Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 342866 times)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #1015 on: Februar 18, 2020, 12:25:52 nachm. »
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[...] Journalisten streiten und schreiben, manchmal über Jahrzehnte, um zu etablieren, was irgendwann ein Narrativ sein wird. Kenntnis hilft. Aber auch eine Verbindung aus historischem Bewusstsein, der Bereitschaft zur Ergriffenheit und zum Engagement – und ein Gefühl für den richtigen Zeitpunkt.

Michael Sontheimer, der am Montag 65 Jahre alt wird, gehört zu solche Journalisten. Er hat Politologie und Geschichte studiert – am Otto-Suhr-Institut, der Lehrstätte etlicher späterer tazler –, das hat sicher geholfen. Eine gewisse biografische Gelassenheit, als Sohn einer gutbürgerlichen Bildungsfamilie, kam dazu. ...

... Er war taz-Mitbegründer, ging Mitte der 80er Jahre zur Zeit kam in den Neunzigern als Chefredakteur zurück und war dann bis sozusagen gestern beim Spiegel; zehn Bücher von ihm gibt es auch – zum Berliner Bausumpf beispielsweise, zur RAF und zum Deutschen Herbst, zu Vietnam & Kambodscha. Er erfand mit anderen die taz-Panter-Stiftung, setzt sich für die Förderung des kritischen Journalismus ein („Er hat es nötig.“) und hält auf seine Weise Aufklärung und Engagement zusammen. Unter anderem, indem er für Assange, Snowden und Manning streitet.

Herzlichen Glückwunsch, Micha, keep uncalm and carry on!


Aus: "Das Untragische als Lebensform" Elke Schmitter (2020)
Quelle: https://taz.de/Zu-Michael-Sontheimers-65-Geburtstag/!170363/

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« Reply #1016 on: M?RZ 09, 2020, 12:35:11 nachm. »
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[...] „Fehlstart“ ist weniger ein Coming-of-Age- oder Bildungsroman als eine schonungslose soziologische Betrachtung. Als solche hat „Fehlstart“ viele gelungene Passagen.


Aus: "Frankreichs Jugend hat keine Chance" Gerrit Bartels (09.02.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/fehlstart-von-marion-messina-frankreichs-jugend-hat-keine-chance/25525686.html

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[...] Und dann erschien 2017 Ihr erster Roman „Fehlstart“. Wie war das Schreiben für Sie?

Marion Messina: Ich hatte lange Zeit ständig Notizen gemacht. Dann aber sehr viel Zeit damit zugebracht, um mich zu entscheiden, ob ich nun in der ersten oder dritten Person schreibe, ob es eine männliche oder weibliche Figur wird und ob die Geschichte in Grenoble oder Paris beginnt ... das musste lange reifen. Es fühlte sich an wie eine geleugnete Schwangerschaft, aber als ich dann wusste, es wird die 17-jährige Aurélie aus Sicht eines unpersönlichen Erzählers, war kein Halten mehr – und plötzlich war das Baby da. Als es erschien, kam es mir wie eine Hommage vor, die ich dem Frankreich widmete, das bislang in der Literatur nicht vorkam.

Das war auch der Grund, warum Sie sich ein Jahr später an die Seite der Gelbwesten gestellt haben?

Marion Messina: Als die Gelbwestenbewegung begann, war das geradezu eine Befreiung. Es war das Frankreich, das ich kenne, das sich plötzlich Gehör verschafft hat, nach Paris gereist ist, um auf die Straße zu gehen. Das war so erleichternd, dass sich endlich die Mehrheit zu Wort meldet. Diese Mehrheit wird verachtet von den wenigen, die sich auf ihre Kosten bereichern. Ich habe nie vergessen, wo ich herkomme, was für Scheißjobs ich gemacht habe, dass ich am Stadtrand von Paris lebe, wo jeden Morgen ab acht Uhr eine Schlange vor dem Lidl steht. Was meine Generation betrifft, so hat uns der Zugang zur Pornografie geprägt, durch den wir eine standardisierte Vorstellung vom Sex haben, gleichzeitig gibt es ultrafeministische Ansichten. Wir haben eine neue Prekarität erlebt, selbst wenn wir haufenweise Diplome vorweisen können, die aber nichts mehr wert sind. Wir sehen, wie unmöglich es ist, Eigentum zu erwerben, wenn die Familie keinen Beitrag leisten kann. Bei uns überlagern sich wirklich viele Nachteile, und dann fragt man sich, ob das alles noch Sinn hat. ... Wenn wir „Scheiße!“ sagen wollen, tun wir das. Ich bin immer hellhörig, was die Sprache von Menschen am Rande der Gesellschaft, abseits von Paris, angeht. Ich achte auf sprachliche Veränderungen, auf Jargon, auf das Vokabular. Die unterschiedliche Ausdrucksweise hat heute nichts mehr mit Regionen oder Dialekten zu tun, sondern mit einem Französisch, das urban geprägt ist, vom Dienstleistungssektor, vom Management-Englisch. Der Sprachgebrauch ähnelt sich in Paris, Lyon und anderen Städten, aber schon 50 Kilometer von Paris entfernt sprechen die Menschen anders.

... Wie hat sich das Land unter Macron verändert?

Frankreich ist paradoxerweise unter Macron wieder nach links gerückt. Einen Teil junger Wähler hat er enttäuscht. Die dachten, das klassische Angestelltendasein ist sowieso abgeschrieben, dann eben ein Start-up. Bis ihnen klarwurde, dass sie nun ununterbrochen arbeiten müssen, keine soziale Absicherung haben und selbst im Krankheitsfall weitermachen müssen. Andere, wie die Gelbwesten, haben oft zuvor nie demonstriert, waren nie politisch interessiert. Das hat sich geändert, nachdem sie gesehen haben, zu was der Staat in der Lage ist: abgerissene Hände, zerschossene Augen, Militärfahrzeuge als Antwort auf soziale Proteste. Das hat sie politisiert, wenn auch nicht im positiven Sinn. Unter Macron ist der Rückzug des Staates extrem konkret spürbar geworden. Aus heutiger Sicht fällt es mir sogar schwer, Jacques Chirac oder Nicolas Sarkozy noch als rechte Präsidenten zu bezeichnen, denn sie haben weitaus weniger Einschnitte in den Sozialsystemen und weniger Privatisierungen vorgenommen. In Deutschland herrscht der Eindruck, wir würden uns zu viele Beamte und öffentliche Ausgaben leisten. Und weil Deutschland die Europäische Union dominiert, sollen die anderen Länder an den Maastrichtkriterien festhalten, um die Neuverschuldung gering zu halten. Aber man kann doch für die Haushaltsdisziplin nicht mehrere Millionen Menschen auf der Straße verrecken lassen. Soziale Bewegungen und Aufstände haben in Frankreich eine lange Geschichte, die kulturell verankert ist. Immerhin: Die Gesellschaft, die Macron vorschwebt, ist ein Geschenk für die Literatur, man kann jede Menge darüber schreiben.


Aus: "„Wir lieben es, Tabus zu brechen“" Romy Straßenburg (Ausgabe 10/2020)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/linkerhand/wir-lieben-es-tabus-zu-brechen

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« Reply #1017 on: M?RZ 15, 2020, 10:57:23 vorm. »
Quote
Stehauf-Mädchen aka La Rabiata @JanaRennsteig

Ok. Wg. Corona gelten jetzt also als systemrelevante Berufsgruppen: Med. Personal. Kinderbetreuung. Supermarkt-Mitarbeiter. Trucker. Busfahrer.
Also quasi alle, die sich bisher fragen lassen mussten, warum sie nix ordentliches gelernt haben.


https://twitter.com/JanaRennsteig/status/1238922239996760065?s=03

...

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Replying to @JanaRennsteig @PeterRReichel

Als Supermarkt Mitarbeiter geht das runter wie Öl. Danke 😍
7:36 PM - 14 Mar 2020


https://twitter.com/JoKe_r95/status/1239017641068703745

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« Reply #1018 on: M?RZ 18, 2020, 10:43:39 vorm. »
"Die Supermarktkassiererin: Dienstleisterin unseres Herzens" Ronald Pohl (18. März 2020)
Sie verrichtet auch in einschränkungsreichen Zeiten Heldinnenarbeit an der Kassa
Spricht man eine der heroischen Damen bei der Ausübung ihrer Tätigkeit an, erhält man bereitwillig Auskunft. Supermarktkassiererinnen leisten zum Beispiel eine Wochenarbeitszeit von 30 Stunden, die in mehr oder minder flexible Schichten aufgeteilt wird. Sie sagen dieser Tage: "Natürlich habe ich Angst!" [Coronavirus] Und: "Einfach ist es nicht!" Zumal, wenn man eine fünfjährige Tochter zu Hause hat, die der Obsorge bedarf. Wie gut, wenn wenigstens der Lebensgefährte beruflich abkömmlich ist und Heimdienst leisten kann. ...
https://www.derstandard.at/story/2000115845953/die-supermarktkassiererin-dienstleisterin-unseres-herzens

Quote
rollingpebbles

Was bringt uns diese Streicheleinheit? - Genau diese Menschen und all die Anderen, welche täglich die Realwirtschaft am Laufen halten sind die Helden. Zum Dank werden sie mit Hungerlöhnen abgespeist, auf Grund unsozialer Steuergesetze vom Staat auch noch ausgesaugt und beim kleinsten Share Holder Verlust auf die Straße gesetzt. ...


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gsiberger86

Zur Zeit ist etwas Interessantes zu beobachten: Menschen mit Berufen, die "eher weniger" verdienen, leisten gerade enorm wichtig, unaufschiebbare, gefährdete Arbeit... (Menschen im Lebensmittelhandel, Reinigungskräfte, Sozial- und Pflegebereich, öffentlicher Verkehr, usw.)


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Protagoras v. Abdera

Ja, es ist schon erstaunlich, wenn bemerkt wird, dass hinter vermeintlich alltäglichen Selbstverständlichkeiten menschliche Arbeitskraft steckt. In vielen Bereichen ist das so. Die Pflegekräfte haben sich knapp vor dem Ausbruch der Infektionen im Streik befunden, und zwar zugunsten einer einzigen Forderung, der 35h-Woche, die man ihnen nicht erfüllen wollte, weil angeblich aus Kostengründen nicht möglich. Aktuell nimmt die Regierung wieder Milliarden in die Hand, um Unternehmenskredite zu besichern, Kurzarbeit und Direkthilfen zu bezahlen. Ja, die Krise zeigt auch, was eigentlich alles möglich wäre, würden wir nicht im "Normalbetrieb" in einer derart ungleichen und vermachteten Gesellschaft leben.


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La Grande Inter

Das traurige wird sein - ist diese Krise vorbei, wird man die Billa Kassiererin erst wieder für abschätzige Äußerungen hernehmen und die Leute werden wieder schreien:"zweiteee Kassaaa bitte".


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avpr1a

Man sollte die kasirerinnen nicht heroisieren, sonder 1. Schutzausrustung zu Verfügung stellen, zumindest die Rauch Kallert Masken und Handschuhe und 2. Ihnen von der Republik aus eine ordentliche finanzielle Aufbesserung zukommen lassen. Alles Andere hat den üblen Beigeschmack von "Kanonenfutter" um in der Kriegssprache zu bleiben.



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Robert Holzmann (* 27. Februar 1949 in Leoben, Steiermark) ist ein österreichischer Wirtschaftswissenschaftler. Von 1997 bis 2011 war er in verschiedenen Positionen bei der Weltbank in Washington, D.C. tätig, von 1997 bis 2009 als Sector Director, von 2009 bis 2011 als Research Director und 2002/03 als Senior Vice-President. Im Jänner 2019 wurde er als Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank nominiert ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Holzmann_(Wirtschaftswissenschaftler)

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[...] STANDARD: Die Maßnahmen der Regierung kompensieren nicht den Ausfall der Unternehmen und EPUs (Ein-Personen-Unternehmen). Sie müssen die Kredithilfen ja wieder zurückzahlen. Müsste ihnen die öffentliche Hand den Ausfall nicht ersetzen, damit sie überleben können?

Holzmann: Man wird den Ausfall zu einem großen Teil ersetzen, aber nicht komplett. Es ist nicht Aufgabe der Regierung, alles zu ersetzen, sondern das Überleben der Unternehmen sicherzustellen und den Leuten ihr Auskommen. Wir alle müssen uns auf Einschränkungen einstellen. Aber so wird die Krise eine bewältigbares Problem bleiben.

STANDARD: Auf Pleiten würden Massenentlassungen folgen. Deutschland ändert das Insolvenzrecht, setzt Konkursanträge aus. Sollte man das auch in Österreich tun?

Holzmann: Von Insolvenzen sind wir in Österreich noch entfernt, und Insolvenzen gehören auch in guten Zeiten zur Wirtschaft dazu. Dieser Ansatz ist problematisch, denn er macht keinen Unterschied zwischen Unternehmen, die sowieso nicht überlebt hätten, und denen, die schon überlebt hätten. Diese Hilfe ist ein Fehler, weil damit die Reinigungskräfte nicht wirken können. Sie würde verhindern, dass man aus diesem Loch gestärkt herauskommt.

STANDARD: Sie meinen, die Krise reinigt die Wirtschaft?

Holzmann: Jede Wirtschaftskrise ist auch eine Reinigung, Sie kennen sicher Joseph Schumpeter und seine Theorie der schöpferischen Zerstörung. Schon die Geldpolitik der letzten Jahre mit Null- und Negativzinsen hat diese Reinigungskraft etwas unterbrochen. Man kann eine Krise auch dazu nützen, gestärkt daraus hervorzugehen und dabei den sozialen Anforderungen Genüge zu tun.

STANDARD: Sie führen den tiefen Fall der Aktienmärkte also auch darauf zurück, dass die Märkte durch die erhöhte Liquidität zuletzt sehr stark gestiegen sind?

Holzmann: Die Aktienkurse waren losgelöst von realen Werten, der jetzige Sturz kam also nicht überraschend. Es ist immer besser, die Verluste zu konsumieren, als zu versuchen, sie hinauszuzögern – Japan leidet immer noch darunter. Für die Betroffenen, die Vermögen verlieren, ist das natürlich ein Problem. Aber für die Wirtschaft ist so eine Bereinigung gut.

STANDARD: Trug die Geldpolitik zu einer Zombifizierung der Wirtschaft bei, also dazu, kaputte Unternehmen am Leben zu halten?

Holzmann: Das ist eine These. Aber es gibt auch andere Folgen, etwa dass Platzhirsche, die den Markt beherrschen, mit billigen Finanzierungen expandieren und den Konkurrenten die Luft wegnehmen. Das ist in den letzten Jahren passiert. Wenn das also aufhört und ein Teil der Bereinigung ist, wäre es ein positiver Aspekt der Krise.

STANDARD: Heißt das, dass Sie in den Folgen der Krankheit beziehungsweise des Schutzes vor Corona eine Genesung der Wirtschaft sehen?

Holzmann: Ich hätte das so nicht formuliert. Aber ja, dieser Gesundheitsschock, so schlimm er auch ist, führt andererseits dazu, bestimmte Geschäftsmodelle zu überdenken – ob es nun um das Outsourcing in ferne Länder samt langen Transportwegen geht oder um die Organisation der Wirtschaft. Man sollte die Zeit nutzen, Dinge zu ändern, die man schon lang ändern wollte. Nach dem Motto: "Verschwende nie eine Krise, um Verbesserungen durchzuführen." Ich würde anregen, zu prüfen, was wir künftig anders machen könnten.

STANDARD: Sie betonen die Stärke von Österreichs Finanzsystem. Sollte es aber zu größeren Firmenpleiten kommen: Halten die Banken das aus?

Holzmann: Es kommt auf die Schwere des Schocks an. Aber Österreichs Banken haben ihr Eigenkapital seit der Finanzkrise verdoppelt und sind gut aufgestellt.

STANDARD: Wenn Banken jetzt nicht alle überfälligen Kredite fällig stellen: Widerspricht das nicht Ihrer These, dass nun die Zeit wäre für Selektion auf den Märkten?

Holzmann: Wenn man alle Unternehmen, die nicht zurückzahlen können, sofort vor die Tür setzt, würde das zum großen Schock führen – dafür gibt es aber keinen Grund. Verlängern wird man Kredite für Unternehmen, die Ausfallsentschädigungen bekommen – wie etwa im Tourismus. Man muss aber sicherstellen, dass nur die überlebensfähigen Firmen überleben, die anderen, die auch ohne Krise aus dem Markt ausgeschieden wären, sollen nicht überleben. Im Moment ist die Bereitstellung von Liquidität das Wichtigste. Danach liegt es an den Banken, zu entscheiden, wer weiterfinanziert wird und wer nicht.

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Aus: "Nationalbankchef: "Sicherstellen, dass nur überlebensfähige Firmen überleben"" Renate Graber, Andreas Schnauder (18.3.2020)
Quelle:

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Tobias Braun

Erschreckend - Was für ein offenherziges und informatives Interview. Frei von Empathie für all jene, die die derzeitige Situation unverschuldet trifft.


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jiminy die grille

Es ist doch immer wieder erfrischend, wenn genau die, die wie die Maden im Speck leben, einem erklären wie die Welt funktionieren soll. ... Und so jemand spricht von "positive Reinigungskräften".


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Cures

Was für ein Irrer.


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tablespace65

Bei HOLZMANNs Aussagen und Ansichten zieht es einem die Schuhe aus! - Seine arrogante und präpotente Art, von oben herab die Situation zu analysieren und dabei auch noch an der Realität vorbeizuschwadronieren, ist einfach nur unglaublich! Und zusätzlich scheint er auch noch die Fakten und die Realität nicht wahrhaben zu wollen.
Während inzwischen schon fast jeder davon ausgeht, dass es auch in Österreich zu einer Rezession kommen wird, schwafelt er noch von "postiven Reinigungskräften für die Wirtschaft" daher! ...



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zege de zung

Sitzt im Elfenbeinturm und faselt von Auslese.


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Gert Bachmann

Sozaldarwinismus pur. Als scheinbare Rechtfertigung für Geldadel.


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vor diktat verreist

Ganz allgemein gesagt: Es gibt viel zu viele kapitale Ar......lö....., die in maßgeblichen Positionen sitzen (ohne selbst je Risiko tragen zu müssen), sich über andere in unerträglicher Manier erheben und als *Experten* ihren Sermon öffentlich absondern dürfen.


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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #1019 on: M?RZ 19, 2020, 10:35:25 vorm. »
Quote
[...] Sonst ist um diese Jahreszeit nicht viel los in den Hamptons, der New Yorker Goldküste, wo die reichen Menschen gerne ihre Sommer verbringen. Die Villen im Stil englischer Landhäuser, französischer Chateaus oder italienischer Renaissance-Paläste, gebaut mit den Erlösen aus erfolgreicher Hedgefonds-Spekulation und Private Equity Deals, sind noch eingemottet. Selbst die Sträucher und Bäume in den parkartigen Gärten drum herum sind sorgfältig mit Jutesäcken verpackt, um sie vor der harschen Atlantikwitterung zu schützen.

In den einstigen Fischer- und Bauerndörfern harren normalerweise nur wenige Einheimische in der kalten Jahreszeit aus. In den Schaufenstern von Boutiquen wie Intermix hängen im Sommer Designerstücke wie Kleider von Brock Collection mit Blumenmuster für 1.910 Dollar. Auf einem Schild steht, man freue sich, die erlesene Kundschaft in der neuen Saison 2020 begrüßen zu dürfen.

Doch am vergangenen Freitag waren alle Parkplätze entlang der Main Street in Southampton voll: Mercedes, Porsche, Jaguar – alle Luxusmarken der Welt aneinandergereiht. Im populären Laden Cheese Shoppe, der Sandwiches und Panini mit Namen wie "Firenze" oder "Mt. Fuji" für 11,95 Dollar anbietet, werden die Kunden mit Desinfektionsmittel empfangen. "Seit gestern herrscht Hochbetrieb, die Leute sind massenhaft aus der City gekommen", sagt Nicole, eine Mittzwanzigerin, die hier bedient und nur ihren Vornamen nennen will.

Die Menschen von der noblen Upper East Side in Manhattan haben ihre Koffer gepackt, nachdem Andrew Cuomo, Gouverneur von New York, Versammlungen von mehr als 500 Menschen untersagt hatte und die Theater am Broadway geschlossen wurden. Wohltätigkeits-Galas und Dinners wurden hastig abgesagt. Die Horace Mann School, wo ein Unterrichtsjahr 53.000 Dollar kostet, schickte alle Schüler nach Hause, nachdem dort ein Coronafall bestätigt wurde.

Skiurlaub in den Edel-Lodges von Aspen schien auch nicht mehr opportun, nachdem ein Gast aus Australien in dem Rocky-Mountain-Ort positiv getestet wurde. "Staycation in the Hamptons! Wie das Coronavirus Park Avenues Ferienpläne zerschießt", titelte Town & Country, die Postille der Ostküsten-Geldaristokratie.

In dem Bericht beschwert sich Jill Kargman, die als "Autorin, Schauspielerin und Upper East Side Mom" vorgestellt wird, über das selbstgewählte Corona-Exil: "Ich bin süchtig nach New York, ich würde lieber an Corona sterben, als an Langeweile einzugehen!" Krista Krieger, Vorsitzende des Non-Profit-Organisation Empowers Africa, die laut Webseite "menschliches Empowerment, Wildtier- und Umweltschutz in Sub-Saharah Afrika" fördert, klagt derweilen, dass ihre Tochter, eine Oberstufenschülerin, nun nicht den geplanten Schulausflug auf die Bahamas machen darf.

Eltern kleinerer Kinder sorgen sich wegen ihrer Nannys – oder besser gesagt wegen der Möglichkeit, dass die Kinderfrauen das Virus einschleppen. Sie sind oft Immigrantinnen, die in den Außenbezirken der Stadt wohnen. "Soll man sie noch mit der U-Bahn fahren lassen oder ist Uber besser?", lautet eine Frage auf Park Slope Parents, einem Onlineforum für das bei betuchteren Familien angesagte Viertel in Brooklyn.

Die Panik führt zu Hamsterkäufen auf hohem Niveau. Aus Morells Weinladen in East Hampton laufen die Kunden nun mit Kisten statt mit einzelnen Flaschen aus der Tür. Nebenan bei Citarella ist Verkäuferin Elidia noch immer fassungslos:  "Die Leute haben gekauft wie verrückt, egal, was!" Die drei Hamptons-Filialen des Delikatessentempels – zu den Spezialitäten gehört frischer Hummer – verzeichneten 50 Prozent mehr Umsatz.

"Statt eine Ecke von dem Käse zu ordern, nehmen die Leute gleich den ganzen Laib mit", sagte Helen Gurrera, die Geschäftsführerin des Einzelhändlers dem New York Magazine. Und Lobel's, ein New Yorker Traditionsmetzger, erhielt laut dem Magazin von einem offenbar von Angst geplagten Kunden eine Bestellung in Höhe von 10.000 Dollar für 100 Steaks, 100 Lammkoteletts, 100 Hühnerbrüsten und anderen Spezialitäten.

Doch auch die Wohlhabenden stoßen auf Beschränkungen in der neuen Zeit. So berichtete ein empörter New Yorker dem Finanznachrichtendienst Bloomberg, er habe 30.000 Dollar von seinem Konto bei der Chase-Bankfiliale in den Hamptons abheben wollen, doch der Angestellte habe ihm mitgeteilt, das Limit seien 10.000 Dollar. JPMorgan Chase, die größte Bank nach Bilanzsumme, erklärte auf Anfrage Bloombergs, die Filialen verfügten über genug Bargeld.

Die New York Times berichtete von einer Bank-of-America-Filiale in Manhattan, der die 100-Dollar-Scheine ausgingen, nachdem mehrere Kunden bis zu 50.000 Dollar abhoben. Charterunternehmen für Privatjets müssen ihrer Kundschaft sagen, dass auch sie den Reisebeschränkungen unterliegen. Auch wenn diese teilweise bis zu 150.000 Dollar für einen Platz an Bord bieten.

Und die Corona-Quarantäne könnte unerwartete Nebenwirkungen für das Jetset-Leben haben: "Die ganze Upper East Side wird sich danach scheiden lassen", erklärte eine Society Lady nur halb im Scherz. "Die Leute verbringen mehr Zeit mit der Familie, als die meisten es je erlebt haben."


Aus: "Hamsterkäufe auf hohem Niveau" Heike Buchter (18. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-03/quarantaene-coronavirus-wohlhabende-new-york/komplettansicht

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Ludwig van Wegen #1.5

Autofahrer, die andere mit ihrer (ziemlich sicher unterirdischen) Musikauswahl behelligen, sind deutlich unangenehmer als hedonistische Snobs.


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IPS Pflege #3

... Freut mich doch sehr für Sie das es genießen können. Als Prekarier (Fachpfleger für Intensivmedizin) ist es schön zu lesen das sich die Elite es sich gutgehen lässt.


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janipeki #3.1

Wie wär's mit einem Gefühl für feine Ironie?


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Studierendenvertretender #4

"Die Reichen decken sich mit edlen Weinen, Lammfilets und Bargeld ein."

Nachvollziehbar, eher als sich mit 10-Jahres-Vorräten an Klopapier "einzudecken".


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Etna #13

Ist doch nichts Neues. Auch früher sind Adlige in Seuchenzeiten aus den Städten auf ihre Landsitze geflohen und haben es sich dort gut gehen lassen. Bestes literarisches Beispiel: Das Decamerone.

[https://de.wikipedia.org/wiki/Decamerone]


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zeisig #29

"Und die Corona-Quarantäne könnte unerwartete Nebenwirkungen für das Jetset-Leben haben". Wäre nicht das Schlechteste, wenn die Corona-Quarantäne Nebenwirkungen für das Leben der Anyways in den Hamptons, in Ischgl, Berlin und all den anderen Orten auf der Welt, wo es den Anyways gefällt, hätte. Vielleicht werden einige sogar darüber nachdenken, was ihre Lebensweise für alle anderen mit sich bringt. Das wäre schön.


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« Reply #1020 on: M?RZ 23, 2020, 12:17:38 nachm. »
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[...] Im Moment fühlt man sich vielerorts als freischaffende Künstlerin wie eine Figur, die sich selbst beim freien Fall beobachtet. Jede Sicherheit fällt weg. Der Fall auf freier Strecke, diesen Ausdruck kannte ich bisher nur für Figuren die ich auf der Bühne verkörpern durfte. Eine Grenzerfahrung, die auch ein spielerischer Inspiration sein kann eine persönliche Tragödie also, die ein Figur zu einem essentiellen Tiefe bringen kann.  Doch wenn die Tragödie dein eigenes Leben bestimmt, verschiebt sich etwas gewaltig. Es wird zu deiner persönlichen Tragödie.

Und derzeit beobachte ich Veränderungen und erlebe den Verlust von allen beruflichen Säulen. Als ich als Kind aus dem ehemaligen Jugoslawien vor den Aggressoren geflohen bin, wusste man zu mindestens wer dein Gegner ist. Die Situation damals, also die Grundstimmung ist vergleichbar mit der jetzigen Situation. Natürlich befinden wir uns nicht im Krieg, und ich bin mir meinen Privilegien als weiße Frau in Westeuropa bewusst. Das Gefühl der diffusen Angst, verändert die Menschen in Deutschland. Die Hypotheken auf Ängste und die realen Existenzängste von KollegInnen haben Daseinsberechtigung. Wir wissen alle nur zu gut, dass „Angst essen Seele auf“ bedeutet.

Der Unterschied zu damals liegt gerade darin, dass nicht erkennbar ist wer der Gegner sein könnte, die Fragestellung nach potentiellen Ansteckungen und die Möglichkeit einer Ansteckung hat sich tief in unsere Köpfe gebohrt. Bei mir fallen Drehtage ganz aus, oder werden auf den Herbst verschoben. Ähnliches passiert mit Vorstellungen, die ausgesetzt werden. Honorare fallen weg, Synchronstudios machen ganz dicht, mein Stipendium beim internationalen Forum in Berlin, das im Mai stattfinden sollte findet zum Glück im nächsten Jahr statt. Natürlich ist man als freiberufliche Schauspielerin und Autorin immer auf eine Mischkalkulation angewiesen, aber gerade fallen alle Säulen weg. Selbst als meine Nebentätigkeit als Yogalehrerin wird für nicht absehbare Zeit ausfallen. Ich hatte das Glück im letzten Jahr viel spannende Projekte zu verwirklichen, sodass ich noch finanzielle Rücklagen für ein paar Monate habe. Aber was passiert dann? Wir arbeiten unter prekären Bedingungen und viele selbständige und freischaffende Künsterinnen haben nicht die Möglichkeiten zu sparen. Kredite aufzunehmen, die man dann nicht abbezahlen kann, sind für mich und viele meiner Kollegen keine Option. Daher brauchen wir jetzt politische schnelle Entscheidungen. Vergesst uns nicht, dass ist meine Bitte an die Politik und Lokalpolitik. Wir sind eine Gruppe von Menschen, die in dieser Gesellschaft „Hochleistungsport “ leisten, aber nicht ausreichend dafür bezahlt werden, wir können es uns nicht leisten vor leeren Reihen zu spielen, anders als die Kollegen von Fußballclubs. Daher besteht jetzt die Möglichkeit über neue Strategien zu verhandeln wie zum Beispieldas bedingungslose Grundeinkommen und gemeinsam zu diskutieren über soziale Ungleichheit. Gerade erlebe ich auch viele positive Veränderungen und Solidarität. Entscheidungen können auch sehr schnell geschlossen werden, doch dies kann nur konstruktiv sein, wenn man Künstlerinnen direkt nach ihren Lebensrealitäten befragt werden. Leider können wir nicht im Homeoffice arbeiten, da der Livemoment entscheidend ist. Nichtsdestotrotz konzipiere ich gerade ein Homevideo für meine Schauspielschüler, denn dynamische und kreative Denkweisen sind nun mal die Währung für alle Kreativen.  Deshalb möchte ich an alle appellieren zu künstlerischen und politischen Allianzen, die freischaffende Künstler aus Köln gemeinsam an einen Tisch (mit genügend Sicherheitsabstand) bringen und Strategien aus unserer Sprachlosigkeit zu formulieren und zu finden, damit ein finanzielles Hilfspaket zustande kommen kann.

Jasmina Music, 1988 in Banja Luka geboren, kam im Alter von fünf Jahren mit ihren Eltern nach Dortmund. Sie studierte Schauspiel in Hamburg und Tuzla, sowie Psychologie in Köln. Jasmina Music arbeitet als Schauspielerin, Performerin und Autorin in Bosnien, Herzegowina und Deutschland.


Aus: "Angst essen Seele auf: Im Warteraum Zukunft" Jasmina Music (23. März 2020)
Quelle: https://www.ruhrbarone.de/angst-essen-seele-auf-im-warteraum-zukunft/181155

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Nina, 23. März 2020 um 11:15

Ich kann es nicht mehr hören… das ewige Klagen der ach so wichtigen Künstler. Als ob sich alles um sie drehen würde… Ich warte derweil auf die persönlichen Berichte von Dienstleistern, Angestellten, Produzenten, Landwirte, Friseure, Prostituierte, Bildungseinrichtungen, Pädagogen, Lotto-Annahmestellen, Restaurants, Franchise-Filialen, kleine Bäckereien mit Ladencafé, ….
Liebe Künstler, ihr seid nicht der Nabel der Welt.


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[...] „Für Musikschaffende werden die kommenden Monate eine extrem harte Zeit. Wie kaum ein anderes Berufsbild ist unser Einkommen stark von einem funktionierenden, freien und öffentlichen Leben abhängig. Viele meiner Freundinnen und Kollegen sind durch die Coronakrise akut von finanziellen Ausfällen betroffen. Manche haben die letzten Monate Geld in ein Album investiert und müssten jetzt touren, um das mit den Konzerten wieder einzuspielen und ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

... Dabei kann ich mich noch glücklich schätzen, weil ich einen Vorschuss meines Verlags bekommen habe. Ich hoffe, dass auch andere Labels so kulant und solidarisch sind. Noch härter wird es wohl Musikerinnen und Musiker aus subkulturellen Kontexten, reine Instrumentalisten und Studiomusiker treffen, die meist keine Urheberrechte an Stücken haben und somit nicht einmal einen GEMA-Vorschuss erhalten können.

... Mein Mitbewohner arbeitete in den letzten Wochen am Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg an der Theatermusik für ein aktuelles Stück und hat schon viel Zeit in Proben investiert hat. Die Vorführungen fallen nun komplett aus. Ihm wurde das Honorar trotz der Ausfälle ausgezahlt. Gerade die staatlich geförderten Projekte sollten diesem Beispiel folgen und die Beteiligten rückstandslos finanziell entschädigen.

Der Staat könnte zudem gezielt Förderungen höher bezuschussen, wie beispielsweise die „Initiative Musik“. Vielleicht ist es auch möglich, so etwas wie eine Krisenfond einzurichten und Musikerinnen und Musikern bei nachgewiesenem Ausfall eine Erstattung auszuzahlen. Selbstverständlich dürfen dabei Clubs, Veranstalter und Booker nicht vergessen werden.

... Kultur ist kein Luxus, der in den kommenden Wochen mal eben etwas hintenüberfällt, es ist ein extrem wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft. Und eben nicht nur die Hoch-, sondern auch die Subkultur. Die Politik darf in der Krise nicht nur Unternehmen Subventionen und Hilfsprogramme zusichern. Sie muss erkennen, welch immenser Schaden momentan für freiberufliche Kreativschaffende und die Musikbranche entsteht - und diesem entschlossen entgegenwirken.“



Aus: "Musikerin Lùisa über Corona-Lockdown „Es ist ein künstlerisches und emotionales Desaster“" (23.03.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/musikerin-lisa-ueber-corona-lockdown-es-ist-ein-kuenstlerisches-und-emotionales-desaster/25672022.html

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mr.l 12:14 Uhr

    Kultur ist kein Luxus

Auch wenn ich die Sorgen und das Anliegen verstehe... aber hier werden die wirtschaftlichen Folgen dessen, was gerade passiert, offensichtlich unterschätzt. Die Schulden, die nun gemacht werden müssen um den Zusammenbruch der Wirtschaft zu verhindern, sind immens. Zu fordern oder zu erwarten, dass die musikalische Subkultur gerettet werden muss, ist Angesichts der Probleme die auf uns zukommen völlig Weltfremd.


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[...] Düsseldorf Mit einem Milliarden-Schirm will die NRW-Landesregierung die Wirtschaft in der Corona-Krise retten. Die Corona-Fallzahlen steigen landesweit weiter an. Weitere Einschränkungen im öffentlichen Leben sind zu erwarten.

Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat am Sonntag ein für das Land beispielloses Rettungspaket in Höhe von 25 Milliarden Euro zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise beschlossen. In einer Sondersitzung per Schalte brachte die Regierung den Rettungsschirm auf den Weg. Schon am Dienstag soll der Landtag in einer Sondersitzung die Milliardenhilfen für Unternehmen und Beschäftigte im Schnelldurchlauf beschließen. Unterdessen erörterten die Ministerpräsidenten der Bundesländer mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Sonntag weitere Maßnahmen im Kampf gegen die Corona-Pandemie.

„Wir befinden uns alle in einer wahrhaft außergewöhnlichen Extremsituation und sehen uns plötzlich Aufgaben und Problemen gegenüber, die wir uns vorher kaum vorstellen konnten“, sagte Finanzminister Lutz Lienenkämper (CDU) laut Mitteilung. „Mit unserem NRW-Rettungsschirm wollen wir den Zusammenbruch vieler Firmen vermeiden und viele Arbeitsplätze und ganze Erwerbsbiografien von Familien retten.“

Der Landtag soll sich am Dienstag mit dem Gesetzespaket des Kabinetts und einem Nachtragshaushalt für 2020 befassen, über den das Land bis zu 25 Milliarden Euro an neuen Schulden machen will. Damit sollen Bürgschaften, Steuerstundungen sowie Soforthilfen für Kleinunternehmen und Solo-Selbstständige finanziert werden. Die Kreditaufnahme soll in Tranchen abhängig von den benötigten Ausgaben erfolgen. Zugleich machte Lienenkämper klar, dass weitere Maßnahmen folgen werden. „Niemand weiß, welche Herausforderungen noch auf uns zukommen.“

Die Zahl der bestätigten Coronavirus-Infektionen stieg in NRW weiter an. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums von Sonntag (Stand 11.00 Uhr) gab es landesweit 7361 nachgewiesene Fälle. Das ist im bevölkerungsreichsten Bundesland ein Zuwachs von mehr als 600 im Vergleich zum Vortag. Die Zahl der erfassten Todesfälle in NRW stieg um neun auf 32.

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Aus: "25 Milliarden Euro : NRW-Kabinett billigt Milliarden-Hilfe für die Wirtschaft" (22. März 2020)
Quelle: https://www.aachener-zeitung.de/nrw-region/nrw-kabinett-billigt-milliarden-hilfe-fuer-die-wirtschaft_aid-49688839

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[...] Allmählich zeichnen sich die Dimensionen der Schäden ab, die diese Krise in der Wirtschaft hinterlassen wird. Sie sind gewaltig, und es ist noch lange nicht klar, wie groß sie letztlich ausfallen werden. Aber das Münchner ifo-Institut hat sich jetzt in einer Schätzung versucht. "Die Kosten werden voraussichtlich alles übersteigen, was aus Wirtschaftskrisen oder Naturkatastrophen der letzten Jahrzehnte in Deutschland bekannt ist", sagt der ifo-Präsident Clemens Fuest. Je nachdem, welches Szenario man zugrunde lege, könne die Wirtschaft um sieben bis zu 21 Prozentpunkte schrumpfen. In Geld ausgedrückt bedeutet das Kosten von 255 bis 729 Milliarden Euro.

Die Bundesregierung hat angekündigt, auf diese immense Herausforderung entschlossen zu reagieren und an diesem Montag im Kabinett ein beispielloses Hilfspaket beschlossen, das viele unterschiedliche Lebensbereiche umfasst: Unternehmen, aber auch normale Bürgerinnen und Bürger, sollen unterstützt werden. Was das den deutschen Staat letztendlich kosten wird, ist noch schwer zu beziffern, da es einerseits um direkte Zahlungen geht und andererseits um Bürgschaften und Kredite. Klar ist aber, wie hoch die neuen Schulden sind, die die Bundesregierung dafür jetzt aufnehmen will: 156 Milliarden Euro, so viel wie nie zuvor auf einmal.

Dieses Geld wird nun unterschiedlich eingesetzt. Wie Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) während einer gemeinsamen Pressekonferenz erklärten, sollen etwa 50 Milliarden Euro für direkte Hilfszahlungen an Kleinstbetriebe, Selbstständige, Künstlerinnen, Heilpraktiker oder Pfleger aufgewendet werden. Sie können über drei Monate 9.000 bis 15.000 Euro erhalten. Das soll unbürokratisch funktionieren, die Antragsteller müssen nur versichern, dass sie durch die Corona-Krise einen Liquiditätsengpass haben.

"Es kommt darauf an, dass wir schnell helfen", sagte Altmaier dazu, damit diese Kleinunternehmen "erhalten bleiben, auch wenn ihnen das Einkommen wegbricht". Der Wirtschaftsminister hob hervor, dass allein in diesem Bereich zehn Millionen Menschen tätig seien. Es gehe bei den Hilfen aber nicht darum, Umsatzausfälle zu ersetzen, sondern lediglich laufende Betriebsausgaben abzudecken.

Die beiden Minister gingen zudem erneut auf das Paket ein, das für mittelgroße Firmen bereitgestellt wird. Das unbegrenzte Kreditprogramm über die staatliche Förderbank KfW ist seit diesem Montag verfügbar. Die KfW genehmigte die ersten Notfall-Darlehen bereits, die Unternehmen über ihre Hausbanken beantragen können. Gleich zu Beginn des Arbeitstages um 8.30 Uhr seien zwei Kredite bewilligt worden in der Kategorie bis zu drei Millionen Euro, sagte ein KfW-Sprecher. Weitere Angaben über die Anzahl der eingegangenen Kreditanträge sollen folgen.

"Die Banken und die KfW haben sich intensiv auf den heutigen Tag vorbereitet", sagte KfW-Chef Günther Bräunig. "Noch nie haben wir ein Programm so schnell startklar bekommen. Der Bund übernimmt fast vollständig die Haftung und die Kreditmargen sind extrem niedrig." Die Sonderkredite stehen Firmen zur Verfügung, die wegen der raschen Ausbreitung des Coronavirus vorübergehend in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind und Liquidität zur Überbrückung brauchen. Mit den Darlehen, die teilweise bis zu 90 Prozent durch den Staat garantiert sind, können Betriebsmittel und Investitionen finanziert werden.

Bei größeren Konzernen will die Bundesregierung notfalls mit staatlichen Beteiligungen verhindern, dass Unternehmen in der Krise zu leichten Opfern von Firmenaufkäufern werden. "Wir sind entschlossen, unseren Unternehmen in dieser Zeit zur Seite zu stehen", sagte Altmaier. Die Bundesregierung lege es zwar nicht auf staatliche Beteiligungen an. Sie sei aber mit dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) dafür gerüstet, der ein Volumen von 100 Milliarden Euro haben werde. Das Instrument habe man aus der Zeit der Finanzkrise übernommen und werde es jetzt für Unternehmen aller Branchen öffnen.

Ein weiteres bewährtes Mittel aus der damaligen Krise ist das Kurzarbeitergeld. Wenn es keine Arbeit mehr gibt, kann ein Unternehmen seine Beschäftigten in Kurzarbeit schicken – die Bundesagentur für Arbeit übernimmt 60 Prozent des Lohns, bei Menschen mit Kindern 67 Prozent. Die Unternehmen bekommen die Sozialbeiträge erstattet. Kurzarbeitergeld kann fließen, wenn nur zehn Prozent der Beschäftigten vom Arbeitsausfall betroffen sind, statt wie bisher ein Drittel. Auch Zeitarbeitsunternehmen können die Leistung anzeigen. Die Regierung geht bisher von mehr als zwei Millionen Fällen aus, für die das Kurzarbeitergeld gezahlt werden muss. Kosten wird das rund zehn Milliarden Euro.

Auch wenn noch schwer vorauszusehen ist, wie lange die Krise anhält und wie viele Maßnahmen notwendig werden, hat das ifo-Institut anhand der bisherigen Zahlen zu schätzen versucht, wie viel Geld der Staat jetzt aufbringen muss. Ausgelassen haben die Wissenschaftler jedoch in der Kalkulation die geplanten Bürgschaften und Kredite sowie eventuelle europäische Rettungsmechanismen. Das ifo kommt so bisher auf eine Belastung für die öffentlichen Haushalte von bis zu 200 Milliarden Euro.


Aus: "Wirtschaftsmaßnahmen: Was das alles kostet" Zacharias Zacharakis (23. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-03/wirtschaftsmassnahmen-corona-krise-hilfspakete-kosten/seite-2

« Last Edit: M?RZ 24, 2020, 12:32:40 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #1021 on: M?RZ 24, 2020, 12:43:18 nachm. »
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[...] Wer in Frankreich momentan ohne eine Bescheinigung und einen triftigen Grund die Wohnung verlässt, muss 135 Euro Strafe zahlen. Viele wohlhabende Städter sind deswegen aus den Großstädten in ihre Ferienhäuser oder Zweitwohnsitze auf dem Land geflohen, wo sich der Hausarrest besser aushalten lässt. In Esmilis Heimat Seine Saint-Denis kann sich das kaum jemand leisten. In dem Departement, das nördlich an Paris grenzt, leben mehr als anderthalb Millionen Menschen auf engstem Raum zusammen. Die Wohnblocksiedlungen, die sich hinter dem Stade de France an der Pariser Stadtgrenze bis zum Horizont auftürmen, bilden eine Kulisse, die viele Deutsche nur aus Rapvideos und Brennpunkt-Kinofilmen kennen: ein buntes Wirrwarr aus Ethnien und Nationen inmitten von Beton.

... Hamza Esmili sagt, er habe eine schöne Wohnung, in der es sich aushalten lässt. Sein Wohnhaus sei jedoch extrem heruntergekommen und verdreckt. Viele seiner Nachbarn verdingen sich als Tagelöhner auf dem Bau und leben in Unterkünften, die ein Zusammenleben unter Ausgangssperre gar nicht zulassen. Oft würden sich mehrere die Betten teilen, erklärt Esmili. Die einen würden tagsüber arbeiten und nachts schlafen, die anderen hielten es andersherum: "Da, wo jemand schläft, ist nicht unbedingt seine Wohnung." Eine solche hätten viele Menschen in seinem Viertel nämlich gar nicht. Wie bitte schön sollen sie dann den Anweisungen der Regierung Folge leisten und zu Hause bleiben?

Der Soziologe sagt, es ärgere ihn, dass die französische Öffentlichkeit dieses Problem seiner Meinung nach durch eine rassistische Brille betrachtet. Die oft armen Bewohner der Vorstädte – viele von ihnen mit Migrationshintergrund – würden als undiszipliniert dargestellt. Als sähen sie nicht ein, dass es einer nationalen Kraftanstrengung bedarf, um das Virus einzuhegen. Tatsächlich berichtet die Presse bereits von vermeintlich Halbstarken, die entgegen der Regeln vor ihren Wohnblocks sitzen, Joints rauchen oder Polizisten anpöbeln. Gleichzeitig räumt der Soziologe, der sich seit einigen Jahren mit den Mechanismen in den Pariser Vororten beschäftigt, jedoch ein: "Die Menschen haben hier nicht dieselbe Beziehung zum Staat. Es ist nicht verwunderlich, dass sie die Anweisungen nicht akzeptieren."

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Aus: "Was, wenn sie in den Vorstädten die Nerven verlieren?" Tassilo Hummel (24. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/corona-vorsorge-pariser-vororte-ausgangsbeschraenkungen-regierung

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« Reply #1022 on: M?RZ 26, 2020, 10:00:35 vorm. »
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[...] Einen Gefallen hat Madonna sich und anderen wohlhabenden Amerikanern mit dem Badewanne-Rosenblätter-Video bestimmt nicht getan. „Das Besondere an Covid-19 ist, dass es der Krankheit egal ist, wie reich oder berühmt man ist. Bei ihr sind alle gleich“, hatte die Queen of Pop schwadroniert, als sie am Wochenende nackt und mit perfektem Makeup zu leiser Musik in der Wanne saß. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. In sozialen Medien beschimpften Tausende Amerikaner Madonna als dumm, selbstverliebt und abgehoben.

Tatsächlich scheint das „Material Girl“ mit einem geschätzten Vermögen von mehr als 800 Millionen Dollar in den vergangenen Wochen eher selten aus den Fenstern ihres Stadthauses an Manhattans Upper East Side geblickt zu haben. Seit sich Corona auch zwischen New York und Los Angeles ausbreitet, surren über Manhattan die Motoren. Die Angst, sich bei einem Linienflug mit dem Virus zu infizieren, treibt Geschäftsleute und Prominente in Privatjets.

Flugunternehmen wie „Blade“ schicken derweil regelmäßig Hubschrauber in Küstenorte der Hamptons, wo sich viele wohlhabende New Yorker in ihren Ferienhäusern isoliert haben. Auf Bestellung versorgen sie die Stadtflüchtigen mit Medikamenten, Büchern und Computern. „Vieles, das man in New York einfach kaufen kann, ist dort nicht erhältlich. Wir durchleben gerade eine außergewöhnliche Zeit und sind bemüht zu helfen“, meint Firmensprecher Simon McLaren.

Computer per Hubschrauber sind nur eine Dienstleistung, um Amerikas Wohlhabenden die Corona-Krise zu erleichtern. Wegen Ausgangsbeschränkungen in Los Angeles und New York steigt auch die Nachfrage nach Hausangestellten, die mit ihren Arbeitgebern unter einem Dach wohnen. Die Vorzüge? Unterstützung beim Kochen, Putzen und Kinderhüten sowie ein geringeres Risiko, sich bei der Hausangestellten anzustecken, nachdem diese im Bus von Downtown Los Angeles nach Malibu gefahren ist.

Firmen wie „Lily Pond Services“, bei Prominenten wegen der Vermittlung diskreter Hilfe geschätzt, suchen in Pandemiezeiten aber auch medizinisches Personal. „Mich erreichen viele Anrufe von Klienten, die nach Ärzten oder Krankenschwestern fragen, die vorübergehend bei ihnen einziehen. Für den Fall, dass sie sich infizieren und getestet werden müssen“, sagte Melissa Psitos, die Inhaberin von „Lily Pond Services“, dem „Hollywood Reporter“.

Social Distancing treibt viele „One percenter“, wie Amerikas Großverdiener genannt werden, aufs Wasser. Obwohl die Saison noch nicht begonnen hat, ziehen sie sich auf Yachten zurück. Auch hier versucht Psitos zu helfen. „Plötzlich soll ich auch Boote mit Personal versorgen. Viele Leute machen sich so große Sorgen wegen des Virus, dass sie meinen, der sicherste Platz sei vor der Küste.“

Makler für Luxusimmobilien berichten zudem von Milliardären auf der Suche nach Privatinseln in der Karibik. Viele Technologieunternehmer soll es derweil aus dem Silicon Valley nach Neuseeland ziehen. Für den Notfall legte sich Peter Thiel, Mitgründer des Bezahldienstes Paypal, schon vor einigen Jahren einen Rückzugsort im entlegenen Queenstown zu, Panikraum inklusive.

Bei vielen Nicht-Millionären regt sich inzwischen Widerstand. Nach Medienberichten über Prominente wie Idris Elba und Kris Jenner, die einen der raren Coronatests bekamen, obwohl sie keine Symptome zeigten, lehnen immer mehr Gemeinden Pandemietouristen ab. Nobelorte wie die Hamptons, Nantucket und Martha’s Vineyard, Zweitwohnsitz der Obamas, klagen bereits über leere Regale in den Lebensmittelgeschäften. „In dieser Stadt ist kein Gemüse mehr zu finden. Das haben wir elitären Leuten zu verdanken, die meinen, dass sie über den Regeln stehen“, wetterte ein Bewohner East Hamptons in der „New York Post“.

Auch auf der Insel Nantucket, die eigentlich erst in den Sommermonaten wohlhabende Besucher aus New York, Washington und Philadelphia anzieht, gehen langsam Toilettenpapier, Konserven und Eier aus. Nach Rücksprache mit Massachusetts’ Katastrophenschutzbehörden haben die Stadtväter nun eine Ausgangssperre verhängt – und den Fährverkehr eingeschränkt.


Aus: "Amerikanische Oberklasse : Die Reichen fliehen aufs Wasser" Christiane Heil, Los Angeles (25.03.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/corona-krise-in-den-usa-die-reichen-fliehen-aus-den-grossstaedten-16694547.html


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« Reply #1023 on: M?RZ 26, 2020, 12:07:31 nachm. »
Quote
[...] Auch Monteursunterkünfte, z.B. in der Iltisstraße und am Tonberg waren Thema. Hier wohnen Bulgaren und Rumänen, die in Kiel zumeist auf dem Bau arbeiten. Man sieht morgens die Transporter, die sie zur Arbeit abholen. Herr Jungnickel vom Seniorenbeirat sagte, Monteurswohnungen wären nicht Neues, und die Bewohner lebten dort zwar auf Zeit, aber doch für länger. Hier wäre das Problem eher die ausbeuterischen Bedingungen unter denen diese EU-Arbeitnehmer in Kiel existieren.

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Aus: "Zu viele Ferienwohnungen in Gaarden?" UrsulaS in Allgemein, Stadtteile (24. März 2020 )
Quelle: https://kielaktuell.com/2020/03/24/zu-viele-ferienwohnungen-in-gaarden/

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« Reply #1024 on: M?RZ 26, 2020, 02:39:34 nachm. »
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[...] Ganz Italien ist eine Sperrzone. Schulen, Kindergärten, Universitäten sind geschlossen, Veranstaltungen abgesagt. Die Corona-Pandemie hat Italien schwer getroffen, viele Krankenhäuser sind überlastet, mehrere Tausend Menschen gestorben. ... Die Philosophin Donatella Di Cesare warnt vor Egoismen und kritisiert eine fehlende politische Präsenz. Den Glauben an die Europäische Union hat sie verloren. Die Italienerinnen und Italiener merkten, Europa existiere nicht mehr, sagt sie. ... Wir haben in Italien viele Krisen überlebt, und das auch, weil wir als optimistisch gelten, sagt die Philosophin Donatella Di Cesare. Aber diesmal sei alles anders.

Di Cesare: ... es gibt privilegierte Menschen, die zu Hause bleiben dürfen, und andere, die sich in dieser Krise exponieren müssen. Darüber wird die Politik nachdenken müssen. Wir sprechen gerade nicht über die Migranten. Und warum? Weil wir sie vergessen haben. Wir in Italien wissen nicht einmal, welche Maßnahmen gerade zum Beispiel in den Camps der Sinti und Roma hier in Rom gelten und in den Aufnahmeeinrichtungen für Geflüchtete. Es interessiert absolut niemanden gerade. Die Italienerinnen und Italiener sorgen sich um ihre eigene Immunität, denn das interessiert sie wirklich. Was auf Lesbos passiert, ist egal.

Claudio Rizzello: Allein auf der griechischen Insel Lesbos leben rund 20.000 Migranten unter menschenunwürdigen Bedingungen. Durch das Coronavirus droht ihnen nun auch noch eine medizinische Katastrophe. Warum lässt uns das kalt?

Di Cesare: Weil es immer erst um die eigene Immunität geht. Vor einigen Wochen noch wurden viele Chinesen in Italien stark diskriminiert. Sie wurden richtig angefeindet. Der Präsident der Region in Venetien, Luca Zaia, sagte im Fernsehen, Chinesen würden lebende Mäuse essen, daher käme das Virus. Das Video ging viral. Und Zaia, ein Vertreter der Lega-Partei, wollte damit natürlich Hass säen. Jetzt werden die Chinesen gefeiert, sind Helden, weil sie medizinische Versorgung nach Italien brachten. So funktioniert die immune Demokratie. Ich will meine Privilegien behalten und immun bleiben. Was draußen passiert, geht mich gar nichts an. Das ist das Spiel der Diskriminierung.

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Aus: "Italien: "Ich weiß nicht, wie lange wir das durchhalten"" Interview: Claudio Rizzello (26. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/italien-coronavirus-krise-konsequenzen-donatella-di-cesare/komplettansicht

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« Reply #1025 on: April 01, 2020, 04:14:32 nachm. »
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[...] Kommt nach Occupy Wall Street jetzt Occupy Homeoffice? Ein Anruf in London beim Anthropologen und Kapitalismuskritiker David Graeber – der hofft, dass unser Arbeitsleben und unser Wirtschaftssystem nie wieder sein werden wie vor der Corona-Krise.

ZEIT ONLINE: Herr Graeber, plötzlich ist Homeoffice doch möglich und Supermarktkassiererinnen sind systemrelevant. Stellt die Corona-Krise auch unsere Arbeitswelt für immer auf den Kopf?

David Graeber: Hier in Großbritannien hat die Regierung eine Liste zusammengestellt mit den systemrelevanten Berufen – wer in denen arbeitet, darf weiterhin seine Kinder in die Schule schicken, wo sie betreut werden. Die Liste besticht durch die erstaunliche Abwesenheit von Unternehmensberatern und Hedgefondsmanagern! Die, die am meisten verdienen, tauchen da nicht auf. Grundsätzlich gilt die Regel: Je nützlicher ein Job, desto schlechter ist er bezahlt. Eine Ausnahme sind natürlich Ärzte. Aber selbst da könnte man argumentieren: Was die Gesundheit angeht, trägt das Reinigungspersonal in Krankenhäusern genauso viel bei wie die Mediziner, ein Großteil der Fortschritte in den letzten 150 Jahren kommt durch eine bessere Hygiene.

ZEIT ONLINE: In Frankreich erhalten die gerade besonders geforderten Supermarktangestellten jetzt eine Bonuszahlung – auf Drängen der Regierung. Von allein regelt der Markt das nicht.

David Graeber: Weil der Markt gar nicht so sehr auf Angebot und Nachfrage basiert, wie uns immer eingeredet wird – wer wie viel verdient, das ist eine politische Machtfrage. Durch die aktuelle Krise wird jetzt noch deutlicher: Mein Lohn hängt überhaupt nicht davon ab, wie sehr mein Beruf tatsächlich gebraucht wird.

ZEIT ONLINE: Um dieses Missverhältnis geht es in Ihrem aktuellen Buch Bullshit Jobs: Viele gesellschaftlich unverzichtbare Jobs werden schlecht bezahlt – während gut bezahlte Angestellte oft daran zweifeln, ob ihre Bürotätigkeit überhaupt irgendeinen Sinn erfüllt oder ob sie nur einen "Bullshit-Job" machen.

Graeber: Was mir wichtig ist: Ich würde niemals Menschen widersprechen, die das Gefühl haben, mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag zu leisten. Ich habe für mein Buch aber Stimmen gesammelt von Leuten, die genau dieses Gefühl eben nicht haben: Sie sind teilweise tief frustriert, weil sie etwas zu unser aller Wohl beitragen wollen. Aber um genug Geld für ihre Familien zu verdienen, müssen sie genau die Jobs machen, die keinem was bringen. Leute haben zu mir gesagt: Ich habe als Kindergartenerzieher gearbeitet, das war toll und erfüllend und wichtige Arbeit, aber ich konnte meine Rechnungen nicht mehr zahlen. Und jetzt arbeite ich für irgendein Subunternehmen, das eine Krankenversicherung mit Informationen versorgt. Ich markiere den ganzen Tag irgendwelche Formulare, niemand liest meine Berichte, aber ich verdiene zwanzigmal so viel.

ZEIT ONLINE: Was passiert mit diesen Büroangestellten, die ihre Bullshit-Jobs jetzt wegen des Coronavirus aus dem Homeoffice erledigen?

Graeber: Manche melden sich jetzt bei mir und sagen: Ich habe immer vermutet, dass ich meinen Job auch in zwei Stunden in der Woche erledigen könnte, aber jetzt weiß ich tatsächlich, dass es so ist. Denn sobald man das von zu Hause aus macht, fallen zum Beispiel oft die Meetings weg, die überhaupt nichts bringen.

ZEIT ONLINE: Nach der Finanzkrise im Jahr 2008 waren Sie bei der Protestbewegung Occupy Wall Street engagiert, Aktivisten besetzten unter anderem einen Park in der Nähe der New Yorker Börse. Könnte die Corona-Krise eine ähnliche linke Bewegung hervorbringen? Ein Occupy Homeoffice?

Graeber: Wenn, dann ist das Motto eher: Occupy die Wohnung, in der du lebst, und zahle keine Miete mehr. Gerade wird viel über Mietstreiks gesprochen, weil die Menschen wegen der Corona-Krise ihre Miete nicht mehr zahlen können. Und dann geht es ganz konkret darum, die systemrelevanten Arbeiter zu unterstützen, denen nicht die Ausrüstung zur Verfügung gestellt wird, die sie brauchen, um ihren Job zu machen. Es ist doch in unser aller Interesse, dass medizinisches Personal und Lieferfahrer Schutzausrüstung haben.

ZEIT ONLINE: Gleichzeitig erfahren wir in dieser Krise sehr anschaulich, wie zentral Arbeit für unsere Gesellschaft ist: Egal, wie viele Orte die Menschen jetzt nicht mehr aufsuchen dürfen, an ihren Arbeitsplatz sollen sie häufig weiterhin gehen.

Graeber: Man sieht das bei Einschränkungen im öffentlichen Nahverkehr: Wenn man den zumacht, dann zuerst am Wochenende. Man kann nicht mehr in den Park. Aber Gott verbiete, dass man nicht mehr zur Arbeit gehen kann! Obwohl wir doch längst gemerkt haben, dass ein großer Teil der Arbeit überhaupt nicht im Büro erledigt werden muss.

ZEIT ONLINE: Das wäre tatsächlich ein Erkenntnisgewinn aus der gegenwärtigen Situation, oder?

Graeber: Ja. Die Frage ist bloß: Werden die Leute, wenn diese Krise vorbei ist, so tun, als sei das alles nur ein Traum gewesen? Nach der Finanzkrise im Jahr 2008 konnte man Ähnliches beobachten: Einige Wochen lang haben alle gesagt: "Oh, alles, was wir für wahr gehalten haben, stimmt ja gar nicht!" Man hat endlich grundsätzliche Fragen gestellt: Was ist Geld? Was sind eigentlich Schulden? Aber irgendwann hat man plötzlich entschieden: "Halt, wir lassen das jetzt wieder. Lass uns so tun, als sei das alles nie passiert! Lass uns alles wieder so machen wir vorher!" Und die neoliberale Politik und die Finanzindustrie haben einfach weitergemacht. Darum ist es so wichtig, dass wir, was wir uns in Krisenzeiten endlich eingestehen, danach nicht wieder verdrängen – zum Beispiel, welche Jobs wirklich systemrelevant sind und welche nicht.

ZEIT ONLINE: In diesem Sinne hoffen viele schon jetzt: Wenn wir durch radikale gesellschaftliche Veränderungen die Corona-Katastrophe gemeinsam abwenden können, dann wird es uns danach auch gelingen, den Klimawandel aufzuhalten.

Graeber: Die Frage ich doch: Wie können wir die CO2-Emissionen massiv reduzieren, ohne dass wir damit wieder Belastungen für die Schwächsten schaffen? Wenn in Umfragen ein Drittel aller Menschen angibt, dass ihre Jobs nutzlos sind, dann ist das sehr viel Energie, die wir an dieser Stelle verbrauchen, obwohl wir das gar nicht müssten – allein schon für die klimatisierten Bürogebäude. Man könnte also Emissionen reduzieren und sogar das Leben der Menschen angenehmer machen, wenn man sie nicht mehr dazu zwingt, Jobs zu machen, die sogar sie selbst nutzlos finden.

ZEIT ONLINE: Um die Menschen von ihren Bullshit-Jobs zu befreien, schlagen Sie die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens vor. Viele Aktivisten sprechen jetzt von einer anderen Welt, die plötzlich möglich scheint. Aber ist es nicht völlig illusorisch, dass wir ausgerechnet in solch einer Krise unser Wirtschaftssystem umbauen können? Während wir gleichzeitig eine weltweite Katastrophe bekämpfen?

Graeber: Es ist sogar viel einfacher, mitten in einer Krise solche Veränderungen durchzusetzen! Wir organisieren unsere Wirtschaft ja gerade sowieso um, ob es uns jetzt gefällt oder nicht. So viele grundsätzliche Fragen wurden lange nicht gestellt, weil man sie gar nicht formulieren konnte in der Sprache der neoliberalen Ökonomen. Die haben so getan, als wären sie im Besitz einer Wissenschaft, die sowieso schon alle Antworten kennt. Der Neoliberalismus ist in seinem Kern ein Mittel, um Leute davon abzuhalten, sich eine andere, abweichende Zukunft auszumalen – weil sowieso alles alternativlos ist. Aber vielleicht hängt die Zukunft in Wirklichkeit ja von uns ab! Genau das bemerken wir jetzt in dieser Krise. Die Frage ist nur: Was passiert danach?

ZEIT ONLINE: Viele Menschen werden sich gerade vor allem wünschen, dass sie gesund bleiben und irgendwann alles wieder so ist wie vorher. Sie wollen keine Veränderung, sondern einfach ihr normales, neoliberales Leben zurück. Verständlich, oder?

Graeber: Klar, das wünschen sich viele. Aber wir haben schon jetzt viele Illusionen verloren, die wir uns gemacht haben, auch über die Arbeitswelt und wer dort wie wichtig ist. Um den Geist dann wieder in die Flasche zu kriegen, muss man viel Vergessensarbeit leisten. Man muss wieder vergessen, wer wirklich die Arbeit macht und dafür viel zu wenig verdient. Außerdem steht uns die allergrößte Krise noch bevor, der Klimawandel. Wir standen die ganze Zeit auf den Gleisen und ein Zug kam uns direkt entgegen. Und jetzt hat uns jemand brutal von diesen Gleisen gestoßen, das tut weh und ist schrecklich. Aber das Dümmste, was wir tun könnten, wenn wir wieder auf die Beine kommen: Uns wieder zurück auf die Gleise stellen, wo der Zug auf uns zurast!


Aus: "David Graeber: "Werden wir danach so tun, als sei alles nur ein Traum gewesen?"" Lars Weisbrod (31. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/arbeit/2020-03/david-graebner-coronavirus-kapitalismus-bullshitjobs/komplettansicht

https://twitter.com/larsweisbrod/status/1244917564167393282?s=03

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Robert Nozick #2

Zwar stimme ich mit Herrn Graeber grundsätzlich schon mal nie überein - vor allem was ein Grundeinkommen angeht - aber tatsächlich beleuchtet Corona das Missverhältnis zwischen gut bezahlter und systemwichtiger Tätigkeit schlaglichtartig.

Ich habe absolut nichts dagegen, wenn sich das in Zukunft mal ändert und etwas mehr Gerechtigkeit bei der Bezahlung eintritt, bin allerdings momentan hochzufrieden damit, einen zu 90% im Homeoffice zu erledigenden Bullshitjob zu haben, der mich maximal 30-50% der realen Arbeitszeit tatsächlich beschäftigt und der momentan in vollbezahltem Corona-Urlaub mit gelegentlichem E-Mail-checken besteht.

Augen auf bei der Berufswahl!
Jeder muss für sich entscheiden, ob ihm Sinnhaftigkeit oder Preis-Leistungs-Verhältnis seines Jobs wichtig ist.


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S1072 #2.1

Ihr Kommentar zeigt aber, dass sie realistisch betrachtet, morgen auf der Straße sitzen müssten, weil Sie viel zu viel Geld kosten, für das, was Sie tatsächlich "leisten". ...


Quote
Robert Nozick #2.5

Das war eine reine Zustandsbeschreibung!

Kommen Sie nicht damit klar, wenn man Dinge beschreibt, die momentan ein paar Millionen Schreibtischtäter so gehen, auch wenn es die Wenigsten offen zugeben?

Oder geht das nur, wenn Herr Graeber das abstrakt beschreibt?

Es gibt nun mal Aufgaben, die haben in der gegenwärtigen Situation null Priorität.

Nehmen wir beispielsweise die regelmäßigen Prüfungen in Alten-und Pflegeheimen. Die machen unter normaler Umständen absolut Sinn. Momentan sind die ausgesetzt, weil die Heime weit wichtigere Probleme haben. Die Mitarbeiter bei den Prüfdiensten, die keine pflegerische Ausbildung haben, machen jetzt auch maximal Beschäftigungstherapie.

Oder würden Sie es für sinnvoll halten, dass zum Beispiel der Bundesrechnungshof jetzt Krankenkassen oder Krankenhäuser mit Wirtschaftlichkeitsprüfungen beschäftigt?
Ich arbeite nun einmal in einem (ähnlichen) Bereich, dessen Tätigkeit in normalem Zeiten Sinn macht, momentan aber komplett kontraproduktiv wäre.


Quote
schibby #2.27

"Eins machen Sie sehr deutlich. Sie sind und ihr Job sind ganz bestimmt nicht systemrelevant."

In einem so komplexen System wie unserer/einer Gesellschaft ist es kaum zu überblicken wer alles systemrelevant ist.

Die Supermarkt Kassiererin ist system relevant oder?
Wie sieht es aus mit:

-dem Regalfüller?
-dem LKW-Fahrer der die Ware transportiert?
-dem Spediteur, der dessen Route plant?
-dem Mechaniker, der den LKW am laufen hält?
-dem Sachbearbeiter der die Löhne überweist?
-dem Bankangestellten der das Banking-Programm betreut?
-ich kann das ewig weitermachen xD


Quote
Ring Road #5

Der Unterschied zur Finanzkrise 2008 ist jedoch, dass die jetzige Krise maßgeblich durch Corona verursacht wurde und folglich die Akzeptanz des aktuellen Wirtschaftsystems nicht generell in Frage gestellt wird, da kein Fehler des Systems vorliegt.

Leute wollen auch nach der Krise wieder kaufen, reisen, kurz gesagt konsumieren.

Außerdem wurde noch nie nach Systemrelevanz vergütet, sondern stets nach Qualifikation, Marktsituation, Tarif, Verantwortung/Führung und Wettbewerb.


Quote
Nibbla #5.1

Vitamin B nicht vergessen. Und nach oben scheitern kann man in manchen Bereichen leider auch.


Quote
Kreuzberger-10999 #8

Die Corona Krise sehe ich als große Chance, um Denkräume zu eröffnen.

Viele Menschen konnten sich nicht vorstellen das drastische Massnahmen zum Klimaschutz umsetzbar sind, die gerade zwangsweise umgesetzt werden. Zu Recht, denn jetzt sehen wir den ökonomischen Preis den wir dafür zahlen, auf Tourismus (Flüge, Kreuzfahrtschiffe, Hotels , Messen) zu verzichten. Millionen Menschen werden arbeitslos, Steuereinnahmen brechen ein.

Aber plötzlich wird eine Welt ohne überbordenden Tourismus vorstellbar. Die Frage ist, fahren wir nach der Krise wieder alles hoch auf Vorkrisen Niveau oder versorgen wir die Menschen mit einem Grundeinkommen und "belohnen" Sie dafür, das sie auf ihre "klimaschädliche" Arbeit verzichten.

Ich habe eine große Sympathie für das Grundeinkommen. Oft wurde gesagt, das dann keiner mehr die unangenehmen systemrelevanten Jobs machen wird. Aber gerade jetzt erleben wir, das gerade diese Jobs eine ungemeine respektvolle Anerkennung erfahren.

Zudem erleben die Menschen gerade an sich selbst, wie anstrengend es sein kann 2-3 Monate zu Hause zu sitzen, selbst wenn sie Corona Hilfe vom Staat bekommen und finanziell das nötigste abgesichert ist - die Menschen wollen etwas sinnvolles tun.


Quote
Odinseidank #12

Zur Kapitalismuskritik: Als ich vor einigen Tagen durch die lediglich leicht gefledderten Gänge eines Supermarktes ging dachte ich: Was für ein Glück, dass Corona nicht in der DDR passiert ist. Und wie leistungsstark unsere sozialen Marktwirtschaft ist, dass am nächsten Tag fast alles wieder in Hülle und Fülle einsortiert in den Regalen liegt.

Dass man die Pflege- und Heilberufe besser bezahlen muss, ist für mich allerdings gleichfalls klar.


Quote
Cleaude #13

"Je nützlicher ein Job, desto schlechter ist er bezahlt"

Sorry, aber das ist reine Polemik. Da versucht jemand, diese Krise zu nutzen, um Propaganda zu betreiben. Alleine der Begriff "systemrelevant" ist irreführend. Der Landwirt und die Kassiererin sind systemrelevant, aber der Traktorhersteller nicht? Da sollte doch jedem klar sein, dass das nur kurzfristig zutreffen kann. Fast jeder Beruf ist legitimer Teil unseres Systems. Ja, sogar Hedgefondsmanager und Unternehmensberater.
Ich selber arbeite in der Forschung bezüglich Datenschutz. Ist das systemrelevant? Aktuell sicherlich nicht, aber ich denke, dass ich mit meiner Arbeit einen Anteil daran leiste, dass wir einen digitalen Fortschritt erleben, der nicht in einer Überwachungsdistopie endet. Das nutzt letztlich auch der Kassiererin und dem Arzt. ...


Quote
Bullit #14

Ich kann dem Autor nicht zustimmen. Es gibt keine "Bullshit-Jobs". Es gibt nur Jobs, deren Bedeutung in bestimmten Situationen zunimmt, und welche, deren Bedeutung in bestimmten Situationen abnimmt. Jeder Beruf, mit dem sich auf Dauer Geld verdienen lässt und der die Wirtschaft am Laufen hält, hat seine Berechtigung, ganz einfach weil er nachgefragt wird, ansonsten würde dafür auf Dauer kein Geld bezahlt. Ich halte nichts von Leuten, die eine Krise zum Anlass nehmen um die Gesellschaft zu spalten.


Quote
Kreuzberger-10999 #14.1

Ich kann ihre Argumentation gut nachvollziehen, sie steht unter der bisherigen kapitalistischen Prämisse:

"Wir produzieren alles, was sich irgendwie lohnt und verwerten lässt"

Die Frage ist, ob sich diese Prämisse in Zeiten des Klimawandels und des Ressourcenverbrauches nicht verändern sollte hin zu: "

"Wir produzieren das, was zum angenehmen Leben notwendig ist"

Und das mein nicht nur unbedingt notwendig und systemrelevan .
Ja, es soll Reisen, Kultur und Austausch geben. Aber vielleicht nur alle 3 Jahre eine große Reise für 6 Wochen, dazwischen kleinerer Reisen in die lokale Umgebung?
nur 3 Fernsehsender statt 20, in Berlin nur 1 Filmfestival statt 20?
Oder wir reparieren den Traktor, statt einen neuen zu produzieren?


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HH1960 #15

Der Mann spricht mir aus dem Herzen!

Ich kann meinen Job auch in 60-70% der Arbeitszeit und zum guten Teil auch im Home Office schaffen. Also reichen drei bis vier Tage Arbeit vollkommen.
Ein Weiter-so wie vorher, gibt es für mich nach der Krise nicht. Ich werde die Arbeitszeit reduzieren und soviel Home Office wie möglich machen. Das steigert die Lebensqualität erheblich, entlastet nebenbei die Straßen und schont die Umwelt.


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Joycastle #17

Ok, da hat also jemand nicht verstanden, worum es bei den "systemrelevanten" Jobs im Kontext der Coronakrise geht.

Zur Erinnerung: Eigentlich sollen wir ja alle zu Hause bleiben. Bei vielen Berufen geht das aber nicht. Und deshalb muss man bei den Berufen, *die nicht von zu Hause erledigt werden können*, sortieren zwischen "systemrelevant" und "nicht systemrelevant". Bei den Berufen, die von zu Hause erledigt werden können (z.B. Bundeskanzlerin), braucht man diese Unterscheidung nicht zu machen.

Wenn also Hegdefondsmanager nicht auf der Liste stehen, bedeutet das nicht, dass sie nicht systemrelevant sind, sondern nur, dass es egal ist, ob sie systemrelevant sind oder nicht.

Sind Anthropologieprofessoren eigentlich systemrelevant?


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Michael_Klane #21

Ich arbeite in so einem überflüssigen Job der sehr, sehr gut bezahlt wird. Wenn ich ehrlich bin, braucht es mich und meine ganzen Kollegen nicht.
Woher ich das weiß? Weil es diese Berufe und Tätigkeiten 1980 auch noch nicht gab und der Planet damals auch funktioniert hat. Ich bin mir zwar sicher, dass mir einige Kollegen widersprechen werden, aber das machen die nur, weil sie sich für wichtig und unersetzlich halten. In Wahrheit dürften ihnen auch klar sein, dass sie überflüssig sind.

Bricht man es noch weiter runter, dann kann man sagen, dass man nur Bauern, Lehrer und Ärzte brauchte. Der Rest ist Overhead bzw. ABM, damit sich der Grossteil der Bevölkerung nicht langweilt. :-)

...


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  Südvorstadt #21.1

Was machen Sie denn beruflich?


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Michael_Klane #21.2

Ich gehöre auch der in dem Artikel genannten "bösen" Berufsgruppe Unternehmensberater mit Schwerpunkt IT-Consulting an. Die Kunden die meine Kollegen und mich buchen sind zwar mit unserer Arbeit sehr zufrieden, weil wir deren Wünsche und Anforderungen entsprechend umsetzen und nachher in der Regel auch alles nach einer gewissen Zeit funktioniert, aber in meinen Augen braucht es diesen ganzen Quatsch den wir produzieren gar nicht. Das geht eher in die Richtung selbsterfüllende Prophezeiung. Weil alle anderen Unternehmen es machen, machen wir das jetzt auch. Und bricht man es rein auf Covid-19 runter, braucht man das alles noch weniger.


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Simma Wiedersoweit #22

Erinnert sich jemand an die Bewohner von Golgafrincham im Roman „Per Anhalter durch die Galaxies“ von Douglas Adams?

Achtung: SPOILER!

Die teilten sich in drei Klassen auf:
Klasse A waren die Wissenschaftler, geniale Führungspersönlichkeiten und bedeutende Künstler.
Klasse B waren die Filmproduzenten, Telefondesinfizierer, Frisöre, Unternehmensberater und Versicherungsvertreter.
In Klasse C kamen die Leute, die die ganze Arbeit machten.

Auf Golgafrincham wurde dann der nahe Weltuntergang erklärt, so dass alle Einwohner evakuiert werden mussten. Alle aus Klasse B wurden in einem Raumschiff los geschickt. Der Weltuntergang war aber ein Fake. Einige Zeit später starben schließlich alle restlichen Einwohner an einer Seuche, die durch ein nicht desinfiziertes Telefon verursacht wurde.


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klaurot #18

Aber irgendwann hat man plötzlich entschieden: "Halt, wir lassen das jetzt wieder. Lass uns so tun, als sei das alles nie passiert! Lass uns alles wieder so machen wir vorher!"
*
Das Problem ist, dass da nicht irgendwo ein Mufti sitzt, der sagt: So, ich leg' jetzt mal einen Schalter um, und dann läuft das so, wie ich es will. Tatsächlich passiert das nur wenig merklich in den Köpfen: der Politiker, der wieder anders redet als in der Krise, der Journalist, der anders darüber schreibt als unter dem Eindruck der Krise; der Banker, der seine Kunden anders berät als während der Krise; der Unternehmer, der bei seinen Entscheidungen wieder mehr auf Risiko setzt als auf Sicherheit uswusf. Der Kapitalismus wird auch diese Krise einfangen und die Party weitergehen lassen. Wo kämen wir sonst hin? Schließlich leben wir in diesem und keinem anderen System. Wenn wir uns nicht systemkonform verhalten, gehen wir ein.


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Gertrud. die Leiter #25

"Um den Geist dann wieder in die Flasche zu kriegen, muss man viel Vergessensarbeit leisten."

Genau das wird aber passieren. Seien wir ehrlich: Unsere Medien werden kräftig dabei helfen. ...


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APetri #20

Sein Wort in Gottes und des Kapitalismus' Ohr! Spätesten seit dem 11. September 2001 hieß es bei jeder Krise, die Welt werde danach eine andere. Sie blieb aber wie sie ist und der Turbokapitalismus nebst Globalisierung wurde nur noch schlimmer. Genaus so wird es such dieses Mal sein. In wenig mehr als einer Woche der Einschränkungen erhebt sich schon wieder das Gejammer insbesondere der besser gestellten Individuen und Unternehmen wegen der bevorstehenden Rezession, als ob wir krine andeten Sorgen hätten.
Leider stimmt nur eine der Vorhersagen über die Welt, die nicht mehr wie zuvor ist: seit besagtem 11. September ist der Höhepunkt von Demokratie und Freiheit überschritten, um zunehmend autoritären Tendenzen Platz zu machen. Auch insofern wird es auch nach Corona wieder weiter gehen wie bisher!


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Windei #34

Der Preis eines Gutes hängt nicht nur von seiner Nützlichkeit ab, sondern auch von seiner Verfügbarkeit. Deshalb kostet ein Diamant mehr, als ein Liter Wasser. Das Verhältnis kann sich ändern. In der Wüste wird das Wasser sehr wertvoll. Das ist böse menschliche Natur und Grundlagen-VWL. Schon möglich, dass momentan Finanztypen eher weniger gebraucht werden. Die Krise wird aber nicht ewig dauern und dann sind vermutlich auch wieder Zahlenjongleure gefragt oder sogar Ethnologen.


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villager18 #33

Ich denke, das groß angekündigte "In-sich-Gehen", das viele für die Zeit "nach Corona" beschwören, wird nach gewisser Zeit verblassen. ...


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« Reply #1026 on: April 01, 2020, 07:04:46 nachm. »
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[...] Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken hat eine einmalige Vermögensabgabe vorgeschlagen, um die Kosten der Coronavirus-Epidemie in Deutschland abzumildern. "Wir werden eine faire Lastenverteilung brauchen – und die kann für die SPD nur so aussehen, dass sich die starken Schultern in Deutschland auch stark beteiligen", sagte sie der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten. Sie halte eine einmalige Vermögensabgabe für eine der Möglichkeiten, die Staatsfinanzen nach der Krise wieder in Ordnung zu bringen.

In Artikel 106 des Grundgesetzes ist ausdrücklich von "einmaligen Vermögensabgaben" die Rede, ohne dass diese jedoch näher definiert wären.

Damit greift Esken einen Vorschlag der Linken auf. Parteichef Bernd Riexinger hatte am Montag gesagt, Vermögen ab einer Million Euro sollten mit einer einmaligen Abgabe von fünf Prozent belastet werden. Auch Linke-Fraktionschef Dietmar Bartsch hatte eine solche Vermögensabgabe bereits vor einigen Tagen gefordert. Das Grundgesetz sehe in Artikel 106 ein solches Mittel vor. Eine einmalige sogenannte Corona-Abgabe auf große private Vermögen sei geboten.

Tatsächlich ist in Artikel 106 des Grundgesetzes ausdrücklich von "einmaligen Vermögensabgaben" die Rede, ohne dass diese jedoch näher definiert wären.

Kritik an dem Vorschlag kommt aus der FDP. Fraktionsvize Michael Theurer warf Esken vor, eine "Steuererhöhungs- und Neiddebatte" anzuzetteln. "Das ist Gift für die ohnehin abstürzende Konjunktur und damit ein zusätzlicher Rezessionsverstärker, der Arbeitsplätze kosten und den Mittelstand in seiner Existenz gefährden könnte", sagte Theurer.

Stattdessen müssten nach dem Shutdown Investitionen und Wachstum auch durch niedrigere Steuersätze unterstützt werden. Die durch das Herunterfahren der Wirtschaft aus Gründen des Gesundheitsschutzes entstehenden Kosten dürften nicht einseitig Firmeninhaberinnen und Eigentümern aufgebürdet würden. "Denn die werden ja als Unternehmer für Investitionen und Arbeitsplätze gebraucht. Diese schädliche und parteipolitisch motivierte Umverteilungsdebatte zur Profilierung einer glücklosen SPD-Vorsitzenden braucht Deutschland garantiert nicht. Frau Esken hätte besser weiter geschwiegen." 

Der Bundestag hatte in der vergangenen Woche zur Finanzierung der Corona-Folgen einen Nachtragshaushalt beschlossen, der neue Schulden in Höhe von 156 Milliarden Euro vorsieht.

Zum Krisenmanagement der Regierung sagte Esken, dass die vergangene Woche beschlossenen Rettungsschirme "eine starke sozialdemokratische Handschrift" tragen, es gebe aus Sicht ihrer Partei dennoch bereits Nachbesserungsbedarf: "Offene Punkte sehen wir etwa bei Auszubildenden und Werkstudenten oder bei Menschen in Kurzarbeit, die über längere Zeit mit nur 60 Prozent ihres Lohnes auskommen müssen." Menschen in der Grundsicherung befänden sich "in einer besonders schwierigen Lage".

Die SPD-Chefin verlangte zudem von der öffentlichen Hand, keine Beiträge für geschlossene Kitas zu erheben: "Nicht nur der Anstand, sondern auch das Recht gebietet es, Eltern in dieser Phase die Gebühren zu erlassen." Weil nicht alle Kommunen dazu in der Lage seien, seien die Bundesländer aufgefordert, die Kosten zu übernehmen.


Aus: "Saskia Esken schlägt Vermögensabgabe wegen Corona-Krise vor" (1. April 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2020-04/lastenausgleich-coronavirus-vermoegensabgabe-saskia-esken-spd

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anet2015 #8

Ich wußte es.


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Robert Geiss #8.1

Ja, ich wusste es auch, dass sich die parlamentarische Besserverdienerlobby namens FDP sich bei einem solchen Vorschlag quer stellen wird.


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Cenobite #48

Ich habe eine bessere Idee. Die Bundestagsabgeordnete verzichten für die Dauer der Corona Kriese auf 2/3 ihrer Diäten.
Damit entlasten sie den Staat, helfen anderen und schlüpfen vorrübergehend in die haut eines Mittelständlers.


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deep_franz #70

Wenn die FDP empört ist, dann hat Frau Esken als SPD-Vorsitzende wohl ihren Job richtig gemacht.
Man ist politisch nunmal in entgegengesetzen Lagern und vertritt die Interessen unterschiedlicher Klassen.
Die Zeit so zu tun, als gebe es diese Klassenunterschiede nicht mehr, muss die SPD beenden, sonst ist die obsolet.
Frau Esken sollte noch nachlegen und die “Liberalen“ dazu bringen öfter Leistungsträger zu sagen, was ja dieser Tage eher Krankenschwester und Verkäufer meint, als die Klientel der FDP. Irgendein Lindner oder Kubicki wird schon drauf reinfallen, mit Glück auch noch Merz, der soll nicht unvergessen bleiben.


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mirinord #10

Eine Neiddebatte? Vielleicht sollte die FDP mal drüber nachdenken, wer momentan die Leistungsträger der Gesellschaft sind - und wie sie bezahlt werden. ...


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maßvoller Kritiker #13

Klar, dass die FDP vor einer Neiddebatte warnt, wenn Multimillionäre zur Kasse gebeten werden sollen. Das ist ihr Klientel. ...


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Linksrechtsobenunten #13.5

"Diese Multimillionäre sind vielfach Mittelständler"

Es geht nicht immer nur um Merz.


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Herr Jehova #1.137

Ich persönlich habe mein Vermögen selbst aufgebaut und nicht durch Erbe erlangt. Neben meiner mäßigen Disziplin und meines Findungsreichtum habe ich vor allem von der Infrastruktur profitiert, von der schulischen/akademischen Ausbildung meiner Angestellten und meiner selbst, von der Sicherheit in diesem Land usw. usf.

Mit anderen Worten: Ich habe aus Deutschland und dessen Bevölkerung großen Nutzen gezogen. Dafür bin ich gerne bereit, meinem Land, meiner Wahlheimat etwas zurück zu geben. Auch finanziell.

Ich bin der Ansicht, dass meine Klasse bei weitem nicht ausreichend zur Kasse gebeten wird. Wenn diese Top-Leister lediglich von staatlichen Eingriffen in den Markt gebremst werden könnten, dann stellt sich mir die Frage, warum sie nicht längst alle gesammelt nach Somalia oder in einen anderen, vergleichbaren Staat abgewandert sind. Staatliche Interventionen sind dort äußerst spärlich gesäht und die Segnungen des ungebremsten unregulierten Kapitalismus müssten sich eigentlich in ihrer segensreichen Wirkung dort voll entfalten können. Irgendwie ist es dann aber doch geiler, wenn der verpönte Staat einem zumindest die eigenen Kröten schützt. Und einem in besonderen Notlagen auch die Pfründe schützt, wie etwa in Finanzkrisen etc. Da sind die Besitzenden meist dann auch ersten, die man nach Staatshilfe rufen hört.


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Hafaniaras #1.53

Ich finde es erstaunlich in dieser ganzen Krise, dass es die FDP ist, die sich hier als destruktivste Kraft hervorhebt. Die AfD hetzt im Hintergrund natürlich munter weiter und liefert nichts konstruktives aber das ist man mittlerweile einfach gewöhnt.

Die FDP ist aber richtig richtig schädlich mit ihren andauernden unterschwelligen "Wie lange dauert das noch"-Signalen, dass die Maßnahmen überzogen seien und die Menschen so schnell wie möglich weiter arbeiten sollen. Es ist nunmal so, dass jetzt für viele Bürger weiter Kosten entstehen aber das Einkommen einbricht. Hier muss es nunmal irgendwelche Maßnahmen geben, das zumindest teilweise abzufangen. Das alte Argument, dass es der Wirtschaft langfristig schadet wenn Privatvermögen besteuert wird, zieht hier wirklich nicht, da die Wirtschaft in jedem möglichen Szenario massiv schaden nehmen wird. Die FDP hat den Ernst der Lage nicht verstanden und versucht hier verantwortungslos ihre Klientel vor sehr verhältnismäßigen Forderungen zu schützen. Es wird noch einmal mehr deutlich, dass es sich hier nicht um eine Partei mit Wertefundament sondern um einen privaten Lobbyverein für Vermögende handelt. Schade um echte Liberale wie Leutheusser-Schnarrenberger aber die Lindners geben jetzt den Kurs an und schaden allen.


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silverhulk #1.12

... Und was sagt die FDP denn eigentlich dazu, dass einige Großkonzerne nun die neuen Hilfen für kleine und mittlere Unternehmen zu missbrauchen versuchen, indem auch sie trotz großer Vermögen keine Miete mehr zahlen wollen? Ich hab dazu bisher noch nichts von der FDP gehört...


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DerManu1234 #1.34

Der Reiche ist ja meist nur deswegen reich, weil er jahrzehntelang mit strengster Ausgabendisziplin gelebt hat. Vielleicht hat er zudem etwas riskiert, sich selbständig gemacht, etwas erfunden usw. Ist doch höchst unfair und auch höchst unklug, dass so ein Verhalten jetzt bestraft wird. Zudem müssen Selbständige Vermögen aufbauen, da auf sie keine Rente wartet und auch die Krankenkasse stets selbst gezahlt werden muss.

Derjenige hingegen, der immer nur fröhlich in den Tag hinein gelebt hat, kein Vermögen aufgebaut hat, immer nur zur Miete gewohnt hat und diese vielleicht sogar sich vom Sozialstaat hat finanzieren lassen, der ist jetzt fein raus.


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Wollte auch mal was schreiben #1.55

Nehmen wir doch mal als eins von vielen möglichen Beispielen den Herrn Diess, aktuell beschäftigt als VW-Chef.

Der verdient im Jahr 7 Millionen Euro.
Auf den Monat gerechnet macht das € 583.333,33.
Soviel verdient eine Lildl-Kassiererin nicht in 5 Leben.

Glauben Sie, der merkt das irgendwie wenn er davon EINMALIG € 50.000 abgeben muss?

Soll ich jetzt noch ein paar andere Manager aufzählen oder ein paar Fußballspieler?

Ausserdem ist der Artikel 106 des Grundgesetzes kein Klassenkampf sondern ein Teil des Gesetzes, dem Sie Ihr auskömmliches und auch relativ sicheres Leben hier in diesem Lande verdanken.


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Three Legged Workhorse #1.90

"Der Reiche ist ja meist nur deswegen reich, weil er jahrzehntelang mit strengster Ausgabendisziplin gelebt hat."

Kennen Sie die Statistiken?
https://www.zeit.de/wirtschaft/2016-10/reichtum-deutschland-hochvermoegen-arbeit-schenkungen-erbschaften
https://www.spiegel.de/wirtschaft/reichtum-deutschland-hat-die-meisten-multimillionaere-in-europa-a-1003878.html

Mit Arbeit und Sparsamkeit hat das bis auf Ausnahmen ganz speziell in Deutschland wenig zu tun. ...


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schon-wieder-vergessen #1.82

“Der Reiche ist nur reich weil er hart gearbeitet hat, .... “

Selten so gelacht. ...


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weiterwursteln #1.124

***** Der Reiche ist ja meist nur deswegen reich, weil er jahrzehntelang mit strengster Ausgabendisziplin gelebt hat. Vielleicht hat er zudem etwas riskiert, sich selbständig gemacht, etwas erfunden usw. Ist doch höchst unfair und auch höchst unklug, dass so ein Verhalten jetzt bestraft wird....*****

*********

Etwas weniger Polemik und Pauschalierung hätte Ihrer Antwort nicht geschadet. Ich kenne wirklich sehr wenige Reiche, die Ihren Vorstellungen entsprechen. Warum erwartet der Selbständige keine Rente, er hätte doch ganz normal auch als Selbständiger in die solidarische Rente einzahlen können (was viele auch machen), er hätte sich auch in der normalen (solidarischen) Krankenversicherung anmelden können. Was ist unfair daran wenn alle gemeinsam einen Beitrag für die Allgemeinheit leisten müssen.

Die ganzen auf Kurzarbeit gesetzten Arbeiter erhalten doch auch nur 60-67% ihres Geldes obwohl Sie immer fleißig tätig waren. Fein raus ist zur Zeit überhaupt Keiner, absurde Unterstellung Ihrerseits.

Dieser Virus ist eine Gesamtgesellschaftliche Krise bei der alle, je nach finanzieller Möglichkeit zur Lösung beitragen müssen. Und wenn Leute mehrere Hunderttausend Euro auf dem Konto haben, warum sollen diese dann nicht mit 10% davon zur Lösung beitragen. Mit Sicherheit werden nach dem Virusproblem auch endlich die lange nötigen Europäischen Steuerproblematiken gelöst. Google, Apple, Facebook, Börsengewinner, Spekulanten etc. gerecht zur Kasse gebeten.


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Schwarze Hanne #1.127

"Ich kenne zig Leute in meinem Umfeld mit völlig unterschiedlichem Background, die es ohne Zutun ihrer Eltern zu etwas gebracht haben. Einfach durch den Besuch eines staatlichen Gymnasiums (kann jeder besuchen), einer staatlichen Universität oder einer Meisterschule sowie Fleiß, Disziplin, Verbindlichkeit und Ehrgeiz."//

Ja, zu denen gehöre ich irgendwie auch. Aus einer Alleinerziehenden-Familie stammend mit einer Mutter, die uns als einfache Postangestellte über Wasser gehalten hat, ohne amiliären Bildungshintergrnd, habe ich es immerhin zu einem Universitätsabschluss und einem gut bezahlten Beruf geschafft. Millionär konnte ich dadurch aber nicht weden. Und zwar ohne besonders verschwenderisch zu sein. Dafür brauchen Sie z.B. nur in einem Ballungsgebiet mit hohen Mieten oder Immobilienkaufpreisen zu leben. Zack, landet ihr Geld auf den Konten von anderen, die dann damit reich werden können, aber auch nur, wenn sie denn mehrere von solchen Immobilien haben. Z.B. geerbt. Wobei wir wiedr beim Thema wären.
Die Zeiten sind vorbei, wo man allein mit Fleiß und Sparsamkeit reich werden konnte. Das ging vielleicht einmal in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Heute nicht mehr.


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  think-different #72 

vor nicht allzulanger zeit, hat ein anderes SPD mitglied in dieser zeitung eine ganz andere meinung vertreten [ Eine Vermögensteuer ist weder gerecht noch sozial. Gerade Sozialdemokraten sollten die Finger davon lassen. Ein Gastbeitrag von Otto Schily 23. Oktober 2019].

er schrieb: «Eine Vermögensteuer ist weder gerecht noch sozial. Gerade Sozialdemokraten sollten die Finger davon lassen [...] Kaum ein Tag vergeht, ohne dass die SPD Vorschläge auftischt, die für den Mittelstand eine ernsthafte wirtschaftliche Bedrohung darstellen. Der SPD scheint ohnehin seit dem Ausscheiden von Gerhard Schröder aus der aktiven Politik wirtschaftlicher Sachverstand abhandengekommen zu sein [...] Die Vermögensteuer ist aber weder gerecht noch sozial, sie ist wirtschaftsschädigend und damit unsozial, ungerecht und mittelstandsfeindlich. Die Befürworter der Vermögensteuer berufen sich in erster Linie auf die Vermögensverteilung in Deutschland. Aber die Vermögensteuer bewirkt keineswegs eine Besserstellung von wirtschaftlich Schwächeren. Sie konfisziert lediglich Vermögen. Genau genommen ist sie deshalb eine Verstaatlichung von Vermögen. Sie entzieht gerade den mittelständischen Unternehmen Eigenkapital, das für ihre Entwicklung von großer Bedeutung ist»

https://www.zeit.de/2019/44/vermoegensteuer-eigentum-gerechtigkeit-sozialdemokraten


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FreierTerraner #72.2 

Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und differenziert. Danke, die Redaktion/sh


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Ernst Blache #79

Bemerkenswert. Ausgerechnet die Partei, die mit ihrer Agenda 2010 den sozialen Zusammenhalt aufgekündigt hat, kommt jetzt mit Vorschlägen, die die Linken schon lange machen. Was dem Vorschlag an sich nichts von seiner Richtigkeit nimmt.


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Brunoeder #80

es wäre an der Zeit, nach der Krise umzudenken. Mehr Solidarität und gemeinsames europäisches Denken wäre angesagt. Ich weiß nicht, ob wir hier eine Revolution (in unseren Köpfen) brauchen. Zu viel Kapital in wenigen Händen, mehr als 90% sind arm.
Wir brauchen Visionäre, die das in die Hand nehmen, keine Lobbyisten oder Berater der Politik. Wir brauchen hier keine nationalistischen Machthaber und keine handlungsunfähige EU. Demokratie geht vom Volk aus!


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lotsofquestions #108

Klassenkampf reloaded! Traurig traurig! Warum sollen Menschen, die sich etwas aufgebaut haben, vornehmlich zur Altersvorsorge zur Kasse gebeten werden. Im übrigen ist dann jeder Beamte mit seinen Pensionsansprüchen Millionär und müsste auch darauf Vermögenssteuern zahlen!


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Vielreisender Zeitungsl3ser #111

Was ist das für ein Bild was Frau Esken abgibt, furchtbar, in diesen schweren Zeiten sind wir relativ geeint aufgrund einen gemeinsamen Feindes. Frau Esken möchten schnell wieder den sozialen Spaltpilz nutzen, um sich zu profilieren, einfach widerlich. Ich möchte die Prognose wagen, es geht weiter mit einer Art Hexenverfolgung. Als nächstes sind in aberwitziger Weise sogenannte Reiche schuld an Corona, weil sie mehr Geschäftsreisen tätigen und danach rechnet die AFD in einer abstrusen Logik vor , dass an allem Asylanten schuld sind, dass ist genau der Stil von Frau Esken, und das in Zeiten, wo sich Menschen zu früh von ihren Großeltern verabschieden müssen, mir fehlen die Worte.


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Gisbert Beaumarais #114

Wenn man wirklich an die sprichwörtlichen "oberen Zehntausend" ginge, fände ich das gut. Sagen wir an die oberen 5%. Bei welchen Betrag auch immer wir da landen. Ich befürchte nur, dass man bei 60.000,- € brutto per anno anfängt. Wie sieht es denn in dem Zusammenhang mit einer Erhöhung dr Erbschaftssteuer aus? Mit einer Steuerreform insgesamt. In Deutschland ist es doch wohl so, dass hier Arbeit bei der Besteuerung gegenüber Kapitaleinkünften und Erbschaften deutlich benachteiligt wird.
Ändern wir die Beteuerung weg von einer Erben- und Zockergesellschaft hin zu einer Gesellschaft, in der sich Leistung wirklich lohnt. Da sollten doch gerade FDP und CDU einsehen. Oder sollte deren Geschwätz von der Leistungsgesellschaft nichts als hohles Gerede sein?


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iConRad #115

Hervorragende Idee, wenn es sich dabei allein um Privatvermögen handelt und „nur“ die oberen 10% betrifft.
Gerade die Wohlhabenden sollten sich jetzt freiwillig solidarisch zeigen, um die angeblich falschen Vorurteile abzubauen.

Hier von Klassenkampf zu reden ist zynisch. Zum einen ist dies im GG nicht grundlos verankert, die Vermögen wurden schließlich hauptsächlich in D. aufgebaut sicherlich nicht ohne Hilfe aller Steuerzahler (Siehe Infrastruktur, Konsumenten etc.) und zum Anderen würde man sich doch selbst die Lebensgrundlage entziehen, wenn der soziale Frieden kippt.


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Matze 83 #123

Ein sicherlich bedenkenswerter Vorschlag von Frau Esken. Es gibt genug wirklich reiche Menschen in diesem Land die nicht gleich in die Armut fallen (auch wenn manche so tun) wenn sie ein paar Prozent ihres Vermögens abgeben müssen.
Ich habe neulich gelesen es gäbe aktuell über 1 Million Vermögensmillionäre in Deutschland. Jeder von denen wird es sich leisten können ein paar Tausender abzugeben (einmalig, wohlgemerkt). Da kommt schnell viel zusammen.

Die Reaktion der FDP dagegen ist die übliche, in solchen Zeiten recht widerliche, Klientelpolitik. Man will nicht nur nichts abgeben, nein, durch Steuersenkungen will man sogar noch was rausholen. Denn Steuersenkungen nützen zunächst mal immer den Reichen. Viele von denen die aktuell finanziell besonders gebeutelt sind verdienen nämlich so wenig das sie eh keine Steuern zahlen.


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Zappaloge #103

Viele Milliarden Euro wurden durch die Banken mittels Cum-Ex Geschäften den öffentlichen Haushalten entzogen. Insbesondere Hamburg unter Führung und Toleranz der SPD hat die lokalen Banken geschont. Das wäre mein erster Ansatz zur Verbesserung der Finanzierung der Haushalte. ...


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recht und gerechtigkeit #131

Ich finde, es ist ein falscher Zeitpunkt, einen Klassenkampf anzuzetteln. ...


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vHutten #132

Eskens Vorschlag entstammt einmal mehr der politischen Mottenkiste.
Ich dachte diese Denken wäre in Dtl seit der USPD verschwunden.


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Otus #134

Ich habe mir alles selbst aufgebaut, angefangen von der Hütte, in der ich geboren wurde. Und jetzt kommen die Neider mit ihrem "Eigentum verpflichtet" und wollen uns unsere Freiheit nehmen.


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avalon64 #144

... Millionen von Kurzarbeitern, Ladenbesitzern und Gastronomen fragt auch niemand, ob sie Lasten tragen wollen.


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realino #98

Der Aufschrei der offensichtlichen Besser- und Best-Verdienenden in diesem Forum ist erschreckend. Solidarität sollen doch besser die anderen üben.


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Myletter #139

1 Million Millionäre gibt es in Deutschland - es kämen also mindestens 50 Milliarden zusammen, eher mehr, weil unter ihnen viele Multimillionäre. Interessant wäre zu erfahren, wieviel Vermögen überhaupt in Millionärshänden liegt. Weiß das jemand ?


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kannverstan #139.1

Geld ist genug da:
"Die zehn reichsten Prozent besitzen über die Hälfte des Vermögens in Deutschland"
https://www.l-iz.de/politik/kassensturz/2019/10/Die-zehn-reichsten-Prozent-besitzen-ueber-die-Haelfte-des-Vermoegens-in-Deutschland-298983

etwas altbackene Zahlen stehen hier:
https://de.wikipedia.org/wiki/Verm%C3%B6gensverteilung_in_Deutschland
vielleicht nimme sich mal jemand die Zeit für deren Aktualisierung ...


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« Reply #1027 on: April 02, 2020, 11:29:41 vorm. »
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[...] Der von der Politik empfohlene Einsatz von fachfremden Erntehelfern erweist sich in der Praxis als problematisch. "Wir sind dankbar für jede helfende Hand, weil wir dringend Unterstützung benötigen. Aber die Idee ist nicht so einfach umzusetzen, wie sich das manch einer denkt", sagte der Sprecher des Hessischen Bauernverbands, Bernd Weber, auf Anfrage in Friedrichsdorf (Hochtaunuskreis). Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hatte vorgeschlagen, dass etwa Beschäftigte aus der Gastronomie, dem Einzelhandel und anderen wegen der Corona-Krise Not leidenden Branchen auf den Feldern eingesetzt werden könnten.

In Hessen und im weiteren Bundesgebiet fehlen massenhaft Erntehelfer, weil Saisonkräfte wegen geschlossener Grenzen derzeit nicht mehr anreisen können. Diese Grenzregelung gilt für die Einreise aus Drittstaaten, aus Großbritannien, für EU-Staaten wie Bulgarien und Rumänien, die nicht alle Schengen-Regeln vollumfänglich anwenden, sowie für Staaten wie Österreich, zu denen Binnengrenzkontrollen vorübergehend wiedereingeführt worden sind. Der Hessische Bauernverband fürchtet wegen der ausbleibenden Saisonarbeitskräfte Ernteausfälle bei Obst und Gemüse. Derzeit seien Helfer - vor allem aus Osteuropa - bei der Ernte von Spargel und anderem Gemüse gefragt.

Nach Einschätzung des Bauernverbands besteht Bedarf in Höhe von 16 000 bis 17 000 Aushilfen. Die ersten fachfremden Erntehelfer seien zwar schon im Einsatz in Hessen. Doch wie viele es sind und wie viele noch fehlen - dazu konnte der Verband keine Angaben machen. In ganz Europa fehlen nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums in Berlin bis zu 300 000 Saisonkräfte.

Doch selbst wenn sich Erntehelfer melden, sei das Problem noch nicht gelöst, sagte Weber. "Es ist eine besondere Herausforderung, in der Landwirtschaft tätig zu sein. Das ist anstrengende Arbeit, derzeit die Spargelernte. Dafür braucht man Einarbeitung, eine gewisse Technik und Erfahrung. Das erledigen meist eingespielte Teams. Und wenn jetzt zum Beispiel ein Bulgare oder ein Rumäne beim Spargelstechen fehlt, der das seit zehn Jahren macht, dann braucht man drei Deutsche, um die Arbeit zu erledigen."

Die harte Feldarbeit sei nicht jedermanns Sache, sagte Weber. "Dafür braucht man einen langen Atem. Aber man kann es auch als sportliche Herausforderung begreifen und sich sagen: ›Ich ziehe das jetzt mal ein paar Wochen durch.‹" Die Produzenten müssten sich auf die Aushilfen verlassen können. "Das muss schließlich wie am Schnürchen laufen und ist kein Job, den man mal ein paar Stunden machen kann." Die Spargelsaison läuft traditionell bis zum 24. Juni, dem Johannistag. Verbandssprecher Weber hofft, dass sich das Konzept der fachfremden Erntehelfer bewährt. "Wir müssen das beobachten und können die Idee noch nicht bewer-ten." Wenige Wochen nach dem Beginn der Spargelernte beginnt die Erdbeerzeit. Auch dafür werden Erntehelfer gesucht.

Für den Spargelhof Merlau in Darmstadt funktioniert das Konzept mit fachfremden Erntehelfern nicht. "Fürs Sortieren der Stangen und alle Arbeiten in der Halle sowie fürs Ausfahren mag das ja klappen. Aber auf dem Feld überhaupt nicht. Und wenn es dort nicht klappt, haben wir bereits am Beginn der Kette ein Problem. Frau Klöckner soll mal herkommen und mir zeigen, wie das mit Kellnern, Studenten, Asylbewerbern und anderen Ungelernten gehen soll", kritisierte Georg Peter Merlau, der nach eigenen Angaben einen mittelständischen Betrieb mit 80 Hektar Anbaufläche für Spargel führt. Er brauche 150 Saisonkräfte, habe aber aktuell nur ein Drittel.

Merlau betonte, Außenstehende sollten sich bezüglich der Feldarbeit keine falschen Vorstellungen machen. "Es ist schwer, es ist kalt, es ist nass, es ist schmutzig - und ständig in gebückter Haltung. Diese Tätigkeit muss man gewohnt sein, um sie durchstehen zu können."


Aus: "Erntehelfer verzweifelt gesucht" (dpa, 01.04.20)
Quelle: https://www.giessener-allgemeine.de/hessen/erntehelfer-verzweifelt-gesucht-13637300.html

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[....] Der Spargelbauer Jörg Heuer hat schnell reagiert: Als die Bundesregierung vergangene Woche ankündigte, ausländischen Saisonarbeitern wegen des neuen Coronavirus die Einreise zu verweigern, charterte der 49-Jährige kurzerhand ein eigenes Flugzeug. Für eine fünfstellige Summe, wie er sagt, ließ er rund 120 Rumänen einfliegen, um seine Ernte - und damit sein Geschäft - zu retten.

 Auf mehr als 100 Hektar Land baut Heuer bei Burgwedel in Niedersachsen Spargel und Beeren an, in zweiter Generation, die Eltern des 49-Jährigen haben den Hof 1981 gegründet. Mit dem Flieger hat er einen Personalengpass bei der Ernte in diesem Jahr gerade noch abgewendet. "Wir kommen zurecht", sagt er. In der Branche allerdings gebe es dieses Jahr deutlich weniger Erntehelfer als sonst. Auch ihm hätten viele bewährte Helfer diesmal abgesagt.

Spargel ist ein Luxusgemüse, man kann auch ohne ihn gut leben, auch wenn das "weiße Gold" für viele zum Frühling dazugehört wie die Ostereier. Für Heuer aber ist der Spargel die wirtschaftliche Existenzgrundlage. "Wir leben von diesen drei Monaten", sagt Heuer über die Ernte. "Das können wir nicht verlegen wie die Messen oder ein Fußballspiel."

Der Einreisestopp treffe Obst-, Gemüse- und Weinbaubetriebe, aber auch größere Betriebe in der Tierhaltung "sehr hart", sagt auch der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Joachim Rukwied. Die Einschränkungen müssten daher "so kurz wie möglich" gehalten werden. Einige Obst- und Gemüsesorten drohen Rukwied zufolge sogar knapp zu werden. "Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln ist nicht gefährdet, dennoch kann es durchaus bei verschiedenen Kulturen im Obst- und Gemüsebereich zu Versorgungslücken kommen."

... Das Einreiseverbot für Saisonarbeiter gilt auf Anordnung des Bundesinnenministeriums seit vergangenem Mittwoch. Und das sorgt auch innerhalb der Union für Zoff. Vergangene Woche wandten sich CDU-Agrarpolitiker aus den 15 Bundesländern außer Bayern in einem Brief an Innenminister Horst Seehofer (CSU). Darin heißt es, die Einreisebeschränkungen seien "kontraproduktiv" und stellten die Landwirtschaft "vor eine nicht lösbare Aufgabe". Neben der Obst- und Gemüsebranche würden auch Schlachtbetriebe darunter leiden.

... Spargelbauer Heuer sagt, er setze die Deutschen lieber im Verkauf und als Fahrer ein als auf dem Feld. Auch in Brandenburg, mit Beelitz ebenfalls eine Spargel-Hochburg, sind die ungelernten Helfer derzeit gefragt. Euphorie sei allerdings fehl am Platze, sagt Andreas Jende, Geschäftsführer des Gartenbauverbandes Berlin-Brandenburg. "Die Arbeit in der Landwirtschaft ist nicht zu verwechseln mit der im heimischen Kleingarten", erklärt er und warnt: "Es kann körperlich hart werden."

...


Aus: "Bauern fehlen Saisonarbeiter: Landwirt charterte Flugzeug für Erntehelfer" (Mittwoch, 01. April 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Landwirt-charterte-Flugzeug-fuer-Erntehelfer-article21684024.html

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[...] Erntearbeit gehört in Österreich zu den Branchen mit einem der niedrigsten kollektivvertraglichen Lohnniveaus und wird seit Jahren großteils von Menschen aus Osteuropa verrichtet. Im Moment können viele Saisonarbeitskräfte nicht einreisen und die Landwirtschaft sucht händeringend nach Ersatz. Aktivistinnen der sezonieri-Kampagne [http://www.sezonieri.at/en/startseite_en/] zeigen auf, wie das Corona-Virus ausbeuterische Arbeitsverhältnisse in der Landwirtschaft sichtbar macht.

Die harte Arbeit in der Landwirtschaft wird in Österreich, wie in den meisten Ländern weltweit, von migrantischen Saisonarbeiter*innen erbracht. Diese Arbeit verrichten zumeist osteuropäische Erntehelfer*innen aus Ungarn, Rumänien, Polen, der Slowakei, Bulgarien, der Ukraine oder den Balkanstaaten. Die Löhne sind niedrig, die Arbeitsbedingungen skandalös: Befristete Arbeitsverhältnisse mit Nettostundenlöhnen zwischen sechs und sieben Euro, Ignorieren der Höchstarbeitsgrenzen, überteuerte und miserable Unterkünfte.

Akkordlohn, unbezahlte Überstunden, keine und zu geringe Ausbezahlung der Sonderzahlungen (Urlaubs- und Weihnachtsgeld etc.) und Verstöße gegen die Arbeitszeitregeln sind weit verbreitet. Da die Erntearbeiter*innen saisonal beschäftigt sind und nach der Saison in ihre Herkunftsländer zurückreisen, können sie den Anspruch auf Arbeitslosengeld in Österreich nicht geltend machen. Sie scheinen deshalb auch nicht in der Arbeitslosenstatistik auf.

Die Landwirt*innen rechtfertigen die niedrigen Löhne in ihrer Branche einerseits damit, dass sie bei Preisverhandlungen vom stark konzentrierten Handel unter Druck gesetzt werden. Andererseits verweisen sie auf die Konkurrenz zu billigen Importen, aus Ländern mit noch extremerem Lohndumping.

Durch die Corona-Krise und die Grenzschließungen von Nachbarstaaten wird nun plötzlich besonders deutlich, wie notwendig die Arbeit auf den Feldern für die Lebensmittelversorgung ist. Seit zwei Wochen berichten Medien über das Fehlen von mindestens 5.000 Arbeitskräften in der Landwirtschaft. Bäuer*innen klagen, dass die Erträge ausfallen und die Versorgung bald gefährdet sein könnte.

Wirtschaftskammer, Landwirtschaftskammer sowie mehrere Ministerien haben daraufhin sehr schnell verschiedene Arbeitskräftevermittlungsplattformen ins Leben gerufen, etwa „Die Lebensmittelhelfer“. Mit dem Aufruf „Dein Land braucht dich!“ wird diese von patriotischen Appellen nach nationalem Schulterschluss und Solidarität mit österreichischen Betrieben begleitet. Das bringt nun sogar einige rechtsextreme Burschenschaften dazu, zur Erntehilfe aufzurufen. Gleichzeitig werden Forderungen laut, bestimmte Bevölkerungsgruppen wie arbeitslos gewordene Menschen und Asylsuchende direkt in die Feldarbeit zwangszuverpflichten. Student*innen werden indes mit ECTS-Punkten und der Anrechnung als Pflichtpraktika gelockt. Die sezonieri-Kampagne fordert: Niemand darf zur Erntearbeit gezwungen werden!

Der nun auftretende Arbeitskräftemangel kann auch eine Machtverschiebung hin zu den Arbeitnehmer*innen bedeuten. Eine solche Verschiebung lässt sich etwa daran erkennen, dass Saisonarbeiter*innen statt der bisher gängigen Bezeichnung als „unqualifizierte Erntehelfer*innen“ in den Medien aktuell als „unser Fachpersonal” bezeichnet werden.

Ironischerweise tritt jetzt sogar die FPÖ Burgenland öffentlich gegen schärfere Grenzübertrittsbestimmungen ein. So will sie sicherstellen, dass Beschäftigte weiterhin ihrer Arbeit in der Landwirtschaft und im Gesundheits- und Pflegebereich nachgehen können. Auffällig ist auch, dass bei den aktuellen Grenzregulierungen sowohl für ungarische, slowenische als auch tschechische Tagespendler*innen Ausnahmeregelungen bestehen. Heute wurde bekannt: Aus Rumänien und Bulgarien sollen Erntearbeiter*innen – ähnlich zu 24-Stunden-Pflegekräften – sogar mit Charterflügen eingeflogen werden. All diese Entwicklungen zeigen, wie sehr die österreichische Landwirtschaft von Arbeitskräften aus dem Ausland abhängig ist.

Die Klage über den Mangel an Arbeitskräften ist jedoch nichts Neues, ähnlich wie in der Gastronomie. Beide Branchen weisen besonders geringe Lohnniveaus auf. Die Anhebung der Löhne zur Lösung des vermeintlichen Arbeitskräftemangels steht nicht zur Debatte.
Was die Produzent*innen eigentlich meinen, wenn sie beklagen, es fehlen Erntearbeiter*innen: Es fehlen „billige“ Arbeitskräfte aus ärmeren Ländern, die ihren Arbeitsvertrag auf Deutsch nicht lesen können, ihre Rechte nicht kennen und im Zweifel die schlechten Arbeitsbedingungen in Kauf nehmen, weil sie keine Alternativen haben.

Die Kollektivvertragsverhandlungen in der Landwirtschaft wurden kurz vor der Corona-Krise abgeschlossen. Die Nettostundenlöhne liegen zwischen 6,19 Euro in Oberösterreich und 7,41 Euro in Salzburg, die Nettomonatslöhne zwischen 1072,60 und 1283,59 Euro bei einer 40-Stunden-Woche – und damit in nur einem Bundesland knapp über der Armutsgefährdungsschwelle. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet dies eine Erhöhung zwischen zehn und 61 Cent je nach Bundesland. Der im Kollektivvertrag festgesetzte Lohn stellt freilich nur die gesetzliche Untergrenze dar. Jede*r Arbeitnehmer*in steht es frei, höhere Löhne zu fordern und jede*r Arbeitgeber*in kann diese bezahlen. Deshalb verfolgt die sezonieri-Kampagne das Ziel, Erntearbeiter*innen über ihre Rechte zu informieren und sie bei ihren Arbeitskämpfen zu unterstützen.

In der Corona-Krise wird sichtbar, dass rot-weiß-rote Regionalität zu Supermarktpreisen auf der Ausbeutung von ausländischen Arbeiter*innen in der Landwirtschaft basiert. Neoliberale Politik hat demokratische Teilhabe und öffentliche Verantwortung zugunsten profitorientierter Interessen für Ernährung (Agrar- und Förderpolitik), Gesundheit, aber auch Bildung und Wohnen abgebaut. Eine politische Kursänderung ist notwendig. Unsere Lebensmittelproduktion und -verteilung sowie die Arbeitsverhältnisse der Beschäftigten im Ernährungssektor sollen nicht weiter Ungleichheit fördernden Marktkräften und profitorientierten Privatkonzernen überlassen werden.


Aus: " Hauptsache billig: Was Corona über die Ausbeutung von Erntearbeiter*innen verrät" Sezonieri-Aktivistinnen (2. April 2020)
Quelle: https://mosaik-blog.at/hauptsache-billig-was-corona-ueber-die-ausbeutung-von-erntearbeiterinnen-verraet/
« Last Edit: April 02, 2020, 11:34:54 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #1028 on: April 03, 2020, 12:07:16 nachm. »
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[...] Die folgende Meldung hat ausnahmsweise nichts mit Corona zu tun, erfreulich ist sie leider dennoch nicht. Eine Ateliergemeinschaft in Kreuzberg hat eine Mieterhöhung von 70 Prozent erhalten. Das trotz der massiven Steigerungen, die wir hier gewöhnt sind, auch in Berlin ungewöhnlich. Und für die Betroffenen unbezahlbar: Mieterin ist die Ateliergemeinschaft in der Glogauer Straße 6; die Künstler*innen können sich die mehr als 15 Euro pro Quadratmeter schlichtweg nicht leisten. Das teilten sie ihrem Vermieter mit, als er die Erhöhung im Herbst 2019 ankündigte, und sie mit der „im positiven Sinne dynamischen Markentwicklung“ in den letzten Jahren begründete. Daraufhin erhielt die Ateliergemeinschaft die Kündigung ihres Mietvertrags zum 31. Mai diesen Jahres.

Der Vermieter ist übrigens kein*e bekannte*r Immobilienspekulant*in, sondern das Traditionsunternehmen Arnold Kuthe Immobilienverwaltungs-GmbH. Kaum einen Straßenzug gebe es in Berlin, an dem Kuthe nicht beteiligt war, erzählte Geschäftsführer und Gesellschafter Stefan Freymuth 2013 dem Tagesspiegel. Nun soll das Künstleratelier also weichen – „damit noch mehr Geld verdient werden kann“, sagt Coni Pfeiffer von der Mieter*inneninitiative „GloReiche Nachbarschaft“. „Die Ateliergemeinschaft ist nicht der erste Verdrängungsfall in der Glogauer Straße 6“, so Pfeiffer.

Deshalb hat die GloReiche einen „offenen Kiezbrief“ verfasst, in dem Kuthe aufgefordert wird, die Verhandlungen wieder aufzunehmen und einen fairen, langfristigen Mietvertrag vorzulegen. „Gehen Sie mit gutem Beispiel voran und sorgen Sie für den aktiven Erhalt der Kunst- und Kulturstruktur in Berliner Kiezen und vor allem in Kreuzberg“, heißt es abschließend. Schön wäre es – auf eine entsprechende Anfrage des Tagesspiegels antwortete Kuthe bis Redaktionsschluss leider nicht.

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Aus: "Traditionsunternehmen kündigt Ateliergemeinschaft - weil diese keine siebzigprozentige Mietsteigerung zahlen kann" (Veröffentlicht am 02.04.2020 von Nele Jensch)
Quelle: https://leute.tagesspiegel.de/friedrichshain-kreuzberg/macher/2020/04/02/115699/traditionsunternehmen-kuendigt-ateliergemeinschaft-weil-diese-keine-siebzigprozentige-mietsteigerung-zahlen-kann/

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« Reply #1029 on: April 03, 2020, 05:12:44 nachm. »
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[...] Es sind existenzielle Fragen, die sich viele Menschen derzeit stellen: Verliere ich meinen Job? Wie lange kann ich meine Miete noch zahlen? Jeder fünfte Deutsche fürchtet aufgrund der Corona-Pandemie finanzielle Einbußen, zeigt eine Umfrage des Marktforschungsunternehmens Ipsos. Und glaubt man den Prognosen der Ökonomen, sind diese Ängste durchaus berechtigt.

Das Ifo-Institut geht davon aus, dass hierzulande 1,8 Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren könnten. Weitere sechs Millionen dürften von Kurzarbeit betroffen sein.

Sie müssen auf Teile ihres Lohns verzichten – im schlimmsten Fall mit 60 Prozent des früheren Gehalts auskommen. Besonders hart trifft das jene, die keine Ersparnisse haben. Bei denen trotz Vollzeitjob am Ende des Monats nichts mehr übrig bleibt.

Doch wie steht es um die Finanzen der Deutschen? Wie lange reichen die Rücklagen?

Wer die Statistiker fragt, bekommt darauf eine pauschale Antwort. Laut Bundesbank besitzt ein typischer deutscher Haushalt 70.800 Euro. Neben dem Geld auf dem Konto oder im Aktiendepot ist da auch der Wert des Eigenheims oder des Autos eingerechnet. Abgezogen worden sind die Schulden.

Dadurch spiegelt dieser Wert das wider, worüber ein Haushalt verfügen kann. Die Zahl gibt den Medianwert an: Das heißt, es gibt ebenso viele Menschen, die über mehr Geld verfügen wie solche, die weniger besitzen. Das durchschnittliche Vermögen der Deutschen liegt bei 232.800 Euro – dieser Wert ist aber durch die extrem hohen Vermögen einiger weniger verzerrt.

Zugute kommt Deutschland aktuell, dass hinter uns gerade ein ungewöhnlich langer Aufschwung liegt. Dadurch hat sich die finanzielle Situation vieler Bundesbürger verbessert. Allein von 2014 bis 2017 ist die Summe, über die Deutsche im Mittel verfügen können, um 17 Prozent gestiegen.

Die Bundesbank begründet das vor allem mit den gestiegenen Einkommen und zwar auch bei denjenigen, die sehr wenig verdienen. Forscher vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) schreiben ebenfalls, dass es „den Deutschen in der Mehrheit deutlich besser geht als noch vor einigen Jahren“.

Doch trotz wirtschaftlichem Aufschwung und niedriger Arbeitslosigkeit sind noch immer 16 Prozent der Deutschen von relativer Einkommensarmut bedroht. Davon spricht man, wenn jemand weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat.

Ebenso erschreckend sind die Zahlen über das Sparverhalten. Denn bei fast einem Drittel der Deutschen reicht das Geld am Ende des Monats nicht, um etwas zur Seite zu legen. Das zeigte im vergangenen Jahr eine Umfrage der Direktbank ING. Innerhalb der EU ist damit lediglich in Rumänien der Anteil derjenigen noch größer, die nicht sparen können.

Diese Selbsteinschätzung spiegelt sich auch in den Zahlen der Bundesbank. Schaut man rein auf das Finanzvermögen der Deutschen – also das, was auf dem Konto liegt oder in Versicherungen und Aktien steckt – zeigt sich: Die ärmsten 30 Prozent kommen nur auf 4900 Euro. Bei den ärmsten zehn Prozent sind es sogar nur 300 Euro. Geld, das schnell aufgebraucht ist, wenn das Gehalt ausfällt.

Diese niedrigen Rücklagen werden deshalb in der Coronakrise zum Problem. Denn sie trifft fast alle Branchen hart.

So auch die Dienstleistungen, den Einzelhandel, die Gastronomie: Bereiche, in denen es sehr viele Geringverdiener gibt. „Diese Beschäftigten leiden besonders unter Jobverlust oder Kurzarbeit, weil sie kaum Rücklagen haben“, sagt Alexander Herzog-Stein, Arbeitsmarktexperte beim Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung.

Bundesweit zählt etwa jeder fünfte Beschäftigte zu den Geringverdienern. Darunter fällt, wer in einem Vollzeitjob weniger als 2203 Euro brutto verdient. Bei einem kinderlosen Single bleiben davon netto nur gut 1500 Euro. „Sparen kann man mit solch einem Einkommen nichts“, sagt Herzog-Stein. Forscher halten das erst ab 2000 Euro netto im Monat für realistisch.

Der Arbeitsmarktexperte sieht in der aktuellen Krise deshalb weiteren politischen Handlungsbedarf. „Wer ohnehin wenig verdient und durch Kurzarbeit jetzt nur noch 60 Prozent seines Gehalts bekommt, kann davon nicht leben“, sagt er.

Gewerkschaften haben sich deshalb für eine Erhöhung des Kurzarbeitergelds eingesetzt – die Bundesregierung lehnt das jedoch ab. Sie hat stattdessen den Zugang zur Grundsicherung erleichtert. Das soll Menschen helfen, die trotz Kurzarbeit auf Hilfe vom Amt angewiesen sind. Gleichzeitig erhöht es aber den Aufwand für die Jobcenter, die in den nächsten Wochen und Monaten ohnehin gut zu tun haben.

„Man muss sich fragen, ob man das nicht einfacher hätte regeln können“, sagt Herzog-Stein. Er kann sich eine Staffelung des Kurzarbeitergelds vorstellen: Wer wenig verdient, würde so einen höheren Anteil seines Nettogehalts bekommen als jemand, der vor der Krise ein hohes Gehalt bekommen hat.

Seiner Meinung nach orientiert sich die Politik derzeit noch zu stark an den Erfahrungen aus der letzten Krise. Damals haben in der Spitze 1,4 Millionen Menschen Kurzarbeitergeld erhalten. „Damals aber waren vor allem die Industriejobs betroffen, in denen die Bezahlung höher ist und wo sie noch eine starke Sozialpartnerschaft haben“, sagt Herzog-Stein.

Wer hingegen in einem Friseursalon arbeitet, der hat keinen Betriebsrat, der ihn vertritt. Für die Systemgastronomie immerhin haben sich Unternehmen und Arbeitnehmer mittlerweile auf eine Aufstockung des Kurzarbeitergelds durch die Betriebe verständigt.

„Kleinunternehmer in anderen Dienstleistungsbranchen können sich das aber nicht immer leisten“, sagt Herzog-Stein. „Für viele ist schon ein Kraftakt, mit Hilfe von Kurzarbeitergeld die Angestellten an Bord zu halten statt sie zu entlassen.“


Aus: "Corona könnte Millionen Deutsche in die staatliche Grundsicherung treiben" Carla Neuhaus (03.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/wie-lange-reicht-das-geld-corona-koennte-millionen-deutsche-in-die-staatliche-grundsicherung-treiben/25709404.html

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fairplay180 15:02 Uhr

An alle Zweifel und Gegner unseres Systems: Wäre unser System nicht so, wie es ist, könnten wir nicht hunderte von Milliarden jetzt als Unterstützung fürs Volk aufbringen. Wer kann das schon? Da können wir durchaus ein bisschen stolz drauf sein!


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Rastapopoulos 13:56 Uhr

Jetzt rächt sich das ganze billig zusammen konstruierte Exportwunder, mit seinen sogenannten Trickle-down Effekten. ...


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fairplay180 13:17 Uhr

Ja, es wird einige sehr hart treffen, das lässt sich leider nicht vermeiden. Umso wichtiger ist es, die Wirtschaft so schnell als möglich wieder hochzufahren. Mit der gebotenen Vorsicht natürlich.


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Rastapopoulos 14:30 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Kohlenstoffeinheit 13:45 Uhr

    Wirtschaft muss wieder dem Menschen dienen.


LOL der war gut.


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BangJI 13:15 Uhr
Als ich 2008 im Statistischen Jahrbuch las "Im Jahre 2007 verfügten weniger als 25% aller deutschen Privathaushalte über mehr als 75% aller deutschen Privatvermögen", überlegte ich, wie das angesichts der "Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand" eigentlich sein konnte.

Als ich 2018 im Dez. in einem Wochenbericht des DIW las "Die Vermögens- und Einkommensverhältnisse in der Bundesrep. Deutschland im Jahre 2016 entsprachen nahezu vollständig den Vermögens- und Einkommensverhältnissen, die in der Zeit von 1910-1914 im Deutschen Kaiserrreich bestanden.", kratzte ich mir meine Kopfhaut und fragte mich "Komisch und keiner hat davon irgendetwas bemerkt?"

...


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fairplay180 13:25 Uhr

Antwort auf den Beitrag von BangJI 13:15 Uhr

In welchem Land würden Sie denn gerne leben?


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serdna 12:40 Uhr

Grade ein Fall, den ich am Wickel habe. Kleiner Laden, zahlt 4000 Euro Miete, hat jetzt Zuschuss bekommen 8000, kann also zwei Minote die Miete bezahlen. Das heißt der Vermieter, der nicht in existentieller Notlage ist, bekommt sein Geld, das zahlt der Steuerzahler. Die zwei Angestellten mussten gekündigt werden. Für solche Fälle wäre die Variante, dass der Mietvertrag sofort gekündigt werden kann, wesentlich sinnvoller. Es macht keinen  Sinn, dass der Steuerzahler das Einkommen der Vermieter absichert, aber die Leute, die existentiell bedroht sind leer ausgehen. Solidarität kann nicht heißen, dass eine Einkommensgruppe, die in den meisten Fällen nicht existentiell bedroht wird, vom Steuerzahler gegen alle Risiken abgesichert wird und die andere Gruppe, die Empfänger von Einkommen aus unselbständiger Tätigkeit in eine absolute Notlage gerät.


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SIKOAlex 12:57 Uhr

Antwort auf den Beitrag von serdna 12:40 Uhr

Genau so funktioniert das System: Es wird denen gegeben, die eh schon alles haben.... Die, die noch für ihr Geld arbeiten müssen, sind, einmal mehr, die Verlierer.


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fairplay180 13:14 Uhr

Antwort auf den Beitrag von serdna 12:40 Uhr

Ich habe beruflich viel mit großen Assetmanagern zu tun, die derzeit natürlich insbesondere von Ladenbesitzern Anfragen bekommen, ob die Miete gesenkt, gestundet oder ausgesetzt werden kann.

Fast alle kommen entgegen. Weil die Vermieter natürlich auch wissen, dass sie jetzt in der Situation keine neuen Mieter mehr bekommen. Und schon gar nicht zu den alten Preisen.

Hängt natürlich auch immer vom Einzelfall ab, aber grundsätzlich hat man als Mieter ganz gute Chancen derzeit.


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Rotfahrer 13:25 Uhr

Antwort auf den Beitrag von serdna 12:40 Uhr

Aber auch der Vermieter hat vielleicht Verpflichtungen, für die er auf die Mieteinnahmen angewiesen ist. Bekommt ein Vermieter die Miete nicht mehr, kann auch er vor dem finanziellen Ruin stehen. Man kann das nicht generell so monokausal sehen.


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marla44 13:42 Uhr
Antwort auf den Beitrag von mitte31 13:22 Uhr

     Der zurückbehaltene Mietbetrag muß bis 2022 zurückgezahlt werden.


Woher soll der den kommen?


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« Reply #1030 on: April 04, 2020, 02:20:06 nachm. »
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[...] Man kann wegen des Coronavirus sterben, ohne eine Lungenentzündung zu haben: nämlich an Hunger", erklärt Gloria. Die junge Nigerianerin kam vor drei Jahren nach Italien – und landete bald in der Provinz Padua auf dem Straßenstrich. Jetzt sitzt sie zusammen mit drei anderen ausländischen Prostituierten am Tisch einer Suppenküche der Caritas. Seit der Einführung der strikten Kontaktsperre in Norditalien am 8. März ist ihr Einkommen auf null gesunken.

"Wir haben Hunger, wir können unsere Miete nicht bezahlen, viele von uns sind bereits obdachlos und schlafen in Pappkartons", berichtete Gloria in diesen Tagen der Zeitung LaRepubblica. Sie und ihre Berufskolleginnen werden von der Corona-Epidemie gleich auf dreifache Weise getroffen: Vor der Verhängung der Quarantäne-Maßnahmen trugen sie ein hohes Ansteckungsrisiko; dann verloren sie ihr gesamtes Einkommen; und nun haben sie als "clandestini" – als "Illegale" – kein Anrecht auf staatliche Hilfe.

Laut amtlichen Schätzungen, die wohl deutlich zu niedrig liegen, arbeiten in Italien 120.000 Frauen als Prostituierte. 55 Prozent von ihnen sind Ausländerinnen und halten sich ohne gültige Papiere im Land auf. Die meisten befinden sich in den Fängen der Mafia oder anderer Ausbeuter. Der Jahresumsatz der illegalen Prostitution wird auf rund vier Milliarden Euro geschätzt.

Aus Angst vor einer drohenden Ausweisung oder aus Scham trauen sich die meisten Frauen nicht, sich bei den Behörden zu melden, um wenigstens ein Dach über dem Kopf zu erhalten. So bleibt tausenden Frauen und Transsexuellen aus der Branche derzeit nur der Gang zu karitativen Organisationen. "Es ist schwer zu sagen, wie viele von ihnen Hunger leiden", sagt Luca Facco, Direktor der Caritas von Padua. Fest stehe aber, dass das Coronavirus das "Kundenprofil" seiner Suppenküche auf den Kopf gestellt habe. "Allein bei uns haben sich gestern – an einem einzigen Tag – acht Prostituierte gemeldet, die nichts zu essen hatten. Das ist noch nie vorgekommen, weder im Krieg noch während der Finanzkrise von 2008."

Die große Not der Frauen bestätigt auch Pia Covre, die in Padua ein Komitee zur Verteidigung der Bürgerrechte der Prostituierten gegründet hat: "Seit Tagen erhalte ich hunderte Anfragen von Frauen, die hungern", sagte sie der Repubblica. Ein Problem bestehe auch darin, dass die meisten Prostituierten beim Ausbruch der Epidemie kaum oder gar keine Ersparnisse gehabt hätten, da sie einen großen Teil ihrer Einnahmen ihren Ausbeutern geben müssen. Covre will nun einen Hilfsfonds gründen, der von ehemaligen Freiern gespeist werden könnte. Es klingt nach Wunschdenken.

Auch in Bergamo und Brescia, den beiden von der Epidemie am schwersten betroffenen Städten in der Lombardei, stehen Prostituierte im vorgeschriebenen Abstand von eineinhalb Metern vor den Caritas-Einrichtungen. Filippo Monari, Direktor der Caritas von Brescia, denkt beim Anblick der Wartenden auch an all jene Frauen und Bedürftigen, die sich schämten, um Hilfe zu bitten und sich deswegen nicht einmal bei der Caritas melden würden: "Die Herausforderung besteht darin, den Hunger dieser Unsichtbaren zu stoppen, bevor er sie tötet – wie ein obszönes Virus." (Dominik Straub aus Rom, 3.4.2020)


Aus: "Dramatische Folgen der Epidemie für Prostituierte in Italien" (3. April 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000116461236/dramatische-folgen-der-epidemie-fuer-prostituierte-in-italien

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[...] Normalerweise erledigen sich lästige Arbeiten in vielen indischen Mittel- und Oberschichtshaushalten wie von selbst. Bodenputzen, Möbel abstauben, Geschirrspülen, Wäsche waschen, Lebensmittel kaufen, Essen kochen und Kinder betreuen - darum kümmern sich oft Hausangestellte.

Aber in Corona-Zeiten ist das anders - denn auch die Hausangestellten müssen gerade zu Hause bleiben oder flohen in ihre Heimatdörfer, außer sie leben im Anwesen ihrer Arbeitgeber. In Indien gilt eine strenge dreiwöchige Ausgangssperre. So sprangen Bollywood-Stars in die Bresche - und stellen Tipps und Tutorialvideos ins Netz - wohl um privilegierteren Indern bei den ungewohnten Aufgaben zu helfen.

Die beliebte Bollywood-Schauspielerin Katrina Kaif etwa zog sich eine Schürze um und spülte Geschirr: „Ich dachte ich mache ein kurzes Auffrischungsvideo für diejenigen von uns, die das vergessen haben“, sagte die 36-Jährige und lachte.

Dann erklärte sie den Zuschauern ihre Strategie zum wassersparenden Spülen: Zuerst das Spülbecken mit Wasser füllen, alles Geschirr einzeln mit dem Schwamm schrubben, zur Seite legen und anschließend alles mit Wasser abspülen.

Mehr als sechs Millionen Menschen haben sich das Video angeschaut, das Kaif vergangene Woche auf Instagram geladen hatte. In einem anderen Video wischt sie den Boden und schrieb dazu: „Übrigens ist das eine echt gute Trainingsübung.“ Mehr als sieben Millionen Leute klickten das an.

Bei Schauspieler Rajkummar Rao gab es Kochtipps in der Insta-Story. Er postete Fotos von sich beim Gemüse-Schnippeln sowie dem fertigen Gericht und riet: „Falls ihr Zwiebeln schneidet, könnt ihr eine Sonnenbrille tragen.“ Und Schauspielerin Shilpa Shetty Kundra gab Müttern auf Facebook Ideen, wie sie ihre Kinder während der Quarantäne-Zeit beschäftigen können - etwa mit selbst gemachten Chips.

Weil sie sich selbst bei banalen Haushaltsaufgaben filmten, erhielten die Stars viel Lob online. Einige kritisierten sie jedoch, alberne Videos zu machen - besonders weil gerade Millionen von armen Indern wegen der Ausgangssperre ihr Einkommen verloren haben und Angst haben zu verhungern.  ... Schützen können sie sich allerdings kaum: „Wir sind eine fünfköpfige Familie“, sagte der 51-Jährige Shaikh. „Wir nutzen Gemeinschaftstoiletten und öffentliche Wasserstellen. Nur Gott kann uns retten.“ (dpa, AFP)


Aus: "Haushaltsvideos von Bollywood-Stars für Reiche in Indien" (05.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/personal-fehlt-wegen-coronavirus-haushaltsvideos-von-bollywood-stars-fuer-reiche-in-indien/25716406.html
« Last Edit: April 05, 2020, 02:47:23 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #1031 on: April 05, 2020, 02:50:30 nachm. »
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[...] Wegen der Coronavirus-Krise geraten auch in den USA viele Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten. Größere und kleinere Firmen im gesamten Land versuchen mit Geschäftspartnern, Vermietern und Kreditgebern Lösungen zu finden, die ihnen etwas Luft verschaffen.

Einem Bericht der "New York Times" zufolge zählt dazu auch das Familienunternehmen von US-Präsident Donald Trump.

Da wegen der aktuellen Lage einige der Hotels und Golfplätze geschlossen wurden, habe die Trump-Fima untersucht, ob sie Zahlungen für einige ihrer Kredite und andere finanzielle Verpflichtungen verzögern könne, berichtet die NYT, die sich auf Insider und Dokumente beruft, die sie überprüft habe.

Demnach hätten Vertreter des Trump-Unternehmens kürzlich mit der Deutschen Bank, dem größten Gläubiger des Präsidenten, über die Möglichkeit gesprochen, die Zahlungen zumindest für einige seiner Darlehen von der Bank zu verschieben.

Und in Florida habe die Trump-Firma beim Bezirk Palm Beach angefragt, ob erwartet werde, dass die Firma weiterhin monatliche Zahlungen für Land leistet, das sie für einen dort geplanten 27-Loch-Platz des Trump International Golf Club gepachtet hat.

Floridas Gouverneur Ron DeSantis hatte im vergangenen Monat unter anderem Restaurants, Bars und Golfplätze schließen lassen, da das Coronavirus auf den Bundesstaat übergegriffen hatte.

Niemand weiß, wie viel Geld Trump besitzt. Auch als Präsident versucht Trump weiter, so viel wie möglich zu verdienen. Er verzichtet zwar auf sein Staatssalär (400.000 Dollar) und trat die Konzernführung an seine Söhne ab, blieb aber weiter Inhaber.

Seine Holding, ein Mischkonzern mit Namen The Trump Organization, veröffentlicht keine Zahlen, seine Steuererklärungen hält er geheim.

Trump ist der erste Präsident seit 50 Jahren, der sich weigert, seine Unterlagen zu veröffentlichen. Normalerweise ist es schon bei Präsidentschaftsbewerbern üblich, dass sie über ihre Steuererklärungen den Wählern Einblick in ihre Finanzen geben. Eine Entscheidung soll nun der Oberste Gerichtshof fällen; wann das sein wird, dürfte in Zeiten des Coronavirus unsicher sein.

Nach Angaben der NYT sind die Gespräche der Trump Organisation mit der Deutschen Bank und dem Bezirk Palm Beach nicht abgeschlossen. Es sei unklar, ob dem Trump-Unternehmen gewährt werde, die Zahlungen auszusetzen oder zu reduzieren, schreibt das Blatt. Wie das "Handelsblatt" berichtet, lehnt die Deutsche Bank eine Stellungnahme ab.

Die NYT zitiert Eric Trump, den Sohn des Präsidenten, mit den Worten: "In diesen Tagen arbeiten alle zusammen." Eric Trump, der das Familienunternehmen mit leitet, sagte demnach weiter: "Die Mieter arbeiten mit den Vermietern zusammen, die Vermieter mit den Banken. Die ganze Welt arbeitet zusammen, während wir diese Pandemie bekämpfen." Das Trump-Unternehmen verfügt in den USA und weltweit über mehr als ein Dutzend Golfclubs und Luxushotels.

Das Blatt schreibt weiter, dass die Anfragen Kreditgeber und Vermieter in die unangenehme Lage bringen würden, dass sie entweder Trump unterstützen müssten - oder das Risiko eingehen, den Präsidenten zu verprellen.

In den vergangenen Wochen habe das Unternehmen sein Hotel mit Blick auf den Las Vegas Strip wegen des Coronavirus vorübergehend geschlossen, Personal und Dienstleistungen in seinen Hotels in New York und Washington reduziert und seine Golfclubs in Florida und New Jersey weitgehend geschlossen, schreibt die NYT.

Geschlossen wurde demnach auch der Mar-a-Lago-Club in Florida, der zu dieser Jahreszeit normalerweise als "Winter-Weißes Haus" dient, wie Trump es gerne nennt.

Wie die NYT weiter berichtet, könnten andere Unternehmen möglicherweise einen 500 Milliarden Dollar schweren Rettungsfonds in Anspruch nehmen, der vom Finanzministerium verwaltet wird. Aber das wirtschaftliche Rettungspaket, das Präsident Trump vergangene Woche unterzeichnete, verwehrt dem Präsidenten und seiner Familie Hilfsgelder daraus.

Wie die NYT weiter schreibt, hat die Deutsche Bank Trump und seinen Unternehmen seit 1998 etwa zwei Milliarden Dollar geliehen. Die Bank sei das einzige große Finanzinstitut, das bereit sei, mit den Trumps Geschäfte zu machen.

Zu dem Zeitpunkt, als er Präsident wurde, schuldete das Trump-Unternehmen der Deutschen Bank dem Bericht zufolge etwa 350 Millionen Dollar, einschließlich Darlehen für den Kauf und die Renovierung des Doral-Golf-Resorts in der Nähe von Miami und für die Entwicklung eines Luxushotels im Gebäude des Old Post Office in Washington.

Beide Projekte leiden unter dem wirtschaftlichen Stillstand, so die NYT. Als Reaktion auf die Vorschriften des Bezirks Miami-Dade habe das Doral Resort den Betrieb eingestellt, während das Hotel in Washington weiter betrieben werde, wenn auch mit wenigen Gästen und mit geschlossenem Restaurant und Bar.

Trumps Firma pachte das Washingtoner Grundstück von der Bundesregierung; und das Unternehmen habe Angebote von potentiellen Käufern eingeholt. Dieser Prozess liege nun auf Eis, schreibt das Blatt unter Berufung auf die "Washington Post".

Trumps Unternehmen habe die Darlehen für diese Grundstücke sowie ein weiteres, das mit seinem Wolkenkratzer in Chicago zusammenhänge, von 2012 bis 2015 erhalten, so die NYT.

Aufgrund einer Reihe von Zahlungsausfällen und Insolvenzen der Trumpschen Unternehmen, habe die Deutsche Bank darauf bestanden, dass Donald Trump persönliche Garantien für diese Kredite gewährte. Dies bedeute, dass die Bank auf sein persönliches Vermögen zurückgreifen könne, wenn er die Rückzahlung des Geldes einstellen sollte.

Seit Trumps Wahl zerbrächen sich die Führungskräfte der Deutschen Bank nach Angaben von Bankbeamten darüber den Kopf, was im Falle eines Zahlungsverzuges geschehen solle, heißt es in dem Bericht.

Die Beschlagnahme des persönlichen Vermögens des Präsidenten wäre ein unattraktiver Vorschlag. Aber die Entscheidung, die Gelder nicht zu einkassieren, wäre gleichbedeutend mit einem enormen finanziellen Geschenk an Trump, dessen Administration eine enorme Macht über die Bank ausübe, so die NYT.

Die Geschäfte der Deutschen Bank in den Vereinigten Staaten werden von Bundesaufsichtsbehörden überwacht, und das Justizministerium hat eine strafrechtliche Untersuchung der Bank durchgeführt.


Aus: "Trumps Familienunternehmen bittet Deutsche Bank um finanzielle Hilfe" Sven Lemkemeyer (03.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/geldnot-wegen-coronavirus-trumps-familienunternehmen-bittet-deutsche-bank-um-finanzielle-hilfe/25712188.html

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geruempelsynchronisierer 15:30 Uhr

Eine  Lösung wäre  ja auch, wenn die Bank ihre Forderungen verkaufen würde, nach China zum Beispiel. Möglicherweise springt aber auch das saudische Königshaus ein. Bin mal gespannt, wie diese Geschichte weitergeht...


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« Reply #1032 on: April 09, 2020, 04:09:53 nachm. »
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[...] Der Sportartikelhersteller Adidas hat nach viel öffentlicher Kritik nun doch seine April-Mieten bezahlt. Das erklärte das Unternehmen in einem offenen Brief, in dem es sich auch für sein Vorpreschen entschuldigte. "Die Entscheidung, von Vermieter(innen) unserer Läden die Stundung der Miete für April zu verlangen, wurde von vielen von Ihnen als unsolidarisch empfunden", heißt es in dem Schreiben. "Ihre Meinung ist uns wichtig, und Ihre Meinung ist eindeutig: Sie sind von adidas enttäuscht."

Man habe einen Fehler gemacht und damit viel Vertrauen verspielt, so der Konzern. "Es wird dauern, Ihr Vertrauen wieder zurückzugewinnen. Aber wir werden alles dafür tun." Deshalb wolle man sich "in aller Form" entschuldigen. "Wir haben unseren Vermieter(innen) die Miete für April bezahlt. Fairness und Teamgeist sind seit jeher eng mit Adidas verknüpft und sollen es auch bleiben."

 Das Unternehmen hatte vor knapp einer Woche erklärt, die Miete für die geschlossenen Läden in Europa ab April nicht mehr zu bezahlen. Auch andere Handelsketten wie Deichmann oder H&M kündigten ähnliche Schritte an. Später präzisierte Adidas, dass es lediglich um eine Stundung der Mietzahlungen gehe.

Dennoch gab es aus Gesellschaft und Politik viel Kritik an dem Schritt. Prominente und Kunden riefen in den sozialen Medien zum Boykott des Unternehmens auf. Die Bundesregierung habe die gesetzliche Möglichkeit zu Mietstundungen in der Coronakrise nicht für Großkonzerne geschaffen, so die Kritik.

 In dem Brief mit dem Titel "Adidas sagt Entschuldigung" verwies das Unternehmen nun jedoch auch auf die großen Schwierigkeiten durch die Pandemie: Das Geschäft sei in der Corona-Krise eingebrochen. "Fast auf der gesamten Welt findet kein normales Geschäft mehr statt. Die Läden sind zu. Das hält selbst ein gesundes Unternehmen wie adidas nicht lange aus."

Um Geld zu sparen, habe man bereits Kurzarbeit angemeldet. Der Vorstand und die zweite Führungsebene lassen sich die Gehälter vorerst nur zum Teil auszahlen. Trotzdem werde Adidas Kredite brauchen.

 Zuvor war bekannt geworden, dass nun der Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof die Mietzahlungen stoppen will. In einem Brief an die Vermieter schrieb das Unternehmen, wegen der staatlich angeordneten Schließung der Geschäfte bleibe "keine andere Wahl". Vor dem Hintergrund der Pandemie habe die Geschäftsführung der Galeria Karstadt Kaufhof GmbH entschieden, die Miete ab dem 1. April 2020 nicht zu zahlen. Zunächst solle dies bis Juni 2020 gelten.

Ein Schutzschirmverfahren soll das Überleben des Konzerns sichern. Dem Antrag des Unternehmens auf Einleitung des Verfahrens sei vom Amtsgericht Essen bereits stattgegeben worden, teilte der Konzern mit. Das Schutzschirmverfahren schützt in die Krise geratene Unternehmen vor dem Zugriff der Gläubiger, ohne dass die Betriebe bereits Insolvenz anmelden müssen. Die Geschäftsführung kann das Unternehmen weiter verantwortlich lenken und selbstständig sanieren.

"Die harten wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise für den innerstädtischen Non-Food-Handel und die langwierige Umsetzung staatlicher Hilfe über die Hausbank haben diesen Schritt notwendig gemacht", betonte das Unternehmen, das bundesweit mehr als 28.000 Mitarbeiter beschäftigt.

Nach eigenen Angaben verliert Galeria Karstadt Kaufhof durch die Schließung der Warenhäuser seit dem 18. März jede Woche mehr als 80 Millionen Euro Umsatz. Zwar bemühte sich der Konzern in den vergangenen Wochen bereits um staatliche Hilfsgelder. Doch erwies sich eine Einigung mit den Banken schwieriger als erhofft.


Aus: "Adidas entschuldigt sich - und zahlt" (01.04.202)
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/adidas-entschuldigung-101.html

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[...]  Trotz der massiven Reisebeschränkung in der Corona-Krise werden heute Erntehelfer nach Deutschland eingeflogen. Am Vormittag ist am Flughafen Berlin-Schönefeld das erste Flugzeug mit Erntehelfern aus Rumänien gelandet, weitere Maschinen folgten im Laufe des Tages. Insgesamt sollen heute rund 530 Arbeiter in Schönefeld ankommen.

Die Fluggesellschaft Eurowings bestätigte zudem zwei weitere Landungen am Flughafen Düsseldorf - ebenfalls aus Rumänien. Die Helfer würden am Flughafen zunächst medizinisch untersucht, sagte die Flughafensprecherin. In den kommenden Tagen werden auch Flüge in Hamburg, Karlsruhe, Leipzig, Nürnberg und Frankfurt-Hahn erwartet.

Die Helfer werden unter anderem dringend für die Spargelernte gebraucht. Die Haupterntezeit für das Stangengemüse startet Ende April. Insgesamt seien schon etwa 20.000 Erntehelfer für die Sonderflüge registriert, sagte eine Pressesprecherin von Eurowings. Sie kämen nicht nur aus Rumänien, sondern zum Beispiel auch aus Polen und Bulgarien.

 "Wir sind erleichtert: Durch diese Regelung bleiben unsere Betriebe arbeitsfähig", sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied dem BR. Er hoffe zwar, dass auch Erntehelfer aus Deutschland zum Einsatz kommen können. Allerdings hätten die ausländischen Saisonkräfte mehr Erfahrung, sagte Rukwied. "Ohne die wäre es nicht gegangen."

Die Einreise per Flugzeug führe allerdings zu höheren Kosten, sagte Rukwied. Höhere Preise für Agrarprodukte könne man daraus aber noch nicht ableiten. "Da müssen wir mal die nächsten Wochen abwarten, wohin die Reise geht."

 Auf die Einreise der Erntehelfer hatten sich Innenminister Horst Seehofer und Agrarministerin Julia Klöckner am vergangenen Donnerstag geeinigt. Demnach dürfen 80.000 ausländische Saisonkräfte unter strengen Auflagen nach Deutschland kommen.

Auch Rumänien musste die Ausreise der Arbeiter erlauben. Sie bezieht sich jedoch nur auf Erntehelfer. Dadurch wurde der Transfer nach Deutschland möglich. Denn eigentlich sind Flugverbindungen zwischen Rumänien und Corona-Risikoländern verboten. Auf dem Landweg sind Reisen Richtung Westen nicht möglich, weil Ungarn die Grenzen geschlossen hat.


Aus: "Erntehelfer kommen im Sonderflieger" (09.04.2020)
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/erntehelfer-einreise-101.html

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[...] München Auf BMW ist Verlass. Während andere Dax-Konzerne ihre Aktionärstreffen infolge der Corona-Pandemie reihum verschieben mussten, hält BMW seine 100. Hauptversammlung wie geplant am 14. Mai ab. Auch in Krisenzeiten will der Autobauer aus München Kontinuität wahren.

Wie aus der Einladung zu der Veranstaltung hervorgeht, die das Unternehmen am Montag verschickt hat, werden die Eigentümer allerdings gebeten, nicht persönlich zu erscheinen. Sie sollen an der Hauptversammlung digital per Livestream teilnehmen. Der Schutz der Gesundheit gehe vor.

Das Aktionärstreffen von BMW erfolgt daher erstmals virtuell, also ohne physische Präsenz. Ansonsten ist aber alles wie immer. Vorstand und Aufsichtsrat schlagen so auch vor, den Aktionären eine Dividende von insgesamt 1,64 Milliarden Euro auszuschütten. Weil der Fahrzeughersteller gleichzeitig für gut 20.000 Mitarbeiter staatlich subventionierte Kurzarbeit beantragt hat, stehen die Bayern aber ebenso wie Daimler oder VW in der Kritik.

„Kurzarbeitergeld ist eine Staatshilfe. Wer auf Staatshilfe setzt, kann nicht gleichzeitig Gewinne an Aktionäre ausschütten. Das ist die hässliche Fratze des Kapitalismus. Ich bin deshalb in diesen Fällen für einen generellen Dividendenstopp“, twitterte Carsten Schneider, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, bereits vergangene Woche.

Auch Dietmar Bartsch, Vorsitzender der Fraktion Die Linke, forderte jüngst in der „Financial Times“, Bonuszahlungen und Dividendenausschüttungen auszusetzen, falls deutsche Unternehmen Kurzarbeit oder andere staatliche Leistungen in der Krise in Anspruch nehmen.

Viele Konzerne haben ihre geplante Dividende ohnehin längst gestrichen. Die deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz rechnet damit, dass selbst im besten Fall die 160 börsennotierten Konzerne in Dax, MDax und SDax wegen der Coronakrise dieses Jahr nur 44 Milliarden Euro an ihre Anteilseigner ausschütten werden.

Das wären 14 Prozent weniger als im Vorjahr. In der aktuellen Situation habe „die Sicherung der Liquidität zunächst Vorrang“, konstatiert Eric Frère, Direktor des Institute for Strategic Finance an der FOM Hochschule.

Dennoch gibt es durchaus triftige Gründe, warum etwa BMW an der Dividende festhält. Denn die Erfolgsbeteiligung der Mitarbeiter des Autobauers ist zum Teil an die Ausschüttung an die Aktionäre gekoppelt, heißt es in Konzernkreisen. Wird den Eigentümern die Gewinnbeteiligung gestrichen, schmälert dies automatisch auch die Prämie für die Beschäftigten.

Zudem sind Dividenden per se vergangenheitsgerichtet. Die Konzerne beteiligen ihre Aktionäre am wirtschaftlichen Erfolg für das Geschäftsjahr 2019. Für 2020, also jenes Jahr, in dem die Coronakrise tatsächlich zu Buche schlägt, dürften die Ausschüttungen vielfach komplett entfallen oder deutlich schrumpfen. Darüber hinaus wollen viele deutsche Unternehmen ihren Ruf als verlässliche Partner am Kapitalmarkt nicht verlieren.

Gerade für Konzerne wie Daimler ist das doppelt wichtig. Anders als BMW oder VW haben die Stuttgarter keinen schützenden Ankeraktionär. Weil der Aktienkurs von Daimler schon seit Jahren im Sinkflug ist, sehen viele Investoren in der Dividende das letzte Argument, warum sie überhaupt noch an den Schwaben beteiligt sind.

In solch einer Konstellation die bereits angekündigte Gewinnbeteiligung auszusetzen, dürfte große Dividendenfonds vergraulen, heißt es in Finanzkreisen. Die Folge: Der Börsenwert von Daimler könnte noch weiter absacken und der Konzern endgültig zum Übernahmeziel werden.


Aus: "Dividende trotz Staatshilfe – Autokonzerne stehen in der Kritik" Franz Hubik (06.04.2020)
Quelle: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/bmw-haelt-an-ausschuettung-fest-dividende-trotz-staatshilfe-autokonzerne-stehen-in-der-kritik/25720114.html

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« Reply #1033 on: April 10, 2020, 09:57:08 vorm. »
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[...] „Gestern gegen 21 Uhr 30 klingelte es an der Tür“, postete die Schwester auf Facebook. „Zwei Polizisten kamen die Treppe hoch. Ich ahnte Schlimmes. Und richtig. Mein Bruder Uwe war tot in seiner Berliner Wohnung aufgefunden worden. Ich bin unendlich traurig. Ich will, dass Ihr das wisst. Für den Fall, dass Ihr mich in den nächsten Tagen trefft und Euch wundert, warum ich so verheult aussehe. FUCK YOU DROGENDEALER DIESER ERDE. Fuck You!“

Uwes Leichnam wurde zunächst in die Gerichtsmedizin gebracht, dann zum Bestatter überstellt. „Bei dem Verdacht eines Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz wird in Berlin grundsätzlich obduziert“, belehrte der Kriminalbeamte die Schwester.

Sie kaufte eine schwarze Jeans, einen Hoodie, Strümpfe, ein T-Shirt und eine Unterhose für Uwe. Sie suchte die Musik für die Trauerfeier aus: Frank Sinatra „I did it my way“. Sein Lieblingslied. Sie kaufte ein Tuch aus Samt, drei Meter lang, royalblau. Blau war Uwes Lieblingsfarbe. Das Tuch würde sie über seinen Sarg ausbreiten. Und Teelichter daraufstellen, die flackernd seinen Namen buchstabieren. Aber zuvor wollte sie ihn noch einmal sehen.

Uwe lag unter einem weißen Tuch auf einer Bahre aus Metall. Das Tuch wurde ein wenig zurückgeschlagen. Sie trat zu ihrem Bruder, streichelte seine Wange und seine Hand. Ließ das weiße Tuch ganz wegziehen.

Die Obduktionsnarbe zog sich vom Hals bis zum Unterleib. Sie wusch seine Haare, föhnte sie trocken, vorsichtig, denn sie begannen bereits auszufallen, wusch den Körper. Sie zog ihn an, half, ihn in den Sarg zu legen. Sie stellte das Foto seiner Einschulung auf den Sarg. Ihr kleiner Bruder: Ein hübscher blonder Lockenkopf, der fröhlich in die Zukunft blickt.

Als sie Teenager waren, fuhren sie mit den Eltern jeden Sommer nach Spanien ans Meer. Abends wollte die große Schwester in die Disco. Sie durfte nur ausgehen, wenn Uwe mitkam. Der kleine Bruder sollte sie beschützen. Das war anfangs nervig, wurde aber schnell sehr lustig, weil Uwe seinen Job ungeheuer ernst nahm und nicht von ihrer Seite weichen wollte.

Uwe war Papas Liebling. Aber Papas Liebe war die eines Tyrannen, der je nach Laune unmäßig verwöhnte oder strafte. Mutter und Tochter litten unter ihm, Uwe hingegen wurde immer alles leicht gemacht. Er war der Prinz, der Sonnenschein aller. Bei seiner Geburt waren noch alle in Sorge gewesen. Zwei Monate zu früh, kaum medizinische Mittel, um so ein Frühchen am Leben zu erhalten. Schwester Ziliana saß die Nacht über an seinem Bett, stupste ihn an, immer wieder, damit er beständig atmete. Sie rettete ihm das Leben. Von da an schien alles ganz einfach. Uwe ging seinen Weg, und alle mühten sich, ihm die Hindernisse beiseite zu räumen.

Er wollte den Deutschaufsatz nicht schreiben, also schrieb ihn der Vater. Mathematik hingegen mochte er, weil sie ihm so leichtfiel. Er tat immer nur, was ihm leichtfiel. „Ich will Spaß, ich will Spaß. Ich geb Gas, ich geb Gas!“

Abi wollte er nicht machen, aber gern schnelle Autos fahren. Lehrstellen für Kfz-Mechaniker waren damals begehrt. Also lobte der Vater 5000 D-Mark für denjenigen aus, der seinem Sohn einen Ausbildungsplatz verschaffte. Alles lief wie von selbst. Nur die Trennung der Eltern nicht. Die große Schwester floh früh aus dem Haus. Ihm blieb nur der Hund, an dem er sehr hing. Strolchi schlief immer am Kopfende. Eines Morgens wachte Uwe auf, und Strolchi war nicht da. „Wo ist Strolchi?“, fragte er erschrocken. „Ich habe ihn zum Tierarzt gebracht“, entgegnete der Vater. „Einschläfern. Wegen der Scheidung wissen wir ja nicht, wohin mit ihm.“

Als er die Lehre beendet hatte, arbeitete Uwe eine Zeit lang bei dem Autohersteller Lada. Nebenbei verlegte er sich darauf, amerikanische Straßenkreuzer zu importieren und für den deutschen Markt umzurüsten. Das lief super. Prunkstück war ein Chevy in Pink. Bei den Mädels kam er damit gut an. Er war ja ein Hübscher. Prinz Charming. Liebe war so anstrengungslos. Easy peasy.

Und die Drogen machten alles noch leichter. Pepsi, Uwes alter Schrauberfreund, erinnert sich noch genau, wann das angefangen hat mit dem Kiffen. Damals, als sie bei Lada arbeiteten. Anfangs kiffte Uwe nur am Wochenende. Aber bald wurde auch am Montag gekifft, dann am Mittwoch, und dann die ganze Woche. Drogen schenken große Träume. Einfacher Schrauber wollte Uwe nicht mehr bleiben, also begann er Fahrzeugbau zu studieren. Im Studium traf er einen Kollegen, der ihm Heroin anbot: „Einfach nur mal schnupfen!“

Uwe hatte es im Griff. „Ihr wisst gar nicht, wie toll Drogen sind!“ Die Party war endlos und er der König. Keiner konnte ihm was. „Schnupfen macht ja nicht abhängig.“ Nicht spritzen, nur schnupfen. Das wollte er seine Mutter und alle anderen glauben machen. „Ach Schwesterchen, is’ doch gar nix los. Ich schnupf das Zeug.“

Die Mutter weinte drei Tage. Er fand sich toll. Endlich war da etwas, für das er lichterloh brannte. Uwe gab das Studium auf, trieb sich in Hamburg am Bahnhof herum. „Meine Welt ist das hier …“ In eine andere fand er nicht mehr. Er stürzte tiefer ab, als die Highs ihn je hätten heben können. Wenn es gut lief, kam er immer noch cool rüber. Muscle-Shirt, Cowboystiefel. Das Haar mit Gel nach hinten gestylt. Aber es lief nicht mehr allzu oft gut. Kein Job. Keine der vielen Freundinnen blieb. Der Vater hatte sich schon früh von ihm abgewandt, öffnete ihm nicht einmal mehr die Tür, so enttäuscht war er von seinem Prinzen, der zum Bettler geworden war.

Immer wieder nahm Uwe Anlauf, aber der Absprung gelang nicht mehr. Einmal hatte er den Entzug schon fast geschafft, die Entgiftung überstanden. Den Schwur getan, clean zu bleiben. Die große Schwester nahm ihn mit nach Berlin, er traf seinen Kumpel Pepsi wieder, sie fanden Arbeit in einer Hinterhofwerkstatt, schraubten gemeinsam wie damals bei Lada. Aber der Chef kam mit der Kohle nicht rüber. Pepsi fand einen neuen Job, Uwe nahm die Abkürzung und setzte sich die Frustspritze.

Er flog raus bei der Schwester, wohnte in Neukölln zur Untermiete und wurde wieder Vollzeit-Junkie. Die Freundin war schwanger, die Heizkostenabrechnung drohte, er log, was das Zeug hielt, um an Geld zu kommen. Die Schwester schickte ihm für den Winter warme Kleider, die Mutter Schuhe, er vertickte alles, kaum, da er es ausgepackt hatte. Knast wegen Schwarzfahren, Blutvergiftung wegen dreckiger Spritze, Krankenhaus zur Entgiftung, und alles wieder von vorn. Er lebte im Wohnmobil, das war nicht angemeldet, hatte seinen Husky dabei, Judy, sein Ein und Alles, ließ sie einmal aus Versehen Hühnerknochen fressen, zugedröhnt, dass sie fast an den Knochensplittern krepiert wäre. Bettelte um Geld für sich, für Judy und für die Drogen.

Uwe ist 2006 mit Judy ins Wohnheim in der Liberdastraße gezogen. Eines Tages war Judy tot, vergiftet, wie Uwe behauptete. Tatsächlich war sie an Altersschwäche gestorben. Aber die Welt hatte sich nun mal gegen ihn verschworen. Da half nur der Suff, und, wenn er noch irgendwie rankam, das Heroin.

Ansonsten war da nicht mehr viel. Uwe hatte einige Exemplare von Grzimeks Tierleben in seinem Zimmer. Säugetiere, Fische, Fische und Lurche. Da las er manchmal drin.

Einige Wochen vor seinem Tod hat ihn seine große Schwester noch einmal besucht. Eine rote Couch stand im Zimmer. Überall lag Zeug herum. Er trug einen blauen, abgetragenen Mantel. Sie gingen in ein indisches Restaurant um die Ecke. „Du weißt, du kannst nach Lübeck kommen.“ – „Ja, das weiß ich. Wenn ich hier rausfliege, komme ich zu Dir.“

Beide wussten, dass dieser Tag nicht mehr kommen würde. Am Bahnsteig ermahnte er die große Schwester: „Immer schön in der Mitte gehen. Hier ist neulich einer vor die U-Bahn gestoßen worden, den kannte ich.“ Als sich die U-Bahn-Türen schlossen, warf er ihr noch einen Handkuss zu, als wollte er wieder einmal beteuern: „Schwesterchen, du kommst auch ohne mich klar. Komm, keine Tränen. Ist doch gar nix los.“

Als er gefunden wurde, lag er in seinem Zimmer, auf dem Boden. Laute Musik. Zwei Tage zuvor war sein Geburtstag gewesen. Seine Mutter hatte ihm ein wenig Geld überwiesen. Er hatte allein gefeiert. Exzess mit Ansage: „Ich knall mir einen. Und wenn’s vorbei ist, ist auch gut.“



Aus: "Nachruf auf Uwe Schneider (Geb. 1968) „Einfach nur mal schnupfen!“" Gregor Eisenhauer (10.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/nachruf-auf-uwe-schneider-geb-1968-einfach-nur-mal-schnupfen/25686458.html

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« Reply #1034 on: April 13, 2020, 06:45:04 nachm. »
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[...] Wilhelm Heitmeyer, 74, ist einer der bedeutendsten deutschen Soziologen. Er war Gründungsdirektor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld von 1996 bis 2013. Unter seiner Federführung entstand die Reihe "Deutsche Zustände", die von 2002 bis 2011 jährlich den Stand der Diskriminierung gegenüber Juden, Muslimen, Nichtweißen, Homosexuellen, Obdachlosen und anderen Gruppen untersuchte. Heitmeyer entwickelte den Begriff der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit und gab der Öffentlichkeit damit ein wichtiges Erkenntnisinstrument in die Hand. Er arbeitet heute als Forschungsprofessor. Sein aktuelles Buch ist "Autoritäre Versuchungen". Im Herbst erscheint "Rechte Bedrohungsallianzen" bei Suhrkamp.

ZEIT ONLINE: Herr Heitmeyer, wie geht es Ihnen?

Wilhelm Heitmeyer: Ich bin zu Hause. Im Institut sind alle im Homeoffice. Mensen, Cafeteria und so weiter, das ist alles weitgehend dicht. Man kann bestenfalls seine Post abholen, und das war's.

ZEIT ONLINE: Sie wirken recht unbeeindruckt.

Heitmeyer: Naja, das sieht nur so aus. Außerdem bin ich privilegiert. Wir wohnen in einem Randbezirk von Bielefeld in einem Haus mit einem großen Garten in einem Waldgrundstück. Da kann man es schon aushalten.

ZEIT ONLINE: Dabei heißt es immer, diese Krise sei eine, die alle gesellschaftlichen Gruppen betrifft.

Heitmeyer: Ja und nein. Eine Krise im soziologischen Sinne zeichnet sich dadurch aus, dass erstens die normalen Routinen nicht mehr funktionieren und zweitens die Zustände vor dem Eintritt der Ereignisse nicht wieder herstellbar sind. Ein solches Ereignis erzeugt massive Kontrollverluste.

ZEIT ONLINE: Was auf Corona zweifellos zutrifft.

Heitmeyer: Ja. Corona ist sogar eine besondere Krise, sie macht nicht Halt vor sozialen Klassen. Es gab vor Corona auch schon 9/11, Hartz IV, die Finanzkrise, die Ankunft der Geflüchteten, die aber jeweils für ganz unterschiedliche Milieus verunsichernd wirkten und in ihren Auswirkungen zeitlich begrenzt waren. Und doch gibt es auch in der Bewältigung dieser Pandemie schon jetzt massive Klassenunterschiede. Wir in unserem Haus am Wald erleben eine völlig andere Realität als eine Familie, die zum Beispiel in Berlin-Marzahn oder in Köln-Chorweiler mit drei Kindern in beengten Verhältnissen wohnt. Die soziale Ungleichheit wirkt sich massiv aus, ja, soziale Ungleichheit zerstört Gesellschaften.

ZEIT ONLINE: Was erwarten Sie von der Nach-Corona-Zeit?

Heitmeyer: Corona ist ein Beschleuniger von sozialer Ungleichheit. Da sind einerseits die psychischen Beschädigungen, die das Virus hinterlässt und die erst nach der Aufhebung der Kontaktbeschränkungen sichtbar sein werden. Und es sieht so aus, als würde eine tiefreichende wirtschaftliche Rezession mit weitreichender Arbeitslosigkeit auf uns zukommen. Die Folgen dürften soziale Desintegrationen und Statusverluste sein, also weitere Kontrollverluste.

ZEIT ONLINE: Auf welche Reaktionen der Menschen müssen wir uns einstellen?

Heitmeyer: Über die gegenwärtigen Verarbeitungsformen wissen wir noch zu wenig. Aus bisheriger Forschung kennen wir einige Formen. Im Negativen sind Vertrauensentzug gegenüber der Politik oder die Einforderung von Etabliertenvorrechten möglich, nach dem Motto: Wir zuerst! Dann ist es nicht weit bis zum "Deutsche zuerst". Herr Höcke von der AfD hat ja schon vor längerer Zeit von großen Remigrationsprojekten gesprochen, die mit "wohltemperierter Grausamkeit" vorangetrieben werden sollen. Denkbar ist auch die Immunisierung nach der Art eines "Weiter so", ohne dass man sich um die sozialen Folgen kümmert. Und es gibt natürlich quer über die Milieus Schuldverschiebungen, wie sie in Verschwörungstheorien erzählt werden.

ZEIT ONLINE: Kommt jetzt deren große Zeit?

Heitmeyer: Es gibt jedenfalls einen Zusammenhang zwischen Kontrollverlust und der Anfälligkeit für Verschwörungstheorien. Und da die Kontrollverluste dieser Tage nun wirklich breit gestreut sind, dürften sie größere Reichweite bekommen. Die Frage ist: Welchen sichtbaren Gruppen schiebt man die Schuld zu, wo der Virus doch unsichtbar ist? Man muss abwarten, welche Fantasien jetzt in Gang gesetzt werden. Im rechtsextremen Milieu ist schon einiges unterwegs.

ZEIT ONLINE: Gibt es auch ermutigende Prozesse? Was ist mit den vielen Menschen, die gerade zum Beispiel Älteren helfen?

Heitmeyer: Auch das gehört zu den möglichen Verarbeitungsformen. Es ist ja jetzt auch eine spannende Frage, ob und wie sich möglicherweise eine neue gesellschaftliche Solidarität entwickelt – oder eben auch nicht.

ZEIT ONLINE: Was prognostizieren Sie?

Heitmeyer: Ich rate zur Nüchternheit. Man kann diese Solidaritäten, die jetzt häufig in beruflichen Leerlaufzeiten stattfinden, nicht einfach dauerhaft fortschreiben. Zumal, wenn die Zeit der Menschen bald wieder vollgefüllt sein wird mit Büroarbeit und anderen Tätigkeiten. Man hört und liest da zurzeit viel Gesellschaftsromantik, die schnell in große Enttäuschungen mit schlimmen Folgen einmünden kann. Ich erinnere an die anfängliche Euphorie zu Zeiten der Flüchtlingsbewegung im Herbst 2015 und das, was danach geschah. Die harten Fragen lauten: Werden sich ökonomische Strukturen ändern oder werden die bisherigen sich weiter verhärten? Und natürlich: Werden die aktuellen Einschränkungen unserer Freiheit vollständig wieder verschwinden oder werden neue Kontrollregime auf Dauer eingerichtet, nur mit anderer Begründung?

ZEIT ONLINE: In Europa zeichnet sich als Folge der Corona-Krise eine Stärkung des Nationalen ab.

Heitmeyer: Das konnte man schon länger vor Corona sehen. Da reicht ein Blick auf die politische Landkarte. Die Kraft dieses neuen Nationalismus zeigt sich auch daran, dass die EU-Staaten unabhängig voneinander ihre Grenzen geschlossen haben. So eine Dynamik kommt zweifelhaften Vorreitern wie Orbán in Ungarn sehr gelegen. Er nutzt das jetzt zu einer fast uneingeschränkten Ausdehnung seiner Macht zur autoritären Kontrolle der Gesellschaft. Die EU finanziert eine formaldemokratisch verbrämte Diktatur in Europa.

ZEIT ONLINE: Geht die Zeit der offenen Grenzen in Europa zu Ende?

Heitmeyer: Natürlich ist es ein Hoffnungsschimmer, dass diese Nationalismen auch durchbrochen werden, etwa wenn Corona-Patienten in andere Länder verlegt werden, um dort in Krankenhäusern gepflegt werden zu können. Aber dies sind keine systemischen Entscheidungen, sondern humanitäre Gesten. Ich bin insgesamt nicht optimistisch. Nicht nur zwischen Ost- und Westeuropa hat sich eine ungute Zweiteilung in den Vorstellungen von offener Gesellschaft und liberaler Demokratie entwickelt.

ZEIT ONLINE: Weil in Osteuropa ein autoritäres, nationalistisches Moment weiter verbreitet ist?

Heitmeyer: Ja. Es ist zu befürchten, dass sich dieser autoritäre Nationalradikalismus – Rechtspopulismus ist völlig ein irreführender Begriff – in den Ländern des Ostens weiter verfestigt. Bevor man darüber hinweg geht, sollte man bedenken, dass Orbán auch ein Vorbild für die deutsche Version dieses autoritär-nationalen Radikalismus ist, also die AfD.

ZEIT ONLINE: Rechtsextremismus und Rassismus sind mit Corona wahrscheinlich aus dem Fokus vieler Menschen verschwunden. Glauben Sie, diese Aufmerksamkeit, wie wir sie nach Halle und Hanau erlebten, kommt noch mal wieder?

Heitmeyer: Das ist alles nur zeitweise überdeckt. Die Rechten leiden am Aufmerksamkeitsverlust. Aber die Ursachen sind ja nicht verschwunden. Natürlich hängt es auch an den Medien und daran, ob sie die anderen Dramen in der Gesellschaft vergessen.

ZEIT ONLINE: Aber im Augenblick hat man den Eindruck, dass die deutschen Rechtsradikalen sich weitgehend zurückhalten.

Heitmeyer: Die AfD ist zur Zeit gelähmt von der Beobachtung durch den Verfassungsschutz und ihren inneren Konflikten. Außerdem hat in Krisen immer die Regierung die Deutungsmacht. Dagegen kann die AfD selbst mit Tabubrüchen nichts ausrichten. Zumal das wahrscheinlich in der heutigen Situation auch nicht gut ankommen würde.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet die Selbstauflösung des rechtsextremen Flügels?

Heitmeyer: Es wäre völlig falsch, davon irgendeine Art von Politikveränderung in der AfD zu erwarten. Nach meiner Einschätzung wird der Flügel daraus gestärkt hervorgehen und zugleich weniger greifbar sein.

ZEIT ONLINE: Erleben wir also gerade nur eine Ruhepause vor dem Rechtsradikalismus?

Heitmeyer: Nur wenn man sich allein auf die AfD bezieht. Wir haben es aber im rechten Spektrum mit einem Eskalationskontinuum zu tun. Die abwertenden Einstellungsmuster in der Bevölkerung gegenüber schwachen Gruppen sind ja nicht mit der Corona-Krise einfach weg.

ZEIT ONLINE: Würden Sie das genauer erklären?

Heitmeyer: Es gibt ein rechtes Eskalationskontinuum, das aus fünf Elementen besteht. Es beginnt mit der Abwertung und Diskriminierung von Menschen allein aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit – also Juden, Muslime, Homosexuelle, Obdachlose, Flüchtlinge. Diese gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Teilen der Bevölkerung schafft Legitimation für die AfD, die das politisch in Parolen verdichtet und auf die Tagesordnung hebt. Die AfD schafft ihrerseits wiederum Legitimationen für rechtsextreme Milieus, indem sie Begriffe wie "Umvolkung" oder "der große Austausch" in die Welt setzt und mit Untergangsfantasien operiert. Diese systemfeindlichen Milieus operieren zum Teil schon mit Gewalt und geben wieder Legitimationen an militante Zellen, die konspirativ operieren – Gruppen wie "Revolution Chemnitz" oder "Freital 360". Die Gruppen werden immer kleiner und immer gewalttätiger, bis hin zu rechtsterroristischen Zellen oder Einzeltätern.

ZEIT ONLINE: Es gibt also eine Linie von der AfD zum Attentäter von Hanau?

Heitmeyer: Es ist viel problematischer durch dieses Eskalationskontinuum. Daraus entstehen – so nennen wir das – rechte Bedrohungsallianzen. Wenn man die Gefahren für die offene Gesellschaft und die liberale Demokratie ansatzweise in den Griff bekommen will, muss man das ganze Kontinuum im Blick haben und darf sich nicht nur auf die AfD konzentrieren.

ZEIT ONLINE: Legitimieren eigentlich auch Bürgerliche die Rechten, wenn sie von "Ökodiktatur" und Ähnlichem sprechen?

Heitmeyer: Ja, diese Leute gibt es zuhauf. Dabei gibt es keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Politiker diese Begriffe durch Übernahme entschärfen können. Im Gegenteil, das dient nur der Normalisierung in der breiten Bevölkerung. Und solche Normalisierungsprozesse sind gefährlich, denn alles, was als normal gilt, kann man nicht mehr problematisieren. Das ist genau die Taktik der AfD, an der ja auch Markus Söder bei seiner letzten Landtagswahl so grandios gescheitert ist, als er versuchte, die AfD rechts zu überholen.

ZEIT ONLINE: Aber warum machen es dann Politiker immer wieder?

Heitmeyer: Sie zielen auf die rohe Bürgerlichkeit in den Mittelschichten. Hinter einer glatten Fassade und geschliffenen Worten verbirgt sich bei manchen ein Jargon der tiefen Verachtung gegenüber schwachen Gruppen. Da verschwimmen auch Grenzlinien zwischen Parteien um der geschichtsvergessenen Macht willen, wie in Thüringen. Die AfD ist auf die Destabilisierung gesellschaftlicher Institutionen ausgerichtet. Sie will ihre Leute in der Polizei, in der Bundeswehr, in der Kultur, in der politischen Bildung, in Gewerkschaften platzieren. Das sie in Thüringen so schnell die Systemebene bei der Wahl des Ministerpräsidenten erreichte, hätte ich vor zwei Jahren nicht für möglich gehalten.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie von den Gründen für politische Radikalisierung sprechen, nennen Sie oft Anerkennungsverluste. Jetzt erleben wir, dass jeden Tag Menschen applaudiert wird, die bisher eine marginale Rolle gespielt haben.

Heitmeyer: Das ist in der Tat neu. Und der Respekt für diese Menschen ist natürlich verdient. Ich glaube aber, dass er mehr mit Angstreduktion der Klatschenden zu tun hat. Und er wird nicht flächendeckend die Anerkennungsverluste aufwiegen, die insbesondere in Ostdeutschland um sich gegriffen haben. Viele Menschen fühlen sich seit Jahrzehnten von der Politik nicht mehr wahrgenommen. Dieses Gefühl reicht tiefer. Und Geld und Applaus werden das kurzfristig nicht beheben.

ZEIT ONLINE: Ist es undenkbar, dass Corona einen ökonomischen und politischen Paradigmenwechsel auslösen wird, der die Rechtsradikalen schwächt?

Heitmeyer: Wer sollte denn der Treiber eines solchen Paradigmenwechsels sein? Aktionäre? Manager?

ZEIT ONLINE: Eine gesellschaftliche Mehrheit. Warum soll es nicht mehr Anerkennung und Zusammenhalt zwischen den sozialen Gruppen geben? Kontrollgewinne!

Heitmeyer: Das wäre wünschenswert, aber mindestens zwei Punkte sprechen dagegen. Erstens hat der globale, anonymisierte Finanzkapitalismus absolut kein Interesse an gesellschaftlicher Integration und damit an sozialen Anerkennungsprozessen. Solange sich da grundsätzlich nichts ändert, sehe ich auch keine sozialen Veränderungen kommen. Nach der Krise wird es doch eher ein brutales Aufholrennen für die verpassten Renditen geben. Dann dürften sehr schnell wieder umstandslos die Kriterien von Verwertbarkeit, Nützlichkeit und Effizienz gelten – nicht nur bei der Herstellung von Waschmaschinen, sondern auch in der Bewertung von Menschen.

ZEIT ONLINE: Aber sogar in Davos wird doch inzwischen gesagt, man muss wieder die Mittelschichten stärken, weil der Rechtsradikalismus auch den Finanzkapitalismus bedroht.

Heitmeyer: Das sind Absichtserklärungen auf Kongressen, aber ich sehe bisher keine Strukturveränderungen. Der zweite Punkt ist: Die Anerkennungsprozesse, die jetzt den Krankenschwestern und den Pflegern entgegengebracht werden, sind wunderbar. Sie sind bewundernswert und beruhigend. Aber erst das Langfristige ist strukturbildend. Und ich bezweifle, dass das lange anhalten wird. Wenn die Krise vorbei ist und Milliarden für die Stabilisierung der Wirtschaft ausgegeben sind, wird sich die Frage stellen, woher dann noch das Geld für die finanzielle Anerkennung der gerade gefeierten Helden und Heldinnen kommen soll. Ich bin sehr skeptisch. Aber ich hoffe die Skepsis irgendwann mal zu den Akten legen zu können.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie?

Heitmeyer: Ich habe immer wieder erlebt, dass politische und ministerielle Institutionen kein Gedächtnis haben. Wie wenig und langsam sie lernen. Wie schnell hat man zum Beispiel die ganzen Bekundungen nach den Morden des NSU vergessen? Das ist ritualisiert worden und hat doch kaum Konsequenzen gehabt. Und man kann eine ganze Reihe von anderen Beispielen nennen. Ich würde mir wünschen, dass das anders würde, denn gerade von dieser sozialen Anerkennungsfrage, die Sie erwähnten, hängt unglaublich vieles ab für den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Und ob sich autoritäre Versuchungen ausbreiten, die den Menschen die Wiederherstellung von Kontrolle durch Ausgrenzung der "anderen" versprechen. In der Krise wächst das Autoritäre.

ZEIT ONLINE: Institutionen bestehen aus Menschen.

Heitmeyer: Natürlich, aber auch aus Regeln und Mechanismen. Die politischen und staatlichen Institutionen haben ja ein Eigenleben, das vor allem auf Bestandserhaltung ausgerichtet ist. Da ist ja nicht nur der Politiker, der sagt, dass die Krankenschwestern ab jetzt viel mehr Geld haben müssen. Vieles, was jetzt von den führenden Personen als Lehre aus der Krise genannt wird, wird von den Mechanismen der Institutionen zermahlen werden.

ZEIT ONLINE: Täuscht das, oder wirken Sie immer noch ziemlich unbeeindruckt von der Krise?

Heitmeyer: Ich bin überhaupt nicht unbeeindruckt. Aber ich sehe den großen Paradigmenwechsel nicht. Ich fürchte, diese schwärmerische Gesellschaftsromantik dürfte an den verhärteten Strukturen des Finanzkapitalismus und dem Kontrollzuwachs der politischen Institutionen zerschellen.


Aus: "Wilhelm Heitmeyer: "In der Krise wächst das Autoritäre""  Interview: Christian Bangel (13. April 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-04/wilhelm-heitmeyer-coronavirus-verschwoerungstheorien-finanzmarkt-rechtsradikalismus/komplettansicht

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TobyR #3

Eine pessimistische, aber vermutlich zutreffende Analyse. Schade, dass soviel Zeit auf die Schlange des liberal-intellektuellen deutschen Kaninchens verwendet wurde und weniger auf das Eingemachte:

"Erstens hat der globale, anonymisierte Finanzkapitalismus absolut kein Interesse an gesellschaftlicher Integration und damit an sozialen Anerkennungsprozessen. Solange sich da grundsätzlich nichts ändert, sehe ich auch keine sozialen Veränderungen kommen."

Das genannte Zweitens folgt eigentlich nur aus dem Erstens. Für Verkäuferinnen, Krankenpfleger, Lieferfahrerinnen, Erntehelfer... überhaupt für jeden wird die Anerkennung schnell verschwinden, wenn die Nutznießer des o.g. genannten Systems wieder Morgenluft wittern und ihre maßlosen Luxusexistenzen ungebrochen weiterführen wollen. Ohne in ihrer gewaltigen Mehrheit auch nur das Maß an Selbstreflektion zu besitzen, dass aus einer solchen Aussage spricht:

"Außerdem bin ich privilegiert. Wir wohnen in einem Randbezirk von Bielefeld in einem Haus mit einem großen Garten in einem Waldgrundstück. Da kann man es schon aushalten."


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Koga jebe #11

Klasse Interview. Danke

„Ich fürchte, diese schwärmerische Gesellschaftsromantik dürfte an den verhärteten Strukturen des Finanzkapitalismus und dem Kontrollzuwachs der politischen Institutionen zerschellen.“

Damit ist alles gesagt. Der Wirtschaft ist es auch egal, dass sie indirekt Orbán stärkt.


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rjmaris #11.4

Und, dazu passend: "Wie schnell hat man zum Beispiel die ganzen Bekundungen nach den Morden des NSU vergessen? Das ist ritualisiert worden und hat doch kaum Konsequenzen gehabt."

Stichwort Sonntagsreden, die keinen Taten folgen. Der relative Pessimismus Heitmeyers begründet sich wohl auch im Nachfolgenden:

"Die politischen und staatlichen Institutionen haben ja ein Eigenleben, das vor allem auf Bestandserhaltung ausgerichtet ist. Da ist ja nicht nur der Politiker, der sagt, dass die Krankenschwestern ab jetzt viel mehr Geld haben müssen. Vieles, was jetzt von den führenden Personen als Lehre aus der Krise genannt wird, wird von den Mechanismen der Institutionen zermahlen werden."

Ich bin - was gesellschaftliche Entwicklungen angeht - eigentlich seit langem Pessimist; habe aber in der Coronakrise etwas Hoffnung auf Änderungen geschöpft. Die Hoffnung scheint aber (gemäß Heitmeyer) kaum begründbar.


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Last but not least #12

Die Krise entblößt mehr als je wer die Gewinner und wer die Verlierer sind: Alt gegen Jung, Krank oder Gesund, Home Office gegen Muss-zur-Arbeit, Beamte versus Selbständige. Viele fühlen die Krise als Existenzbedrohend und viele andere merken es kaum. All das wird die Zersplitterung der Gesellschaft vorantreiben.


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Horror-Clown #19

ZEIT ONLINE: Dabei heißt es immer, diese Krise sei eine, die alle gesellschaftlichen Gruppen betrifft.

Das habe ich in der eindimensionalen Form noch nirgends gehört.
Ja es trifft alle, aber sicher nicht alle gleich.
Das dürfte fast allen klar sein.


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« Reply #1035 on: April 15, 2020, 09:49:14 vorm. »
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[...] Die Coronavirus-Pandemie legt die US-Wirtschaft lahm, Millionen Amerikaner müssen Abstriche machen, doch der reichste Mensch der Welt wird noch reicher. Das Vermögen von Amazon-Chef Jeff Bezos ist dem Bloomberg Billionaires Index zufolge seit Jahresbeginn um knapp 24 Milliarden auf 138,5 Milliarden US-Dollar (126,1 Milliarden Euro) gestiegen.

Grund ist der anhaltende Höhenflug der Amazon-Aktie. Sie legte am Dienstag um gut fünf Prozent zu und erreichte ein neues Rekordhoch, von dem der Konzerngründer als Großaktionär profitiert. Denn trotz des allgemeinen Kurssturzes an den Börsen ist die Amazon-Aktie seit Jahresbeginn um fast ein Viertel gestiegen.

Amazons Lieferdienste sind in der Corona-Krise sehr gefragt. Der weltgrößte Online-Händler hat deshalb teilweise Schwierigkeiten Produkte so zügig wie gewohnt auszuliefern. Zwischenzeitlich hatte das Unternehmen in einigen Ländern Waren des täglichen Bedarfs priorisiert behandelt, um den Betrieb noch aufrecht erhalten zu können.

Um der gestiegenen Nachfrage gerecht zu werden, versucht Amazon seit dem Pandemie-Ausbruch unter anderem in den USA 175.000 Menschen zusätzlich einzustellen. 350 neue Mitarbeitende sollen für Entlastung in Deutschland sorgen.

Zugleich wird Amazon vorgeworfen, nicht genug für den Mitarbeiterschutz zu tun. Der Konzern ist mit Protesten der Belegschaft konfrontiert und steht wegen umstrittener Kündigungen in der Kritik. Noch im März hatte Amazon Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall für die USA versprochen und auch eine befristete Erhöhung des Stundenlohns für Mitarbeitende angekündigt.

(mit Material der dpa) / (kbe)


Aus: "Amazon-Aktie auf Rekordhoch – Bezos macht Milliarden in Corona-Krise" Kristina Beer (15.04.2020)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Amazon-Aktie-auf-Rekordhoch-Bezos-macht-Milliarden-in-Corona-Krise-4702505.html

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« Reply #1036 on: April 15, 2020, 09:55:36 vorm. »
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[...] BERLIN taz | Hunderttausende Menschen in Deutschland haben derzeit keine Möglichkeit, sich auf das Coronavirus testen und behandeln zu lassen oder in Quarantäne zu gehen. Denn Geflüchtete, Migrant*innen, Wohnungslose sowie Menschen ohne Krankenversicherung haben keinen oder nur beschränkten Zugang zum Gesundheitssystem und zu medizinischer Versorgung.

Die bundesweiten Medibüros und Medinetze, die sich für das Recht auf Gesundheitsversorgung aller Migrant*innen einsetzen, fordern nun in einem offenen Brief an Bundesgesundheits-, Innen- und Arbeitsministerium sowie an die Gesundheitsministerkonferenz eine schnelle, bundesweite Lösung für die Versorgungssituation ebendieser unversicherten Menschen.

Bereits Anfang April hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) angesichts der Coronapandemie Regierungen weltweit dazu aufgefordert, Geflüchteten, Migrant*innen, Obdachlosen sowie Menschen ohne Krankenversicherung Zugang zu Coronatests und Behandlung zu geben und finanzielle Barrieren abzubauen.

Denn illegalisierte Mi­gran­t*in­nen sind von der Pandemie besonders bedroht. Laut Asylbewerberleistungsgesetz haben diese Menschen Anspruch auf medizinische Behandlung bei akuten oder schmerzhaften Krankheitszuständen. Die Kosten übernimmt in diesem Fall das Sozialamt, welches wiederum gemäß Aufenthaltsgesetz zur Weitergabe der Daten an die Ausländerbehörde verpflichtet ist. „Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung droht somit eine Abschiebung“, erklärt Maria Hummel, die den offenen Brief mitverfasst hat.

„Viele Menschen, die sich derzeit bei uns melden, sind extrem verunsichert“, berichtet Hummel. In den meisten Fällen könnten die Berater*innen jedoch nicht weiterhelfen, da bis heute weder Kostenübernahmen, Zuständigkeit noch Verfahrensweise für unversicherte Menschen verbindlich geregelt seien. „Die Gesundheitsämter sind zudem überlaufen und nicht auf diese Zielgruppe vorbereitet“, bemängelt Hummel, die Aktivistin beim Medibüro Berlin ist.

Die Medibüros fordern nun die sofortige, ausnahmslose und dauerhafte Eingliederung von allen unversicherten Menschen in das reguläre gesetzliche Krankenversicherungssystem, unabhängig vom Aufenthaltsstatus, sowie die vollständige Abschaffung der Übermittlungspflicht gemäß Aufenthaltsgesetz.

Anders ist die Situation zum Beispiel in Frankreich: Dort gibt es eine kostenlose Krankenversicherung für illegalisierte Menschen. Die Aide médicale d’Etat (AME) bietet rund 300.000 Menschen einen Zugang zur Regelversorgung ohne die Gefahr einer drohenden Abschiebung. Grund hierfür: Krankenversicherung und Innenministerium sind klarer voneinander getrennt, eine Übermittlungspflicht existiert nicht

Trotzdem: Die Pandemie verschärfe lediglich den Normalzustand und spitze die tägliche Ausgrenzung und Entrechtung zu und mache bereits bestehende strukturelle Defizite von medizinischen Parallelsystemen sichtbar, kritisiert die Organisation. „Wir brauchen nun bundesweit einheitliche Lösungen, um allen das Menschenrecht auf eine sichere gesundheitliche Versorgung gewährleisten zu können“, sagt Hummel.

Und das Gesundheitsministerium? Auf taz-Anfrage verweist es auf das Asylbewerberleistungsgesetz, das die Gesundheitsfinanzierung für Asyl­bewerber*innen bis zum Asylentscheid regelt. Zum offenen Brief will es sich nicht ä­ußern.



Aus: "Nicht krankenversichert in Coronakrise: Hunderttausende ohne Schutz" Luisa Kuhn (15. 4. 2020)
Quelle: https://taz.de/Nicht-krankenversichert-in-Coronakrise/!5675518/


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« Reply #1037 on: April 15, 2020, 03:56:55 nachm. »
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Neue Mitte, neues Elend: die Angestellten - Rezension aus Deutschland vom 10. März 2020 (Amazon Kunde)

Der Alltag eines Angestellten verspricht kein besonders kurzweiliges Thema zu sein. Das Buch beweist das Gegenteil. Es ist aus der Sicht eines Büronovizen geschrieben. Unter seinem Blick verwandeln sich die Alltagsdinge. Was ist der Sinn einer Aktennotiz? Was steht auf der Hidden Agenda des Montagsmeetings? Warum reicht die den Projektgruppen zugestandene Zeit nie aus? Es sind beinahe kindliche Fragen, die der Novize stellt. Der Leser partizipiert von seinem fremden Blick auf Vertrautes.
Das Buch spürt dem Eindruck nach, den die permanente Drohung mit Outsourcing in der Seele des Angestellten hinterlässt. Und man erfährt: Angestellte veranstalten Outsourcing auch mit sich selbst. Erschütterung bleibt auch dabei nicht aus. Das All-inclusive-Elend eines Pauschalurlaubs, der doch Befreiung vom Büroalltag verspricht, erscheint als dessen Fortsetzung mit anderen Mitteln. Das Buch verdankt sich keiner teilnehmenden Beobachtung. Eher ist es der Reisebericht eines Verschluckten aus dem Inneren des Wals. Es bietet keine Placebos als Ausweg, keine Achtsamkeit, keine heroische Resignation. Dafür aber den nüchternen Rat des Autors an seinesgleichen: Sich als Arbeitskraft begreifen und diese mit allen solidarischen Mitteln schützen.


https://www.amazon.de/Die-Angestellten-zwischen-B%C3%BCroalltag-Fluchtphantasie/product-reviews/3896912674/ref=cm_cr_dp_d_show_all_btm?ie=UTF8&reviewerType=all_reviews

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https://www.perlentaucher.de/buch/peter-kern/die-angestellten-zwischen-bueroalltag-und-fluchtphantasie.html

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[...] Es ist nun gerade neunzig Jahre her, dass Siegfried Kracauer (1889-1966), Filmtheoretiker und Kultursoziologe aus dem Geiste der Kritischen Theorie sein Buch „Die Angestellten“ publiziert hat – ein Buch, das seither trotz einiger Versuche der Mittelschichtsoziologie der sechziger keine Nachfolge gefunden hat. Befasst es sich doch mit einem für die 1930er Jahre neuem Phänomen, das die herkömmlichen Kategorien jedenfalls klassischer marxistischer Analyse hinter sich liess: Lohnabhängige mit eher geringem Einkommen, die gleichwohl von Lebensstil und Mentalität nicht die Werte und Formen der Arbeiterschaft, des Industrieproletariats teilten. Ging es also um ein „Stehkragenproletariat“?

Die Filmtheoretikerin Gertrud Koch charakterisiert Kracauers Blick auf die Angestellten so: „In dem Maße, in dem die Angestellten das Vorhandensein einer Mitte zwischen Arbeitern und Selbständigen suggerieren, soll auch ihr Äußeres von der durch den Arbeitsmarkt erzwungenen Versöhnung zwischen den Extremen künden.“

Heute, im Zeitalter von Globalisierung und Digitalisierung verschwindet die Industriearbeitschaft als Klasse, wird in Teilen durch das ersetzt, was als „ Prekariat“ bezeichnet wird – wie aber steht derzeit um die „Angestellten“? Dieser Frage hat sich Peter Kern, ehemaliger poilitischer Sekretär beim Vorstand der IG Metall in einem 2019 erschienenen Langessay unter dem Titel „Die Angestellten zwischen Büroalltag und Fluchtphantasie“ gestellt. (Verlag Westfälisches Dampfboot, 150 Seiten, )

Kern hat das Buch seinen Kindern als „Kursbuch fürs Leben gewidmet und ihm zudem ein Zitat des Apostel Paulus vorangestellt, nachdem jene Glieder des Leibes – so der Apostel in 1. Korinther 12,22 – die am schwächsten scheinen, womöglich die nötigsten. Die Angestellten in der postindustriellen, digitalen Gesellschaft? Kerns Buch umfasst mehr als zwanzig Kapitel, die sich unterschiedlichen Themen widmen: Von „ Das Büro im Regelbetrieb“ über „Spezialisten und Low Performer“ sowie „Der Rucksack-vom Bauzaun zum Büro“ bis zu einem fast abschliessenden Kapitel „Angestelltenbewusstsein? Selbstaufklärung!“

Dem Autor ist nur zu bewusst, welchem grossen Vorbild er nacheifert – besteht doch Kracauers klassische Studie aus einem gekonnten Mix von Anekdoten, theoretischen Analysen und essayistischen Reflexionen. Dem entspricht Kern, wenn er etwa theoretisch feststellt:

„Von einer bürgerlichen Kultur im Unterschied zu Angestelltenkultur zu reden, macht längst keinen Sinn mehr. Die bürgerliche Gesellschaft ist so konturlos geworden, weil sie seit der Wende des 19.zum 20. Jahrhundert den Angestellten, sofern sie zeitgemässe Funktionen erfüllten, immer wieder Aufnahme bot. Die unzeitgemässen Fraktionen gingen unter oder proletarisierten sich, die jeweils modernen durften sich nach dem Mittelstand geadelt fühlen und sich nach einer Bürgerlichkeit sehnen, die schon Kracauer als „verschollen“ bezeichnete.“

Entsprechend stellt Kern fest, dass die heutigen Angestellten das Grundmuster eines „überschaubaren Sets typischer Waren“ pflegen: nicht zuletzt das smartphone. Hinzu kommt ein Verhöhnen der Unterschicht, gezeigter Lifestyle wie der Urlaub in Florida und betonte Genussfähigkeit.

Für die politische Organisation dieser Lohnabhängigen – das weiss der ehemalige IG Metall Sekretär nur zu gut – führt das zu erheblichen Schwierigkeiten, was sich aber die Gewerkschaften selbst zurechnen lassen müssen – sind doch Unternehmen und Verbändeeifrig damit befasst, den „Graben zwischen Gewerkschaften und Angestellten offen zu halten“ – was durch den Umstand verschäft wird, dass die Angestellten – so Kern – nicht gelernt haben, ihre Lage anders als aus einem individuellen Blickwinkel zu sehen. Nicht zuletzt neigen zumal die Angestellten sowohl einem durch Prestigekonsum und simulierter unternehmerischer Verantwortung hier als auch einem gleichwohl mangelndem Selbstbewusstsein dort zu.

Mit Peter Kern ebenso anschaulicher wie auch theoretisch luzider Studie steht den aktuellen Analysen über die „Gesellschaften des Zorns“, also die  sozialen Hintergründe des Rechtspopulismus sowie den Niedergang der klassischen Volksparteien, vor allem aber über die „Gesellschaft der Singularitäten“ nun ein Werk zur Seite, dem es überzeugend gelingt, diese Gegenwart aus der nur vermeintlich obsolet gewordenen Perspektive der Klassenanalyse zu beleuchten.


Aus: "Micha Brumlik|Zur Klassenanalyse der Gegenwart: Peter Kern tritt in Siegfried Kracauers Spuren" (12. März 2020)
Quelle: https://hajofunke.wordpress.com/2020/03/12/micha-brumlikzur-klassenanalyse-der-gegenwart-peter-kern-tritt-in-siegfried-kracauers-spuren/ | https://taz.de/!5668820/

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« Reply #1038 on: April 16, 2020, 09:08:51 vorm. »
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[...] 112 Milliarden Euro haben Anleger in Deutschland zwischen Anfang 2015 und Ende 2019 in Mischfonds platziert. Keiner Fondskategorie schanzten Kleinanleger in den vergangenen Jahren mehr Geld zu. Die Papiere investieren in Aktien und Anleihen, manchmal auch in Immobilien und Rohstoffe – und wollen damit vor allem Risiken aus der Geldanlage nehmen. ...


Aus: "Welche Fonds die Krise am besten meistern" Veronika Csizi (15.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/verbraucher/geld-anlegen-in-corona-zeiten-welche-fonds-die-krise-am-besten-meistern/25743342.html

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berlin_jens 15.04.2020, 21:25 Uhr

Ich setze seit Jahren eher auf dividendenstarke Aktien - da habe ich relativ unabhängig von aktuellen Wert der Aktien eine Rendite von ca. 5% pro Jahr vor Steuern. Größere Firmen wie Münchener Rück und Allianz mit kleineren Firmen wie Freenet oder Deutsche Pfandbriefbank oder Telefonica gemischt. Dazu noch einige Wachstumsaktien wie Apple und schon kommt das Depot relativ ruhig durch das Auf und Ab der Märkte.

Durch das seltene Umschichten (und ein preiswertes Depot) ist die gesamte Kostenquote auch geringer als die [...] Mischfonds.


...

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[...] Auf dem blockierten deutschen Rettungsschiff "Alan Kurdi" vor Sizilien verzweifeln die Migranten nach Angaben der Hilfsorganisation Sea-Eye zunehmend. Ein Mann habe versucht, sich das Leben zu nehmen, teilte die Organisation am Donnerstag mit. Ein weiterer habe sich selbst verletzt. Die italienische Küstenwache habe deshalb drei von insgesamt 149 Geflüchteten in Sicherheit gebracht.

Das Schiff liegt vor der Stadt Palermo. Eigentlich sollen die Menschen wegen der Corona-Pandemie auf ein größeres Schiff in Quarantäne kommen. Bislang ist jedoch unbekannt, wann das geschehen soll. Italien und Malta haben erklärt, dass sie keine Migranten an Land lassen könnten, weil diese nicht gesundheitlich versorgt werden könnten. Die Menschen legen meist im Bürgerkriegsland Libyen ab, wo ihnen in Lagern schwere Misshandlungen drohen.

 Einsatzleiter Jan Ribbeck sagte: "Die Menschen werden seit zehn Tagen auf der "Alan Kurdi" festgehalten und sind total verzweifelt." Einige hätten während des Einsatzes der Küstenwache angedeutet, ins Wasser zu springen, um die italienischen Boote zu erreichen. "Sie ließen sich kaum beruhigen", sagte Ribbeck. Die "Alan Kurdi" brauche einen sicheren Hafen, "die Untätigkeit der EU-Staaten wird zunehmend gefährlich", teilte Sea-Eye am Donnerstag per Twitter mit.

Vor der italienischen Insel Lampedusa wartet auch das spanische Rettungsschiff "Aita Mari" mit etwa drei Dutzend Migranten auf einen sicheren Hafen. Aus Gesundheitsgründen durften sieben Geflüchtete an Land: eine dreiköpfige Familie und vier Männer, wie die spanische Hilfsorganisation "Salvamento Marítimo Humanitario" auf Twitter mitteilte. Die "Aita Mari" hatte am Montag nach diesen Angaben vor Malta insgesamt 43 Menschen aus einem sinkenden Schlauchboot gerettet.

Italien hat wegen der Coronavirus-Pandemie all seine Häfen geschlossen, auch für Schiffe mit aus Seenot geretteten Flüchtlingen. Die Entscheidung wurde von Seenotrettungsorganisationen heftig kritisiert.


Aus: "Geflüchtete dürfen nicht an Land: Not und Verzweiflung auf der "Alan Kurdi"" (Donnerstag, 16. April 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Not-und-Verzweiflung-auf-der-Alan-Kurdi-article21717776.html

« Last Edit: April 16, 2020, 02:59:17 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #1039 on: April 16, 2020, 10:19:46 vorm. »
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[...]  79.400 Menschen in Deutschland sind in einer Substitutionsbehandlung. Mediziner:innen und Ambulanzen geraten an ihre Grenzen.

taz: Herr Lyonn, was hat sich in Ihrer Drogenambulanz seit der Coronakrise geändert?

Norbert Lyonn: Wir wurden über die Kassenärztlichen Vereinigungen informiert, dass wir Patientinnen und Patienten in einigen Fällen großzügigere Take-Home-Verordnungen ausstellen können. Das bedeutet, dass wir beispielsweise Menschen, denen wir bisher nur dreimal in der Woche eine Ration Methadon geben durften, nun ein Rezept für eine Woche ausstellen können. Das soll einerseits dazu führen, dass unsere Ambulanz entlastet wird, und andererseits dazu, dass sich nicht mehr so viele Patienten auf den Weg zu uns machen müssen. Viele Drogensüchtige haben nämlich durch den langjährigen Drogenkonsum ein geschwächtes Immunsystem und gehören zur Corona-Risikogruppe.

Was sich auch geändert hat: Die Obergrenzen für Patientinnen und Patienten sind aktuell weggefallen, wir dürfen also mehr Menschen in der Ambulanz aufnehmen. Außerdem haben wir unsere Dienstzeit zur Substitutionsvergabe verlängert, haben einen Security-Mann vor der Tür und lassen nur noch fünf Patientinnen und Patienten gleichzeitig in die Ambulanz.

taz: Wie entscheiden Sie darüber, wem Sie eine Take-Home-Verordnung geben können und wem nicht?

Norbert Lyonn: Wir sehen viele der Patientinnen und Patienten wöchentlich, manche sogar täglich, und versuchen einzuschätzen, wessen Situation stabil genug für eine größere Verordnung ist. Manche müssen weiterhin jeden Tag kommen, weil der Beikonsum mit Heroin, Kokain oder Alkohol einfach zu chaotisch ist. Aufgrund der aktuellen Situation geben wir aber auch manchen Patientinnen und Patienten mit geringem Beikonsum eine Take-Home-Verodnung, die normalerweise keine bekommen würden. Es ist also immer eine individuelle Entscheidung.

taz: Was bedeuten diese größeren Take-Home-Verordnungen für die Behandlung?

Norbert Lyonn: Ich befürchte, dass viele meiner Patientinnen und Patienten während der Krise wieder mehr konsumieren werden. Wir hatten, seit die neue Regelung aktiviert wurde, schon Menschen, die in die Ambulanz gekommen sind und gesagt haben: „Ich hatte die Nase so voll, ich musste mich zumachen!“ Eine Krisensituation kann Menschen dazu bringen, in alte Suchtmuster zu verfallen, die wir in der Behandlung mühsam versuchen zu verändern. Die Menschen haben Angst und sind unsicher, was dazu führt, dass sich ihr Konsumrisiko vergrößert.

taz: Können diese größeren Rationen auch andere negative Folgen mit sich bringen?

Norbert Lyonn: Ja, es besteht das Risiko, dass die Take-Home-Verordnungen nun in größerem Stil auf dem Schwarzmarkt landen und verkauft werden. Es sind seit Beginn der Krise schon einige Patientinnen und Patienten in die Ambulanz gekommen, die ihre Rationen angeblich verloren haben. Denen geben wir dann zwar ein Substitut vor Ort, die Take-Home-Verordnung ersetzen wir aber nicht. Ein Problem dabei ist, dass sich viele Menschen, die diese Substitutionsmittel illegal in der Szene kaufen, nicht mit der Dosierung auskennen – und das kann dann schlimme Folgen haben.

taz: Wie reagieren Ihre Patientinnen und Patienten auf die Veränderungen?

Norbert Lyonn: Die meisten von ihnen sind kooperativ und dankbar. Einige versuchen auch Druck auf uns auszuüben, um eine Take-Home-Verordnung zu bekommen, obwohl ihre Lebenssituation nicht stabil genug dafür ist. Viele der suchtkranken Menschen, die noch vor der Krise keine psychosoziale Behandlung wollten und alles getan haben, dieser zu entgehen, fragen in der jetzigen Situation nach unserem Betreuungsangebot. Wir können diesen Bedürfnissen aber gerade nicht gerecht werden.

Der Anspruch, unterstützt zu werden, wird von einigen deutlich formuliert – diese Patientinnen und Patienten reagieren mitunter wütend und beschimpfen uns sogar. Viele dieser Menschen leiden unter existenziellen Problemen und haben oft kein Handy, auf dem unsere Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sie erreichen können. Unsere Aufgabe besteht aktuell darin, den Patientinnen und Patienten zu sagen, was wir leisten können, oder besser gesagt: was wir gerade nicht leisten können. Manche Menschen sind dem System hilflos ausgeliefert.

taz:  Entlasten die vergrößerten Take-Home-Verordnungen Ihre Ambulanz?

Norbert Lyonn: Nein, wir haben gerade mehr Patientinnen und Patienten. Seit der Coronakrise haben manche Angst, sich beim Kontakt mit ihrem Dealer anzustecken, und kommen deshalb zu uns, um substituiert zu werden. Außerdem werden seit der Corona­krise viele Menschen frühzeitig aus ihrer Haft entlassen – und viele von denen brauchen Methadon oder ein anderes Substitutionsmittel.

Diese Menschen sind oft wohnungslos, ohne Versicherung und sozial nicht eingebunden. Sie haben also einen großen Bedarf für sozialarbeiterische Angebote, den wir nicht erfüllen können. Diese Angebote wurden nämlich stark reduziert und finden hauptsächlich telefonisch statt. Noch dazu kommt: Da unsere stabilen Patientinnen und Patienten zu Hause bleiben, ist der Anteil an Suchtkranken in unserer Ambulanz, die chaotische Lebensverhältnisse haben, aktuell viel größer als sonst.

taz: Wie schützen Sie und Ihr Team sich in der Ambulanz?

Norbert Lyonn: Wir geraten alle an unsere Grenzen und sind in einer prekären Situation, weil wir keine Schutzkleidung haben. Mein Team trägt seit zwei Wochen Gesichtsmasken, die eigentlich für einen Einsatz von vier bis fünf Stunden vorgesehen sind. Das ist dramatisch. Ich verbringe einen großen Teil meiner Zeit damit zu versuchen, Masken zu organisieren, und greife dabei auf all meine Ressourcen zurück. Menschen aus meinem Bekanntenkreis haben bereits angefangen, Masken für unsere Praxis zu nähen. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber wir werden weder vom Gesundheitsamt noch von der Kassenärztlichen Vereinigung ausreichend unterstützt. Ich fühle mich im Stich gelassen.

Wir können nur hoffen, dass wir gesund bleiben. Das Team in unserer Ambulanz ist nicht groß genug, um zwei Gruppen zu bilden – damit im Notfall ein Team einspringen kann, falls das andere krank wird. Ich mache mir große Sorgen darüber, dass aufgrund eines Coronafalls eine größere Praxis in Berlin geschlossen werden muss – und alle Patientinnen und Patienten verteilt werden müssen. Ich weiß nämlich nicht, was dann mit diesen Menschen passieren soll.

taz: Was würde denn konkret passieren, wenn Ihre Ambulanz schließen müsste?

Norbert Lyonn: Wir würden entweder weiterarbeiten, ohne in Quarantäne zu gehen, oder versuchen, aus dem Homeoffice unsere 330 Patientinnen und Patienten an andere Praxen zu vermitteln. Das würde diese Praxen aber überfordern, denn viele sind aktuell schon an ihren Grenzen und haben keine ausreichenden Schutzmaterialien. Im schlimmsten Fall könnten die Patientinnen und Patienten nicht mehr mit ihrem Substitutionsmittel versorgt werden.

taz: Wie geht es Ihnen in dieser Ausnahmesituation während der Arbeit?

Norbert Lyonn: Es ist sehr deprimierend. Ich arbeite gerne mit meinen Patientinnen und Patienten und habe sonst immer lange Gespräche. Die Arbeit in einer Drogenambulanz ist auch sonst kein Job, bei dem man schnelle Erfolge sehen kann. Das hat sich nun verschlechtert. Wir können aktuell nur das Nötigste tun und deshalb keine richtigen therapeutischen Interventionen durchführen. Unsere Einrichtung ist für viele Patientinnen und Patienten oft die einzige Anlaufstelle. Es ist für die Gesundheit dieser Menschen nicht förderlich, wenn der Kontakt verringert wird. Wir sind aktuell fast wie eine Vergabemaschine und ich komme mir vor wie der Feldmarschall. Ich weiß nicht, wo das hinführen soll.


Aus: "Suchtmediziner über Coronakrise: „Wie der Feldmarschall“" Interview Steven Meyer (16. 4. 2020)
Quelle: https://taz.de/Suchtmediziner-ueber-Coronakrise/!5676363/

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« Reply #1040 on: April 16, 2020, 02:41:55 nachm. »
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[...] Katja Janssen ist Kassiererin in einem Supermarkt in Brandenburg. Sie hat viele freundliche Kunden. Doch oft hat sie es auch mit aggressivem Verhalten zu tun. Im Interview mit ntv.de findet sie klare Worte.

Verena Maria Dittrich: Frau Janssen, viele Verkäuferinnen sagen, dass erst ein Virus ausbrechen musste, bis sie zum ersten Mal so etwas wie Wertschätzung erfahren haben. Empfinden Sie das auch so?

Katja Janssen (* Echter Name liegt der Redaktion vor): Für viele Kunden sind wir unsichtbar. Ich arbeite in einer großen Discounter-Kette, vornehmlich an der Kasse. Was ich da alles in den vergangenen Wochen erlebt habe, lässt mich an meinen Mitmenschen zweifeln. Ich musste mir sehr schnell eine noch dickere Haut zulegen, damit mich das Verhalten mancher Kunden nicht persönlich kränkt. Aber es ist schon auch so, dass uns - meinen Kollegen/innen und mir - viel Wertschätzung zuteil wird. Man klopft uns jetzt öfter verbal auf die Schulter, gelegentlich erhalten wir sogar kleine Geschenke wie Pralinen. Applaus gibt es auch manchmal - wie im Theater. Das fühlt sich schön an, ist aber nur die eine Seite. Verständlich, dass darüber lieber gesprochen wird. Jedoch fühlt es sich für mich auch ein wenig illusorisch an, wenn berichtet wird, wie freundlich die Kunden in diesen Tagen doch sind. Die negativen Erfahrungen sind ja deshalb nicht weniger negativ, sondern bleiben genauso unangenehm.

Verena Maria Dittrich: Sprechen Sie auf die Hamsterkäufer an?

Katja Janssen: Unter anderem. Aber nicht nur auf die! Man gerät auch ständig mit Kunden aneinander, die auf die Einhaltung der Abstandsregeln quasi pfeifen. Die Markierungen, die wir an den Kassen extra vorgenommen haben, interessieren die einfach nicht. Manche mögen in Gedanken versunken sein, aber nicht alle. Bei vielen ist es, da bin ich sicher, einfach Ignoranz. Wenn man sie nett darauf hinweist, werden einige kiebig, andere fangen an, herumzudiskutieren. Auch nervig sind jene Kunden, die mit der kompletten Familie bei uns aufschlagen, obwohl das momentan gar nicht gestattet ist. Es gibt so viele Leute, die den Zweck dieser Regeln zum Wohle der Gemeinschaft einfach nicht kapieren wollen!


Verena Maria Dittrich: Stichwort: Abgabemengen. Werden die inzwischen eingehalten?

Katja Janssen: Von vielen Kunden ja, aber es sind auch nicht wenige, denen die Vorgaben egal sind; die trotzdem fünf Packungen Nudeln aufs Band legen. Wenn man sie dann zum Beispiel freundlich darauf hinweist, dass sie doch bitte nur drei Packungen pro Kunde mitnehmen mögen, fangen sie an, gnadenlos rumzumotzen. Ich weiß nicht, was es genau ist, aber manche haben so eine Grund-Aggressivität. Als würden sie nur darauf warten, dass man sie anspricht, um dann sofort aus der Haut zu fahren und sogar beleidigend zu werden. Bei einigen schaukelt sich die Angelegenheit bis zur Androhung eines Hausverbots hoch. Auch Mehl darf in diesen Tagen ja nur als Dreier-Packung pro Haushalt verkauft werden. Vor einigen Tagen gab es einen Kunden, der hatte den halben Wagen voll mit Mehl, ca. 20 Packungen. Nachdem ich ihn auf die Begrenzung von drei Packungen aufmerksam gemacht habe, wozu wir nun mal verpflichtet sind, zeigte dieser Kunde keinerlei Einsicht oder Verständnis. Beim Versuch das Mehl wieder aus dem Einkaufswagen zu nehmen, wurde er grob und schlug mir die Packungen wieder und wieder aus der Hand! Was folgte, waren wüste Beschimpfungen. Ihm musste das Hausrecht entzogen werden. Abends zu Hause, wenn ich allmählich zur Ruhe komme, merke ich: Das macht was mit einem.

Verena Maria Dittrich: Sprechen Sie im Team offen über derlei Vorkommnisse?

Katja Janssen: Gelegentlich. Wenn ich mal einen Tag nicht solche Kunden habe, dann hat sie eine Kollegin. Ich denke immer, man gewöhnt sich an alles, aber diese im Grunde lächerlichen Diskussionen nerven zusehends. Man fühlt sich wie im Kindergarten, muss immer wieder das Gleiche sagen, wo doch jeder mündige Bürger eigentlich selbst wissen müsste, wie er sich in dieser Krise verhalten sollte. Es ist immer wieder aufs Neue schockierend, wie viele Kunden wie Kleinkinder auf die simpelsten Einkaufs-Regeln hingewiesen werden müssen, die ja letzten Endes uns allen zugutekommen. Einhergehend mit dem Kontaktverbot kam es gleich zu neuen, unangenehmen Zwischenfällen.

Verena Maria Dittrich: Die da wären?

Katja Janssen: Ich wies ein Paar mit ihrem Sohn auf die Sachlage hin, dass nicht mehr als zwei Leute zusammen in unseren Laden kommen dürften. Prompt folgten lautstarke Beschimpfungen von der Mutter. Sie hat mich fortlaufend angebrüllt, schrie: "Dann holen Sie doch die Polizei!" Ihr eigener Mann stand kopfschüttelnd daneben und versuchte, sie zur Räson zu bringen. Aber sie wollte sich partout nicht beruhigen und tat, als würden die Regeln gern für alle anderen gelten, aber nicht für sie. Mir ist klar, dass die Krise für uns alle hart ist, aber bei manchen Kunden scheint sich Einiges angestaut zu haben, das sich in diesen Situationen dann entlädt. Diese Leute explodieren förmlich vor Wut und Aggressivität. Aber ich bin auch ein Mensch und habe Gefühle.

Verena Maria Dittrich: Wie schützen Sie sich, um sich derlei Vorfälle nicht zu Herzen zu nehmen?

Katja Janssen: Wie soll ich mich schon schützen? Ich kann nur versuchen, ruhig zu bleiben und mir immer wieder zu sagen, dass Leute, die gleich rumbrüllen oder ausrasten, mich nicht persönlich meinen, sondern dieses Verhalten wohl der momentanen Situation geschuldet ist. Man schottet sich emotional ab. Mich haben diese Erfahrungen aber zu folgendem Entschluss kommen lassen: Was die Kunden machen, ist mir mittlerweile egal. Ich werde sie, sobald ich spüre, dass es mehr als ungemütlich werden könnte, nicht mehr darauf hinweisen, wie viele Mengen sie eines jeweiligen Produkts mitnehmen dürfen. Es laugt mich aus, dieses Verhalten von Leuten, die nur an sich denken. Ich bin kein menschlicher Fußabtreter. Natürlich bitte ich sie nach wie vor freundlich, sich an die Markierungen auf dem Boden zu halten, aber das war's.

Seit Wochen weise ich Menschen in meiner Funktion als Verkäuferin auf die offenkundigen negativen Zusammenhänge ihres Kaufverhaltens in der Corona-Krise hin. Ich erkläre nahezu täglich immer wieder dieselben Dinge und Prozeduren, wieder und wieder und wieder. Ich bete es rauf und runter. Die Regeln gibt es, damit in unseren Geschäften für alle alles vorhanden ist und die Gesundheit der Kunden nicht gefährdet wird. Dafür machen wir das. Jedem, der das immer noch nicht kapiert hat, kann ich durch hundertfaches Diskutieren auch nicht mehr helfen. Ich bin nicht dafür zuständig, erwachsene Menschen zu erziehen.


Aus: "Corona-Alltag einer Kassiererin "Ich bin kein menschlicher Fußabtreter"" (Donnerstag, 16. April 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Ich-bin-kein-menschlicher-Fussabtreter-article21716491.html

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« Reply #1041 on: April 16, 2020, 06:47:25 nachm. »
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[...] Es war alles bis ins Detail durchgeplant für die Festtage zu Ehren der Königin: Die Ausstellungseröffnung. Die Pressekonferenz. Die Gala im Königlichen Theater in Kopenhagen. Der Weckruf auf Schloss Fredensborg, der Gruß vom Balkon von Schloss Amalienborg, der Empfang im Kopenhagener Rathaus mit anschließender Kutschfahrt.

Im ganzen Land sollte der Dannebrog, Dänemarks stolze Nationalflagge, nur für die oberste Mutter des Königreichs geschwenkt werden. Doch die rot-weiße Party zu Ehren von Königin Margrethe II. fällt aus - stattdessen hat die Corona-Krise auch Deutschlands nördlichstes Nachbarland fest im Griff.

An zwei wesentlichen Dingen ändert sich jedoch trotz allem nichts in Dänemark: Zum einen wird die Königin auch ohne große Feier an diesem Donnerstag 80 Jahre alt. Zum anderen bleibt sie auch in der größten Krise seit ihrer Thronbesteigung 1972 ihrer so unkonventionellen wie pragmatischen Art treu, wie sich zuletzt in einem ganz besonderen Geburtstagswunsch äußerte: Die Blumensträuße, die sie alljährlich zum Geburtstag erhalte, sollten bitte nicht zu ihr, sondern an die vielen älteren Mitbürger geschickt werden, die es derzeit besonders schwer hätten, forderte Margrethe in einer Erklärung des Königshauses.

An der allgegenwärtigen Corona-Pandemie führt aber auch zum royal-runden Geburtstag im Staate Dänemark kein Weg vorbei: Alle Feierlichkeiten und sonstigen Geburtstagsaktivitäten hat Margrethe mit einiger Vorlaufzeit abgesagt. „Wir alle haben eine besondere Verantwortung, aufeinander zu achten und zusammen dazu beizutragen, dass Dänemark gut durch die großen Herausforderungen kommt, vor denen das Land steht“, erklärte sie dazu bereits Mitte März.

Seit Margrethes Thronbesteigung vor über 48 Jahren hat nichts das tägliche Leben der Dänen so durcheinandergewirbelt wie das neuartige Coronavirus. Die Grenzen nach Deutschland, Schweden und Norwegen wurden geschlossen, auch Restaurants, Cafés, Theater sowie viele weitere Freizeiteinrichtungen wie Fitness- und Sonnenstudios sind seit Wochen dicht. Kindergärten und Schulen bis zur fünften Klasse durften ab Mittwoch zumindest wieder öffnen.

Das Deutsch-Dänische Kulturelle Freundschaftsjahr liegt dagegen derzeit auf Eis, auch eine für Juli geplante Reise der Königin ins deutsch-dänische Grenzgebiet anlässlich der friedlichen Grenzziehung vor 100 Jahren wurde auf 2021 verschoben. Zudem gilt ein öffentliches Versammlungsverbot für mehr als zehn Personen - eine große Geburtstagsparty zu Ehren der Königin macht das praktisch unmöglich.

Margrethe ist sich der Ausnahmesituation bewusst, wie sie in einer äußerst seltenen und live im Fernsehen übertragenen Ansprache an ihr Volk am 17. März zeigte. „Einige veranstalten immer noch Feste und runde Geburtstage“, sagte die sonst so unentwegt lächelnde Monarchin darin mit ungewohnt ernster Miene, aber in ihrer typisch direkten Art. „Das ist gedankenlos. Und das ist vor allem rücksichtslos.“

Zugleich richtete sie einen Appell an ihre Landsleute: „Der Rat der Behörden ist eigentlich recht einfach: Wascht eure Hände. Haltet Abstand. Vermeidet körperlichen Kontakt. Bleibt zu Hause.“ Und wie das in Dänemark nun mal so ist, wenn die Königin etwas sagt, waschen sich die meisten Dänen seitdem fleißig die Hände, halten Abstand und bleiben, so gut es eben geht, in den eigenen vier Wänden.

Blumen für andere und Hände waschen statt Fahne schwenken: Dieser 16. April wird sich definitiv anders anfühlen für Margrethe. Aber nicht nur wegen der Corona-Krise wird ihr Ehrentag ein anderer sein: Es ist ihr erster runder Geburtstag als amtierende Monarchin ohne ihren vor zwei Jahren gestorbenen Mann Prinz Henrik.

Trotz der Kontroversen, die ihren aus Frankreich stammenden eigenwilligen Gemahl begleitet haben, vermisst sie ihn bis heute. „Er kommt nicht mehr zur Tür rein und fragt, ob wir dies oder das machen sollen. Das muss ich selbst entscheiden. Damit muss ich lernen zu leben, und das tue ich auch“, sagte sie bereits ein halbes Jahr nach Henriks Tod im Jahr 2018.

Ihren Humor hat Margrethe trotz allem nicht verloren. Auch über das Älterwerden spricht sie ohne Hemmungen. „Plötzlich erkennt man: Huch, ich muss ja allmählich so etwas wie eine alte Frau geworden sein“, sagte sie zuletzt in einem großen Interview der Zeitung „Politiken“. Und fügte mit einem Schmunzeln hinzu: „Aber ich muss einräumen, dass ich mich nicht sonderlich alt fühle.“ Gleichzeitig sei ihr bewusst, dass sie sich im letzten Abschnitt ihres Lebens befinde.

Das Amt der Königin hat Margrethe stets als eine Rolle beschrieben, „die man fürs Leben hat“. Dass sie vorzeitig abdanken werde, kommt für die stolze Monarchin aber auch nach fast einem halben Jahrhundert auf dem Thron nicht infrage, wie sie sagte. „Das ist immer noch meine Grundeinstellung.“ Eine Thronübergabe an ihren Sohn Kronprinz Frederik (51) scheint damit noch in weiter Ferne.

Somit bleibt den Dänen ihre oberste Landsfrau bis auf Weiteres erhalten - und dafür wollen sich viele von ihnen zum Geburtstag auch gerade in dieser schwierigen Zeit bedanken: Ihrer kunstinteressierten Königin, die bereits seit den 70er Jahren Acrylwerke und Aquarelle gemalt, Bühnenbilder entworfen und Kostüme etwa für das Königliche Theater oder Kopenhagens Freizeitpark Tivoli gestaltet hat, brachten Zehntausende zum Ehrentag zumindest ein Ständchen.

Im ganzen Land stimmten Bürger um Punkt 12.00 Uhr von zu Hause aus, in der Schule oder in Parks in eine Reihe von Ständchen ein, wie Aufnahmen der Sender DR und TV2 zeigten. Angeführt von professionellen Musikern sangen sie unter anderem den Geburtstagsklassiker „I dag er det Dronningens fødselsdag“ (Heute ist der Geburtstag der Königin) sowie das von Nationaldichter Hans Christian Andersen geschriebene Lied „I Danmark er jeg født“ (In Dänemark bin ich geboren). Die Geehrte verfolgte die musikalischen Glückwünsche im Schloss Fredensborg vom Sofa aus, wie ein vom Königshaus veröffentlichtes Foto zeigte.

Bei einem der Lieder ließ sie sich überraschend auf den Treppen des Schlosses blicken, um einigen Dutzend Menschen zuzuwinken, die vor den Schlosshof gekommen waren. In einem kurzen Videoclip von DR bedankte sie sich für die gesungenen Gratulationen. „Das war wirklich eine fantastische Erfahrung. Das geht gleich ins Herz“, sagte sie. Auch Margrethes acht Enkelkinder gratulierten ihrer Oma herzlich. „Herzlichen Glückwunsch!“ riefen etwa die vier Kinder von Kronprinz Frederik und Kronprinzessin Mary in einem kurzen Videogruß. (dpa)


Aus: "Keine Feiern zum 80. wegen Coronavirus - Nur ein Ständchen für Dänemarks Königin Margrethe II." (16.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/keine-feiern-zum-80-wegen-coronavirus-nur-ein-staendchen-fuer-daenemarks-koenigin-margrethe-ii-/25747332.html

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« Reply #1042 on: April 20, 2020, 10:11:58 vorm. »
Quote
[...] Ein Liberaler, der glaubte, Märkte seien unbesiegbar, muss nun die komplette Wirtschaft lahmlegen. In seiner Vorstellung sind es die "Leistungsträger", die eine Gesellschaft ausmachen, die Schrittmacher, die Unternehmer. "Vorsteiger" nannte er sie. Es bräuchte mehr junge Franzosen, die davon träumten, Milliardär zu werden. Jetzt, in der Pandemie, ist es andersherum: Der überdiplomierte Präsident dankt Hobbynäherinnen für ihre geblümten Stoffmasken und anderen, die im Leben nach weniger strebten und gerade die Versorgung Frankreichs aufrechterhalten. Es herrscht eine Art Kriegssozialismus. Die Maßnahmen gegen die Pandemie sind vorübergehend, aber ironischerweise hat kein Präsident der 5. Republik jemals so tief in die Märkte eingegriffen oder sich größere Sorgen machen müssen, ob die Grundversorgung der Bevölkerung gedeckt ist.

... Das Misstrauen der Französinnen und Franzosen in ihn rührt ganz sicher daher, dass er schlicht Fehler gemacht hat. Noch Mitte März lehnte er das Angebot ab, Schutzkleidung und Atemmasken aus China zu bestellen. Er ließ mitten in der Pandemie Regionalwahlen abhalten. Dazu aber kommt eine Art des Sprechens, ein Tonfall, eine Metaphorik, die ihn immer weiter in strategische Schwierigkeiten brachte.

... Natürlich hat Macron sehr wenig mit Donald Trump gemein. Und doch fiel beiden als Erstes ein, dass es sich bei dem Virus um einen "Feind" handele, um fortan entweder Drohungen in dessen Richtung auszusprechen oder die eigene Bevölkerung zu mobilisieren. Macron rief den Geist der Résistance an, aus dem heraus die Franzosen letztlich die Nazis besiegt hätten. Sars-CoV-19 zeigte sich unbeeindruckt.

Bestimmt ist die Kriegsmetaphorik auch ein Ersatz für Macrons liberale Erzählung, die ihm in der Pandemie abhandengekommen ist. Macron spricht von der Front, von der neuen Ordnung des Krieges, von vordersten Kampflinien, an der das Personal der Kliniken steht, dahinter kommen Busfahrer, Bauern, Verkäuferinnen. In Wirklichkeit stehen dort keine Soldaten, sondern die Gilets jaunes, auf die Macron jetzt bauen muss. Jene Menschen also, die zu Hunderttausenden gegen seine "Politik für die Reichen" auf die Straße gingen. Noch eine Ironie: Die Bewegung wurde von einer Krankenschwester gegründet.

... Rund 18.000 Menschen waren bis Freitag in Frankreich bislang an Covid-19 gestorben, nicht mitgerechnet diejenigen, die zu Hause sterben oder nicht getestet werden konnten. Weil Schutzkleidung und Masken fehlten, konnte sich das Virus in Altenheimen fast ungehindert ausbreiten. 62 Prozent der Franzosen haben in einer Umfrage gesagt, sie fürchteten um ihr Leben. Inzwischen, so erzählt die Krankenschwester Elodie Caillon-Royer, kommen die Menschen schon mit angstgeweiteten Augen in die Notaufnahme. Ein junger Mann in seinen Dreißigern, mit fast 42 Grad Fieber und schlechten Blutwerten, ist ihr in Erinnerung geblieben. "Haben Sie noch einen Platz für mich?", flüsterte er. "Ich habe Kinder."

Das Virus trifft eine sozial aufgewühlte Gesellschaft. Hier werden die Corona-Infizierten von Ärztinnen und Ärzten, von Pflegern und Krankenschwestern betreut, die seit Monaten für mehr Personal streikten, für eine höhere Bezahlung und besser ausgestattete Krankenhäuser. Ihr zählt das Geld, wir zählen die Toten, so lautete einer ihrer Demosprüche. Inzwischen werden eben tatsächlich jeden Abend die Totenzahlen gemeldet.

... Doch große Krisen haben ein Vorher und ein Nachher. Wird Macron sein Gesellschaftsbild und seine Politik ändern? Die Pandemie führt recht nüchtern vor, wie viel körperliche, schmutzige, harte, repetitive Arbeit notwendig ist, damit andere ihre Freiheit leben können und Wahlmöglichkeiten haben. Wenn man wollte, könnte man daraus schließen, dass nicht das Unten auf das Oben angewiesen ist, sondern es andersherum genauso ist.

Manches deutet darauf hin, dass Macron eine Wende vollziehen will. In seiner Ansprache am Montagabend schlug er einen weicheren Ton an. Zum ersten Mal seit Ausbruch der Pandemie ließ der Präsident so etwas wie Betroffenheit erkennen. Das Wort Krieg nahm er nicht mehr in den Mund. Dafür war seine Rede der Versuch, alle in den Blick zu nehmen, auch diejenigen, die er sonst manchmal vergisst: die Kinder der armen Familien, die Menschen aus den Vorstädten, die in engen Wohnungen leben und Gewalt fürchten müssen. In der Rede kündigte er an, dass Familien, die von Sozialhilfe leben, 150 Euro pro Haushalt und 100 Euro pro Kind sofort erhalten sollen.

Und ein paar Tage später sagte Macron in der Financial Times: "Wir hatten das Gefühl, dass es keine Grenzen mehr gebe. Es ging darum, schneller und schneller zu sein, um mehr Wachstum. Aber in den vergangenen Jahren ist die Ungleichheit in den westlichen Ländern gewachsen. Und es war klar, dass diese Art von Globalisierung an ein Ende gekommen ist, dass sie die Demokratie unterwandert." Macron, der Globalisierungskritiker.

Seine Rentenreform hat er vorübergehend ad acta gelegt, ein Projekt, das im Winter von Anwältinnen bis zu Lehrern und Zugführern nahezu jede Berufsgruppe auf die Straße brachte, weil die meisten länger arbeiten müssten und ihre Bezüge sänken. Macron aber hielt daran fest. Jetzt sagt der Fraktionsvorsitzende von Macrons Partei, Gilles Le Gendre, die Reform spalte die Gesellschaft, man solle ganz darauf verzichten.

Auch Matthieu Orphelin, der die Fraktion der Macron-Partei im Streit über die Klima- und Sozialpolitik des Präsidenten verlassen hat und seither ein bekannter Kritiker ist, sagt: "Ich glaube schon, dass Macron jetzt anders regieren wird." Seit einigen Tagen jedenfalls antworte der Präsident wieder auf seine SMS.

Einfach wird es aber nicht für den linken Macron. Der französische Arbeitgeberverband schlug gerade vor, die Pandemie sei die Gelegenheit, endlich die 35-Stunden-Woche abzuschaffen und Urlaubstage zu streichen, um die Kosten der Krise zu finanzieren. Eine Argumentation, die sich durchaus durchsetzen könnte, sobald der erste Schrecken vorbei sein sollte.


Aus: "Wird aus dem Marktliberalen jetzt ein Sozialist?"  Elisabeth Raether und Annika Joeres (18. April 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-04/emmanuel-macron-frankreich-krisenpolitik-liberalismus-sozialismus/komplettansicht

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Tertius #6

Wird der Wolf zum Lamm?
Kann sein.
Aber nur im Märchen.
Und im Traum.


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Dankbarkeit #21

Deutschland steht auch so gut da weil es ein foederales System hat . D


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Augenspray #21.1

Stimmt: Aldi Süd und Aldi-Nord.


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Dankbarkeit #21.2

Ich habe ueber Ihre Antwort echt lachen muessen. Tut gut in Coronazeiten. ...


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Tobsse #29

Ich kann jedem nur das längere Interview Macrons von der Financial Times ans Herzen legen: "Emmanuel Macron tells the FT coronavirus is Europe's 'moment of truth', 16.04.2020" https://youtu.be/DPGfKhCICC0
Macron scheint mir durchaus selbstreflektierter und weitsichtiger als es oft in den Nachrichten den Eindruck macht. Letztlich halte ich seine Bewertung der Folgen der Coronakrise und die Schlüsse die wir daraus für Europa und die globale Wirtschaftsordnung ziehen müssen im Kern zu treffend.


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NaDaSchauHer #31

„ Emmanuel Macron muss nicht nur das Virus in den Griff bekommen: Er muss sich politisch neu erfinden.“

Wenn ich dieses „sich neu erfinden schon höre“ - bedeutet, was ich vorher links rum gemacht habe, mache ich jetzt rechts rum. Was ich gestern gemacht habe war alles Mist, ab heute mach ich alles viel, viel besser.

Marcon war nie ein „Wunschpräsident“ - er war und ist nichts anderes als die einzig wählbare Alternative zu Le Pen gewesen. „Den“ oder gar nichts - das war die damalige Wahl. Stellen wir es hier bei uns vor; nur die Wahl zwischen Söder und Hoecke: Nur die Reduzierung auf das kleinere Übel. Nichts anderes.

Und dieses „kleinere Übel“ Macron merkt selber inzwischen, das er seine Landleute wohl nie wirklich erreichen wird. ...


...
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[...] Obwohl das Coronavirus selbst nicht diskriminiert und keinen Unterschied zwischen Rassen und Klassen macht, trifft es vor allem Arme, Schwarze und Latinos. Es offenbart, was eigentlich schon lange klar ist: Die Postleitzahl entscheidet über die Gesundheit. Wer Not leidet und in ärmeren Landstrichen oder Stadtvierteln lebt, ist einerseits gar nicht oder nur äußerst eingeschränkt krankenversichert. Er wird andererseits auch sehr viel schlechter ärztlich versorgt.

In Amerika stehen die weltbesten Krankenhäuser, arbeiten hervorragende Ärztinnen und Forscher. Doch profitieren davon in der Regel nur die Betuchten, die sich Privatkliniken leisten können. In der Breite fehlt es derzeit an fast allem, an Ärzten und Pflegern, an Hospitälern, an Intensivbetten, an Beatmungsmaschinen und anderem medizinischen Gerät. Die staatlichen Krankenhäuser sind völlig überfordert und werden von den privaten kaum entlastet. Erste und dritte Welt treffen hier hart aufeinander, oft nur wenige Kilometer voneinander getrennt.

Allgemeine Statistiken über die Ungleichheit in der Corona-Krise gibt es nicht. Aber am 7. April veröffentlichte die Washington Post erste Zahlen ihrer eigenen Recherche. Im Bezirk Milwaukee, Heimat der größten Stadt des nördlichen Bundesstaats Wisconsin, waren zu diesem Zeitpunkt sieben von zehn Corona-Toten Afroamerikaner, obwohl sie nur jeden vierten Einwohner stellen. Im Bundesstaat Louisiana waren ebenfalls 70 Prozent der Corona-Toten Schwarze, dort machen sie aber nur 32 Prozent der Bevölkerung aus. In Chicago liegt die Todesrate der Schwarzen den Zahlen der Washington Post zufolge sechs Mal so hoch wie die der Weißen.

Auch die Sterblichkeit von Latinos ist im Vergleich zur weißen Bevölkerung fast überall höher. Gründe dafür gibt es viele. Afroamerikaner wie Latinos haben oft Vorerkrankungen, die lebensbedrohlich sein können, wenn man sich mit dem Coronavirus ansteckt. Gerade schwarze Menschen leiden besonders häufig an Diabetes, Bluthochdruck und Asthma.

Neben Armut und der daraus folgenden schlechteren ärztlichen Versorgung eint Afroamerikanerinnen und Latinos außerdem ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Staat, schreibt die New York Times in einem Leitartikel. Weil sie sich von Behörden oft im Stich gelassen fühlten, schenkten sie den Informationen und Verhaltensgeboten auch in der aktuellen Situation wenig Glauben.

Hinzu komme, dass Angehörige der Minderheiten besonders oft in systemrelevanten Berufen arbeiteten. Dazu zähle nicht nur die Gesundheitsversorgung, wo sie meist mit Gesichtsmasken und Handschuhen versorgt würden, sondern auch Tätigkeiten als Boten und Reinigungskräfte, als Kassierer in Supermärkten, als Busfahrerinnen und U-Bahn-Angestellte. Dort erhielten sie keine Schutzkleidung.

...


Aus: "Das Coronavirus offenbart ein gespaltenes Land" Eine Kolumne von Martin Klingst (20. April 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-04/us-gesundheitssytem-joe-biden-coronavirus-armut-obamacare

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USER678 #9

„Die Folgen von Covid-19 legen in aller Brutalität die grundsätzlichen Fehler, Versäumnisse und Schwächen des amerikanischen Gesundheitssystems offen. Sie zeigen auch die tiefen gesellschaftlichen Friktionen, die krasse Spaltung zwischen Armen und Reichen, zwischen Minderheiten und weißen Amerikanern.“

Ich glaube nicht dass die krasse Spaltung zwischen Armen und Reichen, zwischen Minderheiten und weißen Amerikanern erst seit Corona bekannt ist. Dieses Wissen wurde bei uns eher mit „Zurückhaltung“ weiter gegeben. ...


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« Reply #1043 on: April 20, 2020, 08:46:51 nachm. »
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Norbert Bolz @NorbertBolz, Apr 18 2020

Der Hass der Loser auf diejenigen, die es zu etwas gebracht haben, ist ein ewiges Phänomen, das man stoisch ertragen muss, denn Reichtumstoleranz ist sehr selten.


https://twitter.com/NorbertBolz/status/1251554029680893962

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Bise Boy @Biseboy92·Apr 19 - Replying to @NorbertBolz

Der Urstein des Sozialismus, eifersüchtige Nichtskönner.


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Der Demokrat zu zweit zu Hause. Flag of European Union @Demokrat___ · Apr 19 Replying to @NorbertBolz

Sie scheinen mit Ihrem Leben unzufrieden, armer Geist.


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Holger Hank @HolgerHank, Apr 19 - Replying to @NorbertBolz

Reichtumsarroganz ist dafür recht verbreitet.


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Knut Krohn @knut_krohn, Apr 19
Replying to @NorbertBolz

Das ist ein interessant einfaches Menschenbild - Pflegerinnen, Kindergärtnerinnen oder Kassiererinnen sind für Sie also Loser, weil sie nicht reich sind!


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Sisyphos™@sisyphos_tm, ·Apr 18 - Replying to @NorbertBolz

Weil der Konsens vorherrscht, dass man Reichtum nur durch amoralisches Handeln bekommt & Armut edel ist.
Ich kann es nachvollziehen.


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Jens @dinostillalive, Apr 19 Replying to @NorbertBolz

Geiler Beitrag von einem Kommunikations'wissenschaftler' ... harte Zeiten müssen das sein.


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Axel Groß @akselsays, Apr 18 - Replying to @NorbertBolz

Einkommens-„Loser“ behandeln gerade im Schichtbetrieb Menschen auf Intensivstationen. Was leisten sie so?


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Andreas Dunisch @levinho1904, Apr 18 - Replying to @NorbertBolz

Mir fällt immer wieder auf, dass Vermögen (in Deutschland natürlich oft steuerfrei) vererbt werden kann, Intelligenz aber nicht.


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Michael Schöning @Schoening2016 · Apr 19 Replying to @NorbertBolz

Um es - wie gewünscht - kurz zu machen: Sie sind schon ein ganz toller Hecht!


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« Reply #1044 on: April 21, 2020, 12:07:10 nachm. »
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[...] Er hat mit Prinzessin Bea von Auersperg diniert, mit Rolf Sachs St. Moritz unsicher gemacht, sich von Werner Kieser, dem Gründer der Fitnesskette, das Gästeklo zeigen lassen und mit Gunilla Gräfin von Bismarck Smalltalk geführt. Der deutsche Schriftsteller Dennis Gastmann kennt die feinen Unterschiede zwischen Jetset-Adel und Neureichen, er weiß, wie man sich auf diesem glatten Parkett bewegt. Für sein 2014 erschienenes Buch "Geschlossene Gesellschaft" hat er alle Hebel in Bewegung gesetzt, um in diese hermetischen Zirkel einzutauchen. Und um zu klären, was die Betroffenen meist gern geheimhalten: Wie leben Superreiche eigentlich?

STANDARD: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich mit Reichtum zu beschäftigen?

Dennis Gastmann: Die Champagnerbrise in den Schweizer Alpen. Eine Melange aus Bergluft und einem Hauch von Geld. Ich hatte für eine Nacht im Genfer Luxushotel Beau-Rivage eingecheckt, direkt am Quai du Mont Blanc, und fühlte mich in all dem Prunk entsetzlich fremd. Aber gleichzeitig war ich so fasziniert, dass ich unbedingt über Reichtum schreiben wollte: Was macht Geld mit dem Kopf und mit dem Herzen? Was ist Luxus, wenn man alles besitzt?

STANDARD: Was hat Sie bei der Recherche am meisten überrascht?

Gastmann: Anscheinend ist Geld nur dann interessant, wenn man keines hat. "Welche Rolle spielt Geld, wenn Geld keine Rolle mehr spielt?", fragte ich den schwäbischen Schraubenmilliardär Reinhold Würth. Seine Antwort: "Zettele!" Das seien doch alles bloß Zettel, und er habe nie welche von "diesen Zetteln" dabei. Würth lasse sich gerne zum Essen einladen, und seine Assistenz begleiche später die Rechnung.

STANDARD: Haben wir ein falsches Bild von den Reichen?

Gastmann: Uns fehlt vielleicht die Empathie. Glauben Sie mir: Auch ich wollte sie hassen, die Reichen. Neid gehört zu unserer Kultur. Und der Neidische möchte glauben, dass in den Palästen nur Unmenschen wohnen. Aber manche von ihnen habe ich erstaunlich lieb gewonnen.

STANDARD: War es schwierig, in diese geschlossene Gesellschaft vorzudringen?

Gastmann: Ja, natürlich! Geld ist einerseits Freiheit und andererseits legt es Ketten an. Ich schrieb wirklich dutzende Anfragen, dekorierte sie mit Sahne, Kirschen und Komplimenten, aber was hatte ich den Millionären denn zu bieten? Ich konnte sie nicht reich machen. Berühmt waren sie auch schon. Und Aufmerksamkeit wollten sie nun wirklich nicht. Die ehrlichste Abfuhr bekam ich ausgerechnet von der Deutschen Bank. Anshu Jain, der damalige Vorstandsvorsitzende, gebe nur Fachinterviews, hieß es. Und die würde ich, mit Verlaub, niemals verstehen.

STANDARD: Wie war das Treffen mit Werner Kieser, dem Gründer der Fitnesskette?

Gastmann: Er ist ein Filou. "Wann und wo?", ließ er ausrichten und empfing mich in seiner Villa über dem Zürichsee. Kieser öffnete im Pyjama, den Rottweiler an der Hand, führte er mich durch die Gemächer. Bis ins Schlafzimmer. Sogar ins Gästeklo. Er öffnete Schränke, Gefriertruhen und Mülleimer. "Schauen Sie, ich bin nicht reich!", sagte er und grinste schelmisch. Vermögen sei das, was man vermag. Heute behauptet Kieser, er habe damals einen Kimono getragen.

STANDARD: Und Rolf Sachs, den Sie in St. Moritz besucht haben?

Gastmann: Es war ein Treffen mit dem Schneekönig. Rolf Sachs, ältester Sohn von Gunter Sachs, hat nicht nur ein Haus in St. Moritz. Er ist St. Moritz. Sachs bewohnt das alte Olympiazentrum, eine verschneite Schönheit mit Turm und Panoramafenstern, und er lud mich auf die legendäre Bobbahn ein. Er selbst soll sie schon einmal im Smoking bezwungen haben. Sitzend auf einem Silbertablett.

STANDARD: Würden Sie mit ihm tauschen wollen?

Gastmann: Ich habe Sachs um vieles beneidet. Er kann heute an der Côte d’Azur und morgen in Manhattan sein. Und ich bewundere ihn für seine Kunst, besuchen Sie mal sein Atelier in London! Aber er kann nicht aus seiner Haut: "Das ist doch nur der Sohn des Vaters", sagen die Leute. Viele Reiche, die ich treffen durfte, litten unter Traumata. Der frühe Tod des Vaters, die schwere Zeit im Internat, die gerade noch abgewendete Insolvenz. Etwas saß ihnen im Fleisch, das sie quälte und gleichzeitig zu großen Leistungen trieb.

STANDARD: Sie waren auch auf einem Charity-Event mit Bea von Auersperg.

Gastmann: "Wenn Sie einmal wahren Luxus erleben wollen", sagte die Prinzessin am Telefon, "dann setzen Sie sich in den nächsten Flieger." Bald fand ich mich auf einer großen Gala an der Costa del Sol wieder, in Marbella, umringt von Kasinobesitzern, Baulöwen, Mannequins, Gunilla von Bismarck und der Ex von Dolph Lundgren, deren Namen ich leider vergessen habe. Dresscode: "The Great Gatsby".

STANDARD: Die Prinzessin hat Sie offenbar ohne weiteres in ihren Inner Circle eingeführt. Wieso?

Gastmann: Vielleicht amüsierte ich sie. Vielleicht war ich ihr Maskottchen an diesem Abend, jemand, dem man noch etwas über Stil, Benehmen und die Kunst des Smalltalks beibringen konnte. Das Tischgespräch wechselte fließend von Deutsch auf Englisch auf Französisch auf Italienisch auf Spanisch. Ein kosmopolitisches Gewirr aus herrlich oberflächlichem Nonsens, begleitet von Hollywoodpalmen, Meeresrauschen und leichtem Jazz.

STANDARD: Können Sie die Prinzessin ein wenig beschreiben?

Gastmann: Witwe eines österreichischen Großwildjägers. Residiert angeblich in einer Finca mit Mata-Hari-Touch. Echtes Löwenfell auf dem weißen Marmorboden, und wenn die Gerüchte stimmen, umranken ihren Kamin die Stoßzähne eines Elefantenbullen.

STANDARD: Und Gunilla Gräfin von Bismarck, die auch anwesend war?

Gastmann: Ein Kunstwerk. An diesem Abend wirkte sie in ihrem Paillettenkleid wie ein menschlicher Kronleuchter. Dazu trug sie ein purpurnes Bolerojäckchen aus Nerz und eine Handtasche, die früher ein Kugelfisch gewesen sein muss. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Beide Damen von Stande hatten große Klasse. Auch wenn manche ihre Retro-Glamourwelt "morbid" nannten.

STANDARD: Ist das der alte Adel?

Gastmann: Das ist der alte Jetset-Adel. Dekadenz mit Stil. Ich weiß noch, wie eine Dame aus unserer Runde in der Tombola gewann. Sie kehrte mit einer malvenfarbenen Handtasche aus Leguanhaut an den Tisch zurück. Der Wert: eintausendsechshundert Euro. "Was soll ich denn damit machen?", fragte sie echauffiert. Und eine andere antwortete: "Ja gib’s halt der Haushälterin, die freut sich über so was!" Ein Influencer wäre mit der Tasche schon längst über alle Berge gewesen.

STANDARD: Welche Verhaltenscodes gibt es in solchen Kreisen?

Gastmann: Der Dame ungefragt nachschenken, sobald sich das Glas leert. Sich am Tisch erheben, wenn Madame sich kurz entschuldigt. Konversation in sieben Sprachen, selbst wenn man keine der Sprachen beherrscht. In jeder Stadt der Welt ein Lieblingsrestaurant haben. Und bei aller Feinschmeckerei niemals den Teller leer essen, sonst bist du ein Bauer. Diesen Code kannte ich damals nicht, und Frau von Bismarck fragte: "Na, willst du mein’s auch noch?"

STANDARD: Was unterscheidet diese Clique von anderen Reichen?

Gastmann: Bea von Auersperg zog eine deutliche Linie zwischen altem und neuem Geld. Wer nicht adelig ist, nicht sonderlich vermögend und aus dem falschen Geschirr speist, gehört einfach nicht dazu. "Weißt du, was ich damit meine?", sagte die von Auersperg. "Bei mir zu Hause möchte ich im Tod keine Versace-Teller haben!" Daran erkenne man den Geldadel.

STANDARD: Braucht man immer einen Türöffner, um überhaupt angehört zu werden?

Gastmann: Natürlich hilft es, sich in Kreisen zu bewegen. "Spielen Sie Golf", riet mir eine Baronesse, "und alles geht seinen Gang, babapi babapam."

STANDARD: Sie waren auch auf einer Butler-Schule. Was müssen diese können, um heute zu bestehen?

Gastmann: Butlern ist eine hohe Kunst. Und die Seele dieser Kunst besteht, ob man nun in britischen Adelshäusern oder auf chinesischen Superyachten dient. Ein guter Butler macht sich unsichtbar. Er verschwindet. Ein Raum muss mit einem Butler leerer sein als ohne ihn. Bewege dich lautlos, auf Teppich, auf Marmor, auf Parkett. Sei ein Sorgenlöser. Ein Butler fragt nicht, was gewünscht ist. Er weiß es. Nicht reden, handeln!

STANDARD: Ist Sylt wirklich noch so exklusiv?

Gastmann: Ich lebe in Hamburg und hoffe von jeher, dass mich ein Wiener adoptiert. Den gemeinen Hamburger zeichnen zwei Dinge aus: der Regen und die Sehnsucht nach Sylt. Ich konnte das nie verstehen. Sicher, der Strand hat Stil. Und in der Ära Gunter Sachs mag Sylt noch mondän gewesen sein. Aber ohne einen echten Sachs ist St. Moritz nur ein Bergdorf und Sylt nur eine Insel.

STANDARD: Wer war eigentlich der Glamouröseste, den Sie getroffen haben? Wer hat Sie wirklich beeindruckt?

Gastmann: Das mag Roland Paxino gewesen sein, ein ehemaliger Immobilienjongleur. Er saß angeblich monatelang im Knast, weil in Dubai ein Hundert-Millionen-Dollar-Scheck geplatzt ist. Die Zelle will er sich mit einem Menschenfresser geteilt haben. Paxino war ein brillanter Geschichtenerzähler. Und ein Gourmet.

STANDARD: Hat sich Ihr Bild von den Reichen denn verändert?

Gastmann: Es ist ein Wunderland, in dem ich manchmal eine bedrückende Langeweile verspürte. Wer braucht vergoldete Mikrowellen oder eine Superyacht im Fluss hinter dem Haus, die nur zum Shoppen gedacht ist? Vielleicht sind unvermögende Menschen tatsächlich glücklicher, weil sie noch Träume haben. Man könnte auch sagen: Sie erleben noch Wunder. (Karin Cerny, RONDO exklusiv, 20.4.2020)


Aus: "Dennis Gastmann: "Ich wollte die Reichen hassen""  Interview Karin Cerny (20. April 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000115903454/dennis-gastmann-ich-wollte-die-reichen-hassen

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Impressum1

Am Tisch der Superreichen lauern dass ein paar Brösel des Glamours für einen abfallen
ist aber auch eher ein Thema, das man mit seinem Therapeuten besprechen sollte.


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Heastmanziibins

Also ich schaffe im Konzern des angesprochenen Schraubenmilliardärs und kann garantieren dass ihm die "Zettele" durchaus äußerst wichtig sind. Auch wenn er keine in der Tasche hat. Selbst in seinem hohen Alter hat er kaum was anderes zu tun als seine Zeit in die Gewinnmaximierung des Konzerns zu investieren.
Die "Zettele" gehen ihm über alles.


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maaskantje_
06xx1008040 7

was man sich von den Reichen abschauen kann ist die (Selbst)Disziplin
(Ein Begriff, der unter Linken ein Fremdwort ist)

...


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Kamiikatze - Ich bin keine weibliche Hormonschleuder 43

Trump ist nicht diszipliniert, ...


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Mariomed25

Da haben sie aber eine etwas komische Vorstellung von reich. es gibt viele Reiche, die alles geerbt haben und noch keinen Tag in ihrem Leben einer Arbeit nachgegangen sind und viele von denen verfallen auch dem Suff. Von Selbstdisziplin keine Spur. ...


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nanny ogg

Reiche hassen ist genauso deppert wie Arme verachten - wir sind alle Menschen. Was man hassen kann, sind die großen Ungerechtigkeiten, die dazu führen, dass Menschen sogar das Recht auf Leben ziemlich schwer gemacht wird und auf der anderen Seite andere Menschen dafür und auch deshalb in Saus und Braus leben. Es gibt reiche Menschen, die sprichwörtliche Engel sind und arme Menschen, die Arxxlöcher sind - und umgekehrt - der ökonomische Status sagt nichts über den Charakter aus.


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panda rage

So amüsant sich diese Reportage über Menschen liest, die das Glück hatten, in absurd reiche Familien geboren zu werden, ohne dafür irgendetwas geleistet zu haben, denke ich doch, dass sich die Gesellschaft diese aus wirtschaftlicher und soziologischer Sicht nicht mehr leisten kann bzw sollte, und eine egalitärere Gesellschaft wesentlich besser performen würde.


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Franky A

Die Krise zeigt Wirkung. Jetzt lese ich schon Artikel über Leute, die Artikel über Adelige schreiben. Unfassbar.


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« Reply #1045 on: April 22, 2020, 12:08:13 nachm. »
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[...] Die Mindestlöhne für Altenpflegekräfte in Deutschland sollen erhöht und ausgeweitet werden. Das sieht eine Verordnung vor, die heute Thema im Bundeskabinett war. Das Arbeitsministerium werde diese Verordnung nun kurzfristig erlassen, einer gemeinsamen Mitteilung von Arbeits- und Gesundheitsministerium. Ende Januar hatte eine Kommission von Arbeitgebern und Arbeitnehmern beschlossen, dass der Mindestlohn für Pflegehilfskräfte bis 1. April 2022 in vier Schritten von heute 10,85 Euro (Ost) und 11,35 Euro (West) auf 12,55 Euro in Ost- und Westdeutschland steigen soll. Ab 1. Juli 2021 soll es zudem erstmals einen Mindestlohn für Fachkräfte von 15 Euro geben. Er soll zum 1. April 2022 auf 15,40 Euro steigen. Mit der Verordnung soll dieser Beschluss branchenweit verbindlich gemacht werden. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erklärten, in der Pandemie sei einmal mehr zu spüren, wie wichtig Pflegekräfte für die Gesellschaft seien. Ihre verantwortungsvolle Aufgabe solle besser honoriert werden als bisher. (dpa)


Aus: "Lohnerhöhung in der Altenpflege" (22. 4. 2020)
Quelle: https://taz.de/-Corona-News-vom-Mittwoch-/!5680464/

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« Reply #1046 on: April 22, 2020, 12:26:18 nachm. »
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[...] Jörg Rocholl ist Präsident der internationalen Wirtschaftshochschule ESMT Berlin [https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%B6rg_Rocholl]

... Der letzte amerikanische Präsidentschaftswahlkampf kostete 6,5 Milliarden Dollar – und übertraf damit die Ausgaben für den deutschen Bundestagswahlkampf 2017 um fast das Hundertfache. Es zeichnet sich ab, dass die bevorstehende US-Wahlschlacht noch teurer wird als vor vier Jahren.

Allein der Milliardär Michael Bloomberg gab für seine Kandidatur gut 500 Millionen Dollar aus. Immerhin zeigt Bloombergs Scheitern, dass in den USA nicht nur tatsächliche oder vermeintliche Milliardäre Präsident werden können.

Das Nettovermögen von Trumps Gegner Biden wird auf vergleichsweise bescheidene neun Millionen Dollar geschätzt. Dennoch ist bei den atemberaubenden Ausgaben in amerikanischen Wahlkämpfen und deren fulminanten Anstiegen kein Ende in Sicht.

Offenbar geht es dabei nicht um hehre politische Ideale, sondern um handfeste wirtschaftliche Interessen. Denn der Ausgang einer Präsidentschaftswahl hat unmittelbare Auswirkungen auf die Aktienkurse von Unternehmen.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Unternehmen, die vor der Wahl einen ehemaligen Politiker in den Vorstand geholt haben, legen in ihrem Aktienwert zu, wenn die Partei des Ex-Politikers die Wahl gewinnt – und zwar unabhängig von der Branche. Selbst die Höhe der Spenden, die das Unternehmen vor der Wahl geleistet hat, ist zweitrangig.

Spenden werden offensichtlich als nichts Dauerhaftes wahrgenommen. Erst mit dem Vorstandsposten für einen früheren Politiker –  Demokrat oder Republikaner – legt sich das Unternehmen politisch fest.

Im Umkehrschluss heißt das allerdings auch, dass nach der Präsidentschaftswahl die Aktienkurse von Unternehmen sinken, die einen ehemaligen Politiker aufs Schild gehoben haben, dessen Partei bei der Wahl unterlegen war. Grundsätzlich aber begrüßen die US-Aktienmärkte Berufungen ehemaliger Politiker in Vorstände, besonders wenn der Ex-Politiker zum ersten Mal in der Wirtschaft anheuert.

Beim Eintritt in ein weiteres Unternehmen ist der Effekt immer noch positiv, aber deutlich schwächer – das Ganze gleicht gewissermaßen einem Teebeutel, der an Aroma verliert, je häufiger man ihn nutzt.

Die Bedeutung ehemaliger Politiker und ihrer Netzwerke für die US-Wirtschaft ist auch deshalb so groß, weil in den Vereinigten Staaten jedes Jahr lukrative Regierungsaufträge über mehrere Hundert Milliarden Dollar ausgeschrieben und an Unternehmen vergeben werden. Konzerne, gerade im Rüstungsbereich, die besonders von Regierungsaufträgen profitieren, haben sicherheitshalber oft ehemalige Politiker sowohl der Demokraten als auch der Republikaner in ihren Reihen.

Empirische Studien belegen, dass Unternehmen, bei denen frühere Politiker der jeweiligen Mehrheitspartei in Senat und Repräsentantenhaus Vorstandsposten bekleiden, deutlich mehr Regierungsaufträge bekommen als Unternehmen mit fehlenden oder „falschen“ politischen Verbindungen.

Über die Regierungsaufträge hinaus engagieren sich Ex-Politiker für ihr Unternehmen aber auch allgemein bei der Pflege der politischen Landschaft – ob es um die Lockerung von Umweltschutzauflagen geht oder um steuerpolitische Initiativen.

Die Milliardengelder der Spendenkönige wiederum werden in US-Wahlkämpfen auf wenige Landstriche konzentriert, um Wählerinnen und Wähler vom jeweiligen Kandidaten zu überzeugen. Entscheidend für den Ausgang der Präsidentschaftswahlen sind letztlich nur einige „Swing States“.

Denn die siegreiche Partei in einem Bundesstaat erhält alle Wahlleute, unabhängig davon, wie hoch sie diesen Staat gewonnen hat. Mit der einfachen Mehrheit in einem Staat gilt: „The winner takes it all.“

Da etwa  Kalifornien oder New York traditionell an die Demokraten und andere Staaten wie Nebraska oder Oklahoma an die Republikaner fallen, findet Wahlkampf dort kaum statt. Die Geldströme fließen massiv in Staaten wie Florida und Ohio, die am Ende den Ausschlag geben.

Die wachsende Bedeutung des Big Business und seiner Lobbyisten für den Ausgang von Präsidentschaftswahlen wurde durch ein Urteil des Supreme Court entscheidend gefördert. Im Jahr 2010 befasste der Oberste Gerichtshof der USA sich in dem Verfahren „Citizens United“ vordergründig mit der Frage nach dem Recht auf freie Meinungsäußerung von Unternehmen. Doch faktisch ging es darum, ob Unternehmen unbegrenzt an Parteien und deren Kandidaten spenden können.

Die Richter entschieden, das müsse möglich sein. ....


Aus: "Die demokratische Legitimation der Regierung wird immer schwächer" Jörg Rocholl (22.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/bedrohlicher-einfluss-der-wirtschaft-auf-us-wahlen-die-demokratische-legitimation-der-regierung-wird-immer-schwaecher/25761844.html

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« Reply #1047 on: April 22, 2020, 12:50:19 nachm. »
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[...] In Deutschland wächst angesichts des Lockdowns wegen der Corona-Krise das Heer der Kurzarbeiter. Gastronomie und Tourismus sind seit Wochen heruntergefahren und werden dies voraussichtlich noch längere Zeit sein. Die großen Autohersteller haben reihenweise die Bänder angehalten. In ihrem Sog können auch Zulieferer nicht arbeiten oder sind selbst von der Versorgung abgeschnitten. Einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zufolge summiert die Zahl der von Kurzarbeit betroffenen inzwischen auf rund vier Millionen.

 Grundlage der Berechnungen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Stiftung ist eine Online-Befragung von rund 7600 abhängig Beschäftigten. Von ihnen gaben Anfang April rund 14 Prozent an, momentan in Kurzarbeit zu sein, wie die Böckler-Stiftung mitteilte. Hochgerechnet auf die Gesamtzahl der Beschäftigten entspreche dies rund vier Millionen Menschen. In rund einem Drittel der Fälle werde das Kurzarbeitergeld vom Arbeitgeber aufgestockt. Gut die Hälfte habe berichtet, es gebe in ihrem Betrieb keine Aufstockung.

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit hat rund jedes dritte dazu berechtigte Unternehmen in Deutschland Kurzarbeit beantragt. Zur Zahl der betroffenen Beschäftigten macht die BA keine Angaben. Sie geht aber wie die Bundesregierung davon aus, dass der Rekord von knapp 1,5 Millionen Kurzarbeitern vom Frühjahr 2009 zu Zeiten der globalen Finanzkrise bei Weitem übertroffen wird. Allein in der Metall- und Elektrobranche rechnen die Arbeitgeber bis Ende des Monats mit über zwei Millionen Kurzarbeitern.

 Generell seien Beschäftigte mit niedrigeren Einkommen, in Betrieben ohne Tarifvertrag oder Betriebsrat sowie Frauen derzeit überproportional belastet, heißt es in der Mitteilung weiter. Befragte, die über ein Haushaltsnettoeinkommen von weniger als 1500 Euro verfügten, arbeiteten zudem nur knapp halb so oft in Betrieben, in denen das Kurzarbeitergeld vom Unternehmen aufgestockt werde, wie Personen, die über ein Haushaltsnettoeinkommen von über 4500 Euro verfügten.

Von den Befragten, die in Kurzarbeit seien und keine Aufstockung erhielten, hätten 40 Prozent angegeben, so maximal drei Monate finanziell durchhalten zu können. Insgesamt sorgten sich 70 Prozent der Arbeitnehmer um ihre finanzielle Sicherheit, wie die Erhebung weiter ergab. "Die Corona-Krise verstärkt die soziale Ungleichheit im Land weiter", sagte DGB-Chef Reiner Hoffmann. "Wir brauchen ein klares Signal an die Menschen, dass auch sie jetzt über diese schwierige Zeit gebracht werden und nicht in der Sozialhilfe landen."

DGB und SPD wollen daher, dass das Kurzarbeitergeld von 60 beziehungsweise 67 auf 80 Prozent der Nettoeinbußen (87 Prozent bei Arbeitnehmern mit Kindern) für die Monate Mai, Juni und Juli aufgestockt wird. Das Thema steht am Nachmittag auch auf der Tagesordnung des Koalitionsausschusses. Aus der Union gibt es massive Vorbehalte gegen eine Erhöhung.

Quelle: ntv.de, jwu/dpa/rts/DJ


Aus: "Schon vier Millionen sind in Kurzarbeit" (Dienstag, 21. April 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Schon-vier-Millionen-sind-in-Kurzarbeit-article21729007.html

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« Reply #1048 on: April 22, 2020, 01:01:48 nachm. »
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[...] Fakt ist, dass Manuel Neuer, unlängst 34 geworden, über den Sommer 2021 hinaus gern beim FCB bleiben möchte. Der Klub möchte auch. Angeblich soll Neuer einen Fünf-Jahresvertrag und 20 Millionen Euro per anno verlangt haben.

Dem soll nicht so sein. Sowohl was die Laufzeit eines neuen Vertrages anbelangt, als auch die Höhe des Gehaltes sei er gesprächsbereit. Dennoch haben die kolportierten Zahlen in Zeiten wie diesen an seinem Image gekratzt. Im Netz musste er sich Raffgier vorwerfen lassen.

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Aus: "Das unwürdige Schauspiel zwischen Manuel Neuer und dem FC Bayern" Michael Rosentritt (21.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/sport/schleppende-vertragsverhandlungen-das-unwuerdige-schauspiel-zwischen-manuel-neuer-und-dem-fc-bayern/25757252.html

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Moriz 21.04.2020, 11:38 Uhr

    Das augenblickliche Schauspiel ist beiden unwürdig

Schade, Herr Rosentritt ...

Inhaltlich mögen Sie ja recht haben, grammatikalisch lag hier mal wieder ein Genitiv auf dem Elfmeterpunkt, den Sie schmählich verschossen und nur die Eckfahne des Dativ getroffen haben.
Ich kann mir nicht helfen, aber solcherlei Insuffizienz macht mich traurig.


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jonnyrotten 08:34 Uhr: Antwort auf den Beitrag von KHPW 21.04.2020, 09:44 Uhr

Herr Neuer wird sich bestimmt nicht mit einem Jahresgehalt von 100.000 € zufrieden geben. Was spielt es für eine Rolle, ob es nun 20 Mio, 15 Mio, oder "lächerliche" 10 Mio Euro sind.
Dieser Fußballzirkus ist genauso unanständig wie damals das Jahresgehalt vom Peace-Man Josef Ackermann oder die 15 Mio für den an Demenz leidenden Winterkorn von VW.

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« Reply #1049 on: April 22, 2020, 04:00:19 nachm. »
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[...] Im Streit mit der Privatbank MM Warburg um Erträge aus schmutzigen Aktiendeals hat Hamburg lange gezögert. Nun erteilen die Finanzbehörden Steuerbescheide über mehr als 160 Millionen Euro. Die Bank wehrt sich. ... Die Gefahr, dass die Bank in Schieflage geraten könnte, besteht offenbar nicht. Der Warburg-Sprecher sagte, man habe 62,7 Millionen Euro an Rückstellungen für "operationelle Risiken" gebildet. Außerdem würden die Hauptgesellschafter im Ernstfall für 140 Millionen Euro gerade stehen. Damit seien mögliche Rückzahlungen für die besagten Aktiengeschäfte "vollständig abgedeckt".

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Aus: "Cum-Ex-Skandal: Hamburg bittet Warburg-Bank nun doch zur Kasse" Annette Großbongardt und Ansgar Siemens (22.04.2020)
Quelle: https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/cum-ex-hamburg-bittet-warburg-bank-nun-doch-zur-kasse-a-979e6fa6-8e43-4069-9e8d-ba59bc96b5fe

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Siri

10 mrd € ... einfach mal so, ohne Arbeit. Ohne das etwas geschaffen wurde. Heiße Luft zu Geld machen. Kann mir gut vorstellen, wie dieses Modell in den Chefetagen der Banken durch den Erfinder vorgestellt wurde. Zustimmendes Nicken. Lobende Worte. Guter Mann.


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Thomas

Unvorstellbar. Und was wurde da lamentiert in den letzten Monaten, dass doch alles in Ordnung gewesen wäre. Lieber Olaf Scholz. Nun doch?


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