Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 348434 times)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #1120 on: Oktober 26, 2020, 12:00:23 nachm. »
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[...]  (CNN) Stephen Reifenstein never imagined he'd find himself relying on the services of a food bank. He and his wife Kristina live with their two young children in Orange County, California -- one of the wealthiest areas in the nation. For nearly two decades, he worked in project control in the oil and energy sector. The job was comfortable, paying enough that the couple was recently able to purchase a home. Then, as the story goes for so many people, the pandemic hit.

On April 3, Reifenstein found himself out of a job. The business that his wife had started a few months earlier was on hold. All the while, the mortgage payments, the car payments and the utility bills kept coming. The couple found themselves quickly blowing through their savings and decided they had to find a way to cut costs somewhere.

So Reifenstein signed up to volunteer at the Second Harvest Food Bank, and started taking some food home at the end of his shifts.
"You never really think things like this will be needed for you," he said.

... About 10.5% of US households were food insecure -- meaning that they had limited or uncertain access to adequate food -- at some point in 2019, according to a report published by the US Department of Agriculture last month.

That number has more than doubled during the pandemic. On average, about 22.5% of households were food insecure each week from May 5 to July 21, according to an analysis by Northwestern University's Institute for Policy Research. For Black and Hispanic households, the rates have been much higher.

...


From: "As another wave of the pandemic approaches, the nation's food banks are being hit on three fronts" Harmeet Kaur, CNN (October 22, 2020)
Source: https://edition.cnn.com/2020/10/22/us/food-banks-brace-for-challenges-pandemic-trnd/index.html

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[...] Lotta Suter ist Mitbegründerin der Schweizer Wochenzeitung WOZ. Sie lebt seit 1997 als Korrespondentin in den USA

... Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf ist hoch. Das Vermögen der über 600 US-Milliardäre nimmt ständig zu. Aber andererseits erhält fast die Hälfte aller Werktätigen keine existenzsichernden Löhne. In den USA lebten schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie viele Menschen wie in Entwicklungsländern: ohne sauberes Wasser, ohne sanitäre Einrichtungen und ohne die Gewissheit, am nächsten Tag noch ein Dach über dem Kopf zu haben.

Wer chronisch Not leidet, wer durch Krankheit, Armut oder andere widrige Lebensumstände belastet ist, wer sich also bereits in einer Ausnahmesituation befindet, den trifft eine Katastrophe wie der Corona-Ausbruch besonders hart. Wenige Wochen nach Beginn der Pandemie fehlte Millionen von US-AmerikanerInnen bereits das Nötigste zum Überleben. Die Essenausgabestellen, sogenannte food banks, waren vom Ansturm hungriger Familien überwältigt. Wer noch einen Job hatte, ging auch hustend zur Arbeit, weil es in den USA keine gesetzlich garantierten und damit bezahlten Krankheitstage gibt. Tausende starben deshalb am Covid-19-Virus, weil ihr lokales Gesundheitssystem zusammenbrach. „Es ist wie in einem Drittweltland. Das soziale Netz des Staates funktioniert nicht“, bewertete der US-Ökonom Joseph Stiglitz Ende April die Situation.

Man könnte meinen, dass ein Krankheitserreger, der alle treffen kann – sogar den Präsidenten der USA –, die sozialen Spannungen eigentlich nicht verschärft. Doch das Gegenteil ist der Fall: Das Virus hat die soziale Ungleichheit noch verstärkt. Während die US-Wirtschaft im Sommer den größten Einbruch seit den 1940er Jahren erlitt, verzeichneten Tech-Firmen wie Amazon, Facebook und Google Rekordgewinne. Amazon-Chef Jeff Bezos konnte sein Vermögen um ein Drittel vermehren. Er besitzt jetzt als erste Privatperson über 200 Milliarden Dollar.

Auf der anderen Seite sind in den USA Millionen Menschen neu unter das Existenzminimum gerutscht. Besonders schnell nimmt die Armut bei People of Color zu. Denn sie arbeiten überdurchschnittlich oft in Sektoren, die man nicht via Telekommunikation erledigen kann, sondern vor Ort ausüben muss. Diese Jobs sind von der Corona-Krise stark betroffen. Von denjenigen Angestellten, die pandemiebedingt ihre Stelle verloren haben, können 40 Prozent höchstens einen Monat von ihrem Ersparten leben.

Etwa ein Viertel der Bevölkerung ist auf Nahrungsbeihilfen von staatlicher, aber auch privater Seite angewiesen. Schon vor der Corona-Krise wurden in den USA jeden Tag rund 30 Millionen Gratismahlzeiten an knapp die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler an den öffentlichen Schulen ausgegeben. Für ein Drittel aller Erwachsenen ist es schwierig, die monatlichen Ausgaben für die Haushaltsführung aufzubringen. Viele US-AmerikanerInnen sind deshalb mit ihren Rechnungen im Verzug und schreiben Bittbriefe an die Vermieter ihrer Wohnung, an die Elektrizitätsunternehmen, an die private Wasserversorgung: Man möge ihnen bitte nicht den Strom und das Wasser abstellen oder sie mitten in der Pandemie aus der Wohnung werfen. In manchen Fällen wird ein Aufschub der Schulden gewährt – aber fast nie eine Entschuldung.

Im Frühsommer, auf dem ersten Höhepunkt der Krise, hatte der US-Kongress ein relativ großzügiges Hilfspaket von rund drei Billionen Dollar beschlossen. Doch das Geld ist längst ausgegeben. Die dazugehörenden Programme, etwa Krisenzulagen zum ohnehin minimalen Arbeitslosengeld oder ein Kündigungsschutz für zahlungsunfähige MieterInnen, sind abgelaufen. Aber die Krise ist immer noch da. Und mit ihr die Ungewissheit für die sozial Benachteiligten.

In 48 von 50 US-Bundesstaaten steigen zurzeit die Zahlen der Infizierten, der Hospitalisierten und auch der Corona-Toten. Zu Beginn des neuen Schuljahres Anfang September haben 1,1 Millionen Werktätige den US-Arbeitsmarkt verlassen, 800.000 davon waren Frauen. Daheim geblieben sind vor allem Mütter, die während der Corona-Krise nicht mehr durch die in den USA übliche Tagesschule oder die Kindertagesstätte entlastet werden. Die weibliche Erwerbstätigkeitsquote ist heute so niedrig wie vor 40 Jahren. Dieser Rückzug aus der Erwerbsarbeit wird langfristige Folgen für die Gleichberechtigung der Geschlechter und der ethnischen Minderheiten haben.

In der letzten großen Rezession während der Finanzkrise von 2008 verloren sowohl Wall-Street-Banker als auch Angestellte im Dienstleistungssektor ihren Job, was die geringer Verdienenden ohne finanzielle Reserven natürlich am härtesten traf. 2020 ist die Lage jedoch noch viel schlimmer. Auf dem bisherigen Höhepunkt der Krise im Juli verloren achtmal mehr Arbeitende in Niedriglohnsektoren ihre Stelle als SpitzenverdienerInnen. Am Ende des Sommers hatten sich die Schreibtischjobs, die Aktienkurse und die Immobilienwerte bereits wieder gut erholt. Schwarze Frauen hingegen konnten bisher nur ein Drittel der seit Frühjahr verlorenen Stellen zurückgewinnen. Wirtschaftsexperten sagen, dass viele Niedriglohnjobs für immer wegrationalisiert sind. Im Allgemeinen hat die Corona-Rezession diejenigen mit mittleren bis guten Einkommen nur leicht gestreift, die unten aber so schwer getroffen wie keine andere Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren. Das Coronavirus wirkt in den USA als Beschleuniger von sozialer Ungerechtigkeit.

Zu Beginn der Corona-Krise zeichnete der Publizist Indi Samarajiva, der in einer US-amerikanischen Vorstadt aufgewachsen ist und heute in Colombo in Sri Lanka lebt, eine fast schon prophetische Weltgesundheitskarte. Grün waren die Länder mit allgemein guter Gesundheitsvorsorge. Blau die mit einem allgemein zugänglichen, aber mangelhaften System. Gefährlich rot markierte er Länder mit einer profitorientierten medizinischen Versorgung, die sich nur Reiche leisten können. Gesundheitspolitisch seien die USA näher bei Subsahara-Afrika als bei Norwegen, schrieb Samarajiva: „Das Gesundheitswesen ist die neue Weltordnung, und die AmerikanerInnen leben nun in der Dritten Welt.“

Diese dramatische Entwicklung hat sich bereits in den 1970er Jahren angebahnt. Damals wurde der „Krieg gegen die Armut“ des demokratischen Präsidenten Lyndon B. Johnson durch den „Krieg gegen die Drogen“ des republikanischen Nachfolgers Richard Nixon abgelöst. Dies war die Wende von der Great Society, von progressiven sozialen Reformen, die den New Deal der 1930er Jahre von Franklin Roosevelt fortsetzen wollten, zum egoistischen Individualismus des freien Marktes. Von Anfang an stand der Multimilliardär Charles Koch an vorderster Front im Kampf gegen staatliche Institutionen, Umweltgesetze, Sozialhilfe und ähnliche Behinderungen des schrankenlosen Kapitalismus. Und er ist bis heute mit dabei. Seit der Wahl von Donald Trump unterstützt Koch tatkräftig die konservative Agenda, insbesondere die Neubesetzung des Obersten Gerichtshofs mit Figuren wie Neil Gorsuch und Brett Kavanaugh. Auch die neueste Kandidatin, die ultrakonservative Amy Coney Barrett, hat seine volle Unterstützung. Der Oberste Gerichtshof mit seinen RichterInnen auf Lebenszeit spielt eine wichtige Rolle bei der Deregulierung und rechtslibertären Neuorientierung des Landes.

2008 beschrieb der US-Ökonom James Galbraith das neoliberale Kernanliegen in seinem Buch Der geplünderte Staat so: Ziel der Konservativen in den USA sei es nicht, den freien Markt gegen den Staat auszuspielen, es gehe ihnen vielmehr darum, „die vorhandenen Strukturen der staatlichen Macht – die Institutionen, die während des New Deal geschaffen worden waren – in eine Maschine zur privaten Vermögensanhäufung und Machtsicherung zu verwandeln“.

Zehn Jahre später stellte ein anderer Wirtschaftswissenschaftler, der emeritierte MIT-Professor Peter Temin, fest, dass die USA nicht mehr ein Land sind, sondern zwei Länder mit ganz unterschiedlichen Ressourcen, Erwartungen und Entwicklungen. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung leben im Wachstumssektor von Finanzen, Technologie und Elektronik. Diese gut gebildeten, sozial abgesicherten Leute haben Pläne für die Zukunft und beeinflussen die Politik. Nur selten kommen sie mit den 80 Prozent des Niedriglohnsektors in Kontakt, die mit Unsicherheit und Schulden leben, früher sterben und vollauf mit dem Überleben in der Gegenwart beschäftigt sind.

Temin kommt in seinem Buch The Vanishing Middle Class: Prejudice and Power in a Dual Economy zu dem Schluss, dass die USA, eines der reichsten Länder der Welt, mittlerweile die wirtschaftlichen und politischen Strukturen eines Entwicklungslandes aufweisen. Nicht nur die Brücken und Straßen seien am Zerfallen. Die Ähnlichkeit gehe tiefer. Temin bezeichnet die US-amerikanischen Verhältnisse als Dualwirtschaft. Mit diesem Modell hatte der Ökonom Arthur Lewis schon in den 1950er Jahren die Gleichzeitigkeit von gesamtgesellschaftlicher Unterentwicklung und sektoralem Wachstum in Entwicklungsländern untersucht. Temin zufolge treffen die Hauptpunkte auch auf die USA zu: Der Niedriglohnsektor hat wenig Einfluss auf die Politik. Der Hochlohnsektor will die Löhne in allen anderen Wirtschaftszweigen niedrig halten, um billige Arbeitskräfte rekrutieren zu können. Soziale Kontrolle wird in der dualen Wirtschaft eingesetzt, um den Niedriglohnsektor zu befrieden. Die USA tun das mit massenhaften und langen Freiheitsstrafen und – angesichts der „Black Lives Matter“-Proteste besonders aktuell – mit Polizeigewalt gegen all jene, die darauf bestehen, dass alle Menschen gleiche Rechte haben. Politische Entscheidungen haben weite Teile der USA zu einem Entwicklungsland gemacht. Politische Entscheidungen braucht es, um den Prozess rückgängig zu machen. ...


Aus: "Abstieg auf Raten" (Lotta Suter | Ausgabe 43/2020 )
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/abstieg-auf-raten

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Reinkarnation | Community

Sehr gute Zusammenfassung der Entwicklungen. Allerdings hat sich der wirtschaftliche Abstieg von immer mehr Menschen- gemessen an der Entwicklung der Reallöhne im historischen Vergleich sowie an den immer prekärer werdenden Verhältnissen auf dem Arbeitsmarkt- in den USA bereits schon in den späten Siebzigerjahren u. a. im industriellen Rust Belt abgezeichnet. Naomi Klein hat auf die dramatisch schlechter werdenden Verhältnisse für immer mehr Menschen im ach so viel gelobten US-Dienstleistungssektor Ende der Neunzigerjahre hingewiesen- ohne jedes messbare, politische Resultat. Man hat diese Entwicklungen einfach hin genommen und wohl darauf gehofft, dass die Verlierer der neoliberalen Revolution einfach die Füsse still halten und ihr Schicksal möglichst still und unhörbar ertragen.

Hillary Clinton hat anlässlich der Präsidentschaftswahlen am 9. Oktober 2016 noch die Katze aus dem Sack gelassen und offen ihre Verachtung für das neue Proletariat verkündet: „You know, to just be grossly generalistic, you could put half of Trump's supporters into what I call the basket of deplorables.“ Damit hat sie damals wohl recht genau das Gefühl des sozial hoch mobilen, gut gebildeten und verdienenden East- und Westcoast Milieus widergegeben. Diese Deklassierung einer ganzen Schicht in einem einzigen Satz hat ihr berechtigte Kritik von allen Seiten eingetragen: „The Trump phenomenon is in large part a reaction of Middle America to attacks on its values by intellectual and academic communities. There are other reasons, but this is a significant one.“, wie Henry Kissinger in einem Interview unmittelbar nach den Wahlen bemerkt hat.

Unvergessen in diesem Zusammenhang ist meiner Ansicht nach die Eröffnungsszene aus dem Film „Killing them Softly“ (USA 2012), die zynisch den glorreichen Einmarsch der Gladiatoren in die soziale und ökonomische Kampfzone symbolisieren soll- oder der Verlierer der Finanzkrise, wie sich herausstelt:

"Killing Them Softly - Opening Titles" (23.02.2020)
https://youtu.be/S7XABIzrA-E

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Gerd-Christian K. | Community

Gute Zusammenstellung. Alles nichts Neues, ob USA oder weltweit. Manche können es nicht mehr hören.
Vor der weiteren Diskussion, des Absturzes, der Revolte wurde Covid19 gesetzt. Kümmert euch um euer Wohlergehen, sonst Schnauze halten.


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Moorleiche | Community

Dass die Lebenserwartung in den USA seit einigen Jahren wieder sinkt, finde ich ebenfalls erwähnenswert. In der Regel wird vor allem die Opioidkrise in den USA dafür verantwortlich gemacht, aber die ist ja auch nicht aus dem Nichts gekommen, wie man im link https://de.wikipedia.org/wiki/Opioidkrise_in_den_USA lesen kann.


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Richard Zietz | Community

... Die Luft für Veränderungen ist in der Tat raus (übrigens nicht nur in den USA). Im Verein mit den Gußeisen-Steinreichen der Marke Koch haben Tea Party, AltRight & Trumpistas die Agenda-Uhr erfolgreich umgestellt – weg von New Deal, Sozialstaat & Liberalität, hin zum harten Ellbogenstaat, Minderheiten-Ausgrenzung und mittlerweile einer offen faschistischen Programmatik. ...



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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #1121 on: Oktober 27, 2020, 01:56:18 nachm. »
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[...] Viele der Beschäftigten, die im Pflegebereich, als Reinigungskräfte oder in der Gastronomie für niedrige Löhne arbeiten, haben keinen legalen Aufenthaltsstatus. Da diese Menschen der ständigen Gefahr ausgesetzt sind, von der Polizei aufgegriffen und abgeschoben zu werden, ist es für sie schwer, öffentlich für ihre Anliegen, wie beispielsweise eine gerechte Entlohnung, einzutreten. Vergangene Woche begann die Kampagne »Legalisierung jetzt!« des gleichnamigen Netzwerks, zu dem sich zahlreiche Migranten­organisationen zusammengeschlossen haben. Zentrale Forderung ist die bedingungslose Legalisierung aller in Deutschland undokumentiert Lebenden. In einem offenen Brief des Netzwerks betonen die Verfasserinnen und Verfasser, dass auch diesen Menschen umfassende Rechte zustünden. »Es fehlt der Zugang zum Gesundheitswesen, dem Wohnungsmarkt, dem Schulsystem, würdiger Arbeit und einem freien Leben«, heißt es in dem Brief. Illegalisierung und Kriminalisierung begünstigten die Ausbeutung im Dienstleistungsbereich, der Landwirtschaft und anderen Wirtschaftssektoren. Darüber hinaus verhinderten sie beispielsweise, dass undokumentiert lebende Frauen Vorfälle sexueller Gewalt anzeigen.

Die Gründe, aus denen Menschen ohne Bleiberecht in Deutschland leben, sind unterschiedlich. Einige von ihnen reisten ursprünglich als Touristinnen ein und beschlossen später, hier zu arbeiten, um ihre Angehörigen im Herkunftsland zu unterstützen. An­dere sind vor Verfolgung nach Deutschland geflohen, erhielten aber kein Asyl. Offizielle Angaben zur Anzahl der Menschen, die ohne Aufenthaltserlaubnis in Deutschland leben, gibt es nicht. Das Netzwerk »Legalisierung jetzt!« geht davon aus, dass es allein in Berlin zwischen 60 000 und 100 000 Menschen sind.

Bereits am 25. April hatte die Organisation »Respect«, die migrantische Frauen ohne Aufenthaltsstatus unterstützt und zu den Erstunterzeichnern des offenen Briefs gehört, einen digitalen Aktionstag für die Rechte von ­migrantischen Beschäftigen in der Hausarbeit organisiert. Auf der Web­site der Organisation berichteten in Deutschland lebende und arbeitende Frauen aus verschiedenen Ländern in Form von Text- und Audiobeiträgen über ihre Lebenssituation. »Wir gehen gerade alle durch einen sehr schwierigen ökonomischen Moment, denn wir leben von der täglichen Arbeit, um unser Zimmer zu bezahlen und um uns mit Essen zu versorgen und, in meinem Fall, auch um meine Tochter zu versorgen«, schreibt eine der betroffenen Frauen in einem Bericht, den die Organisation als Teil der digitalen Sammlung veröffentlicht hat. Da undokumentiert in Deutschland lebenden Menschen Geld- oder Freiheitsstrafen drohen, sind die Beiträge anonymisiert.

Llanquiray Painemal von der Organisation »Respect« betonte im Gespräch mit der Jungle World, die Legalisierungskampagne hätten Migrantinnen und Migranten, Betroffenenorganisationen und Geflüchteten selbst initiiert. Die Kampagne ist zunächst auf die Situation im Land Berlin ausgerichtet. In einer Stellungnahme zur Kampagne teilte der Pressesprecher des Berliner Innensenats, Tino Brabetz, allerdings mit, das Land Berlin sei gar nicht zuständig: »Die durch die Kampagne aufgestellten Maximalforderungen können in dieser Form nicht vom Land Berlin umgesetzt werden. Da das Aufenthaltsrecht Bundesrecht ist, das durch die Länder ausgeführt wird, bestehen hier schon aus rechtlicher Sicht keine Spielräume für eine Umsetzung der Forderungen«, heißt es in der Mit­teilung.

Hilfsangebote wie die sogenannte Clearingstelle der Berliner Stadtmission, die allen in Berlin lebenden Menschen, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus, Zugang zu medizinischen Leistungen ermöglichen soll, beurteilt Painemal kritisch: »Das Prozedere ist sehr bürokratisch und schreckt die Menschen ab.« Es habe zudem keine Informationen gegeben, was illegalisierte Menschen tun sollen, falls sie den Verdacht haben, mit Sars-CoV-2 infiziert zu sei. »In unserer Arbeit zeigt sich immer wieder eine Kluft zwischen Theorie und Realität«, so Painemal. Das gelte auch für den langjährigen Kampf von »Re­spect«, migrantischen Beschäftigten ohne Bleiberecht eine Gewerkschaftsmitgliedschaft zu ermöglichen. Im Jahr 2013 verließ »Respect« den Arbeitskreis »Undokumentierte Arbeit« der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, den die Organisation knapp fünf Jahre zuvor initiiert hatte. In ihrer Begründung heißt es unter anderem, dass an dem Arbeitskreis keine Betroffenen ­beteiligt gewesen seien und dessen Struktur zum Ausschluss dieser Personen beitrage. Dennoch sei es zumindest gelungen, innerhalb der Gewerkschaft deutlich zu machen, dass mi­grantische Beschäftigte nicht als Konkurrenten deutscher Arbeitnehmer­innen und Arbeitnehmer verstanden werden dürften.


Aus: "Nicht auf dem Papier" Peter Nowak (22.10.2020)
Quelle: https://jungle.world/artikel/2020/43/nicht-auf-dem-papier

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« Reply #1122 on: Oktober 29, 2020, 10:07:59 vorm. »
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[...] Im Jahr 2019 haben knapp 14 Prozent oder ein Siebtel aller Deutschen in Haushalten gelebt, die durch ihre Wohnkosten überbelastet waren. Das hat das statistische Bundesamt am Donnerstag mitgeteilt. Als überbelastet gilt, wer mehr als 40 Prozent des verfügbaren Einkommens für Wohnen ausgibt. Dabei ist es unerheblich, ob man zur Miete oder in einer gekauften Immobilie wohnt.

Die Quote der Überbelastung hat sich in den vergangenen Jahren in Deutschland leicht verringert. So waren im Jahr 2014 noch rund 16 Prozent der Bevölkerung durch ihre Wohnkosten überlastet.

Wie Zahlen der europäischen Statistikbehörde zeigen, liegt Deutschland mit seinen 14 Prozent Überbelastungsquote über dem EU-Schnitt. Das am meisten durch seine Wohnkosten überbelastete Land ist Griechenland, das am geringste belastete Zypern.

Im Durchschnitt wendeten die Menschen in Deutschland im Jahr 2019 rund 26 Prozent ihres verfügbaren Haushaltseinkommens für Miete und Nebenkosten beziehungsweise den Unterhalt ihres Wohneigentums auf.


Aus: "Statistisches Bundesamt: Ein Siebtel aller Deutschen ist mit den Wohnkosten überlastet" (29. Oktober 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-10/statistisches-bundesamt-wohnkosten-ueberlastung-haushalte-deutschland

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« Reply #1123 on: Oktober 31, 2020, 01:43:23 nachm. »
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[...] Sind in Wirklichkeit wir die Zombies, die wir von Werbung und Influencern gesteuert mit unserem Konsum ein alles verschlingendes System am Laufen halten? Es ist eine des Öfteren ins Spiel gebrachte Lesart, die von der bekanntesten der Zombiegesten zumindest unterstützt wird. ...

Das an Sympathie grenzende Mitgefühl, das viele Filme ihren Zombiefiguren entgegenbringen, hat nicht nur damit zu tun, dass diese jahrzehntelang als torkelnde Jammergestalten inszeniert wurden, mit denen auch so mancher Spaß erlaubt ist, sondern auch damit, dass man sich [...] im Zombie als Kleinbürger sofort wiedererkennt.

Die unmittelbare Beziehung von Zombie und Kapital reicht im Kino indes weiter zurück, als es der moderne Untote bei Romero vermuten ließe. Als erster „echter“ Zombiefilm gilt der zahlreiche Nachfolger inspirierende Klassiker White Zombie von Victor Halperin aus dem Jahr 1932, mithin der Pre-Code-Ära. Belo Lugosi spielt darin einen weißen Plantagenbesitzer auf Haiti, der Einheimische in Zombies verwandelt, um sie als Arbeitssklaven in seiner Zuckermühle arbeiten zu lassen.

... Der Zombiefilm der Gegenwart kennt dagegen als Ursache für Zombifizierung nur noch die sich unkontrolliert verbreitende Pandemie, deren Ursachen ganz im Geist der Zeit liegen: Virusinfektionen, Artensterben, Klimakatastrophe, Biopolitik.

...


Aus: "Die Zombies sind wir" Michael Pekler (30.10.2020)
Quelle; https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-zombies-sind-wir

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« Reply #1124 on: November 03, 2020, 10:58:38 vorm. »
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[...] Die Deutsche Bank sucht Insidern zufolge nach einem Weg, um ihre Geschäftsbeziehungen mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump zu beenden. Die Bank sei es leid, deswegen immer wieder in die Schlagzeilen zu geraten, sagten drei hochrangige Manager der Nachrichtenagentur Reuters. In den vergangenen Monaten habe ein Managementausschuss, der sich unter anderem mit Reputationsrisiken beschäftigt, verschiedene Optionen diskutiert, sagten zwei der Insider der Nachrichtenagentur Reuters. Ein Vorschlag sei gewesen, die an Trump ausgereichten Kredite weiterzuverkaufen, um die Geschäftsbeziehungen mit dem Immobilienmogul zu beenden. Doch dieser Vorschlag habe nicht verfangen, unter anderem weil unklar sei, wer die Darlehen aufkaufen würde, sagte ein Insider. Die Deutsche Bank und das Weiße Haus lehnten eine Stellungnahme ab. Von Trumps Familienunternehmen, der Trump Organization, war ebenfalls keine Stellungnahme zu erhalten.

Die Deutsche Bank gehört zu den wichtigsten Kreditgebern von Trump. An sein Familienunternehmen Trump Organization hat das Institut aktuell noch rund 340 Millionen Dollar an Darlehen vergeben, wie ein Insider sagte. Diese Größenordnung geht
auch aus Dokumenten hervorgeht, die Trump im Juli beim Office of Government Ethics einreichte. Bei den insgesamt drei Krediten, die ab 2023 fällig werden, gebe es keinen Zahlungsverzug und Trump habe persönlich für deren Rückzahlung gebürgt, sagten
zwei Insider.

Der Immobilienmogul ist seit über zwei Jahrzehnten Kunde der Deutschen Bank. Mehr als zwei Milliarden Dollar an Krediten habe Trump seit Ende der 1990er-Jahre erhalten, sagte einer der Insider. Der prominente Kunde hat dem Geldhaus viele Negativschlagzeilen eingehandelt. Immer wieder verlangten die Demokraten im amerikanischen Kongress Auskünfte über die Geschäfte mit dem republikanischen Präsidenten, der diese unter Verweis auf die Gesetzeslage zurückwies.

Die demokratische Senatorin Elizabeth Warren, die die Deutsche Bank schon seit vielen Jahren wegen möglicher Geldwäsche-Verstößen im Visier hat, lässt nicht locker und will sich weiter für einen Untersuchungsausschuss im Kongress einsetzen. „Ich werde weiterkämpfen. Darauf können Sie wetten“, sagte Warren zu Reuters. Die Bankengesetze müssten durchgesetzt werden, besonders für riesige Institute wie die Deutsche Bank.

Wie es in der Trump-Saga weitergeht, wird entscheidend vom Ausgang der amerikanischen Wahlen abhängen. Sollte Trump verlieren und die Demokraten das Weiße Haus und den Kongress kontrollieren, dürften die Untersuchungen zu Trumps Finanzen Fahrt
aufnehmen. In so einer Situation hätte die Deutsche Bank aber auch mehr Freiraum, das Kreditthema anzugehen und ihre Geschäftsbeziehungen mit Trump zu beenden, sagten die Insider. Die Bank hoffe, damit etwas aus der Schusslinie der Untersuchungen zu geraten.

Die Kredite, die für Trumps Golfplatz in Miami und Hotels in Washington und Chicago vergeben wurden, seien so gestaltet, dass die Trump Organization bislang nur Zinsen zahlen muss, sagten zwei der Insider. Die Tilgung des Darlehens findet also
komplett am Ende der Laufzeit statt. Die Kredite werden 2023 und 2024 fällig, wie Dokumente zeigen. Die mit den Darlehen finanzierten Hotels und Golfclubs leiden unter der Corona-Krise, die Einnahmen sind wie in der gesamten Touristikbranche
eingebrochen. Trump hatte zudem geplant, auf Golfplätzen wie dem in Miami Hotels und Häuser zu bauen, und so zusätzliche Einnahmen zu erwirtschaften. Doch bislang ist daraus nichts geworden.

Die Deutsche Bank mache sich wegen der verbleibenden Zeit bis zur Fälligkeit der Kredite und Trumps persönlicher Bürgschaft keine allzu großen Sorgen, sagten die drei Insider. Aber Manager hätten verschiedene Szenarien durchgespielt. Sollte
Trump nicht mehr Präsident sein, wäre es aus Sicht der Deutschen Bank einfacher, auf der Rückzahlung der Kredite zu bestehen, die Zwangsvollstreckung einzuleiten, wenn Trump die Darlehen nicht zurückzahlen oder refinanzieren kann, oder sie zu
verkaufen, sagten zwei der Insider. Da Trump persönlich für die Kredite bürgt, könnten seine Vermögenswerte beschlagnahmt werden, wenn er sie nicht zurückzahlen kann. Sollte Trump aber wiedergewählt werden, hätte die Bank weniger Optionen, sagten die drei Insider. In diesem Fall würden die Darlehen wohl bis zum Ende von Trumps Amtszeit verlängert. Es scheint jedenfalls undenkbar, Vermögenswerte eines amtierenden amerikanischen Präsidenten zu beschlagnahmen - der öffentliche Aufschrei wäre enorm.


Aus: "Reputationsrisiko : Deutsche Bank will Beziehung zu Trump beenden" (03.11.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/finanzen/deutsche-bank-will-geschaeftsbeziehung-zu-trump-beenden-17033563.html


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« Reply #1125 on: November 17, 2020, 02:37:27 nachm. »
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[...] Frequent-flying “‘super emitters” who represent just 1% of the world’s population caused half of aviation’s carbon emissions in 2018, according to a study.

Airlines produced a billion tonnes of CO2 and benefited from a $100bn (£75bn) subsidy by not paying for the climate damage they caused, the researchers estimated. The analysis draws together data to give the clearest global picture of the impact of frequent fliers.

Only 11% of the world’s population took a flight in 2018 and 4% flew abroad. US air passengers have by far the biggest carbon footprint among rich countries. Its aviation emissions are bigger than the next 10 countries combined, including the UK, Japan, Germany and Australia, the study reports.

The researchers said the study showed that an elite group enjoying frequent flights had a big impact on the climate crisis that affected everyone.

They said the 50% drop in passenger numbers in 2020 during the coronavirus pandemic should be an opportunity to make the aviation industry fairer and more sustainable. This could be done by putting green conditions on the huge bailouts governments were giving the industry, as had happened in France.

Global aviation’s contribution to the climate crisis was growing fast before the Covid-19 pandemic, with emissions jumping by 32% from 2013-18. Flight numbers in 2020 have fallen by half but the industry expects to return to previous levels by 2024.

“If you want to resolve climate change and we need to redesign [aviation], then we should start at the top, where a few ‘super emitters’ contribute massively to global warming,” said Stefan Gössling at Linnaeus University in Sweden, who led the new study.

“The rich have had far too much freedom to design the planet according to their wishes. We should see the crisis as an opportunity to slim the air transport system.”

Dan Rutherford, at the International Council on Clean Transportation and not part of the research team, said the analysis raised the question of equality.

“The benefits of aviation are more inequitably shared across the world than probably any other major emission source,” he said. “So there’s a clear risk that the special treatment enjoyed by airlines just protects the economic interests of the globally wealthy.”

The frequent flyers identified in the study travelled about 35,000 miles (56,000km) a year, Gössling said, equivalent to three long-haul flights a year, one short-haul flight per month, or some combination of the two.

The research, published in the journal Global Environmental Change, collated a range of data and found large proportions of people in every country did not fly at all each year – 53% in the US, 65% in Germany and 66% in Taiwan. In the UK, separate data shows 48% of people did not fly abroad in 2018.

The analysis showed the US produced the most emissions among rich nations. China was the biggest among other countries but it does not make data available. However, Gössling thinks its aviation footprint is probably only a fifth of that of the US.

On average, North Americans flew 50 times more kilometres than Africans in 2018, 10 times more than those in the Asia-Pacific region and 7.5 times more than Latin Americans. Europeans and those in the Middle East flew 25 times further than Africans and five times more than Asians.

The data also showed a large growth in international flights from 1990-2017, with numbers tripling from Australia and doubling from the UK.

The researchers estimated the cost of the climate damage caused by aviation’s emissions at $100bn in 2018. The absence of payments to cover this damage “represents a major subsidy to the most affluent”, the researchers said. “This highlights the need to scrutinise the sector, and in particular the super emitters.”

The figure for the social cost of carbon emissions was actually a bit conservative, Rutherford said.

A levy on frequent fliers is one proposal to discourage flights. “Somebody will need to pay to decarbonise flight – why shouldn’t it be frequent flyers?” Rutherford said. But Gössling was less enthusiastic, pointing out that frequent flyers were usually very wealthy, meaning higher ticket prices may not deter them.

“Perhaps a more productive way is to ask airlines to increase the share of [low carbon] synthetic fuels mix every year up to 100% by 2050,” Gössling said. A mandate for sustainable aviation fuel starting in 2025 is backed by some in the industry.

A spokesman for the International Air Transport Association (Iata), which represents the world’s airlines, said: “The charge of elitism may have had some foundation in the 1950s and 1960s. But today air travel is a necessity for millions.”

He said the airline industry paid $94bn in direct taxes, such as income tax in 2019 and $42bn in indirect taxes such as VAT.

“We remain committed to our environmental goals,” the Iata spokesman said. “This year – in the teeth of the greatest crisis ever facing our industry – airlines agreed to explore pathways to how we could move to net zero emissions by around 2060.”

A key pillar of the industry’s plans is the carbon offsetting and reduction scheme for international aviation, produced by the UN’s air transport body. But this was heavily criticised in June when revisions were seen as watering down an already weak scheme, with experts estimating that airlines would not have to offset any emissions until 2024. “I think they have a zero interest in climate change,” Gössling said.

Other research by Gössling found that half of leisure flights were not considered important by the traveller. “A lot of travel is going on just because it’s cheap.”

He stopped flying for holidays in 1995 and more recently stopped going to academic conferences and taking long-haul flights. “I’m not saying I’ll never fly again. But if I can avoid it, I really, really try,” Gössling said.


Aus: "1% of people cause half of global aviation emissions – study" Damian Carrington Environment editor (Tue 17 Nov 2020)
Quelle: https://www.theguardian.com/business/2020/nov/17/people-cause-global-aviation-emissions-study-covid-19


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« Reply #1126 on: November 20, 2020, 02:24:06 nachm. »
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[...] Im Fall der mysteriösen Spende zugunsten von Alice Weidels Wahlkreis am Bodensee führen Recherchen ins Umfeld von Henning Conle, Erbe des LTU-Gründers und Immobilienhändler.

Erst sollte eine Schweizer Pharmafirma namens PWS dem Wahlkreis von AfD-Fraktionschefin Alice Weidel 132.000 Euro für ihren Wahlkampf gespendet haben. Dann tauchte eine angebliche Spenderliste auf mit 14 Namen von angeblichen Geldgebern. Tatsächlich waren es aber Strohleute.

 Deren Namen weisen nun aber offenbar zum wahren Geldgeber: Nach Informationen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" sowie dem Schweizer "Tages-Anzeiger" führt die Spur ins Umfeld des aus Duisburg stammenden, in der Schweiz und London lebenden Immobilien-Milliardärs Henning Conle. Ein mit der Angelegenheit Vertrauter bestätigte das Umfeld des verschwiegenen Milliardärs als eigentlichen, bislang geheimen Spender.

Den Recherchen zufolge arbeitet einer der Strohmänner, die die Herkunft der Spende verschleiern sollten, für die Immobiliengesellschaft Conimmo in Antwerpen. Diese wiederum gehört mehrheitlich Henning Conle Senior, und auch sein Sohn gleichen Namens ist dort als Direktor eingetragen.

 Vater Conle, der mit Frau und Kindern schon in den 1990er-Jahren einen seiner Wohnsitze in die Schweiz verlegte, lebt dort in einer Privatstraße am edlen Zürichberg. Es ist ein Villenviertel, in dem sich auch die Apotheke jenes guten Bekannten befindet, dem laut seinem Anwalt vom geheimen Spender im Frühsommer 2017 150.000 Franken übergeben wurden - verbunden mit der Bitte, das Geld mit der Zweckbindung "Wahlkampf Alice Weidel Social Media" zu überweisen.

Der Spender habe um diesen Gefallen gebeten, weil er einen Schaden für seine Geschäfte gefürchtet habe, wenn sein Name als AfD-Geldgeber publik werde. Der Anwalt des Apothekers schilderte diesen Ablauf, zum Namen Conle wollte er sich aber nicht äußern.

 Die Spenderliste, die der Apotheker unterzeichnet und auf Wunsch der AfD in die Parteizentrale nach Berlin geschickt hatte, bezeichnete er nun im Interview selbst als "Mist". Der Anwalt beschreibt den eigentlichen Spender als arrivierten Geschäftsmann, sehr wohlhabend. Conle ließ mitteilen, er wolle sich zu den Recherchen nicht äußern.

Vergangene Woche hatten WDR, NDR, "SZ" und "Tages-Anzeiger" die vertrauliche Liste angeblicher Spender im Fall Weidel einsehen können. Auf dieser stach der Name des Mannes aus dem belgischen Antwerpen hervor. Dieser soll gleich bei mehreren merkwürdigen Spenden zugunsten der AfD aufscheinen: Recherchen von WDR, NDR, "SZ" und "Tages-Anzeiger" ergaben, dass es sich um einen Mitarbeiter einer Firma handelt, die mehrheitlich dem deutsch-schweizerischen Milliardär Conle gehört und dass der Name dieses belgischen Mitarbeiters sich auch auf mindestens einer weiteren vorgeblichen Spenderliste befindet, nämlich einer der ebenfalls eingereichten angeblichen Spenderlisten der Schweizer Werbeagentur Goal AG.

 Die Goal AG spielt in mehreren dieser Fälle eine gewichtige Rolle. Auch Parteichef Jörg Meuthen hatte für seinen persönlichen AfD-Wahlkampf kostenlos Werbehilfe von der Goal AG erhalten, im Sommer letzten Jahres hatte die Goal AG eine Liste mit Namen angeblicher Spender übersandt.

Ähnlich war es im Fall Guido Reil, auch hier gab es eine offenbar fingierte Liste voller angeblicher Spender. Dessen sechs Strohmannspender sollen nach Informationen von WDR, NDR, "SZ" und "Tagesanzeiger" vollständig in der Weidel-Liste enthalten sein.

Zudem war der Name des belgischen Conle-Mitarbeiters bei einer erst in der vergangenen Woche bekannt gewordenen Serie weiterer auffälliger Überweisungen auf Weidels Wahlkampfkonto am Bodensee aufgetaucht. Eine andere Person, die mit diesem angeblich am gleichen Tag gespendet haben soll, ist übrigens offenbar eine Nachbarin der Firmenzentrale von Conles deutscher Immobilienfirma Westfalia.

 Die Conles sollen in der Nachkriegszeit von Mülheim an der Ruhr und Duisburg aus zunächst mit Sozialwohnungen und öffentlichen Bauten zu viel Geld gekommen sein.

Henning Conle ist ein Nachfahre der Gründer der deutschen Fluggesellschaft LTU. Teile der Familiendynastie leben noch im Ruhrgebiet.

Conle selbst und seine Frau leben auch in London an einer noblen Adresse. Inzwischen unterhält der Familienzweig um Hennig Conle Junior und Senior mit seinem verzweigten internationalen Firmennetz ein verstreutes, enorm großes und werthaltiges Immobilienportfolio. Zu diesem gehören zum Beispiel die "Kensington Roof Gardens" im Londoner Nobel-Stadtteil, einem Treffpunkt mit Privatclub, mit lebenden Flamingos und einem künstlichen Bach auf der Dachterrasse.

 Dem gesamten Familienverband hat die Schweizer Zeitschrift "Bilanz" 2017 ein Vermögen von 1,35 Milliarden Schweizer Franken zugeschrieben. Es ist eine überaus verschwiegene Familie, Interviews sind nicht bekannt.

Henning Conle Senior und Familie sind bereits in den 1990er-Jahren in den Großraum Zürich gezogen, zumindest die Eltern besitzen neben der deutschen auch die Schweizer Staatsbürgerschaft. Sie dürfen demnach auch für deutsche Parteien spenden.

Ein Mann namens Henning Conle hat für die rechtspopulistische Schweizer Partei SVP mindestens einmal gespendet, er findet sich auf einer Liste der Finanziers einer Veranstaltung. Menschen aus dem Umfeld der Conles berichten, dass sie freigiebig seien: "Sie spenden viel."

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels wurde der Vater von Henning Conle als Mitbegründer der LTU bezeichnet. Richtig ist, dass der Onkel von Henning Conle LTU-Mitbegründer war.


Aus: "Geheime AfD-Spenden Spur zum Umfeld eines Duisburger Milliardärs" Sebastian Pittelkow, Katja Riedel und Georg Wellmann, WDR/NDR (05.04.2019)
Quelle: https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/afd-spenden-115.html
« Last Edit: November 22, 2020, 03:31:45 nachm. by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

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« Reply #1127 on: November 22, 2020, 03:31:07 nachm. »
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[...]  Jedediah Purdy ist Verfassungsrechtler von der Columbia University.

...

Elisabeth von Thadden: Worüber denken Sie gerade nach, Jedediah Purdy?

Jedediah Purdy: Ich denke darüber nach, wie eine Gesellschaft das Zusammenleben so gestalten kann, dass sie weniger anfällig für eine Krankheit wie Corona wird. Denn was einem von uns schadet, schadet ja allen. Ein Gesellschaftssystem wie das US-amerikanische, das von den Einzelnen fordert, zu individuellen Überlebenskünstlern zu werden und die Pandemie irgendwie allein durchzustehen, verteilt die Ansteckungsgefahr auf sehr ungleiche Weise. Es gefährdet so letztlich jeden. Wir sehen in den USA, was geschieht, wenn eine Gesellschaft, die ja an manche Grausamkeit gewöhnt ist, sich politisch nicht krisenfest macht: Dann ziehen sich die Reichen aus dem Zusammenleben auf ihre Landsitze zurück, die Mittelklasse isoliert sich nach Kräften im Homeoffice und auf dem Rücken der Arbeitenden, die sich den physischen Begegnungen nicht entziehen können, wird die Last abgeladen. Insofern gleicht die Pandemie der Klimakrise: Sie hebt unsere wechselseitige Abhängigkeit und ungleiche Vulnerabilität hervor und dabei sind jene im Vorteil, die ohnehin die Hebel der Macht in den Händen halten. Die Benachteiligten werden dem Virus sozusagen zum Fraß vorgeworfen. Je nachdem, wie die Pandemie politisch gestaltet wird, sind Menschen dann füreinander Feinde oder aber miteinander Problemlösende.

...


Elisabeth von Thadden: Auch für jene Wähler etwa unter den Latinos, die jetzt Trump gewählt haben?

Purdy: Sie wollten sich für nichts anderes als für ihre persönliche Sicherheit entscheiden. Eine Politik, die sich für solidarische Infrastrukturen etwa im Gesundheitswesen einsetzt, wird von der Trump-Wählerschaft für pure Fantasie gehalten: Hirngespinste. Diese Wählerschaft hat sich Trumps Haltung, dass dieses Virus letztlich Schicksal ist, zu eigen gemacht. Das ist eine Form des sozialen Sadismus. Das Leben ist in den Augen dieser Wählerschaft eben hart, und wer etwas anderes möchte als diese Härte, gilt als realitätsfremd. Als jemand, der sich immer nur beklagt, aber nichts hinkriegt.

... Der Nihilismus von Donald Trump verträgt sich auch nach seiner Abwahl offenbar noch gut mit den Institutionen des politischen Systems. Und dessen Eliten scheint es wenig auszumachen, wenn sie die letzte Generation auf einem lebenswerten Planeten sind. Bei allem gebotenen Respekt: Die Haltung des sozialen Sadismus braucht man nicht zu respektieren. Grausamkeit verdient keinen Respekt. Und hinter Trump steht eben nicht die Mehrheit aller Wählerinnen und Wähler. Deshalb bin ich dafür, das gesellschaftliche Gesprächsthema zu wechseln und in der politischen Praxis dafür zu sorgen, dass ein gutes Gesundheitssystem auf die Menschen so überzeugend wirkt wie ein Green New Deal, der den Arbeitsmarkt belebt und die Emissionen runterfährt. Auch die Bürgerrechtsrevolution der Sechzigerjahre hat durch veränderte politische Tatsachen ihre Wirkung entfaltet.

...


Aus: "Jedediah Purdy: "Die Benachteiligten werden dem Virus zum Fraß vorgeworfen"" (21. November 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2020-11/jedediah-purdy-corona-krise-gesellschaft-usa-demokratie-columbia-universitaet

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Luis Tränker #8

ZEIT ONLINE: Auch für jene Wähler etwa unter den Latinos, die jetzt Trump gewählt haben?

Im Grunde genommen zeigt dies doch nur, dass diese Menschen den sog. "American Dream" verinnerlicht haben, wobei man es alleine schaffen soll. Die Latinos, die Schwarzen etc. sind eben keine solidarische Masse, auch das sollte man sehen und anerkennen.


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Alex09 #7

Die Ideen des Professors sind sehr interessant und auch auf Europa übertragbar: Auch hier können sich die Privilegierten auf ihre Landsitze zurückziehen und Manager sich im Home Office abschotten. Die Arbeitnehmer aus der "Unterschicht" die als Kassierer, Helfer in der Krankenpflege, Lageristen, Apothekenhelfer usw. arbeiten müssen jeden Tag zur Arbeit pendeln. ...


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konne #16

ZEIT ONLINE: Auch für jene Wähler etwa unter den Latinos, die jetzt Trump gewählt haben?

Ich kenne eine Kubanerin, die nicht gerade sehr gut in florida lebt und Trump gewählt hat. Ihr Sohn lebt in Deutschland und sagte ihr dass sie es nicht machen solle und gab ihr reichlich ARgumente. Die Mutter wählte schliesslich Trump. ...


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ecatepec12 #16.3

Vielleicht ist sie ja nicht verblendet. Vielleicht hat sie nach der Flucht aus Kuba erkannt, dass das Überleben Privatsache ist. Dass das Modell Kuba auch nicht gerade toll ist und sie sich durchgeboxt hat. Ein Sohn großgezogen hat, der ihr jetzt erzählt, was man wählen soll...sitzt wahrscheinlich im Home Office, während Mutter an der Front ist.


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heined #18

In jedem Menschen existieren zwei Seiten der Persönlichkeit, eine Gute und eine Schlechte. Trump erlaubt seinen Anhängern ihr inneres Schwein raus zu lassen, so wie er das vorlebt. Für manche mag das befreiend wirken, aber im Grunde weiss die andere Hälfte ihrer Persönlichkeit, dass es falsch ist, Kinder in Käfige zu sperren und Nazis zu loben. Bidens Aufgabe wird es nun sein, das zivilisierte Ich möglichst vieler dieser Aufgehetzten zu erreichen.

Man erkennt Politiker eigentlich immer daran, welche Seite der Menschen sie ansprechen.


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W-S #19

Warum sollten Latinos oder Afroamerikaner alle die selbe politische Meinung haben? Auf die Idee kommen sie doch bei den Weißen auch nicht.


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r.schewietzek #20

Eine Politik, die sich für solidarische Infrastrukturen etwa im Gesundheitswesen einsetzt, wird von der Trump-Wählerschaft für pure Fantasie gehalten: Hirngespinste. Diese Wählerschaft hat sich Trumps Haltung, dass dieses Virus letztlich Schicksal ist, zu eigen gemacht. Das ist eine Form des sozialen Sadismus.

Ja, das ist es ...


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gruebler1836 #22

Man sollte sich langsam aber sicher von der ganzen Trump-Geschichte lösen.
Die USA haben 328 Millionen Bürger, von denen nicht mal die Hälfte gewählt haben.
Die Trumpisten haben mit 73 Millionen gegenüber 80 Millionen Biden-Wählern verloren und damit in den USA nicht mehr zu regieren, das ist halt nun mal so in einer Demokratie. Und wenn der Ober-Spinner endlich das Weiße Haus geräumt hat und wieder sowas wie Normalität ins Regieren eintritt, werden vielleicht auch einige Trump-Wähler aufwachen und merken, dass des Trump-Kaisers neue Kleider in Wirklichkeit nackter Wahnsinn waren, die nach Außen getragenen Ideen eines Irren, denen weiter nachzueifern sich nicht auszahlt. ...


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Molsheim #27

"Diese Wählerschaft hat sich Trumps Haltung, dass dieses Virus letztlich Schicksal ist, zu eigen gemacht. Das ist eine Form des sozialen Sadismus."

Ich würde das eher als sozialen Masochismus bezeichnen.


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Gerrit Haase #27.1

Sado-Maso ...


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delastro #30

Wer kann sich denn mit 859 Euro Rente in Deutschland echte ffp2 Masken kaufen? Wohl keiner. Nachgemachte ohne Prüfzeichen kosten in der Apotheke pro Stück ca. 4-5 Euro für drei mal tragen. Amerika ist überall.


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Gerrit Haase #37

Sich selbst dem "Schicksal" auszuliefern ist kurzsichtig und dumm, also fatalistisch, womit ich bei der Kernkompetenz dieser intellektuell unzureichend ausgestatteten Trump-Wählerschaft bin: Fatalismus. ...


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