Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 269339 times)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #765 on: August 16, 2018, 10:56:06 AM »
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[...] Der Personalrat der U-Bahner berichtet in einem Brandbrief an den BVG-Vorstand über Ausfälle, Verschleiß und Stress. Die Chefetage widerspricht.

... Nachdem Anfang Juli Mitarbeiter der Straßenbahn in einem Brandbrief an den BVG-Vorstand katastrophale Zustände in ihrem Bereich beklagt haben, meldet sich jetzt der Personalrat der U-Bahn mit einem ähnlichen Schreiben zu Wort – als Offener Brief an den Vorstand und die Bereichsleiterin adressiert. Darin ist von „einer sehr prekären Situation insbesondere beim Fahrpersonal, aber auch in vielen anderen Berufsgruppen der U-Bahn“ die Rede. Die Lage sei dramatisch und „die schwierigste seit über 60 Jahren“.

In der dann folgenden Problemliste heißt es, dass im Schnitt 20 Dienste pro Tag mangels Personal nicht besetzt werden können. Die Arbeit sei geprägt von zunehmendem Stress und Druck durch fehlende und zunehmend störanfällige Fahrzeuge, Langsamfahrstellen und Baustellen und demotivierende Schichtpläne. Im Kleinprofil, also auf den von schmaleren Zügen befahrenen Linien U1 bis U4, sei die Lage besonders schlimm. Da obendrein Andrang und Kilometerleistung massiv wachsen, sei nur dank dem Engagement der Beschäftigten „überhaupt noch ein einigermaßen geregelter U-Bahn-Betrieb zu gewährleisten“. Und neues qualifiziertes Personal sei unter den aktuellen Bedingungen nur schwer zu gewinnen.

In der Pressestelle der BVG heißt es zunächst nur: „Selbstverständlich bekommen die Mitarbeiter eine Antwort und wir werden mit ihnen reden.“ Aus der Chefetage ist allerdings zu hören, dass man die Klage für übertrieben halte ...

Jens Wieseke vom Fahrgastverband Igeb bestätigt den Befund, dass auch bei der U-Bahn buchstäblich gespart wurde, bis es quietscht. ...

Mit den Straßenbahnern, die im Juli auf ihre prekäre Situation aufmerksam gemacht hätten, ist nach Auskunft von Reetz gesprochen worden. Konkrete Konsequenzen hätten sich allerdings nicht ergeben. Ein Punkt aus dem Brief dürfte die BVG spätestens im Winter wieder beschäftigen: Obdachlose, die sich teils betrunken zum Schlafen unter die überstehenden Bahnsteigkanten zurückziehen – und dort in höchster Lebensgefahr sind, sobald ein Zug kommt.


Aus: "BVG-Mitarbeiter beklagen „prekäre Situation“ bei der U-Bahn" Stefan Jacobs (16.08.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/brandbrief-zum-berliner-nahverkehr-bvg-mitarbeiter-beklagen-prekaere-situation-bei-der-u-bahn/22916906.html

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diggero 07:18 Uhr

Moin,
als alte Atze, die nach vielen Jahren in anderen europäischen Städten wieder in seiner Heimat lebt, ist es nach vier Jahren immer noch unbegreiflich, wie man diese Stadt so runter rocken kann, dass man sich als Bewohner -selbst am Stadtrand- nettere Wege sucht, wenn 'mal Besuch ausgeführt wird (ich bin mit dem Wedding-Gen aufgewachsen, und habe auch in Xberg gewohnt).

Grundsätzlich inakzeptabel ist es, dass gerade in Berlin [Bund/Land] hochbezahlte sog. 'VolksvertreterInnen' sich auf ihren 'Diäten' ausruhen. Hier sind es 'mal wieder die BVG-Mitarbeiter, die ihre 'prekäre Situation' beklagen.
DIE MITARBEITER SIND FERTIG !, Herr Jacobs, wie viele der hier lebenden Stadtbewohner. Viel zu fertig, um noch aufzubegehren, oder zu kämpfen, noch nicht 'mal mehr daran zu glauben, dass es je besser werden könnte in diesem Moloch Berlin. ...


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crossoverhill 15.08.2018, 22:24 Uhr

Wie heißt es im Liedchen der BVG ?
"Ist mir egal - ist mir egal...!"
Da hat der BVG-Vorstand doch was zu trällern !


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Mercur 15.08.2018, 22:01 Uhr

Seit  Jahren höre ich auf der U-9 , die ich fast täglich benutzte: Der Zugverkehr auf der Linie U-9 ist zur Zeit unregelmäßig!  We apologize for the inconvenience! Ich kann es  wirklich nicht mehr  hören. Es  nervt.  Denn diese Ansage läuft  seit Jahren  fast das ganze  Jahr über.  Im Berufsverkehr kommt es oft zu Verspätungen bis zu 15 Minuten. Die  Züge sind alt und dreckig. Türen defekt. Sie  sind  hoffnungslos überfüllt! Es  stinkt. Die Temperaturen sind unerträglich! Wenn Frau Reetz  meint, der Warnruf   sei übertrieben, kann es eigentlich nur daran liegen, dass sie  sich selbst  nur  in einer klimagekühlten Limousine  fortbewegt. ...


...

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #766 on: August 16, 2018, 11:00:02 AM »
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[...] „Leben heißt Veränderung“ – mit diesen Worten teilte der Eigentümer des Wohnhauses an der Lützowstraße/Ecke Genthiner Straße in Tiergarten seinen Mietern mit, dass er sich dazu entschlossen habe, die Mietwohnungen in Eigentum umzuwandeln. Außerdem wird das Haus umfassend saniert, so dass die Mieten danach um bis zu 74 Prozent steigen. Dabei werden Fassaden gedämmt, die Fenster erneuert und die Heizanlage modernisiert. Auch Asbest müsse entfernt werden, teilte der Investor mit. Die Mieter hat er aufgefordert, sich für die Zeit der Bauarbeiten eine Bleibe, zum Beispiel bei Verwandten, zu suchen, einige sind bereits ganz ausgezogen. Doch eine Gruppe von etwa 35 Bewohnern bleibt standhaft und weigert sich, ihr Zuhause zu verlassen. Unter ihnen: Wolfgang Hoth, 81, dessen Miete von knapp 800 auf fast 1250 Euro steigen soll.

Einer am 7. August vorgestellten Kurzstudie des Berliner Mietervereins zufolge ist Hoths Geschichte kein Einzelfall. Die Auswertung der Mieten von 200 Befragten, allesamt Mitglieder des Vereins, habe gezeigt, dass die Miete nach einer Modernisierung immens steige. Um annähernd 2,50 Euro pro Quadratmeter im Zeitraum zwischen 2013 und 2016. Damit sei die durchschnittliche Nettokaltmiete, gemittelt auf alle Bezirke auf 7,14 Euro pro Quadratmeter gestiegen.

Das ZDF-Magazin Frontal 21 hat die Bewohner des Hauses Lützowstraße/Ecke Genthiner Straße über ein Jahr im Kampf gegen den Investor begleitet. Der Beitrag lief am Dienstag im ZDF und ist jetzt in der Mediathek zu finden. Nach den Recherchen des Magazins wurde der in den 70er-Jahren errichtete Komplex mit 96 Sozialwohnungen im Jahr 2016 verkauft – kurz bevor die Sozialbindung auslief. Neuer Eigentümer wurde eine Firma namens „Bluerock Opportunities 3 Limited Partnership“, die ihren offiziellen Sitz in Manchester hat, de facto aber aus Liechtenstein und der Schweiz gesteuert wird. Die ZDF-Reporter fanden im Internet auch ein Angebot für einen Fonds, der damit wirbt, Mehrfamilienhäuser in Berlin zu kaufen, daraus Eigentumswohnungen zu machen und diese zu verkaufen. Genau das, was hier in Tiergarten und in vielen anderen Orten Berlins gerade passiert.

...


Aus: "Mieter in Tiergarten werden durch Sanierung verdrängt" Laura Hofmann (15.08.2018)
Quelle: https://leute.tagesspiegel.de/mitte/macher/2018/08/15/53865/mieter-in-tiergarten-werden-durch-sanierung-verdraengt/

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« Reply #767 on: August 23, 2018, 08:07:18 AM »
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[...] Zum Glück, sie haben die blonde Britin aus dem Mittelmeer gerettet, die von einem Kreuzfahrtschiff betrunken ins Meer gestürzt war. Die Weltpresse berichtet, CNN, "Hindustan Times", "The Australian Financial Review", die nigerianische Tageszeitung "The Punch" und sogar exotische Publikationen wie die "Passauer Neue Presse" (SPIEGEL ONLINE natürlich auch).

Die Frau wird interviewt, Seenotrettungsexperten werden befragt, Tipps werden veröffentlicht, wie man sich allein auf hoher See verhalten sollte. Ranglistenhaft werden jene Menschen aufgezählt, die am längsten in Seenot überlebt haben. Buchautor Sebastian Fitzek wird gefragt, weil er 2014 einen Thriller mit einem Kreuzfahrtschiff schrieb ... . Die zehnstündige, am Ende glückliche Seenotrettung durchmisst einen ganzen sogenannten "Nachrichtenzyklus".

In praktisch keinem Artikel wird das eigentlich Offensichtliche erwähnt: Die langwierige, aufwendige Rettungsaktion der Frau im Mittelmeer steht in direktem Kontrast zur fortwährenden Katastrophe ertrinkender Menschen im Mittelmeer und deren Seenotrettung.

Seit Anfang 2018 sind mindestens 1500 Menschen, Männer, Frauen, Kinder im gleichen Meer ertrunken, aus dem die britische Frau gerettet wurde. Der Kapitän des Rettungsschiffes sagte, es sei ein unvergleichliches Gefühl, ein Menschenleben gerettet zu haben. Man stelle sich vor, sie hätten statt der Britin aus Versehen eine dahintreibende Frau aus dem Tschad entdeckt, dem gleichen Kapitän würde eine Anklage drohen.

Es ist einigermaßen schwierig, nicht zynisch zu werden, wenn man sich den Unterschied vor Augen führt: Deutschland diskutiert offenbar ernsthaft darüber, ob Seenotrettung sinnvoll sei - bei schwarzen Flüchtlingen. Die aufwendige Rettung einer Britin dagegen wird medial geradezu gefeiert. Es ist nicht so, dass über Flüchtlingsrettung wenig geschrieben wird - aber es wird in verstörend anderem Ton darüber berichtet.

Aus meiner Sicht gibt es für diese Unwucht mehrere Gründe, zwei davon möchte ich herauspicken:

Einer ist die Übermedialisierung der Welt. Der normale Kontakt mit Nachrichten bestand in Deutschland in den Achtzigerjahren aus einer Morgenzeitung, Radionachrichten im Auto und der Tagesschau am Abend. Vielleicht noch ein wöchentliches Magazin.

Der normale Kontakt mit Nachrichten im Jahr 2018 ist eine tägliche Flut von Stakkatonews im Minutentakt, hauptsächlich auf dem Smartphone, in Apps, Social Networks, Streams, auf Nachrichtenseiten und in Messengern, verteilt von Journalisten, Feeds, Eilmeldungs-Benachrichtigungen, Friends und diesem nervigen Onkel, der dauernd Artikel zu Ausländerkriminalität mit vielen roten Ausrufezeichen versendet, seit man ihm auf einem Familienfest erklärte, dass man sich eher den linken Arm abschneiden würde als AfD zu wählen (den rechten Arm bräuchte man ja noch, wenn die AfD gewinnen sollte).

Diese Übermedialisierung verändert nicht nur die Nachrichten, weil oft in schnellerem Takt Neues berichtet werden muss, als sinnvolle Neuigkeiten zu einer großen Nachrichtenlage überhaupt entstehen. Die Übermedialisierung verändert auch die Wahrnehmung des Weltgeschehens durch die Menschen. Kurt Tucholsky zitiert 1925 in seinem Zeitungsartikel "Französischer Witz" einen Diplomaten: "Der Tod eines Menschen: das ist eine Katastrophe. Hunderttausend Tote: das ist eine Statistik!" Mit dem Schicksal Einzelner kann man sich leichter identifizieren als mit dem Schicksal einer großen Zahl von Menschen, das ist nicht neu.

Aber durch den Katastrophendauerhagel wird eine gewisse Abstumpfung vorangetrieben. Und zwar eine sehr spezifische: Ich unterstelle freundlich, dass sich eigentlich fast jede Person ihre Menschlichkeit bewahren möchte - aber durch die Nachrichtenflut ist es nicht möglich, auf jedes Katastrophenopfer gleich zu reagieren. Man ist gezwungen zu filtern, also: Opfer nach Relevanz zu sortieren.

Je näher einem die Opfer sind, je stärker man sich mit ihnen identifizieren kann, umso größer die Nachricht und auch ihre Wirkung beim Publikum. Je abstrakter, je ferner, je weniger man sich mit Opfergruppen identifizieren kann, umso leichter lassen sie sich nachrichtlich überfliegen - einer der Gründe, warum die kleine Zahl von nicht weißen Menschen in großen Redaktionen ein Problem ist. Was direkt zu einem zweiten Grund für die nachrichtliche Unwucht zwischen der Rettung einer blonden Britin und der Rettung schwarzer Migranten führt (in Redaktionen wie beim Publikum):

Rassismus. Rassismus ist nicht denen vorbehalten, die hauptberuflich Vollzeit für die Versklavung oder Ermordung von nicht weißen Menschen eintreten. Rassismus hat keinen An-Aus-Schalter, es gibt ihn in vielen, auch subtilen Formen. Eine sehr wesentliche ist der unterschwellige, sogar unbewusste Rassismus. Selbstverständlich wirkende Denkmuster, die man nur schwer entlarven kann, die aber im Kern Rassismen enthalten. Die Bewertung von Menschen nach Herkunft und Hautfarbe.

Rassistische Muster sind viel tiefer im alltäglichen Empfinden verankert als sich Nichtbetroffene eingestehen möchten. Ich weiß das, weil ich solche Muster bei mir selbst immer wieder entdecke. Einige Zeit nach dem ersten Anschlag islamistischer Massenmörder in Paris war in den Radionachrichten von vielen Toten bei einem Attentat die Rede. Ich kann mich noch an das spontane Gefühl einer gewissen Erleichterung erinnern, als es "nur" Afrika war und nicht wieder Paris. Den eigentlich perversen und durchaus rassistischen Aspekt meiner Erstempfindung erkannte ich zu spät.

Das hat auch mit der Nähe zu tun. Durch die Übermedialisierung ist man gezwungen, konzentrische Kreise der Relevanz um sich herum zu ziehen, und damit gewissermaßen eine Art Opferrangliste zu erstellen. Aber diese Relevanz hat meiner Ansicht nach bei den meisten Menschen - auch bei mir - eine Komponente der Selbstähnlichkeit. Und ich bin so weiß, ich brauche sogar im Mondlicht Sonnencreme, um Trevor Noah zu zitieren.

Es geht mir nicht darum, alle Journalisten als rassistisch zu bezeichnen, die über die britische Frau berichteten, ohne an ertrinkende Flüchtlinge auch nur zu denken. Ich selbst habe diese eigentlich absurd offensichtliche Parallele überhaupt erst anhand eines Tweets erkannt. https://twitter.com/Linuzifer/status/1031626100630282240 Aber man kann Rassismen verinnerlichen, damit denken und handeln, ohne es zu bemerken.

Sehe ich mich als Rassist? Nein. Enthält mein Denken rassistisch wirksame Muster? Natürlich. Der Kampf gegen Rassismus besteht deshalb nicht nur darin, offenen Rassisten entgegenzutreten, sondern auch, rassistische Denkmuster, Strukturen, Selbstverständlichkeiten zu entlarven und immer wieder zurückzudrängen, auch bei sich selbst. Am besten ohne Selbstmitleid oder Triumphgeheul.

Das verbreitete Gefühl, etwa, seit der Verbreitung der sozialen Medien würde ständig überall "Rassismus!" gemeldet - ist richtig. Der Ursprung davon ist zum einen die höhere Sensibilität gegenüber Rassismus und zum anderen die tatsächliche Allgegenwart von rassistischen Mustern, Denkfiguren und Handlungen. Man konnte sie vor Social Media bloß leichter ignorieren. Als weiße Person.

Diese beiden Effekte - verdeckte Rassismen und Übermedialisierung - greifen ineinander, verschmelzen und beeinflussen sich gegenseitig, deshalb kann man auch das eine nicht als Entschuldigung oder zur Entlastung verwenden. "Das ist keine rassistische Empfindung, mir ist bloß die weiße Britin näher als der schwarze Togoer" - das ist ein falscher Selbstfreispruch.

Umgekehrt ist man aber eben auch nicht zwingend Rassist, wenn man die Kreuzfahrt-Story intensiv verfolgt hat, von ertrinkenden Migranten dagegen nichts mehr lesen möchte. Man ist dann aber durch die Übermedialisierung rassistischen Bewertungsmustern erlegen.

 Das Internet und die soziale Medien haben durch ihre Intensität und Taktung eine Überdosis Weltgeschehen zur Normalität gemacht. Die Reaktionen darauf, die journalistische und die des Publikums, erscheinen mir noch zu reflexhaft und auf althergebrachte Maßstäbe fokussiert. Das tägliche Nachrichtensteak ist zum minütlichen Newsbrei geworden - und wir sitzen noch immer mit Messer und Gabel da.

Natürlich muss man sich vor zu viel Horror schützen, vor zu viel bitterem Weltgeschehen in mitgefilmter Nahaufnahme. Natürlich braucht man einen persönlichen Filter, was man an sich heranlässt und was nicht. Aber nicht die Existenz des persönlichen Filters, der redaktionellen Auswahl ist problematisch - sondern wenn man nicht realisiert, nach welchen Kriterien das funktioniert. Und nur deshalb so tun kann, als hätte die Seenotrettung einer weißen Britin nichts mit der Seenotrettung schwarzer Migranten zu tun.


Aus: "Die Unwucht in unserer Wahrnehmung" Eine Kolumne von Sascha Lobo (22.08.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/seenotrettung-im-mittelmeer-eine-unwucht-in-unserer-wahrnehmung-a-1224329.html

http://www.spiegel.de/forum/netzwelt/seenotrettung-im-mittelmeer-die-unwucht-unserer-wahrnehmung-thread-792870-1.html

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« Reply #768 on: August 23, 2018, 12:54:25 PM »
Quote
[...] ... Faeser vertrat die „Arbeitshypothese“, dass sich Temme entgegen allen Beteuerungen aus dienstlichen Gründen im Internetcafé aufgehalten habe. „Dann ergibt das Ganze ein rundes Bild“, sagte die SPD-Frau. Es falle auf, dass die Vorgesetzten beim Verfassungsschutz Temme geschützt hätten, obwohl er seinerzeit unter Mordverdacht stand und sich eine Reihe von Dienstvergehen habe zuschulden kommen lassen. Der damalige Innenminister und heutige Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) habe sich persönlich darum gekümmert, dass Temme trotz des Disziplinarverfahrens seine vollen Bezüge behalte. ...


Aus: "Mord in Hessen: Stiftung soll NSU-Aufklärung fortsetzen" Pitt von Bebenburg (23.08.2018)
Quelle: http://www.fr.de/rhein-main/landespolitik/mord-in-hessen-stiftung-soll-nsu-aufklaerung-fortsetzen-a-1567326

Quote
Geraldino65

Arbeitshypothese ?
Anderswo nennt so was Verschwörungstheorie. ...



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« Reply #769 on: August 25, 2018, 12:49:50 PM »
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[...] Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) will abgelehnte Asylbewerber, die eine Ausbildung in Pflegeberufen machen, besser vor Abschiebungen schützen. "Gerade in der Pflege brauchen wir dringend Arbeitskräfte. Deshalb haben wir den Ausländerbehörden gerade erst Regelungen an die Hand gegeben, durch die auch Pflegehelferschüler vor der Abschiebung geschützt werden – in Erweiterung der jetzigen 3+2-Regelung", sagte der CSU-Politiker der Welt.

Die sogenannte 3+2-Regelung schützt integrationswillige Jugendliche in der Berufsausbildung und zwei weiteren Berufsjahren vor der Abschiebung. Die schulische Ausbildung im Pflegebereich war bislang von dieser Regelung nicht erfasst. Das hat Bayern nun geändert. "Die neue Maßgabe gilt ab sofort", sagte der Landesinnenminister, der auch für Integration zuständig ist. Sein Bundesland setze damit vorab eine Forderung des Koalitionsvertrags um, denn die entsprechende Regelung des Bundes lasse noch auf sich warten. ...


Aus: "Bayern weitet Abschiebeschutz auf Pflegeschüler aus" (25. August 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-08/fluechtlinge-pflege-abschiebung-asylbewerber-fachkraeftemangel-bayern-joachim-herrmann

Quote
Arya Stark #10

"In Wirtschaftskreisen ist man sich einig, dass dieser Mangel nicht durch inländische Arbeitskräfte behoben werden kann."

Mir ist klar, warum 'Wirtschaftskreise' so argumentieren, kann man so günstige Arbeitskräfte heranziehen. Würde man die Menschen leistungsgerecht bezahlen, würde man auch genug inländische Kräfte finden, Stichwort Angbot und Nachfrage.


Quote
wachsmueller #13

Mir widerstrebt zwar dass es hierbei offensichtlich auch um billige Arbeitskräfte geht.
Aber: kein deutscher Pflegehelfer bekommt mehr Geld wenn der afghanische abgeschoben wird ...


Quote
Schnee_Eule #15

...[Es] gelten moralische und humanitäre Aspekte nur dann, wenn es wirtschaftlich gewollt ist; und zwar von den big players. Alles andere ist irrelevant. Und der Bund lässt Bayern einfach so machen ... Es ist dunkel geworden in diesem Land.


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« Reply #770 on: August 27, 2018, 03:34:18 PM »
Quote
[...] Zwei Saxofonistinnen stehen am Eingang der S-Bahn-Station Hermannstraße und entlocken ihren Instrumenten ein Hupen und Jaulen. Besonders schön geraten die Stellen, an denen sich das Neuköllner Ambiente direkt mit der Musik verbindet – wenn also ein Polizeiauto mit grellem Tatütata vorbeirast oder ein Busfahrer demonstriert, dass seine Hupe lauter ist als jeder noch so schrille Saxofon-Ton.

Die Initiative Neue Musik Berlin hatte zu dem kleinen Konzert am Freitag geladen – an den Ort, wo die Berliner S-Bahn angekündigt hatte, demnächst sogenannte atonale Musik spielen zu wollen. Nicht, weil man damit Fahrgäste beglücken wollte, im Gegenteil: um Herumlungerer und Trinker zu vertreiben, die sich vor dem S-Bahn-Eingang in zu hoher Zahl aufhielten.

Die Idee schlug Wellen: Lisa Benjes, Mitarbeiterin der Initiative Neue Musik, macht am Freitag deutlich, wie dumm und geschichtsvergessen der Vorstoß der Berliner S-Bahn-Betriebe sei. Benjes verweist darauf, dass der Begriff „atonale Musik“ Komponisten wie Arnold Schönberg und Alban Berg in den 1920er Jahren diskreditieren sollte.

Später wurde deren kompositorisches Schaffen von den Nazis zur sogenannten Entarteten Kunst gezählt. Und mit einer einst derart verfemten Musik wolle man nun gegen Menschen am Rande der Gesellschaft vorgehen? „Wenn man darüber nachdenkt, ist das, was hier geplant wird, wirklich nicht mehr lustig“, so Lisa Benjes.

Auch über die Ressentiments gegenüber einer Musikrichtung, die hier in platter Weise nur verstärkt würden, kann sie sich trefflich aufregen. Boulevardblätter hätten von „Grusel­klängen gegen Obdachlose“ fabuliert.

Benjes sieht darin die Instrumentalisierung einer Musikform, die eigentlich „auch Spaß machen soll“. Spaß macht es den Leuten, die zahlreich zum Bahnhofskonzert gekommen sind, sichtlich. Neben Musik gibt es belegte Brötchen, Kartoffelsalat und Bier. Die Message ist klar: Atonale Musik, wenn man sie denn so nennen mag, soll Menschen zusammenbringen, nicht spalten.

Vor dem S-Bahnhof Hermannstraße waren eher ruhige „atonale“ Klänge zu vernehmen. Ein Flötist spielte nach den Saxofonistinnen Glissandi mit sehr viel Pausen zwischen den Tönen. Danach war ein Cellist an der Reihe, der sich von einem Synthesizer begleiten ließ. Auch nichts, was als Musikfolter durchginge.

Dass auch jemand von der Berliner S-Bahn selbst am Freitag bei dem kleinen Konzert war, wurde am Tag darauf bekannt. Die S-Bahn Berlin GmbH bestätigte am Sonntag auf taz-Anfrage Zeitungsberichte vom Samstag, man wolle von der Sache mit der atonalen Musik in dem S-Bahnhof Abstand nehmen. Stattdessen will man es nun vielleicht mit Naturgeräuschen versuchen.

Gezwitscher gegen Biertrinker, Quaken gegen Obdachlose? Mal sehen, was die Vögel und Frösche von der Idee halten werden.


Aus: "Berliner S-Bahn: Atonal doch nicht ideal" Andreas Hartmann (26. 8. 2018)
Quelle: https://www.taz.de/Berliner-S-Bahn/!5528001/

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Jim Hawkins

In Hamburg haben sie das auch schon mal mit klassischer Musik versucht:
www.taz.de/!642665/

Mir ist schleierhaft, wo die Obdachlosen denn hin sollen. Man bekämpft nicht das Problem, sondern seine Sichtbarkeit.


Quote
rero

@Jim Hawkins Es ging nicht um Obdachlose, sondern um Trinker und Junkies.

Die können durchaus Wohnungen haben und treffen sich trotzdem gern an öffentlichen Plätzen.


Quote
Sisalbaum

@rero "Die können durchaus Wohnungen haben und treffen sich trotzdem gern an öffentlichen Plätzen."

So what?

Sind Plätze eigentlich noch öffentlich, wenn sich Teile der Öffentlichkeit dort nicht mehr aufhalten dürfen?


Quote
SamS

Lesefrucht aus denäm MuWi-Studium: Schnulzige Volksmusik soll in manchen Städten tatsächlich gegen Treffpunkte jugendlicher Trinker geholfen haben. Vielleicht Silbereisen, Helene F. und die Herzbuben im Wechsel (kenn mich aber nicht so gut aus, das wurde im Studium kaum behandelt, vielleicht gibt es noch schleimigeres 😆).

Meine Vermutung: Die Jugend wäre gleich weg, und die älteren Trinker nach einer Stunde friedlich eingeschlafen... Ob die Lärmbelästigung aud den Lautsprechern besser ist, als die aus den feuchten Kehlen der Zecher, wage ich aber zu bezweifeln ...


...

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« Reply #771 on: August 29, 2018, 12:34:14 PM »
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[...] Teurer, stärker, breiter - das Wettrüsten auf der Buckelpiste geht weiter und die Geländewagen wachsen immer mehr über sich hinaus. Wer dachte, dass dabei mit Bentley Bentayga und Rolls-Royce Cullinan der Gipfel erreicht wäre, den belehrt Maybach jetzt eines besseren. Ein Fahrbericht.

Um als Nachzügler überhaupt noch irgendwie aufzufallen, haben die Schwaben die Idee vom Luxus-SUV jetzt mit dem Vision Mercedes-Maybach Ultimate Luxury auf die Spitze getrieben. Die im Frühjahr in Peking enthüllte Designstudie tritt deshalb nicht nur protziger auf und ist prunkvoller ausgestattet als Bentley & Co. Sie folgt auch einem völlig neuen Karosseriekonzept und vereinigt erstmals die Idee vom SUV mit der einer Limousine.

Von vorn mag der Maybach deshalb noch aussehen wie ein gewöhnlicher Geländewagen. Doch von der Seite und vor allem von hinten zeigt der rote Riese mit seinem Stufenheck ein ungewöhnliches Bild, und dabei sind die turbinenartigen 24-Zoll-Felgen noch das unspektakulärste.

Natürlich muss man dieses SUV mit Stufenschnitt nicht schön finden, und um ehrlich zu sein, tut man sich damit wahrscheinlich sogar ein bisschen schwer. Aber der Wagen fällt selbst unter den Geländegängern auf - und um nichts anderes geht es in dieser Liga.

Auch innen trägt Daimler bei der Studie etwas dicker auf als die Konkurrenz. Wenn Geld keine Rolle spielt und man sich nicht um die maschinelle Fertigung kümmern muss, können die Designer aus dem Vollen schöpfen. Deshalb sitzt man im Fond auf weißen Loungesesseln und blickt auf ein Ambiente, das geprägt ist von großen Holzkonsolen und schillernden Oberflächen in Roségold.

Vor allem in China, wo mittlerweile die meisten Maybachs verkauft werden und wo die Studie maßgeblich gestaltet wurde, scheint die luxuriöse Ausstattung den Geschmack zu treffen.

Der Fokus auf Ostasien erklärt auch ein paar andere Details im noblen Fond: Das Bäumchen zwischen den Sitzen ist die chinesische Nationalpflanze. Und wo andere Luxusliner ein Barfach für Whiskey oder Champagner haben, wartet in der Mittelkonsole des Maybach bei exakt 85 Grad ein Service für grünen Tee. Selbst das Rot der Karosserie ist ein Tribut an den wichtigsten Markt - und deshalb der chinesischen Flagge nachempfunden.

Während die Hinterbänkler in einem bei Geländewagen bislang unerreichten Luxus schwelgen, muss der Fahrer ein paar Einschränkungen hinnehmen - zumindest in der Studie. Diese hat zwar Millionen gekostet, weil sie in mehreren Wochen von Hand aufgebaut wurde. Aber dafür muss man sie mit Samthandschuhen anfassen und kann sie kaum schneller als mit Schrittgeschwindigkeit bewegen.

Die Lenkung ist schwergängig, der Wendekreis riesig und die Geländegängigkeit endet am nächsten Kanaldeckel - schon eine Bordsteinkante zwingt die Ingenieure, die den Testwagen begleiten, zur Schnappatmung.

In der Theorie dagegen ist der Maybach so üppig motorisiert, wie es sich für den ungekrönten König der SUV gehört. Und obendrein ist er auch noch zukunftsfest, weil elektrisch angetrieben. An jeder Achse haben die Entwickler zwei Stromer vorgesehen und eine Systemleistung von 550 kW/750 PS in Aussicht gestellt. Damit sollte der Sprint von 0 auf 100 km/h in weniger als fünf Sekunden gelingen und das Spitzentempo locker bei 250 km/h liegen.

Und weil im Fahrzeugboden ein Akku von 80 kWh steckt, kommt das SUV im Smoking bis zu 500 Kilometer weit. Lange Wartezeiten an der Ladesäule mag Maybach den Kunden dabei nicht zumuten. Stattdessen gibt es ein Schnellladesystem mit 350 kW, mit dem man binnen fünf Minuten den Strom für 100 Kilometer zapfen kann.

Schön oder schaurig? Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, doch unbenommen hat Maybach mit dem Ultimate-Luxury-Konzept einen neuen Zugang zum boomenden SUV-Segment gefunden. Oder besser gesagt: hätte. Denn mehr als dieses Einzelstück wird es nicht geben.

Zu groß sind die Investitionen und zu klein die Stückzahlen, als dass sich eine eigenständige Entwicklung für die Luxusmarke lohnen würde. Doch vergebens war das Millionenprojekt trotzdem nicht. Denn zumindest macht es Lust auf den nächsten Mercedes GLS, den es auch als Maybach geben soll. Zwar ist er ohne Stufenheck, ohne Teeservice und auch ohne Elektroantrieb geplant - aber zumindest innen mit Loungesesseln und außen mit reichlich Lametta.


Aus: "Vision Mercedes-Maybach Ultimate Luxury im Test" (29.08.2018)
Quelle: http://www.fr.de/leben/auto/autotest/suv-im-smoking-vision-mercedes-maybach-ultimate-luxury-im-test-a-1572266

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« Reply #772 on: September 02, 2018, 03:38:31 PM »
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[...] Die Reichen werden in Deutschland immer reicher. Die Zahl der Millionäre hat in den letzten 15 Jahren um 85.000 zugenommen und liegt jetzt bei 1,4 Millionen, berichtet der Business Insider. Die Zahl der Millionäre steigt also, während die Reallöhne im Durchschnitt eher stagnieren und das Segment der Niedriglöhner wächst und wächst.

Am besten lebt es sich derweil an der Spitze bei den 1000 Reichsten, von denen knapp ein Viertel Milliardäre sind. Deren Vermögen nahm allein im vergangenen Jahr um 13 Prozent zu. 13 Prozent! Wie hoch war noch mal gleich ihre letzte Lohnerhöhung, verehrte Leserin, verehrter Leser?

Die deutsche Wirtschaftsleistung, das Bruttoinlandsprodukt, ist in dieser Zeit jedenfalls nur um 2,2 Prozent gestiegen, das heißt, die oberen 1000 haben nicht nur ihre Position gehalten, sondern ihr Stück vom Kuchen weiter vergrößert.

Dabei ist es nicht so, dass der Haufen, auf den der Teufel da mal wieder sein Geschäft gemacht hat, vorher klein gewesen wäre: Laut Focus wird das Vermögen der 1000 reichsten Deutschen auf 1,177 Billionen Euro geschätzt.

Um das mal ins Verhältnis zu setzen: Der Bund gibt in diesem Jahr rund 335 Milliarden Euro für all seine Aufgaben aus. Das heißt, vom Vermögen der 1000 Reichsten könnte das Land in gewisser Weise drei oder, wenn wir alle öffentlichen Haushalte zusammen nehmen, immer noch knapp zwei Jahre leben.

Nun kann man, wie es das Magazin macht, einfach alle jene, die sich an diesem obszönen Reichtum stoßen, als Neider abstempeln. Man kann auch nach Sündenböcken suchen, damit nicht allzu laut über das Naheliegende nachgedacht wird.

Letzteres wird ja von gewalttätigen Fußtruppen in Chemnitz derzeit eifrig getan und ein bestens situierter ehemaliger Berliner Finanzsenator und Bundesbanker, langjähriger Profiteur und Mitorganisator der Umverteilung von unten nach oben, liefert ihnen und ihren biederen Sympatisanten gerade jede Menge neue Argumentationshilfen.

    Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
    Art. 14 (2) GG

Man kann aber auch doch noch einmal über das Naheliegende nachdenken, sich an die vom Grundgesetz geforderte soziale Verantwortung des Eigentums erinnern und überlegen, was mit dem Geld alles Schönes angestellt werden könnte, wie mit ihm die schwer gebeutelten Beschäftigten in der Pflege besser entlohnt und dort mehr Arbeitsplätze geschaffen werden könnten.

Man könnte darüber nachdenken, wie die Grundschullehrer besser entlohnt und die Klassen verkleinert werden könnten, wie die Versorgung mit Ärzten wieder auf das Niveau der 1980er Jahre zu bringen wäre, wie in den Kommunen mehr Personal von der Kita über die Straßenreinigung bis in die Bauverwaltungen eingestellt werden könnte usw. usf.

Utopisch? Vielleicht müsste man ja einfach nur aufhören, Rattenfängern hinterher zu laufen, beginnen die richtigen Fragen zu stellen und sich umschauen, wie in der Vergangenheit und in anderen Ländern die kleinen Leute ihre Interessen durchgesetzt haben?


Aus: "Obszöner Reichtum: Die oberen 1000 haben jetzt über eine Billion Euro" Wolfgang Pomrehn  (02. September 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/news/Obszoener-Reichtum-Die-oberen-1000-haben-jetzt-ueber-eine-Billion-Euro-4152916.html

Quote
     schlägerpolizist, 02.09.2018 12:53

Aber, aber … der Trickle-down-Effekt!

Ja, aber was ist denn mit dem Trickle-down-Effekt, hä? Der besagt doch – und das wird uns doch immerzu in die Ohren getrötet – dass der Reichtum der oberen Zehntausend allmählich nach unten in die niedrigeren Schichten tropft und uns alle glücklich und reich und wohlhabend macht!!!einself111

Wie kann es denn da sein, dass die Vermögen der unteren Schichten – der Arbeiter, Angestellten und Kleinselbstständigen immer weniger werden, während das Vermögen der Reichen immer größer wird?

Kann es etwa sein, dass es genau umgekehrt ist? Kann es sein, dass in Wahrheit eine Umverteilung stets von unten nach oben stattfindet?
NEIN, NEIN, das kann doch gar nicht sein! Dann wären wir ja Jahrzehnte lang belogen worden und das würde doch niemand tun...


Quote
     BGMD, 02.09.2018 10:23

13% vs. 2%

Die Zahlen im Artikel sollten auch dem letzten einleuchten lassen, dass extremer Reichtum immer auf Kosten anderer angehäuft wird.


...
« Last Edit: September 05, 2018, 05:14:31 PM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #773 on: September 04, 2018, 12:35:37 PM »
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[...] Ann-Kathrin Volkmann hat stundenlang vor der Kamera gestanden, Erdbeerkuchen gegessen, Waffeln gebacken und mit Knutschmund ins Gegenlicht geguckt. Sie hat Ballons in den Himmel steigen lassen und ist mit ausgestreckten Armen in die Luft gesprungen. „Live everyday like it’s your last one“, hat sie unter dieses Bild geschrieben. Harte Arbeit, kombiniert mit Kalendersprüchen, die auf Instagram aussieht wie spontan eingefangenes Glück. #jump #havefun #sunshine.

Das Leben aus der Selfie-Perspektive. Volkmann wollte mit ihren Fotos zeigen, wie sie ihre Generation sieht.

Lisa Gessner hat für den Kunstunterricht einen Film gemacht. Darin sieht man sie, wie sie auf einer Wiese liegt und Musik hört. Von der Welt um sie herum bekommt sie nichts mit, aber das macht ihr nichts, sie ist ja in ihrer eigenen Welt. Snapchat, Instagram, Musik, dafür braucht sie nur Handy, Kopfhörer und Internet.

Die beiden Schülerinnen sind 17 Jahre alt, nächstes Jahr machen sie Abitur am Carl-Humann-Gymnasium in Essen. Sie gehören einer Generation an, die schon bei der Einschulung mit Smartphones und Tablets umgehen kann. Manchmal nennt man sie Post-Millennials oder Selfie-Generation, aber meistens Generation Z – diejenige nach den Generationen X und Y. Für sie ist es normal, Serien bei Netflix zu gucken, Musik zu streamen, sich die Weltlage von Youtubern und alle anderen Probleme von Google erklären zu lassen.

Nicht mal neun Millionen Menschen in Deutschland sind um die Jahrtausendwende geboren und jetzt 15 bis 24 Jahre alt. Aber sie sind die Zukunft. Deshalb interessiert man sich derzeit besonders in Unternehmen dafür, was da auf einen zukommt.

Wichtig zu wissen: Mehr als die Hälfte der Deutschen ist mit Autoatlanten, Schallplatten, Telefonzellen und Kaltem Krieg aufgewachsen. 47 Millionen sind 40 Jahre alt und älter. Sie haben zwar auch Handys und Apps, aber sie gehen ins Internet, die Generation Z lebt darin.

Lisa Gessner und Ann-Kathrin Volkmann sind Teil einer Schülergruppe des Essener Gymnasiums, die diese Frage im Kunstunterricht beantworten wollte: Wer sind wir eigentlich?

Wenn Soziologen eine Generation beschreiben, fassen sie Millionen von Menschen zusammen, die in einem Zeitraum von meist 15 Jahren geboren wurden, und ordnen ihnen bestimmte Eigenschaften zu. Weil sie in derselben Zeit aufgewachsen sind und dieselben gesellschaftlichen Entwicklungen erlebt haben, geht man davon aus, dass sie ähnlich geprägt sind. Weil Menschen aber sehr unterschiedlich sind und ihr Leben auch davon bestimmt wird, aus welcher sozialen Schicht sie kommen, sind solche Beschreibungen immer nur Tendenzen. Besonders dann, wenn es sich um Schüler, Studenten und Berufsanfänger handelt, von denen noch niemand weiß, wie sie wirklich einmal leben, denken und arbeiten werden. Der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann, der die Jugend seit Jahrzehnten erforscht, sagt: „Wir müssen abwarten, wie sich die Generation Z entwickelt. Aber es gibt schon einige Dinge, die wir wissen.“

Die Jahrtausendkinder sind mit Barack Obama, Angela Merkel, Miley Cyrus, Justin Bieber und „Fack ju Göthe“ aufgewachsen, in einer Zeit relativ großen Wohlstands, zumindest in Deutschland. Als Terroristen 2001 die Flugzeuge ins World Trade Center steuerten, waren Lisa Gessner und Ann-Kathrin Volkmann gerade geboren, zu Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007 noch in der Grundschule. Sie haben nur wenige globale Krisen bewusst erlebt.

Aber sie bekommen nun mit, wie vieles, das lange unzerstörbar schien, zu zerfallen droht: Europa, Demokratien, die stabilen Machtverhältnisse in der Welt. Sie wachsen mit Debatten über selbstfahrende Autos und Künstliche Intelligenz auf, in einer Zeit großer Umbrüche und großer Angst.

Im Kunstraum in Essen hängt ein Plakat, das die Schüler gestaltet haben. Darauf ist das Zimmer eines Jugendlichen zu sehen. Im Schrank: ein Levi’s-T-Shirt, ein Adidas-Kapuzenpullover, Sneakers von Nike. Der Bewohner sitzt auf seinem Sofa und macht ein Selfie. ...

„Hotel Mama“ steht auf dem Plakat, weil die Mutter nebenan die Wäsche wäscht. Das sagt nicht alles, aber schon viel.

Die Generation Z ist nicht rebellisch. Warum auch? Es ist ja alles erlaubt: Männer dürfen Männer lieben, Frauen dürfen Frauen lieben, Haare dürfen blau oder grau sein, und wenn in der Nase Ringe und Holzkeile stecken, regt das keinen mehr auf. Auch die Eltern nicht. Die sind ja nun auch ewig jung, tätowiert und tragen Slim-Fit-Jeans, die über den Knöcheln enden. Wieso also nicht mit der Mutter Schminktipps austauschen und das anziehen, was alle anderen auch tragen?

„Ich erzähle meiner Mama alles von meinem Leben. Wir haben ein sehr enges Verhältnis.“ (Maja Klöß, 17)

Ein sehr enges Verhältnis zu den Eltern und der Familie ist typisch für die um die Jahrtausendwende Geborenen. Sie lassen sich gern umsorgen, die meisten wollen ihre Kinder so erziehen, wie ihre Eltern sie erzogen haben, und sie wollen heiraten. In einer Welt, in der sich alles sehr schnell verändert, suchen sie nach Sicherheit.

„Vielleicht hat es bei uns den Anschein, dass wir faul sind, weil wir uns wie die Generation vorher alle Optionen offenhalten. Aber wir wissen oft nicht, was wir machen wollen, weil es so viele Möglichkeiten gibt.“ (Julia Schulz, 17)

Die Schüler wissen, dass sie sich auf eine ungewisse Zukunft mit einer guten Ausbildung am besten vorbereiten. Deswegen machen mittlerweile knapp 50 Prozent eines Jahrgangs Abitur, fast doppelt so viele wie noch vor 30 Jahren. Deswegen wollen auch so viele studieren: Im vergangenen Studienjahr gab es 512.000 Studienanfänger, 150.000 mehr als zehn Jahre zuvor. Viele Schüler wählen ihre Leistungskurse so, dass sie den besten Schnitt bekommen, die Studenten ihre Fächer so, dass sie einen Job finden. Die beliebtesten Studiengänge sind Betriebswirtschaftslehre, Maschinenbau und Jura.

Die Jugendlichen sind ehrgeizig und pragmatisch, aber auch unsicher. Fast jeder dritte bricht sein Studium in den ersten Semestern ab, viele reisen nach der Schule erst einmal durch die Welt, bevor sie entscheiden, wie es weitergeht. Denn sie sind jung. Mit 17 oder 18 haben sie Abitur und wahrscheinlich schon mehr Länder gesehen als ihre Großeltern bis zum Tod. Es ist eine globale Generation, die die Welt nur ohne Grenzen kennt. Die Jahrtausendkinder aus der Mittelschicht können Englisch, gehen selbstverständlich ins Ausland und sind über soziale Netzwerke mit Menschen aller Kontinente verbunden. Das mache sie weltoffener und toleranter, sagen Wissenschaftler.

Sie sagen auch, dass die Mehrheit der jungen Menschen in Deutschland ihrer Zukunft optimistischer entgegenblicke als die Generationen zuvor. Obwohl sie sich nach Sicherheit sehnen. Der große Unterschied zu früheren Generationen ist nämlich, dass die Generation Z in einer Zeit aufwächst, in der den Unternehmen der Nachwuchs ausgeht. Sie kann es sich leisten, anspruchsvoll zu sein.

„Ich möchte etwas machen, worin ich einen Sinn sehe. Das ist mir wichtiger, als viel Geld zu verdienen.“ (Lara Sechtin, 17)

„Ich will einen Mittelweg finden. Also gut über die Runden kommen, weil ich es von zu Hause nicht anders kenne, aber ich will auch Spaß haben an meinem Beruf und Zeit für die Familie, weil ich Kinder haben möchte.“ (Laura Wiechert, 17)

„Viele überlegen, welche Berufe es in Zukunft überhaupt noch geben wird. Welcher Beruf wird nicht gleich von einem Roboter übernommen? Wo werden wir noch lange Zeit Menschen brauchen?“ (Lara Sechtin, 17)

Sie wollen einen sicheren Job, den sie als sinnvoll empfinden, und genug Zeit für das übrige Leben haben. Die Schüler in Essen sagen, was auch in Studien über sie steht: Beruf und Freizeit sollen getrennte Lebenswelten sein. Familie und Kinder vor Karriere. Und bitte keine Überstunden! Denn die um die Jahrtausendwende Geborenen wollen keine Burnout-Generation sein.

Sie wissen, dass sie Ansprüche haben, die nicht jedem Arbeitgeber gefallen. Aber sie sind wenige, und sie sind die Zukunft. Das wissen sie auch.

...




Generationen in Deutschland (nach Klaus Hurrelmann)

Die Nachkriegsgeneration (1925–1940) fand ein zerstörtes und demoralisiertes Land vor. Das schweißte die jungen Menschen zusammen. Sie wurden zu einer pragmatischen und skeptischen Generation, die nur das tat, was nötig war, und in erster Linie überleben wollte.

Die 68er-Generation (1940–1955) wuchs nach den Aufbauerfolgen der Eltern in einer entspannten wirtschaftlichen Lage und in einer funktionierenden Demokratie auf. Ein Teil der Jugend setzte sich sehr kritisch mit der autoritären Haltung und der Nazi-Vergangenheit der Eltern auseinander. Dieser Konflikt gilt bis heute als politische Revolution einer jungen Generation.

Die Babyboomer (1955–1970) sind zahlenmäßig die stärkste Generation in Deutschland und dominierend in Gesellschaft, Wirt-schaft und Politik. Tendenziell sind sie die Kinder optimistischer Eltern, beruflich sehr ehrgeizig und politisch aktiv.

Die Generation X (1970–1985) wuchs ebenfalls in Sicherheit auf, obwohl sich wirtschaftlich schon Krisen abzeichneten. Wegen der geburtenstarken Vorgängergeneration blieb vielen der Zugang zu verantwortungsvollen beruflichen Positionen verwehrt.

Die Generation Y (1985–1999) war oft Gegenstand klischeehaft geführter Debatten. Die jungen Leute haben politische Span- nungen, Terroranschläge und globale Kriege miterlebt, gelten als die erste Generation „digitaler Eingeborener“ und wissen, wie unberechenbar die Zukunft ist. Ihre sinnsuchende Grundhaltung hat ihnen das Etikett „Generation Why“ eingebracht. Charak- teristisch ist ihr starker Selbstbezug und das permanente Abwägen von Alternativen.

...


Aus: "Generation Z: Erst das Vergnügen, dann die Arbeit" Sophie Burfeind (2018)
Quelle: https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2018/personal/generation-z-erst-das-vergnuegen-dann-die-arbeit

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« Reply #774 on: September 04, 2018, 01:14:58 PM »
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[...] Außer in Leipzig, Dresden und Chemnitz arbeiten 40 Prozent aller Beschäftigten in Sachsen im Niedriglohnsektor. Das belegen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, die dem MDR vorliegen. Demnach ist die Lage in drei sächsischen Landkreisen sogar noch gravierender. Im Vogtlandkreis, dem Erzgebirgskreis sowie dem Landkreis Görlitz arbeitet sogar die Hälfte aller erwerbstätigen Menschen im sogenannten Niedriglohnsektor.

In Thüringen zeigt sich die Lage im Kyffhäuserkreis, in Sachsen-Anhalt im Landkreis Stendal ähnlich brisant. Auch hier arbeitet die Hälfte aller Beschäftigten nur für einen niedrigen Lohn. In Leipzig, Chemnitz und Dresden liegt der Anteil der Niedriglöhner bei 30 Prozent.

Tariflöhne im Westen seien 27 Jahre nach der Wiedervereinigung deutlich höher als im Osten, monierte die Abgeordnete im Sächsischen Landtag von Bündnis 90/Die Grünen, Petra Zais. Sogar innerhalb der Tarifverträge seien Lohnabstriche bis sechs Prozent möglich. Hinzu komme das Phänomen, dass sich in Sachsen immer weniger Unternehmen überhaupt an Tarife binden.

... Die niedrigen Löhne in vielen Branchen führen langfristig auch zu niedrigen Renten unter der Armutsgrenze.

Die Leipzigerin Regina Richter hat 51 Jahre gearbeitet. Jetzt bekommt die Friseurin nach Abzügen eine Rente von 626,80 Euro. "Was mich am meisten geschockt hat, war die Tatsache, dass an meinem Rentenbescheid der Antrag für die Grundsicherung steckte", sagte sie. "Meine Rente ist niedriger als mein Mindestlohn-Gehalt." Vorher hatte die Leipzigerin viele Jahre nur für einen Stundenlohn von fünf Euro gearbeitet. ...

Die Friseurin Richter forderte, dass sich am Rentensystem etwas ändern muss und Beschäftigte sollten sich gegen die Ungleichheiten wehren. Viele Menschen seien noch immer prekär beschäftigt und könnten nicht von ihrem Geld leben, so Richter. Beim Streik der Zulieferer in Sachsen habe man gesehen, was passiert, wenn sich die Menschen das nicht mehr gefallen lassen.

Landtagsabgeordnete Zais appellierte: "Es handelt sich hier nicht um einen bedauerlichen Einzelfall, es betrifft wirklich breite Schichten. Viele Menschen rutschen unter die Armutsgrenze, dieser Zustand ist nicht haltbar." Das Horrorszenario, das mit den Mindestlöhnen viele Arbeitsplätze verloren gehen, sei nicht eingetreten. Zais bezeichnete die Agenda 2010 als "größte Deregulierung ohne Abfederung". 

Es habe eine beachtliche Entwicklungen auf dem sächsischen Arbeitsmarkt gegeben, so Thum. Die Arbeitslosenzahlen seien gesunken. Die Angleichung der Einkommensunterschiede komme langsam, aber sie komme. Es brauche jedoch Geduld.


Aus: "Fakt ist! aus Dresden: Aufstocker, Minijobber, Niedriglöhner - arm dran im reichen Deutschland "
Katrin Tominski  (MDR Fakt ist! | 04.09.2017 | 22:05 Uhr), Zuletzt aktualisiert: 05. September 2017
Quelle: https://www.mdr.de/sachsen/fakt-ist-niedriglohn-102.html


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« Reply #775 on: September 05, 2018, 11:07:37 AM »
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[...] Der Elitenforscher und Soziologe Michael Hartmann problematisiert in seinem Buch "Die Abgehobenen. Wie die Eliten die Demokratie gefährden" die gesellschaftlichen Folgen von sozialer Exklusivität der Mächtigen im Lande. Was zunächst wie ein Diskursbeitrag zum Populismus klingt, kann sich auf fundierte sozialwissenschaftliche Studien stützen – und geht einher mit beachtenswerten politischen Warnungen. ...

Sein neues Buch bilanziert deren Ergebnisse im Lichte der erwähnten Problematik. Bereits in der Einleitung formuliert Hartmann als zentrale These: "Die Eliten sind in ihrer großen Mehrheit inzwischen so weit von der breiten Bevölkerung entfernt, dass sie zunehmend Schwierigkeiten haben, deren Probleme zu erkennen und die Folgen ihrer Entscheidungen für die Bevölkerung zu verstehen" (S. 9). Zur Elite gehören für Hartmann nicht Prominente und Reiche, sondern nur die Personen, die etwa in Politik und Wirtschaft reale Macht ausüben können. Der Autor blickt zunächst auf die soziale Herkunft und stellt fest, dass sie dadurch in Einstellung und Habitus geprägt sind und entsprechend denken und handeln. Daraus folgt: "Die Eliten in den großen westlichen Industriestaaten sind überwiegend sozial exklusiv und homogen." Deren Haltung "zu sozialer Ungleichheit und neoliberaler Politik wird entscheidend durch ihre soziale Herkunft geprägt" (S. 29).

Der Blick nach Großbritannien und den USA zeige, dass dort Politiker aus der Upperclass Politik für die Upperclass machen würden. Als deren gesellschaftliche Folge stiegen die sozialen Unterschiede an. Dabei handele es sich um ein internationales Phänomen, das eben auch für Deutschland konstatiert werden könne. Einher gehe damit eine besondere Deutung, welche der eigenen Interessenlage entspreche: kriminelle Finanztricks werden legitimiert, Steuerhinterziehung als Kavaliersdelikt betrachtet, Steuerforderungen als staatlicher Raubzug diffamiert. Damit lebe die Elite mental und sozial in ihrem eigenen Kosmos. Hartmann erklärt sich dadurch auch den Rechtspopulismus, der damit eingehenden Unmut aufgreife. Als Alternative fordert er eine Politik jenseits des Neoliberalismus und eine Orientierung am Schlüsselwort der "sozialen Gerechtigkeit". Dazu heißt es bezogen auf Konsequenzen: "Die Veränderung der Labour Party unter Jeremy Corbyn zeigt, wie eine solche Wende inhaltlich und personell aussehen müsste" (S. 249).

... Mit der Berufung auf eine Fülle von eigenen und anderen sozialwissenschaftlichen Studien macht der Autor deutlich, dass nicht wenige gesellschaftlichen Probleme mit der sozialen Exklusivität der mächtigen Eliten zusammenhängen. Gerade deren Abgeschlossenheit wird als Problem ausgemacht, ist doch auch Deutschland mehr eine Eliten- und weniger eine Leistungsgesellschaft. Mitunter neigt Hartmann aber auch zu Vereinfachungen. So hat der Aufstieg des Rechtspopulismus zwar auch etwas mit der Abgehobenheit von mächtigen Eliten und der Anstieg von sozialer Ungleichheit zu tun, lässt sich aber angesichts von noch anderen Bedingungsfaktoren allein oder primär nicht darauf zurückführen. Auch stellt sich die Frage nach den politischen Alternativen noch genauer, wenngleich Antworten darauf nicht die Aufgabe eines Soziologen sein müssen. Insgesamt handelt es sich gleichwohl um eine beachtenswerte Studie.

Michael Hartmann, Die Abgehobenen. Wie die Eliten die Demokratie gefährden, Frankfurt/M. 2018 (Campus-Verlag), 276 S., ...


Aus: "Die Abgehobenheit der Eliten – aus soziologischer Sicht" Armin Pfahl-Traughber (31. Aug 2018)
Quelle: https://hpd.de/artikel/abgehobenheit-eliten-soziologischer-sicht-15899


Quote

rainerB. am 31. August 2018 - 22:31

Glückwunsch Herr Rezensent! Sind Sie doch nach ca. 2 Jahren und zahlreichen Rezensionen zum Thema des sog. "Rechtpopulismus" nun doch bei den eigentlichen Ursachen angelangt. Mit einem kritischeren Blick hätten Sie schon viel früher bei Ihren vielen dbzgl. Buchbesprechungen die Spreu vom Weizen trennen und die Leser besser orientieren können.

Sie fanden es aber stets interessanter, propagandistische Populismus-Definitionen auf dem hpd nachzuplappern, wie z.B. 'Populisten würden einen Gegensatz zw. Volk und einer Elite konstruieren' - als ob es diesen gar nicht gäbe...

Und auch jetzt wollen Sie die Hauptursache immer noch bestreiten: "Mitunter neigt Hartmann aber auch zu Vereinfachungen. So hat der Aufstieg des Rechtspopulismus zwar auch etwas mit der Abgehobenheit von mächtigen Eliten und der Anstieg von sozialer Ungleichheit zu tun, lässt sich aber angesichts von noch anderen Bedingungsfaktoren allein oder primär nicht darauf zurückführen." Nicht primär??

Da frage ich mich, welche "anderen Bedingungsfaktoren" es stattdessen sein sollen?? Der "Aufstieg des Rechtspopulismus" hat sehr wohl primär mit wachsender soz. Ungleichheit zu tun, denn diese verschafft ihm überhaupt erst die massenwirksame Klientel, ohne die Rechtsautoritäre über einen begrenzten Einfluss nicht hinauskommen würden!

Es ist ein Armutszeugnis für den hpd, bzgl. "Populismus"-Diskussionen über zwei Jahre hinweg nicht aus einem parteienbezogenen Links-Rechts-Schema und polit. Korrektheit herausgefunden zu haben!

Und auch mit dieser Rezension sind Sie leider sehr spät am Thema "Wie die Eliten die Demokratie gefährden", denn schon im April hat Paul Schreyer fast gleichlautend getitelt: "Die Angst der Eliten - Wer fürchtet die Demokratie?" und aus demokratischer Sicht tiefgründig beantwortet.

Bleibt nur zu hoffen, dass nun auch der hpd wegkommt vom nicht zielführenden 'Populisten wollen die Demokratie abschaffen' und endlich erkennt, dass große Teile der etablierten Eliten in DE wie auch der EU schon seit Jahren mit nichts Geringerem beschäftigt sind!


Quote

malte am 1. September 2018 - 12:00

Das Problem mit dem Eliten-Begriff der Rechtspopulisten ist doch, dass hier gar nicht real existierende Eliten angegriffen werden, sondern der politische Gegner einfach willkürlich als Elite definiert wird. Insofern kann man hier sehr wohl von einer Konstruktion sprechen. [Wenn Rechtspopulisten von "Eliten" sprechen, sind damit nicht real existierende Eliten - also Menschen, die reale Macht ausüben - gemeint, sondern ein bestimmtes kulturelles Millieu. In diesem Weltbild, auf das der Begriff "verquer" tatsächlich passt, gehört ein Mensch, der in einer Großstadt lebt, in einem prekären Job in der Medienbranche arbeitet, morgens Soja-Latte trinkt und schon mal gehört hat, was das Wort "Gender" bedeutet, angeblich zu den Eliten, während der Kleinunternehmer aus dem Vorort, der zwei Autos in der Garage stehen hat und jeden Samstag im Schützenverein vorbeischaut, angeblich "den kleinen Mann auf der Straße" darstellt. Siehe auch den Text "Wer Elite ist, bestimmen wir" von Bernhard Torsch in konkret 1/17.]


...

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« Reply #776 on: September 05, 2018, 11:51:20 AM »
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[...] Spiegel Online ... wo nervtötende bewegte Werbeflächen ein konzentriertes Lesen der Texte erheblich behindern. Um lesen zu können, müssen Leser das Browserfenster auf die Breite der mittleren Spalte reduzieren. Adblocker sind nicht mehr möglich. Statt sich zu fragen, warum die Leser Adblocker nutzen wollen, sperrt Spiegel Online deren Nutzer aus.

Weil die Verzweiflung offenbar groß und die Werbeflächen immer noch nicht genug Umsatz bringen, führte Spiegel Online die Werbung über die gesamte Seitenbreite ein - quer über die mittlere Textspalte. Erstmalig am 07.07.2018 stellte Spiegel Online eine solche Maximalwerbung für den BMW i8 Roadster in den oberen Bereich der Startseite. Vom ersten Artikel war nur noch ein 2-Zeiler zu sehen, dann folgt die riesige Werbefläche, und erst nach dem Herunter-scrollen ging es redaktionell weiter.

Bemerkenswert bei dieser Werbung: Versteht sich Spiegel Online als Medium für die Zielgruppe potentieller Käufer von 155.000 € - Autos? Das würde die wirtschaftspolitische Ausrichtung erklären. Andererseits zeigte Spiegel Online am 27.08. eine ebenso bildschirmfüllende Werbung für eine Casting Show, die die entgegengesetzte Zielgruppe anspricht. Nach der Devise "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" erklärt das viele Werbekunden-orientierte Minnesänger Artikel - und fehlende kritische Inhalte.

Die experimentelle Spiegel-Tochter bento geht noch weiter und führt Leser mit "native advertising" in die Irre, also Werbe-Artikeln, die von bento Redakteuren im bento-Layout geschrieben werden, aber lediglich eine irreführende Werbung sind. In Printausgabe Nr. 17 / 2014 lehnte der Spiegel noch ab, was er unter Brinkbäumer, Hans und Hass einführte: "Eine Gefahr für den unabhängigen Journalismus ist das nicht - der findet hier ohnehin kaum statt.

... Symptomatisch für den journalistischen Niedergang des Spiegel ist die Kündigung des vielfach preisgekrönten Journalisten Harald Schumann. Dieser erlebte seit 1999, dass Artikel abgelehnt wurden, die "zu kritisch, zu links, nicht angepasst genug" waren. So schrieb Schumann u.a. einen positiven Artikel über Windkraft, den Chefredakteur Aust ablehnte. Dass Fass lief über bei der berühmt-berüchtigten Spiegel Ausgabe 14/2004 "Der Windmühlenwahn" mit einer "haarsträubend falschen und manipulierten Titelgeschichte mit gefälschten Fotos und gefälschten Zitaten". Chefredakteur Aust, der "seine Pferdezucht im Landkreis Stade von Windrädern bedroht sah" gab die Anweisung, die Windkraft niederzuschreiben.

Beim Berliner Journalistenpreis 2010 erläuterte Schumann auch, wie Banken / Konzerne / Anzeigenkunden Druck auf Redaktionen ausüben, um kritischen Journalismus zu verhindern.

Schumann erklärte: "Es ist in der deutschen Presse gang und gäbe, dass Chefredakteure oder Ressortleiter ihren Untergebenen sagen, wie sie zu denken haben. Dass Vorgaben gemacht werden, was sie recherchieren dürfen, und was nicht. Und dass viele junge Kollegen daran gehindert werden, überhaupt kritische Journalisten zu werden, weil ihre Vorgesetzten das gar nicht wollen." Hand in Hand mit dem Verlust der Glaubwürdigkeit geht die Distanz zu den Lesern. Kommentarfunktionen wurden weitgehend abgeschaltet. Auf der Facebook-Seite werden vorwiegend banale "Panorama"-Themen gepostet. Die "Leserkonferenz" (Paul Schreyer berichtete unter "Inszenierte Offenheit", Katrin McClean unter "Ein Dinner mit den Überzeugten") war eine Farce wie Merkels inszenierter "Bürgerdialog".

Fast alle Massen-Printmedien befinden sich in der Krise. Die Bild verlor in den letzten 20 Jahren zwei Drittel ihrer Leser. Die Druckauflage der Süddeutsche Zeitung sank in den letzten 10 Jahren um 36 Prozent, die des Handelsblatts um 52 Prozent und die der ZEIT um 11 Prozent. Fast alle Zeitungen und Magazine rechnen sich ihre Verkaufszahlen mit teilweise verschleuderten ePapers schön. Springer hat seine Immobilien bereits verkaufen müssen, die FAZ liegt nur noch knapp über 200.000 Exemplaren und kann ihr Verlagsgebäude nicht mehr halten, die Welt verkauft nur noch 86.000 Exemplare, die taz fiel unter 50.000 und bettelt immer offensiver um Spenden. Bei der Funcke-Gruppe und Madsack werden immer mehr Redaktionen zusammengelegt und Stellen gestrichen.

In diesem Umfeld geht es auch beim Spiegel wirtschaftlich seit etwa 10 Jahren bergab. Die Abonnentenzahl sank um 26 Prozent. Die Zahl der verkauften Hefte sank seit 2008 von über 1 Million um 30 Prozent auf 704.656 im 2. Quartal 2018. Von 2007 bis 2014 sank der Umsatz der Spiegel-Gruppe um rund ein Fünftel. Spiegel Online hat zwar erheblich hinzugewonnen und erzielt mit rund 40 Millionen Klicks pro Monat nach bild.de unter den Websites der Massenmedien die größte Reichweite, ist aber zu klein, um die Umsatzverluste vor allem beim alten Schlachtschiff - der Printausgabe - wettzumachen.

Konsequenz von Chefredakteur Brinkbäumer und Geschäftsführer Hass 2015: Jeder fünfte Vollzeit-Angestellte musste gehen, darunter 35 Angestellte aus der Redaktion. 2017 gab es Umsatzverluste von 11 Millionen Euro, die wahrscheinlich vor allem durch baldige Kündigungen kompensiert werden sollen.


Aus: "Neoliberaler Nachfolger für abgesetzten Spiegel-Chefredakteur" Jörg Gastmann (04. September 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Neoliberaler-Nachfolger-fuer-abgesetzten-Spiegel-Chefredakteur-4153348.html?seite=all

Quote
     sadbydefinition, 04.09.2018 15:24

"für die Zielgruppe potentieller Käufer von 155.000 € - Autos"

    Versteht sich Spiegel Online als Medium für die Zielgruppe potentieller Käufer von 155.000 € - Autos?

Der Print-Spiegel besteht doch seit Jahren schon gefühlt aus mehr Werbung für teure Uhren, Autos und sonstigen Luxus-Kram als aus echten Artikeln! Anscheinend sind Spiegel-Leser allesamt Millionäre...


Quote
     KarierterHut

mehr als 1000 Beiträge seit 15.07.2009
04.09.2018 15:49

    100 Permalink Melden

Re: "für die Zielgruppe potentieller Käufer von 155.000 € - Autos"

... Nein. Solche Werbung und ähnlich gelagerte Zeitschriften (z.B. für Uhren und Hifi) sollen die weniger Vermögenden zu mehr Leistung anstacheln. Das ist die Möhre die man ihnen vor die Nase hält. Wer sich keine goldene Rolex kaufen kann der blättert wenigstens in einer Zeitschrift mit bunten Bildern und träumt davon.

Und die Werbung vom i8 soll ja nicht den Verkauf des i8 ankurbeln sondern die Marke BMW als ganzes innovativ und leistungsfähig erscheinen lassen. Daher macht die Anzeige schon Sinn.



Quote
     etwasvernunft, 04.09.2018 20:15

Das mit dem "zu Leistung anstacheln" halte ich für sekundär

Ziel ist, den Statuswert des Käufers zu heben. Denn wenn keiner weiß, dass es diese Artikel (Luxusautos, Uhren etc.) erstens gibt und zweitens wie sie aussehen, dann sind sie für ihre Träger wertlos. Dann sagt niemand Ahh und Ohh, was muss das für ein wichtiger Mensch sein. Es hat die gleiche Funktion wie das Schloss in feudalen Zeiten, denen wir uns mit Riesenschritten wieder annähern.


Quote
     Twistie2015, Bettina Hammer

04.09.2018 16:24

Re: "für die Zielgruppe potentieller Käufer von 155.000 € - Autos"

sadbydefinition schrieb am 04.09.2018 15:24:

        Versteht sich Spiegel Online als Medium für die Zielgruppe potentieller Käufer von 155.000 € - Autos?

    Der Print-Spiegel besteht doch seit Jahren schon gefühlt aus mehr Werbung für teure Uhren, Autos und sonstigen Luxus-Kram als aus echten Artikeln! Anscheinend sind Spiegel-Leser allesamt Millionäre...


Eher nicht. Aber die Werbung ist ja zum einen gut um das steuerlich geltend zu machen für den Werbenden und funktioniert natürlich als Trigger - du siehst die Yacht oder die Rolex, begleitend gibt es dann die Prominews mit den Bildchen der Promis, die die Rolex tragen, mit Bildern von den Yachten, die gerade verkauft werden usw. Das wirkt als Anreiz - ach, hätte ich das nur auch. Dann ergibst du dich entweder in die Träume oder aber du versuchst, durch Arbeit auch so weit zu kommen.

In beiden Fällen wirst du aber nicht weiter die wenigen politischen Artikel lesen, egal wie einseitig, oder gar anfangen, diese kritisch zu begleiten.

Darum gibt es auch so viele Kommentare bei "in unserer WG will einer von uns nicht mehr putzen, was soll ich tun" oder "Brad und Angelina - Scheidungsverfahren wird schlimmer", während die wenigen politischen Artikel, die noch mit Foren aufwarten, verwaist sind.

Bento dagegen ködert die feministische Zielgruppe mit pseudofeministischen Artikeln über Menstruationsblutkunst, Schamlippenveränderung und Rasurverzicht (wie liberal, wie furchtlos, wow!) und lenkt sie brav auf Facebook und Co, wo noch diskutiert werden darf damit sich Spon rühmen kann, während sie aber kein Geld für Forenmoderation etc. ausgeben müssen.

die Themen werden kurz angerissen, in "ich finde auch..."-Manier abgehandelt und gut.

...


Quote
          fensterfisch, 04.09.2018 11:31

Vom "Sturmgeschütz der Demokratie" zur Güllepumpe des Neoliberalismus. Was für ein Abstieg.

Mfg FF


Quote
     Netzweltler, 04.09.2018 10:55


"Manager-Magazin" für neureichen Geldadel, "Spiegel" für den Pöbel aber inhaltlich auf gleicher Linie. So ist das in der neoliberal gehirngewäschten deutschen Gesellschaft.


Quote
     nt98b4, 04.09.2018 11:17

Re: "Manager-Magazin" für neureichen Geldadel, "Spiegel" für den Pöbel
Früher war es Bild für Herrn Maier und Spiegel für Dr. Maier.
So ändern sich die Zeiten...


Quote
     Naturzucker, 04.09.2018 09:30

    Beim Berliner Journalistenpreis 2010 erläuterte Schumann auch, wie Banken / Konzerne / Anzeigenkunden Druck auf Redaktionen ausüben, um kritischen Journalismus zu verhindern.

Harald Schumann über die "Innere Pressefreiheit" in Deutschland
Dankesrede von Harald Schumann, Preisträger Berliner Journalistenpreis 'Der lange Atem' 2010 - 1. Preis. Berlin, 03.11.2010
--> https://www.youtube.com/watch?v=xUc1zkO5QdA

Alleine der darin enthalteneLink war es wert, den Artikel zu lesen.


...

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« Reply #777 on: September 05, 2018, 04:03:22 PM »
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[...] Der Mann ist sehr schmutzig, als er schüchtern und ohne etwas zu sagen neben meinem Taxi stehen bleibt. Hier an der Nachrücke, unter den Gleisen des Hauptbahnhofs und über der Tunneleinfahrt, stehen in der Nacht rund 50 Taxis. Er hat nirgends gefragt, und so wie ich meine Kollegen einschätze, hätte es auch nicht viel Sinn gehabt. “Penner” bekommen hier nichts. Warum er neben mir stehen bleibt, weiß ich nicht. Vielleicht habe ich nicht so verächtlich geschaut wie manch anderer. Ich lasse das Fenster runter und Frage: “Hunger?”. Er nickt, sagt weiterhin nichts. Ich steige aus und hole mein Pausenbrot aus dem Kofferraum. “Käse und Salat, ok?”. Wieder nickt er, steckt die Stulle ein und das 2-Euro-Stück, das ich ihm in die Hand lege.
“Tanke.”
Neben der Taxihalte geht es ein, zwei Meter runter, dann ist dort eine dreckige Sandfläche. Ein riesiges Hundeklo, neben dem sich der Tiergartentunnel in die Erde schiebt.
Genau an dieser Stelle, nicht mehr als fünf Meter neben den fahrenden Autos, in der Dunkelheit unter den Bahngleisen, liegt seine Matratze. Ein alter Einkaufswagen steht daneben, Kartons, vermutlich sein ganzer Besitz. Minutenlang hantiert der Mann dort, legt Decken auf die Matratze, räumt sie wieder ab. Es sind jetzt minus 4 Grad, natürlich sollte er lieber in eine Obdachlosenunterkunft bei dieser Kälte. Aber die rund 800 Plätze reichen nicht für geschätzte 8-10.000 Menschen, die in Berlin auf der Straße leben.
Schließlich legt er sich hin, deckt sich mit zwei Mänteln zu. Neben meinem Wagen stehen drei Kollegen, rauchen und quatschen. Ich verstehe nur “Scheiß Geschäft”. Dabei bräuchten sie nur mal ein paar Meter weiter zu kucken, um zu sehen, wie dreckig es einem wirklich gehen kann.


Aus: "Unter’m Bahnhof" Aro Kuhrt,Taxi (15. Januar 2013)
Quelle: https://www.berlinstreet.de/6550

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Bernd sagt: 15. Januar 2013 um 21:23 Uhr

*schluck*



Offline Textaris(txt*bot)

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« Reply #778 on: September 05, 2018, 04:18:57 PM »
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[...] Über den ganzen Stress der Zeit seit Dezember habe ich ganz vergessen, über das Hinterhaus zu berichten - das ist jetzt fast fertig, und ich freue mich auf das Vermieten. Es ist ein gutes Gefühl, so etwas zu haben und zu wissen, dass man nicht schreiben muss, was anderen behagt.

...


Aus: "Lebe wild und gefährlich" (Mittwoch, 29. August 2018, 22:50, von donalphons)
Quelle: https://rebellmarkt.blogger.de/stories/2697043/

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colorcraze, Freitag, 31. August 2018, 20:49
Es ist ein gutes Gefühl, so etwas zu haben und zu wissen, dass man nicht schreiben muss, was anderen behagt.
Das freut mich sehr.
Es gibt so wenige Unabhängige, die es sich leisten können, auch mal einen Schritt zurückzutreten und sich das Bild aus weiterer Entfernung anzuschauen.
Oder im Gewühl mal einen Augenblick stehenzubleiben und nachzudenken.
Das ist so selten. Und so wertvoll.
Bleiben Sie uns erhalten.
Auch wenn ich nie in die Bezahlartikel schauen werde.


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donalphons, Dienstag, 4. September 2018, 00:16
Das mit der FAZ wäre, das zeigt sich gerade, so oder so nicht mehr lange gut gegangen, da sind inzwischen massive Verwerfungen aufgetreten, auf diversen Ebenen, Leute sind gegangen, Mittel wurden gestrichen... und die Welt ist wirklich gut zu mir. Mag egoistisch klingen, aber das brauche ich gerade.

« Last Edit: September 05, 2018, 04:21:08 PM by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

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« Reply #779 on: September 06, 2018, 01:41:10 PM »
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[...]  Knapp jede dritte Frau zwischen 30 und 34 hat laut Statistischem Bundesamt einen Hochschulabschluss. Damit haben sie die Akademiker überholt.

Junge Menschen in Deutschland erreichen tendenziell einen höheren Bildungsabschluss als die Generation ihrer Eltern. Das zeigen die Ergebnisse des Mikrozensus 2017, den das Statistische Bundesamt in Wiesbaden veröffentlicht hat. Demnach verfügen 29 Prozent der 30- bis 34-Jährigen über einen Abschluss an einer Hochschule. Bei den heute 60- bis 64-Jährigen liegt der Anteil bei 19 Prozent.

Dass die junge Generation aufgeholt hat, zeigt sich vor allem bei Frauen: Über eine Generation hinweg hat sich der Anteil der Akademikerinnen laut der Erhebung verdoppelt. Bei Frauen im Alter von 30 bis 34 verfügten 30 Prozent über einen Hochschulabschluss; bei den 60- bis 64-Jährigen waren es nur 15 Prozent. Zum Vergleich: Bei Männern in der gleichen Altersgruppe sind es 27 Prozent, bei der älteren Generation 22 Prozent. Damit gibt es in Deutschland heute mehr junge Akademikerinnen als Akademiker. 

Den Mikrozensus gibt es seit 1957. Laut Statistischem Bundesamt stellt er Daten zur Struktur der Bevölkerung und deren wirtschaftlichen und sozialen Lage bereit. 


Aus: "Hochschulstatistik: Doppelt so viele Akademikerinnen wie vor einer Generation" (6. September 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/arbeit/2018-09/hochschulstatistik-frauen-hochschulabschluss-bildung