Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 330923 times)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #630 on: Mai 10, 2017, 03:00:43 nachm. »
Cisgender (lat. cis- „diesseits“ und engl. gender „Geschlecht“), teilweise auch Zisgender bezeichnet Personen, deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Dies trifft auf die meisten Menschen zu. Das Gegenteil wird als Transgender (lat. trans- „jenseitig“, „darüber hinaus“) bezeichnet. https://de.wikipedia.org/wiki/Cisgender

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[...] Karneval der Privilegierten (Nadia)

Ich arbeite seit ich 18 bin, habe während meiner Ausbildung jeden möglichen (Callcenter) und unmöglichen Job (Flötenlehrerin) gemacht und damit mein Studium komplett selbst finanziert. Produktionshelferin, Kasse am Supermarkt, Kellnern, Hilfskraft an der Uni, Interviewerin, Aushilfsredakteurin bei einem Stadtmagazin: Manchmal machte ich neben Seminaren und Vorlesungen drei Jobs gleichzeitig und wachte morgens mit einem nervösen Zwinkern am rechten Auge auf – weil ich erstmal sortieren musste wo es als nächstes hingeht. Dementsprechend schmerzbefreit fing ich nach der Uni meinen ersten „richtigen“ Job an, das war vor ziemlich genau zehn Jahren. Eine Kultur, die ich persönlich auf Jammern und Sesselpupserei basierend identifizierte, umarmte mich, und das war nach Jahren des harten Malochens ein ziemlicher Schock für mich. An manchen Tagen gefühlt nur für die reine Anwesenheit (zwar nicht hammergut, aber solide) bezahlt zu werden, war undenkbar. Das führte dazu, dass ich mir selbst jeden Tag ohne Ende Arbeit suchte und so in die immerwährende „Arbeit geht dahin wo sie gemacht wird“-Falle tappte – das passiert mir auch heute noch ganz gerne. Das Entitlement, fürs Rumsitzen und Mist labern Geld einzustreichen, das muss man sich erstmal hart angewöhnen, vor allem als Frau, vor allem als Kanakin – ich arbeite noch dran und schaffe es wahrscheinlich niemals.

Befördert wurde ich auch irgendwann – natürlich zu Migrationsthemen (harhar)! Einmal war ich als bundesweit verantwortliche Fachbereichskoordinatorin für einen Träger tätig und staunte nicht schlecht als ich feststellte, dass ich in der Führungsriege auf einmal hauptsächlich mit weißen Cis-Männern zu tun hatte – die arbeiteten sonst im Unternehmen nämlich (zumindest an der Basis) nur zu etwa 25 Prozent. Weiß sein, Cis-Mann und ohne Behinderung sein: In jedem Führungstreffen wurde es mir vor den Latz geknallt, Männern im Anzug unterstellte man immer sofort Substanz und Kompetenz, während ich ganz oft die lustige Migrantin war (wobei ich sowieso nicht immer lustig und außerdem auch keine Migrantin war, da von nirgendwoher her-migriert). Nach zwei Jahren hatte ich dann aber zusätzlich auch begriffen, dass ich Scheiße lieber nach oben als nach unten werfe, und beschloss von sämtlichen Obermotzfritzangela-Jobs zukünftig die Finger zu lassen. Seitdem ist für mich Lohnarbeit primär Mittel zum Zweck. Im Moment aber habe ich das Glück einen richtig tollen Job machen zu können – ein wirkliches Privileg, das ich jeden Tag schätze.

Was immer gleich bleibt: All die (Alltags-)Rassismen, die an allen Arbeitsplätzen reproduziert wurden und werden, habe ich niemals mitgezählt – das wäre ein Fass ohne Boden. Lustigerweise ging mir meistens eher bei gefühlten Lappalien die Pumpe, zum Beispiel wenn bei irgendwelchen Meetings vor allem Herkunftsdeutsche über „Diversität“ und „Interkulturalität“ verhandelten – auch Schnaps im Kaffee hätte diese Hirnschmerzen niemals verbannen können. Amüsant war auch, als ich während meiner Freiberuflichkeit mal für eine Institution tätig war, deren Geschäftsfelder unter anderem Diversity und Geschlechtergerechtigkeit waren – und irgendwann rauskam dass der weiße, alte Cis-Kollege natürlich wesentlich mehr Tageshonorar kassierte als ich. Der schlimmste Lohnjob den ich gemacht habe war übrigens für ein feministisches Zentrum – die Erfahrung hat sich mir als sehr frustrierend im Hirn eingebrannt. Politische Überzeugungen im Rahmen von Lohnabhängigkeit und halbgarer Zusammenarbeitsharmonie mit weißen Frauen auszuhandeln war das Spaßbefreiteste was ich mir vorstellen konnte. Da gehe ich lieber weiter wie Kafka zur Versicherung ins Büro!


Aus: "Work it! – Feministische Gedanken zu Arbeit" (Dieser Text ist Teil 16 von 16 der Serie Ökonomie_Kritik, Montag, 1. Mai 2017)
Quelle: http://maedchenmannschaft.net/work-it-feministische-gedanken-zu-arbeit/
« Last Edit: Juni 08, 2017, 10:12:53 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #631 on: Mai 12, 2017, 07:39:42 vorm. »
Quote
[...] In einem der teuersten Scheidungskriege der britischen Rechtsgeschichte - womöglich sogar der kostspieligsten überhaupt - muss ein ehemaliger Öl- und Gas-Händler 453 Millionen Pfund (umgerechnet rund 537 Millionen Euro) an seine Ex-Frau zahlen.

Das entspricht 41,5 Prozent des vom Gericht angenommenen Vermögens des 61-jährigen Mannes. Der Londoner High Court entschied am Donnerstag, dass die Summe für die 44-jährige Frau angesichts des bisherigen Lebensstils gerechtfertigt sei. Das Gericht nannte bei der Bekanntgabe des Urteils nicht die Namen der früheren Eheleute.

Der aus dem Kaukasus stammende Mann hatte ein Vermögen im russischen Energiesektor gemacht. Anteile an einer von ihm gegründeten Firma verkaufte er 2012 für 1,37 Milliarden Dollar. Die Ehefrau argumentierte vor Gericht, dass das Vermögen während der langjährigen Ehe aufgebaut worden sei.

Russische Medien gehen davon aus, dass es sich bei dem Milliardär um den Oligarchen Farchad Achmedow handelt, einen Geschäftsmann mit Wurzeln in Aserbaidschan. Seine Daten decken sich zumindest mit den Angaben des Gerichts: Achmedow ist 61 Jahre alt, zuletzt schätzte das Magazin "Forbes"sein Vermögen auf 1,3 Milliarden Dollar.

Bislang lag die höchste Abfindungssumme einer in London verhandelten Scheidung bei 337 Millionen Pfund. Soviel wurde 2014 der Ex-Frau von Chris Hohn zugesprochen, einem Investmentbanker.

beb/Reuters


Aus: "Ex-Frau bekommt 537 Millionen Euro" (11.05.2017)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/scheidung-ex-frau-bekommt-537-millionen-euro-von-russischem-oligarchen-a-1147271.html


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« Reply #632 on: Mai 13, 2017, 09:31:09 vorm. »
Quote
[...] Die geplante Gehaltserhöhung für den Lufthansa-Vorstand sorgt nach SPIEGEL-Informationen bereits vor ihrer Umsetzung für Zwist. Am Donnerstag vergangener Woche hatte der Aufsichtsrat mehrheitlich beschlossen, die längerfristige, erfolgsbasierte Vergütung für Firmenchef Carsten Spohr und seine Kollegen deutlich anzuheben. In der Spitze wären so ab 2020 Steigerungen von bis zu 20 Prozent möglich.

Zuletzt verdienten die Lufthansa-Vorstände rund zwei Millionen Euro pro Jahr, Spohr rund eine Million mehr. Das sei viel zu wenig, heißt es in der Beschlussvorlage für das Kontrollgremium. Diese begründete den Erhöhungsantrag erstaunlich plump. Demnach sei die Fluktuation im Vorstand auch deshalb "relativ hoch", weil zu wenig bezahlt werde.

Entsprechend schwierig habe sich die Suche nach Kandidaten für zwei zuletzt ausgeschiedene Vorstände gestaltet. "Das unzureichende Vergütungsniveau wurde vom Markt bestätigt", heißt es in dem Papier. Indirekt werden damit die Nachfolger düpiert und als zweitklassig und genügsam disqualifiziert, doch das nahm das Präsidium des Aufsichtsrats offenbar in Kauf. Die Arbeitnehmervertreter in dem Gremium überzeugte die Argumentation trotzdem nicht. Bis auf einen stimmten alle gegen die Erhöhung der Bezüge.

...

Quote
Kater Bolle 13.05.2017, 08:28 Uhr

... Millionen arbeiten für 8,50 EUR die Stunde. Was sollen die denn sagen? Die Krankheit des heutigen Raubtierkapitalismus. Wenns mal ernst wird tragen die Top-Manager keine Verantwortung für ihr Handeln. Siehe HSH bis VW und alles was dazwischen passt.


...


Aus: "Lufthansa: Vorstand klagt über zu mickrige Millionengehälter" (13.05.2017)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/lufthansa-aerger-ueber-deutlich-hoehere-vorstandsgehaelter-a-1147425.html

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« Reply #633 on: Mai 24, 2017, 11:14:31 vorm. »
Quote
[...] Eine knappe halbe Stunde dauert die Begegnung zwischen Papst Franziskus und Donald Trump. Fragen wirft Melania Trump auf: Warum trägt sie im Vatikan einen Schleier, wo das dort gerade außer Mode geraten ist [...] ?  ... Mit dem gesamten barocken Protokoll des Vatikans hatte Papst Franziskus am frühen Mittwoch um 8.30 Uhr den amerikanischen Präsidenten Donald Trump empfangen. Die Schweizer Garde salutierte am Damasus-Hof und vor der Scala Regia des barocken Baumeisters Bernini. Sämtliche Gentiluomini seiner päpstlichen Heiligkeit, die „Laiendiener“ geleiteten die 12 Mitglieder starke Delegation mit Frack und Orden über die sich optisch verengende Treppe hoch und dann durch die Sala Clementina in die Empfangsräume des Papstes. Der deutsche Präfekt des päpstlichen Hauses Erzbischof Georg Gänswein verwickelte dabei den Präsidenten in einen freundlichen Smalltalk.

Trump kam im dunklen Anzug mit weiß blaugestreiften Schlips. Der nicht gerade durch seine Religiosität bekannte Presbyterianer, dem manche freilich auch evangelikale Neigungen zusprechen, schien nervös und strich sich immer wieder über seine blonde Haartolle. Hinter den beiden folgten Frau Melania und Trump-Tochter Ivanka an der Seite ihres Mannes Jared Corey Kushner, einem jüdischen Immobilienhändler und Berater des Schwiegervaters. Auch Ivanka schmückte ein Schleier auf dem Haar. Damit folgen die Frauen im Gefolge Trumps einer alten Tradition, die allerdings bereits unter Benedikt XVI. für nichtkatholische Ehefrauen von Staatschefs unüblich wurde. Für königliche Begleiterinnen war einst sogar der weiße Schleier Protokoll.


Aus: "Trump will nicht vergessen, was der Papst ihm gesagt hat" Jörg Bremer, Rom (24.05.2017)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/treffen-in-rom-papst-und-trump-sprechen-30-minuten-miteinander-15030953.html

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« Reply #634 on: Mai 30, 2017, 11:53:55 vorm. »
Quote
[...] Wien. Übervoll der Wiener Arbeiterkammersaal, Übertragung ins Theater Akzent nebenan. Der weltreisende slowenische Philosophiekomet Slavoj Žižek landete bei den Festwochen in Wien. ... Dem Charismatiker im Unterschichtenlook ist schwer zu folgen, obwohl er einfaches Englisch spricht. Er beginnt mit dem Unterschied von Bürgerrecht und Menschenrecht: Flüchtlingen wird das eine zugestanden, das andere nicht, sie seien, mit Berufung auf den Linguisten Jean-Claude Milner, degradiert zu "sprechenden Körpern". Vom "Öffnen unserer Herzen für Flüchtlinge" hält er nichts. "Wir brauchen präzise politische Maßnahmen." Er will sie nicht als "unser neues Proletariat" idealisiert wissen. ... Eine von ihren Helfern angestrebte übergeordnete homogene Lebensweise gibt es nicht. Universalismus bleibt eine Bruderschaft verschiedener Lebensweisen. Flüchtlinge sollen ihren Way of Life behalten – ihre sexuellen Bräuche, den Genuss, wie man lacht und liebt, ihre hierarchische Ordnung, auch die arrangierten Zigeunerhochzeiten. Israel ahnde aus Klugheit keine Ehrenmorde in den besetzten Palästinensergebieten; so wie auch die britischen Kolonialherrn Indiens Kastenwesen nicht anrührten. ...

Quote
Paul Landman, 21.05.2017 17:35 Uhr

... Ein riesiger philosophischer Fleckerlteppich aus allen Schlagworten der versinkenden Postmoderne wurde ausgebreitet und der Meister aus Slowenien versuchte einen ermutigenden und kraftvollen Walkürenritt. An sich habe ich Slavoj Zizek früher gerne gemocht, aber die Zeiten sind vorbei, wo man seinen Hegelianismus noch bewundern darf. Heute ist er der Meister einer aufstrebenden, narkotisierenden Geschwätzigkeit. Dass Israel angeblich aus Klugheit keine Ehrenmorde im Westjordanland ahndet, ist eine seltsame Botschaft. Und weiteren Nonsens nach DIN Norm-Zeitgeist vernimmt man. Heute ist Zizek nur noch ein Festredner in intellektuellen Bierzelten, der alle Denk- und Kotzbrocken zu einem Einheitsbrei am Bocksberg der Gedankenlosigkeit zusammenköchelt, vor dem mir graut.
Ein dämonischer Koch! Und natürlich sitzt die Hautvolee der österreichischen Intellektualität, Eminenz um Eminenz, im Foyer, um mit Zizek "The Courage of Hopelessness" zu zelebrieren. Ein jämmerliches Spektakel!



Aus: "Slavoj Zizek: Mutig in die Hoffnungslosigkeit" Hans Haider (21.05.2017)
Quelle: http://www.wienerzeitung.at/dossiers/wiener_festwochen/893369_Mutig-in-die-Hoffnungslosigkeit.html

« Last Edit: Mai 30, 2017, 12:26:08 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #635 on: Juni 07, 2017, 02:55:16 nachm. »
Quote
[...] Neulich bei einem Abendessen hinter bodentiefen Fenstern mokierte sich eine Bekannte über all jene, die mit der EU nichts anfangen können. Sie selbst sei stolze Europäerin, und ihr Erasmus-Jahr, das sei einfach unvergesslich gewesen. Dass diese Art der europäischen Identitätsbildung einer Elite vorbehalten ist, fiel ihr gar nicht auf. Diese gedankliche Enge versperrt auch den Blick auf die eigenen Widersprüche: Nationale Grenzen lehnt man zwar ab, aber die Grenzen rund um die eigene Komfortzone schätzt man umso mehr.

... Der ultimative Test für meine linke Gesinnung war jedoch die Einschulung meiner ältesten Tochter. Wir hatten die Wahl zwischen mehreren Schulen. Auf der einen, nahe gelegenen, gibt es kaum Migranten. Die andere, etwas weiter weg, hat einen Migrantenanteil von rund 80 Prozent. Gelebte Vielfalt, dachte ich, heißt ja nicht nur, im türkischen Supermarkt einzukaufen, weil sich das so schön nach Urlaub anfühlt. Also ging ich zu der zweiten Schule und sprach mit der Direktorin. Als ich ihr Büro verließ, war gerade Pause. Ich stellte mich auf den Schulhof, bis die Glocke zur nächsten Stunde läutete. Ich kam wieder und schaute mir noch eine Pause an. Kaum ein Kind sprach Deutsch, die meisten Türkisch oder Arabisch. Der Ton war rau, der Umgang ruppig. Später hörte ich von Kindern mit Migrationshintergrund, die Kinder ohne Migrationshintergrund mobbten. Ich meldete meine Tochter auf der anderen Schule an.

...

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Schulki #5

Ich kann nachvollziehen,dass linksliberaler Dogmatismus verstörend wirkt und die unreflektierte Widersprüchlichkeit, die sich zwischen politischen Ansichten und Handeln mancher Linksliberaler auftut, bestenfalls als unaufrichrig wahrgenommen wird. Aber sind linke Überzeugungen deshalb insgesamt realitätsfern und selbstgerecht? "Nur wer [...] Ambivalenz aushält, wird Lösungen finden", heißt es, hier nur leicht sinnentstellt zitiert, im Artikel. Aber wäre es dann nicht auch angebracht, zwischen guten Ideen, Visionen und Überzeugungen auf der einen Seite und fehlbaren Menschen auf der anderen Seite, an denen oder durch die diese Ideen bisweilen zerbersten, zu differenzieren, ohne dabei aber den Wert ersterer durch das Verhaltet letzterer vollkommen in Frage zu stellen? Anders gefragt: Ist die Bergpredigt ein einziger Schmarn, weil sich Christen in dieser Welt als Übeltäter erwiesen haben und es auch 2000 Jahre nach Jesu Tod noch immer Ungerechtigkeit in der Welt gibt?

Zur Wahrheit gehört leider auch, dass das Diskreditieren linker Überzeugungen als dogmatisch, realitätsfremd und verlogen allzu willfährig von denjenigen instrumentalisiert wird, die ausgrenzende, menschenverachtende und im übrigen nicht minder dogmatische Positionen vertreten. Und ob diese sich einer kritischen Diskussion jenseits des Selbstgesprächs stellen, mag jeder für sich entscheiden!


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wolf_niese #8.1

Es gibt also ein elitäres und realitätsfernes linkes Milieu, die Probleme der Integration ausblendet und AfD-Wähler ausgrenzen will. Deshalb kann, muss aber nicht im Antigutmensch-Chor reaktionärer Geister eingestimmt werden. Und das der Linksliberalismus perse Anderdenkende ausgrenzt, ist auch nicht Merkmal der Leitmedien. Es soll auch noch Linke geben, die sich mit dem türkischen Bäcker über Erdogan streiten: Mich.


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jaakobus12 #17

... Auch ich habe mich seit über 50 Jahren als ein Mensch gefühlt, der politisch links stand und steht. Wenngleich wir uns schon im Studium von den "dogmatischen" Linken abgegrenzt haben. Für mich überwiegend Menschen, die ihre linke Position nicht aus ihrer Lebenssituation ableiten konnten, sondern sie mit ausführlichen Zitaten aus diversen "linken Katechismen" untermauerten.
Inzwischen erfahre ich a) eine modische Umdeutung des Begriffes "Links". Mit gesellschaftlichen Verteilungs-oder Machtfragen hat der modische Begriff wenig bis nichts gemein.
Und ich sehe in wenigen Bereichen eine so ausgeprägte Kritiklosigkeit, ein Nerv tötendes Nachsprechen von weltanschaulichen Sprechblasen wie auf der modischen Linken.
Jede kritische Nachfrage, jede Anmerkung wird von den Gralshütern des modischen Linksseins mit empörter Ausgrenzung und Etikettierung als "politisch nicht korrekt" beantwortet. Irgendwie erinnert die Gleichförmigkeit der tolerierten Positionen an die Aufmärsche der roten Garden in China.
Ein erschreckender Hang zu Normierung, unter dem Vorwand, die Freiheit und Würde von diversen Minderheiten zu schützen, darf im Zentrum nicht mehr gefragt und gedacht werden.


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fischer im recht #18

... Die Autorin meint, "LINKS"-Sein bedeute, die albernen Moden der Besserverdienenden Libertinage zu kennen, der sie angehören will.
Das ist ein Irrtum. Das Zerrbild ist entstanden, weil und nachdem die Menschen aus gutbürgerlichen Kreisen, nachdem sie zwanzig Jahre lang die Liquidierung der Bourgoisie gefordert hatten, ohne je über Verantwortung nachzudenken, nach milden (zum historischen Endkampf hochfantasierten) Interventionen von Anstellungskörperschaften beschlossen, sich lieber aufs Stricken, ökologischen Landbau und Frauenfragen zu verlegen. Seither grüßen sie die Elenden dieser Welt nur noch aus der ferne.
Heute, nach 30 Jahren, glauben die Abkömmlinge der Avandgarde ernstlich, "links"-Sein habe schon immer irgendwie eine Mischung aus Locations, Modelabeln und Urlaubszielen bedeutet.
Die Menschen, die "Links"-Sein um einer sozialen Idee willen definiert und getragen haben, spielen im Tunnel dieser Doofheit nur noch die Rolle von Lästigen und Idioten. Sie sind verlassen und verraten und werden eingesammelt von der AFD. Um so peinlicher sind die Mitteilungen aus den sanierten Gründerzeit-Quartieren, dass man am Grunde des Herzens wirklich sehr gern ein borniertes Arschloch sein möchte. Wenn es denn nutzt.

[ ... Das Problem ist nicht, dass es ein paarhunderttausend Mittelschichtler gibt, die es sich leisten können, großzügig zu sein, sondern dass es Millionen gibt, die sich das nicht (mehr) leisten können. Denen zu erzählen, man sei in der Gründerzeitvilla ab sofort jetzt auch gegen die Überfremdung, scheint mir nicht sehr überzeugend. Denn es geht ja nicht um Moden oder um Fremdheit, sondern um Arm und Reich. ...]

FiR


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jeannotloup #21

Was soll das, ich bin nicht mehr links? Als könne man seine Weltanschauung und die wichtige innere Überzeugung einfach so ausziehen und dann wieder was anderes anziehen. Allein der Satz, dass Fluchtbewegungen unser Jahrhundert dominieren werden ist Geschichtsvergessenheit pur. Allein das ausgehende 19. und auch das 20. Jahrhundert wurde entscheidend durch Flüchtlingsströme geprägt: Auswanderung der Iren wegen Hungersnöten nach den USA, desgleichen Italiener und viele andere europäische Völker, bei denen monarchische oder konservative Regime die Menschen ausplünderten und sich selbst überließen. Erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg, fast drei Millionen Sudetendeutsche aus der Tschechoslowakei, Hunderttausende aus Ostpreussen und anderen Ostgebieten, Genozid an den Armeniern und der Rest floh überall dorthin, wo man sie aufnehmen konnten. Im griechisch-türkischen Konflikt mit den Londoner-Verträgen wie denen aus Servres wurden 1,1 Mio. Griechen aus der Türkei gedrängt und im Gegenzug 360.000 türkische Moslems in die Türkei. Diese Liste liesse sich endlos fortsetzen und auch die Jahrhunderte davor waren immer durch Kriege und Fluchtbewegungen entscheidend geprägt. Mir ist das egal, wie Ihre Generation das betrachtet und welche irren Auswirkungen eine offensichtlich egomane Scheinlinke auf andere loslässt, es kommt auf die Haltung des Einzelnen an und wie ich damit umgehe, dass sich die Welt permanent durchmixt und unfrei ist. Links zu sein, ist kein Modetrend ...

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CM2207 #21.1

...und Überzeugungen können sich ändern, worum es auch in diesem Artikel geht.
Die Autorin behauptet ja nicht mehr "links" zu sein, was für den aufmerksamen Leser schon nach dem Titel dieses Artikels eindeutig sein müsste.

Sie hat auch nirgendwo behauptet, es hätte vorher keine Fluchtbewegungen oder Wirtschaftsmigration gegeben.

Wie wäre es, wenn Sie als linke Person inhaltlich auf die Kritik eingehen, die hier in diesem Artikel dargelegt wurde? Ist dieser Teil der Linken ein Haufen ignoranter Dogmatiker, die keine anderen Meinungen ertragen können, oder ist das Ihrer Meinung nach eine völlig ungerechtfertigte Unterstellung?



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ralfralf #29

... Privat regt man sich über eine Mauer des Nachbarn auf, die den Schattenwurf aufs eigene Grundstück erhöht. Und dann beschwört man Toleranz und Vielfalt in den Teilen der Gesellschaft, die man selbst gar nicht erlebt. Das macht auch mich politisch heimatlos.


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Jotunsquid #33

Großartig, danke. Ich hätte nicht gedacht, dass ich einen so ehrlichen, selbstkritischen und reflektierten Artikel noch mal auf ZON lesen darf.

Ich habe diese Beobachtungen betreffend der Kritikresistenz, -unfähigkeit, der Selbstüberhöhung und des ausschließenden Dogmatismus und Besserwissens schon vor etwa 25 Jahren in der gymnasialen Oberstufe einer Kieler Schule gemacht. Gewisse Lehrer, aber auch viele Schüler (das Binnen-I oder das ze*tt-Sternchen denke sich bitte hinzu, wer es denn braucht) waren schon damals Ausgeburten der Geisteshaltung, wie sie im Artikel so treffend beschrieben wird, die dazu führten, dass ich mich innerlich wie äußerlich schon früh davon distanziert habe. ... Eigentlich bin ich ein zutiefst liberaler Mensch. Es wird nur immer schwerer, das auch zu sein.


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eleios #37

Ja, man sollte seine eigene Haltung und die seines Umfeldes hinterfragen, unbedingt, ich finde aber, der Artikel geht komplett am Kernproblem vorbei. Man muss derzeit einfach klar Position beziehen, wenn man nicht in dieser riesigen kotzbraunen Woge aus Panikmache, Intoleranz und Hass ersaufen will, die gerade über die Welt schwappt. ...


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royalbunker_staiger #43

Sehr geehrte Frau Hasel,
das Problem besteht ja eher darin, dass weder Sie noch Ihre Freundinnen und Freunde jemals links waren. Wie Sie selbst schreiben, bezeichnen Sie sich ja auch eher als linksliberal, eine Positionierung, die den verzweifelten Versuch unternimmt innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft die Verhältnisse erträglicher, moralisch korrekter & vielleicht auch ein wenig schöner zu machen. Leider ist dieser Versuch zum Scheitern veruerteilt, weil er sich immer wieder am harten Materialismus stößt, oder anders ausgedrückt an den Sachzwängen, die dieses System so einfordert. Das macht mutlos und auch ein wenig unglücklich, wie ich ihrem Artikel entnehmen kann, weil der gute Anspruch sich immer wieder an der Realität messen lassen muss & nicht einzuhalten ist. Wenn man dann keine Argumente sondern nur moralische Haltungen hat, ist das Scheitern & die Verzweiflung nicht mehr weit. Zumindest haben Sie das schon erkannt, im Gegensatz zu Ihren Freundinnen & Freunden. Warum dann aber nicht die Verhältnisse angreifen, wie sie tatsächlich sind, sondern sich lediglich der linksliberalen Hülle entledigen und ganz offen die Bürgerlichkeit zur Schau stellen, die schon immer hinter der linksliberalen Fassade lag, das verstehe ich nicht. Eine gute marxistische Grundausbildung; ohne jegliche Illusion, die Welt anschauen, wie sie wirklich ist & wie sie tatsächlich funktioniert - das liebe Frau Hasel, das wirkt Wunder und wäre tatsächlich links. In diesem Sinn: Hoch die Faust!


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 hanswurst_ #57

... Wer bestreitet das das kapitalistische System, welches dem Wirtschaftswachstum eine deutlich höhere Priorität zu schreibt als der sozialen Gerechtigkeit, muss zu mindest zweifel ertragen. Leider ruhen sich viele aus der extremen Mitte auf ihrem eigenen Befinden aus und betäuben die Zweifel mit Vorzügen des Konsums und der kleinen guten Taten. "Man sollte in seinem Kreis gutes tun". Das reicht dann. Aber was dieses System und unser wachsender Wohlstand mit den Menschen anrichtet die darunter zu leider haben, das wird gerne vergessen.

Desweiteren ist der Teil des Artikels, in welchem Menschen mit linker Ideologie pauschalisierend die Argumente abgesprochen werden ist leider der Inbegriff von Selbstgerechtigkeit und ein Stück weit arrogant.
Warum auch alles anzweifeln? Es funktioniert doch so gut für einen selber. Ganz offensichtlich aber nicht für die anderen 70% der Menschheit.


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BerndPaysan #58

Längst nicht jeder, der linke Positionen vertritt, ist im Herzen links. Denn eine linke Haltung ist eine mit Herz, also eine, die auf Mitgefühl basiert.

Wenn im 21. Jahrhundert dank der globalen Erwärmung ganze Länder absaufen werden (Florida und Bangladesh z.B.), dann ist eine "Obergrenze" die Frage, wen man ersaufen lässt, und wen nicht: Es ist für einen Menschen mit Herz nicht ernsthaft diskutierbar.

Wenn man als Linker mit dem Islam nichts anfangen kann, weil das eine erzkonservative, intolerante Religion ist: das ist auch links. Der Islam ist noch weniger links als die katholische Kirche. Viele Zuwanderer aus islamischen Ländern sind ungebildet, und verhalten sich deshalb bäuerlich rüpelhaft. Mit erzkatholischen CSU-Wählern vom Dorf kann man als Linker ja auch wenig anfangen.

Wenn man als Antideutscher für USA und Israel ist, dann ist man auch nicht links: Das sind zwei Länder, die von konservativen Bellizisten regiert werden, in denen Rassismus bis hin zur Apartheit herrschen: Das ist nicht links. Das sind Leute, die nur bei den Rechten keinen Platz gefunden haben, weil sie nicht deren Patriotismus haben.

Und die Safe-Spaces-Snowflakes-Narzissten, die völlig kritikunfähig sind, denen fehlt ebenfalls für echtes Links-sein das Herz. Wobei auch die rechten Anti-"Snowflakes"-Typen sehr weinerlich sind, egal ob Maskulinisten oder Donald Trump: Die halten ja auch keine Kritik aus.

Die Linke spaltet sich gern in verschiedene "Möchtegerne" auf.


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Nicolai P. #65

Vielen Linken mangelt es an Toleranz und Selbstkritik, OK. Aber AfDler nicht zu einer Podiumsdiskussion einzuladen, halte ich gerade unter dem Blickwinkel, sachliche, vorurteilsfreie, aufgeklärte, offene Debatten zu wollen, für absolut sinnvoll. Die AfD ist mit ihrer eristischen Dialektik, mit all den Halbwahrheiten bis Lügen, den klischeehaften Vorurteilen, mit alle den Totschlagargumenten, den polemischen Pöbeleien und verbaler Gewalt nun wirklich der Totengräber jeder Debattenkultur.  ...


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daviddanys #72

Wer jemals glaubte, eine bessere, gerechtere Welt aufzubauen wäre einfach, war schon immer naiv. Grenzen auf und gut? Integration ist eine Mammutaufgabe, die von allen Beteiligten höchste Anstrengungen erfordert. Und das beschriebene Versagen der Bildungspolitik gegenüber dem Strukturwandel Symptom eines Staates und einer Gesellschaft, die diese nicht stemmen will. Frei nach dem alten Satz "Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen" betreffend der "Gastarbeiter" in den 50er und 60er Jahren, kommen eben Menschen. Mit allen ihren Stärken - und Schwächen. Die Gleichheit aller Weltbürger zu akzeptieren bedeutet, auch einen Modus für die Schattenseiten zu finden, der sich mit dem Gleichheitsanspruch vereinbaren lässt: Selbstverständlich gibt es in allen Völkern auch Straftäter, nur werden die einen für einen Hauseinbruch nicht in Krisengebiete abgeschoben, was ein Todesurteil bedeuten kann, wie andere.

Wer nur links war, solange es cool war, gegen die Eltern und das Establishment zu rebellieren - und bei den ersten Anzeichen von Problemen reagiert wie ein AfD-Mitglied (wobei ich dort noch Hoffnung habe, dass wenigsten ein paar es "einfach nicht besser wissen" und noch mit sich reden lassen; diese Begründung haben ehemalige "Linke" nicht), Pauschalurteile fällt und ganze Völker aufgrund schlechter Einzelerfahrungen verurteilt - der oder die ist nie links gewesen. Eine bessere Welt ist möglich - und harte Arbeit.


...


Aus: "Politische Korrektheit: Ich bin nicht mehr links" Verena Friederike Hasel (19. April 201)
Quelle: http://www.zeit.de/2017/17/politische-korrektheit-links-intoleranz-afd/komplettansicht
« Last Edit: Juni 07, 2017, 02:56:49 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #636 on: Juni 08, 2017, 09:41:33 vorm. »
Quote
[...] Wie kann es sein, dass sich eine globale Finanzelite über Jahre auf Kosten des deutschen Steuerzahlers bereichert – und niemand verhindert es? Wie groß ist der Schaden, der dadurch entstanden ist? Und welche Lehren sind aus dem beispiellosen Versagen des deutschen Staates zu ziehen?

 Ein Team von Redakteuren von ZEIT und ZEIT ONLINE hat zusammen mit dem ARD-Magazin Panorama geheime Ermittlungsakten, Tabellen mit Käufen und Verkäufen, E-Mails, Kontoauszüge, Zeichnungsscheine, Durchsuchungsprotokolle und Aufzeichnungen von abgehörten Telefonaten ausgewertet. Reporter sind an die Orte des Geschehens gereist, nach Amerika, Großbritannien und in die Schweiz, haben mit Staatsanwälten, Beschuldigten, Bankern, Insidern, Wissenschaftlern und einem früheren Finanzminister gesprochen. Es ist der Versuch, ein mutmaßliches Wirtschaftsverbrechen zu rekonstruieren, dessen Ausmaß und Komplexität nahezu unfassbar ist.

Insgesamt ist dem deutschen Staat ein Schaden von mindestens 31,8 Milliarden Euro entstanden. Das ergeben exklusive Berechnungen des Finanzwissenschaftlers Christoph Spengel von der Universität Mannheim. "Es ist der größte Steuerskandal in der Geschichte der Bundesrepublik", sagt Spengel.

... Die BaFin vermutet, dass etwa 40 deutsche Kreditinstitute mitgemacht haben. Viele von ihnen steigen kurz nach der Finanzkrise ein, also in genau jener Zeit, in der der Staat fast alles tut, um sie zu retten. Die HSH Nordbank etwa beantragt 2008 Staatshilfe – und beginnt im selben Jahr mit Cum-Ex-Geschäften. In ihrem Fall geht es laut interner Untersuchung um 112 Millionen Euro an Steuern.

... Den Schaden durch Cum-Ex schätzt der Finanzwissenschaftler Christoph Spengel von der Universität Mannheim allein für die Geschäfte seit 2005 auf 7,2 Milliarden Euro. Bei den Cum-Cum-Geschäften setzt seine Schätzung im Jahr 2001 an. Dem Staat sind demnach mindestens 24,6 Milliarden Euro entgangen. Rechnet man beides zusammen, ergibt sich ein Gesamtschaden von insgesamt 31,8 Milliarden Euro. Das ist deutlich mehr, als die Bundesregierung im vergangenen Jahr für die Bewältigung der Flüchtlingskrise ausgegeben hat. Theoretisch hätte der Staat mit dem Geld eine knapp 1.200 Kilometer lange Autobahn oder 36 Elbphilharmonien bauen können.

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rizzorat #36

Allein die Aussage "Wenn alles zurückhgeholt werden würde, würde dies bei einigen Banken die Kernschmelze auslösen" sagt mir , das nix passieren wird.
Ich hab eine riesen Wut im Bauch..... ich hab echt kein Bock mehr Ingenieur zu sein um etwas zu produzieren.... damit kann ich mir kein Haus leisten und diese Herren verdienen sich mit NIX dumm und dusselig weil sie Systemrelevant sind.......


...


Aus: "Der größte Steuerraub in der deutschen Geschichte" (7. Juni 2017)
Lutz Ackermann, Benedikt Becker, Manuel Daubenberger, Philip Faigle, Karsten Polke-Majewski, Felix Rohrbeck, Christian Salewski und Oliver Schröm
Quelle: http://www.zeit.de/2017/24/cum-ex-steuerbetrug-steuererstattungen-ermittlungen

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[...]  Mit mehr als 30 Milliarden Euro hätte der Staat eine Menge Schulen und Brücken sanieren können. Doch stattdessen kassierten Banken, Börsenmakler und Anwälte das Geld, das dem Fiskus zugestanden hätte. "Es ist der größte Steuerskandal in der Geschichte der Bundesrepublik", sagt der Finanzwissenschaftler Christoph Spengel.

Spengel forscht an der Universität Mannheim. Für Panorama, die "Zeit" und "Zeit online" hat er historische Finanzmarktdaten ausgewertet und den Schaden berechnet, der der Bundesrepublik durch rein steuerlich motivierte Aktiengeschäfte rund um den Dividendenstichtag (sogenannte Cum-Cum- und Cum-Ex-Geschäfte) entstanden ist. Das Ergebnis: mindestens 31,8 Milliarden Euro.

 Bei Cum-Cum-Geschäften hilft eine inländische Bank einem ausländischen Investor dabei, eine Steuerrückzahlung zu ergattern, auf die dieser keinen Anspruch hat. Der Gewinn wird aufgeteilt. Durch Cum-Cum Geschäfte sind dem Staat nach der Berechnung Spengels seit 2001 mindestens 24,6 Milliarden Euro entgangen, rund 1,5 Milliarden Euro pro Jahr.

Cum-Ex-Geschäfte sind damit verwandt, aber weitaus komplizierter. Die Besonderheit: Eine Steuer wird einmal abgeführt und mehrfach vom Fiskus zurückgefordert. Ein Netzwerk aus Banken, Beratern, Anwälten und reichen Investoren ließ sich also Steuern erstatten, die nie bezahlt wurden. Zwischen 2005 und 2012, als diese Geschäfte unterbunden wurden, entstand den Berechnungen Spengels zufolge ein Schaden von mindestens 7,2 Milliarden Euro, also von durchschnittlich gut einer Milliarde Euro pro Jahr. "Der Schaden durch Cum-Ex-Geschäfte dürfte insgesamt noch höher liegen, da sie auch schon vor 2005 getätigt wurden", so Spengel.

 Obwohl der Cum-Ex-Markt riesig gewesen sei - mehr als 100 Banken stehen im Verdacht, derlei Geschäfte zulasten des Steuerzahlers getätigt zu haben - seien es "nur sehr wenige Personen gewesen, die die Fäden gezogen haben", berichtet ein Insider gegenüber Panorama, "Zeit" und "Zeit online". Eine besondere Rolle spielte dabei der Finanzplatz London. Er war Hauptdrehscheibe für Cum-Ex-Geschäfte. Eine Bande von nur einem knappen Dutzend Londoner Investmentbankern verursachte den Großteil des Milliardenschadens.

Die mutmaßliche Bande handelte nicht nur auf eigene Rechnung, sondern bot das Cum-Ex-Geschäft auch Dritten an. Um welch riesige Summen es dabei ging, zeigt ein Beispiel aus dem Jahr 2011. Damals führte die Londoner Gruppe Aktientransaktionen für zwei Cum-Ex-Fonds des Luxemburger Fondsanbieters Sheridan durch, in die unter anderem Carsten Maschmeyer, Drogerie-Unternehmer Erwin Müller und Schalke-Boss Clemens Tönnies investierten. Panorama, die "Zeit" und "Zeit online" haben ermittelt, welches Ausmaß allein diese Geschäfte im Jahr 2011 hatten: Laut Ermittlungsakten handelten Londoner Broker allein für zwei Cum-Ex-Fonds rund um den Dividendenstichtag mit mehr als einer Milliarde deutscher DAX-Aktien im Wert von über 47 Milliarden Euro.

Im Fall dieser Fonds verwehrte das Bundeszentralamt für Steuern allerdings am Ende die Auszahlung mehrerer hundert Millionen Euro an Steuern und löste so die staatsanwaltlichen  Ermittlungen um den größten Steuerskandal der Bundesrepublik aus.

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Am 07. Juni 2017 um 20:42 von StöRschall

Die müssen pathologisch antisozial sein, sonst könnten die sowas nicht tun.


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Am 07. Juni 2017 um 16:47 von patzie
Keine Aufregung, dann verschärfen wir halt bei Harz4 die Regeln setzen das Rentenalter hoch oder ähnliches.Schwupp die wupp ist das Geld wieder drin.


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Am 07. Juni 2017 um 16:07 von Mein blauer Engel
Welcher Name fällt bei Cum-Ex

... Wir brauchen ein Verbot des mühelosen Einkommens. Denn Irgendjemand muß mit seinem Sklavenlohn für diese Art der Gewinnmaximierung aufkommen. Übermäßige Gewinne gehören zu 100 % abgeschöpft. Da bin ich in der Einstellung einmal Ultralinks.


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Aus: "Cum-Ex- und Cum-Cum-Geschäfte "Größter Steuerskandal der Geschichte""
Lutz Ackermann, Manuel Daubenberger, Philip Faigle, Karsten Polke-Majewski, Felix Rohrbeck, Christian Salewski und Oliver Schröm (Stand: 07.06.2017)
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/cum-cum-105.html

« Last Edit: Juni 08, 2017, 12:25:18 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #637 on: Juni 08, 2017, 10:10:24 vorm. »
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[...] Großbritannien - Seine Kritiker erklärten Jeremy Corbyn für nicht vermittelbar. Dass die Wähler darüber entscheiden, wurde vollkommen vergessen.

... In den USA galt es einmal für ausgemacht, dass einer weiß sein musste, um zum Präsidenten gewählt zu werden. 1958 antworteten 53 Prozent der weißen Wähler auf die Frage, ob sie einen schwarzen Kandidaten wählen würden, mit nein. 1984 waren es noch 16 und 2003 nur noch sechs Prozent. Wir wissen, dass das heute nicht mehr stimmt. Aber bis zur Wahlnacht 2008 konnten wir uns dessen nicht sicher sein.

Es stimmt auch für die Programme. Selbst wenn Parteien sich grundsätzlichen Prinzipien verschreiben, müssen sie in ihren Versprechen doch mit der Zeit gehen. Die Anhänger Blairs und Clintons haben das nicht nur verstanden, sondern sogar zu ihrem Glaubensbekenntnis gemacht. ...

Der wirtschaftliche Zusammenbruch und die darauffolgende Austeritätspolitik haben für eine tektonische Verschiebung in unserer politischen Kultur gesorgt. Die Erwartungen der Menschen an eine Mitte-Links-Partei haben sich verändert. Die herrschende Meinung, wer oder was wählbar ist, hat diese Veränderung nicht nachvollzogen. Ihre hohen Priester beharren darauf, dass Wahlen in der Mitte gewonnen werden. Sie verstehen nicht, dass die Mitte sich verschieben kann und in Zeiten extremer Polarisierung sogar ganz verschwindet. Die Pragmatiker wurden zum Dogmatikern; die Modernisierer zu Konservativen.

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Flegel 07.06.2017 | 18:04

Ein Kandidat wie Corbyn, der Terroranschläge im Inland mit den Kriegen in Verbindung bringt, die die eigene Regierung im Ausland führt, und für die Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums und die Stärkung des öffentlichen Dienstes eintritt“,

einen solchen Kandidaten kann Deutschland gar nicht erst vorweisen. Dafür hat das „Parteienkartell aus CDU/CSU, SPD, FDP und GRÜNE“ gesorgt. Sie betreiben bekanntlich seit der AGENDA 2010 die deutsche Innnen- und Außenpolitik gemeinsam. ... Die Grünen haben 1999 zudem zusammen mit der SPD dafür gesorgt, dass Deutschland wieder kriegstauglich wird. ...


...


Aus: "Der Unwählbare" Gary Younge - Übersetzung Holger Hutt (06.06.2017)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/corbyn-der-unwaehlbare
« Last Edit: Juni 08, 2017, 10:14:11 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #638 on: Juni 15, 2017, 11:30:31 nachm. »
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[...] Berlin - Ein 55 Jahre alter Mann fährt am späten Dienstagabend mit seinem Fahrrad auf der Hermannstraße in Berlin-Neukölln. Zur selben Zeit will ein 50-Jähriger aus einem Porsche Cayenne steigen. Er steht mit dem Auto im absoluten Halteverbot. Als er unvermittelt die Tür öffnet, kann der Radfahrer nicht mehr rechtzeitig bremsen und prallt mit voller Wucht gegen die Tür. Der 55-Jährige wird mit schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus gebracht. Dort stirbt er 13 Stunden später.

Der Verkehrsermittlungsdienst der Polizei stellt noch in der Nacht fest, dass der Porsche zur Botschaft Saudi Arabiens gehört. Dort äußerte man sich am Donnerstag nicht zu dem Unfall.

Falschparken, Alkohol am Steuer, Geschwindigkeitsüberschreitungen: Die Zahl der Ordnungswidrigkeiten, die von Diplomaten begangen werden, ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Im vergangenen Jahr registrierte die Berliner Innenverwaltung allerdings einen leichten Rückgang. Die Zahl sank von 24.118 auf 22.816 Verkehrsverstöße.

Straftaten werden nicht registriert. Damit sollen diplomatische Verwicklungen verhindert werden. Im vergangenen Jahr verursachten Diplomaten 58 Verkehrsunfälle mit 26 Verletzten. Ein Jahr zuvor registrierte die Polizei knapp 80 Unfälle. In 50 Fällen begingen Diplomaten Fahrerflucht.



Aus: "Berlin Diplomat verursacht tödlichen Unfall – keine strafrechtlichen Konsequenzen" Andreas Kopietz und Lutz Schnedelbach (15.06.17)
Quelle: http://www.mz-web.de/panorama/berlin-diplomat-verursacht-toedlichen-unfall---keine-strafrechtlichen-konsequenzen-27801016

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[...] Im November 2008 hatte ein deutscher Lehrer mit Diplomatenstatus in Moskau einen Verkehrsunfall verursacht, bei dem zwei russische Studenten starben. Aufgrund seiner Immunität wurde die Tat in Russland nicht verfolgt. Zurück in Deutschland wurde er aber 2009 deswegen vor Gericht gestellt und zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung, einer Geldbuße von 5000 Euro und einem einmonatigen Fahrverbot verurteilt.

Der Unfall und seine juristische Aufarbeitung war Thema in russischen Medien. Auch Nutzer der Internetplattform Youtube thematisierten den Fall, zeigten ein Foto des Lehrers, nannten seinen damaligen Namen und eine frühere Adresse. Der Lehrer hatte sich auf sein Persönlichkeitsrecht berufen und die Löschung gefordert.

Doch das Gericht entschied, das öffentliche Interesse an dem Fall habe Vorrang. Die Resozialisierung des Klägers sei nicht gefährdet, weil nur ältere Fotografien verwendet worden seien und der Lehrer seinen Namen geändert habe (Az.: 3 U 71/13).


Aus: "Youtube muss Unfallvideo nicht löschen" (Freitag, 29. November 2013)
Quelle: http://www.n-tv.de/ticker/Youtube-muss-Unfallvideo-nicht-loeschen-article11825371.html


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« Reply #639 on: Juni 22, 2017, 04:27:32 nachm. »
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[...] Wenige Jahrzehnte danach reichte das Römische Reich von Schottland bis zum Sudan, vom Kaukasus bis zur Iberischen Halbinsel – ein Territorium, das mit riesigem Einsatz von Geld, Material und Menschen verteidigt werden musste.

Rund 2.000 Jahre später fand ein US-amerikanischer Wissenschaftler einen Begriff für die Selbstüberforderung einer Großmacht, die zu viel auf einmal will und sich beim Einsatz ihrer Ressourcen verzettelt: „imperial overstretch“. Das Phänomen gilt als Vorstufe für den Verfall von Großreichen. In einem anderen Imperium, nämlich in den USA, diskutieren liberale Meinungsführer seit der Präsidentenwahl, ob ihre eigene Selbstgerechtigkeit und ihre Blindheit für die Nöte der Trump- Wähler dessen Erfolg erst möglich gemacht haben. Wer die Debatte verfolgt, könnte auf die Idee kommen, dass eine Art moralischer „imperial overstretch“ vorlag

... Das ausgebreitete emanzipative Programm der Liberalen und Linken wurde zumindest in den USA von der „White working class“ als Instrument des Klassenkampfes empfunden – und es spricht manches dafür, dass Ähnliches auch in Deutschland passiert. Alle Attacken Hillary Clintons oder der etablierten Medien auf die Unkorrektheiten des Immobilienmilliardärs Donald Trump im Wahlkampf bewiesen in den Augen seiner Anhänger nur, dass er auf dem richtigen Weg war, es jenen Kräften zu zeigen, von denen sie sich verraten fühlen.

Wer als Scheinselbstständiger zwölf Stunden am Tag Amazon-Pakete ausfährt, wer das Geld für die Klassenfahrten seiner Kinder nicht aufbringen kann, auch wer ein gutes Einkommen hat, aber von Abstiegsängsten geplagt wird, empfindet die Emanzipationsideale der gut ausgebildeten, linksliberalen Eliten schnell als Kriegserklärung von oben. Das fühlten die Trump-Anhänger in den USA schon lange, bevor Hillary Clinton sie als „basket of deplorables“ („ein Korb voller Bedauernswerter“) verhöhnte.

Mit anderen Worten: Wer statt existenzielle soziale Fragen zu beantworten, damit das Tempo des Kulturkampfes steigert, muss sich über ein Ergebnis wie das bei den US-Präsidentschaftswahlen nicht wundern. Es gibt auch in Deutschland viele Millionen Menschen, die nie in einem Uni-Seminar über Gender-Politik debattiert haben und statt Aufsätze von Judith Butler zu lesen lieber „Dschungelcamp“, „Frauentausch“ oder „The Biggest Loser“ schauen. Womöglich stehen wir vor einer Wahl: Entweder die existierende liberale Gesellschaft gegen ihre Verächter zu halten oder aber deren Gegnern durch einen fortgesetzten moralischen „imperial overstretch“ zu stärken.

Der Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington, Bastian Hermisson, hat es auf dem Grünen-Parteitag kürzlich auf den Punkt gebracht. „Wir sollten uns an die eigene Nase fassen. Was moralisch richtig ist, wissen wir sowieso, und wir blicken mitleidig auf die anderen, die noch nicht soweit sind“, erklärte er in einer fulminanten Rede und warnte, das werde nicht reichen. Sein Rat war nicht Abgrenzung, sondern Öffnung: „Wir müssen mit Andersgesinnten Kontakt suchen. Ansonsten sind wir selbst Teil des Problems und nicht Teil der Lösung.“

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Lesegenuss 14:28 Uhr
Der Artikel ist vermutlich deshalb so beliebt, weil der Autor vortäuscht, von seinem moralischen Sockel herunterzukommen, die Prämisse der Einteilung der Welt in gut und böse allerdings nie wirklich aufgibt, sondern sogar noch festigt. Dies wird bereits im Titel deutlich. Auf diese Weise können sich die entsprechenden Anhänger der mit Pseudokritik beworfenen ideologischen Strömung, welche sich ausschließlich damit zufrieden gibt, deren Methoden in Frage zu stellen, weiterhin im Lichte der moralischen Überlegenheit sonnen, ohne jemals hinterfragen zu müssen, ob die pauschale Aburteilung entgegengesetzter politischer Ansichten als unmoralisch und böse in grundsätzlicher Hinsicht gerechtfertigt ist. Ein moralischer "Safe-Space" sozusagen.


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Dr.CharlesBronson 13:49 Uhr
Der Artikel wirkt auf den allerersten Blick recht vernünftig, rational. Letztlich hat er aber auch die Einteilung in die Guten, Vernünftigen und die Dummen, Bösen vorgenommen.
Die Skeptiker oder teilweise Konservativen wissen einfach noch nicht, was gut für sie und das Land ist. Die Dummen brauchen einfach nur ein bisschen mehr Zeit als die Guten. Sorry, das ist echt zu simpel. Erschreckend simpel und eigentlich auch an den wirklichen Problemen vorbei  ...


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alephbeth 15.12.2016, 13:40 Uhr
Was steckt in der Überschrift für eine bemerkenswerte Feststellung: Die "Vernünftigen" (damit sind wohl die "Gutmenschen" gemeint) sind also hochmütig. Der Autor scheint in seinem Leben noch nicht viele Konflikte ausgestanden zu haben, wenn er die Gesellschaft durch die Idee eines Veggie-Day derart kompromittiert sieht. Im Presseclub wird das Aufkommen der AfD mit dem Erscheinen der Grünen in den 80ern verglichen. Die Ratlosigkeit greift bei den Essayisten und Journalisten um sich. Wer keinen Bock mehr auf politische Korrektheit hat, wirft alles in einen Topf. Was soll daraus folgen? Dass wir jemanden, der gratis vegane Umarmungen anbietet, auch noch verantwortlich dafür machen, dass rechtspopulistische Parteien Zulauf bekommen? Eines noch: Auf den Bürgerversammlungen, die ich erlebt habe, waren die "Gutmenschen" nicht hochmütig, sondern demütig, weil sie nämlich niedergeschrieen wurden von Verschwörungstheoretikern und Bürgern aus der Mitte der Gesellschaft, deren durchaus verständliche Angst als Generalrechtfertigung für ihre hemmungslosen Ausfälle und Aggressionen gelten darf. Wollen wir das?


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einliberaler 13.12.2016, 17:27 Uhr
Für alle, die hier auf dem Verfasser rumhacken, eine kurze und klare Zusammenfassung:
Über dem - durchaus edlen - Streben nach Beseitigung von Ungleichheit/ Ungerechtigkeit für jede noch so kleine Minderheit geht völlig unter, dass es weit existenziellere Probleme für eine deutlich größere Mehrheit zu lösen gilt.
Die Relationen sind mittlerweile leider völlig verzerrt.

Wenn ich sowas: " ... Berlins Partnerstädte sollen kritisiert werden, wenn das wegen deren Verstößen gegen „LSBTTIQ*“-Normen nötig scheint. Übrigens: Sexistische Werbung will die Koalition sogar auf privaten Werbeflächen durch die Bildung eines „Expert*innengremiums“ verhindern."
lese, geht mir der Hut hoch.


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sopla 12.12.2016, 14:40 Uhr
Gegen Monaths Hypothesen ist Folgendes einzuwenden:
1.     Es ist eine gefährliche Idee, Minderheitsinteressen, die menschenrechtlich garantiert sind zur Disposition zu stellen, um mehrheitsfähig zu werden,
2.     Demokratisierung bedeutet die Aufhebung von Ausschlüssen, die sukzessive Inklusion von Minderheiten als Rechtsgleiche in die Gesellschaft und nicht ihr Ausschluss,
3.     Rechte von Minderheiten sind kein „Gedöns“,
4.     Frauen sind keine Minderheit,
5.     Man bekämpf die reaktionäre Rechte nicht dadurch, dass man ihre Argumente übernimmt, sondern ihnen unsere freiheilich-pluralen Werte, wie sie im Grundgesetzt verankert sind entgegen hält,
6.     „Amerikas Intellektuelle sind nicht schuld an Donald Trump, denn einen öffentlichen Diskurs hat es dort nie gegeben. Vielmehr steckt die Demokratie selbst in einer Krise.“
(http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/amerikas-intellektuelle-sind-nicht-schuld-an-donald-trump-14567156.html
7.     Trumps Sieg ist nicht allein Ausdruck der „Unbeschützten“ und „Abgehängten“, sondern verdankt sich zugleich einer großen Anzahl von weißen und wohlhabenden Wählern
– ähnlich wie auch die AfD 33,9 % ihrer Sympathisanten aus dem reichsten Fünftel der Bevölkerung rekrutiert (Quelle: IW Köln, Stand: Frühjahr 2016). Ganz zu schweigen von jenen US-Bürgern, deren politische DNA schon immer republikanisch war.
8.     Nicht die liberale Linke hat den Westen gespalten, sondern die Unfähigkeit, der fehlende Wille und die fehlende Weitsicht aller Hauptverantwortlichen in Ökonomie, Politik und Kultur, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, statt auf das eigene nationale und private Wohlergehen zu schauen.
9.     Die Gesellschaften des Westens sind gespalten nicht aufgrund des kulturellen Liberalismus, sondern
aufgrund des Scheitern des ökonomischen Liberalismus.
10.     Political Correctness ist kein „Tugendterror“. Hinter p.c.  steht die Einsicht, dass Gesetze nicht ausreichen, um Respekt für alle durchzusetzen.

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jan 13.12.2016, 12:34 Uhr
Antwort auf den Beitrag von sopla 13.12.2016, 11:11 Uhr
Nur ist Ethik ein höchst persönliches System und bei Moral muß sinnvollerweise zwischen Privat,- Gruppen- und Staatsmoral unterschieden werden, die sich durchaus widersprechen können (ein Einzelner kann es moralisch gerechtfertigt finden, eine ihm besonders wichtige Sache ohne Rücksicht auf die Rück- und Nebenwirkungen für ihn bis hin zum Selbstmord voranzutreiben, beim Staatsmann kann solches für den Staat nicht tun ohne als Schwerverbrecher zu gelten), während PC allgemeine Geltung beansprucht.

Wenn die PC-Befürworter sich selbst PC-gemäß äußern und verhalten und dabei alle anderen so reden und schreiben lassen würden, wie denen der Schnabel gewachsen ist, gäbe es doch kein Problem.


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sopla 15.12.2016, 18:30 Uhr
Antwort auf den Beitrag von jan 13.12.2016, 12:34 Uhr
Wenn Ethik ein „höchst persönliches System ist“, handelt jeder wie es im gefällt. Für bestimmte Bereiche des Lebens ist das harmlos, z.B. sich gesund ernähren, sich bilden oder Sport treiben. Wenn es aber um die Mitmenschen geht, wird es problematisch. Kaufe ich bei H&M die „billig Klamotten“, Fliege ich mit dem Flugzeug, lüge ich? Zu Ende gedacht, zerstört diese Art von privater Ethik das menschliche Zusammenleben in einer Gesellschaft´. Die Ethik als Disziplin der Philosophie befasst sich mit der Frage, was ist moralisch „gutes“ oder „richtiges“ Handeln? Hier geht es um Allgemeingültigkeit, um Regeln, die für alle Menschen gelten sollen. Das ist sicher kein einfaches Unterfangen! Aufgabe ethischen Nachdenkens es ist, Kriterien für gutes und schlechtes Handeln aufzustellen. Kant´s kategorischer Imperativ ist so ein Versuch: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Mit „Allgemeinen Gesetz“ ist nicht das Gesetzt im Sinne des Rechts, sondern das moralische Gesetzt gemeint. Der KI gebietet allen vernunftbegabten Menschen, ihre Handlungen darauf zu prüfen, ob sie einer für alle, jederzeit und ohne Ausnahme geltenden Maxime folgen sollen und ob dabei das Recht aller betroffenen Menschen berücksichtigt wird. (Wiki) Das ist alles andere als eine subjektive Privatethik und sehr anspruchsvoll. Kant lehnt konsequenterweise Selbstmord als mit dem KI unvereinbar ab oder andere selbstschädigende Verhaltensweisen wie Drogen. Arnold Gehlen, plädiert für eine pluralistische Ethik. Damit widersprecht er der Ethik etwa Voltaires oder Kants. J. Habermas reagierte auf die pluralistische Ethik mit seiner universalistischen Diskursethik. PC beansprucht wie die Ethik oder die Menschenrechte allgemeine Geltung. Nur gibt es für diese den EGMR und das BVerfG., aber für Bereiche wie Technik, Medizin, Medien oder Politik brauchen wir allgemeine ethische Maßstäbe d.h. das beste Argument soll sich durchsetzen.



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McSchreck 15.12.2016, 19:46 Uhr
Antwort auf den Beitrag von sopla 15.12.2016, 18:30 Uhr
alles richtig und man merkt, dass Sie sich bemühen, dies zu befolgen, weil sie für eine(n) "Gutmenschen" extrem sachlich argumentieren (und damit kein Gutmensch im eigentlichen Sinne sind).

Da viele Menschen sich aber nicht an solche Standards halten und dafür auch immer irgendeinen Grund finden (was leicht ist), würde ich das ganze abstufen.

Es gibt als "unverzichtbar" einzuhaltende Regeln die, die Strafgesetze beschreiben, das sind sozusagen die Mindeststandards. Dann kommen sonstige Gesetze und dann kommt die allgemeine Moral, manchmal divergiert auch beides.

Das Wichtigste bei der Moral ist für mich aber, dass "pwyp" gilt, also "practice, what you preach". Das ist sozusagen die umgekehrte Formel von Kant. Verlange von anderen nicht mehr, als Du selbst zu leisten bereit bist.

Wenn man damit anfangen würde, wäre schon viel gewonnen. Ich versuche das zum Beispiel. Ich verlange daher nicht übermenschlich viel von anderen, aber was ich erwarte, erwarte ich erst Recht von mir. Damit bin ich in meinem Bekanntenkreis schon ziemlich weit "vorn", während ich viele Leute kenne, die ganz große Weltverbesserer sind, wenn es darum geht, was "man"/"die da oben"/"die Politik" alles leisten müssten, aber selbst gar nichts tun, solange die Welt eben so ist.

Schließlich noch der Hinweis, dass man sich moralisch auch "fesseln" kann, dazu hatte ich ja gestern abend einen Link geschickt. Wenn Diskussionen nur noch so ablaufen, dass sich auch der Empfindlichste nie zurückgesetzt fühlt, dann kann man gar nicht mehr diskutieren.


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Hanebutt 12.12.2016, 14:05 Uhr
Es fehlt ein entscheidender Punkt: Die Rückbesinnung auf die eigenen Handlungen.
Diese Selbstschau wird tunlichst unterlassen, Sie wäre aber einer der Kernpunkte zu begreifen, warum die alten Medien einen solchen Rückgang erleiden, warum ihre Art der Berichterstattung immer weniger gelitten wird.
Das, was der Autor als Elite sieht, ist keine mehr, sondern nur noch einer der im Schützengrabenkampf verwickelten Gesellschaftsgruppen. Ohne Mut und Kraft zur Selbstreflexion. Aber mit dem Pathos der scheinbar wissenden.



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Antonym 12.12.2016, 13:08 Uhr
Das Schlimmste an dieser Debatte ist, wie tief sich beide Seiten in ihren geistigen Schützengräben eingegraben haben. Die einen schalten auf "Hit or Run", sobald irgendetwas "linksgrünversifftes", also PC, kommt, die anderen, sobald etwas "rassistisches", also Kritik an permissiver Migrationspolitik und Multikulti, geäußert wird. Demokratie kann jedoch nur als Diskurs und nicht als Diskursverweigerung funktionieren.  ...


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beobachter73 11.12.2016, 17:51 Uhr
... Auch ich habe das Gefühl, dass Trump, AFD u.a. die Reaktion der meist schweigenden Mitte auf massive Übertreibungen der linksökolgischen gesellschaftlichen Kräfte darstellen. Ich habe es schon häufiger geschrieben, die meisten Menschen können mit Gender Mainstreaming, Offene Grenzen für alle, Veggie Day definitiv nichts anfangen. Es geht völlig an ihrem Leben und an ihren Bedürfnissen vorbei. Solange es die eigenen Belange nicht tendiert, ist diese schweigende Mitte ruhig und schüttelt den Kopf. Mit der Flüchtlingskrise wurden erstmals die Belange dieser Mitte, allseits spürbar und sichtbar, berührt. Man sieht die vielen jungen Männer auf der Straße, die aus aller Welt gekommen sind. Das erklärt zwar nur zum Teil, warum plötzlich so viele Leute AFD wählen, aber es ist wie ein Ventil, dass sich im Überdruck geöffnet hat. Jetzt kommt auch noch all der Druck hervor, der sich schon vorher aufgestaut hat.  ...


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plumpe 11.12.2016, 17:45 Uhr
Im Horizont der ansonsten publizierten Artikel zum Thema sticht dieser Beitrag durch Nachdenklichkeit hervor. Er krankt allerdings weiterhin an einem Grundfehler der überwiegenden Kommentierung der Lage. Offenbar ist es schwer zu akzeptieren, dass es in Deutschland (und Europa) zahllose Bürgerinnen und Bürger gibt, die weder "sozial abgehängt" noch von "Ängsten" geplagt sind, sondern schlicht und einfach eine andere Vorstellung von ihrem Land haben. Sie möchten Ihre Lebensweise nicht unter Dauerkritik gestellt sehen, sondern als gute und lebenswerte Tradition fortführen. Sie möchten in einem christlich geprägten Land leben, herkömmliche Sitten respektiert sehen und sind nicht geneigt, massenhafte unkontrollierte Einwanderung und wachsende Einflußnahmen des Islam als "Fortschritte" zu verstehen. Sie glauben noch, dass jeder Bürger die selbstverständliche Sicherheit in Anspruch nehmen kann, nachts unbehelligt über die Straße zu gehen. Kurz: bei diesen Menschen handelt es sich weder um verirrte Schafe, noch um Nazis oder Angstphobiker, sondern nur um Staatsbürger und Staatsbürgerinnen, die in einem anderen Land leben möchten als es ihnen von der links-grünen Medienmacht tagtäglich als vorbildlich ausgemalt wird. Es geht daher um einen durchaus rationalen kulturellen Konflikt, der im Rahmen der Verfassung demokratisch zu entscheiden ist.


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Moserhansi 11.12.2016, 10:16 Uhr
PC ist inkorrekt und provoziert?
Das ist ja wohl der größte Schwachsinn den ich die letzten Monate gelesen habe.
Nur weil 25% der Menschen offenbar geistige Defizite durch freie Meinungsäußerung begründet in die Welt implementieren wollen soll ich als Gutmensch dafür mitverantwortlich sein.
Gutsein erzeugt also böse Gesinnungen?
Welch ein Kompost.
Ich musste das Lesen des Artikels ab dem Ende der ersten Seite einstellen.
Wenn zig Millionen Menschen zu faschistoiden Meinungen tendieren und die erkämpften Freiheiten durch ein mittelalterliches Zerrbild ersetzen wollen und in ihrer Degeneration noch meinen: ``Das wird mensch ja mal sagen dürfen``, dann ist wohl eher die humanistische Bildungspolitik gescheitert, nicht der Humanismus.
Wenn diese Menschen den plumpen Pseudo-Vorgaben der Trumps, Orbans, Wiilders, LePens folgen, welche vom kapitalistischen Syystem installiert wurden um bei einem Versagen der Märkte Mithilfe dieser faschistoiden Bewegungen das Ruder in der Hand zu halten, dann ist nicht mit den Gutmenschen etwas nicht in Ordnung, sondern mit dem System selbst.
Das mensch mit sachlicher Argumentation für z.B. Obergrenzen bei Flüchtlingskontingenten argumentieren kann hat Sahra Wagenknecht ja gezeigt. Unabhängig davon dass auch mit dieser Argumentation rechtliche Probleme auftreten würden weil Gesetze verletzt würden,
ist zumindest die Möglichkeit vorhanden Kritik zu äußern und zu diskutieren.
Nicht mit hetzerischem Denken sondern mit sozial-humanen Einstellungen werden wir die Welt zum Positiven hin verändern können.
Und ein krasses Ding zum Schluss: Wir als Gutmenschen haben uns viel zu lange den  ganzen Nazi-Müll, die CDU/CSU-Hetze(``Das Boot ist voll``), das ganze kriegs-treiberische Gelaber der Wirtschaftseliten  angeschaut. Jetzt wird uns von Hrn. Monath genau dies noch vorgehalten, traurig.

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omamoni 11.12.2016, 14:22 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Moserhansi 11.12.2016, 10:16 Uhr

    Nur weil 25% der Menschen offenbar geistige Defizite durch freie Meinungsäußerung begründet in die Welt implementieren wollen soll ich
    als Gutmensch dafür mitverantwortlich sein.


Sie haben die Aussage des Artikels (leider) nicht verstanden - schade.


...



Aus: "Political Correctness: Der Hochmut der Vernünftigen" Hans Monath (22.06.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/political-correctness-die-masslosigkeit-der-fortschrittlichen-und-der-basket-of-deplorables/14961874-2.html
« Last Edit: Juli 05, 2017, 02:53:50 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #640 on: Juli 05, 2017, 04:21:41 nachm. »
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[...] Für Banker sind die hohen Mieten in Frankfurt kein Problem – für die Mittelschicht schon. ... "Für ärmere Menschen, aber auch für weite Teile der Mittelschicht, ist diese Situation sehr dramatisch", sagt Eva-Maria Winckelmann, Verbandsdirektorin des Mieterbundes Hessen. "Die Politik hat diese Entwicklung lange verschlafen", kritisiert die 55-Jährige. "Es fehlen vor allem bezahlbare kleinere Wohnungen. In den letzten Jahren wurde nicht nur zu wenig gebaut, sondern es sind auch viel zu viele Luxuswohnungen entstanden."

Beispiele wie der Neubau des Henninger-Turms ragen in ganz Frankfurt in den Himmel. Das einstige Wahrzeichen der Stadt beherbergt heute vor allem Eigentumswohnungen, die bis zu 13.000 Euro je Quadratmeter gekostet haben sollen. In Frankfurt noch kein Spitzenpreis. Im beliebten Westend entsteht gerade ein knapp 100 Meter hoher Wohnturm, Kaufpreis pro Quadratmeter: zwischen 6.500 und 19.000 Euro. Zum Vergleich: Im Schnitt kostet der Quadratmeter in einer Frankfurter Eigentumswohnung gut 4.200 Euro.

Für die verantwortliche Kommunalpolitik schien diese Preisexplosion lange kein Problem zu sein – im Gegenteil. In den wohnungspolitischen Leitlinien der Stadt aus dem Jahre 2005, die bis heute gültig sind, heißt es: "Bei der Bereitstellung von Wohnbauflächen werden die gehobenen Ansprüche verstärkt berücksichtigt." Die logische Konsequenz: Der Bestand an öffentlich geförderten Sozialwohnungen hat in Frankfurt, wie in der ganzen Republik, kontinuierlich abgenommen. Von mehr als 40.000 zur Jahrtausendwende waren im Jahr 2014 nur noch rund 30.000 übrig.

Doch diese Situation sorgt zunehmend für Unmut. In Frankfurt, München, Hamburg, Berlin und vielen anderen Städten demonstrieren Bürgerinitiativen regelmäßig gegen Verdrängung und Mieterhöhungen. 2012 gewann der Außenseiter Peter Feldmann unter anderem mit dem Versprechen nach mehr bezahlbarem Wohnraum die Wahl zum Oberbürgermeister.

Spätestens seitdem ist die Wohnungsnot auch auf der politischen Agenda Frankfurts. Vor drei Jahren wurde beschlossen, bei neuen Bauvorhaben 30 Prozent der Wohnfläche für klassische Sozialwohnungen sowie für ein Förderprogramm, das sich an die Mittelschicht richtet, zu sichern. Damit ist Frankfurt dem Beispiel Münchens gefolgt. Dort gilt eine solche Quote seit den 1990er Jahren. Andere Städte wie Bonn und Berlin sind inzwischen nachgezogen, in Freiburg wurde der Anteil geförderten Wohnraums gar auf 50 Prozent erhöht.

... Die Kaufpreise für Immobilien und Bauland steigen derweil weiter in schwindelerregende Höhen. Die ABG etwa hatte Anfang 2014 ihre ehemalige Unternehmenszentrale für 5,6 Millionen Euro an einen Investor veräußert. Ein Jahr später verkaufte dieser das Gebäude für fast das Doppelte weiter. Eine ähnliche Entwicklung nahm das einstige Vorzeigeprojekt der Frankfurter linken Szene, ein zehn Jahre lang besetztes Uni-Gebäude. 2012 verkaufte die Hochschule das Institut für vergleichende Irrelevanz für eine Million Euro an einen privaten Investor. Dieser ließ das Haus räumen, nun wird es für drei Millionen Euro gehandelt. Inzwischen ermittelt die Frankfurter Staatsanwaltschaft gegen einen der Investoren wegen des Verdachts auf Geldwäsche. Beide Gebäude stehen bis heute leer – so wie über eine Million Quadratmeter Bürofläche.

...


Aus: "Zwei Zimmer für 800 Euro kalt" Timo Reuter (5. Juli 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-06/wohnungsmarkt-frankfurt-mieten-wirtschaftsstandort-wohnungsnot/komplettansicht

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« Reply #641 on: Juli 06, 2017, 10:20:31 vorm. »
Quote
[...] Immer mehr Menschen in Deutschland sind trotz Arbeit gefährdet, in Armut abzugleiten. So habe sich die Zahl der Berufstätigen, die unter die Schwelle der Armutsgefährdung fallen, zwischen den Jahren 2004 und 2014 mehr als verdoppelt, geht nach einem Bericht der „Berliner Zeitung“ aus einer Analyse der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor Damit sei die sogenannte Erwerbsarmut in der Bundesrepublik stärker gestiegen als in jedem anderen Mitgliedsland der Europäischen Union.

Der Anteil der 18 bis 64 Jahre alten erwerbstätigen Inländer, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hatten und damit als armutsgefährdet gelten, betrug im Jahr 2004 noch etwas weniger als 5 Prozent. Zehn Jahre darauf waren es laut der Studie beinahe 10 Prozent.

In absoluten Zahlen falle das Plus noch deutlicher aus. Die Gesamtzahl der Erwerbstätigen stieg im betrachteten Zeitraum von 39,3 auf 42,6 Millionen. Daher waren es 2004 knapp 1,9 Millionen arbeitende Armutsgefährdete, im Jahr 2014 hingegen beinahe 4,1 Millionen.

„Offensichtlich ist der Zusammenhang zwischen Beschäftigungswachstum und Armut komplizierter als gemeinhin angenommen“, stellen die Studienautoren fest. Das Beschäftigungswachstum in Deutschland beruhe zu einem großen Teil auf dem Anwachsen der Teilzeitstellen, anderer „atypischer“ Beschäftigungsverhältnisse sowie des Niedriglohn-Sektors insgesamt. Eine wichtige Rolle spielt den Studienautoren zufolge auch der Druck auf Arbeitslose, angebotene Stellen anzunehmen.


Aus: "Vier Millionen trotz Arbeit armutsgefährdet" (06.07.2017)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/arm-und-reich/studie-vier-millionen-trotz-arbeit-armutsgefaehrdet-15093472.html

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« Reply #642 on: Juli 06, 2017, 10:24:43 vorm. »
Quote
[...] 17.400 Steuerpflichtige kamen 2013 in Deutschland auf Einkünfte von mindestens einer Million Euro. Das sind knapp 2800 mehr als 2010. Ihr Durchschnittseinkommen lag bei 2,7 Millionen Euro, teilte das Statistische Bundesamt am Mittwoch mit. „Das sind Ergebnisse der Lohn- und Einkommensteuerstatistik 2013, die auf Grund der langen Fristen zur Steuerveranlagung erst etwa dreieinhalb Jahre nach Ende des Veranlagungsjahres verfügbar ist“, erklärten die Statistiker.

Die Reichensteuer mussten 79.200 Personen zahlen. Diese beträgt 45 Prozent und wird ab einem Einkommen von 250.731 Euro fällig, bei gemeinsam veranlagten Personen ab 501.462 Euro. Auf diese Gruppe entfielen 5,7 Prozent der gesamten Einkünfte und 11,5 Prozent der Steuersumme.

Den Spitzensteuersatz von 42 Prozent, der 2013 ab einem zu versteuernden Jahreseinkommen von 52.882 Euro beziehungsweise 105.764 Euro erhoben wurde, zahlten 2,1 Millionen Frauen und Männer. Deren Anteil am Gesamtbetrag der Einkünfte machte 24,9 Prozent aus, der an der Lohn- und Einkommensteuer 43,0 Prozent.

9,6 Millionen Personen mussten gar keine Steuer zahlen, da ihr Einkommen unter dem Freibetrag von 8131 Euro oder 16.262 Euro bei gemeinsam veranlagten Personen lag. Ihr durchschnittliches Jahreseinkommen lag bei knapp 7000 Euro. Insgesamt wurden 39,8 Millionen Steuerpflichtige gezählt, wobei zusammen veranlagte Personen als ein Steuerpflichtiger gelten.

Sie kamen 2013 auf Einkünfte von 1,4 Billionen Euro, das waren 170 Milliarden Euro mehr als 2010. „Die von den Arbeitgebern einbehaltene Lohnsteuer summiert sich zusammen mit der von den Finanzbehörden festgesetzten Einkommensteuer auf 246 Milliarden Euro“, betonten die Statistiker. Das seien 40 Milliarden Euro mehr als 2010.


Aus: "17.400 Deutsche verdienen mehr als eine Million Euro" (28.06.2017)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/arm-und-reich/einkommensmillionaere-17-400-deutsche-verdienen-mehr-als-eine-million-euro-15081071.html

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« Reply #643 on: Juli 18, 2017, 09:36:54 vorm. »
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[...] Die Senatskanzlei hat den umstrittenen Honorarvertrag mit dem Rechtsanwalt Christian Schertz einvernehmlich beendet. Das bestätigte am Sonntag die Senatssprecherin Claudia Sünder dem Tagesspiegel. Vor einem Jahr war bekannt geworden, dass die Kanzlei Schertz für die exklusive Beratung „auf den Gebieten des Medien- und Presserechts“ vertraglich gebunden wurde und eine monatliche Pauschale von 3500 Euro netto für bis zu 15 Stunden zuzüglich Spesen erhielt. Außerdem 350 Euro für jede weitere Arbeitsstunde Üblicherweise werden externe Rechtsberater nur in Einzelfällen beauftragt.

Wegen dieses Pauschalvertrags wurde der Regierende Bürgermeister Michael Müller und der Chef der Senatskanzlei, Björn Böhning, nicht nur von der CDU, sondern auch von den Grünen heftig kritisiert. Im Roten Rathaus wurden die Vorwürfe damals zurückgewiesen, zumal eine anwaltliche Vertretung im „geschützten Vertrauensbereich“ einer jeden Behörde liege. Jetzt hat die Senatskanzlei ihre Meinung über die Notwendigkeit eines solchen Pauschalvertrages offenbar geändert.

Quote
Gegendarstellung

Sie schreiben unter www.tagesspiegel.de am 26.02.2017 unter der Überschrift "Senat beendet umstrittenen Beratervertrag":
"Der Senat hat den Vertrag mit Rechtsanwalt Christian Schertz beendet"

Hierzu stelle ich fest:
Der Vertrag wurde nicht durch den Senat beendet, sondern einvernehmlich aufgehoben.

Berlin, den 27. Februar 2017
Rechtsanwalt Prof. Dr. Christian Schertz

Christian Schertz hat Recht. Die Redaktion



Aus: "Debatte um Pauschalbezahlung Senat beendet einvernehmlich umstrittenen Beratervertrag" (01.03.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/berlin/debatte-um-pauschalbezahlung-senat-beendet-einvernehmlich-umstrittenen-beratervertrag/19444750.html


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« Reply #644 on: Juli 18, 2017, 10:14:51 vorm. »
Quote
[...] Selbst wenn man die Monarchie mit der Queen an der Spitze außen vor lässt, zerfällt die britische Gesellschaft heute in sieben Klassen. Das ergab die Great British Class Survey, eine von der BBC im Jahr 2013 veröffentlichte Studie der Wissenschaftler Mike Savage von der London School of Economics und Fiona Devine von der University of Manchester. Aufgeschlüsselt nach ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital identifizierten die Wissenschaftler folgende Klassen: Elite, etablierte und technische Mittelklasse, neu-wohlhabende Arbeiter, traditionelle Arbeiterklasse, junge Dienstleistungsarbeiter und Prekariat.

Gerade um die unteren Klassen steht es nicht besonders gut. Die Autoren der BBC-Studie sortieren fast die Hälfte der Bevölkerung in die drei untersten Klassen ein, allein 15 Prozent zählen sie zum Prekariat. Diese Menschen haben ein durchschnittliches Jahreseinkommen von nur 8.000 Pfund, so gut wie keine Ersparnisse oder Grundbesitz und sind auch sozial und kulturell benachteiligt. Es sind die Angehörigen dieser Klasse, über die die Labour-Abgeordnete Emma Dent Coad kürzlich in ihrer ersten Rede im britischen Unterhaus sprach. Sie wurde kurz vor dem Grenfell-Brand als erste Labour-Abgeordnete für den Bezirk Kensington ins Parlament gewählt und berichtete von den Lebensbedingungen, die es dort gibt: fünf Kinder, die sich eine Matratze teilen, Mangelernährung, giftiger Schimmel, chronische Krankheiten, all das habe sie zwischen Royal Albert Hall und Naturkundemuseum gesehen.

Etwa 5.000 Pfund sparte man bei der Renovierung des Grenfell Towers, wie der Guardian berichtete, weil man statt brandbeständiger Verkleidungen lieber die günstigere Variante nahm, die nun im Verdacht steht, dazu beigetragen zu haben, dass sich die Flammen so schnell verbreiteten.Auch die Feuerwehrleute, von den Briten als Helden gefeiert, klagen über Sparmaßnahmen des ehemaligen Londoner Bürgermeisters und jetzigen Außenministers Boris Johnson. Die Polizei stimmt in diese Kritik ein, auch das staatliche Gesundheitssystem NHS funktioniert nach einer Reihe von wirtschaftlichen Amputationen schlecht. Vor der Wahl hatte Theresa May vorgeschlagen, das kostenlose Schulessen für Kinder aus armen Familien zu streichen und Pflegebedürftige für ihre Versorgung bis zu 100.000 Pfund selbst zahlen zu lassen.

Wer nach den Ursachen für diese Armut und damit für die extremen Unterschiede in der britischen Gesellschaft sucht, muss sich drei Faktoren vor Augen führen. Er muss erstens zurückgehen in die britische Geschichte bis in die ausgebliebene bürgerliche Revolution vor mehr als 200 Jahren, muss sich zweitens ansehen, wie unbeweglich das britische Bildungssystem immer noch ist, und muss drittens verstehen, wie der Neoliberalismus der vergangenen 40 Jahre die Situation verschärft hat.

Es ist nicht übertrieben, eine Ursache für das heutige Klassensystem in der Zeit der Französischen Revolution zu suchen, eine Revolution, die auf der Insel so nicht stattgefunden hat. Während auf dem europäischen Festland das Bürgertum dem Adel seine Ländereien und Sonderrechte streitig machte, schaffte es die herrschende angelsächsische Klasse einigermaßen unfallfrei, sich in die neuen Verhältnisse einzusortieren. So kommt es, dass sich Nachnamen wie Baskerville, Montgomery, Darcy oder Percy, die auf reiche Großgrundbesitzer zu Zeiten der normannischen Eroberer von 1066 zurückgehen, bis zum heutigen Tag überproportional in den Immatrikulationslisten der prestigeträchtigen Universitäten von Oxford und Cambridge finden, ebenso im Parlament oder in Erburkunden. Der schottische Wirtschaftsprofessor Gregory Clark hat das in seinem Buch The Son Also Rises: Surnames and the History of Social Mobility anschaulich zurückverfolgt.

Die soziale Mobilität, also die Möglichkeit, von der einen Klasse in andere auf- oder auch abzusteigen, ist in Großbritannien besonders gering. So dauert es für Angehörige der untersten Klasse zehn Generationen, um sich einen Weg in die Mitte der Gesellschaft zu erarbeiten, hat Clark herausgefunden. Umgekehrt ist für scheiternde Eliten der Absturz entsprechend sanft.

Als Voraussetzung für hohe soziale Mobilität gilt allgemein ein Bildungssystem, das auch den Angehörigen der unteren Schichten gute Chancen bietet. Doch in Großbritannien hängt es noch heute von der Klassenzugehörigkeit ab, wer welche Schule besucht. Und das hat Folgen: Nur sieben Prozent der Briten haben nicht staatliche Schulen besucht, aber sie machen mehr als 70 Prozent der Justiz und des Militärs aus, 60 Prozent der höheren medizinischen Berufe und 50 Prozent der Journalisten, Verwaltung und sogar des Kabinetts. Das zeigt eine Untersuchung des Sutton Trust.

Ähnliche Zusammenhänge weist auch die BBC-Studie für Universitäten auf. Überdurchschnittlich viele Angehörige der Eliten waren auf angesehenen Hochschulen und landeten danach im Topmanagement, anderen prestigeträchtigen Berufen oder in der Politik: 10 von 23 Kabinettsmitgliedern in Theresa Mays neuer Regierung haben Abschlüsse von Oxford oder Cambridge, sie selbst auch. Drei ihrer Minister kommen aus dem gleichen Studiengang: PPE – Philosophy, Politics, and Economics an der University of Oxford. Dieser Studiengang, so schrieb der Guardian einmal, "lenkt Großbritannien". Damit ist nicht nur die Politik gemeint, die rechts wie links von Absolventen dieses Programmes dominiert wird, sondern auch die Medien und Politikbeobachter.

Als Ergänzung zu diesem Bildungssystem mit seinen teuren Privatschulen und Topuniversitäten wurden im 19. Jahrhundert die staatlichen Schulen konzipiert – allerdings nicht, um den unteren Klassen besondere Aufstiegschancen zu verschaffen, sondern um sie unter Kontrolle zu halten, urteilt die Erziehungswissenschaftlerin Diane Reay von der Universität Cambridge. Etwa ein Jahrhundert später aber, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, zeichneten sich für die weniger privilegierten Klassen Veränderungen ab. Großbritannien hatte stark an Wirtschaftsleistung eingebüßt, lag zum Teil in Trümmern, der Lebensstandard war gering. Die benachteiligten Klassen machten sich hörbar. Der Staat musste etwas unternehmen.

Bei allen Gegensätzen einigten sich Labour und Konservative auf einen post war consensus. Die Nachkriegsregierungen setzten auf Keynesianismus, nahmen Kernindustrien unter staatliche Kontrolle und erkannten an, dass Interessen der Arbeiterschaft ebenso legitim sind wie die der höheren Klassen. Gewerkschaften spielten eine große Rolle in der Lohngestaltung und mit dem National Health Service wurde eine flächendeckende Krankenversicherung eingeführt. Das schaffte die Klassengesellschaft zwar nicht ab, verbesserte die Situation der Arbeiterschaft aber.

Doch trotz aller Verbesserungen, wirtschaftlich kam das Königreich im internationalen Vergleich nicht voran. Die Inflationsraten und Löhne waren zu hoch, das Außenhandelsdefizit zu groß. Diese sogenannte britische Krankheit veranlasste die Konservativen dazu, Ende der siebziger Jahre den Nachkriegskonsens aufzukündigen und eine Therapie mit neoliberaler Politik zu versuchen – zuvorderst umgesetzt von der Premierministerin Margaret Thatcher, die elf Jahre im Amt war. Die Ausgaben wurden begrenzt, wo es nur ging, Privatisierungen vorangetrieben. Damit hatte Thatcher zwar großen wirtschaftlichen Erfolg, aber das Land zahlte dafür einen hohen Preis: Die Ungleichheit nahm wieder stark zu. Ende der neunziger Jahre lag die relative Armut dreimal so hoch wie zu Beginn der Amtszeit Thatchers, schreiben die Sozialwissenschaftler Anthony Giddens und Patrick Diamond in The New Egalitarianism.

Wichtige Strukturen und Institutionen wie die Gewerkschaften, die für die Anliegen der unteren Klassen gekämpft hatten, wurden beinahe vollständig zerstört.

Erst Mitte der neunziger Jahre schlug der charismatische Labour-Politiker Tony Blair einen dritten Weg vor, zwischen Thatchers ungezügelter Marktwirtschaft und alten Labour-Sozialstaatsideen. Er gewann damit Wahlen, aber seine Versprechen, das Schulsystem und das von Thatcher beschnittene Gesundheitssystem zu verbessern, blieben weitgehend unerfüllt. Zwar ist das Schulsystem nicht mehr so hierarchisch, wie es noch in den sechziger Jahren war, doch es ist, mit all seinen Sonderregelungen und Reformen der vergangenen Jahrzehnte weit davon entfernt, für alle die gleichen Chancen zu bieten.

[...] Eine durchgreifende Reform, die das komplexe Schulsystem vereinfacht und Privilegien abbaut, hat es in Großbritannien bislang nicht gegeben.
Auch deshalb ist der Unterschied zwischen Arm und Reich in den vergangenen Jahrzehnten immer größer geworden. Wenn in den Nachkriegsjahren die Ungleichheit für einige Zeit abnahm, so nahm sie ab den achtziger Jahren wieder zu. Das zeigen Untersuchungen des Equality Trust, der von den Ungleichheitsforschern Kate Pickett und Richard Wilkinson gegründet wurde. Heute vereint das reichste Fünftel der Bevölkerung 40 Prozent der gesamten Einkommen auf sich. Die Ungleichheit zeigt sich auch jenseits der monetären Kategorien: Die Lebenserwartung im ärmeren Teil des Londoner Stadtteils Southwark ist sieben Jahre kürzer als im wohlhabenderen Teil. Auch die Chance, einen guten Schulabschluss zu erreichen, ist im ärmeren Teil um zehn Prozentpunkte geringer.

Die Ungleichheit besteht also an vielen stellen: zwischen Jungen und Alten, zwischen Stadt und Land und zwischen der weißen Mehrheit und den ethnischen Minderheiten. Die ökonomischen und sozialen Realitäten der Briten sind enorm divers. Das Konzept der Klasseneinteilung bildet diese Ungleichheiten an wichtiger Stelle ab.

Jeremy Corbyn, der seit 2015 Labour-Parteichef ist, will dieses Klassensystem nun verändern. Lange galt er als sozialistisches Schreckgespenst, doch mit dem Erfolg bei der jüngsten Wahl konnte er sich auch innerparteilich durchsetzen. Er hat ein linkes Gegenprogramm zur noch nachhallenden neoliberalen Blair-Ära aufgelegt, das vor allem der Parteibasis gefällt. Corbyn hat mit seiner Labour-Partei zwar nicht die Mehrheit bei der Wahl gewonnen, sie aber den Konservativen genommen und gezeigt, dass ein Programm für Bildung, Gesundheit und Sozialstaat seine Wähler findet. Viele dieser Wähler sind jung und Teil einer ethnischen Minderheit. Sie gehören also zu den Klassen, die von der Politik der vergangenen Jahrzehnte besonders benachteiligt wurden.

Quote
Nikolas der zweite #31

Man hat den Eindruck, dass das Thema ohne den Brexit nicht von Interesse wäre. Dabei ist eine soziale Schieflage ein weit verbreitetes Phänomen in der EU, wenn gleich es in den reichen EU-Ländern offiziell marginalsiert wird.



Quote
Staatsei Nr.1 #24

"Großbritannien ist nicht nur in der Frage des Brexit gespalten. Das Land ist immer noch eine Klassengesellschaft, sozialer Aufstieg ist fast unmöglich."

Ich frage mich, warum grundsätzlich immer nur vor anderer Leute Tür gekehrt wird? Die selbe Klassengesellschaft haben wir in Deutschland, die Probleme sind identisch. Leider liest man nach innen eher beschwichtigende Töne, zum selben Thema. Aber unliebsame Themen sind ja eh aus der Mode, die sucht man lieber im Ausland.


Quote
Brendon Hickey #26

something that you dont mention is division on religious lines, if you're a catholic like me you go to a catholic school, protestants go to church of england school, muslims go to islamic school and jew go to jewish schools. i live in oldham, it has about 40% muslim population but my school was 100% white and catholic mostly ethnic irish people who are generations living in Britain, the school further up the road was 100% muslim.. it means from a young age you have a sense of them and us and of course when your kids and walk past the other school you throw stones at the windows :D

the grenfell tower was full of illegal immigrants and a lot of the people sublet the flats to people, do they dont even know who is missing.
https://www.theguardian.com/uk-news/2017/jul/02/grenfell-tower-residents-nearby-will-not-have-to-pay-rent-says-council


Quote
Kulturpessimistin #28

Ein guter Artikel. Natürlich ist es in GB auch etwas einfacher, Strukturen auszumachen, speziell, was den Adel betrifft.
Wenn man aber schon einmal damit anfängt: Den fehlenden Bruch konstatieren Geschichtswissenschafter auch in Deutschland, von der Märzrevolution über eine monarchistische Staatsgründung noch im 19. Jahrhundert bis hin zur auch nur halben Revolution Anfang des 20. Jahrhunderts.
Und hernach ging es vom Keynesianismus zum Neoliberalismus weiter.
Ob es daran liegt? Für mich eher zweitrangig, weil mir im "weil vor 200 Jahren" einfach zu wenig Raum für Selbstwirksamkeit liegt.
Feststellen kann man: In Deutschland wird Kindern von armen Eltern erst ab dem Status "versetzungsgefährdet" Nachhilfe finanziert. Für Kinder von 6-14 Jahre liegt der SGB II-Anteil für Bildung bei 1,40 Euro pro Monat, danach bei 5,43 Euro.
Ich kenne Jugendliche, die für die Leistungskurs-Bücher für Kinder mit armen Eltern Geld sammelten. Es gibt Projekte, die Kindern ein Frühstück ermöglichen, das von zu Hause nicht oder nur mäßig gestellt werden kann. Das ist etwas, was ich im Jahr 2017 einfach nicht dulden will. Gleiches gilt für Kommentare, die jetzt mit Elternverantwortung kommen. Kinder gilt es zu schützen und das, egal, welche Eltern sie haben. Eine Regierung, die das nicht schafft, ist die Wiederwahl nicht wert.


...


Aus: "Großbritannien: Einmal unten, immer unten"  Malte Laub, London (17. Juli 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-07/grossbritannien-klassengesellschaft-brexit-bildung-ungleichheit/komplettansicht

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« Reply #645 on: Juli 20, 2017, 01:33:33 nachm. »
Quote
[...] Roger Clarke ist britischer Geister-Experte. Was nicht bedeutet, dass er selbst von ihrer Existenz überzeugt ist. ... In England glaubten traditionell die Arbeiterklasse und die Upper Class an Geister, nicht aber Angehörige der Mittelschicht. Dementsprechend spuke es in Pubs und auf Schlössern, wohingegen kaum je ein Gespenst in einem Bürgerhaus umgehe. Erst seit wenigen Jahrzehnten sei der Geisterglaube nicht mehr schichtspezifisch.


Aus: "Literatur: Gespenster-Experte beim Philosophiefestival" (01.06.2015)
Quelle: http://www.focus.de/kultur/buecher/literatur-gespenster-experte-beim-philosophiefestival_id_4720193.html

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« Reply #646 on: August 30, 2017, 09:54:07 vorm. »
Quote
[...]  Deutschland ist ein Land der zwei Welten. Auf der einen Seite ist da eine Welt, in der die Menschen bester Kauflaune sind. In der sehr viele Deutsche einen Job haben, ihre Bereitschaft zur Anschaffung teurer Güter wie Möbel und Autos hoch ist. In der viele Menschen damit rechnen, dass ihre Einkommen weiter steigen werden. In der ein Abteilungsleiter in der Automobilindustrie schon jetzt 120 000 Euro im Jahr verdient, ein junger Manager mit 60 000 Euro jährlich rechnen kann. Es ist eine Welt des Wohlstands – die so gar nicht zu der anderen Welt passen will, der Welt der Armut. In der nimmt das Armutsrisiko trotz guter Konjunktur nicht ab. In der sind erneut so viele Jugendliche von Armut bedroht wie nie. In der leben eine Million Kinder in Haushalten, in denen die Eltern trotz Arbeit Hartz IV beziehen. Und doch gehören beide Welten zu Deutschland.

Kurz vor der Bundestagswahl ist die Bundesrepublik sowohl von Wohlstand geprägt wie von Armut. Dazu passen auch die Wahlversprechen der großen Parteien. „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ steht die CDU. „Zeit für mehr Gerechtigkeit“ fordert die SPD.

 Doch wie konnte es so weit kommen? Woran liegt es, dass die Wirtschaft wächst, die Konjunktur boomt – und der Wohlstand doch an vielen vorbeigeht? Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erklärt sich das vor allem mit der Entwicklung am Arbeitsmarkt. „Zwar haben wir eine deutliche Abnahme der Arbeitslosigkeit“, sagt er, „aber es ist weiterhin so, dass wir im Arbeitsmarkt eine sehr hohe Ungleichheit haben.“ Einerseits haben heute also durchaus sehr viel mehr Menschen einen Job als noch vor einigen Jahren – andererseits werden viele dafür aber nur schlecht bezahlt. Manchen reicht eine Arbeitsstelle schlicht nicht, um über die Runden zu kommen. 2,7 Millionen Angestellte in Deutschland haben noch einen Zweitjob, oft weil es ohne gar nicht geht.

Dass Armut und Wohlstand gleichermaßen wachsen können, liegt vor allem an den wachsenden Einkommensunterschieden. Zu diesem Schluss kommt auch das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Das rechnete gerade vor: Bei den höheren Einkommensschichten gab es zwischen 1991 und 2014 starke Zugewinne, während die unteren Einkommen eher stagnierten.

 Besonders stark merken das Angestellte der Dienstleistungsindustrie, die trotz Vollzeitstelle oft nur schlecht verdienen. Wer zum Beispiel im Zimmerservice oder als Küchenhilfe arbeitet, bekommt im Schnitt lediglich knapp 20.000 Euro im Jahr, zeigt eine aktuelle Auswertung des Portals Gehalt.de. Friseure kommen lediglich auf 21-000, Berufskraftfahrer auf 27.000 Euro im Jahr. Gut geht es dagegen zum Beispiel all jenen, die in der Automobilindustrie arbeiten. Dort steigen die Gehälter derzeit um 2,8 Prozent jährlich und damit stärker als im Gesamtmarkt, zeigt eine Analyse der Beratung Korn Ferry. Die Hersteller würden zunehmend mit Tech- und IT-Unternehmen um Bewerber buhlen. Das treibe die Gehaltsspirale in der Branche nach oben, heißt es.

Berlin hat davon wenig. Die Automobilindustrie ist in der Stadt schwach, die Dienstleistungsindustrie mit ihren schlecht bezahlten Jobs dafür umso stärker ausgeprägt. Auch deshalb gilt in der Hauptstadt laut aktuellen Zahlen noch immer jeder Fünfte als armutsgefährdet. Unter den Bundesländern stehen nur Bremen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern noch schlechter da, zeigt die Auswertung des Statistischen Bundesamts. Im Automobilland Baden-Württemberg ist das Armutsrisiko dagegen bundesweit am geringsten.

 Ändern dürfte sich an diesem Gefälle so schnell wenig, meint DIW-Experte Grabka. Die Daten würden eher darauf hindeuten, dass die Einkommensunterschiede und das Armutsrisiko weiter zunehmen dürften – trotz guter Konjunktur. Grabka sieht deshalb die Politiker in der Pflicht. So meint er, die geringfügige Beschäftigung müsse zurückgedrängt werden, zum Beispiel indem man den Mindestlohn weiter erhöht. Handlungsbedarf sieht er auch bei den Alleinerziehenden, unter denen das Armutsrisiko besonders hoch ist.

Der Deutsche Kinderschutzbund wünscht sich deshalb eine „Kindergrundsicherung“ in Höhe von 573 Euro monatlich pro Kind. Das Deutsche Kinderhilfswerk meint, es müsse stärker in Bildung und Integration der nach Deutschland zugewanderten Kinder und Jugendlichen investiert werden. Der Paritätische Wohlfahrtsverband wünscht sich von der neuen Bundesregierung einen „Masterplan“ zur Bekämpfung der Armut.

Diese Forderungen gehören ebenso zu Deutschland wie die guten Zahlen vom GfK. Das Konsumforschungsinstitut misst regelmäßig, wie kauffreudig die Deutschen sind, und verkündet: Die Konsumneigung der Bundesbürger sei „weiterhin auf einem stabilen Wachstumskurs“. Viele rechnen laut GfK-Daten mit steigenden Gehältern: Die Einkommenserwartung eile „weiter von Rekord zu Rekord“.


Aus: "Trotz Wachstum steigt die Armut" Carla Neuhaus (29.08.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/konjunktur-in-deutschland-trotz-wachstum-steigt-die-armut/20256690.html


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« Reply #647 on: September 07, 2017, 01:17:00 nachm. »
scouser: British
Someone who comes from Liverpool
by Earl Crumpet December 11, 2002

scouser
Inhabitiant of liverpool, often downplayed by rival cities due to false stereotypes from godawefull 80's TV shows such as "Bread", "Boys from the black stuff" and "Brookside" depicting them to be thieves and killers, and enforced by the peasant underclass of youths known as "scallys" or "chavs" who are generally annoying cunts. while these can be found anywhere in the United Kingdom, some people live under the delsuion that they dont exist around them, and they are only found in liverpool.
Scousers are usually easy going, up for a laugh, and welcoming to outsiders, and usually posess a strong wit similar to that of the Irish, and Geordies, also loves a good party!
"we do dat doe dont we doe?"
"calm down!"

by scouser4life November 23, 2004

https://www.urbandictionary.com/define.php?term=scouser (09/2017)

---

Quote
[...] Die Scouser Girls der Working- und Lower-Middle-Class jedenfalls träumen von einem gesellschaftlichen Aufstieg, der durch harte Arbeit nicht zu erreichen ist. Man kann im Kosmetikstudio oder im örtlichen Tesco-Markt noch so viele Überstunden schieben, reich wird man davon nie. Und in dem ungeheuer teuren englischen Universitätssystem sind diejenigen, die sich nicht an die dreißig- bis fünfzigtausend Pfund Schulden für ihre Ausbildung aufbürden wollen, eben ziemlich arm dran. 

Kein Wunder also, wenn diese Mädchen und Frauen ihre gesamten Ambitionen darauf richten, eine WAG (Footballer's Wife & Girlfriend), also Freundin, Verlobte oder idealerweise Ehefrau eines Sportlers zu werden. Emanzipiert mag dieses Projekt nicht gerade sein, und jeder anständigen Feministin ein Dorn im Auge. Aber wie wir alle wissen, ist Feminismus doch eher eine bourgeoise Angelegenheit. Dass diese Mädchen trotz allem hart arbeiten können, sieht man ihnen an. Man erkennt, wie viel dort gewachst, gebleicht, auf- und weggespritzt wurde. Allein das tägliche Bräunen! Der Spraytan darf da ruhig orangefarben und sehr künstlich aussehen. Warum auch nicht? Es wissen doch alle, dass man im englischen Sommer keine Bräune aufbauen kann. Das Gleiche gilt für die Lockenwickler, die die Scouser Unterschichtenschönheit auch tagsüber beim Shoppen im Haar trägt. Mit Wallemähne ist noch niemand aus dem Bett gestiegen.

Eigentlich darf Schönheit so nicht sein. Sie muss mühelos aussehen. Das jedenfalls lehren uns tagtäglich Frauenzeitschriften, die uns einen "Undone-Look" empfehlen, für dessen Umsetzung es nur 30 verschiedener Produkte bedarf. Gerne wird ein "Pariser Chic" empfohlen. Französinnen, so las ich neulich in der Fashion-Bibel Vogue, gehen angeblich am liebsten in Jeans, T-Shirt und flachen Schuhen auf Dates. Das Haar zart verwuschelt, das Make-up durchscheinend, die natürlichen Vorzüge betonend. Wer's glaubt! So etwas käme einer Scouser Beauty nie in den Sinn. Das teure Dior-Make-up wird, falls greifbar, Schicht für Schicht auf das orange grundierte Gesicht gespachtelt und zur Basis für viel Rouge. Sehr viel Rouge. Wem das nicht reicht, der betreibt Contouring, das ist das, was Kim Kardashian groß gemacht hat: Das Näschen wird visuell verschmälert, Wangenknochen und Lippen werden betont.

An so einer Scouse Barbie ist natürlich kaum etwas echt. Gelnägel sind ein "Must-Have", und wer es sich leisten kann, oder die Sache als smartes Investment betrachtet, lässt sich die Körbchengröße von B auf Doppel-D aufpolstern, Fußballer stehen ja scheinbar darauf. Kein Markt ist härter umkämpft als der Heiratsmarkt. Und, "der Heiratsmarkt bezahlt Frauen besser als der Arbeitsmarkt", wie es die Soziologin Jutta Allmendinger jüngst konstatiert hat.

Der Scouser Beauty Look ist aber nicht nur Teil eines Class Codes, der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht signalisiert, sondern auch eine überaus demokratische Version von Schönheit. Während eine aristokratische Schönheit über natürlich feine, perfekt proportionierte Gesichtszüge à la Grace Kelly verfügen sollte (es ist kein Zufall, dass aristokratische Schönheiten nie echte Aristokratinnen sind, weil der jahrhundertelange Inzest eher das Gegenteil von Schönheit erzeugt) und die Middle-Class-Beauty durch eine Vielzahl teurer Produkte natürliche Vorzüge zu unterstreichen und Makel zu vertuschen hat, wird bei der Unterschichtenschönheit die Sichtbarkeit des Gemachten zum Statement: Schönheit ist harte Arbeit. Die Scouser Unterschichten-Beauty ist deshalb eine Geistesschwester der New Yorker Business Frau mit ihrem "Power Dressing", den teuren Klamotten, Schuhen und Taschen, legendär verkörpert von Kim Cattrall alias Samantha Jones in Sex and the City. Vielleicht ist es gar kein Zufall, dass Cattrall selbst eine geborene Scouserin ist, wenn sie auch in Kanada aufwuchs.

Samanthas schönstes Zitat aus der Serie lautet übrigens: "Die Auswahl ist eng. Du kannst keine Fendi-Tasche schwingen, ohne dabei fünf Loser umzuhauen." Und damit wären wir bei den Männern. Die behaupten hartnäckig, sie bevorzugten "natürliche Frauen", meinen dabei aber eigentlich, dass sie Frauen bevorzugen, die ihr Make-up und alle sonstigen Verschönerungsmaßnahmen so unauffällig wie möglich aussehen lassen. Mich zum Beispiel wollte noch kein Mann in meiner natürlichen, vollbehaarten Schönheit sehen. Toll wäre das schon! Ich käme nämlich nicht ständig zu spät, wenn ich nicht rasieren, frisieren, toupieren, anmalen, überdecken und peelen müsste. Und da reden wir nur von meinem Kopf!

Was Männer jedenfalls laut Studien zum Paarungsverhalten ebenfalls bevorzugen, sind Frauen, die einen geringeren Bildungsstand und ein geringeres Einkommen besitzen als sie selbst. Insofern sind die Scouser Beauties, indem sie vortäuschen, sie hätten wenig mehr als Wasserstoffperoxid und Spraytan-Dämpfen in ihrem Working-Class-Köpfchen, vielleicht die wesentlich schlaueren Spielerinnen auf dem Datingfeld. Und wie sagte doch der große Fußball-Weise Sepp Herberger: "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel." Einmal verheiratet, drehen sich die Spielregeln zugunsten der Frau. Heimvorteil eben.

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Mettigelfan #1

Und, "der Heiratsmarkt bezahlt Frauen besser als der Arbeitsmarkt"
Wußte bisher nicht, daß Fußballer derzeit auf Dragqueens, wie auf dem Foto zu sehen, stehen.


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zzy #1.4

Mit welcher selbstgefälligen Euphorie hier die ersten Kommentatoren über das Aussehen der Frauen herfallen, ist schon bezeichnend. Da wird ein Artikel, der eigentlich ein Klassenproblem behandelt, schnell zum pubertären Jungsgespräch. Immer wieder überrascht es mich, mit welcher Vehemenz (hauptsächlich) Männer Frauen verurteilen, die nicht ihrem Schönheitsideal entsprechen. Als würden sie sich persönlich angegriffen fühlen - klar, denn die Frau hat sich ja ausschließlich zu ihrem Wohlgefallen zu stylen. Wenn das schief geht, na das geht ja gar nicht!


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Jochen Schweizer #1.9

Diese Frauen sehen ja furchtbar aus!


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Art Hirtmann #1.12

"Mit welcher selbstgefälligen Euphorie hier die ersten Kommentatoren über das Aussehen der Frauen herfallen, ist schon bezeichnend. Da wird ein Artikel, der eigentlich ein Klassenproblem behandelt, schnell zum pubertären Jungsgespräch."

Nun, trösten Sie sich. Von den Bildern her zu urteilen, hat Donald Trump, also der größte Jungenklassenrüpel aller Zeiten, längst seine weibliche Seite entdeckt. Was will man mehr.


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Hamlet54 #4

Heute war hier ein Artikel mit dem Begriff der "toxischen Männlichkeit". Kann man diese Frauen als Vertreterinnen der "toxischen Weiblichkeit" deklarieren?


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CantHappenHere #4.10

Friseurologie mit Aufbaustudium Nagelstudio!


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almay #6

Immerhin haben diese Damen noch den Heiratsmarkt. Die männlichen Scouser haben nicht mal das.


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Tordenskjold #12

Ein herrlicher Artikel. Sehr unterhaltsam, voller schöner Formulierungen und feiner Beobachtungen. Die gesellschaftliche Kontextierung macht die Sache rund. Danke für einen Einblick in eine exotische Welt.


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Matt_Worst #13

'Frauen sind der Frauen Wolf'

Wenn Frauen sich über andere Frauen, deren Aussehen und Verhaltensweisen, daß Maul zereißen, dann kann jeder Chauvi oder Sexist einpacken.
Bösartig und arrogant der Konkurrenz gegenüber, wird am Ende die eigene Opferrolle betont. - Topthemen der modernen Frau: Brüste, Brauen, Körperbehaarung und natürlich die Partnerwahl, bzw. das Paarungsverhalten. Das ist so schlecht, das ist schon wieder gut.
Freue mich unbedingt auf den nächsten Beitrag dieser Reihe, irgendwo zwischen der 'Brigitte' & 'Bravo-Girl'.


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vera sagt die wahrheit #21

Wie viele Fußballer gibt es denn auf dem Paarungsmarkt? Da ist doch ein ungeheurer Frauenüberschuss. Heiraten die dann doch den Maurer aus dem Nachbarort?


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CatEater #28

Ich versteh' den Sinn des Artikels nicht.

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Flugboot #28.1

Respect the brow!


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oberstingg #28.2

ja man


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Suebe333 #36

Mal locker machen bitte. Das weibliche Schönheitsideal wird in jedem Land anders definiert. Wenn ich in meiner Stadt am Wochenende abends an der örtlichen "Russendisko" vorbeigehe und dort all die Ost europäischen aufgedonnerten "Schönheiten" sehe, dann ist das auch so gar nicht mein Geschmack. Französische Bekannte von mir, die letztens zu Besuch waren, wunderten sich dagegen über den langweiligen und (für deren Empfinden) billigen und genormten H&M Einheitslook deutscher Frauen.
Briten hatten eben schon immer einen ganz speziellen Geschmack. Nicht nur in der Mode und Styling. Eine K. Price ist auf der Insel seit Jahren ein Vorbild für viele junge Frauen. Himmel hilf. Die könnte man mir nackt auf den Bauch binden, da würde ich eher das andere Ufer suchen, als dass sich da was regen würde. Leben und leben lassen. Diese Vielfalt und modischen Entgleisungen gehören eben auch zur Vielfalt auf unserem Kontinent.


...


Aus: "Schönheit: Man nennt sie Scouser Beauties" Marlen Hobrack (6. September 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/kultur/2017-09/schoenheit-unterschicht-england-scouse-brow-10nach8/komplettansicht



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« Reply #648 on: September 12, 2017, 04:13:45 nachm. »
In Europa gibt es über 4000 Firmen, die Family-Office-Dienstleistungen erbringen, 750 davon widmen sich ausschließlich den Geschäften einer einzigen Familie, beispielsweise die Jacobs Holding in der Schweiz. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Family_Office (09/2017)

Quote
[...] Die besonders vermögenden Privatinvestoren rund um den Globus konnten sich im vergangenen Jahr über eine erhebliche Verbesserung ihrer Anlageergebnisse freuen. Wie die UBS gemeinsam mit dem Analysehaus Campden Research in einer umfangreichen Studie ermittelt hat, stieg die Rendite von Family Offices weltweit 2016 auf durchschnittlich 7 Prozent. Im Jahr zuvor hatte die Performance noch bei mageren 0,3 Prozent gelegen, so die Untersuchung.

Basis für die erfreuliche Entwicklung war UBS und Campden Research zufolge vor allem der Aufschwung an den Aktienmärkten. Die Superreichen vergrößerten das Gewicht dieser Assetklasse in den vergangenen zwölf Monaten in ihren Depots nochmals. Inzwischen beträgt der Anteil der Aktien an einem durchschnittlichen Family-Office-Portfolio der Studie zufolge rund 27 Prozent. Aktien sind damit die mit Abstand wichtigste Assetklasse für Milionäre und Milliardäre. Zudem profitierte die betuchte Klientel stark von erfolgreichen Private-Equity-Investments, so die Untersuchung.

Ein Anlagetyp, der dagegen bei Superreichen immer weiter ins Hintertreffen gerät, sind Hedgefonds. Wie die UBS sowie Campden Research herausgefunden haben, sank der Anteil dieser Fonds in den Portfolios im vergangenen Jahr erneut auf inzwischen nur noch7,1 Prozent. 30 Prozent der untersuchten weit mehr als 200 Family Offices planen zudem, ihren Hedgefonds-Anteil künftig weiter zu reduzieren.

Auch die reichsten Menschen der Welt haben offenbar kein Geld zu verschenken: Hedgefonds leiden seit geraumer Zeit generell unter Mittelabflüssen, denn ihre hohen Gebühren stehen offensichtlich aus Sicht von immer mehr Anlegern in keinem vernünftigen Verhältnis zu den mittlerweile oft eher mageren Anlageergebnissen. Lediglich so genannte Quant-Fonds, Investmentvehikel also, die durch Computerprogramme gemanagt werden, erfreuen sich im Hedgefonds-Kosmos zurzeit zunehmender Beliebtheit.

...


Aus: "Mehr Aktien, mehr Private-Equity Hedgefonds adé - Superreiche wenden sich Private-Equity zu" Christoph Rottwilm (12.09.2017)
Quelle: http://www.manager-magazin.de/finanzen/alternativegeldanlage/hedgefonds-ade-superreiche-wenden-sich-private-equity-zu-a-1167243.html

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« Reply #649 on: September 13, 2017, 04:51:11 nachm. »
Quote
[...] VW-Vorstände sollen jahrelang für konzerneigene Immobilien in und um Wolfsburg Mieten gezahlt haben, die deutlich unter dem Marktpreis gelegen hätten. Das berichtet die "Bild am Sonntag" unter Berufung auf Aufsichtsratsunterlagen. Wie aus einem internen Dokument hervorgehe, seien sechs Vorstände betroffen gewesen. Darunter seien der frühere Finanzvorstand und heutige Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch sowie Ex-Vorstandschef Martin Winterkorn gewesen. Laut den Unterlagen habe Pötsch für ein Haus mit einer Wohnfläche von 324 Quadratmetern eine monatliche Netto-Kaltmiete von 1532 Euro gezahlt. Winterkorn sei auf eine Miete von 1725 Euro bei einer Wohnfläche von 520 Quadratmetern gekommen. Das entspricht einem Quadratmeterpreis von rund drei Euro. Beide hätten in den Häusern privat gewohnt. Anfang 2014 habe der Autobauer auf Betreiben des damaligen Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch die Mieten erhöht. Pötsch und Winterkorn mussten fortan jeweils rund 650 Euro pro Monat mehr zahlen. "Die Mitglieder des Vorstandes" müssten künftig "Häuser zu Marktpreisen mieten", soll in einem vertraulichen Papier stehen. Und weiter: "Es erfolgt eine regelmäßige Überprüfung der Miete im Vergleich zu den ortsüblichen Marktmieten." Die Kosten für die Gartenpflege trage jedes Vorstandsmitglied ab sofort selbst.

Ebenfalls Anfang 2014 mussten mehrere VW-Vorstände wegen der privaten Nutzung von Firmenflugzeugen Geld nachzahlen. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig prüft deshalb laut Informationen des "Spiegels" einen Untreue-Verdacht. VW weist die Vorwürfe zurück.
Bei dem VW-Aufsichtsratchef Pötsch habe es sich um eine Summe von mehr als einer halben Million Euro für Privatflüge mit Firmenjets gehandelt, berichtete die "Bild am Sonntag". Laut der Zeitung habe der damalige Aufsichtsrat Piëch auf die Rückzahlungen gedrängt.


Aus: "VW-Manager sollen für ihre konzerneigenen Villen nur Mini-Mieten gezahlt haben" (10/09/2017)
Quelle: http://www.huffingtonpost.de/2017/09/10/mini-mieten-vw-winterkorn-poetsch_n_17954534.html

---

Quote
[...] Eine Studie der Hans Böckler Stiftung zeigt die soziale Spaltung anhand der Mieten.  ... Nach einer am Mittwoch veröffentlichten Studie im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans Böckler Stiftung müssen Haushalte an der Armutsgrenze fast 40 Prozent ihrer Einkünfte fürs Wohnen ausgeben. Haushalte mit überdurchschnittlichem Einkommen wenden dagegen nur 17 Prozent für die Bruttokaltmiete auf. ... Bei Sozialwissenschaftlern und Immobilienexperten gilt eine Mietbelastungsquote von mehr als 30 Prozent des Haushaltseinkommens als problematisch. Bei geringeren Einkommen bleibt dann nicht mehr genug Geld zum auskömmlichen Leben.

...  Jeder vierte Haushalt in Deutschlands Großstädten lag schon vor drei Jahren bei mehr als 30 Prozent des Einkommens. Das sind rund 5,6 Millionen Haushalte. Gut eine Million Haushalte in Großstädten geben mehr als die Hälfte ihres Einkommens für die Miete aus. Fast ebenso viele haben nach Abzug der Miete nur noch Geld in Höhe des Hartz-IV-Satzes zum Leben übrig.

Die Wissenschaftler haben für die Studie Daten des Mikrozensus 2014 ausgewertet; inzwischen sind die Mieten weiter gestiegen. In dem Forschungsprojekt an der Humboldt Universität zu Berlin wurden die Miethöhen und Mietbelastungen für die 77 größten deutschen Städte untersucht. Erwartungsgemäß sind Mietwohnungen in München und Frankfurt am teuersten. Die in Relation zum Einkommen höchste Mietbelastung tragen indes die Einwohner von Bonn, Neuss, Bremerhaven und Bremen. Im Mittel lag die Belastung fürs Wohnen bundesweit bei 26,8 Prozent des Haushaltsnettoeinkommens. (epd, rok)


Aus: "Haushalte an der Armutsgrenze: Fast 40 Prozent der Einkünfte gehen für Mieten drauf" (13.09.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/haushalte-an-der-armutsgrenze-fast-40-prozent-der-einkuenfte-gehen-fuer-mieten-drauf/20320466.html
« Last Edit: September 13, 2017, 04:55:27 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #650 on: September 16, 2017, 12:38:17 nachm. »
Quote
[...] Der Wahltag rückt näher, und wieder einmal sieht es düster aus für die deutsche Sozialdemokratie. Vielerorts wird gerätselt, warum die SPD es trotz engagierter Wahlkampagne und einem charismatischen Kandidaten nicht schafft, sich aus dem Umfragetief zu befreien. An Schulz’ Wahlkampfthema kann es eigentlich nicht liegen. Laut einer Yougov-Umfrage vom August finden Wähler fast aller großen Parteien mehrheitlich, dass soziale Ungerechtigkeit ein sehr großes Problem in Deutschland ist – das gilt auch für Nichtwähler und Unentschlossene.

Die Wähler müssten den Sozialdemokraten also in Scharen zulaufen. Dennoch liegt die SPD laut aktuellen Umfragen bei mageren 23 Prozent. Das liegt daran, dass sie das Thema soziale Gerechtigkeit nicht glaubwürdig besetzen kann. Denn einen wichtiger Teil der Wähler lässt sie außer Acht: Arbeitslose und Abgehängte.

Sinnbildlich dafür war Schulz’ Rede am Nominierungsparteitag Ende Juni. Der SPD-Chef sprach von „den Menschen, die in unserem Land hart arbeiten“, von „Leistungsträgerinnen und Leistungsträgern“. Damit machte er klar, dass er sich politisch nur an die sogenannte Mitte richtet. Eine „sozial gerechte“ Politik orientiert sich aber an den Schwächsten. In seiner fast eineinhalbstündigen Rede erwähnte Schulz weder Langzeitarbeitslose noch die fast 1,2 Millionen Hartz-IV-Aufstocker, die so wenig verdienen, dass sie trotz Arbeit nicht ohne Sozialleistungen überleben können. Nur aus vorherigen Äußerungen lässt sich Schulz’ Haltung zum Thema Hartz IV ableiten.

So befürwortet der SPD-Vorsitzende, der dem rechten Parteiflügel nahesteht, Sanktionen gegen Leistungsbezieher. „Bei den Sanktionen geht es ja nicht um Schikanen“, sagte Schulz im März. Vielmehr darum, „dass sich selbstverständlich auch Bezieher von Hartz IV an bestimmte Spielregeln halten und etwa verabredete Gesprächstermine einhalten“. Ansonsten umschifft er das Thema lieber. Das überrascht nicht. Es waren die Sozialdemokraten, die ab 2003 gemeinsam mit den Grünen die Hartz-Gesetze beschlossen. Sie verdammten damit einen großen Teil des SPD-Arbeitermilieus zu Armut und Perspektivlosigkeit. Bis heute lehnen die Sozialdemokraten Nachbesserungen an Hartz-IV-Sätzen, Zumutbarkeitskriterien und Meldeauflagen ab.

Mit dieser harten Haltung hat die SPD ihre Kernklientel entfremdet. Ungelernte, Handwerker, Arbeiter und Geringverdiener im Dienstleistungssektor sind eigentlich klassische SPD-Wähler. Mit der Agenda 2010 wurden viele marginalisiert. Der Leiharbeitssektor wuchs, die Löhne stagnierten. Wer arbeitslos wurde, verlor schnell sein Erspartes, musste nahezu jede Arbeit annehmen – und wählte folgerichtig auch nicht mehr die Agenda-Partei SPD. 11,2 Prozentpunkte verloren die Sozialdemokraten bei der Bundestagswahl 2009 gegenüber 2005.

Die abgewanderten Wähler kamen nicht zurück – und das ist auch nachvollziehbar. Wer täglich um das wirtschaftliche Überleben kämpfen muss, läuft sonntags nicht zur Wahlurne und macht sein Kreuz auch nicht bei der Partei, die er für die eigene Armut verantwortlich macht. Im Milieu der Abgehängten gehen der SPD die Stimmen verloren. Und die Sozialdemokraten wollen offenbar immer noch keine politischen Angebote an marginalisierte Bevölkerungsgruppen machen. Schulz’ Vorschläge eines verlängerten ALG I richten sich an jene, die noch einen Job haben.

Wer bereits in der Hartz-IV-Mühle festhängt, dem nützt der Vorstoß nichts. Die SPD verbucht den Mindestlohn als großen Erfolg – doch Langzeitarbeitslose sind in den ersten sechs Monaten nach Arbeitsaufnahme vom Mindestlohn ausgenommen. Auch die Verdoppelung des Schonvermögens für Leistungsbezieher hilft Langzeitarbeitslosen nicht, die entweder nie über Vermögen verfügten oder bereits dazu gezwungen wurden, die eigenen Ersparnisse aufzubrauchen, um überhaupt Hartz IV zu erhalten. Für Hartz-IV-Empfänger wichtige Themen werden von der SPD ignoriert. Sie wendet sich nicht dagegen, dass Alleinerziehenden das Kindergeld gestrichen wird, wenn sie Arbeitslosengeld II beziehen. Auch das diskriminierende Modell der Bedarfsgemeinschaften wird nicht hinterfragt.

Wenn die SPD also Arbeitern, Armen und Abgehängten keine Perspektive mehr bietet, bleiben eben genau die 20 plus X Prozent Wählerstimmen übrig, bei denen die SPD nun schon seit fast einem Jahrzehnt hängen bleibt. Mit der Anbiederung an die FDP und der Ablehnung der Linkspartei (die Hartz IV massiv kritisiert) wissen die Wähler, dass Sozialreformen zugunsten der Armen mit der SPD nicht zu machen sind.

... Mit der Agenda-Politik hat die SPD den sozialpolitischen Diskurs nach rechts verschoben. Um wieder attraktiv zu werden, muss sie die sozial-, arbeits- und wirtschaftspolitische Debatte im Land wieder nach links rücken. Und das geht nur mit einer Abkehr von der Agenda-Politik – und einer Zuwendung zu deren Opfern.

Quote
agerwiese, 16.09.2017 10:18

Die ganze Diskussion um Hartz IV sitzt einem gewaltigen Irrtum auf. Es wird immer so getan, als ob die Regelungen nur die Auswirkungen auf die Leistungsempfänger selbst hätten. Falsch. Diese Regelungen verbunden mit einem zu niedrig angesetzten Mindestlohn und der fehlenden Einschränkung der Leiharbeit haben direkte und indirekte Auswirkungen auf ca 30% der Beschäftigten.
Man möchte sich halt eine billige Kaste der Dienstleister halten, die dann evtl. noch selber schuld sind, weil sie nicht so gut in der Schule aufgepasst haben.



Aus: "Debatte SPD und Hartz IV: Nichts übrig für die Armen" Jörg Wimalasena (16. 9. 2017)
Quelle: http://www.taz.de/Debatte-SPD-und-Hartz-IV/!5444702/


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« Reply #651 on: September 16, 2017, 12:44:44 nachm. »
Quote
[...] Hannes Koch  - Geboren 1961, ist selbstständiger Wirtschaftskorrespondent in Berlin. Er schreibt über nationale und internationale Wirtschafts- und Finanzpolitik. ... 2007 erschien sein Buch „Soziale Kapitalisten“, das sich mit der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen beschäftigt. Bis 2007 arbeitete Hannes Koch unter anderem als Parlamentskorrespondent bei der taz.

Mein 17-jähriger Sohn überrascht mich mit der Nachricht, dass William H. Gates III, wie Microsoft-Gründer Bill Gates sich nennt, bald der erste Billionär der Welt werden könnte. Er besäße dann ein Vermögen von einer Billion Euro – 1.000 Milliarden. Ganz schön viel für eine einzelne Person, finde ich. Zurückgelehnt erklärt dagegen mein Sprössling: „Bill Gates hat die Welt verändert. Und er hat doch keinem etwas weggenommen.“

Ich sehe das anderes. Jemand, der soviel Kapital besitzt, hat wohl zu wenig Steuern bezahlt. Über den mittlerweile riesigen Abstand von Arm und Reich kann ich mich wunderbar aufregen. Seit der Einführung von Hartz IV vor 13 Jahren führt dieses Land eine Gerechtigkeitsdebatte. Seltsamerweise spielt das Thema im Wahlkampf aber fast keine Rolle.

Die Sozial-Thesen von SPD-Kandidat Martin Schulz zünden nicht. Sahra Wagenknecht und den Nationalbolschewisten bei den Linken ist ihre Ideologie wichtiger, als sich mit praktischer Politik in einer rot-rot-grünen Koalition die Hände schmutzig zu machen. Und die Grünen haben aus der Wahlniederlage 2013 den Schluss gezogen, ihrer wohlhabenden Klientel lieber keine Opfer abzuverlangen.

Der tiefere Grund für das Unvermögen, gesellschaftlich über Gerechtigkeit zu diskutieren, ist jedoch ein anderer. Sex ist kein Tabu mehr – Geld sehr wohl. Wer wie viel verdient und wie viel besitzt, spielt in Gesprächen kaum eine Rolle. Am Arbeitsplatz soll oder darf man darüber nicht reden, weil die Firmen ihre Beschäftigten und die Männer die schlechter verdienenden Frauen auf diese Art einfacher beherrschen.

Auch privat verzichtet man meist darauf, um keinen Neid auszulösen oder weniger betuchte Freunde nicht zu beschämen. Unlängst trank ich mit einer Bekannten die Nacht durch. Ich plapperte dies und das und erzählte, dass ich ordentlich verdiene. Nicht um rumzuprotzen, sondern weil ich finde, die Bedeutung des Mammons darf man nicht ignorieren. Sie meinte dazu brüsk: „Ich habe keine Lust, mit dir über Geld zu sprechen.“

Das ist ein Problem. Wer die privaten Finanzen beschweigt, wird den öffentlichen Haushalt nicht verstehen. Ein Beispiel: Nach dem Fall der Mauer, bekam meine Mutter einen halben Bauernhof in Sachsen-Anhalt plus Land geschenkt. Er hatte einem Onkel gehört und war in der 1950er Jahren kollektiviert worden. „Rückgabe vor Entschädigung“ hieß das Prinzip. 200.000 Euro davon investierte ich in eine Eigentumswohnung in Berlin-Kreuzberg. Von meinem damaligen Gehalt im journalistischen Niedriglohnsektor hätte ich mir die Hütte, die mittlerweile gut das Doppelte wert ist, niemals leisten können. Weil mir jedoch die Erbschaft in den Schoß fiel, gehöre ich nun zu den reichsten 15 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung. Interessanterweise bezahle ich für diese Kapitalvermehrung fast keine Steuer. Vierteljährlich zieht das Finanzamt 53 Euro Grundsteuer ein.

Über so etwas muss man sich unterhalten. Dann ist es leichter zu erkennen, ob etwas schief läuft. Vermutlich ist vielen Angehörigen der sogenannten, selbst empfundenen Mittelschicht nicht klar, dass sie tatsächlich am oberen Ende der gesellschaftlichen Hierarchie stehen. Ein paar hundert Euro mehr Grundsteuer würden mir finanziell nicht das Genick brechen. Das Geld-Tabu verhindert solche Debatten.  ...


Aus: "Das letzte Tabu" Kolumne von Hannes Koch (15. 9. 2017)
Quelle: http://www.taz.de/Kolumne-Wir-retten-die-Welt/!5447391/

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« Reply #652 on: September 18, 2017, 07:44:53 vorm. »
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[...] Soziologe Heinz Bude: ... man merkt doch, dass Schulz und weite Teile der Sozialdemokratie ihr Land nicht mehr kennen. Sie realisieren die Modernität nicht.

Jan Feddersen Was ist es denn, wofür diese Sozialdemokraten blind sind?

Erstens, die Polarisierung in der Beschäftigung. Wir haben sehr viele Leute, die in klassischen arbeiterlichen Positionen tätig sind und denen es ziemlich gut geht. Sie sind im Werkzeugmaschinenbau oder in der Medizintechnik beschäftigt. Sie werden gut bezahlt, sind nachgefragt und genießen Respekt.

Und auf der anderen Seite?

Ist ein neues Proletariat entstanden, das mit Paketzustellungen, mit Pflege oder auch mit Regalefüllen und Kleideraufräumen in Discountern befasst ist. Mit den tausend Euro, die man da im Schnitt netto im Monat hat, kann man nicht leben und nicht sterben. Aber wichtiger noch: Es gibt keine Aufstiege im Beruf. Man bleibt sein Leben lang auf der Position, auf der man vor 25 Jahren angefangen hat. ... Es gibt offenbar eine Spaltung innerhalb der Arbeiterschaft. Die Facharbeiterinnen und Facharbeiter aus der Hochproduktivitätsökonomie wollen einen fairen Anteil an der Wertschöpfung und handeln den mit mächtigen Gewerkschaften im Rücken aus. Die Dienstleistungsproletarier haben niemanden hinter sich ...


Aus: "Soziologe Heinz Bude über Wahlkampf: „Ein großer Sack voll Hoffnung“" (17. 9. 2017)
Quelle: http://www.taz.de/Soziologe-Heinz-Bude-ueber-Wahlkampf/!5447200/

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« Reply #653 on: September 18, 2017, 11:32:59 vorm. »
Quote
[...] Wien – Die Vielzahl an Enthüllungen hat in den letzten Jahren verdeutlich: Viele Superreiche horten ihr Vermögen – legal oder illegal – im Ausland. Auch im Hinblick auf die Volumina, die in diversen Steueroasen gebunkert werden, gibt es diverseste Schätzungen. Nun konnte ein Forscherteam vom National Bureau of Economic Research (NBER) in Cambridge, Massachusetts erstmals nachzeichnen, woher die größten Finanzmittel stammen. Ein Team rund um den Verteilungsexperten Gabriel Zucman hat dabei die Angaben von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) über die Einlagen in Ländern ausgewertet, die von Personen mit Wohnsitz in anderen Staaten stammen. Die Statistiken der BIZ, die auch als Bank der Notenbanken bezeichnet wird, lagen bisher nur in aggregierter Form vor. Man wusste zwar, wie viel Ausländer beispielsweise in Singapur angelegt haben, nicht aber, welche Vermögen US-Amerikanern oder Chinesen zuzurechnen sind. Aus den neuen Daten hat das NBER-Team errechnet, wie hoch die grenzüberschreitend verwalteten Summen sind und wer sie hält.

Insgesamt kommen die Experten zu dem Schluss, dass das Offshore-Vermögen bei rund zehn Prozent der Wirtschaftsleistung liegt (untersucht wurden Länder mit einem Bruttoinlandsprodukt von mehr als 200 Mrd. Dollar, Österreichs Wert liegt bei 386 Mrd. Dollar). Besonders die oberen Ausreißer sind imposant. Griechen und Argentinier bunkern fast 40 Prozent der Wirtschaftsleistung im Ausland, Russen fast 50 Prozent. Über dieser Grenze liegen laut Papier Saudi-Arabien, Venezuela und die Vereinigten Arabischen Emirate. Wobei letzteres Land auf einen Wert von mehr als 70 Prozent des BIP kommt.

... Die Forscher räumen ein, dass die Daten fehleranfällig sein könnten, weil die BIZ-Zahlen auf Einlagen basieren und keine Anleihen-, Aktien- und andere Vermögen enthalten. Zudem werden Billionen über Briefkastenfirmen in Steueroasen gehalten, deren wirtschaftliche Eigentümer im Verborgenen bleiben. Für beide Unwägbarkeiten haben Zucman & Co Werte geschätzt. Ein Abgleich mit den Ergebnissen des Informationslecks Panama Papers zeige eine große Übereinstimmung mit den Annahmen, heißt es.

In einem zweiten Schritt geht die neue Arbeit auf das schmale Segment der Superreichen ein, weil deren Vermögenszuwachs zu einem großen Teil für die wachsende Ungleichheit in den letzten Jahrzehnten verantwortlich ist. Konkret werden die reichsten 0,01 Prozent in einigen Ländern einer genaueren Betrachtung unterzogen. Während in skandinavischen Ländern vier bis fünf Prozent der Vermögen im Ausland gebunkert sind, liegt der Anteil in Großbritannien, Frankreich und Spanien zwischen 30 und 40 Prozent. Diese Staaten werden nur von Russland getoppt, wo die High Society mehr als die Hälfte ihrer Finanzmittel offshore veranlagt hat. Dagegen ist der Anteil grenzüberschreitend gehaltener Finanzmittel in den USA gering, obwohl die Superreichen in den Vereinigten Staaten prozentuell mit Abstand über die größten Vermögen verfügen. Bei der Destination von Auslandsgeldern gibt es schon seit Jahren einen klaren Trend. Asien, insbesondere Hongkong, hat die Schweiz als größter Offshore-Magnet abgelöst.

Quote
Steirer01, 18.09.2017

Die einzigen die alles versteuern sind die Lohnsteuerzahler, sie versteuern jeden Cent. Bei allen anderen gibt es sehr viel "Gestaltungsmöglichkeiten".



Aus: "Studie enthüllt, wer am meisten Vermögen im Ausland bunkert" Andreas Schnauder (18.9.2017)
Quelle: http://derstandard.at/2000064197118/Studie-enthuellt-wer-am-meisten-Vermoegen-im-Ausland-bunkert

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« Reply #654 on: September 19, 2017, 10:40:17 vorm. »
Quote
[...] Die Not mit den miesen Jobs hat viele Gesichter. Mal sind es Werkverträge ohne Kranken- und Sozialversicherung, mal sind es Teilzeitjobs, die nicht zum Leben reichen. Mal müssen sich die Betroffenen von einem befristeten Vertrag zum nächsten hangeln, oder sie müssen als Scheinselbstständige und Leiharbeiter ihr Dasein fristen. Die Methoden unterscheiden sich je nach Land und nationaler Gesetzgebung (siehe Beispiele rechte Spalte), doch die Konsequenz ist immer dieselbe: Zig Millionen EU-Bürger müssen sich mit unsicheren und gering entlohnten Jobs durchschlagen, die ihnen keine Lebensperspektive bieten – mit wachsender Tendenz. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will den Trend sogar verstärken. Seine Regierung erlaubt Arbeitgebern künftig, Arbeitskräfte nur noch für einzelne Projekte anzuheuern, die jederzeit kündbar sind. Gleichzeitig sollen die landesweit gültigen Tarifverträge verschwinden, die bisher Schutz vor solchen Praktiken boten.

Dabei läuft Europas Wirtschaft so gut wie seit zehn Jahren nicht mehr. Allein in der Eurozone fanden seit Ende 2012 über fünfeinhalb Millionen Menschen eine neue Arbeit. Doch vier von fünf dieser neuen Jobs bieten nach Angaben von Eurostat, dem statistischen Amt der EU, nur Teilzeit oder sind befristet und meist niedrig entlohnt. Gleichzeitig wünschen sich zwei Drittel der Betroffenen unbefristete Vollzeitstellen, konstatiert die EU-Kommission im jüngsten Bericht über den EU-Arbeitsmarkt. Europas vermeintlicher Boom sei „von niedriger Qualität“, urteilt die Forschungsabteilung der US-Bank Merrill Lynch.

Das trifft vor allem junge Menschen. Mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer bis 25 in der Eurozone ist nur auf Zeit angestellt, in Spanien sind es sogar mehr als 70 Prozent. „Das ist sehr problematisch“, sagt Marianne Thyssen, EU-Kommissarin für Beschäftigung und Soziales. „Es hindert sie daran, das Haus ihrer Eltern zu verlassen, sie können keine Wohnung erwerben, sie können keine Entscheidungen treffen, und das schwächt die gesamte Wirtschaft“, warnt die konservative EU-Politikerin aus Belgien.

„Menschen in unsicheren Jobs investieren nicht in ihre Ausbildung, ebenso wenig ihre Arbeitgeber“, erklärt sie. „Je mehr prekäre Beschäftigung es gibt, umso weniger produktiv ist die Volkswirtschaft“, sagt Thyssen und ist sich darin einig mit namhaften Ökonomen. „Diese unsicheren Formen von Arbeit sind extrem teuer sowohl für die Betroffenen als auch für die Gesellschaft“, meint Olivier Blanchard, langjähriger Chef-Ökonom des Internationalen Währungsfonds.

 Doch warum hat die von Soziologen so genannte „Prekarisierung“ der Arbeit ein solches Ausmaß erreicht? Und was muss geschehen, um sie aufzuhalten? Diesen Fragen ist das Team von Investigate Europe nachgegangen, und der Befund ist ernüchternd:

Bei der Regulierung der Arbeitsmärkte
- folgen Europas Regierungen und die EU-Kommission seit Jahren Annahmen und Theorien, die sich als falsch und wirklichkeitsfremd erwiesen haben;
- setzten Kommissare und Finanzminister der Eurogruppe systematisch Flächentarifverträge außer Kraft, bekämpften Gewerkschaften und förderten so Ungleichheit und Prekarisierung;
- sind die EU-Länder nun in einen Wettlauf nach unten für Löhne und Arbeitnehmerrechte verstrickt, der nationale Auswege erschwert.

Das Schlüsselwort für diese Entwicklung laute „Flexibilität“, erklärt der französische Gewerkschafter Thibault Weber, als studierter Betriebswirt der Mann vom Fach im Vorstand des Europäischen Gewerkschaftsbundes. Europas Wirtschaftspolitiker seien „von der Vorstellung besessen, der Arbeitsmarkt sei ein Markt wie jeder andere, und müsse daher maximal flexibel gestaltet werden“, sagt Weber. Das aber heiße, Unternehmen zu ermöglichen, Arbeitskräfte je nach Marktlage und Gutdünken zu beschäftigen, und das zu möglichst geringen Kosten, also zulasten der Arbeitnehmer. Dieser Maxime, so Weber, folge die Arbeitsmarktpolitik in ganz Europa, „die Prekarisierung ist das logische Resultat.“

Tatsächlich läuft seit rund zwei Jahrzehnten eine Welle der Deregulierung durch das Arbeitsrecht der EU-Länder, die bis heute anhält. Allein seit 2008 zählte die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) mehr als 400 Änderungen nationaler Arbeitsmarktregeln. Und die meisten dieser im Ökonomen-Jargon so genannten Strukturreformen folgen dem gleichen Rezept: Sind die Arbeitskräfte erst ausreichend flexibel und billig, dann schaffen die Unternehmen mehr Jobs, die Arbeitslosigkeit sinkt, und die Wirtschaft wächst.

Das war auch die Logik der „Agenda 2010“, mit der die Regierung des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder „verkrustete Strukturen“ auf dem deutschen Arbeitsmarkt aufbrach, wie er es nannte. Gleich achtmal sprach Schröder in seiner Regierungserklärung zum Thema im März 2003 von „Flexibilität“ und „flexibel machen“. Und so wurde die Leiharbeit von „bürokratischen Beschränkungen befreit“ und die Obergrenze für befristete Arbeit bei Start-ups auf vier Jahre ausgedehnt, wurden Niedriglohn- und Minijobs steuerlich begünstigt und Arbeitslose gezwungen, jedes Jobangebot anzunehmen, egal wie schlecht bezahlt. Parallel dazu verließen zahllose Unternehmen den Verbund der Flächentarifverträge und nutzten Leiharbeit, Werkverträge, Teilzeit und Befristung, um ihre Lohnkosten zu drücken.

All das gilt europaweit bis heute als großer Erfolg. Die Arbeitslosenquote sank auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Gerne verweisen Politiker in anderen europäischen Ländern darum auf das deutsche Modell, wenn sie den heimischen Arbeitsmarkt weiter deregulieren wollen. Auch Kanzlerin Merkel preist die deutschen „Reformen“. Erst danach sei Deutschland wirtschaftlich „gegenüber Frankreich davongezogen“, behauptete Merkel im vergangenen Mai.

 Doch die Geschichte vom deutschen Jobwunder ist irreführend. So stieg zwar die Zahl der Erwerbstätigen von 2003 bis Ende 2016 um mehr als zehn Prozent von 39 auf 43 Millionen. Doch die zusätzliche Beschäftigung geht zum größten Teil darauf zurück, dass Vollzeitarbeitsplätze durch Teilzeit- und Minijobs ersetzt wurden. Die tatsächlich geleistete Arbeitszeit stieg darum bis 2010 gar nicht, stattdessen wurde die Arbeit nur auf mehr Köpfe verteilt. Und auch nachdem 2011 die Konjunktur anzog, wächst das Arbeitsvolumen weit langsamer als die Beschäftigung und liegt noch immer unter dem Niveau der frühen 90er Jahre. 2016 lebten daher 4,8 Millionen Menschen in Deutschland ausschließlich von Minijobs. Weitere 1,5 Millionen arbeiten unfreiwillig in Teilzeit. Hinzu kommen rund eine Million Leiharbeiter und mehr als zwei Millionen Solo-Selbstständige ohne Angestellte, von denen die meisten nicht genug Arbeit haben.

Die „industrielle Reservearmee“ der Arbeitslosen, wie Karl Marx sie einst nannte, „wurde um den Preis verkleinert, dass die Reservearmee der Unterbeschäftigten in Teilzeitarbeit und der Überbeschäftigten, die gleich mehrere Jobs machen müssen, gewachsen ist“. So beschreibt der Wirtschaftssoziologe Oliver Nachtwey, Autor des Bestsellers „Die Abstiegsgesellschaft“, das Ergebnis.

Damit bescherte das vermeintliche deutsche Wunder Millionen ein Leben an der Armutsgrenze. Das heißt, sie müssen mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen, das sind rund 1070 Euro im Monat. Trotz hoher Beschäftigungsrate steigt deren Anteil seit 18 Jahren auf nun schon 16 Prozent der Bevölkerung. Und selbst ein großer Teil der Vollzeitbeschäftigten hat den Anschluss verloren. Die unteren 40 Prozent der Lohnbezieher in Deutschland erzielten 2016 nach Abzug der Inflation weniger Einkommen als 20 Jahre zuvor, musste die Bundesregierung im Armuts-/Reichtumsbericht einräumen. Das deutsche Wunder sei „nur ein Mythos“ urteilte darum die „Financial Times“. Zu dem gleichen Schluss kam auch Christian Odendahl, Chef-Ökonom des wirtschaftsnahen Centre for European Reform, der für die englischsprachige Welt eine fundierte Klarstellung verfasste.

Die eigentliche Stärke des deutschen Modells erwies sich dagegen in der Rezession nach dem Lehman-Crash im Jahr 2009. Während zig Millionen Menschen in aller Welt ihre Jobs verloren, schalteten die deutschen Unternehmen auf Kurzarbeit und fuhren die Arbeitszeitkonten ihrer Mitarbeiter runter, Entlassungen gab es kaum. Als die Konjunktur wieder anzog, konnten sie darum nahtlos die Produktion ankurbeln und ihre Marktanteile vergrößern. „Es war also das genaue Gegenteil des Dogmas von der externen Flexibilität“ der Schröder-Agenda, „die den deutschen Arbeitsmarkt in der Krise rettete“, schlussfolgert der Ökonom Stefan Lehndorff vom Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg. „Die interne Flexibilität“, ausgehandelt mit den und nicht gegen die Arbeitnehmer, habe Arbeitslosigkeit verhindert. Insofern sei es eine „bittere Ironie“, dass Deutschland bis heute „aus den falschen Gründen“ als Vorbild gelte.

Das Missverständnis diente allerdings der Gewinnmehrung durch Senkung der Lohnkosten. So geriet das Konzept vom flexiblen Arbeitnehmer zur mächtigen Doktrin. In Spanien wurden Kurzfristverträge für wenige Monate die Regel, die Niederlande flexibilisierten ihre Arbeitskräfte in die variable Teilzeit und in Italien wurde die Scheinselbstständigkeit zur Norm, nachdem 2006 die freien Berufe wie Anwalt oder Architekt „für den Wettbewerb geöffnet“ und die Tarifordnung abgeschafft wurde.

 Am weitesten ging die Prekarisierung in Polen. Um das Land nach dem EU-Beitritt für internationale Investoren attraktiv zu machen, fügte die Regierung in Warschau 2004 der Befristung eine besondere Attraktion hinzu: Wer ohnehin nur auf Zeit angestellt war, konnte auch jederzeit ohne Angabe von Gründen gekündigt werden. Gleichzeitig erfuhr die Auftrags-Beschäftigung dort nach Zivilrecht eine massive Ausweitung, die Betroffenen nicht nur die Sozial- und Krankenversicherung vorenthält, sondern sogar den gesetzlichen Mindestlohn.

Viele Arbeitgeber, vom Weltkonzern bis zum Kleinunternehmer, machen davon Gebrauch. Darum sind heute mehr als ein Drittel aller polnischen Arbeitnehmer nur ungesichert oder zu Armutslöhnen beschäftigt, mehr als in jedem anderen EU-Land. Polens Arbeitsrecht sei „ein Rückfall ins 19. Jahrhundert“, empört sich Adam Rogalewski, der Europa-Sekretär der polnischen Gewerkschaftsallianz OPZZ.

Polen blieb aber nicht allein. Als die Finanzkrise viele EU-Länder in die Rezession stürzte und die Verschuldung sowie die Arbeitslosenquoten hochtrieb, erkoren die damalige EU-Kommission unter Führung des wirtschaftsliberalen Präsidenten José Barroso und die Finanzminister der Eurozone die Deregulierung des Arbeitsrechts zu einer Art Wunderwaffe. Welt-Ökonom Blanchard, seinerzeit Forschungschef des IWF, erschien das schon damals seltsam. „Strukturreformen waren bis 2009 keine große Sache“, erinnert er sich. Aber dann sei daraus plötzlich „ein Slogan“ geworden, der bei jeder Konferenz erklang. „Es gab diese Sicht, dass schwächere Gewerkschaften und mehr Lohnflexibilität der Weg aus der Krise seien, das wurde vertreten wie ein religiöser Glaube“, sagt er. Und natürlich „ließ sich so die Last von den Finanzministern und Notenbanken auf andere verschieben“, sagt Blanchard.

Da forderte dann Barrosos Wirtschaftskommissar, der Finne Oli Rehn, von den Krisenländern „eine flexible Lohnfindung und mehr Anreize für Arbeitslose bei der Jobsuche“. Parallel dazu setzte Zentralbankchef Mario Draghi die Regierungen in Spanien und Italien unter Druck. Um ihre Kreditwürdigkeit zurückzugewinnen, sollten sie „die Verhandlung von Tarifverträgen reformieren und Vereinbarungen auf Ebene einzelner Firmen zulassen, um Löhne und Arbeitsbedingungen an deren spezifische Bedürfnissen anzupassen“, schrieb er nach Rom. Und Spanien erteilte er die Auflage, „Maßnahmen zur Lohnmäßigung im privaten Sektor“ zu ergreifen und Arbeitsverträge zu erlauben für die „die Entschädigung bei Kündigung sehr gering ist“.

 Rehns Beamte hielten daraufhin in einem „Bericht zur Arbeitsmarktentwicklung“ fest, was „beschäftigungsfreundliche Reformen“ seien. Demnach galt es
- „die Bedingungen für den Kündigungsschutz zu lockern“ und „Entschädigungszahlungen zu senken“;
- „die maximale Dauer und Zahl der befristeten Verträge zu erhöhen“;
- „den Geltungsbereich von Tarifverträgen zu reduzieren“ und
- „ganz allgemein die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften zur Lohnfestsetzung zu mindern“.

Wie unverhohlen Europas Regierende mit dieser Agenda den Interessen von Managern und Unternehmenseignern folgten, zeigte sich insbesondere in den Krisenstaaten Portugal, Griechenland und Rumänien. Deren Regierungen waren abhängig von den Notkrediten der anderen Eurostaaten und des IWF. Das nutzten die Beamten der eingesetzten „Troika“ aus Kommission, IWF und Europäischer Zentralbank (EZB), um – im Auftrag der Kreditgeber – das dortige Arbeits- und Tarifrecht radikal zugunsten der Arbeitgeber zu ändern.

Die passenden Vorschläge dazu machte zum Beispiel im Oktober 2011 Pierre Deleplanque, Chef des Zementherstellers „Heracles“, der griechischen Tochterfirma des weltgrößten Baustoffkonzerns Lafarge. Nach einem privaten Treffen mit den Troika-Beamten sandte der Konzernmanager seine Forderungen an den Athener Bürochef des IWF, berichtete die Zeitung „Efimerida ton Syntakton“, der griechische Medienpartner von Investigate Europe. „Vertraulich, nur zum internen Gebrauch“ erklärte der Konzernmanager da, dass neben der „Aussetzung von Branchentarifverträgen“ auch die Gültigkeit der alten Firmentarifverträge bei Großunternehmen enden müsse, „um individuelle Vereinbarungen zu ermöglichen“ – und so Arbeitnehmern jeden Schutz zu nehmen.

 Genau so kam es. Die Kreditverträge, Memoranda of Understanding genannt, erzwangen, dass Arbeitnehmer fortan gegen geringe Entschädigung zu kündigen waren. Gleichzeitig wurden die bis dahin üblichen Tarifverträge abgeschafft. Verhandelt wird heute fast nur noch auf Ebene der Firmen, meist direkt mit den Beschäftigten. Die neuen Gesetze „gaben den Arbeitgebern die Macht für einseitige Entscheidungen“, wie „die Umwandlung von Vollzeitverträgen in atypische Anstellungen illustrierte“, befanden Sozialwissenschaftler der Uni Manchester in einer Studie, die ironischerweise von der EU-Kommission finanziert wurde. Demnach wurden seit 2011 zahllose feste Verträge in befristete Teilzeitanstellungen verwandelt, in vier von fünf Fällen ohne Zustimmung der Betroffenen. Die Prekarisierung war Programm, die Löhne fielen im Schnitt um 23 Prozent.

Das erzwungene Ende der Tarifverhandlungen verstieß gegen die UN-Konvention für Arbeitsrechte, urteilte die UN-Arbeitsorganisation ILO. Doch das kümmerte die EU-Kommission wenig. Im Gegenteil: Die gleiche Radikalreform zogen ihre Beamten auch in Portugal durch. Dort stoppten sie die bis dahin übliche Ausdehnung zentral verhandelter Verträge auf alle Betriebe einer Branche. Der Erfolg war durchschlagend. Bis 2008 hatten rund 45 Prozent aller portugiesischen Beschäftigten einen Vertrag nach Tarif. Sechs Jahre später waren es gerade noch fünf Prozent.

In Rumänien überschritten die EU-Beamten sogar ihr rechtlich gebotenes Mandat, um ihre marktradikalen Vorstellungen durchzusetzen. Als sie dort ab 2009 das „Streamlining der Institutionen zur Lohnfestsetzung“ zur Bedingung für einen Notkredit machten, bedienten sie direkt die Interessen internationaler Konzerne. „Der Council of Foreign Investors und die US-Handelskammer waren am Entwurf der neuen Arbeitsgesetze beteiligt und sehr zufrieden“, berichtet die Sozialwissenschaftlerin Aurora Trif von der Dublin University, die für eine EU-finanzierte Studie die beteiligten Akteure befragte. Diese machten keinen Hehl aus ihrem Einfluss auf die Gesetzgebung, erzählt Trif.

Heraus kam so ein Arbeitsgesetz, das es den Unternehmen freistellte, Vollzeitbeschäftigte auf Teilzeit zu setzen, neue Arbeitsverträge nur noch befristet auszustellen und unbegrenzt Leiharbeiter zu beschäftigen. Gleichzeitig schaffte die marktliberale Regierung unter Ägide der EU-Kommission die nationalen Tarifverträge ab und machte die Aushandlung neuer Verträge vom Gutdünken der Arbeitgeber abhängig. Das bis dahin geltende Tarifsystem, das für 90 Prozent aller Arbeitnehmer galt, „wurde praktisch zerschlagen“, beklagt Petru Dandea, Generalsekretär des Gewerkschaftsbundes Cartel Alfa. Zudem verloren gewählte Gewerkschaftsvertreter das Recht auf Kündigungsschutz genauso wie Arbeitnehmer, die es wagen, zu streiken.

 Infolge der Brachialreform fielen die Löhne so weit, dass inzwischen 40 Prozent aller Arbeitnehmer nur noch den gesetzlichen Mindestlohn beziehen. „Wir werden bezahlt, als ob wir ein Land der Unqualifizierten seien“, empört sich Gewerkschafter Dandea.

Das nahm die damalige EU-Kommission bewusst in Kauf. Als eine Nachfolgeregierung in Bukarest 2012 ankündigte, wieder landesweit verpflichtende Tarifverträge zu ermöglichen, legten die Beamten des damals zuständigen Kommissars Olli Rehn gemeinsam mit dem IWF ihr Veto ein. „Wir mahnen die Behörden dringend, dass nationale Tarifverträge sich nicht auf Löhne beziehen und nicht der Fortschritt zunichtegemacht wird, der im Arbeitsrecht in 2011 erreicht wurde“, schrieben sie an die Regierung – unisono mit der amerikanischen Handelskammer, die einen ähnlichen Protestbrief sandte. Daraufhin gab die Regierung den Plan auf.

 Spätestens mit dieser Intervention maßten sich Rehn und seine Beamten allerdings ein Recht an, das ihnen nicht zusteht. Im Artikel 153 des EU-Vertrages heißt es ausdrücklich, dass die EU und ihre Organe „für das Arbeitsentgelt“ keinerlei Kompetenz haben. Rehn, heute Vorstand der finnischen Zentralbank, möchte zu seiner Einmischung in das Arbeitsrecht anderer Länder aber keine Auskunft mehr geben und lehnte eine Interviewanfrage ab. Auch der frühere niederländische Finanzminister Jeroen Dijsselbloem, der als Vorsitzender der Eurogruppe die Prekarisierung in Griechenland und Portugal beaufsichtigte, möchte nicht mehr dazu befragt werden.

Womöglich mit gutem Grund. Denn längst hat sich herausgestellt, dass die „Strukturreformen“ gegen die Beschäftigten keinen messbaren Erfolg für die Volkswirtschaft bringen. „Die Regulierung des Arbeitsmarktes hat keine statistisch signifikante Wirkung auf die Produktivität“, konstatierte der IWF, die weltweit führende Institution der ökonomischen Forschung, bereits im Jahresbericht 2015. Selbst die traditionell marktliberalen Ökonomen der OECD, des Clubs der Wohlstandsländer, räumten vergangenes Jahr ein: „Die Flexibilisierung der Kündigungsschutzgesetze hat im schlimmsten Fall keine oder nur begrenzte Wirkung auf das Niveau der Beschäftigung.“ Eine im Mai veröffentlichte Studie des „European Trade Union Institutes“ (ETUI), dem Thinktank der EU-Gewerkschaften, prüfte die Frage anhand von umfassenden Erhebungen aus acht Ländern, darunter Spanien, Polen und Deutschland. Diese Daten lieferten „ein ganz klares Ergebnis“, sagt Martin Myant, Chefökonom des ETUI. Es gebe „keinen empirischen Beleg“, dass „Deregulierung die Beschäftigung gesteigert oder die Arbeitslosigkeit für bestimmte Gruppen gesenkt“ habe. Die Reformen waren dagegen „begleitet von der Zunahme prekärer Beschäftigung, gerade in den Ländern, die besonders energisch dereguliert haben“, bewiesen Myant und seine Kollegen.

Sogar EZB-Präsident Mario Draghi, der einst in Spanien und Italien auf Lohnmäßigung und Schwächung der Gewerkschaften drang, plagen nun Zweifel. Denn jetzt wächst zwar die Wirtschaft, aber die Löhne wachsen nicht mit. Damit bleibt die Inflation so gering, dass Draghi und seine Kollegen es nicht wagen, die Zinsen wieder auf gewohntes Niveau zu heben. „Die Lohn- und Preissetzung in der Eurozone haben sich geändert“, erklärte Draghi Ende Juni. Zwar hätten „die Strukturreformen die Löhne flexibilisiert, aber nur nach unten und nicht nach oben“, beklagte er.

 Dieser Mechanismus birgt ein enormes Risiko: Die misslungenen Reformen haben die EU-Länder in einen Wettlauf nach unten für Löhne und Arbeitsbedingungen verstrickt. Die nächste Runde startet jetzt in Frankreich. Noch sind dort weniger Menschen in unsicheren und schlecht bezahlten Jobs gefangen als in anderen EU-Ländern. Das sehen Frankreichs Arbeitgeber als Nachteil und drängen auf „Dezentralisierung“ der Lohnverhandlungen und flexible Arbeitsverträge. Präsident Emmanuel Macron liefert nun genau eine solche „pro-business“-Reform, wie die „Financial Times“ schrieb.

Zwar „gibt es praktisch keinen Beleg dafür, dass die Liberalisierung des Arbeitsmarktes in Frankreich die Beschäftigung erhöhen wird“, warnte der Harvard-Ökonom Dani Rodrik. Aber das kümmert Macron und seine Berater nicht. Künftig sollen Arbeitnehmer und Manager direkt auf Firmenebene verhandeln, und die bisher gesetzlich garantierte Anwendung nationaler Tarifverträge wird aufgehoben, beschloss die Regierung. „Wir geben Arbeitnehmern und Arbeitgebern die Freiheit, sich selbst zu organisieren“, erklärte im Gespräch mit Investigate Europe der leitende Direktor des Arbeitsministeriums und Macrons Chefarchitekt für die Reform, der nicht namentlich genannt werden möchte. Dass es dabei um Senkung der Lohnkosten gehe, bestreitet Macrons Technokrat, obwohl genau das in Spanien oder Portugal die Folge solcher Reformen war.

 Gleichzeitig öffnet die Macron-Regierung einen weiteren Weg ins Prekariat: Künftig können Arbeitnehmer auch für ein „projet des chantiers“ angeheuert werden, formal unbefristet, aber begrenzt für ein Projekt, und damit leicht kündbar.

So treibt Frankreich die Prekarisierung weiter voran, obwohl das Gegenteil nötig wäre. Wolle man der wachsenden Ungleichheit begegnen, bedürfe es der „Re-Regulierung“ des Arbeitsrechts, „um die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer wieder zu stärken“, fordert etwa Gustav Horn, Chef des gewerkschaftsnahen deutschen Instituts für Makroökonomie (IMK). „Prekäre Jobs dürfen nicht die Norm werden“, meint auch Marianne Thyssen, Brüssels Kommissarin für Beschäftigung und Soziales, die mit der früheren Deregulierungspolitik ihrer Behörde nichts mehr zu tun haben will.

Ein Instrument wäre zum Beispiel, bei befristeten Verträgen die Arbeitgeberbeiträge zu den Sozialkassen stark anzuheben. Schließlich müssen die Betroffenen weit häufiger Arbeitslosengeld beziehen. Darum wäre es nur folgerichtig, dass die Unternehmen die Kosten dafür selbst bezahlen, wenn sie Arbeitskräfte „flexibel“ anstellen wollen. „Wir wollen keine Trittbrettfahrer in den Sozialsystemen,“ kritisiert Kommissarin Thyssen.

 Das wäre jedoch nur ein erster Schritt. Nötig sei zudem eine Reform am Prinzip des Arbeitsrechts, fordert Claudio Treves, Generalsekretär für die freien Berufe beim italienischen Gewerkschaftsbund CGIL. Anstatt die vielen verschiedenen Vertragsformen zu reglementieren, die es in der EU gebe, gelte es „eine europäische Charta der Grundrechte für Arbeitnehmer“ zu schaffen, die jedem Beschäftigten, unabhängig vom jeweiligen Vertrag, das Recht auf Kranken- und Rentenversicherung sowie auf ein existenzsicherndes Mindesteinkommen garantiere. Diese Forderung haben in Italien bereits 1,3 Millionen Menschen unterschrieben, berichtet Treves.

Noch sind die neuen Prekarier keine politische Kraft, die so etwas durchsetzen könnte. Nur die wenigsten sind Mitglied einer Gewerkschaft. Das könnte sich bald ändern, weil die Digitalisierung die Prekarisierung eskaliert: Plattformkonzerne wie Uber, Foodora oder Amazon umgehen das Arbeitsrecht, ihre Mitarbeiter haben meist keine soziale Absicherung, keine Betriebsräte und keinen Kündigungsschutz. ...

Quote
RaLiWiWi 12.09.2017, 19:52 Uhr

Die traurige Wahrheit ist bekannt und sie ist wie der Artikel sehr gut aufzeigt, kein unabänderliches Naturgesetz sondern von Menschen gemacht, genauer auf Forderung der Kapitalbesitzer durch willfähige PolitikerInnen umgesetzt und medial durch einen Großteil der Presse dem Volk als alternativlos verkauft.
Und viele PolitikerInnen und JournalistInnen geben vor sich zu  wundern, dass allmählich Unruhe bei den Menschen in Europa aufkommt und die Skepsis gegen jene Parteien und Strukturen wächst die diese gezielte und sukzessive Verelendung von zig Millionen Menschen zu verantworten hat.


Quote
2010ff 12.09.2017, 19:23 Uhr

    Die Prekarisierung wurde absichtlich herbeigeführt.

Das ist der Schlüsselsatz !

... Umgesetzt dann von gewissenlosen Politikern wie Thatcher, Reagan in Deutschland von Kohl, Schröder/Fischer, fröhlich fortgesetzt von Merkel/Steinmeier, Merkel/Steinbrück, Merkel/Westerwelle/Seehofer, Merkel/Gabriel.
Seit dem Mauerfall wurde der Faktor Arbeit - vor allem für die untere Hälfte der abhängig Beschäftigten - mit Vorsatz, Planung und präziser Umsetzung entwertet - Jahr für Jahr.
Soziale Marktwirtschaft - das alte Modell - wurde Stück für Stück abgebaut, der Sozial- und Wohlfahrtsstaat umgewandelt in einen Suppenküchenstaat. Soziale Marktwirtschaft ebenfalls zurück entwickelt in einen Feudalkapitalismus, immmer mehr in Richtung Oligarchie.
Die Prekarisierung geschieht auf offener Bühne. Auch die Folgen für die Betroffenen wie für die Gesamtgesellschaft sind für jeden erkennbar.
Und dennoch finden sich genug Lemminge in diesem Land, die ignorieren, wie sich das Land immer mehr spaltet in reich gegen arm. Sie lesen es seit mehr als 10 Jahren - Tag für Tag - und tun: nichts.
Es finden sich genug Lemminge, die fröhlich den Weg nach vorne gehen - den anderen hinterher.
Und die Grundmelodie für die Lemminge lautet: Deutschland geht es gut.


...


Aus: "Arbeitsmarkt: Europas neue Reservearmee" Harald Schumann und Elisa Simantke (12.09.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/arbeitsmarkt-europas-neue-reservearmee/20301470-all.html

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« Reply #655 on: September 27, 2017, 09:59:55 vorm. »
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[...] Padrone“ nennt Soleyman, 22, seinen Boss, dessen Namen er nicht kennt. Der Boss ist ein italienischer Bauer, der Soleyman früh morgens um vier Uhr aus dem Schlaf reißt, manchmal noch früher. Anrufe dieser Art bedeuten: Es gibt Arbeit! Im Innenhof einer stillgelegten Milchfabrik erwachen die Männer auf ihren Matratzen. Mit Fahrrädern und Mopeds schwärmen sie in alle Richtungen aus. Sie schnallen Literflaschen auf die Gepäckträger und stülpen sich Handschuhe über die rauen Hände. Zwei Dinge haben die Männer hier gemeinsam. Erstens: Sie stammen aus dem Senegal und sind auf Schlepperbooten nach Europa geflüchtet. Zweitens: Sie erledigen einen Job, den in Italien längst niemand mehr machen möchte. Sie ernten Tomaten.

Trotz steigender Automatisierung und dem Einsatz von Maschinen auf den Feldern ist die italienische Landwirtschaft auf ausländische Erntearbeiter angewiesen. Um dem Druck der Handelsketten und dem Lohndumping aus China standzuhalten, greifen Landwirte auf billige Saisonarbeiter zurück. Neben Afrikanern, die über die Mittelmeerroute nach Europa geflüchtet sind, auch auf Bulgaren und Rumänen. Die italienische Bauernvereinigung Coldiretti schätzt, dass allein in Süditalien 120.000 Migranten und Flüchtlinge arbeiten. Von einer vielfach höheren Dunkelziffer geht die italienische Gewerkschaft Flai-CGIL aus. Denn alleine in Foggia, wo Soleyman in der alten Fabrik lebt, sollen es laut CGIL 50.000 Menschen sein. In Süditalien arbeiten die Saisonarbeiter für einen Stundenlohn, der zwischen drei und vier Euro liegt, leben in Ghettos am Rande der Städte, umgeben von Feldern, auf denen sie in glühender Hitze Tomaten, Oliven, Peperoni, Melonen und Orangen ernten. Man nennt sie die neuen Sklaven Europas.

Im August, zur Hochsaison der Tomatenernte, pilgern viele von ihnen in die Provinz Foggia im Südosten Italiens. Hier, in der Region Apulien, sind die größten Tomatenplantagen des Landes zu finden. Rund zwei Millionen Tonnen Tomaten werden in Foggia jedes Jahr geerntet. Der Großteil landet auf dem europäischen Markt. Die wichtigsten Abnehmer sind Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Bei den Endprodukten handelt es sich um Konserventomaten. Laut dem italienischen Statistikamt Istat stammen die meisten Tomaten für die industrielle Verarbeitung aus Apulien. Sie landen auf Tiefkühlpizzen oder im Dosenthunfisch.

Landesweit bringt das Exporterlöse in Milliardenhöhe ein. Doch nicht alle verdienen mit am „roten Gold Apuliens“. Nur 3,50 Euro bekommt ein Erntehelfer in Foggia für das Befüllen einer Kiste, die 300 Kilogramm fasst. Das italienische Mindestgehalt für diese Form der Arbeit liegt bei 7,50 Euro pro Stunde. Das Kisten-System ist zwar illegal, aber rentabel. Die Männer arbeiten schnell, legen wenige Pausen ein und trinken nur unregelmäßig Wasser. Im August stiegen die Temperaturen in Foggia auf bis zu 45 Grad. Wer die Mittagshitze in der Region gespürt hat, der weiß, wie gefährlich es sein kann, über Stunden auf freiem Feld zu stehen.

Die Tomaten werden nicht einzeln gepflückt, sondern als Stauden aus der Erde gerissen. Dann schütteln die Arbeiter sie in kleine Körbe aus, die in regelmäßigen Abständen in die 300-Kilogramm-Kiste entleert werden. Die Kiste ist so groß, dass Gabelstapler sie auf die Trucks laden müssen, die auf Feldwegen direkt zum Acker fahren. Ist der Truck voll, werden die Arbeiter zu einem neuen Feld gebracht.

Auf den dreckigen Matratzen in den Ghettos rund um die Stadt ruhen sich junge Männer aus Nigeria, Gambia, Senegal oder Ghana aus, die erzählen, dass sie unter diesen Bedingungen zehn Plastikkisten am Tag gefüllt haben. Das sind 3.000 Kilogramm Tomaten. Am Ende des Tages bekommen die wenigsten ihr Geld bar auf die Hand. Die Männer beklagen, dass ihre „Padroni“ sie über Wochen nicht bezahlt haben. Wer keine Papiere hat oder wessen Aufenthaltsstatus unklar ist, der ist erpressbar.

Dazu kommt die strenge Hierarchie im Ghetto, der sich die Arbeiter fügen müssen. Die Sozial- und Kulturanthropologin Elettra Griesi von der Universität Innsbruck, die über Erntehelfer in Apulien forscht, spricht von einer „Ausbeutungspyramide“. Ganz oben stehen die Supermarktketten und Großhändler, dann kommen die Landwirte, ganz unten sind die Erntehelfer. Dazwischen stehen die sogenannten „Caporali“, Mittelsmänner aus den migrantischen Gemeinschaften, die den italienischen Bauern billige Arbeitskräfte beschaffen. Sie alle sind voneinander abhängig und möchten sich Eigengewinne sichern. Ganz unten bleibt nicht mehr viel übrig. „Es sind die ausländischen Erntearbeiter, die bei diesem wirtschaftlichen Prozess alles zu verlieren haben“, sagt Griesi. „Sie sind von der Ausbeutung und Exklusion am stärksten betroffen.“

Daraus hat sich ein Geschäftsmodell entwickelt. Früher standen die Caporali selbst auf den Feldern, jetzt haben sich viele hochgearbeitet und verdienen am System mit: 50 Cent für jede geerntete Kiste und fünf Euro pro Arbeiter für die Fahrt auf die Felder. Die „Capos“ sind die „Kings of Slaves“, die „Big Bosses“ im Ghetto. Sie koordinieren nicht nur den Arbeitsmarkt, sondern auch den Drogenhandel, die Prostitution und die Shops und Bars im Lager. „Ohne Capos keine Arbeit“, sagt Jurist und Flai-CGIL-Gewerkschafter Raffaele Falcone.

Falcone, 28, lenkt seinen Wagen über eine holprige, unbefestigte Straße. Das Zentrum der Stadt Foggia, wo sein Büro liegt, hat er längst hinter sich gelassen. Zehn Kilometer außerhalb, mitten in der Peripherie, dort, wo selbst der Kartendienst auf dem Smartphone keine Straßen mehr anzeigt, beginnt die Produktionskette der italienischen Tomaten. Hier draußen begegnet man nur zwei Sorten von Autos: Riesigen Trucks, die bis zu vier Reihen Plastikkisten voller Gemüse geladen haben. Und weißen, klapprigen Minivans, in die sich zehn oder mehr schwarze Männer gezwängt haben. Autos fahren im Ghetto nur die Caporali. Am Horizont, wo die Hitze am Asphalt flimmert, erscheint etwas, das auf dem ersten Blick wie das Gelände eines Festivals aussieht. Bald sind Laternen, dann kleine quadratische Container, dann schiefe Holzhütten erkennbar. Was früher ein Militärflughafen war, ist jetzt Wohnort der Erntearbeiter, weit weg von der Stadt, wo sie niemand sieht. Mit 2.000 Bewohnern, darunter 150 Frauen, ist Borgo Mezzanone das größte von rund acht Ghettos rund um Foggia. Während die Männer auf den Feldern arbeiten, verkaufen viele der Frauen ihren Körper. Sie sitzen auf Plastikstühlen entlang der Schnellstraßen von Foggia. Zehn Euro zahlen die Arbeiter am Abend in den Bars und Discos des Ghettos für Sex mit diesen Frauen.

Die Arbeiter leben in alten Wohnwagen und Holzverschlägen, die sie sich aus Karton, Pressspanplatten und Plastikplanen zimmern. Wer schon länger hier ist, hat Platz in einem der Ein-Raum-Container gefunden, die aus der Zeit des Militärflughafens stammen und in denen je bis zu zehn Männer schlafen. Als „hoch militarisiert“ beschreibt Gewerkschafter Falcone die Hierarchie im Ghetto. In den Containern, wie sie einst die italienische Armee nutzte, leben heute billige Rekruten für die Felder.

Auch Soleyman, der junge Senegalese, arbeitet unter diesen Bedingungen. Der Unterschied: Er fährt mit dem Rad zu den Feldern oder wird direkt von seinem „Padrone“ abgeholt. Gemeinsam mit 200 Männern hat er sich in der alten Fabrik niedergelassen, um möglichst unabhängig zu sein. Der erste Schritt, um sich von einem Caporali zu lösen, ist ein Fahrrad. So sparen sich die Männer die Pauschale für den Transport, immerhin fünf Euro am Tag. In den hohen Räumen der Fabrik, in denen der Verputz von den Wänden blättert, reparieren sie die Schläuche ihrer Mountainbikes, um sie für den nächsten Tag einsatzfähig zu machen. Ein Fahrrad oder ein Moped bedeutet in Foggia ein Stück Freiheit vom Caporali. Doch vor der Ausbeutung schützen sie nicht.

Gewerkschafter Falcone sitzt auf einer Couch in der Fabrik, nippt an einem Schwarztee mit Zucker und überfliegt Listen, in denen die Männer ihr Tagespensum eintragen. Dort steht vermerkt, dass die Arbeiter Sieben-Tage-Wochen hinter sich haben, in denen sie bis zu 17 Kisten füllten. Viele von ihnen sprechen Deutsch und sagen „weißte“, weil sie etwa zwei Jahre in München oder Frankfurt gelebt haben. Sie haben die Flucht über das Mittelmeer überlebt, in Aufnahmezentren auf Lampedusa und Sizilien festgesessen, haben es nach Deutschland geschafft und werden jetzt, zurück in Italien, als menschliche Erntemaschinen benutzt. ...


Aus: "Sie schürfen rotes Gold" Franziska Tschinderle (06:00 26.09.2017, Ausgabe 35/2017)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/sie-schuerfen-rotes-gold

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« Reply #656 on: September 28, 2017, 09:30:05 vorm. »
Quote
[...] Ein Jahrzehnt nach dem Beginn der weltweiten Finanzkrise ist die Welt so reich wie nie zuvor. Durch den stetigen Aufschwung in den Industrieländern und den Boom an den Börsen stieg das globale Geldvermögen im vergangenen Jahr um gut sieben Prozent auf rund 169,2 Billionen Euro, wie aus dem aktuellen „Global Wealth Report“ hervorgeht, den der Versicherungskonzern Allianz am Mittwoch vorgestellt hat.

Die Autoren des Reports haben die Vermögens- und Schuldenlage privater Haushalte in 53 Staaten untersucht. Bei ihrer Berechnung berücksichtigten sie Bankeinlagen, Wertpapiere, Versicherungen und Pensionsfonds, nicht aber Immobilien. Der Großteil des Zuwachses ging demnach auf Wertveränderungen bei Aktien und Anleihen zurück. Mit den Vermögen wuchsen allerdings auch die Schulden der privaten Haushalte – und zwar um 5,5 Prozent, so stark wie zuletzt im Jahr 2007, als die Finanzkrise ihren Anfang nahm. Netto, also abzüglich der Schulden, stiegen die Geldvermögen somit um 7,6 Prozent auf 128,5 Billionen Euro. Was ebenfalls ein Rekordhoch sei.

Nach Abzug der Schulden liegen die US-Amerikaner vorne mit netto 177 210 Euro. Gefolgt von Schweizern (175 720 Euro) und Japanern (96 890 Euro). Wer am stärksten aufholt, ist Asien. Schließt man Japan aus, wuchsen die Vermögen der Asiaten 2016 um durchschnittlich 15 Prozent – so schnell wie nirgendwo sonst. Die beiden anderen aufstrebenden Regionen sind laut dem Report Lateinamerika und Osteuropa.

Deutschland liegt beim Durchschnittsvermögen pro Kopf mit knapp 50 000 Euro lediglich auf Rang 18 – hinter europäischen Nachbarländern wie Dänemark, Belgien, Österreich und Frankreich. Deutsche Sparer seien nämlich sehr risikoscheu und würden ihr Geld lieber zur Bank bringen, anstatt es am Kapitalmarkt zu investieren. Deshalb profitierten sie, anders als etwa die US-Amerikaner, auch nicht so sehr von der guten Entwicklung an den Weltbörsen. „Während die amerikanischen Haushalte also ihr Geld für sich arbeiten lassen“, schreiben die Autoren, „ist es in Europa und vor allem in Deutschland umgekehrt: Vermögenswachstum wird durch eigene Sparleistungen hart erarbeitet.“ Die deutschen Sparer machten aus ihrer „hervorragenden Startposition“ zu wenig.

Die Entwicklung der Vermögensverteilung werde laut den Allianz-Autoren vor allem durch ein Phänomen bestimmt: „durch das stürmische Wachstum der globalen Vermögensmittelklasse“. Seit dem Jahr 2000 habe sich die Zahl der Mitglieder um rund 450 Millionen auf über eine Milliarde Menschen mehr als verdoppelt. Die überwiegende Mehrheit stamme aus der Vermögensunterklasse. Eine große Gruppe von Menschen, die zuvor so gut wie keine Ersparnisse hatte, könne also zunehmend Geldsummen anhäufen. Zur Mittelklasse zählt die Studie Menschen mit einem Vermögen zwischen 7700 und 45 900 Euro. Vier von fünf Aufsteigern waren Chinesen.

In den Industrieländern hingegen hätten sich Globalisierung, Strukturwandel und Finanzkrise umgekehrt ausgewirkt: Etwa 60 Millionen Menschen, die jetzt zur Mittelklasse zählten, seien aus der Oberklasse abgestiegen. Davon betroffen seien vor allem USA und Japan, aber auch europäische Krisenländer wie Italien und Griechenland. Die Welt sei letztlich noch immer weit von einer „gerechten“ Verteilung entfernt. Die reichsten zehn Prozent der Welt würden 79 Prozent der Netto-Geldvermögen unter sich verteilen. Im Jahr 2000 lag diese Konzentration allerdings bei 91 Prozent.


Aus: "Weltweites Vermögen: So reich wie noch nie" Marie Rövekamp (27.09.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/weltweites-vermoegen-so-reich-wie-noch-nie/20387458.html

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« Reply #657 on: Oktober 10, 2017, 09:32:39 vorm. »
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[...] Die „Deutsche Wohnen“ hat es geschafft: Sie ist in Europa in den Top5 der größten börsennotierten Immobiliengesellschaften. In Deutschland ist nur noch die „Vonovia“ größer. In Berlin nicht, wo der Forscher Heinz Bontrup in einer Studie im Auftrag der Linken-Fraktion der Deutschen Wohnen eine „marktmächtige Stellung“ bescheinigt – mit mehr als 110.000 Wohnungen in der Stadt.

Profitieren kann der Konzern vor allem vom Wohnungsmangel und den deshalb steigenden Mieten. Seit 2009 stiegen die Mieten in den sieben größten deutschen Städten um 40 Prozent im Durchschnitt. In derselben Zeit sanken die Zinsen für Immobilien-Kredite um mehrere Prozentpunkte. Der Zinssturz ist für die „Deutsche Wohnen“ von existenzieller Bedeutung. Denn sie war Anfang 2016 mit fast vier Milliarden Euro verschuldet. Aber beides spielt Immobilien-Investoren in die Hände.

Zumal die Konzerne außerdem noch von Steuergeschenken profitieren. Statt wie jeder andere am Markt ein Haus oder eine Wohnung zu verkaufen (Asset Deals) mit der Pflicht dann Grunderwerbsteuer zu zahlen, stecken die Verkäufer die Immobilien in eine Firma – und verkaufen 95 Prozent der Anteile (Shares) an die Käufer. Grunderwerbsteuer wird dann nicht fällig. Beabsichtigt hatte der Gesetzgeber das so nicht. Der Bund wollte mit dieser Regelung Betriebe entlasten im Falle eines Eigentümerwechsels und durch den Verzicht auf Steuern deren Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit schonen. Nun fördert sie mit der „Deutsche Wohnen“ einen Konzern, in dem es nicht mal die gesetzliche betriebliche Mitbestimmung gibt.

In Berlin geriet die „Deutsche Wohnen“ wiederholt durch Attacken auf den Mietspiegel in Verruf. Zumal Mieter dabei auch vor Gericht gezerrt wurden, um überhöhte Mietforderungen durchzusetzen. Meist hielt der Mietspiegel dem Urteil der Richter stand. Dennoch bereiten Senat und die Arbeitsgruppe Mietspiegel eine grundlegende Überarbeitung des Instruments zum Vergleich und zur Anhebung der Mieten vor. Dazu soll auch die Einstufung der Wohnlagen geändert werden. Diese hatte „Deutsche-Wohnen“-Chef Michael Zahn vor einigen Monaten im Abgeordnetenhaus stark attackiert. Das machte offensichtlich Eindruck.

Bedienen muss die „Deutsche Wohnen“ ihre Aktionäre: mit Renditen. Dazu muss sie Gewinn machen. Im vergangenen Jahr waren es 1,6 Milliarden Euro, zehn Mal mehr als vier Jahre zuvor. Weit mehr als die Hälfte des Gewinns schüttet die „Deutsche Wohnen“ an ihre Aktionäre aus. Das ist „eindeutig zu viel“, sagt der Forscher Bontrup. Denn die „überzogene Ausschüttungspolitik lässt sich nur unter einer aggressiven Mietpreissteigerungspolitik bei gleichzeitig geringer Instandhaltung der Wohnungsbestände“ durchsetzen. Einfach ausgedrückt: Die Mieter müssen immer mehr bezahlen für Wohnungen in eher schlechtem Zustand – bis die abgerockten Immobilien grundlegend saniert werden, was wiederum erhebliche Mieterhöhungen ermöglicht.

Zahn bestreitet das alles: „Wir handeln nicht aus Renditegier“, sagte er bei einer Anhörung im Abgeordnetenhaus. Die Firma müsse aber die vernachlässigten Miethäuser etwa von der gekauften, einst landeseigenen GSW sanieren. Und dabei, das räumte Zahn ein, seien Fehler geschehen. Dass Mieter etwa ohne Heizung dastanden, erklärte er auch damit, dass die Anlagen gar nicht der „Deutsche Wohnen“ gehörten –, sondern einem Dienstleister. „Contracting“ nennt sich dieses Modell, das während der ersten Privatisierungswelle von Wohnungsbeständen gerne eingesetzt wurde, als die Finanzinvestoren noch „Heuschrecken“ genannt wurden. Solche Contracting-Verträge laufen häufig über viele Jahre.

Aber Zahn nennt es einen „Fehler“, dass die „Deutsche Wohnen“ bei Ausfällen von Heizungen etwa zunächst Versicherungsfragen habe klären wollen. Das werde sich nicht wiederholen. Versäumnisse bei der Mängelbeseitigung räumte er auch ein. Seit geraumer Zeit werde aber jeder einzelne Fall sogar im Vorstand diskutiert. Vertreiben wolle die Firma keinen Mieter. Und bei Sanierungen lege der Konzern „deutlich weniger“ als die zulässigen elf Prozent der Kosten auf Mieter um. Außerdem hätten 92 Prozent der Mieter den Sanierungsplänen für die ersten Blöcke der Otto-Suhr-Siedlung zugestimmt. Und auch an die Bundesgesetze halte sich der Konzern bei Mieterhöhungen, die soziale Härtefälle betreffen.

Die Einkaufstour der „Deutschen Wohnen“ ist nicht vorbei. Zuletzt hatte sie im März des laufenden Jahres rund 3900 Wohnungen und 270 Gewerbeeinheiten für 655 Millionen Euro in der Stadt gekauft: „Hochwertige Altbau-Gebäude in zentralen Lagen von Berlin, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut wurden“, hieß es damals. Die durchschnittliche Miete betrage 6,92 Euro je Quadratmeter. Ein „weiteres Potenzial zur Optimierung“ liege in den knapp sieben Prozent leer stehende Wohnungen aus dem neu gekauften Bestand.

Da stellt sich die Frage, ob auch die vermieteten Wohnungen anhand des Mietspiegels auf Spielräume zur „Optimierung“ untersucht werden.


Quote
Krokofant 09.10.2017, 09:50 Uhr
All die, die da mit den Mietwohnungen der kleinen Leute, also mit den existenziellen Grundbedürfnissen, Kohle verdienen, sind die, die für die weltweite Spaltung der Gesellschaften verantwortlich sind. ...


Quote
Anstand 09.10.2017, 10:13 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Krokofant 09.10.2017, 09:50 Uhr

... All Die, tragen dafür sorge, dass es überhaupt Wohnungen zu mieten gibt. All Die, die Brot backen, Getreide und Gemüse anbauen und dies nicht aus Gutmenschlichkeit, sondern um damit "Kohle" zu machen.


...


Aus: ""Deutsche Wohnen" in Berlin: 110.000 Wohnungen, 110.000 Renditeobjekte" Ralf Schönball, Redakteur (09.10.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/berlin/deutsche-wohnen-in-berlin-110-000-wohnungen-110-000-renditeobjekte/20425844.html

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« Reply #658 on: Oktober 10, 2017, 09:35:03 vorm. »
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[...] In wenigen Stunden soll es so weit sein: Läuft alles nach Plan, wird Ex-Kanzler Gerhard Schröder in den Aufsichtsrat des russischen Energieriesen Rosneft gewählt. Das Gehalt soll sich im sechsstelligen Bereich bewegen. Es ist nicht der erste Job des Altkanzlers in der Privatwirtschaft. Erneut entzündet sich daran Kritik - schließlich erhält Schröder daneben noch Geld aus der Staatskasse. Zum Beispiel für ein Büro in Berlin.

561.000 Euro waren es in diesem Jahr allein für die Bezahlung der Mitarbeiter im Berliner Büro. Das geht aus einer Antwort des Bundeskanzleramts auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor. Als Altkanzler hat Schröder, wie auch frühere Bundespräsidenten, einen Anspruch auf ein Büro.

Zudem erhält Schröder ein Ruhegehalt, das alleine für seine sieben Amtsjahre als Kanzler (1998 bis 2005) laut Gesetz rund 35 Prozent des Gehalts der derzeitigen Regierungschefin Angela Merkel (CDU) beträgt. Das sind damit 6446 Euro im Monat. Hinzu kommen Bezüge für seine Zeit in der niedersächsischen Landesregierung und als Bundestagsabgeordneter.

Der Linken-Politiker Alexander Neu warf Schröder und anderen Ex-Politikern eine "Mentalität des Absahnens" vor. Sie missbrauchten die politischen Kontakte aus ihrer Amtszeit um an Jobs in der Wirtschaft zu kommen, sagte er. "Ganz nebenbei nutzen sie weiterhin die Privilegien ehemaliger Spitzenpolitiker, wie Büros und Mitarbeiter."

Schröder soll an diesem Freitag in den Aufsichtsrat des russischen Energieriesen Rosneft gewählt werden und eventuell auch Chef des Gremiums werden. Wieviel Geld er für den Job bekommt ist nicht genau bekannt.

Der SPD-Politiker hatte nach einem Medienbericht über die Vorstandsgehälter bei Rosneft in Höhe von sechs Millionen Euro selbst gesagt, er bekomme weniger als ein Zehntel - also 600.000 Euro - davon. Die Europäische Union hat den Staatskonzern Rosneft wegen Russlands Rolle im Ukraine-Konflikt 2014 mit Sanktionen belegt.

Kurz nach seiner Abwahl als Kanzler 2005 war der heute 73-jährige Schröder bereits beim Betreiber der Gas-Pipeline Nord Stream von Russland nach Deutschland eingestiegen. Er wurde Vorsitzender des Aktionärsausschusses eines Konsortiums, an dem der russische Staatskonzern Gazprom die Mehrheit hält. Im vergangenen Jahr wurde er zudem Chef des Verwaltungsrats der Gazprom-Tochter Nord Stream 2.

mho/dpa


Aus: " Berlin: Schröder erhält mehr als halbe Million Euro für Altkanzler-Büro" (29.09.2017)
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gerhard-schroeder-altkanzler-erhaelt-561-000-euro-fuer-buero-aus-staatskasse-a-1170471.html

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« Reply #659 on: Oktober 10, 2017, 02:53:43 nachm. »
Quote
[...] Düsseldorf - Die Immobiliengesellschaft Signa Prime des österreichischen Investors und Karstadt-Eigners Rene Benko hat sich frisches Kapital beschafft. Signa Prime habe Anfang Oktober eine Erhöhung des Aktionärskapitals um eine Milliarde Euro vorgenommen, teilte Signa am Montag mit. Das gesamte Eigenkapital summiere sich damit auf über vier Milliarden Euro. „Dieser Schritt ermöglicht, die Marktposition von Signa Prime unter den führenden europäischen Immobilienunternehmen auszubauen“, erklärte Signa-Prime-Chef Christoph Stadlhuber.
Insider hatten Reuters im September gesagt, Signa erwäge eine neue Offerte für Kaufhof. Die Warenhauskette gehört dem nordamerikanischen Handelsriesen Hudson's Bay. Dieser hatte indes immer wieder betont, sich nicht von Kaufhof trennen zu wollen.

...


Aus: "Signa Prime: Kaufhof-Interessent erhöht Eigenkapital" (09.10.2017)
Quelle: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/signa-prime-kaufhof-interessent-erhoeht-eigenkapital-/v_detail_tab_comments/20431302.html

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Quote
[...] Weil das Unternehmen auch dieses Jahr nicht mit einem Gewinn rechnet, sollen die Mitarbeiter deutliche Einschnitte akzeptieren. ... Der Warenhauskonzern Galeria Kaufhof will die eigenen Mitarbeiter an der Sanierung des Unternehmens finanziell beteiligen. Angesichts anhaltender Verluste hat Kaufhof-Chef Wolfgang Link die Gewerkschaft Verdi aufgefordert, über den Abschluss eines Sanierungstarifvertrags zu verhandeln. Die Mitarbeiter müssten dabei deutliche Einschnitte akzeptieren. ...

„Wir brauchen eine wirtschaftliche Atempause“, begründet Link im Interview mit dem Handelsblatt den Vorstoß. „Uns ist klar, dass ein neuer Tarifvertrag für die Mitarbeiter Einschnitte bringt. Aber wir haben keine andere Wahl“, ergänzt er. Wie der Kaufhof-Chef dem Handelsblatt bestätigte, ist die Lage des Unternehmens prekär. Schon im vergangenen Jahr habe Kaufhof einen „deutlichen Verlust“ gemacht. „Und wir erwarten auch für 2017 ähnliche Ergebnisse.“ Auch der Umsatz liege in diesem Jahr erneut unter dem des Vorjahres.

... Im Gegensatz zu Karstadt und vielen anderen Konkurrenten zahlt Kaufhof bisher noch nach dem Flächentarifvertrag. Dies bedeutet deutlich höhere Personalkosten. Link bezifferte diesen Kostennachteil auf über zehn Prozent. „Das hat über die Jahre zu einer deutlichen Wettbewerbsverzerrung geführt“, so Link.

Während Kaufhof nicht ganz aus der Tarifpartnerschaft aussteigen, sondern nur einen eigenen Tarifvertrag aushandeln will, hatte Karstadt bereits 2013 komplett die Tarifbindung beendet und jahrelang so gut wie keine Gehaltserhöhungen mehr gezahlt. Erst im März dieses Jahres hatte sich Karstadt mit Verdi nach zähen Verhandlungen auf eine schrittweise Rückkehr in den Flächentarif bis zum Jahr 2021 geeinigt. Nach Berechnungen der Gewerkschaft sind die Gehälter dadurch schon um fast zehn Prozent unter den Branchentarif des Einzelhandels gesunken.


Aus: "Ausstieg aus Flächentarif: Kaufhof-Mitarbeiter sollen für Sanierung zahlen" Florian Kolf (10.10.2017)
Quelle: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/ausstieg-aus-flaechentarif-kaufhof-mitarbeiter-sollen-fuer-sanierung-zahlen/20435506.html

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Quote
[...] Ausschlaggebend für die finanziellen Schwierigkeiten Kaufhofs sind Insidern zufolge nicht nur die schwierigen Marktbedingungen, sondern auch Mieterhöhungen, die HBC Kaufhof unmittelbar vor Vertragsabschluss aufbürdete. Dadurch steigerte HBC den Wert der Immobilien und erhielt von den Banken einen höheren Kredit für ihren Kauf. Der Mehrerlös zugunsten von HBC beläuft sich auf etwa 40 Millionen Euro jährlich. Da der Mietvertrag über 20 Jahre läuft, bedeutet dies für Galeria Kaufhof hochgerechnet eine Mehrbelastung von 800 Millionen Euro. ...

Zudem haftet HBC zwar gemäß Ergebnisabführungsvertrag für die jährlich auftretenden Verluste von Kaufhof, ist bisher aber nicht dafür aufgekommen. Rechnet man zusätzlich die Aufwendungen für kurzfristige Darlehen hinzu, die Kaufhof HBC gewährt hat, belaufen sich die ausstehenden Forderungen Kaufhofs an den Mutterkonzern auf mehr als 300 Millionen Euro.

Das kanadische Einzelhandelsunternehmen mit weltweit insgesamt 480 Geschäften und 66 000 Mitarbeitern steckt selbst in finanziellen Schwierigkeiten. Die Schulden sind hoch, der Aktienkurs ist stark gefallen, und auch die Kaufhäuser in Nordamerika stecken in der Krise. Von HBC ist Insidern zufolge kein Geld zu erwarten. Vielmehr ist es so, dass HBC Kaufhof Geld entzieht und von den Kaufhof-Mitarbeitern Opfer verlangt, die die Gewerkschaft Verdi ihnen mit ihrem Votum für die Kanadier von zwei Jahren eigentlich ersparen wollte.


Aus: "Sanierungstarifvertrag: Kaufhof will Mitarbeitern das Gehalt kürzen" (10. Oktober 2017)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/sanierungstarifvertrag-kaufhof-will-mitarbeitern-das-gehalt-kuerzen-1.3701982

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Quote
[...]  Insgesamt hat der Flächentarifvertrag seit geraumer Zeit an Bindekraft verloren. Etliche Unternehmen haben dem Flächentarif schon den Rücken gekehrt, darunter Unternehmen wie Real oder Globus. Einer früheren Studie des Ifo-Instituts zufolge dürfte rund ein Drittel der Betriebe im Einzelhandel tarifgebunden sein. Als ein wesentlicher Grund werden immer wieder die veralteten Lohnstrukturen im Tarifvertrag genannt. ...


Aus: "Sanierung : Kaufhof-Mitarbeiter sollen auf Gehalt verzichten" Brigitte Koch, Düsseldorf (10.10.2017)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/sanierungstarifvertrag-kaufhof-will-mitarbeitern-das-gehalt-kuerzen-1.3701982

« Last Edit: Oktober 18, 2017, 04:51:12 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #660 on: Oktober 12, 2017, 10:43:41 vorm. »
Quote
[...] Seit dem Triumph Donald Trumps bei den US-Präsidentschaftswahlen und dem Pro-Brexit-Votum der Briten interessieren sich die internationalen Wirtschaftsinstitutionen plötzlich immens für Globalisierungsverlierer. Um Protektionismus und Nationalismus zu bremsen, müssen die abgehängten Mitglieder der Gesellschaft wieder Anschluss finden, fordert der Internationale Währungsfonds (IWF) regelmäßig. Das Problem ist, dass es bisher wenig konkrete Vorschläge dazu gab, wie das geschehen soll. Der Erforschung sozialpolitischer Fragen widmete die Organisation lange Zeit wenig Aufmerksamkeit. Doch das ändert sich. Am Mittwoch hat der IWF im Zuge seiner Jahrestagung in Washington eine umfangreiche Studie zu Ungleichheit vorgestellt. Der Tenor des Papiers ist aus Sicht der Fonds ungewöhnlich: Denn die Experten deuten an, dass der internationale Steuerwettbewerb zwischen Ländern zu weit gegangen sein könnte. Wenn Staaten die wachsende soziale Kluft bekämpfen wollen, sollten sie an Steuerschrauben drehen.

In ihrer Analyse ("Tackling Inequality") ziehen die Ökonomen des Währungsfonds eine gemischte Bilanz. Die Ungleichheit bei den Einkommen zwischen einzelnen Ländern ist in den vergangenen 30 Jahren stark zurückgegangen. Das liege daran, dass in aufstrebenden Volkswirtschaften wie China und Indien die Mittelschicht rasant gewachsen ist. Zugleich ist die Einkommensungleichheit weltweit innerhalb jedes zweiten Landes aber gestiegen. Ein Grund dürfte sein, dass besser ausgebildete und spezialisierte Arbeitnehmer heute begehrter sind. Sie profitieren von Lohnsteigerungen stärker als ungelernte Arbeitskräfte. Laut Währungsfonds haben staatliche Transferleistungen zwischen 1985 und 1995 den größten Teil der wachsenden Kluft bei den Markteinkommen ausgeglichen. Doch später war das nicht mehr der Fall, weshalb die verfügbaren Einkommen auseinanderdriften.

Um die Entwicklung zu stoppen, wären höhere Spitzensteuersätze bei Personeneinkommen eine sinnvolle Option, so der Fonds. Damit ließe sich die Kluft reduzieren, weil oben etwas weniger ankommen würde, während unten etwas mehr verteilt werden kann. In den vergangenen Jahrzehnten sind die Spitzensteuersätze bei den Personeneinkommen in Industrieländern zurückgegangen, im Schnitt von 62 Prozent auf heute 35 Prozent. Als Richtwert wären 44 Prozent zu empfehlen, so der Währungsfonds. Für Österreich ergibt sich daraus kein Handlungsbedarf. Hier liegen die Spitzensteuersätze ziemlich genau bei der genannten Höhe, wenn man die Begünstigung für das 13. und 14. Monatsgehalt berücksichtigt. Aber sind höhere Steuern nicht schädlich für das Wachstum, weil sie Menschen davon abhalten mehr zu arbeiten? Nein, sagt der Währungsfonds. Er hat bei einer Auswahl von Industrieländern untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen stärkerer Progressivität im Steuersystem und Wachstum gibt. Die Ergebnisse legen nahe, dass es keinen nennenswerten Konnex gibt, heißt es.

"Inklusives Wachstum zu schaffen sollte eines der obersten Anliegen der Politik sein", sagte der Ökonom Vítor Gaspar, der die Arbeit an der Studie leitete. "Wir wollten zeigen, dass es dafür einige Optionen gibt." Die IWF-Leute analysieren weitere Ideen, wobei sie bei der Bewertung dieser Maßnahmen vorsichtiger sind. Wenn Länder die Ungleichheit bei Vermögen senken wollen, wäre es ratsamer, nicht Vermögen, sondern nur die Vermögensübertragung zu besteuern, heißt es im Report. Eine Möglichkeit dafür wäre, Erbschaftssteuer mit Freibeträgen einzuführen oder die Übertragung von Immobilien zu versteuern. Der IWF widmet sich sogar der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Das Konzept sieht vor, dass jeder Bürger nur mehr eine einzige staatliche Unterstützung erhält – aber unabhängig davon, ob jemand arbeitet oder nicht. Ein Grundeinkommen könnte in den USA und Großbritannien die Ungleichheit reduzieren, die Maßnahme wäre aber immens teuer.


Aus: "Währungsfonds ruft zu höheren Steuern für Topverdiener auf" András Szigetvari aus Washington (12.10.2017)
Quelle: https://derstandard.at/2000065833914/IWF-ruft-zu-hoeheren-Steuern-fuer-Topverdiener-auf


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« Reply #661 on: Oktober 18, 2017, 11:09:59 vorm. »
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[...] Seit Jahren kämpfen Schulen und soziale Einrichtungen an Orten wie Wismar gegen die hohe Schulabbrecherquote. In Wismar ist man heute schon froh, dass es nicht mehr so schlimm ist wie noch im letzten Jahrzehnt: 2009 gingen 21,1 Prozent der Schüler ohne Hauptschulabschluss ab, mehr als jeder fünfte. Die Quote sank danach zwar auf 14,3 Prozent im Jahr 2011, dem letzten Jahr, in dem diese Zahlen für die Stadt gesondert ermittelt wurden. Doch in Nordwest-Mecklenburg, dem Landkreis, dem Wismar seither angehört, ist die Quote mit neun Prozent noch immer die höchste in Mecklenburg-Vorpommern.

... Stine Stefan, 34, und Bernd Schindler, 50, nennen die Menschen, die sie betreuen, "Klienten". Das klingt erwachsener, geschäftsmäßiger, als diese Beziehungen tatsächlich sind. Stefan und Schindler sind Sozialpädagogen. Sie betreuen in einer Plattenbausiedlung in Wismar-Friedenshof Jugendliche, die den Schulbesuch abgebrochen haben. Für diesen Morgen hatte Stefan zwei Termine vereinbart. Beide Klienten sind nicht gekommen. Sie kennt das schon. Wenn es gut läuft, erzählt sie, sagen die Jugendlichen wenigstens noch per Whatsapp ab. "Bei unseren Leuten braucht man eine Woche vorher überhaupt keinen Termin abmachen. Es kommt manchmal vor, dass ich vier Termine am Tag habe, und keiner von denen kommt."

Die Familien, aus denen diese jungen Menschen stammen, sehen häufig so aus: alleinerziehende Elternteile, die mit ihrem Leben überfordert sind, Arbeitslosigkeit, häufig kommen Alkohol, Drogen oder psychische Krankheiten dazu. "Es sind Eltern, die nicht die Kraft aufbringen, sich mit ihren Kindern auseinanderzusetzen", sagt Stefan. "Die schaffen es nicht, ihre Kinder morgens zu wecken, sie dazu zu bewegen, aufzustehen, die Tasche zu packen und auch wirklich in die Schule zu gehen. Das ist für manche zu viel." Viele Kids ziehen schon mit 17 oder 18 aus, "weil sie es zu Hause nicht mehr aushalten", sagt Schindler.

... Die sozialen Probleme, das ist die eine Seite. Doch es gibt noch eine zweite Ursache für die nach wie vor überdurchschnittlich hohe Quote der Abbrecher. Sie liegt im ostdeutschen Schulsystem begründet.

Bis heute wird in den neuen Bundesländern sehr viel rigoroser zwischen guten und schlechten Schülern unterschieden. Der Leistungsgedanke ist stark ausgeprägt, was sich in den guten Pisa-Ergebnissen widerspiegelt, die Sachsen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern erzielen. Die Kehrseite: Wer die Ansprüche nicht erfüllt, fällt leichter hinten runter. Der ehemalige Bildungsminister Mecklenburg-Vorpommerns, Mathias Brodkorb von der SPD, gab 2015 damit an, dass man die Schulabbrecherquote "problemlos auf das westdeutsche Niveau absenken" könne, "wenn wir einfach die Leistungsanforderungen an die Schülerinnen und Schüler verringern würden". Aber, so Brodkorb, "das wäre Betrug an der Öffentlichkeit und jenen Schülerinnen und Schülern, die sich anstrengen und den Abschluss durch eigene Leistung schaffen."

Ein Ausdruck dieser Haltung ist die hohe Zahl der Förderschüler, die wiederum mehr als die Hälfte der Schulabbrecher stellen. In Ostdeutschland wurden und werden deutlich mehr Kinder auf Förderschulen geschickt als im Westen. Nirgendwo ist ihr Anteil so hoch wie in Mecklenburg-Vorpommern. 2009 waren es mehr als neun Prozent, 2015 immer noch knapp sieben Prozent aller Schüler. Der Bundesschnitt liegt bei 4,6 Prozent.

Clemens Hillenbrand, Bildungswissenschaftler von der Universität Oldenburg, sieht dies auch als Folge der Wiedervereinigung: "Nach der Wende ging die Zahl der Förderschüler enorm in die Höhe. Das hat auch mit einer großen Verunsicherung zu tun. Es wurde viel Wert auf Leistung gelegt." Diejenigen, die nicht mitkamen, landeten schneller auf Sonderschulen. "Inzwischen wird das wieder reduziert, aber die Diskrepanzen sind immer noch da."

Bei den gefährdeten Schülern, sagt Hillenbrand, entstehe "durch Cliquen oft ein richtiger Sog, der sie aus der Schule zieht". Das passiere besonders an Schulen mit großem Leistungsdruck, die zu wenig Personal haben, um sich um ihre Schüler einzeln zu kümmern.

Was hilft, ist altbekannt, aber zugleich in der Praxis schwer umzusetzen: Aufmerksamkeit, viel Zeit und Anstrengung von Lehrern und Pädagogen. "Es bringt erstaunlich viel, wenn Lehrer und Sozialpädagogen individuell auf diese Schüler eingehen, sich Zeit mit ihnen nehmen", sagt Hillenbrand. "Bei fast allen Menschen, die aus einem sehr schwierigen Umfeld kommen und trotzdem eine gute Entwicklung durchlaufen, gibt es irgendwann eine Lehrerin oder einen Lehrer, der an sie geglaubt hat, der sich mit ihnen auseinandergesetzt hat. Oft bekommen die Lehrer das selber gar nicht mehr mit, was für einen Effekt sie gehabt haben."

...



Aus: "Schule: "Einfach keine Lust"" Johannes Böhme (17. Oktober 2017)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/bildung/schule-einfach-keine-lust-1.3708607


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« Reply #662 on: Oktober 18, 2017, 04:50:55 nachm. »
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[...] Während Tausende Mitarbeiter um Ihre berufliche Zukunft bangen und rund 200.000 Kunden wegen der Pleite wertlose Tickets besitzen, ist der Air-Berlin-Chef mittels einer Gehaltsgarantie abgesichert.

Aus: "Thomas Winkelmann - Der Millionen-Deal des Air-Berlin-Chefs"  Dietmar Neuerer (18.10.2017)
Quelle: https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/thomas-winkelmann-der-millionen-deal-des-air-berlin-chefs/20471630.html

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[...] Nach der Zerschlagung von Air Berlin liegen die Nerven blank: Tausende Mitarbeiter der insolventen Fluggesellschaft verlieren ihren Job. Air-Berlin-Chef Winkelmann ließ sein eigenes Gehalt jedoch rechtzeitig absichern ...

Bei seinem Antritt als Chef der hoch verschuldeten Fluggesellschaft im Februar hatte er sich seine Bezüge unter anderem auch durch eine Bankgarantie absichern lassen. Wie aus dem im Mai vorgestellten Geschäftsbericht der Airline hervorgeht, behält Winkelmann selbst im Fall einer ordentlichen Kündigung seinen Anspruch auf das vertraglich vereinbarte Grundgehalt. Es liegt diesen Angaben zufolge bei 950.000 Euro im Jahr. Für das erste Jahr wurde zudem ein Mindestbonus von 400.000 Euro festgesetzt, der im Januar 2018 fällig wird. Winkelmanns Vertrag sollte eigentlich mindestens bis Ende Januar 2021 laufen. Abgedeckt durch eine Bankgarantie sind Gehalts- und Bonuszahlungen bis zu einer Gesamthöhe von 4,5 Millionen Euro.

Durch die Garantie der Bank ist sichergestellt, dass Winkelmann das Geld auch im Fall einer Insolvenz erhält. Air Berlin hatte sich damals - entgegen der eigenen Vergütungsrichtlinie - zu dieser Vereinbarung bereit erklärt, um den früheren Lufthansa-Manager zum Wechsel auf den schwierigen Chefposten bei der angeschlagenen Fluggesellschaft bewegen zu können.

Wenige Monate nach seinem Amtsantritt führte Winkelmann Air Berlin in die Insolvenz, die schließlich in einen Teilverkauf an seinen früheren Arbeitgeber, die Lufthansa, mündete. Auf Unverständnis stößt dieses Vorgehen auch in den Reihen der Gewerkschaften. "Wenn der Air-Berlin-Chef trotz Pleite sein Gehalt bis 2021 garantiert bekommt, ist das eine schreiende Ungerechtigkeit und trägt dazu bei, dass Menschen das Vertrauen in unser Wirtschaftssystem verlieren", sagte der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), Reiner Hoffmann, der "Bild am Sonntag".


Aus: "Millionenvorsorge für Winkelmann: Politiker kritisieren Air-Berlin-Chef" (18. Oktober 2017)
Quelle: http://www.n-tv.de/wirtschaft/Politiker-kritisieren-Air-Berlin-Chef-article20089201.html

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« Reply #663 on: Oktober 24, 2017, 09:25:16 vorm. »
Quote
[...] Das Frankfurter Amtsgericht hat eine Einstellung der Ermittlungen gegen den Chef der Deutschen Börse, Carsten Kengeter, abgelehnt. Das Unternehmen hatte beantragt, das Verfahren wegen möglichen Insiderhandels gegen eine Geldzahlung von einer halben Million Euro einzustellen. Dieser Forderung stimmte das Gericht nicht zu und übergab das Verfahren wieder an die Frankfurter Staatsanwaltschaft, wie die Deutsche Börse mitteilte.

Dem Gericht erscheine die Fortführung der Ermittlungen "angesichts der Bedeutung des Verfahrens derzeit opportun", hieß es von der Deutschen Börse. Die weitergehenden Ermittlungen könnten von einer Einstellung des Verfahrens mangels hinreichenden Tatverdachts bis hin zur Anklageerhebung führen.

Kengeter hatte im Dezember 2015 für 4,5 Millionen Euro 60.000 Aktien der Deutschen Börse gekauft, die er nicht vor Ende 2019 veräußern darf. Der Konzern legte in dem speziell auf ihn zugeschnittenen Vergütungsprogramm 69.000 weitere Anteilsscheine hinzu. Gut zwei Monate nach dem Aktiendeal machten Deutsche Börse und London Stock Exchange (LSE) ihren Fusionsplan öffentlich, was die Kurse in die Höhe trieb. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft leitete deshalb Ermittlungen wegen des Verdachts des Insiderhandels ein.


Aus: "Deutsche Börse: Gericht lehnt Einstellung der Ermittlungen gegen Börsenchef ab" (24. Oktober 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/boerse/2017-10/deutsche-boerse-gericht-ablehnung-carsten-kengeter-ermittlungen

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Quote
[...] Die Welt: Würden Sie denn auf den Eröffnungstermin für den Flughafen im Herbst 2017 wetten?

Mehdorn: Sofort. Wenn Sie wollen, eine Kiste Dom Pérignon, Jahrgang 1978.

Die Welt: Ein guter Jahrgang?

Mehdorn: Sehr gut. Und teuer.

...


Aus: "Wirtschaft - Hartmut Mehdorn „Ich wette eine Kiste Dom Pérignon, Jahrgang 1978“" Stefan Aust, Beat Balzli, Nikolaus Doll (26.01.2015)
Quelle: https://www.welt.de/wirtschaft/article136791669/Ich-wette-eine-Kiste-Dom-Perignon-Jahrgang-1978.html

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Champagne Moet et Chandon - 1978 Champagner Dom Perignon 0,75 l 416,50 € (555,33 €/l)
https://www.ungerweine.de/de/1978-champagner-dom-perignon.html (Stand 10/2017)


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Der Flugbetrieb hätte im Oktober 2011 starten sollen. Der Termin wurde jedoch mehrfach verschoben. Am 21. Januar 2017 wurde offiziell mitgeteilt, dass eine Eröffnung des Flughafens im Jahr 2018 stattfinden könne. Die Flughafengesellschaft geht in einem internen Arbeitsentwurf für einen neuen Inbetriebnahmefahrplan vom Mai 2017 jedoch eher von einer Eröffnung in den Jahren 2019 oder 2020 aus. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Flughafen_Berlin_Brandenburg (22. Oktober 2017 um 23:19 Uhr)
« Last Edit: Oktober 24, 2017, 04:35:55 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #664 on: Oktober 26, 2017, 01:22:46 nachm. »
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[...] Die Zahl der Milliardäre weltweit ist im vergangenen Jahr deutlich angestiegen. Auch ihr Reichtum vergrößerte sich, wie aus einer Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC und der Schweizer Großbank UBS hervorgeht. Angetrieben unter anderem von steigenden Rohstoff- und Immobilienpreisen wuchs das Vermögen der reichsten Menschen der Welt insgesamt um 17 Prozent auf den Rekordwert von sechs Billionen Dollar.

Um zehn Prozent auf 1.542 erhöhte sich die Anzahl der Milliardäre. Besonders kräftig war der Zuwachs in China. Zum ersten Mal in der dokumentierten Geschichte gab es den Angaben zufolge in Asien mehr Milliardäre (637) als in den USA (563).

"Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, dürfte Asien innerhalb der kommenden vier Jahre auch beim Gesamtvermögen an den USA vorbeiziehen", sagte Markus Hammer, Partner bei PwC Deutschland.

In Europa hingegen stagnierte die Zahl der Superreichen mit 342 Mitgliedern nahezu. Listenführer ist Deutschland, wo im Jahr 2016 insgesamt 117 Milliardäre lebten. Auf Platz zwei folgte Großbritannien (55) mit deutlichem Abstand. Dritter auf der Rangliste war Italien (42), gefolgt von Frankreich (39) und der Schweiz (35).

Der Studie zufolge wächst der Anteil der Self-made-Milliardäre stark. So hatten im Jahr 1995 nur 45 Prozent der Milliardäre ihren Reichtum aus eigener Kraft erwirtschaftet. Heute liegt ihr Anteil bei 70 Prozent, wie die Untersuchung darlegt.

Die Dollar-Milliardäre besitzen Firmen oder sind an ihnen beteiligt. Diese Unternehmen beschäftigen weltweit mindestens 27,7 Millionen Menschen. Berücksichtigt wurden den Angaben zufolge das Gesamtvermögen einschließlich der Immobilien und Kunstobjekte.

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r.schewietzek #4  —  vor 7 Stunden 28

'Der Studie zufolge wächst der Anteil der Self-Made-Milliardäre stark. So hatten im Jahr 1995 nur 45 Prozent der Milliardäre ihren Reichtum aus eigener Kraft erwirtschaftet. Heute liegt ihr Anteil bei 70 Prozent, wie die Untersuchung darlegt.'

Niemand erwirtschaftet Milliarden aus eigener Kraft. Dazu gehören etliche fleissige Hände, die zu den Milliarden beitragen. ...


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Lionardo di ser Piero #4.4

Ich verstehe das „aus eigener Kraft erwirtschaftet” als Hinweis darauf, dass sie nicht durch Erbe zu dem Reichtum gekommen sind. (Was nicht ausschließt, dass sie als Millionär geboren wurden und danach zum Milliardär wurden.)

Weiter verstehe ich „aus eigener Kraft” nicht als mit „eigenen” Händen. Erwirtschaften kann man Geld bspw. auch mit Aktien. Und nachdem Aktien immer noch zulegen – gerade auch in diesem Jahr – gehe ich tatsächlich davon aus, dass viele mit deren Hilfe die 999.9999.999-Dollar-Grenze überschritten haben.

Nur damit das verständlich ist: Ich finde solchen Reichtum krank. Sehe aber keinen Sinn darin, mit Fingern auf Menschen zu zeigen. Viel lieber würde ich verstehen, was da genau passiert und warum das passiert. Würde gerne auch mehr darüber wissen, was sich hinter dem Reichtum versteckt. Aktien? Immobilien? Firmen? Patente? Yachten? Fußballclubs? Damit es auch Hinweise gibt, an welcher Stelle hier was schief läuft.



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Zeitloch #4.5

..."Hinter jedem großen Vermögen steht ein Verbrechen." erkannte schon Honoré de Balzac anfang des 19. Jahrhunderts...



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Lionardo di ser Piero #4.7

Tja. Da muss ich wohl damit leben, dass ich anderer Meinung als der Herr de Balzac (1799 bis 1850) bin.
Und sei es nur, weil mir in den heutigen Zeiten einige Menschen einfallen, die vielen kleinen Verbrechen zu einem großen Vermögen gekommen sind…


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BastiLang #6

Wenn ein Mensch Reich wurde, indem er selbst etwas geschaffen hat, gut bezahlte Arbeitsplätze anbietet oder geerbtes Vermögen so einsetzt, daß es vielen zu Gute kommt, wenn er dann noch Umwelt und Soziales im Blick hat kann er von mir aus Fantastilliarden besitzen.

Milliardär zu sein, sagt erst einmal nichts über den Menschen selbst aus.
Wie er dieses Geld verwaltet und was er daraus macht schon eher.


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cave felem #6.2

Seltsamerweise scheint das aber nicht für Menschen am anderen Ende des Einkommensspektrums zu gelten - über die Bezieher von Alg2 und andere Arme werden hemmungslos die übelsten Vorurteile verbreitet.



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Freezer #6.1

Es sagt vielleicht noch nicht viel den Menschen aus, aber viel über das Steuersystem des Landes in dem er lebt und/oder versteuert. In einem gerechten Steuersystem kann es solche Reichtümer gar nicht geben. Es sei denn die Währung ist so im Keller dass das ein übliches Arbeitergehalt ist...


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ReverendSpeaks #6.9

Das ist die Weltsicht von Feudalherren. Wenn ich Gutes tue, ist alles gerechtfertigt. Aber er tut es eben nach gutdünken, nicht demokratisch legitimiert. Und nochmal: "Fantastilliarden" entstehen nur durch asymmetrische Machtverhältnisse. ...


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J-J-Rousseau #8

"Vermögen der Reichen erreicht neuen Rekordwert"?

Selbst die Zahlenkategorie musste sich dieser Entwicklung anpassen:
Früher sagte man noch "Millionäre", heute muss man "Milliardäre" sagen, um das Gleiche auszudrücken ...


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tystie #9

"Milliardäre ihren Reichtum aus eigener Kraft erwirtschaftet"

Atemberaubend komisch! Die ZEIT bringt mitunter die lustigsten Beiträge zum Unterhalt der neoliberalen Wirtschaftsreligion ...


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Wanderer der Zeit #12

Hier zeigt sich wieder einmal deutlich, wie gut und hilfreich es doch ist, wenn "Leistungsträger unserer Gesellschaft" steuerlich entlastet werden. Weiter so!


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doof #24

Niemand (!) erwirtschaftet Milliarden aus eigener Kraft.

Die Meldung zeigt, dass damit auch das Ungleichgewicht zwischen Reichen und Armen nochmals gestiegen ist.



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merman2 #28

Ist davon etwa jemand überrascht? Warren Buffett hat es doch deutlich ausgesprochen:
„Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen".




Aus: "Studie: Vermögen der Reichen erreicht neuen Rekordwert" (26. Oktober 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-10/studie-vermoegen-der-reichen-erreicht-neuen-rekordwert