Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 342726 times)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #560 on: September 22, 2016, 02:25:42 nachm. »
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[...] In Deutschland gibt es mehr als 15.000 Beratungsfirmen – Tendenz steigend. Als Hochschulabgänger lohnt es sich, nicht nur Bewerbungen an McKinsey, Roland Berger oder BCG zu schicken. Die großen Namen der Branche versprechen zwar internationale Aufträge, ein hohes Gehalt und gute Chancen auf einen Anschlussvertrag in einem Konzern. Bei kleinen und mittelgroßen Beratungen ist der Einstieg aber leichter.

Auch die Firmenkultur ist dort meist eine andere: Während es bei den Großen sehr harschen Wettbewerb gibt und die Hierarchien streng sind, geht es bei den Kleinen manchmal sogar familiär zu. Oft bekommt man auch schneller ein eigenes Projekt. Kleinere Beratungen sind in der Regel nicht international tätig. Wer nicht jede Woche in einem anderen Hotel schlafen möchte, könnte hier besser aufgehoben sein.

... Ein Abitur mit Einser-Schnitt sei ein Muss, und auch der Uni-Abschluss sollte zu den besten fünf bis zehn Prozent gehören. Das Studienfach ist zweitrangig: In der Beratung ist alles erlaubt – ob Germanistik, Stadtplanung oder BWL. "Heute hat nur noch knapp die Hälfte der Berater eine wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung", sagt Kai Haake vom Bundesverband Deutscher Unternehmensberater. Gefragt seien technische und naturwissenschaftliche Fächer.

...


Aus: "Unternehmensberatung: "Ein Nerd passt nicht zu uns"" Jan Guldner und Katja Scherer (21. September 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/campus/2016/05/unternehmensberatung-jobeinstieg-bewerbung


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« Reply #561 on: September 22, 2016, 02:27:07 nachm. »
Quote
... Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán plädiert dafür, mehr als eine Million Flüchtlinge aus Europa abzuschieben und sie in großen Flüchtlingslagern außerhalb der EU unterzubringen. "Alle, die illegal gekommen sind, sollte man einsammeln und wegbringen. Aber nicht in andere (EU-)Länder, sondern in Gebiete außerhalb der EU", sagte der rechtskonservative Politiker dem ungarischen Nachrichtenportal Origo.
Außerhalb der EU sollte man "von bewaffneten EU-Kräften gesicherte, mit EU-Geld finanzierte große Flüchtlingslager" errichten, sagte Orbán. Die Betroffenen sollten dort Asylanträge stellen können und erst dann weitergelassen werden, wenn sie ein EU-Land aufnehme. "Bis dahin müssen sie sich aber in den großen, außerhalb der EU gelegenen Lagern aufhalten", sagte Orbán. "Es kann eine Insel sein oder irgendein Abschnitt der nordafrikanischen Küste." Viktor Orbán verfolgt in Ungarn eine strikte Politik der Abschottung gegenüber Flüchtlingen. ...


"Ungarn: Orbán will mehr als eine Million Flüchtlinge aus Europa abschieben" (22. September 2016)
http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-09/ungarn-viktor-orban-fluechtlinge-europa-abschiebung

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« Reply #562 on: September 22, 2016, 02:48:10 nachm. »
Quote
[...] Als Exkanzler Gerhard Schröder am Dienstag den mit 10.000 Euro dotierten Ludwig-Erhard-Preis erhielt, schrieb der Spiegel von einem „Schmerzensgeld“. Schließlich habe sich der „aufrechte Reformer“ mit der Agenda 2010 unbeliebt gemacht und bei der verlorenen Bundestagswahl 2005 dafür bezahlt. So kann man es auch sehen: Gerhard Schröder, das Opfer.

Unter den wahren Opfern der Agenda 2010 hat Hartz IV Verbitterung ausgelöst. Wegen der kurzen Frist, mit der man nach einem Arbeitsleben zu einer Existenz auf Sozialhilfeniveau gezwungen wird. Wegen der Zwangsumzüge an den Stadtrand. Und wegen der Märchen, die ihnen erzählt wurden: Dass ihnen 1-Euro-Jobs in den ersten Arbeitsmarkt zurückhelfen würden, während sie in Wahrheit ihre Lebensläufe zerstörten. Dass auf den Jobcentern qualifiziertes Personal arbeite, das ihnen helfen werde, obwohl viele Mitarbeiter kaum geschult wurden. Dass die Arbeitslosengeld-II-Sätze gerecht seien, obwohl bei ihrer Berechnung getrickst wurde.

Die gestern vom Bundeskabinett beschlossene Erhöhung der Hartz-IV-Sätze um 5 Euro wird diese Verbitterung fortschreiben. 2010 hatte Karlsruhe die Berechnung der Sätze für verfassungswidrig erklärt. Damit der Betrag danach nicht allzu sehr angehoben werden musste, nahm die damalige Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) statt wie zuvor das Einkommen der unteren 20 Prozent der Bevölkerung nur das der unteren 15 Prozent als Vergleichsgruppe. Die jetzige Arbeitsministerin Andreas Nahles (SPD) arbeitet weiter mit diesem Trick. Ausgaben für Tabak oder Alkohol sind nicht vorgesehen, ebenso wenig Kneipenbesuche oder Mitgliedsbeiträge für Parteien.

... Die 5 Euro Trostpflaster für Langzeitarbeitslose bei 10.000 Euro „Schmerzensgeld“ für Schröder aber sind das perfekte Symbol für die Krise der SPD.

Quote
Suleika

Wird in dem Artikel ernsthaft kritisiert, dass der Staat nicht für Alkohol und Kippen aufkommt??
Vielleicht noch einen Dom Pérignon?


Quote
Rainer B.

"Undankbares Volk! In Afrika gibt's überhaupt kein Geld vom Staat und die Menschen dort sind trotzdem immer fröhlich und zufrieden."
(Zitat: Oma Sauerland)


Quote
patty

Langzeitarbeitslosen etwas glaubhaft in Aussicht stellen? - Das ideologische Haupt-Instrument der Jobcenter, den Langzeiterwerbslosen die Schuld an ihrer Erwerbslosigkeit in die Schuhe zu schieben, ist wohl die Behauptung so genannter „Vermittlungshemmnisse“, also von in den Personen der Langzeiterwerbslosen oder deren Lebensumständen liegenden „Mängeln“, welche – und das ist der Witz schlechthin! – deren Vermittlung hemmen würden. Hier offenbart sich die ganze Ideologie im Kleinen, denn so etwas wie Vermittlung findet im Sinne des Wortes ja überhaupt nicht statt..
Nimmt man noch die Information dazu, dass der Niedriglohnsektor mit 24,3 Prozent der Beschäftigten in Deutschland heute so groß ist wie in keinem anderen hochentwickelten europäischen Land, zeigt das, dass und wie gut die Masche funktioniert.


Quote
Tom Farmer

Wie hoch ist die Wahlbeteiligung der untersten Lohnklassen, wie hoch die der Hartzer?
Es wäre schön anzuerkennen, dass Politik für die Wähler gemacht wird und nicht für die Nichtwähler.
Die SPD macht Politik genau entlang dieser Linie. Sowie auch die Gewerkschaften für ihr Klientel.
Eine Änderung wird es daher so schnell nicht geben unabhängig wie wer sich aufregt.


Quote
Jaroslaw Majchrzyk

@Tom Farmer "Wie hoch ist die Wahlbeteiligung der untersten Lohnklassen, wie hoch die der Hartzer?"
Sie steigt neuerdings wieder. Mehr als die Hälfte der Ex-Nichtwähler entscheiden sich dabei für AfD. ...


Quote
Khaled Chaabouté

Solange der prozentuale Anteil der Hartz-IV-Betroffenen, Armutsrentner und sonstwie abgehängten und ausgeschlossenen Menschen nicht über 40% wächst, besteht keinerlei Gefahr, ergo keinerlei Handlungsbedarf für unser politisches System, denn unterm Statistikstrich geht es "uns" jbzw. "Deutschland" a gut.


Quote
Pfanni

„Die 5 Euro Trostpflaster für Langzeitarbeitslose bei 10.000 Euro „Schmerzensgeld“ für Schröder aber sind das perfekte Symbol für die Krise der SPD“

Besser kann man wohl nicht „Äpfel“ mit „Birnen“ vergleichen! Also:

1. Die genannten 10.000 € sind ein GESAMTBETRAG, der EINMALIG gezahlt wurde, die genannten 5 € sind der ZUWACHS zu einer MONATLICHEN Zahlung
2. Die genannten 10.000 € werden von einer privaten Initiative (ILEP) gesponsert , Hartz-IV dagegen kommt aus dem Staatshaushalt

Darüber hinaus: Was hat die Krise der SPD mit den 10.000 € zu tun, deren Zahlung die SPD ganz bestimmt nicht angewiesen hat? Und die Hartz-IV –Zahlungen werden von der gesamten Regierung beschlossen, nicht nur vom Koalitionspartner SPD.

Aber, Sie haben natürlich recht, Herr Reeh: Das Verhältnis 10.000€ / 5€ regt die Leser viel mehr auf, da stören unwichtige Details nur (Das ist auch das Geheimrezept für den Erfolg der BLÖD-Zeitung!).


Quote
ulf hansen

In der Blödzeitung wird gerade wieder gegen Harzt 4 gehetzt.
Lasset die Brot und Spiele beginnen.


Quote
warum_denkt_keiner_nach?

@ulf hansen Na ja. Die altrömische Dekadenz der Armen muss man schon anprangern...


Quote
Lowandorder
heute, 08:40

... Wer nicht arbeitet - soll auch nicht
Lügen - äh liegen oder essen!


Quote
zebra

Inzwischen gibt es in der BRD etwa 15 Mio Menschen, die nicht genug Geld zur Verfügung haben, um eine Familie zu ernähren. Dazu gehören "Harzler" und die ganzen modernen Sklaven in Pflegeberufen oder beim Paketdienst oä.
Auf der anderen Seite gibt es immer mehr fünfstellige Monatseinkommen, wodurch diese überreich Bezahlten, masslos Satten jeden Bezug zur Realität verlieren, da auch Strafen sie nicht treffen. Was jucken so einen 30 Euro für Falschparken???

Diese Umverteilung von unten nach oben wird von der SPD nicht nur mitgetragen, sondern initiiert. ...


Quote
FStein

Dazu passen noch die 2 Euro Kindergelderhöhung die Herr Schäuble großzügig "spendiert".


Quote
Hanne

5 € können einfach auch der Preiserhöhung im ÖPNV entsprechen oder jetzt auch Kontogebühren, die stark angezogen werden aufgrund der niedrigen Zinsen.


Quote
DEIN CHEF

5 Euro mehr in der Tasche? Hammer!


...


Aus: "Kommentar Hartz-IV-Erhöhung: Schmerzensgeld und Trostpflaster" (21. 9. 2016)
Quelle: https://www.taz.de/Kommentar-Hartz-IV-Erhoehung/!5338762/


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« Reply #563 on: September 29, 2016, 02:04:40 nachm. »
Quote
[....] Rom – Die römische Staatsanwaltschaft hat am Donnerstag drei Jahre und einen Monat Haft für den im Oktober 2015 zurückgetretenen Bürgermeister Roms, Ignazio Marino, beantragt. Der Vorwurf lautet auf Betrug und Amtsmissbrauch in Zusammenhang mit teuren Restaurantbesuchen und Reisen auf Kosten der Gemeindekassen.

Der Vorwurf lautet auf Betrug und Amtsmissbrauch in Zusammenhang mit teuren Restaurantbesuchen und Reisen auf Kosten der Gemeindekassen. Die Gemeinde Rom forderte vom Bürgermeister einen Schadenersatz in Höhe von 600.000 Euro wegen Rufschädigung. Aufgrund der Klage einiger Oppositionsparteien über Marinos Ausgaben hatte die römische Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen Unterschlagung öffentlicher Gelder eingeleitet. Marinos Ausgaben wurden genau unter die Lupe genommen. 28 Reisen hatte der Bürgermeister zwischen 2013 und 2015 unternommen. Er soll darüber hinaus eine Kreditkarte der Gemeinde für Besuche in teuren Restaurants mit Angehörigen genutzt haben. ...


Aus: "Drei Jahre Haft für Roms Ex-Bürgermeister gefordert" (29. September 2016)
Quelle: http://derstandard.at/2000045125870/Drei-Jahre-Haft-fuer-Roms-Ex-Buergermeister-gefordert


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« Reply #564 on: September 29, 2016, 02:29:14 nachm. »
Quote
[...] Bernhard Heinzlmaiers neues Buch "Anpassen, Mitmachen, Abkassieren" ist von Milde befreit – stellenweise auch von Differenzierung

STANDARD: Nach dem Lesen Ihres neuen Buches will man das Wort "Elite" wirklich nicht mehr aussprechen. Ihnen zufolge ruinieren diese "unsere Gesellschaft". Was regt Sie dermaßen auf?

Heinzlmaier: Die Politik ist zu einer Ansammlung von handlungsunfähigen hohlen Gefäßen verkommen. Das Äußere der Parteien sieht adrett und artig aus, innen sind sie verrottet und heruntergekommen. Rückgratlos mit perverser Lust an der Subordination unter die Macht des Mainstreams. Die Milieus der Ober- und Mittelschicht passen sich der politischen Kultur der Unaufrichtigkeit opportunistisch an und lügen im Privat- und Berufsleben zum eigenen Vorteil, dass sich die Balken biegen. Sie haben jede Verbindung zu den klassischen bürgerlichen Tugenden wie Ehrlichkeit, Treue und Anständigkeit gekappt.

STANDARD: Total amoralisch?

Heinzlmaier: Ob Mensch oder Natur – alles wird den Ego-Eliten unserer Tage zum Mittel für den persönlichen Zweck. Rücksicht nehmen sie nur auf sich selbst.

STANDARD: Überspitzt gesagt ...

Heinzlmaier: Ja, auch auf ihre Familien, Lebenspartnerinnen – aber die werden irgendwann auch getauscht gegen attraktivere Varianten. Solcher Wert des Lebens orientiert sich halt primär an Äußerlichkeiten. Schöner Schein, egozentrischer Lustgewinn, wirtschaftlicher Erfolg.

STANDARD: Rührt daher die große Schadenfreude, wenn es einmal einen "erwischt"?

Heinzlmaier: Ja, die Zusammenbrüche und Niederlagen der dekadenten Wirtschaftswelt sind unsere kleinen Freuden des Alltags, die uns gleichzeitig das Gefühl geben, dass es doch eine höhere Gerechtigkeit gibt. Wir normalen Bürger, die in der Regel zu den Opfern dieser überheblichen und gewissenlosen Eliten gehören, gönnen ihnen jede Niederlage, jede Qual von Herzen. Es meldet sich ja auch das Gewissen – viele Spitzenrepräsentanten in Politik und Wirtschaft leiden unter Depressionen. Wer nicht zum Neurologen geht, versucht sich zu betäuben, ständig abzulenken, im Zirkel seinesgleichen zu bestätigen.

STANDARD: Auch nicht moralisch vorbildlich. Ist in den Milieus "unterhalb" der Mittelschicht etwas besser?

Heinzlmaier: Die reagieren anders auf den Niedergang der Moral in Politik und Wirtschaft und auf die gleichzeitige Erhebung von Manierismen zu den bestimmenden Kriterien für persönlichen Erfolg und gesellschaftlichen Status, und zwar nicht mit Anpassung, sondern mit radikaler Abgrenzung.

STANDARD: Das Potenzial für die rechtspopulistische Gegenöffentlichkeit?

Heinzlmaier: Mit der Pegida-Bewegung und der AfD, der FPÖ: ja – um nichts weniger widerlich als verlogene Wirtschafts- und Kultureliten, positioniert allerdings radikal gegen das oberlehrerhafte Beschönigungs- und Wahrheitsverdrehungskartell in Politik und Medien. Der Begriff "Lügenpresse" ist das Symbolwort, mit dem sozial unterprivilegierte Gruppen der Gesellschaft ihre Elitenkritik zum Ausdruck bringen. Sucht man nach Gemeinsamkeiten zwischen Eliten und dem Volk, dann sieht man eine optimale Ergänzung zweier ängstlicher, mutloser, dekadenter Formationen. Als Entschädigung für ihre Selbstunterdrückungsleistung gönnen sie sich den Luxus, sozial Schwächere, Migranten, Flüchtlinge abzuwerten, wo es geht.

STANDARD: Der "durchschnittliche Businessmensch" kriegt im neuen Buch auch gehörig Fett ab.

Heinzlmaier: Weil er und sie die Autonomieansprüche weitgehend aufgegeben haben. Das ist das Elend. Sie lassen sich freudig fernsteuern, durch Arbeitgeber, Modeindustrie, Filmindustrie, Freizeitindustrie. Die Identität des Businessmenschen ist ein Puzzle aus Abziehbildern, die den Funktionen entsprechen. Faszinierend, in welcher Gleichförmigkeit sie sich kleiden, denken, verhalten. Gleiche Wohnungen, Autos, Anzüge, Parfums. Langweilig. Das geht mit dem Grundproblem in Politik und Wirtschaft zusammen, dass Führungskräfte meinen, sie müssten selber nicht mehr denken, weil sie eh Berater haben. Aber die sind oft Scharlatane.

STANDARD: Liegt die Hoffnung also auf den Jungen, auf dem Nachwuchs, auf der aufbegehrenden Generation Y?

Heinzlmaier: Also erstens: Es gibt keine Generation Y oder Generation Z. Das ist eine Dummheit der Wirtschaft – es gibt ihn nicht, den Arbeitnehmer der Zukunft, der Arbeitsmarkt ist heterogener denn je. Das Spektrum ist sehr breit, von Durchreisenden, die lediglich Kohle wollen, bis zu Loyalen, Sicherheitsgetriebenen. Was es aber leider gibt, ist eine einseitige Ausbildung auf den Wirtschaftsunis ohne menschenbildende Fächer. Denken wird nicht gelehrt, nur mehr vermeintlich nützliches Wissen, die Ausbildungen werden mutloser, enger. Alles folgt dem Imperativ des am persönlichen Erfolg ausgerichteten Handelns.

STANDARD: Dazwischen gibt es aber schon ein paar "normale" Menschen.

Heinzlmaier: Ja, die gibt es. Aber die interessieren die Eliten nicht. Sie werden tendenziell verachtet, sind suspekt, weil sie in diesem Gefüge keine Ambitionen haben, sich so nicht anpassen wollen.

Bernhard Heinzlmaier ist seit über 20 Jahren in der Jugendkulturforschung tätig. Er gründete das Institut für Jugendkulturforschung, leitet tfactory in Hamburg. Sein Essay "Anpassen, mitmachen, Abkassieren – wie dekadente Eliten unsere Gesellschaft ruinieren" ist im September im Verlag Hirnkost erschienen.

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    Oscar für das Posting-Lebenswerk

Man kann hier sicher etwas mehr differenzieren, es ist schon klar dass es immer auch Ausnahmen gibt. Aber in der Grundtendenz hat er es auf den Punkt gebracht.

Es ist ein Teufelskreislauf. Je mehr die politischen und wirtschaftlichen Sitten verfallen, desto weniger pfeifen sich die nächsten, denn "wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer". Und so wird abkassiert, wo es nur geht, und wenn der Regenwald, das Meer, die Tierwelt, die Bergwelt, die sozial Schwächeren, die Kinder, die Finanzwelt, die Firma, die Demokratie ... dabei dran glauben muss, dann ist das halt so. Da kann man nichts machen. Hauptsache "ich" bin im Trockenen.

Kann noch lustig werden.


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    Salz Burger

Also ich finde die Welt heute besser und freier als je zuvor. Noch nie waren die Möglichkeiten so groß und vielfältig.


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    Fart N. Burp

... der Autor vermischt leider zwei sehr unterschiedliche Dinge: nämlich den tatsächlichen Schaden an der Umwelt und am Gemeinwesen, der durch geld- und egogetriebene Menschen verursacht wird im Gegensatz zum Erscheinungsbild und quasi persönlichem Lebenswandel. in puncto Erscheinungsbild und Lebenswandel klingt der Artikel ungefähr so unreflektiert pseudo-individualistisch wie ein 16 Jähriger, der grad ein erstes Hermann Hesse Buch gelesen hat. [Der Artikel klingt exakt nach der Lebenseinstellung im ersten Semester Philosophie (Hauptfach). -- Ab dem fünften, sechsten Semester ist es dann aber besser geworden...]


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    ABC2000

Das Ergebnis des radikalen Marktes

Eine treffende Beschreibung für die Talfahrt einer Gesellschaft, die einer neoliberalen Ideologie und den daraus hervorgehenden "Sekten" das Steuer auf allen Ebenen überlassen hat oder überlassen musste. Am Ende dieses Weges beutet jeder jeden aus, betrügt, heuchelt,, lügt und bereichert sich, als ob es kein Morgen und keine Zukunft gäbe, weil das eben der "Markt" verlange. Am Beispiel der USA sieht man, dass sich die Eliten an der Spitze halten können, wenn sie Medien, Politik, Ideologien und Wertesysteme kontrollieren können und den Menschen ein System an Unterhaltung, Sündenböcken und Identität anbieten. Sollte das nicht reichen wird mit institutioneller, rechtlicher und militärischer Gewalt vorgegangen.


Quote
    Zinsenfeger

In meiner Schulzeit haben wir im Unterricht noch diskutiert und sind von den Lehrern auch dazu ausdrücklich angehalten worden. Auch darüber, nicht einfach nur Klischeephrasen und Allgemeinplätze zu verwenden und wirklich über ein Thema in allen Facetten nachzudenken. - Im Elternhaus wurde dagegen gar nicht diskutiert, da herrschte noch "alter Stil".
Allerdings habe ich auch sehr viel gelesen, und es hat die Welt für mich geweitet. - Übrigens,Kinder machen nicht automatisch alles nach, was Eltern und Lehrer vorgepredigt haben. Das stimmt zwar in vielen Fällen, heutzutage ist die junge Generation verblüffend brav und angepasst. - ABER - in der Geschichte gab es immer Revolten der jungen gegen die Welt der Väter. Wird schon wieder kommen.

Quote
    DerStandardName

Das ist und war nie die Regel. Lehrer haben sich perfekt dem System angepasst - es sind meist die Streber schlecht hin. Und eben jene erwarten sich 'Standard-Diskussionen', die Mainstraem antworten produzieren. Genau das, was sie selber Antworten würden. Natürlich gibt es Ausnahmen, Sie können sich dann glücklich schätzen, auf so einen Lehrer getroffen zu haben. Aber die Regel lässt sich leicht bestätigen.



...


Aus: ""Businessmenschen lassen sich freudig fernsteuern"" Interview Karin Bauer (27. September 2016)
Quelle: http://derstandard.at/2000044824818/Businessmenschen-lassen-sich-freudig-fernsteuern

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« Reply #565 on: Oktober 06, 2016, 07:59:18 vorm. »
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[...] Peer Steinbrück wechselt ins Bankgeschäft: Der ehemalige Kanzlerkandidat der SPD übernimmt nach dem Abschied aus dem Bundestag einen Beraterposten bei der ING-DiBa. ... Der ehemalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück arbeitet künftig für die größte deutsche Direktbank ING-DiBa. "Ich werde ein Angebot annehmen, als Berater des Vorstandes" sagte Steinbrück der Wochenzeitung "Die Zeit" laut einer Vorabmeldung vom Mittwoch. Der 69-Jährige hatte vor einer Woche seinen Abschied aus dem Bundestag genommen.  ...


Aus: "Peer Steinbrück wird Berater der ING-DiBa" (05.10.2016)
Quelle: http://www.manager-magazin.de/politik/deutschland/a-1115237.html

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Quote
[...] Frankfurt/Main - SPD-Altbundeskanzler Gerhard Schröder (72) hat nach Informationen der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS) seinen Beraterjob beim Bankhaus Rothschild aufgegeben. Nach zehn Jahren sei die Beratungstätigkeit zum 1. März dieses Jahres „planmäßig ausgelaufen“, schreibt das Blatt unter Berufung auf die Privatbank.

„Rothschild ist Herrn Schröder für sein wertvolles Engagement dankbar und bleibt ihm auch in Zukunft freundschaftlich verbunden.“ Schröder war 2006, im Jahr nach dem Ausscheiden aus dem Kanzleramt, als Berater beim Bankhaus Rothschild eingestiegen, um die Gruppe beim Ausbau ihrer Aktivitäten in Mittel- und Osteuropa, Russland, der Türkei, dem Mittleren Osten und China zu unterstützen. Seine Tätigkeit beziehe sich nicht auf Geschäfte in Deutschland, teilte die Bank damals mit.


Aus: "Altkanzler Gerhard Schröder hört als Berater für Rothschild-Bank auf" (10.09.16)
Quelle: http://www.rundschau-online.de/wirtschaft/altkanzler-gerhard-schroeder-hoert-als-berater-fuer-rothschild-bank-auf-24720652

Quote
[...] Altkanzler Gerhard Schröder hat nach Tagesspiegel-Informationen den Vorsitz des Verwaltungsrates des Energiekonzerns Nord Stream 2 übernommen. Das neue Unternehmen, das die Erdgaspipeline von Russland nach Deutschland erweitern will, gehört derzeit zu 100 Prozent dem vom russischen Staat gelenkten Energiekonzern Gazprom.

Ein Sprecher von Nord Stream 2 bestätigte die Personalie. Wann Schröder den Posten übernommen hatte, konnte er zunächst nicht sagen. Aus dem Handelsregister des Schweizer Kantons Zug, wo das Unternehmen seinen Sitz hat, geht allerdings hervor, dass Schröder seit dem 29. Juli als Präsident des Verwaltungsrates firmiert. Das Projekt Nord Stream 2 ist innerhalb der EU hoch umstritten.

Schröder ist bereits seit zehn Jahren Vorsitzender des Gesellschafterausschusses des ersten Pipeline-Konsortiums Nord Stream und behält diesen Posten auch weiterhin. Sein Wechsel kurz nach dem Ende seiner Kanzlerschaft hatte dem SPD-Politiker viel Kritik eingebracht, zumal er gemeinsam mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zuvor den Weg für den Bau der Ostsee-Pipeline frei gemacht hatte.

Nord Stream hat den Bau der ersten beiden Leitungen verantwortet und ist nun für deren Betrieb zuständig. An diesem Konsortium hält Gazprom 51 Prozent der Anteile, außerdem sind die Energiekonzerne Wintershall, Eon, Gasunie und Engie beteiligt. ...

Die Höhe der Vergütung für Schröders neuen Posten ist bisher nicht bekannt. Als Aufsichtsratschef des ersten Nord-Stream-Konsortiums erhielt er 250.000 Euro im Jahr.

Quote
2010ff 05.10.2016, 15:14 Uhr
Fachkräftemangel allüberall. Selbst ältere Herren jenseits der 70 müssen immer wieder ran.


Quote
Michael_Si 05.10.2016, 14:30 Uhr
ein echter Sozialdemokrat...


Quote
bergmann61 05.10.2016, 12:36 Uhr
Ich frag mich echt was Frau Nahles später mal machen kann.


Quote
ralf.schrader 05.10.2016, 12:07 Uhr
Der Herr bleibt konsequent. Er hat als Bundeskanzler zu 100% die Position der neoliberalen globalagierenden Konzerne vertreten und macht dies auch als Privatier. Man weiss, was man an ihm hat. Nicht mal der Versuch, irgend etwas mit Volksnähe zu imitieren. ...


...


Aus: "Neuer Job für Gerhard Schröder bei Gazprom-Tochter" (05.10.2016)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/nord-stream-2-neuer-job-fuer-gerhard-schroeder-bei-gazprom-tochter/14643886.html

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« Reply #566 on: Oktober 06, 2016, 08:10:33 vorm. »
Quote
[...] Galten vor der Einführung des Mindestlohns 15,4 Prozent der Bevölkerung als armutsgefährdet, sind es jetzt 15,7 Prozent. Lässt man die Flüchtlinge beiseite und betrachtet nur die Einwohner ohne Migrationshintergrund, sind nach dem Inkrafttreten des Mindestlohns genauso viele Bürger arm wie vorher, zeigen die Zahlen.

Die statistisch gemessene Ungleichheit der Einkommensverteilung ist ebenfalls unverändert geblieben. Sogar die Zahl der Arbeitnehmer, die ergänzend zu ihrem Lohn noch Arbeitslosengeld II beziehen, hat sich nach Angaben der ZEIT nur geringfügig verändert. Im Jahr 2014 gab es 1,18 Millionen dieser sogenannten Aufstocker, im vergangenen Jahr waren es 1,13 Millionen.

Obwohl der Mindestlohn offenbar nicht ausreicht, um die Armut oder die Ungleichheit der Einkommen spürbar zu verringern, rät Joachim Möller, der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, davon ab, ihn kräftig anzuheben. "Wenn man den Mindestlohn deutlich erhöht, ist zu befürchten, dass dann doch Arbeitsplätze verloren gehen. Es gibt irgendwo eine rote Linie, die man nicht überschreiten darf." ...

... Kritiker bemängeln dennoch zahlreiche Tricks, mit deren Hilfe der Mindestlohn umgangen werden kann. Nach wie vor gibt es Ausnahmen bei bestimmten Personen- und Berufsgruppen. So dürfen bei Saisonarbeitern Kost und Logis mit dem Mindestlohn verrechnet werden. Auch Zeitungszusteller müssen zumindest bis 2017 nicht mit dem Mindestlohn bezahlt werden. In der Fleischbranche, bei Friseuren, Leiharbeitern, in der Textilbranche sowie im Gartenbau und der Land- und Forstwirtschaft gilt bis zum 31. Dezember 2017 eine dreijährige Übergangsregelung. Erst ab dem 1. Januar 2018 soll der Mindestlohn auch hier ausnahmslos gelten. Auch freiwillige Praktika, die weniger als drei Monate dauern, werden nicht mit dem Mindestlohn vergütet. Sie gelten nicht als Arbeits-, sondern als sogenannte Bildungsverhältnisse.

Quote
 chagall1985 #7

Der Mindestlohn sorgt für ein Einkommen etwa bei Hartz IV.
Zumindest wenn man alle Leistungen durch HartzIV zusammenrechnet.
Wie soll ein Lohn von unter 1000€ Netto etwas gegen Armut ausrichten?
Aber er verhindert die absolute Ausbeutung von Arbeitslosen.
Das hat er definitiv bewirkt......
Jobs mit 1,20€/Std gibt es jetzt nicht mehr.


Quote
Zwischen-den-Zeilen-Leser #13.1

Wer nur den Mindestlohn verdient, muss 63 Jahre lang (in Vollzeit) arbeiten, um eine Rente auf dem "Hartz-IV"-Niveau von ca. 690 Euro zu erhalten:

http://www.focus.de/finanzen/altersvorsorge/rente/buckeln-fuer-die-rente-30-jahre-arbeiten-und-trotzdem-nur-hartz-iv_id_4245618.html


...


Aus: "Mindestlohn zeigt kaum Wirkung" (5. Oktober 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-10/mindestlohn-wirkung-statistisches-bundesamt

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« Reply #567 on: Oktober 06, 2016, 08:13:06 vorm. »
Quote
[...] Berlin (AFP) 52 Prozent und damit mehr als die Hälfte der Hartz-IV-Aufstocker mit sozialversicherungspflichtigen Jobs haben einem Zeitungsbericht zufolge eine abgeschlossene Berufsausbildung und arbeiten als Fachkräfte. Weitere vier Prozent arbeiten in gehobenen Experten- oder Spezialistenpositionen und 44 Prozent in Helferpositionen, wie die "Rheinische Post" am Samstag unter Berufung auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) berichtete, die von der Linksfraktion ausgewertet wurden.


Aus: "Deutschland: 52 Prozent der Hartz-IV-Aufstocker sind Fachkräfte" (6. August 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/news/2016-08/06/deutschland-zeitung-52-prozent-der-hartz-iv-aufstocker-sind-fachkraefte-06101005

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« Reply #568 on: Oktober 13, 2016, 12:48:51 nachm. »
Quote
[...] Wenn wie jetzt über die Höhe der Unterstützung für erwerbslose Menschen gestritten wird, hat sich seit der von Gerhard Schröder verkündeten "Agenda 2010" ein Glaubensdogma etabliert: Arbeitslose brauchten Anreize, so heißt es, damit sie wieder eine Arbeit annähmen.

Dieses Glaubendogma geht davon aus, dass Arbeitsplätze im Prinzip angeblich genügend vorhanden wären, das eigentliche Problem sei vielmehr die Lustlosigkeit der Arbeitssuchenden. Von sich heraus habe der Mensch, so die Unterstellung, auf gar nichts Lust - außer regungslos auf dem Sofa zu liegen. Erst wenn ein finanziell messbarer Anreiz vorliege, würden Gehirnzellen und Gliedmaße in Bewegung gesetzt. Aber: Ginge es nach diesem neoliberalen "Naturgesetz", hätte die taz mit ihren anfangs absolut reizlosen Einheitslöhnen niemals gegründet werden dürfen.

Das Menschenbild, das hinter diesem Glaubensdogma steckt, ist mit dem emanzipatorischen Teil unserer europäischen Werte absolut unvereinbar: Gemeint sind die Würde des Menschen, die Freiheit der Person und Werte wie Verantwortung, Selbstverwirklichung, Mündigkeit und demokratische Gemeinschaft. Nichts von alldem ist denkbar, wenn man den Menschen auf einen rein mechanischen Reiz-Reaktions-Organismus reduziert. Dieses Menschenbild entspricht vielmehr jener Psychologie aus dem euphorischen Industriezeitalter, die das naturwissenschaftliche Kausalitätsgesetz umstandslos auf die Erforschung menschlichen Verhaltens zu übertragen versuchte. Sinnbild für dieses Denken ist der pawlowsche Hund, der auf einen akustischen Reiz so voraussehbar reagiert wie eine Maschine: ohne Reiz keine Reaktion.

Dieses Modell passte einst gut zum Regime der Arbeitshäuser und Besserungsanstalten, die für "umherziehendes Gesinde" eingerichtet wurden. Der Mensch sollte - mit Zuckerbrot und Peitsche - an den neuen Rhythmus der Maschine angepasst werden. Der Rückgriff auf den Verhaltensmodus von Tieren verwundert da kaum, denn die mechanische Psychologie kannte keine Seele. Zwischen der Wahrnehmung einer Information (Reiz) und dem darauf folgenden Handeln (Reaktion) fehlte die vermittelnde Persönlichkeit. Die neoklassische Ökonomie, auf der die Anreiz-These basiert, griff dieses Menschenbild auf, um zu begründen, warum der Mensch nur durch ständigen Wettbewerbsdruck zur Leistung bereit sei.

Was diesem Homo oeconomicus fehlt, ist das typisch Menschliche: In der Bibel ließ Gott den Menschen die Wahl zwischen Gut und Böse. Adam und Eva reagierten nicht stumpf auf einen Anreiz, sondern trafen nach Gesprächen mit der Schlange und vernünftigen Abwägungen ihre freie Entscheidung, vom Baum der Erkenntnis zu kosten. Immanuel Kant nannte dies Autonomie: "Die Eigenschaft des Willens, sich selbst ein Gesetz zu sein." In der Kritischen Psychologie spricht man von Handlungsfähigkeit: Sie besagt, dass jeder Mensch von sich heraus über die Fähigkeit verfügt, sein Leben aktiv schöpferisch zu gestalten, und über den Impuls, von sich heraus etwas zu bewegen.

Äußere Anreize steuern das Verhalten nicht mechanisch. Es verhält sich genau umgekehrt: Der Mensch steuert sein Verhalten, indem er die Reize aus seiner Umgebung sortiert, nach ihrer Bedeutung gewichtet, die einen stärker bewertet und andere ausblendet. Er reagiert nicht nur stumpf, sondern steht selbst aktiv im Zentrum seiner Wahrnehmung und seines Handelns. In Artikel 2 der Grundrechte ist dieser Gedanke der Aufklärung verankert: Die freie Entfaltung der Persönlichkeit gilt als unverletzbar.

Bis zum Fall des Eisernen Vorhangs galt diese freie Entfaltung der Persönlichkeit als der entscheidende Vorteil unserer "freien Welt" gegenüber dem "Reich des Bösen". Nachdem Letzteres verschwunden ist, greifen Meinungsführer aus der Wirtschaftslobby immer häufiger auf vorbiblische Menschenbilder zurück: Sie billigen den Menschen am Rande des Arbeitsmarktes eine eigene, reife Entscheidung nicht mehr zu, sondern meinen, sie durch Anreize direkt steuern zu müssen. Der Atomindustrie hingegen billigte diese Regierung einen eigenen legitimen Willen zu, den es zu berücksichtigen galt.

Der gewöhnliche Mensch gilt in der neoliberalen Ideologie als "Gewohnheitstier": Er meide "von Natur aus Veränderungen" und folge seinen primitiven Instinkten. Nur die, die so reden, nehmen sich selbst von diesem Menschtypus aus. Sie sehen sich dazu berufen, Anreize zu verteilen, ohne selbst dazu motiviert werden zu müssen. Das ist neofeudaler Elitedünkel, in dem sich eine tiefe Verachtung gegenüber der Aufklärung ausdrückt - gegen das autonome Subjekt, das von sich heraus eigenständig fühlt, denkt und handelt, ohne sich im vorauseilenden Gehorsam den Geboten der Ökonomie unterzuordnen. Tatsächlich bedarf es ja saftiger Anreize, um die Menschen in Arbeitsverhältnisse und auf Lohnniveaus zu drücken, wie sie "die Märkte" gerade verlangen.

Die Manager unserer Skandalbanken bestätigen ihr Menschenbild hingegen auf zynische Weise. Ohne sechsstellige Bezüge oder millionenschwere Boni hätte ihnen womöglich der Anreiz gefehlt, mit jenen aberwitzigen Finanzluftschlössern zu handeln, mit denen sie die Welt vor zwei Jahren bis an den Rand des wirtschaftlichen Abgrunds brachten. Heißt das, unsere Boni-Banker sind von Natur aus faul? Würden sie ohne Spitzengehälter nur träge auf dem Sofa liegen? Zumindest gesteht diese Anreizelite damit ein, dass sie selbst kein Konzept von Arbeit besitzt, das auf der Freiheit der autonomen Persönlichkeit beruht.

Zwischen Mensch und Arbeit scheint es eine immer größere Kluft zu geben, die ruckartig durch Anreize (Armut für die einen und Boni für die anderen) überbrückt werden soll. Der zutiefst menschliche Wunsch, "etwas um seiner selbst willen gutzutun", den der US-Soziologe Richard Sennett einst im Handwerk erkannt hat, braucht jedoch keine Anreize, um sich auszudrücken, sondern eine solidarische Gesellschaft, die Sicherheit und Anerkennung bietet, um sich schöpferisch entfalten zu können.


Aus: "Debatte Hartz IV: Neofeudaler Elitedünkel" Ein Kommentar von Rainer Kreuzer (6. 10. 2010)
Quelle: https://www.taz.de/!5134473/

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« Reply #569 on: Oktober 17, 2016, 02:18:42 nachm. »
Quote
[...] „Betriebswirtschaftliche Gründe gibt es nicht“ sagt der Kieler Finanzprofessor Peter Nippel. Gerade Großkonzerne sind nicht auf ein deutsches Geldhaus in der Größenordnung der Deutschen Bank angewiesen. „Höchstens für Unternehmen aus der 2. Reihe, aus dem Mittelstand, kann eine große deutsche Bank von Vorteil sein“, sagt der Finanzanalyst Philipp Hässler von Equinet. Allerdings reichten dem Mittelstand kleinere Banken wie die Commerzbank, Helaba oder eben eine „gestutzte Deutsche Bank“ vollkommen aus, um zum Beispiel Geld am Kapitalmarkt aufzunehmen.

... Trotzdem bekunden deutsche Wirtschaftslenker vollmundig ihre Loyalität gegenüber der Deutschen Bank, sie sollen gar darüber nachdenken, zur Not Kapital zu geben. „Die deutsche Industrie braucht eine Deutsche Bank, die uns in die Welt hinaus begleitet“, sagte  der BASF-Aufsichtsratsvorsitzende Jürgen Hambrecht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. „Wenn wir auch in Zukunft im weltweiten Wettbewerb bestehen wollen, ist es für uns wichtig, einen global Player wie die Deutsche Bank an unserer Seite zu haben“, bekräftigt RWE-Chef Peter Terium. Für eine exportorientierte Wirtschaft wie die deutsche wäre es schlecht, „wenn wir den Zugang zu den weltweiten Kapitalmärkten nur noch über Banken in anderen Ländern sicher stellen könnten“, sagt Eon-Chef Johannes Teyssen.

Dax-Chefs betonen immer wieder die zentrale Rolle von „Vertrauen“ in ihrem Verhältnis zur Deutschen Bank. „Vertrauen ist der Anfang von allem“, hieß der Slogan der Deutschen Bank einst – jetzt scheint er sich zu bewahrheiten. Zwar ist die Deutsche Bank nicht mehr das Nervenzentrum der „Deutschland AG“ – war sie 1990 laut Deutscher Monopolkommission noch in Aufsichtsräten von 35 der 100 größten deutschen Unternehmen vertreten, waren es 2014 nur noch 2. Doch das Netzwerk hat sich keineswegs aufgelöst.

„Auf der Ebene der Topmanager kennt man sich“, so Professor Nippel. Die langjährigen persönlichen Beziehungen zwischen Bankern und Konzernlenkern können echte wirtschaftliche Vorteile bergen. Wenn ein Banker ein Unternehmen beispielsweise durch ein Aufsichtsratsmandat seit Jahren von innen kennt, kann er neue Informationen oftmals schneller und besser einordnen als anonyme Herden externer Investoren. Dieses in der Forschung als „informelle Koordination“ bekannte Prinzip galt lange Zeit als das Erfolgsrezept des deutschen Wirtschaftsmodells.

Vertrauen und Loyalität spielen besonders in Krisenzeiten eine wichtige Rolle. Anders als erbarmungslose Kapitalmärkte, die Verluste in Echtzeit weitergeben, kann eine Bank häufig auch in schlechten Zeiten Kreditlinien aufrechterhalten. ...

... Betrachtet man den europäischen Bankenmarkt insgesamt, macht sich zunehmend Angst vor einer amerikanischen Übermacht breit. Davor warnt Dorothea Schäfer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin: „Ein deutsches Geldhaus in der Größenordnung der Deutschen Bank ist nicht unbedingt notwendig, dafür aber deutsche global tätige Großbanken, die der Preissetzungsmacht der amerikanischen Konkurrenz etwas entgegensetzen können“. In Amerika zahlen Unternehmen deutlich höhere Gebühren als in Europa – nach Schätzungen bis zu 20 Prozent mehr. Ohne Konkurrenten wie die Deutsche Bank, die den amerikanischen Konkurrenten hierzulande Paroli bieten, könnten deutsche Unternehmen diesen höheren Preisen ausgeliefert sein.

Die zunehmende Dominanz amerikanischer Großbanken beunruhigt europäischer Beobachter auch vor dem Hintergrund der Regulierung von Kapitalmärkten. Wären es zukünftig vor allem amerikanische Banken, die mit Finanzprodukten handeln oder Übernahmen begleiten, verschöbe sich damit die Deutungshoheit in der Finanzregulierung in die Vereinigten Staaten. Wie stabil das europäische Finanzsystem zukünftig ist, würde somit mehr in New York und Washington denn in Berlin und Brüssel bestimmt.


Aus: "Investmentbanking: Deshalb braucht es eine Deutsche Bank" Nils Röper (17.10.2016)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/investmentbanking-deshalb-braucht-es-eine-deutsche-bank-14485140.html

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« Reply #570 on: Oktober 18, 2016, 09:53:55 vorm. »
Quote
[...]  [Iris Gleicke]: ... man kann so lange nach dem Mauerfall nicht mehr alles auf die DDR schieben. Es gibt im Osten ein sehr tief sitzendes Misstrauen, denn den Menschen wurde mit einem Schlag ein großer Teil ihrer Identität genommen. Soziale Sicherheit ging verloren, Gewissheiten wurden zerstört ... . Das bleibt nicht ohne Wirkung, es nagt am Selbstbewusstsein und macht manchmal anfällig für billige Parolen und Schuldzuweisungen an alles Fremde. Bis heute löst zum Beispiel das Wort Treuhandanstalt bei sehr vielen Menschen Wut aus. Der demokratische Staat, das haben viele Ostdeutsche erlebt und erlitten, konnte sie nicht vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg bewahren. Und das sorgt bis heute dafür, dass es wenig Vertrauen in unsere Gesellschaft und seine Eliten gibt. ...


Aus: ""Die Flüchtlingskrise ist so etwas wie der Brandbeschleuniger"" (17.10.2016)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/fremdenfeindlichkeit-in-ostdeutschland-die-fluechtlingskrise-ist-so-etwas-wie-der-brandbeschleuniger/14701898.html

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« Reply #571 on: Oktober 18, 2016, 12:53:39 nachm. »
Quote
[...] Bisher kostete die Kitaplatzsuche in Berlin Eltern vor allem Zeit und Nerven. Nun kann, wer es finanziell vermag, auch suchen lassen: Die Agentur Maternita in Prenzlauer Berg hilft bei der Suche nach dem Wunschkitaplatz – für eine Vermittlungsgebühr, die zwischen 255 und rund 500 Euro liegt.

... Maternita hat nach eigener Auskunft 50 Plätze seit 2015 vermittelt, eine überschaubare Anzahl. „Aber die Anfragen nehmen zu“, sagt Ko-Chefin Sarrazin. Das Start-up an der Schönhauser Allee organisiert einer solventen Klientel so gut wie alles rund um das Thema Kinderkriegen: die Hebamme vor der Geburt, den Personal Trainer für danach. Und eben auch die Wunschkita. Zwischen drei bis sechs Stunden reine Arbeitszeit investiere man pro Kitaplatz, sagt Sarrazin. „Vor allem haken wir bei den passenden Kitas immer wieder nach – das ist ja das, was Zeit kostet.“


Aus: "Eltern zahlen für Kitaplatzsuche" Anna Klöpper (18. 10. 2016)
Quelle: https://www.taz.de/In-Prenzlauer-Berg/!5345788/

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« Reply #572 on: Oktober 21, 2016, 10:29:27 vorm. »
We don't see things as they are, we see them as we are. – Anaïs Nin

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Quote
[...] Symbolic universes are created to provide legitimation to the created institutional structure. Symbolic universes are a set of beliefs “everybody knows” that aim at making the institutionalized structure plausible and acceptable for the individual—who might otherwise not understand or agree with the underlying logic of the institution. As an ideological system, the symbolic universe “puts everything in its right place”. It provides explanations for why we do things the way we do. ...


Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/The_Social_Construction_of_Reality (11 October 2016)

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Quote
[...] Die Welt wird durchgerüttelt: Es herrscht Krieg in Syrien, ein Irrer könnte US-Präsident werden. Für große Unsicherheit sorgt der Brexit. Und Europa steht immer wieder vor der Zerreißprobe. Wie gefährlich ist das alles für die Börse und unser Geld?  ...


Aus: "Alarmstufe rot: Diese Risiken bedrohen unseren Wohlstand"
FOCUS-MONEY-Redakteurin Heike Bangert und FOCUS-MONEY-Redakteur Mika Hoffmann  (21.10.2016)
Quelle: http://www.focus.de/finanzen/boerse/bankenkrise-brexit-schock-donald-trump-alarmstufe-rot-diese-geopolitischen-risiken-bedrohen-unseren-wohlstand_id_6096940.html


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« Reply #573 on: Oktober 25, 2016, 10:11:22 vorm. »
Quote
[...]  Zum ersten Mal hat die Bundesregierung in ihrem Armuts- und Reichtumsbericht auch die Vermögenden untersucht. Ergebnis: Die Ungleichheit hat stark zugenommen. ... Es wird [ ] eine sehr ungleiche Verteilung zwischen "oben" und "unten" festgestellt: So konnten die vermögensstärksten zehn Prozent der Haushalte über die Hälfte des Nettovermögens auf sich vereinen. Die Haushalte in der unteren Hälfte verfügten hingegen nur über ein Prozent des gesamten Nettovermögens.

Quote
Zivilisationswächter #10

Hört, hört!

Zum ersten Mal hat man sich auch mal die oberen zehn Prozent der Einkommensbezieher angeschaut und auch die Vermögenden. Das ist der eigentliche Witz an diesem Artikel. Ja, damals, als diese "liberale Partei" noch mitregierte, da hätte es so etwas nicht gegeben. Da hat man solche Berichte noch nach eigenem Gutdünken ins Gegenteil umgeschrieben. ...


Quote
John Donne #11

Reichtum wäre für sich genommen nichts schlechtes, wenn er nicht aus der Tatsache generiert würde, dass die Schicht am unteren Rand stetig wächst und abgehängt wird. In hochentwickelten Industrieländern hat man sich daran gewöhnt, der die durch den technischen Fortschritt erzeugte höhere Produktivität nur einer immer kleiner werdenden Gruppe zugute kommt. Dabei sind derartige Entwicklungen eine Leistung der gesamten Gesellschaft, von der alle profitieren sollten.
Das aber würde wirklich einen Systemwechsel erfordern!

„Reicher Mann und armer Mann
standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
»Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich«.“
Brecht


Quote
Der lästige Bürger #22

"Ergebnis: Die Ungleichheit hat stark zugenommen."

Wer wundert sich da noch über die gesellschaftlichen Fehlentwicklungen?
In jeder Epoche der Menschheitsgeschichte gibt es Beispiele, wo diese Entwicklung endet.
Wir sollten schlau genug sein, um nicht alle Fehler bis in die letzte Konsequenz zu wiederholen!


Quote
Hans- Olaf 27 #29

Vier Definitionen von reich:
1. "Reich ist man, wenn man beim Zählen seiner Millionen (€ odr $ ist egal) feststellt, dass es auf eine Million mehr oder weniger nicht ankommt." (Warren Buffet)
2. "Bei meiner Finanzkraft leistet man sich eine Weltordnung" (Claire Zachanasian in 'Besuch der alten Dame' von Friedrich Dürenmatt)
3. Reich ist, wer nicht im Haben- sondern im Sein- Modus lebt. Beispiel: Die Mitglieder der ersten israelischen Kibbuzim. (Erich Fromm: Haben und Sein)
4. "Der wirkliche Reichtum eines Menschen ist der Reichtum seiner wirklichen Beziehungen" (Karl Marx)


Quote
Stallgeruch #40

"Seit den 1990er Jahren hat die sogenannte atypische Beschäftigung deutlich zugenommen. Dazu zählen befristete Jobs, Teilzeitstellen, Minijobs, Zeitarbeit oder die freie Mitarbeit in einem Betrieb als Selbstständiger. ... Atypisch Beschäftigte sind demnach außerdem weitaus häufiger von Niedriglöhnen betroffen. Alles Faktoren, die zur Entstehung von Armut beitragen können."

Stand das nicht auf dem Wunschzettel der besonders milliardenschweren Wirtschaft, um noch mehr zu "wachsen"? Es wurden keine Mühen gescheut, dies per Lobbyarbeit gerade bei den traditionell den Arbeitern verbundenen Sozialdemokraten durchzusetzen, deren damalige Führungsfiguren - bittere Ironie der Geschichte - nun selbst für Großkonzerne und Banken Lobbyarbeit treiben? Ich weiß nicht ob ich es Ahnungslosigkeit nennen soll, Verlogenheit oder Verbrechen ...


Quote
akomado #45

"So erhöhte die atypische Beschäftigung zum einen das Risiko, arbeitslos zu werden. Zum anderen sank die Wahrscheinlichkeit, in Zukunft in einem Normalarbeitsverhältnis beschäftigt zu sein." - Könnte es sein, daß dies nicht bloß irgend so ein "Effekt", sondern schlichtweg beabsichtigt ist? So sehr ich derartige Berichte wie den vorliegenden loben muß - und natürlich auch den erhellenden ZEIT-Text dazu - so sehr frage ich mich, wo denn all diese Berichterstatter und Journalisten leben. It's capitalism, stupid! - Aber das ist eben auch wieder das Hübsche, ja Elegante daran: So kann man in wohlgesetzten Worten "irgendwie" Kritik üben, ohne doch je das Gesellschaftsprinzip infrage zu stellen. - Was würden denn gegenüber der Gesellschaft tatsächlich gerechte Vermögens-, Einkommen- und Erbschaftssteuer bedeuten? Richtig: Kommunismus. Und da sei Gott (oder der Teufel) vor!


Quote
finka real #51

Manchmal bedarf es keiner Statistik um zu sehen um wie vieles reicher die Reichen geworden sind. Ich hatte mal beruflich über 8 Jahre regelmäßig in einem Golf Club zu tun. Anfangs war der Fuhrpark auf dem Parkplatz noch gehoben bürgerlich. Mercedes 200 T, Audi, BMW der gleichen Preisklasse, vereinzelt ein Porsche 911.
Im letzten Jahr dieser Tätgkeit, waren die Edelkombis ersetzt worden durch Bentleys, 911, Porsche Cayennes, Aston Martin, diverse SUV`s der Preiskategorie A und dazwischen auch gern mal ein Ferrari oder gar ein Lambo.
Et voila ! Ich war zumeist um die Mittagszeit dort ! Das "lustigste" war, das die Clubmitglieder neben den fast um das doppelte teureren Autos auch noch Ihr Handycap maßlos steigern konnten. Im Gegensatz dazu verwandelte sich die Innenstadt dieser Gemeinde in ein Ensemble aus Dönerbuden, Bäckereien, Spielhallen und Handy-Kosmetik-und 1€-Läden. Nein liebe Mitforisten, ich habe mir diese Geschichte nicht ausgedacht. Diese Geschichte entspricht leider der Realität.


Quote
bromfiets #56

Wie sagte Angie so schön: "Deutschland geht es gut!". Wenn man auf der richtigen Seite steht, stimmt das auch. ...
 


Aus: "Armuts- und Reichtumsbericht: Zu Armut gehört Reichtum" Cordula Eubel (24. Oktober 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-10/armut-reichtumsbericht-vermoegen/komplettansicht

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« Reply #574 on: Oktober 29, 2016, 10:30:29 vorm. »
Quote
[...]
Gosford Park
USA/GB/D/I 2001 · 137 min.
Regie: Robert Altman


... Vor allem aber ist Gosford Park ein Film über das Spielen von Rollen: Alle unter diesem feudalen Dach haben mindes­tens zwei Gesichter, kennen Schein und Sein. Manche Rollen sind von der Gesell­schaft ab der Geburt vorge­geben, sind ein unglück­li­ches Theater, dass das ganze Leben lang dauert. Keine Möglich­keit, das Fach zu wechseln, auch wenn Begeis­te­rung, Talent oder Mittel für das zuge­dachte fehlen. Andere der Komö­di­anten in Gosford Park – wenn sie nicht gleich, wie Ivor Novello, die Schau­spie­lerei zum Beruf haben – sind ganz bewusst nur für die Dauer ihres Aufent­halts in ein Kostüm geschlüpft. Nicht immer ist es möglich zu trennen, wer nur den anderen, wer auch sich selbst etwas vorspielt. Mal ist das Spiel lustvoll – bei den Diners gehört es geradezu zum verein­barten Kontrakt, dass die Ober­fläche nicht alles, nicht das Eigent­liche sagt, dass hinter den Blicken, Gesten, Sätzen ein zweiter (meist alles andere als höflicher) Sinn lauert. Mal ist das Spiel pure Qual – wenn die Wahrheit nie heraus darf, wenn sie einsam das Innen zerfrisst und der Körper, das Leben nur noch zum ehernen Bollwerk wird, sie einzu­schließen.
Eine solche erstarrte, grausame Maske fällt für uns Ende von Gosford Park – und plötzlich erscheint, wenn wir uns noch erinnern, eine der zahl­rei­chen Begrüßungen ganz zu Anfang in völlig neuem Licht...


Aus: "Gosford Park" Thomas Willmann (Datum ?)
Quelle: http://www.artechock.de/film/text/kritik/g/gopark.htm

---

Quote
[...] Agenturen vermitteln in den USA ganze Heerscharen von Hausangestellten: Kindermädchen, Hauslehrerinnen, Gourmetköche, ausgebildete Haushälter, offizielle Butler, Haushaltspaare, professionelle Wäscherinnen, Chauffeure, Gärtner, persönliche Assistenten und einiges mehr. Der bürgerliche Haushalt hat sich wieder zu einem relevanten Arbeitgeber entwickelt, zu einem Feld, das von unterschiedlich spezialisierten Arbeitskräften rund um die Uhr bewirtschaftet wird.

Das ist nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich: Erstens sind die Unterschiede zwischen den Reichsten und den Ärmsten wieder ausreichend groß. Der französische Ökonom Thomas Piketty hat gezeigt, dass sich die Vermögensverhältnisse in den westlichen Industrieländern nach dem Zweiten Weltkrieg vorübergehend angeglichen haben, der Abstand zwischen den oberen und den unteren Zehntausend also kleiner geworden ist. Seit den frühen achtziger Jahren wandert das Geld in den USA und Westeuropa allerdings wieder konstant von unten nach oben und von den öffentlichen Haushalten zu privaten Organisationen.

Zweitens ist dank der niedrigen Flugpreise die graue Arbeitsmigration zwischen den armen und den reichen Ländern heute so preiswert zu bewältigen, dass sich im globalen Süden ein schier unendliches Reservoir an billigen Arbeitskräften aufgetan hat, die von Tarifsystemen und Gewerkschaften nicht erfasst werden. Auf diese Weise wird menschliche Arbeit auch für Privathaushalte aus der Mittelschicht erschwinglich.

Dieser Kindermädchen-Jetset lohnt sich oft für beide Seiten: Von dem Geld, das die Arbeitsmigranten an die Finanzämter der Länder abführen müssten, in denen sie arbeiten, können sie in ihren Heimatländern mitunter ganze Häuser bauen. Deshalb arbeiten die neuen Servicekräfte häufig lieber schwarz und verzichten auf Krankenversicherung und Altersvorsorge, um kurzfristig auf einen besseren Lohn zu kommen.

Das funktioniert für die Ukrainerinnen in Paris genauso wie für die Mexikanerinnen in New York oder die Philippinerinnen in Hong Kong. Während westliche Regierungen zusehends bemüht sind, Arbeitsmigration zu erschweren, steht der globalisierte Schattenarbeitsmarkt der Hausbediensteten in voller Blüte.

... Die Bourgeoisie delegiert die unwesentlichen Arbeiten nach unten und wird zu Managern ihres eigenen Hausstandes. Man steckt dem Concierge zu Weihnachten ein Extra-Trinkgeld zu und sorgt dafür, dass der Bote das Bioessen möglichst dann anliefert, wenn die Putzfrau oder die Babysitterin gerade zu Hause sind, um das Paket entgegenzunehmen.

...

Quote
koepi1971 #1

Das ist eben so wenn der Feudalismus wieder einkehrt. ...


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zrex #2

Das ist überhaupt nicht erstaunlich. Soziologen und Politikwissenschaftler sprechen vom Neofeudalismus oder einer Refeudalisierung.


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Back to Basics #7  —  vor 18 Stunden 10

Auch, wenn ich es mir nicht leisten kann und nur eine Putzfrau habe: Ich gönne es den Wohnhabenden, sich die Bediensteten leisten zu können.


Quote
magnalogger #9

Tolles Zeit-Thema, so richtig zum aufregen. Die da oben und wir da unten.

Ich kenne niemanden der Hauspersonal hätte. Ich kenne aber viele, die z.B. ihre Kinder bei einer Tagesmutter unterbringen, weil sie Karriere machen und Kinder haben möchten. Bei einer Dienerin, also. Und ja, es gab schon immer Familien mit Hauspersonal .


Quote
Forschender #11

Mir ist nicht ganz klar, worauf der Artikel mit "Geldadel" usw. hinaus will. Reiche können sich natürlich mehr Personal leisten und die 180.000-Dollar-Haushälterin wird wohl auch keine "einfache" Putzfrau sein, sondern eine Dekorateurin o. Ä., die die Arbeit der Putzfrau und der Köchin überwacht.
Putzfrauen haben in D sehr viele Leute, und zwar nicht nur solche, die man klassischerweise zu den Reichen zählen würde. Ich kenne einige Paare, wo der Mann einen 08/15-Büro-Job hat und die Frau ein paar Stunden die Woche im Supermarkt an der Kasse hockt, die daheim aber eine Putzfrau haben.

Quote
ReverendSpeaks #11.1

Der Artikel könnte dafür sensibilisieren, dass wir es immer noch nicht schaffen, unser Leben ganzheitlich zu sehen. Wir beschäftigen uns mit Auslagern, trennen, abwerten, polarisieren zugunsten der Fiktion eines Schlaraffenlandes. Im kleinen wie im Großen. Die Dienstboten, das gibt es auch unter Staaten. Was für eine Welt das ist, sehen Sie in den Nachrichten.



Quote
Purple Overkill #13

Als Unternehmer lese ich diesen Artikel und frage mich: Was soll er mir sagen?
Des einen Eigenheim ist halt des anderen Arbeitsplatz: Ja und?


Quote
Naherholung #20

Armut hat was anrüchiges. Reichtum nicht.


...


Aus: "Der Kindermädchen-Jetset" Felix Stephan (28. Oktober 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/kultur/2016-10/die-rueckkehr-der-diener-tawkify-new-york/komplettansicht

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« Reply #575 on: November 02, 2016, 01:55:21 nachm. »
Quote
[...] Nach Informationen der ZEIT beziehen 16 ehemalige EU-Kommissare der Barroso-Kommission noch immer Übergangszahlungen von jährlich mindestens 99.996 Euro pro Kopf. Sie bekommen das Geld aus Brüssel, obwohl viele von ihnen längst neue, gut dotierte Spitzenposten in Wirtschaft und Politik haben. Das geht aus einer Liste hervor, die die EU-Kommission der ZEIT übermitteln musste.

Die Brüsseler Behörde hatte die Herausgabe der Liste wochenlang verweigert. Erst als eine Klage vor dem EU-Gerichtshof angedeutet wurde, stellte die EU-Kommission der Redaktion die Namen der Übergangsgeldempfänger bereit.

In der Liste wird unter anderem der frühere belgische Handelskommissar Karel De Gucht genannt, der nach Berechnungen der ZEIT einen Anspruch auf fast 125.000 Euro Übergangsgeld pro Jahr hat. Doppelt verdient auch Connie Hedegaard, die ehemalige Klimakommissarin. Auch Rumäniens Premierminister Dacian Cioloș und der EU-Abgeordnete Janusz Lewandowski, einst Kommissare für Landwirtschaft und Haushalt, bessern ihre Diäten mit dem Übergangsgeld auf. Ebenso auf der Liste: die Kurzzeitkommissare Ferdinando Nelli Feroci und Jacek Dominik.

Das Übergangsgeld wurde 1967 beschlossen. Es sieht vor, dass ausgeschiedene Kommissare bis zu drei Jahre lang 40 bis 65 Prozent ihres einstigen Grundgehalts von mindestens 20.832 Euro pro Monat beziehen können. Die Prämie sollte verhindern, dass Kommissare gegen Ende ihrer Amtszeit aus Sorge um ihre Zukunft Absprachen mit Unternehmen treffen und anschließend schnell die Seite wechseln. Sie soll den Politikern ermöglichen, "sich abzukühlen", wie es im Brüsseler Jargon heißt.

"Wir haben grundsätzlich kein Problem mit Übergangsgeld. Aber es sollte dazu dienen, Interessenskonflikte zu vermeiden", sagt Vicky Cann von der Nichtregierungsorganisation Corporate Observatory Europe. "Dieses System funktioniert nicht."

Quote
Einhon #6

"Die Brüsseler Behörde hatte die Herausgabe der Liste wochenlang verweigert. Erst als eine Klage vor dem EU-Gerichtshof angedeutet wurde, stellte die EU-Kommission der Redaktion die Namen der Übergangsgeld-Empfänger bereit. "
Vielen Dank für die Aufklärung, Transparenz gibt es also nur bei Klagedrohung. ...


Quote
  Haschim Ibn Hakim #10

"Dieses System funktioniert nicht " dagt Vicky Cann. Das kommt nur auf den Blickwinkel an. Die genannten Damen und Herren schätzen das bestimmt ganz anders ein und werden das gewiss auch rechtfertigen können. ...


...


Aus: "Mindestens 99.996 Euro zusätzlich für Ex-EU-Kommissare" (2. November 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2016-11/eu-kommission-ex-kommissare-wirtschaftspostion-uebergangszahlungen-bruessel

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« Reply #576 on: November 03, 2016, 11:47:14 vorm. »
Quote
[...] Klassenkampf: Linken-Chef Bernd Riexinger [https://de.wikipedia.org/wiki/Bernd_Riexinger] studiert Didier Eribon und überträgt dessen Ideen auf Deutschland

... Die AfD versammelt – ähnlich wie der Front National – eine paradoxe Mischung aus bürgerlicher Mittelschicht, die von Abstiegsängsten geplagt ist, und prekarisierter, verwundbarer Unterschicht, die sich „entwürdigt“ fühlt.

Diese paradoxe Wählerzugehörigkeit speist sich aus einer Entwicklung, die hauptsächlich von den Sozialdemokraten ausging. Aber auch die Linke trägt hier eine Mitschuld. Die AfD profitiert davon, dass die Gesellschaft ihres Klassenbewusstseins beraubt wurde. „Wenn man ‚Klassen‘ und ,Klassenverhältnisse‘ einfach aus den Kategorien des Denkens und Begreifens entfernt, verhindert man aber noch lange nicht, dass sich all jene kollektiv im Stich gelassen fühlen, die mit den Verhältnissen hinter diesen Wörtern objektiv zu tun haben.“ So konstatiert Eribon, und er hat Recht.

In Deutschland begann dieser Prozess in den frühen 80er Jahren, als mit den der neoliberalen „Revolutionären“ Thatcher und Kohl auch Sozialdemokraten und Teile der Linken in den neokonservativen Diskurs einstimmten. Die Rede war nicht länger von „unterdrückten“ oder „beherrschten“ „Klassen“, die „kämpften“. Aus ihnen wurden „Ausgeschlossene“ oder „Opfer“ von Armut und Prekarisierung. Aus dem sozialen Kampf wurden „notwendige Reformen“ zur „Umgestaltung“ der Gesellschaft. Statt von Klassenunterschieden war plötzlich von Individuen mit Eigenverantwortung die Rede.

Die Formation des finanzgetriebenen Kapitalismus neoliberaler Ausprägung hat eine vielfach gespaltene und fragmentierte Gesellschaft hervorgebracht. Die Zahl der Beschäftigten mit tariflicher Regulierung wird kleiner, die Zahl der Leiharbeiter, Werkverträgler, befristet und in Teilzeit Beschäftigten, kurzum der prekär Beschäftigten wächst. Die Mittelschicht schrumpft. Ebenso verfestigt sich die Langzeiterwerbslosigkeit. Diese unterschiedlichen Gruppen werden in einen permanenten Konkurrenzkampf getrieben. Das erschwert die Organisierung gemeinsamer Interessen und die Erfahrung von Solidarität – die Basis für Klassenbewusstsein. Es wäre gerade die Aufgabe der Linken, die gemeinsamen Interessen des Leih- und des Facharbeiters, der befristet und fest Angestellten zu organisieren. Das wäre auch die Aufgabe der Gewerkschaften, der sie nur unzureichend nachkommen. Die Alternative ist die Konkurrenz und Abgrenzung nach unten (Erwerbslose, Prekäre) und nach außen (Flüchtlinge, MigrantInnen) – also die Logik der Rechten.

Ein Teil der Arbeiterklasse, die sich ihrer selbst nicht mehr bewusst ist, um sich zur Wehr zu setzen, findet ein neues Wir-Gefühl in der Zugehörigkeit zur kollektiven Identität als „Deutsche“. Die Angst vor Geflüchteten spielt bei der Wahl der AfD eine große Rolle. Dennoch wäre es fatal, all ihren Wählern rassistische Überzeugungen zu bescheinigen. Über diese Frage wird innerhalb der Linken viel diskutiert. Immer steht dabei die Frage im Zentrum, ob Rassismus, Homophobie und Demokratiefeindlichkeit die Ursache für den Aufstieg des Rechtspopulismus sind. Oder ob es um die Wut über Perspektivlosigkeit, Abstiegsängste und die zunehmende Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich geht.

Die Frage ist meines Erachtens falsch gestellt. Eribon legt dar, dass die französische Arbeiterklasse ebenso wenig vor Alltagsrassismus gefeit war wie andere Klassen. Mit der Entscheidung für linke Parteien wähle man quasi gegen seinen rassistischen Reflex an. Forscher kennen den Konnex zwischen neoliberalem Kapitalismus und Rechtspopulismus. Autoritäre und rassistische Einstellungen sind seit langem in der Gesellschaft verankert – auch in der Mitte.

Rassismus ist kein Problem der Unterschicht. Den Rechten gelingt es nur, die aus Erfahrungen der „Abstiegsgesellschaft“ (Oliver Nachtwey), der Enteignung durch Arbeitslosigkeit, Niedriglohn und Altersarmut gespeiste Frustration als Wut gegen Migrantinnen und Minderheiten zu richten. In Frankreich inszeniert sich Marine Le Pens Front National als Verteidiger des französischen Sozialmodells. Europaweit stößt die neue Rechte in eine Lücke, die durch die Wende der Sozialdemokratie zur „neuen Mitte“ – der Adressat des Doppelgespanns Schröder/Blair – gerissen wurde. Die Prekären mussten immer wieder die Erfahrung machen, dass „Reformen“ zur Verschlechterung ihrer Lage beigetragen haben.

Der Jenaer Soziologe Klaus Dörre weist darauf hin, dass die im neoliberalen Kapitalismus zur Normalität gewordenen Abstiegserfahrungen eher eine „exklusive“ als eine umfassende Klassensolidarität befördern. Das heißt, Teile der Arbeitslosen und prekär Beschäftigten haben die durchaus berechtigte Angst vor weiterer Konkurrenz auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt. Sie rebellieren gegen ein ungerechtes Gesellschaftssystem, indem sie sich gegen „äußere“ Feindbilder wie Geflüchtete, Muslime oder Minderheiten wenden. Diese Form der Selbstbehauptung richtet sich gegen die, denen man jene Rechte nicht gönnt. Während man selbst um deren Geltung für sich kämpfen muss, weil sie von der Macht und den Mächtigen in Frage gestellt wird.

Eine linke Partei muss eine Politik machen, die nicht von „Opfern“ spricht. Die Linke muss sich als soziale Stimme von Menschen begreifen, die selbstbewusst für ihre Rechte einstehen. Um den Verstummten ihre Stimme zurückzugeben, muss die verlorene Sprache wiedergefunden werden. Das geht nicht mit verstaubter Klassenkampf-Rhetorik, sondern mit einer Radikalität, die sich aus Ehrlichkeit und Überzeugung speist. Das muss im gewerkschaftlich, sozialdemokratisch und sozialistisch geprägten Milieu geschehen, in dem ich als Teenager meine politischen Erfahrungen gemacht habe. Dort war der Bezug zur eigenen Klassenherkunft keine dogmatisch erstarrte Bekenntnisformel, sondern lebendig.

Zeit meines Lebens habe ich an der Seite von Menschen gekämpft, die ihre Rechte gegen die Arbeitgeber in Streikbewegungen verteidigt haben. Wie verletzlich die Würde eines Menschen ist, zeigt sich schlaglichtartig an Geschichten über Demütigung wie der „Fall Emmely“. Wo Cent-Beträge, Strom für den Handy-Akku oder Klopausen einem Menschen im Job zum Verhängnis werden können, ist es Zeit für ein Revival der Klassenkämpfe. Solidarität und Widerstand sind langlebiger als der Kapitalismus – wenn es der Linken gelingt, die Begriffe von Klasse und Unterdrückung selbstbewusst auszusprechen und aus der Mottenkiste der institutionellen Machtpolitik zu befreien. Sprache, Denken und Wirklichkeit sind eng verknüpft, oder anders: Wer vom Klassenkampf spricht, kann ihn führen.

Ich stamme wie Eribon aus einer Arbeiterfamilie. Auch ich bin ein Kind der 50er Jahre. Die tiefe Scham, die er von Jugend an für seine Herkunft verspürte und die ihn veranlasste, seinem Milieu zu entfliehen und seine Klasse zu verleugnen, habe ich nie verspürt. Wohl aber die unsichtbaren Gräben zwischen uns Arbeiterkindern und Sprösslingen aus gutem Hause. „Als Arbeiterkind spürt man die Klassenzugehörigkeit am ganzen Leib“, schreibt Eribon.

In meinem Elternhaus gab es kein einziges Buch. Trotzdem war ich eine Leseratte. Jeden Pfennig vom Taschengeld sparte ich mir für Bücher auf, zu Weihnachten und zum Geburtstag wünschte ich mir nichts anderes als neuen Lesestoff. Meine Eltern haben hart gearbeitet für bescheidenen Wohlstand – eine auf Dauer zermürbende Arbeit. Sie konnten mich nur wenig fördern, aber sie haben immer darauf geachtet, dass ich etwas Gutes auf den Mittagstisch bekam und meine Hausaufgaben machte. Wie also kam es, dass aus mir ein Linker wurde, einer, der sich die Haar lang wachsen ließ und mit Begeisterung Marx, Gramsci und Rosa Luxemburg las? Es ist ja kein Naturgesetz, dass Arbeiter und ihre Kinder links sind. Mich haben Menschen immer dann überzeugt, wenn sie für etwas oder jemanden einstanden. Wenn ihr Handeln von dem Wunsch geleitet war, Ungerechtigkeit für sich und für andere zu bekämpfen. Der Stuttgarter Gewerkschaftsführer Willi Bleicher hat mich als junger Mann beeindruckt. Sein Appell „Du sollst dich nie vor einem lebenden Menschen bücken!“ steht für das, was demokratische Klassenpolitik für mich bis heute ausmacht.

Der gemeinsame Kampf um die sozialen „Garantien des Lebens“, wie die ewig zeitlose Rosa Luxemburg sie nannte, kann zum missing link der zerklüfteten neuen alten Arbeiterklasse werden. Die Verteilung von Reichtum ist hierfür zentral. Auch wenn es leichter erscheint, nach unten zu treten: Die Ursache für die wachsende Unsicherheit und das permanente Gefühl der Bedrohung und des Abstiegs sind nicht diejenigen, die vor Krieg, Armut und Verfolgung nach Deutschland und Europa fliehen. Die Profitgier und Skrupellosigkeit einer entkoppelten Elite zu stoppen, erscheint aber jenen, die – wie falsch, das wissen wir dank Eribon – als „sozial Schwache“ gelten, als ungleich schwerer durchzuführen als die Abwehr weiterer „sozial Schwacher“ aus Kriegsgebieten.

Wer den Rechtsruck stoppen will und die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit ernst meint, muss den Multimillionären, den Managern der Banken und transnationalen Konzerne, den Profiteuren von Standortverlagerungen, Niedriglöhnen und prekärer Arbeit, Kostendruck in Krankenhäusern und Pflegeheimen, steigenden Mieten und Verdrängung den Kampf ansagen. Dafür braucht es die Erkenntnis, dass sich jenseits von Labels wie „sozial Schwache“, „Flüchtlinge“, „LGBTIQ“, „Minijobber“ oder „Leiharbeiter“ eine neue, selbstbewusste Klasse all derer versammelt, die ahnen, dass der Kapitalismus nicht die beste aller Welten bietet.

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pleifel 29.10.2016 | 18:17

"Diese Klasse" versammelt sich nicht, weil es "diese Klasse" noch nicht gibt. Die Vereinzelung, die Ohnmacht vor der Bürokratie die das Gesetz verkörpert, verhindert die Entwicklung eines kollektiven Wirgefühls. Da dieses Gefühl kein theoretisches Klassengefühl ist, sondern nur eines, das sich in gemeinschaftlichen Aktionen und Verbünden entfaltet, sollte klar sein, wo anzusetzen ist.


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janto ban 29.10.2016 | 10:42
@tolu0309

|| ... sein Kardinalfehler war nunmal die Annahme, dass die Arbeiterklasse an sich revolutionär ist ... ||
Sehe ich auch so. Die Arbeiterklasse kann/könnte revolutionär im besprochenen Sinne sein, aber dann müsste sie in der Sache vereint und in die richtige Richtung mobilisiert werden. Das glatte Gegenteil geschieht jedoch im Eiltempo, was mit chronisch unterkomplexen/unzulässig vereinfachenden Analysen zwar nicht seinen Anfang nimmt, aber eine tragische Fortschreibung erfährt. ...


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4711_please 31.10.2016 | 17:00

... Rixinger und Eribon scheinen mir die Wichtigkeit der Klassenidentität zu betonen. Es mag sein, dass der Thatcherismus und die Neoliberalisierung der Sozialdemokratie Faktoren für eine Veränderung des Klassenbewußtseins bilden, aber es ist keine hinreichende Erklärung. Ich vermute, dass die Veränderungen und Verwerfung der Arbeiterklasse und auch der bürgerlichen Klassen seit dem 19. Jahrhundert selbst ein verändertes Klassenbewußtsein schafft. Ich weiß nicht, ob diese Veränderungen und Verwerfungen nun ein strategischer Schachzug, ein Dispositiv würde Foucault sagen, waren. Wahrscheinlich schon. Doch unabhängig von den Ursachen der Veränderungen bleibt die Frage, wie die unterschiedlichen Erfahrungen des Vor-Anderen-sich-Bückens in ein gemeinsames Bewußtsein und ein gemeinsames Handeln münden könnte.

Die Orientierung an der eigenen Identität kann eine Voraussetzung für ein kritisches Bewußtsein bilden. Zusätzlich muss noch ein gewisses Maß an Emphatie und Verständnis aufgebracht werden, um ein kapitalismuskritisches Bündnis zu bewerkstelligen. Doch leider fehlt dieses komplett, was ja schon daran abgelesen werden könnte, dass es zwar eine RRG-Mehrheit [Rot-Rot-Grün] im Parlament gibt, die nicht handlungsfähig ist. In RRG stecken jedoch die unterschiedlichen Bewußtseine, sei es das Prekariat (was ja heute auch nicht identisch mit dem Lumpenproletariat des 19. Jhdts ist), seien es die abstiegsängstlichen Kleinbürgerlichen, die postmaterialistischen Großbürger mit ihren antagonistischen Werten gegenüber den kapitalistischen, oder die Klasse der halbwegs abgesichert Beschäftigten.

Das Problem eines solchen Bündnisses ist viel tiefer, als der Text von Rixinger das vermuten lässt. Denn ein Materialist versteht sich nicht mit einem Postmaterialisten, der kleine Beamte lebt in einem ganz anderen Universum als der prekär Beschäftigte, und die H4-Bürgertochter kann nichts mit einem abstiegsängstlichen Kleinbürgerlichen anfangen. Insofern hilft das am Identitären gestärkte kritische Bewußtsein nicht, eine Klasse von Kapitalismuskritikern zu schaffen, die einer Klasse von Menschen mit neoliberalem Bewußtsein gegenüberstünde.

Doch auch selbst, wenn es gelänge, so etwas wie eine Bewegung hinzubekommen: die neoliberale Klasse sitzt immer am längeren Hebel, denn Geld regiert die Welt. Insofern könnte es sein, dass die Blockade von ökonomischen Alternativen, die dazu noch entwickelt und harmonisiert werden müssten, schließlich sind Großindustrie schon gegensätzlich zu kleinen, selbstverwalteten, autonomen Betrieben im weitesten Sinne des Anarchosyndikalismus.

Nach meiner Analyse hat die Linke also weder eine wirkliche Handlungsoption hinsichtlich einer gesamtkapitalismuskritischen Bewegung hinterm Tellerrand, noch intern hinsichtlich einer Strategie gegenüber der Großindustrie und -kapital. Denn die Vergesellschaftung der Produktionsmittel ist ja nach der historischen Erfahrung des letzten Jahrhunderts keine Zwangsverstaatlichung, sondern eine der Individualisierung der Rechte an den eigenen Produktionsmitteln. Da versöhnt sich nix, nirgens tut sich eine Perspektive auf. Die einzige Pseudoperspektive für die verschiedenen Klassen bieten die Faschisten, weshalb FN, AfD und weitere regen Zulauf haben.
...

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Alter Linker 01.11.2016 | 02:51
... Es gibt eben inzwischen eine ganze Menge Leute, die sich als Links definieren, aber Globalisierung, Kapitalismus und Neoliberalismus eigentlich ganz okay finden. Ist eben einfach so wahnsinnig bunt und divers und queer, dieser Kapitalismus. :)


...


Aus: "Bewusstsein bestimmt" Bernd Riexinger (Ausgabe 3916 | 26.10.2016)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/bewusstsein-bestimmt

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« Reply #577 on: November 03, 2016, 12:09:00 nachm. »
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[...] Hofreiter will im Wahlkampf 2017 Spitzenkandidat werden – und Bundesminister in einer Koalition. Er ist außerdem – das ist für diese Geschichte wichtig – der wichtigste Vertreter der Linksgrünen. Das ist traditionell der Parteiflügel, der sich für Weltverbesserung, Gerechtigkeit und Revoluzzertum zuständig fühlt – und den Reichtum in Deutschland von oben nach unten umverteilen will.

Dieser Hofreiter also lehnt sich an einem heißen Tag im Juli in seinem Büro im Jakob-Kaiser-Haus im Berliner Parlamentsviertel etwas vor. „Ich will keinen Steuerwahlkampf“, sagt er. „Den will bei uns keiner.“ Ein Schluck Apfelschorle. „Es war ein Fehler, dass mit dem Steuerkonzept 2013 auch Teile der Mittelschicht belastet worden wären.“ Hofreiter lehnt sich zurück.

Wer 80.000 oder 100.000 Euro im Jahr verdiene, sei wohlhabend, aber bestimmt nicht superreich. „Wer die Mieten in meiner Heimatstadt München kennt, weiß, dass da am Ende des Jahres für eine Normalverdienerfamilie nicht viel übrig bleibt.“ Diese Menschen zahlten Steuern, hätten Kinder, engagierten sich oft ehrenamtlich. „Wir belasten die Mitte nicht, sondern entlasten sie.“ Mehr Geld für Kinderbetreung, für sichere Renten oder bezahlbaren Wohnraum, zählt Hofreiter auf.

Moment mal. Die Grünen, das waren doch die mit den Steuererhöhungen. Und jetzt sollen Leute, die 100.000 Euro im Jahr bekommen, plötzlich Normalverdiener sein? Zum Vergleich: Ein Haushalt hat in Deutschland im Schnitt 50.000 Euro zur Verfügung. Bei den Grünen scheint sich eine Weltsicht verschoben zu haben.

Linke Umverteilungsfantasien sollen schuld an der Wahlniederlage 2013 gewesen sein, die Pläne für massive Steuererhöhungen für die Mitte. Diese Erzählung wurde von Spitzengrünen und Journalisten seitdem oft wiederholt. ...

Steuerpolitik, das klingt langweilig, das sind trockene Zahlen, aber im Kern geht es darum, wie die Republik in Zukunft aussieht. Darum, wer profitiert, wer verliert – und wie mutig die Grünen sind. An ihrer Steuerpolitik lässt sich ablesen, wie sehr sie sich für Veränderungen einsetzen, die mächtige Lobbyverbände verhindern wollen.

Je länger man Hofreiter zuhört, desto klarer wird: Die Grünen sind bescheiden geworden. Sie wollen Frieden. Die Revoluzzer von einst umarmen heute die Besserverdiener sanft, sie umgarnen mit einer Kuscheloffensive die bürgerliche Mitte.

... Hofreiter klingt in seinem Büro nicht gerade wie ein Robin Hood, der gegen Reiche kämpft. Sondern eher wie ein Schutzpatron der Gymnasiallehrer, Rechtsanwältinnen oder Oberärztinnen, jener Menschen also, die deutlich mehr verdienen als viele andere Deutsche. Er ist damit nicht allein.

Katrin Göring-Eckardt, ebenfalls Fraktionsvorsitzende in Berlin, sagt: „Ja, wir machen das anders als 2013.“

Cem Özdemir, der Parteichef, sagt: „ ‚Mittelschicht‘ sollten wir nicht am Rechenschieber definieren, es gibt auch eine soziokulturelle Mitte.“

Simone Peter, ebenfalls Parteivorsitzende, sagt: „Uns geht es nicht darum, die bürgerliche Mitte zu belasten.“

Robert Habeck, Energiewendeminister in Schleswig-Holstein, der Spitzenkandidat im Bundestagswahlkampf werden will, sagt: „Einen Berg trägt man von oben ab, nicht indem man ein Loch in der Mitte buddelt.“

Alle Spitzengrünen, die 2017 über den Kurs bestimmen werden, sind sich also einig, egal ob realpolitisch oder links. Und Winfried Kretschmann, der wichtige Oberrealo in Baden-Württemberg, hasst Steuererhöhungen sowieso.

Solche Einmütigkeit kommt bei den Grünen derzeit wirklich selten vor. Die Gutverdiener der Republik brauchen sich vor der Ökopartei nicht mehr zu fürchten. Das Feindbild linker Ökos, der Spitzenverdiener mit Porsche, Townhouse und „Miles & More-Karte“ der Lufthansa, ist neuerdings ein schützenswerter Leistungsträger der Gesellschaft.

Da fragt man sich schon: Wo ist der Furor geblieben, endlich aufzuräumen mit Ungerechtigkeiten der Reichtumsverteilung? Stecken dahinter noch andere Überlegungen als die, bürgerliche Wähler anzusprechen?

Schräg hinter Hofreiter steht Thomas Pikettys „Kapital im 21. Jahrhundert“ im Regal, die Bibel der Linksliberalen. Darin rechnet der Ökonom akribisch vor, wie sich in einem unregulierten Kapitalismus die Vermögen immer stärker bei den Reichen konzentrieren. Unkontrolliert wachsende Ungleichheit, glaubt Piketty, bedrohe die Demokratie. Viele Grüne, allen voran Hofreiter, sehen das eigentlich genauso.

Aber jetzt sagt der grüne Fraktionschef: „Die Wirklichkeit ändert sich nicht dadurch, dass man alles Schöne und Gute ins Parteiprogramm schreibt.“ Hofreiter beugt sich über den Tisch. Wer zwanzig Forderungen aufstelle, aber keine durchsetze, möge sich vielleicht im Recht fühlen. „Aber er verändert nichts. Gerade als Linker muss ich mich fragen, mit welchen Kompromissen ich welche Ziele erreiche.“

Die Kuscheloffensive ist ein Eingeständnis, dass die Wähler weniger Veränderung wollen als die Grünen. Wünsche, die der bürgerlichen Mitte wehtun, wurden entschärft. Ist die obere Mittelschicht vielleicht egoistischer, als die Grünen dachten? I wo. So etwas darf ein Spitzenpolitiker nicht mal denken und ein Grüner schon mal gar nicht.

Göring-Eckardt sagt es lieber so: „Unsere Wählerinnen und Wähler sind nicht egoistisch, aber auch nicht staatsaltruistisch.“ Sie seien durchaus bereit, mehr zu zahlen, vertrauten aber nicht darauf, dass das Geld wirklich in Kitas oder der Energiewende lande. Göring-Eckardt erzählt, wie Leute ihr im Wahlkampf 2013 empört von verdreckten Toiletten in der Schule ihrer Kinder berichtet hätten.

Wenn der Staat nicht Schulklos putzt – warum ihm dann einen Blankoscheck über größere Summen ausstellen?

Die Grünen setzen nun auf Versöhnung. 2013 wollten sie den Spitzensteuersatz für Einkommen von 60.000 Euro auf 45 Prozent anheben, ab 80.000 Euro sollten 49 Prozent gelten. Heute möchten die Grünen den Spitzensteuersatz erst jenseits eines Singleeinkommens von 100.000 Euro anpassen. Nur minimal allerdings, und auch das ist noch nicht sicher.

...

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Lapa

Komisch, erinnert sich eigentlich keiner mehr an die rot-grüne Koalition mit Schröder/Fischer? Steuergeschenke für Hedgefonds, Spitzensteuersatz runter, Arme und Arbeitslose gedemütigt. DAS war rot-grüne Politik!


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mowgli

... Im Grunde müssten sich Leute wie Hofreiter beim Blick in ihren Spiegel vor sich selber ekeln angesichts der Privilegien, die sie sich selber gönnen, währen andere sich nach der Decke strecken müssen. ... Das Blöde am Sich-selbst-Belügen ist leider, dass nicht angemessen reagieren kann, wer sich der Realität verweigert. ...


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Georg Marder

Die GRÜNEN sind jetzt die Partei der Mitte (lt. GRÜNEN die Partei der Verdienstklasse von 100.000 Euro im Jahr) - das ist gut, das mal festzustellen und festzuhalten, dann werden die Diskussionen ehrlicher. Die Mitte ist konservativ, überwiegend am Erhalten der Strukturen interessiert. Damit sind die GRÜNEN kein Partner mehr für die dringend nötigen Veränderungen in dieser Welt!


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Georg Marder

Die MITTE. Mit diesem Begriff und um diesen Begriff beginnen alle Missverständnisse. Wenn alle Parteien letztendlich aus machtpolitischen Gründen dort enden, sich um diese Mitte zu streiten, dann muss genau das durchdachte werden. Warum müssen Parteien immer das Ziel haben die größte Wählergruppe zu adressieren - weil es um Macht geht - Parteien scheinen zu Strukturen zu werden, die sich auf den größtmöglichen Machtfaktor fokussieren - und dafür die Inhalte anpassen. ...


...


Aus: "Kurswechsel bei den Grünen: Kuschelparty für die Mitte" Ulrich Schulte (03.11.2016)
Quelle: https://www.taz.de/Kurswechsel-bei-den-Gruenen/!5346251/

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[...] Die Grünen treten im Wahlkampf 2017 für die Wiedereinführung der Vermögensteuer ein. Das haben die Delegierten auf ihrem Bundesparteitag in Münster entschieden. In dem Beschluss heißt es, man wolle der sozialen Spaltung "mit einer verfassungsfesten, ergiebigen und umsetzbaren Vermögensteuer für Superreiche entgegenwirken". Weitere Details, etwa zur Höhe der Steuer, legt der Beschluss jedoch nicht fest.

... Der Streit um die Besteuerung sehr großer Vermögen spaltet die Grünen seit Jahren. Der linke Flügel der Partei will die seit den neunziger Jahren ausgesetzte Vermögensteuer schon lange wieder einführen, der Realoflügel setzt hingegen auf eine Reform der Erbschaftsteuer oder das Stopfen von Steuerschlupflöchern.

Dass der Parteitagsbeschluss diesen Streit nun wirklich beilegt, ist fraglich. Zahlreiche Delegierte unter anderem aus Baden-Württemberg sind noch immer strikt dagegen, wieder eine Vermögensteuer zu erheben. Das Thema Steuern hatte die Grünen im Bundestagswahlkampf 2013 viele Stimmen gekostet. Damals holte die Partei enttäuschende 8,4 Prozent, derzeit liegt sie in Umfragen etwa bei 11 Prozent. Vor der letzten Bundestagswahl hatten die Grünen ihre Steuerpläne bis ins Detail durchgerechnet, das wollten sie bei der aktuellen Entscheidung vermeiden.

... Die Bundesdelegierten in Münster haben zudem einen Antrag zur Abschaffung der Hartz-IV-Sanktionen angenommen. "Stattdessen setzen wir auf Motivation, Anerkennung und Beratung auf Augenhöhe", heißt es in dem Beschluss. "Sanktionen gefährden sowohl den kooperativen Charakter des Fallmanagements wie auch ein menschenwürdiges Existenzminimum, daher wollen wir sie abschaffen."

Der Antrag kam nicht vom Parteivorstand, sondern vom Landesvorsitzenden der Grünen in Nordrhein-Westfalen, Sven Lehmann. Insbesondere gehe es um Sanktionen für Menschen unter 25 Jahren und um Kosten der Unterkunft und Heizung, heißt es in dem Beschluss.

...

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Nils Gier #1

Ne der Zug ist abgefahren und schon von den Linken besetzt. Wer soll nach Joschka und Schröder daran glauben? Ja, werden jetzt viele denken das ist weite Vergangenheit, aber eine die haften geblieben ist.

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De omnibus dubitandum #1.3

Absolut. Wenn den Superreichen eine Vermögensteuer diktiert wird, ist das reiner Kommunismus. Wer so viel Geld besitzt braucht auch jeden Euro, schließlich haben die auch höhere Ausgaben (Eigene Insel, Luxusyacht, 20 Haushaltshilfen, 30 Autos etc.). Außerdem arbeiten die viel härter als andere, sonst hätten die ja nicht so viel Geld.



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JebLee #1.11

Blödes Gerede. Ich habe mich angestrengt, habe studiert und ein 6-stelliges Gehalt auf das ich den Spitzensteuersatz von 42 % bezahle. Dann gibt es Menschen die ohne ihr Zutun Dividenden und Ausschüttung aus Kapitalerträgen erhalten und zahlen hierfür nur 25 %.

Das kann es doch nicht sein?

Zudem gibt es eine Reihe weiterer Ansätze um die Renten und den Staat zukunftsfähig aufzustellen.

Der freie Markt gilt ja ohnehin nur für prekär Beschäftigte und Arbeitnehmern mit geringer Ausbildung. Alle anderen sitzen auf einem wettbewerbsfreien und staatlich gesicherten Einkünften. Ingenieure zücken ihre Honorarordnung, Anwälte haben ebenfalls ihre Listen nach den sie abrechnen. Freier Wettbewerb? Mitnichten.

Zudem sollte man sämtliche Einkommen, aus selbständiger oder sozialversicherungspflichtigen Arbeit besteuern und mit Sozialabgaben belegen. Ebenso sollte man Mieteinkünfte, Beamten, Kapitalerträge zur Finanzierung der Renten heranziehen. Dies würde den sozialen Frieden sichern und die Renten stabilisieren. Ärzte, Steuerberater, Wirtschftsprüfer, Architekten, Anwälte usw haben alle ihre Pensionskassen und sind ordentlich durch die staatlichen sowie privaten Renten abgesichert. So kann es aber nicht weitergehen, denn ein Teil der Gesellschaft wird abgehängt und das führt statt nach realer Ursachenforschung zur Radikalisierung des Pöbels der dann wieder einen Hitler herbeisehnt.


Quote
mathias1983 #19

Sehr guter Vorschlag. Leider wird das Thema beerdigt werden, da der mediale Gegenwind zu groß sein wird. Hatten wir 2013 schon mal bei den Grünen.
Das jetzige Steuersystem ist nicht nur ungerecht sondern führt die massive Kapitalkonzentration zu problematischen wirtschaftlichen Entwicklungen hin zu monopolistischen Tendenzen in allen Bereichen. Unsere Medien sind hierfür ein sehr gutes Beispiel. Auch sind die Anhäufungen die Bruhtstätte der nächsten Krise (nicht durch Realwirtschaft gedeckte Kredite).
Desweitern wird so getan als wenn das Vermögen der Reichen sich irgendwie selber akkumuliert. Wenn man bedenkt das dies wiederum zu Lasten von Arbeitsbedingungen zu Gunsten Dividenden geht, dann wird die Ungerechtigkeit schreiend.
Wer hat denn nochmal die jetzige degressive Steuersätze eingeführt und behaupten Teilweise immer noch dass dies der richtige Weg ist inkl. der Prekärisierung des Arbeitsmarktes (Hartz 4, Leiharbeit etc.pp.)?


...


Aus: "Steuerpolitik: Grüne fordern Vermögensteuer für "Superreiche"" (12. November 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-11/gruene-steuerpolitik-vermoegenssteuer-parteitag

// "Vermögensverteilung in Deutschland"
// (Dies ist die aktuelle Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 25. Oktober 2016)
// https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Verm%C3%B6gensverteilung_in_Deutschland&oldid=159080210

« Last Edit: November 12, 2016, 07:46:37 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #578 on: November 09, 2016, 02:39:03 nachm. »
Quote
[...] Der egomanische Multimillionär konnte weit in die einstmaligen Stammwählerschichten der Demokraten einbrechen, da er die Deindustrialisierung der USA, die zunehmende Verarmung und Prekarisierung der Arbeiterschaft und die rasche Erosion der Mittelschicht zumindest thematisierte.

Die tiefe systemische Krise, die Trump ins Weiße Haus spülte, wurde von seinen liberalen Gegenspielern im politischen Establishment Washingtons hingegen schlicht ignoriert. ...


"Donald Trump und die Zeit des Borderliners"  Tomasz Konicz (10. November 2016)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Donald-Trump-und-die-Zeit-des-Borderliners-3462308.html

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[...] Donald Trump hat mit Rassismus und Sexismus triumphiert. Das ist verheerend für die US-Gesellschaft. Spott über kulturell abgehängte Hillbillys hilft aber nicht weiter ... In den nächsten Tagen – das ist keine besonders gewagte Prognose – werden viele Texte über ältere, weiße und meist eher wenig gebildete Männer erscheinen. Wie sie die Wahl gekapert haben, wie sie für Obamas zwei Siege Rache genommen haben, wie ihre Wut die bisher gültige Arithmetik von US-Wahlkämpfen grundlegend verändert hat. Und sicher, die Mischung aus wutschnaubenden Talk-Radios, Hass-Netzwerken auf Twitter und einer Globalisierungskritik, die in reine Fremdenfeindlichkeit umgelenkt wird, hat das Spiel gesprengt, von dem Hillary Clinton dachte, dass sie es von Grund auf erlernt habe. ...

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Sikkimoto 09.11.2016 | 14:53

Wenn alle Frauen, Schwarze, Hispanics etc Clinton gewählt hätten wäre Trump chancelos gewesen. Denken sie mal über den Umkehrschluss nach. ...


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Hans Springstein 09.11.2016 | 15:57

Der Zeit der vereinfachenden Beschreibungen vor der Wahl erfolgt die Zeit der vereinfachenden Erklärungen nach der Wahl. Das muss wohl eine Folge des "Schocks" sein.


...


Aus: "Kein Platz für Schadenfreude" Jan Pfaff (09.11.2016)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/jan-pfaff/kein-platz-fuer-schadenfreude

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[...] Die Publizistin Bettina Gaus ... [und] Michel Moore ... haben mit Menschen gesprochen, die weniger die korrekte Bezeichnung oder die Frage, welche Toilette Transpersonen aufsuchen sollen, umtreibt, sondern vielmehr die Frage, wo sie das Geld am Monatsende für das Essen herbekommen, oder ob sie die Kredite weiter abbezahlen können. Sie haben sich umgehört unter dem wachsenden Heer von Menschen, die trotz Lohnarbeit arm sind. Wir können, wenn wir wollen, diese USA durchaus kennenlernen.

... Wo es nicht den Ansatz einer emanzipatorischen Überwindung der eigenen Marginalität gibt, wo jeder des Nächsten Feind zu sein scheint, wird der Erfolgreiche, der sich durchsetzt, rückhaltlos bewundert. Das erklärte auch den langen Wahlerfolg von Berlusconi in Italien. Gewählt wurde er nämlich auch von den Marginalisierten, von denen, die eigentlich keinen Grund hatten, einen Großkapitalisten zu unterstützen. Doch sie bewunderten ihn dafür, weil er so skrupellos im Großen agierte wie sie im Kleinen.

... das Fehlen von Emanzipation und Solidarität zeigt sich [ ] in vielen europäischen Ländern immer häufiger. Für viele der Marginalisierten sind linke Alternativen nicht einmal mehr reale Handlungsoptionen. Sie verwerfen sie nicht, weil sie darin keinen Erfolg sehen. Sie existieren für sie schlicht nicht.

... Hier wird aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft deutlich gemacht, dass die Zeiten der Schönwetterdemokratie auch in Europa vorbei sein könnten. Die Gefahr kommt genau wie in den USA nicht von den Rändern. Trump war nie Minderheit, sondern ein im Mainstream anerkannter Milliardär. So war auch Berlusconi schon lange gesellschaftlich in Italien verankert, bevor er in die Politik ging.

...

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    Kalle Paschulke, 09.11.2016 18:47
Nowak, ... würden Sie mal ausgehen und den Leuten zuhören, die sie uns hier erklären wollten, würden Sie feststellen, daß zu aller erst Wut auf die verbildeten, hochmütigen überheblichen Besserwisser, die um ihren Status zu rechtfertigen, gezwungen sind, die sie Versorgenden mit Verachtung zu strafen, Grund für den wachsenden Populismus ist. ...


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    aquadraht, 09.11.2016 18:57

Herr Nowak ist der typische kleinbürgerliche Linke .., der die Arbeiterklasse nur aus Büchern und heute aus solchen Filmen kennt. ... Armut war noch nie "ein grosser Glanz von innen" und die working poor waren niemals edle Wilde, aus denen die emanzipatorischen Strömungen naturwüchsig hervorkamen. ...


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    TheFlatline, 10.11.2016 08:57

Trump ist ein klassischer Volkstribun. Da die Demokratie von den Aristrokraten/Oligarchen gekapert wurde und die linke Opposition unter Clinton erfolgreich kontrolliert wird, kommt die Stunde eines Selbstverliebten Volkstribun, der zwar selbst dem Geldadel entstammt und den entsprechenden Einfluss hat, aber nicht wirklich zum Establishment gehoert, aus Gruenden die wohl primaer in seiner Persoenlichkeitsstruktur liegen.
Aus narzistischer Kraenkung herraus nutzt er jetzt seinen Einfluss um den eigen Leuten (dem Geldadel) mal so richtig an den Karren zu pissen. Die einfachen Leute, durch die Politik der letzten 30 Jahre frustriert, erfreuen sich an dem Spektakel. Trump ist die Rache des kleinen Mannes am Establishment.

Das Problem ist, dass die Motive sowohl bei Trump selbst als auch bei seinen Waehlern nur negative sind. Es gibt keine wirklich positive Motivation, man will es nur dem Establishment mal so richtig zeigen.

Jetzt bleibt zu hoffen, dass Trump nicht zuviel Schaden anrichtet und das Establischment seine Lektion gelernt hat und echte Reformen wie in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts ermoeglicht werden. Passiert dies nicht, dann geht die Sache sehr unschoen aus. ...


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     Pragmatiker, 09.11.2016 20:08

Es handelt sich hier schlicht und ergreifend um eine reaktionäre Gegenbewegung

Der sog. "Populismus" ist doch aber kein reines US-Phänomen, und somit halte ich es für äußerst fragwürdig, Trumps Sieg als Ergebnis von US-spezifischen gesellschaftlichen Entwicklungen deuten zu wollen. So langsam aber sicher sollte man sich doch mal fragen, warum in einem westlichen Staat nach dem anderen Personen und Parteien an die Macht kommen, die vom politischen Establishment als "populistisch" verunglimpft werden.

Meiner Ansicht nach handelt es sich hier schlicht und ergreifend um eine reaktionäre Gegenbewegung zu den Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte. Und dabei geht es keineswegs allein um die wirtschaftlichen Folgen der Globalisierung, sondern vor allem auch um die politischen und gesellschatlichen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnten. Man hat den Menschen einfach zu viele Veränderungen in zu kurzer Zeit zugemutet.

Anders als die sich selbst für progressiv haltenden Kräfte lange Zeit glaubten, finden es nun einmal längst nicht alle westlichen Bürger toll, dass immer mehr Entscheidungen auf supranationaler Ebene getroffen werden. Wenn sich die gewählten Repräsentaten zuerst mit den Repräsentanten anderer Staaten abstimmen, bevor sie mit ihrer eigenen Bevölkerung in Dialog treten, dann fühlen sich viele Bürger einfach nur verraten und verkauft. ...

Gleichermaßen finden es auch längst nicht alle westlichen Bürger toll, wenn die sich selbst für progressiv haltenden Kräfte unter dem Deckmantel der Gleichberechtigung und des Minderheitenschutzes in bester Orwellscher Manier immer neue sprachliche Tabus zu etablieren versuchen. Wenn Gesetzestexte und Verordnungen, die ohnehin nie Musterbeispiele für leicht verständliche Texte waren, durch gendergerechte und politisch korrekte Umformulierungen selbst für Akademiker mit Hochschulbildung kaum noch zu verstehen sind, dann ist das für viele Bürger einfach nur ein Beleg, dass etwas gravierend schiefläuft. Und wenn Minderheitenschutz plötzlich so allumfassend ausgelegt wird, dass die Interessen der Bevölkerungsmehrheit nur noch eine untergeordnete Rolle zu spielen scheinen, dann ist es aus Sicht vieler Bürger Zeit für eine Kurskorrektur.

Nein, man sollte nicht den Fehler begehen, die aktuellen Entwicklungen allein auf sozioökonomische Fehlentwicklungen zu reduzieren. Diesen Bürgern geht es nicht allein darum, dass ihre Arbeitsplätze gefährdet sind. Die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte spielen für sie eine mindestens ebenso große Rolle. Eine wachsende Zahl von Bürger fühlt sich schon seit geraumer Zeit zunehmend überfordert von immer mehr Veränderungen in immer kürzerer Zeit, und diese Bürger haben mittlerweile eine Zahl erreicht, die ausreicht, um das Pendel in die Gegenbewegung ausschlagen zu lassen. ...


Quote
    Pragmatiker, 09.11.2016 22:19

Re: Es handelt sich hier schlicht und ergreifend um eine reaktionäre Gegenbewegu

DerExperte schrieb am 09.11.2016 21:28:

    Aber die Sache mit dem Thema "political correctness" und Genderwahn kommt dem Punkt möglicherweise näher.
    Hr. Trump ist ein Rüpel, und genau das erscheint wohlmöglich vielen als Identifikationsfigur.. :)


Franz Josef Strauß war ebenfalls rüpelhaft. Herbert Wehner auch. ...


Quote
    Storchbraterei Ploing, 09.11.2016 20:36

Die "westlichen Werte" und das Prekariat.....

Dazu fällt mir ein, was Brecht Mutter Courage sagen ließ:

    Und da konnt' er auch verlangen, dass man seinen Nächsten liebt, denn man war satt. Heutzutage ist das anders.

Die so hochgeschätzten "Werte" interessieren jene, die von ihrer Hände Arbeit nicht mehr leben können oder die schon wegrationalisiert wurden einen feuchten Dreck.

Werte sind ideologischer Überbau für Leute, die sie sich noch leisten können.
Das können die Opfer des Neoliberalismus zunehmend nicht mehr, weshalb diese "Werte" nichts anderes mehr als Heuchelei oder Ignoranz sind.

Das sollten sich die noch satten Anhänger der "Refugees welcome" Fraktion der Linken auch mal zu Herzen nehmen.

Trump ist ein Heuchler, aber er hat eine schlafende Nation aufgeweckt und das ist gut.
Vielleicht wachen nun endlich auch die linken Träumer auf und stellen sich den Realitäten: Leute lest mal wieder Brecht.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (09.11.2016 20:38).


...


Aus: "Das ungleiche Bündnis: Die kleinen Leute und der Erfolgreiche" Peter Nowak (09. November 2016)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Das-ungleiche-Buendnis-Die-kleinen-Leute-und-der-Erfolgreiche-3462227.html

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SPIEGEL ONLINE: Herr Snower, Sie sind Amerikaner. Hätten Sie gestern Abend damit gerechnet, heute mit einem Präsidenten Donald Trump aufzuwachen?

Snower [Dennis J. Snower ist Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel und einer der renommiertesten Ökonomen in Deutschland. Der 66-Jährige ist amerikanischer Staatsbürger und hat in den Siebzigerjahren an der US-Eliteuniversität Princeton promoviert.]: Ich bin erschüttert. Ich war mir sicher, dass Trump keine Chance hat. Und ich glaube, das ging nicht nur mir so. Das zeigt: Die Gruppen, die Trump gewählt haben, sind ganz abgekapselt von denen, die Clinton gewählt haben. Die amerikanische Gesellschaft ist so zerrissen, dass beide Teil nichts mehr voneinander wissen. Auch die Umfragen lagen alle daneben. ... Die Meinungsforscher gehören wie die Journalisten zu den Gebildeten, die fast keinen Zugang zu den Trump-Wählern haben. Aber die amerikanischen Medien haben auch viel dazu beigetragen, dass es so weit kommen konnte. Es gibt dort eine Sucht nach Konflikt, nach immer neuen Skandalen. Das hat dazu geführt, dass Trump sehr viel Aufmerksamkeit bekommen hat und dass es überhaupt nicht um die politischen Inhalte ging.

...  SPIEGEL ONLINE: Die amerikanische Gesellschaft ist auch ökonomisch stärker gespalten als noch vor einigen Jahren. Die Ungleichheit ist gestiegen. Hat das Trumps Sieg begünstigt?

Snower: Es sind ja nicht unbedingt die Ärmeren, die Trump gewählt haben, sondern vor allem jene, die fürchten, dass ihre Kinder einen niedrigeren Lebensstandard haben werden als sie selbst. Man hat sich vorher nicht vorstellen können, dass weiße, verärgerte, arbeitende Männer Trump ins Weiße Haus bringen könnten. Es haben sich aber doch offenbar viel mehr Leute um diese Gruppe herum gesammelt, weil sich viel mehr Menschen verwundet fühlen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn einen wirklichen Grund für diese Leute, besorgt zu sein? Oder ist das reine Panikmache von Trump?

Snower: Trump hat die Sorgen der Menschen ausgenutzt. Diese mögen teilweise berechtigt sein. Wir leben in Zeiten großer Veränderungen. Die Welt digitalisiert sich. Maschinen konkurrieren zunehmend mit Menschen um Arbeitsplätze. Die Globalisierung schreitet voran. Das bedeutet, dass diejenigen, die sich an diese Veränderungen nicht anpassen können, in einer schwachen Lage sind.

SPIEGEL ONLINE: Es ist also erklärbar, wenn sie Trump wählen?

Snower: Sie suchen nach einem Sündenbock. Trump hat ihnen diesen Sündenbock geliefert: Es sind die Migranten, die Muslime, die Lateinamerikaner, die euch eure Jobs wegnehmen - so hat Trump das den Leuten erzählt. Irgendjemand muss Schuld haben. Das ist auch eine Konsequenz aus dem amerikanischen Traum.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Snower: Wenn man den amerikanischen Traum träumt, ist das Versagen nur dem Individuum zuzuschreiben. Viele Amerikaner arbeiten so hart, wie sie können, und es reicht trotzdem nicht. Nach amerikanischer Lesart ist das ihre eigene Schuld. Aber das wollen sie nicht wahrhaben. Deshalb ist es für sie so wichtig, einen Sündenbock zu finden, den sie verantwortlich machen können.

SPIEGEL ONLINE: Trump hat diesen Leuten versprochen, Amerika wieder groß zu machen, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Er will die Wirtschaft stärker abschotten, die Auslagerung von Jobs in Schwellenländer stoppen und hohe Strafzölle auf Waren aus China oder Lateinamerika einführen. Entstehen dadurch wirklich mehr Jobs für Amerikaner?

Snower: Natürlich nicht. Man kann sich in der heutigen Welt nicht abschotten. Die meisten Güter und Dienstleistungen werden durch Mitwirkung anderer Länder produziert. Wenn Amerika sich abschottet, schadet es sich selbst, weil viele Waren dann einfach teurer werden. Darunter leiden werden vor allem die ärmeren Menschen und die besorgte Mittelschicht, die Trump gewählt hat.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es so kommt, dann müsste Trump in der Gunst der Wähler ja schnell wieder sinken.

Snower: Ich fürchte, viele werden den Zusammenhang nicht sehen. ...

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kritischer-spiegelleser 09.11.2016, 11:56

Und die regieren jetzt?

Abstiegsängste? Von der Globalisierung abgehängte? Begriffe, die man auch in Deutschland oft zu hören bekommt. Zumeist disqualifizierend gemeint. Und diese Gruppierungen regieren jetzt in Amerika?


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_alexander_ 09.11.2016, 13:06

Jetzt kommen die ganzen "Experten" aus ihren Löchern gekrochen, um uns zu erklären, warum Trump die ganze liberale Weltordnung in Frage stellt. Diese Typen sind sich wirklich für nichts mehr zu schade. Leider.


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hypnoforce 09.11.2016, 13:10

... Solche Wahlergebnisse sind Ausdruck der Unzufriedenheit über die derzeitige politische Kaste und ihrer Machenschaften.


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Ährengast 09.11.2016, 13:52

... Es ist keine speziell amerikanische Lesart, dass man selber schuld ist, wenn es trotz harter Arbeit gerade eben so zum Leben reicht. Das ist vielmehr ganz allgemein eine der Grundthesen des Neoliberalismus, vielleicht sogar deren wichtigste. Jeder mag sich selbst denken wie Herrn Snowers Fazit "Trumps Sieg ist eine Konsequenz des amerikanischen Traums" mithin zu modifizieren wäre. ...


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Willi Wacker 09.11.2016, 14:03

... Ich kritisiere die Arroganz derer, die den realen Abstieg immer noch als dumpfe "Angst" diffamieren.
O ihr kleinen Dummchen, ihr braucht doch keine Angst zu haben, wenn ihr eure Jobs verloren habt, keine Krankenversicherung mehr bezahlen könnt und eure Stadt eine Geisterstadt geworden ist.
Übertrag: ihr kleinen Dummerchen, die ihr euch von Praktikum zu Praktikum hangelt, die immer steigenden Mieten nicht leisten könnt und von einer auskömmlichen Rente träumt. Werft eure dumpfe Angst ab, sie ist ja nicht real.


...


Aus: "US-Ökonom Snower zur US-Wahl: "Trumps Sieg ist eine Konsequenz des amerikanischen Traums""
Ein Interview von Stefan Kaiser (09.11.2016)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/donald-trump-dennis-snower-sieht-die-liberale-weltordnung-infrage-gestellt-a-1120453.html

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[...] In ersten Kommentaren versucht die internationale Presse, den Wahlsieg von Donald Trump in den USA zu analysieren. Einig ist sie sich, dass sich die Welt ändern wird.  

... Der konservative französische Le Figaro kommentierte: "In diesem Wahlkampf hat sich ein anderes Amerika gezeigt. Vor allem die demokratischen Eliten Europas sind ernüchtert. Sie haben sich zuerst über das vermeintlich Undenkbare lustig gemacht, nun sind sie entsetzt." Der Brexit und der Aufstieg systemfeindlicher Parteien in Europa seien bereits Vorzeichen gewesen. "Die neue Realität wird sich aber nicht wie Pulverdampf nach einer Schlacht auflösen. Weder auf der einen Seite des Atlantiks noch auf der anderen."

... in Wien analysiert die Zeitung Die Presse: "Ein Schlüssel zu seinem Erfolg lag in seiner einfachen und oft auch ordinären Sprache, die einige zutiefst anwiderte, aber offenbar mindestens ebenso viele anzog, vor allem die ältere weiße Mittel- und Unterschicht. Trump verwendete keine typischen Politiker-Floskeln, sondern bediente enthemmt Ressentiments."

... in der Schweiz kommentiert die Neuen Zürcher Zeitung: "Und wieder einmal lagen die Umfragen falsch" Die Zeitung nannte den Wahlsieg eine Art Wiederholung des Brexit-Referendums. "Den Durchbruch schaffte Trump aber genau mit jener Wählerschaft, die er mit seinen provokativen, oft beleidigenden Aussagen direkt angesprochen hatte: die früher gewerkschaftlich linke, weiße Unter- und Mittelschicht, die sich von den Eliten in Washington, von Wall Street und von der Demokratischen Partei verraten und verkauft fühlte und in Trump jene Figur sah, die ihrem Schmerz und ihrer Perspektivlosigkeit ein trotziges 'Nein, wir verschwinden nicht einfach!' entgegenschleuderte." ...

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godsawayonbusiness #2

Die salonnlinke Bohème hat mit ihrer Verachtung und ihrem Zynismus gegenüber der Unterschicht den Erfolg des Rattenfängers erst ermöglicht. Jetzt ergeht sie sich in Katzenjammer und Selbstgerechtigkeit.


...


Aus: "Presseschau zur US-Wahl: "Schock. Donnerschlag. Schwindelgefühl."" (9. November 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-11/presseschau-us-wahl-donald-trump-praesident/komplettansicht

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Quote
[...] Trump hat mit Hasssprüchen gegen das sogenannte politische Establishment in Washington gegen die Medien gepunktet. Er hat die durch die Globalisierung verunsicherte weiße Mittel- und Arbeiterschicht auf seine Seite gelockt. "I alone can fix it" - nur ich kann die Probleme lösen, lautete sein Wahlmotto. Das ist ein anmaßender Spruch, ein hohles Versprechen. Sicher ist: Auch Trump wird die Probleme Amerikas und einer hochkomplexen Welt natürlich nicht im Alleingang lösen. Wer das trotzdem glaubt, ist selbst schuld. ...


Aus: "Donald Trump triumphiert: Sieg des Zerstörers " Ein Kommentar von Roland Nelles, New York (09.11.2016)
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/donald-trump-sieg-des-zerstoerers-kommentar-a-1120418.html

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Quote
Marine Le Pen, Chefin des rechten Front National (FN) in Frankreich, übermittelte dem "neuen Präsidenten der USA und dem amerikanischen Volk" auf Twitter ihre "Glückwünsche". FN-Vizepräsident Louis Aliot erklärte, die US-Wähler hätten "einer arroganten Elite den Stinkefinger gezeigt". Der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders twitterte: "Die Amerikaner holen sich ihr Land zurück."
"Es sieht so aus, als würde 2016 das Jahr von zwei großen politischen Revolutionen", schrieb der frühere Chef der europafeindlichen Partei Ukip, Nigel Farage, mit Blick auf das Brexit-Votum der Briten und Trumps Wahlsieg. ...


Aus: "Internationale Reaktionen auf US-Wahl: "Die Amerikaner holen sich ihr Land zurück"" (09.11.2016)
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-wahl-geert-wilders-begruesst-wahl-von-donald-trump-a-1120430.html

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[...] Wir, die publizistisch und aktivistisch gegen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus gekämpft haben, hier in Europa. Wir müssen unsere Fehler in den kommenden Wochen, Monaten, Jahren analysieren und daraus Konsequenzen ziehen. Wo haben wir gehofft, statt zu erkennen? Wo haben wir ignoriert, statt hinzusehen? Wo haben wir geschwiegen und geduldet, statt zu sprechen und zu handeln? Wo lagen wir schlicht und ergreifend falsch? ...

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amater 09.11.2016, 12:09

Ihr lieben Amerikaner!

Ihr habt es geschafft! Ich bin stolz auf Euch! Das war ein entscheidender Schlag gegen die homogenen und voreingenommenen Medien, die von intelektuellen Illusionisten geprägt werden ...


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feistus_raclettus 09.11.2016, 12:34

zu kompliziert...

Gestern bei Marcus Lanz wollte Sandra Navidi die wahren Zusammehänge für den Niedergang Ohio's darlegen.
Sebastian Pufpaff brachte es auf den Punkt: Das ist zu komplziert, damit erreichen sie die Leute nicht.
Traurig aber wahr - in einer immer komplizierteren Welt wollen die Menschen trotzdem einfache Lösungen.


Quote
Eduschu 09.11.2016, 12:50

Was Sie falsch gemacht haben?

Ich kann es Ihnen sagen. Sie (steht stellvertretend für die linksliberalen Medien) haben sich nicht einmal bemüht, die Beweggründe zu verstehen, warum bereits in den Meinungsumfragen viele Wähler für Trump stimmen wollten. Für Sie war es ausgemachte Sache, dass "so einer" nicht gewählt werden wird. Aber die Wähler Trumps sind nicht so wie vorher allerorten suggeriert wurde. Es sind nicht nur Männer, vorzugsweise ungebildete Rednecks, sondern etwa die Hälfte seiner Wähler waren Frauen. Ihr Fehler ist verzeihlich, denn wie wir eindrucksvoll bestätigt bekommen haben, nützen konzertierte Aktionen der traditionellen Medien gar nichts. Ich glaube sogar, dass gerade die durch die Bank verächtlichmachenden Berichte über Trump und seine Wähler einen Jetzt-erst-recht-Effekt ausgelöst haben. Nicht nur Politiker können sich kein neues Volk suchen, wenn ihnen das alte nicht gefällt. Selbiges gilt auch für die Medien. Deshalb müssen Sie lernen, damit umzugehen, dass es nicht nur liberale Strömungen in der Gesellschaft gibt, sondern auch rechtskonservative.


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chiefseattle 09.11.2016, 12:50

Es ist an der Zeit Rainer Calmund als Bundespräsidenten vorzuschlagen! Mal sehen, ob das RTL2 Niveau in Deutschland schon mehrheitsfähig ist.


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gg0815 09.11.2016, 12:51

Progressiv ?

Zitat: "Wir, die tendenziell Progressiven"
diese "Gewissheit" sollte das elitäre Establishment als erstes ablegen.


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spon-facebook-10000228292 09.11.2016, 13:06

"Es ist ein Abschied von den Rationalmedien und ein Übergang zu den Gefühlsmedien. Wir haben noch nicht herausgefunden, wie dieser Übergang politisch zu gestalten ist - die Rechtsextremen dagegen schon."

So ein Gejammer, alle die gegen die neoliberale Politik sind, sind rechte Populisten. Jeder, der gegen CETA und für einen Dialog mit Russland ist, ist ein neurechter Querfrontler. Es passt Euch einfach nicht, dass Leser/Innen nun in den sozialen Medien genau den Gegenpol finden, den Ihr "Rationalmedienvertreter" (merkt ihr eigentlich wie arrogant dieser Begriff alleine schon ist, ihr seid rational, die sozialen Medien nicht?) nicht mehr bietet. Wundert Euch nicht, über sinkende Verkaufszahlen, sondern fragt Euch, ob die Menschen es nicht einfach leid sind, immer denselben ungefilterten, ungeprüften Mist zu lesen und keine Gegenargumente. Artikel verkommen zu Kommentaren, Objektivität wird durch Subjektivität, und Journalismus durch Abschreiben ersetzt.


Quote
diekhus 09.11.2016, 13:14

Intensiv Verachtet.

"Dass das politische, mediale, gesellschaftliche Establishment derart intensiv verachtet werden kann, ..."

Da ist dann wohl Ihr Wahrnehmungsvermögen über diese Hintergründe etwas schwach ausgebildet, wenn sie das bisher nicht erkannt haben. Also weniger lügen, den Versuch unternehmen neutral zu berichten und aufhören per Nannyjournalismus die Bürger auf die falsche Fährte zu locken. ...


Quote
eldoloroso 09.11.2016, 13:47

Naja

Tach,
Was Sascha Lobo nicht explizit sagen mag: Die Political Correctness ist auf dem absteigenden Ast. Tatsächlich prallte sie an Trump ab wie Wasser an Teflon. Hingegen hat Hillarys ganzes Gender- und Rassismusgedöns niemanden hinterm Ofen hervorgelockt. Und diese Entwicklung, zusammen mit dem Deutungshoheitsverlsut der ehemaligen Nachrichtenmagazine, führt zur diskutierten Situation.


Quote
Sequester 09.11.2016, 13:59

Öffentliche vs. veröffentlichte Meinung

" Die Welt wendet sich von der bürgerlichen Medienwelt des 20. Jahrhunderts und ihrem journalistischen Prinzip der Mäßigung ab. Dem Prinzip, Nachrichten als Berichterstattung zu betrachten, objektiv und ausgewogen. "

Diese Aussage aus dem Artikel ist schon grenzwertig. Wenn auf Dauer in den Medien bestimmte Meinungen völlig ausgeblendet werden und sich die "Meinungsmacher" in ihrer Blase selbst feiern, dann muss man sich nicht wundern, wenn es zu derartigen Betriebsunfällen kommt.

Ich bleibe dabei: es gibt einfach einen Unterschied zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung.. Vielleicht haben erstere wegen ihrer Jobs und Sozialisierung einfach weniger Zeit und Lust sich ständig zu artikulieren. Herr Lobo sollte klug genug sein dies zu erkennen.


Quote
rgsf 09.11.2016, 14:23

Exzellente Analyse

Sehr gute Fragen. Bei uns, der "erleuchteten Elite" anfangen. Mein Vater, der noch den Nationalsozialismus bekämpft hat, sagte immer man müsse auch den Schwachen eine Stimme geben und darauf achten dass sie sich nicht ausgeschlossen fühlen. Jetzt verstehe ich was er meinte.


...


Aus: "Medien und die US-Wahl: Das Ende unserer Gewissheiten" Eine Kolumne von Sascha Lobo (09.11.2016)
Quelle: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/wahl-in-amerika-das-ende-unserer-gewissheiten-kolumne-a-1120465.html
« Last Edit: November 10, 2016, 10:32:49 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #579 on: November 14, 2016, 02:04:17 nachm. »
Quote
[...] Der Anteil der Menschen, die trotz eines Vollzeitjobs von Armut bedroht sind, ist in Europa laut einer Studie gewachsen. Ihr Anteil stieg im vergangenen Jahr auf 7,8 Prozent, wie die Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh unter Verweis auf ihre Untersuchung Social Justice Index 2016 mitteilte. 2013 lag der Anteil noch bei 7,2 Prozent. Als Gründe für das steigende Armutsrisiko trotz voller Erwerbstätigkeit nennt die Stiftung unter anderem einen wachsenden Niedriglohnsektor und die Spaltung der Arbeitsmärkte in reguläre und atypische Formen von Beschäftigung. ...

... Der Anstieg der sogenannten working poor – also Menschen, die trotz Arbeit von Armut bedroht sind – sei laut Studienautoren grundsätzlich Anlass zur Sorge. "Ein steigender Anteil von Menschen, die dauerhaft nicht von ihrer Arbeit leben können, untergräbt die Legitimität unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung", sagte der Vorsitzende der Stiftung, Aart de Geus.

...

Quote
alice_42 #1

>> "Ein steigender Anteil von Menschen, die dauerhaft nicht von ihrer Arbeit leben können, untergräbt die Legitimität unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung", sagte der Vorsitzende der Stiftung, Aart De Geus. <<

Auch Du, Bertelsmann Stiftung? Naja, besser spät als nie.

Übrigens ist die Feststellung nur fast richtig. Dieser Zustand untergräbt nicht die Legitimität unserer Wirtschaftsordnung, sondern er zeigt die Illegitimität.


Quote
Schnorg-der-Grosse #1.1

Der Artikel verrät die Ursache: es geht Europa immer besser. Folgerichtig führt ein relativer Armutsbegriff zur Erosion am unteren Rand, der nun einmal nicht für Aufschwung sorgt.


Quote
alice_42 #1.5

>> Der Artikel verrät die Ursache: es geht Europa immer besser. <<

Welcher Artikel? Der obige ja nicht. Könnten Sie den betreffenden Text also kurz verlinken?

Ansonsten wünsche ich Ihnen viel Erfolg dabei, den Betroffenen klarzumachen, dass sie vor Wahlentscheidungen bitte zur Kenntnis zu nehmen haben, dass sie nicht arm genug sind.


Quote
brockenimharz #1.7

Mich ärgern hier die minderintellektuellen Sprüche der Politiker: Sozial ist was Arbeit schafft. ( Zu welchen Bedingungen und mit welchen Auswirkungen bleibt unbeantwortet) ...


Quote
Schnorg-der-Grosse #1.15

... Geld wird zumindest in Deutschland vorwiegend nach unten verteilt, schauen Sie sich das Sozialbudget in Höhe von 54% der Gesamtausgaben doch an.


Quote
3Andrea #3.4

Aktuelle Deutsche Vermögensverteilung
1% der Bevölkerung besitzt 33%
9% der Bevölkerung 33%
40% der Bevölkerung 31%
50% der Bevölkerung 2%

Sehr anschaulich gemacht mit 100 Mensch-Ärger-Dich-Männchen und einem Quark-Kuchen ;-)
Quelle: Planet Wissen: Sendung zu Erben in Deutschland, Anfang November 2016

Das ist eine Rückkehr in die guten alten Zeiten der Lehnsherrschaft. Die momentan 50% Leibeigenen der Gesellschaft dürfen sich abrackern und kommen trotzdem auf keinen grünen Zweig, sind im Alter sogar auf Almosen angewiesen. Und das nicht unbeträchtliche Vermögen konzentriert sich munter bei immer weniger Leuten. Da sind relative Armutsdefinitionen unwichtig. Menschen empfinden nun einmal Ungleichbehandlung innerhalb der eigenen Gruppe als sehr ungerecht und begehren dagegen auf.


...


Aus: "Mehr Menschen in der EU trotz Vollzeitjobs von Armut bedroht" (14. November 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-11/bertelsmann-stiftung-armut-arbeitsmarkt-europa
« Last Edit: November 14, 2016, 02:16:32 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #580 on: November 16, 2016, 10:37:49 vorm. »
Quote
[...] Sen. Bernie Sanders on Monday lambasted the Democratic Party for failing to pay attention to white working class voters during the election.

“There needs to be a profound change in the way the Democratic Party does business. It is not good enough to have a liberal elite,” Sanders said in an interview on “CBS This Morning.”

“I come from the white working class and I am deeply humiliated that the Democratic Party can’t talk to the people where I came from,” he added.

Sanders, who ran in the Democratic presidential primary but became an independent again, said that Democrats have to feel the pain of working people, take on the billionaire class, Wall Street and drug companies. He said that Trump tapped into their angst and anger “effectively.”

“We’re going to hold Mr. Trump accountable,” Sanders said. ... “ ... The question is why is it that millions of white working class people who voted for Obama turned their backs on the Democratic Party,” Sanders said.

...


Aus: "Bernie Sanders "deeply humiliated" Democrats can't talk to working class" Rebecca Shabad (CBS News November 14, 2016)
Quelle: http://www.cbsnews.com/news/bernie-sanders-deeply-humiliated-democrats-cant-talk-to-working-class/?ftag=CNM-00-10aab8a&linkId=31130068

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« Reply #581 on: November 16, 2016, 10:55:23 vorm. »
Quote
[...] [Brooke Harrington ist Soziologie-Professorin an der Copenhagen Business School. Dieser Text ist ein Auszug aus ihrem gerade auf Englisch erschienenen Buch Capital without Borders: Wealth Managers and the One Percent (Harvard University Press, 400 S.)]

... In den letzten Jahren hat der weltweite Wohlstand ein Rekordniveau erreicht, er wird auf 241 Billionen Dollar beziffert. Ebenso aber wuchs die Ungleichheit: 41 Prozent dieser Reichtümer sind im Besitz von 0,7 Prozent der Weltbevölkerung. Wealth-Manager verwalten heute geschätzt 21 Billionen Dollar ... Vermögensverwalter und ihre Klienten gehen eine ungewöhnliche und meist langfristige Bindung ein. So wie ein Hausarzt oder Rechtsanwalt ist der Wealth-Manager in pikanteste Details eingeweiht – doch anders als beim Arzt oder Anwalt beschränken sich diese Details nicht auf einen bestimmten Lebensbereich. James, einer meiner Gesprächspartner in London, erklärte mir, die Klienten „wählen jemanden aus, von dem sie wollen, dass er alles über sie weiß: Muttis lesbische Affäre, Brüderchens Drogenproblem, die abgelegte Liebschaft, die Krawall macht“.

Der Job des Wealth-Managers ist es, das Geld des Klienten zu schützen. Das heißt nicht nur vor Fehlinvestitionen, sondern auch zum Beispiel davor, dass ein verschwendungssüchtiger Erbe es verprasst oder dass ein Angehöriger mit dunklen Geheimnissen sich erpressbar macht. „Du bist wie ein Voyeur – der Klient muss sich vor dir entblößen“, sagt Eleanor, eine Amerikanerin, die in der Schweiz arbeitet. ...

... Wealth-Manager werden von ihren Kunden auf Hochzeiten eingeladen, verbringen Urlaube mit ihnen und sitzen manchmal sogar an ihrem Sterbebett. Einige sagten mir, sie seien in Tränen ausgebrochen, als sie vom Tod eines Klienten erfuhren. Sherman, mit dem ich auf den Jungferninseln sprach, erklärte, diese Nähe zu den Klienten verleihe seiner Arbeit eine Tiefe, die er bei seiner vorigen Tätigkeit als Banker nie erlebt habe: „Es ist sehr emotional. Sehr wirklich.“

Die Rolle als Quasi-Familienmitglied hat auch ihre Schattenseiten, denn oft werden die Wealth-Manager Zeugen der Zerrüttung. Viele meiner Gesprächspartner zeigten sich bekümmert, weil sie Kunden dabei helfen mussten, ihre Kinder und Ehepartner zu enterben.

Reichtum kann Familien zusammenhalten – oder auseinanderreißen. 

... Die Mobilität von Reichtum und seinen Besitzern sowie das Geschick der Wealth-Manager machen es allzu leicht, Gesetze zu brechen, obwohl man sie pro forma einhält. Alle Versuche, die Privilegien der Superreichen zu beschneiden, sind bisher gescheitert.

...


Aus: "Brooke Harrington: Die geheime Welt der Vermögensverwalter"
Übersetzung: Michael Ebmeyer (Ausgabe 4316, 09.11.2016)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/die-geheime-welt-der-vermoegensverwalter


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« Reply #582 on: November 16, 2016, 01:57:48 nachm. »
Quote
[...]  Was immer man vom Wahlsieg Donald Trumps hält ... Er beruht maßgeblich auf seinem geradezu spektakulären Erfolg bei einer bestimmten Gruppe von Wählern: Seine Unterstützung bei weißen männlichen Wählern ohne Universitätsabschluss lag laut den Wählerbefragungen unmittelbar nach der Wahl ("Exit Polls") bei sagenhaften 67 Prozent. Clintons ähnlich hohe oder teilweise noch höhere Werte bei Schwarzen (88%), Latinos (65%) und Asiaten (65%) reichten nicht, um diesen Nachteil aufzuwiegen.

... Für die einen hat sich eine politische, kulturelle und mediale Elite völlig abgekoppelt von der Realität der einfachen Menschen. Diese eint eine Wut auf Politik und Medien - ja, auf alle Repräsentanten eines Establishments, von dem sie sich nicht mehr vertreten fühlen. Vokabeln wie "Lügenpresse", "Systemmedien", "Politikerkaste", "Altparteien" und "Gutmenschen", die früher nur am äußersten rechten Rand ihren Platz hatten, werden von der AfD und ihren Anhängern in den politischen Mainstream gespült.

Auch beim Brexit spielten die ehemaligen Kohle- und Stahlreviere Nordenglands eine entscheidende Rolle - auch hier überlagert ein fremdenfeindlicher Diskurs die Debatte. Für Frankreich hat der Soziologe Didier Eribon hat in seinem autobiographischen Buch "Rückkehr nach Reims" sehr eindrücklich ähnliche Mechanismen beschrieben.

... Eribon macht die politische Linke dafür verantwortlich, da sie vergessen habe, was ihre Aufgabe sei, nämlich "den Beherrschten eine politische Stimme zu geben". Mit ihrem Gang in die "Neue Mitte" habe sich die Linke einen Bärendienst erwiesen. Es sei "nicht mehr von Ausbeutung und Widerstand die Rede, sondern von 'notwendigen Reformen' und 'Umgestaltung' der Gesellschaft". Die entstandene Leerstelle werde von Rechtspopulisten aufgefüllt: Während man sich früher über seine Zugehörigkeit zur "Arbeiterklasse" definierte, sei man heute an erster Stelle "Franzose" - womit eine Abwertung von "Ausländern" und anderen Gruppen einhergehe. Mit anderen Worten: Den Verlierern zahlreicher "Sozialreformen" wurde von den Rechtspopulisten ein neues identitäres Angebot gemacht, und zwar ein nationalistisch-chauvinistisches.

Dieser Befund kommt einem aus deutschen Debatten vertraut vor: Die Regierung verkauft ihre Politik als "alternativlos" - und eine ganz große Koalition von CDU bis zu den Grünen einigt sich in Bundestag und Bundesrat darauf, was "das Beste für alle" ist. Doch wer sich in zwei Jobs abstrampelt, um über die Runden zu kommen, wer sich keinen Urlaub leisten kann, wer 400 Kilometer am Tag "pendelt", um einer Arbeit nachzugehen, wer zwischen Mini-Job und HartzIV eingeklemmt ist – der oder die kann und wird schlechterdings nicht unterschreiben, dass die herrschende Politik gleichzeitig "das Beste für alle" sei. Denn dem widerspricht die eigene Lebensrealität. Von diesem Befund bis zu einem Vertrauensverlust in eine als "verlogen" wahrgenommene Politik ist es ein kurzer Weg. ...

Denn in Wirklichkeit sind die Interessen wohlhabender Schichten, die zum Beispiel niedrige Steuern wollen, und die Interessen alleinerziehender Mütter aus der Unterschicht nicht dieselben. Eltern, die ihre Kinder ab der 5. Klasse auf Gymnasien schicken wollen, verfolgen nicht das gleiche Ziel wie Stadtteilschulen für alle.

... Es gibt aber auch noch eine andere, bedrückendere Wahrheit hinter dem Trump-Sieg: Offenbar war es vielen seiner Wählern nicht nur egal, dass Ihr Kandidat mit auf Sexismus, Rassismus und die permanente Beleidigung seiner Gegner setzte, es scheint geradezu ein Motiv gewesen zu sein, ihn zu wählen.

... Die Kluft in Amerika zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Liberalen und Konservativen, zwischen Stadt und Land ist alles andere als kleiner geworden. Egal, ob in Kalifornien, Texas oder Pennsylvania: Nahezu überall hat Clinton die Großstädte haushoch gewonnen. Im High-Tech Standort San Francisco hat Donald Trump keine zehn(!) Prozent. Diese Entwicklung gibt es in Europa: Nirgendwo war die Ablehnung des Brexit so groß wie in London - nirgendwo sind die Wahlergebnisse der AfD schlechter als in jenen "Multikulti"-Stadtteilen der Großstädte, deren Wahlbevölkerung ja vermeintlich am meisten unter Einwanderern und Muslimen leiden müssten. "Wie sollen schwarze und muslimische Amerikaner dieses Wahlergebnis ihren Kindern erklären?", fragte letzte Nacht ein sichtlich konsternierter Analyst auf CNN.

... In diesem Sinne meint der Wahlsieg Donald Trumps durchaus "uns": Uns liberale Medien, uns Großstadtbewohner, uns Fortschrittsgläubige, uns Feministen, uns Homosexuelle, uns politisch Korrekte, uns Gutmenschen mit Migrationshintergrund, uns aufrechte Demokraten, so lange das Wahlergebnis irgendwo zwischen Merkel-CDU und Linkspartei pendelt. Es droht nichts weniger als eine geschlossene Front von rechtspopulistischen Autokraten, die von Trump über Le Pen bis Orban, Putin und Erdogan reichen könnte. Wie es dann langfristig um Freiheits- und Minderheitenrechte, um Emanzipation und Aufklärung bestellt ist, darüber muss man sich keine Illusionen machen.


Aus: "Das Ende der bekannten Welt" Andrej Reisin (10.11.16)
Quelle: https://daserste.ndr.de/panorama/Das-Ende-der-bekannten-Welt,trump232.html

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Quote
[...] „Rückkehr nach Reims“ ist eine schonungslose Arbeit über Scham und den Verrat der Linken an der Arbeiterklasse. Ein literarischer Glücksfall.

... Eribon schaffte den Aufstieg. Seine Familie blieb hingegen in der sozialen Klasse verhaftet. Die Isolierschicht der bürgerlichen Welt blieb für sie undurchdringbar. Didier war der Erste seiner Familie, der ins Gymnasium ging. Sein Vater schuftete in der Fabrik, seine Mutter ging putzen, damit der Bub später studieren konnte. Doch Didier merkte, dass er in seiner Familie keine Luft zum Atmen hatte. Er redete sich lange ein, glaubte es wohl auch, dass es sein Schwul-Sein war, das ihm den Atem raubte. Doch es war mehr. Er bemühte sich, seinen Dialekt zu verlernen, hörte Dylan, ging nicht mehr auf den Fußballplatz, las Marx. Er wollte Teil der Avantgarde sein, der er später angehören sollte.

Schon in der Schule spürte er, dass er sich der bürgerlichen Welt unterwerfen musste, um nicht von ihr abgestoßen zu werden. Er passte sich an, damit er sich den Weg in die „Komfortzone“ der linken Elite nicht verbaute. Nach seiner Rückkehr in sein so lange verleugnetes Zuhause musste er zur Kenntnis nehmen, dass mittlerweile alle in seiner Familie Front National wählen.

Was war geschehen, wie konnten die Arbeiter den Klassenfeind wählen? Mit der Mutter saß er immer wieder redend am Küchentisch, man sah gemeinsam Fotoalben an. Die Fotos zeigten eine Welt, die in den Nachrichten nicht mehr abgebildet wurde. In der politischen Debatte war „nicht mehr von Ausbeutung und Widerstand die Rede, sondern von ‚notwendigen Reformen‘ und der ‚Umgestaltung‘ der Gesellschaft“. Aber warum Front National, warum hierzulande die FPÖ? Eribons Antwort sollten sich Linke immer wieder laut als Merksätze vorsagen: Mit der Wahl der Linken versicherte man sich einst den Stolz seiner Klassenidentität, mit der Wahl der Front National verteidigte man, was davon noch geblieben war. „So widersprüchlich“ es auch klingen mag, die Zustimmung zum Front National kann als „Art politische Notwehr der unteren Schichten interpretiert werden“.

Eribon klammerte sich in seinem Leben immerzu an Jean Paul Sartres Satz aus „Saint Genet“: „Es kommt nicht darauf an, was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat.“ Mit der Brandmarkung seiner sexuellen Orientierung konnte er umgehen. Das Brandzeichen der sozialen Herkunft glaubte er verdecken zu müssen. Bis zu seiner Rückkehr nach Reims.


Aus: "Auf der Suche nach der verleugneten Herkunft" (Tiroler Tageszeitung vom Fr, 28.10.2016)
Quelle: http://www.tt.com/kultur/literatur/12172352-91/auf-der-suche-nach-der-verleugneten-herkunft.csp

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[...] Wie die US-Demokraten haben auch die Schweizer Sozialdemokraten in den letzten Jahrzehnten den Support vieler Wähler mit tiefen Löhnen verloren. ... «Die Auseinandersetzung mit der populistischen Rechten gewinnt man nicht mit der Diskussion über deren Fremdenfeindlichkeit, sondern mit der Debatte über die soziale Frage. Kurz und provokativ: Die Antwort auf die Fremdenfeindlichkeit ist der Klassenkampf», sagt Levrat.

Ein besseres Verständnis für ihre eigene Lage erhofft sich die SP von einem französischen Intellektuellen: Didier Eribon. Seit seiner Biografie über den französischen Philosophen Michel Foucault (1926–1984) zählt er zu Frankreichs bekanntesten Soziologieprofessoren. Eribon kennt das Innere der Klassengesellschaft aus eigener Anschauung. Als Arbeitersohn ist er in einer Sozialsiedlung bei Reims im Nordosten Frankreichs aufgewachsen. Was es heisst, wenn Eltern und Grosseltern hart arbeiten, ohne dass es aufwärtsgeht – das hat Eribon hautnah miterlebt.

Über seine Erfahrungen hat der mittlerweile 63-Jährige ein Buch geschrieben. Zwar wurde es in Frankreich bereits 2009 publiziert, doch seit einigen Monaten liegt der autobiografische Bericht «Rückkehr nach Reims» auch auf Deutsch vor. Es gilt manchen Kritikern als Buch der Stunde – eine Analyse der linken Intelligenzija Frankreichs, verfasst von einem Linken.

Eribon beschreibt im Buch, wie er – jahrelang ohne Kontakt zu seiner Familie – nach Hause zurückkehrte, als ihn die Nachricht vom nahen Tod seines Vaters erreichte, und dabei Zeuge eines tiefgreifenden Wandels wurde: Seine ehemals kommunistische Familie war zum Wähler des rechtsextremen Front National (FN) geworden. Eribon erklärt dieses Phänomen aus dem Versagen der Linksparteien, deren «Staatsintellektuelle» sich nicht für die einfachen Arbeiter und deren Lebenslage interessieren würden.

... Die linke Politik wähnt Eribon in einer «schweren Krise», die sich seit Jahrzehnten angebahnt habe. In den 1980er-Jahren haben, wie Eribon ausführt, linke Neokonservative mit Investorengeld Konferenzen organisiert, Seminare gegeben und mediale Debatten angezettelt mit dem Ziel, die Grenze zwischen rechts und links zu verwischen. «Sie wollten all das abschaffen, worauf sich linkes Denken gründet: den Begriff der Klasse, die soziale Determination, die Ausbeutung der Arbeitskraft etc. Heute sehen wir, dass sie zum grössten Teil erfolgreich waren.»

Als Beispiel dafür nennt Eribon die sozialistische Partei Frankreichs: Wenn man heute einem sozialistischen Politiker gegenüber den Begriff der sozialen Klasse erwähne, widerspreche er sofort und behaupte, so etwas existiere nicht mehr, so Eribon. «Die französischen Linken glauben das wirklich und sind jetzt ganz verblüfft, weil sie feststellen, dass es doch noch eine Arbeiterklasse gibt. Es ist tragisch, dass die Arbeiter erst für den Front National, die AfD und den Brexit stimmen mussten, um auf sich aufmerksam zu machen.»

Eribon spricht wie der pakistanisch-britische Intellektuelle Tariq Ali von einer «extremen Mitte», die Europa beherrsche: «Diese Leute glauben, dass das, was den gut ausgebildeten Menschen in den Metropolen nützt, automatisch gut für alle ist. Das ist offensichtlich falsch.»

...


Aus: "«Extreme Mitte beherrscht Europa»" (14.11.2016)
Quelle: http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/extreme-mitte-beherrscht-europa/story/17829118
« Last Edit: November 16, 2016, 02:24:58 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #583 on: November 16, 2016, 02:05:37 nachm. »
Quote
[...] Das Institut soll Donald Trump Milliarden geliehen haben. Ausserdem verhandelt es gerade mit der US-Regierung um sehr viel Geld.

... Dabei beflügelt derzeit keine Frage so sehr die Fantasie der Finanzwelt wie die, welche Beziehung Deutschlands grösstes Geldhaus eigentlich zum nächsten US-Präsidenten pflegt – und was beider Nähe nicht nur für das Unternehmen, sondern auch für Trump bedeutet.

Schon seit vielen Jahren ist die Deutsche Bank einer von Trumps grössten Geldgebern. Nach einem Bericht des Wall Street Journals hat das Institut dem Immobilienmagnaten seit 1998 etwa 2,5 Milliarden Dollar geliehen. Allein für den Umbau des altehrwürdigen Washingtoner Postgebäudes in ein Hotel erhielt er zuletzt 170 Millionen Dollar, für die Anlage eines Golfplatzes in Miami weitere 125 Millionen. Derzeit soll der Unternehmer bei der Bank noch mit 350 Millionen Dollar in der Kreide stehen. Die meisten US-Häuser hingegen, von Goldman Sachs über Citigroup bis Morgan Stanley, sollen Trump längst den Rücken gekehrt haben – nach zahllosen Rechtsstreitigkeiten und geplatzten Geschäften.

Offiziell lehnt die Deutsche Bank jede Stellungnahme zu ihrem prominenten Geschäftspartner ab. Unter der Hand heisst es zumindest: «Ja, Trump ist unser Kunde.» Zu Art und Umfang der Geschäftsbeziehungen will man allerdings auch in Unternehmenskreisen nichts sagen, auch nicht zu Gerüchten, wonach sich die Investmentbanker des Finanzhauses schon seit Langem weigern, Geschäfte mit dem unsteten Geschäftsmann abzuschliessen – während die Kollegen in der Vermögensverwaltung bis heute treu an ihm festhalten.

Aus Sicht von Richard Painter, Jura-Professor an der Universität von Minnesota, ist Trumps enge Beziehung zur Deutschen Bank ein «Riesenproblem» für den künftigen Präsidenten. «Niemand weiss genau, wie viel Geld er welchem Finanzhaus schuldet. Und deshalb weiss auch niemand genau, wie stark er von wem abhängig ist», sagt Painter. «Da kann man schon fragen, ob er und seine Minister sich mit der nötigen Konsequenz um die Regulierung der Finanzindustrie kümmern können.»

Die Frage ist mit Blick auf die Deutsche Bank vor allem deshalb brisant, weil das Geldhaus derzeit mit der noch amtierenden Regierung von Präsident Barack Obama über die Höhe einer Geldstrafe für den Verkauf drittklassiger Hypothekenpapiere an ahnungslose US-Kunden feilscht. Das Justizministerium unter Leitung von Loretta Lynch war im September mit einer Forderung von 14 Milliarden Dollar in die Vergleichsverhandlungen gegangen.

Obwohl sich Konzernchef John Cryan persönlich in die Gespräche einschaltete, reduzierten die Beamten diese Zahl auch in einer zweiten Runde nur unwesentlich. Für die Bank jedoch wäre jede zweistellige oder hohe einstellige Milliardensumme ein ernstes finanzielles Problem. Hinter den Kulissen wurde deshalb bereits geraunt, ob Cryan die seit zwei Monaten andauernden Gespräche nicht einfach weiter in die Länge ziehen und abwarten sollte, bis Ende Januar sein Geschäftspartner Trump und dessen Minister die Arbeit aufnehmen. Schliesslich könnte das ja möglicherweise helfen.

...


Aus: "Warum Trumps Schulden bei der Deutschen Bank ein Problem sind" Claus Hulverscheidt und Meike Schreiber New York/Frankfurt (15.11.2016)
Quelle: http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/amerika/warum-trumps-schulden-bei-der-deutschen-bank-ein-problem-sind/story/14749503


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« Reply #584 on: November 16, 2016, 03:10:23 nachm. »
Quote
... Clinton scheiterte, weil sie kulturell für eine Politik steht, die Weltläufigkeit, Durchblickertum und Strebsamkeit verströmt. Nichts war für sie im Wahlkampf so verheerend wie die Bemerkung über die „deplorables“, die Bedauernswerten, die nicht an den Segnungen der neuen, digitalen Ökonomie teilhaben können. ... Ein fieses Wort. Deplorable: bedauerlich, erbärmlich, kläglich. Mitfühlend sei das gemeint gewesen, hieß es aus dem Lager der Demokraten, im Sinne von „sie müssen aus ihrem Elend befreit werden“. Die Spindoktoren Trumps wendeten die Bemerkung freilich ins Giftige: Guckt mal, für die seid ihr kläglich. In den Gebieten, die Clinton den Wahlsieg kosteten – den kapitalistisch ausgeweideten Industrierevieren des Nordens etwa –, kam das nicht gut an: Menschen, die dem für Ökologie und Minderheiten aufgeschlossenen Caffè-Latte-Lifestyle nicht angehören, sahen sich diffamiert. Bei ihnen hakte die Demagogie Donald Trumps ein.

Aber demagogisch war es eben zugleich auch nicht: Aus Perspektive der „aufgeklärten“, am eigenen Lebensstil berauschten Menschen in den Metropolen waren es wirklich die „Abgehängten“, die keine Perspektive haben. Die Dummen, die schlechte Musik hören, falsche Drogen nehmen, mieses Essen lieben und grob sprechen.

... Der Ton Clintons (und der der meisten in ihrer Partei) war erbarmungswürdig antiplebejisch. ...


Aus: "Donald Trumps Wahlsieg: Aufstand der Bedauernswerten" Jan Feddersen (17.11.2016)
Quelle: https://www.taz.de/!5355487/

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Quote
[...] ... so sehr Eribon mit seiner Analyse und dem damit verbundenen Appell, endlich wieder in Begriffen sozialer Klassen zu denken, recht hat, so wenig kann das jedoch allein den aktuellen Aufstieg der Rechtspopulisten, Donald Trump vorne weg, erklären. Mehr noch: Wenn auch ungewollt, kann es sogar den Blick darauf verstellen, wo die tatsächliche Verachtung der Armen stattfindet.

Das beginnt mit der nüchternen Einsicht, dass Trump die Wahl keineswegs nur aufgrund der white working class gewonnen hat. Es stimmt zwar, dass sie für ihn eine durchaus wichtige Rolle spielte, insbesondere in umkämpften Staaten des sogenannten Rust Belts wie Michigan oder Pennsylvania. Ebenso stimmt, dass Clinton in den unteren Einkommensschichten viele Stimmen verloren hat, die Obama vor vier Jahren noch gewinnen konnte. Aber insgesamt lag Clinton bei den Geringverdienern vorn. Dementsprechend berichtete etwa auch CBS, dass das Einkommen selbst bei weißen Trump-Wählern keine erkennbare Rolle spielte. Aber auch wenn man davon ausgeht, dass die Unterstützung der white working class für Trump zumindest mitentscheidend war, müsste man zunächst einmal klären, was unter Arbeiterklasse genau zu verstehen ist.

Das konkrete Arbeitsverhältnis – oder, wenn man so will, die Stellung im Produktionsprozess – kann es ja nicht sein. Unter dem Begriff werden heute auch untere Angestellte, etwa die Verkäuferin bei Walmart oder der Lagerist bei Lidl, verbucht, ebenso sind Arbeitslose in der Regel mitgemeint. Bemisst man sie hingegen an einer bestimmten Einkommensschwelle, würde auch eine Reihe jener Freiberufler oder prekär Beschäftigten, etwa im Medien-, PR- oder Dienstleistungsbereich, darunter fallen, die politisch tendenziell eher zu jenem links-ökologischen Milieu zählen, das man der Arbeiterklasse gern gegenüberstellt.

Im ruralen Arkansas oder dem ländlichen Brandenburg ist die Arbeiterklasse, was auch immer man nun genau darunter versteht, tatsächlich nicht links-grün. In New York oder Berlin sieht das schon anders aus. Einerseits gibt es also jenen Teil der ökonomisch Marginalisierten, die mit postmoderner Identitätspolitik herzlich wenig anfangen können, weshalb die akademisch getunte Linke sie auch tatsächlich nicht mehr erreicht. Es gibt andererseits auch jene, nämlich den jüngeren, urbanen Teil der ökonomisch Marginalisierten, für die diese Identitätspolitik wichtig ist. Die Arbeiterklasse lässt sich also schon deshalb nicht jenem links-grünen Milieu gegenüberstellen, weil das, zumindest in ökonomischer Hinsicht, paradoxerweise bisweilen das gleiche ist. Oder anders gesagt: Spricht man heute von "Arbeiterklasse", müsste man schon dazu sagen, welchen Teil man genau meint.

Ebenso funktioniert auch die strikte Gegenüberstellung von vermeintlich postmaterieller Identitäts- und harter Wirtschaftspolitik nicht. Man kann kritisieren, dass letztere im linken Diskurs bisweilen unterrepräsentiert ist, aber am Ende hängen beide zusammen. Natürlich haben Antirassismus und Antisexismus auch etwas mit Ökonomie zu tun. Frauen werden auch und vor allem schlechter bezahlt, weil sie Frauen sind, Migranten bekommen im Zweifelsfall die Wohnung auch deshalb nicht, weil sie Migranten sind.

Aber interessiert sich das linksliberale juste milieu eben schlichtweg nicht für die Abgehängten, nicht zuletzt weil es sich auf Twitter und Facebook in seiner algorithmisch gestützten Wohlfühlblase bewegt? Diese Frage lässt sich zumindest nicht so pauschal beantworten, wie es momentan gern getan wird.  

... Wenn es heißt, dass Trump zwar ein rassistischer Grobian sei, doch immerhin die Interessen der Arbeiterklasse artikuliere, dann ist das einfach falsch. Das Gegenteil ist der Fall: Trump steht für einen Klassenkampf von oben. Nur verhält es sich damit offensichtlich so wie mit dem entwendeten Brief in Edgar Allan Poes gleichnamiger Erzählung: Gerade weil er so offen daliegt, erkennt ihn keiner mehr.

Es ist ja nicht nur so, dass Trump seinen Reichtum zeitlebens so vulgär ausgestellt hat wie kaum ein zweiter, dass er jahrelang keine Steuern zahlte und vielfach bewiesen hat, wie er mit Untergebenen umgeht; sondern auch sein politisches Programm besteht etwa darin, dass er beabsichtigt, den Spitzensteuersatz von 40 auf 25 Prozent zu senken und das Gesundheitswesen wieder vollständig zu privatisieren. Trumps finanzpolitischer Berater ist Steven Mnuchin, der 17 Jahre bei Goldman Sachs arbeitete.

... Man kann das linksliberale juste milieu [(franz. „richtige Mitte“, „Beibehalten des Mittelmaßes“)] also dafür kritisieren, dass es Teile der Arbeiterklasse zunehmend vergessen hat. Wirklich verachtet wird diese aber rechtsaußen.

Quote
Chetemti-biti #5

Endlich sagt's mal einer:
Wir, das linksliberale Juste-Milieu hat doch alles richtig gemacht. Die Partei, die Partei hat im-m-mer recht.
Wir müssen uns nicht "selbst geißeln", sondern jetzt erst recht und noch verstärkt weitermachen wie bisher.
Wir wissen es eben doch besser als die anderen. Wir die Klugen, wir sind die Durchblicker, wir verstehen die Welt.
Es ist richtig, die anderen als ungebildete alte weiße Männer mit Abstiegsängsten, abgehängt von Globalisierung und Digitalisierung zu klassifizieren.
Unser Weltbild stimmt. Es ist das richtige, das einzig richtige. Da wird man sich doch durch Wahlergebnisse nicht verunsichern lassen.


Quote
James Chance #1

Glenn Greenwald sagt wie es ist:

People often talk about “racism/sexism/xenophobia” vs. “economic suffering” as if they are totally distinct dichotomies. Of course there are substantial elements of both in Trump’s voting base, but the two categories are inextricably linked: The more economic suffering people endure, the angrier and more bitter they get, the easier it is to direct their anger to scapegoats. Economic suffering often fuels ugly bigotry. It is true that many Trump voters are relatively well-off and many of the nation’s poorest voted for Clinton, but, as Michael Moore quite presciently warned, those portions of the country that have been most ravaged by free trade orgies and globalism — Pennsylvania, Ohio, Michigan, Iowa — were filled with rage and “see [Trump] as a chance to be the human Molotov cocktail that they’d like to throw into the system to blow it up.”

https://theintercept.com/2016/11/09/democrats-trump-and-the-ongoing-dangerous-refusal-to-learn-the-lesson-of-brexit/

Quote
FrauHuber #1.20

Uebersetzung fuer alle, die keine Lust haben, es auf Englisch zu lesen (wenn ich Fehler gemacht habe, bitte korrigieren).

"Die Menschen reden oft ueber 'Rassismus/Sexismus/Fremdnefeindlichkeit' als Gegensatz zu 'Einkommensschwaeche' als seien das zwei voellig getrennte Gegensaetze. Selbstverstaendlich gibt es in Trumps Waehlerbasis grundlegende Elemente aus beiden Gruppen, aber sie sind untrennbar miteinander verbunden. Je mehr Menschen unter Armut leiden, desto wuetender und verbitterter werden sie und desto leichter ist es, ihre Wut auf Suendenboecke zu lenken. Armut fuettert haeufig haessliche Doppelmoral. Es ist richtig, dass viele Trumpwaehler relativ gut situiert sind und dass viele der Aermsten des Landes fuer Clinton gestimmt haben, aber wie Michael Moore sehr genau gewarnt hat, die Landesteile, die von der Globalisierung und Freihandelsorgien am haertesten getroffen wurden - Pennsylvania, Ohio, Michigan, Iowa - waren wutentbrannt und sehen in Trump den potentiellen menschlichen Molotw Coktail, den sie gerne ins System schmeissen wuerden, um es in die Luft zu jagen."


Naomi Klein:

They will blame James Comey and the FBI. They will blame voter suppression and racism. They will blame Bernie or bust and misogyny. They will blame third parties and independent candidates. They will blame the corporate media for giving him the platform, social media for being a bullhorn, and WikiLeaks for airing the laundry.
But this leaves out the force most responsible for creating the nightmare in which we now find ourselves wide awake: neoliberalism. That worldview – fully embodied by Hillary Clinton and her machine – is no match for Trump-style extremism. The decision to run one against the other is what sealed our fate. If we learn nothing else, can we please learn from that mistake?


https://www.theguardian.com/commentisfree/2016/nov/09/rise-of-the-davos-class-sealed-americas-fate

Quote
FrauHuber #1.27

Und weiter geht es mit der Uebersetzung:

"Sie werden James Comey und das FBI beschuldigen. Sie werden Unterdrueckung von Waehlern und Rassismus beschuldigen. Sie werden weitere Parteien und unabhaengige Kandidaten beschuldigen. Sie werden die etablierten Medien beschuldigen, ihm eine Plattform geboten zu haben, die sozialen Medien, sein Lautsprecher gewesen zu sein und WikiLeaks, weil sie die dreckige Waesche rausgezerrt haben.
Aber das laesst die Kraft aussen vor, die die groesste Verantwortung fuer die Entstehung des Albtraumes hat, in dem wir nun erwacht sind: Neoliberalismus. Diese Weltsicht - komplett von Hillary Clinton und ihrer Maschinerie verkoerpert - passt nicht zum Trumpschen Extremismus. Die Entscheidung, gegeneinander anzutreten, hat unser Schicksal besiegelt. Wenn wir sonst nichts lernen, koennen wir wenigstens aus diesem Fehler lernen?"



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no_more_BlackSites #1.19

"Die größten sozialen Einschnitte lässt man Linken der Bevölkerung nahebringen."
Jep, allerdings gehts auch umgekehrt mit anderen Themen.

Nur die SPD und die Grünen konnten die Agenda 2010 sowie die Beteiligung am ersten Krieg seit 1945 von deutschem Boden aus gegen Jugoslawien 1999 vollziehen. Nur die CDU konnte die Einreise von ca. 1 Million Flüchtlingen und Einwanderen 2015 ermöglichen.

Gibt dazu zwei Erklärungsvarianten:
https://de.wikipedia.org/wiki/Only_Nixon_could_go_to_China
https://de.wikipedia.org/wiki/Medianw%C3%A4hlermodell#Idee


Quote
Wiesflecker #1.37

Wo war die Schröder-SPD denn bittesehr links?! Die Seeheimer waren damals doch sonnenblumengelb und sind es eigentlich immer noch.
Generell sollte man sich verabschieden, mit Parteien immer gleich politische Ausrichtungen zu verbinden. Nach dem Wahltag wenden sich fast überall die Hälse nach dem Wind. Von daher sollte man sich eher mit den Menschen befassen, die wahrscheinlich in die Ämter gewählt werden- ihrer Vita, ihren Ansichten, die sie in kleinen Kreisen (Kreistagen, Parteitreffen) äussern.

Dann wäre klar gewesen, dass der alte Gerd eben kein Kanzler der Malocher war.  ...


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r.schewietzek #1.48

Trump als Milliardär ist ein TEIL des neoliberalen Systems - der wird das ganz bestimmt nicht reformieren, ja nicht einmal reformieren wollen.


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soletan #1.51

Doch, doch! Ein Milliardär, der nicht zum Establishment gehört, obwohl er mit allen vom Establishment auf Du und Du ist ... das ist der Wortführer der zurückgelassenen Arbeiter und Trailerparkbewohner. ...


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HansGruber #3

Es ist gut das Trump gewonnen hat, schon allein weil die Aufregung der Medien das ganze wert war. Nirgendwo in unseren ach so tollen diversen Medien hat man auch nur einmal eine Unterstützung für Trump vernommen, überall wurde und wird nur für Clinton getrommelt. Die "Schuld" am Sieg Trumps hat das links-liberale Establishment, dem triggerwarnings und anderer Schwachsinn wichtiger ist als die Position der Arbeiter im Rustbelt. Dieses Votum ist eine krasse Ablehnung der immer linksliberaler werdenden Kultur der letzten 20 Jahre gewesen und man sieht das gleiche in Deutschland auch geschehen, wo heute die AfD steht stand vor 20 Jahren Franz Josef Strauss und mit ihm locker 25% der Wählerschaft, seither ist man in grossen Schritten nach links gegangen im gesamten gesellschaftlichen Diskurs (ausser in der Wirtschaftspolitik vielleicht) jetzt schlägt das Pendel zurück, die Konterrevolution kommt und das ist grossartig.


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Hopkobina #5.10

Eher links einzuordnende Gruppen wie Attac weisen schon seit den 90ern auf die Probleme einer neoliberalen Globalisierung hin. Und dass ganz ohne es dabei nötig zu haben, auf Minderheiten einzudreschen

Ferner ist, und darauf macht der Artikel ja sehr schön aufmerksam, die simple Einteilung der Welt in ein linksliberales "oben" und ein rechtes "unten" gar nicht so einfach. Ich persönlich wüsste nicht, ob ich nach oben oder unten gehöre. Ebensowenig kann ich dies für meine Familie beantworten, die überwiegend einer gewerkschaftlich geprägten, sozialdemokratischen Arbeiter- und Angestelltenschicht
angehört (ja, auch das gibt es! Auch bei alten weißen Männern.). Viele von ihnen haben eine unglaubliche Wut auf die Entwicklung der SPD, ohne freilich so tief zu sinken, die Schuld bei Schwächeren zu suchen.
Ich bin freilich Akademikerin. Elitäres Gehabe mit linksliberalen Anstrich ist in diesen Kreisen in der Tat verbreitet und geht mir ebenso auf den Keks wie vielen anderen. Kritik in diese Richtung tut sicher Not. Aber es diese Kreisen zu zeigen, indem man
gegen Flüchtlinge oder Homosexuelle hetzt, ist weder hilfreich noch besonders mutig. Gegen Überheblichkeit kommt man doch nicht an, indem man Minderheiten gegenüber überheblich auftritt.
Das ist zumindest meine Meinung.


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DerSammler1960 #7.7

Mir graut mehr davon, in einer Welt zu leben die von Arroganten -selbstgefälligen Besserwissern Beherrscht wird!


Quote
FrauHuber #7.12

Ich bin selbst linksliberal mit oekologischem Gewissen.

Und ich glaube, das Problem ist nicht, dass man in linken Kreisen auf "die da unten" veraechtlich herabschaut, sondern,

1. dass man sie "unten" verordnet und nicht "nebenan"

2. dass man ihre Probleme gerne ueber ihren Kopf hinweg loesen will. Man redet ueber sie, aber nicht mit ihnen.

Beides degradiert sie vom Subket zum Objekt.

In Italien ist es fast schon eine beschimpfung, wenn man jemanden bemitleidet. Die Leute wollen kein Mitleid, sie wollen Respekt und eine Perspektive, mitzugestalten.


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Stunde der Patrioten #9

Aus dem Artikel "Man kann sich ja schon fragen, ob ein, sagen wir, weißer Fabrikarbeiter aus Kansas tatsächlich so lange von Yale-Studenten mit Judith-Butler-Texten traktiert wurde, dass ihm aus Notwehr praktisch nichts anderes übrig blieb, als einen rassistischen Milliardär zu wählen."

Der weiße Fabrikarbeiter hat aber schon mitbekommen, dass man ihm "white privilege" vorwirft. Und damit auch noch mehr: nämlich, dass er obwohl privilegiert es nicht gepackt hat.

Er wird auch mitgekriegt haben, dass ein Medizinnobelpreisträger, Tim Hunt, für einen chauvinistischen Witz vernichtet wurde. ...


Quote
Omar der Zeltmacher #12

Der letzte Satz des Artikels gefällt mir sehr gut:

"Man kann das linksliberale juste milieu also dafür kritisieren, dass es Teile der Arbeiterklasse zunehmend vergessen hat. Wirklich verachtet wird diese aber rechtsaußen."

Der einfache Mensch in den USA und auch in Teilen Europas sieht sich nicht verstanden. Er erlebt die Politik als arrogant und volksfern. Oft höre ich hier in einer ländlichen Region Aussagen wie: "Den Asylanten schiebt man alles in den Hintern und um uns kümmert sich keiner". Dabei kann das Wort "Asylanten" wahlfrei mit anderen Minderheiten ersetzt werden. Die Kernaussage ist die, dass viele Menschen sich im eigenen Land ausgegrenzt fühlen. Und das macht sie zur willigen Beute rechter Populisten.

Natürlich kann die Politik auch dagegen steuern. Sie sollte sich um Minderheiten kümmern. Also nicht nur Homosexuelle, Farbige, Asylanten und Transsexuelle, sondern auch um Rentner, Langzeitarbeitslose und Geringverdiener.

Unschwer ist zu erkennen, dass es nicht die rechts-konservativen Parteien sind, die sich für die Genannten einsetzen. ...

Quote
Gucky der Ilt #12.1

"Unschwer ist zu erkennen, dass es nicht die rechts-konservativen Parteien sind, die sich für die Genannten einsetzen. Sie sprechen zwar die Sprache des Volkes, haben aber nicht dessen Wohl im Sinne."

Genau so wenig wie die Regressionslinken, die in diesem Artikel schönfärberisch "juste milieu" genannt werden. Diese wollen gelenkte Demokratie, und sehen sich als Lenker. Und wo gelenkt wird, da gibt es die Masse , die gelenkt wird.



Quote
AntonPree #20

"Man kann das linksliberale juste milieu also dafür kritisieren, dass es Teile der Arbeiterklasse zunehmend vergessen hat."

Hierzu hat sich Michael Streitberg in jungewelt.de treffend geäußert:

(Links)liberale Arroganz - Wahlausgang in den USA Von Michael Streitberg (10.11.2016)
"Große Teile des linksliberalen und linken Spektrums beschränken ihre politische Arbeit seit Jahrzehnten auf allerlei Kulturkämpfe und eine immer irrealer anmutende Identitätspolitik. Akademiker, die sich selbst für unglaublich tolerant und weltoffen halten, tragen ihre moralische Überlegenheit wie eine Monstranz vor sich her. Allzu viele Progressive verbringen ihre Tage in einer Filterblase aus Facebook, New York Times und »irgendwas mit Medien«. Sie kämpfen für »Triggerwarnungen« und Unisextoiletten und debattieren in Universitätsseminaren darüber, ob weiße Menschen Dreadlocks tragen dürfen. Für jene vielen Millionen Menschen, die sich derweil von einem prekären Arbeitsverhältnis zum nächsten hangeln und sich – trotz »Obamacare« und alledem – keine adäquate Gesundheitsversorgung für sich und ihre Kinder leisten können, wollen sie derweil kaum etwas wissen. "
https://www.jungewelt.de/m/artikel/297286.links-liberale-arroganz.html


Quote
M.Kalt #31

Interessant zu beobachten, wie die "Mustererklärungen" für den Rechtspopulismus den Absendern nun um die eigenen Ohren fliegt, bsp. "Filterblase", "gering gebildete Arbeiterklasse" u.s.w.
Dabei liegt die Ursache schlicht und einfach im Betrachtungswinkel. Die sind unterschiedlich, aber statt das diese Unterschiede die Neugier/das Interesse wecken würde sich damit auseinanderzusetzen, wird bekämpft was nicht der eigenen Sichtweise entspricht. In Kreisen die die Meinungsführerschaft für sich beanspruchen (Medien/Politik) noch stärker als in anderen. Interessanterweise getrieben von den Gesetzen der neoliberalen Marktwirtschaft, wo Aufmerksamkeit die härteste Währung ist.



...


Aus: "Donald Trump: Klassenkampf von ganz oben" Nils Markwardt (12. November 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/kultur/2016-11/donald-trump-usa-praesident-liberale-linke-kritik/komplettansicht

« Last Edit: November 17, 2016, 03:47:02 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #585 on: November 16, 2016, 03:13:47 nachm. »
Quote
[...] Wo ist eigentlich die Arbeiterklasse? Überall. Man muss sich nur zur richtigen Zeit umsehen. Der Begriff „Arbeiterklasse“ ist übrigens und bekanntlich in deutschen Medien tabu. Just saying. Sonst müsste man auch das gefährliche Unwort „Klassenkampf“ wieder benutzten (im Englischen class struggle), was den sozialen Frieden gefährdete, weil die Leute auf dumme Gedanken kämen.

Vielleicht sollte man unsere kleinbeourgeoisen Journalisten allesamt zum Beispiel morgens um 4.15 Uhr in die öffentlichen Verkehrsmittel stecken, ein halbes Jahr lang. Da sitzen die, die keine Zeit haben für Fratzenbuch, für Triggerwarnungen, Gendersprech und andere Lifestyle-Themen. Die sind schon um kurz nach drei aufgestanden und konnten beim Arte-Bildungsprogramm nicht einschlafen, weil sie da schon im Bett waren. In der Mehrzahl Frauen, viel mehr ältere farbige Frauen, mehr als die Hälfte „südländisch“ aussehend, auch viele Osteuropäer: Putzkolonnen, Mindestlohn – wenn sie Glück haben, oft mehrere Jobs gleichzeitig, Alltagsrassismus hautnah, keine finanziellen Reserven, Urlaub, wenn überhaupt, vom Munde abgespart. Müde, manchmal verbrauchte Gesichter, weit ab vom Schönheitsideal, das in der Boulevardpresse verbreitet wird. Trotzdem sind sie oft untereinander lustig. (Ja, ich bin heute auch um 3.30 Uhr aufgestanden – Urlaubs- und Krankheitsvertretung von Kollegen: Schwieriges Objekt, komplizierte Alarmanlage, Berlin-Mitte.)

Diese Leute gehören genau so zur Arbeiterklase wie ein Proletarier in einem hochtechnisierten Unternehmen, der einen Jahreswagen fährt und dessen Job bald von Robotern übernommen wird. Gefühlt und vom Lohn aus betrachtet, gehört der klassische deutsche Fabrikarbeiter – wenn man einen bürgerlichen Soziologen oder die FDP fragt – zur „Mittelschicht“. ökonomisch nicht. Wenn er das weiß, hat er Klassenbewusstsein. Wenn nicht, lässt er die Mainstream-Medien weltanschaulich vordenken. ...


Aus: "Class Matters" Burks' Blog (14.11.2016)
Quelle: https://www.burks.de/burksblog/2016/11/14/class-matters

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« Reply #586 on: November 17, 2016, 03:44:30 nachm. »
Quote
[...]  Die gute Konjunktur in Deutschland beflügelt den Arbeitsmarkt. Vor allem die Dienstleistungsbranche hat zugelegt, in der Produktion fielen Arbeitsplätze weg.

Der Boom am deutschen Arbeitsmarkt hält an. Auch im dritten Quartal stieg die Zahl der Erwerbstätigen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 0,9 Prozent auf rund 43,7 Millionen. Das ist der höchste Stand seit der Wiedervereinigung, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Allerdings verlangsamte sich das Tempo zuletzt ein wenig. Zum Jahresbeginn hatte der Zuwachs 1,3 Prozent betragen, im zweiten Quartal waren es noch 1,2 Prozent.

Vor allem im Dienstleistungsbereich waren mehr Menschen als im Vorjahr tätig. Die größten absoluten Beschäftigungsgewinne gab es im Bereich der öffentlichen Dienstleister, der Erziehung und Gesundheit mit einer Zunahme von 197.000 Personen (+ 1,9 Prozent), gefolgt von den Unternehmensdienstleistern mit einem Plus von 123.000 Personen (+ 2,1 Prozent). Im Bereich Handel, Verkehr und Gastgewerbe waren 94.000 Personen (+ 0,9 Prozent) mehr als im Vorjahr beschäftigt.

Auch im Baugewerbe stieg die Zahl der Erwerbstätigen um 14.000 Personen (+ 0,6 Prozent). Im produzierenden Gewerbe – ohne den Bau – sank die Zahl der Erwerbstätigen hingegen leicht um 5.000 Personen (- 0,1 Prozent). Auch in der Land- und Forstwirtschaft und der Fischerei sank die Zahl der Beschäftigten um 18.000 Personen (- 2,8 Prozent).

Zugleich ist auch die Zahl der Arbeitslosen im Oktober um 68.000 auf 2,54 Millionen gesunken. Das sind 109.000 Erwerbslose weniger als noch vor einem Jahr, wie die Bundesagentur für Arbeit mitteilte. Durch die gute Konjunktur ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland damit auf dem tiefsten Stand seit der Wiedervereinigung.

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koepi1971 #9

Gut bezahlte Arbeitsplätze in der Industrie fallen weg und schlecht bezahlte Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor werden geschaffen. Was für ein Gewinn.


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Dr. Elaine Marley #10

Wichtigere Frage: Wieviele dieser Erwerbstätigen können OHNE Aufzustocken, von ihrem Arbeitsplatz leben?


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HannibalLectoure #12

Die Mär von der Vollbeschäftigung. Weiß doch jeder, dass in der Statistik zahllose Weiterbildungsmaßamen, Zeitarbeit & Niedriglohnjobs wie Flaschensortieren, usw enthalten sind. Im Zeitalter der Automatisierung, Digitalisierung und Technisierung ist eine 40 h Woche nicht mehr zeitgemäß. Wir müssen die "Arbeitslast" gleichmäßig verteilen die Ökonomie vom BIP abkoppeln. Das käme auch der Umwelt zu Gute.

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Dr. Elaine Marley #12.1

Aber nicht den Aktionären...



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Zivilisationswächter #13

Dinestleistungsbranche ist gestiegen. Da bin ich echt so froh. Noch mehr Anrufe aus der Vorhölle des Kapitalismus. Call Center und Altenpflege für €9,20 die Stunde. Juchhu!


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Blofield 2 #14

Zum vollständigen Bild gehört aber, dass die Zahl der insgesamt geleisteten Arbeitsstunden nicht gestiegen ist:
http://de.statista.com/graphic/5/163577/geleistete-arbeitsstunden-der-erwerbstaetigen-in-deutschland.jpg

Man bejubelt immer mehr Arbeitsplätze. Doch die Wahrheit ist, dass immer mehr Vollzeitarbeitsplätze durch Teilzeitarbeitsplätze ersetzt werden. Das war auch schon im 2. Quartal so: die Anzahl der Arbeitslätze stieg, während die insgesamt geleisteten Arbeitsstunden rückläufig waren. Ein Grund zur Freude? Kaum. Aber hübsche Propaganda, wenn man nur die Arbeitsplätze zählt.


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Runkelstoss #16

Interessant waere gewesen, wieviele dieser Arbeitsplaetze prekaer sind, d.h. ob sie ein hinreichendes Einkommen erzeugen. Wieviele Arbeitsplaetze sind sozialversicherungspflichtig, wieviel Aufstocker, wieviel Leiharbeiter?

So sind die Zahlen nutzlos und werden zu Recht als Propaganda wahrgenommen?
Leser sind inzwischen sehr skeptisch. Journalisten sollten darauf eingehen, wenn sie ueberhaupt noch ernstgenommen werden wollen.


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Hassan Yildirim
#17  —  vor 3 Stunden 2

Was ist den das wieder für eine statistische Schönrechnerei?

2,5 Millionen Arbeitslose
3,5 Millionen Unterbeschäftigte
Sind rund 6 Millionen Menschen, die nicht von ihrer Arbeit leben können.
EU ist denn da ein Erfolg?
Die Zahl ist seit Jahren fast unverändert.
Frührentner, Menschen in Maßnahmen, Harz VIler, sind da garnicht drin.

https://statistik.arbeitsagentur.de/


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AufderSuchenachderWahrheit #18

Wenn es so toll läuft wäre es doch mal Zeit anständige Löhne im Niedriglohnsektor zu zahlen und auch mal ordentlich die staatlichen Aufstocker-, Ein Euro Jobber-, Sozialkassen zu entlasten.

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Zwischen-den-Zeilen-Leser #18.1

...zumal schon mehr als 22% aller Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor arbeiten:
Deutschland verfüge über den größten Niedriglohnsektor in Europa. "22 Prozent der Erwerbstätigen verdienen weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens." Hoffmann fordert "eine neue Ordnung des Arbeitsmarktes und eine Trockenlegung des Niedriglohnsektors". Dann würden auch höhere Beiträge fließen, was der Stabilisierung des Rentenniveaus zugutekäme. Der Bundesvorsitzende hat festgestellt, dass "die Parteien das Thema ernst nehmen". Er fordert rasches Handeln. "Das muss ganz nach oben auf die Tagesordnung." Die große Koalition schaffe das aber nicht mehr. "Das ist eine Aufgabe für die nächste Legislaturperiode." (30.09.2016)
http://www.donaukurier.de/nachrichten/wirtschaft/lokalewirtschaft/Ingolstadt-Wir-brauchen-einen-Kurswechsel;art1735,3273325

Zahl der Erwerbstätigen auf Rekordhoch
Davon sind über 7 Mio. nur noch Mini-Jobber...



...


Aus: "Zahl der Erwerbstätigen auf Rekordhoch" (17. November 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-11/statistisches-bundesamt-erwerbstaetige-rekord

---

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[...] Eine Runde durchs Viertel gedreht, schon haben mir auf Plakatwänden und Flyern vier Servicekräfte ihre Dienste angeboten: Sie wollen meine Einkäufe erledigen (Einfach mehr Zeit haben!). Sie wollen meine Kleidung abholen und reinigen (Deine schmutzige Wäsche wird uns lieben!), mir ein Menü bis an die Tür fahren (Wir liefern. Du genießt) oder putzen (Finde jetzt Deine persönliche Putzkraft).

Es ist unübersehbar. Die Dienstboten sind zurück. Nicht mehr in gestärkten Schürzen und mit Häubchen im Haar, sondern in frischen rosa- oder mintfarbenen Shirts. Sie suchen auch nicht nach einer wohlhabenden Herrschaft, bei der sie sich verdingen können. Nein, die neuen Dienstboten erleichtern uns, den Mittelverdienern der Mittelschicht, den Alltag. Sie bringen die saisonfrische Mode. Sie putzen die Fenster oder am Nachmittag den Kindern die Nase. Sie liefern – eines der größten Wachstumsfelder – Nahrung in allen Aggregatzuständen: sandig und roh in der Biokiste, abgewogen und kochbereit in der Box von HelloFresh, frisch zubereitet vom Restaurant des Vertrauens, verpackt in den farbigen Rückentragen der Boten von Deliveroo oder Foodora. All die "Besorgungen", die unsere Eltern früher machten, kann man online bestellen und von Männern, die es immer eilig haben, bequem nach Hause schleppen lassen.

... Ich bin ein Kind der 1980er Jahre. Es war die Zeit der alten Bundesrepublik, in der sich Linke der Illusion einer klassenlosen Gesellschaft am nächsten fühlten. Die Zeit, in der Deutschland am ehesten das viel beschworene nivellierte Mittelschichtsland war. Die Ungleichheit der Einkommen war geringer als heute. Und das, was es an Oben und Unten dennoch gab, versuchte man zu verbergen. Wenn meine Eltern damals jemanden zum Reinemachen anstellten, beruhigten sie ihr schlechtes Gewissen, indem sie die Putzfrau als Freundin der Familie ausgaben und mit ihr vor und nach jedem Putzgang lange Kaffee tranken.

...

Quote
DerFlauschigeMaxi #14

Dienerschaft mit Arbeitskraft verwechseln... ein oft zu findender Fehler. Dienen bedeutete in der Zeit der Dienerschaft vieles, was auch direkt mit dem Wohnen beim Herrn oder der Dame zu tun hatte, es hieß, loyal zu sein, verschwiegen, sich keine eigene Meinung zu leisten, es gab kaum eine Möglichkeit, bei schlechten Zeugnissen wieder eine Anstellung zu bekommen oder gegen falsche Aussagen anzugehen usw. Die heutigen "Diener", wie man die Arbeitskräfte mittlerweile polemisch nennt, haben all diese Möglichkeiten - sie können einen Auftrag ablehnen, sie können, wenn sie langfristig für x arbeiten, auch gegen Falschaussagen bei den Referenzen angehen, sie können z.B. bei Schikane klagen usw. usf. All dies war der Dienerschaft früher nicht gegeben, weshalb die Vergleiche mit den oft fast rechtlosen Dienern und den heutigen Arbeitskräften, auch wenn sie prekäre Arbeitsmöglichkeiten innehaben, schon von Anfang an falsch ist.


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Heike Westmann #19

Liebe Frau Friedrich, das ist wieder mal einer der vielen Verlogenheiten, welche wir uns ohne Bedenken leisten. Überall arbeiten VERSTECKT ,,Dienstboten", für wenig Geld. In jedem Hotelzimmer, jeder Klinik, jedem Restaurant, jedem Supermarkt, in den Produktionshallen der dritten Welt und auf deren Plantagen.Und und und und. Doch nur was wir sehen und was einen Namen trägt, macht uns ein schlechtes Gewissen.


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DasImperiumSchlägtZurück #19.2

Das Problem am "Dienstbotentum" ist die persönliche Einstellung, die man dazu hat.
Es sind nämlich keine "Diener", die, wie in feudalen Zeiten, ihrem Herrn jederzeit zur Verfügung stehen mußten und aus der sich die Rollen "Herr und Diener" ergaben. Wer sich heute schlecht fühlt einen Dienstleister privat für sich zu beanspruchen, begibt sich in die "Rolle Herr" und steckt damit den anderen in die "Rolle Diener". Das ist mindestens absurd oder, falls man es reflektieren kann, arrogant.
Ein Mitarbeiter eines Lieferservices ist genauso Dienstleister wie ein Verkäufer, Friseur, Taxifahrer, Kellner und und und...
Die Menschen mit Bedenken müßten die Lieferkräfte einfach mal auf Augenhöhe anheben (bildlich).


Quote
Kulturpessimistin #19.3

Mit einem ersten nicht unwesentlichen Unterschied: "Meine" Friseurin, zu der ich gehe, verdient in 20 Minuten 40 Euro. Davon muss man noch Wasser und Shampoo abziehen, sicher, und insgesamt kommen die Mietkosten noch hinzu.
Mit dem zweiten nicht unwesentlichen Unterschied: Für einen Diener im Wortsinn war man verantwortlich, Man musste die Lebenshaltungskosten tragen, Zimmer u.s.w. Deshalb sind Zeitarbeiter so beliebt, deshalb waren die freien Arbeitskräfte dem Sklavenhaltertum wirtschaftlich überlegen. Sie sind einfach billiger.
7 Euro dafür, dass jemand sofort bereit steht, ist einfach keine Summe. Das ist lächerlich. Ich habe nichts dagegen, wenn Menschen helfen und dafür adäquat bezahlt werden. Adäquat.


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Valmel #20

Das die Mittelschicht sich immer mehr Service leisten kann bedeutet nur, dass die Unterschicht wächst.


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gruebler1836 #21

Verständlich, dass sich die Autorin unwohl fühlt - sie ist halt ein Kind ihrer Zeit und ihrer Kultur, wie wir es ja alle sind.
Was die Zeit angeht: bis in die 60er war es in vielen (Mittelschicht-) Haushalten in Deutschland noch völlig normal, Kindermädchen oder Hausmädchen zu haben. Dann kamen die ganzen tollen Haushalts- und Küchengeräte - Vorwerk-Staubsauger, Dampfkochtopf, Spülmaschine und so weiter, und es wurden Kindergärten eröffnet, und prompt war Ende mit Herta und Erna. Die durfte sich dann als Hilfsabeiterin in irgendeiner Fabrik verdingen. Danach gab es dann meist höchstens noch "Putzhilfen".
Was die Kultur angeht: andere Länder, andere Sitten. Wer in Indien keine Zugehfrau hat, die morgens das Geschirr spült, oder keinen Driver, obwohl ein Auto vor dem Haus steht, wird scheel angesehen. Als zu geizig um sein Geld mit Leuten zu teilen, die es dringend brauchen. Und wenn bei ihm eingebrochen wird, fragt ihn die Polizei, wieso er denn keinen Wachmann hat - man würde doch wohl über ausreichend Einkommen verfügen, um einen solchen zu bezahlen.
Klar, ich hätte auch Bedenken, meine Putzhilfe Helpling zu nennen, das würde ich als Verbrechen an Deutsch wie Englisch ansehen, aber sonst - wieso sollte man moralisch ins Schleudern kommen, wenn man Dienstleistungen bestellt und bezahlt, und es Leute gibt, die Dienstleistungen von sich aus anbieten? Und wo der Unterschied zwischen einer Pizza-Bestellung und einer Online-Omelette-Order liegt, versteh ich gar nicht ...


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Kabeljau #22

Nun, es sind Dienstleister und keine Diener. Wie der Mann der den Kabelanschluss einrichtet oder die Pizza bringt. Das ist nicht mit früher zu vergleichen, bei denen eine persönliche Abhängigkeit von der "Herrschaft" bestand.

Wenn alles legal ist, hilft man auch Arbeitsplätze zu schaffen oder zu erhalten. Diesen Punkt sollte man auch nicht vergessen.


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Reini52 #24

"Das kann man so lesen: Nutze nur die Dienstboten, die du gut behandeln und bezahlen kannst"
Damit hat die Autorin doch alles gesagt. Kant hätte es ähnlich formuliert. Viele Beiträge im Forum zeigen, dass sie es mit Kant nicht so haben.


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TomBuilder #28

Ein paar mal ist mir in einer Autobahnraststätte folgendes passiert: Als ordentlicher Gast wollte ich mein Tablett brav selbst zurück zur Geschirrsammelstelle bringen. Eine der "Servicekräfte" nahmen es mir dann ab, was mir erst mal peinlich war.
Aber der Satz "gönnen Sie mir doch meinen Job" hat mich zum nachdenken gebracht.
Ja, ich kann es mir durch meinen Job leisten, so manchen Handgriffe von jemand anderem erledigen zu lassen. Und ich zahle (direkt oder indirekt) auch dafür.
Nicht, weil ich mir für diese Tätigkeiten zu fein wäre, sondern, weil ich dem Gegenüber eben auch seinen Job gönne.


Quote
lbrlprgrssv #29

Äh ja. Sorry, aber diese Mitarbeiter putzen und bringen und holen Sachen. Das sind beides wirklich keine Knochenjobs. Und sie tragen null Verantwortung für irgendwas, müssen keine weitreichenden Entscheidungen treffen etc. pp. Wieviel soll man denn bitte für solche Arbeiten bezahlen? Ehrlich gesagt finde ich es sogar sehr gut, dass es sich hierzulande zu einer Dienstleistungsgesellschaft entwickelt: Immerhin ist es doch besser, wenn die Mittel-/Oberschicht wieder etwas von ihrem Geld abgibt, statt es ausschließlich für Konsumgüter rauszuschleudern oder zu horten. Und wer schon mal an einem Fließband in der Fabrikhalle gestanden hat, der weiß, was ein wirklich anstrengender, ekelhafter Job ist.
Gewissermaßen schade für das linke Weltbild ist natürlich, dass ein Großteil an die Unternehmen geht und sicher wäre eine etwas bessere Bezahlung wünschenswert, aber hey: auch als mittelständischer Verdiener muss ich bei meinem Arbeitgeber um mein Gehalt verhandeln und mich ggf. politisch engagieren, Gewerkschaften beitreten etc. pp. Bloß weil man mehr verdient, wird einem doch nicht automatisch unverdient und freiwillig was geschenkt. Warum ist es meine Aufgabe für das Gehalt anderer Leute zu kämpfen? Es reicht, einen Haufen Steuern zu zahlen, sich nicht aktiv dafür einzusetzen, dass es noch niedriger wird und die richtigen Parteien zu wählen.
Das schlechte Gewissen der Autorin erscheint mir schrecklich pseudo.


Quote
J.P._Merz #30.1

Ich denke das Problem liegt nicht darin bedient zu werden, sondern eher darin, dass immer mehr Dienstleistungen so billig sind, dass man sich fragt wie das wirtschaftlich überhaupt funktionieren kann. Früher hat man vieles selbst gemacht, weil man es sich schlicht nicht leisten konnte jemanden dafür zu engagieren. Heute kann man alles »outsourcen«. Das ist ja ähnlich mit der Kleidung. Frühes hat man weniger gekauft, weil die Sachen (im Verhältnis zum Einkommen) teuer waren. Heute ist Kleidung so unglaublich billig (dank Sklavenarbeit), dass man täglich etwas kaufen könnte. Meine Eltern sind früher höchsten 1-2 Mal im Jahr ins Restaurant gegangen – zu speziellen Anlässen. Heute gehen viele mehrmals wöchentlich auswärts essen. Für den Nomal- bis Gutverdiener ist Deutschland das Paradies des günstigen Konsums. Wenn es allen Beteiligten gut dabei ginge wäre das ok. Das bezweifle ich aber.


Quote
Monacco #32

Was hier passiert ist die radikale Beschleunigung der Gesellschaftsteilung in Arm und Reich. Zur Bourgeoisie der Zukunft gehört nicht der Fabrikbesitzer, sondern der Service-Nutzer.

Es gibt eine Teilung in die, die die Services nutzen und die, die sie ausführen. Diese Jobs sind super für Studenten und Teilzeitkräfte, durch die geschickte Arbeitsverteilung kann man sich aussuchen wann man arbeiten kann/will und die Bezahlung ist durchschnittlich. Schlimm wird es aber dann, wenn Menschen solche Jobs in Vollzeit machen (müssen). DHL-Subunternehmer die in ihren Transportern schlafen sind nur eine Ausprägung davon. ...


...


Aus: "Dienstboten: Danke, ich bin bedient"  Julia Friedrichs (17. November 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/2016/46/dienstboten-internet-putzkraft-dhl-service/komplettansicht

Julia Friedrichs (* 15. Dezember 1979 in Gronau/Westfalen)
https://de.wikipedia.org/wiki/Julia_Friedrichs

« Last Edit: November 17, 2016, 03:46:01 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #587 on: November 21, 2016, 11:36:45 vorm. »
Quote
[...] Das Kapital ist ein scheues Reh, heißt es, und am meisten scheut es hohe Kosten. Daher wird jede Forderung nach Steuererhöhungen für Reiche gekontert mit dem Hinweis, dies würde die Wohlhabenden in die Flucht schlagen. Eine Studie hat nun das Wanderverhalten amerikanischer Einkommensmillionäre untersucht. Mit dem Ergebnis: Reiche Amerikaner wechseln erstens selten den Wohnsitz, und wenn sie ihn wechseln, spielt die Steuerbelastung keine Rolle. Eher das Wetter.

Eine Gruppe US-Wissenschaftler von Universitäten und Finanzministerium hat einen tiefen Blick in die Mobilität reicher Mitbürger geworfen. Für den Zeitraum 1999 bis 2011 untersuchten sie die Steuerunterlagen sämtlicher Staatsbürger mit einem Jahreseinkommen von mehr als einer Million Dollar. Dabei handelte es sich um 500 000 Personen, die die wohlhabendsten 0,3 Prozent aller US-Haushalte ausmachten.

Was die Forscher besonders interessierte: In welchen US-Bundesstaaten leben die Reichen und wohin ziehen sie? Ganz offensichtlich spielt die Steuerlast bei der Wahl des Wohnortes für Millionäre keine Rolle. Es gibt sie in Hochsteuer-Staaten wie New Jersey oder Kalifornien ebenso wie an Orten mit geringen oder gar keinen Steuern wie Texas oder Florida. Auch wenn wie im Falle Oregon und Washington ein Hochsteuer-Bundesstaat direkt an einen Niedrigsteuer-Bundesstaat grenzt, bewegt dies Millionäre nicht zum Umzug. Und wenn ein Bundesstaat die Steuern erhöht, mindestens um einen Prozentpunkt? Abermals keine Abwanderung.

US-Millionäre sind überhaupt außerordentlich standorttreu. Sie ziehen laut Studie seltener um als der Durchschnittsamerikaner – und viel seltener als die Armen, die den Jobs hinterherreisen müssen. In einem normalen Jahr wechselten nur 2,4 Prozent der US-Millionäre in einen anderen Bundesstaat, bei den Armen waren es 4,9 Prozent.

Warum bleiben die Großverdiener eher am selben Ort? Verschiedene Gründe können hier eine Rolle spielen: Verheiratete Paare mit Kindern ziehen stets seltener um als Singles – und die Millionäre haben meist Familie. Zudem wechseln Unternehmer mit Betrieb seltener den Wohnsitz als Arbeitnehmer ohne Kapital – und Firmeninhaber sind unter Millionären häufig anzutreffen.

Einen kleinen Einfluss hat die Steuerlast allerdings doch: Wenn Reiche umziehen, dann eher in einen Staat mit geringen Steuern. Für die lokalen Regierungen sei dies allerdings kein Problem, denn der Abwanderungseffekt auf ihre Finanzen sei gering und habe keinen Einfluss auf die gesamte Millionärs-Population des Staates. Folge: Zwischen 1999 und 2011 hat sich die Millionärs-Geografie der USA kaum verändert.

Fast alle Reichen, die ihren steuerlichen Wohnsitz wechseln, zieht es in einen einzigen Bundesstaat: Florida. Liegt dies an den niedrigen Steuern dort? Nein. Denn bescheiden ist der Fiskus auch in Texas, Tennessee oder New Hampshire – und dort zieht es keinen Millionär hin. Zudem wandern Reiche auch von dort gen Florida, was die Steuerlast als Umzugsgrund ausfallen lässt.

Wahrscheinlicher ist, dass die Elite wegen des Wetters und der Karibik-Strände in den Sunshine State zieht. Das tun jedoch nicht nur Wohlhabende, sondern viele US-Bürger, vor allem die Älteren: Mit knapp 20 Prozent hat Florida den höchsten Anteil an Über-65-Jährigen.


Aus: "Sesshafte Reiche"  Stephan Kaufmann (18. November 2016)
Quelle: http://www.fr-online.de/wirtschaft/millionaere-sesshafte-reiche,1472780,34948930.html


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« Reply #588 on: November 22, 2016, 12:35:56 nachm. »
Quote
[...] Privatschulen in Deutschland schotten sich sozial ab – weil die Bundesländer das Grundgesetz nicht durchsetzen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. So würden die meisten Länder keine Höchstgrenze für das Schulgeld nennen. In Berlin, dessen Verwaltungspraxis die Wissenschaftler als „besonders mangelhaft“ beschreiben, werde den Privatschulen sogar erlaubt, 100 Euro oder mehr monatliches Schulgeld von Beziehern von Sozialleistungen zu erheben. Und kein einziges Bundesland überprüfe die tatsächliche Aufnahmepraxis der Privatschulen, schreiben Michael Wrase, Professor für Öffentliches Recht, und Marcel Helbig, Professor für Bildung und soziale Ungleichheit, in ihrem Aufsatz, der jetzt in der „Neuen Zeitschrift für Verwaltungsrecht“ erschienen ist.

In Deutschland gibt es für die Errichtung von Privatschulen Einschränkungen. Dazu gehört, dass die Schulen „eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern“ nicht fördern dürfen, wie es in Artikel 7 des Grundgesetzes heißt. Mit dieser „hohen Anforderung“ wollten die Väter und Mütter des Grundgesetzes „Private Ersatzschulen von Besserverdienenden wie Standes- oder Eliteschulen strikt unterbinden“, schreiben Wrase und Helbig. Ein deutsches Eton sollte es nicht geben.

Doch die Gesetze der meisten Länder erlaubten eine verfassungswidrige Praxis, die „die ohnehin problematische soziale Segregation in den Schulen“ weiter forciere. Schon längst gelte das nicht mehr nur für Internatsschulen, deren Schulgelder für Durchschnittsverdiener meist nicht mehr zu finanzieren sind.

 Von neun möglichen Grundsätzen, die der Rechtsprechung nach eine effektive Kontrolle des „Sonderungsverbots“ im Grundgesetz erlauben würden, erfüllen der Studie nach nur Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen fünf. In Thüringen und Bremen gibt es hingegen keine einzige Regelung: Weder ist eine Höchstgrenze des durchschnittlichen Schulgeldes festgelegt, noch eine Einkommensstaffelung der Beiträge vorgeschrieben, noch wird die Aufnahmepraxis kontrolliert. In den meisten Ländern ist es kaum besser.

Berlin hat im Schulgesetz zwar eine Verordnungsermächtigung, die es der Senatsverwaltung erlauben würde, Regeln festzulegen, stellen die Forscher fest. Doch bislang hat es davon keinen Gebrauch gemacht. So gilt eine Durchführungsverordnung von 1959 fort, wonach das „Sonderungsverbot“ dann als erfüllt gilt, wenn „ein Zehntel des Schulgeldsolls zum vollen oder teilweisen Schulgelderlass für Minderbemittelte zur Verfügung gestellt wird“.

In der Praxis lassen die Länder den Privatschulen offenbar „nahezu unbegrenzten Spielraum“, stellen die Forscher fest.

 Wie viel Schulgeld ist erlaubt? Das Verwaltungsgericht Stuttgart hat im Jahr 2010 als oberste Grenze 150 Euro monatlich ermittelt. Berücksichtigt man die Preissteigerung, wären heute etwa 160 Euro die Grenze, schreiben Wrase und Helbig. Auch frühere Urteile orientierten sich demnach an zehn Prozent des durchschnittlich verfügbaren Haushaltsnettoeinkommens, das in Deutschland bei etwa 1600 Euro liegt. Eine entsprechende Einkommensstaffelung nach unten, Ermäßigung und Befreiung für Kinder von Eltern, die weniger verdienen oder mehrere Kinder haben, werden zwingend vorausgesetzt. Aber nicht nur das Schulgeld, auch andere von den Eltern zu leistende Beiträge müssen berücksichtigt werden: etwa Vereins- und Förderbeiträge, Sonderkosten für die obligatorische Nachmittagsbetreuung und besondere schulische Angebote. Eine absolute Obergrenze ist nicht erforderlich.

Die Aufnahmepraxis an den Privaten wird der Studie zufolge offenbar nirgends überprüft. Dabei sei Selektion bei der Zulassung nicht nur wegen des Schulgeldes zu befürchten, sondern weil Privatschulen lieber Schüler mit einkommensstarken Eltern aufnehmen würden, da diese die Schule mit Spenden und sonstigem materiellen Engagement unterstützen.

Die „Frage des erleichterten Zugangs“ für nicht so finanzstarke Kreise werde im Verband Deutscher Privatschulen durchaus diskutiert, sagt Andreas Wegener, Vorsitzender des Berlin-Brandenburgischen Landesverbandes. Die Schulen würden aber nicht aktiv auf Eltern zugehen: „Wir suchen uns nicht die Kinder aus, sondern die Eltern, die sich für unsere Konzepte interessieren, kommen zu uns“, sagt Wegener, der auch Geschäftsführer des Schulträgers Stiftung Private Kant-Schulen gGmbH ist. „Diese Wahlfreiheit wird aber nicht von der gesamten Bevölkerung wahrgenommen.“

 Die Gebühren an den Kant-Schulen – regulär zwischen 420 und 460 Euro im Monat – setzen sich zusammen aus dem Schulgeld, einer Essenspauschale und Beiträgen zur Ganztagsbetreuung. An der auch zum Schulträger gehörenden Berlin International School in Dahlem kann die Gebühr bis zu 940 Euro betragen.

Wrase und Helbig verweisen darauf, dass der Anteil des Privatschulbesuchs bei Kindern, von denen mindestens ein Elternteil Abitur hat, zwischen 1997 und 2007 um 77 Prozent angestiegen ist, bei Kindern mit Eltern, die die mittlere Reife besitzen, hingegen nur um 1,9 Prozent. Kinder von Eltern in den sozial höchsten Berufsgruppen (etwa Ärzte, Ingenieure, Lehrer, Professoren) seien zu 14,3 Prozent auf Privatschulen. Kinder von Industriearbeitern, Taxifahrern oder Reinigungskräften nur zu 3,5 Prozent. In Berlin haben Schüler, die Lernmittelbeihilfe erhalten, einen Anteil von über 28 Prozent an staatlichen Schulen, aber nur einen Anteil von gut acht Prozent an Privatschulen.

Allerdings kann das im Einzelnen auch anders aussehen: So ist die soziale Zusammensetzung an den katholischen Schulen in Berlin verschieden, heißt es aus dem Erzbischöflichen Ordinariat. In Neukölln seien bis zu 50 Prozent komplett vom Schulgeld – 55 bis 80 Euro im Monat – befreit, im Westend kaum einer.

 Die Autoren der Studie kritisieren, inzwischen habe sich eine Reihe von Privatschulen etabliert, die eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen ihrer Eltern „geradezu zum Programm gemacht haben“. In Berlin seien die „Berlin Cosmopolitan School“ und die „Berlin Metropolitan School“ solche Fälle, internationale Schulen mit Standorten in Mitte und Prenzlauer Berg. Erstere erhebe zwar gestaffelte Beiträge – allerdings ab 135 monatlich aufwärts, wobei für das obligatorische Nachmittagsprogramm noch einmal 105 Euro dazukommen. Selbst auf der günstigsten Stufe – für Einkommen bis 30 000 Euro – koste die Schule also 245 Euro. Ermäßigungen oder gar Befreiungen seien bis auf begrenzte Stipendien nicht vorgesehen.

Ähnlich sehe das Schulgeld bei der Berlin Metropolitan School aus, auf der Webseite „World’s Luxury Guide“ werde sie als Privatschule von „Schauspielern, Medienschaffenden und Unternehmern“ gepriesen. Aufgrund ihrer Gebühren und ihres Konzepts hätten beide Schulen „von vorneherein nicht genehmigt werden dürfen“, heißt es in der Studie.

Mit einer begrenzten Zahl von Stipendien, wie auch andere Private sie anbieten, sei dem „Sonderungsverbot“ generell nicht Genüge getan, dies habe das Bundesverfassungsgericht „deutlich betont“, schreiben die Forscher und erwähnen das Internatsgymnasium Schloss Torgelow und die Schule Schloss Salem. Diese würde nur Teilstipendien vergeben und dabei einen Elternanteil von 500 Euro monatlich voraussetzen.

 Für „besonders besorgniserregend“ halten es die Autoren der Studie, dass sogar eigentlich als sozial engagiert geltende Schulträger das „Sonderungsverbot“ aushöhlen. So erhebe die Freie Waldorfschule in Kreuzberg einen Mindestsatz von 110 Euro monatlich auch für Kinder, deren Eltern Arbeitslosengeld II beziehen – und das, obwohl in Kreuzberg mehr als 40 Prozent der unter 15-Jährigen Sozialleistungen beziehen. Das widerspreche den allgemeinen Grundsätzen der Waldorf-Schulen und sei verfassungswidrig.

Die Schule will das nicht auf sich sitzen lassen. Geschäftsführerin Martina Plümacher wirft den Autoren vor, nicht richtig recherchiert zu haben. Es gebe einen von den Eltern organisierten Solidarkreis an der Schule, sozial benachteiligte Eltern könnten darüber sehr wohl weitere Erlasse der Gebühren beantragen, die dann andere Eltern übernehmen, sagt Plümacher. De facto würden dadurch von den insgesamt 731 Schülerinnen und Schülern 70 Kinder weniger als 70 Euro zahlen, weitere 177 zwischen 70 und 100 Euro. Zudem seien für Inhaber des Berlin-Passes in den Schulgebühren auch der Hortplatz enthalten, was sie noch einmal zusammen um rund 30 Euro entlaste. „Im Vergleich zu Schulen am Stadtrand haben wir daher deutlich mehr Kinder, deren Eltern in prekären Verhältnissen leben“, sagt Plümacher. Aktiv auf die soziale Zusammensetzung achtet die Schule bei der Aufnahme von Schülern aber nicht.

 Kommen die Privaten ohne hohe Gebühren überhaupt über die Runden? Da die Privatschulen ihre Schüler nicht gemäß dem Portemonnaie ihrer Eltern auswählen dürfen, steht ihnen staatliche Unterstützung zu – das hat das Bundesverfassungsgericht in seinem Grundsatzurteil von 1987 festgestellt. Der Anspruch besteht aber nur, um das „Existenzminimum“ der Privatschulen zu sichern.

In der Praxis erhalten Schulen in freier Trägerschaft immer staatliche Zuschüsse, im Schnitt zwei Drittel der Schülerkosten, hat der Verband Deutscher Privatschulverbände (VDP) kürzlich erklärt. Dabei würden Kosten für die Instandhaltung der Gebäude, für Reinigung und für Materialkosten oft nicht berücksichtigt. Der VDP fordert einen staatlichen Zuschuss von 80 bis 85 Prozent der Gesamtkosten pro Schüler an staatlichen Schulen – nach dem Vorbild von Hamburg, Hessen und Baden-Württemberg.

In Rheinland-Pfalz erhalten Privatschulen allerdings nur dann staatliche Zuschüsse, wenn sie kein Schulgeld erheben – was einem Schulgeldverbot entspricht. Nehmen Privatschulen in NRW Schulgeld, verringert sich dadurch der Staatszuschuss, so dass sich Schulgeld nicht lohnt.

Die neue Berliner Koalition will Privatschulen, die mehr lernmittelbefreite Schüler aufnehmen, finanziell besser stellen – der Anteil der Schüler, die heute in Berlin lernmittelbefreit sind, liegt im Schnitt bei 35 Prozent.

Reicht das? Wrase plädiert für feste Quoten und dafür, dass die Behörden Schüler aus finanzschwachen Familien den Privaten aktiv zuführen. Wegener vom Privatschulverband ist für „soziale Komponenten“ durchaus offen.

Quote
MareiBy 21.11.2016, 21:31 Uhr

    "Kinder von Ärzten sind öfter auf Privatschulen als die von Taxifahrern"

Logisch!


Quote
loddib, 22.11.2016

Geld regiert die Welt! Und man bleibt gerne unter sich. Dafür brauchts keine Studie und das wird sich auch nicht ändern.


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riegel 21.11.2016, 21:22 Uhr
Die Erfahrung des Nationalspzialismus und des Sozilismus mit deren staatlcihen Bidlungsprogrammen lässt mich jederzeit für private Träger der Bildung eintreten.


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molsart 22.11.2016 10:16 Uhr
Antwort auf den Beitrag von cassi 09:17 Uhr

    Und Einkaufsmöglichkeiten legen also den Grundstein für das folgende Leben von Kindern, die Voraussetzungen für weiterführendes Lernen und
    sowas, also natürlich ganz genau so, wie ja Schulen auch, richtig?^^


Was man kaufen kann, legt schon einen Grundstein. Das fängt bei der Ernährung an, geht über Nachhilfestunden und Instrumentalunterricht bis zu "pädagogisch wertvollem Spielzeug".


...


Aus: "Studie des Wissenschaftszentrums Berlin „Bei Privatschulen ist soziale Selektion Programm“"
Anja Kühne, Tilmann Warnecke und Amory Burchard (22.11.2016)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/wissen/studie-des-wissenschaftszentrums-berlin-bei-privatschulen-ist-soziale-selektion-programm/14873874.html

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« Reply #589 on: November 23, 2016, 07:51:34 vorm. »
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[...] Der Ökonom Peter Bofinger von der Universität Würzburg wertet die neuerliche Ankündigung Trumps als einen Paradigmenwechsel in der internationalen Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre. Diese sei davon ausgegangen: "Wenn man den Güter-, Finanz- und Dienstleistungsmärkten möglichst viel Spielraum verschafft, dann führt das zu insgesamt mehr Wirtschaftswachstum und einem Wohlstand für alle." Man habe dabei aber vergessen, dass diese Öffnung der Märkte auch einen weiteren Effekt bringe. "Innerhalb einer Volkswirtschaft profitieren nicht alle von der Globalisierung", sagt Bofinger. "Die Gewinner sind die Kapitaleigentümer und die Menschen mit guter beruflicher Qualifizierung, Verlierer die Menschen mit geringer Bildung."

Man könne nun feststellen, sagt Bofinger, dass in vielen Ländern breite Bevölkerungsschichten durch die Globalisierung überhaupt keinen Vorteil hatten, obwohl das Bruttoinlandsprodukt insgesamt gestiegen sei. "In den USA ist das Arbeitseinkommen eines Vollzeitbeschäftigten heute inflationsbereinigt geringer als im Jahr 1978", erklärt der Ökonom, der auch Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland ist. Auch hierzulande seien die realen Einkommen der unteren 30 Prozent der Haushalte seit 1991 nicht mehr gestiegen, obwohl das Bruttoinlandsprodukt stark zugenommen habe. Anders als zum Beispiel in China oder Indien, wo Hunderte Millionen Menschen Armut hinter sich ließen und eine neue Mittelschicht entstand. ...

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nano846a #1

"Man habe dabei aber vergessen, dass diese Öffnung der Märkte auch einen weiteren Effekt bringe. "Innerhalb einer Volkswirtschaft profitieren nicht alle von der Globalisierung "

na sowas, man hatte so ein paar globalisierungsverlierer vergessen. offensichtlich dachte man, die fallen unter das statistische hintergrundrauschen. jetzt fangen die auch noch an, unzufrieden zu sein und rabatz zu machen. ...


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Oakman #5

"In den USA ist das Arbeitseinkommen eines Vollzeitbeschäftigten heute inflationsbereinigt geringer als im Jahr 1978", erklärt der Ökonom, der auch Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland ist. Auch hierzulande seien die realen Einkommen der unteren 30 Prozent der Haushalte seit 1991 nicht mehr gestiegen, obwohl das Bruttoinlandsprodukt stark zugenommen habe ...

... Es ist Zeit der Tatsache ins Auge zu sehen, dass die Globalisierung weiten Teilen der Bevölkerung im Westen wirtschaftlich schlicht und ergreifend geschadet hat.


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Krumm Denken #9

Und weiter gehts mit dem "Neoliberalen" Nebelmachen: "Man habe dabei aber vergessen, dass diese Öffnung der Märkte auch einen weiteren Effekt bringe. "Innerhalb einer Volkswirtschaft profitieren nicht alle von der Globalisierung", sagt Bofinger. "Die Gewinner sind die Kapitaleigentümer und die Menschen mit guter beruflicher Qualifizierung, Verlierer die Menschen mit geringer Bildung.""

Die Verlierer sind erst einmal Nichtkapitaleigentümer. ...


...


Aus: "US-Wirtschaft: Grenzen hoch, Steuern runter"  Michael Stürzenhofecker und Zacharias Zacharakis (23. November 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-11/us-wirtschaft-donald-trump-steuern-freihandel-protektionismus-tpp

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« Reply #590 on: November 23, 2016, 09:19:31 vorm. »
Unter Dividendenstripping wird börsentechnisch die Kombination aus dem Verkauf einer Aktie kurz vor dem Termin der Dividendenzahlung und Rückkauf derselben Aktie kurz nach dem Dividendentermin verstanden. Ist der Verkäufer bei einem Verkauf kurz vor diesem Stichtag (noch) nicht Eigentümer der Aktie (Leerverkäufer) und wird die Aktie kurz nach dem Dividendenstichtag geliefert, spricht man auch von einem Cum/Ex-Geschäft oder Cum-ex-Trade. Bei Cum/Ex-Geschäften kam es in der Vergangenheit in großem Umfang zu bewusst herbeigeführter mehrfacher Erstattung von nur einmal abgeführter Kapitalertragssteuer. Ob hierbei der Tatbestand der Steuerhinterziehung erfüllt wurde oder eine legale Steuergestaltung genutzt wurde, ist umstritten. ... Am 2. Mai 2016 veröffentlichte ein Rechercheverbund seine Untersuchungen zu Cum/Cum-Geschäften, mit denen Banken ihren Kunden halfen, Kapitalertragssteuern in Millionenhöhe zu vermeiden. Diese Geschäfte „sind in der Bankenwelt seit Jahren ein offenes Geheimnis“ ... (11/2016)
https://de.wikipedia.org/wiki/Dividendenstripping

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[...] Die führenden deutschen Banken hatten einem Medienbericht zufolge jahrelang einen Gewährsmann im Bundesfinanzministerium, der die Politik in ihrem Sinne beeinflusste. Bei dem Maulwurf handle es sich um den Ex-Finanzrichter Arnold R., der auch an Gesetzestexten mitgeschrieben habe, berichtet die "Bild"-Zeitung unter Berufung auf interne E-Mails.

R. habe sich auch mit jenem Gesetz befasst, das einen der größten Steuerskandale möglich machte: Durch die sogenannten Cum-Ex-Geschäfte von Banken und Anlegern mit Aktien gingen dem Fiskus bis 2012 legal mehr als zehn Milliarden Euro verloren.

Dem Bericht der "Bild" zufolge kam R. 2004 ins Finanzministerium. Vier Jahre später habe er sich beurlauben lassen und einen mit 80.000 Euro pro Jahr dotierten Beratervertrag beim Bundesverband Deutscher Banken angenommen.

Ein hoher Bankenvertreter habe dies in einer E-Mail als "sinnvolle Investition" bezeichnet. R. habe schon in der Vergangenheit bewiesen, dass "durch sein positives Wirken" Entscheidungen "im Finanzministerium erheblich beschleunigt werden" könnten, zitiert die Zeitung aus der E-Mail.

Seit 2010 sei R. im Ruhestand, er habe sich aber weiter an der Formulierung von Gesetzen beteiligt und an Sitzungen teilgenommen. Seine Vorschläge habe er nicht nur den Fachleuten im Ministerium geschickt, sondern direkt danach auch seinen Ansprechpartnern bei den Banken.

mik/AFP

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zynik 23.11.2016, 08:09
1. Konnte ja keiner ahnen...

Tjaja, der Segen der Beraterbranche. Der marktgläubigen Politik hat man über Jahre erfolgreich suggeriert, dass sie ohne Expertise von sog. externen "Beratern" nicht mehr zu eigenständigen Entscheidungen fähig wäre. Das hier sind nur die logischen Konsequenzen und die neoliberalen Vorbeter werden daran nichts ändern und weiterhin fleißig Verantwortung und Kompetenzen privatwirtschaftlich auslagern. Ausverkauf eben.


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reifenexperte 23.11.2016, 09:08

... Dies ist nur ein kleine Kapitel der Geschichte.


..


Aus: "Cum-Ex-Affäre: Banken bezahlten offenbar Maulwurf im Ministerium" (23.11.2016)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/cum-ex-affaere-banken-bezahlten-maulwurf-im-finanzministerium-a-1122648.html

« Last Edit: November 23, 2016, 09:21:54 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #591 on: November 23, 2016, 10:04:22 vorm. »
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[...]  Der Wahlsieg Donald Trumps ist mitnichten ein Sieg des seit jeher von allen möglichen Regimes umgarnten und missbrauchten „kleinen Mannes“. X-fach ist es inzwischen nachzulesen, nachzuprüfen: dass die Trump-Wähler im Mittel wohlhabender sind als die Clinton-Wähler. Wohlhabender als die Bernie-Sanders-Anhänger allemal. Dennoch stimmt es: Viele Abgehängte, vor allem eben Weiße mit schlechter Bildung, haben dem rechts-bürgerlichen, dem kampfkapitalistischen Lager alten Stils zum Sieg verholfen. Jenem Lager, das den Klassenkampf auf perfide Art und Weise angeheizt hat – den Klassenkampf von oben, wohlgemerkt. Und das nicht nur in den USA, und auch nicht erst seit gestern.

Vor den „Trumpisten“ formierte sich die Tea Party. Hierzulande begannen zur selben Zeit, rund um die Lehman-Krise, noch vor der Gründung der AfD, sogenannte „neue Bürgerliche“ auf den Busch zu klopfen. Unvergessen etwa, wie sich der Publizist Norbert Bolz 2009, als hier erstmals über einen Mindestlohn debattiert wurde, im Magazin Cicero über die „Tyrannei der Wohltaten“ und „demokratischen Despotismus“ ausließ. Oder wie der Spiegel-Online-Kolumnist Jan Fleischhauer im Fahrwasser der Sozialschmarotzerdiskussion über Hartz-IV-Empfänger philosophierte: Rauchen und Alkohol seien Angelegenheiten des „sozialen Standes“. Oder wie großbürgerliche Feuilletons, an der Speerspitze die FAZ, ihren Ekel nicht nur vor privatem „Unterschichtenfernsehen“, sondern auch vorm öffenlich-rechtlichen „Verdummungsprogamm“ ausstellten und eine Abschaffung der „Zwangsgebühren“ forderten, was nun vor allem selbsternannte Reichsbürger und Aluhutträger nachkrähen.

Tatsächlich: Die Verachtung des mehr oder minder „dummen“, jedenfalls des „kleinen“ Mannes ist zuletzt aufgebrandet wie lange nicht mehr, dies- und jenseits des Atlantiks. Jene Verachtung kam und kommt von rechts oben. Und von dort wird jetzt ein weiterer Keil hineingetrieben, in das, was links unten so kreuchen mag. So wie der „Ausländer“ gegen den einheimischen Erwerbstätigen oder Wohnungssuchenden ins Feld geführt wird, oder die „Quotenfrau“ gegen den männlichen Arbeitslosen, so kommt jetzt also auch noch der „Studierte“ gegen den Proletarier hinzu.

... Die Welt – die nach der Wahl einen Link auf ihrer Homepage trug: „Was bedeutet Trumps Sieg für mich und mein Geld? (nur für Abonnenten)“ –, ist, dass zu Trumps Erfolg vor allem auch Tea-Party-Reiche beigetragen haben. Den Kern seines Wahlkampfversprechens trat der designierte Präsident ohnehin gleich in die Tonne: Er, der angab, gegen „das Establishment“ anzugehen, hat vor, den Spitzensteuersatz von 40 auf 25 Prozent zu senken, und stellte als Mitstreiter den Oldschool-Republikaner Newt Gingrich vor, den früheren New Yorker Bürgermeister und Bush-Rivalen Rudolph Giuliani und den Goldman-Sachs-geschulten Hedgefonds-Banker Steven Mnuchin. ...

... Erdoğan, Putin, Orbán, und die PiS in Polen: Sind allerdings schon einen Schritt weiter – mit Berufsverboten und Verhaftungen, mit der systematischen Diskreditierung und Ausschaltung „linker Intelligenz“, weil diese ihren Autokratien und antidemokratischen Geschäften gefährlich werden könnte. Grundkurs Faschismus, Lektion 2 a: Intellektuellenfeindlichkeit schüren. Lektion 2 b: Intellektuelle unschädlich machen.

Schädlich sei „Literatur, deren Kennzeichen eine geistreichelnde, bewegliche Intellektualität ist, die (...) in ihrer Standpunktlosigkeit ohne Bindung an die Werte ist, auf denen das völkische, sittliche und religiöse Gemeinschaftsleben beruht“. So definierten die Nazis „Asphaltliteratur“, die auf die Verbrennungslisten kam.

...  In den vergangenen 20 Jahren haben poststrukturalistische Diskurse an den Hochschulen und in kritischen Medien viel Raum eingenommen – Felder, die die Frage nach ökonomischer Ungleichheit oft nur am Rand streifen. Es stimmt auch, dass unter dem Stichwort Identitätspolitik absurde Detaildebatten gepflegt werden, die für Nichteingeweihte oft nicht nachvollziehbar sind, etwa vierteljährlich neu ausgerufene genderkorrekte Schreibweisen. Aber „postfaktisch“, also falsch, wäre die Behauptung, dass solche modischen Mätzchen, die oft nach einer Saison schon keine Gültigkeit mehr haben, Hochschulen oder die linken Medien und linke Politik okkupiert hätten. Gerade in den intellektuellen Experimentierfeldern Cutural und Gender Studies sind neue Ansätze zu Kapitalismuskritik gewachsen. Dort wurde vor gut zehn Jahren erstmals der Begriff „Klassismus“ breit angewandt – ein Wort, das Diskriminierung aufgrund der sozialen Stellung endlich zu erfassen und messbar zu machen versucht. In anderen Fächern, etwa in den progressiven Wirtschaftswissenschaften, entstehen ausgefeilte Entwürfe eines bedingungslosen Grundeinkommens – das die Machtverhältnisse zwischen Arbeit und Kapital künftig auf den Kopf stellen könnte.

... Schauen wir auf zwei hiesige Zeitgenossen: den Lagerarbeiter mit Zeitvertrag und den freigesetzten Journalisten mit Doktortitel und 80-Euro-Aufträgen. So, wie die physische Kraft des Arbeiters nur noch wenig zählt, so kann auch ein akademischer Grad längst entwertet sein. Bei beiden ist das Geld knapp. Doch der Journalist verfügt über kulturelles und soziales Kapital, das ihm erlaubt, gehört zu werden. Wenn er sich jetzt, in diesen rechtsdrehenden Zeiten, dazu durchringen könnte, seine Statusangst abzulegen und seiner eigenen Prekarisierung und Marginalisierung fest ins Auge zu blicken, würden ihm vielleicht noch mehr Wege einfallen, mit dem Kollegen im Warenlager ins Gespräch zu kommen.

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Rüdiger Heescher 17.11.2016 | 19:34

Heute können wir nachvollziehen, wie es damals in Weimar dazu kam, dass der Arbeiter einen Hass auf Intellektuelle bekam und dann die Nazis wählte. Heute ist es das vermeintlich linksliberale (eigentlich neoliberale) Bildungsbürgertum, was den Arbeiter und Abgehängten in die Arme von Trump trieb.
Es macht keinen Sinn zu Jammern. Intellektuelle müssen Schlüsse daraus ziehen und fragen wie es dazu kam.

Dazu hat wesentlich beigetragen den Klassenstandpunkt zu verlassen und nur noch links mit Identitätspolitik zu verbinden, aber letztlich neoliberal durchsetzt war?

In einer Kolumne von Bettina Gaus regt sie sich über die Menschen auf, die sie als links eingestuft hat, linker als sie selbst ist, die nun sagen: "Jetzt nach dem Trump Sieg werden die Karten neu gemischt" und dabei hoffen, dass endlich die Politiker von SPD und Grünen vor allem kapieren was wirklich los ist. Im linksliberalen (eigentlich neoliberal) Lager spricht man ständig von einem postfaktischem Populismus. Doch was ist in wirklichkeit postfaktisch?
Seit wir den Neoliberalismus dank Rot-grün haben, leben wir faktisch im postfaktischen Zeitalter. Warum? Ein Beispiel.
Unsere Arbeitslosenstatistik wird ständig gelobt, dass wir doch faktisch eine Vollbeschäftigung hätten und es uns doch soooo gut ginge wie keinem anderen Land. (In den USA wurde das von Clinton auch so propagiert, denn es wurden passend zum Wahlkampf die neue Arbeitslosenstatistik angeführt mit 4,9 % Arbeitslosigkeit).
Doch was sagt uns die so faktische Arbeitslosenstatistik? Nicht das was uns faktisch die ERWERBSLOSENSTATISTIK noch zu Kohls Zeiten gesagt hat. Ist jemand in der Lage seinen Lebenserwerb zu verdienen? Wenn es danach ginge, dann haben wir eben nicht 2,8 Mio "Arbeitslose" sondern heute 14,5 Mio ERWERBSLOSE. Das kann jeder in seinem Umfeld beobachten. Das lässt sich auch nicht mehr vertuschen. Auch als freier Journalist kann nicht mehr drüber hinweg sehen, der 80 Euro für einen Artikel bekommt.
Was ist also in Wirklichkeit Postfaktisch?
Die neoliberale Propaganda ist seit 15 Jahren postfaktisch.
Fakt ist, dass wir eine Erwerbslosenquote noch nach Kohls Arbeitslosenstatistik haben, die 14,5 Mio als erwerbslos rechnet.
Das ist nur ein Beispiel, was in Wirklichkeit postfaktisch ist.

...


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sch123 21.11.2016 | 21:55

... In dieser Debatte geht aber auch gehörig was durcheinander. Grundsätzlich finde ich erstmal das in Mode kommende "Intelligenzia"-Bashing gefährlich aber auch merkwürdig. Natürlich wirken viele Akademiker herablassend, insbesondere wenn man das so wahrnehmen will. Schon der Student im ersten Semester hält sich für etwas Besseres und Schlaueres, genauso hält sich aber der Meister für etwas besseres als der Geselle und der als der Lehrling, der Dauerkartenbesitzer als der Stadionbesucher, der Forist mit einem wikipedia-Artikel Wissensvorsprung wähnt sich überlegen etc...pp... und freilich blickt auch der Wutbürger auf die naiven Gutmenschen herab, die die Lage nicht peilen und auf die weltfremden Akademiker ohnehin, wenn sie denn "links" sind... Der Vorwurf der herablassenden Linken ist also schonmal albern, in jeder Gruppe gibt es herablassende Menschen. Wer meint, das gäbe es bei der rechten "Intelligenzia" nicht, kann ja gerne mal Achse des Guten, Fleischhauer, FAZ etc lesen, die Unterschichten-Bashing auch wunderbar können.

... Von den vielen kleinen Männern und Frauen, die ich kenne, findet niemand Trump/AfD/Pegida etc. auch nur ansatzweise gut. Dazu muss man nämlich nicht studiert haben zu erkennen, dass die weder inhaltlich noch moralisch viel zu bieten haben.

Hinzu kommt noch die begriffliche Verwirrung, wenn allenthalben die rechtspopulistische Vorlage übernommen wird, dass jeder Widersprechende als "links" bezeichnet wird, während Menschen, die ich wirklich der "linken" Szene zurechnen würde schon die Grünen als widerliche Systempartei ansehen. Kurz, es sind alles Kampfbegriffe, Wir-gegen-die-Rethorik, die von den Rechten im Diskurs geschickt eingesetzt wird. Die Linken sind dann wahlweise das böse Establishment, oder die versifften Steinewerfer, Sozialromantiker und Hartz-4 Asis, faulen Studenten, blablabla

Hinterfragt man die Phrasendrescherei wirds regelmäßig schnell dünn...


...


Aus: "Furcht vor klugen Köpfen" Katja Kullmann (21.11.2016)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/katja-kullmann/furcht-vor-klugen-koepfen

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[...] Im Wahlkampf zählte die Finanzelite zu Donald Trumps Lieblingsfeinden - nun macht der künftige US-Präsident ausgerechnet einen Finanzinvestor und Ex-Mitarbeiter der Investmentbank Goldman Sachs zum Finanzminister - einer der Schlüsselpositionen in der künftigen Kabinettsriege. „Wir werden die Wall Street zur Rechenschaft ziehen“, hatte Trump noch im Wahlkampf gepoltert. Doch seit seinem Wahlsieg sieht bei Trump vieles ganz anders aus - so auch sein Verhältnis zur Finanzwelt.
Für den Posten des Finanzministers soll mit Steven Mnuchin ein langjähriger Wall-Street-Insider berufen werden. „Ich könnte mich nicht geehrter fühlen, dem künftigen Präsidenten zu dienen“, sagte der 53-Jährige am Mittwoch Reportern in New York voller zur Schau gestellter Demut. ... Besonders pikant ist Mnuchins Vorgeschichte als Mitarbeiter des Finanzinvestors George Soros und des Investmenthauses Goldman Sachs. In einem Wahlwerbespot attackierte Trump Goldman und Soros - ein großzügiger Parteispender für die gegnerischen Demokraten - symbolhaft als Inbegriff eines „manipulierten Systems“ der Vetternwirtschaft zwischen Wall Street und Washingtoner Politikbetrieb, das „unsere Arbeiterklasse ausgeraubt hat“. Doch für eben dieses System steht der künftige Finanzminister.
Mnuchin, der sich zwischenzeitlich auch als Hollywood-Finanzier einen Namen machte, war besonders in die Kritik geraten, als er die Häuser von mehr als 35.000 Darlehensnehmern in der Finanzkrise versteigern ließ. Als Sohn eines Goldman-Sachs-Partners und Absolvent der US-Eliteuni Yale hat er eine klassische Oberschicht-Karriere durchlaufen.

Als Wall-Street-Insider ist Mnuchin, der bereits als Finanzchef der Trump-Kampagne agierte, kein Einzelfall in der Regierung Trump. Der Milliardär und Investor Wilbur Ross wird Handelsminister werden. Der Private-Equity-Spezialist zählt ebenfalls zur Finanzelite und hat mit seinen Deals ein Milliardenvermögen angehäuft. Sein Geschäftsmodell war die Sanierung kriselnder Firmen, vor allem aus der kohle- und Stahlindustrie.

Es gibt allerdings auch Fürsprecher, die dem 79-Jährigen zugutehalten, sich in der Krise für die Stahlindustrie eingesetzt zu haben. Deren gebeutelte Arbeiter hatte Trump im Wahlkampf besonders umworben.

Spekuliert wird indes, wer den wichtigen Posten des Außenministers in Trumps Regierung antreten wird. Weiterhin wird Mitt Romney für das Amt gehandelt. Der Ex-Präsidentschaftskandidat der Republikaner, der Barack Obama 2012 unterlag, traf sich am Dienstagabend erneut zu Gesprächen mit Trump - anschließend war er voll des Lobes für den künftigen Präsidenten.

Dass Trump den superreichen Geschäftsmann, dessen Vermögen auf 250 Millionen Dollar geschätzt wird, in Betracht zieht, ist ein weiteres Indiz dafür, wie sehr sich der Wind nach dem Wahlkampf gedreht hat. Im März noch war er von Romney als Hochstapler und Aufschneider bezeichnet worden, der nichts besser könne, als die Leute für dumm zu verkaufen.

Quote
BRCI 08:20 Uhr
Lehrreiche Vorgänge,vor allem für  Menschen,die meinen
Populisten seien grundehrliche Leute, Im Übrigen, die
europäische Politik ist mit Goldman und Sachs auch nicht
zurückhaltend.EZB Chef Draghi,der mit den historisch
niedrigen Zinsen  oder auch Mario Monti,EU Kommissar
war bei Goldman und sachs, Zu merkels Beraterstab ge-
hört  Dibelius, ein G-S Banker bis2015.Man sieht diese
Kreise haben immer und überall die Finger  mit drin.
Da lohnt es sich nochmal über Bankenrettung und Niedrigzins nachzudenken.


Quote
olly1956 07:39 Uhr
NA DAS WIRD NOCH LUSTIG ! Die Supersuperreichen entdecken das Proletariat. Lachhaft!


...


Aus: "Trump beruft Investmentbanker zu Ministern" (01.12.2016)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/mnuchin-und-ross-trump-beruft-investmentbanker-zu-ministern/14917784.html
« Last Edit: Dezember 01, 2016, 10:21:53 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #592 on: November 23, 2016, 10:13:54 vorm. »
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[...] Was bei der Diskussion um das Wahlverhalten der einkommensärmsten Gruppen gerne vergessen wird: In den USA wie in Deutschland gehen die »Abgehängten«, die Ärmsten der Armen, meist gar nicht zur Wahl. So sinkt etwa in Deutschland die Wahlbeteiligung seit 40 Jahren kontinuierlich, allerdings nicht in allen Statusgruppen im gleichem Maße, sondern vor allem bei Menschen aus der Unterklasse. In den USA kommt erschwerend hinzu: Eine beträchtliche Zahl an Menschen sind vom Wahlrecht ausgeschlossen, weil sie Probleme mit der Strafjustiz hatten. So durften in Swing States wie Virginia und Florida 30 bis 40 Prozent der schwarzen Männer gar nicht erst wählen. Der absolute Anteil der Stimmen aus der Unterklasse für Trump dürfte angesichts einer in den USA ohnehin traditionell relativ niedrigen Wahlbeteiligung äußerst gering sein.

Doch wenn die Erklärung nach der Polarisierung zwischen Arm und Reich unzureichend ist, um Trumps Sieg zu verstehen, was polarisiert sich denn gerade? Diese Frage stellen sich Linke auch mit dem Aufstieg der AfD in Deutschland und angesichts der Flüchtlingsdebatte, die seit über einem Jahr läuft.

Einer Antwort kommt man bei der Analyse des zurückliegenden Präsidentschaftswahlkampfs näher. Clinton war nicht nur die Kandidatin des politischen Establishments, sondern auch - wenngleich als kleineres Übel - eines tendenziell jüngeren kosmopolitischen urbanen Bürgertums; derer, die in den großen Städten an den Küsten leben, weltweit vernetzt und gesellschaftspolitisch liberal gesinnt sind, jener Postmaterialist_innen, die sich nicht so sehr für materielle Fragen interessieren müssen. In Städten mit über 50.000 Einwohner_innen holte Clinton 59 Prozent, Trump hingegen lag in Kleinstädten und ländlichen Gebieten mit 62 Prozent der Stimmen vorne.

Doch Trump ist in erster Linie Präsident derjenigen, die zum einen Sorge haben, ökonomisch weiter Schritt halten zu können, und sich zum anderen kulturell abgehängt fühlen.

Es sind Wähler_innen mit niedriger bis mittlerer formaler Bildung, mit Hang zu Nationalismus, Rassismus, Antifeminismus, die sich gegen Minderheitenrechte, gegen Einwanderung, gegen den weiteren Kampf für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen. Clinton gegen Trump: Das war auch ein Kampf von Diversity gegen Monokultur - ein Kampf, der nicht nur in den USA stattfindet.

Der Soziologe Andreas Reckwitz spricht in diesem Zusammenhang von einem weltweiten Widerstreit zweier kultureller Orientierungen. Es gebe auf der einen Seite »eine historisch außergewöhnliche kulturelle Öffnung der Lebensformen«: Geschlechternormen werden in Frage gestellt, und Lebensstile differenzieren sich aus. Dieses kosmopolitische Milieu ist hochindividualisiert und feiert die Selbstentfaltung und die Kreativität. Wir treffen es in den Metropolen dieser Welt, keineswegs nur an den Küsten der USA und in europäischen Hauptstädten, sondern auch in Beirut, Istanbul und Jakarta. Demgegenüber beobachtet Reckwitz - ebenfalls weltweit - Tendenzen der »kulturellen Schließung von Lebensformen, in denen eine neue rigide Moralisierung wirksam ist«. Diese Schließung sei kollektivistisch in einem identitären Sinne; Reckwitz zählt Nationalismus und Rechtspopulismus ebenso wie religiösen Fundamentalismus zu der Strömung der Kulturessenzialisten.

Dieser Kulturkrieg dürfte tatsächlich die entscheidende Polarisierung dieser Tage sein, eine Polarisierung, die auch von Teilen der Linken mitgetragen wird: Wirtschaftliberale, Sozialdemokraten, linksliberale Akademiker_innen bilden eine Front gegen die Bedrohung durch die Rechten und Fundis. In diesem kulturellen Bürgerkrieg bewegen sich Liberale wie Rechte im Rahmen der Kulturalisierung. Es ist ein Rahmen, in dem Emotionen eine größere Rolle spielen als Fakten. Doch die Wahl von Trump zeigt auch: Neben dem Kulturkrieg gibt es durchaus »rationale« Erwägungen für Teile der Arbeiterklasse, es mal mit Trump zu versuchen.

Trumps Erfolg in den Swing States am Rostgürtel, der ältesten Industrieregion der USA an den großen Seen, ist dafür bezeichnend. Dort leben die Reste des fordistischen Industrieproletariats, die entweder bereits in den vergangenen Jahrzehnten sozial abgestiegen sind oder sich zumindest um ihren erkämpften Besitzstand sorgen. Speziell für Industriearbeiter_innen im produktionsnahen Bereich können nationalistische Antworten auf ihre Problemlagen durchaus plausibel sein. In der Fabrik kommt ein festangestellter Arbeiter aufgrund der Vervielfältigung der prekären Arbeitsverhältnisse häufig in Kontakt mit Menschen, die zwar die gleiche Arbeit leisten, aber viel schneller je nach konjunktureller Lage entlassen werden können oder deutlich weniger Lohn erhalten. Der drohende Abstieg betritt personifiziert in Gestalt der Zeitarbeiterkollegen in jeder Pause die Kantine. Dass diese Abstiegsangst vor allem bei den Resten des Industrieproletariats rassistisch gewendet werden kann, hat zwei Gründe: Erstens finden vor allem im Industriebereich Standortverlagerungen statt. Das protektionistische Angebot eines Donald Trump kann bei denen wirken, deren früherer Arbeitsplatz sich jetzt in Mexiko oder Südostasien befindet - oder die sich um eine Verlagerung der Produktion ihres sogenannten Arbeitgebers sorgen.

Zweitens hat sich zwar die Ungleichheit zwischen oben und unten in den vergangenen Jahrzehnten zugespitzt, gleichzeitig hat die vertikale ökonomische Ungleichheit anhand von Geschlecht und »Ethnie« zumindest gefühlt abgenommen. So haben etwa Frauen, »ethnische Minderheiten« und Migrant_innen zu Zeiten des weiß-männlichen Ernährermodells der 1950er- und 1960er-Jahre in den einstigen Industriestaaten aufgeholt - eben auch durch Kämpfe von Linken und Liberalen insbesondere nach 1968. Das hat den Druck auf die etablierten höheren Fraktionen der Arbeiterklasse verstärkt. Kulturkonservatismus und tief verankerter Rassismus treffen hier auf verschärfte Konkurrenzprinzipien im Kapitalismus.

So kommt die explosive Mischung zusammen: Der rechte Kulturkampf und die berechtigten materiellen Sorgen von Teilen der Arbeiterklasse bilden eine ausgezeichnete Grundlage für eine reaktionäre Verarbeitung von Abstiegsängsten. Reaktionär sind diese, da sich nach einer Zeit zurückgesehnt wird, in der die eigene Stellung unter den Ausgebeuteten im Vergleich zu den anderen Ausgebeuteten besser war; reaktionär sind sie auch, weil sie letztlich nur eine Krisenverarbeitung innerhalb des neoliberalen Paradigmas sind. Nicht Kämpfe um höhere Löhne, gegen prekäre Beschäftigungsverhältnisse, für Umverteilung stehen auf der Tagesordnung, sondern der Kampf gegen andere Gruppen, die sich auf dem nationalen - und weltweiten - Arbeitsmarkt wiederfinden. Trump hat es bestens verstanden, diese Nachfrage zu bedienen.


Aus: "Kulturkampf und soziale Frage" 
Sebastian Friedrich (ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 621 / 15.11.2016)
Quelle: https://www.akweb.de/ak_s/ak621/42.htm


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« Reply #593 on: Dezember 01, 2016, 07:48:03 vorm. »
Quote
[...] Die Alternative für Deutschland (AfD) gilt als Sammelbecken für die Abgehängten in der Gesellschaft, für die Verlierer der Globalisierung. Doch dieses Bild stimmt nicht, zeigt eine Forsa-Umfrage, die der ZEIT vorliegt. Zwar eint die AfD-Anhänger eine pessimistische Wirtschaftserwartung – besonders arm sind sie aber keinesfalls. Der Umfrage zufolge haben nur 28 Prozent von ihnen ein Haushaltsnettoeinkommen von unter 2.000 Euro im Monat, das ist ein geringerer Anteil als bei SPD (32 Prozent) und Linkspartei (37 Prozent).

Vielmehr liegt die AfD hier etwa gleichauf mit der Union. Von deren Anhängern verfügen 27 Prozent über ein monatliches Nettoeinkommen im Haushalt von weniger als 2.000 Euro. Sprich: Wer schlecht verdient, sympathisiert eher mit SPD und Linkspartei als mit der AfD. Oder er geht erst gar nicht zur Wahl: Die Schlechterverdiener der Gesellschaft finden sich zu einem großen Teil unter den Nichtwählern, hier haben 45 Prozent der Menschen ein Haushaltsnettoeinkommen von unter 2.000 Euro.

Der ehemalige Generaldirektor der Welthandelsorganisation WTO, Pascal Lamy, sieht Deutschland als Beispiel dafür, wie man gut mit den Verwerfungen des weltweiten Handels umgehen kann. "Ich mag die deutsche Art, mit Globalisierung umzugehen", sagte Lamy der ZEIT. "Ich finde es besser, wenn Leute eine Arbeit haben, als wenn sie keine haben", sagte der Ökonom mit Blick auf den entstandenen Niedriglohnsektor. Die Hilfen für sozial Schwache seien nach seinem Geschmack aber zuletzt zu stark gesenkt worden, fügte Lamy an.   

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MehowSri
#30  —  vor 13 Stunden 8

"Der ehemalige Generaldirektor der Welthandelsorganisation WTO, Pascal Lamy, sieht Deutschland als Beispiel dafür, wie man gut mit den Verwerfungen des weltweiten Handels umgehen kann. "Ich mag die deutsche Art, mit Globalisierung umzugehen", sagte Lamy der ZEIT. "Ich finde es besser, wenn Leute eine Arbeit haben, als wenn sie keine haben", sagte der Ökonom mit Blick auf den entstandenen Niedriglohnsektor."

Widerlich!

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MehowSri #30.2

Sie sagen es. Vielleicht sollten wir 'die deutsche Art, mit Globalisierung umzugehen' auf die Politiker- und Banker-Kaste anwenden. Mal sehen ob sie das dann immer noch mögen.
Einfach die Löhne runter. 'Race to the bottom', wie die Löhne im Niedriglohnsektor und die Steuern für die Firmen. Es ist allerding zweifelhaft ob wir unsere Politiker auf dem Weltmarkt los werden und Nordkorea, das sich mit unseren Politikern verbessern könnte, ist zu isolationistisch.



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kowalskii #17

"Die Alternative für Deutschland (AfD) gilt als Sammelbecken für die Abgehängten in der Gesellschaft, für die Verlierer der Globalisierung."

Dieser Einstieg in den Artikel ist schon total daneben. Seit wann gilt denn ausgerechnet die AfD als Sammelbecken für die Abgehängten? Wer hat das denn entschieden? Die AfD hat nur ein großes Thema "Migration" und drei wenn "Merkel muss weg!" und "Europa ist scheiße!" auch zählt. Dazu die üblichen rechts-konservativen Buzzwords: mehr Polizei, mehr Familie und weniger Regulierung.
Soziale Gerechtigkeit und der Kampf gegen die Auswüchse des in den letzten Zuckungen liegenden Neoliberalismus ist bestimmt nicht AfD Terrain.


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123-4-321 #21

Ein relativ kleines Artikelchen für ein großes Thema. Wir sollten uns klar machen (die wir nichts mit braun am Hut haben), dass es nicht so wenige sind, die diese Demokratie kritisch sehen und teilweise ändern oder sogar abschaffen wollen.
Mir schleierhaft, wie die Flüchtlingsthematik das deutsche Wesen durcheinandergebracht hat. Fressneid kann es allein nicht sein. Es muss in uns Deutschen etwas geben wie Fremdenfurcht und Restaurationsbedürfnis. Dass Zukunft eher als Wagnis gesehen wird, denn als Chance, scheint mir bei nicht wenigen die Basis für die Umkehr der Werte.


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Miko D. Jong #24

Wie schnelllebig doch die Zeit in diesen Tagen ist!
Da müssen sich manche Leute ja fast jeden Tag ein neues Weltbild zusammenschustern!



Aus: "AfD: Von wegen Sammelbecken der Abgehängten" (30. November 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-11/afd-waehler-geringverdiener-spd-die-linke-forsa-umfrage

Offline Textaris(txt*bot)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #594 on: Dezember 01, 2016, 11:00:17 vorm. »
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[...] Sie sprechen von „Klassen“. Das ist ein Wort, das in Deutschland im politischen Diskurs nur noch selten verwendet wird.

Das ist in Frankreich ähnlich. Der Begriff Klasse gilt als altmodisch und marxistisch. Klassen gibt es gar nicht mehr, heißt es jetzt. In den 80ern hat vor allem die sozialistische Partei in Frankreich versucht, die Existenz einer Sozialstruktur nach Klassen zu verleugnen. Stattdessen sprach man von der Selbstbestimmtheit des Individuums und dessen Verantwortung für sich selbst. Man sagte den Leuten: „Wenn du arbeitslos bist und keinen Schulabschluss hast, ist das deine schuld.“

Wozu führte das?

Damit nahm man den Arbeitern ihre Identität. Das Problem ist: Klassen existieren, auch wenn keiner darüber sprechen möchte. Und in dieses Vakuum stieß der FN. Marine Le Pen hat vor einigen Tagen noch in einer Rede gesagt: „Wir sind diejenigen, die für die Arbeiterklasse kämpfen.“ Die AfD in Deutschland und Ukip in Großbritannien machen das Gleiche. ... In Deutschland hat es in den vergangenen Jahrzehnten eine Prekarisierung der Arbeit gegeben. Und wie in Frankreich waren es auch in Deutschland die linken Parteien unter Kanzler Schröder, die das politisch durchgesetzt haben. In Großbritannien hat die Labour-Regierung sich ebenfalls nicht um die Arbeiterklasse gekümmert, obwohl das eigentlich ihr Klientel sein müsste. Wenn man sich anschaut, wer für den Brexit gestimmt hat, dann deckt sich das mit den Gebieten, die von der Deindustrialisierung am stärksten betroffen waren.

Die rechten Parteien geben sich aber nicht nur als Vertreter der Arbeiterklasse aus, sondern auch als Vertreter des „Volks“ und wettern gegen Zuwanderer.

Genau das macht der FN. Er erschafft einen Bedeutungshorizont, in dem „wir, die Franzosen“ den „Immigranten“ gegenüber stehen – und auch den Eliten, die die Zuwanderer ins Land gelassen haben. Die nationale Identität ersetzt die Arbeiteridentität.

... Wagen wir einen Ausblick auf die Präsidentschaftswahl in Frankreich im kommenden Jahr? Es sieht nicht danach aus, dass ein linker Kandidat gewinnen wird.

Da sieht es tatsächlich düster aus. Wir haben mit François Fillon einen rechten Katholiken als Kandidat. Er wird von erzkonservativen Kräften gestützt und nennt Margaret Thatcher sein Vorbild. Auf der anderen Seite haben wir Marine Le Pen, die rechte Wähler bindet. Ich denke diese beiden werden in die zweite Runde kommen und Fillon dann deutlich gewinnen. Das könnte heißen, dass sich die Situation der Arbeiterschaft noch weiter verschlechtert.

...


Aus: "Interview mit Didier Eribon Die Linke hat die Arbeiterklasse verraten" Jörg Wimalasena (30.11.2016)
Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/kultur/literatur/interview-mit-didier-eribon-die-linke-hat-die-arbeiterklasse-verraten-25198024