Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 342723 times)

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[Immer mehr Bürger fragen sich inzwischen... ]
« Reply #525 on: April 19, 2016, 01:13:52 nachm. »
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[...]  Freihandel schadet den Armen in den Industrieländern, sagt der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Siehe USA: Dort ist der Lebensstandard und die Lebenserwartung gesunken. Interview: Petra Pinzler

ZEIT ONLINE: Wer ist dafür verantwortlich, dass Geld so leicht in Ländern mit Briefkastenfirmen versteckt werden kann?

Joseph Stiglitz: So etwas wurde aus einem Grund ermöglicht: Um Steuern zu hinterziehen und Gesetze zu umgehen. Nur welcher klar denkende Mensch würde ein Steuersystem schaffen, und zugleich den Reichen ermöglichen, ihr Geld ins Ausland zu schaffen, um keine Steuer zahlen zu müssen? So was tun doch nur Regierungen, die von den Reichen gesteuert werden.

... ZEIT ONLINE: Immer mehr Bürger fragen sich inzwischen, ob wir durch Handelsabkommen nicht zu viele Regeln schleifen und zu viele Grenzen öffnen. Zu Recht?

Stiglitz: Grundsätzlich führt Handel zu mehr Wirtschaftswachstum. Aber er verändern die Verteilung in einem Land. Inzwischen zeigt sich, dass die Wachstumseffekte von Freihandel vergleichsweise klein, die Verteilungswirkungen aber sehr groß sind. In den Industrieländer schadet das den Ärmsten. Leider war die Politik der Regierung hier bisher nicht hilfreich.

...

ZEIT ONLINE: Man kann also nicht behaupten, dass mehr Freihandel für alle Bürger eines Landes gut ist?

Stiglitz: Die Daten belegen eindeutig das Gegenteil. Bisher glaubte man, dass durch Handel zwar Leute in den Branchen, in denen mehr importiert wird, ihre Jobs verlieren, sie aber neue Jobs in der Exportindustrie bekommen. Das stimmt so einfach aber nicht. Es gibt aber eine sehr gute Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Die hat amerikanische Landkreise untersucht, bei denen Produktion direkt durch billigere Importe aus China verdrängt wurden. Dort ist die Beschäftigung gesunken und die Löhne sind es auch.

ZEIT ONLINE: Und wie sieht es für die gesamten USA aus?

Stiglitz: Der Lebensstandard sinkt, der gesundheitliche Zustand und sogar die Lebenserwartung. Das reale Einkommen eines typischen Arbeiters ist heute niedriger als vor 60 Jahren. Das ist ein Desaster. Die Leute verstehen nicht, wie das im wunderbarsten Land der Welt möglich sein kann. Passiert so etwas einem Menschen, dann denkt der möglicherweise: Pech gehabt! Aber es passiert eben nicht nur einem, sondern auch allen anderen, die er kennt. Also suchen die Leute nach Schuldigen. Sie machen die Globalisierung und die Banker verantwortlich. Das ist zwar zu simpel, aber ein bisschen stimmt es eben doch. Handel hat ihre Lage verschlechtert.

ZEIT ONLINE: Wäre die Situation dieser Menschen denn heute besser, wenn die USA keine Handelsabkommen abgeschlossen hätten?

Stiglitz: Das ist eine schwere Frage. Die Situation wäre jedenfalls besser, hätte es eine aktive Umverteilungspolitik gegeben. Dann gäbe es weniger Verlierer und mehr Gewinner.

ZEIT ONLINE: Das ist eine sehr diplomatische Antwort.

Stiglitz: Ja, denn Ökonomen nennen solche Fragen kontrafaktisch. Für eine sichere Antwort fehlen Fakten. Sicher ist jedenfalls, dass es ein Fehler war, so viele Verlierer zu produzieren. Das hätten wir verhindern können. Aber das hat Präsident George W. Bush nicht interessiert. Und Präsident Barack Obama auch nicht. Der will die Lehren der Vergangenheit nicht wahrhaben. ...

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M.Aurelius
#7  —  vor 17 Stunden 20

Herr Stiglitz räumt mit einer Reihe von Mythen aus. Die "Steuerparadiese haben nichts mit Globalisierung zu tun, sondern mit Korruption." und viele gering Verdienende haben heute weniger "als vor 60 Jahren. Das ist ein Desaster." Ja, denn beides ist primär nicht Ausdruck schlechter Politik. Die hat es zu allen Zeiten gegeben. Die lange Liste des Herrn Stiglitz ist Ausdruck einer Politik wider besseren Wissens. Diejenigen, die die Gesetze ändern könnten, wissen von den Schlupflöchern, der Korruption, den Möglichkeiten des Kapitaltransfers usw., aber sie tun nichts. Darauf hat auch der frühere Oberstaatsanwalt Hans Richter heute in der Zeit hingewiesen. Die Antwort darauf findet man schnell, wenn man sich die simple Frage "cui bono" beantwortet.


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Hokan
#21  —  vor 15 Stunden 2

"Handel ist nicht automatisch gut für alle"

Auch hier einmal mehr ein Hinweis dafür, dass nicht nur Vermögen sondern auch Information in diesem Land hoechst ungleich verteilt sind. Fuer das neoliberale Deutschland mag dies der erste Kontakt mit einer neuen Einsicht sein. Für besser informierte Globalisierungsgegener wie Attac und andere ist das ein alter Hut.



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Bloguard
#26  —  vor 13 Stunden

Entweder Freihandel oder Planwirtschaft.
Es ist Konsens, dass Freihandel besser ist.
Die Erfahrungen mit dem Sowjetsozialismus beweisen es.
Außerdem bestatigen alle Merktführer, dass Freihandel gut ist.


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Cherrypicker
#22.1  —  vor 15 Stunden 3

Es gibt zwei Arten von Arbeitslosen: Die einen beziehen Hartz IV, die anderen zocken an der Börse. Die ersten nennt man "sozial schwach". Dabei sind sie einfach arm. "Sozial schwach" im Sinne von "moralisch bankrott" sind die anderen. Die Reichen. Die Eliten. Die "Spitzen der Gesellschaft".

Reichtum wird heute nicht mehr erarbeitet, er wird ererbt. Und wer die falschen Vorfahren hat, ist bekanntlich selbst dran schuld.


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artefaktum
#26.1  —  vor 44 Minuten

@Bloguard

"Entweder Freihandel oder Planwirtschaft."
Es gibt mehr als zwei mögliche Welten. Dieses "Entweder/Oder" gibt es nicht.
"Es ist Konsens, dass Freihandel besser ist."
Die Frage stellt sich nicht, siehe oben. Auf jeden Fall gibt es auch etwas besseres.
"Die Erfahrungen mit dem Sowjetsozialismus beweisen es."
Die Schäden die der Freihandel anrichtet beweisen es genau so.


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BeinhardKeynes
#39  —  vor 3 Stunden

Vielleicht haben es die Demokraten begriffen, aber beim europäischen Parlament sehe ich da schwarz.
Ein Parlament das Glyphosat zulässt, dem kann man mit Sicherheit nicht vertrauen!

Ich kann mir einfach nicht erklären warum das Parlament das getan hat!
Um einem Schiedsgerichtsurteil zu entgehen? Die gibt es doch eigentlich noch garnicht oder?
Weil die Gesundheit der Bevölkerung egal ist?



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R-Minator
#43  —  vor 1 Stunde

Wenn man so einen Satz unaufmerksam liest...
Stiglitz: "...Ich bin allerdings nicht sicher, dass TTIP ohne solche Klauseln durch den amerikanischen Kongress gehen. Die Konzerne wollen sie unbedingt."
...müssten die Blutdruckwerte ja eigentlich sofort auf min. 190/100 hochschießen, aber irgendwie kommt einem das mittlerweile schon ganz normal vor.


...


Aus: "Joseph Stiglitz: "Handel ist nicht automatisch gut für alle"" (18. April 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-04/joseph-stiglitz-panama-papers-steuer-freihandel-ttip


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[Aktionärsversammlungen sind selten ein Genuss... ]
« Reply #526 on: April 20, 2016, 10:45:11 vorm. »
Quote
[...] Klassenkampf Auf den Aktionärsversammlungen von Konzernen geht es mal wieder um die Wurst

Aktionärsversammlungen sind selten ein Genuss. Die meiste Zeit sitzen die Anleger zusammengesunken in ihren Stühlen, grunzen zustimmend, schnaufen ablehnend, und warten darauf, dass das Catering beginnt. Dabei werden die besten Geschichten sowieso nicht am Rednerpult, sondern am Buffet geschrieben. Wie vor einigen Tagen bei Daimler. Dort servierte man den 5.500 Anteilseignern zu Mittag rund 12.500 sogenannte Saitenwürschtle. Was folgte, war eine durch und durch schwäbische Tragödie.

So soll ein Aktionär (Akt I, Exposition) gleich mehrmals Würstchen zum Mitnehmen in eine Tüte gesteckt haben. Zu viel Unrecht für eine weitere Anteilseignerin, die den Kollegen auf seine Naturaliendividende ansprach (Akt II, erregendes Moment). Der Schlagabtausch verschärfte sich (Akt III, Klimax), bis die Berliner Polizei den Konflikt lösen musste. Der Würstchendieb wurde zur Rede gestellt (Akt IV, Retardation), worauf die Anteilseignerin Strafanzeige (Akt V, Katastrophe) wegen Beleidigung stellte. Aristoteles hätte bei dieser Regeldramatik feuchte Augen bekommen. Ob die Protagonisten nun abschließend kathartisch geläutert sind, bleibt offen.

Daimler-Aufsichtsratschef Manfred Bischoff kündigte jedenfalls an, nächstes Jahr entweder mehr oder gar keine Würstchen mehr anzubieten. Es gilt jedoch als ziemlich sicher, dass die Aktionäre lieber auf die Dividende denn auf die Saitenwürschtle verzichteten. Aber kann man unserem schwäbischen Helden nun wirklich böse sein? Immerhin ist er auch nur das arme Würstchen am Bändel der Großkonzerne. Und wenn man ehrlich ist, gibt es auch gute Gründe für den Fleischklau.

Stichwort Panama Papers: Im Gegensatz zu Finanzhaien, die ihr Geld in Steueroasen verschiffen, ist ein Anleger, der am Daimlerbuffet Würstchen hamstert, ein eher überschaubares Problem. Am Ende will er wahrscheinlich einfach nur einen Snack für die Rückfahrt. Und zwar nicht in der S-Klasse, sondern im 2.-Klasse-Waggon. Vielleicht sogar im Reisebus. Zudem besitzt er vermutlich keine Briefkastenfirma. Ja, gut möglich, dass der würstchenklauende Kleinanleger sogar Steuern zahlt. Hier, bei Daimler, zwackt er sich deshalb nur ein Quantum Genugtuung ab. Die Tupperdose ist die Briefkastenfirma des kleinen Mannes. Glaubt man den Stuttgarter Nachrichten, ist unser schwäbischer Protagonist aber nur die Spitze des Eisbergs.

In Berlin habe sich mittlerweile eine „Hardcore-Szene“ aus Rentnern etabliert, die ihren „Tagesplan am Hauptversammlungsgeschehen“ (genauer: dem Hauptversammlungs-Catering) ausrichtete. Diese Szene ist weder rechts noch links, sie hat einfach Hunger. Sie futtert sich durch die Messehallen wie Termiten durch einen Ikea. Eine kulinarische Querfront, die begriffen hat, dass Steuerschulden und überhöhte Bonuszahlungen nicht vor Gericht, sondern am Buffet beglichen werden.

Wenn Sie glauben, hier würde sich über Buffetdiebe lustig gemacht, liegen Sie falsch. Wissen Sie was? Vergessen Sie das „überschaubare Problem“. Buffet-Hooligans sind eine ernstzunehmende Gefahr. Laut dem ehemaligen Finanzvorstand von Beiersdorf, Ulrich Schmidt, gehen rund zehn Prozent der Kosten einer Hauptversammlung nur für das Catering drauf. Zehn Prozent! Wenn der Gefrierbeutel erst zur Standardausrüstung wird, war’s das mit den dicken Boni. Dann schieben sich die Aktionäre Würstchen rein, und der Vorstand nagt am Hungertuch. Da kann man ruhig schon mal die Polizei rufen.

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Helmut Eckert 19.04.2016 | 16:01

Wie ein Brennglas zeigt dieser der mehrmaligen Wurstaneignung wie es zugeht in dieser Gesellschaft.  ...



Aus: "Drama am Buffet" Simon Schaffhöfer (19.04.2016)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/simons/drama-am-buffet


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[Den desolaten... ]
« Reply #527 on: April 25, 2016, 10:37:01 vorm. »
Quote
[...] Den desolaten Lebensverhältnissen der unteren Schichten, über die die Angehörigen des Besitzstandbürgertums allenfalls hin und wieder einmal beim Flanieren durch die Fußgängerzonen stolpern, wird die eigene Leistungsfähigkeit entgegengehalten. Jene, die von sich glauben, dass sie doch der Motor der Gesellschaft seien, über ein nettes Eigenheim und zwei relativ neue Autos verfügen, einem mehr oder weniger gut dotierten Beruf nachgehen, auch bereits in ihrer Funktion als legitime Erben aufgetreten sind und nicht selten eine beachtliche Summe allein auf ihrem Girokonto geparkt haben, verfügen über das, was sie verfügen, natürlich nur aufgrund ihres eigenen Arbeitseinsatzes und ihrer Fähigkeiten - glauben sie.


Aus: "Die Armen in Deutschland - dem Tod so nah" Marcus Klöckner (24.04.2016)
Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/48/48022/1.html

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[Er habe... ]
« Reply #528 on: April 29, 2016, 08:13:39 vorm. »
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2014 wählte das Time Magazine Icahn zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Welt. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Icahn (04/2016)

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[...] Der als aggressiver Investor bekannte Milliardär Carl Icahn hat sich von seiner Apple-Beteiligung getrennt. Der Grund sei vor allem die Sorge um das Geschäft des iPhone-Konzerns in China gewesen, sagte der Starinvestor dem TV-Sender CNBC. ... Icahn hatte Apple-Papiere im Wert von mehreren Milliarden Dollar zusammengekauft und danach auf den Konzern Druck gemacht, Anteilseigner über Aktienrückkäufe und Dividenden an den Milliardengewinnen zu beteiligen. Apple erhöhte die über mehrere Jahre verteilten Ausschüttungen diese Woche um 50 Milliarden Dollar auf insgesamt 250 Milliarden Dollar. Icahn sagte, er habe an den Apple-Aktien etwa zwei Milliarden Dollar verdient. ...


Aus: "Starinvestor Icahn zieht sich wegen unsicherem Chinageschäft zurück" (29. April 2016)
http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-04/apple-carl-icahn-rueckzug-china


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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #529 on: Mai 03, 2016, 10:31:17 vorm. »
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[...] Einmal stand ich mit meinem Chef in einer alten Kaufmannsvilla an der Elbe. Der Garten war groß wie ein Park, von der Terrasse blickte man auf den Hafen, im Haus schmückte Stuck die Zimmerdecken. Ein Traum. Am Ende verkauften wir das Haus für 4,5 Millionen Euro. Für mich unvorstellbar viel Geld.

Was mich am Anfang irre beeindruckte, wurde irgendwann Alltag: Ich traf Bundesligaspieler und andere Prominente in ihren Lofts, vermittelte Wohnungen in der HafenCity, Kaltmiete: 4000 Euro. Ich blickte in eine Welt, die mir sonst verschlossen blieb. Aber natürlich war ich nie Teil davon, ich war nur eine Vermittlerin, eine Dienstleisterin. Ich hatte zwar ein festes Gehalt, aber keine großen Aufstiegschancen. Nach zwei Jahren kündigte ich. ...


Aus: "Mein Leben als Immobilienmaklerin: Exklusiv, repräsentativ, protzig" Aufgezeichnet von Christopher Piltz (09.04.2016)
Quelle: http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/immobilienmaklerin-das-anonyme-job-protokoll-a-1088353.html


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[Der Anteil... ]
« Reply #530 on: Mai 09, 2016, 09:47:27 vorm. »
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[...] Der Anteil der Mittelschicht an der Bevölkerung ist in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten auf zuletzt 54 Prozent geschrumpft. Rund 20 Jahre zuvor lag er noch bei 60 Prozent. Vergleicht man die Entwicklung von 1991 bis 2013, ist für Deutschland mit 6 Prozentpunkten ein ebenso großes Schrumpfen der Mittelschicht zu verzeichnen wie in den USA. Das zeigt eine am Freitag in Berlin veröffentlichte Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Insgesamt gab es in den USA aber eine größere Polarisierung, so das DIW.

Einkommensverluste der Absteiger und -gewinne der Aufsteiger seien nämlich vergleichsweise größer gewesen in Deutschland. Als zentrale Gründe für das Schrumpfen der Mittelschicht in Deutschland sehen die Experten ein Anwachsen des Niedriglohnbereichs. Hintergrund sei die Zunahme der im Schnitt geringer bezahlten Jobs im Dienstleistungssektor und der Wegfall von Arbeitsplätzen in der Industrie. Besonders betroffen sind Ausländer. „In Deutschland sind in den letzten Jahren zunehmend die Ausländer aus der Einkommensmittelschicht abgestiegen“, sagte Markus M. Grabka vom Sozio-ökonomischen Panel (SOEP) des DIW, einer Langzeitbefragung privater Haushalte.

In den USA seien verstärkt aus Lateinamerika stammende Menschen abgestiegen. Die Mittelschicht wird älter: Der Anteil bei den 18- bis 30-Jährigen sank in Deutschland von 1983 bis 2013 von 69 auf 52 Prozent, bei den 30- bis 45-Jährigen von 78 auf 64 Prozent. Menschen im Rentenalter haben dagegen aufgeholt: von 24 auf 41 Prozent. Bei den jungen Erwachsensen stieg der Anteil der Einkommensschwachen besonders deutlich - bei den ab 65-Jährigen nahm dieser stark ab. (dpa)


Aus: "Studie des DIW: Mittelschicht schrumpft auf 54 Prozent - Lage ähnlich wie in USA" (06.05.2016)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/studie-des-diw-mittelschicht-schrumpft-auf-54-prozent-lage-aehnlich-wie-in-usa/13561164.html

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[...] Erst vor wenigen Wochen gab es wieder einen dieser Momente, vor denen sich Jeffrey Hanset so fürchtet. Es hatte geregnet, der Boden war glatt. Als der 28-Jährige die Treppen zur U-Bahn hinunterlief, rutschte er aus. Er konnte sich gerade noch fangen. "Ich denke dann nicht, zum Glück habe ich mir nicht wehgetan, sondern zum Glück habe ich mich nicht verletzt, ich hätte keine Ahnung, wie ich das bezahlen sollte", sagt der blasse junge Mann mit sanfter Stimme bei einem Bier im New Yorker East Village.

Jeffrey Hanset ist aus Portland, dort hat er Französisch und Sozialwissenschaften studiert, danach unterrichtete er ein Jahr in Frankreich Englisch. Seit er vor drei Jahren nach New York gezogen ist, hat er zahlreiche Jobs gehabt, erst im Einzelhandel, später in Restaurants und Büros. Derzeit ist er Produktionsassistent einer Fernsehsendung. Er arbeitet Vollzeit, manchmal 16 Stunden am Tag. Trotzdem stößt Hanset finanziell schnell an seine Grenzen: Er gehört zu den 47 Prozent im Land, die laut einer Studie der US-Notenbank Federal Reserve im Notfall nicht in der Lage wären, 400 Dollar zu bezahlen, etwa für einen Arztbesuch oder eine Autoreparatur.

...


Aus: "Armut in den USA: Ein Leben im Dispo"  Thorsten Schröder, New York (8. Mai 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-05/armut-usa-kredite-schulden-ersparnisse


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[In einer repräsentativen... ]
« Reply #531 on: Mai 11, 2016, 11:42:42 vorm. »
Quote
[...] In einer repräsentativen Umfrage gaben 82 Prozent der Befragten an, dass die soziale Ungleichheit mittlerweile zu groß sei. Das geht aus einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung hervor, die ZEIT ONLINE exklusiv vorab vorliegt. Das Unbehagen ist weit verbreitet, auch Menschen mit hohem Einkommen teilen diese Meinung. Selbst Gutverdiener mit einem Nettohaushaltseinkommen von 4.000 Euro und mehr stimmen noch zu 76 Prozent der Aussage zu, dass die Ungleichheit zu groß sei. ...

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AfterYou #2 ... "Selbst Besserverdiener zweifeln an der Gerechtigkeit." Überraschung: auch ein Mensch, der von Ungerechtigkeit profitiert ist in der Lage, sie zu bemerken. ... "
http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-05/umfrage-deutschland-friedrich-ebert-stiftung-soziale-ungleichheit?cid=6639803#cid-6639803

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Börse #4  ... Eine schöne Studie. Es bleibt dabei eigentlich nur die Frage warum die Meinung von 80% der Bevölkerung für die Politik keinen Effekt hat?! ...
http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-05/umfrage-deutschland-friedrich-ebert-stiftung-soziale-ungleichheit?cid=6639814#cid-6639814


Aus: "Mehrheit findet Deutschland ungerecht" Zacharias Zacharakis (11. Mai 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-05/umfrage-deutschland-friedrich-ebert-stiftung-soziale-ungleichheit


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[Das Syndrom ist extrem vielschichtig... ]
« Reply #532 on: Mai 19, 2016, 09:25:10 vorm. »
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[...] Im Fernsehen wird das Messietum meist als Unterschichtenphänomen dargestellt. Problem von Alkoholikern, die in völlig vermüllten Wohnungen leben. Dramatische, bedauernswerte Schicksale, sagt Bernhard. Aber nicht Messietum im eigentlichen Sinn. Das Syndrom ist extrem vielschichtig, geht oft mit anderen Krankheiten wie Depression einher, versteckt sich auch hinter erfolgreichen Managerkarrieren. Im Familienzentrum am Mehringdamm in Berlin-Kreuzberg treffen sich wöchentlich Menschen aus allen gesellschaftlichen Milieus und Altersklassen. Die „Anonymen Messies“ haben Ortsgruppen in sämtlichen Großstädten und sechs Berliner Stadtteilen. ...  „Verwahrlosung“ ist in Deutschland der zweithäufigste Kündigungsgrund nach Mietschulden. ...


Aus: "Leben als Messie: Der Herr der Dinge" Maris Hubschmid (18.05.2016)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/leben-als-messie-wegschmeissen-das-hat-die-tasse-nicht-verdient/13561986-4.html

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[...] In den Nullerjahren galt [Paris Hilton] als Vertreterin einer neuen Celebrity-Kultur, mittlerweile sind dem It-Girl unzählige Instagram-Stars, die die Selbstinszenierung zum Geschäft erklärt haben, gefolgt. ... Für die amerikanische "Vogue" öffnete sie den Kleiderschrank. Und wühlte sich durch eine Jeanssammlung, die ihresgleichen sucht. Immerhin, Paris Hilton nimmt's mit Humor: Die meisten Stücke aus ihrer Sammlung würde sie heute nicht mehr tragen. ...


Aus: "Paris Hilton öffnet ihren Kleiderkasten" (red, 18.5.2016)
Quelle: http://derstandard.at/2000037206654/Paris-Hilton-oeffnet-ihren-Kleiderkasten



« Last Edit: Mai 19, 2016, 09:32:15 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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[Vor dem Plakat... ]
« Reply #533 on: Mai 19, 2016, 10:13:47 vorm. »
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[...] Vor dem Plakat der Fluglinie stand ein Mann, mehr einer zerschlissenen Vogelscheuche gleichend, nur nicht mit ganz so schäbigen Klamotten. Ein Mittvierziger oder ein Endreißiger, der sich schlecht gehalten hatte. Er betrachtete das Plakat mit stumpfem Blick, Palmen im Hintergrund, Vater, Mutter, Bengel in freudiger Erwartung, »Alle fliegen mit, nur der graue Alltag nicht« steht drüber. »Jetzt buchen!« Es gäbe ja auch Nachlass, »Sichern Sie sich den Frühbucherrabatt!« Der Mann stemmte seine Hände in die Jackentasche. Es war nicht sonderlich kalt, aber seine Körperhaltung war die eines Frierenden, der sich klein macht, sich zusammenkauert, um weniger Angriffsfläche für die Kälte aufzubieten. Nach einem Augenblick richtete er seine Augen wieder auf den Weg, den er gedachte zu gehen. Seine Jacke war fast noch stumpfer als sein Blick, zu dick für die Jahreszeit außerdem, zu allem Überluss hing die rechte Jackentasche zur Hälfte hinunter, seine Hand lugte halb aus der zerfetzten Höhle. Er schlurfte Richtung Discounter, musste vorbei an dem Plakat eines weiteren Reiseanbieters, der Sonne und Erholung versprach. Ob er dort allerdings auch kurz innehielt, vermag ich nun nicht genau zu berichten, denn ich bin ihm nicht gefolgt, musste in eine andere Richtung weiter. So kann ich also nur Mutmassungen anstellen und male mir folgend aus, wie er seinen Weg fortsetzt haben könnte.

Ich kenne die Strecke, die er zurückgelegt haben muss. Wenn nicht an jenem Tag, dann ist er sie wann anders gegangen. Kenne die Plakate, die Angebote, die man auf Passanten einwirken lässt. Auch vor Sonne und Erholung machte er Halt, da bin ich mir sicher, er schien sonst wenig zu tun zu haben. Glotzte die Leinwand an, so zusammengefallen von Kopf bis Fuss, wie es seiner Körpersprache zu entsprechen schien. »Eine Woche für 399 Euro p.P.« Er würde den Systemgastronomen links liegen lassen, »Der Klassiker für nur 2,09 Euro und 47 Prozent sparen!« lesen und nachrechnen. 2,09 Euro, das sind 4,18 D-Mark, - und falls er aus dem Osten kommen sollte - sind das über zwölf Ost-Mark oder eben 100 Öcken Ost, als der Laden schon zusammenfiel, je nachdem, aus welcher Zeit man kommt. Letztlich immer noch teuer, trotz rabattierter Halbierung, würde er sich gedacht haben. Etwas weiter sucht ein Laden seit einigen Wochen eine Hilfskraft, leider nur auf 450-Euro-Basis. Gegenüber suchen sie jemanden für die Kasse, 450-Euro Basis. Würde er die Parallelstraße entlanglaufen, fiele ihm vielleicht ein Schild im Schaufenster einer Autowerkstatt auf, ein optisch hübsch aufbereitetes mit €-Zeichen drauf, »Suchen dringend Mitarbeiter für Büro«, klein gedruckt drunter »auf 450-Euro-Basis«. Nirgends was zu holen.

Plakate. Anschläge. Zalando berechnet kein Porto. Amazon Prime günstig wie nie. Sky schenkt dir zwei Monate. Die Straßenbahn rattert vorbei, sie ist mit Angeboten bestrichen. »Komm ins Spa, Tageskarte ab 25 Euro!« Bestell dein Essen hier, bestell es dort. Jemand erleichtert das Leben seiner Kunden, wirbt damit, dass er dem Kunden eine Box mit den Lebensmitteln bringt, die er zur Zubereitung eines Abendessens benötigt. »Candlelight-Dinner ab 15 Euro pro Person!« Und immer wieder Urlaub, Strand, wogende Wellen, das Glück checkt ein. Warum in die Ferne schweifen, liegt der Mottopark so nah. »Kommen und staunen!« Kinder grinsen, die Eltern sehen verliebt aus, der Opa guckt lüstern vom Plakat herunter. »Übernachtung und Familienticket günstig wie nie!«

Ein Autohersteller wirbt etwas weiter hinten für sein neuestes Modell. Darauf die Karosse und eine blonde Durchschnittsschönheit mit dem Charisma einer Motorhaube. Vage Info: Auch günstig wie nie. »Informieren Sie sich jetzt über unsere attraktiven Leasingangebote!« Wäre der Mann stolzer Besitzer dieses Modells, ihm würden die vielen Plakate und Offerten gar nicht auffallen, er würde diese Angebote aus einer Welt, in der solche Werbeanzeigen auf Interesse stoßen, das es auch bezahlen kann, überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen. Ebensowenig blieben ihm die Reklamesäule kurz dahinter fremd, die Anschläge des städtischen Kulturbetriebes, Konzerte und Stücke, Alice Cooper, der in die Stadt kommt, Billy Joel und wen es da alles noch so als Attraktion gibt. »Karten ab 36 Euro. Jetzt bestellen!« Kultur ist schon was Schönes. ...

Für die Habenichtse fühlt sich der zur Schau beworbene Reichtum an Möglichkeiten wie Zynismus an. ...

...


Aus: "Die Ikonologie exkludierenden Wohlstandes" Roberto J. De Lapuente (Donnerstag, 19. Mai 2016)
Quelle: http://ad-sinistram.blogspot.de/2016/05/die-ikonologie-exkludieren-wohlstandes.html

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[Immer mehr Mieter... ]
« Reply #534 on: Mai 25, 2016, 09:26:11 vorm. »
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[...] Immer mehr Mieter sitzen in ihrer Wohnung fest, weil es kaum bezahlbare Alternativen gibt. Ausgerechnet die Mietpreisbremse könnte das Problem noch verschärfen.

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stefan1961a #5

Billiger Wohnraum lockt Gesindel an. Gerade für kleinere Gemeinden ist es sinnvoller darauf zu achten, dass hochwertiger Wohnraum geschaffen wird der für gut verdienende und qualifizierte Menschen geeignet ist. Diese Menschen schaffen Wohlstand und zahlen Steuern. Wer in seiner Gemeinde billigen Wohnraum fördert und damit potentielle Harz-IV Empfänger anlockt schadet seiner eigenen Gemeinde.

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Halbgasfahrer #5.5

Das spricht ein wahrer Menschenfreund.


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ostatne #5.4

 ... In Großstädten zieht preiswerter Wohnraum solch "Gesindel" wie Studierende und Künstler an. Natürlich auch viele die von Hartz IV abhängig sind. Die müssen ja auch noch irgendwo hin. Sonst kommen die noch auf die Idee in Ihrem Vorgarten in ihrer kleinen Gemeinde zu zelten und Ihre Gartenzwerge zu belästigen.


...



Aus: "Mietpreisbremse: Umziehen wird zum Luxus" Lukas Koschnitzke (25. Mai 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-05/mietpreisbremse-wohnungsmarkt-lock-in-effekt-mieter


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[Das ist in dem Job eben so üblich... ]
« Reply #535 on: Mai 26, 2016, 03:05:09 nachm. »
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[...]  Rick Astley: Während meiner Jahre als aktiver Popstar habe ich niemals für eine Mahlzeit bezahlt. Ich aß nur in den besten Restaurants Europas und sah nie eine Rechnung. Ich musste auch nie eine einzige Hotelrechnung begleichen. Das ist in dem Job eben so üblich.  ...

 ZEITmagazin: Anfang der Neunziger haben Sie Ihre Pop-Karriere aufgegeben. Warum eigentlich?

Astley: Es kam vieles zusammen. Mir war irgendwann die Freude an der Musik abhandengekommen. Weil es eben immer weniger um Musik ging und immer mehr um den Zirkus drum herum. Ab einem gewissen Punkt hatte ich das Gefühl, nur noch in bizarren Talkshows zu Vollplayback herumzukaspern. Ich erinnere mich an eine deutsche Fernsehshow, in der ich mit einem Kamel auf der Bühne stand. Ich dachte mir: Was mache ich hier eigentlich neben einem verdammten Kamel? Klar, es ist alles Entertainment, aber wenn man mit einem Kamel auf der Bühne steht, ohne zu wissen, warum, kommt man schon ins Grübeln. ...

 ZEITmagazin: Ihre Tochter ist mittlerweile 24. Haben Sie ihr von Ihrem alten Leben als Popstar berichtet?

Astley: Die nimmt das alles ganz cool. Sie hat die Zeit, in der ich berühmt war, ja nicht miterlebt. In ihrer Jugend war ich nicht mehr im Fernsehen, und im Radio war ich auch nur noch selten zu hören – bis sie ein Teenager war und Rickrolling kam. Da mussten wir reden. Ich setzte mich also mit ihr hin und erklärte ihr meinen alten Job. Richmond, wo wir leben, ist ja eher so ein gehobener Teil von London, da ist sie ganz andere Berühmtheiten gewohnt. Sie ging zur Schule mit den Kindern von Pete Townshend und Mick Jagger. Mit einer Jagger-Tochter ist sie eng befreundet. Verstehen Sie mich nicht falsch, das ist keine Eliteschule, da schicken auch viele ganz normale Menschen ihre Kinder hin. Aber für mich waren diese anderen Stars ein Vorteil, weil ich da nicht weiter auffiel.

ZEITmagazin: Wie war das: Saßen Sie da bei den Elternabenden neben Mick Jagger?

Astley: Nein, aber in einem Wettrennen der Väter an dieser Schule bin ich mal gegen Mr. Jagger angetreten. Er war ziemlich schnell. Gewonnen hat er allerdings nicht. Der ehemalige britische Zehnkämpfer Daley Thompson machte nämlich auch mit. Der Mann hat immerhin bei den Olympischen Spielen Goldmedaillen geholt. Seine Kinder gingen eben auch auf diese Schule. Für das Rennen musste er 40 Meter hinter uns starten – und hat trotzdem gesiegt. ...

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NomDeGuerre vor 6 Minuten

"Sie sind dann mit 27 in den Vorruhestand gegangen. Was haben Sie danach vermisst?"
Klar, mit 27! Nun ja, besser als dem berühmten Club beizutreten. Dass Hipster per se seine Platten verschmähen, bezweifel ich ernsthaft. Wie auch immer, sympathischer Mann.

...



Aus: "Rick Astley: Old Boy" Christoph Dallach (ZEITmagazin Nr. 21/2016)
Quelle: http://www.zeit.de/zeit-magazin/2016/21/rick-astley-popsaenger-comeback


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[Die Höhe... ]
« Reply #536 on: Juni 08, 2016, 10:07:04 vorm. »
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[...] Die Höhe einer Beamtenpension richtet sich ausschließlich nach dem letzten Gehalt. Das ist üblicherweise das höchste. Dagegen bekommen Normalrentner das, was sie im Laufe ihres Arbeitslebens an Entgeltpunkten zusammengesammelt haben, also einen Teil ihres Lebensdurchschnittsverdienstes. Schon allein dadurch sind Beamtenpensionen erheblich höher. Dazu kommen noch Zuschläge für Ehegatten und jahrelange Steuervorteile. Im Schnitt, so rechnen es mehrere Studien von unterschiedlichen Autoren vor, setzen sich Beamte mit dem Dreifachen dessen zur Ruhe, was gesetzliche Rentner bekommen. Sie kassieren rund 3.000 Euro. Der Wirtschaftsprüfer Torsten Ermel nennt sie deshalb "die Adeligen von heute". Der Deutsche Beamtenbund weist solche Zahlen als überzogen zurück und warnt vor einer "Neiddebatte".

... Im Vergleich zu den 250 Milliarden Euro, die jährlich von der gesetzlichen Rentenkasse an die deutschen Ruheständler gezahlt werden, klingen die 38,5 Milliarden Euro Beamtenpension vielleicht nicht so wild. Arbeiter und Angestellte bekommen sechseinhalb Mal so viel. Aber: Sie stellen auch ein Heer von 20,5 Millionen Rentnern, während es nur 1,1 Millionen pensionierte Beamte gibt. Rechnet man also einmal simpel pro Kopf um, was demnach jeder Beamte bekommt, sind es 2.356 Euro im Monat, während jeder Rentner 857 Euro kriegt.

... Wirklich arme Ex-Beamte jedenfalls gibt es nicht: Grundsicherung beziehen null Prozent von ihnen. In der gesetzlichen Rentenstatistik dagegen finden sich sogar sieben Prozent Akademiker unter denjenigen, bei denen der Staat die Mindestrente zuschießen muss. Ingenieure gehen zu fünf Prozent arm in Rente. Und 30 Prozent der Grundsicherungsbezieher sind Selbständige, von denen dürften einige einen Universitätsabschluss haben.

... Auch wenn man die üblichen Renten- und Pensionsanpassungen seit 1999 vergleicht – den Inflationsausgleich sozusagen – ziehen die gesetzlichen Rentner den Kürzeren: Sie haben 126 Euro mehr in der Tasche, macht einen Prozentpunkt Zuwachs pro Jahr. Pensionäre bekommen 401 Prozent mehr, 1,35 Prozentpunkte pro Jahr, so hat das Bürgerbündnis ADG errechnet. Nur Politikerpensionen wuchsen noch schneller, um zwei Prozentpunkte.

Das Problem bei einer großen Reform des Pensionssystems für Beamte dürfte sein: Dafür ist eine Zweidrittelmehrheit des Bundestages nötig. Die stärkste Fraktion aber, die dort vertreten ist, ist eben diejenige der Beamten. Gleich dahinter folgen die Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes und der politischen Parteien. Beide Berufsgruppen stellen rund 40 Prozent des Bundestages. Unwahrscheinlich, dass da eine Diskussion über Pensionen entbrennt.

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-Flo- #1

Immer wenn keine Argumente mehr verfügbar sind, greift man in den Trickkoffer billiger Polemik. Wenn ich schon das Wort "Neiddebatte" lese, brauche ich nicht weiter lesen. Umgekehrt könnte man auch von einer "Geizdebebatte" sprechen. Nur das ich mich nicht auf diese Argumentationsniveau hinabbegeben möchte...


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SamVimesII #1.7

Also ich bin Akademiker, promoviert, und arbeite Vollzeit (40 Std./Woche). Eine Verlängerung ist - unter Vorbehalt der Mittelbereitstellung - angestrebt, wie es so schön heißt. Ich verdiene netto 1284 Euro. Mein Problem ist das Rentenniveau, was SPD abgesenkt und die Union nicht wieder erhöht hat. Ein Rentenmodell, was sich an der Schweiz orientiert (ALLE Einnahmen werden herangezogen) und die Rentenfinanzierung wäre gelöst. Dann bräuchte man auch nicht mehr versuchen, Lehrer gegen Angestellte und Rentner gegen Pensionäre auszuspielen.


...


Aus: "Fünf Jahre Arbeit, 1.573 Euro Pension" Nadine Oberhuber (7. Juni 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-06/beamtenpension-rentenreform-altersarmut-ruhestand


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[Bund und Länder haben mit dem Programm... ]
« Reply #537 on: Juni 16, 2016, 07:59:37 vorm. »
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[...] Eigentlich sollte der Beschluss nur eine Formalie sein. Aber jetzt steht die milliardenschwere Förderung von Elite-Universitäten in Deutschland auf der Kippe. Die Ministerpräsidenten der Länder wollen mit Kanzlerin Angela Merkel am Donnerstag entscheiden, ob die Exzellenzinitiative fortgesetzt wird - und dabei schießt ein Bundesland quer.

Hamburg hat ein Veto angekündigt. Die Chancengleichheit zwischen den Hochschulen sei in der Vereinbarung noch nicht genug berücksichtigt. Es könne zu einer "Zweiklassen-Hochschullandschaft" kommen, warnte die Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank im "Tagesspiegel". "Das wäre weder leistungsfördernd noch fair."

Sollte Hamburg bei seinem "Nein" bleiben, wäre das Projekt erst einmal gescheitert. Denn für die Fortsetzung der Exzellenzinitiative ist ein einstimmiges Votum nötig.

Bund und Länder haben mit dem Programm seit 2006 insgesamt rund 4,6 Milliarden Euro in ausgewählte Elite-Universitäten und Forschungsprojekte gepumpt. Das Programm wurde mehrfach verlängert, läuft aber Ende 2017 aus. Deshalb ist eine Neuauflage geplant, die jetzt als "Exzellenzstrategie" bezeichnet wird. Fördersumme: 533 Millionen Euro pro Jahr.

Rund 75 Prozent der Förderung übernimmt der Bund, 25 Prozent die Länder. Noch in diesem Sommer sollen für das Programm die Ausschreibungen für bis zu 50 Forschungsprojekte als Exzellenzcluster beginnen. Im Juli 2019 sollen dann auch die acht bis elf neuen Elite-Universitäten feststehen.

Grundsätzlich hat Hamburg nichts gegen dieses Prinzip der Förderung. Fegebank bekennt sich immer wieder zur Exzellenzinitiative. Die Senatorin pocht jedoch darauf, dass jede Hochschule die gleiche Chance haben soll, Elite-Uni zu werden - und das erscheint ihr bisher zweifelhaft.

Aus ihrer Sicht ist es für eine aufstrebende Hochschule derzeit faktisch nicht machbar, den Titel Exzellenz-Universität neu zu erwerben, weil die bisherigen Elite-Unis ihre Leistungen nicht wirklich überprüfen lassen müssten. "Nur wer trotz intensiver Förderung nach sieben Jahren schlechter ist als heute, verliert den Status", kritisiert die Senatorin.

Gegner vermuten, dass hinter der Kritik schlicht eigennützige Interessen stecken, dass Fegebank die Chancen auf Fördergelder für die Universität Hamburg - bisher ohne Elite-Titel - verbessern will. Der Hochschulrat der Uni hatte sich allerdings öffentlich von Fegebanks Veto distanziert.

Die Senatorin betonte danach, die Hochschule habe auch nach jetzigen Bedingungen beste Chancen, Elite-Uni zu werden. "Das heißt aber nicht, dass ich von meiner Forderung - mehr Aufstiegschancen für alle Hochschulen - Abstand nehme." Dabei hat sie die volle Rückendeckung von Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), der bei der Abstimmung letztlich sein Votum abgeben muss.

Das Hamburger Nein könne sich letztlich noch zum Ja wandeln, falls ein tragfähiger Kompromiss auf den Tisch komme, sagte Fegebank bis zuletzt. "Sie können sich vorstellen, dass gerade rege Betriebsamkeit am Telefon, per E-Mail und SMS besteht - auf allen Ebenen."

Aus Fegebanks Sicht teilen immer mehr Experten die Hamburger Bedenken, wenn auch hinter vorgehaltener Hand, darunter andere Bundesländer und diverse Hochschulen. Noch sei nicht klar, ob es am Donnerstag zu einer Abstimmung der Regierungschefs kommt. Fegebank: "Es ist nichts für schwache Nerven gerade."

Vielen Studentenvertretungen, Wissenschaftler und auch der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) geht die Hamburger Kritik längst nicht weit genug. Sie stellen das Elite-Förderprogramm grundsätzlich in Frage und fordern, dass in die deutsche Hochschullandschaft flächendeckend mehr Geld investiert wird, statt in ausgewählte "Leuchttürme".

In Hamburg demonstrierten Studenten bereits für einen "Exit". Die Forderung: "Uni für alle statt Exzellenzinitiative". Das Programm stehe für "Verwettbewerblichung, Mangelsituationen an vielen Hochschulen und Zeitverschwendung für sinnlose Anträge", hieß es vom "freien Zusammenschluss der studentInnen" (fzs).

Die Bildungsgewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) rief die Regierungschefs von Bund und Ländern zu einem Moratorium über die Exzellenzinitiative auf.

"Statt für den überfälligen Ausbau der Hochschulen und die Verbesserung der Qualität von Forschung und Lehre in der Fläche zu sorgen, wollen Bund und Länder auf unbestimmte Zeit Milliarden in die Spitzenforschung an ausgewählten Elite-Unis pumpen", sagte der stellvertretende GEW-Vorsitzende Andreas Keller.

"Es ist fatal, wenn Bund und Länder jetzt ihr ganzes Pulver verschießen, indem sie grünes Licht für die Verlängerung der Exzellenzinitiative geben. Wir brauchen mehr Studienplätze, bessere Betreuungsrelationen sowie stabile Beschäftigung."

fok/dpa


Aus: "Milliarden für Elite-Unis: Hamburg droht mit Veto" (16.06.2016)
Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/ministerpraesidenten-stimmen-ueber-exzellenzinitiative-ab-a-1097752.html

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[Es gibt plötzlich diesen neuen Typus... ]
« Reply #538 on: Juni 19, 2016, 12:04:48 nachm. »
Quote
[...]  „Das Sicherheitsgefühl spielt für mich eine wichtige Rolle“, sagt die junge Mutter. Flüchtlinge in ihrer Nachbarschaft sehe sie daher kritisch. In einem Restaurant an der Berliner Straße sitzt Mathias Lutze und macht Mittagspause. Für den 54-Jährigen sind die Aussagen Gaulands grenzwertig. „Trotzdem entspricht es leider auch etwas der Wahrheit.“ Denn vor allem in den wohlhabenderen Gegenden, in denen die Menschen viel Geld investiert haben, sei die Angst vor dem Unbekannten groß, meint Mathias Lutze. ...


Aus: "Zu Besuch in Gaulands Nachbarschaft" (31.05.2016)
Quelle: http://www.maz-online.de/Brandenburg/Zu-Besuch-in-Gaulands-Nachbarschaft

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[...] Den "Sylt-Effekt" nennt das Wolfgang Joop. "Es gibt plötzlich diesen neuen Typus, den man hier früher nicht sah. Diesen diskreten Luxus. Die blonden Frauen mit den leicht nervösen Gesichtern, die mit einem großen Auto und einer Horde Kinder zum Biomarkt fahren und dort sehr bewusst einkaufen." ...


Aus: "Potsdam: Das preußische Sylt" Doreen Reinhard (16. Juni 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/2016/26/potsdam-wohnort-reiche-ursachen
« Last Edit: Juni 19, 2016, 12:08:26 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Und im World Reputation Ranking... ]
« Reply #539 on: Juni 20, 2016, 12:55:00 nachm. »
Quote
[...] Dort [in der Schweiz] werden die Professoren gut bezahlt. Sehr gut sogar. 15 500 Euro erhalten sie im Schnitt umgerechnet im Monat. Auch das ist ein Grund für Wissenschaftler, um sich bei den Nachbarn zu bewerben. Wichtiger noch: Unter den 200 besten Hochschulen der Welt – gemessen an den Zitationen – finden sich sieben aus der Schweiz. Aus Österreich lediglich die Uni Wien. Und im "World Reputation Ranking", das nach dem Prestige einer Uni fragt, landet die ETH Zürich auf Platz 15. ...

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Parkettpolitur #18

... Solange in der Wissenschaft Tenure-Track-Stellen nicht der Normalfall sind und solange es keine attraktiven Stellenprofile unterhalb oder neben der Professur gibt (z. B. unbefristete Lehr- und Assistenzprofessuren, Teilzeit-Lecturerstellen u. ä.), wird sich an alledem auch nichts ändern: das System wird "pyramidal" bleiben, mit wenigen professoralen Machthabern und vielen marginalisierten Wissenschaftsprekariern, die mit 45 entweder endlich einen Ruf bekommen oder in der Arbeitslosigkeit (ver-)enden, nachdem sie natürlich zuvor schon auf Familiengründung u. ä. verzichtet haben (denn wie soll das gehen). Deshalb werde ich dieses Jahr den Wissenschaftsbetrieb verlassen - trotz Diss und Habil, trotz vieler Publikationen und Drittmittel, trotz guter "Netzwerke". Die Strukturen sind menschenfeindlich.



Aus: "Professoren: Wenn der Berg ruft"  Matthias Daum und Florian Gasser (9. Juni 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/2016/23/professoren-oesterreich-schweiz-deutsche-konkurrenz-universitaeten/komplettansicht

« Last Edit: Juni 20, 2016, 01:18:09 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #540 on: Juni 26, 2016, 09:14:58 nachm. »
Quote
[...] Der Grund für den Umzug waren die Mieten. Für uns fünf war es in unserem gentrifizierten Bio-Stadtteil zu teuer – mein Frau und ich arbeiten freiberuflich. Als ich einmal eine Vermieterin fragte, warum sie fast doppelt so viel verlange, wie der Mietspiegel vorsieht, nannte sie mich einen "Korinthenkacker" und sagte, "an Leute wie Sie vermieten wir nicht". In Berlin-Neukölln fanden wir eine günstige Wohnung, nach zwei Jahren Suche. Zwar beginnt auch hier die sogenannte Aufwertung, die schicken Bars kommen und die Austauschstudenten aus Barcelona und New York. Aber im Kern bleibt es das, was viele einen "Problemkiez" nennen. Denn mehr als ein Drittel der Einwohner ist arm, der Migrantenanteil liegt bei gut der Hälfte, die Eckkneipen sind schon morgens mit (übrigens deutschen) Zechern gefüllt. Die linksliberalen Familien, die früher unser Umgang waren, meiden solche Gegenden wie der Teufel das Weihwasser. ...

Deutsche Städte sind aufgeteilt in gute und weniger gute Gegenden, Stadtforscher sprechen von "Segregation". Das passt alles nicht recht zu dem linksliberalen Weltbild, das Menschen wie ich doch eigentlich pflegen. In Prenzlauer Berg, unserem Modellviertel, war der Ausländeranteil an der Schule gleich null. An der ersten Schule in Neukölln, die ich mir anschaute, stand ich in einer Klasse mit 25 Kindern: Alle hatten einen Migrationshintergrund, einige konnten nicht richtig Deutsch, einer sprach nicht ein einziges Wort. Meine Frau und ich entschieden uns gegen diese Schule, auch wenn wir uns selbst dabei nicht gefielen. Wir wussten, dass die anderen Schüler zumindest hinsichtlich der Sprache enorm von unseren Söhnen profitiert hätten. Aber andererseits dachten wir: Man muss Integration auch nicht auf dem Rücken des Nachwuchses austragen. Was sollen unsere Kinder lernen, wenn nicht einmal die gemeinsame Sprache selbstverständlich ist.

Seit ich ein Buch über all das geschrieben habe, habe ich mich mit einem Bekannten von früher zerstritten. Er konnte nicht ertragen, wie hässlich ich diese Segregation der Stadt finde. Ausgerechnet die modernen Kreativen aus dem ganzen Land, die "digitale Boheme", haben einen gentrifizierten Stadtteil geformt, in dem kaum Ausländer leben und in dem unschöne Elemente wie arme Menschen, Süchtige und ruhestörende Clubs keine Chance haben. In Vierteln wie Prenzlauer Berg sei eigentlich, wie ein Wohnungseigentümer mir während meiner Recherchen sagte, der rechtsradikale Traum der "national befreiten Zone" wahr geworden. Rumänen, Türken, Araber müssten draußen bleiben.

Wenn niemand auf die Idee käme, sein Kind an eine vermeintlich bessere Schule im Nachbarstadtteil zu schicken, wären alle Schulen gemischt. Das bleibt aber ein Traum. Wir fanden schließlich eine Schule in Neukölln, auf der die Hälfte der Kinder einen "nicht deutschen Hintergrund" hat, wie es im Amtsdeutsch heißt. Und das ist eine gute Mischung. An der schicken Schule in Prenzlauer Berg hatte es zuletzt Streit gegeben, weil nicht alle Grundschüler an dem Tanztheaterprojekt teilnehmen durften, das in der Volksbühne aufgeführt wurde – einer der angesehensten Bühnen der Welt. Solche Sorgen kennen wir heute nicht mehr. Damals, im gentrifizierten Viertel, wurde auf überfüllten Elternabenden stundenlang über Bio-Essen diskutiert und darüber, ob der Eltern-Newsletter das richtige Format für das iPhone hat. Ein Vater beschwerte sich, er müsse "immer so viel scrollen". In unserer neuen Gegend freut man sich, wenn überhaupt ein paar Gestalten zum Elternabend erscheinen. Meine Kinder lernen jetzt das richtige Leben kennen. Wenn sie sich verabreden wollen, brauchen wir neuerdings kein WhatsApp mehr. Die anderen Kinder sind nachmittags sowieso auf dem Bolzplatz. Man geht einfach hin.

Aber wenn andere Eltern fragen, ob ich ihnen die Angst vor unserer Gegend nehmen kann, sage ich immer: Nein. Die Frage bleibt, wie sich unsere Kinder hier entwickeln werden, in einer Gegend, wo unter Heranwachsenden oft das Gesetz des Stärkeren gilt und die große Klappe siegt. Dreimal kamen meine Jungs heulend die Treppe hoch, es hatte Schläge gegeben, oder das Taschengeld war geraubt. Einmal ging ich mittags an einer Gruppe sehr kleiner Kinder vorbei, die Jungs schubsten sich mächtig herum, und eine Piepsstimme rief gerade: "Du Hurensohn! Ficker!" Ich dachte automatisch: "Typisch verwahrlost, wie gut, dass wir ...", und dann sah ich erst, dass mein eigener siebenjähriger Sohn dabei war. Es war seine Hortgruppe, auf einem Ausflug.

...

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Für Elise #39

Es ist was schon dran an dem Artikel, auch wenn der Gegensatz Prenzlauer Berg kontra Neukölln irgendwie überbetont wirkt. Aber es ist vielleicht der größte Gegensatz, den man an Berliner Lebenswirklichkeit und auch Klischee finden kann. Beide Ortsteile waren und sind ja immer irgendwie auch in den Medien.

Vor 20 Jahren war "Prenzlauer Berg" lebendig, rough und sehr hip. Er galt als authentisch, typisch Berlin, auch wenn dort bald mehrheitlich Zugezogene unter sich lebten. Jetzt ist es Neukölln, das als lebendig, rough und hip gilt. Nachdem es lang als Inbegriff des kleinbürgerlichen Westberlin und als völlig abgehängter multikultureller Problembezirk galt. Der Hype um Neukölln ist übertrieben und man muss im Norden des Bezirks (kein Viertel = ein Ortsteil mit rund 170 000 Einwohnern) lebend inzwischen hoffen, dass trotz aller auch positiven Entwicklungen kein total gentrifiziertes einförmiges "Prenzl-Kölln" draus werden wird.

Ja, das "richtige Leben" - Probleme und krasse Armut - sind immer noch sichtbar.

In meinem Nordneuköllner Quartier - einer eher dörflichen, fast idyllischen Ecke - sind seit 2008 etwa 30% der Bevölkerung ausgetauscht worden, Mieten bei Neuvermietungen um 89% (!) gestiegen. Viele können nicht ausweichen.

War es hier ziemlich verschlafen, halb türkisch, halb deutsch, viele Alteingesessene, sind die Studenten und deutschen Akademiker-Familien inzwischen gekommen. Dazu Bioladen. Biobäckerei. Bioeisdiele. (Vegane) Cafés. Yoga-Kurse...


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Kaffeetasse #44

"Ausgerechnet die modernen Kreativen aus dem ganzen Land, die "digitale Boheme", haben einen gentrifizierten Stadtteil geformt"

Wie kommt der Auto darauf diese Gruppe als "moderne Kreative" zu bezeichnen? Die sind alles andere als das.

"Solche Anekdoten erzählt man sich abends wie ein Trapper, der in der Wildnis einen gefährlichen Weg bewältigt hat."

Da wird aber übertrieben. Neukölln ist nicht gerade Islamabad. Die Geschichte wirkt reisserisch... .

Überall das gleiche Muster der Gentrifizierung. Zuerst ziehen ein Paar Künstler und gebildetere Habenichtse ins arme Viertel, dann eröffnen erste Cafés, es kommen erste Investoren, die Infrastruktur wird verbessert, Wohnungen werden als "Investitionsobjekt" entdeckt, besser Verdienende ziehen hin, Mieten steigen, noch mehr wird investiert, tolle Geschäfte eröffnen, das Viertel wird schicker, Arme können sich die Mieten nicht mehr leisten und müssen wegziehen, das Viertel wird erneuert und wirkt öde und langweilig und generisch, Rewe, dicke SUVs an jeder Ecke, unbezahlbare Mieten. ...


...


Aus: "Neukölln: Unser neuer Kiez" Thomas Lindemann (23. Juni 2016)
http://www.zeit.de/2016/25/neukoelln-berlin-schulen-kinder-konflikte/komplettansicht
« Last Edit: Juli 04, 2016, 01:22:31 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #541 on: Juli 04, 2016, 01:55:25 nachm. »
Quote
[...] Eribon: Auffallend ist, dass in England gerade die Arbeiter im Norden für den Brexit gestimmt haben, also in den Gegenden, in denen die Deindustrialisierung das Leben der Menschen vollkommen zerstört hat. Diese Leute haben nicht nur Geld verloren, sondern auch ihre Hoffnungen, ihr soziales Umfeld, ihr ganzes Leben. Das ist eins zu eins auf Frankreich übertragbar. Im deindustrialisierten Norden Frankreichs gibt es Gegenden, in denen der FN sechzig, siebzig Prozent der Stimmen bekommt. Dort haben die Menschen nicht das Gefühl, von der EU zu profitieren und oft haben sie damit auch einfach recht.

ZEIT ONLINE: Das erklärt aber noch nicht, warum sie rechts wählen und nicht zum Beispiel links.

Eribon: Die linke Politik steckt in einer schweren Krise, die sich seit Jahrzehnten angebahnt hat. Ich habe ein Buch darüber geschrieben, wie es dazu kommen konnte, D'une révolution conservatrice: In den Achtzigern haben linke Neokonservative mit Investorengeld Konferenzen organisiert, Seminare gegeben und mediale Debatten angezettelt mit dem Ziel, die Grenze zwischen rechts und links zu verwischen. Das war eine konzertierte Kampagne. Sie wollten all das abschaffen, worauf sich linkes Denken gründet: den Begriff der Klasse, die soziale Determination, die Ausbeutung der Arbeitskraft etc. Heute sehen wir, dass sie zum größten Teil erfolgreich waren.

ZEIT ONLINE: Woran sieht man das?

Eribon: Das beste Beispiel ist die sozialistische Partei Frankreichs: Wenn man heute einem sozialistischen Politiker gegenüber den Begriff der sozialen Klasse erwähnt, widerspricht er sofort und behauptet, so etwas existiere nicht mehr. Die französischen Linken glauben das wirklich und sind jetzt ganz verblüfft, weil sie feststellen, dass es doch noch eine Arbeiterklasse gibt. Es ist tragisch, dass die Arbeiter erst für den Front National, die AfD und den Brexit stimmen mussten, um auf sich aufmerksam zu machen. Der französische Premierminister Manuel Valls hat die französischen Demonstranten gerade abfällig "die alte Linke" genannt. Dabei ist es einfach die Linke. Das sind die Leute, die ihn gewählt haben. Doch statt ihnen zuzuhören, will er das Land modernisieren, und alle wissen, was das heißt: Abbau von Sozialleistungen, Einschränkungen von Arbeitnehmerrechten und so weiter.

ZEIT ONLINE: Es gibt keine Partei mehr, die die Interessen der Arbeiter vertritt?

Eribon: Das Problem ist, dass Europa von einer Klasse regiert wird, die der britische Autor Tariq Ali einmal die "extreme Mitte" genannt hat: Diese Leute glauben, dass das, was den gut ausgebildeten Menschen in den Metropolen nützt, automatisch gut für alle ist. Das ist offensichtlich falsch: Es gibt in Europa sehr viele Menschen, die marginalisiert sind, die verzweifelt sind, die über das, was in ihrem Leben vor sich geht, wütend sind. Die nicht nur keine Arbeit haben, sondern die sich auch nicht mehr vorstellen können, dass sie jemals wieder einen Job bekommen werden oder dass es ihren Kindern eines Tages besser gehen wird. Und diese Leute haben kaum eine Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen: Wenn man keine Arbeit hat, kann man nicht streiken. Und wenn man einen Job hat, riskiert man, dass der befristete Vertrag nicht verlängert wird oder man während des Streiks nicht bezahlt wird, was sich viele schlicht nicht leisten können. Und wenn sie dann demonstrieren, wissen sie, dass das keinerlei Effekt haben wird, selbst wenn sie wie in Frankreich eine sogenannte linke Regierung haben. Die Leute, die in diesen Tagen auf die Straße gehen, haben die aktuelle Regierung gewählt, bekommen aber nun zu hören, dass ihre Meinung keine Rolle spielt. Was bleibt ihnen also anderes übrig, als nächstes Mal in Frankreich FN zu wählen, in Österreich FPÖ, in Großbritannien Brexit und in Deutschland AfD?

ZEIT ONLINE: Eine reine Protestwahl ist doch aber keine Lösung. Von den wirtschaftlichen Nachteilen, die Großbritannien jetzt erlebt, sind die Ärmsten am stärksten betroffen.

Eribon: Aber sie haben ihr erstes Ziel erreicht: Plötzlich reden alle darüber, wer diese Leute sind und was sie wohl wollen könnten. Sonst kommen sie im politischen Diskurs schlicht nicht vor. Die Frage ist eher: Wie ist es möglich, so viele Menschen im politischen Alltag zu ignorieren? In Europa wissen die Eliten nicht einmal, dass es in ihren Ländern echte Armut gibt. Ich sage seit Jahrzehnten, dass der FN eines Tages mehr als 20 Prozent erreichen wird. Aber immer hieß es, ich würde übertreiben. Dabei ist es offensichtlich: Auch wenn man den Menschen fast jede Möglichkeit nimmt, sich politisch auszudrücken, werden sie immer eine andere Möglichkeit finden, sich Gehör zu verschaffen. In den Sechzigern und Siebzigern gab es noch eine Linke, zumindest in Frankreich, in Italien und Spanien, die der Arbeiterklasse einen Rahmen gegeben hat, in dem sie sich selbst denken konnte. In diesem Rahmen war klar, was in ihrem Interesse liegt, was sie einfordern muss, was sie verteidigen muss.

ZEIT ONLINE: Mit Blick auf Jeremy Corbyn, Podemos, Syriza könnte man auch von einem linken Revival in Europa sprechen.

Eribon: Aber sind sie wirklich links? Schauen Sie sich die Sprache an: In Spanien benutzt Pablo Iglesias, der zentrale Kopf von Podemos, zum Beispiel ständig den Begriff la patria, die Nation. Das gesamte Programm basiert auf diesem Begriff. Er begreift nicht, dass das ein sehr gefährliches Wort ist, das historisch klar besetzt ist.

ZEIT ONLINE: Kann man nicht vielleicht links und nationalistisch zugleich sein?

Eribon: Ich kann gut verstehen, dass auch viele Franzosen für eine nationale Souveränität gegen die europäische Sparpolitik eintreten, die von einem hegemonialen Deutschland und der EZB durchgesetzt wird. Viele meiner Freunde denken so. Trotzdem ist es für mich sowohl politisch als auch theoretisch ein großer Fehler. Sobald man Begriffe wie Vaterland oder Nation im europäischen Diskurs von der Leine lässt, weiß man nicht, wohin er einen tragen wird. Begriffe wie Globalisierung und Internationalismus hingegen sind heute eng mit dem Neoliberalismus verbunden, deshalb glauben viele Linke, man heiße automatisch den Neoliberalismus gut, wenn man sich für Internationalisierung ausspricht. Auf nationaler Ebene können wir dem, was der Neoliberalismus in unseren Ländern anrichtet, aber nicht entgegentreten.

ZEIT ONLINE: Die Positionen der rechten Parteien zu adaptieren, um ihnen nicht das Monopol darauf zu überlassen, halten Sie also für den falschen Weg?

Eribon: Ja. Dass diese Misere ausgerechnet zu Lasten der Migranten geht, also auf dem Rücken der Ärmsten ausgetragen wird, ist vollkommen absurd. Den Flüchtlingen gegenüber haben wir nur eine Option: Wir müssen alles aufbieten, was in unserer Macht steht, um sie anständig willkommen zu heißen. Es wäre die Verantwortung linker Parteien, dafür zu kämpfen, dass das geschieht, und es ist eine Tragödie, dass sie es nicht tun. Die einzige Politikerin Europas, die auf die Lage der Flüchtlinge eine humane, vernünftige Reaktion gezeigt hat, ist Angela Merkel. Für einen Linken, der gerade erst erlebt hat, was ihre neoliberale Wirtschafts- und Europapolitik in Südeuropa angerichtet hat, ist es nicht einfach, das zuzugeben. Ich gratuliere ihr, aber für mich ist es erschütternd, dass es Angela Merkel war, die diese Reaktion gezeigt hat und nicht die linken Politiker. Frankreich hat etwa 20.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen, und wir haben eine linke Regierung.

... ZEIT ONLINE: Aber sind die sozialen Bewegungen nicht ohnehin international vernetzt? Occupy Wall Street, Nuit Debout oder Podemos sind ja kaum getrennt voneinander zu betrachten.

Eribon: Occupy Wall Street war eine sehr, sehr wichtige Bewegung, aber sie wurde getragen von Studenten aus Princeton, der Columbia und der NYU. Ich fürchte, dass weiße Arbeiter in den USA eher Donald Trump unterstützen als Occupy. "We are the 99 percent" war ein großartiger Slogan, aber er war auch extrem simplifizierend. Innerhalb der 99 Prozent gibt es völlig mittellose Menschen, die nicht genug zu essen haben, und Menschen, die eine Wohnung im Zentrum von Paris besitzen. Als politische Gruppe mit gemeinsamen Interessen gibt es die 99 Prozent nicht.

... ZEIT ONLINE: Ähnlich hat der junge Philosoph Geoffroy de Lagasnerie kürzlich in einem Essay über Nuit Debout argumentiert: Nuit Debout repräsentiere nicht die Leute, für die zu sprechen es vorgebe.

Eribon: Das war ein wichtiger Text, und ich verstehe nicht, warum er von vielen so arg dafür angegriffen wurde. Er hat offensichtlich recht. Ich war selbst bei Nuit Debout, ich habe mich von der Polizei herumschubsen und mir Tränengas in die Augen sprühen lassen. Aber ich habe nie geglaubt, dass es eine neue Welt sei, die da entsteht. Wenn am höchsten Punkt der Mobilisierung vielleicht 2.000 Menschen ein Drittel der Place de la République besetzen, bedeutet das nicht, dass danach in diesem Staat kein Stein mehr auf dem anderen steht. Ich habe dort eine Rede gehalten und ihnen gesagt: Ich fürchte, Ihr seid nicht das Volk. Die Arbeiter aus dem Norden sind nicht hier, sie stimmen für den FN, also gegen Euch. Sie unterstützen Euch nicht, sie haben Angst vor Euch. Ich bin auf Eurer Seite, aber Ihr seid Postgraduates und Assistant Professors, und dass Ihr Euch einbringen wollt, ist wunderbar. Aber Ihr könnt nicht glauben, Ihr wärt das Volk. Später sind sie in die Kleinstädte und Vororte gegangen, um dort Reden zu halten, aber sie wurden ignoriert und ausgebuht. Es war eine Fantasie, eine Illusion. Und auch dort gab es diese völkische Ideologie. Der wichtigste Begriff von Nuit Debout war le commun: Man müsse das Gemeinsame wieder herstellen und so weiter.

ZEIT ONLINE: Aber ist das nicht ein berechtigtes Anliegen?

Eribon: Ich halte es für gefährlich. In ganz Europa ist unter linken Bewegungen dieser grassierende Konservatismus zu beobachten: Die LGBT-Bewegung wird als Erfindung des Neoliberalismus abgetan, von der Frauenbewegung heißt es, sie lenke vom eigentlichen Kampf ab – dem Klassenkampf. So haben die Stalinisten in den Fünfzigern argumentiert: Erst müssten sich alle so lange gedulden, bis der Klassenkampf gewonnen sei, dann könne man sich um ihre Belange kümmern. Aber natürlich kann man da lange warten. Ich halte den Klassenkampf auch für zentral, und anders als die meisten Linken in Frankreich habe ich stets darauf bestanden, dass soziale Klassen immer existiert haben. Er darf aber nicht gegen die Interessen anderer Minderheiten in Anschlag gebracht werden.

ZEIT ONLINE: In Deutschland gibt es immer wieder den Ruf nach einem linken Populismus, der die Arbeiter abholt, aber ohne Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus auskommt. Kann es so etwas geben?

Eribon: In Spanien versucht Podemos Stimmen zu bekommen, indem die Partei versucht, das Label "links" abzulegen. Sie bezeichnet sich als "weder links noch rechts", stattdessen repräsentiere sie la patria. Das bedeutet, dass sie natürlich auch rechte Wähler anzieht. Was aber, wenn es um die Rechte von LGBT-Paaren geht, von Transgendern, von Frauen? Oder um das Recht auf Abtreibung, ein sehr kontroverses Thema in Spanien? Die Rechte von Immigranten? Wenn man sich als "weder rechts noch links" positioniert, zieht man Leute an, die all das in Abrede stellen. Natürlich gewinnt man erst mal Stimmen. Aber an irgendeinem Punkt muss man ein Programm vorlegen und Podemos hat vieles, was traditionell links ist, hinter sich gelassen: den Begriff der Klasse, den Internationalismus, die Opposition zwischen Arbeitern und Regierenden.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht im Grunde dieselbe Metapher wie bei Occupy, nur dass die 99 Prozent jetzt la patria heißen? Sieht so heute linker Populismus aus?

Eribon: Wenn man die Nation gegen die Oligarchie positioniert, wo sind dann die Menschen, die im Mittelmeer ertrinken? Gehören die zur patria? Man muss mit diesen Begriffen sehr vorsichtig sein, sonst ist man schnell bei den französischen oder italienischen Faschisten, die den Kapitalismus als Diktatur der Banken ausgeben und es als volkszersetzend auffassen, wenn jede Minderheit ihre Rechte durchsetzen will.

ZEIT ONLINE: Ist es also doch wahr, dass die linken und rechten Ränder in Europa verschmelzen?

Eribon: Die Idealisierung des Gemeinsamen und der Heimat ist für den Faschismus auf jeden Fall anschlussfähig. In den Dreißigern haben christlich-faschistische Denker wie Emmanuel Mournier ganz genauso argumentiert, als sie ihre Kampagnen gegen André Gide gefahren haben. Die Rhetorik ist immer die gleiche: Beim Prozess gegen Oscar Wilde, bei den christlich-faschistischen Philosophen der Dreißiger, bei den psychoanalytischen Debatten über die Zersetzung der Zivilisation durch Homosexuelle. Und heute findet man diese Rhetorik auch bei den Linken. Sie lehnen den Neoliberalismus auch deshalb ab, weil er einen Rahmen schafft, in dem plötzlich jeder denkt, seine Rechte einfordern zu dürfen, ohne das allgemeine Volksinteresse zu berücksichtigen. In Auseinandersetzungen wie diesen bin ich immer, immer, immer auf der Seite von André Gide. In meinem ganzen Leben ist es stets so gewesen, dass ich nicht gemeint war, wenn vom Dörflichen, vom Gemeinsamen, vom öffentlichen Interesse gesprochen wurde. Ich war immer die Gefahr, die Bedrohung, der Wurm im Essen.

ZEIT ONLINE: Nehmen wir also an, die Linken werden zwischen dem Faschismus und dem Neoliberalismus aufgeteilt. Sind sie überhaupt noch zu retten?

Eribon: Wir müssen auf jeden Fall dieses reaktionäre Denken bekämpfen, das behauptet, Selbstverwirklichung sei zwangsläufig neoliberal. Zum Erbe von 1968 gehört, dass sich heute in jeder Sphäre Menschen in verschiedenen Konstellationen zusammenschließen können, um für ihre Rechte zu kämpfen. Die Idee des allgemeinen Volksinteresses denunziert diese Freiheit als neoliberal. Das ist verrückt. Was 1968 definiert hat, war gerade, dass sich dort so viele politische Subjektivitäten entwickelt und geäußert haben. Foucault hat das immer wieder betont. Das ist nicht neoliberal, das ist politisch. Man kann den Homosexuellen, den Frauen, den Ökos und so weiter nicht sagen, dass sie jetzt die Klappe halten sollen, weil ihre Subjektivität eine Erfindung des Kapitalismus ist.

... ZEIT ONLINE: Was aber könnte das Gemeinsame dann sein, nach dem sich offenbar so viele sehnen?

Eribon: Ich kann mich jedenfalls nicht mit Leuten zusammenschließen, mit denen ich rein gar nichts gemeinsam habe: mit Leuten, die für den Front National stimmen, die fremdenfeindlich sind, die homophob sind. Ich bin auf ihrer Seite, wenn es gegen die Verwüstungen geht, die die neoliberale Politik unserer Regierungen in unserem Staatswesen anrichtet, aber ich muss sie bekämpfen, wenn sie für den FN stimmen, was sie tun werden. 25 Prozent der Franzosen werden nächstes Jahr im ersten Wahlgang für Marine Le Pen stimmen. Meine Mutter, meine Brüder, viele ihrer Bekannten werden voraussichtlich für den FN stimmen. Wenn man sie fragt, warum, sagen sie, dass es schlimmer nicht werden kann und dass sie nichts zu verlieren haben.

ZEIT ONLINE: Was, wie gesagt, nicht stimmt.

Eribon: Aber sie sind so verzweifelt, dass es ihnen so vorkommt. Sie sehen, wie die EU das Leben der Menschen in Griechenland zerstört hat und sie fürchten, sie könnten die nächsten sein.

ZEIT ONLINE: Dem Kampf der LGBT-Community oder der Schwarzen in den USA wird von Linken oft vorgeworfen, sie seien zu sehr ästhetisiert und zu sehr mit der kommerziellen Entertainmentgesellschaft kompatibel. An den wirtschaftlichen Realitäten würden sie deshalb nichts ändern.

Eribon: Die Bewegung Black Lives Matter in den USA ist vielleicht auch eine wirtschaftliche Initiative, aber nicht nur. Es ist eine ethnische Bewegung, eine soziale Bewegung, eine Minderheitenbewegung. Man kann den Schwarzen in den USA nicht erzählen, dass ihr Widerstand gegen die Polizeigewalt weniger gilt, nur weil er auch kommerziell funktioniert. Es geht in vielen Fällen ganz konkret um ihr Leben. Auch Abtreibungen sind mit dem Neoliberalismus kompatibel. Sollen die Frauen deshalb aufhören, für das Recht zu kämpfen, über ihre Körper und ihr Leben selbst entscheiden zu dürfen? Was wäre denn eigentlich nicht irgendwie kompatibel mit dem Neoliberalismus? Es ist ein idiotisches Argument. Und es ist erschreckend, wie populär es in der europäischen Linken gerade ist. Dieser Rechtsruck der Linken ist nicht mitanzusehen.

...


Aus: "Didier Eribon: "Ihr könnt nicht glauben, ihr wärt das Volk"" Interview: Felix Stephan, Paris (4. Juli 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/kultur/2016-07/didier-eribon-linke-angela-merkel-brexit-frankreich-front-national-afd-interview

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[Auch sein neuer... ]
« Reply #542 on: Juli 14, 2016, 08:01:23 vorm. »
José Manuel Durão Barroso (* 23. März 1956 in Lissabon) ist ein portugiesischer Politiker und Mitglied der EVP. Von 2004 bis 2014 war Barroso für zwei Amtszeiten Präsident der Europäischen Kommission. Von 2002 bis 2004 war er Ministerpräsident Portugals. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Jos%C3%A9_Manuel_Barroso

Quote
[...] Der Einstieg von Ex-EU-Kommissionschef Barroso bei der US-Bank Goldman Sachs weckt Empörung. Dabei ist er dort in bester Gesellschaft. ...

Brüsseler Gewerkschafter fordern, ihm das "Übergangsgeld" von 15.000 Euro pro Monat zu streichen, das ihm die EU zum Abschied geschenkt hat. Denn Barroso habe keine Genehmigung seines alten Arbeitgebers für sein neues Engagement eingeholt.

Aber das musste er auch nicht. Ein möglicher "Interessenkonflikt" gilt nach den Brüsseler Regeln nach 18 Monaten als überstanden. Und Barroso hat vor 20 Monaten sein Büro im Obergeschoss des gigantischen Berlaymont-Gebäudes geräumt. Formal ist also alles in Ordnung.

Auch sein neuer Arbeitgeber kann sich freuen. Er werde tun, was er könne, um negative Auswirkungen des britischen EU-Austritts zu verringern, sagte Barroso der "Financial Times". Dabei wird er es auf der einen Seite vor allem mit der EU-Kommission zu tun haben. Da kennt er jeden, der wichtig ist. Viele verdanken ihm den Job oder die Karriere.

Und auf der anderen Seite spielen die Londoner Regierung und die Bank of England mit. Deren Boss ist seit drei Jahren der Kanadier Marc Carney, der erste Ausländer auf dem Chefposten der ehrwürdigen Londoner Zentralbank. Zuvor hatte er unter anderem 13 Jahre bei Goldman Sachs gearbeitet, dort Karriere gemacht und seine finanzpolitischen Überzeugungen gefunden. Ein gutes Gesprächsklima dürfte also gewiss sein.

... Besonders außergewöhnlich ist der Vorgang [ ] nicht. Viele Politiker wechseln nach dem Karriereende auf gut bezahlte Lobbyisten- und Beraterjobs. Auch in Deutschland:

    ob Ex-SPD-Chef Kurt Beck (zum Pharmaproduzenten Boehringer Ingelheim),
    Ex-Entwicklungsminister Dirk Niebel, FDP, (zum Rüstungskonzern Rheinmetall),
    Ex-Kanzleramtsminister Eckart von Klaeden, CDU, (zu Daimler),
    Ex-Außenminister Joschka Fischer, Die Grünen, (Berater von Siemens, BMW und RWE)
    oder der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, SPD, (Aufsichtsratsvorsitzender einer Gazprom-Tochter);

sie alle und noch viele mehr machen Kasse in der Wirtschaft. Das ist vielleicht verpönt, aber durchaus üblich.

... Bei Goldman Sachs ist die Verquickung mit der Politik besonders stark. Gefragt sind Experten, die ein Problem lösen, also etwa ein Gesetz verhindern oder verändern können. Die den Kurs einer Regierung in eine Richtung lenken können, die Goldman genehm ist.

Die enge, auf lange Zeiträume angelegte Verzahnung von Politik und Bank ist ein Teil des Goldman-Sachs-Geschäftsmodells. Zum beiderseitigen Nutzen.

In den USA regiert die 1869 gegründete Bank seit vielen Jahren quasi mit. Henry Paulson, von Präsident George W. Bush im Jahr 2006 zum Finanzminister berufen, war die sieben Jahre davor Chef bei Goldman Sachs. Im September 2008, auf dem Höhepunkt der US-Bankenkrise, rettete der mit 700 Milliarden Dollar bestückte "Paulson-Plan" die Branche vor dem großen Crash. Sein Stellvertreter war Robert K. Steel, Paulsons früherer Arbeitskollege bei Goldman.

Auch viele andere bekannte Namen aus der US-Politik waren schon bei der Investmentbank: Jo shua Bolten Stabschef des Weißen Hauses unter George W. Bush, Ex-Weltbank-Präsident Robert Zoellick, John Whitehead, in den Neunzigerjahren bei Federal Reserve Bank of New York, Ex-Finanzminister Robert Rubin oder Robert D. Hormats, Unterstaatsekretär für Wirtschaft, Energie und Umwelt in der Regierung von Barack Obama.

In Deutschland leitete jahrelang Alexander Dibelius die Aktivitäten von Goldman Sachs. Bei Großfusionen, wie denen von Daimler und Chrysler oder Vodafone und Mannesmann ist der Finanzmanager und ehemalige Assistenzarzt für Herzchirurgie steinreich geworden. Später war er dem Vernehmen nach ein wichtiger Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die wurde eine zeitlang auch vom Ex-Bundesbänker Otmar Issing beraten - einem einflussreichen Ökonomen, der die geldpolitische Strategie der Europäischen Zentralbank mit definiert und in der Finanzkrise ab 2008 eine Expertengruppe der Bundesregierung zur Reform der Finanzmärkte angeführt hatte. Ab Anfang 2007 war er zugleich "International Advisor" bei Goldman Sachs.

Auch der heutige Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, war von 2002 bis 2005 in führender Position bei der Goldman-Sachs-Niederlassung in London tätig. Kurz vor seinem Eintritt, im Jahr 2001 hatte die Bank der griechischen Regierung mit ausgefeilten Deals geholfen, die Staatsschulden klein zu rechnen. Was Draghi später davon wusste, ist unklar. Er selbst beteuert, er sei mit dem Fall Griechenland nie konkret befasst gewesen.

Manche Politiker kamen von der global arbeitenden Investmentbank, andere gingen nach ihrem Amtsverlust in das gut gepolsterte Aufnahmelager. Mario Monti zum Beispiel. 2004 trat der Italiener als EU-Kommissar ab, anschließend wurde er internationaler Berater von Goldman Sachs. 2011, inmitten der Weltfinanzkrise, wechselte er zurück in die Politik und wurde Regierungschef in Rom, nachdem Amtsinhaber Silvio Berlusconi unter massivem internationalen Druck zurücktreten musste.

Oder der Ire Peter Sutherland. Erst EU-Kommissar, anschließend zwei Jahre Chef der Welthandels-Institution GATT und deren Nachfolgerin WTO, danach bis zum vorigen Jahr bei der Goldman Sachs-Großfamilie.

Auch Hans Friderichs, von 1972 bis 1977 FDP-Wirtschaftsminister in den Regierungen Willy Brandt und Helmut Schmidt, fand später ein warmes Plätzchen bei den global umtriebigen Bankern.

So ähnlich sieht man sich dort: Eine Gemeinschaft, die zusammenhält, auch wenn der eine geht, der andere kommt. Über Jahrzehnte trifft man sich irgendwann irgendwo immer wieder. Man verdient gutes Geld, hat beste Karrierechancen, weil ja überall die "Old boys" aus dem eigenen Verein sitzen und hat im Großen und Ganzen eine gemeinsame Überzeugung: Ein Unternehmen soll deren Eigentümer reich machen, ganz schlicht gesagt, und wenn dazu sichere Arbeitsplätze dienlich sind, umso besser. Sind sie hinderlich, werden sie "abgebaut".

Der Staat soll für ordentliche Arbeitsbedingungen der Unternehmen sorgen, sich ansonsten raushalten. Es sei denn, es kriselt. Dann ist Rettung mit Steuergeldern angesagt. Vor allem bei den großen Banken. Denn die sind ja "systemrelevant". Wenn man die nicht rettet, bricht alles zusammen. Es ist die Finanz- und Wirtschaftspolitik, wie sie an den amerikanischen Elite-Universitäten ebenso verkündet wird wie bei den Champagner-und-Häppchen-Empfängen der Finanzelite in aller Welt.

Immer geht es um "das Große und Ganze", das "Vernünftige", das "Alternativlose". Die Ablehnung einer umfassenden Globalisierung, sagt etwa Goldman-Familienmitglied Peter Sutherland, sei "moralisch unhaltbar".

Und so sehen es die meisten in dem Kreis. Nicht nur bei diesem Thema. Da braucht es keine plumpe Korruption, da ist kein dunkler Bösewicht am Werke, man passt einfach gut zusammen.

Quote
#12 (13.07.2016), 20:38 von totalmayhem

"Die Verflechtungen des Geldhaus mit der Polit-Prominenz sind verblüffend eng."

Frueher, als Der Spiegel noch mit Investigativ- und nicht Nanni-Journalismus glaenzte, haette das noch "skandaloes" anstatt "verblueffend" geheissen. Jetzt fehlt nur noch der Folgeartikel "Goldman Sachs - echte Philantropie endlich verstaendlich", damit die verblueffte Leserschaft endlich kapiert, wie sehr diser ehrenwerten Gesellschaft das Wohl der Menschheit am Herzen liegt.


Quote
#27 (13.07.2016), 21:27 von Nobus

Was sagte der Vorstandschef von Goldman Sachs, Lloyd Blankfein: "Ich bin ein Banker, der Gottes Werk verrichtet".


Quote
#35 (13.07.2016), 22:02 von maruun
Nennt das Kind doch beim Namen...

Oligarchie


// https://de.wikipedia.org/wiki/Oligarchie

...

http://www.spiegel.de/forum/wirtschaft/goldman-sachs-verflechtung-mit-der-politik-alles-zum-wohl-geldes-thread-487222-4.html


Aus: " Goldman Sachs' Verflechtung mit der Politik: Alles zum Wohl des Geldes" Hans-Jürgen Schlamp, Rom (13.07.2016)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/jose-manuel-barroso-und-goldman-sachs-das-netzwerk-der-goldmaenner-a-1102807.html

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« Reply #543 on: Juli 20, 2016, 04:27:26 nachm. »
Quote
" ... Wenn die Bundesregierung etwas zum Kotzen findet, dann sagt Steffen Seibert in distinguierter Nasalität, dass für die Bundesregierung ein Umstand "nicht akzeptabel" sei. ..."


Aus: "Kiyaks Deutschstunde / Türkei: Politik alla turca" Eine Kolumne von Mely Kiyak (19. Juli 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/kultur/2016-07/tuerkei-putsch-erdogan-saeuberungen-kiyak-deutschstunde/seite-2

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« Reply #544 on: Juli 22, 2016, 01:55:59 nachm. »
Quote
[...] Mit dem konservativen Sender Fox News prägte er Amerikas politischen Diskurs. Nach Belästigungsvorwürfen beendet Roger Ailes nun seine Karriere im Nachrichtengeschäft.  ... Nach einem Bericht der New York Times erhält Ailes zum Abschied eine Zahlung von 40 Millionen Dollar. Dies sei Bestandteil einer Vereinbarung, die außerdem vorsehe, dass Ailes keinen Konkurrenzsender zu Fox News starten darf.   ...


Quote
Sikasuu #8

".....zu einem Forum für dezidiert konservative Meinungen gemacht..."
.
Das ist aber einen sehr wohlwollende Umschreibung für ein Medienunternehmen, mit dem verglichen die "Bild" oder unsere Commercials hier, als hochkomplexe, gedanken-& inhaltsschwere Publikationen für Bildungsbürger durchgehen würden.

Quote
Freigeist_1974 #7

Man lernt doch nie aus. Bis heute dachte ich, FOX-News wäre ein Satire-Kanal.
Nun erfahre ich, die meinen das tatsächlich ernst. Ein bisschen erschreckend, aber eine gute Erklärung für das Phänomen Trump.


Quote
Manfred der Erste #10

... Fox News. Der gefährlichste Sender für schlichte Gemühter.


...


Aus: "Roger Ailes: Fox-News-Gründer tritt wegen Sex-Skandal zurück" (ZEIT ONLINE, AFP, dpa, mp, 22. Juli 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-07/roger-ailes-fox-news-ruecktritt


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« Reply #545 on: Juli 28, 2016, 05:03:41 nachm. »
Quote
[...] Das RTL-Nachmittagsprogramm steht im Ruf, lediglich „Unterschichtenfernsehen“ abzusondern. Und doch erreicht der Privatsender mit seinen billig produzierten Formaten ein Millionenpublikum. Besonders quotenträchtig ist seit Jahren die Sendung „Familien im Brennpunkt“. Hier werden frei erfundene Geschichten erzählt, die wie aus dem Leben gegriffen wirken sollen. Laiendarsteller_innen spielen simpel gestrickte Stories, die diskriminierende Bilder der „Unterschicht“ zeichnen und Klischees über die schwächsten Glieder der Gesellschaft als Realität erscheinen lassen. Britta Steinwachs beleuchtet anhand von zwei „Familien im Brennpunkt“-Folgen, in welcher Weise darin Menschen aus der „Unterschicht“ vor allem im Hinblick auf ihre körperliche Sphäre dargestellt werden und zeigt, wie hier ein scheinbar unpolitisches Unterhaltungsformat die strukturelle Verachtung der Armen (re-)produziert. Ihr Buch steht mit seiner aufklärerischen Prämisse in der Tradition klassischer Ideo­logiekritik und hilft zu verstehen, wie die negative Zuschreibung „Unterschicht“ strategisch inszeniert wird.

Die Autorin:
Britta Steinwachs, Jahrgang 1987, ist Soziologin und lebt in Berlin. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist die ideologiekritische Auseinandersetzung mit popkulturellen Phänomenen. Zuletzt erschien in der edition assemblage von ihr und Christian Baron „Faul, Frech, Dreist. Die Diskriminierung von Erwerbslosigkeit durch BILD-Leser*innen“.


Aus: "Zwischen Pommesbude und Muskelbank" Assemblage (Posted on 20. April 2015)
Quelle: https://www.edition-assemblage.de/zwischen-pommesbude-und-muskelbank/


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« Reply #546 on: Juli 31, 2016, 11:43:18 vorm. »
Quote
[...] Es hat schon bessere Zeiten für Top-Manager gegeben. Etwa als es noch halbwegs normal war, mit dem Hubschrauber zwischen dem Wohn- und dem Arbeitsort zu pendeln oder als Luxusreisen noch als Firmenkosten durchgingen.
Dass diese Zeiten Geschichte sind, zeigt ein Beispiel aus dem skandalgeschüttelten Volkswagen-Konzern. Dort schaute die Konzernrevision zuletzt sehr genau hin, wie die "Bild am Sonntag" berichtet. So musste Audi-Chef Rupert Stadler aus eigener Tasche Kosten für eine Party übernehmen, die zuvor über das Unternehmen abgerechnet worden waren.
Die Prüfer des Audi-Mutterkonzerns VW sollen demnach auf eine Veranstaltung am 19. Mai 2015 im noblen Wolfsburger Gästehaus "Rothehof" gestoßen sein. Dort feierten rund 30 Top-Manager den "Bier-Contest Bayern gegen Rheinland", berichtet die Zeitung. Eingeladen hatte unter anderem Audi-Chef Stadler.
Bei der Party gab es der Zeitung zufolge Helles und Kölsch, aus Bayern wurde eine Blaskapelle eingeflogen, aus Köln die Karnevalsband Die Höhner. Weitere (Star-)Gäste waren Reiner Calmund und Django Asül.
Die Rechnung für den Abend zahlte der Konzern. Vorerst. Denn die Revision stufte laut "BamS" die Bier-Sause als rein private Veranstaltung ein und forderte die Veranstalter auf, die Kosten aus eigener Tasche nachzuzahlen. Darunter war auch Stadler, der daraufhin 12.500 Euro überwies. Audi wollte den Bericht auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht kommentieren.


Aus: "Medienbericht: Audi-Chef musste Bier-Sause nachträglich selbst zahlen" (31.07.2016)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/audi-chef-rupert-stadler-musste-bier-sause-nachtraeglich-selbst-zahlen-a-1105516.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Rupert_Stadler


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« Reply #547 on: August 01, 2016, 09:28:07 vorm. »
Quote
[...] Spaniens Tourismus boomt wie noch nie: Das Königreich erwartet 2016 einen neuen Urlauberrekord mit 70 Millionen ausländischen Gästen, die Hotelbranche macht blendende Geschäfte – doch die Arbeitsbedingungen der Zimmermädchen werden immer schlechter. „Wir sind Arbeitnehmerinnen, keine Sklavinnen“, beklagen sie und sprechen von „wachsender Ausbeutung“.

In Mallorcas Inselhauptstadt Palma gingen die Zimmermädchen auf die Straße. Eine von ihnen berichtete vom harten Alltag dieser guten Geister, die fürs Bettenmachen, Toilettenputzen und Aufräumen zuständig sind. Ein Knochenjob, für den nur wenig gezahlt wird. „Wir werden von allen am schlechtesten entlohnt.“

Rund 1000 Euro monatlich verdienen die Zimmermädchen – soweit sie direkt vom Hotel angestellt sind. Wenn sie von externen Reinigungs- oder Zeitarbeitsfirmen kommen, was immer häufiger vorkommt, erhalten sie kaum mehr als den gesetzlichen Mindestlohn von 655 Euro. Dafür müssen sie im Akkord Gästeräume in Ordnung bringen. Bis zu 30 Zimmer am Tag. Wer sein Pensum nicht schaffe, weil Gäste einen Schweinestall hinterließen, müsse unbezahlte Überstunden machen.

„Wir haben nicht einmal Zeit, um auf Toilette zu gehen“, sagte Shirley. „Oft machen wir keine Essenspause, um fertig zu werden.“ Viele würden den Arbeitstag nur durchhalten, weil sie Tabletten nehmen. Das Schicksal der Zimmermädchen bewegt inzwischen die Nation. Die Beschäftigten berichten im Fernsehen, wie sie „mit Hungerlöhnen abgespeist werden“. Wie sie gefeuert werden, wenn sie mit Rückenschmerzen krank werden.

Der Aufschrei der Zimmermädchen – die in Wirklichkeit keine Mädchen, sondern gestandene Frauen sind, die oftmals schon Jahrzehnte im Zimmerservice schuften – beschäftigt inzwischen die Politik. Das Regionalparlament der Baleareninseln, zu denen Mallorca gehört, forderte bessere Arbeitsbedingungen. Und den Zimmermädchen jene Anerkennung zu verschaffen, die sie verdienen. Sie seien die „wahren Stars der Hotels“.

Auf Mallorca und den anderen Baleareninseln schuften rund 30.000 Zimmermädchen – „die Mehrheit unter unwürdigen Umständen“, sagen die Gewerkschaften. 5000 Kräfte müssten zusätzlich eingestellt werden, um für akzeptable Arbeitsbedingungen zu sorgen. Nur wenige wagten, sich zu beschweren. „Sie haben Angst, ihren Job zu verlieren, das können sie sich nicht leisten“, heißt es. Die Standardantwort der Arbeitgeber laute: „Wenn du nicht mehr willst, vor der Tür warten 50 Jobsuchende.“ Die Arbeitslosenquote liegt in Spanien bei 20 Prozent.

Inzwischen haben sich Tausende in einer Facebook-Gruppe mit dem Namen „Las Kellys“ zusammengeschlossen. Sie berichten dort über ihren Alltag, über Tränen und Wut. Sie machen sich gegenseitig Mut, verabreden sich zu Protestaktionen vor jenen Hotels, in denen die Zustände besonders schlimm sind. Und sie gehen an die Öffentlichkeit: „Wir werden nicht schweigen.“ Auch das Trinkgeld der Hotelgäste, mit dem die Zimmermädchen ihre Löhne aufbessern, sei geringer geworden, bedauern sie. Früher hätten die meisten Gäste bei der Abreise ein paar Münzen zurückgelassen. „Heute ist das eher die Ausnahme.“

Quote
bmkt 31.07.2016, 21:45 Uhr

Äh - hat jemand Ahnung wie es hier in den Hotels abgeht?

Ich habe einer Freundin mit Migrationshintergrund versucht beratend  zu helfen,  die in einem großen Hotel am Alex geschuftet hat. Und in 2 anderen Hotels vorher. Andere Jobs bekam sie nicht.

Offiziell wird Mindestlohn gezahlt, aber für wesentlich weniger Stunden, als real gearbeitet wird. Kein Arbeitstag ohne mindestens 2 unbezahlte Überstunden. Oft mehr.

Für 6 Einsätze /Woche müssen sie rund um die Uhr Standby sein. Der  Chef bestimmt kurzfristig, welcher Wochentag frei ist.  Wenn einer frei ist, manchmal 14 Tage am Stück gar nicht.

Niemand sagt mehrere Tage vorher, ob und ab wann genau sie eingeteilt werden (früh um 5 Uhr oder doch erst halb 8 Uhr).
sobald sich eine länger als 2 Tage krank meldet, wird sie gefeuert. Sie weiß nie, wann sie fertig ist. wann sie mal zum Arzt gehen kann.
Auch hier gilt: sind die Zimmer sehr dreckig und  braucht sie länger, gehts auf ihre Kosten. „Wenn du nicht mehr willst, vor der Tür warten 50 Jobsuchende“ gilt ebenfalls. Diese Verträge hier sind absolut sittenwidrig und nehmen sich nichts - gar nichts - mit denen auf Mallorca. In unserem  Staat mit der ach so florierenden Volkswirtschaft.

Zum Glück konnte sie trotz ihrer krankheitsbedingten sofortigen Kündigung wenigstens etwas Geld vor Gericht heraus handeln. Für die Zeit, für die sie sich noch hat krank schreiben lassen nach dem Widersprechen der Kündigung.
Die meisten wehren sich nicht.  Unterschreiben sofort, dass sie die Kündigung akzeptieren, weil ein ungeheurer psychischer Druck aufgebaut wird.


Quote
Denkerin 08:45 Uhr
Antwort auf den Beitrag von bmkt 31.07.2016, 21:45 Uhr

und im deutschen einzelhandel ist es das gleiche spiel. extreme ausbeutung, lohn unter der mindestlohngrenze. urlaub nur mit viel glück, krank sein und der job ist weg. kein wunder also dass die leute im internet einkaufen, wenn es keine gut ausgebildeten beratenden einzelhandelskaufleute mehr in den läden gibt. dafür hat man gern ein paar cent mehr gezahlt, für gute beratung. aber seit dem das gute personal nur noch durch extrem billige teilzeitkräfte ohne entsprechende ausbildung (und dementsprechende motivation) ersetzt wurden, ist es stressfreier im netz zu kaufen. da hat man wenigstens das "recht" auf umtausch.


Quote
kumiko 31.07.2016, 20:17 Uhr
Den Leiharbeitern in Berlin geht es ähnlich. Akkordarbeit ist normal, der Tariflohn wird offiziell gezahlt, aber....



Aus: "Spaniens Zimmermädchen klagen über Arbeitsbedingungen" Ralph Schulze (31.07.2016)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/vor-allem-auf-mallorca-spaniens-zimmermaedchen-klagen-ueber-arbeitsbedingungen/13952144.html



« Last Edit: August 03, 2016, 12:46:13 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[ Die Tränen kommen Petrov erst... ]
« Reply #548 on: August 03, 2016, 12:56:25 nachm. »
Quote
[...] „Eine Schande für Deutschland“ hat der Bundeswirtschaftsminister die Arbeitsbedingungen in deutschen Schlachthäusern genannt, und wer Ivan Petrov, 46 Jahre alt, zuhört, der weiß, dass Sigmar Gabriel recht hat. Doch über diese Schande spricht Petrov zunächst nur mit ganz ruhiger Stimme. Davon, wie die Vorarbeiter die Geschwindigkeit der Fließbänder erhöhen und auf diese Weise Arbeitsunfälle billigend in Kauf nehmen.

Die Tränen kommen Petrov erst, als er erzählt, wie er anfangs versucht hat, den schwer verletzten Finger vor seiner Frau zu verstecken. „Ich wollte nicht, dass sie es erfährt. Ich wusste, sie würde sich große Sorgen machen. Als sie es dann doch bemerkte, mussten wir beide weinen. Ich hatte große Schmerzen.“

Dass vor allem in der Schlachtindustrie atypische Jobs der Standard sind, Schutzvorschriften nicht beachtet und Unfälle kaum erfasst werden, haben Wissenschaftler der Universitäten Trier und Jena vor einem Jahr mit Befragungen und Fallstudien belegt. Ursächlich dafür sei, dass die Arbeitgeber stets auf eine „migrantische Reservearmee“ zurückgreifen könnten. Ein Drittel der etwa 30.000 Fleischzerleger in Deutschland sind Südosteuropäer, schätzt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Die Zahl der Auszubildenden in der Branche ist derweil von 9.500 im Jahr 2000 auf 3.700 im Jahr 2014 gesunken. „Der einzige Grund, warum sich Menschen solche Bedingungen zumuten, ist das Geld. In Bulgarien kann man von seinem Gehalt kaum leben“, sagt Petrov.

... Wer aus Südosteuropa kommt, um in deutschen Schlachtfabriken zu schuften, wird meist in billige Sammelunterkünfte gebracht und hat kaum Kontakt zu Leuten außerhalb des Arbeitsplatzes. Zuletzt wohnte Petrov im hintersten Winkel eines Industriegebietes, noch besser versteckt als das Schlachthaus, in dem er arbeitete. Nur bei Schichtwechsel sind auf dem Parkplatz Arbeiter mit Plastikeimern zu sehen. In den Eimern transportieren sie ihre wenigen Arbeitsutensilien.

Deutsch spricht Ivan Petrov kaum, „Schnell, schnell!“ gehört zu den wenigen Wendungen, die er kennt, von seinen Vorarbeitern. Er kann sich jetzt außerdem auf Polnisch verständigen, die meisten Mitbewohner seiner Unterkunft waren Polen.

...


Aus: "Aus deutschen Landen" Hendrik Haßel (Ausgabe 3016 | 01.08.2016)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/aus-deutschen-landen


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« Reply #549 on: August 07, 2016, 10:05:28 nachm. »
Quote
[...] In Deutschland horten die reichsten 0,5 Prozent (also um die 400.000 Bundesbürger) so viel Vermögen wie die unteren 90 Prozent zusammen (also um die 73.600.000 Bundesbürger).


Aus: "Abgebrannt im Ruhestand" Patrick Spät (6. August 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/karriere/2016-07/rente-zukunft-soziale-gerechtigkeit-generationen-rentensystem/komplettansicht


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« Reply #550 on: August 09, 2016, 05:42:14 nachm. »
Quote
... Nach Berechnungen der Plattform abgeordnetenwatch.de haben die 630 Abgeordneten des Deutschen Bundestags in den vergangenen drei Jahren insgesamt mindestens 18 Millionen Euro an Nebeneinkünften verdient. Konkret geht es um 162 Volksvertreter, die in dieser Legislaturperiode zusätzliche Einkünfte bezogen. ... Die Rechercheure von abgeordnetenwatch.de gehen davon aus, dass die eigentliche Summe noch sehr viel höher ist. Angesichts der wenig transparenten Veröffentlichungsrichtlinien – die Abgeordneten geben ihre Nebenverdienste nicht auf Euro und Cent genau, sondern gestaffelt in weit gefassten zehn Gehaltsstufen an – schätzt abgeordnetenwatch.de den wahren Nebenverdienst des Bundestagsplenums auf 33,6 Millionen Euro – und spricht auch bei dieser Summe von einer "eher konservativen Berechnung". Der Bundestag teilte mit, man könne "solche Spekulationen nicht kommentieren". ...


Aus: "Bundestag: Abgeordnete verdienen mindestens 18 Millionen Euro nebenher" (ZEIT ONLINE, AFP, dpa, kg, rl, 9. August 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-08/bundestag-abgeordnete-nebenverdienste-abgeordnetenwatch-18-millionen

Quote
dof #3

Statt dunkler Anzüge und Kostüme wären im Interesse von Transparenz die Logos der 'Sponsoren' auf den Klamotten wichtig, so wie wir es von Sportlern kennen.


Quote
Carlton #7

Die Gewerkschaften beklagen schon länger, dass immer mehr Menschen von einem Job allein nicht mehr leben können ;-)


Quote
Walter Paddick #13

An sich ist dagegen nichts einzuwenden, wenn jemand einen Nebenjob hat, wie ich finde.
Nur bei Politikern ist das irgendwie eine zwiespältige Sache. Wenn die Nebentätigkeit sich nämlich überschneidet, mit dem politischen Amt bzw. dann ein Interessenkonflikt besteht, dann wird es seltsam, um es vorsichtig auszudrücken.
Da sollte es Transparenz geben. Als normaler Arbeitnehmer muss ich ja auch jede Nebentätigkeit abklären lassen.
Und als Bezieher von Leistungen wird mir sogar, jede Nebentätigkeit, auf meinen Verdienst angerechnet.
Wenn man es so betrachtet, da kommen einem schon Zweifel, ob jedermann gleich ist, vor dem Gesetz.


Quote
69er #15

Abgesehen von der fehlenden Transparenz und der eigentlichen Bedeutung von Angestellten im öffentlichen Dienst und von Beamten oder Abgeordneten Diäten könnte man diese Nebenverdienste tolerieren.
Diäten und öffentliche Gehälter sind doch eingeführt worden um "Staatsbedienstete" so zu versorgen, das Sie unabhängig äußerer Einflüsse ihre Arbeit verrichten können.
Diese Nebenverdienste stellen diesen Grundsatz außer Kraft, zu mindestens in dieser aktuellen Form.
Jeder Frührentner, Aufstocker oder Witwer, also Bezieher öffentlicher Gelder bekommt jeden Cent angerechnet und gekürzt den er mehr verdient, Politiker nicht obwohl es Gelder von der Allgemeinheit sind. Jeder Beamter der "Fremdleistung" in noch so geringer Form annimmt wird der "Bestechlichkeit" angezeigt.
Wenn man jetzt noch die letzten Meldungen in den VW-Betrug berücksichtigt, daßTeile der Regierung schon seit 2010 über diese Manipulation Bescheid wussten, dann kann man über Bestechlichkeit von einigen Personen schon mal laut drüber nachdenken.
Nebenverdienste für Abgeordnete in der jetzigen Form sind nicht mehr tolerierbar und sollten sofort eingestellt werden. Im Zuge der "Neuordnung" der Besoldung unserer Abgeordneten sollte auch die Verantwortung und Einstufung an unabhängige Institutionen ausgelagert werden um der ewigen Selbstbereicherung ein Ende zu setzen.


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Cromagnon #17

Es ist doch wohl kein Problem, wenn ein Anwalt oder ein Unternehmer ihre selbstständigen Geschäfte während der Abgeordnetenzeit nicht ruhen lassen - so weit es mit der Unabhängigkeit eines Abgeordneten vereinbar ist. Es ist aber sehr wohl ein Problem, wenn ansonsten reichlich unbekannte Anwälte aus der Provinz, kaum, dass sie im Parlament sitzen, dann auf einmal irgendwelche Posten in Vorständen oder beratenden Gremien wahrnehmen, mit einem Zeitaufwand und einem "Zusatz"einkommen, der die eigentliche Haupttätigkeit ( = Parlamentsarbeit ) zur wahren Nebentätigkeit degradiert.
Und man möge sich vor Augen halten: Die Parlamentarier streichen Pauschalen für die und das ein, ohne speziellen Nachweis, ein "normaler" Arbeitnehmer kann seine Aufwendungen nur anteilmäßig von der Steuer absetzen und muss das jedes Mal beim Finanzamt rechtfertigen. Alle sind gleich, nur einige sind gleicher.


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slarti bartfass #18

Also das Argument von dem Unternehmer, von dem man ja nicht erwarten kann, das er sein Geschäft aufgibt, ist schon arg dürftig, wenn man sich ansieht wie viele Unternehmer denn tatsächlich in den Parlamenten sitzen. Wenn man noch diejenigen Unternehmer abzieht, die während ihrer Parlamentstätigkeit von ihren Geschäfts-partnern vollumfänglich vertreten werden, so landet man schnell unterhalb des einstelligen Prozentbereichs.

Grundsätzlich bestehen gegen Nebeneinkünfte keine Einwände, so lange offen gelegt wird aus welchen Quellen diese stammen. Hiergegen wehren sich die Abgeordneten nahezu parteiübergreifend. Am meisten fallen dabei die Abgeordneten aus den Reihen der CDU/CSU auf, während die Vertreter der anderen Fraktionen eher stillschweigend ihre Privilegien genießen.

Ich finde die Plattform abgeordnetenwatch.de leistet hier sehr wichtige und gute Aufklärungsarbeit, an dem sich so manche Online-Ausgabe einiger ehemaliger Qualitätsmedien ein Beispiel nehmen sollte. Die Reaktionen von Lobbyisten wie Herrn Uhl lassen jedenfalls kaum Zweifel an der dringenden Notwendigkeit dieser Plattform.


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fragfix #23

Da Abgeordnete wie Hartz IV-Empfänger ihr Gehalt vom Staat beziehen sollte man auch dieselben Regeln und Freigrenzen anlegen. Das bedeutet bis 100 Euro im Monat dürfen sie das Geld behalten, dannach wird verrechnet und irgendwann gibt es kein Geld vom Staat mehr.

Da einige Abgeordnete "Neben"-Verdienste haben, die selbst das Normal-Gehalt von Normalverdienern übersteigen, dürfte das kein Problem sein.


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Sandrine de Schwerin #24

Solange Politik und Wirtschaft so eng miteinander verquickt sind, wird es auch keine unabhängige Politik geben. Aber zu glauben, dass eine strikte Trennung eine wirkliche Verbesserung bringen würde - halte ich - für ebenso naiv. Da wartet schon ein Heer an Lobbyisten, die der Politik vorschreiben, was zu tun ist ...

Das Parlament bildet eben nicht repräsentativ einen Bevöölkerungsquerschnitt ab: Wo finde ich mich als Frührentnerin im Parlament wieder. Wo sind die Alleinerziehenden Frauen? Wo sind all die anderen großen Gruppen, die im Parlament nicht vertreten sind.

Politik machen - so meine eigene Erfahrung - kostet neben Zeit immer auch Geld, viel Geld. Wer das nicht hat, der ist raus!


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mike.bauer #26

Warum ist das Risiko wohlverdienender Abgeordneter korrupt zu werden höher, als das Risiko von "normalen Abgeordneten"? Erstere haben ihren Ruf zu verlieren und bereits genügend Geld.

Beispiel Stephan Harbarth: Man muss neidlos anerkennen, dass er ein sehr guter Wirtschaftsanwalt ist: Top-Examina, Master an einer us-amerikanischen Elite-Universität, Partner in einer Kanzlei. Warum sollte man ihm seinen hart erarbeiteten Verdienst nehmen?
Wenn man Leute mit Wirtschaftskompetenz und Erfahrung haben möchte, muss man in Kauf nehmen, dass sie nicht auf ihre Verdienstmöglichkeit verzichten möchten. Ansonsten bekommt man Berufspolitiker, also meistens Studienabbrecher die keinen Tag gearbeitet haben.

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JayPeeKay #26.1

Ich sehe das ähnlich wie sie. Der Bundestag braucht solche Leute und sollte ihnen auch nicht ihre nebenberufliche Tätigkeit entziehen.

Eine transparente Verfolgung der Kapitalströme ist trotzdem enorm wichtig um Gefälligkeitsdienste und Korruption bekämpfen zu können.

Zudem finde ich, dass in Zeiten, wo Wolfgang Schäuble zum neuen Spargenie aufgestiegen ist und die raffiniertesten Tricks aus dem Ärmel zaubert um doch nochmal ein paar Cent zu sparen, da könnte man drüber nachdenken ob man nicht vlt auch das Einsparpotential bei der Riege der Abgeordeneten entdecken könnte. Da könnte man meines Erachtens schon mal über ein Gegenrechnungsmodell zwischen Diäten und Nebeneinkünften nachdenken. Auch wenn das Einsparpotential im Vergleich zum Haushalt relativ gering ist, so wäre es für mich glaubhafter zu sagen auch wir Abgeordneten ordnen uns dem Spardiktat unter als alle anderen immer wieder zu emsigen Einsparen aufzurufen.


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wurstschnitzer #27

Das diese Berufspolitiker mal "echte" Jobs hatten, ist ja nichts verwerfliches. Manche gehen sogar nach der Politik wieder ehrlicher Arbeit nach, wie z. B. Ronald Pofalla.

Im Korruptionswahrnehmungsindex liegt Deutschland auf Platz 10. Darauf kann man stolz sein, denn es hat ja zumindest nichts mit den Nebeneinkünften von Politikern zu tun.

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haenschen.klein #27.1

ronald pofalla, der von der bundesregierung zur bahn transferierte pofalla, der nun einer der groessten lobbyisten in berlin ist ...




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daywage-man #60

Der Deutsche Bundestag beweist wiedereinmal, wie weit dieser von der repräsentativen parlamentarischen Demokratie entfernt ist.
Ich kenne keine Stadt ind D-land in der 30% Juristen sitzen, aber 0% H-IV Bezieher sind.



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Europäischer freier Demokrat #59

Ein Bundestagsabgeordneter, der seinen Job, seine Aufgabe, sein Amt ernst nimmt,
dürfte normalerweise keine Zeit mehr für einen Nebenjob haben.



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« Reply #551 on: August 18, 2016, 07:29:50 nachm. »
Quote
[...]  Beleidigt, geschlagen, keine Freizeit: Hunderttausende Osteuropäerinnen versorgen in deutschen Haushalten Menschen. Das ist meist verboten, wird aber selten verfolgt.

...  Rund um die Uhr, unterbezahlt und unversichert. "Pflegesklavinnen" nennen manche diese Menschen, oft aus Osteuropa, die teilweise weniger als 800 Euro im Monat verdienen – für einen Job, für den es eigentlich drei Pflegekräfte bräuchte. Die Frauen, selten Männer, arbeiten als 24-Stunden-Kräfte, auch "Live-Ins" genannt, in Privathaushalten. Von dort aus versorgen sie Menschen Tag und Nacht, gehen einkaufen, kochen, geben Tabletten und sind Gesprächspartner. Und weil sie keine Rechte haben, werden sie oft mit Füßen getreten.

Rassistische Beleidigungen, sexuelle Übergriffe, Schläge, ein Leben im Keller ohne Fenster oder zu wenig zu essen. Das passiert täglich. Wie viele Frauen derzeit in Deutschland in solchen Verhältnissen leben, weiß niemand genau. Experten schätzen, dass es zwischen 100.000 und 300.000 sind. Eine Studie für das polnische Arbeitsministerium geht davon aus, dass 94 Prozent dieser Frauen illegal in Deutschland arbeiten.

Quote
martin001 #1

In anderen Jobs ist es leider nicht anders: Illegaler Aufenthalt, fehlender Arbeitsvertrag und Geldnot machen Arbeitnehmer zum vogelfreien Tagelöhner, ähnlich wie im Mittelalter.


Quote
alangasi #14

Wer ist uns?

Mich pflegt niemand und meine Angehörigen pflege ich.
Interessant das dass wohl bei der Zielgruppe der "Zeit" anders ist.


Quote
Franzbrötchen #25

Was in dem Bericht leider kaum zur Sprache kommt ist, dass auch im Pflegebereich längst Monopolisten das Sagen haben. Es handelt sich hierbei um börsennotierte Unternehmen, die einzig und allein auf den Profit schauen. Deswegen wird sich auch ohne Korrektur dieser wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wenig ändern.


...


Aus: "Sklavinnen, die uns pflegen" Daniel Drepper (18. August 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2016-08/pflegekraefte-bundesregierung-osteuropa-illegal-hausangestellte/komplettansicht

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« Reply #552 on: August 20, 2016, 10:42:04 vorm. »
Quote
[...] Musk gibt wie fast alle großen Tech-Firmenchefs kaum Interviews. Diese Leute machen lieber Produktpräsentationen. Insofern ist es bemerkenswert, dass Musk überhaupt redet und dann ausgerechnet mit Werner Herzog und nicht mit Journalisten. ...


Aus: "Träumt das Internet von sich selbst?"  Dirk Peitz (19. August 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/kultur/film/2016-08/lo-and-behold-werner-herzog-film-rezension/komplettansicht

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« Reply #553 on: September 05, 2016, 04:25:23 nachm. »
Quote
[...] Die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind in Deutschland einer Studie des wirtschaftsnahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zufolge zuletzt nicht größer geworden. Demnach haben die realen Bruttoeinkommen von Vollzeitbeschäftigten im untersten Einkommenszehntel zwischen 2009 und 2013 mit 6,6 Prozent Zuwachs am stärksten zugelegt. Bei den reichsten zehn Prozent lag der Zuwachs bei 2,8 Prozent.

Die stabile bis leicht sinkende Einkommensungleichheit in Deutschland sei ein in der Forschung weitgehend anerkannter Befund, sagte der IW-Direktor Michael Hüther. Die Summe aller Erwerbs- und Kapitaleinkommen nach staatlichen Abgaben und zuzüglich Renten und Sozialleistungen sind laut IW nahezu gleich oder ungleich verteilt wie im Jahr 2005.

Damit schneide Deutschland bei der Vermögensverteilung gemessen an den Nettoeinkommen sowohl im EU- als auch im OECD-Vergleich besser ab als der Durchschnitt, sagte Michael Hüther. Zwar stünde Deutschland bei der Verteilung der sogenannten Markteinkommen etwas schlechter da als der Durchschnitt, bei diesem Vergleich würden jedoch die gesetzlichen Renten nicht berücksichtigt.

Etwas ungleicher als 2010 sind indes laut Studie die Vermögen verteilt. Laut Bundesbank besitzen die vermögensreichsten zehn Prozent der Haushalte in Deutschland derzeit 59,8 Prozent des gesamten Vermögens. Das entspricht einem Anstieg vom 0,6 Prozentpunkten.

Quote
4 8 15 16 23 42 #2.1

6,6% von 1000€ Monatseinkommen sind 66€.
2,8% von 10000€ Monatseinkommen sind 280€.
Anzumerken wäre, dass die Einkommen der Oberschicht in den vergangenen 2 Jahrzehnten kontinuirlich gestiegen sind, während die Einkommen der Unterschicht von den 1990er Jahren beginnend und dann ab 2005 rapide gesunken sind.


Quote
Jesses #2.12

Laut

https://de.wikipedia.org/wiki/Mittleres_Einkommen (Stand 05.09.2016)

sind die unteren 10% der Einkommen von 2000 bis 2005 um -8,3% gefallen und von 2005 bis 2010 noch einmal um 2,5% gefallen.
Die Einkommen der obersten 10% sind hingegen zunächst um 1,1% und dann noch einmal um 0,7% gestiegen.
Von 2000 bis 2010 sind die Einkommen der unteren 80% allesamt gesunken!
Damit ist schon mal klar, dass die Lobbyisten der Industrie (auch genannt Institut für Wirtschaft), haben bei der Datengrundlage Rosinenpickerei betrieben.
Noch aufschlußreicher wird es, wenn man die obersten 10% aufschlüsselt. Wenn man dies tut, wird man erkennen, das der aller größte Anstieg in dieser Gruppe beim obersten 1% der Gesellschaft war.

Auch wenn man das Wirtschaftswachstum anschaut, merkt man dass der Zeitraum von 2009 bis 2013 besonders ist. In 2009 war das BIP um 5,6% gesunken, in den zwei Folgejahren stieg es dann sprungaft auf 4,1 und dann 3,7. Der Startpunkt der Studie wurde so in einen Tiefpunkt gelegt!

http://de.statista.com/statistik/daten/studie/2112/umfrage/veraenderung-des-bruttoinlandprodukts-im-vergleich-zum-vorjahr/

Kurz: Über 10 Jahre steigt die Ungleichheit, dann picken die Propagandisten vom IW genau 4 Jährchen raus in denen es eine klitzekleine Trendwende gibt und alles soll in Butter sein?! Eigentlich zum Lachen, wenn nicht ständig unsere Lei(d)medien so einen Dreck ungefiltert rausposaunen.

Wenn ich mich jetzt nicht verrechnet habe ist das BIP von 2000 bis 2010 um insgesamt 9,5% gewachsen, gleichzeitig sind für 80% der Beschäftigten die Löhne gesunken, das bedeutet wachsende Ungleichheit!!!!


Quote
Zwischen-den-Zeilen-Leser #2.18

Zum Thema:

"Lohnentwicklung Deutschland Die Reallöhne sinken besonders im Westen" (14.09.14)
In Westdeutschland sind [ ] von 1995 bis 2012 die Reallöhne in allen Einkommensgruppen gesunken. Einen dramatischen Rückgang erlebten Geringverdiener: Ihre realen Stundenlöhne stürzten um 20 Prozent ab. ...
http://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft/lohnentwicklung-deutschland-die-realloehne-sinken-besonders-im-westen-253508

...


Quote
periklääähs #3

Um die Meinungsbildung auf ein solides Fundament zu stellen:

Das Institut der deutsche Wirtschaft Köln (IW) ist ein privates, unternehmensnahes Wirtschaftsforschungsinstitut, das Analysen und Stellungnahmen zu Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik erarbeitet. Trägervereine sind die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). ...
https://lobbypedia.de/wiki/Institut_der_deutschen_Wirtschaft


Quote
JayPeeKay
#19  —  vor 2 Stunden 6

"Demnach haben die realen Bruttoeinkommen von Vollzeitbeschäftigten im untersten Einkommenszehntel zwischen 2009 und 2013 mit 6,6 Prozent Zuwachs am stärksten zugelegt. Bei den reichsten zehn Prozent lag der Zuwachs bei 2,8 Prozent. "

Geht es hier ausschließlich um die realen Bruttoeinkommen von Vollzeitbeschäftigten? Das ist für mich nämlich nur ein sehr begrenztes Maß zur Untersuchung nach arm und reich.

Zudem haben schon vorher Foristen darauf hingewiesen, dass ein höherer relativer Anstieg zwar sehr schön ist, sich dies aber nicht in absoluten Zahlen niederschlagen muss...

So bleibt in dem Text, außer der Überschrift wenig Substanz hängen.


Quote
feuchter Handschlag #36

"... einer wirtschaftsnahen Studie ..."

Aaaaaaaaaha!


Quote
reniarr #36.1

Immerhin weißt die Zeit aber auch extra mit diesem Adjektiv daraufhin wie kritisch diese Studie betrachtet werden sollte. Das ist doch auch schon mal ein Fortschritt, praktisch schon mit der Zaunlatte zugeschlagen. ;-)

Sonst werden von der Presse solche Studien auch einfach mal so unters Volk geworfen, was dann auf viele Leser eben wie eine von der Wirtschaft gekaufte und gesteuerte Presse wirkt.


Quote
AlaskaS #37

Na ja, FAZ Online, hat die gleiche Nachricht veröffentlicht, aber auf die Aktivierung der Kommentarfunkion der Einfachheit halber verzichtet. Ich hätte es begrüßt, wenn Zeit-Online auf dee Veröffentlcihung dieses Schmonzes auf dem Niveau einer Bachlor Thesis verzichtet hätte.

Quote
reniarr #37.1

Gar nicht zu berichten ist auch keine Lösung. Man muss eben auf die Feinheiten acht geben:

Bei der FAZ steht nicht extra nochmal "wirtschaftsnah" ... wobei das "Institut der Deutschen Wirtschaft Köln" ja schon von der Namensgebung her eher unverdächtig sein sollte, als dass man ihm Objektivität oder gar linke Tendenzen unterstellen könnte. Dass hier ein Lobbyist der Wirtschaft am Werk ist, müsste eigentlich schon vom Namen her klar sein.



Quote
SethusC. #24

Jede Studie bringt das Ergebnis, das ihre Auftraggeber haben wollen.
Studien der Hans-Böckler-Stiftung ergeben ganz andere Ergebnisse.
Dei einen glauben diesen, die anderen jenen. Objektive Aussagen wird man nicht finden.


...


Aus: "Ungleichheit: Niedrige Einkommen steigen am stärksten" (5. September 2016, Quelle: ZEIT ONLINE, KNA, sah)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-09/ungleichheit-einkommen-schere-deutschland-verteilung-studie


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« Reply #554 on: September 06, 2016, 07:55:17 vorm. »
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[...] Immer mehr Haushalte in Deutschland sind überschuldet. Laut Zahlen des Bundesarbeitsministeriums sei die Zahl der Haushalte "mit hoher Überschuldungsintensität" zwischen 2006 und 2015 von 1,64 Millionen auf 1,97 Millionen gestiegen, berichtet die Nordwest-Zeitung aus Oldenburg. 

Haushalte "mit hoher Überschuldungsintensität" bezeichnen unter anderem Personen oder Familien, die über einen längeren Zeitraum ihre Schulden bei mehreren Gläubigern nicht zurückzahlen können. Die Zahlen sollen im neuen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung veröffentlicht werden.

Die Linkspartei warnte im Gespräch mit der Zeitung vor einer steigenden Armutsgefährdung. "Immer mehr Menschen geraten in die Schuldenfalle, in vielen Fällen bedingt durch Erwerbslosigkeit, Krankheit oder ein niedriges Einkommen", sagte Linken-Fraktionsvize Sabine Zimmermann.

Die soziale Sicherung im Fall der Erwerbslosigkeit müsse wieder gestärkt werden, forderte Zimmermann. Dies könne zum Beispiel durch einen verbesserten Zugangs zur Arbeitslosenversicherung geschehen oder durch die Einführung einer "tatsächlich existenzsichernden sanktionsfreien Mindestsicherung", so die Politikerin: "Um nicht in eine Schuldenspirale zu geraten, brauchen die Menschen gute Arbeit und Löhne, die zum Leben reichen."

Das Statistische Bundesamt hatte im Juli dieses Jahres in seiner neuen Überschuldungsstatistik aufgezeigt, dass im Jahr 2015 in 20 Prozent aller Fälle der Verlust des Arbeitsplatzes Ursache für private Schulden war. Auch Krankheit, Sucht oder die Folgen eines Unfalls führen zu Überschuldung. Jeder siebte der 647.000 Schuldner suchte aus einem dieser Gründe im vergangenen Jahr bei einer Insolvenzberatungsstelle Hilfe. Überschuldung durch unangemessenes Konsumverhalten – das in der Statistik als "unwirtschaftliche Haushaltsführung" bezeichnet wird – wurde lediglich in elf Prozent aller Fälle als Hauptursache festgestellt.

Für die Statistik haben die Experten anonymisierte Daten zu 113.000 Privatleuten ausgewertet, die 2015 die Hilfe einer der 1.400 Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen in Anspruch genommen haben. Nach Einschätzung der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände stecken bundesweit sechs bis sieben Millionen Menschen in der Schuldenfalle.


Aus: "Armutsbericht: Kein Job, kein Geld, überschuldet" ZEIT ONLINE, KNA, vvö (6. September 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/2016-09/armutsbericht-ueberschuldung-haushalte-deutschland

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« Reply #555 on: September 12, 2016, 09:04:21 vorm. »
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[...] In Deutschland sind fast zwei Millionen Kinder auf Hartz IV angewiesen. Dabei ist Armut laut einer Studie für die meisten von ihnen inzwischen ein Dauerzustand.

Trotz wirtschaftlichen Aufschwungs leben in Deutschland mehr Kinder in Armut. Der Anteil der jungen Menschen, deren Familie von Sozialleistungen lebt, sei jedoch regional sehr unterschiedlich, teilte die Bertelsmann Stiftung am Montag mit.

Den Berechnungen zufolge kletterte die Quote der unter 18-Jährigen in Hartz-IV-Haushalten in den westlichen Ländern von 12,4 Prozent im Jahr 2011 auf 13,2 Prozent im Jahr 2015. Im Osten sank der Anteil armer Kinder im selben Zeitraum zwar um 2,4 Prozentpunkte, blieb aber mit 21,6 Prozent vergleichsweise hoch. Damit wuchsen vergangenes Jahr in Deutschland insgesamt mehr als 1,9 Millionen Kinder in Armut auf (14,7 Prozent) - 52.000 mehr als noch im Vorjahr.

Sorgen bereitet den Forschern, dass eine Mehrheit der betroffenen Kinder über längere Zeit in der Armut feststeckt: Im Schnitt sind 57,2 Prozent der betroffenen Kinder zwischen 7 und 15 Jahren mehr als drei Jahre auf Grundsicherungsleistungen angewiesen.

„Je länger Kinder in Armut leben, desto gravierender sind die Folgen“, sagte Anette Stein, Familienpolitik-Expertin der Bertelsmann Stiftung. So zeige die Auswertung einer Vielzahl von Studien der vergangenen Jahrzehnte zum Thema, dass arme Kinder sozial isolierter aufwachsen, gesundheitliche Nachteile haben und häufiger Probleme auf ihrem Bildungsweg haben als Altersgenossen, deren Eltern keine finanziellen Sorgen haben.

Das höchste Armutsrisiko hat den Daten zufolge der Nachwuchs von Alleinerziehenden oder aus kinderreichen Familien. Mit fast einer Million wächst mehr als die Hälfte aller Kinder im Hartz-IV-Bezug bei nur einem Elternteil auf, meist der Mutter. 36 Prozent leben mit zwei oder mehr Geschwistern.

Kinderarmut ist dabei ein Problem, das in Städten erheblich stärker ausgeprägt ist als in ländlicheren Regionen, wie die Experten hervorheben. Darin spiegelten sich auch die wirtschaftliche Lage, etwa ein generelles Nord-Süd-Gefälle, sowie strukturelle Probleme innerhalb der Länder. So gibt es Städte, in denen mehr als jedes dritte Kind in einer Familie aufwächst, die auf staatliche Grundsicherung angewiesen ist.

Beim Negativspitzenreiter Bremerhaven liegt die Quote den Berechnungen zufolge bei 40,5 Prozent. Es folgen Gelsenkirchen (38,5 Prozent), Offenbach (34,5 Prozent), Halle (33,4 Prozent), Essen (32,6 Prozent) und Berlin (32,2 Prozent). Bayern und Baden-Württemberg haben mit 6,8 Prozent bzw. 8,0 Prozent die niedrigsten Anteile in ganz Deutschland. Zum Vergleich: In Berlin ist fast jedes dritte Kind von Sozialleistungen abhängig. (dpa)


Aus: "Kinderarmut im reichen Deutschland nimmt zu" (12.09.2016)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/bertelsmann-stiftung-kinderarmut-im-reichen-deutschland-nimmt-zu/14531942.html

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« Reply #556 on: September 13, 2016, 11:26:32 vorm. »
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[...] Es sind Leute, die ich am liebsten gar nicht im Taxi mitnehmen würde. Sie sind meist in Kleingruppen, laut und eklig. Ihre Anzüge, ihre Rolex, sind ihr zur Schau getragener Beweis, dass sie reich sind. Arrogantes Auftreten ist für sie normal. Sie schmeißen sich auf den Rücksitz und geben im Befehlston das Fahrziel bekannt. Sie fragen nicht, ob sie die Fenster öffnen dürfen, sondern tun es. Da diese bei mir im Taxi aber wegen der Klimaanlage blockiert sind, bellen sie nach vorn, damit ich sie öffne. Sie lästern sehr gerne über irgendwelche „Prolls“, die Frauen unter ihnen lachen dann kreischend. Dabei sind sie allesamt wesentlich prolliger, als wirkliche Proleten.

Andere Menschen sind ihnen egal, das beweisen sie in jedem Satz. Herrenmenschen, die sicher auch Sklaven halten würden, wenn das nicht verboten wäre.

Ihr heimliches Hauptquartier ist die Newton-Bar am Gendarmenmarkt. Hier sind sie gerngesehene Gäste, das Personal habe ich ähnlich arrogant erlebt wie diese Champagner saufenden Gäste. In Sommernächten stehen sie draußen, blockieren mit 100, 200 Leuten den Gehweg und die Straße, teilweise kommen die Autos nicht mehr durch. Die Polizei tut nichts dagegen. Wie würde sie wohl reagieren, wenn es nicht Reiche wären, sondern Obdachlose, Punks oder türkische Jugendliche? Sicher nicht so tolerant.

Es mag sein, dass ich gegen solche Schnösel Vorurteile habe. Aber diese wurden mir einfach schon viel zu oft bestätigt.

Letzte Nacht hatte ich nun wieder vier von denen im Taxi, sie stiegen mir ganz in der Nähe ins Auto. Die Newton-Bar war ihnen zu voll, sie wollten in eine andere, wussten aber nicht, in welche.

„Bring uns mal zu einer vernünftigen Bar, aber nicht so eine abgeranzte!“

„Wieso duzen Sie mich?“, fragte ich, obwohl mir der Grund wohl bewusst war. In seinen Augen war ich offenbar niemand, der man siezt.

„Mein Gott, Sie sind aber empfindlich.“

Ohne weiter zu diskutieren fuhr ich los. Ich erzählte auf dem Weg, dass es ja in Mode sei, schicke Bars hinter bemalten Fassaden zu betreiben. Das gefiel ihnen.

Schließlich ließ ich sie direkt bei der Kadterschmiede raus, der Autonomenkneipe in der Rigaer Straße. Hoffentlich hat es ihnen da gefallen. Aber Champagner und teure Cocktails bekamen sie dort sicher nicht.


Aus: "Asoziale" (Veröffentlicht am 7. September 2016 von Aro Kuhrt in Taxi)
Quelle: http://www.berlinstreet.de/13492


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« Reply #557 on: September 15, 2016, 09:21:27 vorm. »
Quote
[...] Besserverdiener erhielten 2014 aber immer noch gut das Dreifache von Geringverdienern. Zur Spitzengruppe zählen Arbeitnehmer ab 31 Euro Bruttostundenlohn, zu den unteren zehn Prozent bis 9,10 Euro. ... In der Vergangenheit seien die Geringverdiener in Deutschland insgesamt im Vergleich zur Mitte der Lohnskala immer wieder zurückgefallen, erläuterten die Statistiker. Inzwischen deute sich "ein leichter Aufholprozess" zur Mitte der Lohnskala (16,65 Euro) an.

Derweil stieg von 2010 bis 2014 der Lohnabstand der Besserverdiener zur Mitte. Damit habe sich eine "langjährige Entwicklung" fortgesetzt, erklärten die Statistiker: "Die Besserverdiener setzen sich von der Mitte ab."

... Gleichzeitig ist der Anteil der Besserverdiener leicht angestiegen. 19,0 Prozent aller Beschäftigten fielen 2014 in diese Kategorie, 0,9 Prozentpunkte mehr als vier Jahre zuvor. Der Anteil derjenigen, die nur für einen Niedriglohn arbeiten, ist wiederum seit 2010 nicht weiter gewachsen. Unter allen Beschäftigten waren 2014 den Angaben zufolge 20,6 Prozent Geringverdiener.

... Zum Niedriglohnbereich zählen Arbeitnehmer, die weniger als zwei Drittel des mittleren Verdienstes (11,09 Euro Bruttostundenlohn 2014) bekommen. Als Spitzenverdiener zählen solche, die mehr als das Eineinhalbfache verdienen – das sind 24,96 Euro je Stunde.

Um die sogenannte Lohnspreizung zu berechnen, werden Voll- und Teilzeitbeschäftigte sowie geringfügig Beschäftigte berücksichtigt. Sie lassen keine Rückschlüsse auf die Folgen des Mindestlohns zu, der seit 2015 gilt. Die Ergebnisse decken sich mit einer jüngst vorgestellten Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), der zufolge die Lohnungleichheit zwischen 2009 und 2013 nicht zugenommen hat.

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Zwischen-den-Zeilen-Leser #5

Zur Einkommensverteilung schreibt "Monitor" unter Berufung auf Daten der Unternehmensberatung Kienbaum:

Danach sind die Einkommen von Geschäftsführern von 1997 bis 2014 um 42 Prozent angestiegen. Die Einkommen von Vorständen legten um 59 Prozent zu, die von DAX-Vorständen sogar um 186 Prozent. Zum Vergleich: Die Einkommen von Durchschnittsverdienern stiegen im selben Zeitraum nur um 15 Prozent.

"Pressemeldung vom 14.07.2016: Neue Zahlen zu Topverdienern in Deutschland - Ungleichheit bei den Einkommen größer als bislang bekannt"
Neue Daten über die Einkommen der reichsten Deutschen zeigen: Die Schere zwischen Arm und Reich geht in Deutschland deutlich weiter auseinander, als es die offiziellen Statistiken bisher ausweisen. ...
http://www1.wdr.de/daserste/monitor/extras/arm-und-reich-104.html

Ein interessantes Detail zur Entwicklung der Einkommen der Geringverdiener:

[14.09.14]: In Westdeutschland sind demnach von 1995 bis 2012 die Reallöhne in allen Einkommensgruppen gesunken. Einen dramatischen Rückgang erlebten Geringverdiener: Ihre realen Stundenlöhne stürzten um 20 Prozent ab.
http://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft/lohnentwicklung-deutschland-die-realloehne-sinken-besonders-im-westen-253508


...


Aus: "Statistisches Bundesamt: Besserverdiener setzen sich von der Mitte ab" (14. September 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-09/statistisches-bundesamt-loehne-lohngefaelle-verringerung


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« Reply #558 on: September 15, 2016, 01:49:25 nachm. »
Didier Eribon (* 10. Juli 1953 in Reims) ist ein französischer Autor und Philosoph. Er unterrichtet als Professor für Soziologie an der Universität Amiens. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Didier_Eribon

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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 23.07.2016: Christiane Müller-Lobeck kann nur den Kopf schütteln: Wie kann dieses virtuose Buch, das nicht nur bewegend den schwierigen Werdegang eines schwulen Fabrikarbeitersohnes zum bedeutenden französischen Intellektuellen schildert, sondern auch den Erfolg des Front National analysiert, erst sieben Jahre nach der französischen Veröffentlichung auf Deutsch erscheinen, fragt die Kritikerin. Mit Blick auf den Brexit und AfD-Erfolge bleibt das Buch dennoch ungebrochen aktuell, versichert die Rezensentin, die bei Eribon erfährt, dass möglicherweise der Dirigismus der französischen Kommunistischen Partei für den Zulauf von Linken zu den "autoritären" Versprechen der Rechtspopulisten verantwortlich ist. ...
https://www.perlentaucher.de/buch/didier-eribon/rueckkehr-nach-reims.html

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[...] Donald Trump, Front National oder AfD: Fast überall in der westlichen Welt sind Rechtspopulisten auf dem Vormarsch. Dabei verbindet sie vor allem eins: Sie stoßen besonders in den unteren Einkommensschichten auf Resonanz. Stellt sich die Frage: Warum? Genauer gesagt: Auch wenn die Arbeitermilieus historisch keine „natürliche“ Klientel der Linken bilden, da sie auch immer schon in konservativen Kreisen verankert waren, bleibt zu klären, warum linke Parteien nun so erschreckend eindeutig von rechtspopulistischen abgelöst werden.

Eine erste Antwort liefert Didier Eribon in seinem jüngst auf Deutsch erschienenen Buch Rückkehr nach Reims: „So widersprüchlich es klingen mag“, heißt es dort, „bin ich mir doch sicher, dass man die Zustimmung zum Front National zumindest teilweise als eine Art politische Notwehr der unteren Schichten interpretieren muss. Sie versuchten, ihre kollektive Identität zu verteidigen, oder jedenfalls eine Würde, die seit je mit Füßen getreten worden ist und nun sogar von denen missachtet wurde, die sie zuvor repräsentiert und verteidigt hatten.“ ...

Denn in dem Moment, wo Teile der Linken den „Dritten Weg“ beschritten und plötzlich von Eigenverantwortung und Ich-AG sprachen, manifestierten sie ja nicht nur eine Dauerprekarisierung ganzer Milieus, sie zerstörten auch die letzten Reste eines Klassenbewusstseins. Das zeigt sich schon sprachlich. Aus Arbeitern wurden „Geringverdiener“, aus Proletariern „sozial Schwache“. Aus einem Kollektivsubjekt, das Rechte einforderte, wurde ein Sammelsurium von Opfern und Hilfsempfängern.

Welchen psychopolitischen Effekt das hatte, wird klar, wenn man sich vergegenwärtigt, dass kommunistische und sozialdemokratische Parteien historisch nicht nur als nüchterne Interessenvertreter der Arbeiterschaft dienten, sondern immer auch proletarische Identitätsmaschinen bildeten. Mit einem Repertoire an Symbolen und Narrativen, von der roten Fahne bis zur Internationale, gaben sie ihren Anhängern zurück, was im Fabrikalltag verloren zu gehen drohte: Stolz und Würde.

Und das war nicht zuletzt deshalb möglich, weil der Marxismus, ob nun revolutionär oder reformistisch, das dialektische Versprechen barg, mit der „Philosophie des Elends“ Schluss zu machen: Aus dem Knecht sollte schließlich irgendwann der Herr werden. Fragt man sich also, warum Trump so viele blue-collar workers begeistert [Unter den Begriffen Blue Collar (worker) und White Collar (worker) versteht man die zumeist in einem Produktionsbetrieb beschäftigten Industriearbeiter und Handwerker einerseits, und die Büro-, Handels-, Dienstleistungs- und ähnliche Berufe andererseits, oder allgemeiner die eher nur im Deutschen verbreiteten Begriffe von Arbeitern und Angestellten.], 86 Prozent der Arbeiter bei der Stichwahl zum österreichischen Präsidenten für FPÖ-Kandidat Norbert Hofer votierten oder die AfD der Linkspartei Wähler abwirbt, besteht eine Antwort darin, dass die Rechtspopulisten schlicht eine Lücke füllen. Obschon deren ökonomische Programme den Interessen der unteren Schichten bisweilen sogar widersprechen, die AfD ist in dieser Hinsicht ja weitestgehend noch jene neoliberale Honoratiorenpartei, als die sie einst startete, geben sie sich als Repräsentanten der „kleinen Leute“. Und im Gegensatz zur Linken haben sie obendrauf vor allem noch ein Identitätsangebot: jenes völkische Phantasma, das Stolz bereits aus der Nationalität und Hautfarbe ableitet.

Und es ist ja nicht so, dass alle, die für Front National oder AfD stimmen, damit schlagartig rassistisch würden. Allein deshalb nicht, weil viele es schon vorher waren. Eribon beschreibt etwa eindrücklich, wie stark der Alltagsrassismus in seiner Familie bereits in jener Zeit war, als diese noch für die Parti Communiste votierte. „Mit der Entscheidung für linke Parteien wählte man gewissermaßen gegen seinen unmittelbaren rassistischen Reflex an, ja gegen einen Teil des eigenen Selbst, so stark waren diese rassistischen Empfindungen.“ Parlamentarisch übersetzt sich Fremdenfeindlichkeit also vollends erst dann, wenn der Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit von der politischen Bühne verschwindet.

Neben der von Eribon aufgeworfenen Frage der Identität ließe sich aber noch ein weiterer Aspekt anbringen. Und zwar die Tatsache, dass linke Diskurse oft nur noch von dem bestimmt sind, was der italienische Literaturwissenschaftler Daniele Giglioli „Opferideologie“ nennt. Nun muss man bei dem Wort Opferideologie erst einmal schlucken. Hört sich das doch zunächst nach einem jener Rülpser aus der Maskulinistenhölle an, wonach es gar keine Opfer von Rassismus, Sexismus oder Homophobie gebe, sondern es genau andersherum sei. „Gender-Ideologie“ und Political Correctness bildeten ideologische Waffen im Feldzug gegen den weißen Mann.

Es ist jener gleichermaßen reaktionäre wie perfide Ethos, den Clint Eastwood kürzlich im Interview mit Esquire auf den Punkt brachte, als er sich darüber mokierte, dass wir in einer „pussy generation“ leben, in der Menschen andere Menschen tatsächlich des Rassismus bezichtigen. „Als ich groß wurde“, sagte Eastwood, „hat man solche Sachen nicht rassistisch genannt.“

Im Gegensatz zu diesem reaktionären Diskurs, der sich ja deshalb wieder in die 50er Jahre wünscht, weil da Frauen, Schwarze und Homosexuelle eben noch die Schnauze zu halten hatten, geht es Giglioli in seinem Essay Die Opferfalle um etwas anderes.
Wenn die Formulierung einer Opferposition nicht mehr mit der Idee der Ermächtigung verbunden sei, drohe die Kultivierung von Passivität, schreibt Gigliolo. Das heißt: Wird das Ausstellen der eigenen Erniedrigungen zum Selbstzweck, bindet sich der Mensch an seine eigenen Verletzungen. Dann wird er zur bloßen Summe seiner Kränkungen. „Das Opfer ordnet das Sein hinter das Haben, reduziert das Subjekt auf einen Träger von Eigenschaften (und nicht etwa von Handlungen), verlangt von ihm auf schmerzhafte, aber stolze Weise das zu bleiben, was es ist.“

Die Kritik zielt also nicht darauf, dass Menschen kein Zeugnis von ihrem erlittenen Unrecht ablegen sollten. Sie zielt darauf, dass es ohne politisches Projekt in einer bloßen Ontologie des Mangels münden kann. Und das führt nicht nur dazu, dass der Konflikt immer öfter durch den Skandal, Politik durch Moral ersetzt wird, sondern auch, sagt Giglioli, zum „Verlust einer allgemeinen, positiven Idee des Guten“. ...

Was also tun? Ein bloßes Zurück zum alten Klassenkampf kann es freilich nicht sein. Schon deshalb, weil der klassische Marxismus historisch ja bewiesen hat, dass er jene emanzipatorischen Diskurse, ohne die eine offene Gesellschaft nicht zu denken ist, Feminismus oder den Kampf für die Rechte von Homosexuellen, nicht ausreichend integrieren konnte, ja ihnen bisweilen sogar widersprach. Eribon beschreibt zum Beispiel, wie sehr ihm bei seinem politischen Engagement immer wieder Homophobie entgegenschlug. Vielleicht wäre es aber ein Anfang, wenn die Linke jenes Bonmot von Karl Marx beherzt, wonach es zunächst nicht darum geht, alle gesellschaftlichen Widersprüche aufzuheben, sondern darum, ihnen eine Form zu geben, in der sie sich bewegen können. Die Rechtspopulisten tun das nämlich bereits.

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fugetivo 13.08.2016 | 10:54
Gerne gelesen und als Ergänzung aus meinem Blogbeitrag:
Didier Eribon über "beschädigte" linke Sprache und Falschwörter: "Die linken Parteien mit ihren Partei- und Staatsintellektuellen dachten und sprachen fortan nicht mehr die Sprache der Regierten, sondern jene der Regierenden, sie sprachen nicht mehr im Namen von und gemeinsam mit den Regierten, sondern mit und für die Regierenden, sie nahmen gegenüber der Welt nunmehr einen Regierungsstandpunkt ein und wiesen den Standpunkt der Regierten verächtlich von sich, und zwar mit einer verbalen Gewalt, die von den Betroffenen durchaus als solche erkannt wurde. In den christsozialen oder philanthropischen Ausprägungen dieses neokonservativen Diskurses ließ man sich bestenfalls dazu herab, diejenigen, die gestern noch „unterdrückt“ oder „beherrscht“ gewesen waren und politisch „gekämpft“ hatten, als „Ausgeschlossene“ darzustellen, als „Opfer“ von „Armut, Prekarisierung und Ausgrenzung“ und somit als passive und stumme potentielle Empfänger technokratischer Hilfsmaßnahmen. ...
Wenn man „Klassen“ und Klassenverhältnisse einfach aus den Kategorien des Denkens und Begreifens und damit aus dem politischen Diskurs entfernt, verhindert man aber noch lange nicht, dass sich all jene kollektiv im Stich gelassen fühlen, die mit den Verhältnissen hinter diesen Wörtern objektiv zu tun haben. Im Gegenteil: Von den Verfechtern des „Zusammenhalts“, der „notwendigen“ Deregulierung und des „notwendigen“ Rückbaus sozialer Sicherungssysteme fühlen sie sich nicht länger repräsentiert. [3] Quelle: Blätter für deutsche und internationale Politk. Augustausgabe 2016, S. 57 f. ...


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Reinhold Schramm 13.08.2016 | 10:27

Das gesamte Erziehungs- und Bildungssystem im Kapitalismus ist nachhaltig auf die Unterwerfung -insbesondere der Arbeiterklasse (einschließlich Familienangehörigen) - ausgerichtet. Die geistige Manipulation der Ausgebeuteten ist ein Wesensbestandteil der imperialitsichen Klassen- und Konsumgesellschaft.


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JR's China Blog 13.08.2016 | 11:37
@Richard Zietz

Was Frankreich anbelangt, erschien bereits im letzten Jahr eine gute (wenn auch leider ziemlich untergegangene) Analyse: Wer ist Charlie? Die Anschläge von Paris und die Verlogenheit des Westens von Emmanuel Todd. Todds Hauptbeobachtung: Der FN legte vor allem in den Hochburgen der früheren Arbeiterbewegungs-Linken deutlich zu – im nordfranzösischen Industrie- und Großlandwirtschaftsgürtel südlich der belgischen Grenze bis hin zum Elsass und an der Mittelmeerküste. Todds Ursachenanalyse: der aufgestiegene neue Mittelstand aus dem Reservoir der Linken und die konservativen Eliten des alten katholischen Frankreichs haben sich zwischenzeitlich amalgamiert zu einer Elite, die brutal Front macht gegen die Abgehängten. Diagnose auch hier: Abwendung von der sozialen Frage, Zuwendung zu postmateriellen Ideologiefragmenten inklusive der zu diesem Zweck neu aufgegleisten Diskursfragmente.

Todds Analyse fokussiert zwar auf Frankreich. Bezieht man landesspezifische Besonderheiten mit ein, findet der Klassenkampf zwischen Elite(n) und »Plebs« jedoch exakt nach dem im Artikel beschriebenen Muster statt – nicht nur europaweit, sondern überall dort, wo Gesellschaften genügend ausdifferenziert sind und eine passende »Sozialgenese« ausweisen. Dass die Linke mit dem seit den Neunzigern vollzogenen Umsatteln auf postmaterielle Problemstellungen besagten Prozess der Entfremdung aktiv mitbefördert hat, ist als Element so augenfällig, dass es eigentlich kaum noch einer besonderen Erwähnung bedarf.

Was würde helfen? Ich würde nicht so weit gehen wie im Artikelintro postuliert und eine andere Sprache fordern. Das Anstreben eines klassenübergreifenden Volksfront-Bündnisses hingegen gegen das Big Business von Multis, flottierendem Kapital, Militär und Politik (beziehungsweise einer Regenbogen-Koalition ähnlich der der US-Demokraten in ihren besten, »heroischsten« Zeiten) würde die richtigen Weichen stellen. Allerelementarste Voraussetzung eines solchen Bündnisses allerdings wäre die Umorientierung der die Breite der Gesellschaft bildenden Mittelschichten. Profan gesprochen: raus aus dem ideologischen Darmausgang der neoliberalen Eliten, Findung einer eigenen Klassenposition und im Anschluss daran: Formierung eines Bündnisses mit den Ausgegrenzten, Underdogs sowie den Resten der noch existenten Arbeiterklasse.

Also: Arbeiter, Prekäre, Frauen, Jugendliche und Migrant(inn)en – plus die im Hamsterrad (noch) mitlaufenden Teile der Mittelschichten. Nur so kommt genügend (kritische) Masse zusammen, um den neoliberalen Steuerern des Sytems Paroli zu bieten. Und sie – eventuell – in ihre Schranken zu verweisen.

Ohne eine wirkungsvolle Kommunikation ist der Teil der Bevölkerung, der sich von rechts angesprochen fühlt (es sind keineswegs nur "kleine Leute") tatsächlich nicht erreichbar. Ob das eine ganz andere Sprache sein muss, kann ich nicht beurteilen. Aber es fehlt nicht nur eine Idee des Guten - solche Ideen gibt es ja aus kirchlichen und politischen Quellen gar nicht wenige. Wenn sie aber nicht rauf und runter propagiert werden, werden sie auch nicht wahrnehmbar. Grundsätzlich fehlt die Bereitschaft, den Interessenkonflikt zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu sehen und ernst zu nehmen - nicht nur "von oben" oder "von unten", sondern auch medial, also im Zwischenbau und dem elektronischen Teil des öffentlichen Raums.

Ein Forist in der FC hat es am vor zwei Tagen so geschrieben:

"Frau Wagenknecht versucht (- so sehe ich das), den von (potentiellen) Links-Wählern gesehenen Konflikt zwischen ihren direkten sozialen Interessen und dieser Einreise-Welle aufzugreifen. Viele Wähler finden es nötig, zwischen Asyl Suchenden und Arbeit Suchenden zu unterscheiden, und zweifelhafte Gestalten eher abzuweisen. Jeder, der so redet, läuft Gefahr, als ausländerfeindlich und rechts attackiert zu werden. Aber auch linke Politiker müssten die Zielkonflikte erkennen, die sich beispielsweise zwischen höherem Mindestlohn und der Zunahme der Zahl gering Qualifizierter bestehen, oder welche das Umverteilungspotential im Rentensystem betreffen."

Auch das mag nicht jeder hören - ist aber wichtig.


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Zack 13.08.2016 | 15:27

 ... Zwecklos zu erwähnen, dass der Klassenkampf von Oben kracht und gedeiht und mittlerweile die Erscheinungsformen eines globalen „Weltbürgerkrieges“ angenommen hat, der alle störenden staatlichen, institutionellen und „kulturellen“ Formationen dieses Globus mit Tod und Vernichtung überzieht.


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schna´sel 13.08.2016 | 15:52
@schna´sel

Weil es zu dem Gesagten wirklich passt, wie der Vielzitierte auf den Eimer, hier noch der Link zu dem aktuellen Communtity Beitrag: "Links gegen Links" https://www.freitag.de/autoren/david-gutensohn/links-gegen-links (12.08.2016)

»Ausgerechnet die Regierung in Griechenland geht mit harter Hand gegen Hausbesetzungen und Wohnprojekte vor. Ein Bericht aus der linken Szene in Thessaloniki«


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Ehemaliger Nutzer 13.08.2016 | 21:13

Die Linke denkt zu kompliziert. Wichtigstes Beispiel: Arbeitskräftefreizügigkeit und Migration sind schlicht und ergreifend nicht Interesse von "working class people". Diese working class people haben dadurch nur zu verlieren. Deswegen haben sie für den Brexit gestimmt. Es sind Interessen- und Verteilungskonflikte, es ist kein Rassismus, zumindest nicht in erster Linie.


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Sikkimoto 17.08.2016 | 14:30
@Magda

>Sofort werden deren Probleme, als Luxus oder deren Vertreter gar als Parteigänger des Neoliberalismus angefeindet.<

Erst mal: Die Anfeindung läuft in den allermeisten Fällen umgekehrt. Man wird in der eigenen Partei beschimpft weil man Wahrheiten ausspricht, die jedem Menschen bei halbwegs klarem Verstand offensichtlich sind. Neuerdings weiss man, es geht selbst Fraktionsvorsitzenden so, nur wird es dort noch in alle Öffentlichkeit hinausposaunt. Ja, Mitlerweile gärt es. Weil die Lederers und co sehr weit davon entfernt sind, das durchschnittliche Milieu eines Linken-Anhängers zu repräsentieren. Viele hier im Westen waren zudem früher bei SPD oder Grünen oder zumindest in deren Umfeld. Die wissen wie es ist, wenn die eigene Partei von neoliberalem Pack gekapert wird und reagieren besonders giftig darauf.

Zweitens: Warum diese "Anfeindung"? Weil viele dieser Vertreter auch genau das sind: Parteigänger des Neoliberalismus. Um zu Differenzieren, muss man ins Konkrete gehen. Nehmen wir mal das Schlachtfeld Feminismus: Das "Eigentliche" (sie fragten ja) oder zumindest ein sehr wesentlicher Punkt ist hier die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit. Und zwar ein guter, kein prekärer Lohn. Wenn sie jetzt auf die Vertreter der Karrierefeministen achten, werden sie feststellen, dass hier alles mögliche an nachrangigem Schnickschnack gefordert wird, nur kaum etwas, was Frauen/Müttern in präkerer Lohnabhängigkeit oder Arbeitslosigkeit helfen würde.

Wir haben in diesem Land seit Jahren Hartz4, prekärste Beschäftigung, Kinderarmut. Wer dann anfängt seine kleinen Identitätskrisen zu politisieren weil er nicht weiß auf welches Klo er gerne möchte soll doch einfach woanders hingehen ...

Heutige Linksintellektuelle (echte oder vermeintliche) kommen ja gerne von den Sprachwissenschaften. Das führt mitunter dazu, dass Begrifflichkeiten völlig überbewertet werden. Das Wort wird zu einem Fetisch, mit quasi magischen Fähigkeiten: Spreche ich so und so, dann formt es mein Denken.

Tatsächlich läuft es in aller Regel andersherum: Das Denken macht die Sprache. Und auch hier irrt der Autor, wenn er meint, man habe es nur mit einem Kommunikationsproblem zu tun.

>Aus Arbeitern wurden „Geringverdiener“, aus Proletariern „sozial Schwache“. Aus einem Kollektivsubjekt, das Rechte einforderte, wurde ein Sammelsurium von Opfern und Hilfsempfängern.<

Hier will uns Markwardt die veränderte Sprache zeigen, er legt aber völlig treffend, die veränderte Realität dar. Das Kollektivsubjektiv gibt es nicht mehr. Wie viele Arbeitnehmer sind denn heute aktiv in Gewerkschaften organisiert? Wie viele, die unter der willkürlichen Gängelung durch das Jobcenter leiden, ziehen daraus die Konsequenz, etwas juristisch auszufechten oder sich politisch zu engagieren? Es sind immer Minderheiten. Die große Masse derer, die unsere Gesellschaft mit Füßen tritt ist völlig lethargisch. Das Bild vom Opfer ist nicht zugeschrieben, es wird gelebt.

Ohne Organisation und politische Arbeit wird es nicht besser.


...


Aus: "Wo bleibt der Stolz?" Nils Markwardt (13.08.2016)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/nils-markwardt/wo-bleibt-der-stolz?

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #559 on: September 22, 2016, 12:37:28 nachm. »
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Sapasapa, 22.09.2016

Herr Seehofer,
Sie haben alles richtig gemacht. Wie Sie sehen, sind die armen Flüchtlinge eine größere Bedrohung für den inneren Frieden und Sozialdemokratische Prinzipien, als die reichen Erben. Sonst wären ja schon längst besorgte Wutbürger auf die Straße gegangen und hätten protestiert! Also weiter so, Kamerad! So wird's vielleicht doch noch was mit der Kanzlerkandidatur.


Kommentar zu: "Reform der Erbschaftssteuer: 100 Prozent auf alles" (22. 9. 2016)
Eigentlich hatten die Karlsruher Richter der Politik Ende 2014 aufgetragen, die grundgesetzwidrige Überprivilegierung von Betriebserben bereits bis zum 30. Juni 2016 zu korrigieren. Die Frist war jedoch ohne Ergebnis verstrichen. ... Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sagte, mit dem Kompromiss würden die Vorgaben des Verfassungsgerichtes eingehalten. Zugleich werde aber dafür gesorgt, dass die deutschen Familienunternehmen nicht überlastet würden. ...
https://www.taz.de/Reform-der-Erbschaftssteuer/!5342574/

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[...] Zähe Kämpfe sind in der Bundespolitik nichts Ungewöhnliches. Der Konflikt um die Erbschaftsteuer aber glich schon eher einem Krampf; und zwar einem, der 645 Tage anhielt. So lange ist es her, dass das Bundesverfassungsgericht im Dezember 2014 die bisherigen Verschonungsregeln für Unternehmenserben kippte und eine Neuregelung binnen anderthalb Jahren forderte. Eine sehr lange Frist. Wenn der Druck groß genug war - etwa in der Finanzkrise - wurden Gesetze in Deutschland schon innerhalb weniger Tage beschlossen.

Auch unter den neuen Regeln können sich rund 99 Prozent aller Firmenerben ohne weitere Prüfung weitgehend oder komplett von der Erbschaftsteuer befreien lassen, sofern sie für einige Jahre nicht in großem Stil Mitarbeiter entlassen oder Gehälter kürzen. Für das verbleibende Prozent aber kämpfte die CSU bis zuletzt. Erst mit ihrem Finanzminister Markus Söder, zuletzt mit Parteichef und Ministerpräsident Seehofer höchstpersönlich.

Dass die Bayern durchaus Erfolg hatten, war dem Gesicht von Norbert Walter-Borjans (SPD) anzusehen, der als letzter vor die verbliebenen Journalisten trat. Der nordrhein-westfälische Finanzminister hatte den Widerstand gegen die CSU-Forderungen angeführt. Nun sagte er: "Ein Kompromiss ist nichts zum Glücklichwerden."

Zwar hatten die SPD-Länder in einer vom Vermittlungsausschuss eingesetzten Arbeitsgruppe eine ganze Reihe von Forderungen durchsetzen können. Dazu gehörte auch, dass Luxusgegenstände wie Jachten, Oldtimer oder Gemälde nicht von der Verschonung erfasst werden dürfen. Gerade an den wichtigsten Stellen aber hieß bis zuletzt: "In diesem fundamentalen Punkt hat sich die Arbeitsgruppe nicht geeinigt."

Besonders umstritten war die Frage der Unternehmensbewertung: Statt mit dem 18-Fachen sollten Firmen künftig maximal mit dem 12,5-Fachen ihres Jahresgewinns taxiert werden. Weil das auch die Steuerlast deutlich senkt, gingen die SPD-Länder dagegen auf die Barrikaden.

Am Ende konnte Walter-Borjans aber einen nur unwesentlich höheren Faktor von 13,75 verkünden. Gescheitert sind auch strengere Vorgaben für das sogenannte Abschmelzmodell, über das Unternehmenserben eine Überprüfung ihres Privatvermögens vermeiden können.

... Zusammengefasst: Bund und Länder haben sich nach fast zwei Jahren endlich auf eine Reform der Erbschaftsteuer geeinigt. Die CSU hat sich in vielen Punkten durchgesetzt, SPD und Grüne sind mit dem umstrittenen Kompromiss nicht glücklich. Ob er wie geplant noch in dieser Woche den Bundestag passiert, ist offen.

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unixv 22.09.2016, 09:11

zwei Jahre für die Erbschaftssteuer zwei Minuten für die Rentenreform und nur eine Minute für die H4 Reform!


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Solid 22.09.2016, 08:37.

Die Aufgabe ist auch schwer. Wie kann man normalen Häuslebauern ihr Lebenswer wegnehmen und den Superreichen gleichzeitig ihren gesamten Reichtum völlig unangetastet lassen?
Die Antwort: Firmen. Denn das Vermögen der Superreichen ist praktisch vollständig in Firmenanteilen gebunden.
Deswegen wird versucht, Firmen von der Erbschaftssteuer auszunehmen.
Der Vorwand: Arbeitsplätze. Die meisten Firmen werden ohnehin von einem Apparat gelenkt und wenn man die Hälfte der Firma auf den Staat übertrüge und der sie weiterverkaufen würde, würde das auf die Arbeitsplätze nicht mehr Auswirkung haben, wie jeder andere Verkauf auch.
Hier sieht man überdeutlich das deutsche Zweiklassenrecht.


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biodrip 22.09.2016, 09:34
Wenn man annähme daß die Steuereinnahmen aus der Erbschaftssteuer wenigstens zum größeren Teil den einkommensmäßig Unterprivilegierten oder auch nur der Gesamtheit der Bevölkerung DIREKT zugutekommen, könnte man die Forderungen der GrünSPDLinken etwas abgewinnen. Diese Annahme wäre aber falsch - Investitionen in Ganztagsbetreuung, unproduktive Beschäftigungs-Beschaffung oder Prestigeprojekte jeglicher Art schränken nur Entscheidungsspielräume der Einzelnen ein, kanalisieren Finanzflüsse in gruppenpolitisch-opportune Richtungen oder versanden klammheimlich.

Deshalb Finger weg von bereits versteuertem Besitz - meine persönliche Hochachtung gilt jedem Unternehme{r,n}, der/das jeden erdenklichen Cent am Fiskus vorbeischleust, um seiner gesellschaftlichen Verantwortung durch sehr direkte Förderung gerecht zu werden.


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geraldwinkeler 22.09.2016, 09:39

Wer nichts zu vererben hat, ist selber schuld

So machen die etablierten Parteien immer wieder Politik: Entschlussfreudig wenn es gegen sozial schwache und Allgemeininteressen wie den Umweltschutz geht. Aber wehe, es droht eine Beeinträchtigung der wohlorganisierten Interessen der Besitzenden. Da werden sie dann zu ganz braven Schoßhündchen. Und das, obwohl selbst marktfreundliche Ökonomen die Konzentration von immer mehr Vermögen in Erbenhand für volkswirtschaftlich kontraproduktiv halten. Und obwohl der Betrieb, der erbschaftssteuerbedingt schließen musste, schon lange, aber bisher vergeblich, mit Steckbrief gesucht wird. ...


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SigismundRuestig 22.09.2016, 08:48

Ein schwarzer Tag für Deutschland! Die Familienunternehmer lassen die Sektkorken knallen!

Dass die Ungleichheit bzw. soziale Spaltung auch in Deutschland seit Jahren zunimmt, und mittlerweile auf einem inakzeptablen Niveau angelangt ist, dürfte wohl unstrittig sein. Lediglich dort, wo dieses Ergebnis politisch nicht gewünscht wird, wird versucht, dagegen zu argumentieren, indem i.d.R. die Zahlenbasis bestritten wird. Neuerdings hat sogar die Bundesbank ihre im Konjunktiv vorgetragene "Vermutung" veröffentlicht (warum wohl?), dass durch die lockere Geldpolitik der EZB die Einkommensungleichheit reduziert werden könnte, obwohl doch unbestritten ist, dass diese Politik zur größten Umverteilung seit der Währungsreform 1948 bei Sparern und Rentnern führt bzw. schon geführt hat. U.a. auch von "namhaften" Wirtschaftswissenschaftlern (nicht nur von IW und IFO) - wird immer wieder versucht, die Zahlenbasis anzugreifen bzw. zu relativieren! Erst kürzlich hat Herr Hüther vom arbeitgebernahen IW diese Zahlentrickserei wieder eindrucksvoll in der Zeit demonstriert (http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-09/ungleichheit-einkommen-schere-deutschland-verteilung-studie), indem er einfach mal den Zeitraum 2009-2013 willkürlich herausgegriffen hat! Aber auch die Welt, die ja kürzlich die wachsende Ungleichheit noch als Märchen abgetan hatte, reiht sich ein in diese Riege der Zahlenakrobaten, jüngst mit dem Artikel "Der wahre Spaltpilz der amerikanischen Gesellschaft":
http://www.welt.de/wirtschaft/article157451200/Der-wahre-Spaltpilz-der-amerikanischen-Gesellschaft.html
Dort werden willkürlich die Jahre 2007 und 2015 herausgegriffen und für diesen Zeitraum eine weitere Vergrößerung der Einkommensungleichheit zwischen den obersten 1% der Einkommenspyramide und den restlichen 99% in den USA bestritten. Übrigens eine Methode, der sich auch die Klimawandel-Leugner bedienen!
Bei einer weiter zurückreichenden Langfristbetrachtung kommt man jedoch zu ganz anderen Ergebnissen:
US real income growth 1993-2015: +94.5% for top 1%; +14.3% for the rest. Top 1% captured 52% of income growth, rest 48% (Quelle: http://eml.berkeley.edu/~saez/saez-UStopincomes-2015.pdf)
Noch extremer wird die Entwicklung der Ungleichheit, wenn man nicht das Einkommen, sondern das Vermögen betrachtet bzw. wenn man nicht die top 1% sondern die top 0,1% der Einkommenspyramide zum Vergleich heranzieht. Und ähnlich sieht es auch in Deutschland aus. Aber hier argumentieren die Leugner der Ungleichheit, auf der Vermögensseite müssten noch die Rentenansprüche berücksichtigt werden, was das Bild total verändert würde. Aber, verehrte Leugner-Experten: Rentenansprüche sind nun mal kein Vermögen!
Aber das hören die Leugner der Einkommens- bzw. Vermögensungleichheit nicht so gerne!
Was ist zu tun?
1. Die Politik überzeugen, dass die Themen Ungleichheit und soziale Gerechtigkeit endlich umfassend anzugehen sind. Nur so gewinnt man auch die "Abgehängten" wieder zurück, die, mangels politisch überzeugendem Angebot, möglicherweise auf die rechten Populisten hereinfallen. Rufe nach Burka-Verboten und ähnlichen Symbolhandlungen, wie sie derzeit u.a. auch in der Union verbreitet sind, lenken nur ab.

[ ... 2. Diejenigen in die Ecke stellen, die die Thematik mit Floskeln wie "den anderen Leuten in die Taschen greifen" aushebeln wollen. Die "anderen Leute" sind die Superreichen, häufig auch durch "unverdiente" Erbschaften reich geworden, die sich angemessene Beiträge zur sozialen Gerechtigkeit locker leisten können - und manche von ihnen auch gerne leisten wollen! Genaugenommen ist die Ungleichheit das Ergebnis einer "immerwährenden Umverteilung", wie sie in unseren Steuer- und Abgabensystemen seit Jahrzehnten verankert ist! Warum eigentlich?
3. Die vom Bundesverfassungsgericht bei der Erbschaftsteuer vorgegebene verfassungskonforme Wegweisung (Eigentum verpflichtet) konsequent umsetzen. Der von einigen Experten mittlerweile vorgelegte Vorschlag einer Erbschaftssteuer-Flatrate zeigt durchaus in eine wegweisende Richtung. Allerdings halte ich eine Flatrate von bisher diskutierten 8-15% für lachhaft. 30-50% bei einer entsprechend hohen Freigrenze (1 Mio EUR) wäre ein Meilenstein in vielerlei Hinsicht! Aber die Politik hat sich mal wieder auf einen faulen Kompromiß geeinigt! ...]


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meineeine020 22.09.2016, 08:52

Zitat von panzerknacker 51
"Als wenn die Erbschaftssteuer nur Schiffseigner mit dicken Autos beträfe; bei der ganzen Diskussion wird geflissentlich verschwiegen, daß die Erbschaftssteuer in der Regel auf Werte erhoben wird, die bereits mindestens einmal versteuert wurden."

Hätte nur noch gefehlt, dass sie vor der angeblich existierrenden Umverteilung von oben nach unten warnen ...


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Blendy 22.09.2016, 09:10

Enttäuscht von Kretschmann (Grünen)

Ich versteh ich es einfach nicht! Wie funktioniert das, dass ein Landesvater auf einige Unternehmer Rücksicht nehmen muss? Lasst uns großzügig annehmen, dass es 10.000 "Familien"unternehmer in BW gibt (von denen wahrscheinlich sowieso nur 10 % betroffen ist, aber das checken die Leute dank Bildzeitung und Co ja nicht..). Was sind die im Vergleich zu den 5 Mio. Menschen (geschätzt/geraten) in BW? Warum beeinflussen die die politischen Taten eines Menschen so sehr? Erklär es mir bitte jemand...

Als Grüner bin ich von Herrn Kretschmann enttäuscht, dass sich selbst ein grüner Politiker so einlullen lässt..

ABER: Das heißt nicht, dass ich/jemand gleich zur AfD, CDU oder anderen rechten Parteien wechseln muss! Man darf mal Unverständnis oder auch Enttäuschung verspüren ohne immer gleich die Revolution auszurufen und mit den eigenen politischen Idealen zu brechen (denkt bitte mal daran, Ihr unzähligen Frustwähler und Politikverdrossenen!).


...

http://www.spiegel.de/forum/wirtschaft/reform-der-erbschaftssteuer-schweres-erbe-thread-515866-1.html


Aus: "Reform der Erbschaftsteuer: Schweres Erbe" David Böcking (22.09.2016)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/erbschaftssteuer-vermittlungsausschuss-verkuendet-kompromiss-a-1113361.html

« Last Edit: September 22, 2016, 02:55:26 nachm. by Textaris(txt*bot) »