Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 339017 times)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #735 on: Juni 05, 2018, 10:06:36 vorm. »
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[...] Frankfurt - Es gab schon seit Jahren für Michael Hellbeck keinen Deutschlandurlaub mehr, ohne diese Frage seiner Tochter: „Papa, warum können wir hier nicht einfach bleiben – für immer?“ Der Standard-Charterted-Banker reagierte stets mit demselben Satz: Es gebe hier schlicht keinen Job für ihn.

Doch im Sommer 2017 bekam seine 14-jährige Tochter die Antwort, die sie hören wollte: Ja, man werde nach Frankfurt ziehen – schon bald. „Ich hatte zufällig einen Tag vorher über die Deutschlandpläne der Bank gelesen. Deshalb erkundigte ich mich, welche Stellen es da geben würde“, erzählt Hellbeck fast ein Jahr später, „innerhalb weniger Minuten erfuhr ich, dass ich mit meinem Profil genau auf eine der Positionen passen würde.“

Fast drei Jahrzehnte hat Hellbeck in Asien gearbeitet, erst für die Deutsche Bank, später für Standard Chartered, darunter in Singapur, Manila und Seoul. Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung bekam er die Chance, ins Ausland zu gehen, und ist geblieben.

Jetzt ist es wieder die Politik, die ihm die Rückkehr beschert hat: Wegen des britischen EU-Austritts vergrößert Standard Chartered das Geschäft in Frankfurt, und Hellbeck baut die Abteilung auf, die sich um das Risikomanagement der wachsenden Einheit kümmern wird.Er ist Teil der Brexit-Vorhut, die knapp zwei Jahre nach dem Referendum der Briten jetzt nach und nach am Main ankommt. Wie bei einer ganzen Reihe von Geldhäusern besteht diese in erster Linie aus Deutschen, die lange für ihre Bank im Ausland gearbeitet haben und jetzt den Schritt nach Frankfurt machen.

Dieser ist in der Regel mit einer besseren Position verbunden, teilweise kommen – wie bei Hellbeck – private Gründe hinzu. Die Pioniere treiben die Brexit-Pläne voran und ebnen den Weg für die nächste Zuzugswelle, die voraussichtlich im zweiten Halbjahr folgen wird.

Weil die Finanzhäuser ihr Geschäft mit EU-Kunden nicht mehr so wie bisher aus London betreiben können, verlegen sie Teile davon auf den Kontinent. Tausende von Bankern dürften Experten zufolge in die Mainmetropole kommen.

Wie viele es wirklich werden, wird wesentlich von einem Faktor abhängen: von den Buchungsmodellen für die Tochtergesellschaften der Banken hier in Deutschland. Diese Modelle bestimmen, welche Produkte und Märkte von welcher rechtlichen Einheit aus bedient werden und wie viele Mitarbeiter dafür notwendig sind.

Finanzkreisen zufolge stehen die Buchungsmodelle derzeit im Zentrum der Gespräche, die vor allem US-Institute mit den Aufsichtsbehörden führen – ebenso wie die weiteren regulatorischen Voraussetzungen, um die Ableger am Main auf den Brexit vorzubereiten. Die neue Ära beginnt wohl 2021, wenn Großbritannien und alle EU-Mitgliedsländer die Übergangsfrist absegnen, die beide Seiten im Deal über den britischen EU-Austritt verankern wollen.

Noch hat sich Jürgen Feil eher provisorisch in Frankfurt eingerichtet. Es sei schwieriger als gedacht gewesen, eine passende Unterkunft zu finden, erzählt der 41-jährige Deutschbanker. Daher seien seine Frau und Tochter noch bei Verwandten in Süddeutschland, bis in ein paar Monaten die Wohnung frei werde, in die man gemeinsam einziehen werde.

Zehn Jahre mit Unterbrechungen hat er für Deutschlands größtes Geldhaus in London gearbeitet. „Als ich das Angebot bekam, wieder nach Deutschland zurückzugehen, hat die Familie nicht lange überlegen müssen“, erzählt Feil. Die Lebensqualität habe den Ausschlag gegeben. „Dazu gehören Dinge wie die ärztliche Versorgung. Im Notfall kann ich hier schnell und unkompliziert mit meiner Tochter zum Arzt, während wir in London erst einmal längere Fragebögen am Telefon beantworten mussten, bevor wir einen Termin in der Notaufnahme bekamen.“

Feil arbeitet in der Handelsabteilung der Deutschen Bank und ist dort für Zinsprodukte verantwortlich. Als Teil des Brexit-Spähtrupps arbeitet er aber auch an den Vorbereitungen, um Teile des Zinshandels von der Themse an den Main zu bringen. „Bei der Migration geht es unter anderem um die Sicherheiten, mit denen Derivate unterlegt sind“, erzählt Feil in seinem neuen, bisher eher noch spartanisch eingerichteten Büro, in dem zwei Tassen mit der britischen Flagge etwas Farbe hineinbringen. Das Geschenk eines Kunden, so der Banker.

Noch ist nicht klar, wann und wie viele seiner etwa zehn bis zwölf Mitarbeiter in London ihm nach Frankfurt folgen werden. Fest steht aber eines: Die Deutsche Bank verlegt ihr Buchungszentrum von London nach Frankfurt und hat bereits im Januar damit angefangen, ihre etwa 20.000 institutionellen Kunden im Wertpapierhandel, die bislang auf der Insel betreut wurden, zu ihren Computersystemen in Frankfurt zu dirigieren.

Andere Banken haben zunächst die rechtlichen Voraussetzungen für die Umsetzung ihrer Brexit-Pläne geschaffen. So hat die Citigroup Finanzkreisen zufolge ihre Einheit in Deutschland in Absprache mit den Regulierern so umorganisiert, dass sie das gesamte EU-Handelsgeschäft von Frankfurt aus steuern kann.

Wenn Jens Hofmann über seine neue alte Heimat spricht und wie sich Deutschland in den vergangenen Jahren verändert hat, dann ist es vor allem eines, das ihm auffällt: „Dass es der Wirtschaft hier gutgeht. Das ist ein ziemlicher Kontrast zu der durch den Brexit verursachten Unsicherheit in Großbritannien“, sagt der Goldman-Sachs-Banker.

13 Jahre hat er für die US-Investmentbank in London gearbeitet, seit Anfang April ist er am Main und baut hier ein Team von acht bis zehn Leuten auf, die sich um Finanzierungsprodukte für Unternehmen kümmern sollen – eine Folge der Regionalisierungsstrategie, die man sich verordnet habe. Die Bank bringe diese Teams näher an die Kunden und versuche gleichzeitig, neue Kunden anzusprechen, so erklärt Hoffmann seinen Umzug.

Das Wort Brexit nimmt er dabei nicht in den Mund. Doch Vorstandschef Lloyd Blankfein macht keinen Hehl daraus, dass Großbritanniens Scheidung von der EU diese Strategie verstärkt: „Der Brexit wird es nötig machen, dass wir eine stärkere Aufteilung an mehr Orten vornehmen werden, als wir es sonst täten“, sagte er in einem Interview.

Jens Hofmanns Team, das sich um Unternehmensfinanzierung kümmert, wird zunächst aus Deutschen bestehen, die diesen Job bisher aus London heraus gemacht haben. „Wir haben aber auch eine ganze Reihe von Anfragen von Nicht-Deutschen, die Interesse an einem Tapetenwechsel haben“, erzählt der Goldman-Sachs-Banker. Die kämen möglicherweise in einem zweiten Schritt.

Bei Michael Hellbeck von Standard Chartered ist schon klar, dass seine Abteilung von Anfang an international sein wird: Die „United Nations of Risk“ nennt er seine Truppe, zu der bereits ein Schotte, ein Chinese, eine Koreanerin und eine Serbin gehören – ebenso wie zwei Deutsche.

Um Kollegen von einem Umzug nach Frankfurt zu begeistern, hat Hellbeck sich etwas einfallen lassen: Er fährt mit Bewerbern ins Rheingau zum malerisch gelegenen Schloss Johannisberg – ein Essen und ein Riesling in der Schlossschänke sind bei diesem Ausflug eingeschlossen.

Die Charmeoffensive habe zwar durchaus Wirkung. Die meisten Mitarbeiter seines Teams, die aus London kämmen, seien aber ganz freiwillig da und hätten dafür vor allem einen Grund: „Sie haben Lust“, so Hellbeck, „am Aufbau von etwas Neuem beteiligt zu sein.“


Aus: "Deutsche Banker kehren aus dem Ausland zurück und bereiten anderen den Weg" Katharina Slodczyk (04.06.2018)
Quelle: https://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/finanzstandort-frankfurt-deutsche-banker-kehren-aus-dem-ausland-zurueck-und-bereiten-anderen-den-weg/22639922.html


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« Reply #736 on: Juni 07, 2018, 11:56:52 vorm. »
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[...] Los Angeles – Paris Hiltons jüngerer Bruder Conrad (24), Urenkel des Hotelgründers Conrad Hilton, kommt um eine Haftstrafe herum. Er habe sich schuldig bekannt, im May 2017 ein Auto entwendet und gegen ein gerichtlich verfügtes Kontaktverbot verstoßen zu haben, teilte die Staatsanwaltschaft in Los Angeles am Mittwoch mit. Im Gegenzug für Hiltons Schuldeingeständnis sah der Richter von einer Haftstrafe ab. Er muss sich aber drei Jahre lang an Bewährungsauflagen halten und bei Kursen für Süchtige und psychisch Kranke mitmachen. Zudem muss er von seiner Ex-Freundin und deren Eltern Abstand halten. Hilton war im Mai 2017 in den Hollywood Hills festgenommen worden. Nach Polizeiangaben soll er dort auf dem Grundstück des Elternhauses seiner Ex-Freundin ein Auto entwendet haben. Nach früheren Vorwürfen von häuslicher Gewalt darf sich der Hotelerbe der jungen Frau nicht nähern. Ihm drohte eine Höchststrafe von knapp vier Jahren, nachdem er zuvor schon gegen Bewährungsauflagen verstoßen hatte. (APA, dpa, 7.6.2018)

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Schimäre

Was gibt es wichtigeres als über wohlstandsgeschädigte junge Menschen zu lesen?



Aus: "Autodiebstahl: Conrad Hilton kommt um Haftstrafe herum" (7. Juni 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000081124420/Autodiebstahl-Conrad-Hilton-kommt-um-Haftstrafe-herum

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« Reply #737 on: Juni 09, 2018, 01:14:41 vorm. »
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[...] Ganz in der Nähe der gläsernen Hochhäuser stehen kleine, selbst gezimmerte Hütten aus Holzbrettern. Abgedichtet sind sie mit alten Matratzen. Davor: Einkaufswagen gefüllt mit leeren Flaschen, kaputte Fahrräder, Metallschrott. Sanitäre Einrichtungen oder eine Wasserversorgung gibt es nicht. Auch das ist Frankfurt, die Bankenmetropole am Main. Was aussieht wie ein Stück brasilianische Favela, ist ein Hüttenlager auf einer Industriebrache unweit des Hauptbahnhofs von Frankfurt am Main.

Hier im Stadtteil Gutleut haben monatelang etwa 30 Menschen gewohnt, bis die Polizei das Lager räumte. Fast alle ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner sind Roma. In den letzten Jahren haben sie im Schatten der Frankfurter Skyline immer wieder kleine Slums gebaut. Viele kamen nur zum Schlafen, früh am Morgen brachen sie auf, sammelten Pfandflaschen, gingen betteln oder versuchten, sonst irgendwie ein bisschen Geld zu verdienen. So wie andere Obdachlose in anderen deutschen Städten.

In Düsseldorf schliefen etwa zehn Menschen bis Ende März in selbst gebauten Hütten neben Bahngleisen, in Hamburg bestand ihr Lager nur aus Matratzen unter einer Brücke. In Berlin lebten Dutzende Obdachlose vor einigen Jahren in verlassenen Gartenlauben und im Herbst machte ein Zeltdorf im Berliner Tiergarten Schlagzeilen. Lauter kleine Elendsviertel im reichen Deutschland.

Seit Jahren nimmt die Zahl der Wohnungslosen in der Bundesrepublik zu. Im vergangenen Herbst schätzte die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW), dass neben den rund 440.000 wohnungslosen Flüchtlingen etwa 420.000 weitere Menschen über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügten. Die meisten leben in Notunterkünften, Wohnheimen oder bei Freunden. Geschätzte 52.000 schlafen auf der Straße. Vor zehn Jahren lag diese Zahl noch bei 20.000. Die wesentlichen Gründe für den Anstieg sind laut BAGW zunehmende Armut und Wohnungsnot.

Doch auch Zuwanderung spiele eine Rolle. Vor allem Migranten aus Osteuropa leben auf der Straße, in Großstädten liegt ihr Anteil laut BAGW inzwischen bei rund 50 Prozent. Das liegt daran, dass sie in vielen Fällen kein Recht auf Sozialleistungen haben. Noch Ende 2015 entschied das Bundessozialgericht, dass arbeitslose Europäerinnen spätestens nach einem Aufenthalt von sechs Monaten in Deutschland Anspruch auf Sozialhilfe haben. Seit Ende 2016 sind die Auflagen strenger. Die damalige Arbeitsministerin und heutige SPD-Chefin Andrea Nahles entschied, dass sie nur noch Hilfe bekommen, wenn sie fünf Jahre hier gelebt oder ein Jahr hier gearbeitet haben.

Gekoppelt an die Sozialleistungen ist auch der Anspruch auf eine längerfristige Unterbringung im Falle der Obdachlosigkeit. Wer sich aufgrund der EU-Freizügigkeit zwar legal hier aufhält, aber keine offizielle Arbeit findet, landet also schnell auf der Straße. Und so werden die informellen Hüttendörfer und Matratzenlager meist von obdachlos gewordenen Osteuropäern bewohnt, besonders häufig von Roma. Amtliche Zahlen gibt es zwar weder bei der BAGW noch bei der Bundesregierung, doch die öffentlich gewordenen Fälle deuten darauf hin. 

Laut einer Studie der Europäischen Grundrechteagentur sind Roma eine der am stärksten diskriminierten Minderheiten Europas. 80 Prozent der befragten Roma sind armutsgefährdet, jeder dritte lebt in einer Unterkunft ohne Leitungswasser. Vor allem in Osteuropa häufen sich zudem Berichte über gewaltsame Übergriffe. Chancen auf Asyl in Deutschland haben sie dennoch nicht, weil sie aus EU-Ländern oder vom Westbalkan kommen, also aus sogenannten sicheren Herkunftsstaaten.

"Roma erfahren Rassismus und Gewalt", sagt Joachim Brenner. Er leitet den Förderverein Roma, der in Frankfurt eine Beratungsstelle betreibt und Bildungsangebote zur Verfügung stellt. Die Geschichte des Antiziganismus, des Rassismus gegen Roma, ist lang, und reicht von Vertreibungen im Mittelalter über den nationalsozialistischen Genozid bis in die Gegenwart. "Wir erhalten oft Nachrichten mit üblen Beschimpfungen gegen Roma", sagt Brenner. Der Förderverein war auch im Gutleut präsent, um die Bewohnerinnen und Bewohner der Bretterverschläge zu unterstützen. 

Rund zehn bis zwölf Millionen Roma leben heute in Europa, die meisten im Osten und Südosten des Kontinents. Die Vorfahren der größten ethnischen Minderheit Europas kamen vor Hunderten Jahren aus Indien und Pakistan. Als Reaktion auf die jahrhundertelange Unterdrückung hätten sie einen größeren Zusammenhalt entwickelt und gelernt, sich selbst zu organisieren, sagt Brenner. 

Das Frankfurter Camp wurde letztlich wie all die anderen informellen Lager in deutschen Großstädten aufgelöst. Ende Mai rückte die Polizei mit einem Großaufgebot an, nachdem der Eigentümer des Geländes, der Chemiekonzern Ferro, Anzeige erstattet hatte. Brenner kritisiert die Räumungen: "Flucht aus Armut, Pogrome und jegliche historische Verantwortung sind vollständig ausgeblendet." Diese Strategie stehe im Widerspruch zum Grundgesetz und zeige, dass die Anwesenheit von besonders armen Menschen "im öffentlichen Raum verhindert werden soll".

Nach der Räumung hat die Stadt den vertriebenen Roma vorübergehend Plätze in einer Obdachlosenunterkunft angeboten. Pro Nacht nutzten zwischen 16 und 19 Personen diese Schlafplätze, sagt eine Sprecherin des Sozialdezernats. 17 der ehemaligen Hüttenbewohner hätten bei der Stadt einen Antrag auf Prüfung ihrer Sozialleistungsansprüche gestellt. In neun Fällen wurde dieser jedoch bereits abgelehnt, bei acht weiteren werde er noch geprüft.

"Wer keinen Sozialleistungsanspruch hat, wird von uns auch nicht weiter untergebracht", sagt die Sprecherin. Weil man aber keine Familien auseinanderreißen wolle, dürften die Menschen in der Notunterkunft bleiben, bis alle Fälle geprüft seien. Den Roma sei zudem eine Fahrkarte in ihr Herkunftsland angeboten worden. Zwölf Personen hätten dies angenommen.

Ob sie wirklich gehen, ist allerdings fraglich. Elf der Menschen, die jetzt in der Notunterkunft schlafen, wurden bereits im vergangenen Jahr von einer anderen Frankfurter Brache verwiesen. Und alle, die keinen Antrag auf Prüfung der Sozialleistungen gestellt haben, lebten ohnehin schon wieder auf der Straße, sagt Joachim Brenner vom Förderverein. Er hält den Kontakt zu ihnen. Mit der Presse wolle derzeit keiner sprechen, sagt er. "Sie haben Angst vor neuen Repressionen."

Seit Langem fordert der Förderverein ein Haus für Roma. Einen Ort, der dauerhaft Zuflucht und Schutz bieten würde. Doch die Stadt lehnt das ab. "Wir sehen es mit Blick auf den Gleichbehandlungsgrundsatz kritisch, für eine Personengruppe besondere Angebote zu schaffen", sagt die Sprecherin des Sozialdezernats.   

Die regierende Frankfurter CDU sagt es deutlicher: Sie nennt ein solches Angebot eine städtisch finanzierte "Unterkunft für Armutsmigranten". Man wolle keinesfalls zusätzliche Anreize schaffen, nach Frankfurt zu kommen, schrieb die Partei in einer Stellungnahme. Brenner hält dies für einen Vorwand. "Das wurde schon vor 30 Jahren behauptet, als es noch gar keine Freizügigkeit gab." Seiner Ansicht nach stecken hinter der Haltung der CDU doch eher Vorurteile und die Weigerung, helfen zu wollen.

 Viele Städte fürchten, auch wenn sie das nicht alle so offen zugeben würden wie Frankfurt, einen Zuwanderungssog, falls sie ihre Angebote ausweiteten. Die Folge ist eine Art Unterbietungswettbewerb, in dem EU-Bürgern immer häufiger sogar die Nothilfe verweigert wird. Dabei sei die Notunterbringung Obdachloser, egal woher sie kommen, rechtlich geboten, sagt Werena Rosenke, Geschäftsführerin der BAGW. Doch in der Praxis gilt: Wer keine Ansprüche auf Sozialleistungen hat, muss in den wärmeren Monaten draußen schlafen. In Städten wie Frankfurt auch im Winter.

Zudem versuchten einige Städte, die Obdachlosen zurück in ihre Herkunftsländer zu schicken, sagt Rosenke. Das heißt, ihnen soll die Freizügigkeit entzogen werden. In Hamburg etwa gehen die Behörden seit gut einem Jahr gezielt gegen osteuropäische Obdachlose vor. Seither wurden nach offiziellen Angaben 757 Personen zur Vorsprache bei der Ausländerbehörde aufgefordert, vereinzelt kam es zu Abschiebungen. 189 Menschen wurde die Freizügigkeit aberkannt.

Bundesweit gab es davon im Jahr 2017 2.594 Fälle, das sind 25 Prozent mehr als im Jahr 2015. Viele Menschen bleiben trotzdem. "So werden immer mehr versteckt in Armut leben und verelenden", sagt ein Sprecher der Hamburger Diakonie. 

Einen anderen Weg versucht die Stadt Köln zu gehen. Dort kam es wiederholt zu Beschwerden über betrunkene Obdachlose. Köln kontrolliert seitdem nicht nur stärker, sondern hat auch das Hilfsangebot ausgeweitet – auch für EU-Bürger ohne Sozialleistungsansprüche. Sie sollen nun ganzjährig in einem Notquartier untergebracht werden. Ziel des neuen Angebotes sei es, "die festgestellte Bedürftigkeit von Zuwanderern aus Bulgarien und Rumänien zu mindern sowie dieser entgegenzuwirken".

In Frankfurt hingegen dürfte es auch diesmal nicht allzu lange dauern, bis an anderer Stelle das nächste Camp aus Brettern entsteht. Abgedichtet mit alten Matratzen. Ein weiterer Slum auf Zeit, bis die Bagger wieder kommen.


Aus: "Bis die Bagger wieder kommen" Timo Reuter (8. Juni 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-06/roma-frankfurt-main-raeumung-gutleutviertel-leben-deutschland/komplettansicht

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« Reply #738 on: Juni 10, 2018, 11:51:09 vorm. »
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[...] Ende Juni tritt Ex-Präsident Barack Obama in Los Angeles als Star-Gast bei einem Spendendinner auf, um Geld für den Wahlkampf seiner Partei im Herbst zu sammeln. Kehrt also Obama zurück ins politische Rampenlicht? Und wird ihm das nutzen oder schaden?

Bei diesem Dinner werden allerdings nur sehr wenige Menschen Obama zu Gesicht bekommen. Denn schon die billigsten Plätze kosten 2.700 Dollar. Wer in der unmittelbaren Nähe des Ex-Präsidenten Platz nehmen möchte, muss 100.000 Dollar zahlen. Solche Spendendinner sind in den USA zwar üblich. Dass Barack Obama dabei mitmacht, jedoch nicht. ...


Aus: "Die Hoffnung kehrt zurück" Julian Heißler, Washington, D.C. (9. Juni 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-06/barack-obama-demokraten-wahlkampf/komplettansicht

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« Reply #739 on: Juni 13, 2018, 09:21:15 vorm. »
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[...] Sie schütteln Hände, gehen spazieren, bewundern Blumen: Donald Trump und Kim Jong Un inszenieren ihr Treffen als etwas Großes und sonnen sich in ihrem eigenen Glanz. US-Präsident Donald Trump interessierte sich plötzlich für die Blumenstauden im Garten des luxuriösen Capella Hotels auf der kleinen Insel Sentosa von Singapur. Kim Yong Un, der aus der Eigenisolierung in Nordkorea ausgebrochene Diktator, macht das Spiel mit und gerierte sich folgsam als Blumenfreund. ...


Aus: "Die Two-Men-Show von Trump und Kim" Willi Germund (13.06.2018)
Quelle: http://www.fr.de/politik/nordkorea-gipfel-die-two-men-show-von-trump-und-kim-a-1523538


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« Reply #740 on: Juni 13, 2018, 12:19:01 nachm. »
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[...] Nach der rabiaten Kritik von Amazon und anderer Firmen hat die US-Metropole Seattle die umstrittene neue Job-Steuer zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit schnell wieder abgeschafft. Nach der Entscheidung von Mitte Mai sollten größere Unternehmen eigentlich jedes Jahr 275 US-Dollar pro Mitarbeiter zahlen. Nun kippte der Stadtrat das Vorhaben am späten Dienstag mit einer Mehrheit von sieben zu zwei Stimmen nach einer leidenschaftlichen Debatte.

Die Steuer sollte für Unternehmen mit einem jährlichen Umsatz über 20 Millionen US-Dollar gelten. Bezahlt werden sollen auf jeden Beschäftigten, der mindestens 1920 Stunden pro Jahr arbeitet. Nach Schätzungen des Stadtrats wären rund 585 Arbeitgeber davon betroffen sein – rund drei Prozent aller Unternehmen in Seattle.

Die Steuer sollte ab 2019 rund 47 Millionen US-Dollar jährlich für Wohnungsbau bringen und war zunächst auf fünf Jahre angesetzt. In der Stadt war die Zahl der Obdachlosen zuletzt stetig gewachsen, als ein Grund dafür wird der Anstieg der Mietpreise gesehen, weil Seattle zunehmend zum Standort für Technik-Unternehmen wird.

Neben großen Arbeitgebern wie Amazon und Starbucks hatten mehrere Dutzend andere Unternehmen die Steuer verurteilt und vor negativen Folgen für den Wirtschaftsstandort Seattle. "Wir haben Sie gehört", erklärten Bürgermeisterin Jenny Durkan und sieben Mitglieder des Stadtrats in einer gemeinsamen Erklärung am Montag, die die Kehrtwende einleitete. Die sozialistische Stadträtin Kshama Sawant, eine treibende Kraft hinter der neuen Steuer, sprach auf Twitter von einem "Verrat im Hinterzimmer". Die Rücknahme des Vorhabens sei am Wochenende hinter ihrem Rücken eingefädelt worden.

Der ursprünglich beschlossene Betrag von 275 US-Dollar war bereits ein von Bürgermeisterin Durkan ausgehandelter Kompromissvorschlag statt der ursprünglich angepeilten 500 US-Dollar pro Mitarbeiter. Amazon wäre mit seinen rund 40.000 Mitarbeitern in der Stadt auf einen Betrag von elf Millionen US-Dollar pro Jahr gekommen. Der weltgrößte Online-Händler hatte wegen der Steuer die Ausbaupläne in seiner Heimatstadt in Frage gestellt. (mho)

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     botsucher, 13.06.2018 11:16

    57 Permalink Melden

So funktioniert Erpressung -  as fuer ein Kackladen. Keine Steuern zahlen, dann Gentrifizierung vorantreiben und hinterher auch nicht finden, an den Folgen beteiligt zu werden. Stattdessen setzen sie als ausgestreckten Mittelfinger noch nen kuenstlichen Regenwald vor ihre Zentrale. ...



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     Märchenprinz aus der Provinz, 13.06.2018 11:12

Die Wirtschaft regiert und die Gewählten gehorchen, Demokratie 2018

Ein Hoch auf die modernen Zeiten!


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Aus: "Nach Kritik von Amazon: Seattle schafft Obdachlosen-Steuer wieder ab" Martin Holland (13.06.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Nach-Kritik-von-Amazon-Seattle-schafft-Obdachlosen-Steuer-wieder-ab-4077358.html


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[...] Schulen und Kindergärten, ein gut ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz, moderne Spitäler und eine gut ausgerüstete Polizei: Damit Staaten ihre vielfältigen Aufgaben wahrnehmen können, brauchen sie von ihren Bürgern und Unternehmen Steuergeld. Eine Reihe spektakulärer Enthüllungen in den vergangenen Monaten – etwa Panama Papers oder Lux Leaks – hat gezeigt, wie multinationale Konzerne und wohlhabende Privatleute mit aggressivsten Methoden darum kämpfen, Steuern zu sparen. Doch wie viel entgeht Gesellschaften weltweit durch solche Optimierungsstrategien? Der Ökonom Gabriel Zucman hat gemeinsam mit zwei Doktoranden von der Universität Kopenhagen einen neuen Anlauf unternommen, um das herauszufinden. Die drei haben dabei einige neue Erkenntnisse und imposantes Zahlenmaterial zutage gefördert.

Im Jahr 2015, auf das sich die Untersuchung bezieht, haben Multis wie Google, Amazon, Nike und Co insgesamt 620 Milliarden US-Dollar an Gewinnen in Steueroasen verlagert (570 Milliarden Euro). Das entspricht 40 Prozent der gesamten Gewinne, die multinationale Unternehmen weltweit in diesem Jahr erwirtschaftet haben. Durch diesen Vorgang entgehen Industrieländern, insbesondere in der EU, aber auch Schwellen- und Entwicklungsländern, Einnahmen im großen Stil.

In ihrem Paper "The Missing Profits of Nations" greifen die Autoren auf einen neuen Ansatz zurück. Bisherige Untersuchungen bauen auf Daten zu Einzelunternehmen auf. Forscher bedienen sich dabei privater Datenbanken wie Orbis, wo Unternehmensumsätze und Gewinne ausgewiesen werden. Auf Basis dieser Zahlen versuchen sie auszurechnen, wie viel Geld in Steueroasen verschoben wird. Die Unternehmensdatenbanken sind aber lückenhaft, viele Konzerne werden nur schlecht erfasst. Zucman, der in Berkley forscht und weltweit als Experte für Steuerfragen gilt, und seine Kollegen analysieren deshalb erstmals offizielle Statistiken. Sie greifen auf volkswirtschaftliche Daten des Internationalen Währungsfonds und der Industriestaatenorganisation OECD zurück, die erst seit kurzer Zeit verfügbar sind. Aus diesen Datensätzen wird für jedes Land ersichtlich, wie viel Gewinn Unternehmen dort erwirtschaften und wie viel Lohn sie bezahlen.

Dabei offenbarte sich den Ökonomen eine geteilte Welt: In Ländern wie Österreich, Deutschland, den USA oder Italien gilt, dass für jeden Cent an ausbezahlten Löhnen 30 bis 40 Cent an Vorsteuergewinn bei einem Konzern anfällt. Ob es sich dabei um einen in- oder ausländischen Konzern handelt, macht fast keinen Unterschied. In Steueroasen ist das völlig anders. Hier beschäftigen ausländische Unternehmen kaum Mitarbeiter, sie zahlen also fast keine Löhne. Bei multinationalen Unternehmen in Steueroasen entfallen auf jeden Cent an ausbezahltem Lohn mehrere Hundert Cent an Gewinn.

Ein klassisches Beispiel dafür ist Google. Den Löwenanteil seiner Gewinne erwirtschaftet der IT-Gigant in den USA und in Europa, aber ein großer Teil des Geldes, zuletzt fast 20 Milliarden US-Dollar, wird aus Steuergründen auf die Bermudas verschoben. Als Steueroasen werten Zucman und seine Kollegen nicht nur die Bermudas oder die Cayman Islands. Übereinstimmend mit früheren Arbeiten zum Thema gelten für die Studienautoren auch die Schweiz, die Niederlande, Singapur, Irland und Hongkong als Steueroasen. Rechnet man nun den exorbitanten Gewinnanteil der multinationalen Konzerne in den Oasen zusammen, ergibt das die erwähnten 620 Milliarden Dollar. Eine realwirtschaftliche Erklärung dafür, weshalb so viel Geld von ausländischen Konzernen in Steueroasen "verdient" wird, gibt es nicht. Unternehmen transferieren nicht im großen Stil Maschinen auf die Caymans oder investieren dort. Sie verschieben buchhalterisch ihre Gewinne, weil in den Oasen die Steuersätze deutlich niedriger oder gar bei null sind.

Multinationale Konzerne können sich verschiedener Strategien bedienen, um Gewinne aus einem Hochsteuerland wegzuschaffen. Beliebt ist etwa, mit hohen Lizenzgebühren zu arbeiten. Eine Konzerntochter zahlt Gebühren für die Nutzung von geistigem Eigentum an eine Schwestergesellschaft, die in einer Steueroase sitzt. Ist diese Gebühr entsprechend hoch, lässt sich damit ein guter Teil der Gewinne wegschaffen. Google hat zum Beispiel Patentrechte auf den Bermudas registriert, Google-Töchter weltweit zahlen also für die Nutzung ebendieser Rechte. Was ein angemessener Preis dafür ist, lässt sich objektiv kaum ermitteln. Auch der konzerninterne Verkauf von Produkten dient zur Verschiebung von Gewinnen. Dabei verkauft eine Gesellschaft in einer Steueroase anderen Konzerngesellschaften in Hochsteuerländern Produkte zu überhöhten Preisen. Damit bleibt der Spielraum für die Unternehmen bei der Bewertung groß.

Die Studienautoren ermittelten auch, aus welchen Ländern Konzerne wie viel Geld in Steueroasen verschieben. Im Falle Österreichs sind es 3,6 Milliarden Euro. Dem Staat entgehen demnach bis zu 900 Millionen Euro an Steuereinnahmen im Jahr, wenn man einen Körperschaftssteuersatz von 25 Prozent zugrunde legt. Die Steueroasen hinterlassen aber in vielen Industrieländern bleibende Spuren: Im Schnitt verlieren Länder ein Zehntel ihrer Einnahmen aus der Besteuerung von Unternehmensgewinnen. In der EU steigt dieser Wert sogar auf fast 20 Prozent. Auch die USA und Entwicklungsländer zählen zu den großen Verlierern. Die Studie ist, wie Co-Autor Ludvig Wier dem STANDARD sagt, bloß eine Annäherung an das Thema, er spricht von der "derzeit bestmöglichen Schätzung", weil selbst die verfügbaren öffentlichen Statistiken oft noch lückenhaft sind.

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Boarding

Da kriechen die Neider wieder hervor. ...


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moejoe187

Aber die Flüchtlinge und Sozialschmarotzer nehmen uns das Geld weg.


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Scheibenwelt

Der Gesetzgeber hat wirklich sehr gut darauf geachtet, dass die Angestellten und Arbeiter ja nicht schummeln können, dafür dürfen die Konzerne sich umso leichter davor drücken.
Natürlich spielen da alle Regierungen mit. Scheinbar profitieren sie ja davon (spätestens nachdem sie in die Privatwirtschaft wechseln). Anders ist diese schon lange bekannte Ungerechtigkeit nicht zu erklären.


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Makro 24/7

Steuerosasen, das ist halt so kompliziert! - Über Flüchtlinge, Mindestsicherungsbezieher und zunehmend auch Arbeitssuchende kann man viel leichter herziehen! ... Und vor allem, man kann dann schöner mit der Legende "Wenn du fleißig bist und den Mund hälst, dann wirst du vielleicht auch mal reich." die Leute bei der Stange halten.


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ReductioAdAbsurdum

... Irland erhält ein Hilfspaket von 85 Milliarden € und dankt es der EU durch die Errichtung einer Steueroase. Gleichzeitig ist der Steuerdruck auf die eigene Bevölkerung exorbitant. Interessiert die EU anscheinend nicht.


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c00kiem00nster

Dafür haben wir Registrierkassen bei Eisverkäufern!


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Der fidele Castro

Wann schließt die Regierung endlich die Panamaroute gegen all die Steuerflüchtlinge?!


...


Aus: "Konzerngewinne landen zu 40 Prozent in Steueroasen" András Szigetvari (13.6.2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000081453728/Konzerngewinne-landen-zu-40-Prozent-in-Steueroasen

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« Reply #741 on: Juni 13, 2018, 03:21:46 nachm. »
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[...] Einer muss ein Ahorn gewesen sein, der andere eine Eiche. Nun ragen nur ihre Stümpfe aus dem Boden, die mächtigen Stämme sind gefallen und abtransportiert worden. Vor einem Jahr beschatteten ihre Kronen noch den Festplatz. Alles ist verschwunden, Fränkys Gasthaus und 152 Kleingärten. Stattdessen spärliche Gräser und eine 45 000-Quadratmeter-Brache gleich neben dem, was von der Kleingartenkolonie Oeynhausen heute noch übrig ist.

„Ich habe Leute weinen sehen“, sagt Wolfgang Mahnke und meint: Am Tag, als die Bagger kamen. Es muss viel Wut im Spiel gewesen sein. „Fuck SPD + Grüne“ hat einer mit gelber Farbe auf den Weg gemalt, der zum abgebaggerten Areal führt. Der Slogan passt so gar nicht zu den meist älteren Herrschaften, die man hier an einem Wochentag hinter Zäunen ihre Gärten pflegen sieht.

Aber da wurden nicht einfach nur 152 Hütten mit ein bisschen Grün eingeebnet. Das waren Orte, in denen Mahnkes Nachbarn ihre Äpfel reifen sahen und ihre Kinder aufwachsen, wo die laufen lernten, hinfielen und getröstet wurden, wo Familien tanzten, wenn der Berliner Boogie-Altmeister Manne Chicago auf der kleinen Zementfläche vor dem Vereinshaus sein Klavier aufbaute oder irgendeine Blaskapelle loslegte.

Mit seinem Jackett und dem weißen Hemd sieht der 72-Jährige gar nicht aus wie ein Gärtner. Dabei zählt er zu denen, die die Kolonie am längsten kennen. Er hat mehr Glück gehabt als die drüben hinter dem Zaun. Vorerst wenigstens.

 Die Öde, kaum 20 Meter von Mahnkes Gartentor entfernt, ist ein Zeichen des Fortschritts. Stumm steht ein gelber Bagger auf dem weiten Feld. Wenn alles kommt wie es soll, dann wird er loslegen, wird Gruben ausheben für die Fundamente der Häuser, die hier 700 Wohnungen aufnehmen sollen. Noch ist nicht absolut sicher, ob die Bagger wirklich vor Mahnkes Parzelle haltmachen werden. Denn es geht um die Zukunft der Stadt. Eine Stadt, die wächst, um 40 000 Neubürger im Jahr. Menschen, die untergebracht werden müssen, deren Kinder Schulen brauchen, die irgendwie zur Arbeit fahren müssen, Platz benötigen.

Es geht aber auch darum, wie diese Stadt aussehen wird – und ob man in ihr leben mag. Ob Traditionen noch zu Recht bestehen. Und um Geld geht es auch, um sehr viel sogar.

Der Mann mit dem grau gewellten Haar ist Jurist, sein Berufsleben hat er in einer Senatsverwaltung verbracht. Er müsste also wissen, wie die Dinge in dieser Stadt laufen. Als die Existenz seiner Kolonie auf der Kippe stand, ging Wolfgang Mahnke nicht vor Gericht, sondern auf die Barrikaden.

Er und seine Nachbarn verteilten Flugblätter und sammelten Unterschriften. Nicht nur hier in der Nachbarschaft, wo sich sowieso alle kennen. Auf dem Mierendorffplatz drüben in Charlottenburg stand er mit seinen Listen. Am Ende waren mehr als 70 000 Bürger der Meinung, Oeynhausen müsse gerettet werden.

Die Parzelle hier hat schon Mahnkes Oma gehört. Da war er vielleicht zehn oder zwölf. Ein hübsches Haus, mit spitzem Dach und hoher Decke, aus dicken Bohlen gefertigt. Vom Giebel herunter hängt ein mehrarmiger Kerzenleuchter. Strom hat Mahnke keinen, ein Wasserklosett auch nicht. Braucht er nicht. Der Blick von der Terrasse ist derselbe wie damals, als Wolfgang, der Stadtjunge, noch kurze Hosen trug: Knorrige Apfelbäume fügen sich zu einer kleinen Allee. Ein Geschenk jener Bauern, die vor über hundert Jahren dieses Feld am Rande der ausufernden Stadt abgaben.

 Auch die 70 000 Unterschriften konnten nicht verhindern, dass rund ein Drittel der Kolonie eingestampft wurde. Dass den Oeynhausern mit dem Vereinshaus ihre Mitte abhanden kam, ihr Mittelpunkt. Das Vereinshaus war mit der Gaststätte der Platz, wo alle zusammenkommen konnten. Wo sie ihre Feste feierten, wo der Vorstand tagte, wo sie sich berieten, wie man sich gegen die Bedrohung wehren könne.

Dabei bestand die Kolonie doch schon so lange. Gegründet wurde sie 1904, die Mehrheit des Geländes erwarb die Reichspost für irgendeinen Zweck, der sich nie einstellte. Eine Investition in die Zukunft gewissermaßen. Ähnlich hielten es andernorts die Kirche, die Bahn, auch die Stadt. Bauerwartungsland nannte man solche Flächen. So lange nichts zu erwarten war, überließ man sie den Kleingärtnern.

Es gab diese Grundstücke überall in der Stadt, im Westen und im Osten, an den Rändern und in der Mitte. Das ist das Besondere an Berlin: Andere Städte haben auch Gemeinschaftsgärten, aber sie wurden an die Ränder verbannt.

Und nirgends sind es so viele wie hier. Mehr als 70 000 Parzellen werden in der Stadt bewirtschaftet, rund doppelt so viele wie in Leipzig und Hamburg, die auf den Plätzen zwei und drei folgen. Kleingärten sind so berlinisch wie Currywurst, soll Eberhard Diepgen einmal gesagt haben.  ...

Bedroht waren die Kleingärten eigentlich immer. Viele hatten nur Glück, dass nicht alle großen Pläne realisiert wurden. Hitlers Rüstungsminister Albert Speer plante riesige Schneisen, die auch hunderte Kleingärten eingeebnet hätten. Eine seiner versuchsweise planierten, gigantischen Achsen endet als kurzer Stummel in Lichterfelde vor der Kleingartenkolonie Schweizerland.

... In der Mauerstadt gehörten die Gärten zur Grundversorgungsreserve. Im Ostteil reichten Kleingärtner ihre Kaninchen, ihr Obst und ihr Gemüse an die Einkäufer der Konsumgenossenschaften weiter. Das war so wichtig, dass 1977 der Ministerrat entschied, es dürfe keine Massenräumungen mehr geben, sogar neue Kleingärten müssten errichtet werden.

Dabei wuchs die Stadt schon an der Wende zum 20. Jahrhundert gewaltig – allein zwischen 1890 bis 1913 um ein Viertel. Familien mit bis zu zehn Mitgliedern waren gezwungen, sich ein Zimmer zu teilen. Und weil das alles nicht reichte, entstanden wilde Hüttenkolonien, auch am Kottbusser Tor. Kleingärtner beackerten ihre Parzelle aus materieller Not heraus. Wahrscheinlich wäre Deutschland im Ersten Weltkrieg viel früher kollabiert, wenn es in den Städten keine Kleingärten gegeben hätte. Dann kam noch revolutionärer Elan dazu. Die Novemberrevolution 1918 fegte nicht nur die Monarchie hinweg, auch die Kolonisten erhoben sich in rebellischer Absicht. Am Ende stand 1919 ein erstes Kleingärtnergesetz.

Die grünen Parzellen sind Refugien einer Privatheit, ließen ein Fürsichsein zu, wie es in den kleinen, überfüllten Wohnungen gar nicht möglich war. Und weil das nach dem Zweiten Weltkrieg wieder so wurde, ist es kein Wunder, dass in den Erinnerungen älterer Kleingärtner seltener von Riesenkürbissen die Rede ist, als vielmehr von Familienfesten, von Tante Frieda und Onkel Paul.

...


Aus: "Wachstumsprobleme: Was wird aus den Schrebergärten?" Andreas Austilat (30.04.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/wohnungsnot-in-berlin-wachstumsprobleme-was-wird-aus-den-schrebergaerten/20004536.html

---

Quote
[...] Wieso haben Kleingärten trotzdem so ein schlechtes Image?

Das negative Image resultiert aus der Vergangenheit. In Zeiten der Armen- und Rot-Kreuz-Gärten waren Laubenkolonien noch etwas für Arme und Kranke, heute werden Kleingärten oft als Hort des piefigen, spießigen, privatistischen Kleinbürgers abgetan. ...

Quote
joth 10:49 Uhr

Die Überschrift [Wohnungsbau in Berlin: "Viele Kleingärtner leben im Vorgestern"] ist doch aus dem Kontext des Zitats gerissen und passt gar nicht zu den inhaltlichen Aussagen von Klaus Neumann. Der hat sich doch positiv für den Verbleib der Kleingartenkolonien ausgesprochen. Das wird durch die getroffene Überschrift des Artikels überhaupt nicht vermittelt. Irgendwie merkwürdige Tsp-Aufbereitung. Die Überschrift müsste doch eher lauten:Kleingärten Öko--Soziale-Lebensfelder in der Großstadt.


...


Aus: "Wohnungsbau in Berlin: "Viele Kleingärtner leben im Vorgestern"" Constanze Nauhaus (13.06.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/wohnungsbau-in-berlin-viele-kleingaertner-leben-im-vorgestern/22667100.html
« Last Edit: Juni 13, 2018, 03:29:26 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #742 on: Juni 19, 2018, 10:22:16 vorm. »
Quote
[...] Eine neue Ausgabe des „Straßenfegers“ bekommt Cristinel Serban am Montag nicht mehr, obwohl sie eigentlich für diesen Tag angekündigt war. Der Verkäufer der Obdachlosenzeitung, die sich auf dem Titel „strassenfeger“ schreibt, ist wie so oft zur Abholstelle an der Storkower Straße in Prenzlauer Berg gekommen und greift nun einfach wieder bei der Nummer acht zu, die inzwischen drei Wochen alt ist. Und auch die letzte Ausgabe bleibt: Am Montagabend entschied eine außerordentliche Mitgliederversammlung des Trägervereins über die Zukunft des Projekts. Laut der B.Z. stand um 22 Uhr das Ergebnis fest: 16 Mitglieder stimmten aus wirtschaftlichen Gründe für die Schließung des Magazins, neun Personen dagegen.

„Ich nehme 40 Zeitungen“, sagt Serban, der aus Rumänien stammt, am Montagmittag. „Der Straßenfeger ist bei den Leuten sehr beliebt. Eine andere Zeitung möchte ich gar nicht verkaufen.“ Seine Kunden zahlen 1,50 Euro pro Exemplar. Sein Gewinn beträgt 90 Cent pro Heft. Serban bestreitet so seit vielen Jahren einen Teil seines Lebensunterhalts, sagt er. „Mein Stammplatz ist vor einem Supermarkt in der Kastanienallee. Da läuft es gut.“ Dass der Straßenfeger nach 24 Jahren vor dem Aus steht, sei ihm noch nicht zu Ohren gekommen. Obwohl auch er es merkwürdig findet, dass es keine neue Ausgabe gibt. Die zweite Ausgabestelle am Ostbahnhof bleibt an diesem Tag sogar komplett geschlossen. Jemand habe die Schlösser manipuliert, heißt es von Ehrenamtlichen. Waren es wütende Zeitungsverkäufer, denen die Gerüchte zu Ohren gekommen sind? Schulterzucken.

 Dass der Straßenfeger, aktuell mit einer Auflage von etwa 12.000 Exemplaren, tatsächlich eingestellt werden könnte, wollte vor der Sitzung noch niemand bestätigen. Der Vorstand war nicht erreichbar, Ehrenamtliche des Vereins verweisen auf die Mitgliederversammlung am Abend. Dann sollen „die Zahlen auf den Tisch kommen und entschieden werden“, heißt es aus dem Umfeld. Dem Vernehmen nach soll die Zeitung sich nur durch die erzielten Verkaufserlöse finanzieren. Zitieren lassen möchte sich vorab niemand. Aber: Es soll noch mehr auf dem Spiel stehen. Laut der B.Z. soll auch das „Kaffee Bankrott“ an der Storkower Straße schließen. Dort erhalten Bedürftige eine warme Mahlzeit für 2 bis 2,50 Euro. Die Verkäufer der Obdachlosenzeitungen verschnaufen und versorgen sich wie Cristinel Serban mit Zeitungsnachschub. Außerdem gibt es Computer, an denen die Gäste kostenlos im Internet surfen. Der ebenfalls an der Storkower Straße ansässige Trödelpoint mit Ware aus zweiter Hand ist bereits seit März geschlossen.

Dagegen nicht zur Disposition stehen soll die Notübernachtung, ebenfalls auf dem Areal an der Storkower Straße. Wie es auf der Webseite des Vereins heißt, können pro Nacht bis zu 31 Personen aufgenommen werden. Für obdachlose Familien und Frauen mit Kindern gibt es ein separates Familienzimmer. Ziel sei es, Betroffene in den Wintermonaten nicht nur vor dem Kältetod zu bewahren, sondern ganzjährig mittel- bis langfristig Hilfe bei der Rückkehr in ein geregeltes Leben zu ermöglichen.

Beim Berliner Straßenmagazin „motz“, das ebenfalls von Obdachlosen verkauft wird und soziale Projekte unterstützt, möchte man auf die Gerüchte um den Mitstreiter nicht eingehen. Die „motz“ hat eine Auflage von rund 20.000 Exemplaren und erscheint ebenfalls alle drei Wochen, nur zur Fußball-WM gab es eine weitere Sonderausgabe. „Wir haben uns nie als Konkurrenten gesehen“, sagt Stefan Peter, „motz“-Vorstandsmitglied. „ Es ist gut, dass die Arbeit für Obdachlose auf mehrere Schultern verteilt ist. Völlig klar ist, dass eine Straßenzeitung sowieso keinen Gewinn abwerfen kann.“



Aus: "Berlin Obdachlosenzeitung "Straßenfeger" wird eingestellt" (18.06.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/berlin-obdachlosenzeitung-strassenfeger-wird-eingestellt/22706036.html

"Neue Hoffnung für den "Straßenfeger"" Christoph Stollowsky Claudia Braun (19.06.2018)
Die gemeinnützige „Karuna Sozialgenossenschaft“ für Kinder und Jugendliche in Not bietet der Zeitung Hilfe an, um die vor der Einstellung zu bewahren.
https://www.tagesspiegel.de/berlin/berliner-obdachlosenzeitung-neue-hoffnung-fuer-den-strassenfeger/22711446.html

« Last Edit: Juni 20, 2018, 09:53:25 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #743 on: Juni 19, 2018, 12:29:15 nachm. »
Quote
[...] Das Gesamtvermögen der Dollarmillionäre ist weltweit im vergangenen Jahr um 10,6% und zum ersten Mal auf mehr als 70 000 Mrd. $ gestiegen. Das stärkste Wachstum kam einmal mehr aus der Region Asien-Pazifik. Global gesehen legte die Zahl der Millionäre auf 18,1 Mio. zu, sie verfügen über 70 200 Mrd. $. Dies teilte die Unternehmensberatungsgesellschaft Capgemini in ihrem jährlich veröffentlichten World Wealth Report mit. Für diesen wurden 2600 Dollarmillionäre in 19 grossen Wealth-Management-Märkten befragt. Als solche Anleger, im Fachjargon als «high-net-worth individuals» (HNWI) bezeichnet, gelten Privatinvestoren mit einem frei verfügbaren Vermögen von mehr als 1 Mio. $.

Die Vermögen sind damit zum sechsten Mal in Folge gestiegen. Darin spiegeln sich die gute Wirtschaftslage und die starke Entwicklung an den Börsen. Die Millionäre profitieren weiterhin von der Inflation der Vermögenspreise, hervorgerufen durch die laxe Geldpolitik der Zentralbanken. Die ultraniedrigen Zinsen an den Kapitalmärkten haben in den vergangenen Jahren die Aktienkurse und Immobilienpreise nach oben getrieben, was sich auch am Zuwachs bei den Millionären zeigt. Im Jahr 2010 gab es weltweit noch 10,9 Mio. solcher wohlhabender Privatpersonen, die damals 42 700 Mrd. $ ihr Eigen nannten.

Besonders stark stieg die Zahl der Millionäre 2017 mit rund 12% in der Region Asien-Pazifik. Dort gab es im vergangenen Jahr 6,2 Mio. solcher wohlhabender Privatpersonen, diese nannten ein Vermögen von 21 600 Mrd. $ ihr Eigen. Starkes Wachstum war auch in Nordamerika zu beobachten. Dort legte die Zahl der Millionäre um knapp 10% auf 5,7 Mio. zu, ihre Vermögen wuchsen in einem ähnlichen Tempo auf 19 800 Mrd. $. In Europa war das Wachstum etwas geringer, aber ebenfalls gut. Die Zahl der Millionäre auf dem alten Kontinent legte im vergangenen Jahr um rund 7% auf 4,8 Mio. zu, ihre Vermögen stiegen um knapp 8% auf 15 900 Mrd. $.

Eine im Vergleich mit anderen Ländern sehr hohe «Millionärsdichte» hat die Schweiz. Hierzulande legte die Zahl der vermögenden Privatanleger im vergangenen Jahr um 7% auf 389 200 zu. Damit liegt die Schweiz auf Platz 7 der Länder mit den meisten Millionären, umgeben von lauter Staaten mit sehr viel höheren Einwohnerzahlen. Laut Capgemini stieg das Vermögen der hiesigen Millionäre im vergangenen Jahr von 1 116 Mrd. $ auf 1 204 Mrd. $, was einem Anstieg von knapp 8% entspricht.

Mit knapp 90% gehören die meisten Wohlhabenden weltweit zur Kategorie «Millionär von nebenan»; sie verfügen über Vermögen im Volumen zwischen 1 Mio. $ und 5 Mio. $. Rund 9% der Millionäre nennen Gelder zwischen 5 Mio. $ und 30 Mio. $ ihr Eigen, und nur 1% von ihnen haben mehr als 30 Mio. $. Diese letzte Kategorie von Privatpersonen wird auch als «ultra high-net-worth individuals» (UHNWI) bezeichnet. Die Zahl der UHNWI ist 2017 um 11%, ihre Vermögen sind um 12% gewachsen.

Wie Capgemini mitteilte, stellten die USA, Japan, Deutschland und China zusammen 61% der weltweiten Millionäre. Die mit Abstand meisten Millionäre leben in den Vereinigten Staaten, ihre Zahl beträgt 5,29 Mio. In Japan wohnen 3,16 Mio., in Deutschland sind es 1,37 Mio. und in China 1,26 Mio. Gemäss einer jüngst veröffentlichten Studie der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group (BCG) verfügten die Bewohner Nordamerikas über mehr als zwei Fünftel der privaten Vermögen weltweit, vor den Einwohnern Westeuropas (22%). Das stärkste Wachstum im vergangenen Jahr sei mit 19% indessen in Asien zu beobachten gewesen.

Die Vermögen der wohlhabenden Privatanleger waren gemäss der Capgemini-Studie im ersten Quartal dieses Jahres zu knapp 31% in Aktien investiert, danach folgten Bargeld und bargeldähnliche Anlagen (27%). In Immobilien steckten knapp 17% der Vermögen, hier war 2017 ein Zuwachs bei der Allokation von knapp 3 Prozentpunkten zu beobachten.

Die Aufteilung scheint eine recht gute Diversifizierung der Gelder zu belegen. Laut der Studie hat das Interesse der Wohlhabenden an Investitionen in Kryptowährungen zugenommen. 29% der Befragten gaben an, grosses Interesse am Kauf solcher Anlagen zu haben, unter ihnen seien viele jüngere Millionäre gewesen. Die Vermögensverwalter der HNWI hätten sich indes zurückhaltend gegenüber solchen Investitionen gezeigt, nicht zuletzt wegen regulatorischer Unsicherheiten.



Aus: "389 200 Millionäre in der Schweiz" Michael Ferber (19.6.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/finanzen/389-200-millionaere-in-der-schweiz-ld.1396000


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« Reply #744 on: Juni 19, 2018, 02:04:06 nachm. »
Quote
[...] Nachdem ich mich an das Scheinwerferlicht gewöhnt hatte, habe ich es genossen. Das gebe ich zu. Ich war jung und hatte einen Mann, der mir die Welt zeigte, der sagte: Pack die Koffer, es geht nach New York, nach Paris. Ich sah die Welt. Welcher jungen Frau würde das nicht gefallen? Selbstverständlich gab es auch Momente, in denen ich lieber nicht in der Öffentlichkeit gestanden hätte. Beispielsweise jetzt gerade – dieses Interview und Ihre Fragen. Das würde ich lieber nur mit einer Freundin besprechen, aber ich weiß, dass es zu meinem öffentlichen Leben dazugehört. Ich habe damals live im Fernsehen verkündet, dass wir heiraten werden. Da ich damals A gesagt habe, muss ich jetzt auch B sagen. Und bisher war mein öffentliches Leben ja auch eines einer glücklichen Familie, mit einem Mann, den viele bewundert haben. Da spürt man die Nachteile nicht. Ich spüre sie jetzt, wenn ich von Fotografen gejagt werde, die nur ein trauriges Gesicht von mir einfangen wollen. Es ist meine erste öffentliche Krise, und den Umgang damit muss ich noch lernen. ...

Ihr Mann verließ Sie dann wieder, verlobte sich mit einer anderen, trennte sich, kam wieder zurück und so weiter. Wie und warum haben Sie das ausgehalten?

Eine Frau, die liebt, kann auch verzeihen. ...

Sie haben früh angefangen, als Model und Barkeeperin und als Croupier in einem Casino zu arbeiten. Haben Sie daraus gelernt, dass eine Frau nicht unbedingt auf einen Mann angewiesen ist?

Eine Frau ist heutzutage definitiv nicht mehr auf einen Mann angewiesen! Das sehen Sie an den erfolgreichen Frauen, deren Männer niemand kennt. Was im Umkehrschluss nicht heißt, dass ich es nicht genauso genießen kann, wenn ich mich als Frau an meinen Mann anlehnen kann.

...

Hatten Sie jemals das Gefühl, im Schatten Ihres Mannes eine Rolle spielen zu müssen?

An der Seite eines so bekannten Mannes brauchst du irgendwann das Gefühl, auch für etwas Eigenes zu stehen. Das ist jedoch schwer, und mir ist es, objektiv betrachtet, auch nur sehr bedingt gelungen. Bisher bin ich, zumindest für die Öffentlichkeit, die Frau von Boris Becker beziehungsweise jetzt die Ex-Frau. Mal sehen, wie sich das in Zukunft entwickelt.

...

Ihr bis dahin friedliches Leben mit Ihrem Sohn und Ihrem Mann hier in Wimbledon wurde im Sommer 2017 jäh durch die Mitteilung unterbrochen, dass Ihr Mann insolvent ist. Waren Sie darauf vorbereitet?

Nein, überhaupt nicht. Das hat mich aus heiterem Himmel getroffen. Wir hatten in unserer Ehe diese klare klassische Rollenverteilung: Boris war für das Wirtschaftliche zuständig und ich für die Familie.


Aus: "Lilly Becker über die gescheiterte Beziehung zu Boris: "Trennung ist die einzige Lösung"" Jochen Siemens (16. Juni 2018)
Quelle: https://www.stern.de/lifestyle/leute/lilly-becker-im-interview-ueber-die-gescheiterte-beziehung-zu-boris-8123000.html



-

Quote
[...] Boris Becker pocht im Insolvenzverfahren gegen ihn auf diplomatische Immunität. ... Diese Meldung sorgte vor einigen Wochen für Verwunderung: Ende April wurde bekannt, dass Boris Becker diplomatisch für die Zentralafrikanische Republik Kongo tätig wird, eines der ärmsten Länder der Welt. Der dreimalige Wimbledon-Gewinner wurde als Sonderattaché für Sport und kulturelle Angelegenheiten in der Europäischen Union ernannt. Geld soll Becker für diesen ehrenamtlichen Posten nicht bekommen. Was bezweckt der 50-Jährige also mit diesem Ehrenamt?

Darauf gibt es inzwischen eine Antwort: Die Anwälte des früheren Tennisstars berufen sich im laufenden Insolvenzverfahren gegen ihren Mandanten auf diplomatische Immunität. Becker war am 21. Juni 2017 durch eine Richterin am Londoner High Court für zahlungsunfähig erklärt worden. Boris Becker bestreitet bis heute, pleite zu sein.

Seither läuft ein Insolvenzverfahren gegen ihn, das nach britischem Recht nach einem Jahr abgeschlossen sein könnte. Das wäre in wenigen Tagen. Becker wäre ab der kommenden Woche seiner Schulden ledig und könnte wieder eigenes Geld verdienen. Warum kommt Becker nun kurz vor dem Ablauf dieses Verfahrens mit seiner Immunität um die Ecke?

Die Antwort könnte in einer bevorstehenden Entscheidung des High Court in London liegen. Denn es ist noch gar nicht ausgemacht, dass das Insolvenzverfahren gegen Becker kommende Woche abgeschlossen wird. Denn am 31. Mai beantragte Insolvenzverwalter Mark Ford eine Fristverlängerung. Becker habe ihm Informationen vorenthalten, hieß es in einem Statement.

Für Becker bedeutet das nichts Gutes. Dem gebürtigen Leimener könnten im schlimmsten Falle sogar strafrechtliche Konsequenzen drohen. Davor würde ihn der Diplomatenstatus schützen. Als Attaché soll er in Brüssel ein eigenes Büro in der Botschaft der Zentralafrikanischen Republik bekommen. Dort wäre er vor dem Zugriff der Ermittlungsbehörden geschützt.

...


Aus: "Warum sich Boris Becker auf diplomatische Immunität beruft" Carsten Heidböhmer (15. Juni 2018)
Quelle: https://www.stern.de/lifestyle/leute/warum-sich-boris-becker-auf-diplomatische-immunitaet-beruft-8126864.html

-

Quote
[...] Noch am Sonntag machte sich der Botschafter der Zentralafrikanischen Republik in Brüssel für die Tennislegende stark: Boris Becker besitze einen Diplomatenpass seines Landes und könne sich deshalb in seinem Insolvenzverfahren auf diplomatische Immunität berufen, teilte Daniel Emery Dede in einer Presseerklärung mit und verwies auf das Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen. Doch nur einen Tag später sind diese Sätze Makulatur.

In der Posse um den Diplomatenstatus von Boris Becker schaltete sich am Montag der Außenminister der Zentralafrikanischen Republik ein. Becker sei kein offizieller Diplomat des Landes, sagte Charles Armel Doubane der Zeitung "Die Welt". Er widersprach damit seinem Botschafter und der Darstellung von Beckers Anwälten.

Doubane zeigte sich über die Vorgänge verärgert. "Wir wollen nicht, dass Boris Beckers inoffizielle Position für unser Land mit seinen finanziellen Problemen assoziiert wird. Wir sagen klar, dass unser Land bei jeglichen rechtlichen Verfahren gegen Boris Becker die Justiz in keinerlei Weise behindern wird", stellte Doubane klar. Sein Land trete für Rechtsstaatlichkeit ein, sagte der Außenminister. Deshalb könne "die Zentralafrikanische Republik Boris Becker vor einem Gericht nicht schützen".

Zugleich widersprach Doubane der Darstellung, dass Becker einen Diplomatenpass besitze und offiziell für sein Land tätig sei. Doubane erklärte, er habe nie eine Unterschrift unter eine Ernennung Beckers zum Diplomaten geleistet und der Präsident habe ihn auch nicht darum gebeten. Zwar sei es zu einem Treffen zwischen Becker und dem Zentralafrikanischen Präsidenten Faustin Archange Touadéra gekommen. Er bestätigte auch, dass es dabei darum ging, wie Becker dem Land Kontakte in Sachen Sportförderung vermitteln könne. Zum "offiziellen Diplomaten" sei Becker dadurch aber nicht geworden.

...


Aus: "Er ist es, er ist es nicht - Außenminister beendet Posse um Diplomaten-Status von Boris Becker" (18. Juni 2018)
Quelle: https://www.stern.de/lifestyle/leute/boris-becker---aussenminister-beendet-posse-um-diplomaten-status-8130492.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Boris_Becker

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« Reply #745 on: Juni 28, 2018, 05:27:08 nachm. »
Quote
[...] In Frankreich geht ein Verdacht um. Ein Verdacht, der für den Präsidenten fatale Folgen haben könnte. Denn wie die Geschichte lehrt: Je königlicher er sich gibt, desto revolutionärer wallt es im Volk. Die Wahlguillotine ist in Paris nie weit. Der Verdacht also lautet: Macron I. frönt wie seine erlauchten Vorfahren in Versailles dem schnöden Luxus. Kann das sein? Faktum Nummer eins: Brigitte Macron hat beschlossen, das feine Tafelgeschirr im Élysée-Palast rauszuwerfen und durch 1200 Teller und Schalen aus der illustren Sèvres-Porzellanmanufaktur zu ersetzen. Kostenpunkt: 50.000 Euro. Faktum Nummer zwei: Die Macrons wollen im Fort de Brégançon, der präsidialen Sommerresidenz westlich von Saint-Tropez (Côte d'Azur), für sich allein einen Swimmingpool errichten lassen. Kostenpunkt: 34.000 Euro.

Faktum Nummer drei: Vom westfranzösischen Städtchen Roche-sur-Yon ins 90 Kilometer entfernte Rochefort benutzte der Staatspräsident einen Falcon-Privatjet, obwohl seine Mitarbeiter mit einer Fahrzeugeskorte fast gleich schnell gewesen waren. Kostenpunkt: 3000 Euro. Nun ließe sich einwenden, diese Ausgaben seien doch gar nicht so extravagant. Das Tischgeschirr des Élysée ist buchstäblich ein tragendes Element der – in Frankreich sehr politischen – Esskultur. Zudem ist es teils so verblichen wie die Erinnerung an den Präsidenten Coty, der einzelne noch heute verwendete Sèvres-Teller schon vor 60 Jahren ins Sortiment aufgenommen hat. Was das Planschbecken in der imposanten Küstenfestung betrifft, soll es nicht mehr wie geplant in den Boden eingelassen werden, sondern demontierbar sein. Laut Macrons Entourage kostet dies kaum die Hälfte des Aufwands für elf Gendarmen und zwei Rettungsschwimmer (60.000 Euro pro Sommer). Die gingen bisher in Alarmstellung, wenn sich Monsieur le Président am Fuße von Fort Brégançon unter das biedere Volk am Sandstrand mischte. Der eigene Pool hingegen läge paparazzifrei hinter Mauern.

Der böse Verdacht hält sich dennoch. Schuld ist wieder einmal das Enthüllungsblatt "Le Canard enchaîné". Es berichtet, die teils handgemalten Élysée-Teller kosteten über 400 Euro pro Stück. Damit würden fast 500.000 Euro anfallen. In Sachen Swimmingpool heißt es ferner, mehrere Ex-Präsidenten hätten schon den Einbau eines solchen in Fort Brégançon geprüft, aber als zu kostspielig verworfen. Erst Macron wurde konkret; dafür verheimlichte er den Plan zuerst vor der Öffentlichkeit. Dem 40-jährigen Präsidenten, der in den Umfragen ohnehin auf Sinkflug ist, fliegen nun sarkastische Reaktionen um die Ohren. Um nicht zu sagen, die Teller: Aus dem Burgund schickte ein Ehepaar sein Geschirr den Macrons ins Élysée. Wütend sind die Franzosen nicht so sehr über die Höhe der Geldbeträge, sondern über das Gemisch von Ausreden, Vertuschungsversuchen und falschen Zahlenangaben. Das kennen sie von ihren Präsidenten nur zu gut. Auf diese Weise versuchte sich schon Nicolas Sarkozy herauszuwinden, als er im neuen Präsidenten-Airbus auch eine Badewanne und Sauna einrichten lassen wollte. Erst nach heftigen Publikumsreaktionen verzichtete er darauf.

Ähnlich handeln auch werdende Präsidenten – etwa François Fillon, der im Wahlkampf 2017 über den Scheinjob seiner Frau stolperte. Gewesene Präsidenten müssen gar nicht mehr mogeln, erhalten sie doch fürstliche Renten von bis zu 20.000 Euro im Monat; dazu verfügen sie über ein Großbüro, eine Limousine mit zwei Chauffeuren, ein Dutzend Angestellte sowie Gratisreisen mit der Staatsbahn oder Air France. Letzteres stets "in der besten Klasse", wie ein Dekret schon im Jahre 1985 bestimmte. Bekannt wurde die vierseitige Privilegienliste erst ein Vierteljahrhundert später. Macrons Vorgänger François Hollande limitierte einzelne Vorrechte der Ex-Präsidenten auf fünf Jahre nach Amtsende. Das Budget des Élysée von 109 Millionen Euro im Jahr bleibt trotzdem dreimal so hoch wie das des deutschen Kanzleramtes. Die meisten Ausgaben des französischen Präsidialamtes sind zudem in den Budgets anderer Ministerien versteckt. Niemand vermöchte deshalb zu sagen, wie viel Geld Frankreich für seine Präsidenten ausgibt. Und niemand glaubt den offiziellen Zahlen. Das Paradoxe ist, dass die französischen Präsidenten gar nicht wie ein Krösus leben. Oder zumindest weniger als die ehemaligen Präsidenten, von denen heute vier noch am Leben sind: Valéry Giscard d'Estaing, Jacques Chirac, Nicolas Sarkozy und François Hollande. Zusammen fallen sie dem Staat jährlich mit insgesamt zehn Millionen Euro zur Last.

Der Präsident verdient 15.000 Euro im Monat, weniger als die deutsche Kanzlerin (18.000 Euro). Sein Wohnsitz, das Élysée, wird zwar von Eingeweihten "Château" genannt, bietet aber weder Ausmaße noch Komfort eines Schlosses. Als bloße Dependance des Königshofes beherbergte es im 18. Jahrhundert die königliche Mätresse, Madame de Pompadour. Heute vermag der schöne Schein der Kristalllüster und Gobelins nicht zu verbergen, dass das Gebäude ziemlich heruntergekommen ist. Während der Amtszeit Sarkozys verfehlte ein Stück eines Stuckengels nur knapp einen fremden Staatschef. Dessen Identität wurde diplomatisch verschwiegen. Auch die Macron-Berater sagen es: Der Staatschef lebt nicht im Überfluss, musste er doch sogar die überfällige Sanierung des Élysée aufschieben. Vorrang hat eben der Swimmingpool. (Stefan Brändle aus Paris, 28.6.2018)


Aus: "Kritik an extravagantem Lebensstil bringt Macron ins Schwimmen" Stefan Brändle aus Paris (28. Juni 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000082383756/Kritik-an-extravagantem-Lebensstil-bringt-Macron-ins-Schwimmen

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« Reply #746 on: Juli 02, 2018, 08:06:14 vorm. »
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[...] In der Opposition hatten CDU und FDP im Düsseldorfer Landtag oft gegen den früheren SPD-Finanzminister Norbert Walter-Borjans gewettert, der im Kampf gegen Steuersünder immer wieder CDs mit Daten von Steuersündern kaufte. In den Koalitionsverhandlungen drängte FDP-Verhandlungsführer Christian Lindner, dass CDs nur noch unter ganz besonderen Bedingungen gekauft werden dürfen. Seit dem Regierungswechsel 2017 scheint sich die Haltung nun zu ändern.

Die schwarz-gelbe Landesregierung erwägt nun erstmals selbst den Ankauf einer Steuersünder-CD. Das Land prüfe derzeit ein entsprechendes Angebot, teilte das Düsseldorfer Finanzministerium der Nachrichtenagentur dpa mit. Weitere Details zum Zeitpunkt einer Entscheidung nannte die Behörde nicht. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag, Monika Düker, lobte laut dem Sender WDR aber den Schritt: "Die Ankäufe helfen, Steuerhinterzieher zu überführen."

Das Ministerium indes betont, das Prüfungsverfahren für den Ankauf von Steuersünder-CDs sei seit dem Regierungswechsel nicht geändert worden. Etwaige Ankäufe würden einzeln geprüft, "nach dem Abwägen von Chancen und Risiken" werde darüber entschieden. Das Land stelle weiterhin die nötigen Ressourcen zur Verfügung.

In den vergangenen acht Jahren hat Nordrhein-Westfalen im Kampf gegen Steuersünder insgesamt elf CDs gekauft, neun davon in der Amtszeit Walter-Borjans (2010-2017), zwei weitere noch unter Ex-CDU-Minister Helmut Linssen. Knapp 20 Millionen Euro gab die Landesregierung dafür aus. Im Gegenzug flossen etwa 353 Millionen Euro an Nachforderungen sowie weitere 888 Millionen Euro durch Geldstrafen und Geldbußen in die Landeskasse - sowie circa 1,2 Milliarden Euro durch Selbstanzeigen. Bundesweit belaufen sich die Mehreinnahmen sogar auf sieben Milliarden Euro.

Die jetzige Opposition hatte der Landesregierung Anfang des Jahres vorgeworfen, die erfolgreiche Steuerfahndung bewusst schwächen zu wollen. Ausgelöst worden war die Debatte durch den Wechsel von zwei Spitzenkräften aus dem Wuppertaler Finanzamt in eine Großkanzlei. Die Wuppertaler Behörde war mit spektakulären Ankäufen von Steuerdaten-CDs immer wieder in den Schlagzeilen.

apr/dpa

Quote
Airkraft gestern, 16:54 Uhr

Sollte die Schlagzeile nicht statt: "NRW prüft Angebot für Kauf von Steuersünder-CD" richtiger: "NRW prüft Angebot für Kauf von Steuerhinterzieher-CD" heißen?



Aus: "NRW prüft Angebot für Kauf von Steuersünder-CD" (01.07.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/steuersuender-cd-nrw-prueft-angebot-fuer-kauf-a-1216019.html

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« Reply #747 on: Juli 03, 2018, 07:41:22 vorm. »
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[...] Einen Tag vor Heiligabend war Sarah Jochmann psychisch am Ende. Für Deliveroo fuhr sie in Köln das Essen durch Sonne, Regen, Schnee und Hagel. Eine Winterjacke stellte ihr das Unternehmen nicht. Sie trug ihre eigene unter der völlig durchgeweichten Regenjacke von Deliveroo.

Als es zum Nervenzusammenbruch kam, wartete sie schon zwei Monate auf ihren Lohn. „Ich musste vom Trinkgeld leben“, sagt sie. Die Angst, die Miete nicht mehr zahlen zu können und auf der Straße zu enden, gaben ihr den Rest. Sie saß mit ihrem Fahrrad in der Straßenbahn, als ihr die Tränen kamen.

Heute arbeitet Sarah nicht mehr für Deliveroo. Das letzte Mal hat sie am 24. April ausgeliefert. Da lief ihr Arbeitsvertrag aus, der sachgrundlos befristet war. Dabei hatte sie an dem Job eigentlich großen Spaß. Dass sie nicht mehr für Deliveroo fährt, hat sie sich nicht ausgesucht. „Ich habe das gerne gemacht“, sagt sie. Das hat vor allem mit dem Fahrrad fahren zu tun. Wie wichtig ihr der Sport ist, verdeutlicht das Tattoo, dass sie auf ihrem linken Handgelenk trägt: Es zeigt ihr Fahrrad. Bei aller Freude gab es jedoch auch viele Probleme.

Zu Schaffen machte ihr beispielsweise der große Zeitdruck. „Man hat nur 20 Minuten Zeit, eine Lieferung zu machen“, sagt Sarah. In den Restaurants wartete sie lange auf das Essen, bis sie anschließend zu den Kund*innen durch den dichten Kölner Stadtverkehr rasen konnte. Sie brauchte im Schnitt 23 Minuten für eine Lieferung. „Der Stress war so groß, dass ich gegen Verkehrsregeln verstoßen und mich damit in Gefahr gebracht habe“, erzählt sie.

Wenn sie an ihrem Rad mal einen Schlauch tauschen musste oder das Smartphone endgültig das zeitliche segnete, zahlte sie selbst dafür. Handyakkus, Datenvolumen, Fahrradteile und Kleidung, das meiste müssen Deliveroo-Kurier*innen aus eigener Tasche finanzieren. Pro Stunde verdienen die angestellten Fahrer*innen neun Euro bei Deliveroo. Bei ständig laufenden Kosten, bleibt davon am Ende kaum etwas übrig. „So heben die Unternehmen den Mindestlohn aus“, sagt Sarah. Sie begann sich mit anderen Kurier*innen auszutauschen, am Restaurant, dem Loginpoint, aber meistens über Whatsapp. Wo Sarah sich von Deliveroo allein gelassen fühlte, fand sie Rückhalt bei ihren Kolleg*innen.

Etwas besser geht es Moses, der bei Foodora arbeitet. Das ist nicht sein richtiger Name. Er steckt in der Probezeit. Weil Foodora ihn deshalb ohne einen Grund zu nennen kündigen kann, will er anonym bleiben. Dass diese Angst nicht von ungefähr kommt, zeigt eine Aussage von Foodora gegenüber ze.tt: „Generell steht es jedem Mitarbeiter frei, sich in der Presse oder Öffentlickeit zu äußern, sofern dies sachlich einwandfrei und korrekt erfolgt.“

Den Job findet er super. „Das ist mein Ding. Wären die Arbeitsbedingungen etwas besser, würde es anderen sicher auch so viel Spaß machen“, sagt er. Die Flexibilität hat es ihm angetan. Es fühlt sich frei an, dass die Chef*innen weit weg von ihm sind. Dennoch gefällt Moses nicht alles. Meistens fährt er neben den Autos auf der Straße, ist dabei mit 30 Sachen unterwegs. An ein paar Stellen kommt er öfter vorbei. Manchmal muss er dann mittig auf der Straße fahren, weil zwischen Straßenbahnschiene und parkenden Autos kaum Platz ist.

Die Reaktionen der Autofahrer*innen machen ihn fassungslos. „Da rasten viele aus, hier eine Lichthupe, da ein aufheulender Motto. Die bremsen mich aus oder schneiden mich sogar“, erzählt Moses. „Die Angst fährt die ganze Zeit mit“, sagt er. Er wünscht sich deshalb mehr Rücksicht im Verkehr, die Straße ist schließlich sein Arbeitsplatz.

Bei Foodora bekommt Moses, im Gegensatz zu den Fahrer*innen bei Deliveroo, beispielsweise die Oberkleidung für jede Jahreszeit gestellt, doch seine laufenden Kosten fängt das trotzdem nicht auf. In vier Monaten gingen ihm zwei Hosen kaputt. Als er dort anfing, kaufte er erst mal neue Teile für sein Fahrrad: Reifen für 60 Euro und Bremsbelege für 16 Euro. Mittlerweile zahlt Foodora 25 Cent Verschleißkosten pro gefahrener Stunde. Die sind allerdings auf 42 Euro pro Monat gedeckelt und können nur bei einem extra für Foodora eingerichteten Onlineshop des Unternehmens LifeCycle genutzt werden.

Foodora verspricht außerdem: „Schäden, die auf den Arbeitsablauf bei foodora zurückzuführen sind, werden nach Nachweis von uns erstattet oder die Reparatur bezahlt.“ Einen solchen Nachweis zu erbringen, ist jedoch mit erheblichem Aufwand verbunden, wenn es sich nicht gerade um einen von einer Behörde dokumentierten Unfall handelt.

Moses steht unter Zeitdruck. Ist die Auftragslage dicht, kommen schon mal mehr Lieferungen rein, als Essen in den Rucksack passen. Und eigentlich müssen kalte und warme Speisen voneinander getrennt werden. So braucht er manchmal 45 Minuten, bis er auch das letzte Essen ausgeliefert hat. Das muss er dann vor den Kund*innen rechtfertigen, für ihn kein schönes Gefühl.

Als Sarah bei Deliveroo anfing, war eine wichtige Entscheidung bei den angestellten Kurier*innen schon gefallen. Sie wollten einen Betriebsrat gründen. Ihre Kolleg*innen von Foodora hatten den bereits im Sommer 2017 eingesetzt. „Wir hatten wirklich große Hoffnungen, dass wir dadurch etwas verändern können“, sagt Sarah.

Im Februar wurde der Betriebsrat eingesetzt, doch da war schon klar: Deliveroo hat darauf anscheinend keine Lust, trotz gegenteiliger Aussagen: „Wir haben unsere Fahrer bei der Gründung eines Betriebsrats unterstützt und werden weiterhin eng mit den Vertretern dieses Gremiums zusammenarbeiten“, hieß es beim Portal Ngin-Food. Eine Anfrage von ze.tt bleibt von Deliveroo unbeantwortet. Davon haben weder Sarah noch der Betriebsrat etwas gespürt, sagt sie. Im Gegenteil. Wirklich unterstützt wurden die Kurier*innen von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Sarah und ihre ehemaligen Kolleg*innen sind dort engagierte Mitglieder.

NGG-Gewerkschaftssekretärin Laura Schimmel begleitet Sarah und den Arbeitskampf der Fahrer*innen seit dem vergangenen Jahr. Einen klassischen Betrieb, in dem sie sich sehen und zusammen arbeiten wie bei Köch*innen in einem Restaurant, gibt es nicht. „Der Betrieb ist im Prinzip ganz Köln“, sagt Laura. Das hat auch ihre Arbeit verändert. „Wir müssen Orte schaffen, wo wir Solidarität herstellen. Das haben wir durch Flashmobs, Kuriermeetings und Grillen gemacht, wo wir uns dann austauschen und treffen“, sagt sie. Bei Foodora gibt es Checkpoints, wo die Kurier*innen ihre Schicht beginnen.

Deliveroo allerdings veränderte nach der Initiative zur Betriebsratsgründung alles. Checkpoints gab es keine mehr. Von den im November 120 angestellten Fahrer*innen ist heute niemand mehr übrig. Das Unternehmen ließ alle Verträge auslaufen und stieg komplett auf selbstständige Kurier*innen um. Der Betriebsrat mit dem Deliveroo behauptete zusammen arbeiten zu wollen, existiert nicht mehr. Laura kritisiert das. „Der Betriebsrat als Möglichkeit die eigenen Arbeitsbedingungen zu regeln, ist komplett eliminiert worden.“

Weil sich das bereits zu Beginn der Betriebsratsinitiative abzeichnete, gründeten Sarah und zwei Mitglieder des Deliveroo-Betriebsrates eine Facebookseite: Liefern am Limit. Sie posten diverse Probleme aus dem Arbeitsalltag der Branche. Dutzende Fahrer*innen meldeten sich bei ihnen mit Beschwerden über Foodora und Deliveroo. Sarah und ihre Mitstreiter anonymisieren sie, verpacken die Informationen in Share-Pics, aber warnen ihre Kolleg*innen dort beispielsweise auch vor anstehenden Unwettern.

Zur Zielgruppe der Seite gehören die selbstständigen Fahrer*innen bei Deliveroo, sogenannte Freelancer*innen. Foodora sagt, dass sie noch mit vier Freelancer*innen deutschlandweit zusammen arbeiten und seit Anfang 2015 nur sozialversicherungspflichtig einstellen. Die Selbstständigen sind für Liefern am Limit besonders schwer zu erreichen. Viele Freelancer*innen kommen aus dem Ausland. Es können Geflüchtete aus Syrien, aber auch Studierende aus beispielsweise Südamerika sein.

„Die Einstiegsbarriere ist sehr klein“, sagt Sarah. Darüber freut sie sich, da die meisten Migrant*innen sonst kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt bekommen. Sprachliche Barrieren erschweren es ihnen jedoch an die Freelancer*innen heranzukommen, vor allem wenn ihre Kolleg*innen kein Englisch sprechen. Dabei ist ihre Situation umso prekärer. Laura sagt, die selbstständigen Kurier*innen haben viele versteckte Kosten. „Wer krank ist, verdient auch kein Geld“, erklärt sie. Gleiches gilt, wenn das Fahrrad einen Platten hat, der Handyakku leer ist oder die Fahrer*innen in einen Unfall verwickelt sind.

Freelancer*innen verdienen fünf Euro pro ausgeliefertem Auftrag. Sie könnten so bis zu 20 Euro pro Stunde verdienen, sagt Deliveroo. Theoretisch stimmt das. Dazu müssen sie im Durchschnitt alle 15 Minuten einmal ausliefern. Aber was ist, wenn es keinen Auftrag gibt, das Wetter schlecht ist, die Wege lang sind oder das Datenvolumen aufgebraucht ist? 20 Euro pro Stunde wirken so wie eine nicht zu erreichende Utopie.

Es sind solche Anreize, die Laura große Sorgen machen, denn die Gesundheit der Freelancer*innen ist gefährdet. „Wir wissen, dass es häufig Unfälle in dem Beruf gibt. Du bist sechs Stunden draußen unterwegs. Dass da was passiert, ist logisch“, sagt sie. Der Zeitdruck in Zusammenspiel mit dem niedrigen Lohn erhöhen die Unfallgefahr. Freelancer*innen müssen ihre Unfallversicherung selbst abschließen, wenn sie es denn überhaupt tun. Wer nicht versichert ist, muss den Schaden selbst bezahlen, was im schlimmsten Fall Menschenleben sein können.

Gerade bei den Selbstständigen aus dem Ausland, vermutet Laura dass sie ihre Rechte nicht unbedingt kennen. Sarah und Laura wollen die Freelancer*innen genau deshalb aufklären und zusammenbringen. „Sie sollen nicht in die Situation kommen, dass sie vor dem existenziellen Aus stehen“, sagt Sarah. Dabei sind die Existenzfragen längst auch ein politischer Konflikt.

Moses, Sarah und Laura fordern höhere Löhne, eine Kilometerpauschale ohne Deckelung und dass Foodora und Deliveroo die gesamte Kleidung stellen, die sie brauchen. Erhöhungen des Lohns knüpft Foodora derzeit noch an Bedingungen. Fahrer*innen, die ihre Kolleg*innen koordinieren, sogenannte Rider Captains, erhalten zehn Euro pro Stunde; Senior Rider Captains, die Bürotätigkeiten und Schulungen übernehmen, elf Euro.

Einige Erfolge haben sie bereits gefeiert. Der Verschleißbonus bei Foodora kam erst, als die Medien darüber berichteten, wie Deliveroo mit dem Betriebsrat und den Kurier*innen umgeht. Das langfristige Ziel von Liefern am Limit und der NGG ist ein Tarifvertrag für die Branche inklusive Abschaffung der sachgrundlosen Befristung. „Wir sind keine Eintagsfliege“, sagt Sarah. Laura sieht in der Gründung von Betriebsräten in Köln und Hamburg erste Achtungserfolge. Was sie besonders freut, ist, dass die gewerkschaftlich organisierten Fahrer*innen den Konflikt nicht scheuen und sich Gehör verschafft haben. Beim DGB Bundeskongress etwa kündigte der Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) an, die Kurier*innen unterstützen zu wollen. „Es ist unglaublich beeindruckend, wo die Kolleg*innen vor einem halben Jahr waren und wo sie jetzt sind“, resümiert Laura die Entwicklung. Auch sie lernt von den neuen, selbstbewussten Mitgliedern, die eine mutige und kreative Gewerkschaftsarbeit machen, sagt sie.

Sarah kann da nur beipflichten. „Umso größer die Masse ist, umso besser funktioniert das. Wenn nur ein Einzelner da ist, der kämpft, dann kann auch der schnell die Kraft wieder verlieren.“ Dass es trotzdem noch ein langer Weg zu einem Tarifvertrag und der Abschaffung der sachgrundlosen Befristung ist, wissen sie. Moses ärgert sich darüber. „Der Prozess ist zäh wie ein Kaugummi“, sagt er, obwohl doch eigentlich nur eine Unterschrift von den Unternehmen nötig wäre. Aber: „Wenn wir nichts fordern, wird sich auch nichts ändern.“




Aus: "So wehren sich Fahrradkurier*innen gegen Ausbeutung" Dennis Pesch (02. Juli 2018)
Quelle: https://ze.tt/so-wehren-sich-fahrradkurierinnen-gegen-ausbeutung/

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #748 on: Juli 05, 2018, 10:25:32 vorm. »
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[...] Als der Kieler Schriftsteller Feridun Zaimoglu an diesem  Mittwochabend im ORF-Studio seine Klagenfurter Rede zur Literatur zu halten beginnt, gibt es hie und da im Publikum ein gewisses Erstaunen: Wie spricht der denn? Ist das jetzt eine Rede? ... Zaimoglu hält eine Rede, die mehr Literatur ist als Rede, Feridun-Zaimoglu-Literatur: die Erzählung von einem Mädchen, das um seinen Vater trauert, das selbst ein Klagelied anstimmt und konstatiert: „Wir sind geworden Gegangene, ein Gruß den Gebliebenen“. Und so wie dem Mädchen niemand zuhört, so verleiht ihm nun Zaimoglu eine Stimme, „es soll durch meinen Mund sprechen, was sich dem Lärm entzogen hat“. Und: „Ich trat die Heimkehr zu den Verlassenen an“.

... Zaimoglu hält [ ...] eine explizit politische Klagenfurter Rede, nur eben mit dem ihm eigenen literarischen Vermögen. Um genau mit diesem den Verlassenen, wie er sie nennt, zur Seite zu springen, den Armen, den Obdachlosen, den Geflüchteten und den Fremden, die sich in ein Land wie Deutschland vor den Bürgerkriegen in ihrer Heimat gerettet haben und nun „im Spuckeregen der Verachtung“ stehen. Und er stellt sich auch an die Seite der Frauen, „die in der größten Lüge des Mannes“ leben müssen, nämlich der, „dass es seine Beherrschung sei, zu führen, zu lenken und zu herrschen.“

Zaimoglu rechnet mit irregeleiteten Patrioten und den Rechten ab und bringt es auf den Punkt: „Wer die Eigenen gegen die Anderen ausspielt und hetzt, ist rechts“. Rechten gehe es um „Fremdenabwehr, die Vaterländerei ist ihre Phrase der Stunde.“ Und: „Der Moslem, der Morgenländer, der Einwanderer, der Flüchtling: Sie sind in ihren Augen Geschöpfe dritten Ranges.“ Das kann man so sagen, das muss man auch einmal genau so sagen.

Aber auch für die manchmal so arg gescholtenen Klagenfurter Bachmann-Preis-Seelen hält Zaimoglu tröstende wie kämpferische Worte bereit, als er damit beendet, dass Klagenfurt nicht nur ein „Ort der vielen Geschichten“ sei, sondern einer der „Beseelung“. Denn: „Wir schreiben, wir lesen, wir kämpfen. Wir stehen bei den Verlassenen.“ Schöner kann man es nicht sagen, ...


Aus: "Feridun Zaimoglu hält kämpferische Eröffnungsrede in Klagenfurt" Gerrit Bartels (05.07.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/ingeborg-bachmann-wettbewerb-feridun-zaimoglu-haelt-kaempferische-eroeffnungsrede-in-klagenfurt/22769676.html

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[...]  Das Mädchen, das um den Vater trauerte, sang mit einem Faden Stimme, es sang leise ein islamisches Klagelied: Wir sind geworden Gegangene, ein Gruß den Gebliebenen. Ich lernte von dem Kind, das sich nicht allein zum Mund eines toten Mannes machte. Dies war der Gesang der Seelen, die mit der Zunge der Halbwaisen sprachen. Wer aus dem Leben der anderen scheidet, ungewollt und unfertig, muss nicht fürchten, dass er verstummt. Der Kummer des Mädchens war so groß wie seine Welt, es wollte aber mit der Stimme der gebannten Geister sprechen. Es würde später im Stillen den Vater beweinen, es würde heimlich riechen am Ärmel der Strickjacke des Vaters. Ich lernte: Es gibt kein Alleinsein, und nicht das Schweigen noch die Stille übertreffen die Worte. Die Anderen, die Abgekehrten, die Verschwundenen, die Gebannten, sie sollen klingen. Ich lernte: Es soll durch meinen Mund sprechen, was sich dem Lärm entzogen hat, und ich will auch den Mangel, den Makel, den Schwund und die schlechte Absonderlichkeit bezeichnen. Ich trat die Heimkehr zu den Verlassenen an.

Verlassen sind die Armen, verlassen sind die Frauen, verlassen sind die Fremden. Das böse Gerücht hat sie getötet. Sie, die wie die reife Gerste wuchsen, wurden mit der Sense gemäht.

Wer sagt denn, dass das Gerücht immer größer sei als die Wahrheit? Wer verkehrt die Verhältnisse, und wer beschimpft die Verkehrtheit? Wer glaubt, er wurzele in der Heimatscholle, und er sei für immer und ewig unentwurzelbar? Wer schwätzt von der Gegenwart als von einer Leere, und wer faucht und wispert böse Flüche in die Leere? Das ist der Armenhasser, das ist der Frauenhasser, das ist der Fremdenhasser. Sie fluchen, als ginge es darum, eine Sittenlockerung zu beschelten. Sie sagen: Wir geben acht auf unsere Hinterlassenschaft, auf unser großes Erbe! Sind ihre Ahnen Götzen? Und bringen sie den Götzen stumpfe Scherben als Opfer dar? Sie sagen: Im Namen der Ahnen und der Bräuche, die uns überliefert sind, wehren wir ab den Feind, der sich verhüllt. Uns ist jede fremde Art und jede neue Sitte Bedrohung! Sind die Alten, die sie preisen, kein wallender Nebel? Haben die Alten nicht Geschichte gemacht durch Mord und Gemetzel? Es sind doch fast nur steingewordene Männer, die sich auf Denkmalsockeln recken. Es ist nicht die Stunde, zu Füßen der toten Riesen Kranzgebinde abzulegen. Wer ist bestürzt, dass der Arme sich erfrecht, mit der Bettlerschale herumzugehen? Es sind die Gerüchtemacher, die die üble Botschaft bringen, dass alles verkauft und vermacht sei. Es sind die Herrenmänner, die uns einflüstern: Bald streunen wilde Hunde und wilde Hirten durch die Straßen unserer besetzten Städte. Wehrt euch gegen die invasiven Kräfte! Jeder Einflüsterer presst sich die Totenmaske seines Helden aufs Gesicht, er ist kein Zungenredner, er ist ein maskierter sprechender Schädel, und er spricht: Schluss mit den Artigkeiten, wir rüsten nun zum Rachekampf. Dem asiatischen Menschen, aber auch dem Slawen und dem Kaukasier, ihnen allen ist der Zugang zu unserem Kulturgut verwehrt. Wir bleiben auf ewig unverstanden, wir dulden es nicht länger. Wie oft habe ich das Gerücht vom Ende der Duldsamkeit gehört? Wie oft riefen die Tribunen nach einer strengen Ständeordnung, in der die Unteren als unterlegene Klasse gehalten werden sollen? Die Alten haben sich aber selber gerichtet, das Alte ist aber an Fäulnis eingegangen. Es träumt manch ein Schreiber, er möge erwachen in einer unverkeimten Gnadenwelt; er entwertet die Gegenwart als Ausdruck eines Lumpenregiments. Ich frage: Wer ist der Lump – der Schreiber oder sein Zeitgenosse? Ich frage: Soll ich mich von ihm anstiften lassen zum Gebrauch schadhafter Werkzeuge? Der Schreiber beseufzt das alte Blut, das die Neuen verdünnten. Der Dünkel macht ihn zum Reaktionär. Er wäre gerne groß, er würde gerne alle Zonen sprengen. Wer hindert ihn daran? Wer die Finger zwischen Tür und Angel steckt, der klemmt sich gern. Der schmerzgeplagte Reaktionär schreit Tür und Wände nieder, dann schreit er nach dem mächtigen Zimmermann, der grobe Klötze klieben soll. Er zieht, da ihm die Entrüstung wenig bringt, in die Einsiedelei: Dort steht sein Haus auf festem Grund; dort kann er die Fabel seiner Unbestechlichkeit fortschreiben. Der eingebildete Schreiber ist ein gebildeter Esel, denn er bläht sein Wissen auf zur Wissenschaft. Aus der Ferne besehen erscheinen ihm die Städter klein. Der moderne Zivilist gilt ihm geringer als eine huschende Fledermaus. Angespornt von den Knacklauten des Gebälks verfasst er Tränenheftchen. Er schreibt: Selig ist der treue Knecht, der die Mütze lüpft, wenn er des hohen Herrn ansichtig wird. Selig ist die Frau, die sich als Weib versteht und die niemals die Trennung vom Mann erwägt. Selig ist der ergebene Fremde, der uns sein Fleisch und seine Seele verkauft.

Es durchfährt den Schreiber eine Kraft, wenn er im Geiste die Schwächlinge niederknüppelt. Ich erkenne in seiner Klage keinen Schmerzensschrei, ich erkenne darin das Geschrei eines trotzigen Knaben. Der Schreiber geht in die Abgeschiedenheit, er nennt es Entrückung. Selten geschieht es, dass man ihn zu einem Auftritt bewegen kann. Denn nichts erzürnt ihn mehr als Widerspruch, als ein Gespräch unter Gleichen. Sitzt er denn vor Anverwandten, und erhofft er sich Beistand, ist der Reaktionär entflammt. Er spricht von dem Anfang der Wehen, als stünde eine Endzeitschlacht bevor. Er benennt die Missstände in seltsam verbrauchten Worten: Der Muttersprachler stammelt, er sprotzt ein unmögliches Deutsch, er stößt die falschen Laute der Missbilligung aus. Es muss alles nach seinem Willen gehen. Er bellt die Mängelrügen, er verbellt die Verräter, die er allüberall wirken sieht. Das Volk, ruft er, muss in einer schleunigen Erhebung alle Bande reißen. Das Volk, ruft er, soll die große Wende möglich machen. Der erboste Reaktionär begreift das Volk als meuternde Rotte. In der alten Welt, die er herbeisehnt, war er aber selten mehr als das Vieh, das man gefügig schlug. Was ist jedem rückschrittlichen Mann ein Gräuel? Die höfliche Anrede. Das Mitgefühl. Die gedankenvolle Ansprache. Ich will keinen Menschen eine Schwarzhaut nennen, weil er schwarzhäutig ist. Was ist damit gewonnen, dass ich mich als bleichen Weißen ausweise? Man kann seinem Wunsch, Mauldreck von sich zu geben, in einer Bierschänke entsprechen. Dann freuen sich die Gleichgesinnten wie die Affen im weißen Menschenkostüm. Der Prolet ist in allen Gesellschaftsschichten zu Hause. Er wallt auf in der vulgären Ausschreitung, er nennt sich mutig. Ich nenne ihn lumpig. Zeugt es von Mut, wenn ein Kerl auf zwei Beinen einen versehrten Mann als Krüppel beschimpft? Ein Lump, der wider die Weiberwirtschaft hetzt, wird nichts als nur seine eigene Gewöhnlichkeit belegen. Das Schandmaul triumphiert, wann immer es sich mit dem Mund verschnappt. Verlassen sind die Armen. Sie müssen nach vorne drängen, sie müssen allen Stolz vergessen, sie müssen sich ausweisen als Hungerleider, dass man ihnen den Kanten Brot und die Schüssel Erbsensuppe aufs Tablett stelle. Es leben viele Arme in meiner Straße und in den Nachbarstraßen. Die Witwe im letzten Haus am Rondell, noch vor den verbeulten Metallpollern, spricht vom Verlust ihrer Anstelligkeit: Dies ist ein Wort aus ihrer Zeit als junge Frau. Sie meint, dass sie nicht mehr geschickt darin sei, das Nötigste zu erschnappen. Sie geht hungrig zu Bett. Wäre es nicht gut und gerecht, der Dame ihr Los zu erleichtern? Vor dem Discounter, in einigem Abstand zum Eingang, kauern die Obdachlosen. Sie schwitzen im Sommer und sie frieren im Winter, sie haben das Wort Sozialromantik noch nie gehört, ihr Leid ist echt. Keiner von ihnen käme auf den Einfall, ihre Gleichheit im Elend zu rühmen. Würde man nicht das Böse von sich tun, hielte man sie nicht länger für Parasiten? Die sonderbare Russlanddeutsche, die im Kellerloch neben dem Altersheim haust, wird oft von Schülern mit Erdbrocken beworfen. Die bunt bedruckte Haarhülle knotet sie im Gehen am Nacken, den jungen Flegeln ist sie unheimlich. Sie putzt bei den Reichen: Sie hat noch kein Stuhlbein zerschrammt und keine einzige Vase zerschlagen. Wäre es von den Herren Spaziergängern zu viel verlangt, wenn sie sie freundlich grüßten?

Der alte Mann mit dem halben Gebiss geht die Bahnsteige nach Pfandflaschen ab, das bisschen Rente ist zur Monatsmitte aufgebraucht. Er nennt sich Überlebsel, ein lebendes Überbleibsel. In den Raucherzonen stehen die Kerle, die Bierbüchsen in vier Zügen leeren und sie in der Mitte mannhaft zerdrücken. Beim Anblick des alten Mannes erwacht in ihnen ein kranker Eifer, sie schlagen ihn mit ihrem Lärm in die Flucht. Ich lobe die Bürger, die zur Börse greifen und den Alten beschenken. Ist mein Hass auf die johlende Rotte eine ungesunde Regung? Die Armen erben den Besitz. Die Rechten verstehen sich als unbewaffnete Bürgerwehr. Sie möchten die Plätze säubern von unverträglichen Elementen in ihrer Idylle. Sie schützen ihren Besitz. Sie ertragen es nicht, dass die Niederen durch ihr Viertel streifen. Die Zähne werden ihnen vom Fluchen stumpf – sie fluchen: Man muss sie herausschaffen, man muss sie aus unserer Welt schaffen, die Herumtreiber, das arbeitsscheue Pack, das Gesindel. Jeder ist vom Glück begünstigt, jeder verdient den Wohlstand, den er hat. Wer nichts leistet, gehört ausgejätet, er gehört ausgemerzt! Wie oft hat man einen Obdachlosen zu Tode getreten und verbrannt? Wie lange sollen die Armen, die noch leben dürfen, die Demütigung erdulden und Demut zeigen? Wer den Armen sein Ohr verstopft, wer von lohnender Leistung schwätzt, hat kein Herz. Die Armen erben das Land. Der Reiche, der die Bettlerschale übersieht, der Lästerworte redet wider die Armen, ist verroht und verstockt. Auch wenn die Reichen viel auf Manieren und Etikette geben, eine feine Seele haben sie nicht. Verlassen sind die Frauen. Sie leben in der größten Lüge des Mannes, dass es seine Bestimmung sei, zu führen, zu lenken und zu herrschen. Im Krieg hat sie nicht von der Tugend zu weichen. In friedlichen Zeiten hat sie Zuversicht auszustrahlen. Ich kenne Frauen, die, geschürzt und geknebelt, dem dummen Orientalen hinterherlaufen. Ich kenne Mädchen, die sich den dummen Brüdern unterordnen. Ich kenne Frauen, die, gestöckelt und frisiert, für den dummen Europäer die Empfangsdame spielen. Ich kenne begabte Töchter, die sich dem Mittelmaß ergeben. Sie tun es, weil man sie dazu drängt. Sie werden belogen und gebrochen, sie werden belästigt und geschändet. Die Welt ist schlecht, weil die Männer nicht ohne Gewalt glauben leben zu können. Sie sind niederträchtig, weil sie die Schlechtigkeit im Fleisch der Frau vermuten. Ehre, Anstand, Vaterland, Moral: schmutzige Worte, des Mannes Machtbekundung, der wahre Dreck der Welt. Jede Tradition, die auf dem Vorrang des Mannes beharrt, ist verachtenswert. Die neuen alten Patrioten erzählen die neuen alten Märchen. Sie sprechen: Die Frau ist eine Meisterin der Betörung. Deshalb schützen wir sie vor Übergriffen! Sie sprechen: Unsere Frauen haben sich befreit. Sie machen sich nackt vor uns, das ist der schönste Aspekt der Befreiung. Es geht dann doch zu weit, wenn sie uns mit den Waffen ihrer Geschlechtlichkeit bekämpfen. Eine Frau als Kameradin schreckt uns nicht. Eine Frau als Furie hat die Natur nicht vorgesehen!

Der Jammer des Reaktionärs über die dreiste Frau findet seinen Niederschlag in tausenden Seiten Literatur. Es jammern die Potentaten und die Generäle, es jammern die alten Säcke in den Schreibstuben und die Peniskrieger in den Ghettos. Es jammert der Jüngling über das andere Geschlecht, es jammert der ganze Kerl auf der Baustelle. Sollte man ihnen allen Tränentüchlein reichen? Sollte man sich abwenden ob der elenden Heuchelei? Der romantische Mann, der gelobt werden will, weil er der Frau in den Mantel hilft; der aufgepumpte Rüpel, der den Benimm verrülpst; der wilde Mann, der in seinen Waldschratbart Locken dreht; der Bauer, dem in der Stadt die Verstädterung misslingt; der Städter, der nicht begreifen mag, dass seine Griffe und Kniffe untauglich geworden sind: Sie sind Barden einer falschen Bekümmerung. Insgeheim wünschen sie die Frau als folgsame Magd, als dienstbaren Geist. An der Seite der Patrioten kämpfen auch Frauen. Wollen sie beweisen, dass ihnen die Männlichkeit doppelt so gut gelingt wie einem Mann? Glaubte man daran, würde man sie der Puppenhaftigkeit beschuldigen. Sie wissen, was sie tun. Verlassen sind die Fremden. Sie müssen ertragen, dass man sie als Keimträger, als Wühler und Agenten, als unbrauchbaren Menschenmüll beschimpft. Die Rechten kennen keine Gnade, wenn es gilt, die Neuankömmlinge zu verfratzen. Sie rufen: Ihr gehört nicht zu uns, wir sind uns selbst genug, wir brauchen keine weitere Gesellschaft. Ihr seid hergeholt worden, um uns zu unterwandern. Fühlt euch hier bei uns nicht zu Hause, wir lassen euch niemals in Frieden!

In was für eine Welt sind die Fremden hineingeraten? In eine Welt ohne Tyrannen und Despoten, in den Frieden haben sie sich gerettet. Sie stehen aber plötzlich im Spuckeregen der Verachtung. Es hilft nichts, den Rechten edle Motive zu unterstellen, wie es mancher Feuilletonist tut. Es geht ihnen einzig und allein um die Fremdenabwehr, die Vaterländerei ist ihre Phrase der Stunde. Der Moslem, der Morgenländer, der Einwanderer, der Flüchtling: Sie sind in ihren Augen Geschöpfe dritten Ranges. Der Rechte ist kein Systemkritiker, kein Abweichler und kein Dissident, er ist vor allem kein besorgter Bürger. Wer die Eigenen gegen die Anderen ausspielt und hetzt, ist rechts. Punkt. Wer für das Recht der Armen streitet, ist ein Menschenfreund. Punkt. Es gibt keinen redlichen rechten Intellektuellen. Es gibt keinen redlichen rechten Schriftsteller. Mit wem reden? Die Patrioten können nur skandieren, als wären sie auf einer Kundgebung. In Deutschland, in Österreich, in der Schweiz haben sie sich in die Parlamente geblökt. Manch ein Schreiber oder Kulturredakteur, manch ein Bürgersohn mit einem reichen oder prominenten Vater, manch ein Philosoph und Jubeljahrbiograf sieht sich schon im Krieg als Frontberichterstatter. Sind sie erregt, weil sie über das Tamtam der unredlichen Empörer endlich von ihrer Langeweile wegkommen? Ich sage: Sie sollten die Spielchen lassen, sie sollten auf solche Sensationen wenig geben. Der wahre Skandal ist das Geschwätz vom großen Erwachen. Dies Wort hat keinen Wert. In diesem Wort verbirgt sich die böse Lust, Menschen Entartung anzudichten. Der Patriot ist ein wahnverstrickter Kleingeist mit einem auf- und niederwellenden Gemüt. Er ist ein Kraftprotz, der von einem Reich der Untertanen träumt. In diesem Traum herrschen Männer mit säuischer Natur. Aufgehoben wird dann sein das Erbarmen, aufgehoben der gute Friede, aufgehoben das Recht des Armen auf Salz und Brot. Die Ruhmesschlacht, von der die neuen alten Rechten träumen, bekommen sie nicht. Wir sind aus der Schrift geboren. Wir schreiben unsere kühnen, kühlen und wilden Geschichten. Wir lieben die leise Art und den lauten Hall. Niemals aber schreiben wir den Verzweifelten eine Abart zu. Diese Unterscheidung lässt sich nicht verwischen. Der feste Halt ist nicht das Volk, nicht die Sippschaft, nicht eine heilige Erde und nicht eine versunkene Welt. Ich finde festen Halt im Recht, dem Ausdruck des Gewissens. Daran glaube ich, davon rücke ich nicht ab. Auf den Glanz der Geschichte einer Nation gebe ich nichts. Es soll ein Menschengesicht glänzen. Klagenfurt ist ein Ort der vielen Geschichten. Es ist ein Ort der Beseelung. Wir schreiben, wir lesen, wir kämpfen. Wir stehen bei den Verlassenen. (Feridun Zaimoglu, 4.7.2018)


Aus: "Feridun Zaimoglu: Es gibt keinen redlichen rechten Intellektuellen" Feridun Zaimoglu (4. Juli 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000082801180/Feridun-ZaimogluEs-gibt-keinen-redlichen-rechten-Intellektuellen

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[...] NZZ-Chefredaktor Eric Gujer hielt den folgenden Text als Rede an der Generalversammlung der AG für die Neue Zürcher Zeitung am 14. April 2018. Zur 150-jährigen Geschichte

Wir erleben eine extreme Polarisierung der Meinungen. Die Linke wittert überall Fremdenfeindlichkeit, die Rechte fühlt sich von Denkverboten umstellt. Wer das Falsche sagt, wird exkommuniziert. ...

Johannes R. Becher war ein Mann, der sich nicht beirren liess. Er war Kommunist, er lobhudelte Gedichte auf Stalin, verfasste den Text der DDR-Nationalhymne und wurde der erste Kulturminister des Arbeiter- und Bauernstaates. Ein dichtender Dogmatiker, selbstgewiss und unerschütterlich, wie gemacht für das 20. Jahrhundert mit seinen blutigen Ideologien, die umso «wahrer» wurden, je mehr Menschenleben sie forderten. Doch dann liess sich Becher beirren, wenigstens ein einziges Mal. Er schrieb das Gedicht «Der Turm von Babel», dessen letzte Strophe lautet:

«Das Wort wird zur Vokabel / Um sinnlos zu verhallen / Es wird der Turm zu Babel / Im Sturz zu nichts zerfallen».

Der biblische Turm stürzte bekanntlich nicht ein, er blieb nach der Sprachverwirrung einfach unvollendet. Bei Becher wurde der Turm jedoch zur Metapher des Zweifels an jeder Ideologie, die einen Alleinvertretungsanspruch auf die Wahrheit erhebt.

Mir scheint, als lebten auch wir wieder in Zeiten einer Sprachverwirrung babylonischen Ausmasses. Die grossen Ideologien sind verhallt. Bechers Kommunismus ist untergegangen, der Kapitalismus wurde gezähmt durch den Wohlfahrtsstaat. Und doch herrscht eine Sprachverwirrung oder, um es präziser auszudrücken: eine extreme Polarisierung der Meinungen.

Die Linke wittert überall «rechtes» Gedankengut: Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, völkische Gesinnung. Die Rechte sieht Political Correctness mit Denk- und Sprechtabus am Werk; ferner «Gutmenschentum», das bedenkenlos die Grenzen öffnet und so eine Verdrängung oder mindestens Bedrängung der Einheimischen provoziert.

Schienen nach dem Fall der Berliner Mauer die Begriffe «rechts» und «links» an Bedeutung zu verlieren, bilden sich nun an den Rändern neue Lager. Sie haben mit dem traditionellen Rechts-links-Schema wenig zu tun, auch wenn wir sie der Einfachheit halber so nennen.

Wie alle Kulturkämpfe wird auch dieser besonders erbittert geführt. Beide Lager operieren mit autoritären Sprach-Codes und verlieren die Fähigkeit zur Differenzierung. Kritik ist nicht mehr Kritik, sondern «Bashing». Schreit die eine Seite «Lügenpresse», schallt es zurück: «Nazi». Wer das Falsche sagt, wird aus der Gemeinschaft der Demokraten exkommuniziert, und man verweigert jede Diskussion. So wird die pluralistische Gesellschaft nicht nur ein Stück weniger pluralistisch. In diesem Überbietungswettbewerb verkommt jedes Argument zur Beleidigung, Denunziation oder Stigmatisierung.

Man muss nicht den Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp zum Antidemokraten erklären, nur weil er über die Grenzen der Willkommenskultur nachdenkt. Aber man sollte auch nicht den Untergang des Abendlandes heraufziehen sehen, nur weil eine Doktorandin der Universität Basel fordert, sogenannten «Rechten» den Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln zu verwehren.

Exkommunikation und Exorzismus überlassen wir besser der Kirche, beides hat im republikanischen Diskurs nichts verloren. Auf diese Weise degeneriert die demokratische Debatte nämlich zum Glaubenskrieg, in dem jeder den anderen durch Lautstärke zu übertrumpfen versucht. Das Wort wird zur Vokabel, um sinnlos zu verhallen.

Warum es so weit gekommen ist, möchte ich mit drei Stichworten beleuchten. Sie lauten Globalisierung, Identität und Individualismus. Die üblichen Hauptverdächtigen – die digitale Filterblase und den neuen Beelzebub Mark Zuckerberg – klammere ich aus, weil das Internet den Effekt zwar verstärkt, hierfür aber nicht ursächlich ist.

Zur Globalisierung: Von 1988 bis 2008 hat die Mittelklasse in den asiatischen Schwellenländern, besonders in China, am meisten Wohlstand hinzugewonnen. Gut ging es auch den Wohlhabenden in der westlichen Welt. Die Einkommen der unteren Mittelklasse im Westen stagnierten hingegen. Die Mittelklasse ist die Verliererin der Globalisierung, auch wenn sich dieser Trend in einigen Ländern wie der Schweiz nicht beobachten lässt. Trumps Wähler aus der Arbeiterschaft fühlen sich zu Recht als Endmoräne der Industrialisierung.

Die globalisierte Welt stellt zugleich den Nationalstaat infrage, weil Kompetenzen an supranationale Körperschaften delegiert werden. Diese Zusammenschlüsse können vieles besser steuern als nationale Behörden, weil es zu spät ist für eine vorausschauende Politik, wenn afrikanische Migranten bei Chiasso gestrandet sind. Die Regulierung der Zuwanderung findet besser an der Aussengrenze Europas statt. So weit die Theorie, doch in der Praxis erleben die Bürger auch, wie sich das System durch mangelnden Informationsaustausch und nationale Egoismen schachmatt setzt.

Kein Wunder also, dass nicht nur die untere Mittelklasse die Globalisierung als Bedrohung ansieht. Mit ihr werden die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland, Billigkonkurrenz und eine Zunahme der Einwanderung in Verbindung gebracht – kurzum das Verschwinden des Schutzraums, wie ihn der souveräne Nationalstaat einstmals markiert hat.

Damit einher geht das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Land zu verlieren. Nicht umsonst lautete das Motto der Brexit-Kampagne: «Take back control.» Rechtspopulisten haben das einst linke Thema Globalisierungskritik gekapert und gewinnen damit Wahlen. Die Gegenseite fühlt sich vom konservativen Zeitgeist provoziert und reagiert darauf mit Abwehrreflexen. So schaukelt man sich gegenseitig hoch.

Die Globalisierungsgegner befürchten nicht nur ein Fremdwerden im eigenen Land, sondern ebenso materielle Konkurrenz. In Wohlfahrtsstaaten bedeutet die Zuwanderung von niedrigqualifizierten Personen ohne Sprachkenntnisse eine längere Unterstützung durch die öffentliche Hand.

Die Wohlhabenderen mögen davon nicht viel verspüren. Alle anderen, für die staatliche Transferleistungen einen Teil des Lebensunterhalts bilden, sind sich des Wettbewerbs sehr wohl bewusst. Kommen dann noch Identität und Religion hinzu, ergibt dies einen explosiven Cocktail.

Der Soziologe Didier Eribon hat das am Beispiel seines eigenen Elternhauses, einer Arbeiterfamilie, beschrieben. Erst beklagten die französischen Arbeiter die Konkurrenz durch nordafrikanische Einwanderer am Arbeitsplatz, danach verdrängten die muslimischen Migranten die Einheimischen aus ihren angestammten Wohnquartieren. Spätestens dann schimpften die Arbeiter über die Islamisierung Frankreichs und wählten den Front national.

Dass die Eliten in Politik und Medien solche Zusammenhänge zunächst zu leugnen pflegen, verursacht zusätzliche Erbitterung. Diese löst sich irgendwann von der Migrationsfrage und mündet in eine allgemeine Elitenkritik – und zwar nicht wie 1968 von links, sondern von rechts. Die Meinungseliten, und das ist die Ironie dabei, die früher selbst die Systemfrage stellten und mit Jürgen Habermas die «Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus» beschworen, sehen sich nun ihrerseits durch Systemkritik herausgefordert.

Die Zurückweisung des Fremden, die Ablehnung der Institutionen und die Rückbesinnung auf eine verklärte Vergangenheit formieren sich zu einem veritablen Gegenmodell zu «1968».

Diese Bewegung ist weniger sprachgewaltig, ihre Protagonisten sind eher angegraute Wutbürger als aufrührerische Studenten. Aber sie formuliert genauso eine Unzufriedenheit wie jene vor fünfzig Jahren. Die Achtundsechziger verstanden sich als Revolutionäre, und jede Revolution gebiert nun einmal ihre Gegenrevolution.

Daher die wütende Kritik an Political Correctness und Denkverboten: In der Gegenrevolution geht es stets darum, die kulturelle Hegemonie der Eliten mit ihren Sprechweisen und Gesten der Überlegenheit zu erschüttern. Jede Gegenkultur versteht sich als Guerilla der Worte und Begriffe: Was früher das «Establishment» war, ist heute die «Lügenpresse».

Viele Journalisten reagieren darauf in einer Weise, die ihre Glaubwürdigkeit unterminiert. Sie machen sich mit ihren Gegnern gemein, indem sie ebenfalls mit Wortkeulen zuschlagen. Wenn sie nur lang genug eine hysterische Stimmung anheizen, sind die Medien irgendwann tatsächlich keine Organe der Aufklärung mehr, sondern Vehikel der Verdummung und Vernebelung.

Kulturkampf kann nicht Sache einer liberalen Zeitung sein. Dem Mummenschanz der selbsternannten Revolutionäre und Gegenrevolutionäre begegnet man am besten mit einer gehörigen Portion Gelassenheit.  ...

Wie halten wir es mit der Identität? Das rechte Milieu hat Angst, seine Identität und den vertrauten gesellschaftlichen Zusammenhang, kurz: die Heimat, zu verlieren. Das linke Milieu erhebt den Anspruch auf eine Identität, mit der es sich selbst vom Rest der Gesellschaft abgrenzt. So wurde in den USA aus dem eingängigen Kürzel LGB für Lesben, Schwule und Bisexuelle der Zungenbrecher LGBTQQIAAP, um jeder geschlechtlichen Identität gerecht zu werden. Das Akronym bedeutet Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer, Questioning, Intersex, Asexual, Allies und Pansexual.

Lautete die Lieblingsvokabel der Linken früher Inklusion, also die Einbeziehung aller Benachteiligten in die Gesellschaft, so geht es heute um selbstbestimmte Exklusion: Man will in seiner Differenz anerkannt werden. Jeder will anders sein, und das ist das Gegenteil von Gesellschaft, denn diese lebt vom Gemeinsinn.

Die neue Lifestyle-Linke versteht sich nicht mehr als Anwalt der Unterprivilegierten, denn diese haben für die luxurierende Identitätspolitik des akademischen Überbaus wenig übrig. Lieber mokiert sich die Linke über die Rückständigkeit dieser Bevölkerungsschicht. Hillary Clinton nannte sie «deplorables», also Bemitleidenswerte.

Kein Wunder, dass in den USA, Italien, Deutschland oder Frankreich Mitte-links-Parteien Niederlagen kassierten. Sie haben keinen Bezug mehr zur Lebenswirklichkeit ihrer früheren Stammwähler, die in der Fabrik arbeiten und ihre Männlichkeitsrituale pflegen. Sie richten sich lieber an den Hipster, der für eine NGO arbeitet und zur knöchellangen Hose farbige Socken trägt. Der Niedergang der traditionellen staatstragenden Linken hat den Aufstieg der Populisten aller Couleur wesentlich erleichtert.

Die Identitätspolitik von rechts arbeitet ebenfalls mit Exklusion, schliesst aber nicht sich selbst aus, sondern andere: Migranten, Muslime, Mexikaner – und alle anderen von Donald Trump benutzten Stereotype. Betonten die Präsidenten vor ihm das Gemeinsame des Schmelztiegels USA, unterstreicht Trump das Trennende.

Die in Yale lehrende Professorin Amy Chua spricht von «tribalism»: Linke und Rechte bilden Stämme, die den anderen und seine Argumente nur deshalb ablehnen, weil er zu einem anderen Stamm gehört. Verständigung ist so nicht mehr möglich. Das Wort wird zur Vokabel, um sinnlos zu verhallen.

Ging es früher um Gleichheit, geht es heute um Ungleichheit. Das Trendwort in Unternehmen und an Universitäten lautet Diversität. Je mehr Vertreter unterschiedlicher Gruppen eine Institution umfasst, umso besser. Das klingt positiv, nach Toleranz und Vielfalt, hat aber einen Haken. Es kommt weniger darauf an, was wir können, als darauf, wer wir sind. Schwierig wird es dann, wenn man sich in der Mitte der Normalverteilungskurve befindet, also nichts Besonderes ist: etwa der sprichwörtliche weisse Mann aus der Babyboomer-Generation. Gehört er der Unterschicht in den USA an, muss er erleben, dass Förderprogramme die Position anderer Gruppen am Arbeitsmarkt verbesserten, sich an seiner Lage jedoch nichts ändert.

Auch die Ostdeutschen machten die Erfahrung, dass ihr DDR-Leben in den Augen vieler Westdeutscher überflüssig war, während der Westen definiert, was «richtiges» Leben ist. Wer keine ausgeprägte Identität besitzt, fürchtet umso stärker deren Verlust. Viele Ostdeutsche und weisse Amerikaner wählen deshalb die AfD und Trump.

Das Ideal der Aufklärung lautet, dass wir alle gleich sind und unsere Besonderheiten gerade nicht unseren Wert als Bürger bestimmen. Je weiter wir uns von diesem Ideal entfernen, umso tiefer werden die Gräben, umso mehr sitzt jeder in seiner Stammes-Ecke. Menschen sind immer versucht, andere Menschen einzuteilen in wir und sie, Freund und Feind. Das entspricht unserer Natur als Hordenwesen. Doch wir sollten der Natur nicht zu fest nachgeben. Eine pluralistische Gesellschaft ist keine steinzeitliche Horde.

Damit wären wir beim Individualismus. Er hat im 20. Jahrhundert einen Siegeszug erlebt, im Westen herrscht geradezu ein Kult der Selbstverwirklichung. Der Einzelne hat sich aus den Zwängen der Grossgruppen befreit. Weder Sippe und Grossfamilie noch deren moderne Surrogate hemmen die Entfaltung der Individuen, und diese machen von ihrer Freiheit weidlich Gebrauch: Gewerkschaften und Kirchen kämpfen mit Mitgliederschwund, während Fitness-Studios florieren.

Seine Selbstermächtigung bezahlt der Einzelne allerdings teuer. Im Reich der grenzenlosen Freiheit findet er keinen Halt und keine Stütze mehr. Die fraglose Zugehörigkeit zu einer Institution bot Entlastung. Jetzt sind wir für alles selbst verantwortlich.

Nicht einmal mehr die Makroideologien, denen sich Johannes Becher verschrieb, stiften noch Sinn. Rechtspopulisten polemisieren gegen die Marktwirtschaft, Linkspopulisten plädieren für eine restriktive Einwanderungspolitik. Alles verschwimmt, und es entsteht das Gefühl, dass alles immer schlimmer wird: Kriege und Handelskriege, Populismus und Polarisierung – nichts davon ist wirklich neu, dennoch glauben wir, wir befänden uns auf einer schiefen Ebene.

Stattdessen boomen die Mikroideologien rund um Gesundheit und Ernährung. Jeder wird zur Ich-AG der Selbstertüchtigung. ... Konnte man früher Karl Marx einen guten Mann sein lassen, Marxismus oder Kapitalismus über einem Feierabendbier vergessen, ist das mit den Mikroideologien schon schwerer. Zeigt das Armband eine zu geringe Schrittzahl an, meldet sich das schlechte Gewissen. Bei jeder Scheibe Brot droht die «Weizen-Wampe», wie der Titel eines Ernährungsratgebers lautet, der den Lesern erklärt, «warum Weizen krank und dick macht».

Mit den Ich-zentrierten Mikroideologien kreisen wir um uns selbst. Orientierung finden wir so nicht, es entsteht eher ein Klima der Gereiztheit. Nebenbei löst sich der Kitt der Gesellschaft auf. Sie atomisiert sich in Kleinstgruppen, weil «jetzt auch die bekennenden katholischen Nichtschwimmer mit einem Interesse an Hirschgeweihen ihre geschlossene Facebook-Gruppe gründen», wie der Medienforscher Bernhard Pörksen in einem Interview mit der NZZ spöttelte. Jedem sein Hirschgeweih, jedem seine weizenarme Diät.

Für Liberale ist Kritik am Individualismus ein heikles Geschäft, weil sich der Liberalismus die freie Entfaltung des Individuums zum Ziel gesetzt hat. Dennoch müssen wir uns fragen, ob wir mit der Selbstverwirklichung nicht übers Ziel hinausgeschossen sind und uns zu wenig dafür interessieren, was Gesellschaften zusammenhält.

Liberale als die vernünftige Mitte tun gut daran, die Gräben nicht noch zu vertiefen: etwa den zwischen Stadt und Land. Während in den Zentren die fortschrittliche Avantgarde regiert (oder das, was sich dafür hält), haben in der Peripherie die Volksversteher und echten Schweizer das Sagen (oder die, die sich dafür halten). Unser Land besteht aus sehr unterschiedlichen Biotopen, aber am Ende ist es immer eine Schweiz. Folglich muss man Politik für das ganze Land machen und nicht nur für Klientelgruppen, ob urbane Schickeria im Kreis 4 oder Bauern im Toggenburg.

In diesem Kontext muss eine liberale Zeitung wie die NZZ einen klaren Standpunkt vertreten, aber zugleich der Debatte eine Plattform bieten. Denn ohne den Meinungsstreit, in dem man dem Gegenüber mit Respekt begegnet, verkümmert die öffentliche Sache, die Res publica.

Wir lassen uns deshalb nicht einschüchtern von autoritären Sprach-Codes, dem «Rechtsrutsch»- oder «Lügenpresse»-Geschrei, das besonders laut wird, wenn wir einer pointierten Stimme aus einem der beiden Lager das Wort geben.

Für die Bibel ist der Turmbau zu Babel die Metapher für eine Gesellschaft, die Gott herausfordert. Man kann das Gleichnis aber auch ins Positive wenden. Jede moderne Gesellschaft ist ein Turm, der sich immer weiter gen Himmel schraubt; ein Bau, der nie stillsteht, und eine fragile Konstruktion, wie alles, was Menschenhand hervorbringt. Wo die Bauarbeiten aufhören, endet die Weiterentwicklung, und der Verfall beginnt.

«Es wird der Turm zu Babel / Im Sturz zu nichts zerfallen.»

Nimmt die Sprachverwirrung überhand, verhalten wir uns wie Horden, die glauben, jede andere Horde habe prinzipiell unrecht, dann werden die westlichen Demokratien zwar nicht einstürzen, aber ihre Dynamik und Attraktivität verlieren. Die liberale Demokratie hat viele Gegner. Doch der einzige Gegner, der ihr wirklich etwas anhaben kann, sind wir selbst, wenn wir ihre Grundlagen zerstören.

Deshalb müssen wir den Turm gemeinsam weiterbauen. Wir müssen zur Verständigung über Gräben hinweg fähig bleiben und die polarisierenden Kräfte mit ihren Feindbildern in die Schranken weisen.


Aus: "Kommentar: Der eine schreit «Lügenpresse», der andere «Nazi»" Eric Gujer (18.4.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/meinung/der-eine-schreit-luegenpresse-der-andere-nazi-ld.1377703
« Last Edit: Juli 06, 2018, 08:47:51 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #749 on: Juli 06, 2018, 04:01:19 nachm. »
Quote
[...] BERLIN taz | Die Wirtschaft boomt. Von den steigenden Gewinnen profitieren aber vor allem die Vorstandsmitglieder und deren Vorsitzende, weniger die MitarbeiterInnen. Der Abstand zwischen den Vorstandsvergütungen und den Entgelten für die Beschäftigten in den 30 deutschen Dax-Konzernen ist im vergangenen Jahr deutlich gewachsen.

Die Vorstände von Dax-Unternehmen verdienten im vergangenen Jahr im Schnitt 71 Mal so viel wie durchschnittlich bezahlte Beschäftigte in ihren Firmen, so das Ergebnis einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. 2014 war es demnach „nur“ das 57-fache, was Vorstandsmitglieder bekamen.

„Die Schere öffnet sich weiter“, erklärte Marion Weckes, Studienautorin am Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung (IMU) der Hans-Böckler-Stiftung. Das Beratungsunternehmen hkp-Group hatte bereits darauf hingewiesen, dass die Gesamtvergütungen der Vorstandsvorsitzenden in Dax-Unternehmen im vergangenen Jahr auf im Schnitt 7,4 Millionen Euro gestiegen sind. Spitzenreiter ist SAP-Chef Bill McDermott mit einer Gesamtvergütung von 21,15 Millionen Euro. Aber auch Daimler-Chef Dieter Zetsche (13,04 Millionen) und BASF-Chef Kurt Bock (10,27 Millionen)verdienen recht ordentlich.

Die Vergütungsregelungen seien im Laufe der Jahre weiterentwickelt worden und nun auch transparenter, sagt Dominik Enste, Verhaltensökonom am arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW), der taz. „Die Steigerungen sind zum einen auf wirtschaftliche Erfolge zurückzuführen, zum anderen spielt bei der Steigerung vermutlich auch eine Rolle, dass durch die höhere Transparenz der Topgehälter die DAX-Vorstände sich untereinander vergleichen und damit der gewünschte Effekt der besseren Kontrolle durch mehr Transparenz konterkariert wurde.“

Mit anderen Worten: Wenn ein Vorstandsmitglied eines Automobilkonzerns mit drei Millionen Euro Gesamtvergütung im Jahr durch die neuen Transparenzregeln erfährt, dass ein Kollege in einem gleichwertigen anderen Automobilunternehmen mit allen Boni und Sonderzahlungen auf vier Millionen Euro kommt, könnte er dem Aufsichtsrat gegenüber Steigerungen auch für sich selbst beanspruchen.

Die sogenannte Pay Ratio, also das Verhältnis von Vorstandsgehältern zu den Löhnen, aus Gerechtigkeitsgründen pauschal zu deckeln, hält Studienautorin Weckes für problematisch. Denn es werden immer die Gehälter aller Beschäftigten, auch derjenigen im Ausland, ermittelt. Ein Unternehmen wie Adidas mit vielen Belegschaften im Ausland weist daher in der Studie eine tiefere Kluft zwischen den Durchschnittsentgelten der Beschäftigten und der Vergütung für den Vorstand in Deutschland auf als ein Konzern mit Personal hauptsächlich in Deutschland.

Man müsse sich aber in jedem Unternehmen fragen, „ob die Vorstandsvergütung angemessen ist“, sagt Weckes. Auch hier sind die Erfolgsmaßstäbe problematisch: Ein Konzern kann tausende von Arbeitsplätzen abbauen, den Gewinn steigern und damit auch die Boni und Bezüge für die Vorstandsmitglieder. Die Belegschaft hat nichts davon, im Gegenteil.

Quote

wirklich?

warum spricht denn das gegen eine Deckelung von sagen wir mal dem 20-fachen des schlechtesten Gehalts im Konzern, vielleicht bestände dann ja tatsächlich sogar ein Interesse daran, die Löhne am unteren Ende zu erhöhen, ja sogar im Ausland. Ausreden, Ausreden. Genauso dass man dann kein gutes Führungspersonal bekommt, alles Ausreden, zudem möchte doch kaum einer behaupten dass das Führungspersonal jetzt gut wäre...


Quote
jhwh

@wirklich? Seit wann bestimmen die Marionetten das Gehalt für den Puppenspieler?

...



Aus: "Die Bosse verdienen immer mehr" Barbara Dribbusch (6. 7. 2018)
Quelle: http://www.taz.de/Studie-zu-Vorstandsgehaeltern-und-Loehnen/!5519154/


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« Reply #750 on: Juli 06, 2018, 05:16:53 nachm. »
Quote
[...] Herman Gordon putzt gerade einen Computerraum an der Universität Bristol, als ihn ein Student anspricht: "Wir haben hier ein kleines Geschenk für dich." Als Gordon den Umschlag öffnet, kann er es erst nicht glauben - und fängt dann an zu weinen.

"Du hast uns viele unserer Tage versüßt, und wir möchten, dass du weißt, dass wir dich lieben und schätzen", heißt es laut Nachrichtenportal "Bristol Live" in einem Anschreiben, das die Studenten in einen Umschlag gesteckt haben - zusammen mit insgesamt 1500 britischen Pfund.

Das Geld ist für eine Reise nach Jamaika bestimmt, Gordons Heimat. Seit zwölf Jahren arbeitet er als Reinigungskraft an der Universität im Süden Großbritanniens - und hatte selten das Geld, um seine Familie zu besuchen. Nun kann er gemeinsam mit seiner Frau in die alte Heimat reisen.

Gemeinsam mit seinen Kommilitonen hatte der Student, der das Video filmte, das Geld für Gordon gesammelt. Per Crowdfunding-Aktion hatten die Studenten auf Gordons Fall aufmerksam gemacht - mehr als 230 Menschen spendeten daraufhin für seinen Urlaub. Schon nach wenigen Tagen war die Zielsumme erreicht.

Gordon sei der "Inbegriff von Fröhlichkeit", hieß es auf der Crowdfunding-Plattform. Nun könnten sie endlich mal etwas zurückgeben. Student Matthew betreute die Aktion unter dem Motto "Send Herman to Jamaica" - schicken wir Herman nach Jamaika. "Studenten erzählten auf der Spendenplattform davon, wie Gordon ihnen vor der Prüfung Mut zusprach, sich einfach so mit ihnen unterhielt oder ihnen von Jamaika erzählte", sagte er ABC News.

Für Gordon kam die Unterstützung völlig überraschend. Er habe nie erwähnt, dass er gerne wegfahren würde, sagte Gordon der BBC. Seine Freude mindert das nicht. "Ich danke allen, die für mich gespendet haben. Das zeigt mir wirklich, dass ich geliebt werde", sagt er im Video unter Tränen. Dann trocknet er seine Augen - mit einem Putztuch.

lmd


Aus: "Studenten spendieren Reinigungskraft Urlaub" (28.06.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/grossbritannien-studenten-spenden-reinigungskraft-1500-pfund-a-1215577.html

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« Reply #751 on: Juli 17, 2018, 10:56:38 nachm. »
Quote
Podunski #44

Hohe Kaufpreise und Mieten haben auch einen Vorteil, wenn man sie sich denn leisten kann. Sie halten ein Klientel fern, was man nicht unbedingt haben will. Klingt hart, ist aber so.


Kommentar zu: "Immobilienmarkt: Kaufpreise für Wohnungen in Berlin um mehr als 15 Prozent gestiegen" (17. Juli 2018)
Der Preisanstieg für Wohnimmobilien setzt sich unvermindert fort – vor allem in Metropolen. Niedrige Zinsen treiben die Nachfrage in die Höhe.
https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-07/immobilienmarkt-berlin-wohnungen-kaufpreise-anstieg?page=12#comments

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« Reply #752 on: Juli 25, 2018, 11:07:28 vorm. »
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[...] Die Staatsanwaltschaft Bielefeld hat Medienberichten zufolge erneut gegen den ehemaligen Topmanager Thomas Middelhoff Ermittlungen aufgenommen. Das berichten die Süddeutsche Zeitung und der Westdeutsche Rundfunk unter Berufung auf die Behörde.

Der frühere Arcandor-Chef Middelhoff war im November 2014 vom Landgericht Essen unter anderem wegen Veruntreuung von Konzernvermögen zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Er kam im November 2017 auf freien Fuß. Am 31. März 2015 stellte er laut dem Bericht Antrag auf ein Privatinsolvenzverfahren.

Unstrittig sei, dass in den Jahren vor der Privatinsolvenz immer mehr vom Middelhoff-Vermögen in Gesellschaften floss, die sein Anwalt Fromm kontrolliere, schrieb die Süddeutsche. Als Gegenleistung hätten diese Gesellschaften Middelhoff regelmäßig Geld überwiesen, damit er sein Privatleben sowie seine Gerichts- und Anwaltskosten finanzieren konnte.

Middelhoffs Insolvenzverwalter Thorsten Fuest habe dessen Rechtsanwalt Hartmut Fromm und seine Berliner Kanzlei beim Landgericht Bielefeld auf Zahlung von 5,1 Millionen Euro verklagt, berichtete die SZ. Der Inhalt dieser Klage habe auch die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen ausgelöst.

Die Klage fuße demnach auf einem Gutachten der Wirtschaftskanzlei Taylor-Wessing, berichtete. Sie habe im Auftrag des Insolvenzverwalters Middelhoffs Vermögenstransfers in den Jahren 2011 bis 2015 durchleuchtet. Die Gutachter seien zu dem Ergebnis gekommen, der Ex-Manager habe sein Privatvermögen systematisch auf Dritte übertragen, und das unter tatkräftiger Mithilfe von Fromm. Womöglich habe sich Middelhoff dabei einer Bankrott-Straftat schuldig gemacht und sein Freund der Beihilfe dazu.

Dem WDR gegenüber sagte Middelhoff, ein neues Verfahren sei ihm nicht bekannt. Der Vorwurf des Bankrotts sei bereits abschließend durch die Staatsanwaltschaft Bochum geprüft und eingestellt worden, die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Bielefeld würden seines Erachtens zu demselben Ergebnis führen, berichtet der WDR. Der Sender zitiert Middelhoff mit den Worten: "Sollte ich trotz rechtlicher Beratung einen Beurteilungs- oder Ermessensfehler begangen haben – den ich wirklich nicht erkennen kann –, werde ich natürlich zu meiner Verantwortung stehen."

Quote
Hagen Richard Zeppelin 4 #1

Ich habe sein Interview im Handelsblatt vor einigen Monaten gelesen. Er ist demütig geworden. Ich wünsche ihm, dass er einmal einen Schlussstrich wird ziehen können. Die aktuellen Vorwürfe kenne ich nicht im Detail, aber schon die damaligen drei Jahre fand ich überhart. Wenn man, um einem Stau zu entgehen, einen Helikopter mietet, ist das zwar sehr protzig und unnötig, aber in meinen Augen keine Veruntreuung, die ausreicht, einen für Jahre in den Knast zu werfen.


Quote
jackterrier #1.2

Dieser so ehrliche, aufrechte und gesetzestreue Mann hat in den Jahren 2011 - 2015 ganz bestimmt nicht ahnen können, dass irgendwann jemand auf sein Privatvermögen im Rahmen von Haftung zugreifen möchte. Und warum sollte er wohl dann Teile dieser Brosamen verschieben, zu seiner Frau oder wohin auch immer. Und Zuhilfenahme seines Freundes, einem Anwalt.

Nein, nein. Das sind boshafte Vermutungen von Journalisten im Sommerloch.

Sarkasmus off


Quote
  Stan_Smith #5.4

Man sieht dieses Verhalten auch bei Menschen, die nicht der "Elite" entstammen.
Schauen Sie sich bitte diverse Sportler, Modelle, Schauspieler... an, die nie eine höherbildende Schule von innen gesehen haben. Davon gibt es einige.
Viele kommen auf ihrem Reichtum nicht klar.


Quote
Munters #15

Der ist weder demütig noch sieht er seine Fehler ein.  ...



Aus: "Offenbar neue Ermittlungen gegen Ex-Manager Middelhoff" (24. Juli 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2018-07/staatsanwaltschaft-bielefeld-thomas-middelhoff-verfahren-arcandor

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« Reply #753 on: Juli 26, 2018, 11:21:31 vorm. »
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[...] Pause im Festspielhaus - und eine gut gelaunte Kanzlerin. Im Anschluss an die Premiere wurde Merkel gefragt, wie ihr die Oper "Lohengrin" gefallen habe. Ihre Antwort: "Wunderbar." ...


Aus: "Bayreuther Festspiele: Die Prominenz versammelt sich" (26.07.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/fotostrecke/festspiele-bayreuth-2018-politiker-bei-der-premiere-fotostrecke-162665-11.html

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« Reply #754 on: Juli 28, 2018, 06:43:14 nachm. »
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[...] ZEIT Campus ONLINE: Auf Twitter schreiben Sie, dass es junge Erwachsene gibt, die ihren Studienplatz nicht annehmen können, weil ihnen 400 Euro fehlen. Was steckt dahinter?

Katja Urbatsch: Ich bezog mich auf den Fall einer jungen Frau. Sie soll bis zum 3. August den Semesterbeitrag von 400 Euro zahlen, um immatrikuliert zu werden. Obwohl sie vorher eine Ausbildung gemacht hat und arbeitet, um ihre Lebenskosten zu bestreiten, kann sie das Geld nicht bezahlen. Auch ihre Eltern können ihr nicht helfen.


ZEIT Campus ONLINE: Ist das ein Einzelfall?

Urbatsch: Nein, überhaupt nicht. Diese Art von Anfragen häuft sich bei uns. Allein gestern Vormittag haben sich bei unserer Mitarbeiterin in Niedersachen vier Personen in einer ähnlichen Situation gemeldet. Aus meiner Sicht handelt es sich hierbei um einen Systemfehler, den niemand im Blick hat. Wir reden immer über Bafög-Erhöhung, aber wir reden nicht darüber, dass es für unsere Zielgruppe eines der größten Probleme ist, vor dem Studium in Vorleistung zu gehen. Die Semestergebühren sind nur der Anfang: Als Nächstes kommen Fahrtkosten, Umzugskosten, Kosten für Lebensmittel, die Kaution für das WG-Zimmer, die erste Miete.   

ZEIT Campus ONLINE: Aber genau für diese bedürftige Gruppe gibt es doch Bafög, Stipendien und Kredite?

Urbatsch: Ja, aber in der speziellen Situation des Studienbeginns hilft das nicht. Bei Krediten braucht man eine Bürgschaft, aber wenn man eine Bürgschaft hätte, braucht man keinen Kredit. Die Stipendien kommen alle viel später und werden nur an einen kleinen Teil der Studierenden vergeben. Das Bafög kommt erst, wenn man immatrikuliert ist, und dann auch noch sehr spät.

ZEIT Campus ONLINE: Wie kommt es zu dem Betrag von 400 Euro?

Urbatsch: Die 400 Euro setzen sich aus dem Studentenschaftsbeitrag, dem Semesterticket und den Verwaltungskosten zusammen. Der Betrag unterscheidet sich aber zwischen den einzelnen Universitäten und Fachhochschulen sehr voneinander. Ich war auch ziemlich geschockt über die 400 Euro. Da ich selbst Promotionsstudentin bin, zahle ich semesterweise noch 300 Euro Rückmeldegebühren an meine Universität und habe festgestellt, dass das in den letzten Jahren enorm angestiegen ist. Das waren früher mal 75 Euro. In manchen Regionen ist es sehr teuer geworden.

ZEIT Campus ONLINE: Was ist aus Ihrer Sicht falschgelaufen, dass angehende Studierende nun in dieser Situation stecken?

Urbatsch: Der Fokus bei der Studienfinanzierung liegt immer auf der Bafög-Erhöhung. Aber die Grundproblematik der Vorausleistung für Menschen aus finanzschwachen Familien wird nicht bedacht. Das macht mich wütend. Es wird nicht gesehen, dass wir dadurch unsere Studienfinanzierung immer nur auf eine Mittelschicht ausrichten, die noch irgendwo Geld hat. Mir ist es wichtig, dass jeder in Deutschland die Chance hat, zu studieren – gerade diejenigen, die aus finanzschwachen Familien kommen. Ein Problem ist auch, dass viele Politiker Akademiker sind und keinen Kontakt zu Menschen haben, für die das ein Problem ist. Auf Facebook hatte ein Nutzer unter meinem Post geschrieben, dass das Problem schon vor 20 Jahren bestand und er erstaunt darüber sei, dass sich nichts getan habe. Es hat einfach niemand darauf aufmerksam gemacht. Es gibt an einigen Universitäten und Studierendenwerken schon erste Ansätze, zum Beispiel eigene Darlehen. Aber das ist noch keine Gesamtlösung. 

ZEIT Campus ONLINE: Warum gibt es diese Lücke?

Urbatsch: Es wird sich zu wenig in die Lage von jungen Menschen hineinversetzt. Wenn ich zum Beispiel auf dem Land lebe und mich in Berlin um einen Studienplatz beworben habe, muss ich auch überlegen, wie ich nach Berlin komme und woher ich das Geld dafür nehme. Man kann nebenbei jobben, aber wie lange muss man dafür arbeiten? Es geht hier um eine Gruppe, die ohnehin schon belastet ist und dann zusätzlich noch kämpfen muss. Am Ende studieren doch wieder diejenigen, die von ihren Eltern unterstützt werden können. Der Semesterbeitrag ist dafür nur die erste Hürde. Der kommt im nächsten Jahr wieder und bedeutet wieder eine neue Herausforderung.

ZEIT Campus ONLINE: Kann man diesem Problem entgegenwirken?

Urbatsch: Wir haben sehr viel darüber diskutiert. Wie soll jemand, der aus einer Hartz-4-Familie kommt, diesen Studienbeitrag im Voraus zahlen, wenn man nur 100 Euro zusätzlich verdienen darf und die Familie gar nicht mehr haben darf? Vielleicht müsste man die Gebühren für bestimmte Zielgruppen reduzieren oder erlassen. Wendet man sich nämlich an Institutionen, die einen Vorschuss bezahlen, bedeutet das auch gleich wieder Schulden. 

ZEIT Campus ONLINE: Sie begleiten nun schon seit zehn Jahren junge Studieninteressierte und Studierende. Was hat sich verändert?

Urbatsch: Ich finde, es hat sich viel zum Positiven verändert. Vor zehn Jahren hatten die Hochschulen das Thema gar nicht im Blick. Wir mussten die Probleme stärker erläutern und auf die Agenda setzen. Inzwischen sind wir in der Diskussion weiter. Jetzt gibt es Förderprogramme, eigene Angebote der Hochschulen und Stipendien. Aber angesichts anderer Themen wie dem Azubimangel habe ich manchmal den Eindruck, dass das Thema nach hinten gedrängt wird und dass sich nun eher auf andere Zielgruppen konzentriert wird.
ZEIT Campus ONLINE: Sie selbst sind in einem nicht akademischen Elternhaus groß geworden. Hatten Sie auch dieses Problem?

Urbatsch: Ich komme zwar aus einer nicht akademischen Familie, wir gehörten aber zur Mittelschicht. Meine Eltern konnten mich unterstützen. Viele meiner Freunde haben sich allein aufgrund der Angst vor Finanzierungsfragen gegen das Studium entschieden. Das ist häufig schon so abschreckend, dass man gar nicht erst anfängt, sich damit auseinanderzusetzen. Bei anderen Freunden in schwierigen sozialen Lagen habe ich gemerkt: Es war ein riesiger Kampf.

ZEIT Campus Online: Was muss sich bildungspolitisch in Deutschland verändern, damit Bildungsgerechtigkeit erreicht werden kann?

Urbatsch: Es muss eine Lobby oder ein Gremium aus der Hochschulverwaltung sowie Politikerinnen und Politikern geben, das sich damit befasst und Bewusstsein dafür schafft. Mithilfe eines konkreten Falls könnte man sich die Hürden genau anschauen und überlegen, wie man sie am besten abbauen könnte. Es tut sich wenig, weil es die Mehrheit nicht betrifft. Auch diejenigen, die in Führungspositionen und den Hochschulverwaltungen sitzen, sind nicht davon betroffen. Aber wir müssen den Diskurs nutzen und weiterführen, das bringt uns voran. 

Quote
Danke für dieses Geräusch #1.2

Meine Töchter studieren derzeit beide in England. Ich sehe monatlich auf dem Konto, was gute Bildung kostet.
In Deutschland kostet ein Studium nur einen Bruchteil, was ich durch üppige Steuerzahlungen mit ermögliche.
Ich finde das System gut, wie es ist.


Quote
roland_s #1.6

Für Sie vielleicht mal ein Beispiel:

Alleinerziehende mit Tochter.
Bruttowarmmiete 560 €.

Bis zum Abi wird alles über 100 € verrechnet.

Entfallen auf die Tochter nach dem Abi 280 € Mietanteil. Die Tochter muss sich voll selbst versorgen inklusive Anteil an Strom, Telefon etc. Rechnen wir dafür mal den ALG II-Satz rund 400 €. Alles was über 1080 € verdient wird, muss in die Haushaltsgemeinschaft gehen. Völlig egal, wie viel davon noch als Weg zur Arbeit etc. Gebraucht wird. Der Spielraum zu sparen für: Kaution, Studiengebühren für das erste Jahr = 2 Semester, Möbel, etc. Ist da verdammt gering.

... Und noch zum Dritten: Fakt ist, dass der Bafög-Antrag teilweise bis zu 6 Monate Bearbeitungszeit hat, bis das erste Geld fliesst. Dispo? Den kriegen Menschen mit dem Hintergrund oft nicht oder sehr teuer. Ergo müsste man eigentlich auch noch für bis zu ein halbes Jahr Noteinkommen bunkern. ...


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Danke für dieses Geräusch #1.11

"Ich wünsche Ihnen vom Herzen, dass sich wenigstens eine Ihrer Töchter von Ihnen emotional und weltanschaulich entfernt und einen schwarzen, türkischen, russischen....wie auch immer nicht-Akademiker Freund mit nach Hause bringt." Meine Frau ist eingebürgerte Türkin, meine Töchter sind Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund.
Ich selbst bin bei einer mehrfach persönlichkeitsgestörten, alleinerziehenden Mutter aus einer Fluchtfamilie (Ostpreußen) aufgewachsen. Als Kind trug ich Plastiktüten in den vom Bruder geerbten Winterstiefeln, um keine nassen Füße zu bekommen. Die Tüten versteckte ich vor meiner Mutter, damit sie kein schlechtes Gewissen bekommt.
Ich denke, ich würde mit einem nicht-Akademikerfreund von welcher Herkunft auch immer klarkommen.

"Danke für dieses Geräusch - leider am Thema vorbei, sechs, setzen!"

Dann haben Sie das Thema nicht verstanden. Die Autorin möchte, dass Geld locker gemacht wird. Das Geld ist aber schon sehr locker.
Ganz spezifisch geht es um diesen Absatz:
"Vielleicht müsste man die Gebühren für bestimmte Zielgruppen reduzieren oder erlassen. Wendet man sich nämlich an Institutionen, die einen Vorschuss bezahlen, bedeutet das auch gleich wieder Schulden. "
Damit Studienanfänger S keine 400 Euro Schulden aufnehmen muss, soll die Gemeinschaft bezahlen.

... „Wo soll das denn bitte sein, dass Eltern pro Monat 6000 Euro bezahlen? Das ist doch so was von Fake.“

In den USA gibt es Schulen für 100k USD jährlich.

Von Deutschland habe ich das aber noch nicht vernommen. Aber auch in D werden sich die Verhältnisse wohl ändern.




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W Schaefer #6

In Zeiten von 1000 € Konsumkrediten zum Nullzins kann ein Studium eigentlich nicht an 400 € scheitern.


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bromfiets #6.1

Wer den Konsumkredit mangels Bonität nicht bekommt, hat ein Problem.


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Praxx #9

Unnötiges Klassenkampfvokabular! In den letzten 50 Jahren ist die Abi-Quote von 10% auf über 50% angestiegen und damit natürlich auch der Anteil von Studierenden aus "Nichtakademiker-Haushalten". Wenn man sieht, wieviel Geld für Abifahrten, Abibälle und Abiballklamotten ausgegeben wird, mag ich nicht glauben, dass für Wichtiges wie Semestergebühren dann kein Geld mehr da sein soll!


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roland_s #9.2

Sie haben schon mitbekommen, dass es hier gerade nicht um das Klientel geht, dass 1000e Euro für einen Abiball ausgibt!
Hochnäsige Arroganz von Menschen, die nicht mal bereit sind, sich zu informieren, bevor sie bewerten.


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vlavo #11

Mein Studium als Mensch mit Migrationshintergrund hat sich angefühlt wie ein Drahtseilakt im Zirkus ohne Absicherung. Man steht unter genauer Beobachtung. Manche haben Angst um dich, andere sidn neugierig und gucken wie du dich anstellt und fragen sich ob sie das auch könnten (billigen Plätze), andere kitzelt die Sensationslust an deinem möglichen Sturz, aber auch dissozierte Bewunderung erlebt man (die sitzen dann auf den Logenplätzen). Am Ende dann: Manche sind enttäuscht dass du nicht abgeschmiert bist, andere weil sie jetzt sehen, dass es doch möglich ist aber für sie jetzt zu spät. Wiederum andere sind sehr erleichtert, sehen dass die aus der Loge kommen und dich kennenlernen wollen und dir die Hand schütteln. ...


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sx711 #11.2

Einfach nur Gelaber. Unglaublich was Sie hier für einrn Müll verzapfen. An der Uni Vaihingen sind zu 90% Menschen ausländischer Herkunft eingeschrieben in den Naturwissenschaften. Da wird NIEMAND dumm beäugt. Habe eher den Eindruck hier schreibt Erdoganbeauftragter spalter. Lächerlich!!!

Gruss ein polnisch-deutscher Ausländer


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schwarzwaldtib #13

Wer es nicht auf die Reihe bekommt, solche Beträge mittelfristig einzuplanen, zu erwirtschaften und sich auf den Standpunkt zurückzieht, das Bafög käme zu spät und das sei ein Problem, hat in einem Studium nichts zu suchen. Ich hätte nicht gedacht, dass solche grundlegenden Dinge wie "so überlebe ich in einer Marktwirtschaft" quasi als Zugangsvoraussetzung für ein Studium herhalten müssen. Aber vielleicht ist das auch nicht Verkehr.


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DerJoker1991 #13.1

Sie waren vermutlich auch schon in jungen Jahren absolut Reif und wissen worauf zu achten ist? Vermutlich haben Sie auch direkt im Studium gewusst worum es geht, wie man lernt und wie man alleine zurecht kommt. Falls ja, meinen Glückwunsch. Sie sind eine Seltenheit. Dennoch ist es für die meisten erst mal was völlig neues. Ein anderes Leben mit dem man zurecht kommen muss. Zum Glück entscheiden sie nicht wer in einem Studium etwas zu suchen hat.


...


Aus: "Arbeiterkind: "Die Studienfinanzierung ist nur auf die Mittelschicht ausgerichtet" " Interview: Friederike Hoppe (28. Juli 2018)
Quellle: https://www.zeit.de/campus/2018-07/arbeiterkind-studium-finanzierung-bewerbung-mittelschicht-gebuehren-immatrikulation/komplettansicht

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« Reply #755 on: Juli 28, 2018, 07:11:38 nachm. »
Quote
[...] Wohin mit dem Picasso? Zum Beispiel in eine Kammer im Le Freeport in Luxemburg. 2014 wurde das Lagerhaus am Flughafen eröffnet, es mutet an wie ein Museum. Vor allem Kunstsammler gehören zu den Kunden.

Damit die Werte unbeschädigt bleiben, werden Temperatur und Luftfeuchtigkeit kontrolliert. 300 Überwachungskameras sichern den Speicher. Falls es brennt, wird nicht mit Wasser gelöscht, stattdessen entzieht eine Anlage der Raumluft den Sauerstoff, um das Feuer zu ersticken. Ebenso interessant dürfte für die Mieter sein, dass das Lagerhaus im internationalen Bereich des Flughafens liegt. Dinge, die dort aufbewahrt werden, sind quasi im Transit. Bei Verkäufen wird daher keine Mehrwertsteuer fällig, und auch der Zoll nimmt keine Gebühren. Einer der Eigentümer ist der Kunsthändler Yves Bouvier. Gegen ihn ermittelt gerade die Staatsanwaltschaft Genf. Ein russischer Kunde fühlt sich von ihm bei einem Kunstkauf betrogen. Bouvier streitet das ab.

Am internationalen Flughafen lagern in Kammern Gold, Gemälde, teure Weine und Schmuck. Es gibt auch Räume, in denen man für Privatgeschäfte Kunst ausstellen kann. Zu den Kunden gehören Auktionshäuser, Galerien, Banken und wohlhabende Sammler. Die Lagerkosten hängen von der Größe der Kammern ab. Niemand weiß, welche Werte in den Kammern aufbewahrt werden. Diskretion gehört zum Geschäft. Darin ähneln die Luxus-Lagerhäuser den Offshore-Finanzplätzen: Sie bieten Sicherheit und Diskretion, es werden nicht zu viele Fragen gestellt.

In der Schweiz gibt es derartige Speicher in Chiasso, Zürich und Genf. Die Lagerfläche in Genf hat die Ausmaße von rund 22 Fußballfeldern, wie der »Economist« berichtet. Laut der »New York Times« sollen dort 1000 Gemälde von Pablo Picasso aufbewahrt sein. Auch für Bankkunden, die nicht versteuertes Vermögen besitzen, könnten die Speicher praktisch sein. Im Zuge des Automatischen Informationsaustauschs (AIA) über Bankguthaben, zu dem sich rund 100 Länder weltweit verpflichtet haben, droht das Schwarzgeld entdeckt zu werden. Sicherer ist es daher, das Vermögen in Kunst oder Gold anzulegen und ineinem Lagerhaus aufzubewahren. Diese sind nicht vom AIA erfasst. ...



Aus: "Geldspeicher im Niemandsland" Ingo Malcher (2018)
Quelle: https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2018/geld/geldspeicher-im-niemandsland

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« Reply #756 on: Juli 30, 2018, 03:57:16 nachm. »
Quote
[...] BERLIN dpa | Der Anwalt von Ex-VW-Chef Martin Winterkorn prüft juristische Schritte gegen die Staatsanwaltschaft Braunschweig. „Wir erwägen, Strafanzeige wegen Verrats von Dienstgeheimnissen zu stellen“, sagte Rechtsanwalt Felix Dörr. Auslöser waren Berichte in der Bild am Sonntag.

Das Blatt hatte aus den Ermittlungsakten der Behörde zum Abgasskandal zitiert, wonach es Steuerermittlungen gegen Winterkorn gibt. Es geht unter anderem um die Überweisung von insgesamt rund zehn Millionen Euro auf Schweizer Konten. Laut Staatsanwaltschaft besteht der Verdacht, dass fällige Steuern nicht bezahlt worden seien.

„Die Staatsanwaltschaft in Braunschweig muss mir den tieferen Sinn des Vorgehens erläutern“, sagte Dörr. Angaben über die persönlichen Vermögensverhältnisse und Steuerfragen hätten nichts in den Akten zu den Abgasermittlungen zu suchen.

Das Steuerverfahren begann im Jahr 2017 zunächst mit Ermittlungen der Staatsanwaltschaft München wegen des Verdachts auf Geldwäsche. Da die Ermittler einen Zusammenhang mit dem VW-Dieselskandal vermuteten, übernahm die Staatsanwaltschaft Braunschweig den Vorgang und fügte die fünf Steueraktenordner zu den Dieselakten hinzu.

In den Dieselermittlungsakten ist nun zu lesen, dass Winterkorn 2016 und 2017 hohe Millionenbeträge auf ein Treuhandkonto seines Steuerberaters überwiesen hatte. Von dort floss das Geld in Depots nach Zürich. Eines dieser Depots wurde Winterkorns Ehefrau zugeordnet. Die Ermittler haben laut Bild am Sonntag den Verdacht, dass ein Teil der Überweisungen eine Schenkung gewesen sei, für die mehr als eine halbe Million Euro Schenkungssteuer angefallen wäre.

In einem Vermerk hat die Staatsanwaltschaft festgehalten, dass Winterkorn vermutlich Vermögenswerte in die Schweiz verschoben habe, um einen „Notgroschen“ zu haben. In der Dieselaffäre drohen hohe Schadensersatzansprüche von VW, sollten ihm Pflichtverletzungen nachgewiesen werden.

Zu den steuerrechtlichen Vorwürfen sagte Rechtsanwalt Dörr, es sei die höchstpersönliche Entscheidung von Winterkorn, wo und durch wen er sein Geld verwalten lasse. Ein Geldtransfer von einer deutschen Bank in die Schweiz sei rechtlich völlig in Ordnung.

Die Bank betonte am Sonntag, sie beachte alle gesetzlichen Regelungen. Die Schweizer Gesetze erlaubten es ihr nicht, bestehende oder auch nicht bestehende Kontoverbindungen zu kommentieren. „Darüber hinaus weisen wir auf den seit 2018 bestehenden automatischen Austausch von Informationen über Finanzkonten zwischen der Schweiz und Deutschland hin, mit dem vollständige Transparenz geschaffen wurde.“


Aus: "Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung: Winterkorn im Stress" (30.7.2018)
Quelle: https://www.taz.de/Ermittlungen-wegen-Steuerhinterziehung/!5520307/


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« Reply #757 on: Juli 31, 2018, 09:50:43 vorm. »
Quote
[...] Investigate Europe ist ein Team von zehn Journalisten aus neun europäischen Ländern. Sie recherchieren gemeinsam Themen, die für ganz Europa wichtig sind – und teilen die Ergebnisse. Unterstützt wird das Projekt durch die Hans-Böckler-Stiftung, die norwegische Stiftung Fritt Ord, die Stiftung Hübner & Kennedy, die GLS Treuhand, die Schöpflin-Stiftung, die Rudolf-Augstein-Stiftung und die Open Society Initiative for Europe. Das Team kooperiert mit den NGOs Journalismfund und N-Ost. Die Recherchen zu den Privatfliegern werden in ganz Europa veröffentlicht.

... Das Schwarzgeld überbrachte der Chef gern persönlich. Mehrmals pro Jahr steuerte er dafür mit seinem Privatjet den kleinen Flugplatz von Cascais an, einem Vorort an der Küste bei Lissabon. Sein Mitarbeiter übernahm die wertvolle Fracht dann gleich am Flugfeld, um sie später auf die Konten der Organisation bei verschiedenen Banken einzuzahlen.

Auf diesem Weg soll der Brasilianer Edir Macedo, Gründer und „Bischof“ der Sekte „Universalkirche des Gottesreiches“, über Jahre bis zu fünf Millionen Dollar jährlich von Angola nach Europa geschafft haben, um damit seine europäischen Unternehmungen zu finanzieren. Das berichtete im März 2018 sein früherer Statthalter in Europa.

 Macedo, 73, predigt eine „Theologie des Wohlstands“, wonach Reichtum Ausdruck eines gottgefälligen Lebens sei. Dafür kassiert seine „Universalkirche“ von mehr als sechs Millionen Anhängern hohe Tribute, das machte ihn zum Milliardär. Seine Organisation steht seit Jahren im Verdacht, illegale Geldgeschäfte zu betreiben. Macedos Anwälte bestreiten das, aber sowohl in Brasilien als auch in Portugal ermitteln die Behörden.

Für die Reisen des selbst ernannten Bischofs nach Europa war das kein Problem. Am Flughafen Cascais sind keine Grenzpolizisten stationiert. Passagiere, die mit dem eigenen Flieger kommen, können in der Regel unkontrolliert einreisen.

Keine Kontrollen? Einreisen ohne Prüfung des Gepäcks, Datenabgleich mit den Fahndungslisten und Eintrag ins Fluggastdatenregister? Das scheint in Zeiten der EU-weit geschürten Angst vor Terroristen, Mafiosi und illegalen Migranten bestenfalls ein Versehen.

Doch genau das ist in zahlreichen weiteren EU-Ländern gängige Praxis, auch in Deutschland. Für die gut betuchten Nutzer von privaten Flugzeugen, das ergeben Recherchen von „Investigate Europe“, gilt europaweit ein Sonderrecht: Nicht nur können sie mit ihren Business-Jets, Hubschraubern und Sportflugzeugen hunderte kleinere Flughäfen ansteuern, wo sie nur oberflächlich oder gar nicht kontrolliert werden. Zugleich werden auch – anders als bei gewöhnlichen Flugpassagieren – ihre persönlichen Daten nicht in den Datenbanken gespeichert, mit denen die EU-Staaten die Reisen aller übrigen Bürger überwachen.

 Dieser laxe Umgang mit den Privatfliegern sei „grob fahrlässig“ und berge „ein Sicherheitsrisiko“, warnt Arndt Krummen, Fachmann der für die Grenzsicherung zuständigen Bundespolizei bei der Gewerkschaft der Polizei.

Wie anfällig diese Praxis für kriminellen Missbrauch ist, belegt etwa der Drogen-Lieferdienst von vier Franzosen, der als „Air Cocaine“ Schlagzeilen machte. Sie brachten ihre Ware mit einem Jet vom Typ Dassault Falcon regelmäßig nach Frankreich und Belgien. ...

Derzeit sind in Deutschland 88 kleinere Flugplätze als Grenzübergangsstellen zugelassen. Dort reisten allein im Jahr 2017 mehr als 11 000 Passagiere aus Ländern ein, die nicht zur kontrollfreien Schengenzone der EU gehören.

Trotzdem wurden weder die Dokumente noch das Gepäck der meisten dieser Besucher von Zollbeamten kontrolliert. Stattdessen werden „Hilfspolizeibeamte“ bestellt, „wenn der Einsatz von Polizeivollzugsbeamten unwirtschaftlich wäre und eine Schließung der Grenzübergangsstelle nicht in Betracht kommt“, bestätigt die Bundespolizei.

Dabei handele es sich in der Regel um „Mitglieder der örtlichen Flugleitung“, die allerdings keinen Zugang zu den Fahndungsdatenbanken haben und lediglich einen Blick in die Pässe werfen können. „In Zweifelsfällen“ sei aber „stets Rücksprache mit der Grenzbehörde zu halten“.

So läuft es zum Beispiel in Schönhagen bei Trebbin. Der dortige Flugplatz, eine Autostunde von Berlin entfernt, „ist bei Geschäftsleuten sehr beliebt“, erzählt ein Grenzer, und „für Business Aviation optimal ausgebaut“, wie die Werbung der Flughafengesellschaft verspricht.

Röntgenapparate und Metalldetektoren, wie sie an den großen Flughäfen üblich sind, gibt es hier nicht. Wer das kleine Terminal betritt, steht sofort am Schalter, der aussieht wie der Empfangstresen eines Hotels. Der freundliche Flugleiter ist gleichzeitig auch für die Abfertigung zuständig. Wenn eine Maschine aus einem Land ankommt, in dem das Schengen-Abkommen nicht gilt, ist er es, der die Pässe der Passagiere kontrolliert. Diese Art zu reisen werde vielfach als „Luxus abgestempelt“, erklärt Geschäftsführer Klaus-Jürgen Schwahn. Für viele Manager sei es „aber, vor dem Hintergrund der zunehmenden Globalisierung, die einzige Chance, einen engen Zeitplan an Terminen überall in Europa wahrzunehmen“.

... Immerhin ist man im deutschen Innenministerium nicht mehr ganz so sicher, ob das Laissez-faire an den Flugplätzen der Reichen nicht doch ein Risiko birgt. Es sei „nicht auszuschließen, dass Kriminelle versuchen, gegebenenfalls weniger umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen auf kleinen Flugplätzen für illegale Zwecke auszunutzen“, gab Seehofers Sprecherin zu.

... Da ist die belgische Regierung schon weiter. Ihr Gesetz schreibt die Erfassung sämtlicher Flugdaten vor. „Spätestens ab Ende 2019 werden wir die Informationen über die Passagiere aller Flüge bekommen“, versichert ein Sprecher des Innenministeriums, „ganz egal, ob sie mit dem Jumbojet oder ihrem Privatflugzeug anreisen.“

Quote
DerJoker 30.07.2018, 23:04 Uhr
Man will es nicht glauben, weil es nach "Verschwörungstheorien" klingt, aber die haben recht! Was mensch sich ausdenken kann, gibt es auch. In München wird ein halber Flughafen gesperrt und tausende Reisende in der Hitze warten  und auf Feldbetten schlafen lassen, weil eine harmlose Frau guten Glaubens durch eine unbewachte Sperre durchgelaufen ist. Aber Privatflugzeuge mit allerlei Schmuggelware an Bord, gut bezahlenden (auch Steuer-) Flüchtlingen, Mafiosi und sonstige Verbrecher dürfen unkontrolliert ins Land ...


Quote
glaubich 30.07.2018, 21:47 Uhr
Früher in den 80 zigern wurde von Forchheim bei Karlsruhe ein Grossangelegter Goldschmuggel(Mehrwertsteuerhinterziehung) betrieben von Volksbank,Dresdner(mittlerweile geschluckt) und Anderen Banken betrieben und aufgedeckt! Es ging um good delivery Gold 12,5 kg  99,5 % Au Barren in Kleinflugzeugen aus der Schweiz.


Quote
GBB 30.07.2018, 20:34 Uhr
keine Kontrolle
bei Landungen auf deutschen Kleinflughäfen wurde ich noch nie kontrolliert, weder Pass noch Gepäck. Meistens reichte dem Typen im Tower die Anzahl der Passagiere, Nachfragen gab es kaum.
Drogen, Waffen oder Menschen nach Deutschland zu schmuggeln ist relativ leicht und ungefährlich.


Quote
jetbundle 30.07.2018, 18:42 Uhr
Schon allein die Schlagzeile ist ein Ding der Unmöglichkeit. Der Tagesspiegel stört sich an "Spaltung" der Gesellschaft? Und selber legt er einen Hammer drauf.

Im Übrigen, rational statt ideologisch-reisserisch (mit einer ordentlichen Vermischung unterschiedlicher Aspekte, damit es noch schwerer nachzuvollziehen ist) betrachtet ist es doch einfach:
1) Die private Luftfahrt unterliegt nicht überall den Sicherheitsregeln für Passagiere wie die Fluglinien, weil eben das Gefährdungspotenzial nicht besteht. Ein Anschlag auf eine 1-motorige Cessna? Von wem? Von der Eherfrau auf dem Copilotensitz? Beim Übergang vom GA Bereich in den Linienbereich muss man natürlich durch die Sicherheitskontrolle.
2) Genau so wenig wie es Datenbanken über Passagiere von PKW, Fahrrädern oder Ruderbooten gibt gibt es Datenbanken über Passagiere von Kleinflugzeugen.
3) Passagiere in der allgemeinen Luftfahrt unterliegen genau den gleichen Grenz- und Zollkontrollen wie Linienpassagiere. Wenn die Polizei meint dass die technischen Möglichkeiten auf den kleinen Flugplätzen nicht ausreichen sollen sie dort eine Abfragemöglichkeit der Datenbanken einrichten. Ach ja, ich wurde per Linie auch noch nie vom Zoll kontrolliert, auch wenn ich mit zwei dicken Koffern angekommen bin.

Und nur zur Infomation: Nicht jeder Passagier der allgemeinen Luftfahrt oder Privatpilot ist reich. Fliegen ist nicht gerade ein billiges Hobby, aber ich kenne durchaus Normal- bis Gutverdiener die im Flugverein sind. Ebenso fliegen auch mal Gutverdiener oder "normale" Berufstätige aus welchen Gründen auch immer privat. Ist vielleicht teurer als Ryanair aber auch kein Luxusprivileg und im Normalfall weniger komfortabel als Business Class.


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rowa1 30.07.2018, 19:21 Uhr
Antwort auf den Beitrag von jetbundle 30.07.2018, 18:42 Uhr
Es geht hier nicht um Hobbypiloten und Kleinflugzeuge. Es geht um die Einreise in den Schengen-Raum (bzw. den Zollraum). Und abgesehen von Großbritannien dürfte es kaum relevante Ziele außerhalb Schengens geben, die sich von hier mit der Cessna erreichen lassen. Zolltechnisch ist eigentlich nur die Schweiz problematisch.

Die Angelegenheit betrifft ja nur sehr wenige Leute, und da frage ich mich schon, warum man dafür über 80 Grenzübergänge braucht. Es täten ja auch eine Handvoll. Und da kann man dann für die Abfertigung auch eine kostendeckende Gebühr verlangen.

Der Vollständigkeit halber sollte man allerdings erwähnen, daß es diese Problematik auch in Yachthäfen gibt.


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Nordmann_berlin 30.07.2018, 13:42 Uhr

    Ohnehin werde „das Risiko, dass auf diesem Wege potenzielle Terroristen ins Land gelangen, derzeit als eher gering eingeschätzt“, erläuterte sie zur Begründung.

Nach 9/11 wäre es ja auch eine völlig neue Erkenntnis, dass Terroristen Fluglizenzen erwerben. ...


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Gipsy 30.07.2018, 13:41 Uhr
Na super! Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, - nur manche sind halt gleicher. Es könnte ein Witz sein, aber was sagt und das? ...
Kaum ein Hund beißt die Hand, die ihn füttert. - Warum sollten Politiker sich anders verhalten?


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Pressekritiker2 30.07.2018, 22:23 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Gipsy 30.07.2018, 13:32 Uhr

    Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, - nur manche sind halt gleicher.

Natürlich sind alle gleich. Es geht hier nicht um die Unterscheidung von Menschen, sondern um verschiedene Bereiche der Luftfahrt und verschiedene Unternehmensformen.

Die Anforderungen an einen professionellen LKW-Fahrer sind von Gesetzes wegen auch höher als die an einen privaten Sprinter-Fahrer, und trotzdem sind beide vor dem Gesetz gleich.


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gesundermenschenverstand 30.07.2018, 14:43 Uhr
vielen dank für diese investigative recherche

mal wieder mit haaresträubendem resultat. ...


...


Aus: "Sicherheitslücken an Flugplätzen: Reiche werden nicht kontrolliert"  Harald Schumann und Elisa Simantke  (30.07.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/sicherheitsluecken-an-flugplaetzen-reiche-werden-nicht-kontrolliert/22852408-all.html


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« Reply #758 on: Juli 31, 2018, 01:01:38 nachm. »
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[...] Es ist eine Geschichte, wie die bunten Blätter sie lieben – und erst recht deren Leser. Ein Unternehmer und Patriarch, Mitglied der Hamburger High Society, überwirft sich mit seinem Sohn und Erben – und beschließt, für Ersatz zu sorgen. Per Adoption. Allein dieser Plot wäre schon aufsehenerregend. Dass aber der ungnädige Vater der Chef der deutschen Kaffeerösterdynastie Darboven ist und der ausersehene Ersatzerbe der Spross der direkten Konkurrenz Jacobs aus Bremen: Das katapultiert den Stoff in den Rang einer Affäre. Und wer die Hamburger Kaufleute kennt, ahnt bereits: Der Skandal ist nicht weit. Ausgerechnet zum Hamburger Galopp-Derby Anfang Juli, einem Muss-Rendezvous der Reichen und Schönen, wurde der Plan von Albert Darboven (82) publik. Und zwischen Hüten und Hummer hechelten die Hanseaten das Haarsträubende durch. Der Zeitpunkt war umso pikanter, als J. J. Darboven mit seiner Traditionsmarke Idee Kaffee Hauptsponsor des Pferdeevents war und der Patriarch höchstpersönlich auf der Galopprennbahn die Honneurs machte und entgegennahm [bildungssprachlich, veraltet: bei einer Veranstaltung die Gäste begrüßen]. Auf Erkundigungen in der Familiensache reagierte er ungnädig: "Kein Thema."

Dabei war Albert Darboven natürlich klar, dass die Derby-Gesellschaft selbst den mit einer Idee-Kaffee-Decke geschmückten Sieger "Weltstar" nicht halb so spannend fand wie den Bruch zwischen ihm und seinem Sohn Arthur Ernesto (54). Von dessen Mutter Inés Alicia de Sola Oppenheimer, Tochter eines Kaffeebarons aus El Salvador, ließ Darboven sich nach zwölf Jahren Ehe 1973 scheiden. Er heiratete daraufhin im selben Jahr Edda, Prinzessin von Anhalt-Dessau. Gemeinsam mit ihr bestätigte er am Nach-Derby-Montag den Klatsch – per Pressemitteilung. "Meine Frau und ich", heißt es darin, "wünschen uns, Herrn Dr. Jacobs auch ganz offiziell in unsere Familie aufzunehmen." Und weiter: "Wir wünschen uns, dass er unser Lebenswerk in allen Bereichen fortsetzt." Die öffentliche Bestätigung der Darboven-Idee hat Sohn Arthur Ernesto zumindest indirekt erzwungen – gemeinsam mit seinen Cousins Arndt und Behrendt Darboven und deren Mutter Helga. Die vier veröffentlichten am Derby-Wochenende einen offenen Brief, in dem sie vor einem "Bruch mit den Werten des Unternehmens und der Familie" warnen – und weiter schreiben: "Es ist für uns überhaupt nicht nachvollziehbar, dass Albert Darboven, unser Vater beziehungsweise Onkel, die Führung des Familienunternehmens an Dr. Andreas Jacobs übertragen will."

Die Jacobs-Familie hat ihr Unternehmen in der Hamburger Konkurrenz-Hansestadt Bremen zunächst 1982 durch eine Fusion mit der Schweizer Interfood AG erweitert. Acht Jahre später wurde das Unternehmen als Jacobs Suchard an den US-Konzern Kraft Foods verkauft. Andreas Jacobs (54) leitete danach bis 2015 die Holding der Familie, die mit einem Milliardenvermögen zu den reichsten Deutschen gezählt wird. Inzwischen nennt er sich Investor und lebt in Hamburg. Aber nicht nur räumlich sind sich Darboven senior und sein Wunschsohn Jacobs sehr nahe. Sie teilen auch ihre Leidenschaft für schnelle Pferde. Darboven besitzt das Gestüt Idee und war selbst jahrzehntelang als Polospieler aktiv.

Sohn Arthur, seine Vettern und deren Mutter, denen zusammen 42,5 Prozent des Unternehmens gehören, halten die Hippophilie für keine ausreichende Qualifikation. Den Verkauf von Jacobs-Kaffee wenden sie gegen den Konkurrenten ums Erbe. "Uns Darbovens liegt der Kaffee im Blut", schreiben sie, "was wir bei Dr. Jacobs bezweifeln müssen." Zudem hätten die Firmen Darboven und Jacobs sich schon vor Gericht treffen müssen. So weit ist es zwischen Darboven senior und junior bislang nicht gekommen. Sie trennten sich, zunächst geschäftlich, 2008, nach Streitigkeiten über die Unternehmensstrategie. Konkreter Anlass war der "Coffee Erotic", den Arthur Ernesto ins Sortiment aufnehmen wollte. Vater Albert fand das indiskutabel.

Ein spannender Aspekt am Rande ist zweifelsohne, wie Albert zum vierten Chef der Dynastie Darboven wurde: Sein kinderloser Großonkel Arthur Darboven beschied 1948 den zwölfjährigen Albert Hopusch aus Darmstadt: "Du wirst einmal mein Nachfolger." Und – adoptierte ihn.

Quote
immer STANDFEST

Der NEG Virus
Hier wütet der NEG Virus = Neid,Eifersucht,Gier!

Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern und deren Familien sieht anders aus!
Passiert übrigens auch im Kleinen, ist der Nachteil von Familienunternehmen.


Quote
alt-heli .

So hat jeder seine Sorgen.... ;-)


Quote
Anonüm

Aber Ernesto, du hast gar kein Vermögen?
Nein, und ich heiße auch nicht Ernesto sondern Harald!


Quote
Meister Sepp

Liest sich wie eine ganz schlechte Seifenoper


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DieNachtkerze

Philip Morris
Jacobs hat nicht an Kraft Foods verkauft. Das Unternehmen gab es damals noch gar nicht. Jacobs hat, um seine Geschwister auszahlen zu können, damals an Philip Morris verkauft, einen Zigaretten-Konzern. Später wurde die Nahrungsmittelsparte, auch aufgrund der Tabak-Prozessdrohungen in den USA, abgespalten und Kraft Foods gegründet. Dieses Unternehmen wurde später wiederum in Kraft Foods Group und Mondelez geteilt. Kraft Foods Group kurz danach von Heinz übernommen (jetzt Kraft-Heinz).


...


Aus: "Der Kaffeekrieg der Söhne" Cornelie Barthelme (31. Juli 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000084422535/Der-Kaffeekrieg-der-Soehne
« Last Edit: Juli 31, 2018, 04:26:11 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #759 on: Juli 31, 2018, 04:01:36 nachm. »
Quote
[...] Ich trinke einen Schluck Kaffee. Er ist wirklich gut. ... Schließlich kommen wir zu einem größeren Raum. Hier sitzen sieben Leute, die kein eigenes Büro, sondern einen Dedicated Desk gemietet haben, also einen festen Schreibtisch. Ob das alle Selbstständige seien, frage ich. Nein, es gebe noch weitere mit Hot-Desk-Mitgliedschaft, die hätten keinen eigenen Schreibtisch und würden vor allem in den Aufenthaltsräumen arbeiten, sagt Tatjana. ... Tatsächlich gehören laut Unternehmensangaben auch nur etwa fünf Prozent der rund 7.000 deutschen Wework-Mitglieder zu der Gruppe, die man sich klassischerweise unter Coworkern vorstellt, also Freelancer oder Einzelunternehmer. 75 Prozent machen Start-ups aus und die restlichen 20 Prozent sind Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern, die einzelne Abteilungen auslagern.

... Links und rechts werden wir flankiert von großflächigen Glasscheiben, dahinter arbeiten Start-up-Menschen fleißig an ihrem nächsten heißen Ding. ... Ist Wework also nur das domestizierte Abziehbild einer einst radikalen New-Work-Pose? Outgesourcte Hippness als zubuchbares Businessmodul?

Quote
HeinerSelassi #17

Die Kaffeeautomatisierung des Lebens haben die Japaner schon Jahrzehnte. Nur war das noch realer im "echten" statt im virtuellen Leben angesiedelt. Alle Lebensentwürfe und ihre Erfüllung aus einer Hand. Die Firma, in der ich angestellt bin, richtet meine Hochzeit, Reise etc. aus. Eine grauenhafte Vorstellung. Der Tod der vielseitigen Kultur in der nivellierenden Gülle der Beliebigkeit. Vieles fängt mit einem revolutionärem Gedanken an und wird darauf von einem extrem flexiblen Kapitalismus "verwurstet", d. h. zu Geld gemacht u. entrevolutioniert. Ein hippes Imageetikett wird draufgeklebt und eine Mode wird damit geschaffen. Wenige verdienen u. das Gros fühlt sich dazugehörig, funktioniert u. wird ausgebeutet. Es ist das alte Lied, das heute im neoliberalen Mantel daherkommt. Jeder ist sein eigener Lebensunternehmer. Das Sklaventum ist internalisiert. Der perfekte Arbeiter u. Konsument. Als "Freiheit" etikettierte Gleichschaltung. Der Kapitalismus kauft alles. Selbst Ideologien u. Werte. Ja, er erschafft sie sogar. Die meisten Menschen sind mit der richtigen Public Relations manipulierbar. ...


...


Aus: "Die Kaffeeautomatisierung des Lebens" Michael Seemann (28. Juli 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/digital/internet/2018-07/wework-sharing-economy-service-software-netzwerk-plattform-coworking/komplettansicht

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« Reply #760 on: August 02, 2018, 09:18:30 vorm. »
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[...] „Das ist nichts Neues. Es gab Indizien, und jetzt haben wir Belege“, glaubt Alberto Garzón. In einem Radiointerview vor ein paar Tagen ließ der Vorsitzende der Vereinten Linken keine Zweifel daran, dass er die spanische Monarchie seit langem für korrupt hält. „Die Königsfamilie hat ihre privilegierte Lage der juristischen Unantastbarkeit für ihre Ausschweifungen genutzt. Die gehen uns nicht nur symbolisch etwas an, sie beinhalten Konten in Steueroasen und Insiderinformationen.“

Der Anlass für die starken Worte des Linkspolitikers ist die Veröffentlichung heimlicher Aufzeichnungen eines Gespräches, dessen Inhalt Garzón für „glaubwürdig“ und „wahr“ hält, weil es zahlreiche Elemente enthalte, „über die es ausreichende Hinweise gab“. Das kann so sein. Belegt ist im Moment aber noch gar nichts. Die Aufzeichnungen sind allerdings in der Welt. Vergangene Woche haben sie zwei spanische Netzzeitungen, El Español und Okdiario, veröffentlicht. Und niemand kann die Spanier daran hindern, eine Meinung darüber zu haben.

Die Protagonistin der offenbar heimlich aufgenommen Mitschnitte eines Gespräches aus dem Jahr 2015 ist Corinna zu Sayn-Wittgenstein. Die 53-jährige Deutsche mit dem beeindruckenden Nachnamen (dem Erbe einer lange geschiedenen Ehe) war nach ihren eigenen Worten lange Jahre eine „innige Freundin“ von Juan Carlos, dem 2014 abgedankten spanischen König. Ihr Name war den Spaniern nach einer gemeinsamen Elefantenjagd in Botswana bekannt geworden, bei dem sich der damalige Monarch 2012 eine Hüfte brach. Dass der König zum Höhepunkt der spanischen Wirtschaftskrise auf Großwildjagd ging, verübelten ihm viele. Der Ausflug nach Afrika war der Beginn eines rasanten Ansehensverfalls des lange überaus beliebten Juan Carlos. Zwei Jahre später dankte er dann zugunsten seines Sohnes Felipe ab.

Welche Rolle genau die deutsche Geschäftsfrau im Leben des Königs spielte, lässt sich nur erahnen. Wahrscheinlich gäbe ihre Beziehung Stoff für Romane her. Weil sich aber das meiste fern des Lichts der Öffentlichkeit ereignete, muss die Fantasie nachhelfen, wo belastbare Fakten fehlen. Ein wenig ist der Schleier nun allerdings gerissen. Ein Polizeikommissar traf sich vor drei Jahren in London mit zu Sayn-Wittgenstein und einem spanischen Geschäftsmann und nahm die Gespräche auf.

So erklären es die beiden Netzzeitungen, die an die Aufzeichnungen herankamen und sie jetzt veröffentlichten. Zu Sayn-Wittgenstein ist darüber nicht erfreut. Seit langem gebe es eine „politisch motivierte“ Kampagne, um sie in Verruf zu bringen, beklagte sie in der Klatschzeitschrift Hola. Dass die Aufnahmen gefälscht seien, behauptete sie allerdings nicht.

In den Londoner Gesprächen gibt zu Sayn-Wittgenstein zu verstehen, dass Juan Carlos sie als Strohfrau für illegale Geschäfte benutzt habe. „Er tat das nicht, weil er mich besonders liebte, sondern weil ich meinen Wohnsitz in Monaco habe“, erzählte sie. „Eines Morgens stehst du auf und besitzt ein Grundstück in Marrakesch. Und er sagt dir: Gib es mir! Aber wenn ich das tue, ist es Geldwäsche. Es ist ein vergiftetes Geschenk.“

Ob es stimmt, was zu Sayn-Wittgenstein, mit vielen weiteren Details, bei diesem Gespräch sagte, müsste die spanische Justiz verifizieren. Die Aufnahmen befinden sich offenbar in Händen der Polizei, seit der Kommissar José Manuel Villarejo, der das Gespräch damals heimlich mitschnitt, im November vergangenen Jahres seinerseits wegen illegaler Geschäfte verhaftet wurde. Dass die Aufzeichnungen nun ans Licht gekommen sind, könnte von Villarejo oder seinem Umfeld veranlasst worden sein, als Teil einer Vorwärtsverteidigung: Ich weiß so viel, dass ihr mich lieber in Ruhe lasst!

So oder so ist Juan Carlos in Not. Seit seiner Abdankung steht er juristisch nicht mehr unter besonderem Schutz. Die linkspopulistische Partei Podemos will lieber früher als später einen Untersuchungsausschuss über die Geschäfte des Exkönigs einsetzen, wofür allerdings die Regierung von Pedro Sánchez vorerst nicht zu haben ist.

Erstmal soll der Chef des spanischen Geheimdienstes hinter verschlossenen Türen zu der Sache aussagen. Was danach geschehen wird, ist offen. Der Stein ist gerade erst ins Rollen gekommen.


Aus: "Für illegale Geschäfte: König Juan Carlos soll deutsche Strohfrau gehabt haben" Martin Dahms (17.07.2018)
Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/panorama/fuer-illegale-geschaefte-koenig-juan-carlos-soll-deutsche-strohfrau-gehabt-haben-30975146

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« Reply #761 on: August 03, 2018, 10:19:17 vorm. »
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[...] Sein Zelt habe in der Nacht unter Wasser gestanden, "alles ist nass, kaum mehr zu gebrauchen", sagt der 24-jährige Omar, der aus Guelmim im Süden Marokkos kommt. Auf der aufgeweichten Flusswiese nahe der bosnischen Grenzstadt Velika Kladuša zimmern schwitzende Männer Lattenverschläge, die Plastikplanen halten sollen, damit ihre wenigen Habseligkeiten beim nächsten Mal besser geschützt sind. Aus den Überresten des Camps ziehen sie klatschnasse Decken, schlammgetränkte Kleidung und verdorbene Lebensmittel. Im überschwemmten Nachbarzelt habe das viermonatige Kleinkind eines Landsmannes übernachtet, sagt Omar. Anwohner und freiwillige Helfer würden das provisorische Lager zwar einmal am Tag mit Essen versorgen: "Aber es ist hier nichts organisiert. Bosnien ist ein armes Land. Hier gibt es nichts – und funktioniert nichts. Es ist einfach ein Chaos."

Seit über einem Jahr ist der schlaksige Student auf einem weiten Umweg über den Balkan in Richtung seines Wunschziels Spanien unterwegs. "Viele Grenzen, viele Probleme", berichtet er in einfachem Englisch. Erst flog er als Tourist in die Türkei, von dort gelangte er "meist zu Fuß" über Griechenland, Albanien und Montenegro in das Camp. Erst am Vortag habe er erneut versucht, in das nahe Kroatien zu gelangen, sagt der Marokkaner mit einem Achselzucken: "Aber es ist einfach zu viel Polizei an der Grenze. Wenn die Kroaten dich erwischen, schlagen sie dich, nehmen dir das Geld ab, zerbrechen deine SIM-Karte und bringen dich wieder nach Bosnien zurück."

... In einem offenen Brief an Bosniens Regierung, die EU und das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR warnen lokale Hilfsorganisationen wie SOS Velika Kladuša oder Souls of Sarajevo vor einer humanitären Katastrophe. Der bosnische Staat sei keineswegs so arm, dass er einigen Tausend Menschen nicht helfen könnte. Doch die Verantwortung dafür bürde der Staat "seinen verarmten und ausgelaugten Bürgern" auf. Die UN-Hilfsorganisationen würden sich gleichzeitig jeglicher Verantwortung entziehen, obwohl sie ihr Mandat eigentlich zur Hilfe verpflichte. Der tatenlosen EU komme die Lage angesichts ihrer Politik der Abschreckung zupass.

Flüchtlingsleid in einem Flüchtlingsland, wo die Menschen die Folgen des Kriegs in den Neunzigern selbst noch nicht ganz hinter sich gelassen haben. ...


Aus: "In der Sackgasse der Balkanroute"  Thomas Roser, Velika Kladuša (24. Juli 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-07/bosnien-balkanroute-fluechtlinge-velika-kladusa-grenze/komplettansicht

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« Reply #762 on: August 06, 2018, 11:35:32 vorm. »
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[...] Es ist eine Sache von nationalem Prestige, in welcher Karosse die Mächtigen dieser Welt sich kutschieren lassen. Protzig sind die meisten, gepanzert auch, und eine allgemeine Beobachtung vorweg: Die weiteste Verbreitung in den Fuhrparks der Staatenlenker, Regierungschefs und gekrönten Häupter findet Mercedes, der deutsche Stern hat die mit Abstand größte Strahlkraft. Sehr gefragt ist dabei der Mercedes-Maybach S 600 Pullman Guard, 6,5 Meter lang, 5,1 Tonnen schwer, V12-Biturbo mit 530 PS, Schutzklasse VR9, die derzeit zweithöchste – die des US-Präsidentenautos ist Staatsgeheimnis.

...

Quote
Erich Rainer

Und dann treffen sich all diese klugen und mächtigen Leute
und rätseln warum in aller Welt die Eisberge sich verflüssigen.
Donald wird das aber egal sein. "The Beast" hat garantiert einen Kühlschrank mit Eiswürfler einbebaut.


...


Aus: "Staatskarossen: Wettrüsten mit Protzlimousinen" Andreas Stockinger (5.8.2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000084693166/Staatskarossen-Wettruesten-mit-Protzlimousinen

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« Reply #763 on: August 11, 2018, 11:25:10 vorm. »
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[...] DIE ZEIT: Herr Hartmann, so schick wie Sie wohnt nicht jeder. Gehören Sie zur Elite?

Michael Hartmann: Nein. Ich bin wohlhabend. Ob jemand zur Elite gehört, hängt aber von der Macht ab, die er besitzt. Als Wissenschaftler kann ich zwar mitunter auf die öffentliche Meinung einwirken. Aber ich habe keine Macht, gesellschaftliche Entwicklungen maßgeblich zu beeinflussen.

ZEIT: So klar, wie Sie es formulieren, scheint der Begriff nicht zu sein. Mancher, der heute von "Elite" spricht, meint "die Intellektuellen", "die Politiker", "die Reichen" – oder alle zusammen.

Hartmann: Als Elite gelten in der Öffentlichkeit oftmals schlicht "die da oben". In der Wissenschaft ist der Begriff aber unumstritten. Wenn jemand Millionär ist und sein Geld bloß auf dem Sparbuch liegen lässt, gehört er nicht zur Elite. Wenn er es nutzt, um Einfluss zu nehmen, dann schon. Natürlich kann man darüber streiten, wie mächtig man sein muss, um dazuzugehören. In unserer letzten Elitestudie untersuchten wir nur die wichtigsten Machtpositionen: Konzernmanager, Ministerpräsidenten, Bundesrichter, einige Journalisten. Andere zählen auch die Oberbürgermeisterin von Köln dazu. Aber egal wie man rechnet: In Deutschland umfasst die Elite im Kern etwa 1000, breiter gefasst maximal 4000 Leute.

ZEIT: Sie erforschen diese Menschen seit Jahrzehnten. In Ihrem neuen Buch schreiben Sie nun, sie hätten sich zu weit vom Rest der Gesellschaft entfernt. Was meinen Sie damit?

Hartmann: Die Eliten in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, haben kaum noch eine Vorstellung vom Leben der breiten Bevölkerung. Sie leben in einer völlig anderen Welt: Viele wohnen in sozial homogenen Wohnvierteln. Sie haben einen anderen Alltag, andere Hobbys, andere Möglichkeiten.

ZEIT: War das nicht schon immer so?

Hartmann: Bei der Wirtschaftselite kann man das sagen. Zunehmend sieht man es aber auch in der wissenschaftlichen, der medialen und der politischen Elite. Die haben sich in den letzten zwei, drei Jahrzehnten weiter von der Masse entfernt.

ZEIT: Woran liegt das?

Hartmann: Es gibt unterschiedliche Faktoren: Einer ist der Immobilienmarkt. Die Preise sind so stark gestiegen, dass die Menschen heute viel getrennter leben. Vor allem hängt die Entwicklung mit den Einkommen und Vermögen zusammen, die sich zunehmend unterscheiden. Ein Vorstandsmitglied eines Dax-Konzerns verdiente bis Mitte der 1990er-Jahre im Schnitt das 14-Fache dessen, was ein Beschäftigter desselben Unternehmens verdiente. Heute ist es, je nach Studie, das 50- oder sogar 70-Fache.

ZEIT: Bei Managergehältern kommt oft das Argument: Wenn Konzerne bereit sind, ihnen so viel zu zahlen, wo liegt das Problem?

Hartmann: Das Problem ist, dass die Lebenswirklichkeit das Denken und Handeln beeinflusst. Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser sagte vor einiger Zeit auf einer Pressekonferenz über die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich: "Das passiert im Wesentlichen deshalb, weil viele Arbeitnehmer nicht an der Vermögensbildung durch Aktien teilnehmen." Kaeser kann sich anscheinend nicht vorstellen, dass viele Menschen kein Geld übrig haben, das sie sparen können. Ähnliche Sichtweisen findet man bei führenden Politikern und Journalisten. Besonders überrascht hat mich in unserer letzten Studie aber eine Antwort der Wissenschaftselite.

... ZEIT: In Ihrem Buch werfen Sie den Politikern vor, Politik vor allem für die Bessergestellten zu machen. Haben Sie da ein Beispiel?

Hartmann: Ja, für die Reichen ist die Steuerbelastung seit Beginn des letzten Jahrzehnts gesenkt worden. Für das oberste Prozent liegt sie, verglichen mit 1998, heute um fünf Prozent niedriger, für das untere Zehntel dagegen um gut fünf Prozent höher. Auch von der weitgehenden Abschaffung der Erbschaftsteuer für Familienunternehmen profitieren vor allem die Reichen.

ZEIT: Aber es gab auch Reformen wie den Mindestlohn.

Hartmann: Der Mindestlohn ist eine der wenigen Maßnahmen für den unteren Teil der Bevölkerung. Er ist aber viel zu niedrig angesetzt und bietet viele Schlupflöcher für die Unternehmen.

ZEIT: Den Vorwurf der "abgehobenen Elite" hört man häufig von Rechtspopulisten. Haben die also recht?

Hartmann: Es stimmt, die rechtspopulistischen Parteien betreiben ein regelrechtes Elitenbashing. Der Front National spricht von "der arroganten Pariser Elite", Donald Trump vom "Establishment", wieder andere von der "politischen Kaste". Allerdings machen die Populisten es sich zunutze, dass der Begriff unscharf verwendet wird. Sie bezeichnen einfach alle als "Elite", die gegen sie antreten. Bei vielen Menschen, die sich nicht mehr repräsentiert fühlen, kommt das gut an.

ZEIT: Der Satz, dass Menschen sich nicht mehr repräsentiert "fühlen", fällt in der Debatte um Rechtspopulismus oft. Sie sagen nun, sie werden tatsächlich nicht mehr repräsentiert?

Hartmann: Beides stimmt: Sie fühlen sich nicht repräsentiert und sind es oft auch nicht mehr. Laut den aktuellsten Zahlen, die aus dem Jahr 2009 stammen, waren in der früheren Arbeiterpartei SPD nur noch 16 Prozent der Mitglieder Arbeiter. 1966 waren es noch 32 Prozent. Knapp 40 Prozent der Mitglieder im Jahr 2009 hatten studiert. In den anderen Parteien lag der Akademikeranteil noch höher, bei den Grünen sogar bei 68 Prozent.

ZEIT: Heute gibt es aber auch mehr Akademiker.

Hartmann: Das stimmt. In der Bevölkerung liegt der Akademikeranteil allerdings immer noch bei nur 15 Prozent.

ZEIT: Die Rechtspopulisten werden aber nicht nur von Arbeitern oder sogenannten Abgehängten gewählt. Wie passt das zu Ihrer These?

Hartmann: Das stimmt, aber Rechtspopulisten haben immer dort stark dazugewonnen, wo es um harte Verteilungsfragen geht: ob in ostdeutschen Städten wie Görlitz oder in den Industriearbeiter-Gegenden in Nordfrankreich. Mit ihren Reden gegen "die Elite" holen sie diejenigen ab, die das Gefühl haben: Die da oben schaufeln sich die Taschen voll und interessieren sich nicht für uns.

ZEIT: Wenn das bereits so ist – kann man die Entwicklung noch aufhalten?

Hartmann: Ja, Parteien wie die SPD müssen sich wieder öffnen, auch in ihren Top-Positionen. Ein Beispiel, bei dem das geklappt hat, ist die Labour-Partei in England. Die hat ihre gesamte Führungsriege ausgetauscht. Nur fünf von 25 Mitgliedern im Schattenkabinett stammen aus dem Bürgertum, jeder Zweite aus einer Arbeiterfamilie. Bei vielen kam das gut an. Auch weil es ein Zeichen setzte: Wir wollen Politik für die Masse machen, nicht nur für die Elite.

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Einfacher Bürger #3

"Ich bin wohlhabend. Ob jemand zur Elite gehört, hängt aber von der Macht ab, die er besitzt."

Ich erlaube mir, zu widersprechen.
Man muss keine Macht besitzen, um dennoch nicht mehr zu wissen was ein Liter Milch kostet, oder welche Probleme ein Durchschnitts- oder gar Geringverdiener hat.
Ignoranz ist nicht machtabhängig.


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Wann wird endlich wieder Winter #3.2

Aber erst die Verbindung aus Macht einerseits und Ignoranz andererseits führt zum Problem. Und das ist bei der deutschen Elite evident.


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Gumbalaya #3.4

Es kommt immer darauf an wie Macht wirkt.
Mächtige Menschen können auch Gutes bewirken.
Manchmal sogar ausschliesslich.


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Riccati #3.6

Natürich ist Ignoranz machtunabhängig. Aber wenn kein Einfluss auf die Politik genommen wird, das Leben anderer dadurch nicht beeinflusst wird, dann ist das relativ irrelevant. Eine Millionärin, die Jahrzehnte in einem Hotel gewohnt hat, ihr Zimmer kaum verlassen hat, hat vom Leben schlicht keine Ahnung, aber sie nimmt auch auf nichts Einfluss. Sie ist im Prinzip irrelevant.
Elite bedeutet Einfluss zu nehmen, die Politik, die Wirtschaft, das Leben beinflussen zu können.
Ein gewisses Geldvermögen oder Einkommen ist eine Voraussetzung, aber Einfluss nehmen können Sie nur, wenn Sie Macht haben. Geld alleine reicht nicht.


Quote
Flavius Ricimer #3.11

Ja, und diese Machtelite trifft sich regelmäßig in ihren Zirkeln, Think Tanks, Konferenzen, um die Zeitläufte in ihrem Sinn zu beeinflussen.
Und wundert sich dann, wenn sie als abgehoben gilt.

"Auch das Weltwirtschaftsforum in Davos ist ein privat organisiertes Treffen, genau so wie die Atlantikbrücke, die Münchner Sicherheitskonferenz oder auch die Treffen der Trilateralen Kommission. Sie wurde von David Rockefeller gegründet und wird von ihm finanziert, sie widmet sich dem Verhältnis USA-Europa-Japan. Oder auch Henry Kissingers Council on Foreign Relations oder Joschka Fischers European Council on Foreign Relations, als dessen Hauptsponsor George Soros auftritt. Auch hier bestimmen private Veranstalter, wer eingeladen wird, welche Journalisten akkreditiert werden."
aus:
Re-Feudalisierung und Privatisierung der Macht?
https://www.deutschlandfunk.de/re-feudalisierung-und-privatisierung-der-macht.724.de.html?dram:article_id=99848


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de arte venandi cum avibus #3.14

"Linker Sozialpopulismus" aka die nach der Kohl-Ära durchgeführten Steuerreformen, die u.a. den Spitzensteuersatz, die Erbschaftssteuer, die Kapitalertragssteuer etc.pp. signifikant nach unten setzten und wohlhabende Menschen massiv begünstigten, während die Masse HartzIV vorgesetzt bekam.

Nur weil Steuern gezahlt werden und am meisten den von den Wohlhabenden (oh Wunder) ist das noch lange keine Umverteilung nach unten, wenn sie seit 20 Jahren deutlich weniger Abgaben leisten müssen. Das die "Elite" für sich selbst sorgen kann ist wirklich eine sehr luzide Bemerkung.

Von ihrer Seite aus ist das wohl eher der übliche reaktionäre FDP-Sprech.


Quote
Favete_linguis #3.19

Geldbesitz alleine verleiht keine Macht. Sie müssen Geld schon zielgerichtet verwenden um Macht auszuüben. Schneller & wesentlich direkter kommen sie über Ämter & Positionen an Macht. Bleibt sicherlich die Frage offen, inwieweit Deutschland bereits korrumpiert ist. Dieser Korruptionsansatz wird vom Soziologe Hartmann brav ausgespart. In Deutschland ist eben niemand korrupt.


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Filetteufel #5

Nachdem Artikel verspüre ich eine leichte Übelkeit, so treffend die Analyse des Hr. Hartmann.
Ein kluger Schachzug der Labour-Partei in England, undenkbar bei uns. ...


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ohdochnein #12

Niemand Einflussreiches in Politik, Wirtschaft und Medien wohnt bzw.lebt in den sozialen Brennpunkten oder Problemvierteln bzw.hat einen Freundes- und Bekanntenkreis in oder aus diesen Vierteln, selbst Arbeiterviertel sind doch meist Fremdgebiete für diese Eliten. Da ist es doch völlig klar, dass Einstellungen und Forderungen sich nicht mit den Nöten und Notwendigkeiten der Bewohner dieser Gegenden decken. Häufig wird die Lebenswirklichkeit in Hipstergegenden oder Villen- bzw.gehobenen Altbauvierteln als Normalzustand verstanden und Erfahrungen aus anderen Lebenswelten kleingeredet, relativiert oder gleich ganz als falsch angesehen. Die Spaltung Deutschlands geht so immer weiter.


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ohdochnein #12.3

Stimmt, niemand aus den Problemvierteln hat einen Freundes- oder Bekanntenkreis unter den Eliten und versteht daher die Sorgen und Nöte der oberen Zehntausend. Das spaltet Deutschland natürlich auch ;-)


...


Aus: "Michael Hartmann: "Sie leben in einer völlig anderen Welt""  Laura Cwiertnia (8. August 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/2018/33/michael-hartmann-eliten-soziologie-soziale-gerechtigkeit

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« Reply #764 on: August 14, 2018, 11:47:51 vorm. »
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[...] Als Tomasz Gajewski* im April sein Zimmer in einem Container in Brandenburg bezog, war eigentlich alles wie immer: vier Mann in einem Raum, Stockbetten. Zwischen 5 und 6 Uhr in der Früh standen sie auf, ein Transporter fuhr sie auf der Ladepritsche zum Spargelfeld, um 10 Uhr war Zeit für eine kurze Frühstückspause, 20 Minuten. Ein Fahrer holte die Boxen mit dem Spargel vom Feld ab, am nächsten Tag bekam jeder einen Zettel mit der abgerechneten Menge. Genauso wie in den vergangenen Jahren.

Gajewski ist einer von knapp 300.000 Saisonkräften, die Jahr für Jahr nach Deutschland kommen, um bei der Ernte zu helfen. Im Frühjahr Spargel, im Sommer Tomaten und Gurken und im Herbst Äpfel und Birnen.

Gajewski ist 53 Jahre alt, er hat eine Frau und zwei erwachsene Kinder und betreibt einen kleinen Bauernhof in einem Dorf nahe Toruń in Zentralpolen. Früher hat er Tabak angebaut, inzwischen nur noch Getreide. Nebenbei arbeitet er als Lagerarbeiter und kommt so auf ein Gehalt von 1.700 Złoty im Monat, knapp 400 Euro. Das reicht nur, weil Gajewski jedes Jahr im Frühsommer nach Deutschland kommt, seit 18 Jahren zum selben Hof im Spreewald. Dieses Jahr wird für ihn das letzte Mal gewesen sein. 

Nach zwei Wochen auf dem Hof, erzählt Gajewski, sei ihm aufgefallen, dass etwas nicht stimmte. "Ich weiß doch genau, wie viel Spargel in eine Kiste geht", sagt er, zwischen 16 und 20 Kilo, an guten Tagen sei er auf bis zu 40 Kilo gekommen. Nun standen auf seiner Abrechnung viel niedrigere Kilowerte, teils nur die Hälfte von dem, was er auf dem Feld gestochen hatte. Im Vertrag mit den Arbeitern hatte der Betrieb notiert, die 50 Cent pro Kilo würden nur für "vermarktungsfähigen Spargel" bezahlt. "Das ist doch Betrug am helllichten Tage", schimpft Gajewski auf Polnisch.

Der Landwirt vom Spargelhof verteidigt sein Vorgehen: Er könne nur bezahlen, was er auch verkaufen könne – und im vergangenen Jahr hätten Erntehelfer versucht, Steine in die Kisten zu legen, um auf einen höheren Lohn zu kommen. Daher entscheide er in diesem Jahr erst an der Sortiermaschine, wie viele Kilo abgerechnet werden. Die Berater der Fachstelle Migration und Gute Arbeit in Brandenburg, die Verträge der Arbeiter eingesehen haben, halten die Praxis für rechtswidrig. Das unternehmerische Risiko wird den Erntehelfern aufgebürdet.

Vier Monate später auf einem Feld in Nordrhein-Westfalen: Alexandru Mihai*, 18 Jahre alt, wohnt in einem Dorf in Siebenbürgen. Anfang Juni sind er, sein älterer Bruder und andere Bewohner als Saisonkräfte nach Bad Salzuflen in Nordrhein-Westfalen gekommen, wo sie auf einem Hof Erdbeeren ernten wollten. Als Mihai bei seinem Chef für die Vertragsausfertigung im Büro saß, behielt der direkt den Pass ein. Er habe nach dem Grund gefragt, berichtet Mihai. Eine Erklärung habe ihm der Hofbesitzer nicht gegeben.

Die Ausweise einzubehalten ist gravierend. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) sieht darin ein Indiz für Zwangsarbeit. Denn ohne ihre Dokumente können die Arbeiter nicht weg. Sie sind gewissermaßen gefangen.

In der Saisonarbeit ist es offenbar nicht unüblich, die Ausweise der Beschäftigten einzubehalten. Eine Arbeitnehmerberaterin aus Baden-Württemberg sagt ZEIT ONLINE, ihr hätten in diesem Jahr Arbeiter aus drei Betrieben berichtet, dass sie ihre Ausweise abgeben mussten. Eine andere Beraterin weiß von einem Fall in Hessen, wo eine Landwirtin die Ausweise aller Helfer im Schrank eingeschlossen hatte. Die Saisonkräfte, so die Begründung dieser Landwirtin, würden sie sonst verlieren.

Auch der Arbeitgeber von Mihai verweist darauf, dass er sich an eine gängige Praxis halte. Er habe die Kosten für die Anreise vorgestreckt und verwahre die Pässe, bis die Saisonkräfte sie abgearbeitet hätten – sozusagen als Pfand. Die Sorge des Bauers: Ließe er ihnen die Pässe, würden viele Saisonkräfte nach wenigen Tagen zum nächsten Betrieb wechseln – und er bliebe auf seinen Kosten sitzen. Mihai wollte bis zum Ende der Saison Ende Juli in Bad Salzuflen bleiben – bis alle Erdbeeren gepflückt sind und er genug verdient hat für sich und seine Familie in Rumänien.

Irgendwann, sagt Mihai, seien auf dem Hof allerdings Gerüchte aufgekommen, der Bauer bezahle nicht so, wie er es versprochen habe. Als die Arbeiter aus dem rumänischen Dorf sich erkundigten, habe der Bauer allen 14 Saisonkräften gekündigt. Gegenüber ZEIT ONLINE bestreitet der Landwirt diese Darstellung und gibt den Rumänen die Verantwortung. Sie hätten Unruhe verbreitet. Gekündigt hätten sie am Ende von sich aus.

Mit dem Job verloren die Arbeiter auch die Unterkunft – auch so geraten viele Erntehelfer in Abhängigkeit. Und Geld bekamen die Rumänen für ihren zehntägigen Einsatz nur wenig. ZEIT ONLINE liegen die Endabrechnungen von zwei Saisonarbeitern aus der Gruppe vor. Einer verdiente demnach in der knappen Woche in der Erdbeerernte nach Abzügen etwa 70 Euro, ein anderer hatte sogar ein Minus von 2 Cent. Sie hätten nun einmal kaum gearbeitet, verteidigt sich der Bauer. Seine übrigen Saisonkräfte kämen auf Stundenlöhne von zehn Euro und mehr. 

Von einem Tag auf den anderen, an einem Abend Mitte Juni, sollten die Rumänen ihre Zimmer räumen. Die Nacht verbrachten Mihai und die übrigen aus der Gruppe draußen, das Gepäck auf den Boden am Feldrand gelegt, unter Bäumen. Geschlafen, sagt er, hätten sie kaum, zu groß sei ihre Panik gewesen. Am nächsten Tag zahlte der Bauer einen Bus, der die Gruppe zurück nach Rumänien bringen sollte. Eine Nacht und zwei Tage brauchten sie für die Rückfahrt, ohne Essen und Trinken, sagt Mihai, mit einer Pause alle vier Stunden.

Am Ende habe jeder dem Fahrer 40 Euro geben müssen, offenbar waren noch nicht alle Reisekosten beglichen; der Bauer sagt ZEIT ONLINE, er habe den Fahrer in Deutschland nach den Transportkosten gefragt und ihm das Geld gegeben, von weiteren Kosten für die Saisonkräfte wisse er nichts. Mihai lieh sich das Geld bei Nachbarn und einem Lebensmittelhändler im Ort. Zurück vom Einsatz bei der Erdbeerernte in Ostwestfalen bleiben ihm in seinem Dorf in Rumänien: Schulden. Auch er wird wohl nicht mehr wiederkommen.

Eigentlich ist es kein schlechtes Jahr für die Obst- und Gemüsebauern in Deutschland. Während die Getreidebauern wegen der Hitze über die schlechteste Ernte des Jahrhunderts klagen, über vertrockneten Mais und zu kleine Kartoffeln, haben die Obst- und Gemüsebauern eigentlich Grund zur Freude. Den Pflaumen, Äpfeln und den Weintrauben hat der warme und lange Sommer nicht geschadet. Im Gegenteil: Es wird eine überdurchschnittlich üppige Pflaumenernte erwartet und die Weinlese beginnt dieses Jahr nicht nur deutlich früher, sondern wird vermutlich auch mehr Ertrag bringen als in den kühleren Jahren zuvor. Auch die Spargelernte in Brandenburg war dieses Jahr so gut wie seit über 20 Jahren nicht mehr, das zeigt ein aktueller Bericht.

Doch damit diese Ernte auch in die Läden kommt, sind die Landwirte auf die Arbeitskraft der Erntehelfer angewiesen. Ohne sie wäre die Landwirtschaft nicht vorstellbar: Rund 30 Prozent aller Beschäftigten im Agrarbereich sind kurzzeitige Aushilfen. Lässt man die Bauern und ihre Familienangehörigen außen vor und betrachtet nur die Angestellten in der Landwirtschaft, liegt der Anteil der Saisonkräfte sogar bei 58 Prozent. Es ist eine Schattenarmee, ohne die Landwirte kaum so billig produzieren könnten. Trotzdem behandeln die Landwirte ihre Helfer so schlecht, dass sie nicht mehr wiederkommen wollen. Warum? 

Viele Bauern, die man fragt, beteuern, sie hätten keine andere Wahl. Seit der Mindestlohn gilt, haben sich für viele Landwirte die Herstellungskosten stark erhöht. Die Produktion von Äpfeln, Erdbeeren und Spargel etwa ist für die Betriebe 2015 im Vergleich zum Vorjahr zwischen zwei und fünf Prozent teurer geworden. Das geht aus einer Modellrechnung hervor, die das Bundeslandwirtschaftsministerium in Auftrag gegeben hat. Für dieses Jahr wird ein weiterer Anstieg um bis zu 16 Prozent erwartet – vorausgesetzt natürlich, sie halten den Mindestlohn ein.

Der Kostensprung ist groß: Bleiben die Preise, die die Bauern für ihre Ernte erhalten, auf dem Niveau der letzten zehn Jahre, würden ihre Gewinne etwa im Apfelanbau der Modellrechnung zufolge unter das Mindestlohnniveau sinken. Die Landwirte würden weniger verdienen als ihre Helfer. Ein Bauer, mit dem ZEIT ONLINE gesprochen hat, fordert: "Wenn wir den Mindestlohn bezahlen sollen, bräuchten wir auch einen Mindestabnahmepreis beim Handel."

Einer Untersuchung des Bundeskartellamtes von 2014 zufolge haben die vier großen Handelsketten beim Einkauf ihrer Lebensmittel einen Marktanteil von 84 Prozent. Das heißt: Es gibt für die Landwirte, Zwischenhändler und Nahrungsmittelproduzenten kaum Alternativen zu den Giganten Rewe, Edeka, Aldi und die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland. Sie diktieren die Preise – bis ganz ans Ende der Lieferkette, wo die Landwirte stehen. Dahinter stehen nur noch die Erntehelfer.

Eine, die weiß, wie verbreitet Fälle wie die von Gajewski und Mihai sind, ist Katharina Varelmann. Sie arbeitet beim Peco-Institut, einer gewerkschaftsnahen Beratungseinrichtung, die Betriebe auf Arbeitsstandards kontrolliert. Keine einfache Aufgabe, denn oft scheuen sich die Erntehelfer, über ihre Arbeitsbedingungen zu sprechen.

Auf der Motorhaube eines schwarzen Fiat 500 auf einem Feldweg irgendwo in Brandenburg faltet Varelmann eine Landkarte auf. Varelmann hat die Äcker mit gelbem Textmarker auf der Landkarte markiert und mit Post-its versehen: grüne für Betriebe, auf denen die Arbeitsbedingungen in Ordnung sind. Pinke für Höfe, bei denen sie weniger in Ordnung sind. Die pinken überwiegen.

Als Varelmann und ihre Kolleginnen – zwei sprechen Polnisch, eine Rumänisch – an diesem heißen Frühsommertag die Gegend rund um die Spargelstadt Beelitz abfahren, scheint es ruhig auf den Äckern zu sein. Um trotzdem ein paar Arbeiter zu erreichen, hinterlegen sie Flyer auf den Dixieklos am Feldrand.

Dann, auf einem staubigen Feldweg, kommt ihnen eine Gruppe Erntehelfer entgegen, 50, vielleicht 60 Männer. Sie schieben übermannsgroße Erntemaschinen heran. Damit heben sie die Plane an, unter der der Spargel in kleinen Erdwällen wächst.

Auf solche Situationen, in denen sie die Arbeiter ohne Bauern oder Security-Mitglieder antreffen, warten die Beraterinnen: Eine von ihnen geht den Männern mit einem Stapel Flyer in der Hand entgegen. Ob sie Rumänisch sprechen? Die Männer nicken. "Da, da." Ja, tun sie. Skeptische Blicke.

Keine Sorge, erklärt die Frau, sie seien nicht von der Polizei, auch nicht vom Zoll. "Keine Kontrolle, nur Information", sagt sie und drückt den Männern reihum die Flyer in die Hand. Mit dem Kugelschreiber unterstreicht sie ihre Nummer auf der Rückseite: "Wenn ihr Probleme mit eurem Chef habt, meldet euch bei mir." Die Berater bieten ihre Hilfe an, wenn es Probleme mit dem Lohn gibt. Im Notfall schalten sie auch einen Anwalt ein.

Auf den blauen Spargelkisten am Feldrand kleben Barcodes, jeder Arbeiter hat seinen eigenen. In den Abpackhallen erfasst ein Scanner kilogrammgenau, wie viel jeder Helfer aus der Erde gezogen hat. Danach richtet sich die Bezahlung. Trotzdem gilt: Auch die Saisonkräfte müssen auf den Mindestlohn von 8,84 Euro pro Stunde kommen.

Varelmann lässt sich von ihrer Kollegin, die Rumänisch spricht, erzählen, was sie erfahren hat. Einer der Männer habe geklagt, er fühle sich wie ein Sklave, erzählt sie. Die Polen, die in dem Betrieb arbeiten, würden besser behandelt. "Sie sagen, sie bekommen 6,50 Euro pro Stunde, aber so genau wissen sie es nicht", sagt die Beraterin. "Letztes Jahr war der Zoll da und sie waren gezwungen zu lügen. Die wissen, dass sie dann 8,84 Euro sagen müssen." Der Zoll ist unter anderem dafür zuständig, die Einhaltung des Mindestlohns in Deutschland zu überwachen. Der Hofbesitzer beteuert auf eine Anfrage von ZEIT ONLINE, sich an die gesetzlich vorgesehene Bezahlung zu halten.

Erntehelfer zu finden, die für wenig Geld und unter fragwürdigen Bedingungen arbeiten wollen, wird schwieriger. 2010 halfen noch 330.500 Menschen als Saisonkräfte in der Landwirtschaft aus. Bei der letzten offiziellen Zählung des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2016 waren es nur noch 286.300. Dieses Jahr hat sich das Problem einer Umfrage des Verbandes Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer zufolge verschärft. Von den 354 deutschlandweit befragten Betrieben sagten 90 Prozent, sie hätten Schwierigkeiten, genügend Saisonkräfte zu finden. Ein weiterer Grund dafür ist, dass sich die wirtschaftliche Lage in Polen und Rumänien in den vergangenen Jahren verbessert hat. Viele blieben daher lieber zu Hause, statt sich auf deutschen Feldern den Rücken zu ruinieren.

Die Verbände werben daher derzeit für ein Anwerbeabkommen mit Drittstaaten. Auf ein Land hoffen sie besonders: die Ukraine. Dort ist die Armut noch größer als in Rumänien oder Polen.

Schon jetzt kommen ukrainische Helfer zur Ernte nach Deutschland – über eine Lücke im Gesetz: Studierende aus dem Ausland dürfen als Ferienjobber nach Deutschland kommen – auch aus Ländern außerhalb der EU. Eine spezielle Genehmigung brauchen sie dafür nicht. Einzige Bedingung für die Anwerbung: Die Arbeitsagentur muss den Job offiziell vermittelt haben. Aber auch das lässt sich umgehen: Haben die Betriebe bereits einen Ferienjobber im Auge, reicht es auch, der Arbeitsagentur den Namen mitzuteilen. Im vergangenen Jahr kamen 18.300 studentische Ferienjobber, um in Hotels, Gaststätten oder eben in der Ernte zu helfen. Schätzungsweise ein Drittel davon kommt aus der Ukraine.

Mit den Erntehelfern aus den Nicht-EU-Staaten kommen noch weitere Akteure dazu, die am Erntegeschäft mitverdienen wollen. In der Ukraine gibt es längst Firmen, die ihr Geschäft wittern und Studierende den Weg in die deutsche Landwirtschaft lotsen: junge Menschen wie Veronica*, 22, Informatikstudentin aus Kiew. Bevor sie zur Heidelbeerernte nach Niedersachsen kommen konnte, musste sie erst einmal bezahlen: 150 Euro für die Vermittlungsagentur, 20 Euro für eine Auslandskrankenversicherung, 110 Euro für die Fahrt nach Deutschland.

Was die ukrainische Vermittlungsagentur im Internet angepriesen hatte, hat sich für Veronica nicht erfüllt. Bis zu neun Euro könnten Studierende als Beerenpflücker auf deutschen Feldern verdienen, steht da. Veronica sagt hingegen, bei ihr seien es allenfalls drei bis vier Euro in der Stunde gewesen, bei langen Arbeitstagen von zehn, manchmal 14 Stunden. Am Ende habe der Landwirt ihr noch rund 300 Euro abziehen wollen. Kosten, so sagt Veronica, von denen vorher nie die Rede gewesen sei.

Vermutlich wird auch Veronica nicht mehr zur Beerenernte nach Deutschland kommen. In Belgien und den Niederlanden liegt der Mindestlohn etwas höher als in Deutschland. So lautet zumindest das Versprechen.

* Namen von der Redaktion geändert

Die Recherchen für diesen Artikel wurden mit dem Recherchestipendium der Otto-Brenner-Stiftung (OBS) ermöglicht.



Aus: "Sie wollen hier nicht mehr arbeiten" Bernd Kramer (14. August 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/arbeit/2018-07/erntehelfer-saisonkraefte-mangel-landwirtschaft-agrarbereich/komplettansicht

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« Reply #765 on: August 16, 2018, 10:56:06 vorm. »
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[...] Der Personalrat der U-Bahner berichtet in einem Brandbrief an den BVG-Vorstand über Ausfälle, Verschleiß und Stress. Die Chefetage widerspricht.

... Nachdem Anfang Juli Mitarbeiter der Straßenbahn in einem Brandbrief an den BVG-Vorstand katastrophale Zustände in ihrem Bereich beklagt haben, meldet sich jetzt der Personalrat der U-Bahn mit einem ähnlichen Schreiben zu Wort – als Offener Brief an den Vorstand und die Bereichsleiterin adressiert. Darin ist von „einer sehr prekären Situation insbesondere beim Fahrpersonal, aber auch in vielen anderen Berufsgruppen der U-Bahn“ die Rede. Die Lage sei dramatisch und „die schwierigste seit über 60 Jahren“.

In der dann folgenden Problemliste heißt es, dass im Schnitt 20 Dienste pro Tag mangels Personal nicht besetzt werden können. Die Arbeit sei geprägt von zunehmendem Stress und Druck durch fehlende und zunehmend störanfällige Fahrzeuge, Langsamfahrstellen und Baustellen und demotivierende Schichtpläne. Im Kleinprofil, also auf den von schmaleren Zügen befahrenen Linien U1 bis U4, sei die Lage besonders schlimm. Da obendrein Andrang und Kilometerleistung massiv wachsen, sei nur dank dem Engagement der Beschäftigten „überhaupt noch ein einigermaßen geregelter U-Bahn-Betrieb zu gewährleisten“. Und neues qualifiziertes Personal sei unter den aktuellen Bedingungen nur schwer zu gewinnen.

In der Pressestelle der BVG heißt es zunächst nur: „Selbstverständlich bekommen die Mitarbeiter eine Antwort und wir werden mit ihnen reden.“ Aus der Chefetage ist allerdings zu hören, dass man die Klage für übertrieben halte ...

Jens Wieseke vom Fahrgastverband Igeb bestätigt den Befund, dass auch bei der U-Bahn buchstäblich gespart wurde, bis es quietscht. ...

Mit den Straßenbahnern, die im Juli auf ihre prekäre Situation aufmerksam gemacht hätten, ist nach Auskunft von Reetz gesprochen worden. Konkrete Konsequenzen hätten sich allerdings nicht ergeben. Ein Punkt aus dem Brief dürfte die BVG spätestens im Winter wieder beschäftigen: Obdachlose, die sich teils betrunken zum Schlafen unter die überstehenden Bahnsteigkanten zurückziehen – und dort in höchster Lebensgefahr sind, sobald ein Zug kommt.


Aus: "BVG-Mitarbeiter beklagen „prekäre Situation“ bei der U-Bahn" Stefan Jacobs (16.08.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/brandbrief-zum-berliner-nahverkehr-bvg-mitarbeiter-beklagen-prekaere-situation-bei-der-u-bahn/22916906.html

Quote
diggero 07:18 Uhr

Moin,
als alte Atze, die nach vielen Jahren in anderen europäischen Städten wieder in seiner Heimat lebt, ist es nach vier Jahren immer noch unbegreiflich, wie man diese Stadt so runter rocken kann, dass man sich als Bewohner -selbst am Stadtrand- nettere Wege sucht, wenn 'mal Besuch ausgeführt wird (ich bin mit dem Wedding-Gen aufgewachsen, und habe auch in Xberg gewohnt).

Grundsätzlich inakzeptabel ist es, dass gerade in Berlin [Bund/Land] hochbezahlte sog. 'VolksvertreterInnen' sich auf ihren 'Diäten' ausruhen. Hier sind es 'mal wieder die BVG-Mitarbeiter, die ihre 'prekäre Situation' beklagen.
DIE MITARBEITER SIND FERTIG !, Herr Jacobs, wie viele der hier lebenden Stadtbewohner. Viel zu fertig, um noch aufzubegehren, oder zu kämpfen, noch nicht 'mal mehr daran zu glauben, dass es je besser werden könnte in diesem Moloch Berlin. ...


Quote
crossoverhill 15.08.2018, 22:24 Uhr

Wie heißt es im Liedchen der BVG ?
"Ist mir egal - ist mir egal...!"
Da hat der BVG-Vorstand doch was zu trällern !


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Mercur 15.08.2018, 22:01 Uhr

Seit  Jahren höre ich auf der U-9 , die ich fast täglich benutzte: Der Zugverkehr auf der Linie U-9 ist zur Zeit unregelmäßig!  We apologize for the inconvenience! Ich kann es  wirklich nicht mehr  hören. Es  nervt.  Denn diese Ansage läuft  seit Jahren  fast das ganze  Jahr über.  Im Berufsverkehr kommt es oft zu Verspätungen bis zu 15 Minuten. Die  Züge sind alt und dreckig. Türen defekt. Sie  sind  hoffnungslos überfüllt! Es  stinkt. Die Temperaturen sind unerträglich! Wenn Frau Reetz  meint, der Warnruf   sei übertrieben, kann es eigentlich nur daran liegen, dass sie  sich selbst  nur  in einer klimagekühlten Limousine  fortbewegt. ...


...

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« Reply #766 on: August 16, 2018, 11:00:02 vorm. »
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[...] „Leben heißt Veränderung“ – mit diesen Worten teilte der Eigentümer des Wohnhauses an der Lützowstraße/Ecke Genthiner Straße in Tiergarten seinen Mietern mit, dass er sich dazu entschlossen habe, die Mietwohnungen in Eigentum umzuwandeln. Außerdem wird das Haus umfassend saniert, so dass die Mieten danach um bis zu 74 Prozent steigen. Dabei werden Fassaden gedämmt, die Fenster erneuert und die Heizanlage modernisiert. Auch Asbest müsse entfernt werden, teilte der Investor mit. Die Mieter hat er aufgefordert, sich für die Zeit der Bauarbeiten eine Bleibe, zum Beispiel bei Verwandten, zu suchen, einige sind bereits ganz ausgezogen. Doch eine Gruppe von etwa 35 Bewohnern bleibt standhaft und weigert sich, ihr Zuhause zu verlassen. Unter ihnen: Wolfgang Hoth, 81, dessen Miete von knapp 800 auf fast 1250 Euro steigen soll.

Einer am 7. August vorgestellten Kurzstudie des Berliner Mietervereins zufolge ist Hoths Geschichte kein Einzelfall. Die Auswertung der Mieten von 200 Befragten, allesamt Mitglieder des Vereins, habe gezeigt, dass die Miete nach einer Modernisierung immens steige. Um annähernd 2,50 Euro pro Quadratmeter im Zeitraum zwischen 2013 und 2016. Damit sei die durchschnittliche Nettokaltmiete, gemittelt auf alle Bezirke auf 7,14 Euro pro Quadratmeter gestiegen.

Das ZDF-Magazin Frontal 21 hat die Bewohner des Hauses Lützowstraße/Ecke Genthiner Straße über ein Jahr im Kampf gegen den Investor begleitet. Der Beitrag lief am Dienstag im ZDF und ist jetzt in der Mediathek zu finden. Nach den Recherchen des Magazins wurde der in den 70er-Jahren errichtete Komplex mit 96 Sozialwohnungen im Jahr 2016 verkauft – kurz bevor die Sozialbindung auslief. Neuer Eigentümer wurde eine Firma namens „Bluerock Opportunities 3 Limited Partnership“, die ihren offiziellen Sitz in Manchester hat, de facto aber aus Liechtenstein und der Schweiz gesteuert wird. Die ZDF-Reporter fanden im Internet auch ein Angebot für einen Fonds, der damit wirbt, Mehrfamilienhäuser in Berlin zu kaufen, daraus Eigentumswohnungen zu machen und diese zu verkaufen. Genau das, was hier in Tiergarten und in vielen anderen Orten Berlins gerade passiert.

...


Aus: "Mieter in Tiergarten werden durch Sanierung verdrängt" Laura Hofmann (15.08.2018)
Quelle: https://leute.tagesspiegel.de/mitte/macher/2018/08/15/53865/mieter-in-tiergarten-werden-durch-sanierung-verdraengt/

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« Reply #767 on: August 23, 2018, 08:07:18 vorm. »
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[...] Zum Glück, sie haben die blonde Britin aus dem Mittelmeer gerettet, die von einem Kreuzfahrtschiff betrunken ins Meer gestürzt war. Die Weltpresse berichtet, CNN, "Hindustan Times", "The Australian Financial Review", die nigerianische Tageszeitung "The Punch" und sogar exotische Publikationen wie die "Passauer Neue Presse" (SPIEGEL ONLINE natürlich auch).

Die Frau wird interviewt, Seenotrettungsexperten werden befragt, Tipps werden veröffentlicht, wie man sich allein auf hoher See verhalten sollte. Ranglistenhaft werden jene Menschen aufgezählt, die am längsten in Seenot überlebt haben. Buchautor Sebastian Fitzek wird gefragt, weil er 2014 einen Thriller mit einem Kreuzfahrtschiff schrieb ... . Die zehnstündige, am Ende glückliche Seenotrettung durchmisst einen ganzen sogenannten "Nachrichtenzyklus".

In praktisch keinem Artikel wird das eigentlich Offensichtliche erwähnt: Die langwierige, aufwendige Rettungsaktion der Frau im Mittelmeer steht in direktem Kontrast zur fortwährenden Katastrophe ertrinkender Menschen im Mittelmeer und deren Seenotrettung.

Seit Anfang 2018 sind mindestens 1500 Menschen, Männer, Frauen, Kinder im gleichen Meer ertrunken, aus dem die britische Frau gerettet wurde. Der Kapitän des Rettungsschiffes sagte, es sei ein unvergleichliches Gefühl, ein Menschenleben gerettet zu haben. Man stelle sich vor, sie hätten statt der Britin aus Versehen eine dahintreibende Frau aus dem Tschad entdeckt, dem gleichen Kapitän würde eine Anklage drohen.

Es ist einigermaßen schwierig, nicht zynisch zu werden, wenn man sich den Unterschied vor Augen führt: Deutschland diskutiert offenbar ernsthaft darüber, ob Seenotrettung sinnvoll sei - bei schwarzen Flüchtlingen. Die aufwendige Rettung einer Britin dagegen wird medial geradezu gefeiert. Es ist nicht so, dass über Flüchtlingsrettung wenig geschrieben wird - aber es wird in verstörend anderem Ton darüber berichtet.

Aus meiner Sicht gibt es für diese Unwucht mehrere Gründe, zwei davon möchte ich herauspicken:

Einer ist die Übermedialisierung der Welt. Der normale Kontakt mit Nachrichten bestand in Deutschland in den Achtzigerjahren aus einer Morgenzeitung, Radionachrichten im Auto und der Tagesschau am Abend. Vielleicht noch ein wöchentliches Magazin.

Der normale Kontakt mit Nachrichten im Jahr 2018 ist eine tägliche Flut von Stakkatonews im Minutentakt, hauptsächlich auf dem Smartphone, in Apps, Social Networks, Streams, auf Nachrichtenseiten und in Messengern, verteilt von Journalisten, Feeds, Eilmeldungs-Benachrichtigungen, Friends und diesem nervigen Onkel, der dauernd Artikel zu Ausländerkriminalität mit vielen roten Ausrufezeichen versendet, seit man ihm auf einem Familienfest erklärte, dass man sich eher den linken Arm abschneiden würde als AfD zu wählen (den rechten Arm bräuchte man ja noch, wenn die AfD gewinnen sollte).

Diese Übermedialisierung verändert nicht nur die Nachrichten, weil oft in schnellerem Takt Neues berichtet werden muss, als sinnvolle Neuigkeiten zu einer großen Nachrichtenlage überhaupt entstehen. Die Übermedialisierung verändert auch die Wahrnehmung des Weltgeschehens durch die Menschen. Kurt Tucholsky zitiert 1925 in seinem Zeitungsartikel "Französischer Witz" einen Diplomaten: "Der Tod eines Menschen: das ist eine Katastrophe. Hunderttausend Tote: das ist eine Statistik!" Mit dem Schicksal Einzelner kann man sich leichter identifizieren als mit dem Schicksal einer großen Zahl von Menschen, das ist nicht neu.

Aber durch den Katastrophendauerhagel wird eine gewisse Abstumpfung vorangetrieben. Und zwar eine sehr spezifische: Ich unterstelle freundlich, dass sich eigentlich fast jede Person ihre Menschlichkeit bewahren möchte - aber durch die Nachrichtenflut ist es nicht möglich, auf jedes Katastrophenopfer gleich zu reagieren. Man ist gezwungen zu filtern, also: Opfer nach Relevanz zu sortieren.

Je näher einem die Opfer sind, je stärker man sich mit ihnen identifizieren kann, umso größer die Nachricht und auch ihre Wirkung beim Publikum. Je abstrakter, je ferner, je weniger man sich mit Opfergruppen identifizieren kann, umso leichter lassen sie sich nachrichtlich überfliegen - einer der Gründe, warum die kleine Zahl von nicht weißen Menschen in großen Redaktionen ein Problem ist. Was direkt zu einem zweiten Grund für die nachrichtliche Unwucht zwischen der Rettung einer blonden Britin und der Rettung schwarzer Migranten führt (in Redaktionen wie beim Publikum):

Rassismus. Rassismus ist nicht denen vorbehalten, die hauptberuflich Vollzeit für die Versklavung oder Ermordung von nicht weißen Menschen eintreten. Rassismus hat keinen An-Aus-Schalter, es gibt ihn in vielen, auch subtilen Formen. Eine sehr wesentliche ist der unterschwellige, sogar unbewusste Rassismus. Selbstverständlich wirkende Denkmuster, die man nur schwer entlarven kann, die aber im Kern Rassismen enthalten. Die Bewertung von Menschen nach Herkunft und Hautfarbe.

Rassistische Muster sind viel tiefer im alltäglichen Empfinden verankert als sich Nichtbetroffene eingestehen möchten. Ich weiß das, weil ich solche Muster bei mir selbst immer wieder entdecke. Einige Zeit nach dem ersten Anschlag islamistischer Massenmörder in Paris war in den Radionachrichten von vielen Toten bei einem Attentat die Rede. Ich kann mich noch an das spontane Gefühl einer gewissen Erleichterung erinnern, als es "nur" Afrika war und nicht wieder Paris. Den eigentlich perversen und durchaus rassistischen Aspekt meiner Erstempfindung erkannte ich zu spät.

Das hat auch mit der Nähe zu tun. Durch die Übermedialisierung ist man gezwungen, konzentrische Kreise der Relevanz um sich herum zu ziehen, und damit gewissermaßen eine Art Opferrangliste zu erstellen. Aber diese Relevanz hat meiner Ansicht nach bei den meisten Menschen - auch bei mir - eine Komponente der Selbstähnlichkeit. Und ich bin so weiß, ich brauche sogar im Mondlicht Sonnencreme, um Trevor Noah zu zitieren.

Es geht mir nicht darum, alle Journalisten als rassistisch zu bezeichnen, die über die britische Frau berichteten, ohne an ertrinkende Flüchtlinge auch nur zu denken. Ich selbst habe diese eigentlich absurd offensichtliche Parallele überhaupt erst anhand eines Tweets erkannt. https://twitter.com/Linuzifer/status/1031626100630282240 Aber man kann Rassismen verinnerlichen, damit denken und handeln, ohne es zu bemerken.

Sehe ich mich als Rassist? Nein. Enthält mein Denken rassistisch wirksame Muster? Natürlich. Der Kampf gegen Rassismus besteht deshalb nicht nur darin, offenen Rassisten entgegenzutreten, sondern auch, rassistische Denkmuster, Strukturen, Selbstverständlichkeiten zu entlarven und immer wieder zurückzudrängen, auch bei sich selbst. Am besten ohne Selbstmitleid oder Triumphgeheul.

Das verbreitete Gefühl, etwa, seit der Verbreitung der sozialen Medien würde ständig überall "Rassismus!" gemeldet - ist richtig. Der Ursprung davon ist zum einen die höhere Sensibilität gegenüber Rassismus und zum anderen die tatsächliche Allgegenwart von rassistischen Mustern, Denkfiguren und Handlungen. Man konnte sie vor Social Media bloß leichter ignorieren. Als weiße Person.

Diese beiden Effekte - verdeckte Rassismen und Übermedialisierung - greifen ineinander, verschmelzen und beeinflussen sich gegenseitig, deshalb kann man auch das eine nicht als Entschuldigung oder zur Entlastung verwenden. "Das ist keine rassistische Empfindung, mir ist bloß die weiße Britin näher als der schwarze Togoer" - das ist ein falscher Selbstfreispruch.

Umgekehrt ist man aber eben auch nicht zwingend Rassist, wenn man die Kreuzfahrt-Story intensiv verfolgt hat, von ertrinkenden Migranten dagegen nichts mehr lesen möchte. Man ist dann aber durch die Übermedialisierung rassistischen Bewertungsmustern erlegen.

 Das Internet und die soziale Medien haben durch ihre Intensität und Taktung eine Überdosis Weltgeschehen zur Normalität gemacht. Die Reaktionen darauf, die journalistische und die des Publikums, erscheinen mir noch zu reflexhaft und auf althergebrachte Maßstäbe fokussiert. Das tägliche Nachrichtensteak ist zum minütlichen Newsbrei geworden - und wir sitzen noch immer mit Messer und Gabel da.

Natürlich muss man sich vor zu viel Horror schützen, vor zu viel bitterem Weltgeschehen in mitgefilmter Nahaufnahme. Natürlich braucht man einen persönlichen Filter, was man an sich heranlässt und was nicht. Aber nicht die Existenz des persönlichen Filters, der redaktionellen Auswahl ist problematisch - sondern wenn man nicht realisiert, nach welchen Kriterien das funktioniert. Und nur deshalb so tun kann, als hätte die Seenotrettung einer weißen Britin nichts mit der Seenotrettung schwarzer Migranten zu tun.


Aus: "Die Unwucht in unserer Wahrnehmung" Eine Kolumne von Sascha Lobo (22.08.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/seenotrettung-im-mittelmeer-eine-unwucht-in-unserer-wahrnehmung-a-1224329.html

http://www.spiegel.de/forum/netzwelt/seenotrettung-im-mittelmeer-die-unwucht-unserer-wahrnehmung-thread-792870-1.html

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« Reply #768 on: August 23, 2018, 12:54:25 nachm. »
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[...] ... Faeser vertrat die „Arbeitshypothese“, dass sich Temme entgegen allen Beteuerungen aus dienstlichen Gründen im Internetcafé aufgehalten habe. „Dann ergibt das Ganze ein rundes Bild“, sagte die SPD-Frau. Es falle auf, dass die Vorgesetzten beim Verfassungsschutz Temme geschützt hätten, obwohl er seinerzeit unter Mordverdacht stand und sich eine Reihe von Dienstvergehen habe zuschulden kommen lassen. Der damalige Innenminister und heutige Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) habe sich persönlich darum gekümmert, dass Temme trotz des Disziplinarverfahrens seine vollen Bezüge behalte. ...


Aus: "Mord in Hessen: Stiftung soll NSU-Aufklärung fortsetzen" Pitt von Bebenburg (23.08.2018)
Quelle: http://www.fr.de/rhein-main/landespolitik/mord-in-hessen-stiftung-soll-nsu-aufklaerung-fortsetzen-a-1567326

Quote
Geraldino65

Arbeitshypothese ?
Anderswo nennt so was Verschwörungstheorie. ...



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« Reply #769 on: August 25, 2018, 12:49:50 nachm. »
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[...] Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) will abgelehnte Asylbewerber, die eine Ausbildung in Pflegeberufen machen, besser vor Abschiebungen schützen. "Gerade in der Pflege brauchen wir dringend Arbeitskräfte. Deshalb haben wir den Ausländerbehörden gerade erst Regelungen an die Hand gegeben, durch die auch Pflegehelferschüler vor der Abschiebung geschützt werden – in Erweiterung der jetzigen 3+2-Regelung", sagte der CSU-Politiker der Welt.

Die sogenannte 3+2-Regelung schützt integrationswillige Jugendliche in der Berufsausbildung und zwei weiteren Berufsjahren vor der Abschiebung. Die schulische Ausbildung im Pflegebereich war bislang von dieser Regelung nicht erfasst. Das hat Bayern nun geändert. "Die neue Maßgabe gilt ab sofort", sagte der Landesinnenminister, der auch für Integration zuständig ist. Sein Bundesland setze damit vorab eine Forderung des Koalitionsvertrags um, denn die entsprechende Regelung des Bundes lasse noch auf sich warten. ...


Aus: "Bayern weitet Abschiebeschutz auf Pflegeschüler aus" (25. August 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-08/fluechtlinge-pflege-abschiebung-asylbewerber-fachkraeftemangel-bayern-joachim-herrmann

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Arya Stark #10

"In Wirtschaftskreisen ist man sich einig, dass dieser Mangel nicht durch inländische Arbeitskräfte behoben werden kann."

Mir ist klar, warum 'Wirtschaftskreise' so argumentieren, kann man so günstige Arbeitskräfte heranziehen. Würde man die Menschen leistungsgerecht bezahlen, würde man auch genug inländische Kräfte finden, Stichwort Angbot und Nachfrage.


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wachsmueller #13

Mir widerstrebt zwar dass es hierbei offensichtlich auch um billige Arbeitskräfte geht.
Aber: kein deutscher Pflegehelfer bekommt mehr Geld wenn der afghanische abgeschoben wird ...


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Schnee_Eule #15

...[Es] gelten moralische und humanitäre Aspekte nur dann, wenn es wirtschaftlich gewollt ist; und zwar von den big players. Alles andere ist irrelevant. Und der Bund lässt Bayern einfach so machen ... Es ist dunkel geworden in diesem Land.