Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 330576 times)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #595 on: Dezember 01, 2016, 11:09:58 vorm. »

Heiner Pietzsch ... 1977 war er Gründungsmitglied des Vereins der Freunde der Nationalgalerie und lange Jahre dessen Schatzmeister und Kuratoriumsmitglied. Ab Sommer 2009 waren große Teile der Sammlung im Rahmen der Ausstellung Bilderträume in der Neuen Nationalgalerie der Öffentlichkeit zugänglich, darunter Max Ernsts Fragmente seiner Zementskulptur Capricorn aus dem Jahr 1948. Nach Ende der Ausstellung entschloss sich das Ehepaar Pietzsch, 60 Werke aus der Schau der Neuen Nationalgalerie als Schenkung zu überlassen.
Am 12. Juni 2012 wurden mit Beschluss des Bundestages 10 Millionen Euro für den Umbau der Berliner Gemäldegalerie am Kulturforum bereitgestellt. Damit ist der Grundstein für eine dauerhafte Unterbringung der Sammlung in einem zukünftigen „Museum des 20. Jahrhunderts“ gewährleistet. Für die Errichtung des neuen Museums am Kulturforum hat der Bundestag im November 2014 200 Millionen Euro bewilligt. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Heiner_Pietzsch (28. Oktober 2016)

---

Quote
[...] Berlin - Darauf einen Prosecco, denn nun ist  es endgültig.  Für die Gebenden wie die Nehmenden. Das Mäzenaten-Paar Ulla und Heiner Pietzsch setzten Mittwochabend in der Villa van der Heydt, Sitz des Präsidenten der Preußenstiftung Hermann Parzinger, die ultimativen Unterschriften unter den Schenkungsvertrag von 2010.

Ihre mindestens 120 Millionen Euro werte Kunstsammlung der Klassischen Moderne, mit Spitzenwerken des Surrealismus und des Abstrakten Expressionismus – etwa von Jackson Pollock–  gehört nunmehr Berlin und geht ein in die Nationalgalerie.  Nicht zuletzt schließen sich damit Lücken, die die NS-Aktion „Entartete Kunst“ und der Krieg gerissen hatten, denn es handelt sich um Werke  unter anderem von Max Ernst, René Magritte, Joan Miró, Salvador Dalí, auch Frida Kahlo und Diego Rivera.

... Der Regierende Bürgermeister Michael Müller spricht von einem „Glücksmoment“, davon, dass sich Berlin  diese Werke hätte nie  leisten können, der Anspruch der Schenkenden  – die Sammlung im gehörigen Rahmen auch öffentlich zu zeigen – also durchaus zu akzeptieren sei.

...


Aus: "Nationalgalerie Ehepaar Pietsch schenkt Berlin seine Kunstsammlung" Ingeborg Ruthe (30.11.2016)
Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/kultur/nationalgalerie-ehepaar-pietsch-schenkt-berlin-seine-kunstsammlung-25199652

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« Reply #596 on: Dezember 04, 2016, 06:31:36 nachm. »
Quote
[...] Ein VW-Sprecher sagte der dpa: "Die Vorstände haben Firmenflugzeuge stets in Übereinstimmung mit dem damals geltenden Nebenleistungskatalog genutzt." Die Leistungen seien entsprechend dem damals gültigen sogenannten Nebenleistungskatalog in Anspruch genommen und nach den geltenden steuerlichen Grundsätzen korrekt behandelt worden. 2014 sei der Nebenleistungskatalog "konkretisiert" worden. Der Konzern beauftragte im vergangenen Jahr eine Kanzlei mit einem Rechtsgutachten zu möglichen steuerrechtlichen Folgen. "Die Ausgaben wurden nach den geltenden steuerlichen Grundsätzen korrekt behandelt", sagte ein VW-Sprecher der Zeitung. Im Geschäftsbericht für 2014 wurden für den damals neunköpfigen Vorstand für "Nebenleistungen" insgesamt rund 1,6 Millionen Euro verbucht.


Aus: "Volkswagen: Vorstände nutzten Firmenjets für Urlaubsflüge " (04.12.2016)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/vw-vorstaende-flogen-mit-firmenjets-in-den-urlaub-a-1124352.html

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« Reply #597 on: Dezember 05, 2016, 11:11:26 vorm. »
Quote
[...] Die Zahl der wohnungslosen Menschen ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen. Sie wuchs von 248.000 Personen im Jahr 2010 auf zuletzt 335.000, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken hervorgeht, die der Deutschen Presse-Agentur in Berlin vorlag. Betroffen waren 29.000 Kinder und 306.000 Erwachsene, davon mit 220.000 Personen der Großteil Männer.

Wohnungslos sind Menschen, die auf der Straße leben, die ohne Mietvertrag in Wohnungen auf Kosten des Staats untergebracht sind, die in Notunterkünften oder Heimen untergebracht sind oder bei Verwandten untergekommen sind.

Das Bundessozialministerium stützt sich bei seinen Angaben auf Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, da es keine amtliche Statistik dazu gibt. Man nehme das Problem ernst, so das Ministerium. Die Bundesarbeitsgemeinschaft prognostizierte bis 2018 einen Zuwachs auf 536.000 wohnungslose Menschen.

„Wohnungslosigkeit liegt vielfach nicht in fehlendem Wohnraum begründet, sondern hat in der Regel eine Reihe anderer sozialer und zum Teil auch psycho-sozialer Ursachen“, heißt es in der Regierungsantwort. Oft sei gezielte Hilfe nötig, weil familiäre Probleme, Sucht oder Krankheiten eine Rolle spielten. Eine Statistik zur Zahl der wohnungslosen Menschen sei bei der Regierung nicht geplant.

Die Linken-Fraktionsvize Sabine Zimmermann, die die Angaben angefragt hatte, kritisierte: „Die Bundesregierung verschließt die Augen vor der Realität, wenn sie behauptet, Wohnungslosigkeit liege vielfach nicht in fehlendem Wohnraum begründet.“ Die Kombination von immer weniger bezahlbaren Wohnungen mit einer verfestigten und steigenden Einkommensarmut breiter Bevölkerungsschichten sei oft der Grund. „Es ist unerträglich, dass die Bundesregierung so tut, als ginge sie das alles nichts an.“

Armut breite sich zunehmend in Deutschland aus. „Der Wohnungslosigkeit muss der Kampf angesagt werden.“ Die Regierung müsse eine Statistik zur Zahl wohnungsloser Menschen etablieren.


Aus: "Zahl der Wohnungslosen stark gestiegen" (05.12.2016)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/armut-in-deutschland-zahl-der-wohnungslosen-stark-gestiegen/14933584.html


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« Reply #598 on: Dezember 05, 2016, 03:59:16 nachm. »
Quote
[...] Ich bin in Kinolaune und habe Paterson gesehen. Jim Jarmusch. Das Alterswerk. Ein großer Film, wenngleich seine Akteure nicht mehr solch gebrochene Gestalten sind wie früher in Coffee and Cigarettes oder im Arte-Spätprogramm-Dauerbrenner Night on earth. Paterson geht klar, wenn Sie Jim Jarmusch mögen. Hat Freude gemacht. Nur schauen Sie das Ding nicht wie ich Vollhomo im verschissenen Cinemaxx am Potsdamer Platz. Ein ganzer Saal voller Feuilletonspacken, die während des Films die Szenen diskutieren, ein Arschkopf neben mir, der alle zehn Minuten sein Smartphone leuchten lässt, um nach der Uhr, einer Messengernachricht oder nach dem Wetter zu schauen und ein alter Wichser, der sich auf dem Sitz vor mir nach vorne beugt, wodurch er mir und zwei anderen die Sicht zerfickt und der auch nach Ansprache von gleich zwei Leuten nicht bereit ist, sich wieder zurück zu lehnen, wonach ich mir lieber einen neuen Platz suche, bevor ich ihm einfach aufs Maul haue und die Polizei kommen muss. Cinemaxx. Potsdamer Platz. Ein Publikum aus der Kinohölle. Wenn Sie jemanden bestrafen wollen, schenken Sie ihm einen Gutschein für den Laden. ...


Aus: "Lass mal netzwerken - Links vom 29. November 2016" kiezneurotiker (Dienstag, 29. November 2016)
Quelle: https://kiezneurotiker.blogspot.de/2016/11/lass-mal-netzwerken-links-vom-29.html

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« Reply #599 on: Dezember 12, 2016, 11:11:16 vorm. »
Quote
[...] Rund 20 Prozent der Beschäftigten in Deutschland arbeiten einem Zeitungsbericht zufolge für einen Niedriglohn unter zehn Euro in der Stunde. In Ostdeutschland liege ihr Anteil sogar bei 30 Prozent, berichten die Zeitungen der Funke Mediengruppe unter Berufung auf Daten des Bundesarbeitsministeriums.

Die geringste Niedriglohnquote weist demnach Hamburg (15,5 Prozent) aus, die höchste Mecklenburg-Vorpommern (35,5 Prozent), dicht gefolgt von den übrigen ostdeutschen Ländern, die alle Werte über 33 Prozent zeigen.

Nach den Daten des Arbeitsministeriums steigt auch in Westdeutschland der Anteil. In Betrieben mit mehr als zehn Beschäftigten lag der Anteil der Niedriglohnempfänger 2006 noch bei 16,4 Prozent, 2014 waren es bereits 18,4 Prozent.

Im Osten ist die Niedriglohnquote in diesen mittleren und großen Betrieben zwar in den vergangenen Jahren leicht rückläufig gewesen, sie liegt aber immer noch bei 34,6 Prozent (2010: 36,8)

Quote
Kasha Rubini #8

Ja ja, wie habe ich doch vor ein paar Tagen gelesen, es geht uns so gut wie nie.
OK, jeder 5te, das heißt, 80% arbeiten oberhalb des Niedriglohnsektors, das langt für eine stabile Regierung...

Quote
Kermit der Laubfrosch #8.1

Gehen Sie mit offenen Augen durch dieses Land und auch Sie werden erkennen, dass diese Aussage im Allgemeinen zutrifft. Und das ist weitaus mehr als in vielen anderen Ländern dieser Erde, übrigens auch in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Es wurde ja nicht gesagt, dass es uns ALLEN gut geht.


Quote
Kasha Rubini #8.3

Ach - das ist die Erklärung!
Ja, mein Gott, dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin.
Also alles gar kein Problem. ...



Quote
Christina Dörr #9

Ich persönlich würde gerne einmal wissen, wieviele Menschen tatsächlich kein oder nur wenig Einkommen haben. Das dürften erheblich mehr sein. Ich denke da an die Rentner, die mit nur wenig Rente auskommen müssen, diejenigen, die Grundsicherung erhalten, die Hartz IV-Bezieher und Aufstocker, geringfügig Beschäftigte in Teilzeit oder auf Stundenbasis sowie 1-Euro-Jober und Tagelöhner, das dürfte wahrscheinlich mehr als die Hälfte der Bevölkerung sein. Und das ist sehr vorsichtig geschätzt.

Leider geht aus dem obigen Artikel nicht hervor, welche Bevölkerungsgruppe(n) man in diese Statistik eingerechnet hat und welche nicht.


Quote
artefaktum #11

>> Mittlerweile verdient jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland weniger als zehn Euro in der Stunde. <<

Die neoliberalen Reformen sind also erfolgreich.

Quote
sonstwer #11.2

Das kapitalistische Prinzip von "Angebot und Nachfrage" wird immer dann wieder ausgegraben, wenn der Durchschnittsmichel meckert, dass er kaum noch über die Runden kommt.

Bei vermögensrettenden Maßnahmen aka staatliche Bankenrettung war man in Sachen "Angebot und Nachfrage" weniger kleinlich. Ebenso bei "Unternehmen", deren Geschäftsmodell darin besteht, die Löhne ihrer Angestellten durch die Allgemeinheit subventionieren zu lassen.

Naja, vielleicht reichts in der neoliberalen Logik irgendwann mal soweit, dass Menschen, denen man langsam aber sicher den Geldhahn zudreht auch potentielle Kunden sein könnten. Ich glaube allerdings nicht mehr dran.
Dazu ist dieser ideologische Zombie zu lernresistent.



Quote
Turnmutter #51

Im Gegenzug bekommen wir aber fast wöchentlich Jubelmeldungen über die Rekordbeschäftigung und Jammermeldungen über den Fachkräftemangel präsentiert.


Quote
entscheidedich #56

Undifferenzierte Aussagen erzeugen polemische Antworten, oder? Wieder ein typischer Artikel, der auch nur die gringste Tiefe vermissen lässt. Wer sind denn die Betriebe, die unter 10 Euro/Stunde zahlen? Doch sicher nicht die, die im internationalen Wettbewerb stehen, denn die sind oft tarifgebunden und zahlen weit aus besser, selbst bei den Leiharbeitnehmern. Die Masse beeinflussen wir selber. Dienstleistungen über Dienstleistungen mit direktem Bezug zum deutschen Kunden. Friseur, Bäcker, Lebensmitteleinzelhandel, Gastronomie, Kioske ... ! Alles Betriebe deren Leistungen wir gerne annehmen (natürlich nie mit dem Hintergedanken einen anderen Menschen auszubeuten). Aber es ist so schön einfach mit dem Finger auf die Anderen zu zeigen und laut über Freihandel, globalen Wettbewerb und die bösen Asiaten zu schimpfen und im nächsten Atemzug mehr Schutz zu fordern. Liebes ZON-Team, bringt doch bitte einen Artikel, aus dem man ersehen kann welche Branchen unter 10 Euro zahlen. Sie werden es sehen. Desto weniger Industrie, desto höher der Anteil der Geringverdiener.


Quote
petzi1306 #74

Ist das nicht der gewünschte Effekt, an dem die Politik der letzen 20 Jahre so hart gearbeitet hat , um den Standort Deutschland auch weiterhin attraktiv zu halten?? Also alles nach Plan würde ich sagen , die Quote lässt sich aber bestimmt noch steigern;-)


Quote
NoG #77

"Nie ging es Deutschland so gut wie heute!!!"


...


Aus: "Anteil der Niedriglohnempfänger wächst rasant" (11. Dezember 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-12/arbeitsmarkt-niedriglohn-anteil-beschaeftigte

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« Reply #600 on: Dezember 12, 2016, 12:45:32 nachm. »
Quote
[...] Brüssel – Die Lohnunterschiede in der EU sind in Polen am höchsten und in Schweden am geringsten. Nach Angaben von Eurostat vom Montag zählen in den EU-Staaten Branchen der Finanz- und Versicherungsdienstleistungen zu den am besten bezahlten, während Hotellerie und Gaststätten die geringste Entlohnung aufweisen. Österreich liegt bei den Lohnunterschieden im unteren Drittel der EU-28. In Polen betrug das Verhältnis zwischen den niedrigst und best bezahlten Branchen 4,7. Das bedeutet, dass die zehn Prozent mit den höchsten Bezügen fast fünf Mal so viel verdienten wie die zehn Prozent mit den geringsten Löhnen. Schweden weist ein Verhältnis von 2,1 auf. Österreich liegt bei 3,1. Hinter Polen rangieren Rumänien (4,6), Zypern (4,5), Portugal (4,3), Bulgarien (4,2), Irland (4,1), Litauen (4,0), Estland und Lettland (je 3,9), Deutschland und Großbritannien (je 3,8), Slowakei und Ungarn (je 3,5), Luxemburg (3,4), Spanien und Tschechien (je 3,3), Slowenien und Italien (je 3,2), Österreich und Niederlande (je 3,1), Malta (2,9), Frankreich (2,7), Finnland und Dänemark sowie Belgien (je 2,4), und Schweden (2,1).


Aus: "Lohnunterschiede sind in Österreich im EU-Vergleich gering" (APA, 12.12.2016)
Quelle: http://derstandard.at/2000049166840/Lohnunterschiede-sind-in-Oesterreich-im-EU-Vergleich-gering

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« Reply #601 on: Dezember 15, 2016, 10:12:10 vorm. »
Quote
[...] Die Bundesregierung hat einem Zeitungsbericht zufolge ihren Armuts- und Reichtumsbericht in einigen entscheidenden Passagen deutlich entschärft. Klare Aussagen, dass Menschen mit mehr Geld einen stärkeren Einfluss auf politische Entscheidungen haben als Einkommensschwache, seien in der überarbeiteten Fassung des Berichts gestrichen worden, berichtet die Süddeutsche Zeitung. Dies gehe aus einem Vergleich des ersten, vom Bundesarbeitsministerium verfassten Entwurfs mit der zweiten Version hervor, bei der das Kanzleramt und andere Ministerien mitschreiben konnten.

Im März 2015 hatte Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles angekündigt, in dem Bericht erstmals den Einfluss von Eliten und Vermögenden auf politische Entscheidungen untersuchen zu lassen. Das Ministerium der SPD-Politikerin gab daher eine Studie bei dem Osnabrücker Politikwissenschaftler Armin Schäfer in Auftrag. Dessen Erkenntnisse flossen zwar in den Bericht ein, den das Arbeitsministerium bereits im Oktober vorgelegt hatte, allerdings nur in die erste Fassung.

So wird in der Version noch vor einer "Krise der Repräsentation" gewarnt. Darin hieß es: "Personen mit geringerem Einkommen verzichten auf politische Partizipation, weil sie Erfahrungen machen, dass sich die Politik in ihren Entscheidungen weniger an ihnen orientiert." Diese Passage wurde genauso gestrichen wie der Satz: "Die Wahrscheinlichkeit für eine Politikveränderung ist wesentlich höher, wenn diese Politikveränderung von einer großen Anzahl von Menschen mit höherem Einkommen unterstützt wird."

Ebenso gestrichen wurde nach Angaben der Süddeutschen die Aussage, in Deutschland beteiligten sich Bürger "mit unterschiedlichem Einkommen nicht nur in sehr unterschiedlichem Maß an der Politik, sondern es besteht auch eine klare Schieflage in den politischen Entscheidungen zulasten der Armen".

Wie die Zeitung weiter berichtet, wird in der neuen Fassung des Regierungsberichts nur erwähnt, dass der Studie des Politikwissenschaftlers Schäfer zufolge "eine Politikänderung wahrscheinlicher ist, wenn diese den Einstellungen der Befragten mit höherem Einkommen mehrheitlich entsprach". Die Untersuchung liefere aber "keine belastbaren Erkenntnisse über Wirkmechanismen". Ebenfalls herausgenommen sind die Hinweise auf den "Einfluss von Interessensvertretungen und Lobbyarbeit".

Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung wird alle vier Jahre erstellt und befasst sich mit der Lage am Arbeitsmarkt, der Entwicklung der Löhne und Einkommen. Bereits 2013 wurde am Ende ein Bericht veröffentlicht, der in der Ressortabstimmung noch deutlich abgemildert wurde. Damals hatte die FDP erreicht, dass Passagen über die ungleiche Verteilung von Vermögen in Deutschland entfernt wurden.

Quote
Shazia Geist #11

Da liegt das große Problem der Politik in Deutschland. Die "Armen" (alle im HartzIV System, Niedriglöhner und sonstige Abgehängte) gehen nicht wählen, weil die Politik nichts für sie tut. Die Politik tut nichts für diese Menschen, weil sie sich keine Stimme verschaffen und eben nicht wählen gehen oder nur sehr wenige von ihnen überhaupt und dann gegen ihre eigenen Interessen.
Das man sowas aus einem Bericht herausstreichen muss, damit man niemanden "verstört" ist nicht mehr einfach nur traurig, sondern ein echte Armutszeugnis. Was sollte im schlimmsten Falle passieren? Man bemerkt plötzlich, dass es mitten unter uns Menschen gibt, die sich zu recht vernachlässigt fühlen und die keinerlei Lebensperspektive haben?

Quote
secret77
#45  —  vor 36 Minuten

Aus der SÜDDEUTSCHEN ONLINE: "Auch beim Bericht aus dem Jahr 2013 hatte es Ärger gegeben. Damals setzte die FDP durch, dass Aussagen über die ungleiche Vermögensverteilung in Deutschland verschwanden."

Von den Besten lernen heißt siegen lernen...


Quote
Madjid Honigwasser  #15

Mich würde interessieren, wer eigentlich fürs frisieren zuständig ist. Gut, mitgemacht haben das am Ende alle Politiker. Aber es wäre doch mal nett zu wissen, wer der Friseurmeister ist.


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Knopflocher #46

Das Traurige ist, dass man mehrheitlich mit “das ist doch sowieso bekannt“ reagiert und es hinnimmt, anstatt sich zu wehren und dagegen vorzugehen. Das Land scheint so unglaublich müde zu sein.


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E_Dantes #47

Der Bericht lässt sich folgendermaßen zusammnfassen: Die gegenwärtige Gesellschaftsform trägt massive Züge einer Plutokratie. Punkt.


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MalcomXYZ #57

Unglaublich... wir diskutieren nicht mehr übe die steigende Armut in diesem Land, über die immer größere Schere der Einkommen, sondern ob die Armen weniger politischen Einfluss haben als die Reichen. Das war schon immer so.

...

...


Aus: "Regierung soll heikle Passagen aus Armutsbericht entfernt haben" (15. Dezember 2016)
Quelle:  http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-12/armutsbericht-bundesregierung-entschaerfung-andrea-nahles

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« Reply #602 on: Dezember 17, 2016, 02:19:40 nachm. »
Quote
[...] Ausländische Arbeitnehmer verdienen einem Zeitungsbericht zufolge 21,5 Prozent weniger als ihre deutschen Kollegen. Dies geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion hervor, die der Rheinischen Post vorliegt. Demnach verdienten im Jahr 2015 deutsche Arbeitnehmer in Vollzeit im Durchschnitt 3.141 Euro brutto monatlich. Ausländische Arbeitnehmer bekamen nur 2.467 Euro monatlich, was 21,5 Prozent weniger entspricht.

Der Gehaltsunterschied zwischen deutschen und ausländischen Arbeitnehmern betrug demnach im Jahr 2000 nur 8,3 Prozent. Während in dieser Zeit das mittlere Einkommen der deutschen Beschäftigten um 32 Prozent stieg, konnten die Beschäftigten ohne deutschen Pass nur eine Steigerung von 13 Prozent erreichen.

"Obwohl sich die Lage am Arbeitsmarkt verbessert hat, steigt kontinuierlich die Anzahl von Migranten, Jungen und Frauen, die extrem schlecht bezahlt werden", sagte der Vize-Fraktionschef der Linken, Klaus Ernst, der Zeitung. Sie seien von jeder konjunkturellen Verbesserung abgehängt. Die Verfestigung der "sozialen Spaltung" am Arbeitsmarkt sei "Sprengstoff für die Gesellschaft".

Frauen in Vollzeit erhalten der Antwort der Bundesregierung zufolge zu 28,4 Prozent einen Niedriglohn und damit deutlich häufiger als Männer, bei denen dies nur zu 16,1 Prozent der Fall ist. Als Niedriglohn gelten Einkommen, die nur zwei Drittel oder weniger des mittleren Einkommens betragen. Im Jahr 2015 lag diese Schwelle bei 2.056 Euro brutto.

Quote
Krizz86 #9

Schade, dass der Artikel nicht erläutert warum das so ist. So lässt er nur Spekulationen zu und dient dazu, Vorurteile zu stärken und nicht der Aufklärung.


Quote
Jetzt aber #14

"Demnach verdienten im Jahr 2015 deutsche Arbeitnehmer in Vollzeit im Durchschnitt 3.141 Euro brutto monatlich."
Norbert Blüm hat mal was sehr intelligentes zu Statistiken (sinngemäß) gesagt:wenn einer 10.000 DM verdient und der andere gar nichts, dann verdienen sie im Durchschnitt 5.000 DM. So viel zum Thema Statistik. ...


...


Aus: "Arbeitsmarkt: Ausländer verdienen rund 21 Prozent weniger als Deutsche" (17. Dezember 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-12/auslaender-arbeitskraefte-einkommen-vergleich
« Last Edit: Dezember 25, 2016, 01:34:57 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #603 on: Dezember 25, 2016, 02:07:19 nachm. »
Quote
[...] Die "Abgehängten", die "Globalisierungsverlierer", die "unteren Schichten", die "Ungebildeten", die "Marginalisierten", "das Prekariat" – solche herabwürdigenden oder sterilen Ausdrücke können sich nur diejenigen ausgedacht haben, die selten in die Verlegenheit kommen, mit denen "da unten" zu sprechen, sonst wäre ihnen schon aufgefallen, dass es so nicht geht. Man und frau soll sich nichts vormachen: Im fehlenden Wort zeigt sich der fehlende Respekt. Das ist die bittere Wahrheit über das Verhältnis zwischen einer Öffentlichkeit, die von der gymnasialen Mittelschicht verfertigt wird, und jenen Menschen, die früher stolze Namen trugen wie "die Arbeiterklasse".

... In der Finanzkrise ist weit mehr kaputtgegangen als der Glaube an die Seriosität von Geldinstituten. Geblieben ist das Gefühl, dass Banken alle Risiken vergesellschaften und alle Gewinne einstecken. Ein paar neue Regeln fürs Eigenkapital ändern an diesem Eindruck nichts. Als Angela Merkel und ihr damaliger Finanzminister Peer Steinbrück im Oktober 2008 vor die Presse traten, versicherten sie den "Sparerinnen und Sparern" nicht nur, sie hätten nichts zu befürchten, weil "ihre Einlagen sicher" seien. Merkel kündigte auch an, "dass diejenigen, die unverantwortliche Geschäfte gemacht haben, zur Verantwortung gezogen werden". Bis heute ist in Deutschland kein einziger von jenen auch nur angeklagt, die solch ungeheure Summen an Geld vernichtet haben. Zuletzt haben die Manager von VW Öl ins Feuer gegossen, als sie ankündigten, wegen des Diesel-Skandals allein in Deutschland 23.000 Stellen abzubauen – und ganz selbstverständlich ihre Boni einsackten. Wie soll man auch einen Schuss hören, der nie abgefeuert wurde?

... Am Dienstag der vergangenen Woche spricht Sigmar Gabriel auf einer Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung über "Gleichheit". Aber was der SPD-Chef sagt, klingt weniger harmlos. Die Schichten sortierten sich wieder neu, sagt Gabriel, es werde wieder "standesgemäß geheiratet", die Schulen würden "sozial entmischt", in den Städten wisse man nicht mehr, wie man in der Provinz lebe, und in der SPD nicht mehr, wie es im eigenen Milieu aussehe. "Das hehre Gerede von der Gleichheit wird durch unseren Habitus konterkariert."
Auf der Redeliste der Konferenz finden sich Doktoren und Professoren – aber kein Betriebsrat, keine Putzfrau, kein Empfänger von Hartz IV.

...

Quote
Aber sicher #41

"Die "Abgehängten", die "Globalisierungsverlierer", die "unteren Schichten", die "Ungebildeten", die "Marginalisierten", "das Prekariat" – solche herabwürdigenden oder sterilen Ausdrücke können sich nur diejenigen ausgedacht haben, die selten in die Verlegenheit kommen, mit denen "da unten" zu sprechen, sonst wäre ihnen schon aufgefallen, dass es so nicht geht. "

Na. Man hat ja schon dazugelernt. Heute umfasst der Begriff "Hetzer" bereits die Mittelschicht. Und reden will man mit niemandem. Im Gegenteil. Ganz oben auf der Prioritätenliste steht, diese Meinungen aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Diskursraumpflege statt Auseinandersetzung. Das ist die Reaktion.


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GuenterWagner #40

"Nun haben diese Menschen [gemeint ist der aermere, weniger gebildete Bevölkerungsanteil] einen Weg gefunden, sich zu Gehör zu bringen, indem sie die Populisten wählen."
Sie wissen sicher, dass diese Aussage falsch ist: Sowohl in den USA als auch in Europa wird die "neue Rechte" längst auch von der Mittelschicht voll angenommen. Wahlanalysen in den USA sind da eindeutig.


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heined #37

Die Erfolge der Rechtspopulisten lassen sich allein mit den Abgehängten nicht erklären. Es gibt keine 46% Abgehängten in den USA. Da haben durchaus viele Privilegierte für Trump gestimmt, republikanische Hausfrauen, denen es nicht passt, dass sich vielleicht auch gut verdienende Latinas denselben Promi Friseur leisten können und dass eine neureiche Familie von Farbigen ein Haus in ihrer Strasse gekauft hat. Die Rechtspopulisten sind ebenso wie die Islamisten vor allem eines. Eine Rebellion gegen die Moderne und ihre emanzipatorischen Begleiterscheinungen.


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DerDickeZwerg #14

Ein interessanter Artikel, der in vielen Punkten Recht hat. Leider fehlt aber wie üblich der Blick auf das eigene Versagen. Die Medien (einschließlich der ZEIT) erklärten uns monatelang:
- Das Assoziierungsabkommen zwischen der EU und der Ukraine ist enorm wichtig und bringt beiden Seiten nur Vorteile. Und anschließend fällt dieses Abkommen bei der Abstimmung in den Niederlanden krachend durch.
- Der BREXIT wird nicht kommen. Und wenn er kommt, dann wird das Pfund am nächsten Tag um 30% an Wert verlieren und die britische Wirtschaft wird zugrunde gehen. Nichts davon ist eingetreten.
- Hillary Clinton wird die nächste Präsidentin der USA. Ganz sicher, weil Trump alle Wählergruppen gegen sich aufgebracht hat. Die Frauen, die Hispanics, einfach alle. Und dann hat er die Wahl doch gewonnen.

Ich erkläre mir den Zulauf der Populisten im Wesentlichen dadurch, dass sich niemand mehr traut, den Menschen die Wahrheit zu sagen. Wie wäre es also, wenn als erstes einmal die Leitmedien versuchen würden, die Realität (und nicht ihr eigenes Wunschdenken) ein bisschen genauer darzustellen?


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M.Aurelius #19

Die Leute wollen die pseudo-einfachen Lösungen und den ganzen anderen Schwachsinn doch hören, weil sie ihn glauben wollen. Es ist egal, ob der Klimawandel messbar ist und ob große Teile der Flüchtlingskrise nur existieren, weil sie hausgemacht sind, viele Menschen wollen sich nicht mit Ursachen befassen, sondern in dem was sie tun und getan haben bestätigt werden. Nicht die Ursachen zählen, sondern die Identifikation von Schuldigen, die sich schon immer gegen das gestellt haben, was die, die es heute wissen und "schon immer gesagt haben". Populismus ist eine Art mentale Droge und repräsentiert genau den Ungeist, den er zu bekämpfen vorgibt.


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citizen_k #48

Ein Scherbenhaufen Namens Agenda 2010 - Ja, es gab eine Verabredung der Diffamierung von Nochminderheiten: Prekariat, Modernisierungsverlierer, beleidigte Leberwürste sind Begriffe, die prominent von Herrn Müntefering und Herrn Steinbrück in den Diskurs eingebracht wurden. Wer sich 2003 mit den berechenbaren Folgen der Schröderschen "Nach oben Verteilungspolitik" auseinandergesetzt hat, kannte das heute beklagte, weil nicht mehr zu leugnende, Ergebnis schon vor dreizehn Jahren. Dass die Hälfte der Ganztagsbeschäftigten nicht einmal 800 Euro Rente bekommen wird, weitere 25 Prozent in einem Sektor zwischen 800 und 1200 Euro Renten beziehen, war von den Schröderianern genauso gewollt, ebenso die weiter ausufernde Leiharbeitsprostitution. Die schreibende Zunft hat sich auch vor den neoliberalen Karren spannen lassen und jeden SPD-Kanzlerkandidat bezüglich seiner Agendatreue auf Herz und Nieren geprüft. ...


...


Aus: "Gegen Populismus hilft:"  Marc Brost, Peter Dausend, Matthias Geis, Tina Hildebrandt, Angela Köckritz, Ulrich Ladurner, Mariam Lau, Gero von Randow, Mark Schieritz, Michael Thumann und Bernd Ulrich (22. Dezember 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/2016/51/populismus-europa-fluechtlinge-politik-afd/komplettansicht


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« Reply #604 on: Dezember 26, 2016, 01:15:36 nachm. »
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[...] Demnach schleuste Alphabet im vergangenen Jahr 40 Prozent mehr Geld durch seine irische und niederländische Tochter an eine auf den Bermudainseln. Insgesamt habe Alphabet durch diese Strategie schon fast 60 Milliarden US-Dollar Gewinn vor einer Versteuerung in den Vereinigten Staaten bewahrt. Das Unternehmen beruft sich darauf, sich an alle geltenden Gesetze zu halten. ... Für das "Double Irish With a Dutch Sandwich" hatten viele IT-Unternehmen zwei Ableger in Irland gegründet. Einer fungiert als Inhaber von Lizenzrechten etwa für Patente, hat seinen Sitz aber nicht auf der Insel, sondern in einem Steuerparadies wie den Bermudainseln. Dazu kommt eine Tochtergesellschaft, die ihre Einnahmen als Lizenzgebühren oder Tantiemen an die Firma im Steuerparadies weiterleitet und so gar keine Abgaben zahlen muss. Damit auch die Quellensteuer wegfällt, die bei einer direkten Überweisung zwischen den beiden Ablegern in Irland zu entrichten wäre, wird das Geld über eine zwischengeschaltete weitere Tochter in den Niederlanden transferiert. Diese überweist die Einnahmen dann ohne Abzugssteuern an die formell irische Firma mit Hauptsitz in einem Steuerparadies.

Quote
     jmeister, 22.12.2016 10:58

Wie lange lassen wir uns das noch gefallen?

Wir werden als Normalverdiener mit beinahe 50% Steuern/Abgaben belegt und Konzerne/Superreiche schaffen ihr Geld mit windigen Finanzkonstruktionen einfach außer Landes - teilweise mit ganz offener Duldung oder sogar Unterstützung durch die Politik (siehe Apple in Irland mit 0,05%). Während ich meinen Dispo mal wieder überziehen musste um meiner Frau und Sohn wenigstens ein paar Weihnachtsgeschenke zu kaufen wissen sie nicht mal wohin mit dem Geld ... Ich könnte jedes Mal kotzen wenn ich so etwas lese :(

It's time for another revolution!


Quote
     bickerdyke, 22.12.2016 11:29

Niemand muss mehr Steuern zahlen, als er zahlen muss

Und solange Alphabet nicht mehr zahlen muss, als sie zahlen, macht da nur jemand seinen Job.
Wieviel Steuern sie zahlen MÜSSTEN, wenn ihre Firmenstruktur anders wäre, ist genauso so irrelevant, wie mein Einkommensteuersatz, wenn ich das 5-fache verdienen würde.
Den schwarzen Peter hat hier die Politik, die sich nicht zusammenraufen kann und eine einheitliche internationale Steuerpolitik schaffen kann, vor der sich ein internationaler Konzern nicht drücken kann.


...


Aus: "Google-Mutter Alphabet vermeidet dank Schlupfloch weiter Milliarden an Steuern" Martin Holland (heise online, 22.12.2016)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Google-Mutter-Alphabet-vermeidet-dank-Schlupfloch-weiter-Milliarden-an-Steuern-3579849.html

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« Reply #605 on: Januar 02, 2017, 10:14:46 vorm. »
Quote
[...] Während die Fahrgäste in der ersten Klasse weiterhin kein Limit haben, ist das Datenvolumen in der zweiten Klasse auf 200 Megabyte beschränkt – und zwar pro Tag und Endgerät. Dabei ist es egal, ob ein Reisender eine Stunde im Zug sitzt oder eine lange Reise vor sich hat. ...


Aus: "Die 2. Klasse geht ans Netz" (01.01.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/w-lan-bei-der-deutschen-bahn-die-2-klasse-geht-ans-netz/19196468.html

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« Reply #606 on: Januar 16, 2017, 03:06:27 nachm. »
Quote
[...] Die soziale Ungleichheit in der Welt ist nach Erkenntnissen der Entwicklungsorganisation Oxfam deutlich größer als angenommen. Im Jahr 2016 hätten die acht reichsten Personen zusammen 426 Milliarden US-Dollar und damit mehr als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – 3,6 Milliarden Menschen mit 409 Milliarden US-Dollar – besessen, berichtete Oxfam. Die Organisation stellte ihren Bericht zum Beginn des Weltwirtschaftsforums in Davos vor. ... In Deutschland hätten 36 Milliardäre mit 297 Milliarden US-Dollar so viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung. ...


Aus: "Soziale Ungleichheit laut Oxfam enorm" (16. Januar 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-01/oxfam-davos-ungleichheit

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« Reply #607 on: Januar 25, 2017, 12:24:35 nachm. »
Quote
[...] Willy Pelletier ist Soziologe, Koordinator der Fondation Copernic, und Herausgeber (mit Gérard Mauger) von „Les Classes populaires et le FN“, Vulaines-sur-Seine (Éditions du Croquant) 2017. Der Text ist diesem Buch entnommen.

Mit Begeisterung war ich dabei, wenn es darum ging, Veranstaltungen des Front National aufzumischen, seine Affären an die Öffentlichkeit zu zerren und mit „Experten“ sein Parteiprogramm auseinanderzunehmen. Aber tugendhafte Empörung verhindert keine Stimmen für Le Pen. Heute erlaube ich mir sogar die Frage, ob vermeintliche moralische Überlegenheit nicht eher ihren eigenen „Klassismus“ offenbart. ...

Seit drei Jahren lebe ich mit meiner Lebensgefährtin im Departement Aisne, zwischen Chauny, Soissons, Noyon und Vic-sur-Aisne, inmitten von Rübenfeldern und Fasanen. Eine Ortschaft mit zwanzig Häusern. Abgesehen von zwei Paaren, die sich gegenseitig einladen, besucht niemand niemanden. Viele Alte verschanzen sich in ihren Häusern. Unsere Fastnachbarn, zehn Autominuten entfernt, sind Éric und Anissa.

... Auf jedem Weg zum Supermarkt treffe ich einsame Menschen ohne einen Cent. Ich fahre über Straßen voller Schlaglöcher, einige sind ganz gesperrt. In den Dörfern, durch die ich komme, gibt es keine Post, keinen Arzt, keine Hebamme, keine Apotheke mehr, kaum eine Kneipe, keinen Internetzugang, nur verrammelte Geschäfte und an manchen Fenstern blau-weiß-rote Fahnen. Grundschulen und Kirchen werden geschlossen. Sportvereine machen dicht. Jagdvereine und Majorettegruppen finden keinen Nachwuchs. Die Zahl der unbezahlten Stromrechnungen explodiert.

... Die Gemeinden hier sind, abgesehen von ein paar Reichenghettos, so gut wie pleite. Die Alten sind zu arm, um ihre Kinder zu unterstützen, die Kinder zu arm, um ihren Eltern zu helfen. In dieser Gegend erreicht der FN Spitzenergebnisse.

Die jungen Leute hauen ab, sobald sie können. Es gibt keine Arbeitsplätze. In jedem Dorf stehen alte, verfallene Häuser zum Verkauf. In Noyon, Chauny, Compiègne und Soissons werden jeden Winter Züge gestrichen. Auch die Busse fahren immer seltener. An den Ortseingängen stehen knallgelbe Schilder, darauf ein Auge (mit himmelblauer Iris) und die Warnung „Wachsame Nachbarn“. Trotzdem gibt es immer mehr Einbrüche. Seit zwanzig Jahren wird hier alles immer nur schlimmer.

... Ihre Nachbarn in der Umgebung sind meist alt und arm, in fast jeder Familie ist mindestens einer arbeitslos. Und dann wohnen da noch die „Pariser“, die offenbar „eine ruhige Kugel schieben“: höhere Angestellte oder Freiberufler, die in Compiègne, Soissons und Amiens arbeiten. Sie kaufen die Bauernhäuser wegen ihres „Charakters“ (und ihres Preises) und bauen sie dann völlig um.

...


Aus: "Mein Nachbar wählt Front National" Willy Pelletier, aus dem Französischen von Claudia Steinitz (25. 1. 2017)
Quelle: https://www.taz.de/Aus-Le-Monde-diplomatique/!5377301/

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« Reply #608 on: Januar 26, 2017, 09:57:02 vorm. »
Quote
[...] Jede aus Trumps Außenposition abgeleitete Diagnose von sachlicher Inkompetenz oder Ignoranz in Bezug darauf, wie Politik funktioniert, wirkt unter den Voraussetzungen dieses Spannungsfeldes [Viel wurde über die sachliche Inkompetenz des Milliardärs Donald Trump geschrieben, über seine Vagheit und Wankelmütigkeit in konkreten politischen Fragen. Mit fassungslosem Kopfschütteln, aber zugleich in genüsslicher Sensationslust, wurde er von zahlreichen Medienbeiträgen als wichtigtuerisch, aufbrausend, rassistisch und sexistisch beschrieben. Die Mehrheit der KommentatorInnen war sich noch wenige Stunden vor der Wahl darüber einig, dieser Mensch fällt charakterlich wie fachlich komplett durch.] wie die verzweifelte Selbstverteidigung eines im wunden Punkt getroffenen Milieus. Sie gibt tragischerweise noch mehr Wasser auf die Mühlen der massenmedialen Konstitution von Trump als Figur fataler Identifizierung.

Analysen, die davon ausgehen, die meisten Trump-WählerInnen hätten gegen ihre eigenen Interessen gestimmt, und dann fragen: “Wie kann es sein, dass sie sich derart ‚verführen‘ ließen?”, verpassen es, die auf êthos, Haltung und ‚Charakter‘ zielende (ethologische) Dimension des Wahlverhaltens zu bedenken. Anstatt WählerInnengruppen vorzurechnen, was ihre Interessen und daraus abgeleitet ihr rationales Wahlverhalten sind, würde eine diskutierenswerte umgekehrte Analysestrategie erkennen: Vielleicht zeigt der Wahlerfolg Trumps gerade, dass sich das prioritäre Interesse einiger WählerInnen (leider!) vielmehr darauf richtet, ‚einen Typen wie Trump‘ an der Spitze ihrer Regierung zu sehen.


Aus: "Fatale Identifizierung: Wie öffentliche Demütigungen Trump zum Wahlsieg verholfen haben" Rainer Mühlhoff (20.01.2017)
Quelle: http://berlinergazette.de/fatale-identifizierung-trump/

---

Quote
[...] Trump ist die Konsequenz aus einer sich über viele Jahre fortgesetzten machtelitären Politik, die der Verarmung und Verwahrlosung von Teilen der Gesellschaft zugesehen, und allenfalls viel zu spät minimalistisch korrigierend eingegriffen hat. Trump ist das Ergebnis einer tief gespaltenen Gesellschaft, von denen viele Menschen wissen, dass sie von den politischen Eliten im Stich gelassen wurden.

Auch in vielen Ländern Europas herrscht eine Stimmung vor, die gegen "die da oben", gegen das Establishment, gegen die Eliten gerichtet ist. Jahrzehnte des Neoliberalismus im Zeichen der Deregulierung, Privatisierung, Liberalisierung und des Sozialabbaus haben zu einem so schweren gesellschaftlichen Schaden geführt, dass nun wieder jene nationalistischen Kräfte an die politische Oberfläche gespült werden, von denen man lange gehofft hat, sie wären für immer in der Bedeutungslosigkeit verschwunden.

Doch sowohl in den USA als auch in Europa machen führende Politiker dieselben Fehler: Sehenden Auges erfolgt weiter eine Politik, die ignoriert, verkennt und nicht wahrhaben will. Das Ergebnis dieser Politik in den USA ist: Donald "You are fake news" Trump.


Aus: "Ein Anti-Establishment-Establishment-Präsident war und ist vielen großen Medien zu viel" Marcus Klöckner (25. Januar 2017)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Trump-will-alternativen-Medien-mehr-Raum-geben-3606731.html?seite=2

« Last Edit: Januar 26, 2017, 10:27:07 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #609 on: Februar 01, 2017, 09:45:16 vorm. »

Fondation Abbé Pierre
http://www.fondation-abbe-pierre.fr/

Quote
[...] Regelmäßig zum Jahresende oder Jahresbeginn erscheint der Bericht der Fondation Abbé Pierre. Seit vielen Jahren beschreibt er eine Abwärtskurve: Die Wohnungsverhältnisse für die Ärmeren in Frankreich werden immer miserabler, lautet verlässlich die Kernbotschaft. So auch im diesjährigen Bericht: 12,1 Millionen Personen sind in Frankreich erheblich von der Wohnungskrise betroffen, sei es, weil sie auf zu engem Platz in schlechten Behausungen untergebracht sind, von Räumung bedroht werden, oder weil sie selbst von billigen Mieten finanziell überfordert sind und sich auch keine Heizung leisten können.

Zähle man alle zusammen, die nicht in einer kritischen Lage sind, sondern in einer schwierigen, komme man sogar auf 15 Millionen Personen "en difficulté", heißt es in der zusammengefassten Bilanz, bei welcher der am schlimmsten betroffenen Personenkreis auf 4 Millionen geschätzt wird. Sie haben entweder gar kein Obdach, sind nur notdürftig untergebracht oder ohne einen persönlichen Raum.

An diesen mit großen Zahlen untermalten Schlaglichtern wird erkenntlich, was schon die vorgängigen Berichte ausgezeichnet hat (vgl. den Bericht von Ende 2015: Frankreich: 3,8 Millionen nur "notdürftig untergebracht"): eine Entwicklung, die zum noch Schlechteren tendiert und ein Zahlenwerk, das nicht wirklich übersichtlich ist und Wünsche nach präzisen Angaben erfüllt. Allerdings sprechen manche Aussagen für sich. Etwa, wie der Leiter der Fondation mitteilt, dass die Zahl der Personen ohne festen Wohnsitz binnen 10 Jahre um 50 Prozent gestiegen ist. Derzeit beträgt sie 143.000.

Für sich spricht auch die Aussage, dass 11 Millionen keine ausreichenden Mittel für eine ausreichende Strom,- Warmwasser oder Gasversorgung haben, was mit den gestiegenen Energiepreisen zu tun hat - seit 2000 sind sie um 70 Prozent gestiegen - und mit schlecht isolierten Wohnungen.

Anschaulich vorgeführt wird das Phänomen der "Energie-Prekarität" an Beispielen wie dem einer Familie, die mit weniger als 1.000 Euro im Monat auskommen muss, 550 Euro davon für die Miete bezahlt und 200 (!) Euro im Monat für den Strom. Der Mann ist arbeitslos, immer wieder wird der Strom wegen unbezahlter Rechnungen gekappt, was im Winter bedeutet, dass die Familie mit einem kleinen Kind tagelang keine Heizung hat.

Für die Ärmeren, die untere und die mittleren Klasse verschlechtere sich die Lage seit die Immobilienpreise in den 2000er Jahren angestiegen sind und der Finanzkrise ab 2008, stellt die Fondation fest.

Das sei drastisch an dem Anwachsen der Zahlen der Personen ohne festen Wohnsitz zu sehen und an der wachsenden Zahl der Personen, die bei einem Dritten, in einer Pension oder in provisorischen Behausungen Unterschlupf finden (insgesamt 753.000). Diese Zahl sei zwischen 2002 und 2013 um 19 Prozent gestiegen. Die Zahl derjenigen, die in zu engen Wohnverhältnissen leben (mindestens ein Zimmer fehlt in der Wohnung) hat zwischen 2006 und 2013 um 17 Prozent zugenommen.

Dieses Jahr unterscheidet sich von denen zuvor. Es ist Wahlkampf, die alles beherrschende Frage ist, ob die FN-Kandidatin Marine Le Pen Präsidentin werden kann. Die Wohnungsnot wäre ein Thema. Die Fondation Abbé Pierre und Frau Le Pen stehen auf keinem guten Fuß. Sie wird kaum auf die Zahlen zurückgreifen.

Aufgenommen haben das Thema die Kandidaten links von der Mitte, Benoît Hamon und Jean-Luc Mélenchon, wie auch der Grüne Yannick Jadot und der Mitte-Kandidat Emmanuel Macron. Sie haben sich in einer eigens angesetzten Wahlkampfveranstaltung mit dem Bericht auseinandergesetzt. Wie sich ihre Vorschläge dann in den letzten Wahlkampfwochen zu politischem Kapital machen lassen, ist aber noch nicht abzusehen.

Der Kandidat der konservativen Republikaner, François Fillon, der eine Nähe zur katholischen Kirche hat, kämpft derzeit mit einem Skandal, der sich weiter auswächst. Nun wird ihm nicht nur zur Last gelegt, dass er seiner Ehefrau über fiktive Anstellungen zu 900.000 Euro verholfen hat, sondern auch seine Kinder in ähnlicher Weise begünstigt hat.


Aus: "Frankreich: Die Wohnungsnot wächst" Thomas Pany (01. Februar 2017)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Frankreich-Die-Wohnungsnot-waechst-3613553.html


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« Reply #610 on: Februar 02, 2017, 12:02:45 nachm. »
Quote
[...] Die Autorin Deborah Feldman wuchs in der chassidischen Satmar-Gemeinde in Williamsburg, New York, auf. Ihre Muttersprache ist Jiddisch. Sie studierte am Sarah Lawrence College Literatur. Ihre autobiografische Erzählung „Unorthodox“ erschien 2012 bei Simon & Schuster und war auf Anhieb ein New-York-Times-Bestseller mit einer Millionenauflage. 2014 folgte, ebenso aufsehenerregend, „Exodus“ bei Penguin. Heute lebt die Autorin als Schriftstellerin mit ihrem Sohn in Berlin und arbeitet an einem neuen Buch, das erzählt, was sie dorthin führte.

Nichts empört mich so sehr wie die Empörung selbst. Ich sehe das Entsetzen in den Gesichtern verblüffter Politiker, in ihrer Selbstzufriedenheit gestörte Journalisten, bestürzte Eliten und mürrische Pseudoliberale. Sie können nicht glauben, dass das System, das für sie bisher funktioniert hat, sich ändern könnte. Denn sie verstehen nicht, dass die Welt für viele Menschen anders aussieht als für sie.

Haben sie wirklich erwartet, dass Leute, die ein halbes Jahrhundert die Kosten eines globalen Neoliberalismus getragen haben, der sich als Sozialdemokratie tarnt und das Banner der Menschenrechte hochhält, um Ausbeutung, Korruption und Gier zu verbergen, sich nicht wehren würden? Können gebildete Menschen tatsächlich von der vollkommenen Absage an ein System überrascht sein, das vor allem ihnen selbst Vorteile verschafft?

Wenn die Verwunderung der Politiker, Experten und Pressesprecher echt ist, dann ist die Entfremdung von denen, die sie repräsentieren sollen, wirklich beängstigend: Es zeigt ihre absolute Ignoranz gegenüber Menschen, mit der sie ihre Welt teilen müssen. Diese Menschen, die wir als hässliche Karikaturen der Dummheit und Wut darstellen, können nicht so einfach zurückgewiesen werden, wie wir es gerne hätten. Sie haben eine Stimme – und Demokratie bedeutet, dass die genauso wertvoll und wichtig ist wie unsere.

Nach all den Jahren, in denen wir sie ignoriert haben, haben die Menschen endlich einen Weg gefunden, uns zum Zuhören zu zwingen. Das ist unsere Schuld. Klar, die Verantwortung liegt zuallererst bei den Politikern, die Unternehmer- und private Interessen über die der Bürger und Bürgerinnen stellen, bei den Medien, die auf populistisch geäußerte Unzufriedenheit mit herablassendem Ton reagieren, der dazu taugt, alle diejenigen Verachtung und Scham spüren zu lassen, deren Meinung vom Mainstream als unangenehm empfunden wird.

Die meiste Schuld aber trägt die privilegierte Elite, die Toleranz und Offenheit predigt, die nur innerhalb ihres eigenen Weltbilds Gültigkeit besitzen. Allen anderen Meinungen begegnen sie mit Abscheu. Das kann sich bequem und moralisch richtig anfühlen, aber es ist eine „Kopf in den Sand“-Haltung – eine kurzsichtige, verantwortungslose Position.

Ich bin US-Staatsbürgerin. Ich lebe in Berlin, aber ich komme aus New York City, einer Bastion der linksliberalen Elite. Meine teure Ausbildung an einer privaten Universität verschaffte mir gerade genug Beziehungen, um meinen Traum von Erfolg zu realisieren, aber nun habe ich Hunderttausende Dollar Schulden wegen des Studiums.

Ich habe in meinem Land als „Loser“ begonnen, als junge alleinerziehende Mutter ohne Highschool-Abschluss. Dann machte ich das, was von allen Amerikanern immer noch als allgemein für jeden gültig gesehen wird: Ich zog mich am eigenen Schopf aus dem Sumpf – und wie über Nacht lebte ich den „American Dream“. Aber was man lernt, wenn man das tut, ist: Weil man selbst eine Gelegenheit nutzt, werden Tausende andere ebendiese Gelegenheit nicht bekommen. Die große Täuschung liegt darin, dass es nur eine begrenzte Anzahl „American Dreams“ gibt: Jeder Erfolg kostet Tausende Misserfolge.

Denen, die versagen, wird vermittelt, es sei ihre Schuld. Menschen wie ich hätten härter gearbeitet und den Erfolg daher verdient. Eine praktische Lüge, die es den Reichen erlaubt, reich zu bleiben, ohne auch nur den Anflug eines schlechten Gewissens zu haben. Manche behaupten, wir lebten in einer Leistungsgesellschaft – aber wenn dem so ist, leben wir in einer unaufrichtigen. In Amerika steigen wir nicht auf, wenn wir es verdienen. Wir steigen auf, wenn wir die „richtigen“ Menschen an den „richtigen“ Stellen kennen. Das ist genau die Formel, die es mir ermöglichte, in der brutalen Wirtschaft der Vereinigten Staaten erfolgreich zu werden. Und ob ich es verdient habe oder nicht, ist eigentlich irrelevant. Ohne den Zugang zu den Kreisen der Elite, wäre alles, was ich zu bieten habe, egal gewesen.

In der Welt derjenigen, die es geschafft haben oder – was heute wahrscheinlicher ist – deren Vorfahren es geschafft haben, gibt es einen unausgesprochenen Konsens, die Privilegien in einem kleinen Kreis zu halten. Nur ab und an öffnet er sich, um die hineinzulassen, die als würdig erachtet wurden – und um den Eindruck zu erwecken, es sei noch möglich, sich hochzuarbeiten.

Dass es Trump gelungen ist, die Amerikaner diese dreiste Lüge glauben zu machen, zeugt davon, dass die Rechte eins schnell gemerkt hat: Es ist notwendig, die Verstimmung vieler in ihre Überlegungen miteinzubeziehen und für sich zu nutzen, bis sie zu einem Werkzeug zur Umsetzung des eigenen Programms wird. Es ist entmutigend zu sehen, wie die Linke taumelt bei dem Versuch, mit dieser Stimmung umzugehen. Sie leidet unter ihrer eigenen moralischen Empörung, weil sie eine Stimmung anerkennen und legitimieren muss, die sie selbst bestenfalls als geschmacklos empfindet.

Wir Linke müssen lernen, uns nicht weiter abzugrenzen. Wir müssen aufhören, den Gläubigen zu predigen, und wieder lernen, die Menschlichkeit derjenigen zu sehen, die unsere Meinung nicht teilen, statt die unaustilgbaren Unterschiede mit unseren Schwarz-Weiß-Meinungen und verächtlichen Beleidigungen noch zu unterstreichen. Demokratie ist ein Kompromiss, der nur möglich wird, wenn alle Stimmen einen Platz in der Regierung finden. Wenn ein Teil unterdrückt oder abgewiesen wird, riskieren wir nicht nur die Untergrabung ihrer Freiheit, sondern auch unserer.

Als die Nachrichten von Trumps Sieg kamen, wachte ich gerade hier in Berlin auf. Mein erster Gedanke war: Wie gut, dass ich nicht dort bin. Anfangs empfand ich tiefe Dankbarkeit und Glück, in diesem Land eine Zukunft zu haben. Aber schon bald spürte ich eine Angst in mir aufsteigen.

Populismus ist ein weltweiter Trend. Wer oder was könnte noch davon ausgenommen sein? Die Bürger Amerikas, die sich über die Kosten der globalen neoliberalen Politik empören, sind nicht so anders als die in Europa. Ob wir es anerkennen können oder nicht: Jeder von uns, außer denen ganz oben, ist auf die eine oder andere Weise betroffen. Mit der Wut – ob unangebracht oder angebracht – müssen wir uns alle beschäftigen.

Auch hier finden bald Wahlen statt und dann wird Entsetzen keine glaubwürdige Reaktion mehr sein. Europäische Politiker haben noch die Chance zu reagieren, bevor die Enteigneten und Entrechteten ihre Stimme unüberhörbar erheben. Sie sollten im Kopf behalten, dass sie alle Menschen repräsentieren sollten, statt diese Aufgabe populistischen Demagogen zu überlassen. Letztendlich beginnt Veränderung mit Menschen wie uns.

... Lasst uns unsere Empörung und unsere Entrüstung beiseiteschieben und lernen, Menschlichkeit auch in den Menschen zu sehen, die anders denken, aussehen und handeln als wir. Und das unabhängig von ihren politischen Überzeugungen.

Ich möchte nicht von der biblischen Verpflichtung sprechen, diese Menschen lieben zu müssen, sondern davon, dass wir sie akzeptieren müssen, weil wir ein gemeinsames Schicksal teilen.

Aus dem Amerikanischen von Valerie Höhne

Quote
B. Wondraschek
11.11.2016, 18:18

Der Neoliberalismus hat vieles zerstört. Das sehen Abgehängte wie Priviligierte.
In der Mitte von CDU bis Grün sind aber nur noch Neos, also alle ohne politischen Kredit.
Die Nationalisten und Rassisten haben als einzige einen Masterplan entwickelt: Zurück in die Vergangenheit - beschissen aber anscheinend zunehmend überzeugend. Links von den Neos ist man ratlos. Es gibt keine Partei, die einen mitreißenden linken Masterplan besitzt. Da ist Nachholbedarf.


Quote
Norbert M. Gebauer
11.11.2016, 12:57

Was soll ich der Linken sagen? Als Kind eines Hausmeisters und einer Kassiererin komme ich wohl aus dem unteren Arbeitermilieu, wo Bildung keine Rolle spielt, außer Bild und Fernsehen. Ich machte Hauptschulabschluss. Handwerkerlehre ab 15. Gearbeitet. Irgendwann holte ich das Abi nach, ging an die Uni, wurde Hauptschullehrer.

Ich glaub ich kann sagen: ich kenne das Arbeitermilieu aus dem Effeff und kam auch in Berührung mit der Bildungsschicht, heute eine Linksdomäne. Spätestens nachdem ich mein Abi nachholte spürte ich den Aufstieg, wie man anders wahrgenommen wird. Man ist der selbe Mensch wie im Blaumann, aber eben Abiturient, Student, Lehrer. Das ist wie wenn man in stinkender Arbeitsklamotte zum Bäcker geht oder im Anzug. Glaubt mir: im Anzug sind die Bäckersfrauen viel sorgsamer, ob alles passt, als beim Arbeiter. Aber als jemand der antrat: "ich schaffte es, jedes Kind auf der Hauptschule kann es schaffen". Bei den Lehrern mit Standartlebenslauf: Eltern Akademiker, war das anders: die Kids wurden für dümmer gehalten. Und schon auf der Uni machte ich die ersten Erfahrungen mit Menschen, die 20 sind, frisch von daheim raus und sich als "die Elite" sehen. Durchaus mit linken Einstellungen ... Sowas war mir bis dato neu.

Man könnte viel sagen, die Spalte reicht nicht. Aber: die Linke ist einfach unglaublich arrogant und hochnäsig geworden. Besserwisserisch. Auf alles hinabschauend, was nicht auf ihrem Level ist. Und dann will man sich als Partei für die Schwachen sehen? Die sollen sich für Linke interessieren? Allein wenn man hier die Kommentare liest. Das Abgeläster. Und der dumme Weisse. Lasst doch so nen Blödsinn! Wer seid Ihr? Außerdem zerpflückt und zerstückelt sich die Linke gegenseitig. Es gibt gar nicht "die Linke". Wie wollt Ihr so Massen mobilisieren?


Quote
Daniel Neuburg
11.11.2016, 14:47

... Komisch, die Arroganz und Großkotzigkeit von Herrn Trump hat die 71% der weißen Männer ohne Collegeabschluss nicht davon abgehalten, Trump zu wählen. ... Ihre Frage bleibt natürlich berechtigt, wie können diese Wählerschichten zurückgewonnen werden? Bisher hat darauf niemand eine Antwort. Bernie Sanders ist in den USA gescheitert und die unprofessionellen Versuche von Sahra und Oskar in Deutschland sind ja verständlicherweise nicht so besonders gut angekommen. Eine Alternative linke Strategie von SPD/GRÜNEN/LINKSPATEI ist aber leider auch nicht in Sicht, da diese Parteien, insbesondere bei den Themen Umverteilung, soziale Gerechtigkeit und Steuergerechtigkeit, sich viel zu uneinig sind. Ich sehe leider auch in Deutschland eine blau schwarze Zukunft am Horizont heraufziehen und was dies im Hinblick auf die Menschenrechte und dem daraus resultierenden Diskriminierungsverbot/Minderheitenschutz bedeutet, ist wohl allen taz Lesern klar.


Quote
Norbert M. Gebauer
11.11.2016, 17:12

@Daniel Neuburg Was bringt es gleich wieder, den fehlenden Collegeabschluss bei Wählern zu erwähnen? Ich hörte auch schon anderes ...


Quote
Daniel Neuburg
11.11.2016, 22:41

@Norbert M. Gebauer Ach diese Fokussierung auf den Hochschulabschluss ist nicht von mir, sondern von der FAZ, übrigens keine linkes Blatt:
Die weiße Revolution - Weiße Amerikaner ohne Hochschulabschluss verschafften Donald Trump einen riesigen Vorsprung.
http://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/analyse-zur-us-wahl-2016-wer-waehlte-wen-14520011.html


Quote
H.G.S.
11.11.2016, 15:38

@Norbert M. Gebauer Dass hier in den Kommentarspalten sehr viele, affektierte Pseudo-Linke herumgeistern, wurde doch schon des Öfteren debattierend reklamiert?


Quote
roi
11.11.2016, 14:02

@Norbert M. Gebauer Mein persönlicher Lebenslauf ist noch ein wenig extremer verlaufen, aber ohne jetzt ins Detail zu gehen, kann ich trotzdem sagen das ich dich zu hundert Prozent verstehe.

Die Linken heutzutage sind ja nicht unbedingt aus der Oberschicht, sondern eher aus der gutsituierten Mittelschicht, wähnen sich aber aufgrund ihrer politischen Bildung ausserhalb jeder Klassenzugehörigkeit. Das ist eine Lüge, niemand ist frei von seiner persönlichen Sozialistation.

Ich persönlich kann mit einfachen Arbeitern unter vier Augen wunderbar über Sexismus, Rassismus etc. reden und das tolle daran ist; sie hören mir zu und nehmen meine Argumente ernst, weil ich ihre Sichtweise kenne und auf ihrer Ebene argumentieren kann. Für alle Akademiker: Mit "Ebene" meine ich in diesem Zusammenhang nicht "fehlendes Niveau", ich meine damit eher weniger zu moralisieren, mehr zuhören, direkte Worte und schroffe Ausdrucksweisen zu akzeptieren und vorallem; seine eigenen Erfahrungen im persönlichen Umfeld nicht automatisch über die Erfahrungen anderer zu stellen.


Quote
Justin Teim
11.11.2016, 11:49

Das Weltbild des anderen - genau da fängt der "Stress" an.


Quote
Tom Farmer
11.11.2016, 12:15

@Daniel Neuburg Dass die Abgehängten diejenigen waren die Trump wählten wurde bereits in der Wahlnacht von ARD Staistiker Schönborn, Maischberger widerlegt. Unternehmer, Studierte, Mittelschicht, die waren alle auch dabei. Selbst Latinos in Florida wenn ich das richtig gelesen habe bis 30 %.

Es nützt nix von Links und Lafontaine oder wie bei IHnen genannten einfachen Argumente wiederzukäuen.
Wenn wir uns den Ängsten der Leute nicht seriös stellen und nur als idiotisch Verblendete betrachten gehts in dieser Richtung weiter.
Die Verantwortung tragen wir alle, auch die von links, insbesondere die Linken die nach ständiger Selbstbestätigung heischen..


Quote
cursed with a brain
11.11.2016, 15:57

@cursed with a brain Zitat: "Wir müssen aufhören, den Gläubigen zu predigen, und wieder lernen, die Menschlichkeit derjenigen zu sehen, die unsere Meinung nicht teilen, statt die unaustilgbaren Unterschiede mit unseren Schwarz-Weiß-Meinungen und verächtlichen Beleidigungen noch zu unterstreichen. Demokratie ist ein Kompromiss, der nur möglich wird, wenn alle Stimmen einen Platz in der Regierung finden."

Es gibt Positionen, die unvereinbar sind, Positionen die ich in keiner Regierung sehen will. Rassisten und Sexisten, Menschen die andere aufgrund von Äußerlichkeiten herabsetzen, ihre Rechte absprechen und ausgrenzen, sollten in keinem Land der Erde Einfluß auf die Politik haben.

Das meiste dessen, was jetzt Trump und seine Anhänger verkörpern, gehört dazu. Er wird soziale Unterschiede innerhalb der unteren 70% der amerikanischen Gesellschaft verschärfen. Und er wird die ökonomische Distanz der oberen 5% der Gesellschaft zum Rest vervielfachen. Nichts von dem, was Trump vor hat und was er in den nächsten vier Jahren umsetzt, hat den Respekt von Demokraten, Antirassisten, Weltbürgern und Verfechtern der Menschenrechte und Menschenwürde verdient.

Gar nichts.


Quote
Günter
10.11.2016, 22:17

Deborah Feldman is going to make the taz great again!


Quote
dasOimel
10.11.2016, 20:23

Selbstgerechtigkeit - das Wort steht zwar nicht Text, ist aber genau das Laster, das wir Linke uns dringend abgewöhnen sollten.


...


Aus: "Das Weltbild der anderen" Deborah Feldman (10. 11. 2016)
Quelle: https://www.taz.de/!5353396/

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« Reply #611 on: Februar 08, 2017, 04:49:25 nachm. »
Quote
[...] Für junge Hartz-IV-Empfänger gelten strengere Strafen als für ältere. Schon beim ersten Pflichtverstoß bekommen sie im Extremfall drei Monate lang nur die Kosten für ihre Miete erstattet, aber kein Geld für das tägliche Leben mehr ausgezahlt. Bei wiederholten Pflichtverletzungen innerhalb eines Jahres entfällt der Hartz-IV-Bezug für bis zu drei Monate vollständig. Bei älteren Arbeitslosen wird der Hartz-IV-Satz im Konfliktfall mit dem Amt deutlich langsamer gekürzt.

In der Studie zeigte sich, dass junge westdeutsche Männer nach der ersten Sanktion doppelt so häufig dazu motiviert werden können, einen sozialversicherungspflichtigen Job anzunehmen als vorher. Bei der zweiten Strafe erhöhe sich die Rückkehrwahrscheinlichkeit in den Arbeitsmarkt um weitere 150 Prozent. Sanktionen können also – wie von der Politik gewünscht – zwar ein Anreiz für junge Menschen sein, sich mit der Arbeitssuche ernsthafter auseinanderzusetzen.

... Die IAB-Studie plädiert für eine "Reform des Sanktionssystems, die sehr einschneidende Leistungsminderungen durch Sanktionen vermeidet, aber Anreize zur Arbeitsuche aufrechterhält". Außerdem solle es auch bei wiederholten Verstößen eine Obergrenze für die verhängten Strafen geben. Gerade alleinlebende Hartz-IV-Empfänger hätten niemanden, der ihnen sonst mit Geld für den täglichen Bedarf aushelfen könnte. So kommt es im Moment bei Sanktionen noch zu teilweise erheblichen Einschränkungen der Lebensbedingungen für junge Arbeitslose – etwa durch eingeschränkte Ernährung, Abschalten von Strom und Gas wegen nicht bezahlter Rechnungen und Wohnungsprobleme bis hin zur Obdachlosigkeit.

Quote
paint_it_bunt #4, Redaktionsempfehlung

"Schon beim ersten Pflichtverstoß bekommen sie im Extremfall drei Monate lang nur die Kosten für ihre Miete erstattet, aber kein Geld für das tägliche Leben mehr ausgezahlt. Bei wiederholten Pflichtverletzungen innerhalb eines Jahres entfällt der Hartz-IV-Bezug für bis zu drei Monate vollständig. Bei älteren Arbeitslosen wird der Hartz IV-Satz im Konfliktfall mit dem Amt deutlich langsamer gekürzt. "

Wie lässt sich das mit unserem GG vereinbaren? Das sollte man mal ändern... und welche Partei hat das überhaupt eingeführt?



Quote
Willy Wusel #4.5

"Wie lässt sich das mit unserem GG vereinbaren?"

"Urteil des Bundesverfassungsgerichts - Hartz-IV-Sanktionen bleiben vorerst" (2. 6. 2016)
Karlsruhe weist eine Prüfungsvorlage des Sozialgerichts aus Gotha zurück. Das Jobcenter darf Leistungen kürzen, wenn jemand ein Angebot ausschlägt.
http://www.taz.de/!5307046/

Das Bundesverfassungsgericht sieht keine Eile und möchte die Betroffenen lieber noch eine Weile weiter hungern oder frieren oder ohne Wohnung lassen...


Quote
Hägar der Dickliche #6

So plötzlich. Und doch nicht überraschend.
Panik im Gefüge. Endlich bewegt sich was.


Quote
Egoldr #12, Redaktionsempfehlung

Was ist die Kernaussage: Bei den meisten wirken Sanktionen und nur bei einem Teil nicht.
Wenn die Sanktionen gemildert werden, was könnte eine mögliche Folge sein?

Dass die Sanktionen an Wirksamkeit einbüßen.

Will man das in Kauf nehmen, nur weil man vermeiden will, dass bei der kleinen Gruppe, die nicht auf die Sanktionen mit gewünschtem Verhalten reagiert, die Sanktionen zu unerwünschten Folgen und Verhalten führen?

Glaubt man wirklich die scheinbar "Unbelehrbaren" würden durch diese Milderung gewünschtes Verhalten zeigen? - Das erscheint mir durch Erfahrungen kaum belegbar!

Harte Strafen und hohe Auflagen bewirken im Jugendstrafrecht bei bestimmten Jugendlichen wenig bis nichts - milde Strafen und Auflagen aber noch viel weniger, besonders bei denjenigen die noch auf "harte" Maßnahmen positive Verhaltensweisen zeigten.
Im übrigen: Irgendwann sollten Menschen auch Erwachsen werden und die Gesellschaft sollte begreifen, dass Erziehung bzw. erzieherische Intentionen kein Allheilmittel sind, um gewünschtes Verhalten bei allen Menschen herbeizuführen.

Quote
Krispian #12.1

Eben, erzieherische Maßnahmen bringen eh nichts. Mal daran gedacht, dass es gar nicht darum geht die unbelehrbaren zu belehren? Soll doch jeder für sein Leben selbst verantwortlich sein. Wie kommen einige dazu anderen sagen zu wollen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen?! Es geht darum Menschen nicht verrecken zu lassen. Zumal wenn der Aufwand kein großer ist. Diese richten sich dann ein mit ihrem geringen Einkommen in der Gesellschaft, mit 100 Euro die Woche zum Leben? Sollen sie doch, ist ihr Leben!



...


Aus: "Arbeitslosigkeit: Forscher empfehlen Reform der Hartz-IV-Sanktionen" (8. Februar 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-02/arbeitslosigkeit-studie-hartz-iv-reform


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« Reply #612 on: Februar 08, 2017, 05:15:24 nachm. »
Quote
[...] Die Vorstände mehrerer Dax-Konzerne wehren sich gegen die Pläne der SPD, die Höhe von Managergehältern gesetzlich zu deckeln. "Die Vorgabe einer Höchstquote wäre ein deutlicher Eingriff in die Eigentümerrechte", warnt Nikolaus von Bomhard, Vorstandsvorsitzender der Münchener Rück, in der ZEIT. Persönlich empfinde er seine Vergütung als angemessen, im internationalen Vergleich seien die Vorstandsgehälter in seinem Unternehmen aber "sehr moderat". Von Bomhard erhielt nach Angaben der Münchener Rück im Jahr 2015 ein Vergütung von 4,5 Millionen Euro.

Die SPD schlug im Januar eine gesetzliche Maximalquote zwischen der Vergütung von Vorstandschefs und dem durchschnittlichen Mitarbeitergehalt in ihren Unternehmen vor.

Bayer-Vorstandschef Werner Baumann hält eine solche Quote für weltfremd. "Beschäftigungsstrukturen und durchschnittliche Einkommen unterscheiden sich von Branche zu Branche erheblich, eine zwangsläufig generalisierende Höchstquote für alle Unternehmen ist kontraproduktiv", sagt er.   

Auch die Chefs anderer Dax-Konzerne verteidigen das aktuelle Vergütungsmodell. Die ZEIT hatte alle 30 um ihre Einschätzung gebeten. "Deutschland hat mit der sozialen Marktwirtschaft ein exzellentes Wirtschaftsmodell und steht im internationalen Vergleich hervorragend da", sagt zum Beispiel adidas-Vorstandschef Kasper Rorstedt und verweist auf die gute Beschäftigungslage und steigende Realeinkommen. "Das belegt doch, dass die deutschen Unternehmen und ihre Lenker zum überwiegenden Teil einen guten Job machen und ihre Unternehmen zum Wohle der Gesellschaft führen."

Auch die Union sieht den Vorschlag der SPD kritisch. "Manche Manager haben den Kontakt zur Realität und zur Lebenswirklichkeit ihrer Angestellten völlig verloren. Die wollen hierzulande eine Altersabsicherung wie deutsche Beamte und bezahlt werden wie in den USA", so Jens Spahn, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, in der ZEIT. Das Thema sei für ihn aber eher "eine Frage des Anstands. Man muss da nicht immer gleich Gesetze machen".

Im Jahr 2015 lagen die durchschnittlichen Gehälter der Vorstandsvorsitzenden in Deutschland bei 5,1 Millionen Euro, wie die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) mitteilte. In Frankreich lag der Durchschnitt mit 4,7 Millionen Euro etwas niedriger, in der Schweiz mit 6,8 Millionen Euro etwas höher. Deutlich mehr wurde mit umgerechnet 16,4 Millionen Euro in den USA gezahlt.

Laut der Studie war Daimler-Chef Dieter Zetsche im Geschäftsjahr 2015 Topverdiener unter den Managern der 30 Dax-Unternehmen. Er bekam 8,5 Millionen Euro. Im Gegensatz zu anderen Jahren habe 2015 kein Vorstandschef einen zweistelligen Millionenbetrag kassiert.

Für die SPD ist das Thema Vorstandsgehälter delikat, da das ehemalige VW-Vorstandsmitglied Christine Hohmann-Dennhardt, eine frühere SPD-Politikerin, Berichten zufolge eine Abfindung von mehr als zwölf Millionen Euro bekommt.

Die VW-Manager waren in der Vergangenheit absolute Topverdiener. Der ehemalige Konzernchef Martin Winterkorn bekam zu Spitzenzeiten 17,5 Millionen Euro. Im Aufsichtsrat des Wolfsburger Unternehmens sitzt traditionell der Ministerpräsident von Niedersachsen, seit 2013 ist das der SPD-Politiker Stephan Weil. Der Aufsichtsrat von Volkswagen erwägt derzeit, die Managergehälter im Konzern auf maximal 10 Millionen Euro jährlich zu deckeln.

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serp #1

Es gibt da so Dinge da sollte man besser den Mund halten. Sein eigenes Milliongehalt als moderat zu bezeichnen ist so eins.


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Silver33 #1.6

"Topmanager lehnen Begrenzung ihrer Gehälter ab"

Das erstaunt mich jetzt wirklich. Bis dato dachte ich immer, dass Spitzenmanager in tiefstem Herzen eigentlich Altruisten und echte Gutmenschen sind, die die Last der Verantwortung auf sich nehmen, um vielen anderen ein sorgenfreies Arbeitsleben zu ermöglichen.
Wenn ich nun lese, dass sie eine Begrenzung ihrer aufgedrängten Millionengehälter ablehnen, dann ist das ein schwerer Schlag gegen mein bisheriges Weltbild. Fast könnte man dem bösen Verdacht erliegen, diese Top-Manager machen ihren Job aus Lust an Macht UND Geld...


Quote
sermonis.libertas #1.12

Es gibt da so Dinge da sollte man besser den Mund halten. Sein eigenes Milliongehalt als moderat zu bezeichnen ist so eins. Das lässt einen nur als Gierschlund dastehen der völlig den Sinn für die Realität von Verdienststrukturen verloren hat.

Sobald man über die diese Gehälter spricht, kommt einer daher und möchte diese notwendige Diskussion mit der Keule "Neiddebatte" ersticken.
Nein, es ist keine Neiddebatte. Es ist eine notwendige Debatte, wenn man sich anschaut, wie es um die Demokratien und unsere Gesellschaft steht. Es ist eine Debatte der Gerechtigkeit, eine, die wir führen müssten, wenn all die Topmanager nicht irgendwann vor einem Scherbenhaufen stehen möchten, den zum großen Teil ein nicht mehr gesunder und maßloser Kapitalismus und die Gier zu Verantworten hat.

Machen Sie mal die Augen und Ohren auf. Topgehälter sind nur ein Symptom von dem was schief läuft. Der gesamte Geldmarkt ist außer Kontrolle. Aber gewisse Personen merken das erst, wenn sie sich wieder bettelnd an Staat und Steuerzahler wenden müssen. Erbärmlich, hier immer wieder von Neiddebatte zu sprechen, ganz so, als hätte es das letzte Jahrzehnt und seine Verwerfungen, die bis heute andauern nicht gegeben.


Quote
Runkelstoss #1.18

Meiner Meinung nach ist das eine pure Neiddebatte, mich interessiert nicht im geringsten was der Vorstand von einem DAX Konzern verdient

Wenn jemand winterkonrnsmaesig ein Weltunternehmen an die Wand faehrt, Tausende entlasen werden und das ganze dann mit 3000 EUR/Tag belohnt wird, bin ich icht neidisch sondern stinksauer.


Quote
Dr. Ole De These #1.29

Millionengehälter als moderat zu bezeichnen ist auch nur eine Facette gefühlter Wirklichkeit. Jeder lebt halt in seiner Blase. Es ist allerdings als kritisch zu bewerten, wenn sie gleichzeitig das Einkommen Anderer als gerecht bezeichnen, nachdem sie diese in den letzten Jahren von einem regulären in ein Zeitarbeitsverhältnis gedrückt wurden. Das ist letztlich nichts anderes als Klassenkampf von oben. Es sollte aber auch in Betracht gezogen werden, dass alles, was sie tun von der Politik und womöglich der Mehrheit der Gesellschaft gebilligt wird.


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Ihr Schreiben ist in unserem Papierkorb eingegangen, #1.40

Und das Gehalt von anderen Leuten geht Sie genau was an? Meiner Meinung nach ist das eine pure Neiddebatte, ...

Wenn das dieselben Manager sind, die "Lohnzurückhaltung" propagieren, prekäre Beschäftigung wie Zeitarbeit forcieren und kettenbefristete Jobs zum Standard in ihren Unternehmen machen, geht das die Öffentlichkeit sehr wohl etwas an.

wir haben in der öffentlichkeit nicht darüber zu urteilen, was eine unternehmensinterne entscheidung ist.

"Wir" haben nur den Mindestlohn zu kritisieren, "Lohnzurückhaltung" zu fordern usw.


Quote
Nikolaus12345 #1.34

Natürlich haben wir darüber zu diskutieren, wie die Ressourcen der Welt aufzuteilen sind. Es ist mitnichten so, dass unser kapitalistisches System "gottgegeben" oder sonstwie vorgeschrieben ist. Selbstverständlich können wir unser Wirtschaftssystem ändern oder auch modifizieren.


Quote
jim_knopf #1.56

Natürlich ist das eine Neiddebatte. Und da nicht nur Gier, sondern auch Neid blind macht übersieht man die Folgen von Preisdeckelungen im Allgemeinen und somit auch bei Gehältern. Nachzusehen in jedem VWL-Lehrbuch irgendwo auf den ersten Seiten oder in der Praxis wäre die Politik von Hugo Chavez (VEN) so ein Beispiel. Der musste vor ca. 15 Jahren die Preise lebenswichtiger Güter deckeln "vergaß" dabei aber, dass kein Bäcker morgens früh aufsteht, um Brötchen zu backen, an denen er nichts mehr verdient. Die Folgen dieser Politik hat er an seinen Nachfolger vererbt, es gibt halt nun keine Brötchen mehr.

Wer die Kurve zu den Managergehältern nicht bekommt: Die guten werden vom Ausland weggelockt und die Pfeifen bleiben hier, mangels alternativer Angebote. Ist es das was wir wollen? Einen Vorteil hätte das allerdings. Dann würde auch der letzte Nörgler erkennen, dass nicht alle(!) Manager nur Pfeifen waren und was es bedeutet, wenn es so kommt, wie man es jetzt schon immer behauptet.


Quote
Griesoss1 #6

"Ihre Gehälter seien doch moderat. "
Besonders die Zuwächse der Managergehälter in den letzten Jahren im Vergleich zu den Lohnsteigerungen von Otto Normalverbraucher in dieser Zeit.


Quote
Kulturliebhaber #5

Warum nicht eine Obergrenze z.B. bei dem 50 oder 100-fachen des am "schlechtesten" verdienenden des jeweiligen Unternehmens festlegen?


Quote
deutscherinparis #8

Meine US-Kollegen verdienen auch locker das 3fache wie ich. Unser Top-Management sagt, dass das normal (und nicht moderat) ist, Marktwert. Warum gilt für die Vorstände etwas anderes? Wie viele deutsche Vorstände wurden denn in den letzten Jahren in die USA abgeworben?


Quote
auch das sitzen wir aus #17

Selbst bei einer Deckelung von 10 Millionen bekommt dieser Manager 27.397 €/Tag.
"Bekommt" habe ich bewusst gewählt, denn denn diese Summe kann sich niemand verdienen.
Sorry das ist krank!
Wäre das hundertfache eines Arbeiterlohns oder Angstelltengehalts von sagen wir mal 3000 €/monatlich nicht genug?
Also etwa 822 €/Tag für den sogenannten Manager.

Quote
Franzl321
#17.1  —  vor 5 Stunden

"Also etwa 822 €/Tag für den sogenannten Manager."

Nein. Das verdient z.T. schon die unterste Managementebene. Das ist ja gerade das Problem. Je größer das Unternehmen, desto mehr Stufen gibt es und desto mehr Gehaltsunterschiede muss es geben. In Ihrer Rechnung steckt aber irgendwo der Wurm drin....



Quote
LaPaloma #18

Man fragt sich schon, weswegen die Meinung von so wenigen Personen mit so hohen Einkommen nennenswerte Relevanz besitzen sollte. Mir ist nciht bekannt, dass man vor Einführung der Hartz-Reformen Betroffene angehört hätte.

Aus weiteren Nachrichten:
*Fußballverband teilt mit, der Sport sei sauber*
*Steuerflüchtlinge machen geltend, dass die Menschrechtslage für ihr ins Ausland gezwungenes Vermögen desolat sei*
*Wolf kann sich auch nicht erklären, was aus den ersten sechs Geißlein wurde*
*Minister erklärt noch mal ganz ehrlich, die Rente sei sicher*
*ehemaliger Bahnchef hoch und heilig: "Niemand hat vor, einen Flughafen zu bauen."*
*Kanzleramtschef versichert: "Die Sache ist vom Tisch."*


Quote
NaDaSchauHer #20

"Topmanager lehnen Begrenzung ihrer Gehälter ab"

Alles andere wäre wohl auch eine Sensation gewesen ...^^


...


Aus: "SPD-Vorschlag: Topmanager lehnen Begrenzung ihrer Gehälter ab" (8. Februar 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-02/spd-managergehaelter-grenze-eingriff-eigentum-dax-chef

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« Reply #613 on: Februar 08, 2017, 05:18:06 nachm. »
Quote
[...] Die Zahl der von Armut oder Ausgrenzung bedrohten älteren Menschen in Deutschland ist in den vergangenen Jahren auf fast sechs Millionen gestiegen. Wie aus Daten des Europäischen Statistikamts Eurostat hervorgeht, waren im Jahr 2010 noch 4,9 Millionen Menschen im Alter ab 55 Jahren betroffen. Bis 2015 stieg deren Zahl auf 5,7 Millionen, das entspricht 20,8 Prozent – etwa einem Fünftel. EU-weit liegt der Anteil mit 20,7 Prozent nur leicht unter dem in Deutschland. Die Daten für 2016 liegen noch nicht vor.

Von Armut ist betroffen, wer mit einem Einkommen von weniger als 60 Prozent des Durchschnitts auskommen muss. Die Menschen können sich übliche Alltagsgüter oft nicht leisten oder leben in Haushalten, in denen die Bewohner im arbeitsfähigen Alter kaum arbeiten.

"In der zunehmenden Armut Älterer spiegelt sich die gesamte Problemlage im Bereich Arbeit und Soziales: Hoher Anteil von Niedriglöhnen am deutschen Arbeitsmarkt, hohe Erwerbslosigkeit von Älteren und immer öfter Armutsrenten", sagte die Linken-Politikerin Sabine Zimmermann im Hinblick auf die Eurostat-Daten. Ältere Erwerbslose dürften nicht länger abgeschrieben, sondern müssten besser unterstützt werden.


Aus: "Europäische Union: Fast sechs Millionen Ältere von Armut bedroht" (8. Februar 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/2017-02/eurostat-aeltere-armut-ausgrenzung-deutschland


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« Reply #614 on: Februar 09, 2017, 10:15:31 vorm. »
Quote
[...] Sie arbeiten als Paketauslieferer Unternehmensberater und Kosmetikerin, sind Kioskbesitzer, Hausmeister, Boutiquenbetreiber. Die Altersvorsorge sparen sie sich, wenn es nicht reicht. Aber an einer Krankenversicherung kommen auch sogenannte Solo-Selbständige nicht vorbei. Ein Problem, denn für viele ist dieser Posten selbst in gesetzlichen Kassen finanziell kaum noch zu stemmen. Die Beiträge fressen auch in gesetzlichen Kassen inzwischen oft die Hälfte der gesamten Einnahmen.

Die Versicherer kennen das Problem, die meisten Beitragsschuldner sind kleine Selbständige. Und es werden immer mehr. Im Dezember 2016 standen die Selbstzahler bei der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) nach Tagesspiegel-Recherchen mit sechs Milliarden Euro in der Kreide. Im Januar des gleichen Jahres betrugen die Außenstände noch 4,48 Milliarden. Im Jahr davor lag der der Wert bei 3,24 Milliarden und 2011 bei lediglich einer Milliarde Euro.

Die Summe der Beitragsrückstände steige leider kontinuierlich an, klagt der GKV-Spitzenverband. Ein Grund dafür sei die „finanzielle Instabilität bei freiwillig versicherten Selbständigen“.

... Das Problem der Solo-Selbständigen mit den Kassenbeiträgen rührt vor allem aus zwei Umständen. Zum einen fehlt ihnen die Arbeitgeberbeteiligung, sie müssen den Krankenversicherungsbeitrag komplett aus eigener Tasche zahlen. Zum andern schert sich die Sozialversicherung nicht groß um ihr Einkommen. Zur Beitragsberechnung wird ihnen einfach ein monatliches Mindesteinkommen unterstellt, von dem viele Kleinunternehmer nur träumen können.

Aktuell liegt es bei 2.231,25 Euro. Macht, mit Krankengeldanspruch und Pflegeversicherung, im Schnitt etwa 407 Euro im Monat für die Krankenkasse. Nur in besonderen Härtefällen, etwa einer Existenzgründerphase, lässt sich die Bemessungsgrenze noch mal um ein weiteres Drittel senken – auf 1487,50 Euro. Die Krankenversicherung will dann durchschnittlich 271 Euro. Weniger geht nicht.

Tatsächlich kommt fast ein Drittel der gesetzlich versicherten Selbständigen - 600.000 von insgesamt 2,16 Millionen - im Schnitt grade mal auf ein Einkommen von 787 Euro im Monat. Zu 82 Prozent handelt es sich dabei um Solo-Selbständige. Diese Gruppe habe durchschnittlich 46,5 Prozent ihrer Einkünfte für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) aufzuwenden, heißt es in einer Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK aus dem Jahr 2016.

Dass es in der privaten Krankenversicherung (PKV) noch teurer ist – hier zahlt die unterste Einkommensgruppe der Selbständigen im Schnitt 58 Prozent – macht es für die Betroffenen nicht besser.

Nach wie vor unterstelle das Sozialrecht, „dass alle Selbständigen ökonomisch gut gestellt sind und deshalb keiner solidarischen Absicherung bedürfen“, heißt es in der Studie. „Weil das jedoch schon lange eine Fiktion ist, besteht beim Krankenversicherungsschutz gesetzgeberischer Handlungsbedarf.“

...



Aus: "Solo-Selbständige in der Krankenversicherung "Die Beitragslast ist zu hoch"" Rainer Woratschka (08.02.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/solo-selbstaendige-in-der-krankenversicherung-die-beitragslast-ist-zu-hoch/19362616.html


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« Reply #615 on: Februar 20, 2017, 10:39:46 vorm. »
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[...] Um die Identität von Asylbewerbern besser feststellen zu können, soll das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) deren Handys nach Plänen der Bundesregierung künftig auslesen dürfen.

Das geht aus einem Gesetzesentwurf des Bundesinnenministeriums "zur besseren Durchsetzung der Ausreisepflicht" hervor, aus dem die "Süddeutsche Zeitung", der WDR und der NDR zitieren. Über diese Pläne hatte bereits Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) berichtet.

Bisher ist das Bamf auf die Einwilligung der Asylbewerber angewiesen. Der neue Gesetzesentwurf solle nun die rechtliche Grundlage schaffen, diese Zustimmung zu umgehen. Er befinde sich noch in der Ressortabstimmung. Das Auslesen von Daten der Mobiltelefone ist bislang eigentlich nur bei Verdacht auf Straftaten möglich.

Das Bundesinnenministerium schätze, dass im Vorjahr bei 50 bis 60 Prozent der Asylsuchenden das Auslesen eines "Datenträgers" in Betracht gekommen wäre. Das wären etwa 150.000 Menschen gewesen. Nach Behördenangaben kommt es vor, dass Flüchtlinge falsche Personalien angeben, um eine Abschiebung zu verhindern oder bei Sozialleistungen betrügen zu können.

Die Außenstellen des Bamf sollen nach den Medienberichten mit Hard- und Software aufgerüstet werden, so dass etwa 2400 Datenträger pro Tag ausgelesen werden können. Laut Ausländerzentralregister befänden sich 213.000 "vollziehbar ausreisepflichtige Ausländer" in Deutschland.

Bouffier hatte nach einem Ministerpräsidenten-Treffen bei Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am 9. Februar gesagt, der Handy-Zugriff solle auf Fälle beschränkt bleiben, in denen Zweifel an der Identität des Asylbewerbers bestehen. Es sei wichtig, "eine Erkenntnisquelle, die man hat, auch zu nutzen". (dpa)


Aus: "Ohne Verdacht auf Straftaten: Flüchtlinge mit unklarer Identität sollen Handys herausgeben" (20.02.2017)
Quelle: http://www.weser-kurier.de/deutschland-welt/deutschland-welt-politik_artikel,-Fluechtlinge-mit-unklarer-Identitaet-sollen-Handys-herausgeben-_arid,1553956.html


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« Reply #616 on: M?RZ 01, 2017, 10:04:02 vorm. »
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[...] Im vergangenen Jahr empfanden in einer repräsentativen Umfrage 82 Prozent der Deutschen die soziale Ungleichheit als zu groß. Die Entwicklung der Managergehälter hatte daran Anteil. Schließlich haben sich die Gehälter der Spitzenmanager längst von jeder Verhältnismäßigkeit entfernt: 1991 verdienten Konzernlenker laut einer aktuellen Studie noch das 28-Fache eines durchschnittlichen Arbeitnehmers, heute ist es das 83-Fache. Es ist gut, dass die Politik hier eingreift.

Aber will sie Verhältnisse nicht nur symbolisch gerechter machen, müsste die Politik viel massiver und ganz woanders eingreifen: am unteren Ende der Einkommensskala.   

Viele Menschen hadern mit unserem Wirtschaftssystem, weil sich auf ihren Kontoauszügen seit langer Zeit kaum etwas bewegt. Vor allem jene, die am unteren Ende der Gehaltsskala stehen, haben real in den vergangenen 25 Jahren nichts dazugewonnen. Ihr Einkommen ist sogar geschrumpft, obwohl das Wirtschaftswachstum stetig zugenommen hat. Die Einkommensschere hat sich auch insgesamt weiter geöffnet, und besonders die jüngere Generation der Arbeitnehmer unter 40 Jahren ist davon betroffen. Unter ihnen ist die Gehaltsungleichheit doppelt so groß wie unter den Gleichaltrigen in den 1970er Jahren.

Profitiert haben von höheren Löhnen in den letzten Jahren vor allem die Arbeitnehmer, die noch nach Tarifverträgen bezahlt werden. Das sind aber immer weniger. Aktuell sind 40 Prozent der Beschäftigten in Westdeutschland und sogar mehr als 50 Prozent im Osten gar nicht tariflich gebunden. Die Lohnentwicklung dieser Arbeitnehmer hinkt stark hinterher. ...

Noch bis in die 1990er Jahre war es weit verbreitete Praxis in der deutschen Wirtschaft, dass das Bundesarbeitsministerium einen Tarifabschluss zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern für eine ganze Branche als allgemeinverbindlich erklärt hat. Damit mussten also auch Unternehmen, die nicht Mitglied im Arbeitgeberverband waren, die tariflichen Löhne zahlen. Das hat das Einkommensniveau in der Bundesrepublik insgesamt hoch gehalten.

Heute verhindern die Unternehmen das oft. Im Einzelhandel beispielsweise hat das zu großen Einbußen für die Beschäftigten geführt, von denen viele unter Tarif verdienen. Das könnte die Politik ändern. Sie kann Tarifverträge als allgemeinverbindlich erklären, wenn ein öffentliches Interesse darin besteht, wirtschaftliche Fehlentwicklungen wieder zu korrigieren. Das ist in vielen Branchen heute der Fall.

Eine Regierung, die sich an diese konfliktträchtigen Tariffragen wagt, würde nicht nur Einfluss nehmen auf die Gehaltszettel einiger Millionäre. Sondern auf die Gehälter von Millionen.

Quote
wawerka #9

Nachdem die deutschen Wirtschaftsverbände bereits nach den überaus wolkigen Ansagen von Martin Schulz bezüglich einer möglichen(!) Aufweichung einiger Härten der Agenda 2010 davor warnten, auf keinen Fall etwas zu tun, was DERDEUTSCHENWIRTSCHAFT™ schaden könne, darf man (wie immer eigentlich) ganz sicher sein, dass sich nichts Wesentliches ändern wird.


Quote
Oxys #18

Viell. einfach sinnvoll gestalten. Da die Arbeiter einen nicht unerheblichen Teil zum Erfolg des Unternehmens beitragen, einfach die Lohnerhöhung der Geschäftsführung mit der Lohnerhöhung der Belegschaft koppeln. Jahrelang hat man ihnen die Möglichkeit gegeben, es ohne gesetzliche Regelung zu tun. Da sie sich immer mehr weigern, den Arbeitern das zukommen zu lassen, was sie _Wort wörtlich_ verdient haben, müssen die Manager und Geschäftsführer wohl in Zukunft durch Gesetze dazu gezwungen werden.

Wer nicht hören kann, muss fühlen.


Quote
Kunigunde53 #19

"Die Millionäre sind Nebensache"

Nein, die Superreichen sind nicht Nebensache - hier wird verharmlost - und wem das nützt, muss nicht extra ausgeführt werden.
Menschen mit Hunderten oder gar Tausenden von Millionen sind in der Lage, ganze Regierungen zu kaufen, Scharen von Lobyisten loszulassen und die Demokratie so ganz nebenbei abzuschaffen.
Der widersinnige Neoliberalismus hat diese Prozesse beschleunigt, selbst die Scharen von Befürwortern in den Redaktionen bekommen langsam Zweifel an der Richtigkeit ihrer Marschrichtung - wahrscheinlich ist es aber zu spät. Die Armut der Vielen und der Reichtum der Wenigen sind unterschiedliche Seiten ein und der selben Medaille - Schönreden sollte man das nicht.


Quote
Runkelstoss #23

Wem es um mehr als Symbole geht,

Es geht bei der Begrenzung der Gehaelter, Boni usw. nicht um Symbole.
Angeblich leben wir in einer ein Leistungsgesellschaft. Da kann es nicht sein, dass die Einen das Unternehmen an die Wand fahren und grosszuegig belohnt werden und die Anderen werden entlassen.

In einer Gesellschaft in der man wegen 'Diebstahls' eines Broetchens vom Vortag seine Arbeit verliert fuehrt das zwangslaufig zu politischen und sozialen Spannungen und Konflikten. Das uebersieht der Autor.

Das diese Obszoenitaeten auch noch vom Steuerzahler indirekt bezahlt werden ist eine Schweinerei.


Quote
entscheidedich #25

Ach Herr Zacharakis, während Politiker die sich nicht mit den eigentlichen Problemen beschäftigen wollen und Finanzbeamte darüber nachdenken wie man zur Volksverdummung ein paar Managergehälter deckeln kann, machen sich Herrscharen von Wirtschaftsberatern darüber Gedanken, wie man mit klugen und gesetzestreuen Ideen genau das wieder umgeht. Und die sind kreativ. Die verdienen ihr Geld damit!
Ihre Idee, Tarifverträge für allgemeinverbindlich zu erklären finde ich so richtig gut! Sicher wird das einen Einfluss auf viele Gehaltszettel haben. Nicht auf die der Millionäre, sondern auf die der Betroffenen, die dann keinen Gehaltszettel mehr haben, sondern direkt von der Agentur für Arbeit versorgt werden. Entschuldigung, das war Sarkasmus zu einem Thema das es nicht verdient hat!


Quote
Hermes_53 #32

Toller Artikel, er trifft den Kern in der Mitte. Ich wusste gar nicht, dass die Bundesregierung Tarifverträge allgemein verbindlich machen kann. Dies zu tun, würde tatsächlich viel bewegen. Wir warten mal auf Sozial Schulz, ob er sich äußert.

Die Ansicht des Autors, die Begrenzung der Managergehälter sei Symbolpolitik ist genau so richtig, wie die Frauenquote in Aufsichtsräten Symbolpolitik ist. Mal ist Symbolpolitik gut, mal ist sie schlecht. ...


Quote
Blick dahinter #46

Ich frage mich, warum ich in jedem 2ten Artikel immer von den armen unteren Einkommensgruppen lese. Warum wird denen immer diese Aufmerksamkeit und Fürsorge zuteil? Warum sind das automatisch immer gute und liebe Menschen, denen man sich zuwenden muss? Was hindert diese Menschen daran, in höhere Einkommensgruppen aufzusteigen? Oder wollen sie dann einfach der Kollektivschelte entgehen, die jeden trifft, der mehr leistet als das untere Drittel?

Im Fußball lese ich doch auch nicht ständig über die 3te Liga, und warum diese armen Bürschlein denn nicht in der Nationalelf spielen dürfen? Sollte die Politik hier nicht mal eingreifen und Startplätze bei Jogi durchsetzen?

Quote
Ihr Schreiben ist in unserem Papierkorb eingegangen #46.1

Glauben Sie eigentlich selbst, was Sie da schreiben?



...


Aus: "Managergehälter: Die Millionäre sind Nebensache" Ein Kommentar von Zacharias Zacharakis (28. Februar 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-02/managergehaelter-koalition-einkommen-begrenzen-arbeitnehmer-nutzen


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« Reply #617 on: M?RZ 13, 2017, 09:34:31 vorm. »
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[...] Der 24-jährige Schriftsteller Édouard Louis hasst den Front National. Er will das Verstummen der französischen Linken beenden. Ein Gespräch in Paris : ... Politik ist in meiner biografischen Erfahrung keine Frage von Meinungen, von Worten, von Kommunikation, die im Ergebnis die Lebensverhältnisse der Privilegierten schützen. Ich komme aus dem Lumpenproletariat, um es mit Marx zu sagen. In dem Dorf in der deindustrialisierten Picardie, über das ich meinen ersten Roman Das Ende von Eddy geschrieben habe, herrschten Arbeitslosigkeit, Elend, Alkohol, Gewalt, eine brutale Männlichkeit. In diesem Milieu, aus dem auch Bourdieu stammt, ist Politik eine Frage von Leben und Tod. Man spürt sie am lebendigen Leibe: in der medizinischen Versorgung, beim Essen, im sexuellen Alltag. Die politischen Fragen heißen: Gehe ich zum Arzt, wenn ich krank bin? Gibt es heute Abend etwas zu essen? Kann ich sexueller Gewalt entkommen? Mein Vater ist zum ersten Mal in seinem Leben zum Zahnarzt gegangen, als ich 14 Jahre alt war, weil der Staat eine Beihilfe geschaffen hatte. Es gab Tage in meiner Kindheit, da hat meine Mutter gesagt: "Heute gibt es zum Essen nur Milch." Ich gehe wählen, damit die körperliche Not und Gewalt aufhört. Das Wahlrecht ist für mich dabei ein politisches Instrument unter vielen. ... Die unangenehme Wahrheit lautet: Als Simone de Beauvoir den Kampf für die Frauen aufnahm, hat das eine große Mehrheit der Frauen nicht interessiert. Heute sehen viele die strukturelle Gewalt nicht, die noch meine Mutter dazu gebracht hat, mit 15 Jahren von der Schule abzugehen, angeblich weil sie es aus freien Stücken so wollte. Diese Gewalt ist unsichtbar, sie tritt als Normalität auf, deshalb kämpfen die Leute nicht. ... Die junge Generation lebt mit einem alles beherrschenden Gefühl der Ohnmacht. Sie hat in den letzten Jahren jeden Kampf verloren, ob in den sozialen Bewegungen wie Nuit debout und Occupy oder im Kampf gegen den alltäglichen Rassismus. Immer wieder erzählen mir Studenten von ihrer Traurigkeit darüber, dass sich ohnehin nichts ändert. Diese Generation verabscheut die Politik.

...

Quote
Blues Man, #11

Wie sehr doch die Sichtweise eines jungen linken Islamophobie beklagenden Schriftstellers und die einer tunesischstämmigen, französischen Busfahrerin, Mitglied der kommunistischen Gewerkschaft, auseinanderklaffen können, zeigt diese ARTE-Doku auf. Ab 27:35 min oder 28:35 min bis ca. 33:00 min.

"Endstation Bataclan - Vom Busfahrer zum Attentäter - Arte Doku - (Deutsch, Dokumentation)"
https://www.youtube.com/watch?v=zJ5lCr27niw&app=desktop


...


Aus: "Édouard Louis: Wenn die Eltern Le Pen wählen" Interview: Elisabeth von Thadden (9. März 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/2017/09/edouard-louis-frankreich-linke-front-national-marine-le-pen/komplettansicht


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« Reply #618 on: M?RZ 18, 2017, 10:27:58 vorm. »
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[...] Siemens hält seit 2014 eine Zeitgeschichte des großen Korruptionsskandals unter Verschluss, die der Konzern selbst bei zwei unabhängigen Historikern in Auftrag gegeben hat. Damit hatte die Firma ursprünglich ein Zeichen für mehr Transparenz setzen wollen.

"Siemens hat ohne Angabe von Gründen die geplante und uns verbindlich zugesagte Buchpublikation der Untersuchungsergebnisse auf unbestimmte Zeit zurückgestellt", hieß es dazu auf Anfrage von den Autoren des 800-Seiten-Werks, Hartmut Berghoff und Cornelia Rauh. Der Konzern ging noch einen Schritt weiter und bestätigte, eine Veröffentlichung sei nicht mehr geplant.

Der renommierte Göttinger Historiker Berghoff hatte den Auftrag für die Untersuchung im Jahr 2011 von Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme bekommen. Gemeinsam mit seiner Hannoveraner Kollegin Rauh sollte er die Geschichte des Konzerns in der Zeit des Korruptionsskandals nachzeichnen, der 2006 aufgeflogen war. Die Historiker hatten dazu auch vertrauliche Vorstands- und Aufsichtsratsprotokolle einsehen dürfen. Konzern und Historiker konnten danach aber keine Einigkeit darüber erzielen, ob und wie aus diesen Protokollen in dem öffentlich angekündigten Buch zitiert werden kann. Darüber hinaus gibt es Stimmen, die der heutigen Siemens-Spitze unter Joe Kaeser kein Interesse mehr an einer neuerlichen Aufarbeitung des Skandals nachsagen.

Zwar zieht die Studie ein positives Urteil über Kaeser. Gegen den heutigen Konzernchef, der in den Jahren 2001 bis 2004 in der korruptionsanfälligen Mobilfunksparte als Finanzvorstand tätig war, wurde auch nie ermittelt; Hinweise, er habe von Bestechungen gewusst, wies er stets zurück. Die Studie kommt allerdings zu dem Schluss, dass sich nach der milliardenschweren Einigung des Konzerns mit den Strafverfolgungsbehörden "ein Schleier über tausende Vorwürfe gelegt" habe, die nicht weiter aufgeklärt worden seien.

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Nordstadtbewohner gestern, 18:27 Uhr
... Kein Unternehmen ist gezwungen, interne Untersuchungen zu veröffentlichen. Das hat auch seinen Grund. Eine Veröffentlichung gäbe Unternehmensinterna preis, die von der Konkurrenz und Meinungshabern missbraucht werden würde. Siemens tut gut daran, Untersuchungsergebnisse nur den Eigentümern zukommen zu lassen.


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whizzzler gestern, 18:32 Uhr
Alles gut. Es gibt hier nichts zu sehen bitte gehen sie weiter.


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gomo heute, 08:14 Uhr
Wenn Sie mal richtig googlen nach Siemens und Schmiergeldskandal, können Sie herausfinden, dass in den letzten Jahren viele Strafverfahren gg Siemens Vorstände und Mitarbeiter wegen dieses Skandals angeklagt und auch verurteilt worden sind. Fast alle Vorstände mussten das Unternehmen verlassen. Der ehemalige Finanzvorstand nahm sich nach seinem Prozess tragischerweise das Leben. ...


...


Aus: "Siemens hält Schmiergeldstudie unter Verschluss" (17.03.2017)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/siemens-haelt-schmiergeld-studie-unter-verschluss-a-1139211.html

« Last Edit: M?RZ 18, 2017, 10:32:56 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #619 on: M?RZ 20, 2017, 12:40:24 nachm. »
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[...] Hamburg taz Lug und Betrug – Rechtsanwalt Reiner Fuell­mich ist nicht zimperlich mit seinen Anschuldigungen gegen die Deutsche Bank. Er hat sie in mehreren Gerichtsverfahren erhoben. In einem Aufsatz, den er zusammen mit seinem Hamburger Kollegen Michael Bohndorf verfasst hat und der in der Fachzeitschrift für Wirtschafts- und Verbraucherrecht VuR erscheinen soll, macht er der Großbank neue Vorwürfe.
Sie soll den tatsächlichen Zeitpunkt des Vertragsschlusses in Abertausenden Fällen manipuliert haben. In mindestens 4.000 Fällen, so Fuellmich, wären die Darlehensverträge daher nichtig. Die Bank müsste eigentlich Rückzahlungen an die Darlehensnehmer von rund 100.000 Euro pro Person leisten. ... Für Fachanwalt Fuellmich, seit Langem auf der Spur der Deutschen Bank, kein Grund zur Aufgabe. Für ihn erklären sich die Erfolge der Banken vor Gericht aus falschen Angaben, die sie gemacht hätten. Er wirft nun der Deutschen Bank „massenhaften – aktuell in Hunderten von Rechtsstreiten begangenen – Prozessbetrug“ vor. Die Deutsche Bank habe „systematisch die Gerichte über die Art und Weise und den Zeitpunkt des Vertragsschlusses belogen“. Diese Praxis setze sie fort.
Deutschlands größte Bank reagiert gewohnt wortkarg. Ein Sprecher weist die Vorwürfe als „unbegründet“ zurück. Die von Fuellmich genannte Zahl von 4.000 Fällen „entbehrt jeglicher Grundlage“. Ins Feld führt Fuellmich mehrere Verfahren vor Oberlandesgerichten. Jetzt könne es wie in den USA, wo die Deutsche Bank etwa 4 Milliarden Euro an Opfer von „Schrottimmobilien“ zahlen müsse, auch in Deutschland „zum Eklat“ kommen. Das OLG Oldenburg habe eine Beweisaufnahme wegen Falschaussage angeordnet, in anderen Gerichten liefen sie bereits. Mit Ergebnissen, heißt es am Oldenburger Gericht, sei sicherlich nicht vor der Sommerpause zu rechnen.


Aus: "Neue Vorwürfe gegen Deutsche Bank" Hermannus Pfeiffer (15.3.2017)
Quelle: https://www.taz.de/Streit-um-Schrottimmobilien/!5392938/

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[...] Die Deutsche Bank will mit frischem Geld Lücken stopfen, die durch die unzähligen Rechtsstreitigkeiten entstanden sind. Sie beschloss eine massive Kapitalerhöhung von acht Milliarden Euro. ... Allein im vergangenen Jahr hatte die Bank wegen ihrer Verstrickungen einen Verlust von 1,4 Milliarden Euro verbucht, im Jahr zuvor waren es 6,7 Milliarden. ...  Die Bank beschäftigt ganze Abteilungen, die sich mit den Tausenden von Rechtsstreitigkeiten auseinandersetzen. Die kostet Unsummen und führte das Institut soweit in die Krise, dass Anfang vergangenen Jahres sogar über seine Solvenz spekuliert wurde. Auch gab es Sondierungsgespräche über eine Notfusion mit der Commerzbank, die aber ins Nichts führten.

An den Finanzmärkten wird der neueste Coup der Deutschen Bank positiv bewertet. Dort hofft man, dass mit dem Befreiungsschlag endlich reiner Tisch gemacht wird und somit die Plattform für einen Neunanfang entsteht.

Die Aktionäre allerdings dürften wenig begeistert sein. Der Aktienkurs, der erst vor wenigen Monaten bis rund zehn Euro abstürzte und sich wieder etwas berappelt hat, wird durch die Kapitalerhöhung nun weiter verwässert.


Aus: "Befreiungsschlag aus der Krise?" (05.03.2017)
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/deutschebank-215.html

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[...] Der Chef der Deutschen Bank gehört nicht mehr zu den Spitzenverdienern unter den Vorstandsvorsitzenden der börsennotierten deutschen Konzerne. Der gebürtige Brite bekam für das vergangene Jahr „nur“ sein Grundgehalt von 3,8 Millionen Euro ausgezahlt, wie aus dem am Montag veröffentlichten Vergütungsbericht hervorging. Wie die übrigen Vorstände der Bank verzichtete er damit auf alle Boni.

Unter den Chefs der Dax-Konzerne verdienten damit bislang nur die Anführer des Versorgers Eon, des Halbleiterherstellers Infineon und der Lufthansa weniger. 26 der 30 in dem Standardwerteindex haben bislang berichtet darüber.

... Cryans Vorgänger an der Spitze von Deutschlands größtem Geldhaus, Anshu Jain und Josef Ackermann, hatten zeitweise zweistellige Millionenbeträge erhalten. Die Zeiten haben sich geändert: Auch wenn das Jahr 2017 optimal laufen sollte, beträgt die Gehaltsobergrenze in der Deutschen Bank 9,85 Millionen Euro je Vorstand. Insgesamt kostete der Vorstand die Bank im vergangenen Jahr etwas weniger als 26 Millionen Euro, im Jahr 2015 waren es beinahe 23 Millionen Euro gewesen.

Das neue Vergütungssystem für die Deutsche-Bank-Manager war auf der Hauptversammlung im Mai 2016 durchgefallen, weil es den Aktionären zu komplex und undurchsichtig war. Aufsichtsratschef Paul Achleitner nimmt nun einen neuen Anlauf. „Der Aufsichtsrat hat die geäußerte Kritik zum Anlass genommen, die Strukturen der variablen Vergütung deutlich zu vereinfachen und die Vergütung mit transparenten Leistungskriterien zu verknüpfen“, heißt es im Vergütungsbericht.

Die Entwicklung des Aktienkurses im Vergleich zur Konkurrenz soll dabei eine deutlich geringere Rolle spielen als bisher. Stattdessen werden die Vorstände am Kapitalzuwachs gemessen.

Indem sie auf ihre Boni verzichtete, reagierten die Deutsche-Bank-Vorstände auf die drastische Kürzung der variablen Vergütungen für den Rest der Belegschaft. Insgesamt wurden die Boni um 77 Prozent auf rund 500 Millionen Euro zusammengestrichen. Die gesamten Personalkosten gingen dadurch um 1,6 Milliarden auf 8,9 Milliarden Euro zurück.

316 Deutsch-Banker verdienten 2016 mindestens eine Million Euro, ein Jahr zuvor waren es noch 756 gewesen. Die beiden Spitzenverdiener lagen laut Vergütungsbericht zwischen sechs und sieben Millionen Euro. Auch noch nach der Finanzkrise hatte die Deutsche Bank einigen Investmentbankern teils zweistellige Millionensummen im Jahr gezahlt.

Zum ersten Mal seit Jahren beschäftigt die Deutsche Bank weniger als 100.000 Mitarbeiter, obwohl im Controlling und in Überwachungs-Funktionen neue Stellen geschaffen wurden und ausgelagerte Aufgaben in den Konzern zurückgeholt wurden. Die Mitarbeiterzahl sank im Jahr 2016 um 1360 auf 99.744. Der größte Teil des Stellenabbaus steht der Deutschen Bank noch bevor. Mit der Wiedereingliederung der Postbank dürfte er nochmals verschärft werden.


Aus: "Deutsche-Bank-Chef verzichtet auf alle Boni" (20.03.2017)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/john-cryan-deutsche-bank-chef-verzichtet-auf-alle-boni-14933642.html
« Last Edit: M?RZ 20, 2017, 12:58:59 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #620 on: M?RZ 29, 2017, 09:30:39 vorm. »
Quote
[...] Die Abgeordneten im rheinland-pfälzischen Landtag erhöhten sich zum Wochenende ihre Diäten bis 2020 um 17,5 Prozent (vgl. Diätenerhöhung im Aufmerksamkeitsschatten der Saarlandwahl). Ein paar Tage veröffentlichte die HKP Group eine Statistik, aus der hervorgeht, dass sich die Manager der 30 deutschen Dax-Konzerne im letzten Jahr um durchschnittlich fast 14 Prozent höhere Einkünfte genehmigen ließen (vgl. Deutsche Spitzenmanager verbuchen fast 14 Prozent Einkommenszuwachs).

Im Vergleich zu den Spitzenfunktionären des Fußball-Weltverbandes Fifa wirken sie aber alle wie Amateure: Dessen Ratsmitglieder wollen sich Medienberichten nach nämlich gleich eine Gehaltssteigerung in Höhe von 50 Prozent genehmigen und zukünftig 450.000 statt 300.000 Dollar im Jahr kassieren.

Die Fifa möchte diese Zahlen aktuell weder bestätigen noch dementieren und verweist auf anstehende Sitzungen ... Im Regelfall werden solche Forderungen heute mit der Behauptung begründet, ein Gremium, eine Person oder eine Lizenz sei das "wert".

Quote
     sadbydefinition, 29.03.2017 00:50

Das ist bestimmt nur, damit die nicht mehr bestechlich sind!  ...



Aus: "Fifa-Funktionäre: Weil sie es (sich) wert sind" Peter Mühlbauer (29. März 2017)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Fifa-Funktionaere-Weil-sie-es-sich-wert-sind-3668349.html

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« Reply #621 on: April 01, 2017, 11:56:11 vorm. »
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[...] Kiel | Es ist eine kleine Sensation: Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik sei am Freitag ein Betrieb der Systemgastronomie in Schleswig-Holstein bestreikt worden. Das sagte Finn Petersen, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Schleswig-Holstein Nord, gegenüber shz.de. Konkret traf der Ausstand eine McDonald’s Filiale in Kiel. Von zwölf bis 14 Uhr legten dort nach Angaben von Petersen zehn der zwölf Beschäftigten aus der Mittagsschicht die Arbeit nieder.

Hintergrund des Warnstreiks sind die aktuellen Tarifauseinandersetzungen in der Systemgastronomie. Bislang hat es drei Verhandlungsrunden zwischen dem Bundesverband der Systemgastronomie (BdS) und den Arbeitnehmervertretern gegeben, die bislang jedoch erfolglos blieben. Am 6. April soll es einen neuen Anlauf zur Lösung des Tarifkonflikts geben.

Im Vorfeld versucht die Gewerkschaft noch einmal Druck aufzubauen. Für Samstag ist in Hamburg eine größere Protestaktion geplant. Neben McDonald’s sind auch große Ketten wie Starbucks, Nordsee und Burger King Mitglieder des BdS und damit in die Tarifauseinandersetzungen involviert. Bundesweit gab es seit Januar immer wieder Warnstreiks in den Betrieben dieser Restaurant-Ketten.

Die Systemgastronomie zählt in Deutschland 100.000 Beschäftigte. Die NGG fordert für sie eine Erhöhung der Löhne um mindestens sechs Prozent und eine überproportionale Anhebung der untersten Tarifgruppen – und damit auch einen stärkeren Abstand zum gesetzlichen Mindestlohn. Zuletzt hatten die Arbeitgeber nach Gewerkschaftsangaben für die Einstiegsgehälter allerdings gerade einmal drei Cent mehr angeboten, als der gesetzliche Mindestlohn (8,84 Euro) vorsieht. Für die übrigen Tarifgruppen sollte es ein Plus von einem Prozent geben.


Aus: "Das gab es noch nie: Streik bei McDonald's in Kiel" (31. März 2017)
Quelle: http://www.shz.de/regionales/kiel/das-gab-es-noch-nie-streik-bei-mcdonalds-in-kiel-id16485986.html


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« Reply #622 on: April 03, 2017, 10:59:49 vorm. »
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[...] Bayern startet ein Förderprojekt für Familien, in denen Mutter und Vater jahrelang ohne Job sind. Ziel ist es, den Kindern das Modell ihrer Eltern als Vorbild auszureden. Die Inititiative bildet den Auftakt für eine umfassende Hartz-IV-Reform.
Bayerns CSU-Sozialministerin Christine Haderthauer will mit öffentlicher Arbeit und Intensivbetreuung Langzeitarbeitslosen mit Kindern bei der Rückkehr in einen geregelten Alltag helfen. “Wir dürfen nicht zusehen, wenn Eltern den Lebensentwurf Hartz IV in die nächste Generation tragen, quasi vererben”, sagte die Ministerin der FTD. “Mit den bisherigen Maßnahmen kommen wir an diese Härtefälle nicht ran”, so die CSU-Politikerin. “Es reicht manchmal eben einfach nicht, jedem eine Arbeitsstelle zuzuweisen und dann zu hoffen, dass es klappt. In einigen Fällen müssen wir die gesamte Lebenssituation in den Blick nehmen. Bei Langzeitarbeitslosen mit Kindern brauchen wir einen besseren, einen ganzheitlichen Ansatz.”

Bayern startet in dieser Woche einen Modellversuch in Nürnberg und Fürth, wo der Anteil der Langzeitarbeitslosen besonders hoch ist. Rund 2200 Familien in der Region sollen drei Jahre intensiv gefördert werden. Das Angebot richtet sich an Paare mit Kindern und Alleinerziehende, die von Hartz IV leben. Zwei bis drei Betreuer kümmern sich um je eine Familie. Das Projekt kostet knapp 19 Mio. Euro, davon zahlt der Freistaat gut die Hälfte. Die beiden Städte und die Arbeitsagentur zahlen den üblichen Anteil für die Eingliederung Arbeitsloser. “Das Projekt kostet viel Geld und erfordert intensiven Einsatz – aber ich glaube, es verspricht Erfolg.”
Mit dem Projekt testet Bayern, wie sich Sachleistungen bewähren, und liefert so einen Vorgeschmack auf die Hartz-IV-Reform des Bundes, die im Herbst ansteht. “Den Kindern machen wir besondere Angebote, einen Sprachkurs, Hausaufgabenunterstützung oder den Fußballverein. Damit erproben wir schon mal, wie es sich auswirkt, für die Kinder in Hartz IV stärker Sachleistungen anzubieten”, sagte Haderthauer. Im Unterschied zur normalen Jobvermittlung mischen sich die Betreuer stark in den Alltag der Familien ein: “Wir helfen, wenn es ein Suchtproblem gibt, schicken, wenn nötig, die Schuldnerberatung”, sagte die Ministerin. “Es gibt viele Gründe, weshalb Langzeitarbeitslose einen Job nicht antreten oder wieder schmeißen.”

Die Eltern bekommen eine berufliche Qualifizierung und ein öffentliches Beschäftigungsangebot. Außerdem werden sie bei der Alltagsbewältigung unterstützt, bekommen etwa Hilfe beim Kochen, im Umgang mit Haushaltsmitteln und dabei, den Tagesablauf zu strukturieren. Vielen falle es schon schwer, morgens aufzustehen, so die Sozialministerin. Es könne nicht sein, dass in einer Familie das Schulkind die einzige Person sei, die aufsteht. Außerdem wird den Betroffenen bei der Erziehung und der Suche nach einem Betreuungsplatz unter die Arme gegriffen.
Weil das Bundesverfassungsgericht die Berechnung der Hartz-IV-Sätze im Frühjahr für verfassungswidrig erklärt hatte, berechnet die Regierung sie derzeit neu. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) favorisiert dabei für Kinder gezielte Sachleistungen statt höherer Geldbeträge. “Selbst wenn die Eltern vielleicht irgendwann wieder in die Arbeitslosigkeit fallen, dann retten wir vielleicht die Kinder über unsere Maßnahmen “, begründet Haderthauer das Projekt.

...


Aus: "“Lebensentwurf Hartz IV nicht vererben”" (ftd.de – 27.07.2010 – von Monika Dunkel)
Quelle: http://www.sozialaemter.com/index.php/lebensentwurf-hartz-iv-nicht-vererben/
www .ftd.de/politik/deutschland/:hilfe-fuer-langzeitarbeitslose-lebensentwurf-hartz-iv-nicht-vererben/50149266.html


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« Reply #623 on: April 04, 2017, 08:04:48 vorm. »
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[...] Die Chefs großer Konzerne verdienen bis zu 190-mal so viel wie ihre Mitarbeiter. Das zeigt eine Auswertung des "Handelsblatts". Im Durchschnitt lagen 2016 die Vergütungen der Vorstandsvorsitzenden der führenden deutschen Aktiengesellschaften demnach 93-mal höher als der Durchschnittsverdienst eines Mitarbeiters ihrer Unternehmen.

Spitzenreiter der "Handelsblatt"-Liste ist Bernd Scheifele, der Vorstandsvorsitzende des Baustoffkonzerns Heidelberg-Cement; sein Gehalt liegt nach Berechnungen der Zeitung beim 190-Fachen der Durchschnittsvergütung eines Beschäftigten. Die Beschäftigten bei Heidelberg-Cement verdienen durchschnittlich 44.300 Euro im Jahr.

...


Aus: "Vorstandsgehälter: Heidelberg-Cement ist Spitzenreiter bei Gehaltsexzessen" (04.04.2017)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/gehaelter-deutsche-vorstandschefs-verdienen-bis-zu-190-mal-so-viel-wie-angestellte-a-1141729.html

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[...] Bei der noblen Schweizer Bank Credit Suisse geht es derzeit ungewöhnlich turbulent zu: Wichtige Aktionärsvertreter kritisieren seit Wochen die üppigen Gehälter, die sich die Top-Manager genehmigen lassen wollen. Kein Wunder: Hatte die Bank im Jahr 2016 doch einen Verlust von 2,7 Milliarden Franken gemacht.

Nachdem das Top-Management am vergangenen Freitag auf Druck der Aktionäre überraschend einen größeren Boniverzicht angekündigt hatte, wird nun klar wie hoch dieser ausfällt: Der aktualisierte Vergütungsbericht für das abgelaufene Geschäftsjahr sieht vor, dass die Geschäftsleitung eine kurzfristige variable leistungsbezogene Vergütung von insgesamt 17,01 Millionen Franken erhalten soll. Ursprünglich waren 25,99 Millionen beantragt. Die langfristige variable Vergütung für 2017 soll nun 31,2 Millionen Franken nicht übersteigen. Zuvor waren hier 52,0 Millionen vorgesehen.

Statt rund 78 Millionen Franken (etwa 73 Millionen Euro) sind für die zwölf Top-Manager also insgesamt nur noch 48 Millionen Franken drin.

Für Konzernchef Tidjane Thiam, der besonders in der Kritik steht, scheint der Verzicht allerdings verkraftbar: Statt knapp 12 Millionen Franken soll er nun 10,24 Millionen Franken verdienen. Das ist immer noch fast dreimal so viel wie Deutsche-Bank-Chef John Cryan, dessen Haus in ähnlich miserabler Lage steckt wie die Credit Suisse.

Die Aktionärsvertreter lassen sich von dem Verzicht denn auch kaum beruhigen: Die einflussreichen Stimmrechtsberater Glass Lewis und ISS empfehlen den Aktionären weiterhin, die Boni für die Geschäftsleitung und die Entlohnung des Verwaltungsrats abzulehnen. Die Aktionäre müssen bei der Hauptversammlung am 28. April über die Entlohnung des Top-Managements entscheiden.

stk/dpa/Reuters


Aus: "Aktionärsrevolte: Credit-Suisse-Chef bekommt "nur noch" 10,2 Millionen Franken" (2017)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/credit-suisse-chef-bekommt-nur-noch-10-2-millionen-franken-a-1143693.html

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[...] Das deutsche Steuersystem belastet Gutverdienende deutlich stärker als Geringverdiener und soll so zwischen Arm und Reich umverteilen. 4,2 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland zahlen derzeit den Spitzensteuersatz von 42 Prozent. Dies geht aus einer bislang unveröffentlichten Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln) hervor, wie das "Handelsblatt" berichtet.

Diese knapp zehn Prozent der Top-Verdiener in Deutschland sind mit 48,2 Prozent fast für die Hälfte des gesamten Einkommensteueraufkommens verantwortlich, die 30 Prozent Spitzenverdiener demnach sogar für 79 Prozent. 2,7 Millionen Erwerbstätige zahlen dagegen laut der Studie aufgrund zu geringen Verdiensts überhaupt keine Steuern.

Die Studie zeigt dem "Handelsblatt" zufolge außerdem, wie stark Gering- und Durchschnittsverdiener durch Steuern und Abgaben belastet werden. Ein Single mit einem Bruttogehalt von 1940 Euro im Monat zahlt demnach 46 Prozent Steuern und Abgaben. Ein alleinstehender Durchschnittsverdiener mit 3250 Euro muss mit 51 Prozent mehr als jeden zweiten Euro abführen.

Ein Ehepaar ohne Kinder und einem Einkommen von 4040 Euro zahlt 47 Prozent Steuern und Abgaben, eine Familie mit zwei Kindern und 6170 Euro monatlichem Einkommen 44 Prozent.

Dass auch Durchschnittsverdiener den Spitzensteuersatz zahlen, liegt daran, dass der Satz für Singles bereits ab einem Einkommen von 54.000 Euro im Jahr fällig wird. Eine Steuersenkung würde nicht nur die hohe Steuerlast senken, sondern auch "die Anreize verbessern, eine Beschäftigung aufzunehmen oder die Arbeitszeit zu erhöhen", heißt es in der Studie.

Deutschland hat einer in der vergangenen Woche veröffentlichten Studie der Industrieländerorganisation OECD zufolge die zweithöchste Steuer- und Abgabenlast aller Industrienationen. Für einen alleinstehenden Durchschnittsverdiener lag die Belastung 2016 demnach bei 49,4 Prozent des Arbeitseinkommens.


Aus: "Einkommensteuer: 4,2 Millionen Deutsche zahlen den Spitzensteuersatz" (18.04.2017)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/einkommensteuer-jeder-elfte-zahlt-den-spitzensteuersatz-a-1143624.html

« Last Edit: April 18, 2017, 12:46:48 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #624 on: April 19, 2017, 12:29:36 nachm. »
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[...] Was Europa betrifft, gibt es heute zwei Frankreichs. Auf den ersten Blick scheint die europäische Frage kein zentrales Wahlmotiv zu sein: Macron zieht junge, moderne Wähler an, die sich ein skandinavisches Gesellschaftsmodell wünschen; Fillon jene, die sich Strukturreformen wünschen; Mélenchon und Hamon Menschen, die sich einen "echten" Sozialismus wünschen; und Le Pen vereint hinter sich Franzosen, die weniger Immigration und weniger Moscheen wollen.

... Aber auch diese Dinge sind nur Nebenschauplätze. Die Franzosen sind viel grundlegender beunruhigt, das Vertrauen in die Institutionen ist gebrochen, in Paris wie in Brüssel. So sehr, dass viele von ihnen bereit sind, Le Pen und damit einen Frexit zu wählen, aus wie auch immer gearteten Gründen. Denn die Klagen der Franzosen gegen die EU – offene Grenzen für Migranten, übergriffiger Kapitalverkehr, exzessive Liberalisierung, aufgezwungene Ideologie – lassen sich alle in einer Hauptklage zusammenfassen: Die EU steht für eine inhärent antidemokratische Zukunft.

... Soziologisch sind die Wählerschichten eindeutig. Der Unterschied zwischen denen, die gegen die Verfassung stimmten, und denen, die sie gegen ihren Willen durchsetzten, ist der zwischen einer eingewurzelten Gemeinschaft und einer kosmopolitischen Elite. Und das macht die europäische Frage zu einer Klassenfrage.

... Historisch waren es immer schon Eliten aus den Zentren, die den peripheren Bevölkerungen den Universalismus beibringen wollten. Und oft stießen sie damit auf Widerstand. Und auf großes Unverständnis beiderseits. Oft denken Eliten, der Partikularismus der "einfachen Leute" gründe sich in einer ökonomisch schwachen Situation. Auch heute diskutiert man wieder darüber, was die EU den Bürgern materiell nützt: dass soundso viel Geld in die Landwirtschaft geht oder in strukturschwache Gebiete fließt.

Dahinter steht ein Missverständnis. Denn den antieuropäischen Parteien geht es zuallererst um etwas ganz anderes: die Autonomie. Und die ist nicht mit Geld aufwiegbar.

...


Aus: "Die Eliten hören nicht auf das Volk" Ein Gastbeitrag von Chantal Delsol (19. April 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-03/praesidentschaftswahl-frankreich-eu-kandidaten-europa/komplettansicht


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« Reply #625 on: April 23, 2017, 11:47:56 vorm. »
Quote
[...] Es stand schlecht um Berlin vor 150 Jahren. Dank Indus­tria­lisierung explodierte die Einwohnerzahl, es war nicht genug Wohnraum da. Die Kloake schwamm zusammen mit dem Regenwasser durch die Rinnsteine der Stadt und sorgte neben dem üblen Gestank für katastrophale hygienische Verhältnisse. Krankheiten breiteten sich aus, an den Rändern campierten die Armen vom Land, die auf ein besseres Leben in der Stadt hofften.

Doch dann trat ein gewisser ­James Hobrecht (1825–1902) in Erscheinung, ein junger Ingenieur, der die Stadt im Auftrag des preußischen Innenministeriums neu entwerfen sollte. Oft wurde sein Plan gescholten, oft wurde er dafür verantwortlich gemacht, dass Berlin so steinern und die größte Mietskasernenstadt der Welt wurde.

In letzter Zeit wird James Ho­brecht aber wieder mehr gewürdigt. Immerhin veranlasste er den Bau einer Kanalisation, von breiteren Straßen, öffentlichen Plätzen. Vor allem aber ist er dafür verantwortlich, dass zu den Straßen hin bürgerliche Wohnhäuser entstehen konnten, mit Wohnraum für Arbeiter und Werkstätten in den Innenhöfen – eben die sogenannte Berliner Mischung.

Hobrecht hoffte, dass so verschiedene Bevölkerungsschichten zusammenleben könnten, er erwartete „gemütliche Beziehungen zwischen den gleichgearteten und wenn auch noch so verschieden situierten Bewohnern“. Vor allem dieser Satz von ihm ist berühmt geworden: „In der Mietskaserne gehen die Kinder aus den Kellerwohnungen in die Freischule über denselben Hausflur wie diejenigen des Rats oder Kaufmanns, auf dem Wege nach dem Gymnasium.“

Der Plan von Hobrecht hat in Berlin eine Marke entwickelt, und selbst in den schicksten Kiezen der Stadt hallt er noch immer nach, sei es auch noch so leise. So auch in der Hufe­land­straße in Prenzlauer Berg, der wir den ersten Teil unserer Serie über Berliner Straße widmen. Anlass sind die Arbeiten von Harf Zimmermann, die ab nächstem Wochenende in Berlin ausgestellt werden. Er hat die Hufe­land­straße und ihre Bewohner Mitte der 80er Jahre fotografiert – und dann wieder ab 2009.

Seine Fotos erzählen: Vor der Wende lag die Hufelandstraße in einem totem Winkel, die Obrigkeit der DDR war zu sehr mit dem Bau neuer Plattenbauviertel vor den Toren der Stadt beschäftigt. Hier konnten sich Bohemiens und Bäcker, Professoren und Schuhmacher in Ruhe begegnen. Der Putz bröckelte, es wurden alternative Lebenskonzepte ausprobiert.

Nach der Wende war die Straße eine der ersten in Prenzlauer Berg, die von der Welle der Gentrifizierung überrollt wurde. Die Fassaden, die Anwohner und ihre Geschichten: Sie wurden ausgetauscht, es ist nichts von ihnen übrig.

Doch das ist nur die eine Seite der Geschichte. Die andere ist, dass hier noch immer Leute leben, die den dörflichen und trotzdem toleranten Charme der „Hufe“ schätzen – die genau wissen, wo sich die verbliebenen interessanten Milieus jenseits von Latte-Macchiato-Müttern und Fernsehsternchen aus der dritten oder vierten Reihe noch treffen. Sie bewahren das Erbe von Hobrecht nach wie vor. – Und wenn angesichts der astronomischen Mieten auch nur, so gut es eben geht.


Aus: "Berliner Straßen (Teil I): Hufelandstraße - Wo sich die Milieus noch treffen" Susanne Messmer (23. 4. 2017)
Quelle: http://www.taz.de/Berliner-Strassen-Teil-I-Hufelandstrasse/!5398956/


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« Reply #626 on: April 23, 2017, 12:02:43 nachm. »
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[...]  Sonja Vogel: Wir kennen die faulen Arbeitslosen aus dem Fernsehen, wo sie dick und dumm auf der Couch fläzen, oder aus der Bild-Zeitung, in der „Florida-Rolf“ oder „Karibik-Klaus“ zum Inventar gehören. Wozu diese Bilder?

Hans-Albert Wulf: Sie dienen der Abschreckung. Aber die Botschaft geht weniger an die Hartz-IV-Empfänger als an jene, die arbeiten. Im 16. Jahrhundert waren Teufelsbücher sehr populär, in ihnen gab es Faulteufel. Und der war der Mensch selbst. Vom Faulteufel zu „Florida-Rolf“ gibt es eine direkte Linie. Er ist eine Warnung. So ähnlich wie das neue Arbeitslosengeld.

 Wegen der vielen Strafmaßnahmen?

Es geht immer auch um Demütigung. Wer faul ist, der muss eben bestraft werden. Verblüffend ist die historische Kontinuität. In meinem Buch zitiere ich eine Vorschrift von 1772: „Die Notdürftigen, die der Staat unterhält, müssen ein schlechteres und beschwerlicheres Leben führen als der große Tagelöhner-Haufen, der, der nicht bedürftig ist. Denn sonst würde sich niemand scheuen, bald oder spät dem Staat zur Last zu fallen.“ Der notleidende Mensch soll Abscheu vor staatlicher Hilfe entwickeln. Das ist sehr aktuell.

 Welche historischen Vorbilder hat der Faule?

Schon Mönche kritisierten vor eineinhalb Jahrtausenden jene, die zu faul zum Beten waren. Aber der Faule etablierte sich erst in der Neuzeit. Im 16. Jahrhundert verloren die Menschen in den ökonomischen Umbrüchen ihre Arbeit. Bettler wurden zum Massenphänomen. Da entstand der Faule als Typ. Im 19. Jahrhundert waren es dann die Vagabunden, für sie gab es im Bürgerlichen Gesetzbuch den Begriff der Arbeitsscheuen. Damals wurde ganz strikt zwischen ortsansässigen und zugereisten Bettlern unterschieden. Gegen die Zugewanderten ging man brutaler vor: Sie wurden gebrandmarkt, außer Landes geschafft und sogar hingerichtet.

 Das erinnert an die Regeln für Asylbewerber. Sie dürfen nicht arbeiten, aber gleichzeitig heißt es oft, sie lägen dem Staat auf der Tasche.

Das ist dasselbe System. Ich würde sagen, dass Faulheit als Sammelbegriff für Missliebige, meist aus der Unterschicht, dient. Es ist ein zweckmäßiger Begriff, der Menschen aussondert und es erlaubt, auf sie herabzuschauen.

...  Auch heute ist Faulheit eine Sache des sozialen Status, der Unterschicht nämlich. Ist dieser Zusammenhang durch das restriktive Sozialsystem Agenda 2010 vor elf Jahren stärker geworden?

Die Agenda 2010 hat ja keinen realen Nutzen gehabt, sie hat keine Arbeitsplätze geschaffen. Aber sie hat Regeln eingeführt, Arbeitseinsätze, die demütigen und abschrecken. Früher sollten auch Bettler gefälligst wenigstens so tun, als würden sie arbeiten. Die Arbeiten für 1-Euro-Jobber sind produktiver Unsinn. Aber sie zwingen sie zurück ins Hamsterrad. Und das Sadistische an diesen Maßnahmen ist ja, dass suggeriert wird, man sei selbst schuld, wenn man keinen Job bekommt. Auch die Einrichtung von Arbeitshäusern erfolgte einst mit dem Argument, Menschen durch Zwang die Lust an der Arbeit zu vermitteln – darum hießen sie auch Korrigenden. Das funktioniert natürlich nicht. Ab dem 17. Jahrhundert gab es dann Wasserkeller, in die fortwährend Wasser eingeleitet wurde. Wer dort eingesperrt war, musste mit einer Pumpe gegen das Ertrinken arbeiten.

Das wäre heute unmöglich.

Früher war das Vorgehen brutaler. Aber es gibt interessante Parallelen. Vor ein paar Jahren hat im Landesarbeitsamt Brandenburg jemand die Idee gehabt, Arbeitslose mit Schrittmessern auszustatten. Wer am meisten gegangen ist, sollte eine Prämie bekommen. ... Ich habe etwa 300 katholische und protestantische Predigten untersucht, und die sind sich einig: Faulheit ist Gotteslästerung, und Arbeit ist das von Gott auferlegte Los. Ein Bild wiederholt sich immer wieder: Engel, die die Schweißtropfen der Arbeiter einsammeln und zu Gott bringen, der dann entscheidet, wer in den Himmel und wer in die Hölle kommt. Zuerst war es eben die Kirche, die die Leute arbeitsam gemacht hat, dann die Obrigkeit mit ihren Strafen und seit dem 19. Jahrhundert der Industriekapitalismus. Wozu braucht es noch pastorale Tiraden, wenn ich ein Fließband vor mir habe?

...

Liegt das Problem nicht eher in der ungleichen Verteilung von Reichtum durch Arbeit?

Sicher macht es mehr Spaß, reich zu sein, wenn es Arme gibt. Das eine bedingt das andere, und letztlich profitieren nur wenige davon, wie Arbeit heute organisiert ist. Der Unternehmer Friedrich Flick soll sich gelegentlich aus Spaß auf eine Parkbank gesetzt haben, um mit Verelendeten über die Herrschenden zu lästern. Dabei aß er ein Butterbrot. Danach fuhr dann sein Mercedes 600 vor. ...

Quote
verflixt, 27.12.2016, 16:27

Jeder kann faul sein, wir leben immerhin in einer freihen Gesellschaft. Derjenige, der eine zumutbare Arbeit ablehnt, hat nur das moralische Recht verwirkt, von dem Geld anderer Leute (=Hartz IV) zu leben.

Quote
Illoinen, 3. Jan, 17:44

@verflixt Interessant, wie doch die Indoktrination im Westen fortgeschritten ist. Man gönnt denen da "Unten" nicht das schwarze unter dem Fingernagel" während bei denen, die uns tagtäglich Milliarden kosten, sehen die meisten als unsere Vorbilder an?



Quote
Jim Hawkins
27.12.2016, 10:55

„Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück.“

Gottfried Benn


...


Aus: "Soziologe Hans-Albert Wulf zum Nichtstun: „Wer faul ist, muss bestraft werden“" Sonja Vogel (25.12.2016)
Quelle: http://www.taz.de/Soziologe-Hans-Albert-Wulf-zum-Nichtstun/!5362228/


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« Reply #627 on: April 23, 2017, 12:23:07 nachm. »
Quote
[...] Nach Oscar Lewis ist die Lebensweise der Mitglieder der Kultur der Armut von Denk- und Handlungsmustern geprägt, die von Generation zu Generation innerhalb der kulturellen Einheit weiter vererbt würden. Diese Kultur sei zwar einerseits eine funktionale Reaktion auf die Lebensbedingungen in der Armut, aber andererseits schade sie den Armen auch. Kennzeichnend seien zerbrochene Familien. Das Sexualleben beginne früh und man heirate aufgrund mündlicher Übereinkunft. Die Frauen würden oft von ihren Männern geschlagen und zahlreiche auch verlassen. Den Mittelpunkt der Familie bilde die (oft alleinerziehende) Mutter mit ihren Kindern. Diese Kultur der Armut zeichne sich dadurch aus, dass die Armen nach sofortiger Befriedigung ihrer Bedürfnisse strebten. Sie seien nicht in der Lage, ein Bedürfnis zurückzustellen, um später davon zu profitieren. So investierten die Armen zum Beispiel nicht in ihre Ausbildung und auch nicht in die Ausbildung ihrer Kinder. Das führe dazu, dass auch die nächste Generation arm sein werde. Um diese im Sozialisationsprozess verwurzelte Kultur aufzubrechen reiche materielle Unterstützung nicht aus: „The elimination of physical poverty per se may not eliminate the culture of poverty which is a whole way of life“. Die einzige Möglichkeit, die Armut zu beenden, ist laut Lewis eine von außen kommende Intervention, etwa durch kompensatorische Erziehung, Sozialarbeit oder psychotherapeutische Betreuung.

Daniel Patrick Moynihan sah den Zerfall der Familie als Grund für Armut. Er beklagte die hohe Anzahl alleinerziehender Mütter unter Afroamerikanerinnen, welche deviante Werte an ihre Kinder weitergeben würden. So käme es dazu, dass ihre Kinder (welche ansonsten zu Mitgliedern der Mittelschicht werden könnten) zu Mitgliedern der Armutsschicht würden. ... Strukturfunktionalisten wie Herbert Gans sind der Meinung, dass Armut eine gesellschaftliche Funktion erfüllt. Aus diesem Grund trachtet jede Gesellschaft danach, ihre Armen zu haben. Laut Gans dienen die Armen als abschreckendes Beispiel und als Sündenböcke. So helfen sie, die dominante Kultur und Ideologie einer Gesellschaft zu erhalten.

...


Aus: "Armut" (31. März 2017)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Armut

Kultur der Armut ist ein vom amerikanischen Ethnologen Oscar Lewis (1914–1970) geprägter Begriff (englisch culture of poverty)
https://de.wikipedia.org/wiki/Kultur_der_Armut

Neue Unterschicht ist ein in der öffentlichen Meinung umstrittenes politisches Schlagwort, mit dem die Herausbildung einer Bevölkerungsgruppe beschrieben wird, welche am wenigsten über Geld, Güter, Bildung und Sozialprestige verfügt. Als das spezifisch Neue an dieser Unterschicht wird dabei gesehen, dass sie im Vergleich zum Proletarier meist auch über mehrere Generationen hinweg ohne Arbeit ist. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Unterschicht
« Last Edit: April 23, 2017, 12:28:50 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #628 on: Mai 04, 2017, 12:25:20 nachm. »
Quote
[...] Manche Immobilienfonds wie von Deka Immobilien oder der Deutschen Bank nehmen zeitweise gar kein Geld mehr entgegen, um zu verhindern, dass überschüssiges Anlegergeld zu negativen Zinsen geparkt werden muss. Denn dadurch werden die Fonds-Renditen, die derzeit zwischen 2 und 2,5 Prozent liegen, geschmälert. Bei ihrer Suche nach neuen Gebäuden stoßen die Fonds nun zunehmend auf eine Art, die uninteressanter erscheint, als sie ist: Lagerhallen und andere Logistikzentren werden zu Immobilienobjekten der Begierde.

Fonds, Versicherungen und Privatanleger hätten 2016 in Deutschland für rund 4,7 Milliarden Euro und damit drei Prozent mehr als im Jahr zuvor Logistikgebäude erworben, heißt es vom Immobiliendienstleister Savills. 6,7 Millionen Quadratmeter Lagerfläche wurden laut Immobilienberatung CBRE 2016 vermietet – so viel wie nie zuvor. Logistik, sagen Branchenkenner, sei für Anleger die „neue Hoffnung“. ...

Der Fonds Deka Immobilien Global hat im vergangenen Jahr für rund 92 Millionen Euro das „Amazon Fulfillment Center“ im amerikanischen Hartford erworben. Das 95000 Quadratmeter große Verteillager ist bis 2030 an den Onlinehändler vermietet – eine lange Zeit, die stetige Einnahmen verspricht.

Quote
Doyle Musgrave  (doylemu...) - 23.04.2017 15:34

Krux der offenen Fonds

Vergleichsweise hohe Verwaltungsgebühren, Regulation und nicht zuletzt die vorzuhaltende Liquiditätsreserve nehmen der Anlage in große Immobilien viel von ihrer eigentlichen Attraktivität. Logistikimmobilien sind dort wohl nur deshalb in den Fokus geraten, weil wegen überschaubarer Nachfrage und vernünftigen Kaufpreisen die Anfangsrendite relativ höher lag als in den Klassen Office und Retail. Sie unterliegt aufgrund des Margendrucks der Nutzer ungleich stärker den Megatrends Automation und Digitalisierung und dem Wandel der Handelsmodelle. Die vom Autor richtig beschriebene Unsicherheit hinsichtlich der Zukunft in dem Markt sollte deshalb neben dem inzwischen hohen Preisniveau dazu führen, dass sich Portfoliomanager ohne Know-how wieder aus der Assetklasse zurückziehen. Sonst sind das echte Risikofälle im Exit case



Aus: "Mehr Rendite mit Lagerhallen" Thomas Klemm (23.04.2017)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/finanzen/fonds-mehr/immobilienfonds-kaufen-immer-oefter-logistikgebaeude-14983209.html

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Quote
[....] Die Gewerkschaft verlangt die Übernahme des Tarifvertrags für den Versand- und Einzelhandel bei Amazon. Das lehnt der Internetriese ab. Wegen der Streiks an den deutschen Amazon-Standorten habe das Unternehmen in den vergangenen drei Jahren die Löhne und Gehälter aber immer wieder ein wenig erhöht, so Verdi.
In dem Konflikt um einen Tarifvertrag gibt es seit Mai 2013 immer wieder Streiks. ...


Aus: "Streik bei Amazon Leipzig geht weiter" (erschienen am 03.05.2017)
Quelle: http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/SACHSEN/Streik-bei-Amazon-Leipzig-geht-weiter-artikel9895008.php

Quote
[...] "Wir werden nicht zulassen, dass Großunternehmen wie Amazon sich ihrer sozialen Verantwortung entziehen und Löhne und Gehälter nach Gutsherrnart einseitig bestimmen", erklärte Verdi-Fachbereichsleiter Jörg Lauenroth-Mago. Zum wiederholten Male verlangte die Gewerkschaft von dem Unternehmen, den Tarifvertrag für den Versand- und Einzelhandel zu akzeptieren. Amazon verweist stets darauf, dass man sich bei der Bezahlung der Beschäftigten am oberen Bereich des Tarifvertrags für die Logistikbranche orientiere. (mit Material der dpa)

Quote
     Bernd963, 02.05.2017 17:29

Wo ist verdi bei DHL und Hermes
Wenn ich neuerdings die Zusteller so sehe in zerfetzten Klamotten und zerbeulten Privatwagen, frage ich mich man unbedingt Amazon bestreiken muss.
Das Preisdumping bei den Zustellern und Briefdiensteistern macht mir da mehr Sorgen.
Man sieht auch am Zustand der Pakete ob es von Hermes oder DHL kam, eigentlichn auch an der Lieferzeit. ...

Quote
     Karoma, 02.05.2017 17:50

Re: Wo ist verdi bei DHL und Hermes
Bernd963 schrieb am 02.05.2017 17:29:

> Wenn ich neuerdings die Zusteller so sehe in zerfetzten Klamotten und zerbeulten
> Privatwagen, frage ich mich man unbedingt Amazon bestreiken muss.

Weil nicht ver.di bestimmt, wo gestreikt wird, sondern die organisierten Mitarbeitern in den jeweiligen Betrieben?



...


Aus: "Erneut Streik bei Amazon in Leipzig" (02.05.2017)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Erneut-Streik-bei-Amazon-in-Leipzig-3701358.html

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Quote
[...] was tun, wenn die Autos statt Rostlauben seltene Oldtimer und kostspielige Raritäten sind? Natürlich ist das ein Luxusproblem. Doch von der Antwort auf diese Frage könnten sich manche Architekten für ihre zukünftigen Planungen inspirieren lassen. Jene, die solche hochpreisigen Autos ihr Eigen nennen und von denen sich manche ganze Sammlungen zulegen, wollen immer öfter ein Ambiente in ihren Tiefgaragen, das perfekt zur Eleganz der edlen Stücke passt.

Die Tiefgarage wird zum unterirdischen Showroom, in dem die automobilen Schmuckstücke in Szene gesetzt werden – mit ausgeklügeltem Lichtkonzept, hochwertigen Bodenbelägen und veredelten Wandoberflächen. Und wenn der unterirdische Platz zu wenig ist, stellt sich, wer von seinem kostbaren Auto nicht lassen will, einen überdimensionierten Matchbox-Karton in den Garten und parkt darein die Edelkarosse.

Luxus-Garagen sind ein Münchner Phänomen. In Hamburg oder Berlin kennt man sie in dieser Art nicht. In der bayerischen Landeshauptstadt dagegen ist unter den finanzkräftigen Autonarren schon vor Jahren ein Überbietungswettbewerb ausgebrochen. Hat einer ein besonderes Auto, will der andere es auch haben, um seine Sammlung aufzuwerten, erzählt man sich an der Isar. Hinsichtlich der Tiefgaragen will man natürlich ebenfalls in nichts nachstehen.

...  Es sind Sammlungen mit Raritäten, Erinnerungsstücken und visionären Autostudien. Mercedes und Porsche in individuellen Tuningausführungen, Bentleys, Lamborghinis, Bugattis, McLarens und Sondermodelle von Ferrari, die in geringen Stückzahlen gebaut und nur an treue Mitglieder eines erlauchten Sammlerkreises abgegeben werden. Was so eine Sammlung wert ist? Keine Antwort. Wer das nötige Kleingeld hat, erzählt nicht, was er dafür ausgegeben hat.

Es gibt Tiefgaragen, in denen zwischen den Autos auch schon die private Kunstsammlung präsentiert wurde. Ein anderer hat von einem Lichtkünstler eine Installation passend zu den Farben der Sammlerstücke anfertigen lassen. Und in Kitzbühel hat ein Hausbesitzer seine Tiefgarage mit viel Altholz so gestaltet, dass sie auch ein formidabler Ort für die privaten Partys ist. Einer, der weiß, auf was es den zahlungskräftigen Bauherren – es sind ausschließlich Männer, die ihrem Hobby einen solch teuren Stellenwert einräumen – bei der Gestaltung von Tiefgaragen besonders ankommt, ist Olaf Übelacker.

„Es gibt nichts, was es in diesen Tiefgaragen nicht gibt und was wir nicht möglich machen würden“, sagt der Chef der Hans Übelacker Werkstätten. Braucht eine Wohnung oder ein Haus einen besonderen Bodenbelag oder sollen Wände einzigartig gestaltet werden, dann rufen die Architekten nach Übelacker.

Im Restaurant von Feinkost-Käfer in der Münchner Prinzregentenstraße hat Übelacker schon Wände mit flüssigem Metall beschichtet, in Kitzbühel mit außergewöhnlicher Betontechnik eine Küche zu einem schicken Hingucker gemacht und an der Côte d’Azur mit der schon aus der griechisch-römischen Antike bekannten Enkaustik-Technik die Eingangshalle einer Villa neu gestaltet. Übelacker kann es extravagant und gediegen, mit viel Understatement und wenig Snobismus, und dafür schätzen ihn seine Auftraggeber.

All das, was Übelacker in den Wohnräumen seiner Auftraggeber umsetzt, ist auch in ihren Tiefgaragen zu finden. Blattgold und Blattsilber habe er darin schon verarbeitet, erzählt Übelacker, als sei es das normalste der Welt, aber auch Kalk-Marmor-Granulate für hochwertige Oberflächenstrukturen oder aufwendige Stuckarbeiten. Jüngste Trends bei Tiefgaragen: fugenlose Decke-Wand-Bodenbeschichtungen in allen Farben und Glanzgraden und Used-Walls, Wandoberflächen wie in alten italienischen Palazzi.

Zwar reden sie untereinander viel darüber und fachsimpeln, dass die roten Schmuckstücke auf einem weißen Boden am besten zur Geltung kämen, und sie erzählen auch Außenstehenden davon, die Öffentlichkeit einer Zeitung scheuen sie aber. Die Bitte um ein Gespräch, aus dem dann auch zitiert werden soll, sagen die einen erst zu und dann doch ab, die anderen überhören die Frage geflissentlich und wieder andere weisen sie wirsch ab.

Hat man dann doch jemanden gefunden, der wie Olaf Übelacker profund etwas dazu sagen kann, sind die Bedingungen klar: Namen dürfen nicht genannt werden. Und auf gar keinen Fall Adressen. Denn die Angst ist groß, die Tiefgarage und die darin befindlichen Schmuckstücke könnten in den Fokus von Diebesbanden geraten. Einziges Zugeständnis: Fotos, welche die Eigentümer vom Fotografen ihres Vertrauens haben anfertigen lassen, dürfen gedruckt werden. Ein bisschen eitel ist man schließlich doch.

... „Wer Geld frei zur Verfügung hat, investiert es eben auch gerne in schöne Dinge wie Autos“, sagt Mayr. Seine neueste Vision: eine Tiefgarage mit riesigem Dachfenster, so dass der Hausherr seine Autosammlung wie in einer Vitrine vom Garten aus bewundern kann.

An Ideen fehlt es nicht. Und an finanzstarken Kunden ebenfalls nicht. ...

Quote
Thomas Kuttich  (Kuttich) - 04.05.2017 08:18

Prima Beitrag, jetzt kann ich den Begriff "Dekadenz" meinem Sohn viel anschaulicher erklären.


...


Aus: "Autoschau im Luxusbau" 04.05.2017 (Stephanie Geiger)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/technik-motor/auto-verkehr/garagen-der-besonderen-art-14983142.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2
« Last Edit: Mai 04, 2017, 12:29:27 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #629 on: Mai 10, 2017, 09:31:22 vorm. »
Quote
[...]  Der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) wird Aufsichtsrat des Autozulieferers und Rüstungskonzerns Rheinmetall. Wie ein Sprecher des Unternehmens mitteilte, wählten die Aktionäre den 68-Jährigen auf einer Hauptversammlung in das Kontrollgremium. Damit wird Jung auch einer der Aufseher über den geplanten Ausbau der umstrittenen Rheinmetall-Geschäfte in der Türkei. Franz Josef Jung war von 2005 bis 2009 Verteidigungsminister und ist derzeit noch Mitglied des Bundestages.

Bei der Hauptversammlung stellte sich der langjährige Aufsichtsratschef Klaus Greinert nicht zur Wiederwahl. Seinen Posten nimmt künftig Ulrich Grillo ein. Grillo war von 2013 bis 2016 Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI).

 Am Rande der Hauptversammlung war es zu Protesten gegen die Waffengeschäfte von Rheinmetall gekommen. Etwa 150 Demonstranten stellten unter anderem ausgemusterte Panzer vor das Tagungshotel. "Wir wollen Rheinmetall entrüsten", sagte Lühr Henken, einer der Organisatoren der Demonstration. Die Proteste verliefen nach Angaben der Polizei friedlich.

Die Demonstranten forderten Rheinmetall dazu auf, die Produktion militärischer Güter einzustellen. Im April wurde bekannt, dass Deutschlands größter Rüstungskonzern über ein Joint Venture mit Partnern in der Türkei Kampfpanzer umrüsten will. Geplant sei, bereits vorhandene Leopard-2-Panzer des türkischen Militärs mit zusätzlicher Schutztechnologie zu modernisieren, sagte ein Unternehmenssprecher.

...  Papperger sagte vor den Aktionären, der Konzern sei derzeit in der Türkei in der Automobil- und in der Rüstungsindustrie (Defence) tätig. Die Autosparte habe dort im vergangenen Jahr 17 Millionen Euro Umsatz gemacht, die Rüstungssparte nur 8 Millionen Euro. Das neue Projekt ist darin noch nicht enthalten.

Die Rüstungssparte gehörte im abgelaufenen Geschäftsjahr zu den Wachstumstreibern von Rheinmetall, der Umsatz des Geschäftsbereichs stieg um 14 Prozent. Papperger sagte, die Rüstungssparte werde im Jahr 2017 die Marke von drei Milliarden Euro Umsatz "ziemlich sicher übertreffen". Insgesamt hatte der Konzern seinen Umsatz 2016 um acht Prozent auf 5,6 Milliarden Euro gesteigert.

Jung ist nicht der erste Ex-Bundesminister bei Rheinmetall. Anfang 2015 wechselte der ehemalige Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) zur Rheinmetall AG.

Quote
Matt Merkel #2

Ein Liste aller ehemaligen Minister, die sich nach Ihrer Ministertätigkeit in eine "goldene Hängematte" der Konzerne legen können, deren Interessen schon in den jeweiligen Ministerien Thema waren, wäre mal nützlich.


Quote
Till_Eulenspiegel #2.1

Die Liste ist doch kein Problem in Zeiten des Internets. Schwieriger wird der Nachweis zu führen sein, dass damals Entscheidungen getroffen wurden, die diese "Anschlussverwendung" ermöglichen. Da muss man schon lange an einem Themengebiet dranbleiben und wahrscheinlich braucht es dazu auch Insiderwissen.
Aber stinken tut es gewaltig!


Quote
Stefan Kirschner #9

Ups! Wenn das mal nicht wieder eine fragwürdige Verquickung ist!?
Das übliche Pöstchen-Geschacher der Polit-Elite geht munter weiter...


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thegoodthebadtheugly #36

Ist doch schön, dass man auch mit 68 Jahren noch einen neuen Job finden kann. Das lässt sicher viele ältere Arbeitslose hoffen.


Quote
Kai Hamann #40

Manchmal denke ich, es geht nicht dreister, und dann hängt wieder ein Politiker die Messlatte noch ein Stückchen höher. Und dabei ist die Generation Netzwerker noch nicht einmal an der Spitze der Macht angelangt. Das kann was werden! - Vorschlag zur Güte: Einfach die berufsmäßigen Elite-Mauschler vor Ernennung in ein Amt mit Entscheidungsbefugnis in der interessierten Branche versteigern und die Erlöse an eine Stiftung zur Korruptionsbekämpfung abgeben. Das wäre wenigstens eine ehrliche Realsatire mit einem kleinem bischen Wiedergutmachung.

Kai Hamann



Aus: "Rheinmetall: Ex-Verteidigungsminister Jung wird Aufsichtsrat von Rüstungskonzern" (9. Mai 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2017-05/rheinmetall-franz-josef-jung-tuerkei-waffen-panzer