Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 342724 times)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #1085 on: August 03, 2020, 10:38:56 nachm. »
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[...] Seit Tagen gab es Gerüchte, dass Juan Carlos I. Spanien den Rücken zukehren werde. Am Montagabend dann die offizielle Bestätigung: Das frühere königliche Staatsoberhaupt Spaniens, gegen das wegen mutmaßlicher Schwarzgeldkonten in der Schweiz ermittelt wird, packt die Koffer und verlässt das Land. Wohin der in Spanien in Ungnade gefallene König im Ruhestand übersiedeln wird, ist zunächst nicht bekannt.

Es ist kein freiwilliger Abschied, sondern eine weitere Abstrafung von Juan Carlos durch seinen Sohn, Felipe VI., der bereits Mitte März mit seinem Vater gebrochen hatte. Damals, als sich der Verdacht illegaler Geschäfte gegen Juan Carlos verdichtete, verkündete Felipe, dass er auf alle finanziellen Erbansprüche gegenüber seinem Vater verzichten werde. Außerdem strich er Juan Carlos die jährliche Zuwendung von nahezu 200.000 Euro.

Der Auszug des 82-jährigen Königs im Ruhestand aus dem Palast ist nun eine weitere Sanktion und kommt einem Rauswurf gleich.
In einer Erklärung Juan Carlos’, die das Königshaus am Montagabend veröffentlicht, wird der Familienkrach hinter diplomatischen Floskeln verborgen. In dem Schreiben spricht Juan Carlos von einer „reiflich überlegten Entscheidung“, mit welcher er die Monarchie vor weiteren Schaden bewahren wolle. Zu dem auf ihm lastenden Verdacht des Steuerbetrugs, der Geldwäsche und der Korruption geht er in dem Brief nicht ein.

Juan Carlos spricht in der kurzen Erklärung lediglich von „bestimmten vergangenen Ereignissen in meinem privaten Leben“, die öffentliche Auswirkungen gehabt hätten. Mit seiner Abreise aus Spanien, so schreibt er in dem an den „lieben Felipe“ gerichteten Dokument, wolle er dazu beitragen, „die Ausübung deines Amtes zu erleichtern“.

Die Vorwürfe gegen Juan Carlos, die staatsanwaltliche Ermittlungen in Genf und in Madrid ausgelöst hatten, waren in den letzten Monaten zu einer schweren Belastung für Felipe geworden. Die Popularität des Königshauses ist in Umfragen auf einen Tiefpunkt gesunken.

„Das Verhalten von Juan Carlos als Privatperson hat die Mehrheit der Spanier enttäuscht“, kommentiert vor einigen Tagen Spaniens einflussreichste Tageszeitung „El País“. Immer neue Dokumente, die den Medien zugespielt worden waren, untermauern den Verdacht, dass Juan Carlos jahrzehntelang Millionengelder auf Schweizer Geheimkonten versteckte.

Zudem gehen die Ermittler Hinweisen nach, wonach die Bankkonten mit Schmiergeldern gefüllt worden sein sollen. Hohe Summen, die Juan Carlos für die Vermittlung von Geschäften zwischen der spanischen Industrie und arabischen Ländern kassiert haben könnte.
Konkret geht es um Schmiergeldzahlungen beim Bau einer Schnellbahnstrecke in Saudi-Arabien durch ein spanisches Konsortium. In der sogenannten „Affäre um den Wüsten-Zug“ ermitteln die für Korruption und Wirtschaftsdelikte zuständigen Behörden schon seit 2018. Im Jahr 2008 soll Juan Carlos Schmiergeld in Höhe von 100 Millionen US-Dollar aus Saudi-Arabien kassiert haben.

Juan Carlos war von 1975 bis 2014 Spaniens Staatsoberhaupt. 2014 musste er wegen der Auswirkungen eines anderen Skandals abdanken. Auslöser war damals eine luxuriöse Elefantenjagd in Botswana, bei der sich Juan Carlos die Hüfte gebrochen hatte. Dadurch kam heraus, dass er nicht von Königin Sofía, sondern von seiner bis dahin unbekannten Geliebten, der deutschen Geschäftsfrau Corinna zu Sayn-Wittgenstein, begleitet worden war.

Die Luxussafari fand zudem mitten in der spanischen Finanz- und Wirtschaftskrise statt, die Hunderttausende Familien in die Armut trieb.Seitdem ist es mit der Freundschaft zwischen den Beiden aus. Gerade erst sind neue Aufzeichnungen aufgetaucht, in denen die Ex-Geliebte gegenüber einem spanischen Polizeioffizier ihr Herz ausschüttet. In den Tonaufnahmen berichtet sie wenig Schmeichelhaftes über Juan Carlos, mit dem die Deutsche eine jahrelange Beziehung hatte.

Die Aufnahmen, die 2016 in dem Gespräch mit dem Polizeikommissar in London entstanden, wurden offenbar ohne ihr Wissen von dem Beamten gemacht und nun von der Online-Zeitung „OkDiario“ veröffentlicht. Auf den Tonbändern, deren Echtheit bisher nicht angezweifelt wurde, plaudert die frühere „amiga“ über die illegalen Praktiken Juan Carlos’. So habe er öfter, wenn er aus arabischen Staaten zurückgekehrt sei, große Mengen von Geld mitgebracht.

Die nicht deklarierten Summen habe er bei seiner Rückreise nach Madrid im Diplomatengepäck versteckt. Im Palast habe er sogar eine Geldzählmaschine gehabt. „Ich habe ihn das Geld zählen sehen. Er verhält sich dabei wie ein Kind.“ Juan Carlos sei „süchtig“ nach Reichtümern: „Er ist besessen – von Gold, Diamanten und Uhren.“

In den vergangenen Tagen war auch Spaniens sozialistischer Regierungschef Pedro Sánchez auf Distanz zu Juan Carlos gegangen, der in Spanien möglicherweise bald mit einer Anklage rechnen muss. „Es gibt keinen Raum für Straflosigkeit“, sagte Sánchez. Auch nicht für einen alten König. (mit dpa)


Aus: "Juan Carlos verlässt wegen Korruptionsvorwürfen Spanien" Ralph Schulze (03.08.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/ex-geliebte-er-ist-suechtig-nach-reichtum-juan-carlos-verlaesst-wegen-korruptionsvorwuerfen-spanien/26062642.html

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Auch-das-noch 19:43 Uhr

Wohin geht die Reise denn?

Lichtenstein? Vereinigte arabische Emrirate? Cayman Inseln?


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    KaiserVonChina 19:53 Uhr

    Antwort auf den Beitrag von Auch-das-noch 19:43 Uhr
    Ich denke mal, viele Spanier hoffen: Bermuda-Dreieck....


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Alice Bota @AliceBota

Merke: Ein Monarch, gegen den wegen Korruption ermittelt wird und der sich deshalb ins Ausland absetzt,  ist nicht etwa flüchtig - er „geht ins Exil“.

#Spanien

12:56 PM · Aug 5, 2020


Quelle: https://twitter.com/AliceBota/status/1290964987167612928

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[...] Spaniens Alt-König Juan Carlos I. geht dahin zurück, wo er herkam: ins Exil. Der 1938 in Rom geborene Monarch gab am Montag in einem Brief an seinen Sohn König Felipe VI. bekannt, seinen Wohnsitz ins Ausland zu verlegen. Er begründet die Entscheidung mit dem "öffentlichen Widerhall auf gewisse Episoden" seines "früheren Privatlebens". Er wolle damit die Amtsführung seinen Sohnes nicht belasten. Laut Medien ist er noch am Montag in die Dominikanische Republik abgereist.

Der "emeritierte König" – so der offizielle Titel von Juan Carlos I. – geht, nachdem gegen ihn sowohl in der Schweiz als auch in Spanien ermittelt wird. Es besteht der Verdacht, dass er in seiner Zeit auf dem Thron Schmiergelder angenommen hat. Konkret geht um mindestens 65 Millionen Euro im Zusammenhang mit dem Bau einer Schnellzugverbindung von Medina nach Mekka in Saudi-Arabien, die er über ein Netzwerk von Stiftungen in Steuerparadiesen und Konten in die Schweiz geschafft haben soll. Verstrickt in den Fall ist die deutsche Corinna Larsen, einst Corinna von Wittgenstein, die "spezielle Freundin von Juan Carlos", wie Medien die Geliebte nennen. Sie selbst soll umfangreiche Geldgeschenke bekommen haben.

Wirklich gefährlich für Juan Carlos I. können nur die Ermittlungen in der Schweiz werden. Denn in Spanien genießt der Alt-König für seine Amtszeit nicht nur Immunität, er ist laut Verfassung sogar "unantastbar". Der einst ohne nennenswertes Privatvermögen angetretene König ist heute laut "Forbes" einer der reichsten Monarchen weltweit.

Es ist der letzte Skandal in einer langen Reihe. 2010 begann ein Verfahren gegen die Tochter des Königs, Infantin Cristina, und ihren Ehemann Iñaki Urdangarin wegen Korruption. Sie hatten sich Namen und Beziehung zunutze gemacht, um von Regionalregierungen für nie erbrachte Dienstleistungen zu kassieren. Cristina ging ins Ausland, Urdangarin ins Gefängnis.

2012 erlitt Juan Carlos I. – damals Ehrenpräsident der Umweltschutzorganisation WWF in Spanien – in Begleitung von Corinna von Wittgenstrein auf einer Elefantenjagd in Botswana einen Unfall. Zu Hause im krisengeschüttelten Spanien kam das gar nicht gut an. 2014 schließlich dankte er ab, Sohn Felipe bestieg den Thron.

Juan Carlos I. ist der Sechste aus der Dynastie der Borbonen, der Spanien verlässt oder verlassen muss. Er ist der Enkelsohn des 1931 gestürzten Königs Alfonso XIII. Er wuchs in Italien und Portugal auf, bevor ihn Diktator General Francisco Franco zur Ausbildung nach Spanien holte und ihn zur Nachfolge an der Spitze des spanischen Staates bestimmte. Wenige Tage nach dem Tod Francos im November 1975 bestieg Juan Carlos I. dann den Thron und leitete den Übergang zur Demokratie ein.

Als am 23. Februar 1981 ein Teil der Armee und der Guardia Civil gegen die neue Ordnung putschte, stellte sich Juan Carlos I. hinter die Demokratie. So zumindest die offizielle Version. Immer wieder wurden Stimmen laut, die Juan Carlos I. vorwerfen, vom Staatsstreich gewusst zu haben. Er habe abgewartet, wie er ausgeht, um sich dann auf die entsprechende Seite zu schlagen. Die Archive, die dies klären könnten, sind bis heute verschlossen.

Während die Linksregierung unter Pedro Sánchez ebenso wie der konservative Partido Popular "Respekt" für die Entscheidung des Alt-Monarchen äußerten, wirft die Parlamentsfraktion des kleineren der beiden Regierungspartner, die linksalternative Unidas Podemos, Juan Carlos I. vor, "geflohen" zu sein.

Die größte Tageszeitung des Landes, "El País", spricht von den Jahren auf dem Thron und der Fähigkeit, nach Ende der Franco-Diktatur die "Zeichen der Geschichte zu lesen". Die monarchistische "La Razón" sieht gar den "letzten große Dienst an Spanien".

Die Kommentatoren sind sich in einem einig: Jetzt gelte es, die Figur von Felipe VI. zu stärken. Doch das wird gar nicht so leicht. Denn zu lange hat dieser zugesehen. Spätestens 2019 wusste Felipe VI., dass er bei den Fonds und Stiftungen in Steuerparadiesen als Nutznießer und Erbe eingetragen war. Ein ganzes Jahr ließ der aktuelle König verstreichen, bevor er dies öffentlich machte und auf das Erbe verzichtete sowie Vater Juan Carlos I. die staatliche Zuwendungen entzog.

Auch die jüngst bekannt gewordenen Details der Flitterwochen von Felipe VI. und seiner Gemahlin Letizia sorgen nicht für mehr Beliebtheit bei den Untertanen. Eine halbe Million Dollar kostete die Reise durch mehrere Kontinente. Bezahlt wurde das Ganze von Juan Carlos I. und einem befreundeten Unternehmer. Auch für einen Ex-Monarchen mit 200.000 Euro staatlichem Jahressalär ist die Rechnung der dreimonatigen Reise eine ganz ordentliche Summe, wenn er keine Nebeneinkünfte hat.

(Reiner Wandler aus Madrid, 4.8.2020)


Aus: "Spaniens Ex-König Juan Carlos haut in die Karibik ab" (4. August 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000119150477/spaniens-ex-koenig-juan-carlos-haut-in-die-karibik-ab

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Wozu bitte?

Ein echter Leistungsträger, ...


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Das Rennpferd

Vorbildlich! - Schnell abgesetzt bevor einen noch die Justiz erwischt. Dabei hätte er es nichtmal nötig gehabt, kriminell zu werden, bei einem 6-stelligen Jahreseinkommen für ein bisschen winken und Hände schütteln...


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triage

Naja, noch schnell ein paar angenehme Jahre in den spanischen Kolonien auskosten anstatt sich mit der Justiz herumzuärgern, bis Gerichtsurteil oder Tod eintreten. Man hat sich ja sonst Zeit seines Lebens nichts gegönnt. ...


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[...] Der ins Exil gegangene spanische Ex-Monarch Juan Carlos hält sich in den Vereinigten Arabischen Emiraten auf. Der 82-jährige Vater von König Felipe VI. sei bereits am 3. August in die Emirate gereist und halte sich weiterhin dort auf, erklärte ein Palastsprecher am Montag.

Kurz nach Juan Carlos' Ausreise hatte die spanische Zeitung "ABC" berichtet, der ehemalige König sei in einem Privatflugzeug nach Abu Dhabi geflogen. Vom Flughafen der Hauptstadt der Emirate sei er in einem Hubschrauber in ein Luxushotel gebracht worden. "ABC" schrieb weiter, die Sicherheit von Juan Carlos werde von "seinem Freund", dem Kronprinzen Scheich Mohammed bin Mohammed bin Sajed al-Nahjan garantiert.

Zuvor hatten mehrere große spanische Zeitungen berichtet, Juan Carlos halte sich in der Dominikanischen Republik auf - oder in Portugal. Der Palast in Madrid nahm erst jetzt Stellung.

Nach zahlreichen Skandalen hatte Juan Carlos seinen Sohn, König Felipe VI., in einem Brief über seine Absicht informiert, Spanien zu verlassen. Zuvor hatte der Oberste Gerichtshof des Landes im Juni ein Ermittlungsverfahren zur mutmaßlichen Verwicklung des 82-Jährigen in eine Korruptionsaffäre eingeleitet.

In dem Fall geht es um mögliche Schmiergeldzahlungen bei der Auftragsvergabe für den Bau einer Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke zwischen Mekka und Medina in Saudi-Arabien an ein spanisches Konsortium. Auch in der Schweiz laufen Ermittlungen dazu.

In dem Brief an seinen Sohn hatte Juan Carlos erklärt, er gehe ins Exil, um Felipe nicht mit den "öffentlichen Konsequenzen bestimmter Geschehnisse der Vergangenheit" zu belasten. Sein Anwalt versicherte, der Ex-Monarch werde den Ermittlern weiter zur Verfügung stehen. (AFP)


Aus: "Ex-König Juan Carlos hat sich in die Emirate abgesetzt" (17.08.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/spanischer-koenigspalast-bestaetigt-aufenthalt-ex-koenig-juan-carlos-hat-sich-in-die-emirate-abgesetzt/26101974.html

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« Last Edit: August 18, 2020, 09:14:07 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #1086 on: August 04, 2020, 01:15:47 nachm. »
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[...] Zum Stichtag 31. März 2019 waren laut Statistischem Bundesamt in Deutschland 65.796 Personen in Haft, was 90 Prozent der gesamten Belegungskapazität entspricht. Schon eine Auslastung von 85 bis 90 Prozent gilt im Strafvollzug als übervoll. Und das bundesweit. Seit der Föderalismusreform 2006 obliegt die Gesetzgebung des Strafvollzugs dem jeweiligen Bundesland.

... „Es ist ganz schwierig, überhaupt Ärzte für den Justizvollzug zu finden“, sagt Karlheinz Keppler. Er gilt als einer der renommiertesten Gefängnisärzte in Deutschland. Als die taz ihn zum Gespräch anruft, ist er gerade 400 Kilometer von seinem Wohnort Berlin entfernt in der JVA Vechta und wartet auf Patient:innen. Obwohl er bereits im Ruhestand ist, springt er immer wieder als Honorararzt in diversen Gefängnissen ein. Der Job wird etwa fünfmal schlechter bezahlt als eine Stelle im Krankenhaus und genießt nur wenig Ansehen. ...

Claudia Kircher verbringt ihre halbe Arbeitswoche in der JVA Rottenburg. Sie ist Drogen- und Suchtberaterin seit mehr als 20 Jahren. In den Beratungsgesprächen mit ihren aktuell 40 Klienten spielt das Thema Gesundheit ständig eine Rolle. Krankheiten dominieren den Alltag von Gefangenen. Wenn Kircher nicht in der JVA ist, arbeitet sie in einem schmucklosen Büro in der Tübinger Weststadt. Ein großer Raum, Kunstteppich, keine Bilder, keine Pflanzen. Kircher, blondes schulterlanges Haar, rotes Shirt und blaue Jeans, redet langsam.

Grobe Mängel könne sie in der Gesundheitsversorgung der Gefangen zumindest in Baden-Württemberg nicht beobachten. „Die Anstaltsärztinnen behandeln die Häftlinge im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Sie geben ihr Bestes“, sagt Kircher. Trotzdem bekomme sie als externe Beraterin auch manche Probleme der Gefangenen mit. Das Vertrauensverhältnis zwischen Ärzt:in und Patient:in sei zum Beispiel nicht immer gegeben.

Es gebe aber auch Gefangene, die ihr anvertrauten, dass der Strafvollzug ihnen das Leben gerettet habe. Einige verwahrlosten durch jahrelangen Alkohol- und Drogenkonsum und würden mit dem Besuch bei der Anstaltsärztin oft zum ersten Mal seit Jahren durchgecheckt. Dann komme Routine, regelmäßiges Essen, vielleicht ein Entzug oder Substitutionsprogramm.

Zudem haben viele der Gefangenen Traumata erlebt. Während die Rate der psychischen Auffälligkeiten in der Gesamtbevölkerung bei rund 28 Prozent liegt, ist dieser Wert hinter Gefängnismauern in ganz Deutschland meist fast doppelt so hoch. Drogen- und Alkoholsucht, Traumata und psychische Störungen, diese Krankheitsbilder machen die Anforderungen an den Strafvollzug komplex.

Und die Zahl psychischer Auffälligkeiten steigt. Diese Entwicklung legt auch die Häufigkeit der Belegung gesicherter Hafträume der JVAs nahe. Gefangene werden in diesen Räumen eingesperrt, wenn Fremd- oder Selbstgefährdungsrisiken drohen. Seit 2010 stieg die Zahl allein in Baden-Württemberg um das beinah Vierfache auf 1.119 Belegungen im Jahr 2018.

In einem überlasteten System kann dies tragische Folgen haben – wie im August 2014. Ein Wärter der JVA Bruchsal fand einen Gefangenen tot in seiner Zelle. Er litt an psychischen Störungen, die unbehandelt blieben, und starb an den Folgen einer Unter- oder Mangelernährung.

Hätte sein Tod bei entsprechender medizinischer Betreuung verhindert werden können? Der damalige Justizminister setzte eine Kommission zum „Umgang mit psychisch auffälligen Gefangenen“ ein. Im Abschlussbericht stellten die Expert:innen einen „dringenden Bedarf an Verbesserungen insbesondere in der personellen Ausstattung des Justizvollzugs“ fest. Zwar wurden in der Folge zahlreiche neue Stellen vom Justizministerium geschaffen, doch ist die Folgekommission noch heute damit beschäftigt, ein Konzept vorzulegen.

Die JVAs erreichen weiterhin die Überlastungsgrenze. Im letzten Jahr waren nach Angaben des Statistischen Bundesamts 101 Prozent der zur Verfügung stehenden Plätze in Baden-Württemberg belegt. Das passiert, wenn Zellen mit mehr Menschen belegt sind, als es eigentlich vorgesehen ist. „Wir sind in jeder Hinsicht von Ressourcenknappheit geprägt“, sagt Matthias Weckerle, Anstaltsleiter der JVA Rottenburg. Ganze Gefängnisetagen könnten teilweise nur von einer Beamtin oder einem Beamten beaufsichtigt werden.

Um die begrenzten vorhandenen Zeit- und Personalressourcen gezielt einsetzen zu können, wird seit 2019 in allen 17 JVAs Baden-Württembergs die Telemedizin eingesetzt. Sie erlaubt, dass das Krankenpersonal zum verlängerten Arm externer Fachmediziner:innen wird.

Die Rückmeldungen der Gefangenen sind oft positiv. Größtenteils konsultierten sie die Telemediziner:innen wegen Angst- oder Schlafstörungen sowie Fragen zur Medikation. Nordrhein-Westfalen hat im Mai angekündigt, Telemedizin in zunächst sieben seiner Haftanstalten einzusetzen. Bewährt es sich, wird das Vorhaben auch hier auf alle 36 JVAs ausgeweitet. Auch in Sachsen wird derzeit die Möglichkeit geprüft.

Anstaltsleiter Weckerle hofft auf Lehren aus der Coronakrise. Einerseits wurden dadurch die Haftbedingungen für viele Gefangene verschärft, andererseits rund 800 Ersatzfreiheitsstrafen ausgesetzt oder aufgeschoben. Das betrifft beispielsweise Menschen, die wegen nicht bezahlter Geldstrafen inhaftiert werden. Auf einen Schlag waren also weniger Gefangene in Haft. Die Personal- und Belegungssituation entspannte sich. Deshalb müsse ein Zurück zur Überbelegung jetzt vermieden werden.
Das Häftlingsstigma

Wenn man den Anstaltsarzt Karlheinz Keppler fragt, ob die Gesundheitsversorgung in deutschen Gefängnissen flächendeckend mangelhaft sei, antwortet dieser mit einem „Nein, aber“. Die Qualität der Versorgung variiere von Bundesland zu Bundesland und von Arzt zu Arzt stark. Gefangene mit Suchtproblemen und unter Substitution haben eigentlich das Recht, einmal die Woche von einem:r Ärzt:in gecheckt zu werden.

Doch nicht immer wird das auch umgesetzt. „Es gibt Ärzte, die sagen: So etwas wie Substitution gibt es bei mir nicht“, sagt Keppler. Insbesondere Bayern habe sich lange Zeit dagegen gewehrt, überhaupt zu substituieren. Erst ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte aus dem Jahr 2016 änderte dies.

Keppler fordert daher eine Abschaffung des Betäubungsmittelgesetzes und sagt, ein Problem wie Sucht könne man nicht gesetzlich, sondern nur medizinisch regeln. Die Forderung deckt sich mit den Erfahrungen aus der Coronakrise, dass Gefängnisse deutlich entlastet sind, wenn Ersatzfreiheitsstrafen ausgesetzt werden: weniger Häftlinge, weniger Überlastung des Personals. „Die Knäste wären halb leer, wenn man die Suchtleute nicht einsperren würde.“

Auch die Dortmunder Expertin Christine Graebsch sagt, das Problem lasse sich nicht etwa mit mehr Personal lösen. Den Gefangenen hafte ein Stigma an, das sich auch auf die Gesundheitsversorgung auswirke. „Besonders unter Anstaltsärzten ist die Haltung sehr verbreitet, dass Gefangene selbst schuld sind an ihrer Situation oder gar simulieren“, sagt sie, insbesondere hinsichtlich Personen mit Suchtproblematik. Ihr Vorschlag: eine unabhängige Kommission, die die Versorgung in den Gefängnissen beobachtet und Fehler untersucht.

Probleme gibt es also dreierlei: fehlende Regulierung und Kontrolle, zu wenig Personal für zu viele Häftlinge und eine Ungleichbehandlung von Gefangenen gegenüber Nichtgefangenen in der medizinischen Versorgung.

... Die strukturellen Probleme unterscheiden sich zwischen den Bundesländern, sind jedoch in ganz Deutschland zu beobachten. Was es braucht, ist eine bundesdeutsche Evaluation und Regelung, damit Zahlen vergleichbar, Versorgung kontrollierbar und Mängel sichtbar werden.

Denn der Grundgedanke von Justizvollzugsanstalten liegt im Vollzug von Haftstrafen, nicht in der Behandlung von Gefangenen als Patient:innen zweiter Klasse.

...


Aus: "Gesundheitsversorgung in Gefängnissen: Krank im Knast" Torben Becker, Aiko Kempen, Sarah Ulrich (4.8.2020)
Quelle: https://taz.de/Gesundheitsversorgung-in-Gefaengnissen/!5699817/


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« Reply #1087 on: August 05, 2020, 11:46:36 vorm. »
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[...] In Pflegeheimen in Deutschland sind 36 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner auf Sozialhilfe angewiesen. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervor, die die Linksfraktion im Bundestag erfragt hat. Demzufolge gibt es in Deutschlands Pflegeheimen 876.867 Plätze. 318.580 von ihnen werden von Menschen benötigt, die sich ein Pflegeheim nicht aus eigener Kraft leisten können. Um ihren Eigenanteil zu bezahlen, benötigen sie Sozialhilfe. Damit zeigt sich eine Schwäche der Pflegeversicherung, die 1995 eingeführt worden ist, um genau das zu verhindern.

Nach Angaben der Statistiker ist die Lage in den Bundesländern sehr unterschiedlich. Am angespanntesten sieht es für Pflegebedürftige in Hamburg, Bremen und Nordrhein-Westfalen aus. In diesen Bundesländern muss sogar jede zweite Pflegebedürftige Sozialhilfe beantragen, um den Platz im Heim zu bezahlen. Im Bundesschnitt ist die finanzielle Belastung Pflegebedürftiger zuletzt stark gestiegen. Im Vergleich zu Anfang 2018 mussten Bewohner von Pflegeheimen im Juli 2020 in allen Bundesländern teilweise deutlich höhere Eigenanteile für ihre Unterbringung und Versorgung zahlen.   

Am Freitag hatte der Verband der Ersatzkassen (vdek) mitgeteilt, dass Pflegebedürftige im Schnitt mehr als 2.000 Euro im Monat über die Leistungen der Pflegeversicherung hinaus zuzahlen müssen. So waren zum 1. Juli demnach durchschnittlich 2.015 Euro fällig, wovon 786 Euro auf den sogenannten Eigenanteil, 774 Euro auf Unterkunft und Verpflegung und 455 Euro auf Investitionskosten entfielen. Zum 1. Januar 2018 lag die Zuzahlung pro Person im Bundesschnitt noch bei 1.766 Euro, wovon 593 Euro den Eigenanteil, 716 die Kosten für Unterkunft und Verpflegung und 463 Euro die Investitionskosten bildeten. Damit ist die Gesamtsumme in diesem Zeitraum um 249 Euro oder 14 Prozent gestiegen.

Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch äußerte sich angesichts des Preisanstiegs besorgt. "Die steigenden Pflegekosten werden für immer mehr Bürger zur Armutsfalle. Die Bundesregierung muss endlich handeln", sagte er. Von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) forderte er Reformen. Zunächst müssten die Eigenanteile in den Pflegeheimen kurzfristig gesenkt werden. "Mittelfristig brauchen wir eine Pflegevollversicherung, in die alle einzahlen", sagte Bartsch.

Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte Spahn zum Handeln auf. "Während die Zuschüsse aus der Pflegekasse konstant geblieben sind, sind die Eigenanteile für die Pflege in den letzten Jahren gerade in den östlichen Bundesländern explodiert", sagte Vorstand Eugen Brysch. Der Gesundheitsminister müsse jetzt ein generationsgerechtes Zukunftskonzept zur Pflege vorlegen. "Das hat er schon zweimal versprochen. Es wird Zeit, dass Jens Spahn den Worten auch Taten folgen lässt." Die letzte Reform der Pflege liegt mit der Einführung der Pflegeversicherung schon 25 Jahre zurück und fällt damit in eine Zeit, in der es weniger als zwei Millionen Pflegebedürftige in Deutschland gab. Inzwischen liegt die Zahl bei 3,4 Millionen, ein Viertel von ihnen lebt in Pflegeheimen.


Aus: "Ein Drittel der Pflegebedürftigen braucht Geld vom Staat" (4. August 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-08/pflegebeduerftige-sozialhilfe-deutschland-statistisches-bundesamt



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« Reply #1088 on: August 10, 2020, 12:12:48 nachm. »
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[...] Warren Buffetts Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway hat ihre Barreserven in der Corona-Krise abermals kräftig erhöht. Im zweiten Quartal stieg der Geldberg, auf dem der 89-jährige Staranleger sitzt, um gut zehn Milliarden auf den Rekordbetrag von 146,6 Milliarden US-Dollar (124,4 Mrd Euro), wie aus dem jüngsten Geschäftsbericht von Berkshire Hathaway hervorgeht. Damit steigt der Anlagedruck auf den wegen seines Riechers für lukrative Investments "das Orakel von Omaha" genannten Börsengurus weiter.

Die Finanzmärkte warten schon lange auf Buffetts nächste Mega-Übernahme. Doch anders als in früheren Krisen hielt er sich - abgesehen von einem größeren Erdgas-Deal - in der Pandemie zurück. Statt die enormen Cash-Bestände von Berkshire Hathaway in Beteiligungen oder Zukäufe zu investieren, setzte Buffett zuletzt immer stärker auf Aktienrückkäufe zur Kurspflege. In den drei Monaten bis Ende Juni wurde dafür der Rekordbetrag von 5,1 Milliarden Dollar aufgewandt.

Außerdem investierte der Konzern seit Mitte Juli rund zwei Milliarden Dollar in Aktien der US-Großbank Bank of America. Berkshire besitzt damit inzwischen insgesamt rund eine Milliarde Bank-of-America-Aktien im Wert von 25,8 Milliarden Dollar. Mit Anteilen von 11,9 Prozent ist Buffett der größte Aktionär des Geldhauses.

Das Tagesgeschäft von Berkshire Hathay litt dennoch unter der Krise. Der Betriebsgewinn des Konglomerats, zu dem an die 90 Unternehmen und etliche große Aktienbeteiligungen gehören, ging im Jahresvergleich um zehn Prozent auf 5,5 Milliarden Dollar (4,7 Mrd Euro) zurück.

Der Überschuss von Berkshire schoss derweil dank der Kurserholung an den Börsen von 14,1 Milliarden auf 26,3 Milliarden Dollar in die Höhe. Beim Nettoergebnis müssen allerdings auch unrealisierte Investmentgewinne und -Verluste ausgewiesen werden. Deshalb schwankt diese Kennziffer stark und ist als Gradmesser für den tatsächlichen Geschäftsverlauf relativ ungeeignet. Zum Vergleich: Im Vorquartal hatte es hier noch ein Rekordminus von 50 Milliarden Dollar gegeben.

Quelle: ntv.de, chr/dpa/rts


Aus: "146 Milliarden für miese Zeiten - Buffetts Geldberg wächst auch in der Krise" (Samstag, 08. August 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Buffetts-Geldberg-waechst-auch-in-der-Krise-article21960894.html

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« Reply #1089 on: August 10, 2020, 08:12:53 nachm. »
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[...] Gastbeitrag von Marian Henn, der derzeit miterlebt, wie das, was ich in vorherigen Analysen abstrakt beschrieben habe, in der andalusischen Provinz Huelva Anwendung findet. - Marian Henn absolviert derzeit einen Master-Studiengang mit den Schwerpunkten der Friedens- und Menschenrechtsförderung an der Universität Cádiz. In Andalusien engagiert er sich in der antirassistischen Bewegung und beobachtet das Zusammenwirken von Grenz- und Arbeitskraftregimen während der Corona-Pandemie. Der Artikel bietet einen Einblick in das Forschungsprojekt seiner Abschlussarbeit.

Innerhalb von nur fünf Tagen wurden durch das Abbrennen dreier Barackensiedlungen, überwiegend bewohnt von afrikanischen Wanderarbeiter*innen aus der Landwirtschaft, mehr als 500 Menschen obdachlos. Das Feuer hat nicht nur ihren Wohnraum zerstört, sondern viele verloren auch Ersparnisse und wichtige Unterlagen, die zu ihrer Legalisierung unerlässlich sind. Seit über drei Wochen campieren nun etwa 50 Betroffene auf dem Rathausplatz der Stadt Lepe. Sie fordern bedingungsloses Bleiberecht und den Zugang zu würdigem Wohnraum.

Die Provinz Huelva liegt am südwestlichsten Zipfel Spaniens und gehört zur autonomen Gemeinschaft Andalusien. Touristisch wirbt die Region mit einzigartigen Nationalparks und dem Slogan „Die Provinz der Entdecker“, denn im 15. Jahrhundert stachen von Huelva aus Kolumbus‘ Schiffe  in See und leiteten die koloniale Ära ein. Die Hafenstädte erlebten durch die koloniale Dominanz eine Epoche von großer Bedeutung und akkumulierten in der folgenden Zeit große Reichtümer. Heute erwirtschaftet die Provinz beachtliche Gewinne durch das „rote Gold“ – Der intensive Anbau von Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren sowie eine Vielzahl von Zitrusfrüchten haben die Region in ein Plastikmeer verwandelt, in deren Gewächshäusern Arbeiter*innen gnadenlos ausgebeutet werden. Allein der Sektor der roten Früchte hat im Jahr 2019 alle Rekorde gebrochen und weit über 700 Millionen Euro erwirtschaftet, das sind fast 10 % mehr als im Vorjahr. „Ich fürchte, dass vor vier oder fünf Jahrhunderten mit dem Sklavenhandel ein Samen gesät wurde, der hier in unserer Provinz aufging. Palos, Moguer, Lepe, Gibraleón, Huelva, Cartaya, all diese Städte waren vor vier oder fünf Jahrhunderten Sklavenmärkte. Jetzt werden zwar keine Sklaven verkauft, aber es ist ein ähnliches System, in modernem Anstrich. Was hat die Sklaverei mit sich gebracht? Nun, es scheint, dass es einige tief verwurzelte Zusammenhänge gibt…“, sagt José Antonio, Repräsentant der andalusischen Arbeiter*innengewerkschaft SAT (Sindicato Andaluz de Trabajadores).

Viele tausend Tonnen des roten Goldes werden exportiert und finden sich in deutschen Supermarktketten wie Aldi, Lidl und Rewe wieder. Während der Haupterntesaison zwischen März und Juni arbeiten rund einhunderttausend Arbeiter*innen auf den Feldern, in den Gewächshäusern und in den großen Lagerhallen. Neben einer Vielzahl von ‚autochthonen‘ Tagelöhner*innen aus den umliegenden Gemeinden und Regionen, wird ein Großteil der Arbeitskraft von migrantischen Saisonarbeiter*innen gestellt, die meisten aus Subsahara-Afrika, Marokko und Osteuropa. Die geringe gesellschaftliche Anerkennung und das klassistische Stigma als Tagelöhner*in führt dazu, dass die landwirtschaftliche Arbeit zunehmend an Menschen aus dem globalen Süden externalisiert wird. In der „Provinz der Entdecker“ zeigt sich eine postkoloniale Agrarwirtschaft, d.h. eine Landwirtschaft, die auf der Eingliederung von Arbeitskräften aus ehemaligen Kolonien und historisch beherrschten Gebieten beruht. „Innerhalb der Agrar- und Nahrungsmittelkette der roten Früchte sind die wichtigsten Glieder, autochthone Arbeiter*innen ausgenommen, das Kollektiv der marokkanischen Arbeiterinnen, die mit Saisonarbeitsverträgen kommen und das Kollektiv subsaharischer Saisonarbeiter. Und die wichtigsten Glieder dieser Kette sind gleichzeitig ihre schwächsten Glieder.“, verweist die andalusische Arbeiter*innengewerkschaft im Hinblick auf die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen. „Das ist moderne Sklaverei. Die Arbeiter*innen tragen heutzutage keine Ketten mehr. Die Ketten, die die Arbeiter*innen tragen, ist die Not.  Die Überlebensnotwendigkeit zu arbeiten peitscht die Menschen an und es sind die Chefs, die Firmenleitungen die diese Bedürftigkeit gnadenlos ausnehmen.“ Insbesondere unter den subsaharischen Arbeiter*innen leben viele Menschen ohne Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, ein nicht zu unterschätzender Faktor, der die potenzielle Ausbeutbarkeit um ein Vielfaches multipliziert.  Neben den prekären und informalisierten Arbeitsbedingungen charakterisiert sich der agrarindustrielle Komplex in Huelva durch eine rassistische Wohnraumsegmentierung, die tausende Arbeiter*innen in die sogenannten Chabola-Siedlungen zwingt. Bei den Chabolas handelt es sich um selbstgebaute Baracken aus Paletten, Plastikplanen und Schilfrohr. In der ganzen Provinz gibt es je nach zählweise etwa 40 Siedlungen. Allein in der Stadt Lepe, dem Agrarzentrum der Provinz, existieren laut der Migrant*innenorganisation Asnuci (Asociación Nuevos Ciuidadanos por la Interculturalidad) 13 Siedlungen. Bewohner*innen beklagen seit 20 Jahren die unwürdigen Wohnbedingungen ohne Wasser, Strom, sanitäre Anlagen und ein System zur Müllentsorgung.

Am 14. März diesen Jahres sollte der permanente Ausnahmezustand, in dem die Landarbeiter*innen in der Provinz leben, durch ein königliches Dekret zusätzlich verschärft werden, als in ganz Spanien aufgrund der Corona-Pandemie der ‚Alarmzustand‘ ausgerufen wurde. Erinnert sei an die mediale Kampagne #quedateencasa (#bleib zuhause), welche an die Eigenverantwortung der Bürger*innen appellierte. Die Menschen vor Ort wurden Zeug*innen eines falschen Universalismus, der davon ausgeht, alle Menschen hätten gleichermaßen die Möglichkeit zu Quarantäne und Home-Office. Wie sollen Menschen zuhause bleiben, wenn sie kein Zuhause haben? Wie sollen Menschen den Sicherheitsabstand einhalten, wenn sie sich nur wenige Quadratmeter Wohnfläche teilen? Wie sollen Menschen sich regelmäßig die Hände waschen, wenn sie keinen Zugang zu fließendem Wasser haben? Vom Zugang zu anderen staatlich finanzierten Maßnahmen wie Kurzarbeit oder dem kürzlich eingeführten Grundeinkommen ganz zu schweigen. „Nun, als der Staat sagte, dass man zu Hause bleiben muss, da wusste ich, dass es für die Leute, die hier leben, sehr schwierig ist, zu Hause zu bleiben. Denn in einer Chabola zu leben bedeutet, in Not zu leben. Du musst die Siedlung verlassen, denn es gibt kein Wasser, kein Licht, kein Bad, nichts In den Baracken zu bleiben, um sich zu schützen, ist unmöglich.“, kritisiert ein senegalesischer Aktivist der Organisation Asnuci den mangelnden Schutz der Landarbeiter*innen in Zeiten der Pandemie.

Ende März 2020 versammelten sich um 20:00 Uhr Menschen in Spanien auf ihren Balkonen, um dem Gesundheitspersonal für ihren unermüdlichen Einsatz in der Pandemie zu danken. Es entfachte sich plötzlich eine Debatte um systemrelevante Berufe und das dahinterstehende System. Auch die Produktionsweise von Nahrungsmitteln sollte stärker in das Zentrum der Debatte gerückt werden. In der globalisierten neoliberalen Gesellschaftsordnung sind Nahrungsmittel nichts als ein Produkt, mit dem an der Börse spekuliert werden kann, sie sind entfremdet von ihrem eigentlichen Zweck, das menschliche Leben zu erhalten und grundlegende Ressourcen für die soziale Reproduktion zu liefern. Während Millionen von Spanier*innen die Ausgangssperre als ‚Befreiung vom Alltagsstress‘ empfanden, riskierten die Erntehelfer*innen tagtäglich ihre Gesundheit, um das ‚System am Laufen zu halten‘. Die Corona-Pandemie führt vor Augen, wie weit unsere Ernährungssouveränität im Norden, von ausgebeuteter, meist migrantischer Arbeit aus dem Süden abhängt.  Ana Pinto vom Kollektiv jornaleras de Huelva en lucha (Tagelöhnerinnen aus Huelva im Kampf), eine Arbeiterinnenselbstorganisation mit feministischem und antirassistischem Ansatz, berichtet während des Alarmzustands von der Realität in den Gewächshäusern: „Die Pandemie und der Alarmzustand haben bewirkt, dass die Prekarität und die Vulnerabilität der Arbeiter*innen auf dem Feld und in den Lagerhäusern weiter zugenommen hat. Sicherheitsvorkehrungen und Abstände werden nicht eingehalten, auf manchen Höfen haben die Arbeiter*innen kein Wasser, um sich die Hände zu waschen. Bei einem Infektionsverdacht versucht das Unternehmen Gefährdungen unter den Teppich zu kehren und gibt keine Informationen an die Arbeiter*innen weiter, damit die Menschen die Arbeit fortsetzen.“ Für Illegalisierte brachte zudem der Alarmzustand das erhöhte Risiko von Polizeikontrollen mit sich. „Einige von uns ohne Papiere hatten Angst aufs Feld zu gehen und sind letztlich drei Monate ohne Arbeit, also ohne Einkommen, in ihrer Chabola zurückgeblieben“, erzählt der Aktivist von Asnuci.

Ende Juni trat Spanien in die „neue Normalität“ ein.  Weil in Huelva die Haupterntesaison beendet war, zog der Großteil der Arbeiter*innen in andere Regionen weiter, vor allem nach Lérida, Albacete und Murcia. Zwischen dem 13. Und 17. Juli kam es in den Ortschaften Lepe und Lucena del Puerto zu drei Bränden in Chabolasiedlungen, bei denen etwa 500 Menschen obdachlos wurden. Zwar lässt der der Blick von außen auf eine Chabola-Siedlung nur einen Dschungel aus Paletten und Plastikplanen erkennen, doch die Siedlungen bergen eben auch vielzähligen Migrationsprojekte, sie spiegeln individuelle und kollektive Überlebensstrategien, die durch die höllischen Flammen verschlungen wurden.  Auch Ersparnisse und zur Legalisierung des Aufenthaltsstatus notwendige Dokumente wurden im Feuer vernichtet. Diese Brände sind nicht nur hochgradig lebensgefährlich, wie der Tod eines marokkanischen Saisonarbeiters bei einem Brand in einer Siedlung in Palos de la Frontera letztes Jahr gezeigt hat, sie sind darüber hinaus Ausdruck des institutionellen Rassismus, der sich durch alle Behörden zieht. Vermutlich wurden die Brände gezielt gelegt, zur Aufklärung werden kaum technische und personelle Ressourcen mobilisiert. Zudem erhalten die Betroffenen keinerlei Unterstützung. Notunterkünfte in leerstehenden Schulen oder Turnhallen werden nicht bereitgestellt. Manuel Mora, der Bürgermeister von Lucena del Puerto, sprach sogar in einem Interview mit den Radiosender Cadena Sur Andalucía von einer neuen Null-Toleranz-Politik gegenüber „illegalen Siedlungen“ und „illegalen Bewohnern, die einfach keine Miete zahlen wollen.“ Stattdessen trennte man als erste Maßnahme einen öffentlichen Wasserzugang ab, darüber hinaus investierte die Gemeinde von Lucena Tausende von Euros in einen Bagger, der rücksichtslos über den Lebensraum hunderter Menschen hinwegrollt. Dabei waren die migrantischen Erntehelfer*innen noch vor wenigen Monaten eine gern gesehene Reservearmee zur Sicherung der landwirtschaftlichen Produktion und auch der Bau neuer Chabola-Siedlungen wurde wohlwollend toleriert. „Wenn sie uns brauchen, benutzen sie uns. Wenn es keine Arbeit gibt, werfen sie uns in den Müll“, fasst der senegalesische Aktivist vom Asnuci-Kollektiv die Situation zusammen.

Ansatzweise ist die Strategie der Brandanschläge aufgegangen und ein Großteil der subalternen Arbeiter*innenschaft hat mit dem verbliebenen Hab und Gut das Weite gesucht und kommt höchstwahrscheinlich bis zur neuen Erntesaison des roten Goldes nicht mehr zurück. Ein anderer Teil der Betroffenen toleriert allerdings die rassistischen Ausbeutungsverhältnisse nicht länger, die seit über 20 Jahren in der Provinz herrschen. Seit über drei Wochen hält eine Gruppe von etwa 50 Personen den Rathausplatz in Lepe besetzt, um auf die Situation aufmerksam zu machen. „Wir gehen hier erst weg, wenn es eine würdige Lösung gibt.“, heißt es in einer Presseerklärung des Protestbündnisses Solución Asentamientos. „Wir sagen BASTA. Wir sind keine Wegwerfarbeiter*innen. Wir sind Menschen mit Rechten und Würde. Und wir sind gleichfalls Bürger*innen dieser Provinz.  Wir lösen uns nicht einfach in Luft auf, wenn die Erntesaison aufhört“, führt das Manifest weiter aus. „Am Ende sagen wir deutlich: Eine würdige Lösung ist nicht vergleichbar mit ALMOSEN. Wir wollen nichts umsonst. Wir sind Arbeiter*innen, und wir sind in der Lage Miete zu bezahlen, um in einer anständigen Unterkunft zu leben. Wir fordern Gleichheit. Wir fordern soziale Gerechtigkeit!“ Unsere Aufgabe liegt darin, migrantische Kämpfe, wie sie aktuell vor dem Rathaus in Lepe geführt werden, solidarisch zu begleiten. Wir dürfen nicht weiter hinnehmen, dass Menschen aufgrund eines feudalen Systems der Staatsbürger*innenschaft und durch repressive Ausländer*innengesetze systematisch entrechtet werden. „Häuser für alle, oder alle auf der Straße! Papiere für alle, oder alle ohne Papiere!“, schallt es lautstark vom Rathausplatz.


Aus: "Der Aufstand der unsichtbaren Hände - Neokolonialismus bei Aldi, Lidl, REWE & Co"
Covid-19 und der Widerstand migrantischer Landarbeiter*innen. (fini 09.08.2020)
Quelle: https://blogs.taz.de/finiskleinerlieferservice/2020/08/09/der-aufstand-der-unsichtbaren-haende/

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« Reply #1090 on: August 10, 2020, 08:19:01 nachm. »
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[...] Wenige Monate nach der Gründung der Allington Investors Group hat Vorstandschef Riklef von Schüssler sein Kernteam beisammen. Die Dienste des Multi Family Offices stehen Mandanten ab einer Vermögenshöhe von 50 Millionen Euro zur Verfügung.   

Die Allington Investors Group mit Sitz in Bad Homburg hat ihre Kernmannschaft vorgestellt. Wie Gründer und Vorstandschef Riklef von Schüssler dem private banking magazin auf Anfrage bestätigte, arbeiten ab sofort Conrad Lauterbach, York Irmer, Marian Henn und Matthias Ruddeck für das Multi Family Office mit Sitz in Bad Homburg.

„In den vergangenen Monaten habe ich mich in erster Linie um den Rechtsmantel und die Lizenz gekümmert“, so von Schüssler, „Mit der Einstellung der neuen Mitarbeiter ist nun der Startschuss für die Allington Investors Group gefallen“.

Lauterbach bildet gemeinsam mit von Schüssler den Vorstand des Unternehmens, Henn verantwortet des Investment Management, während Ruddeck als Leiter Aktieninvestments tätig ist. Irmer fällt als Leiter Digital Management eine Schlüsselrolle zu, da die Allington Investors Group hier einen Schwerpunkt setzen will: So soll die vollständig digitale Erfassung aller Vermögensteile den Kunden jederzeit einen vollumfänglichen Vermögensüberblick bieten.

Während Ruddeck von der Barclays Bank kommt, sind Lauterbach, Henn und Irmer ihrem damaligen Chef vom Feri Family Office zur Allington Investors Group gefolgt, wo von Schüssler Ende 2016 als geschäftsführender Partner ausgeschieden war. Mit Feri stehe man weiter in gutem Einvernehmen, es gebe viele Freundschaften und auch geschäftliche Anknüfungspunkte, so von Schüssler.


Aus: "Allington Investors Group beruft Kernmannschaft" Christian Nicolaisen (04.07.2017)
Quelle: https://www.private-banking-magazin.de/schwerpunkt-digital-management-allington-investors-group-beruft-kernmannschaft/


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« Reply #1091 on: August 11, 2020, 10:19:40 vorm. »
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[...] Mattersburg/Wien – Die Commerzialbank Mattersburg soll laut einer Aussage von Ex-Bankchef Martin Pucher vor der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) schon faktisch pleite gewesen sein, berichtet das Nachrichtenmagazin "profil" in seiner Sonntagausgabe. Anfangs kleinere Bilanzfälschungen sollen schließlich zu einem nicht mehr sanierbaren Selbstläufer geworden sein.

Pucher wurde laut "profil" vor kurzem von der WKStA einvernommen. Dabei soll er ausgesagt haben, bereits 1992 mit Bilanzfälschungen begonnen zu haben – sonst hätte man dem Ergebnisdruck nicht standhalten können. Dann seien noch die verschärften Regulierungsvorschriften für Banken – "Basel I" und "Basel II" – dazugekommen. In frühen Jahren hätten die Bilanzfälschungen eine viel kleinere Dimension gehabt.

Die Finanzmarktaufsicht (FMA) stellte den Geschäftsbetrieb der Bank am 14. Juli vor Mitternacht ein. Am Morgen des 15. Juli habe die FMA den Staatsanwälten eine fünfseitige Sachverhaltsdarstellung geschickt, der sich mit den bei einer Vorort-Prüfung der Nationalbank bei der Commerzialbank zutage getretenen Auffälligkeiten beschäftigte.

Die FMA habe laut dem Nachrichtenmagazin noch am selben Tag herausgefunden, dass angebliche Forderungen der Commerzialbank gegenüber der Oberbank und der Hypo Tirol von insgesamt rund 128,5 Millionen Euro offenbar nicht existierten. Beide Banken hätten laut der Sachverhaltsdarstellung bestätigt, "seit mehreren Jahren keine Geschäftsbeziehung" mit der Commerzialbank zu haben.

Eine Selbstbereicherung seines Mandanten habe Puchers Anwalt zuletzt vehement ausgeschlossen. In einer am 16. Juli durch einen Wirtschaftsexperten der WKStA erstellten, erste Analyse zu den Vorwürfen, heiße es: Die Erkenntnislage lasse "keine abschließende Beurteilung dahin gehend zu, ob durch die fingierten Kredite Zahlungsmittelabflüsse für eigene oder fremde Zwecke verursacht wurden".

Am Nachmittag des 15. Juli habe Puchers Anwalt Norbert Wess der WKStA einen Schriftsatz übermittelt. Darin werde bestätigt, dass es zu Fehldarstellungen in den Jahresabschlüssen der Commerzialbank gekommen sei. Pucher übernehme für sein Handeln die volle Verantwortung und sei bereit, die Behörden in jeder Hinsicht zu unterstützen und "proaktiv und unumwunden an einer umfassenden und schonungslosen Aufarbeitung des Sachverhalts mitzuwirken".

Die WKStA habe angeordnet, Gelder auf Konten von Pucher und einer mitbeschuldigten Ex-Vorständin sicherzustellen. Bei den Vorstandsmitgliedern der Commerzialbank und in den Büros des SV Mattersburg, dessen Obmann Pucher jahrelang war, wurden Hausdurchsuchungen durchgeführt. Laut "profil" wurden bei einem Commerzialbank-Manager, der selbst gar nicht als Beschuldigter gelte, "zu Zwecken der Vermögenssicherung" Bargeldbeträge in Höhe von etwa 8.500 Euro sowie einige Schmuckgegenstände und eine Münzsammlung mit derzeit noch unbestimmtem Wert sichergestellt. (APA, 8.8.2020)


Aus: "Mattersburg-Bank war schon vor 20 Jahren faktisch pleite" (8. August 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000119245680/mattersburg-bank-war-schon-vor-20-jahren-faktisch-pleite

Quote
Gunnery Sergeant Hartman

Also man kann in einem solch hoch reguliertem und kontrolliertem Sektor 20 Jahre insolvent sein und niemandem fällt das auf?!


Quote
Gert Weihsmann

Einladung an die Allgemeinheit.

Der Präsident lädt ein - Motto: “Zwanzig Jahre pleite. Und niemand weiß es.”

Wann: Heute natürlich.
Wo: Auf dem Gelände der Commerzialbank (vulgo Pappelstadion Mattersburg).

Aus dem Festprogramm:
“Sie wünschen - wir singen!” - Chor der Betriebsblinden von der Finanzmarktaufsicht

Freundschaftsspiel SV Mattersburg (Kampfmannschaft) vs. Barcelona (Miniknaben)

In der Pause: Martin Pucher erzählt unanständige Witze aus dem Leben seiner Gläubiger

Nach dem Elfmeterschießen: Konzert von Elton John, Helene Fischer & Marilyn Manson (gleichzeitig, weil ich es mir leisten kann)

Gleich danach: Internationales Geldsackweitwerfen und Golddukatenregen für alle.

Um 24 Uhr: Mein kleines Geständnis und volle Kooperationsbereitschaft mit den Behörden.


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« Reply #1092 on: August 11, 2020, 11:44:04 vorm. »
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[...] Familienunternehmen, vor allem aber Unternehmerfamilien haben einen gewissen Nimbus – besonders dann, wenn ihr Reichtum schon älteren Ursprungs ist. Dass sie sehr oft zurückhaltend sind, was ihr Auftreten in der Öffentlichkeit anbelangt, umgibt sie bisweilen eine Aura des Geheimnisvollen.

Regelmäßig veröffentlicht der Finanzdienstleister Bloomberg eine Übersicht über die reichsten Unternehmerfamilien dieser Welt, die sich eben auf jenen eingesessenen Geldadel konzentriert: Menschen wie Amazon-Chef Jeff Bezos, Facebook-Boss Mark Zuckerberg oder Tesla-Gründer Elon Musk sucht man in dieser Auflistung vergeblich – trotz eines geschätzten Vermögens von rund 70 (Musk) oder 190 Milliarden Dollar (Bezos). Denn die Familienliste umfasst eben nur Familienvermögen, nicht die von Einzelpersonen – und nur solche, die mindestens schon eine Generation weiter gegeben wurden.

„Neureiche“ wie Bezos haben hier nichts verloren – auch wenn sie die meisten Familien locker ausstechen könnten. Mit einer Ausnahme: Selbst der zuletzt reichste Mann der Welt, Jeff Bezos, muss sich der Familie Walton unterordnen, die nichts mit der Fernsehfamilie zu tun hat, sondern die Hauptanteilseigner von Wal-Mart sind.

Sam Walton hatte 1945 als Franchisenehmer einer Billigkette für Handwerksbedarf angefangen. Im Jahr 1962 öffnete der erste Wal-Mart seine Pforten. Heute gehört der Familie die Hälfte der Kette mit einem Umsatz von zuletzt mehr als 500 Milliarden Dollar – und damit ein Vermögen von 215 Milliarden Dollar.

Die Nummer zwei der reichsten Familien muss sich allerdings Bezos schon unterordnen – und zwar mit „nur“ 120 Milliarden Dollar deutlich. Wer dachte, der Schokoriegel Mars sei nach dem Planeten benannt, täuscht sich. Frank und Ethel Mars gründeten die „Mars Candy Factory“ 1911 mit der Produktion von  Buttercremepralinen in der heimischen Küche in der 80.000-Einwohner-Stadt Tacoma im Bundesstaat Washington. Im Jahr 2008 wurde das Unternehmen durch den Kauf des Kaugummiherstellers Wrigley noch älter; der war schon 1883 als Seifenhändler entstanden.

Recht bekannt ist mit einem Familienvermögen von 110 Milliarden Dollar die Familie des jüngst verstorbenen David Koch und seines Bruders Charles. Das liegt am vehementen politischen Engagement der Brüder für die libertär-konservative „Tea-Party-Bewegung“. Diese wurzelt wohl in der Familientradition. Denn das 1925 von Fred Koch mit gegründete Ingenieurbüro Winkler-Koch Engineering Company war etwas zu erfolgreich. Ein neuartiges Crackverfahren zur Benzingewinnung führte 1927 zu Patentklagen der Ölgesellschaften. Winkler-Koch musste ins Ausland gehen, unter anderem in die damalige Sowjetunion Stalins, über die Fred Koch 1960 schrieb, sie sei ein „Land mit Hunger, Armut und Terror“.

Auf den weitere Plätzen finden sich bekannte und weniger bekannte Namen: Die saudi-arabische Königsfamilie etwa, über die Bloomberg anmerkt, ihr Vermögen sei vermutlich weitaus größer als die angesetzten 95 Milliarden Dollar. Aber auch die indische Familie Ambani, die einst mit dem Verkauf von Garn anfing und heute nicht zuletzt in der Petrochemie aktiv ist.

Auf Platz sechs folgt mit Hermès und einem Vermögen von 64 Milliarden Dollar die erste europäische Familie, auf Platz neun und zehn die ersten deutschen: Wenig überraschend handelt es sich bei der letzteren um die Aldi-Inhaber Albrecht, die aus einem Essener Tante-Emma-Laden einen riesigen Lebensmitteleinzelhandelskonzern gemacht hat.

Übertroffen wird die Familie Albrecht indes von der Familie Boehringer/von Baumbach, den Nachfahren des Gründers des Pharma-Unternehmens Boehringer Ingelheim, das im Jahr 1885 mit dem Kauf einer Weinstein-Fabrik daselbst entstand. Tatsächlich ist das Familienvermögen noch älter. Gründer Albert Boehringer war der Enkel von Christian Friedrich Boehringer, der 1817 mit Christian Gotthold Engelmann in Stuttgart die „Drogen- und Materialwarenhandlung Engelmann & Boehringer“ gegründet hatte, aus der bis 1871 der spätere Diagnostika-Hersteller Boehringer Mannheim wurde.

Dieser wurde wiederum 1997 an Hoffmann-La Roche verkauft, womit man bei Platz zwölf und der ersten Schweizer Familie, Oeri-Hoffmann, auf der Liste angekommen ist.

Auch wenn der alte Geldadel in Zahlen zum großen Teil nicht mit den neureichen Bezos, Musk oder Zuckerberg mithalten kann, muss sich wohl niemand Sorgen machen, zu verarmen, wie dies bei altem Adel häufiger vorkommen sein soll, im Gegenteil: Das Vermögen der Familie Walton sei im Durchschnitt des vergangenen Jahres stündlich um drei Millionen Dollar gestiegen, heißt es von Bloomberg. Auch das Vermögen der Oeri-Hoffmanns ist um fast ein Viertel gewachsen. Nicht alle gehören aber laut Bloomberg zu den Gewinnern. Der Niedergang des Ölpreises etwa kostete die Kochs laut Bloomberg 15 Milliarden Dollar.


Aus: "Vermögende Familien: Wer noch reicher ist als Jeff Bezos" Martin Hock (10.08.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/finanzen/wer-noch-reicher-ist-als-jeff-bezos-geldadel-vs-neureiche-16898184.html

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     Bernhard Kopp von Brackel (BKBrackel), 10.08.2020 - 14:53

Große Unterschiede im Sozialverhalten

Traditionell haben Industrielle und Großkaufleute auch für ihre Mitarbeiter ein (klein-) -bürgerliches Mittelschichtleben möglich gemacht. Schon ein Henry Ford wusste dass er seine Arbeiter gut genug bezahlen musste, dass sie sich Autos kaufen können. Zusätzlich zu Familie ernähren und ein Haus kaufen. Bezos hat sich kürzlich im US-Repräsentantenhaus gelobt, dass er mit einem Stundenlohn von $ 15.- fast das Doppelte des Mindestlohns zahlen würde. Dies ist praktisch ein Lohn unter der Armutsgrenze. Walton/Walmart ist ähnlich. Die Verfügbarkeit von billigen Arbeitskräften wird maximal ausgenutzt. Eine tragfähige Sozialstruktur entsteht damit nicht. ...


Quote
Kurt Engel (Sassamiro), 10.08.2020 - 17:39

Wirklich reich ist, wer gesund ist, alle Rechnungen bezahlt hat und noch 5 € in der Tasche hat.


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« Reply #1093 on: August 11, 2020, 11:46:47 vorm. »
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[...] Bald könnte eine Welle von Privatinsolvenzen auf Europas Verbraucher zurollen. Die Nachrichtenagentur Bloomberg zitiert Vertreter von Schuldnerberatungen aus verschiedenen europäischen Ländern, laut denen seit dem Frühjahr deutlich mehr Privathaushalte den Rat von Verschuldungsspezialisten gesucht hätten. „Der Bedarf an Beratung wird deutlich steigen“, sagte demnach etwa Roman Schlag, Sprecher des Verbands der deutschen Schuldnerberatungen (AG SBV). Schlag ist Schuldnerberater beim katholischen Wohlfahrtsverband Caritas.

Auch laut Maria Kemmetmüller vom österreichischen Schuldnerberatungsverband seien in einigen Bundesländern schon deutlich mehr Anfragen von Verbrauchern zu beobachten. „Im Herbst erwarten wir einen Anstieg der Beratungen im Umfang von insgesamt 40 Prozent“, sagte Kemmentmüller laut Bloomberg.

Das europäische Schuldnernetzwerk European Consumer Debt Network schätzt, dass schon 10 Prozent der Haushalte europaweit ein Problem haben. Berater Costa Skliris meint, dass sich diese Quote verdoppeln dürfte.

Die Nachfrage bei den großen Schuldnerberatungen von Arbeiterwohlfahrt (AWO), Caritas und Deutschem Roten Kreuz (DRK) ist deutschlandweit einem Bericht zufolge coronabedingt stark gestiegen. Die Caritas meldet laut der Nachrichtenagentur KNA einen Zuwachs an Neuregistrierungen für die Schuldnerberatung um 13 Prozent von März bis April und um weitere 13 Prozent von April bis Mai.

Das ergab eine schon in der vergangenen Woche veröffentlichte Umfrage der „Augsburger Allgemeinen“. Einen Ansturm erwarten die Schuldnerberatungen demnach ab dem Herbst. Dann liefen viele staatliche Corona-Hilfen aus, zudem rechne man mit zeitverzögert eintretenden Arbeitsplatz- und Einkommensverlusten.

Die Schuldenberater gehen zudem davon aus, bald auf eine „eher unübliche Klientel“ zu treffen, wie es weiter hieß. „Menschen aus der Mittelschicht, die bis zur Pandemie gut über die Runden gekommen sind, vielleicht ein Auto oder ein Haus abbezahlen müssen und durch Corona völlig unerwartet in eine finanzielle Schieflage geraten“, so AWO-Expertin Sabine Weisgram. Das DRK teilte ferner mit, man erwarte einen „deutlichen Zuwachs“ beim Bedarf an „sozial-emotionaler Unterstützung“.


Aus: "Warnung von Experten : Im Herbst droht eine Welle von Privatinsolvenzen" (10.08.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/finanzen/wegen-corona-im-herbst-droht-welle-von-privatinsolvenzen-16898133.html

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« Reply #1094 on: August 13, 2020, 03:43:34 nachm. »
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[...] Prinz Harry und Ehefrau Herzogin Meghan sind vollends in ihr neues Leben gestartet: Das Paar hat eine Villa in Santa Barbara, etwa 160 Kilometer nördlich von Los Angeles, erstanden. Ein Sprecher bestätigte, der Prinz und die Herzogin seien im Juli dieses Jahres bereits in ihr Familienhaus gezogen. Wie unter anderem die "Los Angeles Times" unter Berufung auf Maklerkreise berichtet, sind nun auch Details zum neuen Zuhause des Ehepaars Sussex bekannt.

Bei dem Haus in Montecito soll es sich um ein 14,65 Millionen US-Dollar (etwa 12,35 Millionen Euro) teures Anwesen auf einem rund drei Hektar großen Grundstück handeln. Das Haupthaus mit rund 1300 Quadratmetern Wohnfläche soll neun Schlafzimmer haben und mit allen Annehmlichkeiten wie Heimkino, Fitnessstudio und Wellness-Oase ausgestattet sein. Auf dem Grundstück sollen sich zudem ein Pool, ein Tennisplatz und ein Gästehaus befinden. Besonders die Privatsphäre, auf die das Paar großen Wert legt, soll bei der Villa durch viele Hecken und mehrere Zäune bestens geschützt sein.

Seit ihrer Hochzeit kommen die 39-jährige US-Amerikanerin und der Prinz laut der US-Seite "Business Insider" auf ein Vermögen von etwa 30 Millionen Dollar. 25 Millionen Dollar davon erbte Harry demnach von seiner verstorbenen Mutter, Prinzessin Diana. Die restlichen fünf Millionen sollen von Meghan stammen, die vor der Heirat als Schauspielerin tätig war.

 Nachdem die Herzogin im Juli eine vielbeachtete Rede hielt, attestierte ihr ein PR-Experte zudem das Potenzial, zur weltweit gefragtesten Rednerin aufzusteigen. Im Gespräch mit dem Magazin "Fabulous" sagte Autor Mark Borkowski, sie könne sechsstellige Summen fordern. Meghans Themen seien insbesondere im Hinblick auf die "Black Lives Matter"-Bewegung und das Thema psychische Gesundheit sehr aktuell. Firmen hätten deshalb großes Interesse daran, jemanden wie sie für sich zu nutzen, um ihren Bekanntheitsgrad zu vergrößern und Menschen auf ihre Seite zu ziehen.

In Santa Barbara befinden sie und der 35-jährige Harry sich nun in prominenter Gesellschaft, die Privatsphäre ebenfalls zu schätzen weiß: Oprah Winfrey etwa gehören mehrere Anwesen in der Gegend, zu ihren Nachbarn zählen Rob Lowe und Ellen DeGeneres. Zuvor hatte sich die kleine, nicht mehr ganz so royale Familie auch in Vancouver, Kanada, umgesehen und verbrachte die letzten Monate vor ihrem Umzug in Tyler Perrys Anwesen in Beverly Hills.

Quelle: ntv.de, lri/spot


Aus: "So viel mussten Harry und Meghan blechen" (Donnerstag, 13. August 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/leute/So-viel-mussten-Harry-und-Meghan-blechen-article21970072.html

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« Reply #1095 on: August 19, 2020, 04:48:37 nachm. »
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[...] It was while I was on the phone to my closest friend that my world came crashing down. As I distractedly read an email while we chatted, the reality I had been holding at bay with a combination of denial and optimism could no longer be ignored. The bank was letting me know the loan and credit card payment holidays I had taken at the beginning of lockdown were coming to an end.

In six weeks I would run out of money. Not just low on money, but out of money, credit and options. No income, no way of paying my bills, no way of buying food, nothing.

As I took it in I became light-headed. “You still there?” my friend asked. All my well-honed acting and pretending to be fine collapsed as I said: “No, I don’t think I am.” Through sobs, I told the truth about my financial situation for the first time.

My whole life, my friends and I had laughed about what we called my “bag lady complex”. Having been brought up in a working-class family where money was tight, I was always concerned that everything might one day be taken away from me. Now, at the age of 45, it looked as if that might become a reality.

Less than a year ago, my life seemed pretty sorted. I was earning a six-figure salary in HR, I had a wonderful home in the country and a large group of friends. I was a keen traveller and hiker. I thought I was living the dream.

I took redundancy from that job in November 2019. I was relaxed about it and comfortable with the intention of doing some writing and consultancy work for a few months while looking for a new role. A long period of illness a few years earlier had cleared out my savings and left me with some credit card debt, but with the redundancy payment and no dependents other than a dog, I knew I had the skills and experience to support myself. And in February, I was shortlisted for another job.

Then coronavirus came along. I have elderly parents and an older brother with a number of complex health issues who live a considerable distance away, so my focus turned there. When not racked with anxiety about them and the fact that at times it felt as if the world might be ending, I took the opportunity to be at home and be creative, which I had not had much time to do. I was a writer and a painter in my youth but, with what now seems like supreme irony, I had given up those pursuits due to my “bag lady complex” and the need to earn enough money to feel secure in life.

At the beginning of March, I was informed that the role I had been shortlisted for had been pulled due to the economic uncertainty created by the pandemic. I was unsurprised. I felt the flickers of concern, but was still hopeful that a) things would get “back to normal” soon and b) I could survive financially until July. I put the fear to one side and fell back on what now feels like the glib and naive mantra: “Something will turn up.”

Over the next few months, I watched as the bottom fell out of the job market in my field, but kept busy in lockdown: walking the dog (a rescue collie, the light of my life), painting, writing and tutoring my godchildren via Zoom to give their frazzled parents a break every day. The friends I told – and I have chosen them carefully – were a huge support while, I suspect, being very grateful it wasn’t them. I found I was unable to sit down for long enough to watch TV, so instead listened to endless true-crime podcasts; the stories they told about the many ways lives can go wrong made me feel like my life was less of a car crash.

Knowing that I fell between the cracks of any government support, not having been self-employed for long enough to qualify for a grant, I kept a close eye on my finances and took advantage of payment holidays where I could. As time passed from one month, to two and three, I started to have restless nights and suffer from nightmares, but remained in denial during my waking hours. Until the moment I received the email from my bank, I had effectively been acting as though lockdown was a giant pause button on life.

That email forced me to take stock. My funds were now so low that I did something that would have seemed inconceivable to the person I was last year: I applied for universal credit.

I was blindsided by the physical impact the process had on me. I noticed that my hands were shaking as I completed the questions online and I felt physically sick as I received the email to let me know that “Jane” would be calling me on Monday to verify the details of my application. I imagined she would speak to me with disdain. I am relieved to report that, while I found the whole conversation mortifying, she did not. In fact, noticing my voice cracking as I told her about my situation, Jane said: “Please don’t worry – we’ve had lots of calls like yours.”

In early July, I saw an advert for a role at my level of experience – the first in months. It was based hundreds of miles away from where I live, but it represented hope and I applied immediately. About 250 people had got there before me. I have also applied for a number of entry-level roles, one of which 590 people have also applied for. These numbers are no longer unusual. As yet, three weeks on, I have heard back from three of the 12 roles I’ve applied for so far, all “thanks but no thanks” responses. I have started to sell many of my – what now seem completely pointless – possessions on eBay: clothes, designer handbags, shoes … Selling my home is not an option, since I rent.

Like many others, I’m sure, all this has caused me to think hard about my life, my identity and what I consider to be success. The result has been a process of grieving – for the person I was, for the decisions I’ve made and for living what now seems like a very materialistic way of life. There are good days and bad. On the good, I apply for every job I can and work on writing the novel I started at the beginning of lockdown. On the bad, I curl up under the duvet. I take medication for anxiety and depression to keep the really dark thoughts at bay.

I’ve noticed I cry at the drop of a hat, particularly for other people’s losses and pain in a way I was too self-centred to do before. I have found myself sobbing uncontrollably while reading about Caroline Flack and her family, the killing of Breonna Taylor and the loss of the writer Joanna Cannon’s dog Seth. Life has become more simple by necessity. I take joy from different things, mainly books, and my dog, who is my constant companion through all of this and is so happy I am at home all the time. My friendships with the handful of people I have told have deepened and feel more authentic and closer than before. I still haven’t told my parents (which is why I’m writing this piece under a pseudonym). The past few months have taken enough of a toll on them without having to worry about this, too.

I am also in the process of re-evaluating my treatment of others while working in HR. If I ever have a senior role in the sector again, a prospect that seems increasingly unlikely, I hope I don’t lose the empathy and humility that have come from this experience. I have always thought of myself as a compassionate person, but I now look back and know I used to make decisions without really considering what I was doing to others’ lives and their sense of self.

My next step is to contact a debt management charity, though the thought makes me feel I might pass out. I am on tenterhooks for the next two weeks to see whether I get any job interviews and/or am awarded a universal credit payment. That decision is made five weeks after you have made your claim. If all I get is universal credit, it will be nowhere near enough to cover my outgoings, as lean as I have managed to make them. The articles I have read about the cruelty and inadequacy of the benefits system have been brought into sharp focus.

If I don’t even get that, I don’t know what I am going to do. I suspect I am not the only one.

Claire Smith is a pseudonym. Some minor identifying details have been changed.


From: "'My world came crashing down': how 2020 took me from a six-figure salary to universal credit" Claire Smith (19.08.2020)
Source: https://www.theguardian.com/money/2020/aug/19/my-world-came-crashing-down-how-2020-took-me-from-a-six-figure-salary-to-universal-credit

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« Reply #1096 on: August 20, 2020, 04:12:31 nachm. »
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„Mayr ist keine zerrissene Person, sondern eine junge Autorin mit Mut zur Selbstentblößung. Die ist subtil, im eigentlichen Sinne radikal. ...“

Anna Mayr, Die Elenden. Warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet und sie dennoch braucht (Hanser Berlin)


https://www.buchmarkt.de/buecher/umgeblaettert-heute-nichts-geringeres-als-ein-literarisches-phaenomen/ (19.08.2020)

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[...] In der Projektionsfläche des Arbeitslosen sähen wir aufgrund dieses Stigmas „die schlimmstmögliche Version von uns selbst“ und wollten damit nichts zu tun haben.

...


Aus: "Armut in Deutschland: „Wir müssen das Nichtarbeiten enttabuisieren“" Anna Mayr im Gespräch mit Änne Seidel (09.08.2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/armut-in-deutschland-wir-muessen-das-nichtarbeiten.694.de.html?dram:article_id=482024

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[...] Für die meisten Menschen ist Armut ein abstrakter Begriff, über den sich gut streiten lässt: Ist arm, wer unterhalb eines gewissen Einkommensdurchschnitt liegt oder ist man nur arm, wenn man sich  nicht leisten kann, Grundbedürfnisse wie wohnen, essen und medizinische Versorgung zu befriedigen? Aber wie es sich anfühlt, arm zu sein, wie der Alltag von Armen aussieht, wie es ist, den ständigen Druck der Arbeitsagentur aushalten zu müssen, kaputte Schuhe zu haben, an der Klassenfahrt nicht teilnehmen zu können und wegen der Kleidung, die man trägt, ausgelacht zu werden [...].

Anna Mayr weiß es. Die heutige Zeit-Redakteurin, ... wuchs im Ruhrgebiet in einer der für die Region typischen Städte aus: Nicht groß, nicht klein, irgendwie dazwischen, beliebig, den Namen der Stadt nenne Mayr nicht.  Ihre Eltern sind Langzeitarbeitslose. Beide haben Abitur, die Mutter hat studiert, bis sie schwanger wurde. Es sind gute Eltern, sie lieben ihre Kinder und vermitteln ihnen Werte wie Bildung, Anstand und Toleranz. Aber sie sind arm, haben meistens keine Arbeit, werden in sinnlose Qualifikationsmaßnahmen gesteckt oder haben nur ab und an kleine Jobs.

Anna Mayr beschreibt in ihrem Buch „Die Elenden“, wie das Leben in ihrer Familie ablief, wie sie als Kind unter der Armut litt und wie sich diese Erfahrung bis heute auf sie auswirkt, wie unerträglich ihr die Sprüche von Kollegen und Bekannten sind, die von „Hartz-IV-Nazis“ reden, die über Flüchtlinge herziehen oder Artikel über Arme schreiben, aber das nur aus der Perspektive der Sozialarbeiter tun. In den Medien kommen die Armen selbst kaum zu Wort, auch wenn es um Armut geht, wie Mayr am Beispiel der Talkshow Anne Will zeigt:

„Ich recherchierte also selbst und fand heraus, dass es in zwölf Jahren fünf Sendungen mit dem Begriff »Hartz IV« im Titel gegeben hatte. Eingeladen waren: ein FAZ-Journalist, eine Arbeitsvermittlerin, die Chefin eines Zeitarbeitsunternehmens, Robert Habeck (Grüne), Hubertus Heil (SPD), Lars Klingbeil (SPD), Jens Spahn (CDU), Sarah Wagenknecht (Linke), ein Start-up-Unternehmer, eine Unternehmensberaterin, zwei ehemalige Hartz-IV-Empfängerinnen, eine Anwältin, der Chef eines Jobcenters, Ottmar Schreiner (SPD), Frank Steffel (CDU), Cem Özdemir (Grüne), Markus Söder (CSU), der ehemalige Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, Günther Wallraff, die Leiterin der Dresdner Tafel, Ursula von der Leyen (CDU), Klaus Ernst (Linke), der Präsident des Industrieverbands, ein Pfarrer und Jan Fleischhauer. Ja, richtig: kein einziger Mensch, der von Hartz IV lebt.“

Mayr beschreibt die Folgen von Armut: Freunde wenden sich ab, man kann am sozialen Leben nicht mehr teilhaben, nicht in eine Kneipe gehen, in Urlaub fahren. Sie beschreibt ein Leben, das oft trostlos ist, denn in unserer Gesellschaft ist man, was man arbeitet. Auch wem es selbst nicht gut geht, zehrt davon, noch immer besser zu sein, als jemand der nicht arbeitet. Es zeigt ihm, dass er normal ist. Für Mayr ist das eine wichtige Funktion der Armen in der Gesellschaft.

Anna Mayrs Buch ist eine Mischung als persönlicher Erfahrungen, der Beschreibung von Unsicherheiten, die sie bis heute prägen und gleichzeitig eine gut recherchierte Analyse des Begriffs Armut, seiner Entwicklung und Bedeutung für die Gesellschaft. Minutiös beschreibt sie, wie sich die Politik in langen Sitzungen auf das HartzIV-Programm einigte, dessen zahlreiche Repressionen im Konzept der von Peter Hartz geleiteten Kommission überhaupt nicht vorkamen.

Sie rechnet vor, dass um Armut herum eine blühende Industrie entstanden ist: „In Deutschland arbeiteten im Jahr 2018 insgesamt 235.000 Menschen in der Kinder- und Jugendhilfe. Streetworker, Heimerzieher, Sozialarbeiter — der Arbeitsmarkt für solche Berufe wächst immer weiter. 51 Milliarden Euro wurden in dem Jahr in diesem Bereich ausgegeben — im Vergleich zu 30 Milliarden Euro für Hartz IV.“ und lehnt dann Vorstellungen wie der nach einem Bedingungslosen Grundeinkommen ebenso ab wie die um sich greifende Verherrlichung des Verzichts: „Jede Forderung nach »weniger« ist eine Forderung, die vor allem denen schadet, die sowieso schon wenig haben. Die Forderung nach autofreien Städten etwa richtet sich gegen alle, für die innenstadtnahes Wohnen zu teuer ist — während die Bewohner der Innenstädte es sich leisten können, Maut-Gebühren zu bezahlen, oder sogar eine Sondergenehmigung für Anwohner bekommen. Eine CO2-Steuer ist den Superreichen egal, für die Mittelschicht wäre sie vielleicht ein Anreiz, mehr vegetarische Produkte zu kaufen — für die Armen ist sie ein Fleischverbot.“

Anna Mayr fordert, dass den Menschen der Druck genommen wird, will, dass wer arm ist, mehr Geld bekommt. Sie orientiert sich dabei am Steuerfreibetrag von 9168 Euro im Jahr – pro Person und auch für Kinder. Sie sich sicher, viele würden dann, wenn sie nicht mehr in Angst leben würden, Jobs annehmen oder sich engagieren. Und Betrüger? Klar, die würde es auch geben: „Eine freie Gesellschaft muss aber davon ausgehen, dass es Betrug geben wird, genau wie Hotels davon ausgehen, dass Handtücher gestohlen werden, und Städte davon ausgehen, dass Menschen bei Rot über Ampeln gehen. In unserer Gesellschaft basiert so vieles auf Vertrauen. Warum vertraut das Jobcenter meinen Eltern dann nicht, wenn sie sagen, dass sie kein Geld haben, sondern lässt sie alle ihre Kontoauszüge einreichen, seit Jahrzehnten schon? Warum vertraute das Jobcenter mir nicht, als ich Abitur machte, sondern ließ mich alle paar Monate eine Schulbescheinigung vorzeigen? Die Antwort ist einfach: Weil die Armen von Erwerb und Konsum und Arbeit ausgeschlossen sind, sollen sie auch vom Lügen ausgeschlossen sein.“

...


Aus: "Die Elenden: Wenn sich die Freunde abwenden" Stefan Laurin (20. August 2020)
Quelle: https://www.ruhrbarone.de/die-elenden-wenn-sich-die-freunde-abwenden/189000

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[...] Nora Pauelsen: Anna, was hat die Arbeitslosigkeit deiner Eltern mit dir gemacht?

Anna Mayr: Das ist schwierig zu beantworten. Was würde jemand zu der Frage sagen: Was hat es mit dir gemacht, dass dein Vater Ingenieur ist? Ich glaube, dass ich früh ein starkes Empfinden für Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit entwickelt habe. Als ich im Teenageralter verstanden habe, was Arbeitslosigkeit bedeutet, war ich wütend; weil niemandem daran gelegen war, unsere Situation zu verbessern. Ein ganz praktisches Beispiel dafür war, dass ich als Kind in einem Hartz-IV-Haushalt nicht mehr als 100 Euro im Monat verdienen durfte, ohne dass mein Hartz-IV-Satz gekürzt worden wäre. Das ist eine strukturelle Ungerechtigkeit: dass manche junge Menschen nach ihren Eltern beurteilt werden und manche nicht.



Du hast dich lange dafür geschämt, dass deine Eltern arbeitslos sind. Hast du diese Scham jetzt verloren?

Anna Mayr: Sonst hätte ich wohl kein Buch darüber geschrieben. Der Moment, in dem ich die Scham verloren habe, war in einem Gespräch mit einem Freund, der sich viel mit Gesellschaftstheorie beschäftigt hat. Er sagte zu mir: Es ist doch das Recht eines Menschen in Deutschland, nicht zu verhungern. Niemand muss dankbar für das Geld sein, das er vom Staat zum Überleben bekommt. Ich hatte vorher lange gedacht, dass die Eltern meiner Freunde Steuern zahlen müssen, damit ich überleben kann. Dieses Bild von Arbeitslosen prägt das Fernsehen ja extrem: Da sind die, die auf unsere Kosten leben. Aber genauso wie die Ampel in meiner Straße funktioniert und Schlaglöcher repariert werden, lässt man Familien in diesem Land eben nicht auf der Straße schlafen. Das ist mir in dem Moment, mit 19, erst klar geworden. Abgesehen davon weiß ich inzwischen, wie viele Steuern hinterzogen werden und was mit Steuergeld noch so alles gemacht wird.



Du schreibst, dass du jetzt wegen deiner Kindheit in armen Verhältnissen besonders viel Anerkennung für deine Karriere bekommst. Wie findest du es, als „Aufsteigerin“ gelobt zu werden?

Anna Mayr: Ich finde dieses Lob ganz niedlich, weil ich weiß, woher es kommt: Es ist der Versuch, die Position von Menschen als Resultat ihrer Arbeit, ihres Kampfes darzustellen. Wer selbst nicht „aufgestiegen“ ist, der lobt die Aufsteigerin, um sich damit zu beweisen, dass auch er seine Position verdient hat – weil man ja wohl nur hart arbeiten muss, um Erfolg zu haben und wer unten bleibt, ist selber schuld.  Mir persönlich ist dieses Lob egal. Interessant finde ich aber, dass die Menschen, die mehr als ein Milieu kennen, mich nie loben. Weil sie verstehen, dass „Aufstieg“ oder das Wechseln von Milieus ein Produkt von vielen verschiedenen Umständen ist. Und dass man sich einfach nur wünscht, nicht als hervorhebenswerter Sonderfall gesehen zu werden.



Früher hast du von Hartz-IV gelebt, jetzt verdienst du selbst Geld und lebst in Berlin-Mitte. Die meisten Menschen lernen in ihrem Leben nur eine soziale Schicht kennen. Kann man sich in zwei so unterschiedlichen Lebenswelten wohlfühlen? Ist man immer zerrissen zwischen zwei Extremen?

Anna Mayr: Zunächst einmal: Ich finde das Wort „Schicht“ despektierlich, weil es ein oben und unten annimmt. Zerrissen bin ich auf jeden Fall nicht. Aber das Gefühl, noch etwas anderes zu kennen, eine andere Lebenswelt, kann man sich so vorstellen: Du tauchst. Unter der Wasseroberfläche, immer geradeaus, neben allen anderen her. Nur zwischendurch tauchst du plötzlich auf, holst Luft – dir wird bewusst, dass du gerade tauchst und dass es noch etwas anderes gibt als das Wasser, in dem du schwimmst. Menschen, die ihr Leben immer im gleichen Milieu verbracht haben, tauchen einfach nur und müssen nie Luft holen. Sie kennen nur eine Realität, ein Set von sozialen Codes und Gewohnheiten. Deshalb fallen ihnen die Unterschiede zu anderen Lebensrealitäten nicht andauernd auf. Wenn ich in einer teuren Bar für Getränke bezahle, dann sehe ich manchmal die Rechnung und denke: Fuck, ist das gerade teuer. Was man von dem Geld alles kaufen könnte! Das ist so ein Lufthol-Moment. Und dann schwimme ich aber weiter, bezahle, setze mich ins Taxi nach Hause. Wenn man sich nicht anpasst, zu viel über der Oberfläche schwimmt, sich selbst die ganze Zeit von außen betrachtet, dann wird man unglücklich.



Wie stehst du zu reichen Menschen?

Anna Mayr: In meinem Umfeld waren wenig Leute wirklich reich. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Menschen existieren, die 5000 Euro netto im Monat verdienen. Meine Freunde und ich haben auch ein Unverständnis gegenüber reicheren Kindern gehabt – die bekommen ja alles von ihren Eltern in den Arsch geschoben. Heute denke ich mir: Wenn man Geld hat, das Kind etwas will und man es sich objektiv leisten kann, warum würde man es dem Kind dann nicht kaufen? Wir sind alle gefangen in Ideologien und Strukturen, reiche Menschen sind das genau so wie arme. Und auch Reiche haben Angst, ihren Reichtum zu verlieren. Der Unterschied ist, dass jeder für Reichtum Empathie entwickeln kann: Früher habe ich teure Restaurants verachtet, heute finde ich es eigentlich ganz schön, kleine Portionen von großen Tellern zu essen. Für Armut hingegen gibt es keine Empathie.



Findest du, dass Geld in unserer Gesellschaft fair verteilt ist?

Anna Mayr:  Nein. Ich glaube, Erbschaft wird auf lange Sicht nicht mit der Demokratie vereinbar sein. Die Idee der sozialen Marktwirtschaft war ein Leistungswettbewerb, aber in dem Moment, wo sich viel Vermögen an wenigen Stellen akkumuliert, ist die soziale Marktwirtschaft kein Leistungswettbewerb mehr, sondern ein Erb-Wettbewerb. Neulich habe ich einen Text über Vermögensabgaben geschrieben. Ein Leser reagierte mit der Frage, warum ich neidisch auf seine Kinder sei. Ich habe geantwortet, dass ich überhaupt nicht neidisch bin. Er solle sich nur bewusst machen, dass seine Kinder für ihr Erbe nichts geleistet haben. Wenn wir über die Armen sprechen, dann tun wir so, als würden Geld und Leistung zusammenhängen – aber gleichzeitig sehen wir bei den Reichen jeden Tag, dass das eine Lüge ist. Ich würde das Erben abschaffen, und dafür die Möglichkeiten, zu Lebzeiten zu schenken, ausweiten.



Du schreibst, dass wir unsere Identität herbeikonsumieren. Arbeitslose seien von dieser Identitätsbildung ausgeschlossen. Was meinst du damit?

Anna Mayr: Jeder drückt durch das, was er kauft, aus, was er sein möchte. Wenn man aber kein Geld hat oder nur genau so viel, um das Billigste zu kaufen, wird einem die Freiheit genommen, zu bestimmen, wer man sein möchte. Die günstigen Klamotten, die man sich leisten kann schreien ja: ‚Ich bin Teil der Unterschicht.‘ Wer Sachen von Kik trägt, ist ein Asi, weil Asis Sachen von Kik tragen. Dieses Bild wird ständig reproduziert.



Aber ich kann mich doch auch ohne Geld identifizieren, indem ich zum Beispiel joggen gehe oder auf einem alten Handtuch draußen Yoga mache.

Anna Mayr: Auch das alte Handtuch ist Symbol einer Second-Hand-Öko-Bewegung, auch Yoga-Kurse sind Konsum. Aber das macht dich nicht zu einem schlechten Menschen. Es ist auch in Ordnung, wenn jemand sich eine Rolex kaufen möchte, um in seinem Milieu akzeptiert zu werden. Jeder Mensch ist in bestimmte Wertesysteme eingespannt und wir versuchen alle nur, möglichst gut klarzukommen. Konsum bestimmt unseren Alltag. Alles wird gekauft. Selbst das alte Handtuch, das eine junge Studentin im Second Hand Shop kauft. Es ist ein Ausdruck ihrer selbst zu sagen: Ich schere mich nicht um Luxus. Aber Arbeitslose haben diese Wahl nicht. Bei einer jungen Studentin ist es cool, wenn sie in einen Second Hand Shop geht und auf Marken scheißt. Bei einem 50-jährigen Arbeitslosen, der in einen Second Hand Shop geht und auf Marken scheißt, denkt man: Ja, weil du dir nichts anderes leisten kannst.


Du schreibst, wir sollten uns über andere Dinge identifizieren als unseren Job. Wo liegt für dich da das Problem?

Anna Mayr: Wenn du dich nur über deinen Job identifizierst, machst du dein Selbst von jemandem abhängig. Von einer Firma, einem Arbeitgeber oder Investoren, denen du als Mensch vollkommen egal bist. Wir sagen zu Kindern: „Du musst unabhängig werden“ – und meinen in Wirklichkeit damit, dass sie abhängig von einem Arbeitgeber werden müssen. Eigentlich ist man nur unabhängig, wenn man mit eigenem Vermögen ohne Investoren ein Unternehmen gründet, und selbst dann ist man abhängig vom allgemeinen Wirtschaftswachstum und von Konsumenten. Wenn sich Leute mit ihrem Job so stark identifizieren, dass sie ohne ihre Arbeit nichts mehr sind, haben sie noch größere Angst, arbeitslos zu werden – weil sie dann sich selbst verlieren würden. Viele nehmen sich sogar das Leben, wenn sie ihren Job verlieren. Wenn man sich nur über seinen Job identifiziert, sind außerdem Menschen ohne Job einfach nichts. So schließen wir die Leute aus, die nicht arbeiten. Das sind nicht nur Arbeitslose, sondern auch alte Leute, die vereinsamen und alleine sterben, weil sie, sobald sie aus ihrem Job heraus sind, ihre Identität und ihr soziales Umfeld verlieren.



Wie identifizierst du dich denn abseits deines Berufs als Journalistin?

Anna Mayr: Ich mache tatsächlich gerne Yoga, auch wenn das immer ein bisschen peinlich klingt. In der Corona-Zeit habe ich angefangen, zu malen und zu puzzlen und zu backen. Ich bin großer Fan von Gegenwartsliteratur, vor allem, wenn sie von Frauen geschrieben wird. Ich schreibe und ich mag Katzen. Meine größte Leidenschaft sind aber wahrscheinlich Menschen und ihre Leidenschaften. Hobbies, Obsessionen. Das können Tauben sein oder Modelleisenbahnen oder Briefmarken.



Wir sollten uns anders gegenüber Arbeitslosen ausdrücken, schreibst du. Statt „sozial schwach“ sollte man besser „arm“ sagen. Wieso ist das wichtig?

Anna Mayr: Worte prägen unsere Welt. „Sozial schwach“ ist ein Begriff, der abgrenzt. Es gibt die Gesellschaft und die „sozial Schwachen“. Was soll sozial schwach überhaupt heißen? Dass man nicht einfach Freunde findet? Es klingt wie eine natürliche Disposition von Menschen, mit der die Gesellschaft nun eben umgehen muss. Man problematisiert die Leute, nicht die Situation. „Arm“ hingegen hat ein Gegenteil, es ist eingebettet in ein Gefüge, in dem manche verlieren und manche gewinnen. Man spricht ja auch gern über „sozial schwache Gegenden“, was auch eine absolute Bullshit-Formulierung ist. Oft geht es da ja um Orte, an denen viele Menschen mit Migrationshintergrund leben. Diese Menschen sind miteinander teils extrem gut vernetzt, sind füreinander da, also sozial viel stärker als die Lehrerkinder in Einfamilienhaussiedlungen es vielleicht jemals sein werden.


Wie verändert sich der Blick auf Arbeitslose, wenn durch die Pandemie mehr Menschen ihren Job verlieren?

Anna Mayr: Es lernt gerade ein neues Milieu Arbeitslosigkeit kennen: junge Menschen, die im Marketing gearbeitet oder ein Traineeship angefangen haben. Wenn diese Gruppe von Menschen, die oft in bürgerlichen Haushalten aufgewachsen ist, sich plötzlich mit Hartz-IV beschäftigen muss, sehe ich eine Chance darin, dass sich Hartz-IV verbessert. Empathie mit dem Langzeitarbeitslosen zu haben, wird wohl immer noch für die meisten sehr schwer sein. Dieses Gefühl von Abseits und Machtlosigkeit nachzuempfinden, ist emotional sehr anstrengend. Das kann man nicht von jedem erwarten. Aber wenigstens Empathie dafür zu haben, dass es manchen Leuten anders geht als einem selbst. Und dass man nicht auf sie herabblickt, sondern jeden Menschen als Produkt von Umständen und Zufällen begreift.


Aus: "„Wenn man sich nur über seinen Job identifiziert, sind Menschen ohne Job nichts“" Interview von Nora Pauelsen (17.08.2020)
Quelle: https://www.jetzt.de/kultur/anna-mayr-im-interview-ueber-arbeitslosigkeit-und-ihr-buch-die-elenden

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« Reply #1097 on: August 21, 2020, 01:14:14 nachm. »
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[...] Der frühere Investmentbanker ist bekannt für seine Vorliebe für einen luxuriösen Lebensstil. So wurde er standesgemäß auf der Jacht des exilierten chinesischen Oligarchen Guo Wengui verhaftet.


Aus: "Erwischt" Ralf Neukirch, Washington (21.08.2020)
Quelle: https://www.spiegel.de/politik/ausland/stephen-bannon-der-tiefe-fall-des-ex-trump-beraters-a-569763e0-b7e4-459a-831b-81860e0db6ab

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[...] Braun gebrannt und mit von der Sonne ausgeblichenem Haar kam Steve Bannon am Donnerstag aus dem Gerichtsgebäude in Manhattan. Diesen Sommer hatte er bislang hauptsächlich auf der Yacht des chinesischen Milliardärs Guo Wengui verbracht. Dort, vor der Küste von Connecticut, wurde er auch festgenommen – und zwar von der Küstenwache und Ermittlern der Post, deren polizeilicher Arm seit dem 18. Jahrhundert eine ähnliche Rolle übernimmt wie in Deutschland der Zoll. Der Vorwurf: Bannon soll aus seinem privaten Verein „We the People Build the Wall“ („Wir, das Volk, bauen die Mauer“) und einer weiteren Organisation privat Spenden abgezweigt haben. Dafür droht dem ehemaligen Chefstrategen von Donald Trump nun eine Haftstrafe. Erst einmal kam er aber mit Hilfe einer Millionen-Kaution wieder frei.

Das private Mauer-Projekt war eigentlich nicht Bannons Idee. Es wurde aber nach seinem Zerwürfnis mit Donald Trump zu einem der Felder, auf dem der ehemalige Banker nach politischer Relevanz suchte. Im Dezember 2018 hatte der Irak-Veteran Brian Kolfage die Idee für die private Mauerbau-Kampagne auf der Crowdfunding-Plattform „GoFundMe“. Nach zwei Jahren im Amt hatte Trump in Sachen Mauer zu Mexiko noch nicht viel vorzuweisen gehabt. Im Kongress bekam er die erforderlichen Mittel nicht zusammen, und dass Mexiko für die Grenzbefestigungen zahlen sollte, hatte sich zwar als Wahlkampfslogan gut verkauft, wurde aber letztlich zu einem der Misserfolge der Präsidentschaft. Viele Trump-Anhänger, die auf seinen Veranstaltungen „Baut die Mauer“ riefen, waren enttäuscht, dass es nicht voranging.

Kolfage konnte von dieser Stimmung profitieren. Bei „GoFundMe“ versprach er, dass „hundert Prozent“ der Spenden in den Bau der Mauer zu Mexiko fließen würden. Ursprünglich wollte der Kriegsveteran das Geld der Regierung geben. Die Aktion war bald ein Hit unter Konservativen – und es dauerte nicht lange, bis die ersten 20 Millionen Dollar zusammenkamen. Die „GoFundMe“-Betreiber wollten nun wissen, wie Kolfage das Geld den Behörden zukommen lassen werde. Der Veteran sollte eine seriöse Nicht-Regierungsorganisation finden, die das für ihn organisieren könnte.

Kolfage holte Bannon ins Boot – und der übernahm laut der Anklage schnell einen Großteil der Kontrolle über die Finanzen und die Botschaften der Mauer-Kampagne. Fortan sollte das Geld nicht mehr an die Trump-Regierung gehen, sondern an die neue Organisation namens „We the People Build the Wall“. Die sollte sich Land sichern und privat eine Mauer bauen – dieses neue Konzept hielt viele Spenderinnen und Spender nicht ab. Kolfage versprach abermals, „nicht einmal einen Penny“ von dem Geld zu nehmen. Niemand im Vorstand werde bezahlt. Bis Ende 2019 kamen so 25 Millionen Dollar zusammen.

Die Staatsanwaltschaft in New York wirft Bannon und Kolfage sowie zwei weiteren Mitstreitern nun vor, dass sie Hunderttausende Dollar abzweigten, zum Teil über weitere Organisationen. Kolfage soll allein 350.000 Dollar eingesteckt haben, die er für Luxusgegenstände und andere persönliche Ausgaben verwendet haben soll. Bannon soll über eine weitere von ihm gegründete Organisation bis zu eine Million Dollar erhalten haben.

Bannon schimpfte am Donnerstag, die Anklage sei ein „Fiasco“ und nur dazu gedacht, die Menschen vom Bau der Mauer abzuhalten. Den Anhängern von Trump hatte er stets vor allem eine Botschaft verkaufen wollen: Dass er und der Immobilienunternehmer für den „kleinen Mann“ kämpften. Über sein Magazin „Breitbart“ sagte Bannon einmal, er und seine Kollegen dort verstünden sich als „vehement gegen das Establishment gerichtet“ und als Gegner der „politischen Klasse“. Bannon schimpfte auch gern auf die Wall Street, wo er einst für die Investmentbank Goldman Sachs gearbeitet hatte. Die Banker hätten den Bailout nach der Finanzkrise 2008 nicht verdient, weil sie sich nur bereichern wollten, sagte Bannon etwa in einem Vortrag im Jahr 2014. Damals warf er auch den Republikanern vor, eine Partei des Establishments und der Gier zu sein, „eine Ansammlung von miteinander unter einer Decke steckenden Kapitalisten, die glauben, dass für sie andere Regeln gelten“.

Im September 2017, nachdem er sich mit Trump überworfen und das Weiße Haus verlassen hatte, sagte Bannon in einem Fernsehinterview, dass die neue Regierung sich bald nach der Vereidigung mit eben diesem „Establishment“ verbündet habe. Er selbst dagegen bleibe ein „Straßenkämpfer“. Als Bannon für dessen Buch „Feuer und Zorn“ auch noch ausführlich mit dem Autor Michael Wolff sprach, schien er für Trump endgültig unten durch zu sein. Der Präsident bezeichnete seinen ehemaligen Vertrauten als „verrückt geworden“, auch prominente Unterstützer wie der Milliardär Robert Mercer wandten sich von ihm ab.

Diese Konflikte kamen Trump nun gelegen, als er sich am Donnerstag über die rechtlichen Schwierigkeiten seines ehemaligen Vertrauten äußern sollte. Er habe seit langer Zeit nicht mehr mit Bannon zu tun gehabt, beteuerte Trump. Die zentrale Funktion, die der ehemalige „Breitbart“-Chef für Trumps Wahlkampf, seine inhaltlichen Schwerpunkte und die ersten Monate seiner Amtszeit gehabt hatte, spielte der Präsident herunter. Das private Mauer-Projekt habe er nicht richtig gefunden und für „reine Show“ gehalten, so Trump – schließlich müsse die Regierung die Mauer bauen. Manche Beobachter glauben, dass Bannon den Präsidenten entgegen dessen Beteuerungen aber weiterhin gelegentlich beriet. Und Bannon soll Freunden gegenüber damit geprahlt haben, Trump höre seinen neuesten Podcast, „War Room: Pandemic“.

Viele Menschen aus Trumps Umfeld unterstützten Bannons Mauer-Projekt auch direkt. Der Rechtsberater des Mauerbau-Vereins war etwa Kris Kobach, ehemaliger Innenminister von Kansas und ein Einwanderungs-Hardliner, der kürzlich seine innerparteiliche Vorwahl für einen Sitz im Senat verlor. Er gilt als einer von Trumps loyalsten Unterstützern und behauptete Anfang 2019 laut der „New York Times“, das private Mauer-Projekt habe Trumps „Segen“. Sohn Donald Trump Jr. lobte die Aktion 2018 als „phantastisch“ und eine „wichtige Graswurzel-Angelegenheit“.

Eine Firma, die Bannons Verein für seine private „Mauer“ engagierte, soll zudem auch an Trumps Mauer beteiligt sein. Nach Angaben der „Washington Post“ soll der Präsident selbst einem Tochterunternehmen von „Fisher Industries“ den betreffenden Vertrag mit dem Ingenieur-Corps der Armee verschafft haben. Das Auftragsvolumen liegt nach diesem Bericht bei 400 Millionen Dollar. In Bannons Prozess wird es aber nur um seine eigenen Verfehlungen gehen und nicht um seine Verbindungen zu Trump. Doch wieder einmal spekulieren Trumps Gegner darauf, dass ein Präsidenten-Intimus in rechtlichen Schwierigkeiten auch über den Präsidenten „auspacken“ könnte.



Aus: "Steve Bannon angeklagt : Doch kein Kämpfer für die kleinen Leute" Frauke Steffens, New York (21.08.2020)
Quelle: https://www.faz.net/2.1677/steve-bannon-angeklagt-vorwurf-der-veruntreuung-von-spenden-16914706.html

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[....] Der frühere Chefstratege von US-Präsident Donald Trump, Steve Bannon, hat sich nach seiner Festnahme wegen Betrugsverdachts für nicht schuldig erklärt. Haftrichter Stewart Aaron in New York legte am Donnerstag fest, dass Bannon gegen eine Kaution in Höhe von fünf Millionen Dollar zunächst freikommt. Davon muss Trumps Ex-Berater 1,75 Millionen als Sicherheit hinterlegen. Aaron verhängte außerdem eine Reisesperre für Gebiete außerhalb des Nordostens der USA. Seinen Reisepass muss Bannon abgeben. ...


Aus: "Nach Festnahme wegen Betrugsverdacht : Ex-Chefstratege von Trump erklärt sich für nicht schuldig" (21.08.2020)
Quelle: https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/usa/id_88433946/ex-berater-steve-bannon-von-donald-trump-festgenommen-betrugsvorwuerfe-.html
« Last Edit: August 21, 2020, 01:16:55 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #1098 on: August 31, 2020, 10:29:53 vorm. »
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[...] Max Czollek: Die Corona-Krise macht für mich vor allem deutlich, dass Solidarität und Zusammenhalt nur für manche gelten. Sie gelten nicht, wie behauptet, für alle.

Sara Tomšić: Für wen gilt sie nicht?

Czollek: Für Menschen an den EU-Außengrenzen, für Mitarbeiterinnen in den Schlachthöfen oder Erntehelfer auf den Spargelfeldern. Wir müssen einsehen, dass die Schutzmaßnahmen manche Menschen vielleicht gerettet, aber andere ungeschützt zurückgelassen haben. Dabei unterstreicht die Corona-Krise, was alles möglich ist, wenn sich die Dominanzkultur bedroht fühlt: Der Lockdown eines ganzen Landes, die finanziellen Rettungspakete für die Wirtschaft, das Engagement von Einzelnen – es wird klar, welcher Aufwand betrieben und welche Ressourcen aktiviert werden können – wenn man nur will. ... Der NSU, Hanau, Halle oder auch die Aufdeckung rechter Strukturen in freiwilliger Feuerwehr, Polizei, Nachrichtendienst und Bundeswehr – all das hat lange nicht eine solche Aufmerksamkeit oder Aufruf zur gesellschaftlichen Solidarisierung ausgelöst wie dieses Virus. Und daraus muss man doch schließen: Bei der Bekämpfung rechter Gewalt haben nicht die Mittel gefehlt, sondern der Wille. Diese Gefahren betrafen und betreffen eben vermeintlich "nur" Migrantinnen und Migranten, während COVID-19 auch Oma und Opa bedroht. Ein anderes Beispiel ist die Aids-Krise, die in ihrer Schwere und den Auswirkungen vergleichbar mit der Corona-Krise war, die vom Spiegel in den 80er Jahren als "Schwulenseuche" bezeichnet wurde. Da hieß es nicht "wir alle" gegen das Virus, sondern die anderen waren krank und "wir" mussten davor geschützt werden. Wir leben in einer Gesellschaft begrenzter Solidarität, die nicht alle Menschen gleichermaßen schützt, sondern nur manche. ... Es muss doch möglich sein, eine Gesellschaft zu denken, in der auch diejenigen dazugehören, die keine Gänsehaut vor Freude beim Singen der Nationalhymne bekommen. ...


Aus: "Max Czollek: "Wir alle wollen nicht getötet werden"" Interview: Sara Tomšić (30. August 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/campus/2020-08/max-czollek-autor-gegenwartsbewaeltigung-solidaritaet-corona-krise-integrationsdebatte

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Frans #15

Der Autor kritisiert, "dass die Gesellschaft nicht genauso reagiert, wenn es um rechte Gewalt geht."

Was erwartet man schon von einer Gesellschaft, deren Sozialisation auf einem künstlich geschürten Überlebenskampf und der dumpfen Ungesellschaftlichkeit seiner Mitglieder beruht und notwendig die Potenz faschistischer Barbarei in sich trägt.


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« Reply #1099 on: September 03, 2020, 12:02:36 nachm. »
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[...] Der erste Blick lädt nicht eben zum Zugreifen ein. Ramponiert sehen einige Eierkartons aus, klebrige Flecken lassen so manche gesprungene Schale vermuten. Trotzdem bekommt Arthur Kamarad leuchtende Augen, als er die Ware inspiziert. "Zehn Cent pro Stück sind unschlagbar", sagt er: "Für mich ist das hier das Paradies."

Dorthin getrieben hat den 50-Jährigen – wuchtige Statur, angegraute Stehfrisur, Ray-Ban-Brille am Kragen – die blanke Not. Von heute auf morgen kappte der Lockdown das Einkommen des Fitnesstrainers auf null, fortan zehrte er vom Ersparten. Einmal 500 Euro habe er aus dem Härtefonds bekommen, die erste Rate der Notstandshilfe ließ zweieinhalb Monate auf sich warten. Ein Segen, dass Kamarad die Kette Foodpoint entdeckte, um sich billig zu versorgen – zuallererst mit Eiern, von denen er täglich bis zu zehn vertilgt. Die tatoogezierten Muskelpakete, die er unter straff gespanntem Leiberl spazieren trägt, wollen genährt werden.

Neukunden wie Kamarad machen Sozialmärkte, die Bedürftigen Lebensmittel zu Sonderpreisen bieten, zu einer der wenigen boomenden Branchen der Krise. Die Foodpoint-Geschäfte verzeichnen einen bis zu viermal so starken Zulauf wie vor der Pandemie. Der Mitbewerber Sozialshop eröffnet in Wien kurzerhand zwei neue Fillialen. Auch die Soma-Märkte, unter deren Label österreichweit 38 Geschäfte firmieren, registrieren wachsenden Andrang – wobei Verbandschef Gerhard Steiner damit rechnet, dass es sich erst um die Vorhut handelt: "Viele trauen sich aus Scham nicht gleich, in den Sozialmarkt zu gehen."

Jene Menschen, die sich am Montagmorgen vor der Foodpoint-Filiale in Wien-Hernals anstellen, haben die Hemmschwelle längst überwunden. Eine halbe Stunde vor Öffnung sind die Ersten da, um sich Zettel mit Nummern zu holen – weil der Platz knapp ist, wird der Eintritt reguliert. Drinnen, in den zwei schummrigen Räumen, steuern die meisten erst einmal die Obst- und Gemüsesteigen an. Flink tasten Hände Gurken ab, drehen Äpfel nach allen Seiten. Ein Mann schüttelt den Kopf, als er den in rauen Mengen vorhandenen Knoblauch einem Frischetest unterzieht. Zu rasch geben die einzelnen Zehen unter Fingerdruck nach.

Wer sucht, findet rasch was zum Naserümpfen. Der Ingwer ist dürr, einige Pfirsiche sind angestochen, abgepackte Melonenscheiben safteln. In der Kühltruhe liegen zergatschte Cremeschnitten und brüchige Fertigpizzen, so manche Kartonage ist zerissen. Doch pingelig zu sein, das können sich die Kunden hier nicht leisten.

"Wofür du im Supermarkt 150 Euro bezahlst, kriegst du hier um 50", erzählt ein junger Mann, der in Schlapfen, Leiberl und Jogginghose auf Einlass wartet. Pünktlich zum Start des Lockdowns ist der Flüchtling als Küchengehilfe rausgeflogen und von 1.250 Euro netto im Monat auf 950 runtergerasselt – da gehe es um jeden Euro. "Man kann mit 900 Euro schon leben", sagt er, "aber du wirst dir nie etwas ansparen können, um irgendwie weiterzukommen – etwa für den Führerschein oder einen Kebabstand."

Pensionisten, Frauen mit Kindern, Kurzarbeiter und Arbeitslose geben sich an jenem Morgen die Klinke in die Hand, viele darunter haben Migrationshintergrund. Aber auch Studenten sind dabei, die zuallererst ein idealistisches Argument anführen. "Mir gefällt der Gedanke, dass Essen nicht verschwendet wird", sagt eine Soziologiestudentin, die nebenbei um 600 Euro im Monat kellnert. Da sei es verkraftbar, wenn die Bananen halt nur mehr zum Vermantschen in einem Kuchen taugen.

Ohne Sozialmärkte würden viele der feilgebotenen Lebensmittel direkt im Müll landen. Das Gros stammt von den Supermärkten, die überflüssige Ware gratis überlassen und sich so Entsorgungskosten sparen. Zum Teil sind das Ladenhüter – etwa aus der Zeit gefallene Osterhasen, wie sie das Foodpoint-Geschäft in Hernals sogar verschenkt.

Der größte Teil aber, erläutert Spar-Konzernsprecherin Nicole Berkmann, entfalle auf Produkte, deren Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) bald abläuft. Dieses sagt aus, wie lange der Hersteller die volle Genussfähigkeit garantiert – was aber nicht heißt, dass die Sachen danach verdorben sind. Greenpeace etwa fand heraus, dass Lebensmittel mitunter noch Wochen nach Ablauf des MHD tadellos waren. "Aber die Kunden kaufen sie dann einfach nicht mehr", sagt Berkmann.

Die Produkthersteller liefern ebenfalls, sei es, weil sie zu viel produziert haben – oder Waren in schadhafter Verpackung loswerden wollen. Am Höhepunkt des Lockdowns hatten auch Gastronomiebetriebe reichlich Nahrungsmittel geschickt, auf denen sie sitzengeblieben sind, erzählt Marius Aigner vom Verein Start-up, der die fünf Foodpoint-Märkte in Wien betreibt. Mit Mitbewerbern und anderen Sozialeinrichtungen wie der Obdachlosenherberge Gruft gebe es überdies regen Tauschhandel "wie vor hunderten Jahren. Der eine hat massenhaft Eistee, der andere Soda Zitron – dann wird getauscht."

Die Kühlkette werde penibel eingehalten, das Marktamt kontrolliere die Hygiene, sagt Aigner: Bedenkliche Ware sortiere man natürlich aus. Dennoch sichern sich die Betreiber ab. Wer hier einkaufen will, muss nicht nur sein niedriges Einkommen belegen, sondern auch einen Haftungsausschluss unterschreiben. Inbegriffen sei der Hinweis, so Aigner, beim Einkauf "alle Sinne walten zu lassen".

"Vergammelt war noch nie etwas", berichtet Arthur Kamarad, der – weil er nun wieder als Trainer arbeiten kann – mittlerweile aus dem Kundenkreis herausgefallen ist. Und selbst wenn das Gemüse mitunter schon batzweich war – mein Gott: "Ich habe Tomatencremesuppe zu schätzen gelernt." Daran änderten auch die verächtlichen Kommentare nichts, die ihm vermeintliche Freunde auf Facebook geschickt hatten: "Was? Dort gehst einkaufen?"

Billiges Essen für die Armen, weniger Verschwendung – ein Segen also für alle? Stefan Selke widerspricht entschieden. Es sei eine zivilisatorische Errungenschaft, dass der Sozialstaat die Daseinsfürsorge der Bedürftigen garantiere, sagt der Soziologie-Professor von der Uni Furtwangen in Deutschland. Wenn sich aber die immer professionelleren Sozialmärkte zu Einrichtungen auswachsen, mit denen die Bürger fix rechnen, sinke der Druck auf die Politik, für ausreichende Leistungen zu sorgen. "Der Staat wird aus der Verantwortung entlassen", sagt Selke: "Was ein Recht war, wird zum Almosen umgemünzt. Das ist ein Rückfall ins Mittelalter."

Allerdings steckt dahinter ein Henne-Ei-Problem. Gibt sich der Staat knausrig, weil es die Sozialmärkte gibt? Oder ist es umgekehrt? Wenn alle Spezialshops zusperren, wäre noch lange nicht garantiert, dass Regierungen im Gegenzug Sozialleistungen anheben. "Wir sind eine Ergänzung, kein Ersatz", sagt Foodpoint-Betreiber Aigner: "Wir können so rasch aushelfen, wie es die Behörden nicht schaffen." Auf Sozialämtern warte man Wochen oder Monate auf Leistungen.

"Es ist ein Dilemma", sagt Martin Schenk von der Armutskonferenz: "Sozialmärkte helfen Menschen unmittelbar, dass sie etwas ordentliches auf dem Tisch haben. Doch gleichzeitig schaffen sie Parallelstrukturen, die für Bedürftige beschämend sein können." Das Argument mit der schwindenden Verantwortung des Staates sei nicht einfach von der Hand zu weisen, "denn eigentlich sollten die Sozialleistungen so bemessen sein, dass Sozialmärkte überflüssig sind".

Schenk fallen einige Beispiele ein, wo Österreich nachbessern könnte. Das Arbeitslosengeld beschert Betroffenen hierzulande einen vergleichsweise harten Absturz auf 55 Prozent des früheren Nettolohns. Auch die Mindestsicherung, sagt er, biete keine so üppige Absicherung, wie Kritiker behaupten: "Sonst müssten nicht so viele Menschen zum Sozialmarkt gehen."

Verschärfend wirkt: Die Teuerung trifft ärmer Menschen in aller Regel härter als den besser situierten Teil der Bevölkerung. Laut Statistik Austria lag die Inflationsrate für die untersten zehn Prozent der Einkommensverteilung in den letzten vier Jahren dreimal über dem Schnitt, nur einmal gleichauf. Vor allem die stark gestiegenen Mieten schlagen durch.

Sie habe gar keine andere Wahl, sagt vor dem Geschäft in Hernals eine Frau, die in Kurzarbeit ist: "Niemand weiß, wie es weitergeht." Da gelte es, vorsorglich jeden Euro beiseite zu legen – und den Speiseplan notgedrungen ans Angebot anzupassen. Was heute auf dem Teller lande? "Fisolen mit viel Knoblauch."


Aus: "Boom der Sozialmärkte: Segen für alle oder Rückfall ins Almosenwesen?" Gerald John (2.9.2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000119670837/boom-der-sozialmaerkte-segen-fuer-alle-oder-rueckfall-ins-almosenwesen

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Stag77, 2. September 2020, 15:55:26
Ich bin selbst Mitbegründer eines vergleichbaren Vereins (rein ehrenamtlich betrieben) und bin mir der genannten Kritikpunkte bewusst. Häufiger noch kommt übrigens folgendes Argument: Wenn Menschen mit Sozialhilfe u.Ä. auch dank solcher Einrichtungen eh ganz gut über die Runden kommen, nähme man ihnen die Motivation, ernsthaft wieder einen Job zu suchen etc.
Ich habe noch zu keiner schlüssigen Antwort gefunden, auch weil mir die kausalen Zusammenhänge weitaus komplexer erscheinen, als von der einen oder anderen Seite dargestellt.
Es gäbe sicher, auch im Gesamten gesehen, bessere Systeme, aber ich denke, letztlich geht's darum, sich um eine lebendige Balance zwischen all den tw. auch (scheinbar) widersprüchlichen Aspekten zu bemühen.


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Nightwolf

... Solange es kein Gleichmaß in der Steuerpolitik gibt, bleibt der Gesellschaft die Verteilungsungerechtigkeit erhalten und daraus resultiert dann eben der "Scherenfaktor" zwischen oben/unten oder arm/reich. Und da sich in absehbarer Zeit nichts daran ändern wird, werden wir wohl mit den Sozialmärkten, den Tafeln und sonstigen "Almosenebenen" leben müssen und sie auch benötigen.
Ein erster Schritt wäre Lebensmittelvernichtung, egal ob durch Überproduktion oder nicht zeitgerechte, verbilligte Abgabe) exorbitant zu besteuern bzw. zu bestrafen.
Weiters verbindlich eine Teil-Grundsicherung einführen und an den Armutsfallenstellschrauben (Wohnkosten, Niedriglohnsektor) zu drehen. Dies für den Anfang - das MEHR hat noch viele "Baustellen".


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Salzkristall

Ja, aber wie soll das alles funktionieren liebe Leute? Wenn man höhere Sozialabgaben von Reichen verlangt, wie können diese sich dann bitte noch teure Autos kaufen, Golduhren, überdimensionierte Häuser oder eine Yacht in Malibu? Wollt ihr ernsthaft in einer Welt leben in der Reiche von ihrem Überfluss etwas abgeben müssen, nur damit andere Menschen ein würdiges Leben führen können?


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« Reply #1100 on: September 03, 2020, 01:17:15 nachm. »
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JJ Charlesworth@jjcharlesworth_

There was never any lockdown. There was just middle-class people hiding while working-class people brought them things.

6:40 PM · Oct 14, 2020·


https://twitter.com/jjcharlesworth_/status/1316418588207648774

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[...] Die meisten Manager in Deutschland haben kein Problem damit, auch in der Corona-Krise Boni und Dividenden auszuschütten. Das ist ein zentrales Ergebnis der „Führungskräftebefragung 2020“, die von der Wertekommission und der Technischen Universität München durchgeführt wird. Sie liegt der F.A.Z. exklusiv vor. In der Umfrage sprechen sich 32 Prozent der Führungskräfte uneingeschränkt dafür aus, Boni und Dividenden zu zahlen, 22 Prozent sind eher dafür. Weniger als jeder fünfte Manager (18 Prozent) spricht sich strikt dagegen aus.

Stark ausgeprägt ist der Umfrage zufolge auch die Bereitschaft der Unternehmen, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Hälfte der Manager (49 Prozent) sieht es als angemessen an, bei der Bundesagentur für Arbeit Kurzarbeit zu beantragen, nur knapp jeder vierte (23 Prozent) ist eher oder voll dagegen. Auch vor direkten staatlichen Hilfen schreckt nur jeder fünfte zurück. Dagegen bewerten 47 Prozent sie als angemessen. Der Rest der interviewten Personen antwortet mit „teils, teils“.

Bereits 83 Prozent der Unternehmen haben der Umfrage zufolge im Zuge der Corona-Pandemie Hygienevorschriften erlassen und 74 Prozent Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt, falls dies möglich war. Von einer Geldspende zur Bekämpfung der Pandemie wissen nur 13 Prozent der Befragten zu berichten.

Hinter der Wertekommission steht der Verein „Initiative Werte Bewusste Führung“, der seit 2006 in regelmäßigen Abständen Studien zum Wertebewusstsein von Führungskräften macht. An der diesjährigen Umfrage haben sich 520 Manager aus Deutschland beteiligt, die allermeisten davon gehören zur oberen oder mittleren Führungsebene.

Der zunehmenden Digitalisierung, die sich durch die Corona-Krise beschleunigt hat, stehen die meisten Manager positiv gegenüber. 88 Prozent der Befragten sehen den digitalen Wandel prinzipiell als Chance für Deutschland – das sind 10 Prozentpunkte mehr als 2019. Allerdings gibt es große Zweifel, ob die Deutschen diese Chance auch richtig nutzen. Konkret bezweifelt jeder zweite Manager, dass der hiesige Wirtschaftsstandort mit seinen Arbeitnehmern und Unternehmen bereits jetzt ausreichend vorbereitet ist.

In der Wahrnehmung der Manager gibt es zudem eine interessante Zweiteilung. Während das Urteil über die digitalen Kompetenzen Deutschlands allgemein recht skeptisch ausfällt, stellen die Führungskräfte sich selbst und ihrem Betrieb ein sehr gutes Zeugnis aus: Sich selbst stufen 89 Prozent der Befragten als digital fit ein, das eigene Unternehmen halten 82 Prozent für vorbereitet. Dieses Muster ist aus anderen Befragungen bekannt: Mit Blick auf die allgemeine Wirtschaftslage äußern sich viele Deutsche skeptisch. Im Gegensatz dazu wird die eigene Lage von den meisten als gut beurteilt.

Die größte Bedeutung messen die Manager den Werten „Vertrauen“ und „Verantwortung“ bei. Daran hat sich in den vergangenen Jahren nichts geändert. An die dritte Stelle rückte erstmals seit Durchführung der Studie der „Respekt“ auf, den inzwischen immerhin jede fünfte Führungskraft in Deutschland als wichtigsten Wert betrachtet. Das sind fast doppelt so viele wie im Jahr zuvor. „Die Ergebnisse zeigen, dass Zusammenhalt und Teamgeist durch die Corona-Krise auch in den Managementebenen signifikant zugenommen haben“, erklärt Sven Korndörffer, der Vorstandsvorsitzende der Wertekommission.

Trotz aller Klimadiskussionen und der Fridays-for-Future-Demonstrationen ist die Bedeutung der „Nachhaltigkeit“ interessanterweise nicht gestiegen. Nur knapp 6 Prozent der Macher in den Unternehmen geben an, dass für sie Nachhaltigkeit der wichtigste persönliche Wert ist.


Aus: "Umfrage der Wertekommission: Viele Manager lehnen Kürzungen der Boni ab" Christoph Schäfer (03.09.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/manager-in-deutschland-viele-lehnen-boni-kuerzungen-ab-16934717.html

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Claudia R. (Claudia07), 03.09.2020 - 10:16

Ein Spiegel der Arbeitsmoral deutscher Manager

Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum ein Staat sowas zulässt. Wenn die Unternehmen genug Geld haben um Boni auszuzahlen, sind meiner Meinung nach keine staatlichen Hilfen notwendig und müssten verweigert werden. Warum auch, was soll das? Hat das Unternehmen nun Probleme oder nicht.. Wie kann das sein? Wo bleibt die Solidarität? Wo sind die Manager geblieben, die Verantwortung übernehmen, Zeichen setzen und Krisensituation meistern? Nimmt der Staat Ihnen diese Aufgaben ab, haben sie ihr Geld nicht verdient. Es ist einfach so traurig, dass viele Kleinunternehmer den Bach runtergehen während Großkonzerne staatliche Hilfen kassieren und sich nebenbei noch Boni zahlen. Ganz ehrlich, da läuft was gewaltig schief.


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Andreas Schroeder (schroe12), 03.09.2020 - 10:18

Aufregerartikel?

Es bleibt im Unklaren, um welche Zahlungen es geht. Erfolgsbeteiligung, wenn der Erfolg nicht eingetreten ist wird es eh nicht geben. Wurde eine Zahlung für persönliche Zielerreichung vereinbar und das Ziel wurde erreicht, warum sollte man darauf verzichten? Ging es um eine Firma, die Gewinne macht, oder macht sie Verluste?
Kurzarbeit ist keine staatliche Leistung, sonder eine Leistung der Arbeitslosenversicherung, für die Beitrag entrichtet wurde, scheint dem Autor nicht klar zu sein.
Die Beantragung von Kurzarbeit ist doch geradezu geboten, Entlassungen wäre die Alternative.
Das viele (insbesondere kleinere) Firmen in der Digitalisierung besser aufgestellt sind, als der Gesamtstaat, ist wohl kein Geheimnis.
Nachhaltigkeit soll das oberste Ziel sein, noch vor Vertrauen, Verantwortung, Respekt, Teamgeist? Warum?
Warum heißen die Wertekommision? Werden unsere Werte jetzt von einem Verein diktiert?


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     Gustav Buchal (cyrill), 03.09.2020 - 11:00

Mir scheint, der Beitrag berichtet von den Kindern unserer Zeit, in der das Gemeinwohl hinter individuellen unternehmerischen Interessen zurückzustehen hat. Und solange die Wirtschaftskraft, das Kapital und seine Interessen die Parameter sind, an denen sich unser Gemeinwohl orientiert, dem alles andere unterzuordnen ist, solange wird sich an diesen Zuständen nichts ändern - im Gegenteil.


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Hans List (genervt), 03.09.2020 - 10:40

Sind Manager nicht genau diejenigen, die sich sonst immer über die hohe Staatsverschuldung aufregen?
Predigen die uns nicht seit Ewigkeiten Eigenverantwortung?

Und dann wollen sie sich vom Staat aus dem Sumpf ziehen lassen, obwohl im Unternehmen die liquiden Mittel vorhanden sind.
Das sollte mal ein Hartzer fordern. Der wir in der Luft zerrissen. Es ist jedoch kein Wunder. Wer nichts auf Nachhaltigkeit gibt (nein, nicht "alles so schön grün hier", sondern Zukunft des Unternehmens), dem ist auch sein Ansehen bei denen egal, die das alles bezahlen sollen. Aber Vorsicht! Wenn die Glaubwürdigkeit weg ist, ist auch das Wohlwollen nicht mehr groß. Und das geht dann mächtig nach hinten los.


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     Gisbert Heimes (gisbert100), 03.09.2020 - 10:43

Obergrenzen bei Einkommen und Besitz

Der Sparten-VV Lkw bei VW Renschler hat damals die 'Helden' mitgefeiert, die das Land auf dem zahlenmäßigen Höhepunkt der Corona-Infektionen am Laufen hielten. Soziale Berufe, auch die Trucker auf 'seinen' Lkws. Übrigens auch sein Managergehalt.

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/traton-chef-renschler-ueber-corona-wir-halten-das-nicht-ewig-durch-16711898.html

Warum begnügt er sich nicht mit dem sagen wir mal 20fachen des Einkommens eines Truckers oder einer Krankenschwester, um seinen Job genauso gewissenhaft auszufüllen wie die ganz überwiegende Zahl jener? Warum muss es das hundertfache, im Zweifel mehrhundertfache sein?

Okay, ist schon klar - das System kann nicht mit einem Knopfdruck von jetzt auf gleich umgestellt werden. Aber ein Diskurs darüber müsste angesichts von Klimaveränderungen und Pandemiegefahren einsetzen. Wenn nicht jetzt, wann dann. ...


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Wolfgang Enders (enderswolfgang), 03.09.2020 - 09:53

Was soll's?

Bis vor kurzem hatte ich zu derlei Fragen jahrzehntelang eine stockkonservative Ansicht, die stets das Allgemeinwohl vor Eigeninteressen stellte.

Seit ich jedoch zur Kenntnis zu nehmen hatte, dass die Bundesregierung willens und in der Lage ist, hunderte Millarden an den Club Med zu verschenken und eine entgegen aller Verträge und Versprechungen eine dauerhafte Transferunion zu installieren, möchte ich von eigener Zurückhaltung absolut garnichts mehr wissen.

Mein neues Credo lautet deswegen: Nehmen was man kriegen kann, sooft und solange es geht.


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Lothar Kempf (wilkem), 03.09.2020 - 09:52

Mir liegt die Studie vor

Ihre Headline ausschließlich davon abzuleiten ist zu wenig und zu einseitig. Es gibt unter den befragten Unternehmen durchaus Führungskräfte, die ihr Unternehmen ordentlich geführt haben und auch in der derzeitigen Krise gut führen; hier geht der Bonus oder die Dividende zweifelsfrei in Ordnung. Vielmehr sollten Sie als Redakteur den Fokus darauf richten, welchen Schwerpunkt alle befragten Unternehmen zur Krisen- und Pandemiebewältigung setzen. Da ist von Egoismus nichts zu sehen.
Und für alle, die sofort ohne Verifizierung hohle Argumente ausschütten hier der Link zum Lernen:

https://www.wertekommission.de/wp-content/uploads/2020/09/Wertekommission_FKB_2020.pdf


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Georg Köster (koegeo51), 03.09.2020 - 09:51

Solche Umfragen sind das Geld nicht wert

Ganz davon abgesehen, dass es völlig subjektive Äußerungen sind, wird sicher auch politisch-taktisch geantwortet (machen viele bei Umfragen wie "....wenn heute Bt.-Wahlen wäre....." sicher auch.
Derartige Umfragen haben die gleiche Aussagekraft wie die Frage "Halten Sie sich für eine(n) gute(n) Autofahrer/in?"
Der Befragte wird überwiegend eine für ihn positive Antwort geben.


Quote
Klaus N. Wege (Wege), 03.09.2020 - 09:45

Stil des Hauses auch vor Corona: 3,2 Milliarden an Bonus bei einem Restgewinn von 0,681 Mrd.

Spiegel vom 20.03.2014. Zitat: "Für die Deutsche Bank war 2013 ein verheerendes Jahr: Ein Skandal jagte den nächsten, das Image litt, und am Ende stand für das sonst so erfolgsverwöhnte Geldhaus ein Mini-Gewinn von gerade mal noch 681 Millionen Euro ... In den Gehältern der Top-Banker schlägt sich die schwierige Lage kaum nieder. So zahlte die Bank im vergangenen Jahr wie im Vorjahr insgesamt 3,2 Milliarden Euro an Boni aus." (Zitat Ende)

Für die Jahre 2010 bis 2015 spendierte sich das Managment der Deutschen Bank 19,40 Mrd. Euro an Bonus. Ungeniert wurden dabei der Gegenwert von 2 Kapitalerhöhungen komplett aufgezehrt.


Quote
Aurelio Goldphal (Aurego), 03.09.2020 - 09:10

Eine interessante Frage: Wann wird auch noch der letzte Befürworter der "Leistungsprinzips" erkennen, dass bei vielen (nicht bei allen!) Managern der pure Egoismus gepaart mit Selbstüberschätzung und Arroganz vorherrscht, Eigenschaften, die in einer Krise durchaus gefährlich für Wirtschaft und das soziale Gefüge werden können? Dem entgegenzuwirken ist durchaus Aufgabe der Politik ...


Quote
Erwin Dufner (LudwigErhard1958), 03.09.2020 - 09:09

Kann das Ergebnis überraschen?

Menschen sind egoistisch. ...


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« Last Edit: Oktober 15, 2020, 07:26:42 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #1101 on: September 09, 2020, 10:22:31 vorm. »
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[...] Die Hartz-IV-Sätze sollen ab dem 1. Januar 2021 steigen. Die monatliche Zahlung für die Lebenshaltungskosten um 14 Euro auf 446 Euro angehoben, teilte das Bundesarbeitsministerium mit. Besonders deutlich fällt demnach der Anstieg für Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren aus: Ihr Regelsatz steigt um 45 Euro auf 373 Euro. Für Kinder bis fünf Jahre gebe es künftig 283 statt bisher 250 Euro.

Für Kinder zwischen 6 und 13 Jahren gibt es dagegen nur einen Euro mehr (309 Euro). Wie das Ministerium mitteilte, habe diese Altersgruppe aber bei der letzten Neuberechnung für das Jahr 2017 "weit überproportional profitiert".

Die nun bekannt gegebene Anpassung ist der zweite Schritt in einem komplizierten Berechnungsverfahren. Die Sätze werden alle fünf Jahre, wenn eine neue sogenannte Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) vorliegt, neu festgesetzt. Außerdem werden sie jährlich entlang der Lohn- und Preisentwicklung fortgeschrieben, was nun gemacht wurde. In der Summe ergeben sich die neuen Sätze. Bundestag und Bundesrat müssen der Erhöhung noch zustimmen.

Das Bundeskabinett hatte im August zunächst eine etwas geringere Anhebung auf den Weg gebracht. Denn Grundlage für die Berechnung der Sätze in der Grundsicherung ist die aktuelle Lohn- und Preisentwicklung. Im August lagen die Daten der neuen Einkommens- und Verbrauchsstichprobe noch nicht vor. Die Neuberechnung der Regelsätze auf der Grundlage der neuen Statistikdaten soll laut Ministerium nun über einen Änderungsantrag in den Bundestagsberatungen umgesetzt werden.

Bei der EVS handelt es sich um eine amtliche Statistik, bei der die Einnahmen und Ausgaben von rund 60.000 repräsentativ ausgewählten Haushalten erhoben werden. An den Ausgaben von Haushalten unterer Einkommensgruppen orientieren sich dann die Hartz-IV-Sätze.

Diese Methodik wird immer wieder von Sozialverbänden kritisiert. Vom Paritätischen Wohlfahrtsverband hieß es am Dienstag, die geplanten neuen Regelsätze seien realitätsfern, nicht bedarfsgerecht und viel zu niedrig. Der Verband warf der Bundesregierung "statistische Trickserei und unverschämtes Kleinrechnen" vor.

Auch das Deutsche Kinderhilfswerk hat die neuen Sätze bereits als unzureichend kritisiert. Es müsse bedarfs- und realitätsgerecht ermittelt werden, was Kinder brauchen, erklärte Bundesgeschäftsführer Holger Hofmann. Sie fordern gemeinsam mit Sozialverbänden unter anderem eine Kindergrundsicherung.

Anja Piel, Vorstandsmitglied beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), kritisierte, dass das Bundesarbeitsministerium nicht nachgebessert habe, sondern nur einen "gesetzlich vorgeschriebenen Rechenschritt" nachgeholt habe. "Das Wenige, was die einkommensschwächsten 15 Prozent der Haushalte laut Statistik ausgeben können, wird mit dem Existenzminimum gleichgesetzt. Dabei ist diese Vergleichsgruppe Welten von einem normalen Lebensstandard wie in der Mitte der Gesellschaft entfernt. So wird Armut nicht bekämpft, sondern zementiert", sagte Piel.

Der Grünenpolitiker Sven Lehmann sagte, dass eine Anhebung des Regelsatzes um 14 Euro für Erwachsene lediglich die gestiegenen Preise ausgleiche. An der finanziellen Notlage der Menschen ändere dies nichts.

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit beziehen rund 5,7 Millionen Menschen in Deutschland Hartz IV. Die Bezeichnung geht zurück auf Sozialreformen unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD), die auf Vorschlägen des früheren VW-Managers Peter Hartz basierten.


Aus: "Hartz-IV-Satz steigt auf 446 Euro pro Monat" (8. September 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-09/regelsatz-hartz-iv-satze-steigerung-preise-loehne

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MrMiaggi #26

Wow, aber nicht gleich alles auf einmal verprassen! (Ironie off)


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  MeinungsFool #9

Schön wäre es, wenn die Personen, die sich so etwas ausdenken, ihre Diäten auch nur um 14 Euro anheben würden.


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« Reply #1102 on: September 09, 2020, 10:56:31 vorm. »
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[...]  "Leipzig 416", so der Projektname, ist ein Milliardengeschäft – bei dem aktuell nichts passiert. ... Der aktuelle Investor ist die Firma Imfarr, ein Wiener Immobilienentwickler, bei dem auch Ex-Bundeskanzler Werner Faymann und sein ehemaliger Sprecher Matthias Euler-Rolle ihre Finger im Spiel haben. Die Imfarr erwarb das Projekt im Frühjahr 2019 vom deutschen Projektentwicklungsbüro CG Gruppe – zur Überraschung der Stadt Leipzig.

... Die Imfarr drohte mit einem "etwaigen Abbruch des Vorhabens mit allen Konsequenzen". Aufseiten der Stadt klingt das alles aber ganz anders. Hier munkelt man, der Investor habe nie wirklich vorgehabt, das Grundstück zu entwickeln, sondern habe es teurer weiterverkaufen wollen.

Ein gängiges Modell, das zeigt ein Bericht der Immobilien Zeitung (Paywall: https://www.immobilien-zeitung.de/157440/spiel-mit-grundstuecken). Demnach würden österreichische Investoren Grundstücke in deutschen Innenstädten kaufen, dann aber nichts dafür entwickeln, sondern sie stattdessen untereinander zu einem höheren Preis weiterverkaufen. Bislang schauten die Städte, darunter Düsseldorf, Hamburg und eben auch Leipzig, dem tatenlos zu.

... Für die Imfarr wäre es nicht das erste Mal, eingekaufte Projekte recht schnell wieder zu verscherbeln. Ende 2019 erwarb eine Tochter der Montibus Projektentwicklung das Areal der Ankerbrotfabrik in Favoriten für rund 33 Millionen Euro. Größter Gesellschafter von Montibus ist die Imfarr, mitsamt Faymann und Euler-Rolle als Teilhaber. Im Mai diesen Jahres gab das Wirtschaftsmagazin Gewinn bekannt, dass Immobilienmanager Peter Ulm das Areal zusammen mit Schweizer Partnern gekauft habe – für rund 41 Millionen Euro.

...


Aus: "Investoren um Werner Faymann narren Leipzig" Thorben Pollerhof (4.9.2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000119794664/investoren-um-werner-faymann-narren-leipzig

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Pendler Depp

Wie an der Börse, billig kaufen, teuer verkaufen ... Die Misere sieht man doch in Wien, Familien leben in zwei Zimmern mit Wohnküche und der Vermieter wirbt mit dem sarkastischen Slogan: Wohnraum zum wohlfühlen.


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kingkade21

Komisch: Die roten Ex-Parteichefs entwickeln sich immer öfters zu Turbokapitalisten ...


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the odor

Schon faszinierend wie leicht es vielen ehemaligen Genossen - von Gusenbauer bis Schröder - fällt, sich dem Großkapital anzudienen. Und kräftig mitzuschneiden, natürlich.


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christoph hofbaur

Die Konservativen beluegen ihre Waehler ideologisch mit patriotischem Bledsinn ...


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fango

Liberalismus will Anarchismus des Kapitals.


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maexl

Glaubwürdigsproblem der Sozialdemokraten
Solche Geschichten lassen die Sozialdemokraten nicht nur in AT (berechtigterweise) in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Diese Wasser/Wein-Mentalität geht den Leuten einfach auf die Nerven. Da sind die Rechts-Konservativen schon ehrlicher. Da weiß man wenigstens das man nur Stimmvieh ist, welches nach den Wahlen ausgsacklt wird.


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« Reply #1103 on: September 14, 2020, 05:32:10 nachm. »
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[...] Das Statistische Bundesamt stellt für 2018 erstmals eine Tendenz zur Lohnangleichung zwischen Gering- und Besserverdienenden fest. Demnach erzielten die oberen zehn Prozent der Lohnskala das 3,27-Fache des Bruttostundenverdiensts von Geringverdienenden, 2014 sei es noch das 3,48-Fache gewesen.

"Besonders deutlich schließt sich die Lohnschere in Ostdeutschland", hieß es. Hier erzielten Besserverdienende im Jahr 2018 einen um das 2,8-Fache höheren Bruttostundenverdienst als Geringverdienende. 2014 war es noch das 3,3-Fache gewesen. In Westdeutschland war dieser Trend deutlich schwächer (3,5 im Jahr 2014 und 3,3 im Jahr 2018).

In absoluten Zahlen lag der Bruttostundenlohn der oberen zehn Prozent auf der Lohnskala laut der Mitteilung des Bundesamts im Jahr 2018 in Westdeutschland bei 32,59 Euro und im Osten bei 25,79 Euro. Bei den unteren zehn Prozent lag er im Westen bei 9,90 Euro und im Osten bei 9,21 Euro.

Demnach glich sich der Verdienstunterschied zwischen Ost- und Westdeutschland insbesondere bei den Geringverdienenden an. Ein Grund dafür dürfte der zum 1. Januar 2015 eingeführte bundeseinheitliche gesetzliche Mindestlohn sein, schreiben die Statistikerinnen und Statistiker. 2018 betrug er 8,84 Euro, aktuell liegt er bei 9,35 Euro. Bei Besserverdienenden – den oberen zehn Prozent der Lohnskala – zeigte sich dagegen keine Angleichung zwischen Ost und West.

Insgesamt zählten 2018 gut ein Fünftel der Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland zum Niedriglohnsektor. Der Anteil in Ostdeutschland ist mit 29,1 Prozent noch immer deutlich größer als im Westen (einschließlich Berlin) mit 20,0 Prozent. Während der Anteil im Osten 2018 im Vergleich zu 2014 um 5,4 Punkte sank, stieg er in Westdeutschland leicht um 0,7 Prozentpunkte. Der Anteil der Beschäftigungsverhältnisse im Hochlohnbereich ging sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland leicht zurück. Dabei lag er zuletzt im Westen mit 22,3 Prozent fast doppelt so hoch wie im Osten mit 11,2 Prozent.


Aus: "Lohngefälle in Deutschland verringert sich" (14. September 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-09/gehaltsunterschiede-verdienst-lohngefaelle-besserverdiener-geringverdiener-lohnangleichung-ungleichheit

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bosta #4

Ein guter Anfang, der aber nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass D im europäischen Vergleich nach wie vor eines der Länder mit dem größten Niedriglohnsektor ist (alle anderen Länder sind osteuropäisch).


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mofateam #4.1

Das soll auch gefälligst so bleiben. Irgendjemand muß ja den Dreck wegräumen oder die Taschen der Aktionäre füllen.


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MeisterEder #4.2

Da gibt es genug Anwärter.
Zur Not werden Fachkräfte aus dem Ausland angeworben.


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runner_64 #6

Wobei sich natürlich auch die Frage stellt, ob ein Faktor von 3,3 folgenden Arbeitsmerkmalen überhaupt noch angemessen ist:

1. Lernt man den Job in 10 Minuten oder in 10 Jahren
2. Führungsverantwortung für Personal und Ressourcen
3. Arbeitszeiten, Belastungen und Gefahren bei der Arbeit.

Aus dem Faktor 3,3 werden dann ja durch progressive Steuern und sonstige Abgaben schnell nur 2,5. Und dann wundert man sich, wenn hochqualifizierte Fachkräfte lieber ins Ausland abwandern.


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mofateam #6.1

Durch solche Diskussionen "10€ Stundenlohn vs 30€ Stundenlohn" wird eigentlich wieder nur der wahre Skandal vernebelt, nämlich daß wir mittlerweile neofeudale Verhältnisse haben, und das global.
Aber statt das Problem der immer weiter wachsenden obszönen Vermögen einer kleinen Elite anzugehen, hetzt man die Mittelschicht lieber gegen Sozialstaat und Niedriglöhner auf (Stichwort : Augen auf bei der Berufswahl), damit sie sich auf die Seite der Elite schlägt. Und man suggeriert den 25% der im Niedriglohnsektor arbeitenden Sklaven, man müsse sich halt nur etwas mehr anstrengen, dann klappts auch mit dem Aufstieg. ...


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Bli-Bla-Blubb #9

Übliche beschwichtigende Leitmedien-News aus der Reihe "Deutschland geht es gut!"


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Bartelby d.S. #10

Endlich schließt sich die Schere zwischen Arm und Reich.
Wie viele Bundeskanzler vor Merkel haben das nicht geschafft?
Das sollte wir auch mal anerkennen.


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doket #11

Also die Einführung eines Mindestlohnes geht nun wirklich nicht auf das Konto von Frau Merkel.


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Ichweißesdochauchnicht #13

Hm, wenn ich mir die Kommentare so durchlese ...

... wie wäre es denn mit einem Einheitslohn?

Egal was für Tätigkeiten, Verantwortung, Führung, Studium ... alle verdienen das selbe?
Viele würden das anscheinend stark bevorzugen?

(Duck und weg)


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kuestenwache #13.3

In so einem Unternehmen habe ich mal gearbeitet. Da ging die Diskussion nicht mehr um: der kriegt ja mehr als ich. Da war es dann: der arbeitet/leistet weniger (und kriegt das gleiche Geld).

:-)



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DANKE-EZB #14

Arbeitslohn unterliegt bei uns in Deutschland einer hohen Steuerbelastung, als auch einer hohen Belastung mit Sozialabgaben.

Seit ca. 10 Jahren haben wir eine Nullzinspolitik. Die ich persönlich hervorragend finde. Fairerweise muss man erwähnen, dass Menschen (bzw. deren Erben), die bereits vor 10 Jahren Vermögen hatten und vor allen Dingen Menschen (bzw. deren Erben), die dieses Vermögen eingesetzt haben und mit Darlehen zu Niedrigzinsen, Sachwerte (Immobilien, Beteiligungen, Oldtimer, Uhren etc.) die großen finanziellen Gewinner der gesamten Entwicklung sind. Diese beschriebenen Gewinne werden zusätzlich noch überwiegend steuerfrei bzw. sehr gering versteuert (deutlich geringer als die Belastung von Arbeitslohn) einbehalten und an die nächste Generation übertragen.
Die in dem Artikel beschriebene Angleichung der Löhne, sind im Grunde nur die Krümel, die vom vielen EZB-Geld übrig geblieben sind. Die meisten Menschen wollen es so. Arbeiten gehen, hohe Abgaben zahlen und ein kleiner Teil (Vermögensinhaber bzw. deren Erben) wird immer reicher. Jeder kann reich werden, nur nicht alle.


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joachimrang #15

Wow, das sind ja mal tolle Entwicklungen!
Ich war anfänglich dem Mindestlohn gegenüber eher skeptisch und hatte mit negativen Auswirkungen gerechnet. Aber die blieben dann aus und das hier sind jetzt deutlich positive Entwicklungen.
Also da lag ich mit meiner Einschätzung zum Mindestlohn echt daneben.


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passionsblume #18

"Ein Grund dafür dürfte der Mindestlohn sein."

Wobei die C-Parteien und Arbeitgeberverbände strikt dagegen waren und prognostiziert haben, dass die deutsche Wirtschaft zusammenbricht.


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Teddy58 #18.1

Vor dem Mindestlohn gab es ja auch noch "Tariflöhne" von 3.45€ (Friseure in Sachsen).
Da waren die über 8 Euro schon ein ganz schöner Sprung


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« Reply #1104 on: September 16, 2020, 01:33:37 nachm. »
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[...] Zu: „Obdachlosigkeit kann überwunden werden“ Interview Hubert Ostendorf, Gründer des Düsseldorfer Straßenmagazins „fiftyfifty“, spricht über den Housing First-Ansatz, mit dem Wohnraum für Wohnungslose geschaffen wird - Tim Engartner


Christian Brecht | Community


Zitat: "Obdachlosigkeit kann überwunden werden"

Es ist bezeichnend für ein angeblich "christliches", "zivilisiertes" und "kultiviertes" Land wie Deutschland mit angeblich "gebildeten" Bürgern, dass man eine Tatsache wie „Obdachlosigkeit kann überwunden werden“ im Jahr 2020 als Überschrift in einem Artikel hervorheben muss.

Nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg, als viele Städte hierzulande in Trümmern lagen und es in Deutschland Millionen Obdach- bzw. Wohnungslose gab, war das möglich. Und heutzutage sollte das nicht möglich sein?

Verantwortlich für diesen beschämenden Zustand im Jahre 2020 sind zwar auch die neoliberal-konservativen und pseudo-sozialdemokratischen Politiker in diesem unserem "christlichen" Lande. Wenn sich Spekulanten, die sich an den Finanzmärkten beim Milliardenpoker verzocken, dann werden von "christlichen" und "konservativen" Politikern binnen weniger Tage 500 Milliarden Euro für "notleidende Banken" aus dem Hut gezaubert. Aber für Obdachlose sind nicht einmal ein paar lausige Millionen da. Wegschauen ist eben viel billiger.

Verantwortlich für diesen beschämenden Zustand in unserem reichen Land sind aber auch die vielen Speichellecker, Arschkriecher und Hofberichterstatter in den Medien, die vom angeblichen "Linksruck" in Deutschland faseln und das Problem entweder ignorieren oder mit anderen Themen davon ablenken.

[...] Verantwortlich für diesen beschämenden Zustand sind auch neoliberale Wirtschaftsprofessoren an deutschen Universitäten und Hochschulen, die seit Jahren das Dogma vom effizienten Markt predigen, der am Ende alles zum Besten regelt, wenn sich der Staat aus der Politik raushält.

Verantwortlich für diesen beschämenden Zustand in unserem reichen Land sind aber vor allem die ignoranten, arroganten, dekadenten, scheinheiligen, verlogenen und opportunistischen (Mit-)Bürger in diesem Lande, die diese neoliberal-konservativen Politiker und Parteien in den letzten Jahrzehnten gewählt haben und immer noch wählen.

Und was sagen die "heilige" Angela von Merkel und der "christliche" Kronprinz von Großbayern, Dr. Markus Söder, zu diesem Problem? Ganz einfach: Nix! Wenn man mit dem Helikopter über das Land schwebt, sieht man die "Penner" bzw. "Wohnsitzlosen" (wie die formal-juristische korrekte Bezeichnung in unserem Sozialstaat lautet) da unten nicht.

[...] Wenn es um Obdachlosigkeit bzw. Wohnungsnot geht, machen die Nationalisten, Sozialdarwinisten und rechten "Patrioten", die Tage ein Tag aus mit der Deutschlandfahne herumwedeln, offenkundig keinen Unterschied zwischen reinrassigen Deutschen und Ausländern bzw. Migranten. Für "aufrechte" und "saubere" Deutsche waren und sind Obdachlose eben keine Menschen mit Würde, sondern sozialer Abfall.



Kommentar zu: „Obdachlosigkeit kann überwunden werden“ | https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/obdachlosigkeit-kann-ueberwunden-werden (16.09.2020)

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« Reply #1105 on: September 17, 2020, 10:36:12 vorm. »
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[...] Es sind Lehrer aus Polen, deren Gehalt kaum fürs Leben reicht, und Roma aus Rumänien, die nach zu kurzer Schulausbildung nur wenig Aussicht auf gute Jobs haben. Es sind Arbeiter aus der Slowakei, die täglich über die Grenze pendeln, und Ehepaare aus der Ukraine wie aus Serbien, die ihre Heimat für bis zu acht Monate im Jahr für höhere Löhne im Ausland verlassen.

15.000 Erntehelfer, überwiegend aus Osteuropa, arbeiten jährlich auf Österreichs Feldern. Viele treibt Armut im eigenen Land zu Jobs in der Landwirtschaft. Die wenigsten sprechen gut Deutsch. Die meisten kennen ihre Rechte hier nicht. Eingefädelt werden Saisonstellen gern über Vorarbeiter und Vermittler.

Ihr Stundenlohn liegt, nach Bundesland geringfügig variierend, bei rund acht Euro brutto. Ihre Quartiere dürfen maximal 1,31 Euro pro Tag kosten, inklusive Verpflegung nicht mehr als 6,54 Euro. So will es das Gesetz. In der Realität verdienen viele unter ihnen gerade einmal die Hälfte, sagt Gewerkschafter Karl Orthaber, der bei der Pro-Ge Erntehelfer betreut. Er erzählt von manipulierten Arbeitszeitaufzeichnungen, unbezahlten Überstunden und zahnlosen amtlichen Kontrollen. "Ich rede nicht von wenigen schwarzen Schafen. Lohn- und Sozialdumping haben in der Branche System."

Im Frühsommer schlug ein Skandal rund um ausgebeutete Erntehelfer auf Marchfelder Spargelfeldern hart in der Landwirtschaft auf. Nun sorgt ein Salatbauer aus der gleichen Region für Schlagzeilen. Er meldete Leute zu spät oder gar nicht bei der Sozialversicherung an. Statt der offiziell vereinbarten 40 Stunden die Woche arbeiteten sie auf Niederösterreichs Äckern teils das Doppelte, bis hin zu 100 Stunden.

Josef Peck sieht darin, anders als die Gewerkschaft, Einzelfälle, wie es sie auch am Bau und in der Gastronomie gebe. Der Obmann des Verbands der Obst- und Gemüsebauern spricht von reiner Gier, die den Betrieb ins Sozialdumping getrieben habe. In der Regel würden die Arbeiter gut bezahlt. Dafür sorge auch hoher Bedarf an regionalen Produkten. "Keiner wird vom Markt dazu gezwungen, Menschen auszubeuten."

Marchfelder Landwirte zeichnen ein diffizileres Bild des betroffenen Bauern, ohne die Missstände zu verharmlosen. Da sei versucht worden, einen durch wirtschaftliche Fehler abgerackerten Betrieb auf neue Beine zu stellen. Viele Mitarbeiter hätten kostenlos gewohnt, durften Firmenautos nutzen, im Garten grillen.

Dass in der Branche mehr Überstunden geleistet werden, als angemeldet sind, wisse jeder, der aus der Landwirtschaft komme. Auch die Arbeiter selbst hätten Interesse daran, in der kurzen Saison, die sie in Österreich sind, so viele Stunden wie möglich reinzupacken. Überdies sei der Druck aus dem Handel vor allem bei nicht lange haltbarem Frischgemüse enorm.

Bauern berichten von Händlern, die Salat auf Kosten des Produzenten retournieren, steht er zu lang in deren Regalen. Lieferungen würden abrupt gestoppt, was die verderbliche Ware bei ihnen verfaulen lasse. Ist die Witterung widrig, drohen ungeplante Stehzeiten. Immer wieder nehme sich der Handel das Recht heraus, auch um sechs Uhr abends zu bestellen, was Arbeit bis Mitternacht nach sich ziehe.

Und diese ist hart. In den Wochen des Lockdowns, in denen auch Österreicher auf Feldern aushalfen, zeigte sich, dass die meisten von ihnen schlicht überfordert waren.

Im Vergleich zu den Einkommen im eigenen Land verdienten Saisonkräfte in Österreich immer noch erheblich mehr – was diese dazu veranlasse, der Branche oft über Jahrzehnte hinweg treu zu bleiben, betonen Bauern. In Serbien etwa würden auf Äckern in der Stunde allein 1,50 Euro rausspringen.

Elisa Kahlhammer beobachtet in Österreich versteckten Rassismus und Gutsherrenmentalität. Sie ist im Dienste der Erntehelfer seit Jahren auf Feldern unterwegs und koordiniert für die Gewerkschaft die Kampagne Sezonieri, die Arbeiter über ihre Rechte aufklärt.

"In Bereichen, in denen viele Migranten beschäftigt sind, fehlen Arbeitgebern Unrechtsbewusstsein und Fürsorgepflicht", sagt sie. Vielerorts klinge durch, die Leute sollten froh sein, dass sie hier besser verdienten als anderswo. Dass in Österreich jedoch Gleichstellung gesetzlich verankert ist, dass sich die Gesellschaft dazu verpflichtet hat, klare Maßstäbe zu setzen, wer wie hoch zu bezahlen ist, werde ausgeblendet. "Ja, es ist so, dass viele Erntehelfer auch mit wenig zufrieden sind. Aber das rechtfertigt nicht, Kollektivverträge zu untergraben."

Orthaber fordert Kontrollen, "die diesen Namen auch verdienen". Lebensmittel würden stark auf ihre Qualität hin geprüft. Die Bedingungen, unter denen sie produziert werden, seien jedoch zweitrangig. Zuständig für Kontrollen sind Arbeitsinspektoren. Die Steiermark etwa zähle für 3.000 Betriebe lediglich zwei, die nur teils dafür zuständig seien, gibt Orthaber zu bedenken.

Der Interessenvertreter der Erntehelfer sind die Landarbeiterkammern. In Wien gibt es für rund tausend Arbeiter keine.

Den Mut, sich gegen Missstände zu wehren, haben ohnehin sehr wenige, sagt Kahlhammer. Zu klein sei das Vertrauen in die Behörden, zu groß die Angst, sich damit auch andere Jobs in Österreich zu verbauen. (Verena Kainrath, 17.9.2020)


Aus: "Schwere Kost: Hat die Ausbeutung von Erntehelfern in Österreich System?" Verena Kainrath (17. September 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000120057690/schwere-kost-hat-die-ausbeutung-von-erntehelfern-in-oesterreich-system

Quote
Richard Wagner

Die gute alte Gutsherrenzeit.


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Andreas Wasserbauer, 17. September 2020, 09:20:34

Ein System, das nur funktioniert, weil es große Einkommens- und Wohlstandsunterschiede in benachbarten Gesellschaften gibt, ist unabhängig von den ethisch/moralischen Implikationen nicht nachhaltig.

Das gilt für die Landwirtschaft genauso wie für den Pflegebetrieb in Österreich.


Quote
da erich

"Hat die Ausbeutung von Erntehelfern in Österreich System?"

Ja.

Und weiter? Konsequenzen bei unserer türkisen Regierung?

Es wird keine geben ...


Quote
gb12

Ja, Kapitalismus funktioniert nur mit Ausbeutung.


Quote
specific dude

Eine gute Freundin von mir stammt von einem Bauernhof, mit relativ viel Grund.
Gurkerl, Spargel, in die Richtung bauen die an.

Es kommen dort jedes Jahr etwa 20 Erntehelfer, meist aus der Ukraine, für einige Wochen zur Ernte.
Die werden in einem alten Stadl mit 3 Schlafräumen, einer kleinen Küche, Waschraum und Toilette eingepfercht, verdienen unter Mindestlohn, sind soweit ich weiß teilweise nicht angemeldet.

Währenddessen baut die Familie ihr drittes Haus mit Pool (und Whirlpool), fährt nichts geringers als Audi und Mercedes SUVs und gönnt sich des öfteren, zusätzlich zu den normalen Urlauben, einen Familienurlaub um ~10.000 € pro Person in den USA, den der Papa zahlt.
Aja, sie sind auch über die EU Förderungen sehr happy.

Aber ja, es geht sich nicht aus die Erntehelfer ordentlich zu bezahlen...

Ich habe extra dazu geschrieben "mit relativ viel Grund".
Dass es Kleinbauern nicht leicht haben, ist klar.


Quote
da erich

Einzelfall.


Quote
Gute_Miene

Ist auch bei Pflege so: die sollen froh sein, dass sie arbeiten dürfen. Hört man oft.


Quote
Koe1

Natürlich hat das System. ... Und zwar nicht nur bei den Erntehelfern. Da gibt es auch andere Branchen. Paketdienste und Krankenpflege fällt mir da sofort ein.
Und die eigentlichen Verursacher sind die großen Handelsketten. Die verursachen durch den Preisdruck Riesenprobleme.


Quote
KRW_Leaf

Wer hätte das gedacht? - Ausbeutung in einem gewinnmaximierenden marktwirtschaftlichen System? ...


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« Last Edit: September 17, 2020, 10:40:17 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #1106 on: September 17, 2020, 12:12:34 nachm. »
Quote
[...] Der Mann auf Spiegel TV [https://www.youtube.com/watch?v=bCaTX7gd32E] ist sich sicher. „Wir wollen unseren Kaiser zurück! Wir wollen zurück auf Ehrlichkeit, auf Menschlichkeit!“, sagt er auf einer Coronademo in Baden-Württemberg. In Berlin wird wenig später die Treppe des Parlamentsgebäudes von schwarz-weiß-roten Reichsflaggen geflutet. Während die Reichskriegsflagge – die mit dem Eisernen Kreuz in der Mitte – schon immer ein verkapptes Erkennungszeichen von Neonazis war, scheinen die Reichsflaggenschwenker, vor allem aber ihre Mitläufer, ein diffuseres Bild abzugeben. Ihr gemeinsamer Nenner ist offenbar: Sie fantasieren von einer Einheit zwischen „dem Volk“ und dem starken Mann an der Spitze, ohne lästige, korrupte Politiker dazwischen, die den „Volkswillen“ ignorieren. Und der Chef greift, wenn nötig, mal so richtig durch.

Würden sie sich mit dem Kaiserreich ein bisschen näher beschäftigen – die Kette der Enttäuschungen wäre sehr lang. Das fängt mit dem Namensgeber an. Der durfte sich nicht „Kaiser von Deutschland“ nennen, sondern er hieß, ziemlich profan, „Deutscher Kaiser“. Ein feiner Unterschied und ein Kompromiss mit den Fürsten der Einzelstaaten, die sich nicht als Untertanen des neuen Kaisers sahen. Der Kaiser hatte Macht, aber sie war nicht absolut. Jede Entscheidung musste er sich vom Reichskanzler absegnen lassen, selbst öffentliche Reden. Zwar konnte der Kaiser den Kanzler jederzeit entlassen, aber ein starker Regierungschef wie Bismarck schaffte es, 19 Jahre lang drei Kaiser zu beeinflussen, gar zu lenken.

Der Reichstag besaß für damalige Verhältnisse ziemlich viele Rechte. Gesetze mussten durch das Parlament gehen. Im Reichstag saßen Fraktionen, die im Laufe der Jahre feste Lager bildeten. Fraktionen, Parteien? Fänden diejenigen, sie sich heute hinter Reichsflaggen versammeln, wohl nicht so gut.

Das Deutsche Reich war kein Führerstaat, sondern ein kompliziertes Geflecht aus Machtzentren, die sich gegenseitig relativierten. Hätten die heutigen Bewunderer des Kaiserreichs damals gelebt, hätten sie wohl, wie heute, von „denen da oben“ gesprochen. Denn auch das damalige politische Getriebe war auf den ersten Blick nicht leicht zu durchschauen.

Sie wären außerdem entgeistert von den sehr unterschiedlichen politischen und sozialen Verhältnissen. Im Jahr 1892 brach in Hamburg die Cholera mit 8.500 Toten aus, weil der Stadtstaat das Trinkwasser direkt aus der Elbe bezog. Das benachbarte preußische Altona blieb von der Cholera verschont, dort wurde das Trinkwasser besser aufbereitet. Mittelalter und Moderne lagen ziemlich nahe beieinander – Föderalismus in Extremform. Und sehr wahrscheinlich hätten die Reichsfans, hätten sie damals gelebt, zur großen Mehrheit der Besitzlosen gehört. Wenn sie Fabrikarbeiter gewesen wären, hätten sie täglich 10 bis 12 Stunden schuften müssen, als Dienstmädchen in der Regel noch länger. Die Wohnbedingungen gerade in den Großstädten wären für sie elendig gewesen.

Das Deutsche Reich war keine harmonische Volksgemeinschaft, sondern eine harte Klassengesellschaft. Die Regierungspolitik verschärfte die Spaltungen noch. Zwölf Jahre lang war die Sozialdemokratische Partei verboten. Während ihre Funktionäre als „Reichsfeinde“ verfolgt und ins Gefängnis gesteckt wurden, bildeten die Arbeiter eine Subkultur; sie schotteten sich ab, weil sie vom Staat wenig zu erwarten hatten. Wilhelm-Fans waren sie eher nicht – sie hatten einen eigenen Kaiser: den „Arbeiterkaiser“ August Bebel, den SPD-Vorsitzenden.

Mit seinem sogenannten Kulturkampf versuchte Bismarck die katholische Kirche aus dem öffentlichen Raum zu drängen und ihren Einfluss zu beschneiden – was schließlich auch die Katholiken in die innere Emigration trieb. Der Kulturkampf hatte aber noch eine zweite Ebene: Er war ein Krieg des preußischen Rationalismus gegen diejenigen, die von einer alternativen, transzendenten Wahrheit überzeugt waren. Der preußische Staat schickte schon mal die Polizei vor, wenn es zu Massenaufläufen wegen angeblicher Ma­rien­erscheinungen kam. Menschen, die nicht der protestantisch-preußischen De-facto-Staatsreligion anhingen, waren marginalisiert. Auch esoterisch Veranlagte und Impfgegner – auch die gab es damals schon – hatten wenig zu lachen. Im Jahr 1874 wurde, von Preußen initiiert, das Reichs­impf­gesetz auf den Weg gebracht, durch das für Kinder die Impfpflicht gegen die Pocken durchgesetzt wurde. Eltern, die dem nicht nachkamen, mussten mit Geld- oder Haftstrafen rechnen.

Das Deutsche Reich war ein innerlich zerrissenes, mehrfach gespaltenes Staatsgebilde, dessen Widersprüche durch äußeren Pomp nur mühsam verdeckt wurden. Auch ohne den Ersten Weltkrieg wäre es sehr wahrscheinlich zusammengebrochen.

Die Reichsfans wird man mit solchen Argumenten nicht erreichen können. Aber das Kaiserreich sollte aus der Tabuzone geholt werden. Gedenkpolitisch ist es eine Leerstelle; der Politik ist es entweder peinlich oder egal. Aber wie es mit Tabus so ist: Wird nicht darüber geredet, steigt bei vielen erst die Faszination dafür. Nicht nur bei den Demonstranten vor dem Reichstag. Auch in gediegenen Milieus kann es passieren, dass, natürlich erst nach dem dritten Whisky, dem Gast plötzlich die Liebe zum Kaiserreich gestanden wird. Geredet werden sollte auch über die verborgenen Erbschaften, die bis heute nachwirken: das Statusdenken breiter Schichten etwa, die sich nach unten abgrenzen; die oft maßlose Angst vor sozialer Deklassierung in der Mittelschicht. Oder die notorische Skepsis süddeutscher Bundesländer gegenüber „Berlin“. Reden über das Kaiserreich sollte gerade eine Bundesrepublik, die allen Ernstes den Wohnsitz des ehemaligen Kaisers, auch als Berliner Schloss bekannt, wieder aufbauen lässt. Nächstes Jahr gibt es eine prima Gelegenheit für all das: Dann jährt sich die Reichsgründung zum 150. Mal.




Aus: "Coronaleugner mit Reichsflaggen: Tabu Kaiserreich" Kommentar von Gunnar Hinck (17. 9. 2020)
Quelle: https://taz.de/Coronaleugner-mit-Reichsflaggen/!5709925/

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SAMS

Der Traum vom gerechten Monarchen, der selbstlos das beste für die Gemeinschaft anordnet, ist wohl so alt wie illusorisch! Aus der Geschichte ist mir jenseits hagiographischer Verklärungen kein Fall bekannt. Macht hat noch jede Moral verdorben und die eigene Sippe ist einem immer näher als die Masse eines Staatsvolks. Das ist biologisch angelegt und stammt aus Zeiten, als der Mensch in Großfamilien durch die Steppe zog!

Dieser Wunsch nach dem starken Führer entspringt natürlich der Suche nach Sicherheit. Man will sich mit den drängenden Fragen der Zeit nicht selbst beschäftigen um seine demokratische Wahlentscheidung zu treffen. Demokratie braucht aber ein gewisses Maß an Mitarbeit und Mitdenken und ihr Ende ist vorprogrammiert, wenn die Mehrheit des Stimmvolks diese Anstrengung nicht mehr aufbringen will oder kann. Einen gewissen Präsidenten als korrupten Idioten zu entlarven, ist ja nun wirklich nicht schwer, aber trotzdem machen im Herbst wohl viele Amis ihr Kreuz für ihn. Einfach weil sie es nicht gewohnt sind, über ihre Entscheidung nachzudenken oder ein Faktencheck seiner Propagandalügen jenseits ihrer Möglichkeiten liegt. Mag es an der medialen Filterblase liegen oder schlicht am Intellekt...


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Haresu

Jawoll. Samstags gab es übrigens auch keine Demo, da wurde gearbeitet. Abends dann mit viel Glück alle hintereinander in die Badewanne, Erbseneintopf, dann ins Bett, weil total erschöpft. Manchem möchte man das glatt mal wünschen.


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Rolf B.

Danke, taz. Wie immer klärst Du, liebe taz, rein sachlich auf. Z.B. wenn Du schreibst, dass in Berlin die Treppe zum Reichstag "von schwarz-weiß-roten Reichsflaggen geflutet" wurde. Ich habe da im Fernsehen ein paar Verrückte gesehen, die angetrieben von einer Heilpraktikern aus der Eifel, von 3 Polizisten aufgehalten wurden, die mit ihrem Knüppel drohten. Streng genommen eine Lachnummer.

Und dnke taz, dass Du aufklärst und deutlich klarstellst, dass das Leben unter den deutschen Kaisern von einer regiden Klassengesellschaft geprägt war.

Es hat sich viel getan. Statt Pickelhaube oder Tschako nun Schutzkleidung und schwarze Helme, Vermummung, Kampfgas und Wasserwerfer, die jede Demonstration sprengen können, unterstützt mit neuen Polizeigesetzen.

Was dem einen die Reichsflagge, ist dem anderen sein Berliner Schloss oder die Garnisonskirche in Potsdam.

Und was dem einen die Demokratie ist, ist dem anderen eine Klassengesellschaft.

Die wirren TrägerInnen der Reichsflagge sind doch letztendlich Teil unserer Gesellschaft, genauer Produkt dieser Gesellschaft, die wie schon zu WII Zeiten auch eine Klassengesellschaft ist. Aber selbstverständlich eine moderne. Aber ist sie auch aufgeklärter?


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joaquim

"Diejenigen, die sich heute den Kaiser zurückwünschen, hätten unter ihm nichts zu lachen gehabt." Das kann man über die heutigen Nazis und Hitler wohl genauso sagen.


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« Reply #1107 on: September 21, 2020, 09:37:01 vorm. »
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[...] Das reichste Prozent der Weltbevölkerung bläst einer Studie zufolge mehr als doppelt so viele klimaschädliche Kohlendioxid-Emissionen in die Atmosphäre wie die ärmere Hälfte der Menschheit zusammen. Das geht aus einem Bericht hervor, den die Entwicklungsorganisation Oxfam vor der am Dienstag beginnenden Generaldebatte der 75. UN-Vollversammlung in New York veröffentlichte.

Oxfam forderte, den CO2-Verbrauch der Wohlhabenden einzuschränken, mehr in öffentliche Infrastruktur zu investieren und die Wirtschaft klimagerecht umzubauen.

Der Bericht konzentriert sich auf die klimapolitisch wichtigen Jahre von 1990 bis 2015, in denen sich die Emissionen weltweit verdoppelt haben. Die reichsten zehn Prozent der Menschen (630 Millionen) seien in dieser Zeit für über die Hälfte (52 Prozent) des CO2-Ausstoßes verantwortlich gewesen, berichtete Oxfam. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung (63 Millionen Menschen) allein habe 15 Prozent verbraucht, während die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung nur für sieben Prozent verantwortlich gewesen sei.

Die katastrophalen Folgen der Klimakrise seien schon heute vielerorts spürbar. „Verantwortlich dafür ist eine Politik, die auf Konsumanreize setzt, immerwährendes Wachstum verspricht und die Welt ökonomisch in Gewinner und Verlierer spaltet“, sagte Ellen Ehmke, Expertin für soziale Ungleichheit bei Oxfam Deutschland. „Für den Konsumrausch einer reichen Minderheit zahlen die Ärmsten den Preis.“

In Deutschland sind laut Oxfam die reichsten zehn Prozent oder 8,3 Millionen Menschen für 26 Prozent der deutschen CO2-Emissionen im untersuchten Zeitraum verantwortlich. Die mit 41,5 Millionen Menschen fünf Mal größere ärmere Hälfte der deutschen Bevölkerung habe mit 29 Prozent nur etwas mehr verbraucht.

Ein Hebel im Kampf gegen den Klimawandel sei der Verkehr, insbesondere der Flugverkehr. Besonders kritisch sieht Oxfam Stadtgeländewagen (SUV), die zwischen 2010 und 2018 die zweitgrößten Emissionstreiber gewesen seien.

„Wir müssen die Klima- und die Ungleichheitskrise zusammen lösen“, sagte Ehmke. Der exzessive CO2-Verbrauch der Reichsten gehe auf Kosten aller und müsse eingeschränkt werden. „Steuern für klimaschädliche SUVs und häufiges Fliegen wären ein erster Schritt.“ (dpa)


Aus: "Wohlhabende schädigen Klima deutlich mehr als Arme" (21.09.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/co2-ausstoss-der-reichsten-wohlhabende-schaedigen-klima-deutlich-mehr-als-arme/26203910.html

https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2020-09/klimawandel-co2-ausstoss-wohlhabende-menschen-oxfam-studie

Quote
Ted Lucas #1

Das reichste 1 Prozent im asozialen Konsumrausch, soso, das ist ja was ganz Neues. Vielleicht sollte über die Einweisung in die geschlossene Abteilung einer Suchtklinik nachgedacht werden, mit allen Schnickschnack, der so dazugehört, Entmündigung, Vermögen einziehen usw.


Quote
Schönundgut #1.2

Sind Sie wirklich ganz sicher, dass Sie nicht selbst davon auch betroffen wären?
Denn merke: Reichtum geht nicht erst beim Cayenne los.


Quote
joe_leads #1.25

Ach du meine Güte. Jemand verkauft sein Auto, weil er es nicht mehr braucht (machen wir gerade auch, im Tausch gegen ein Lastenrad), und jemand anderes flippt gleich aus, es würde ein neuer Sozialismus drohen. In was für einer Gesellschaft leben wir?


Quote
chankal #9

Die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung hat nix anderes im Kopf, als genauso zu leben, wie die die reichere Hälfte der Welt. Und die reichere Hälfte der Welt, zum Glück gehöre ich auch dazu, hat nicht vor, so zu leben, wie die Handvoll deutschen Hypermoralisten das gerne erzwingen möchten. Die deutschen Hypermoralisten (0,1% der Menschheit) sollten es endlich begreifen, nicht die 99,9% sind die Depperten!


Quote
michel II #9.13

Purer Egoismus wird mit Aussterben bestraft.


Quote
Hextech #17

Ungebremste Gier und maßloser Hedonismus der Herrscherklasse führen das Leid aller herbei? Das hat es ja noch nie gegeben!

/s


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« Last Edit: September 23, 2020, 06:17:09 nachm. by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

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« Reply #1108 on: September 26, 2020, 01:32:47 nachm. »
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[...] Er ist einer der lautstärksten Unterstützer des Brexits: Jim Ratcliffe, Multimilliardär und Chef des Petrochemiekonzerns Ineos. Das hat den reichsten Briten allerdings nicht davon abgehalten, nach erfüllter Mission nach Monaco zu ziehen.

 Wie die Finanznachrichtenagentur Bloomberg berichtet, ist Ratcliffe nun offiziell Einwohner des Fürstentums und muss damit weder Einkommen noch Dividenden versteuern. Das dürfte sich für den 67-Jährigen durchaus lohnen, denn Bloomberg taxiert das Vermögen des Brexit-Befürworters auf umgerechnet 19,3 Milliarden Euro.

Vor zwei Jahren hatte Ratcliffe noch versichert, auch nach dem Brexit in Großbritannien zu bleiben. Doch seitdem gab es immer wieder Berichte, der Milliardär bereite sich wie die zwei anderen Ineos-Top-Manager darauf vor, die Insel zu verlassen.

Der Konzern hatte 2010 aus steuerlichen Gründen den Sitz in die Schweiz verlegt. Sechs Jahre später ging es dann vor dem Hintergrund der Brexit-Unterstützung zurück nach Großbritannien. Ratcliffe versicherte später, die dreiköpfige Ineos-Spitze habe tiefe Reue für den Wegzug in die Schweiz empfunden. Schließlich seien er und seine beiden Mitstreiter zutiefst britisch. Die Entscheidung für die Schweiz sei im "Spannungsfeld von Emotionen und Steuer-Pragmatismus" gefallen.

Nun zieht es Ratcliffe also nach Monaco. Auch andere sehr reiche Unterstützer des Brexits haben ihren Lebensmittelpunkt und ihr Vermögen ins Ausland verlagert, nachdem sich die Briten 2016 in einem Referendum dafür ausgesprochen hatten, die Europäische Union zu verlassen. Prominentestes Beispiel ist James Dyson. Der Erfinder der beutellosen Staubsauger lebt mittlerweile in Singapur.

Quelle: ntv.de, jga


Aus: "Reichster Brite verlässt Insel: Brexit-Fan Ratcliffe zieht nach Monaco" (Freitag, 25. September 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Brexit-Fan-Ratcliffe-zieht-nach-Monaco-article22059778.html


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« Reply #1109 on: September 28, 2020, 12:26:27 nachm. »
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[...] Donald Trumps orange Haartracht ist für den amerikanischen Steuerzahler eine teure Angelegenheit: Mehr als 70.000 Dollar setzte der Immobilienmogul nach Recherchen der "New York Times" für das Styling seiner Frisur während der Laufzeit seiner Show "The Apprentice" von der Steuer ab. Und auch nach dem Umzug ins Weiße Haus sorgten eine Vielzahl von Abschreibungen und Verluste dafür, dass Trump vom Fiskus weitgehend verschont blieb. Der Zeitung zufolge hat er in 11 von 18 Jahren keinen Cent ans Bundesfinanzamt überwiesen. Im Jahr seines Wahlsiegs und dem ersten Amtsjahr zahlte der Mann, der sich vor seinen Anhängern rühmt, "wirklich reich" zu sein, jeweils 750 Dollar.

Anders als die Präsidenten vor ihm weigert sich Trump beharrlich, seine Steuererklärungen zu veröffentlichen. Am Sonntag, zwei Tage vor der ersten TV-Debatte mit dem Herausforderer Joe Biden, hat die "New York Times" nun die Transparenz erzwungen. Der Zeitung liegen die Steuerdaten des Trump-Imperiums mit rund 500 Unternehmen aus zwei Jahrzehnten vor, und aus den Enthüllungen lassen sich zwei Schlüsse ziehen:

  *  Donald Trump, der sich den Wählern als begnadeter Unternehmer und selbst gemachter Milliardär verkauft, ist längst nicht so erfolgreich, wie er behauptet,

  *  oder er hat die Kunst der Steuervermeidung zulasten der amerikanischen Staatskasse bis aufs Letzte ausgereizt.

Die Recherchen der Zeitung deuten darauf hin, dass es sich um eine Kombination beider Faktoren handelt. Immerhin eine Geschäftsidee des New Yorkers zahlte sich zunächst aus: die Eigenvermarktung.

Mit seiner Realityshow "The Apprentice" und Lizenzgebühren für die Verwendung seines Namens nahm er insgesamt 427 Millionen Dollar ein. Das Geld reinvestierte Trump vorzugsweise in Golfplätze, die sich allerdings selten als profitabel erwiesen. 2015 war seine Finanzlage offenbar so prekär, dass die "New York Times" eine schon nach Trumps überraschendem Wahlsieg 2016 aufgekommene Vermutung bestätigt sieht: dass er mit der Kandidatur auch den schwächelnden eigenen Marktwert aufpäppeln wollte.


Trump selbst nannte den Bericht am Sonntagabend "totalen Fake" und behauptete, "eine Menge" Steuern vor allem auch im Bundesstaat New York gezahlt zu haben. Mit Verweis auf eine laufende Steuerprüfung lehnte er es aber erneut ab, Zahlen zu nennen. "Sie behandeln mich schrecklich, (die Steuerbehörde) IRS, schrecklich", hatte er sich kürzlich beschwert.

Was es mit dieser Steuerprüfung auf sich hat, legt nun die "New York Times" dar: 2010 habe Trump vom Fiskus einen "Quickie" kassiert, eine kurzfristige Steuerrückerstattung, die jedoch vorbehaltlich weiterer Prüfung gewährt wird. Das Geschenk verdankte er vor allem einer Steuerreform der Obama-Regierung, die die Möglichkeit des Verlustrücktrags nach der Finanzkrise ausgedehnt hatte. Insgesamt erhielt Trump eine Rückzahlung von 73 Millionen Dollar. Immer noch streitet er mit dem Finanzamt, ob die Zahlung zu Recht erfolgte.

Die Recherchen der Zeitung lassen nicht nur Zweifel an Trumps Steuerehrlichkeit aufkommen, sondern auch an seinen Fähigkeiten als Investor. Und sie werfen ein Licht auf seine Interessenkonflikte als Präsident.

    So wurde das knapp 230 Acre (etwa 100 Hektar) große Anwesen "Seven Springs" im Bundesstaat New York, laut Trump-Organisation "ein Rückzugsort für die Trump-Familie", gegenüber dem Fiskus als Geschäftsinvestment klassifiziert. Der Vorteil: Grundsteuern konnten voll als Betriebsausgaben abgesetzt werden. Und zudem machte Trump den Verzicht auf eine Entwicklung des Geländes als 21-Millionen-Dollar-Wohltätigkeitsspende geltend.

    Regelmäßig verschlangen ominöse Beraterhonorare rund ein Fünftel der Einnahmen seiner Projekte. So kassierte ein nicht genannter Experte für Hotelprojekte in Hawaii und Vancouver 747.622 Dollar Gebühren - zufälligerweise entspricht das exakt dem Betrag, den Tochter Ivanka Trump als Einnahme ihrer Beratungsfirma deklarierte.

    Trumps Golfklubs scheinen Löcher ohne Boden zu sein: Seit 2000 häufte er der Zeitung zufolge Verluste von über 300 Millionen Dollar an. Als finanzieller Fehlschlag erwies sich vor allem das größte der Resorts, das Trump National Doral Miami. Erst nach einer Welle der Empörung hatte sich der Präsident dieses Jahr davon abbringen lassen, dort den G7-Gipfel abzuhalten. Aber auch sein Luxushotel in Washington, das zur Anlaufstelle von Lobbyisten und Parteigängern geworden ist, macht Millionen Miese.

    Ein Trost für ihn: In seiner Luxusabsteige Mar-a-Lago schossen die Gewinne hoch, nachdem er seine Kandidatur erklärt hatte. Die Einnahmen aus Aufnahmegebühren stiegen von 664.000 Dollar in 2014 auf knapp sechs Millionen Dollar 2016, bevor Trump dann den Mitgliedsbeitrag verdoppelte.

Seine Geldgeber dürften den Ausgang der Präsidentschaftswahl mit besonderer Spannung erwarten. Der Zeitung zufolge haftet er persönlich für 421 Millionen Dollar an Schulden. Der Großteil davon werde in den kommenden vier Jahren fällig.


Aus: "Steuertricks des Trump-Imperiums: 70.000 Dollar für die Frisur - abgesetzt von der Steuer" Ines Zöttl, Washington (28.09.2020)
Quelle: https://www.spiegel.de/wirtschaft/70-000-dollar-fuer-die-frisur-auf-kosten-des-fiskus-a-664ad8f0-e80d-4aac-86a1-c7c61e063461

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Olga

Damit ist es nun bewiesen. Trump ist der größte Dealmaker ever. Zumindest was das bescheissen des Finanzamts angeht. ...


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Roinern

Was soll der Neid – immerhin hat er die Haare schön :)


...

-

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[...] Trump wollte [ ] die Oberschicht (inklusive sich selbst) stärker besteuern und die Mittelklasse dafür entlasten. Bei der großen Reform senkte er die Steuern aber wesentlich stärker für Wohlhabende und treibt damit die Staatsverschuldung in neue Rekordhöhen. ... Untere Einkommensschichten hätten Grund, enttäuscht von Trump zu sein: Er hatte versprochen, den Mindestlohn zu erhöhen. Der steht aber noch immer unverändert bei 7,25 Dollar pro Stunde.

... Seine Wählerschaft, die vor allem außerhalb der Großstädte lebt, ist [ ] weniger vom Virus betroffen. Doch die schlimmsten Auswirkungen auf die unteren Einkommensschichten kommen noch. Irgendwann werden die staatlichen Finanzhilfen für die Menschen ausbleiben. Zwangsräumungen wegen Mietzahlungsrückständen sind zwar bis Ende des Jahres ausgesetzt, aber die Schulden werden immer mehr. Die große Frage ist, wie die Menschen mit ihren Ängsten umgehen und wie dies ihre Wahlentscheidung beeinflusst.

Hat Trump also alle Versprechen gehalten? Nein. Hat er alle gebrochen? Auch nicht. Trump hat größtenteils republikanische Positionen vertreten, Priorität auf die Wirtschaft und die Unternehmen gelegt. Aus Sicht von Republikanern und Konservativen sind das Punkte, die für ihn sprechen.

...


Aus: "Zu 51 Prozent erfolgreich Niemand kann sagen, Trump sei gescheitert" Aus einer Analyse von Roland Peters (Sonntag, 27. September 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/politik/Niemand-kann-sagen-Trump-sei-gescheitert-article22057909.html
« Last Edit: September 28, 2020, 02:22:44 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #1110 on: September 28, 2020, 02:41:16 nachm. »
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[...] Immer mehr Hartz-IV-Empfänger müssen sich regelmäßig Geld vom Jobcenter leihen, um über die Runden zu kommen. Auch die Höhe der gewährten Darlehen hat sich seit 2007 fast verdoppelt. Das geht aus Zahlen des Jobcenters hervor. Vor 13 Jahren hat die Behörde 16.785 Euro an 82 Arbeitslosengeld-II-Empfänger verliehen. 2019 waren es mehr als 66.000 Euro an 163 Empfänger. Der durchschnittliche Darlehensbetrag stieg von 205 auf 408 Euro. 

Gedacht sind die zinslosen Darlehen als Hilfe, wenn ein Hart-IV-Empfänger in einer finanziellen Notlage ist. Dann kann ihm das Jobcenter einen gewissen Betrag gewähren. Die Rückzahlung erfolgt, indem das Arbeitslosengeld II gekürzt wird. Die Zahlen, die das Jobcenter Bremen präsentiert, spiegeln in etwa den bundesweiten Trend wider. Auch hier hat sich die Höhe der gewährten Darlehen seit dem Jahr 2007 nahezu verdoppelt. Das geht aus einer Antwort der Bundesagentur für Arbeit (BA) auf eine Anfrage der Linken-Bundestagsabgeordneten Sabine Zimmermann hervor.

Dass immer mehr Hartz-IV-Empfänger sich immer höhere Summe leihen müssen, führt das Jobcenter Bremen vor allem auf den gestiegenen Strompreis zurück. „Dabei ist zwischen Heizstrom und Haushaltsenergie zu unterscheiden“, teilt die Behörde mit. Kosten für Heizstrom würden als Teil der Unterkunftskosten übernommen. Strom, der im Haushalt beispielsweise für den Kühlschrank oder die Beleuchtung verbraucht wird, nicht. Seit der Jahrtausendwende ist der Preis für Strom von 13,94 auf 30,43 Cent pro Kilowattstunde in 2019 gestiegen. Diese gestiegenen Preise „wirken sich vermutlich auch auf die Höhe entsprechender Darlehen (…) aus“. Mit dem Geld könnten drohende Stromsperren umgangen werden.

Der Regelsatz für einen alleinstehenden Hartz-IV-Empfänger liegt bei 432 Euro. Berechnet wird er anhand der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Statistischen Bundesamtes. Dafür wurden zwölf Ausgabengruppen festgelegt, deren Höhe zusammen den Regelsatz ergeben. Für Strom und die Instandhaltung der Wohnung sind demnach 8,9 Prozent vorgesehen, also 38,32 Euro.

...  In der Sozialberatung hat sie [Svenja Schulz von der Caritas Bremen] regelmäßig mit Hartz-IV-Beziehern zu tun, die Darlehen aufnehmen müssen, um über die Runden zu kommen. Dass mit dem Geld Stromsperren vermieden werden sollen, erlebt sie auch. Viele, sagt sie, die zu ihr kämen, bräuchten aber Geld, um Dinge im Haushalt anzuschaffen – etwa wenn der Kühlschrank, die Waschmaschine oder der Herd defekt seien. Für Ersatzgeräte übernimmt das Jobcenter die Kosten nicht.

Hartz-IV-Empfänger sind angehalten, für solche Fälle zu sparen. ... Thomas Beninde von der Aktionsgemeinschaft Arbeitsloser Bürger (Agab): „Natürlich kann man nichts zurücklegen“, sagt der Jurist. Schon bei der Einführung von Hartz IV 2005 sei der Regelsatz viel zu niedrig gewesen. Über die Jahre sei die Diskrepanz zwischen dem, was die Jobcenter bezahlen, und dem, was Empfänger tatsächlich bräuchten, immer größer geworden. Die Hartz-IV-Erhöhungen hätten nicht der Preissteigerung entsprochen. Untersuchungen haben laut Beninde gezeigt, dass der Regelsatz etwa 150 Euro höher sein müsste, damit Hartz-IV-Empfänger angemessen leben können.

Beninde begrüßt, dass es das Darlehen für Empfänger von Arbeitslosengeld II gibt. Er glaubt aber, dass es nur in den wenigsten Fällen wirklich helfe. Denn wer ein solches Darlehen beantragen müsse, etwa um Stromkosten zu begleichen, zahle oft auch andere Schulden ab. Und wer Geld von der Behörde bekommt, der muss schon im nächsten Monat mit der Rückzahlung beginnen – indem das Arbeitslosengeld II um zehn Prozent gekürzt wird. Das bringe wiederum neue Probleme mit sich. Beninde plädiert deshalb dafür, dass das Jobcenter das Geld in Form eines Zuschusses gewährt – und nicht als Darlehen.

Welche Folgen ein Darlehen für die finanzielle Lage von Hartz-IV-Beziehern hat, dazu sagt das Jobcenter nichts. „Ein für einen begrenzten Zeitraum reduzierter Regelsatz führt sicherlich für die Betroffenen zu finanziellen Einschränkungen“, teilt die Behörde mit. „Eine pauschale Aussage, ob dies im Einzelfall zu weiteren Problemen führt, ist nicht möglich.“ Die Frage, ob der Regelsatz in der Höhe auskömmlich ist, müsse politisch bewertet und beantwortet werden.


Aus: "Höhere Darlehen für Hartz-IV-Empfänger in Bremen" Stefan Lakeband (28.09.2020)
Quelle: https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-hoehere-darlehen-fuer-hartzivempfaenger-in-bremen-_arid,1936143.html

Quote
kretzschmar
am 28.09.2020, 07:22
Der Sozialstaat kostet uns jetzt mehr als eine Billion Euro:
Die drohende Pleitewelle vieler Kleinunternehmen im Herbst, Kurzarbeitergeld für Millionen Beschäftigte sowie steigende Ausgaben der Krankenversicherungen lassen stark kletternde Sozialausgaben erwarten, dazu gehen in Zukunft die Geburtenstarken Jahrgänge in Rente.

www.focus.de/finanzen/news/sozialabgaben-sozialstaat-kostet-deutschland-jetzt-mehr-als-eine-billion_id_12343722.html


Quote
oldkarzwortel
am 28.09.2020, 09:47

@kretzschmar, ich bin auch gegen den Sozialstaat.

Ich plädiere für mehr Reichtum den Reichen
Weniger Steuern für Unternehmer
Mehr Möglichkeiten zur Steuervermeidung
Mehr Politiker die mal bei Steuerbetrug beide Augen zumachen
Sanktionslose Schwarzgeldreisen in die bekannten Steueroasen
Erhöhung der Brot und Brötchenpreise
Den Wohnungmarkt in die Hand von Spekulanten (geht viellecht nicht besser)
Baugrund nur für Investoren um Zersiedelung zu vermeiden
Mehr Globalisierung von Arbeit und mehr freien Warenverkehr
Mehr Megakonzerne zur Abschaffung von kleinen Strukturen im Handel
......

Ich muss jetzt aufhören, sonst droht die Nichtveröffentlichung ...


Quote
kretzschmar
am 28.09.2020, 11:05
@oldkarzwortel

Genau, dann erklären sie mir doch mal warum wir überhaupt Steuern zahlen wenn man Geld auch drucken kann. Die jetzt überbordende Verschuldungsorgie kann schneller zu einem neuen "Kaiser" führen als sie denken.


Quote
oldkarzwortel
am 28.09.2020, 12:42

Sie haben mich schon verstanden, die Medaille hat immer zwei Seiten und eine soziale Marktwirschaft wie die unsere ist ungeschlagen auf der Welt. Man muss sie also nicht abschaffen wollen, sondern sie stärken.


Quote
Biologe
am 28.09.2020, 11:09

Ich frage meinen Arbeitgeber auch mal, ob er mir ein Darlehen für meine Heiz-, Strom- oder Wasserkosten gewährt. ...


Quote
Mitdenker am 28.09.2020, 13:23

Keine Kostenübernahme für Ersatzgeräte

Hartz-IV-Empfänger sind angehalten, für solche Fälle zu sparen!

Wie geht das?

Antwort: Gar nicht!

...


Quote
rondon, am 28.09.2020, 07:25

Nicht euer Ernst? Hartz IV - Empfänger sollen dafür sparen, wenn ihnen Kühlschrank, Waschmaschine etc kaputt gehen? Wovon das denn, bei den gestiegenen Preisen?
Die Menschen müssen Kredite aufnehmen, um die erhöhten Stromkosten abzufangen? Müssen die am Ende sogar noch Zinsen zahlen?
Oft trifft es doch alte Menschen, wo die Rente nicht reicht!

Geht's noch?


Für unseren Haushalt sind die Stromkosten um 9% gestiegen, aber ich verdiene gut, finde das aber als absolute Sauerei gegenüber Menschen, die auch oft unverschuldet, am unteren Ende der Skala leben müssen! ...


Quote
cleverever
am 28.09.2020, 10:07

Ein kleiner Hinweis: Die Inflationsrate ist sehr gering, die letzten
Monate sogar um/unter 0,0 % . Und auch Arbeitnehmer müssen für eine Waschmaschine etc. sparen, nachdem sie ihren steuerlichen Hartz-4-Abzug geleistet haben.

Ein kleiner Hinweis: Bezüglich der Stromkosten war im WK vor kurzem zu lesen, daß mehr als 75% der Haushalte beim örtlichen Anbieter verbleiben und sich nicht um die Marktpreise kümmern.
Dann verwundert es nicht, wenn über Strompreise gemeckert wird. ...


Quote
Video2000
am 28.09.2020, 09:53

Wie kommt der Autor eigentlich zu der Überzeugung "Hartz IV reiche für das Nötigste" ? Leider ist dies, im Gegensatz zur alten Sozialhilfe, erst recht zur Arbeitslosenhilfe, keinesfalls so.
 ...



...

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« Reply #1111 on: September 28, 2020, 02:47:40 nachm. »
Quote
[...] Bevor der Wecker klingelt, ist Hans-Georg Bahrenburg schon wach. Mitten in der Nacht steht er auf und verlässt sein Haus in Findorff. Dann wartet er auf die Zeitungspakete. Bahrenburg ist Zeitungsausträger und das seit mehr als sechzig Jahren, „mit Lust und Liebe“, sagt er. Ans Aufhören denkt der 80-Jährige nicht. Er erzählt aus seinem Leben und einer Familie, die eng mit der Zeitungsgeschichte Bremens verbunden ist.

Hans-Georg Bahrenburg begann als Kind, seiner Mutter mit ihren Zustellungstouren für die Bremer Nachrichten zu helfen. Es war wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Bremer Nachrichten erschienen gerade wieder, seine Mutter und Schwester trugen rund dreihundert Zeitungen pro Schicht in Utbremen aus. Im Bereich rund um die Wartburgstraße in Walle, zweieinhalb Stunden pro Nacht, sechs Tage in der Woche. „Anschließend bin ich zur Schule gegangen“, erinnert sich Bahrenburg. Lust zum Verteilen, das habe er immer gehabt, trotz der langen Tage.

Gerade volljährig geworden, übernahm er die Tour seiner Mutter. Eine Ausbildung als Fahrradmechaniker scheiterte, weil die Familie das Kostgeld nicht aufbringen konnte. Bahrenburg wechselte zwischen verschiedenen Arbeitsstellen, hörte zwischenzeitlich auf mit „dem Tragen“, wie er es formuliert. Seitens der Bremer Nachrichten sei er immer wieder gefragt worden, ob er nicht weitermachen könne. Und er konnte. Für 35 Jahre trug er Zeitungen in „seinem“ Bezirk in Findorff aus. Die Zeitungen kamen aufs Fahrrad. Früher fuhr er mit einem Anhänger, heute schiebt er. Das Alter fordert seinen Tribut. Störend findet er dabei nur von Autos zugeparkte Gehwege.

Was sich im Laufe der Jahre verändert hat? Der Kontakt zu den Abonnenten wurde weniger. Sein Sohn Olaf Bahrenburg erzählt aus der Zeit, als das Abo noch monatlich bei seinem Vater bezahlt wurde. „Er ist von Kunde zu Kunde gelaufen, hat jeden abgeklappert. Da gab es immer einen Klönschnack dabei. Ich bin als Kind mitgelaufen.“ Der stolze Sohn stempelte die Quittungen für die Barzahlung. Ehefrau Alma Bahrenburg erinnert sich: „Es waren viele ältere Herrschaften dabei. Mit denen hat er sich dann unterhalten. Das mochten die gerne und mein Mann mochte das auch.“ Die Umstellung auf Einzugsermächtigungen und Überweisungen hatte auch Folgen für die Zusteller. Mit dem Klönschnack sei auch das Trinkgeld verschwunden, sagt der 80-Jährige.

Der damals jugendliche Sohn Olaf Bahrenburg war nicht immer begeistert von der Zustellertätigkeit des Vaters. Heute berichtet er lachend, wie der ortsbekannte Vater frühmorgens von Kunden angerufen wurde, wenn eine Zeitung fehlte oder gestohlen worden war. Denn Hans-Georg Bahrenburg hatte immer ein paar Reserveexemplare zu Hause. Der müde Sohn hörte das Telefon oft zuerst. „Als 17-Jähriger war ich genervt, denn der Discobesuch am Abend zuvor war wieder länger. Entsprechend waren Anrufe morgens um sieben Uhr für mich absolut inakzeptabel.“

Hans-Georg Bahrenburg fing als Arbeiter bei der Deutschen Bahn an, aber behielt den Job als Zusteller. Erst Zeitungen tragen, dann schwere körperliche Arbeit im Gleisbau, so sah sein Tagesablauf für mehr als 30 Jahre aus. Der zusätzliche Zeitungsverdienst wurde für Familienurlaube ausgegeben. Zur Wendezeit wurde Bahrenburg für einige Monate nach Hamburg-Stellingen versetzt. Und bekam Angst, seine angestammte Findorff-Tour zu verlieren. Der Sohn musste ran, den Vater zu vertreten. Olaf Bahrenburg wurde von seinem Vater eingearbeitet, weckte dabei mit seinen lauten Fragen bei den ersten nächtlichen Touren die Nachbarschaft.

Aber: Nach drei Monaten kam der Vater zurück, froh darüber, die angestammten Straßen nicht verloren zu haben. „In der Familie scherzen wir schon, dass er die Zeitungen wohl auch noch zustellen wird, sollte er eines Tages im Rollstuhl sitzen. Er liebt diese Arbeit einfach und sie hält auch ihn fit“, sagt Softwareberater Olaf Bahrenburg. „Mein Hausarzt sagt immer: Behalten Sie das“, schmunzelt Bahrenburg selbst. Denn das Zeitungsaustragen ist sein Sport.

Wenn Hans-Georg Bahrenburg um 2.30 Uhr nach viereinhalb Stunden Schlaf sein Haus verlassen hat, wartet er auf die Zeitungslieferung. Rund einhundert Exemplare verteilt er heute noch, überwiegend den WESER-KURIER. Manchmal, sagt er, komme die Zeitung spät, dann warte er länger auf seiner Bank, wo die Pakete angeliefert werden. Anderthalb Stunden später hat er alle Exemplare in die Briefkästen gesteckt. Viele Abonnenten wüssten nicht, wer ihnen die Zeitung gebracht habe, meint er. Wieder zu Hause liest Bahrenburg seine Ausgabe der soeben verteilten Zeitung, frühstückt und schläft noch eine Runde. Wenn die Tour mal länger dauert, wird seine Ehefrau Alma Bahrenburg manchmal nervös, steht auf, schaut aus dem Fenster und wartet.

Warum hört einer nicht auf mit dem Zeitungstragen, wenn Altersgenossen in Rente gehen? „Weil ich damit groß geworden bin. Ich weiß gar nicht, wenn ich es aufgeben sollte, wie es mir dann wäre.“ Vor vier Jahren bekam Bahrenburg ein neues Zustellungsgebiet. Über seinen langjährigen früheren Bezirk sagt er: „Meine Kunden fragen heute noch, warum ich nicht wiederkomme.“


Aus: "Warum ein Bremer seit 60 Jahren die Zeitung austrägt" Helke Diers (28.09.2020)
Quelle: https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-warum-ein-bremer-seit-60-jahren-die-zeitung-austraegt-_arid,1936112.html


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« Reply #1112 on: Oktober 01, 2020, 09:36:00 vorm. »
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[...] Ältere Menschen in Deutschland sind zunehmend von Armut bedroht. Der Anteil der über 64-Jährigen, die gemessen am mittleren Einkommen bundesweit armutsgefährdet sind, stieg in den vergangenen 15 Jahren um 4,7 Prozentpunkte auf 15,7 Prozent im Jahr 2019, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch in Wiesbaden mitteilte. In keiner anderen Altersgruppe war der Anstieg so groß.

Eine Person gilt als armutsgefährdet, wenn ihr Nettoäquivalenzeinkommen weniger als 60 Prozent des nationalen Medianeinkommens beträgt.

Insgesamt stieg die Armutsgefährdungsquote seit 2005 um 1,2 Prozentpunkte auf 15,9 Prozent, wie es weiter hieß. Die Armutsgefährdungsquote war für Personen über 64 Jahre somit im Jahr 2019 annähernd genauso hoch wie in der Gesamtbevölkerung.

Der Anstieg der Armutsgefährdungsquoten für die Generation 65 plus fällt nach Angaben der Statistiker in den westlichen und den östlichen Bundesländern einschließlich Berlin ähnlich hoch aus. Unterschiede zeigen sich aber im Vergleich zur Armutsgefährdung über alle Altersgruppen hinweg. Im Westen stieg die Armutsgefährdungsquote für über 64-Jährige seit 2005 um 4,6 Prozentpunkte auf 16,2 Prozent im Jahr 2019 und liegt somit sogar knapp oberhalb der Armutsgefährdungsquote für alle Altersgruppen im Westen zusammen.

Im Osten wurde den Angaben zufolge im gleichen Zeitraum ein Anstieg um 4,9 Prozentpunkte auf 13,8 Prozent gemessen. Dieser Wert liegt jedoch um 4,1 Prozentpunkte unter der Armutsgefährdungsquote für alle Altersgruppen im Osten.

Auffällig ist laut Statistischem Bundesamt, dass der Anstieg der Armutsgefährdung in der Generation 65 plus im Osten gegenläufig zum dort beobachteten Gesamttrend verläuft. Über alle Altersgruppen hinweg nahm die Armutsgefährdungsquote im Osten ab: Von 20,4 Prozent im Jahr 2005 auf 17,9 Prozent im Jahr 2019.

Bezogen auf die Bundesländer bestand das höchste Armutsrisiko für ältere Menschen wie bereits vor 15 Jahren im Saarland (2019: 18,4 Prozent), in Rheinland-Pfalz (17,8 Prozent) und in Bayern (17,5 Prozent). Am niedrigsten war es im vergangenen Jahr in Brandenburg (12,5 Prozent), Schleswig-Holstein (13 Prozent), Thüringen und Sachsen (jeweils 13,4 Prozent). Besonders stark gestiegen ist die Armutsgefährdungsquote bei den Älteren seit 2005 in Berlin (plus 7,4 Punkte auf 14,8 Prozent) und in Nordrhein-Westfalen (plus 7,1 Punkte auf 16,8 Prozent).

Die Zahl der Empfängerinnen und Empfänger der sogenannten Grundsicherung im Rentenalter hat sich seit Einführung der Leistung im Jahr 2003 bundesweit mehr als verdoppelt: von 258.000 zum Jahresende 2003 auf 562.000 zum Ende des vergangenen Jahres. Der Anstieg sei auch auf die insgesamt in Deutschland steigende Zahl von Menschen im Rentenalter zurückzuführen, erklärten die Statistiker. Allerdings sind inzwischen mehr der Menschen im Rentenalter auf die Sozialleistung angewiesen als vor 17 Jahren: Ihr Anteil stieg von 1,7 Prozent zum Jahresende 2003 auf 3,2 Prozent im Dezember 2019.

Zwischen den Bundesländern zeigten sich deutliche Unterschiede. So sind ältere Menschen in den Stadtstaaten besonders häufig auf Grundsicherung angewiesen, allen voran in Hamburg (8,5 Prozent). Ein Grund dafür könnten die höheren Lebenshaltungskosten in den Städten sein, wie es hieß. Auch in Bremen (6,9 Prozent) und Berlin (6,6 Prozent) ist die Quote überdurchschnittlich hoch. (epd)



Aus: "Armutsrisiko in Generation 65 plus am stärksten gestiegen" (30.09.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/besonders-in-berlin-armutsrisiko-in-generation-65-plus-am-staerksten-gestiegen/26230864.html

Quote
2010ff 30.09.2020, 19:11 Uhr

Die zunehmende Verarmung auch der älteren Menschen unserer Gesellschaft steht seit mehr als 10 Jahre fest. Und über diesen Trend wird auch spätestens seit der Kenntnis, wie sich die Agenda-Politik auswirkt, ausgiebig berichtet.

Das ist ein alter Hut. Die Gesellschaft wurde neoliberalisiert, immer weiter ökonomisiert, große Teile der abhängig Beschäftigten wurden prekarisiert. Im aktiven Erwerbsleben sind sind auf eine Subsistenzexitenz reduziert worden - von der Hand in den Mund - wo ein Famlieneinkommen schon längst nicht mehr für Miete, Nahrung und Urlaub reicht. Und aus der prekären Arbeitswelt von Aufstocker und Co. gleitet man dann übergangslos in die Altersarmut.

Das wird seit 15 Jahren präzise und wahrhaftig berichtet. Gekontert wird es von Frau Merkel, die es besser weiß: Deutschland geht es gut. Und es gibt die vielen bezahlten und nicht bezahlten Kräfte in den Medien, die diese Mantra wiederholen.

Schließlich soll es so bleiben in unserer Klassengesellschaft. Für diejenigen oben, die Vollkasko leben. Und die darunter, die sich ein Rattenrennen liefern müssen um Jobs, Wohnungen, den Malle-Urlaub und den Dacia,  und ein wenig Planungssicherheit für nicht nur die nächsten drei Monate.


...

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« Reply #1113 on: Oktober 13, 2020, 01:28:10 nachm. »
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[...] Der Tiroler Fotograf Lois Hechenblaikner befasst sich seit Jahrzehnten mit dem Massentourismus in den Alpen. Seinen neuen Fotoband widmet er dem jährlichen Party-Exzess in Ischgl. Dokumente des Wahnsinns, die fassungslos machen. ... Der österreichische Fotograf Lois Hechenblaikner ist ein genialer Dokumentarist des nackten Grauens. Geboren im Tiroler Alpbachtal, fotografiert Hechenblaikner seit vielen Jahren schon den massentouristischen Exzess, der sich namentlich in Ischgl alljährlich winters wiederholt. Ischgl – seit diesem Frühjahr bekannt als "Corona-Hotspot", aber für Menschen, die den Ort so wie der 62-Jährige sehr gut kennen, seit langem bereits eine Art "Partnergemeinde von Sodom und Gomorrha". Tatsächlich kommt, wer Lois Hechenblaikners Fotografien betrachtet, aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Skipisten schnapsglas-, sekt- sowie bierflaschenübersät, Menschen, Männer in der Mehrzahl, die komasaufend Sexpuppen wie Voodoopuppen malträtieren und zum Après-Ski in der Schatzi-Bar oder im Kitzloch einkehren, um dort Donald Trumps Wahlspruch "Grab them by the pussy" an Frauen wahr werden zu lassen, die freizügig auf den Theken tanzen. All das ist zu sehen im Fotobuch "Ischgl". Knut Cordsen hat mit Lois Hechenblaikner gesprochen. ...

Knut Cordsen: Ich dachte, wer einmal gesehen hat, wie es zu Wiesn-Zeiten im Bierzelt zugeht, der sei gestählt und gewappnet, aber selbst ein Münchner Oktoberfest-Besucher dürfte relativ fassungslos vor dem stehen, was Sie auf Ihren Fotografien festhalten.

Lois Hechenblaikner: Für mich war es einfach interessant, in einer Langzeitbeobachtung zu schauen, wie weit die Touristiker dort bereit sind, die Spirale hochzuschrauben. Wo ist das Ende? Mein Buch ist eine Art visueller Geigerzähler des touristischen Wahnsinns. Ich wollte das festhalten in Form einer Langzeit-Dokumentation. Ich war doch immerhin 26 Jahre an diesem Thema dran und hatte deswegen eben diese dichte Sammlung an Bildern. Ich wollte schauen, was aus einem ehemaligen Bauerndorf geworden ist. Früher herrschten in Ischgl die ärmlichsten Verhältnisse, auf einmal kehrte dort der Wohlstand ein. Zweifelsohne hat Ischgl ein fantastisches Skigebiet und tolle Liftanlagen. Aber was dazugekommen ist, ist diese unglaubliche Dimension Alkohol und der Party-Tourismus.

Knut Cordsen: Sie sprechen mit Blick auf Ischgl vom "Delirium Alpinum. Sie sind als Kind von Pensionswirten nicht weit entfernt vom Paznauntal aufgewachsen. Wann hat diese Mischung aus Alkoholabusus und Notgeilheit dort Einzug gehalten?

Lois Hechenblaikner: Ja, wann war das? Ich habe ein Bild im Buch, auf dem sieht man ein Plakat von 1996, mit dem Sado-Maso-Shows beworben werden. Ich glaube, ich habe das damals selbst gar nicht realisiert. Aber ich habe es fotografiert, und deswegen ist es so wichtig, eine Langzeit-Dokumentation zu machen. Der Alpenraum ist so etwas geworden wie ein Überdruckventil für die Leistungsgesellschaft: Druck ablassen gegen Bezahlung. Nehmen wir die Deutschen, die in Ischgl den Hauptmarkt bilden: Der Deutsche muss in seiner Firma wirklich sehr viel Leistung erbringen. Der kriegt sein Geld nicht umsonst. Deutschland ist Leistungsprinzip. Das nährt diese Sehnsucht, Druck abzulassen. Hans-Peter Dürr hat mal gesagt: Das Primitive ist mächtig. Das merkt man halt, dass die Gäste hier abdriften in eine vulgäre Welt. Das ist anscheinend im Menschen angelegt, selbst in den intellektuellen Kreisen. Wenn man sich mal das Milieu anschaut, so ist das doch eine interessante Mischung: Manager sind genauso in Ischgl wie einfache Arbeiter. Die Ski-Kleidung macht sie gleich.

Knut Cordsen: Ein Hotelier und Bar-Betreiber aus Ischgl wird im Nachwort Ihres Buches mit den Worten zitiert, man müsse "mehr mit dem Penis denken", um neue Gäste zu erreichen. Eine Table-Dance-Bar wirbt mit dem mehrdeutigen Wort "Abwedeln" um Après-Ski-Gäste. Man sieht auf Ihren Bildern Männerhorden, die mit Motto-Shirts wie "Muschifreunde Karlsruhe" oder "Geile Sau" herumlaufen und Dildos auf dem Kopf tragen – ein Ort totaler Enthemmung. Ist das eine Art Karneval?

Lois Hechenblaikner: Ich habe ja versucht, sozusagen den genetischen Code von Ischgl zu knacken, weil ich mich immer gefragt habe: Warum brauchen die Leute das? Gleichzeitig ist es nicht mein Recht, als Moralapostel aufzutreten und die zurechtzuweisen, sondern ganz im Gegenteil: Als Fotograf versuche ich, mich möglichst neutral zu verhalten und die Leute in ihrer Freude zu lassen. Ja, das ist ganz wichtig, damit ich auch die Bilder machen kann. Nicht wertend hineingehen, sondern einfach als begleitender Beobachter. Also was ist hier passiert? Der Deutsche ist ein sehr, sehr kontrollierter Mensch. Deutschen nimmt man das Geld nicht so einfach ab. Den Deutschen muss man eben einstellen, zwischen 0,5 und einem Promille, da, wo die Wurschtigkeit beginnt – und dann kannst du ihn abmelken. Das haben diese Bergbauern-Buben kapiert. Das ist genial. Sie haben einen nahezu animalischen Instinkt entwickelt, um diesen eingesperrten Menschen abzuholen, so dass er loslässt. Wir sind ja nicht immer kontrollierte Menschen. Was dazukommt, ist die Gruppendynamik. Wenn zu viele Männer beisammen sind, dann werden's deppert natürlich, Frauen ebenso. Keine Frage, es sind ja auch ganz wilde Frauen-Horden, die da durchziehen. Deswegen war es für mich auch wichtig, Bilder weiblicher Enthemmung zu zeigen. Bei dieser ganzen MeToo-Debatte sind eindeutig Männer die Schweine. Aber in Ischgl sieht man, wo auch Frauen hin driften, wenn es ins Dumpfe geht. Dieses Wegdriften in eine dunkle Welt ist schon sehr fragwürdig.

Knut Cordsen: Es gibt in Ischgl auch die sogenannte "Champagnerhütte". Eine Ihrer Fotografien zeigt Rechnungsbeträge aus dieser Champagnerhütte für mehrere Flaschen Montrachet – die Flasche zu je 2.900 Euro. Es ist also auch der reiche Pöbel, der dorthin fährt, um mal die Sau rauszulassen, der geldige Prolet.

Lois Hechenblaikner: Absolut. Wobei ich da ja noch eine kleine Rechnung gezeigt habe. Ich hätte noch eine Preisliste gehabt mit einer Sechs-Liter-Flasche Dom Perignon Rosé. Die Flasche ist vergoldet und kostet 55.000 Euro. Ja, warum denn nicht beim Après-Ski mal eben einen Audi Quattro wegsaufen? Schauen Sie: Der Bankomat an der Talstation von Ischgl hat die zweithöchste Entnahme-Frequenz von ganz Österreich. Der ganze Ort wirkt wie in Hirn-Nebel. Der Gast ist aus der Ratio herausgehoben, und wenn er heimkommt, hat er großes Kopfweh, weil das Konto leergeräumt ist. Aber Hauptsache, es ist in Tirol geblieben.

Knut Cordsen: Das "Handelsblatt" hat Sie mal einen "fotografischen Thomas Bernhard" genannt. Sehen Sie sich als einen solchen?

Lois Hechenblaikner: Es gibt Parallelen, keine Frage. Ich will einfach an den Schmerzkörper kommen, an das Destillat. Deswegen bin ich auch drangeblieben. Jedes Land hat sein eigenes Selbstverständnis, seine eigene Wirklichkeit. Bei mir ist vielleicht das Verrückte, das ich Tiroler bin und einen wahnsinnigen Abstand habe zu diesem ganzen Treiben. Ich will schauen, was die Wirklichkeit ist. Paul Watzlawick hat das in seinem Buch "Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn, Täuschung, Verstehen" so wunderbar beschrieben. Ich frage mich: In welcher Wahnwelt, in welcher Täuschung leben die Tiroler? Wie beschreiben sie sich selber? Was ist die Eigenwahrnehmung und was Fremdwahrnehmung? Deshalb diese Langzeit-Dokumentation. Und jetzt ist mit Corona der richtige Zeitpunkt, Bilanz zu ziehen. Das Buch ist ein visueller Echoraum, ein Spiegel in Form eines Gewissens mit den Mitteln der Fotografie, wo die Tiroler nun mal reinschauen müssen.

Knut Cordsen: Wird man da nicht irgendwann zum Misanthropen, wenn man sich das täglich anschaut?

Lois Hechenblaikner: Durchaus möglich. Gut, es ist ja nur eine meiner Werkserien. Aber es macht ja sonst keiner etwas in der Beziehung. Warum ist keiner da? Auch von den ganzen Medienleuten? Die Lokalmedien schweigen.

Knut Cordsen: Wie nimmt man Sie in Tirol wahr? Als Nestbeschmutzer?

Lois Hechenblaikner: Ich habe kein lustiges Leben. Ich lebe auch sehr, sehr isoliert. Im Dorf ist man ganz klar der vollkommene Außenseiter. Und es gibt massivsten Liebesentzug. Unser älterer Sohn geht auch deswegen im Ausland in die Schule. Das ist schon eine harte Nummer. Das muss man auch aushalten können. Aber ich habe immer an meine Arbeit geglaubt. Das Thema muss wahrhaftig sein. Man muss eben dranbleiben und auch an die Arbeit glauben.

Knut Cordsen: Glauben Sie, dass Ihre Bilder einen Wandel im Denken anstoßen können?

Lois Hechenblaikner: Meine Bilder alleine glaube ich nicht. Es ist eine Kombination aus vielem, zu dem jetzt diese Wirtschaftstragödie kommt. Das wirft diese Leute jetzt wahrscheinlich zurück in eine tiefe Nachdenkpause, die sie sonst wahrscheinlich nie gemacht hätten. Sie hätten sonst nie innegehalten. Man darf ja nicht vergessen: Das war bitterste Armut da in Ischgl. Die Leute konnten kaum überleben. Steilstes Bergbauern-Gebiet. Niemals hätten die Leute da drinnen eine Chance gehabt zu überleben. Und auch in Zukunft wird es ohne Tourismus nicht gehen. Hier ist die Frage, ob es ihnen gelingt, den Wandel zu vollziehen. Sie haben es ja selber gesehen, dass sie damit an die Wand fahren. Was ist da los, wenn ein Kind in Ischgl aufwächst, was hat das für einen Eindruck von den Gästen? Sind das Monster, Wahnsinnige, völlig Entgrenzte? Wenn ich als Einheimischer Angst haben müsste, wenn meine Kinder durch den Ort gehen, dann ist schon mal etwas krank.


Aus: "Nacktes Grauen: Lois Hechenblaikners Fotoband über Ischgl" (kulturWelt vom 02.06.2020)
Quelle: https://www.br.de/nachrichten/kultur/der-fotoband-ischgl-des-tiroler-fotografen-lois-hechenblaikner,S0MuEmh

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« Reply #1114 on: Oktober 15, 2020, 09:21:36 vorm. »
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[...] Jetzt wird der Zoff über die Medien ausgetragen. „Christian hat vom ersten Tag an versucht die Katrin rauszukriegen“, sagt ein Kenner der Familie Haub. „Nun erhöht er den Druck.“ Christian Haub ist der jüngere Bruder von Karl-Erivan Haub, der am 7. April 2018 nicht von einer Skitour in den Alpen zurückkam. Katrin ist die Ehefrau von Karl-Erivan und Schwägerin von Christian, der nach dem Verschwinden Karl-Erivans die Führung der Tengelmann-Gruppe übernahm. Und Katrin loswerden möchte. Am Mittwoch offerierte Christians Anwalt im „Handelsblatt“ Katrin ein Angebot.

Angeblich, so der Anwalt Mark Binz, stünden Katrin für ihre Anteile an Tengelmann rund 950 Millionen Euro zu. „Mit Rücksicht auf die familiären Beziehungen ist mein Mandant bereit, diesen Betrag auf 1,1 Milliarden Euro aufzustocken.“

Der 1932 in Wiesbaden geborene Erivan Haub und seine Gattin Helga haben drei Söhne: Karl-Erivan, Georg und Christian. 1969 hatte Erivan von einem Onkel Tengelmann übernommen und vor allem durch Zukäufe zum größten Handelskonzern Deutschlands ausgebaut. Im Jahr 2000 übernahm Charly, wie der älteste Sohn Karl-Erivan genannt wird, die Führung. Georg, gelernter Architekt, bekam damals die Verantwortung für die Immobilien übertragen, und der jüngste Sohn Christian ging in die USA, um sich dort um die Beteiligungen der Gruppe zu kümmern – für den Investmentbanker der richtige Job.

Karl-Erivan wiederum räumte den Mühlheimer Gemischtwarenladen auf und verkaufte Beteiligungen – von der Süßwarenfabrik Wissol über den Discounter Plus bis zu Kaiser’s. 2003 betrug der Tengelmann-Umsatz 27 Milliarden Euro, heute sind es noch gut acht Milliarden mit etwa 90 000 Mitarbeitern. Zur Gruppe gehören die Baumarktkette Obi, die Discounter Kik und Tedi, die Immobiliengesellschaft Trei Real Estate sowie Beteiligungen an Dutzenden Unternehmen in Europa und in den USA.

Tengelmann-Chef Christian Haub hat nach Angaben seines Anwalts die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG mit der Ermittlung des Firmenwerts beauftragt: Vier Milliarden Euro, die sich auf die drei Brüder respektive deren Erben verteilen. Bis März 2018 hielten die Brüder jeweils 31,3 Prozent der Anteile und der Vater Erivan noch 6,1 Prozent. Nach dessen Tod gingen die 6,1 Prozent hälftig auf Karl-Erivan und Christian über, der Anteil des psychisch labilen Georgs blieb unverändert. Die 34,3 Prozent von Karl-Erivan liegen nach dessen mutmaßlichen Skiunglück in den Schweizer Bergen seiner Ehefrau Katrin und den Kindern Viktoria und Erivan.

Der Anwalt von Christian Haub erklärt nun dem „Handelsblatt“ zufolge, dass nach der Tengelmann-Satzung beim Ausscheiden eines Gesellschafters diesem nur 70 Prozent des Verkehrswertes seiner Anteile zustünde. Das wären dann rund 960 Millionen Euro für Katrin. Damit sie geht, legt Christian noch 150 Millionen Euro drauf – sozusagen sein Beitrag respektive der des Unternehmens zur Erbschaftssteuer von schätzungsweise 450 Millionen Euro.

Die werden indes erst fällig, wenn der Erbfall eintritt – und dafür muss Karl-Erivan für tot erklärt werden. Das möchte aber Katrin nicht. Die „Süddeutsche Zeitung“ zitiert den Anwalt von Christian Haub: „Frau Katrin Haub hat während einer der vielen Gespräche im Jahr 2019, in denen mein Mandant versucht hatte, eine Lösung für die Finanzierung der zu erwartenden Erbschaftsteuer zu finden, erklärt, dass sie seinen Bruder nie für tot erklären lassen würde.“ Deshalb hätten Christian und Georg nun einen Antrag beim Amtsgericht Köln auf Todeserklärung gestellt. Das wieder um findet die mutmaßliche Witwe Katrin Haub „befremdlich und anmaßend“ von ihrem Schwager Christian. Mit seinem jüngeren Bruder Georg ist sich der angeblich handelseinig – Georg verlässt die Gruppe und nimmt sozusagen die Immobilien mit.

Als Christian nach dem Verschwinden Karl-Erivans aus den USA nach Mühlheim zurückgekehrt war und die Führung übernahm, hatte er den von Karl-Erivan geringschätzig behandelten Georg in den Tengelmann-Beirat geholt und sich mit ihm gegen Karin verbündet. „Der Familienzweig, der den Häuptling gestellt hat, ist jetzt isoliert“, hieß es damals in Mühlheim mit Blick auf die Familienangehörigen von Karl-Erivan.

Wenn Christian nun Georg mit den Immobilien abfindet und Katrin das Milliardenangebot annimmt, hätte er sein Ziel erreicht. „Christian hat von Anfang an versucht, alle rauszudrängen“, sagt ein Kenner der Familie. „Aber Katrin wollte nie raus.“ Das sei auch keine Frage des Geldes, selbst wenn der Wert der Gruppe auf bis zu sechs Milliarden Euro veranschlagt werde, wofür es Gründe gebe. Karl-Erivan und Katrin hatten die berufliche Zukunft ihrer beiden Kinder im Unternehmen gesehen.

Christian und seine Ehefrau Liliane lebten viele Jahre mit vier Kindern in den USA, wo Christian einst auch mit der Betreuung der vom Vater gekauften Supermarktkette A&P betraut worden war. Als die insolvent wurde, nahm das der große Bruder Karl-Erivan als Beleg für eher bescheiden ausgeprägte unternehmerische Fähigkeiten Christians. Aus dieser Zeit stammen offenbar Verletzungen, die bis heute nachwirken. Christian und Liliane hätten manche Demütigungen über sich ergehen lassen müssen, erfuhr der Tagesspiegel in Tengelmann-Kreisen.

Mit dem Verschwinden Karl-Erivans bei Zermatt war dann Christian über Nacht der mächtige Mann in Mühlheim. „Jetzt ist Liliane auf dem Rachefeldzug“, hieß es damals über die Gattin des neuen Tengelmann-Herrschers. Dass mit 1,1 Milliarden Euro dieser Feldzug endet, ist eher unwahrscheinlich.


Aus: "Familienzoff im Hause Tengelmann: 1,1 Milliarden Euro zum Abschied" Alfons Frese (14.10.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/familienzoff-im-hause-tengelmann-1-1-milliarden-euro-zum-abschied/26275206.html

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« Reply #1115 on: Oktober 15, 2020, 01:25:05 nachm. »
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[...] Spendengelder für Luxusappartements und ein internationaler Haftbefehl wegen Veruntreuung: Der Vatikan steckt tief in einem Finanzskandal. Im Mittelpunkt steht ein mittlerweile in Ungnade gefallener Kardinal. Jetzt ist der Fall um eine Verhaftung reicher.

 Im Zusammenhang mit dubiosen Geldströmen im Vatikan wurde eine italienische Managerin festgenommen. Die 39-jährige Expertin für Geopolitik soll engen Kontakt zu dem in Ungnade gefallenen Kardinal Becciu gehabt haben. Die Frau ist aufgrund eines internationalen Haftbefehls festgenommen worden, sagte ein Sprecher der Polizei. Laut Medien wurde sie bereits am Dienstag in Mailand gefasst.

Nach Angaben der Tageszeitung "La Repubblica" wurde sie wegen Veruntreuung gesucht. Vergangene Woche hatte die Managerin der Zeitung "Corriere della Sera" gesagt, sie habe 500.000 Euro von Kardinal Angelo Becciu erhalten. Das Geld sei für geopolitische Beratungsarbeit an ein von ihr in Slowenien registriertes Unternehmen gezahlt worden, nicht für Designer-Handtaschen und andere Luxusgüter, wie die italienische Fernsehsendung "Le Iene" behauptet hatte. Der Skandal war nach dem Rücktritt des Kardinals bekannt geworden.


Aus: "Festnahme im Vatikan-Skandal" (Donnerstag, 15. Oktober 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Festnahme-im-Vatikan-Skandal-article22102088.html

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[...] Nach einem gewittrigen Tag hatte der Himmel über Rom aufgeklart, da ging am Abend unerwartet ein Blitz nieder. Er traf Giovanni Angelo Becciu, den Präfekten der Heiligsprechungskongregation. Das vatikanische Presseamt teilte mit, Papst Franziskus habe ihn von seinem Amt entbunden und zugleich seinen Verzicht auf "die mit der Kardinalswürde verbundenen Rechte" angenommen. Gründe nannte der Vatikan nicht.

Franziskus hatte Becciu erst 2018 an die Spitze der Heiligsprechungsbehörde berufen und zum Kardinal kreiert. Zuvor war er sieben Jahre Substitut des Staatssekretariats und somit für zentrale personelle und finanzielle Angelegenheiten in der Kirchenleitung zuständig. Der 72-jährige Sarde galt als machtbewusst. Unter anderem ging er mit dem damaligen vatikanischen Wirtschaftschef Kardinal George Pell offen in einen Konflikt um Kompetenzen bei der Vermögenskontrolle. Auch am Rücktritt des vatikanischen Wirtschaftsprüfers Libero Milone 2017 war er beteiligt.

Becciu ist im Vatikan ausgezeichnet vernetzt. Umso erstaunlicher, dass aus seinem verzweigten Umfeld keine Hinweise auf den bevorstehenden Sturz drangen. Das lässt denken, dass der Wink zum Rücktritt unvermutet und von ganz oben kam. Zufällig erscheint das italienische Magazin "L'Espresso" dieses Wochenende mit einer Investigativgeschichte, nach der Becciu seine Position im Staatssekretariat nutzte, um eigene Familienangehörige bei fragwürdigen Sozialprojekten finanziell zu unterstützen. Die Vorwürfe sind nicht überprüfbar. Aber es entsteht der Eindruck, der Vatikan wollte dem Mediencoup zuvorkommen.

In die Zeit Beccius als Substitut fällt eine unglücklich verlaufene Investition einer dreistelligen Millionensumme in eine Immobilie in London. Dabei vertraute der Vatikan Recherchen zufolge weitgehend auf einzelne italienische Geschäftsfreunde wie die Finanzmanager Raffaele Mincione und Enrico Crasso. Offenbar flossen auch Spenden, die für mildtätige Zwecke gedacht waren, in das teuer bezahlte Geschäftshaus in der Sloane Avenue. Das Staatssekretariat braucht verzweifelt Renditen.

Inzwischen ermittelt die vatikanische Staatsanwaltschaft gegen Mitarbeiter des Staatssekretariats und der vatikanischen Finanzaufsicht sowie gegen italienische Banker. Es geht um Veruntreuung, Betrug, Geldwäsche, Korruption. Becciu gehört nicht zu den offiziell Beschuldigten. Eine Antwort auf die Fragen, welche Rolle er bei den Investitionen spielte und ob er als früherer Substitut die Verantwortung übernehmen würde, lehnte Becciu gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) im Oktober 2019 ab.

In der Kurie heißt es, dass ein Kardinal der heiligen römischen Kirche wegen Versäumnissen im Amt vor ein Vatikangericht komme, sei aus theologischen Gründen eigentlich undenkbar. So mussten sich in einer Affäre um eine 700-Quadratmeter-Ruhestandswohnung für Ex-Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone mehrere Personen juristisch verantworten, nicht jedoch der Bauherr Bertone.

Becciu darf sich jetzt ebenfalls nach einem Alterssitz umsehen. Hinter dem promovierten Kirchenrechtler liegen 36 Jahre Kuriendienst, eine glänzende Laufbahn als Vatikandiplomat in Afrika, Europa, Neuseeland und den USA, dann als Nuntius in Angola, Sao Tome und Principe und schließlich Kuba. 2011 gab Benedikt XVI. ihm das Amt des Substituten, den dritthöchsten Posten der Kirche. Als der Malteserorden 2017 in einer Leitungskrise steckte, machte Franziskus Becciu zu seinem Sondergesandten.

Dass ein Kardinal in dieser Weise demissioniert, war vor 2015 äußerst selten. Damals verzichtete der schottische Kardinal Keith O'Brien (1938-2018) wegen "unangemessenen Verhaltens" gegenüber Seminaristen freiwillig auf Rechte und Privilegien eines Kardinals. 2018 verlor der US-Amerikaner Theodore McCarrick (90) die Kardinalswürde im Zusammenhang mit Vorwürfen früherer sexueller Übergriffe.

Mit dem Verzicht auf die Kardinalsrechte ist Becciu praktisch jenen Purpurträgern gleichgestellt, die das 80. Lebensjahr vollendet haben und damit weder an einem Konklave teilnehmen noch weiter ihre Ämter ausüben. Bis Dienstag zählt der Kreis der Papstwähler nun noch 121 Kardinäle, nach dem altersbedingten Ausscheiden von Lorenzo Baldisseri dann 120.

Becciu hatte Einfluss und machte sich damit viele Freunde. Den Job als Heiligsprechungspräfekt ist er los. Der Ruf als Märtyrer wird nicht auf sich warten lassen.


Aus: "Unheiliger Abgang eines Kardinals: Die Causa Becciu" Burkhard Jürgens (KNA, Vatikanstadt - 25.09.2020)
Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/26999-unheiliger-abgang-eines-kardinals-die-causa-becciu

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« Reply #1116 on: Oktober 21, 2020, 10:28:54 vorm. »
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[...] ZEIT ONLINE: Die Wirtschaftskrise durch Corona trifft auch die Mittelschicht. Spiegelt sich das in der Zusammensetzung der Menschen wider, die zu den Tafeln kommen?

Kirkhart: Ja, absolut. Ich schätze, dass etwa 40 Prozent derjenigen, die durch die Pandemie neu zu unseren Verteilungsstellen kamen, nie zuvor auf Essensspenden angewiesen waren. Aber sie wussten sich nicht mehr anders zu helfen. Sie müssen wissen, die Menschen hier in Appalachia sind stolz. Viele haben geweint, als sie zum ersten Mal zur Lebensmittelverteilung kamen, ihre Kinder hinten im Auto. Sie sagten Dinge wie: "Ich würde das hier eigentlich nicht tun, aber ich habe Kinder." Es hat viel Zuspruch unsererseits gebraucht, um zu vermitteln: Es ist in Ordnung, das hier sind außergewöhnliche Umstände, niemand konnte das vorhersehen. Es ist wichtig, das so würdevoll wie möglich zu gestalten.

...


Aus: "Hunger in den USA: "Viele haben geweint"" Interview: Johanna Roth, Huntington (20. Oktober 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-10/ngo-facing-hunger-west-virginia-armut-cynthia-kirkhart-usa-lebensmittelverteilung/komplettansicht

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taxonix #8

Die USA haben eines der höchsten BIP pro Kopf der Welt, und trotzdem sind dort Menschen auf Lebensmittelspenden angewiesen. Das kapitalistische System erweist sich ein weiteres Mal als völlig ungeeignet, die grundlegendsten Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen, aber das soll es vermutlich auch gar nicht. Es soll die Reichen einfach immer noch reicher machen, und noch reicher, und noch reicher. Und das klappt schließlich super, auch in Corona-Zeiten.


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mounia #8.1

Vor allem in Corona Zeiten.


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lilaa #56

...

https://www.theguardian.com/business/2020/sep/17/wealth-of-us-billionaires-rises-by-nearly-a-third-during-pandemic

Dass es in den USA so wenig Aufstände gibt, wundert mich mittlerweile wirklich.


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stegie1 #23

Amerika weiss das und will das so.


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Ende Gelände #49

Bitte nicht immer dieser herablassende Blick auf die USA. Ja, es gibt Probleme und ja, dort ist nicht alles Gold was glänzt. Nur sollten wir nicht vergessen, dass es dort vielen besser geht als in den meisten anderen Länder auf der Welt. Und das es immer noch das Sehnsuchtsland Nr. 1 für Auswanderer auf der Welt ist und es wohl immer bleiben wird. Im Hinblick auf die momentane dt. Hochnäsigkeit gilt weiter der Spruch: Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall."


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Quer- und Weiterdenker #53

Jeder kann es schaffen in Amerika - bettelarm zu werden und zu verhungern. Das ist der amerikanische (Alb)Traum. Während andere Länder schon seit vielen Jahren einen funktionierenden Sozialstaat aufgebaut haben, bauen die US-Amerikaner ihre jüngsten Schritte in Richtung einer allgemeinen Gesundheitsfürsorge, Obamacare, ab. Den verhungernden Evangelikalen bleibt da noch der Glaube an ein Leben im Paradies nach dem Tod, allen anderen bleibt gar nichts. Außer den Superreichen natürlich, die machen fetten Gewinne mit Spekulationen an der Börse. Deren Vorratskammern sind voll und vor der Einfahrt parkt der neue Ferrari, schon der fünfte Neue dieses Jahr. Aber jeder kann es schaffen, man muss nur besonders fleißig, nicht wahr liebe Amerikaner?


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Sublime85 #72

... liebe ZEIT, wenn ihnen dieser Hunger eine Topplatzierung wert ist, wann wird genauso prominent eine Reportage über eine der anderen hungernden Bevölkerungen gemacht, welche, wohl wahr nicht in der nördlichen Hemisphäre leben. Jeden Tag hungern weltweit über 600 Mio Menschen, mehr als es Amerikaner gibt. Von denen habe ich in letzter Zeit bei ihnen nicht viel gehört.

Quelle: https://www.actionagainsthunger.org/world-hunger-facts-statistics


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DrkdD #72.1

Allerdings sind das meistens keine Hungernden aus einem reichen Land. Es sind die Länder die arm sind oder korrupte Regierungen haben. Oder beides. Dann ist eine hungernde Bevölkerung so gut wie sicher......


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  R4mbo #75

Hauptsache dem Aktienmarkt geht's gut.


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HH1960 #87

Es ist schon bitter, was sich die letzten 10-20 Jahre nicht nur in den USA zum Schlechten verändert hat. Auch bei uns sind ähnliche Tendenzen zu erkennen.

Arme gab es immer, aber einen solches Ausmaß wohl kaum. Tafeln hier wie dort, prekäre Arbeitsverhältnisse zuhauf. In den USA zusätzlich noch schlechte Schulen und viele Menschen ohne Krankenversicherung.

Gleichzeitig ist das BIP, die Aktienkurse und das
Vermögen der Reichen exorbitant gestiegen.
Wenn dann die Rede von höheren Spitzensteuersätzen oder einer Vermögensteuer ist, schallt einem das Wort „Sozialismus „ entgegen.

Dabei sieht ein Blinder, dass das System so nicht weitergehen kann.


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princline #93

"Viele haben geweint"
Auf der ganzen Welt weinen Menschen denen es noch viel schlechter geht als denen in Trumps Land. Afrika, Lateinamerika, Mexiko, Indien wie in Diktaturen in Asien.

Pandemie stürzt in Lateinamerika 45 Millionen in Armut.


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Lobotominho #93.1

Können wir uns darauf einigen, Arme nicht gegen andere Arme auszuspielen? ...


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schorndruck #113

Das Essen scheint dazu sein, nur fehlt das Geld um Essen kaufen zu können. Ich mag den Kapitalismus so sehr, dass ich manchmal kotzen könnte.


...

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« Reply #1117 on: Oktober 22, 2020, 01:35:23 nachm. »
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[...] In Deutschland hat im Frühjahr 2018 gut jeder fünfte abhängig Beschäftigte für einen Niedriglohn gearbeitet. Damit wurden rund 8 Millionen Jobs unterhalb der Schwelle von 11,05 Euro brutto pro Stunde entlohnt, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch berichtete. Das waren fast 400 000 Niedriglohn-Jobs mehr als vier Jahre zuvor.

Besonders verbreitet sind niedrige Stundenlöhne im Handel und im Gastgewerbe. Im Handel liegen 29 Prozent der Jobs unter der Niedriglohnschwelle, im Gastgewerbe sind es sogar gut zwei Drittel (67 Prozent). In Hotels und Gaststätten betrug der mittlere Stundenlohn 10,00 Euro brutto, womit die Branche das Schlusslicht der deutschen Wirtschaft darstellt. Die höchsten mittleren Stundenverdienste gab es mit 27,18 Euro in der Energiewirtschaft.

Nach internationaler Definition beträgt ein Niedriglohn höchstens zwei Drittel des mittleren Verdienstes sämtlicher Arbeitnehmer, wobei Auszubildende bei dieser Analyse ausgeschlossen sind. Der Median-Stundenverdienst betrug im April 2018 nach Angaben des Bundesamts 16,58 Euro. Die Niedriglohngrenze lag 2018 bei 11,05 Euro und im Vergleichsjahr 2014 bei 10,00 Euro.


Aus: "Zahl wächst : Jeder Fünfte arbeitet für Niedriglohn" (21.10.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/jeder-fuenfte-arbeitet-fuer-niedriglohn-17012568.html

https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/thema/statistisches-bundesamt