbeitstage pro Beschäftigtem.


Aus: "Lebensverhältnisse in Deutschland: Millionen Deutsche müssen mit Niedriglöhnen auskommen" (24. September 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-09/lebensverhaeltnisse-deutschland-erwerbstaetige-prekaere-umstaende

Quote
Nemo99 #3

Das müssen fake news sein, denn Deutschland ist reich und uns geht's gut.


Quote
del Cerro #2.4

Schröders Worte damals:

In Deutschland wurde mit der Umsetzung des Hartz-Konzeptes die Entstehung des Niedriglohnsektors gefördert. Auf dem World Economic Forum in Davos am 28. Januar 2005, äußerte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder:

    „Wir müssen und wir haben unseren Arbeitsmarkt liberalisiert. Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt. Ich rate allen, die sich damit beschäftigen, sich mit den Gegebenheiten auseinander zu setzen, und nicht nur mit den Berichten über die Gegebenheiten. Deutschland neigt dazu, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, obwohl es das Falscheste ist, was man eigentlich tun kann. Wir haben einen funktionierenden Niedriglohnsektor aufgebaut, und wir haben bei der Unterstützungszahlung Anreize dafür, Arbeit aufzunehmen, sehr stark in den Vordergrund gestellt.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Niedriglohn

Nein - haben 'wir' nicht!
Wir haben eine kapputte SPD,
eine wachsende AfD,
eine gespaltene Gesellschaft,
Spannungen en masse,
selbstzufriedene Privilegiengenießer,
und malochende Niedriglöhner,
Armutsrentner, Flaschensammler,
Ungleichheit und Unzufriedenheit

wie es sie noch nie gab - hier in diesem Land!


Quote
Mettigelfan #3.5

Ich ergänze auch gern: SPD und Grüne haben den Schwachsinn verbrochen, aber der CDU/CSU/FDP ging das eigentlich noch nicht weit genug. ...


Quote
Miasto #4

Ich kann in den Zahlen keinen Grund zum Jammern erkennen. Insgesamt geht es den Menschen in Deutschland ökonomisch gesehen besser als jemals zuvor. So empfinden das ja auch die meisten Menschen. Auich wenn der DGB mit seinen "wissenschaftlichen" Studien das Gegenteil suggerieren will.

Frage an den DGB: wann war es denn einmal "besser" in Deutschland als jetzt?


Quote
anyweb #4.4

Es geht darum, dass es aufgrund der guten wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre keinen Grund gibt, warum wir den größten Niedriglohnaektor Europas haben. Und nein, diesen Menschen geht es nicht besser als jemals zuvor. In der Gesamtheit betrachtet haben die Menschen in Deutschland mehr Geld zur Vergühung. Das betrifft vor allem die Milliardenzugewinne der oberen 1 %, sagt aber rein nichts über die Verteilungsgerechtigkeit in diesem Land aus. Die hat nämlich stetig abgenommen.


Quote
macforce #4.51

Das Wort „Eigenverantwortung“ ist hier ein Fremdwort.

Kein Fremdwort - dazu hört man es zu häufig von naturtrüben neoliberalen Ideologen, Faulenzern von Beruf Sohn oder Tochter und Beziehern hoher leistungsloser Einkommen.


Quote
Commomsense2006 #4.61

Aber lieber 10% der Leute zu niedrigen Löhnen beschäftigt haben als 10% arbeitslos, wie's in der spitze unter H. Kohl war.

Klar, würde ich mir auch wünschen, dass alle Menschen mindestens 15 € pro Stunde kriegen würden, aber wir können uns die Welt ja nicht stricken, wie sie uns gefällt.


Quote
del Cerro #4.62

Sprechen SIE aus Erfahrung? ...


Quote
califex #4.63

Ist doch nicht schlimm, sind eh die Hälfte der Bevölkerung=)


Quote
Meatball #4.64

Tja, im Schnitt ist der Dorfteich nur 85 cm tief. Trotzdem ist die Kuh darin ertrunken.


Quote
chantecler #8

Aber die Arbeitslosigkeit ist ja soooooo niedrig.


Quote
W1986 #10

Diese Studien existieren seit Jahren mit relativ ähnlichen Zahlen. Niedriglohn ist auch häufig nicht irgendwie aktivierend für den Aufstieg, sondern eher frustrierend und persönlich stagnierend und die betriebswirtschaftliche Rationalität unserer Wirtschaftsweise mit den darin handelnden Akteuren hat sich mit der Existenz dieses Sektors arrangiert bzw. mittlerweile "als gegeben" in die Gesamtrechnung fest einberechnet. D.h. ohne harte Eingriffe wird er sich nicht abbauen, oder man nimmt es eben so hin mit den gesamtgesellschaftlichen Folgekosten. Dann ist das eben so mit in unsere Lebensverhältnisse eingepreist.


Quote
Ihr Schreiben ist in unserem Papierkorb eingegangen #13.1

hier hat die SPD trotz Mindestlohn versagt.

Richtig. So entlarvt sich der mickrige Mindestlohn allzu häufig selbst als Feigenblatt für eine unsoziale Arbeitsmarkt-, Sozial- und Wirtschaftspolitik, die Niedriglöhne und prekäre Beschäftigung durchgesetzt hat. Dass ein Mindestlöhner derzeit mehr als 60 Jahre (!) arbeiten müsste, um später eine Netto-Rente auf Grundsicherungsniveau (also etwa 700 Euro) zu bekommen, ist schon zur Randnotiz verkommen. ...


Quote
Madame Fu #19

Diese Verhältnisse sind schon lange bekannt - Zeit/Leiharbeit als moderne Sklaverei. Oder die Minijobs auf 450 Euro-Basis, die ohne Renten- und Sozialversicherung möglich sind. Für wen eignen die sich, wie soll da einer überleben? ...


Quote
Ihr Schreiben ist in unserem Papierkorb eingegangen #19.1

Diese Verhältnisse sind schon lange bekannt - Zeit/Leiharbeit als moderne Sklaverei.

Und auch wenn es schon oft erwähnt wurde: Die Zeit- und Leiharbeit in Deutschland ist anders als in allen anderen EU-Staaten völlig unreguliert, wodurch sie quasi schon zu einem Synonym oder Sinnbild für prekäre Beschäftigung wurde.

Anders als in allen anderen EU-Staaten (außer dem UK) haben Leiharbeiter in Deutschland keinen Anspruch auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit ab dem ersten Tag, weil für sie in D separate Tarifverträge abgeschlossen werden können. Diese sehen dann praktisch immer viel niedrigere Löhne als für Festangestellte vor. So liegen die Tariflöhne (!) für Fachkräfte in der Zeitarbeit bei unter 12 Euro brutto pro Stunde.

Hinzu kommen die weiteren Nachteile wie hohe Jobunsicherheit, ständige Arbeitgeberwechsel, hohes Risiko von Arbeitslosigkeit und der Verzicht auf (finanzielle) Vorteile, die ihre festangestellten Kollegen (oft) haben: angefangen von Sonderzahlungen bis hin zu günstigem Kantinenessen, von dem Leiharbeiter als "Externe" nicht selten ausgeschlossen sind oder für das sie als "Externe" mehr bezahlen müssen als ihre (besser verdienenden) festangestellten Kollegen.


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Einfacher Bürger #20

Die SPD sucht Aufgaben? Da habt ihr welche.


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ohdochnein #28

Bitte mal eine ganze Serie zu diesem Prekariat bringen. Porträts, Schicksale, Hintergründe, rechtliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Wohn- und Wohnumfeldbedingungen, Aufstiegschancen, (Renten-)Aussichten etc. Oder klappt das nur gegen Rechts, Sexismus oder Rassismus? - Wäre interessant und sicher für viele Zeitleser ein Blick in eine Lebensrealität die weit weg von der eigenen Lebenswirklichkeit ist.


Quote
E_Dantes #28.1

Gute Idee.Ich bin dafür, dass mal ein paar Klischees zurechtgerückt werden und es nicht ständig heißt: Im Niedriglohnsektor arbeiten nur Ungebildete.


Quote
Zwischentöne #30

Deutschland geht es gut.

Und wer's nicht glaubt ist ein Rechter, ein Linker oder Betroffener, der selbst dran schuld ist.

Bis heute hat es die SPD nicht kapiert, was durch die AGENDA2010 ausgelöst wurde und die GRÜNEN hat dies nie bekümmert.

Bezeichnend die gestrige Aussage von Ex-Finanzminister Steinbrück bei einem Bericht über die Lehman-Pleite, dass um die Jahrtausendwende ALLE dem Fetisch der Deregulierung und Neoliberalisierung hinterhergelaufen wären und von der Finanzkrise vollkommen überrascht wurden.

Dabei hat er natürlich vergessen zu erwähnen, dass es genügend Warner gab, die man aber als Störenfriede betrachtete, u.a. einer seiner Vorgänger (O. Lafontaine), der frühzeitig denn Irrweg kritisierte und deshalb kalt gestellt wurde.

Dieser Verdrängungsprozess dauert immer noch an und hat mittlerweile die nächste Krise hervorgerufen, das Erstarken der AfD.
Wird das Prekariat nicht ernst genommen und die Probleme verdrängt, sucht es sich eben "Alternativen".


Quote
GlobalPlayer5001 #30.2

>>Dieser Verdrängungsprozess dauert immer noch an und hat mittlerweile die nächste Krise hervorgerufen, das Erstarken der AfD.<<

Auf die Agenda2010 einzuschlagen ist ja schon immer der Umverteiler liebstes Hobby gewesen. Dass die Aganda aber jetzt auch noch am Erstarken der AfD Schuld sein soll, die es 2010 so noch gar nicht gab, da muss man erst einmal drauf kommen ;-)

Und dezidiert NEIN, die damaligen Reformen sind so ziemlich das einzig ansatzweise marktwirtschaftliche, das die SPD jemals hervorgebracht hat. Die muss definitiv nicht rückabgewickelt werden!


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Ihr Schreiben ist in unserem Papierkorb eingegangen #30.3

Auf die Agenda2010 einzuschlagen ist ja schon immer der Umverteiler liebstes Hobby gewesen. Dass die Aganda aber jetzt auch noch am Erstarken der AfD Schuld sein soll, die es 2010 so noch gar nicht gab, da muss man erst einmal drauf kommen ;-)

Die Agenda 2010 wurde nicht zuletzt mit "leeren Kassen" begründet, die ein "Engerschnallen der Gürtel" notwendig machen würden, weil alles als "nicht finanzierbar" galt. Die Politik des Sparens, Kürzens usw. wurden dann immer weiter fortgeführt.

Als im Zuge der Flüchtlingskrise plötzlich (scheinbar problemlos) 50 Mrd. Euro pro Jahr mobilisiert werden konnten, waren viele Wähler "verunsichert", zumal behauptet wurde, dass niemandem etwas weggenommen würde.

Auch das hat die AfD stark gemacht, obwohl diese eigentlich eine wenig soziale Partei ist.


Quote
eagle58 #31

Ein Skandal sind die ganzen Billiglohn- und Zeitarbeitjobs. Die ganzen Aufstockungsbeträge, damit die Menschen damit überhaupt leben können, werden sozialisiert. Jetzt aktuell wieder: Kaufhof/Karstadt Fusion. Die schmeissen Verkäuferinnen raus, die mit 1400 EURO brutto ohnehin nicht auf Rosen gebettet waren und bieten ihnen neue Jobs für etwas über 900 an. Soll sich doch der Staat, bzw. die Allgemeinheit darum kümmern, dass die nicht verhungern....


Quote
Ihr Schreiben ist in unserem Papierkorb eingegangen #31.1

Jetzt aktuell wieder: Kaufhof/Karstadt Fusion. Die schmeissen Verkäuferinnen raus, die mit 1400 EURO brutto ohnehin nicht auf Rosen gebettet waren und bieten ihnen neue Jobs für etwas über 900 an.

Ein schönes Beispiel.

Bezogen auf die Gesamtwirtschaft kommen hinzu: Auslagerung von Unternehmensteilen durch "Outsourcing", damit schlechtere Tarife Anwendung finden oder die Jobs im Ausland abgewickelt werden. Einsatz von Leiharbeitern und Werkvertraglern etc.

Auch wird häufiger darüber berichtet, dass die Tarifbindung immer weiter absinkt.


Quote
Kunigunde53 #33

"Es gibt aber auch positive Nachrichten am deutschen Arbeitsmarkt: 2017 waren nahezu alle Beschäftigten krankenversichert,..."

Sollte das nicht selbstverständlich sein? Die Tatsache, dass Kinderarmut und prekären Beschäftigungsverhältnisse im "Westen" stark zunehmen und gleichzeitig einige Wenige unanständig viel reicher werden (man könnte den Kuchen auch gerechter teilen), führt zu Verwerfungen wie Trump, Brexit und faschistoiden Tendenzen, denn eher wenig Gebildete sitzen gerne denen mit den einfachen Antworten auf. Der Tenor des Artikels passt gut zur die "Philosophie" von ZON: kaum Empathie für die sozial Benachteiligten, stattdessen wenig überzeugende Relativierungen, wie der letzte Absatz zeigt.



...
« Last Edit: September 24, 2018, 10:12:54 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #793 on: September 25, 2018, 11:13:05 vorm. »
Quote
[...] Kevin Kühnert ist auf Bayerntour. Vor der Landtagswahl trifft er SPD-Politiker*innen und macht Wahlkampf. Kühnert ist als Juso-Chef mittlerweile ein einflussreicher Sprecher der Linken in der SPD. Die von ihm angezettelte Kampagne gegen die Große Koalition hat er zwar verloren, bekannt gemacht hat sie ihn aber. Auch im Fall Maaßen übte er scharfe Kritik an den „Kompromissen“ der SPD-Parteichefin. So funktioniere die viel beschworene Erneuerung der SPD nicht.

Seit ein paar Tagen wird Kühnert von Politikern wie Journalisten (ja, soweit alles Männer) kritisiert. Der Vorwurf: Sein Alter und sein Bildungsgrad. Der ehemalige FAZ-Herausgeber Hugo Müller-Vogg twitterte: „Wenn ein 29jähriger (sic!) ohne Studienabschluss und ohne richtigen Job die @spdde nach seiner Pfeife tanzen lassen kann, sagt das viel über das machtpolitische Talent von @KuehniKev [Kevin Kühnert] – und noch mehr über den schlimmen Zustand der SPD.“ Journalisten wie Jan Fleischhauer sprechen dem „ewigen Politikstudenten“ ebenfalls das Urteilsrecht ab. Weil er sein Studium nicht abgeschlossen hat. Und nur knapp 30 Jahre zählt.

Das Bildungsbürgertum urteilt also, ein abgeschlossenes Studium sei Voraussetzung für die Politik. Die Elite soll unter sich bleiben, Privilegien will schließlich keiner teilen. Und die Älteren erklären den Jüngeren die Welt. Wo inhaltliche Argumente fehlen, wird nach vermeintlichen persönlichen Schwächen gesucht. Dabei wird implizit einem großen Teil der Bevölkerung pauschal das Urteilsrecht abgesprochen: Junge Menschen hätten kein Einschätzungsvermögen. Genauso wenig, wer nicht mindestens einen Master hat.

Wer so denkt, hat die repräsentative Demokratie nicht verstanden. In der „Arbeiterpartei“ kann ein hoher Bildungsabschluss kein Kriterium sein. Genauso braucht die Erneuerung der Partei gerade junge Engagierte. ARD-Journalist Ulrich Deppendorf warf Kühnert vor, dass er mit seinen kritischen Äußerungen die SPD spalte und die AfD stark mache. Diese abgehobenen Elitären über 50 sollten sich fragen, ob es nicht viel destruktiver ist, pauschal die Menschen zu entmündigen. Das fördert Politikverdrossenheit – und Schlimmeres.


Aus: "Hat der überhaupt studiert?!" Sarah Kohler (24. 9. 2018)
Quelle: https://www.taz.de/Absurde-Twitterkritik-an-Kevin-Kuehnert/!5534818/

Quote
Jim Hawkins

Hat der Kerl überhaupt gedient?


Quote
Andi S

Die Kritik am Alter halte ich für überflüssig, aber mal zu hinterfragen ob Berufspolitiktum das richtige ist, wäre mal angebracht. Einfach mal 5 Jahre in einem technischen oder sozialen Beruf arbeiten vor dem Mandant wäre zu begrüßen. ...


Quote
Frau Kirschgrün

@Andi S So wie Herr Spahn?^^


Quote
kartoffelskeptiker

@Frau Kirschgrün danke. der war gut.


Quote
achterhoeker

Herrlich, diese Argumentation kenne ich doch! Das ist 50 Jahre her. Da tobten die Oberstudienräte über die Studenten, die alle vom Osten gesteuert waren. Uns beschieden diese "Eliten", die in Wirklichkeit vor verbeamteter Feigheit strotzten:"Machen Sie erst 'mal Abitur."

Wir haben diese Baskenmützenträger, teils noch in Knickerbockern nicht ernst genommen und herrlich abgelästert. Wir hätten niemals gedacht, dass solch' ein reaktionäres Gedankengut wieder einmal staatstragend würde.

Ich denke, dass Kevin Kühnert sich darauf ein Ei pellt. ...


Quote
Spider J.

Wir leben in einer Gerontokratie erster Güte. Die Probleme die wir heute haben drehen sich um diejenigen, die die letzten 20-30 Jahre Zeit gehabt hätten, sie zu vermeiden. Ich sag nur Pflege, Rente, Altersarmut, Mieten, Klimawandel etc.

Und jetzt kommt da so ein Emporkömmling der nichts "Richtiges" gelernt hat und stänkert rum. ...


Quote
Frau Kirschgrün

Kevin Kühnert scheint alles richtig zu machen.
Sie gehen völlig respektlos und inhaltsleer auf ihn los. ...


...

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« Reply #794 on: September 26, 2018, 02:34:51 nachm. »
Quote
[...] Klaus Theweleit (18.09.2018): " ... Selbstverständlich verbreiten alle die, denen es irgendwie „besser“ geht, denen es auskömmlich geht oder zu gehen scheint, die ihr Dasein als Lust empfinden, Lügen zur Lage derer, denen es nicht so geht; die die Welt um sich herum als bedrohlich empfinden, aber keine Chance auf Veränderungen sehen; jedenfalls nicht auf zivilen Wegen. Ein Grundfehler der liberalen „bürgerlichen“ Presse war (und ist) es meiner Meinung nach, den Vorwurf der „Lügenpresse“ nicht wirklich ernst zu nehmen, ihn nicht ernsthaft zu bedenken. Statt zu sagen – was der Wahrheit entspräche – wir sind parteiisch; wir vertreten bestimmte Interessen; und wir können das begründen: zum Beispiel das Interesse an der sogenannten Marktwirtschaft in hochtechnifizierten demokratischen Gesellschaften. Wir können begründen, warum dazu das Interesse an bestimmten Formen der politischen Auseinandersetzung gehört: im Bundestag, in den Landtagen, in den Kommunen, in Kindergärten, Schulen, in Betrieben und Vereinen. Wir können begründen, warum dazu die Akzeptanz des Gewaltmonopols des Staats gehört; die Akzeptanz der sogenannten „Gewaltenteilung“, Unabhängigkeit der Justiz. Aber auch das Recht auf Bürgerinitiativen, auf zivilen Widerstand etc. - aber nicht das Recht auf lokale „Bürgerwehren“, zumal bewaffnete, um nur dies eine Beispiel zu nennen.
Zuzugeben wäre also: „Wir sind eine interessenzentrierte bürgerliche Presse mit ganz bestimmten Werten; und sind damit in den Augen derer, die diese Werte ablehnen und bekämpfen ganz selbstverständlich Lügenpresse. Danke für das Kompliment“! – so etwa hätte eine angemessene Antwort zu lauten; und nicht: die offen Kriminellen von AfD und ähnlich einzuladen in sogenannte Talkshows, um ihnen dort zu beweisen, dass man doch nicht Lügenpresse sei, sondern objektiver Journalismus; diese Zentrallüge der „bürgerlichen Presse“ also weiter und nochmals zu verbreiten. Man hätte sich zu bekennen zur eigenen Parteilichkeit. Nämlich: „Ja, wir sind so; und wir sind gegen euch. Und wir sagen das laut, auch ohne euch dabei haben zu müssen im Diskutierstuhl“. Weil: „Ihr seid erklärte Feinde jenes demokratischen Systems, dessen Formate wir hier diskutativ repräsentieren. Und da gehört ihr nicht rein“.
Stattdessen die Mär vom „objektiven Journalismus“. Ich (wie Millionen andere) müssten Schmerzensgeld verlangen dürfen für die Leiden des Fremdschämens, die uns die ModerateurInnen Maischberger, Will, Illner, Jauch, Plasberg auferlegt haben in ihren devoten „Gesprächsversuchen“ mit den offen kriminellen Typen, männlich wie weiblich, aus der sogenannten Alternative fD.
Dies gilt nicht nur fürs Fernsehen, die WELT, die ZEIT usw., sondern genauso für die taz und andere Organe, die sich für die „linkeren“ halten. Ganzseitige Interviews mit der offenen Faschistin A. Weidel, ein paar Tage vor einer Wahl! Frau Bettina Gaus als Statthalterin objektiver Ausgewogenheit. Für wie blöd hält man die Leute denn? So blöd sind grad die Gaulands und Weidels nicht. (In den Knast mit ihnen! Wegen erwiesener Morddrohungen und Volksverhetzung). Diskutieren mit denen? Nein! Und nochmal nein. Aber nicht aus der Verlogenheit heraus: „Wir sind die Objektiven“.
Und auch noch denken, man wäre denen damit überlegen; könne sie, diskutierend, widerlegen! Der Gipfel! Gegen Leute, die (voll bewusst) aus dem Kontrafaktischen reden (ob Weidel, Gauland oder Trump) kann jeder „diskutierende“ Mensch nur verlieren; weil dieser Typus sich mit jedem vorgebrachten „Argument“ nur den Hintern wischt und eine Behauptung dagegensetzt, die darauf pfeift, „wahr“ oder auch nur „begründbar“ zu sein. Mit solchen Leuten diskutiert man nicht als halbwegs vernünftiger Mensch. ..."


Aus einem Interview mit Klaus Theweleit: "Diese Körper sind von Angst erfüllt"
Georgios Chatzoudis (Gerda Henkel Stiftung, 18.09.2018)
Quelle: https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/maennergewalt_theweleit


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« Reply #795 on: September 27, 2018, 11:29:12 vorm. »
Quote
[...] Es war ein unscheinbarer Moment bei einem Auftritt von Herzogin Meghan. Sie fuhr am Dienstag zur Eröffnung einer Ausstellung in London. Sie stieg aus einer schwarzen Limousine - und schloss die Tür hinter sich.

Ein Mann im Smoking, der Meghan zur Begrüßung lange die Hand geschüttelt hatte und danach offenbar auch die Autotür schließen wollte, hielt sich überrascht eine Hand vor den Mund.

Und der Rest des Landes tat es ihm gleich.

Mit der unbedachten Geste habe die 37-jährige Herzogin von Sussex viele Briten "schockiert", schrieb die Boulevardzeitung "Express". Der "Mirror" monierte, dass Queen Elizabeth II. oder Herzogin Kate so ein Missgeschick "nie in der Öffentlichkeit" passiert wäre. Das ist nicht ganz richtig: Kate sorgte laut "Time" einst für Schlagzeilen, weil sie ihren Regenschirm bei einem Auftritt selbst getragen hatte.

Der Königshaus-Experte Christopher Wilson ist jedenfalls sicher: Es sei das erste Mal, dass er eine Herzogin gesehen habe, die ihre eigene Autotür schließe.

Doch Meghan bekam auch Lob: Der Kolumnist der "Daily Mail", William Hanson, pries die Herzogin als "bescheiden" und "bodenständig". Eine Journalistin des Boulevard-Blattes "Sun" kommentierte: "Gut gemacht, Meghan!"

Eine Sache war Hanson von der "Daily Mail" noch wichtig: Meghan habe genau genommen keine Regel gebrochen. Normalerweise stehe bei Mitgliedern der Königsfamilie und anderen Würdenträgern zwar ein Helfer bereit, um Autotüren zu öffnen oder zu schließen, schrieb er auf Twitter. Dies geschehe aber aus Sicherheitsgründen und habe "nichts mit Prinzessinnen-Verhalten zu tun".

Herzogin Meghan hatte im Mai Prinz Harry geheiratet. Von der Presse wird sie seitdem auf Schritt und Tritt verfolgt. Die Ausstellungseröffnung am Dienstag war der erste Termin, zu dem Meghan alleine kam.

jpz/AFP


Aus: "Herzogin Meghan: Die Tür-Affäre" (26.09.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/leute/herzogin-meghan-markle-warum-eine-geschlossene-autotuer-fuer-aufregung-sorgt-a-1230269.html


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« Reply #796 on: September 27, 2018, 12:04:53 nachm. »
Quote
[...] Heute wird die Wasserversorgung in England und Wales durch multinationale Großkonzerne betrieben. Die viel beschworene Effizienz ist dabei nicht sichtbar. In vielen Städten gibt es zahlreiche Leckagen. In einem kurz vor dem Parteitag veröffentlichten Strategiepapier mit dem Titel "Clear Water: Labour's Vision for a Modern and Transparent Publicly-Owned Water System" weist die Partei auf weitere durch die Privatisierung verursachte Probleme hin.

So seien die Kosten für den Endverbraucher im Laufe der vergangenen 25 Jahre um 40% gestiegen. Derweil hätten die Betreiberkonzerne in den letzten zehn Jahren Dividenden im Wert von 18 Milliarden Pfund an ihre Aktionäre ausgeschüttet. Dieses Geld, so argumentiert das Strategiepapier, hätte man stattdessen in die Infrastruktur stecken oder zur Senkung der Verbraucherpreise nutzen können. Stattdessen seien Investitionen in die Infrastruktur zwischen 1990 und 2018 massiv gesunken, obwohl 20% des Leitungswassers durch Leckagen verloren gehe. Für diese "Leistung" seien die Chefs der Wasserkonzerne im Durchschnitt mit einer Million Pfund pro Jahr bezahlt worden.

In seiner Parteitagsrede vom Montag, den 24. September, kündigte Labours wirtschaftspolitischer Sprecher John McDonnell die Verstaatlichung der britischen Wasserversorgung durch die nächste Labour-Regierung an. Das oben erwähnte Strategiepapier soll beschreiben, wie dies funktionieren könnte.

Angedacht ist demnach eine Regionalisierung der Wasserversorgung, die an "Regional Water Authorities" übertragen werden soll. Dies soll durch ein im Parlament beschlossenes neues Gesetz in die Wege geleitet werden. Dieses Gesetz soll außerdem Schutzklauseln enthalten, welche zukünftige Privatisierungsvorhaben verhindern sollen.

Die Labour-Partei fasst ihre Pläne unter dem Schlagwort "demokratischer öffentlicher Besitz" zusammen. Damit ist die Errichtung von Strukturen gemeint welche "Teilhabe und Rechenschaftspflicht maximieren" sollen. Teil dieser Rechenschaftspflicht soll eine für die Bevölkerung jederzeit einsehbare Veröffentlichung aller die Wasserversorgung betreffenden Behördendokumente im Internet sein. Außerdem sollen die "Regional Water Authorities" öffentlich tagen und paritätisch aus Lokalpolitikern, Gewerkschaftsvertretern sowie Mitgliedern von Nachbarschafts- und Umweltschutzgruppen bestückt werden. Den Profitgedanken möchte Labour aus der Wasserversorgung verbannen. Stattdessen will man eventuelle Überschüsse für Investitionen in Infrastruktur oder in die Kostensenkung stecken.

...


Aus: "Labour-Partei will britische Wasserversorgung verstaatlichen" Christian Bunke (27. September 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Labour-Partei-will-britische-Wasserversorgung-verstaatlichen-4175851.html

Quote
     Undulator, 27.09.2018 09:45

Die Lissabon "Bertelsmann" Agenda 2010

sieht eine radikale Privatisierung aller öffentlicne Bereiche vor.
https://www.nachdenkseiten.de/?p=16494

In England haben sich schon einige Firmen mit der Privatisierung ein blaues Auge geholt. ...



Quote
     A.Schell, 27.09.2018 09:45

Wenn er jetzt noch die britischen Truppen aus dem Ausland zurückholen will und anfängt, von der Verstaatlichung von Banken zu träumen, wird er erschossen. Mutiger Mann jedenfalls. Respekt.


Quote
     Judaspriester, 27.09.2018 09:36

Unglaublich - Eine politische Willensbekundung die wirklich mal der breiten Masse nützt. Und das dann auch noch von den Briten. :-O
Gerne würde ich mir vergleichbares auch hier wünschen, aber da scheint mir der Lotto Gewinn warscheinlicher..


Quote
     stadtFux, 27.09.2018 08:26

... Die Entprivatisierung der Wasserversorgung ist überfällig! Vielleicht schaut mal eine SPD-Delegation beim nächsten Parteitag der Labourpartei vorbei...


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« Reply #797 on: September 27, 2018, 12:55:55 nachm. »
Quote
[...] Im südchinesischen Suzhou hat das neue Schuljahr mit einem Eklat begonnen, der einiges über die Ängste der chinesischen Mittelklasse verrät. Anlass für den Aufruhr war ein Beschluss der staatlichen Qinxi-Grundschule, deren Schüler aus gutsituierten Familien kommen. Die Schulleitung verfügte, einen leerstehenden Gebäudetrakt an eine Schule für sozial schwache Kinder von Wanderarbeitern zu vermieten.

Aufgebrachte Eltern drohten daraufhin mit einem Schulboykott. Bei einer Demonstration vor der Stadtverwaltung kam es zu turbulenten Szenen. Die Polizei führte mehrere Eltern ab, eine Mutter wurde für einen Tag in Haft genommen. Ruhe kehrte erst ein, als die Schulverwaltung versicherte, dass die Kinder der beiden Schulen einander nicht begegnen würden. Blickdichte Trennwände wurden aufgestellt, ein zweiter Eingang zum Schulgebäude errichtet und Tore mit Eisenketten gesichert. Während der Pausen dürfen die Kinder der Wanderarbeiter-Schule das Gebäude nicht verlassen. Zum Spielen bleibt ihnen nur der Gang vor den Klassenzimmern, während die wohlhabenderen Kinder von Qinxi auf dem Schulhof herumlaufen. Die Direktorin Jiang Lijun erklärt das so: „Ein relativ unabhängiger Raum erleichtert es mir, die Schule zu verwalten und Qinxi als Marke zu fördern, insbesondere seinen einzigartigen kulturellen Geist.“

In den sozialen Netzwerken wurde die geteilte Schule von Suzhou zum Sinnbild für den ungleichen Kampf um Bildungsressourcen in China. Doch sie steht auch noch für einen anderen Trend: Im Wettbewerb um Arbeitskräfte bemühen sich immer mehr mittelgroße Städte wie Suzhou, den diskriminierten Wanderarbeitern einen neuen Gesellschaftsvertrag anzubieten. Die Mittelschicht sieht ihre Privilegien in Gefahr.

Eine Mutter, die gerade ihre Tochter in die Qinxi-Grundschule gebracht hat, sagt: „Wir hatten die Befürchtung, dass die Wanderarbeiterkinder einen schlechten Einfluss auf unsere Kinder haben würden.“ Es ist halb acht Uhr morgens. Vor der Schule fahren Audis und Volkswagen vor. Im Internet kursierten Berichte über die Lixin-Schule, die ursprünglich fünf Kilometer entfernt in einem Wohngebiet für Wanderarbeiter angesiedelt war. Der Mietvertrag lief aus, und die Schule musste weichen. „Es gab Berichte über Schlägereien und eine Veranstaltung zur Drogenprävention. Das klang, als habe es dort Probleme gegeben.“ Aber inzwischen habe sie sich die Kinder „auf der anderen Seite“ angeschaut. „Sie sind anders, als wir dachten. Unschuldig“, sagt die Frau, die sich mit ihrem englischen Namen als Emily vorstellt. Gemeinsame Aktivitäten der Kinder sind für sie dennoch undenkbar.

„Wir verstehen, dass die Regierung allen gleiche Bildungschancen geben will“, sagt eine andere Mutter. „Aber wir wollen, dass die Regeln befolgt werden.“ Die Regeln besagen, dass nur solche Familien einen Platz an der angesehenen Qinxi-Schule bekommen, die Wohneigentum in dem Schulbezirk nachweisen können. Die meisten Familien sind aus genau diesem Grund hierhergezogen. Sie haben viel Geld in die Zukunft ihrer Kinder investiert. Denn sie sind überzeugt, dass schon in der ersten Klasse die Weichen für die Karrierechancen ihrer Kinder gestellt werden. Wer an der Qinxi das Einmaleins lernt, hat Aussichten auf eine gute weiterführende Schule, eine gute Uni, einen guten Job. Um diese Investition fühlen sich die Eltern nun geprellt. „Wir haben ein großes Haus im Umland“, sagt Hu Lijun. „Aber dort gibt es nicht so gute Englischlehrer.“ Deshalb hätten sie hier für viel Geld ein weiteres gekauft. „Sobald unser Sohn aus der Schule ist, werden wir es wieder verkaufen. So machen es die meisten Eltern.“ Die Mutter ärgert sich darüber, dass die Ansiedlung der Wanderarbeiter-Schule erst so spät bekanntgegeben wurde. Denn da sei es schon zu spät gewesen, ihren Sohn in einer anderen Schule anzumelden – im Umkreis des dritten Hauses der Familie.

Hu Lijun verbringt viel Zeit damit, ihren Sohn beim Lernen zu unterstützen und ihn zu außerschulischen Kursen zu bringen. „Die Eltern hier legen viel Wert darauf, dass ihre Kinder später studieren und ins Ausland gehen“, sagt sie. Bei den Eltern auf der anderen Seite des Zauns sei das wohl eher nicht so.

Es sind nur dreihundert Meter zum Eingang von Lixin, doch dazwischen liegen Welten. Hier kommen die Eltern mit Elektrorollern, englische Namen haben sie nicht. Es ist kurz vor 15 Uhr. Wu Yanping wartet vor dem Tor auf ihre Zwillinge. Sie arbeitet in einer Fabrik und ist heilfroh, dass die Lixin-Schule hier eine neue Bleibe gefunden hat. „Sonst wären wir wieder getrennt worden“, sagt sie.

Denn Wanderarbeiter wie Frau Wu haben in der Stadt, in der sie arbeiten, keinen Anspruch auf einen Schulplatz für ihre Kinder. Das ist die Logik des Hukou-Systems, das Zuzügler aus ländlichen Gegenden noch immer als Landbewohner registriert, selbst wenn sie schon Jahre oder Jahrzehnte in einer Stadt leben. Die rasante Urbanisierung hat das System zu einem dysfunktionalen Monstrum werden lassen. Fast ein Fünftel der Bevölkerung wird dadurch benachteiligt. Doch es einfach abzuschaffen würde die Sozialsysteme überlasten. Die Folge: Mehr als neun Millionen Kinder wachsen nicht bei ihren Eltern, sondern bei den Großeltern auf dem Land auf. Auch bei Familie Hu war das lange so. „Es hat uns entfremdet“, sagt die Mutter. „Das hätte ich nicht noch einmal ertragen.“

Das prosperierende Suzhou braucht Leute wie Wu Yanping. Nach Shenzhen ist Suzhou die Stadt mit dem zweithöchsten Anteil an Wanderarbeitern. Er liegt bei mehr als fünfzig Prozent. Die Bildungsbehörde teilt auf Anfrage mit: „Der Widerspruch zwischen Angebot und Nachfrage für Bildungsressourcen stellt Suzhou vor ernste Herausforderungen.“ So habe die Stadt eine Quote für Wanderarbeiter-Kinder an staatlichen Schulen eingeführt. Noch sind es aber nur 16.200 Plätze. Das reicht bei weitem nicht aus. Frau Wu blieb damit nur die private Lixin-Schule, die im Jahr umgerechnet 340 Euro Schulgeld verlangt. Noch dazu sind solche Privatschulen häufig von geringer Qualität. Doch der Umzug in die leeren Räume der Qinxi-Schule bedeutet eine große Verbesserung: Die Klassengröße sank von 60 auf 40 Schüler. Die Gebühren wurden halbiert. Auch das ist Teil der Reformbemühungen der Stadt, die nach eigenen Angaben die Qualitätsstandards für 75 Wanderarbeiter-Schulen erhöht hat.

Frau Wus Träume für die Zukunft ihrer Kinder sind nicht sehr ambitioniert. „Das wichtigste ist, dass sie glücklich und gesund sind“, sagt sie. Den Eifer der Eltern von der Nachbarschule kann sie nicht nachvollziehen. „So viele College Studenten begehen Selbstmord“, sagt sie. „Wofür?“ Und wie sieht es aus mit außerschulischen Kursen oder Hausaufgabenhilfe? „Mein Mann sagt, die Kinder sollen in der Schule lernen, was es zu lernen gibt. Das reicht.“ Damit bestätigt Frau Wu die schlimmsten Albträume der Eltern von Qinxi.


Aus: "Die Ängste der chinesischen Mittelklasse" Friederike Böge, Suzhou (27.09.2018)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/suedchina-eltern-protestieren-gegen-wanderarbeiter-schueler-15808403.html


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« Reply #798 on: September 27, 2018, 01:00:13 nachm. »
Quote
[...] Nach seiner Kritik an der Ausstattung der ehemaligen Bundespräsidenten kritisiert der Bundesrechnungshof nun auch die Versorgungsregeln für frühere Bundeskanzler. Die zeitlich nicht befristete Bereitstellung mehrerer Chefkraftfahrer, von Büros und Mitarbeitern sei grundsätzlich zu hinterfragen, heißt es in einem 40 Seiten langen Bericht, aus dem die „Bild“-Zeitung am Donnerstag zitiert. Die Altkanzler hätten zuletzt „Grenzen überschritten“.

Die Prüfer nahmen sich demnach alle staatlichen Zahlungen an frühere Kanzler zwischen 2013 und 2015 vor. Da Helmut Schmidt (SPD) und Helmut Kohl (CDU) bereits verstorben sind, betrifft die Kritik ausschließlich noch Gerhard Schröder (SPD).

Ehemalige Bundeskanzler stünden „in keinem Amts- und Dienstverhältnis mehr“, sondern seien „in erster Linie Versorgungsempfänger“, schreibt der Rechnungshof. Besonders kritisch sieht die Behörde, dass der Steuerzahler für Büro und Personal von Altkanzlern aufkommen muss. Doch statt diese volle „Amtsausstattung“ zur „Abwicklung der früheren Aufgaben“ zu nutzen, würden von dort private Termine organisiert oder „Lobbyarbeit für bestimmte Interessengruppen“ betrieben.

Kritisiert wird demnach auch: Büro und Personal wurden für die „Erzielung zusätzlicher Einkünfte“ für „Aufsichts- und Verwaltungsratsmandate“ von „jährlich mehreren hunderttausend Euro“ genutzt. Der Rechnungshof fordert deshalb strenge Vorschriften für die Ausgaben von Ex-Kanzlern.

 

Aus: "Bezüge von Gerhard Schröder: Rechnungshof kritisiert „Vollausstattung“ der Altkanzler" (27.09.2018)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/rechnungshof-kritisiert-vollausstattung-der-altkanzler-15809258.html

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« Reply #799 on: September 27, 2018, 01:34:54 nachm. »
Quote
[...] Gut und gern ein halbes Dutzend Komponenten lagen auf den Tellern, die Spitzenköchin Tanja Grandits («Stucki» in Basel) vor wenigen Tagen ihren Gästen servieren liess. Auberginen und Miso, Mandeln und Fleisch, welches gar noch auf zweierlei Arten zubereitet worden war – einmal gebraten und innen noch rosa, einmal geschmort. Ein guter Teil des Porzellans war gefüllt mit feinsten Lebensmitteln.

Doch wo anfangen, dürfte sich so mancher Kunde an diesem Abend gefragt haben. Erst das Fleisch und dann die Sauce? Oder sollte man mit dem Gemüse starten, um es mit dem Miso zu kombinieren und auf diese Weise den Gaumen für den Rest zu präparieren? Gar nicht so einfach zu entscheiden!

... Viele Profis probieren nämlich erst alle einzelnen Komponenten auf dem Teller – von Fisch über Saucen bis zu den verschiedenen Gemüsen und stärkehaltigen Beilagen – und beginnen danach mit der Kombination. Ein uniformer Matsch ist natürlich nicht das Ziel dieser Aktion, es geht ums Ausprobieren, um die sanfte Akzentuierung der einzelnen Bestandteile. Manche Restaurants regen derartige Experimente sogar mit kleinen, aber intensiven Spots von Gelen, Saucen, Kräutern oder Pulvern an, die Abwechslung schaffen und jeden Bissen anders schmecken lassen.

Ausdrückliche Essvorschriften sind übrigens die Ausnahme, nur bei manchen spektakulären Speisen wie in Stickstoff gefrorenen Flüssigkeiten oder den sogenannten Sphären, den Gebilden mit fester Aussenhülle und flüssigem Innenleben, wird der Gast vom Kellner gebeten, eine bestimmte Reihenfolge zu beginnen. Auf den Mitarbeiter zu hören, bietet sich in diesen Fällen an.

Ähnlich sollte man tunlichst auch bei der Sushiauswahl verfahren oder beim Käseteller. Japanische Fischhappen unterscheiden sich in ihrer Würze deutlich, weshalb man nie mit dominierenden Unagi Sushi (Aalhappen) beginnen sollte. Bei Milchprodukten ist die Sache noch extremer. Egal, ob man vom Wagen wählt oder eine in der Küche zusammengestellte Komposition bekommt: Käse unterscheiden sich geschmacklich oft in einer Weise, die eine Essstrategie geradezu erfordert. Wer mit der falschen Sorte beginnt, etwas einem rezenten Blauschimmelkäse, wird den zarten Ziegenkäse im Anschluss nicht mehr zu würdigen wissen.


Aus: "Wie man im Gourmetrestaurant den Teller leert, ohne sich zu blamieren" Wolfgang Fassbender (26.9.2018)
Quelle: https://bellevue.nzz.ch/kochen-geniessen/essregeln-in-der-gehobenen-gastronomie-wie-man-im-gourmetrestaurant-den-teller-leert-ohne-sich-zu-blamieren-ld.1423243



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« Reply #800 on: Oktober 01, 2018, 08:24:01 vorm. »
Quote
[...] Die rechten Ausschreitungen in Chemnitz Ende August führten zu einer kontroversen Debatte über Ausländerfeindlichkeit und Rassismus in Ostdeutschland. Sicher ist, dass diese Debatte das Image von Chemnitz, Sachsen, Ostdeutschland und Gesamtdeutschland beschädigt hat. Allenthalben wurde vor einem starken Rechtsextremismus gewarnt, und der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Marcel Fratzscher mahnte, dass der Osten ohne Toleranz seine Talente und seine Wirtschaftskraft verlieren würde.

Doch die bittere Wahrheit ist: Er verliert sie auch so. Trotz vieler hübsch renovierter Altbaufassaden in Vorzeigestädten wie Leipzig, Dresden, Weimar oder Potsdam – der Osten schließt nicht zum Westen auf. Im Jahr 2017 lag das Bruttoinlandsprodukt in den ostdeutschen Flächenländern mit 28.300 Euro pro Kopf noch um gut 30 Prozent niedriger als im Westen (41.000 Euro).

Hinzu kommt: Seit 1991 ist die Bevölkerung der ostdeutschen Flächenländer von 14,6 auf 12,6 Millionen gesunken, während sie im Westen (einschließlich Berlins) von 65,3 auf 69,6 Millionen angestiegen ist. Korrigiert man die wirtschaftlichen Daten um diesen Abwanderungseffekt, dann fällt die Angleichung der Lebensverhältnisse noch geringer aus.

Die rechten Ausschreitungen in Chemnitz Ende August führten zu einer kontroversen Debatte über Ausländerfeindlichkeit und Rassismus in Ostdeutschland. Sicher ist, dass diese Debatte das Image von Chemnitz, Sachsen, Ostdeutschland und Gesamtdeutschland beschädigt hat. Allenthalben wurde vor einem starken Rechtsextremismus gewarnt, und der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Marcel Fratzscher mahnte, dass der Osten ohne Toleranz seine Talente und seine Wirtschaftskraft verlieren würde.

Doch die bittere Wahrheit ist: Er verliert sie auch so. Trotz vieler hübsch renovierter Altbaufassaden in Vorzeigestädten wie Leipzig, Dresden, Weimar oder Potsdam – der Osten schließt nicht zum Westen auf. Im Jahr 2017 lag das Bruttoinlandsprodukt in den ostdeutschen Flächenländern mit 28.300 Euro pro Kopf noch um gut 30 Prozent niedriger als im Westen (41.000 Euro).

Hinzu kommt: Seit 1991 ist die Bevölkerung der ostdeutschen Flächenländer von 14,6 auf 12,6 Millionen gesunken, während sie im Westen (einschließlich Berlins) von 65,3 auf 69,6 Millionen angestiegen ist. Korrigiert man die wirtschaftlichen Daten um diesen Abwanderungseffekt, dann fällt die Angleichung der Lebensverhältnisse noch geringer aus.

Wenn 2019 der Solidarpakt II ausläuft, über den die ostdeutschen Länder und Berlin zusätzliche Bundesmittel erhalten, sind neue großzügige Förderprogramme für den Aufbau Ost ziemlich unrealistisch. Denn dem Staat sind längst neue Lasten entstanden, die finanziert werden müssen. Die Aufnahme von Flüchtlingen kostet seit 2016 circa 25 Milliarden Euro jährlich. Die Nettozahlungen an die EU lagen zuletzt bei 13 Milliarden Euro. Die 3,5 Milliarden, die der Länderfinanzausgleich an die ostdeutschen Flächenländer verteilt, wirken im Vergleich geradezu bescheiden.

Der Bundesregierung in Berlin dürfte klar sein, dass die umfangreichen sozialen Ausgaben aus Steuern allein nicht mehr zu finanzieren sind. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihr zuletzt kräftig geholfen. Das niedrige Zinsniveau senkt die Zinskosten und treibt einen Immobilien- und Exportboom, der – bis die Blase platzt – viel Geld in die deutschen Staatskassen bringt.

Doch der Osten profitiert von der Geldschwemme kaum. Da die dortige Bevölkerung schrumpft und infolgedessen wenig gebaut wird, ist der Bauboom vor allem ein Phänomen im Westen und in Berlin. Auch den Exportboom tragen überwiegend die Unternehmen des Westens. Und die Geldpolitik der EZB drückt vor allem die Finanzierungskosten der Großunternehmen. Alle Dax-Konzerne außer einem haben ihre Zentrale im Westen. Die kleinen und mittleren Unternehmen, die die wirtschaftliche Aktivität in Ostdeutschland bestimmen, bleiben hingegen auf Kredite der regionalen Banken angewiesen. Deren Margen werden von der Niedrigzinspolitik gedrückt, sodass sie vergleichsweise hohe Kreditzinsen verlangen.

Es ist deshalb nicht überraschend, dass im Wettbewerb um Talente die westdeutschen Unternehmen deutlich höhere Löhne bieten können: Für Vollzeit-Beschäftigungsverhältnisse werden im Westen im Durchschnitt 1000 Euro brutto mehr bezahlt.

Das wirtschaftliche Umfeld für die Integration von Zuwanderern hat sich mit der ultralockeren Geldpolitik verändert. In Westdeutschland unter Ludwig Erhard war eine harte D-Mark die Grundlage für ein lang anhaltendes Wirtschaftswunder, das zusätzlicher Arbeitskraft bedurfte. Die angeworbenen Gastarbeiter wurden sofort nach ihrer Ankunft in den Arbeitsmarkt integriert und trugen zu weiterem Wachstum bei. Die daraus resultierende positive Grundstimmung erleichterte die Integration. Heute gibt es eine quasi bedingungslose Kreditvergabe der EZB, die im Süden Europas schon viele Zombiebanken und -unternehmen geschaffen hat. Das droht auch in Deutschland, wenn der Immobilien- und Exportboom endet.

In vielen Regionen Ostdeutschlands sind die Wachstumsperspektiven jetzt schon negativ. Zuwanderer, die nicht arbeiten, werden als Konkurrenz bei der Inanspruchnahme staatlicher Zuwendungen oder als Grund für eine hohe Steuer- und Abgabenlast empfunden. Es formiert sich Protest, der in Berlin meist kein Gehör findet. Das verstärkt die Frustration vieler Bürger in den ostdeutschen Ländern.

Endet der derzeitige Boom, dann dürften die Steuereinnahmen einbrechen. Die Finanzierung des großzügigen deutschen Wohlfahrtsstaates, der derzeit noch größere wirtschaftliche Unterschiede zwischen Ost und West ausgleicht, wird ins Wanken geraten. Dann steht Deutschland vor einer Belastungsprobe.


Aus: "Ostdeutschland: Leeres Land" Gunther Schnabl (ZEIT Nr. 40/2018, 27. September 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/2018/40/ostdeutschland-chemnitz-toleranz-wirtschaftskraft/komplettansicht

Quote
Mangalore #2.1

Die Beobachtung scheint allerdings ziemlich parallel zu den Protestbewegungen in Großbritannien, Frankreich und USA.
Ob der Norden Englands, die ehemaligen Stahl- und Kohlestaaten der USA oder die ehemaligen Industrieregionen Frankreichs. Die Reaktion auf den Niedergang dieser Regionen ist durchaus parallel.
Unterschied ist, dass Ostdeutschland durch DDR schon in den 80ern kein Boomgebiet mehr war.
Es geht zudem nicht um absolute Umstände, sondern relative Empfindung innerhalb einer Gesellschaft, die das "Abgehängtsein" und das Gefühl der "Ungerechtigkeit" bestätigt.


Quote
GNTM #6

Wenn man die Demonstranten in Chemnitz als "Abgehängte" diffamiert, betreibt man damit erst recht ein Konjunkturprogramm für die Rechten.


Quote
Serp4 #6.4

Also die die auf die Straße gehen zum aufmischen mit einschlägigen Tätowierungen und so ( die man in Chemnitz zu gesicht bekam ) kommen nicht aus dem Mittelstand .


Quote
0tttt0 #7

Rechtsradikale, hohe Stimmenanteile für die AfD und Landflucht gibt es auch im Westen. Das Problem ist nur, daß die überegionalen Zeitungen alle aus den rotlinksgrünen Blasen westdeutscher Stadtstaaten (inkl. Westberlin) berichten.


Quote
Harzzach #7.1

"Rechtsradikale, hohe Stimmenanteile für die AfD und Landflucht gibt es auch im Westen."

Wo denn?

"Das Problem ist nur, daß die überegionalen Zeitungen alle aus den rotlinksgrünen Blasen westdeutscher Stadtstaaten (inkl. Westberlin) berichten."

Jaja, alles Lügenpresse, wenn nicht so berichtet wird, dass mein Weltbild bestätigt wird.


Quote
think-different #11

aus dem artikel:“Endet der derzeitige Boom, dann dürften die Steuereinnahmen einbrechen. Die Finanzierung des großzügigen deutschen Wohlfahrtsstaates, der derzeit noch größere wirtschaftliche Unterschiede zwischen Ost und West ausgleicht, wird ins Wanken geraten. Dann steht Deutschland vor einer Belastungsprobe“

diese unbequeme wahrheit ist allerdings keine rein ostdeutsche, sondern eine gesamtdeutsche.

leider wurde in den vergangenen jahren versäumt, D fit für die nächste rezession zu machen. die kleinkarierte großkoalitionäre politik auf basis des kleinsten gemeinsamen nenners darf man als gescheitert ansehen.

wer langfristig denkt, muss den teuren und ineffizienten wohlfahrtsstaat hinter sich lassen und wieder zurück zu einer sozialen marktwirtschaft der ersten stunde. dies kostet jedoch überwindung und die aktuell politisch agierenden womöglich auch die regierungsmacht - ehrlich, sozialer und damit besser für uns alle wäre es jedoch.


Quote
Waltraud Gundlach #21

Ein Artikel, der längst fällig war. Die Menschen, die vor Ort geblieben sind, hatten und haben Grund, ihre Lage zu beklagen. Jedenfalls jene auf dem Land.


Quote
M1978 #32

Ich bin positiv überrascht, daß die Zeit solche Artikel presentiert. Sie sind anders als die heutige Mediennarrativen in Deutschland. Englisch heißt dieses Phenomen "Race to the bottom". Ost-Deutschland geht es viel schlechter als Westen, daß kann ich als Ungarn gut nachempfinden. Wenn man noch dann Armutsmigranten hineinholt, wird das Kessel langsam überlaufen. Es ist sehr leicht von einem sicheren, westlichen Gegend zu sagen: oh wir sind einer der reichsten Länder in Europa, warum können wir es nicht leisten diese Leute zu helfen. Diese Frage stellt sich jedoch anders, wenn du schlecht verdienst, überall neben dir Zerfall erlebst, schlechte, unattraktive Arbeiten erledigen mußt und doch dann noch Konkurenz durch Einwanderer erlebst. Dann fragt der Bürger, was hat die Elite (in D die SPD, CDU) für mich getan? Meine Gemeinde geht es immer schlechter, ich habe immer schlechtere Chancen, die Leute wandern ab. Und dann kommt natürlich der Wut: der Staat tut seit Jahren nicht vieles damit es meine Gemeinde besser geht, doch stehen dann plötzlich eine Menge Fremde an der Grenze und ich soll sie mit allem Kraft unterstützen, integrieren. Obwohl sie morgen als Konkurenz meine Arbeit wegnehmen könnten. Wenn die EU ein richtiger Staat wäre würden die Ost-EU Staaten die gleiche Sachen fragen: wir haben vieles geopfer um EU-Mitglieder zu werden und jetzt gibt ihr deutsche noch mehr rechte als wir haben für völlig fremde Armutsmigranten.


Quote
Empfindlicher Moderator #32.9

Naja, die osteuropäischen Arbeiter haben uns schon was gekostet.

Durch Osteuropäer wurde der Stundenlohn in manchen Bereichen über fast ein Jahrzehnt gedrückt. Und auch der Mindestlohn ändert nicht viel daran. War nicht vor ein paar Monaten hier auf ZON ein Artikel über osteuropäische Erntehelfer, und wie die Betriebe versuchen, den Mindestlohn zu umgehen?

Und nicht nur der Stundenlohn wurde gerdrückt. Auch die Arbeitsbedingungen wurden schlechter, so dass diese Jobs kein Deutscher mehr machen wollte. ...


Quote
Nikos Rivas #33

Dass Ostdeutschland langfristig wirtschaftlich abgehängt worden ist, lag vor allem an der konservativen Wirtschaftspolitiks Bonns bzw. später Berlins.

Die einstigen Warnungen Lafontains wurden weitestgehend ignoriert, nicht zuletzt auch von einem Großteil der Ostdeutschen selbst, welche fälschlicherweise annahmen, Lafontains Wirtschaftsforderungen hätten was mit dem verhassten sozialistischen Wirtschaftsmodell zu tun, nicht erkennend dass die Wirtschaft der Bundesrepublik in ihrer erfolgreichsten Phase nie nur neoliberal ausgerichtet war.


Quote
KognitiveDissonanz #33.1

Den Ostdeutschen kann man eine Schuld an der verfehlten Wirtschaftspolitik seit dem Beitritt der fünf neuen Länder zum alten BRD-Gebiet kaum anhängen. Denn danach bestimmten andere über sie, und die saßen zum größten Teile nicht im Osten. Glücklicherweise scheint sich das inzwischen zu ändern.


Quote
Nikos Rivas #33.3

Den Ostdeutschen kann man eine Schuld an der verfehlten Wirtschaftspolitik seit dem Beitritt der fünf neuen Länder zum alten BRD-Gebiet kaum anhängen(...)

Würde ich so auch nicht sagen wollen, schließlich haben andere die falschen Wirtschaftsentscheidungen getroffen, und man vergesse nicht dass ja gerade in Westdeutschland eine Mehrheit den neoliberalen Wirtschaftskurs ob die der CDU oder SPD Agenda 2010-befürwortet; und wenn es dann schiefgeht sucht man halt die Ursachen wo anders

Fakt ist aber nunmal, dass diese Politik nun ml auf eine Mehrheit zurückgreifen kann


Quote
Christopher.P #36

Der sozialistische Osten ist quasi über Nacht in den Kapitalismus hineingestolpert, von einer Wir-Gesellschaft in eine Ich-Gesellschaft. Da reicht es nicht eben mal ein paar Milliarden rüber zu schaufeln. Hier geht es um grundsätzliche Lebensfragen, die einer Mangelgesellschaft viel mehr auf den Nägeln brennen als einer, die es gewohnt ist im Überfluss zu leben.


Quote
seaside #36.2

Hallo!

"...von einer Wir-Gesellschaft in eine Ich-Gesellschaft...".

"Schöner" kann man sich die ehemalige DDR kaum reden...


Quote
mwossi #44

Die integrale Einteilung in Ost und West ist nicht besonders hilfreich. Genauso wie es Regionen in Ostdeutschland gibt, die nicht so schlecht dastehen, gibt es ländliche Regionen in Westdeutschland, denen es ähnlich miserabel geht. ...


Quote
Conan or Brien #49

Natürlich kann nach Jahrzehntelangem , knallhartem Kommunismus mit anschließdendem totalen wirtschaftlichen Zusammenbruch keine Volkswirtschaft innerhalb von 30 Jahren zur BRD aufschließen. Was erwarten die Menschen eigentlich ?


Quote
Masch_Ring #52

Wir müssen leider aberkennen , dass die Wiedervereinigung nicht der Erfolg war , als den man ihn uns verkaufte.
Zum Einen schaltete man sofort auf ein totales Neoliberalismus - Programm , ein weltweiter Fehler .
Zum anderen hat man den Osten ökonomisch und auch ideell auf Null gestellt , zu Unrecht. Sowohl die rückständige Wirtschaft , wie auch Sozial - Gesundheits - Erziehungsystem waren nicht zu 100% falsch.
Und man hat Gräben geschaffen , die schwer zu überbrücken sind.
Jetzt einseitig auf die Bevölkerung zu schlagen , ohne sich selbst in Frage zu stellen , ist unredlich.


Quote
Taranis #52.1

Ich weiß hinterher ist man immer schlauer, doch rückblickend denke ich war der Größte Fehler den "Aufbau Ost" vorwiegend in die Hände der Westwirtschaft zu legen. Die Idee war die Unternehmen in Westen wissen aus Erfahrung wie man gut wirtschaftet (besser als die Plantwirtschaftler im Osten) und sollten daher federführend bei der Übernahmen der verbliebenden Ostwirtschaft und den notwendigen Investitionen sein.
Dummerweise waren diese Unternehmen zwar am neuen Absatzmarkt aber nicht an möglicher Konkurrenz interessiert. Also wurde das System ausgenutzt um die marode Ostindustie aufzukaufen (wenn man die Preise kaufen nennen kann) und nach Ende der Förderperiode einfach zu schließen. Unter diesem Krebsschaden leidet der Osten noch heute.

Aber wie schon an anderer Stelle erwähnt ist damit der Osten nur Indikator für ein Tiefgreifenderes Problem, dass früher oder später alle ländlichen Gegenden in Deutschland haben werden, wenn Politik und Wirtschaft sich weiterhin nur auf wenige Ballungszentren konzentrieren.


Quote
Lavendelzweig #65

Es ist traurig, dass über solche Dinge immer erst tiefgreifend diskutiert wird, nachdem es zu Ausschreitungen gekommen ist oder die Afd in jenen Regionen großen Zuwachs erhält.


Quote
MaryPoppinsky #76

Im Artikel ist ausdrücklich von "Ausländerfeindlichkeit und Rassismus in Ostdeutschland" sowie von "einem starken Rechtsextremismus" die Rede, der sich selbstverständlich auch in Wahlergebnissen niederschlägt. Dazu ist Folgendes festzuhalten: WählerInnen der rechtsextremistischen AfD sind nicht abgehängt, sondern ganz einfach fremdenfeindlich, wie folgende Studie des DIW, auf das ja im Artikel ebenfalls Bezug genommen wird, bestätigt. -> https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.595120.de/diw_sp0975.pdf


Quote
eisensau #76.2

Zitat aus der Studie: "Auch zeigte sich, dass AfD-Unterstützer sehr viel weniger Sorgen vor Ausländerfeindlichkeit hatten."
Wer war dann in Chemnitz auf der Straße?


Quote
Barbara123 #78

Wenn die Fachhochschule in Chemnitz ihren ausländischen Studierenden schon empfehlen muss, zuhause zu bleiben, wenn afdnpdpegidaidentitärecombatshooligans durch die Stadt marodieren- was soll da nur ein westdeutscher Arbeitgeber, der hier gerne und gut mit ausländischen Mitarbeitern zusammenarbeitet, im Osten anfangen?


Quote
Gabriel Seth #85

Hä, also ist der Osten doch abgehängt obwohl das immer verneint wurde wenn es von "den Rechten" kam.


Quote
Serp4 #85.1

Oder den Linken. Zuerst waren die Linken der große Feind. Noch 2014 als Ramelow MP in Thürigen wurde hat man einen Aufstand gemacht als ob die DDR zurück kommen würde.


Quote
regilot #102

Die Frage ist doch aber: Warum wird dann AfD gewählt, wo doch in deren Parteiprogramm nichts, bzw. das Gegenteil dessen steht, was Ungleichheit beseitigen und soziale Sicherung garantieren soll.
Und von daher muss es doch eine gehörige Portion Rassismus sein und nicht nur das immer bemühte Abgehängtsein.

Ausländer.

Das ist das einzige Thema welches die AfD lautstark kommuniziert. Nicht etwa gleiche Löhne in Ost und West.
Ausländer. Mehr nicht. Rassismus ist im Osten das Problem.


Quote
NocheinePerson #109

So what? In den 80ern in Nordwest-Deutschland sah das alles genauso wenig prickelnd aus (mit lokalen Arbeitslosenquoten über 20%).
Nazis wurden dort (außer in Bremerhaven) trotzdem nicht gewählt.
Welche Entschuldigungen müssen denn noch dafür herhalten, dass manche Menschen in diesem wiedervereinigten Land totalitär erzogen wurden und seitdem nichts dazu gelernt haben?


Quote
Die Alternative zur Alternative #110

Ich würde ja gerne mit Familie nach Hoyerswerda ziehen, aber ich erinnere mich der rechten Umtriebe dort. Als christlich-humanistischer, europäisch denkender Kosmopolit wäre man dort wahrscheinlich nicht so willkommen.


Quote
asa nisi masa #110.3

Bei mir war schon bei "christlich" Schluss.....


Quote
Fastback1968 #120

Bevor irgendjemand aus dem Ausland angeworben wird, sollten erstmal die hiesigen Langzeitarbeitslosen eine Chance bekommen.


Quote
Wolfgang_K. #124

Die Wahrheit ist: lieber Hartz 4 in Hamburg als ein Job im Osten. Als ich vor einigen Jahren erst arbeitslos war und dann Hartz 4 bekam, hab ich nicht mal nach Stellen in Ostdeutschland geguckt. Selbst wenn ich da passende gefunden hätte, hätte ich mich nicht beworben! Warum? Ach, es hört uns im Westen doch eh keiner zu, wenn wir etwas über den Osten zu sagen haben. Ständig soll man auf "östliche Befindlichkeiten" Rücksicht nehmen. Nehmen die Rücksicht auf uns? Und die Bundespolitik und die Landespolitik in den 5 neuen Ländern nimmt das nimmt das auch nicht auf! Es fing doch schon mit Rostock-Lichtenhagen an, und seitdem liest man doch ständig über ausländerfeindliche Ereignisse da drüben. Wer sollte freiwillig dahin wollen? Und die, die eine Zeitlang dorthin sind, sind alle (!) so schnell wie möglich wieder weg (ausser Berlin und Potsdam). Alles Akademiker, potentielle Gründer, Leistungsträger. Ich kenne übrigens viele Ostdeutsche - im Westen. Die sehen das genauso. Wenn man sich den Realitäten nicht stellt, fällt es einem auf die Füsse, und das tut weh! Nach Hoyerswerda? Nie im Leben! Nicht mal, wenn ich da ein Haus geschenkt und einen Job für 2500€ netto bekommen würde. Die Ostdeutschen haben eine Bringschuld, die sollen sie erst einmal erfüllen. Und dafür braucht es kein Geld. Sondern Anstand!


Quote
Mahlanlage #129

Zwei Zahlen stechen besonders hervor:
Die Flüchtlingsaufnahme kostet seit 2016 25 Milliarden jährlich. Der Länderfinanzausgleich bringt 3,5 Milliarden jährlich.
Dies wird die Unzufriedenheit in den ostdeutschen Ländern und das Gefühl, am Ende der Prioliste der jetzigen Bundesregierung zu stehen, befeuern. Die AfD wird hieraus weiteres Kapital schlagen können.


Quote
casparcash #129.1

".. Die AfD wird hieraus weiteres Kapital schlagen können"

vielleicht. nur die gründe dieses zuwachses sind mir nicht wirklich bekannt.
natürlich kann man sich hinstellen und behaupten: die flüchtlinge sind an allem schuld. wie der artikel zeigt, liegen die gründe für den niedergang aber gänzlich woanders.
und hier hat unsere liebe braun-blaue partei keinen einzigen lösungsvorschlag. ...


Quote
jgbk #129.2

Die Wiedervereinigung hat eine Billion gekostet.
Was glauben sie wie die alte BRD ohne den Beitritt der DDR dastehen würde.
Der Osten hat alles neu gekriegt und hier ist ein Investitionsstau.
Das ist die Realität.


Quote
Et Schakeline #133

In der Nachkriegszeit war das Bundesland Bayern das loserland schlechthin ...


Quote
dj09111 #136

„Für Vollzeit-Beschäftigungsverhältnisse werden im Westen im Durchschnitt 1000 Euro brutto mehr bezahlt.“

Das kann ich so bestätigen. Mein alter Schulfreund bekommt in Bayern das netto, was ich in Berlin Brutto hab. Gleiche Ausbildung und Wochenstunden.



Offline Textaris(txt*bot)

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« Reply #801 on: Oktober 01, 2018, 12:23:03 nachm. »
Quote
[...] Als Donald Trump Ende Juni in Fargo, North Dakota, eine Rede hielt, kam er auf eines seiner Lieblingsthemen zu sprechen: die Kritik an den Eliten. Seiner gewohnten Tirade gegenüber „diesen Leuten“, die „Elite genannt werden“, fügte er eine erstaunlich dialektische Pointe an: „Warum sind sie die Elite?“, fragte er mit Blick auf linksliberale Führungsriegen, und setzte nach: „Ich habe ein viel besseres Apartment als sie. Ich bin klüger als sie. Ich bin reicher als sie. Ich wurde Präsident und sie nicht.“ Dann bezog er seine Anhänger direkt mit ein: „Ihr arbeitet härter, und ihr seid klüger als sie. Bezeichnen wir uns also von jetzt an als Superelite.“

Diese Einlassungen Trumps sind in zweierlei Hinsicht symptomatisch für den politischen Gegenwartsdiskurs. Zum einen, weil hier exemplarisch deutlich wird, dass Elitenkritik nicht mehr nur von links, sondern einem politischen Paradigmenwechsel gleich auch von rechts kommt: Das Verdammen von „denen da oben“ avanciert zunehmend zum Kerngeschäft rechter Populisten, und viele Linke verteidigen jene Institutionen und Personen, die bis vor Kurzem noch zu ihren bevorzugten Gegnern gehörten. Sei es das internationale Freihandelssystem, die „bürgerliche Presse“, Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Ex-FBI-Chef James Comey.

Zum Zweiten offenbart die Rede des US-Präsidenten ein Paradox, das sich auch bei anderen Rechtspopulisten zeigt: Die Eliten werden nicht aus antielitärer, sondern aus „superelitärer“ Perspektive kritisiert. Ob Multimillionär Trump, Schlossbesitzerin Marine Le Pen oder die Ex-Investmentbanker Alice Weidel und Nigel Farage: Die Führungsfiguren von US-Republikanern, Rassemblement National, AfD oder Ukip gehören biografisch und ökonomisch zu den Privilegiertesten.

Das unterscheidet sie historisch gesehen nicht grundsätzlich von linken Elitenkritikern – siehe Robespierre, Marx, Che Guevara oder Gudrun Ensslin, alles Adels- oder Bürgerkinder –, doch lässt sich ein zentraler Unterschied ausmachen: Während linke Elitenkritiker ihre eigene Privilegiertheit entweder verschwiegen, kritisch hinterfragten oder in Arbeiter- und Guerillero-Kostümen versteckten, stellen reaktionäre Populisten ihren Elitismus geradezu aus: Trump protzt mit seinem Vermögen, Nigel Farage kleidet sich wie das Klischee eines britischen Landlords und auch die AfD-Führungsriege um Alexander Gauland und Alice Weidel könnte mit ihrem großbürgerlichen Habitus kaum privilegierter wirken.

Den rechten Elitenkritikern erwächst daraus zumindest in der Binnenperspektive kein Glaubwürdigkeitsproblem, denn rechte Elitenkritik folgt einer anderen Logik als linke. Erstere richtet sich gar nicht gegen Eliten an sich. Im Gegenteil: Reaktionäres Denken war immer schon mit der Idee einer starken Anführerschaft verbunden.

Ausgangspunkt einer rechten Elitenkritik ist vielmehr die Behauptung einer verloren gegangenen Harmonie zwischen Herrschenden und Beherrschten. Demnach gab es in einer vormaligen Zeit eine durch Religion, Tradition und Staat eingehegte Ordnung, in der soziale Rollen und Autoritäten klar verteilt waren und jeder seinen Platz hatte. „Plötzlich aber“, schreibt der US-Ideenhistoriker Mark Lilla in seinem Buch „Der Glanz der Vergangenheit“, „kommen von außen Ideen auf, deren Vertreter Intellektuelle – Schriftsteller, Journalisten und Professoren – sind. Sie stellen die Harmonie infrage, und der Wille der Herrschenden, die Ordnung aufrechtzuerhalten, wird geschwächt.“ Lilla folgert: „Im Zentrum jeder reaktionären Geschichte steht der Verrat der Eliten.“

Der reaktionäre Populismus der Gegenwart, dessen Slogans bezeichnenderweise „Make America Great again“, „Take back control“ oder „Wir holen uns Deutschland zurück“ lauten, offenbart sich deshalb zunächst als eine Politisierung von Nostalgie, oft sogar als eine Form der Retrofiktion. Denn jene Vergangenheit, die wiederhergestellt werden soll, ist eine idealisierte oder gänzlich erfundene.

Dennoch führt sie im reaktionären Denken zu einer Aufspaltung des Elitenbegriffs: hier die funktionalen, „volksfernen“ Verwalter eines degenerierten Systems, die durch Multikulturalismus, Werterelativismus und Pluralisierung die Interessen der Nation verraten, dort die plebiszitären, „wahren“ Eliten, die die vermeintlich harmonische Vergangenheit in die Zukunft zurückzuholen. Dass Trump ein Multimillionär ist, tut seiner Elitenkritik binnenlogisch keinen Abbruch, weil nicht Geld oder Status im reaktionären Elitendiskurs entscheidend sind, sondern das nostalgische Verhältnis zur Vergangenheit.

... Ideologisch funktioniert die reaktionäre Elitenkritik wie eine eierlegende Wollmilchsau: In einer paradoxen Selbstbeschreibung als überlegenes Opfer denkt man sich in einen aggressiven Protestmodus, während benachteiligte Minderheiten in die Rolle der zu bekämpfenden Herrschenden fantasiert werden.

Der entscheidende Vorteil dieser Selbstinszenierung: Im Unterschied zu linken Eliten können rechte Eliten die eigene Privilegiertheit offen zur Schau stellen. Müssen linke Elitenkritiker gemäß ihrem Gerechtigkeitsideal einer der vielen werden, können rechte Elitenkritiker mit dem Versprechen punkten, dass ihren Anhängern durch den Ausschluss von vermeintlichen Schmarotzern (Flüchtlingen etc.) bald ein Stück von jenem Reichtum zukommt, den die Trumps dieser Welt bereits genießen. Diese rechte Verheißung verfängt heute immer mehr. „Die Reaktionäre unserer Zeit haben entdeckt“, schreibt Mark Lilla, „dass Nostalgie eine machtvolle politische Motivation ist, vielleicht noch stärker als die Hoffnung. Hoffnungen können enttäuscht werden, Nostalgie aber ist unwiderlegbar.“

...

Dieser Artikel erschien zuerst im Dossier „Brauchen wir Eliten?“ des aktuellen „Philosophie Magazin“ (Nr. 06/2018, erschienen am 20. September).


Aus: "Warum rechte Elitenkritik erfolgreich ist" Nils Markwardt (30.09.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/populismus-warum-rechte-elitenkritik-erfolgreich-ist/23128788.html

Quote
Tobias_Johst 29.09.2018, 18:40 Uhr
Guter Essay von Herrn Markwardt zur Frage, weshalb gerade ökonomische Eliten von "rechts" den Eindruck vermitteln können, für das "Volk" zu sprechen. Danke an den TS.

Beispiel Alice Weidel: Einst Stipendiatin der CDU nahen KAS, BWL-Studentin, Promotion mit summa cum laude, arbeitete u.a. für Goldmann Sachs, Allianz Global Investors, Rocket Internet, lebt und zahlt Steuern in der Schweiz. Lebt mit einer aus Sri Lanka stammenden Frau zusammen. Und ist zugleich eine der Führungsfiguren der "AfD", deren Zuspruch - nicht nur - aber überproportional von Menschen kommt, die weder Abitur noch Studienabschluss haben. Das wirft Fragen auf.

Wenn der "Habitus" ins Feld geführt wird, lohnt ein Blick auf Bourdieus "Feine Unterschiede"; Bildung, Kultur, Weltoffenheit, Selbstwirksamkeit stehen den Gefühlen der Abgehängtheit, des ständigen Wettbewerbs, dem Misstrauen und der gesellschaftlich-politischen Indifferenz gegenüber.
Das "Oben" und das "Unten" ist nicht in erster Linie an ökonomischen Faktoren auszumachen, sondern an der Kultur eines Menschen. Und der Kulturerwerb benötigt Generationen (und oft Reichtum), während Reichtum in Einzelfällen ohne Kultur erworben werden kann. Beispiel: "Volksvorbilder" Dieter Bohlen, Felix Blume, Carsten Maschmeyer, Donald Trump.

Der Begriff der "Gutmenschlichkeit" kritisiert daher Jene "Elitären", die befähigt sind, selbstbewusst und angstfrei zu handeln. Während die anderen (wie viele Millionen Menschen waren seit 1990 eigentlich für "Finanzdienstleister" zuständig?) von ihren Vorbildern lediglich gelernt hatten, an Konkurrenz und Härte zu glauben. Das hat aber nichts mit Konservatismus zu tun, sondern eher mit dem seitens Marx definiertem "Lumpenproletariat".


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Benthebrave 30.09.2018, 17:32 Uhr
Im Wesentlichen geht um diversitätstrunkene, kosmopolitische Globalisierungsgewinnler, die von No-go areas und den Schattenseiten der von ihnen propagierten und protegierten Einwanderung aus Afrika und Nahost nicht betroffen sind.

Die eigenen Kinder auf Privatschulen, oder in kirchliche Einrichtungen, später auf teure Eliteunis oder Internate, die „Integrationsarbeit“ überläßt man dann doch lieber dem einheimischen Präkariat, und sonnt sich selber in höherer Moral.

Der Kampf dieser kosmopolitisch verdrehten Kreise richtet sich in erster Line gegen bodenständige, heimatbewußte und patriotisch gesinnte Europäer. Diese wurden zum Feindbild auserkoren. Sie sind wahlweise die Dummen, die Rückständigen, die Abgehängten, die Rassisten, welche die Segnungen von Multikulti extrem einfach nicht begreifen wollen.

Und dagegen formiert sich entsprechende Gegenwehr, was sich in den europaweiten Wahlergebnissen niederschlägt.


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alleachtung 30.09.2018, 17:05 Uhr
Eliten zu kritisieren, die sich verselbständigt haben und daher auch zu Machtmissbrauch neigen können, ist durchaus etwas, was immer wieder mal in Angriff genommen werden sollte.
Das, was die AfD und andere Nazi-Vereinigungen, das was Trump oder die Lega in Italien, die rechtsradikale FPÖ in Österreich treiben, für Elitenkritik zu halten, grenzt schon an Blindheit. ...


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civis42 30.09.2018, 16:59 Uhr
Fragwürdig ist die Definition der "Eliten".  Zu mindestens was die Wählerschaft angeht, hat der "FOCUS" gerade in seinem Faktenreport aufgezeigt, dass vor allem ungelernte Arbeiter überproportional AfD wählen und Menschen mit Abitur unterproportional.
Das deckt sich mit Studien in den USA und dem Zulauf zu Trump ...


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atzebrauner 30.09.2018, 19:30 Uhr
Schaut nach Österreich! Hart erkämpfte Arbeitnehmerrechte werden zerstört und FPÖ Politiker reden über ausländische Hunde als Problem! Rassismus ist ein menschenverachtendes Herrschaftinstrument! ...


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RalfM. 30.09.2018, 16:51 Uhr
Vielleicht liegt der mangelnde Erfolg linker Elitenkritik aber schlicht und ergreifend daran, dass im Informationszeitalter die Bigotterie von Wasser predigen und Wein saufen einfach nicht mehr funktioniert?!


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Schalottenburger 30.09.2018, 13:37 Uhr
Ich glaube, der Elitenvorwurf nährt sich daraus, dass sich der neoliberale, "alternativlose" Konsens einer marktgerechten Durchformung von Mensch und Gesellschaft seit Anfang der 90er tief in das Bewusstsein der Gesellschaft gefressen hat und nun eine bewusste oder unbewusste Revolte dagegen stattfindet. Nachdem das marktkonforme Denken, an dem heute auch die meisten "linken" Parteien teilnehmen, in die letzten Kapillaren der Menschen eingedrungen ist, frisst sich der Kapitalismus von selbst auf.

Die neue Führungsschicht gibt sich bescheiden-administrativ und als bloß ausführendes Organ einer angeblich unausweichlichen, ewigen Wahrheit. Die blasse Angela Merkel ist die perfekte Repräsentantin dieses stählernen Gehäuses, aus dem es angeblich keinen Ausweg gibt. Dabei ist diese ganze Konstruktion in Wirklichkeit eine menschengemachte und ideologische insofern, als sie eben fast ausschließlich den obersten Schichten ihrer Verfechter dient. Wie durch Wunder vermehrt sich deren Macht und Besitz trotz  Krise und Systemerschütterung wie von selbst. Die Technik der politischen Korrektheit dient dabei dem Ziel, die Beherrschten gegeneinander aufzubringen, sich in immer kleinere Grüppchen zu zerstreiten und darüber das große Ganze zu vergessen, dem sie unterworfen sind. -- Immer mehr Menschen sehen dies, oft auf einer eher intuitiven Ebene, und rebellieren dagegen.

Der klügste Kritiker der heutigen Verhältnisse ist derzeit Bernd Stegemann, der die herrschende Ideologie kürzlich als liberalen Populismus bezeichnet hat, mit Fug und Recht. Dieser Populismus der wohlmeinenden Gewinnler und der liberal-bürgerlichen Oberschicht ist der eigentliche Feind und muss durch einen echten linken Populismus durchbrochen werden, um überhaupt erst einmal wieder frei denken und sprechen zu können. Man muss die Verhältnisse einfach wieder deutlich beim Namen nennen und sich dabei nicht beirren lassen.

So gesehen ist z.B. "Merkel muss weg" eine völlig legitime und korrekte Aussage.


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fluechter 30.09.2018, 14:07 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Babsack 30.09.2018, 13:44 Uhr
Korrekt oder auch nicht korrekt, die "Eliten" arbeiten stetig und emsig an ihren Zielstellungen und sind damit derzeit recht erfolgreich.

Zum Thema "Eliten" kommt mir zum Fall Kavanaugh [https://www.tagesspiegel.de/politik/der-fall-kavanaugh-drama-vor-gericht/23129828.html] ein
Brief ins Gedächtnis, den Absolventen und Mistudenten Kavanaughs schon am 09. Juli 2018 an den US-amerikanischen Senat für Justiz versendet haben, um die Qualitäten Kavanaughs zu unterstreichen.

Ich habe die Liste noch nicht wirklich ausgewertet, aber es fällt schnell auf, dass die Fürsprecher Kavanaughs ganz überwiegend aus der Wirtschaft, aus dem Unternehmertum kommen und nur in ganz geringem Umfang überhaupt der Juristerei nahe stehen.

Ich kenne mich jetzt mit der Stellenpolitik für höchste Richterämter in den USA nicht aus, finde aber schon, dass da ein gewisses Selbstverständnis mitspielt, wenn ehemalige Kameraden mithilfe eines solchen"Referenzschreibens", welches die Tätigkeit, um die es schließlich gehen soll, gar nicht anreisst, hier meinen, etwas Gutes für "ihren Mann" tun zu können.

Darauf muss man erst einmal kommen - dazu gehört ein diffuses Verständnis der Zugehörigkeit zu einer Elite, so kommt mir das vor.

Auch interessant, nach Geisteswissenschaftlern und "Kulturschaffenden" sucht man hier vergebens, auch sind viele Unterzeichner aus Maryland, obwohl es ja um einen Posten für die ganzen USA geht.

Vielleicht ist so etwas ja üblich.... Ich bin erstaunt und gleichzeitig dankbar, dass so ein Brief bei Social Media auch zu finden ist.


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Babsack 30.09.2018, 15:23 Uhr
Antwort auf den Beitrag von fluechter 30.09.2018, 14:07 Uhr
Trump hat gerade den kleinen Leuten,die sich dieser Unterschiede zwischen "Eliten" und "Supereliten" keinesfalls bewußt sind,eine bösen Streich gespielt.
Aber da der Hass in Richtung der "Eliten" von links,nenne ich es jetzt einmal,traditionell bei diesen Leuten aufgrund von Bildungsdünkel und mangelnder Weltgewandheit,verhaftet ist,kann Trump ihn eine zeitlang nutzen,bis den Leuten klar wird,dass sie mit den "Supereliten" vom Regen in die Traufe gekommen sind.


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fluechter 30.09.2018, 13:14 Uhr
"Ich habe ein viel besseres Appartment als sie, ich bin klüger als sie, ich bin reicher als sie, ich wurde Präsident und sie nicht."

Noch vor wenigen Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ein Mensch, der die größte Machtfülle, die er haben kann, auf sich vereinigt - Präsident der Vereinigten Staaten von Armerika - so einen Stuss reden könnte und ich hätte noch weniger geglaubt, dass dieser Stuss auch noch Bestand haben könnte, dass nicht Wähler den Irrtum spätestens nach einem Jahr erkennen und sagen: Ich habe mich vertan - den wollte ich doch nicht als Präsidenten, der ist ja wie ein trotziger Vierjähriger

"Wir haben ein viel größeres Haus als sie, ich kann schon bis 100 zählen, sie nicht, ich habe ein Quad für Kinder, sie haben das nicht, ich bin Schützenkönig geworden beim Kinderschützenfest und sie nicht."

Dann würde er eine Tüte Süsses auspacken und es nur an die "Bro"-Gemeinde verteilen und die anderen kriegten nichts ab - Ätsch, selbst Schuld.

...


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melaina 29.09.2018, 21:37 Uhr
Zu den Wählern dieses "möchtegern-elitären-Haufens" fällt mir nur ein: "Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber". B. Brecht



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« Reply #802 on: Oktober 01, 2018, 03:50:20 nachm. »
Quote
[...] Zwei Kämpfe haben sich in den letzten Wochen überlagert, gegenseitig verstärkt und kulminierten am Donnerstag in der Kavanaugh-Anhörung: das Ringen um das Erbe der #MeToo-Bewegung, deren Beginn sich in diesen Tagen jährt, und der lähmende politische Lagerkampf zwischen Demokraten und Republikanern. Es ist das Ringen der Vereinigten Staaten mit sich selbst und um die politische und gesellschaftliche Realität: Wie zivilisiert oder wie anarchisch sind die USA?

Beides, der politische Lagerkampf und die daraus resultierende Trump-Präsidentschaft sowie die feministische Bewegung #MeToo stehen für die Erkenntnis, dass sicher geglaubte zivilisatorische Fortschritte nur Scheinsiege waren. Die massive sexuelle Gewalt, von der im vergangenen Jahr so viele Frauen erzählt haben, fand in einem Land statt, das wie kein anderes auf politisch korrekte Sprache achtet, in dem ein Heer von Anwälten jederzeit bereit ist, Frauen in Zivilklagen zu vertreten. Gleichzeitig regiert plötzlich ein stammelnder Narzisst ohne Affektkontrolle. Seine Berater halten ihn nur mühsam von seinen wahnsinnigsten Ideen ab, folgt man der Recherche des Journalisten Bob Woodward.

Donald Trump ist ein misogyner Präsident, der sich wie wohl kaum ein anderer öffentlich abfällig über Frauen geäußert hat. Die zivilisatorische Schicht über dem Brodeln von Gewalt, Irrationalität und politischen Extremen scheint plötzlich dünn, brüchig, ja durchlässig.

Die Anhörung am Donnerstagabend geriet zu einem Symbol für dieses Gefühl. Sie war auf seltsame Weise quälend, ja nahezu unerträglich. Alle Beteiligten rangen um ihre Haltung: Christine Blasey Ford unterdrückte Tränen. Brett Kavanaughs Gesicht zuckte und arbeitete. Der republikanische Senator Lindsey Graham ließ seiner Wut freien Lauf. Immer wieder traten Wut und Tränen kurz an die Oberfläche. Es waren acht Stunden des andauernden Nahezu-Berstens.

Der Hass in den Mundwinkeln stand dabei in krassem Kontrast zum Setting: ein enger, fensterloser Raum, in dem sich alle an Redezeiten und Protokollgepflogenheiten hielten. Etwas ungeheuer Ursprüngliches wurde nur mühsam durch die Zwänge institutioneller und gesellschaftlicher Gepflogenheiten zusammengehalten. Gleichzeitig ließ gerade der Zwang der Institution die Konflikte grell und explosiv erscheinen und weckte eine in sich widersprüchliche klaustrophobe Angst vor dem Kontrollverlust.

Auch die Erzählung Blasey Fords selbst steht für den Zweifel an der Realität des Zivilisierten. Die Szenen, die sie beschreibt, tragen sich in den wohlhabenden Vororten Washingtons zu, an teuren Privatschulen, an denen die zukünftige Elite des Landes ausgebildet wird. Es ist eine Welt, in der Häuser von großen, perfekt gepflegten Rasenflächen umgeben sind. Hinter dieser bürgerlichen Fassaden lässt die Anhörung nun entgrenzte Partys und bierdunstige Gewaltszenen aufscheinen – und eine männliche Elite, die sich im High-School-Jahrbuch gegenseitig prahlerisch daran erinnert, zu den „Alumnen“ eines bestimmten Mädchens gehört zu haben.

Nach dieser Anhörung fragen sich nun viele: Hat sich seither etwas geändert? Wie viel kann #MeToo verändern? Kann überhaupt eine faire Auseinandersetzung gelingen in diesem polarisierten Land? „Sie wollen einen fairen Prozess?“, fragte der Senator Lindsey Graham Brett Kavanaugh sarkastisch. „Dann sind Sie zum falschen Zeitpunkt in die falsche Stadt gekommen.“ Auch progressive Stimmen sind nach der Anhörung verbittert. Im „New Yorker“ schrieb die Journalistin Doreen St. Félix: Auch das nächste Jahr werde „ein Jahr der Männer“.

Tatsächlich zeigt Brett Kavanaugh, wie tief das Gefühl der Immunität mancher weißen Männer wurzelt. Über weite Strecken unterdrückte Kavanaugh nur mühsam die Wut eines privilegierten Mannes, dessen Lebenswerk unter seinen Fingern zerbröckelt, eine überraschte, erstaunlich hilflose und erstaunlich unkontrollierte Wut. Wiederholt berief er sich auf seinen „guten Namen“, seine „Arbeit im Dienst der Allgemeinheit, auf den höchsten Ebenen der Regierung“ – als befreie ihn das von der Pflicht, sich mit den Anschuldigungen auseinanderzusetzen. „Wenn du ein Star bist“, sagt Donald Trump in einer Tonaufzeichnung aus dem Jahr 2005, die im Wahlkampf öffentlich wurde, „lassen sie es dich machen. Du kannst alles machen. Grab’ em by the pussy.“ Er wurde bekanntlich gewählt.

Und dennoch zeigt die Anhörung auch, wie viel #MeToo bereits verändert hat. Es reicht ein Blick auf jenen vergleichbaren Fall von 1991, der im Vorfeld der Kavanaugh-Anhörung immer wieder zitiert wurde. Es ging um die Bestätigung des republikanischen Richterkandidaten Clarence Thomas. Seine damalige Mitarbeiterin Anita Hill sagte aus, er habe sie gefragt, ob sie mit ihm ausgehen wolle, was sie ablehnte, danach dennoch Gespräche immer wieder auf Sex gelenkt. Er habe etwa Szenen aus pornografischen Filmen geschildert. In der Anhörung fragte der Senator Howell Heflin Anita Hill: „Are you a scorned woman – sind Sie eine verschmähte Frau?“ Noch 1991 war es möglich, eine Frau, die den Vorwurf der sexuellen Belästigung erhob, als prüde abzutun.

Das ist heute anders. Die republikanischen Senatoren ließen aus Angst vor der Erinnerung an Anita Hill eine Staatsanwältin die Fragen stellen. Nur der republikanische Senator Lindsey Graham machte die Wut der weißen Männer sichtbar: „Ich bin ein alleinstehender weißer Mann aus North Carolina“, wütete er. „Mir wurde gesagt, ich soll die Klappe halten. Aber ich werde die Klappe nicht halten.“

Dieses amerikanische Ringen mit sich selbst ist ein offenes. Das Momentum der Kavanaugh-Anhörung ist deprimierend und gleichzeitig voller Hoffnung. Noch am Freitag verkündete der republikanische Senator Jeff Flake, er werde für Kavanaugh stimmen. Flake galt als mögliche Nein-Stimme in seinem Lager, er ist ein gemäßigter Republikaner, der seinen Senatssitz unter dem Druck der Trumpisten in der eigenen Partei aufgeben wird.

Dann aber stellten ihn zwei Aktivistinnen, Opfer sexueller Gewalt, im Fahrstuhl. In einem von CNN aufgezeichneten Spontantribunal forderten sie Jeff Flake auf, sich zu erklären. Wenige Stunden später erklärte der Senator, er werde doch nur unter der Bedingung zustimmen, dass das FBI ermittelt.


Aus: "Die Immunität des weißen Mannes" Anna Sauerbrey (30.09.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/streit-um-kavanaugh-berufung-die-immunitaet-des-weissen-mannes/23130864.html

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McSchreck 29.09.2018, 20:39 Uhr

    ...fand in einem Land statt, das wie kein anderes auf politisch korrekte Sprache achtet, in dem ein Heer von Anwälten jederzeit bereit ist, Frauen in Zivilklagen zu vertreten. Gleichzeitig regiert plötzlich ein stammelnder Narzisst ohne Affektkontrolle.

Ich bleibe ja dabei, dass beides extrem miteinander zusammen hängt. Dass die "Tugendwächter" sich so sehr auf die "saubere Sprache" konzentriert haben, dass Menschen sich von ihnen mehr drangsaliert als geschützt fühlen.

Bzw. Schwarze und andere Minderheiten, die zur arbeitenden Bevölkerung gehören, gut mit anderen auskommen und vor allem daran interessiert sind, dass die Wirtschaft am Laufen bleibt und sie nicht arbeitslos werden, sie fühlten sich von solchen "Vertretern" nicht repräsentiert, deren Prioritäten so anders liegen.

Dazu gab es inzwischen genügend Analysen, wie die Demokraten es "verbockt haben".


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mogberlin 30.09.2018, 12:00 Uhr
Antwort auf den Beitrag von McSchreck 30.09.2018, 11:50 Uhr
Ihre "Sachargumente" beschränken sich auf Schuldzuweisungen an Demokraten und andere Ihnen missliebige Personen, lieber McSchreck, von Selbstkritik keine Spur, was aber angebracht wäre, schließlich entstammen der erbärmlichste US-Präsident aller Zeiten und seine Anhänger Ihrem Spektrum, und auch von tatsächlichen Sachargumenten, solchen nämlich, die sich mit der Causa Kavanaugh beschäftigen, ist nicht viel zu sehen.

mog


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bmkt 30.09.2018, 12:11 Uhr

... wer sich moralisch im Recht wähnt und dadurch unantastbar gibt, während er sich diametral unmoralisch verhält, generiert eine politische Sehnsucht nach dem sichtbarem anderen.
Aus Basis solcher moralischen Arroganz wurde Trump gewählt, fand der Brexit statt, legte die AfD bei uns zu, wandeln sich die Gesellschaften.
Ich denke ja nach wie vor: so wie bestimmte Forumsteilnehmer hier auftreten, muss sich die AfD nur noch zurück lehnen bzw.  sollte ihnen fairer Weise monatlich Geld überweisen.


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mogberlin 30.09.2018, 13:18 Uhr
Antwort auf den Beitrag von McSchreck 30.09.2018, 13:05 Uhr
Hier geht es vornehmlich um die geplante Berufung des charakterlich und fachlich ungeeigneten Kandidaten Kavanaugh zum Richter am Supreme Court; da es sich erstens um ein lebenslanges Amt handelt und seine Kritiker zweitens wohl auch an einer gesellschaftspolitischen Signalwirkung interessiert sind, geht es bei seiner Verhinderung um ein längerfristiges und höheres Ziel und um eine gerechtere Welt, lieber McSchreck.

Die Prüfung seiner Tauglichkeit ist darum das geeignete Mittel der Wahl, daran ist nichts auszusetzen. Es sei denn, man hat ein grundsätzliches Problem damit, wenn die Gewissheit der weißen Männer, Macht nach Belieben unter sich aufteilen und sich ansonsten erlauben zu können, was ihnen beliebt, explizit auch zum Nachteil von Frauen und Minderheiten, "kaputt gemacht" wird.

mog


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patatasbravas 30.09.2018, 16:03 Uhr
Antwort auf den Beitrag von mogberlin 30.09.2018, 14:08 Uhr

Es geht immer um Macht.

Glauben Sie, die Sprösslinge der Eliten in afrikanischen oder anderen nichteuropäischen Ländern verhalten sich anders? Auch nicht gegenüber Frauen. Da ist kein großer Unterschied. Der einzige Unterschied ist, das die Opfer heute  meistens schweigen. Noch, aber nicht mehr lange.
Diese high school kostet derzeit 55000  $ pro Studienjahr und gehört damit zur Ivy League der high schools.
Zu seiner Schulzeit war es weniger, aber auch damals konnten sich das nicht viele Eltern leisten. Viele bekannte Alumni kann die Georgetown Prep trotzdem nicht vorweisen.
Es geht vor allem um das Netzwerk der Schüler der eigenen Schule und der durch die Sportligen verbundenenen high schools.
Mit einem Netzwerk kommt man zwar voran, aber ein Netzwerk kann persönliche Leistung nicht ersetzen.


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mogberlin 30.09.2018, 16:29 Uhr
Antwort auf den Beitrag von patatasbravas 30.09.2018, 16:03 Uhr

Es geht immer um Macht.

Korrekt, lieber patatasbravas. Und solche Machtstrukturen sind zu brechen.

Glauben Sie, die Sprösslinge der Eliten in afrikanischen oder anderen nichteuropäischen Ländern verhalten sich anders?

Nein. Aber hier geht es um die "Eliten" der "Eliten", nämlich um den männlich-weißen Machtanspruch, der gegenüber anderen Kulturen seit Jahrhunderten/-tausenden und gegenüber Frauen seit Anbeginn der Zeiten erhoben wird, ihn gilt es zu brechen, nur dann sind auch andere Formen des Rassismus und der strukturellen Diskriminierung im Rahmen einer globalen (Bestrebung nach) Gerechtigkeit wirksam zu bekämpfen.

Der einzige Unterschied ist, das die Opfer heute  meistens schweigen. Noch, aber nicht mehr lange.

Eben. Diese Opfer sind zu bestärken, ihnen ist mit Solidarität zu begegnen, es ist also genau das zu tun, was die frauen- und minoritätsfeindlichen Kampagneros zu konterkarieren versuchen, auch hier im Forum.

Diese high school kostet derzeit 55000  $ pro Studienjahr und gehört damit zur Ivy League der high schools.

Das ist ein Aspekt der besprochenen Problematik, auch hier sind politische und gesellschaftliche Gegenmaßnahmen erforderlich; derlei Einrichtungen, deren struktureller Aufbau inklusive Preisgestaltung nicht (nur) der bestmöglichen Bildungsvermittlung dient, sondern vorrangig dem Ziel, unerwünschte Gesellschaftsschichten systematisch fernzuhalten und somit die eigene, angemaßte Zugehörigkeit zu einer selbsternannten Elite zu manifestieren, sind zivilisations- und menschenfeindlich, auch hier braucht es eine Demokratisierung.

mog


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McSchreck 11:11 Uhr
Antwort auf den Beitrag von mogberlin 08:33 Uhr

... Wenn man glaubt, im Besitz einer "unumstößlichen Wahrheit" zu sein, die erst seit 100 Jahren in Teilen der Welt anerkannt ist, im Rest noch durchaus umstritten (und ich fürchte, in der dt. Gesellschaft ist die Gleichwertigkeit aller Menschen, egal welcher Herkunft, welchen Alters, welcher Intelligenz und körperlichen Fähigkeiten, welchen Geschlechts, welcher Religion, welcher politischen Ausrichtung auch noch nicht Konsens), wer das also glaubt, der sagt damit mehr als genug über sich aus.


Quote
mogberlin 11:22 Uhr
Antwort auf den Beitrag von McSchreck 11:11 Uhr

Sie streiten die universelle Gültigkeit der Gleichheit (Gleichwertigkeit) aller Menschen und anderer Menschenrechte ab, lieber McSchreck? Das ist bemerkenswert, aber nicht überraschend. Wer das tut, der sagt damit mehr als genug über sich aus.

mog


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McSchreck 11:34 Uhr
Antwort auf den Beitrag von mogberlin 11:22 Uhr

Ich streite es nicht ab, das habe ich auch zuvor geschrieben.

Aber es ist keine "unumstößliche Wahrheit", wenn es nur eine Minderheit der Erdbevölkerung so sieht. Ich gehe sogar noch weiter: bei allen "Wertungsfragen" kann es überhaupt keine unumstößliche Wahrheit geben, weil Wertungen vom Zeitgeist, der Region, wo man lebt und vielem anderen abhängen. Wertungen sind immer subjektiv.


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mogberlin 11:39 Uhr
Antwort auf den Beitrag von McSchreck 11:34 Uhr
Selbstverständlich haben alle Menschen grundsätzlich den gleichen Wert, lieber McSchreck, ob diese Wahrheit mehrheitlich anerkannt wird, ist für die Feststellung dieser Tatsache nachrangig. Aber ich verstehe natürlich, dass es für Sie und Ihre Ideologie von Bedeutung ist, die Achtung der Gleichwertigkeit aller Menschen als "subjektive Zeitgeistfrage" darzustellen.

mog


Quote
Sonnenblumenfeld 30.09.2018, 09:48 Uhr
Zitat: "Tatsächlich zeigt Brett Kavanaugh, wie tief das Gefühl der Immunität mancher weißen Männer wurzelt. "

Und wieder eine volle Breitseite gegen den verhassten weißen Mann. Dass das Verhalten von Kavanough nicht typisch für weiße Männer, sondern typisch für Beschuldigte seines Standes, ganz gleich welcher Hautfarbe und welchen Geschlechts, sein könnte, kommt der Autorin offenbar nicht in den Sinn. Testfrage: Wie ist Winnie Mandela mit den gegen sie erhobenen Vorwürfen umgegangen?


Quote
RuedigerKK 30.09.2018, 10:02 Uhr

    Die Immunität des weißen Mannes

falsch, richtig müsste es lauten: Die Immunität des reichen Mannes.
Kavanaugh ist aufgeschmissen, weil er das Problem - wie sonst üblich - eben nicht mit Geld aus der Welt schaffen kann.


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carolina 30.09.2018, 13:45 Uhr
Antwort auf den Beitrag von RuedigerKK 30.09.2018, 10:02 Uhr

Mich stört diese pauschalisierende, sexistisch-rassistische Sicht- und Ausdrucksweise "(alte) weiße Männer".
In anderen, nicht-"weißen" Gesellschaften mit patriarchalischen Strukturen gibt es diese "Immunität" der Männer ebenfalls, siehe Indien,
Es geht um Privilegien von Männern, vorwiegend Männern der Oberschicht, aber je nach Land nicht ausschließlich aus der Oberschicht..
Wer die Bezeichnung "(alte) weiße Männer" so benutzt wie dies (auch) hier in diesem Artikel geschieht, diskriminiert Männer. Das sollten wir Frauen nicht tun ...


Quote
W.Wang 30.09.2018, 14:01 Uhr
Sehr geehrte Frau Sauerbrey,

Ihr Beitrag wurde unter der Rubrik Kultur veröffentlicht. Die Überschrift lädt zum Nachdenken ein, aber andere, besonders wichtige Teile Ihres Beitrags sind eine reine faktische Zusammenfassung der Abläufe. Warum? Wieso schreiben Sie nicht eindeutiger Ihre Bewertung des Geschehenen?

Die Heldinnen des Freitages waren Ana Maria Archiles und Maria Maria Gallagher, die mit ihren aufgebrachten Anschluldigungen Senator Jeff Flake zum Nachdenken bewegten. Der Held des Freitages war Jeff Flake, der Frau Prof. Dr. Ford mit seiner salomonischen, bedingten Abstimmung nicht nur Glaubwürdigkeit schenkte, sondern ihr damit auch als einziger unter den Republikanern im Ausschuss mit Würde begegnete.

Jeff Flake ist ein Beispiel der alten, aussterbenden Schule der privilegierten weißen Männer.

Der ganze Prozess des Ausschusses aber offenbarte den tief verwurzelten, selbstHERRlichen Paternalismus bei den Republikanern.

Und die Wahl, die Beförderung, dieses Richters, Kavanaugh, zum lebenslänglichen Mitglied des obersten Gerichts muss jedem, der an diesen Tagen diese Person im Fernsehen erleben konnte und musste, und der nur ein kleines bisschen Menschenverstand hat, zum Schaudern bringen.



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« Reply #803 on: Oktober 02, 2018, 11:45:12 vorm. »
Quote
[...] Zuletzt ging es zwischen den Wirtschaftsweisen nicht immer harmonisch zu. Die Nominierung eines neuen Mitglieds sorgt für erhitzte Gemüter.

Der Sachverständigenrat für Wirtschaft (SVR) gilt als wichtigstes wirtschaftspolitisches Beratergremium der Bundesregierung. Die Besetzung des Rats der sogenannten Wirtschaftsweisen ist daher immer ein Politikum. Nun wurde bekannt: Auf Vorschlag der Gewerkschaften wird im März voraussichtlich der Berliner Ökonom Achim Truger das Ratsmitglied Peter Bofinger ersetzen. Sofort hagelte es am Wochenende Protest, allerdings ungewohnt heftigen. Die Gewerkschaften „entsenden einen reinen Vertreter ihrer Interessen in den SVR“, rügte etwa Ratsmitglied Lars Feld auf Twitter.

Seit den sechziger Jahren berät der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – so der volle Name – die Bundesregierung. Zwei Mal im Jahr legt er ein Gutachten vor, in dem es nicht nur um die Konjunktur geht, sondern um alle relevanten wirtschaftspolitischen Fragen: um die Rente, den Arbeitsmarkt, um die Energiepolitik, die Mietpreisbremse oder die Euro-Krise. Der SVR legt damit eine Art offizielle Deutung der Vorgänge in der Wirtschaft vor, er erklärt die Wirklichkeit gemäß ökonomischen Modellen. Doch sind diese Modelle und Deutungen erstens auch unter Ökonomen umstritten. Zweitens geht es bei Wirtschafts- und Sozialpolitik nicht nur um theoretische Differenzen, sondern auch um praktische Interessensgegensätze, zum Beispiel von Arbeitnehmern und Arbeitgebern.

Die Regeln zur Besetzung des SVR versuchen, diesen Gegensätzen gerecht zu werden: Drei der fünf Wirtschaftsweisen beruft das Wirtschaftsministerium, ein Mitglied darf traditionsgemäß von den Unternehmerverbänden vorgeschlagen werden und eines von den Gewerkschaften. So sollen die Interessen von Arbeit und Kapital im SVR vertreten sein. Auf dem sogenannten Arbeitgeberticket sitzt derzeit Volker Wieland im Rat, auf dem Gewerkschaftsticket seit März 2004 der Würzburger Ökonom Bofinger.

Doch in den vergangenen Jahren hat sich der Rat zunehmend gespalten. Statt als Einheit treten die fünf Weisen häufig als 4+1 Weise auf: Die Ratsmehrheit auf der einen Seite, Bofinger auf der anderen. Letzterer spickte die vorgelegten Gutachten regelmäßig mit seinen „abweichenden Meinungen“.

Während Bofingers vier Kollegen warnten, die Einführung eines Mindestlohns werde viele Jobs kosten, sah er keine bedeutsamen Beschäftigungsverluste. Bofinger kritisierte das „uneingeschränkte Vertrauen, das die Mehrheit im Rat in die ordnenden Kräfte der Finanzmärkte setzt“. Er betonte das Problem der wachsenden Ungleichheit in Deutschland und schloss sich dem Lob der Ratsmehrheit für Agenda 2010 und Hartz IV nicht an. Der Schlagabtausch kulminierte vor einem Jahr, als Bofinger eine aktivere Industriepolitik in Deutschland forderte, woraufhin die anderen vier Sachverständigen ihm öffentlich Fehler vorwarfen, die „einem Profi nicht passieren sollten“.

Bofingers dritte Amtszeit läuft im März aus. Und nun haben die Gewerkschaften den Ökonomen Achim Truger als Nachfolger gewählt, berichtete das „Handelsblatt“. Das SPD-Mitglied Truger ist Experte für öffentliche Finanzen und kommt aus dem Gewerkschaftslager. Er arbeitete lange für das gewerkschaftsnahe Institut IMK und lehrt derzeit Makroökonomie an der Hochschule für Recht und Wirtschaft in Berlin. Bekannt ist Truger vor allem durch seine Kritik an der rigiden Sparpolitik in Europa und an der deutschen Schuldenbremse.

In ungewöhnlich scharfer Form kritisierten am Wochenende einige Ökonomen die Nominierung Trugers. Truger habe lange auf der Gehaltsliste der Gewerkschaften gestanden, rügte SVR-Mitglied Lars Feld die Entscheidung: „So höhlt man die gesetzlich gewährte Unabhängigkeit des Gremiums aus.“ Die Wirtschaftsweise Isabel Schnabel forderte, bei der Besetzung des Rats müsse „die wissenschaftliche Qualifikation an oberster Stelle stehen“, und diese Qualifikation zeige sich unter anderem in Publikationen in international anerkannten Fachzeitschriften.

Der Ökonom Justus Haucap kommentierte die Wahl Trugers mit: „Den Gewerkschaften ist der SVR offenbar völlig egal“. Für seinen Kollegen Philip Jung von der TU Dortmund „desavouieren die Gewerkschaften den SVR als wissenschaftliches Gremium“. Gewerkschaftsnahe Ökonomen hielten am Wochenende dagegen: „Truger kennt die deutsche Finanzpolitik wie kaum ein anderer“, so IMK-Ökonom Sebastian Gechert. Andrew Watt, Leiter der IMK-Abteilung für europäische Wirtschaftspolitik, schrieb, Bofinger sei zwar schwer zu ersetzen, aber Truger sei eine „hervorragende Wahl“.

Eine Zwischenposition nahm der Ökonom Rudolf Bachmann ein, der befürchtet, dass im SVR künftig „linke Themen noch weniger eine Rolle spielen werden, weil sie zu leicht mit Unwissenschaftlichkeit beschmiert werden können. Das können die Gewerkschaften nicht wollen.“ Bachmann hätte lieber andere Kandidaten – zum Beispiel den Düsseldorfer Ökonomen Jens Südekum – an Trugers Stelle gesehen.

Für dauerhafte Differenzen unter den Wirtschaftsweisen ist also gesorgt, sollte Truger tatsächlich berufen werden. Der Ökonom sieht darin kein Problem: „In der Volkswirtschaftslehre gibt es nicht die eine richtige Politikempfehlung“, sagte er dem „Handelsblatt“. Wenn es um ökonomische Zusammenhänge gehe, dann gebe es unterschiedliche Modelle und damit auch unterschiedliche wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen. Er „fände es gut, wenn sich in den Schlussfolgerungen das große Spektrum der in der Volkswirtschaftslehre vertretenen Ansätze widerspiegeln würde“.


Aus: "Alle gegen einen" Stephan Kaufmann (02.10.2018)
Quelle: http://www.fr.de/wirtschaft/wirtschaftsweise-alle-gegen-einen-a-1593150

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« Reply #804 on: Oktober 04, 2018, 12:32:42 nachm. »
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[...] Bei einer Auktion in Edinburgh geht eine Flasche mit 60 Jahre altem Whisky für einen Rekordpreis weg. Der Käufer kommt aus Fernost.  ... Den Zuschlag bei der Auktion in Edinburgh erhielt ein Käufer aus dem Fernen Osten. Dort gebe es ein "riesiges Interesse an Whisky", sagte Richard Harvey vom Auktionshaus Bonhams. "Überall im Fernen Osten werden Whisky-Bars eröffnet." Ein Drittel bis 40 Prozent aller Verkäufe des Auktionshauses gingen in diese Region.

Die am Mittwoch erzielten 848.750 Pfund stellen einen neuen Weltrekord für eine Flasche schottischen Whisky bei einer öffentlichen Auktion dar. "Es ist eine große Ehre, einen neuen Weltrekord aufgestellt zu haben, vor allem hier in Schottland, der Heimat des Whiskys", sagte Bonhams-Whisky-Experte Martin Green. Das Auktionshaus hält nun die Rekorde für die drei teuersten Whisky-Flaschen, die je bei Versteigerungen verkauft wurden.

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Aus: "Seltener schottischer Whisky für knapp eine Million Euro versteigert" (04.10.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/macallan-valerio-adami-seltener-schottischer-whisky-fuer-knapp-eine-million-euro-versteigert/23145874.html


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[...] rixdorf 11:45 Uhr
Unser westliches 'Wertesystem' wird immer perverser und dekadenter. Rund um die Welt versinken Inseln im Wasser, täglich sterben mehr als 7.000 Kinder unter fünf Jahren an den Folgen von Hunger und Mangelernährung  Und die Profiteure geben eine Millionen Euro für einen knappen Liter Alkohol aus. Was könnte man mit diesem Geld nicht alles vernünftiges tun.