Author Topic: [Armut... (Notizen)]  (Read 133409 times)

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[Armut... (Notizen)]
« Reply #210 on: November 21, 2016, 12:09:08 nachm. »
Quote
[...] In den vergangenen Jahrzehnten ist der Anteil der Menschen, die als extrem arm gelten, wegen der Globalisierung und hohen Wirtschaftswachstums enorm zurückgegangen. Vor 20 Jahren konnte sich noch knapp 30 Prozent der Weltbevölkerung statistisch betrachtet nicht einmal eine Dose Bohnen leisten. Bis 2013 ist der Anteil auf etwas unter elf Prozent gesunken. Das sind noch immer 767 Millionen Menschen. Die meisten armen Menschen leben in Indien. Fast jeder dritte Arme der Welt ist dort zu Hause. Nimmt man Nigeria, die Demokratische Republik Kongo, Äthiopien, Bangladesch, China und Tansania dazu, decken diese sieben Ländern 67 Prozent der extremen Armut der Welt ab. Sie gehören bis auf den Kongo aber nicht zu den ärmsten Länder der Welt, wegen ihrer Größe wohnen dort lediglich die meisten Armen. ...


Aus: "Wo die Armut zuhause ist: Die sieben Länder mit den meisten Armen der Welt" Andreas Sator (21. November 2016)
Quelle: http://derstandard.at/2000047140544/Wie-sich-die-Laender-mit-den-meisten-Armen-der-Welt


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[Armut... (Notizen)]
« Reply #211 on: Februar 03, 2017, 11:02:28 vorm. »
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[...] Eine der Ersten war Janina. Ich traf sie vor zehn Jahren in Bochum-Wattenscheid. Als ich sie kennenlernte, war sie elf Monate alt. Zwei Etagen unter ihr lebte ihr Opa. Sein Einkommen bekam er vom Amt, genau wie ihr Papa und ihre Mama. Die beiden stritten oft, und Janina stellten sie zum Füttern in einem Autositz aufs Sofa, weil sie keinen Kinderstuhl hatten. An diesem Tag, es war der 24. Oktober, hatten Janinas Eltern noch sieben Euro auf ihrem Konto. Zu wenig, um bis zur November-Überweisung über die Runden zu kommen. Der Kühlschrank war leer, die Windeln für Janina waren aufgebraucht, und immer wenn es an der Tür klingelte, zitterten die Eltern, aus Sorge, das Jugendamt würde kommen, um das Kind mitzunehmen und damit den einzigen Antrieb, diesen ganzen dreckigen Alltag auszuhalten.

Dann war da Sascha, ein Kölner, blass und schlau, zehn Jahre alt. Er hatte gesehen, wie seine Mutter weinte, als die Grundschullehrer ihm eine Empfehlung für die Hauptschule ausstellten. Jetzt saß er da, sprach mit den Freunden über die Zukunft, die für einen Zehnjährigen genau das sein sollte, was sie für seine Klassenkameraden war: ein Ort der Träume und Spinnereien. Einer wollte Hundeverkäufer werden, einer Präsident von Afrika, einer, natürlich, Fußballstar. Und Sascha? Der ahnte, welchen Platz ihm die Erwachsenen längst zugewiesen hatten. "Wenn ich hier den Hauptschulabschluss mache", sagte er, "kann ich ja höchstens Kloputzer werden."

Oder Ercan, auch er zehn Jahre alt. Nur eine gut 30 Meter breite Straße trennte die Wohnblocks in Berlin-Kreuzberg, in denen er als Jüngster in einer achtköpfigen Familie groß wurde, von den wohlhabenden Altbauten, in denen die meisten Kinder einzeln oder im Doppelpack aufwuchsen. Dass die Eltern der anderen Kinder mehr Geld hatten, störte Ercan nicht. Dass viele von ihnen die Welt bereisten und er das Viertel nur selten verließ, auch nicht. Aber dass er jeden Morgen in diese Schule gehen musste, in der die Klos ständig verstopft waren und es wegen Bauarbeiten schon lange keinen Schulhof mehr gab, diese Schule, in der ihm so oft der Kopf wehtat, weil es in der Klasse so laut war, wenn seine Mitschüler fluchten und störten und die Lehrer "Ruhe!" schrien, das nervte Ercan sehr. Denn er hätte gern mehr gelernt – so wie die Jungen und Mädchen aus den Altbauten, die von ihren Eltern weit weg in bessere Schulen gefahren wurden.

Seit mehr als zehn Jahren berichte ich in Fernsehreportagen, Büchern und Zeitungsartikeln immer wieder über arme und abgehängte Kinder in Deutschland. Ich war in Wohnungen, die nach Urin stanken, und in solchen, in denen sich Eltern mühten, auch ohne Geld Würde und Anstand zu wahren. Ich habe mit Grundschulkindern gesprochen, die jobben wollten, um ihren Eltern zu helfen, und solchen, die wütend wurden, weil ihnen immer gepredigt wurde, dass sie verzichten müssten.

Ich habe all die Statistiken gelesen. Und weiß, dass Janinas, Saschas und Ercans Lebenschancen schlechter sind als die ihrer Altersgenossen. Dass die drei aller Wahrscheinlichkeit nach nicht studieren werden. Mehr als in vielen anderen Industrieländern entscheidet bei uns die soziale Herkunft über die Zukunft von Kindern. Bereits mit sechs Jahren können sich arme Kinder im Schnitt schlechter konzentrieren und sind häufiger übergewichtig und krank als ihre nicht armen Altersgenossen. Sie können schlechter sprechen, schlechter zählen. Und in der Schule gelingt es viel zu selten, diesen Startnachteil wettzumachen. Das gilt übrigens selbst dann, wenn die Eltern zwar wenig Geld, dafür aber einen hohen Bildungsstand haben. Ich kenne die Analysen, wonach ein Kind, das arm ist, später gefährdeter ist, Drogen zu nehmen, ein Opfer von Gewalt oder selbst kriminell zu werden. Der Malus der Armut bleibt oft ein Leben lang, bis zum Ende: Die statistische Lebenserwartung eines Jungen, der in eine arme Familie geboren wird, ist elf Jahre niedriger als die eines Jungen aus wohlhabendem Hause.

Auch weiß ich inzwischen, wie Leser und Zuhörer reagieren, wenn ich von Kindern wie ihnen schreibe oder auf Veranstaltungen von ihnen erzähle. Manche bedauern Janina, Sascha und Ercan ein paar Sätze lang, dann geben sie deren Eltern die Schuld: Diese allein seien verantwortlich für das Schicksal ihrer Kinder, nicht die Gesellschaft. Die meisten Leser und Zuhörer aber sind anders. Sie fühlen mit und sind bestürzt über, wie es immer heißt, "so viele arme Kinder in unserem reichen Land".

Es ist eine Reaktion, die man auch in den nächsten Wochen wieder hören wird, wenn die Bundesregierung ihren Armutsbericht veröffentlicht. Eine Reaktion, die seit zehn Jahren auf jede neue Studie, jede neue Statistik zur Kinderarmut in Deutschland folgt.

Es sind ja auch traurige Zahlen: Rund zwei Millionen Kinder in Deutschland sind von Armut bedroht, das ist jedes fünfte. Besonders häufig arm sind Kinder von Arbeitslosen, Alleinerziehenden und solche mit mindestens zwei Geschwistern. Armut ist in Deutschland natürlich relativ und, um den Einwand der Leserbriefschreiber schon mal vorwegzunehmen, natürlich nicht mit der in Kalkutta zu vergleichen.

Arm sein heißt laut Statistik erst mal nur, dass die Familie mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen muss. Arm sein bedeutet aber auch: beengte Wohnungen, raue Stadtviertel, kein Geld für individuelle Förderung, für Wünsche, nie Urlaub.

Ercan konnte in die Dreiraumwohnung der Großfamilie keine Freunde einladen. In Saschas Viertel klauten die Älteren den Kleineren Geld und Handys. Und Janinas Familie ging die halbe Stunde zum Jobcenter stets zu Fuß. Das Straßenbahnticket war viel zu teuer.

Wie kann das sein?, beklagen dann regelmäßig die Journalisten. Wir müssen etwas ändern, bekräftigen die Politiker, Jahr um Jahr.

"Kinderarmut ist eines der beschämendsten Probleme in unserem Land", sagte die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen 2007.

"Für mich ist die Bekämpfung von Kinderarmut ein sehr wichtiger Punkt", sagte die aktuelle Familienministerin Manuela Schwesig im Jahr 2014.

"Kinderarmut ist ein bedrückendes Problem", sagte Arbeitsministerin Andrea Nahles im Mai 2016.

Welch große Einigkeit! Wenn aber alle ihre Bestürzung geäußert haben, wird es still, bis zur nächsten Statistik, der nächsten Welle der Empörung.

Ich fühle mich dann wie in einer Zeitschleife. Denn die Zahl der armen Kinder ist bis Mitte der 2000er Jahre angestiegen und sinkt nicht. Seit zehn Jahren nehmen unsere Regierungen in Kauf, dass zwei Millionen Janinas und Saschas und Ercans in Wattenscheid, Köln oder Berlin aufwachsen und von Anfang an schlechte Karten haben, Erfolge zu erleben, Talente zu entfalten, die Welt zu erobern – oder wem das zu sozialromantisch klingt: Steuerzahler zu werden und in die Rentenkassen einzuzahlen, Unternehmen zu gründen, mit ihrem Geist dieses Land zu bereichern und damit unsere Zukunft zu sichern.

Klar: Hier und da werden, wie es dann heißt, "Maßnahmen" ergriffen, es wird, wie gerade geschehen, der Kinderzuschlag für Eltern mit niedrigem Einkommen um zehn Euro erhöht oder das Kindergeld um zwei Euro monatlich, es werden Teilhabepakete geschnürt. Und in einzelnen Stadtvierteln, in vielen kleinen Projekten gelingt auch Großes. Aber legt man die Lupe beiseite und betrachtet das ganze Bild, hat sich wenig geändert. Wann gingen Bürger einmal auf die Straße, um sich darüber zu empören, dass so viele Kinder abgehängt sind? Wo ist der gut vernetzte Verein, der Druck macht, bis es gut ausgestattete Bildungseinrichtungen für alle von Anfang an gibt? Wo ist die konzertierte Aktion der Regierung gegen Chancenarmut? Dabei ist es offensichtlich, was dringend zu tun wäre: herausragende Bildungseinrichtungen für ganz Kleine zum Beispiel, vor allem in den Vierteln, in denen die Armut groß ist. Aber auch: endlich verlässliche Ganztagsgrundschulen, in denen die Kinder nicht am Nachmittag nur betreut werden, sondern in denen alle gemeinsam auch nach zwölf Uhr noch lernen, Sport treiben, musizieren und ein warmes Mittagessen bekommen. Wenn die Bundesländer es weiter nicht schaffen, ihren föderalen Flickenteppich zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzuweben, müsste der Bund die Verantwortung für diese Schulen tragen.

Kommen wir zum Geld: Wie können wir hinnehmen, dass dem Staat ein armes Kind – trotz Mahnungen der Verfassungsrichter – weniger wert ist als ein armer Erwachsener? Dass der Hartz-IV-Regelsatz für einen Zehnjährigen rund 100 Euro im Monat niedriger ist als der seiner Elternteile?

Jeder, der Kinder hat, weiß, dass diese häufiger neue Kleidung brauchen als Erwachsene, dass sie Bücher, Stifte und vor allem: gesundes Essen brauchen. Jeder, der Kinder hat, weiß, dass es ihnen viel schwerer fällt zu verzichten als den Eltern, die ihre Lage begreifen können. Und Verzicht bedeutet nicht, die zum Klischee aufgeblasenen Markenschuhe nicht kaufen zu können, sondern sich all das nicht zu leisten, was die Freunde tun: Schwimmunterricht, Zoobesuche und, wenn es regnet, einen Kinobesuch mit Popcorn.

Es wäre für den Staat einfach, dafür zu sorgen, dass große Familien günstiger wohnen können. Dass kinderreiche Familien – wie etwa in Frankreich – Rabatte bekommen, wenn sie verreisen wollen oder Kleidung und Schulsachen kaufen.

Deutschland investiert viel Geld, um Ehen und Familien zu unterstützen. 200 Milliarden Euro verteilen Behörden pro Jahr an Paare mit und ohne Kinder. Allerdings tun sie das nicht mit der Gießkanne, wie oft kritisiert wird, sondern mit einem außer Kontrolle geratenen Rasensprenger: Er wässert die Wiese vor allem dort, wo sie ohnehin schon sattgrün ist.

Es gibt über 150 Familienleistungen – Elterngeld, Kindergeld, Kita-Zuschuss –, und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung hat gerade erst berechnet, wie sich dieses Geld verteilt. Das Ergebnis war überraschend: 13 Prozent der Fördersumme landen bei den reichsten zehn Prozent der Familien, nur sieben Prozent bei den ärmsten zehn Prozent. Anders ausgedrückt: Ein armes Kind ist dem Staat monatlich im Schnitt 107 Euro wert, ein reiches aber 199 Euro. Ein absurdes System.

Würde der Staat stattdessen jedem Kind, egal wie alt, egal aus welcher Familie, das zahlen, was es zum Leben braucht, wäre das nicht nur ein Zeichen dafür, dass alle Kinder gleich viel wert sind, sondern auch eine wirksame Waffe gegen die Folgen der Armut. Kindergrundsicherung nennen Wissenschaftler das und schlagen vor: 500 Euro sollte jedes Kind pro Monat erhalten.

Das klingt nach Träumerei? Auf gerade mal 30 Milliarden Euro schätzt ein Team der Böll-Stiftung die Mehrkosten pro Jahr. Allein die Abschaffung des Ehegattensplittings würde etwa 20 Milliarden einbringen. Möglich wäre es also. Stattdessen erleben wir seit Jahren diese unwürdige Aufführung aus Armutszahlen, politischem Bedauern und gleichzeitigem Nichtstun. Warum?
Inzwischen habe ich nur eine Erklärung: Am Ende sind Kinder wie Janina, Ercan und Sascha den allermeisten dann doch egal. Klar, es fällt schwer, in die runden Augen zu blicken und zuzuhören, wenn die Kleinen von ihrer Armut erzählen. Selbstverständlich müssen viele schlucken, wenn ihnen klar wird, wie unwahrscheinlich es ist, dass es in diesen Leben, die mit wenig Chancen beginnen, eine Wende zum Guten geben wird.

 Aber spätestens wenn aus den süßen Zehnjährigen laute, manchmal schwierige Teenager geworden sind, wandelt sich das Mitleid vieler in Ablehnung. Sollen sie sich doch mehr anstrengen, höre ich oft. Sollen sie doch sehen, wie sie klarkommen! Binnen weniger Jahre werden aus den Opfern ihrer Lebensumstände Täter.

Das ist nur eine der Strategien, das Gewissen zu besänftigen. Andere ersticken ihr Mitgefühl in abstrakten Debatten, über Armutseinwanderung oder den Armutsadel. Die Milderen haben gerade vor Weihnachten wieder gespendet, immerhin.

Für echte Aufstiegschancen der armen Jungen und Mädchen aber kämpft niemand. Vielleicht, so denke ich manchmal, belügen sich vor allem die Menschen der Mittelschicht selbst. Haben sie wirklich ein Interesse daran, dass die armen Kinder mitmischen beim ohnehin angespannten Wettkampf um Karrierechancen? Oder sind viele Eltern insgeheim froh darüber, dass ein Fünftel der Konkurrenz bereits in der Schule abgehängt ist?

Ein Student, der sich ehrenamtlich um Ercans Bruder kümmerte, hat es mal so formuliert: "Es heißt immer: Kinder sind unsere Zukunft. Aber die Kinder in unserer Siedlung sind damit nicht gemeint."

Da hat er wohl recht. Offenkundig können die Deutschen ganz gut damit leben, dass zwei Millionen Kinder mit wenig Geld und noch weniger Chancen aufwachsen. Was zu tun wäre, liegt auf der Hand: Investitionen in Schulen und Kindergärten, vor allem dort, wo arme Kinder leben, Geld für günstige Wohnungen, eine Kindergrundsicherung, die den Namen verdient.

Bleiben wir weiter untätig, sollten wir zumindest auf die öffentliche Selbstkasteiung verzichten, die quartalsweise mit großer Rhetorik unternommen wird. Was für eine eingeübte Empörung! Wenn die armen Kinder jedes Mal, wenn ihr Schicksal bedauert wird, einen Zehner bekämen – dann zumindest hätten sie noch etwas von dieser billigen Heuchelei.

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Immer noch Optimist #1.4

kurze Geschichte aus meinem Bekanntenkreis:
Michaels Mutter arbeitete als Bardame, Schwester Hartz-4, er selbst ist zeitweise im Heim aufgewachsen - also alles andere gute Voraussetzungen. Mit Willenskraft und Fleiß hat er es zu einem gut bezahlten Jab im Öffentlichen Dienst geschafft.
Ich bewundere ihn dafür. Es kann also klappen...


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  C.H.William #1.5

" Es kann also klappen..."
Eben. Es ist also alles in Ordnung.


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Halbgasfahrer #1.18
[" Es kann also klappen..."]
Ihrem Kommentar mangelt es so fundamental an Empathie, dass mir schlecht wird.


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wawerka #1.10

Hervorragender Kommentar, Sie haben "neoliberal" zutiefst verinnerlicht!  [Bei mir sah's zuerst auch nicht so gut aus, aber dann habe ich im Lotto gewonnen. Ich bewundere mich dafür! Es kann also klappen...] ... es lässt sich schon erahnen, was in diesem Land schiefläuft. "Ich kenne Leute...", "Arbeitsmoral" (Auch bei 4-jährigen? Oder doch erst ab 6?), man möchte Max Liebermann zitieren, wenn man solche Beiträge liest.


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C.H.William #4

"Reichtum ist erblich!"
"Armut auch.*


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zakalakanak #4.2

Stimmt nicht immer, aber oft.


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Professor Deutlich #15

Es wird wieder einmal die "Abschaffung des Ehegattensplittings" als mögliche Finanzierungsquelle genannt. Hier kursieren weitverbreitete Missverständnisse. Dabei ist das Ehegattenspltting keineswegs eine Subvention. Es stellt lediglich Ehepaare, bei denen die Partner verschieden hohe Einkommen haben mit denen gleich, bei denen die Einkommen identisch hoch sind.

Beispiel:

Paar A: Sie 50.000 € , Er 50.000 €
Paar B: Sie 80.000 €, Er 20.000 €

Beide Ehepaare habe also zusammen jeweils 100.000 €.

Das Splitting sorgt dafür, dass beide Paare gleich besteuert werden. Ohne Splitting müsste Paar B wegen der Progression deutlich mehr Steuern zahlen als Paar A.

Für eine unterschiedliche Aufteilung des Einkommenserwerbs in einer Ehe gibt es viele mehr oder weniger gute Gründe: Kinder(!), Krankheit, Qualifikation, Neigung ... Das steueroptimal exakt gleiche Einkommen beider Partner wird wohl nur höchst selten erreichbar sein (vielleicht beim verbeamteten, gesunden Studienratsehepaar mit gleichaltrigen Partnern, aber sonst wohl kaum ...)

Das Splitting sorgt also dafür, dass Ehepaare die interne Aufteilung der Einkommenserwirtschaftung frei gestalten können, ohne dadurch steuerliche Nachteile befürchten zu müssen. Diese Freiheit würde ihnen bei Abschaffung des Splittings genommen werden.

Eine Abschaffung des Splittings würde meiner Ansicht nach die Ehe als rechtliches Institut - mit ihren vielen und weitreichenden gegenseitigen Verpflichtungen - in Frage stellen.


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nach-denklich #15.1

Die betroffenen Familien mit Kinderarmut werden von Ihren Zahlenspielereien nicht profitieren, da deren Familieneinkommen in einer anderen Liga spielt. ...


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E. Freudlos #17

bei 192 € kindergeld im monat und einen blick auf die 7,5 mrd menschen dieser welt von armut zu sprechen, halte ich für vermessen.
das "problem" ist meiner meinung nach kein finanzielles problem auch wenn die autorin das anders sieht.


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Hbinder #19

Bei allem Gejammere über die Kinderarmut in Deutschland: Sie ist und war politisch gewollt! Die verheerenden Hartz-Gesetze zertrümmerten nicht nur den Sozialstaat, führten zu Rentenkürzungen per Anrechnungsbetrug, zu Lohnraub von etwa 20% und zu institutionalisierter Altersarmut.
Vor allem: Kinder und ihre Mütter hatten auf einmal kein Anspruch auf Hilfe in der Not; alles wurde über eine "Einrichtung" abgewickelt, die sich Bedarfsgemeinschaft nennt. Alle "Einnahmen" der Kinder, Mütter und Väter wurden und werden streng kontrolliert und gegengerechnet. Das führte dazu, dass die Kirchengemeinde einem armen Konfirmanden die Konfirmation nicht ausrichten kann ohne dass der Mutter die Sozialhilfe gekürzt wird oder versuchen sie mal armen Kindern die "Nebenausgaben" für Schule zu übernehmen und noch schlimmer, versuchen sie mal per Nachbarschaftshilfe das ins minus gerade Girokonto einer Alleinerziehenden auszugleichen: Die Hartz-IV-Verbrecher haben Einblick in jede Kontobewegung, sehr schnell sind sie mit Kürzungen dabei und wenn es noch mieser läuft mit Bußgeldbescheid.
Die Ausführung der (verbrecherischen) Hartz-IV-Gesetze wird "Jobcenter" überlassen, also nicht Beamten. Diese Jobcenter "wirtschaften" nach Gutsherrenart, mit Sanktionen (Kürzungen unter dem Armutsniveau) die eigentlich unterlassene Hilfeleistungen sind wird ein Klima der Angst erzeugt, dem vor allem Kranke und Behinderte kaum gewachsen sind: Armut macht krank, Jobcenter chronisch krank.


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c0mm0n sense #21

Herkunft ist Zukunft.


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Lampe21
#24  —  vor 1 Stunde 1

Schuldigung, ich bin es leid immer von Kinderarmut zu reden. Schuld ist in den Meisten fällen nicht die Gesellschaft, sondern ganz alleine die Eltern, die Ihren, entschuldigen sie den harten Ausdruck: Ihren Arsch nicht hoch kriegen. Ich rede nicht von Müttern die nach einer Trennung meist kurzfristig in Harz 4 abrutschen oder Menschen die durch Krankheit aus der Bahn geworfen werden.

Man kann auch mit dem Harz 4 Satz ein vernünftiges Leben führen ohne das den Kindern auch nur etwas fehlt. So ist unsere Familie gestärkt aus dem Schicksalsschlag hervorgegangen.

Als erstes haben wir unser Auto verkauft, dann wurde bei einem Bauern vor der Stadt ein Stück Land gepachtet, wo wir unser Gemüse angebaut haben. Dort haben wir als Familie zusammen viel Zeit verbracht und unsere Essen für das Jahr selber angebaut. Im Herbst haben wir Stundenlang in der Küche gestanden und unsere Vorräte für den Winter eingekocht. Ab September haben wir mit Erlaubnis der Besitzer das Fallobst aufgesammelt und eingeweckt. Fleisch und fehlende Speisen haben wir günstig bei den Bauern kaufen können. Sieben Jahre haben wir so gelebt, und ich muß sagen uns hat es an nichts gefehlt, wir konnten ohne zusätzliche Hilfen den Kindern ihre Klassenfahrten bezahlen. Wir sind regelmäßig ins Schwimmbad und Kino gegangen usw.
Also hört auf von Kinderarmut zu sprechen, die meisten Eltern sind schuld, daß es den Kindern schlecht geht und nicht die Gesellschaft!

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wawerka #24.1

Applaus, Applaus. Und was machen die Kinder, die nicht so tüchtige Eltern haben? Die haben dann halt Pech gehabt, richtig? Haben wir als Gesellschaft dann vielleicht eine Verantwortung für diese Kinder? Ach was, bestimmt nicht. Sollten wir uns als Gesellschaft, wenn schon nicht aus menschlichen Überlegungen, sondern aus rein eigenem Interesse vielleicht Gedanken machen, was aus diesen Kindern später wird. ...



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  einervonvieren #24.3

"Schuldigung, ich bin es leid immer von Kinderarmut zu reden. Schuld ist in den Meisten fällen nicht die Gesellschaft, sondern ganz alleine die Eltern..."
Und was kann das Kind dafür?


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Island Monkey #28

So lange es nur eine Minderheit betrifft werden die Deutschen das Meisterhaft ignorieren.


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Uwe Friedel #30

Danke für diesen Artikel. Wir aus Ober- und Mittelschicht profitieren doch von der "Unterschicht", von all den Niedriglöhnern, die die "Drecksarbeit" machen. Gewisse Parteien und Wähler haben kein Interesse, diesen Zustand zu beheben. Demokratie (die ich sehr, sehr schätze!) ist halt immer auch die Diktatur der Mehrheit! Wir sollten unsere "westlichen Werte" nicht nur hochhalten, sondern auch leben. Dazu gehört SOLIDARITÄT. Solidarität von jedem "reichen" Papa, jeder "reichen" Mama mit den Papas und Mamas, die ihren Kindern nicht so viel bieten können. Die Kinder der Mittel- und Oberschicht reisen durch die Welt, in die schönsten Landschaften... die ärmsten sind noch nicht mal auf einen Baum geklettert, weil sie im Concrete Jungle (Betonwüste, Song von Bob Marley) wohnen.


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Robertina
#36  —  vor 1 Stunde 5

Liebe Julia Friedrichs,
vielen Dank für diesen Artikel.
Ich stelle mir vor: Sie tun sich mit anderen Journalistinnen und Journalisten zusammen und bringen in vielen Zeitungen jeden Tag oder mindestens jede Woche bis zur Wahl Reportagen, Hintergründe und Politikerinterviews zu Kinderarmut.
Ich stelle mir vor, die Leserinnen und Leser dieser Reportagen und Berichte schreiben an ihre Bundestagsabgeordneten und fordern, dass das Ende der Kinderarmut in Deutschland DAS Wahlkampthema Nummer 1 werden soll.
Ich stelle mir vor, dass die Parteien beginnen, dies in ihr Wahlprogramm aufzunehmen: Grundabsicherung der Kinder, massive Investitionen in Frühförderung und Spracherwerb, massive Investitionen in Schulen und Schulgebäude, kleine Lerngruppen in den Hauptschulen und Patenschaften starker gesellschaftlicher Akteure für jede Hauptschule, eine 1a Grundausstattung in Computern und im kritischen Umgang mit Computern und Digitalisierung für alle Schulen, radikale Entscheidungen, den Schulen Schulsozialarbeiter*innen, Schulpsycholog*innen und Köche und Köchinnen! für gutes, nicht billiges Essen an die Seite zu stellen. Ein "Erhebt Euch - Empört Euch - Verbessert Euch" Programm mit massiven finanziellen und programmatischen Anreizen für Schulen, sich neu zu erfinden.
Ich stelle mir vor, dass diese Gesellschaft aufhört, sich in rechten Untergangsphantasien zu ergötzen und statt dessen in die Zukunft der nächsten Generationen zu investieren. ...


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benyakov #38

Als Kinder werden wir in eine soziale Umgebung hineingeboren.
Und diese sozialen Umwelten sind sehr vielfältig.
Frau Friedrichs Plädoyer zielt in die Richtung, diese Vielfalt der sozialen Umwelt für Kinder sozusagen weg zu beamen. Ihre Lösung ist mittelschichtszentristisch und entwertet jede soziale Umgebung, die ihrer Norm nicht entspricht als "unwert".

Es schimmert die sozialromantische Bevormundung all der Menschen durch, deren Leben ökonomisch nicht an diesem Mittelschichtideal ausgerichtet ist. Sie entscheidet an der Stelle der natürlichen Eltern, dass das Leben derer Kinder sich an Frau Friedrichs schichtspezifischen Normen auszurichten habe.
Wie bei den frühen Aktionen vor Terre des Hommes stellt sich die Frage, was eigentlich das Kernmotiv ist, geht es um die Kinder oder sind die Kinder nur ein notwendiger Baustein für das eigene innere Wohlbefinden?

Ich war als Kind in mehrfacher Hinsicht von den Kriterien betroffen, die Frau Friedrich für arme Kinder nennt. Ich habe Beschämungen und Kränkungen erfahren. Ich habe aber auch erfahren, wie bedeutsam es für mich war, sozialen Aufstieg durch Leistung zu erreichen. Ich habe es aber, wie viele in einer vergleichbaren Situation, auch erfahren, wie schmerzhaft es ist, dabei seinem Herkunftsmilieu immer fremder zu werden, denn ich blieb immer Kind meiner Eltern.


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Schrdro #42

Aus dem Artikel: "Vielleicht, so denke ich manchmal, belügen sich vor allem die Menschen der Mittelschicht selbst. Haben sie wirklich ein Interesse daran, dass die armen Kinder mitmischen beim ohnehin angespannten Wettkampf um Karrierechancen? Oder sind viele Eltern insgeheim froh darüber, dass ein Fünftel der Konkurrenz bereits in der Schule abgehängt ist?"

Ich denk mal, da ist was dran. Es geht doch schon im Kleinen los: Viele Eltern freuen sich doch ebenso über eine 5 des Nachbarskindes, wie über eine 2 des eigenen Sprösslings. Man mag das bedauern, aber so ticken viele Menschen nun mal. ...


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Krüger Hei richtig Wilhelm #50

Gibt es ein Recht auf Faulheit?Viele Linke aus meinem Bekanntenkreis leben auf Kosten der Fleißigen.


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E_Dantes #50.1

...und viele Reiche leben auf Kosten der Fleißigen...


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unzeit41 #53

Die entscheidenden Sätze des Artikels sind meines Erachtens diese:
„Haben sie (die Menschen der Mittelschicht) wirklich ein Interesse daran, dass die armen Kinder mitmischen beim ohnehin angespannten Wettkampf um Karrierechancen? Oder sind viele Eltern insgeheim froh darüber, dass ein Fünftel der Konkurrenz bereits in der Schule abgehängt ist? (…) Offenkundig können die Deutschen ganz gut damit leben, dass zwei Millionen Kinder mit wenig Geld und noch weniger Chancen aufwachsen.“
Genauso "gut" - und aus genau denselben Gründen - können „sie“ mit den vielen Wohnungslosen, Niedriglöhnern, Altersarmen usw. leben…. Wenn Andere weniger kriegen, kriege "ich" mehr! Und umgekehrt. Die pure Konkurrenzgesellschaft.

Ich arbeite im universitären Milieu, und habe immer wieder einmal Aussagen vernommen, die die obige Haltung widerspiegeln. Es besteht bei manchen offensichtlich kein Interesse daran, alle Menschen an den Chancen der Gesellschaft, an Bildung und materiellem Wohlstand teilhaben zu lassen.

Quote
Namensgebung #53.1

Ich vermute, dass die meisten 'Mittelschichts'-Eltern vor allem froh darüber wären, wenn sich die Bildungschancen ihrer eigenen Kinder nicht durch den Besuch bestimmter Schulen verschlechtern.



Quote
Runkelstoss #53.2

Ich arbeite im universitären Milieu, und habe immer wieder einmal Aussagen vernommen, die die obige Haltung widerspiegeln. Es besteht bei manchen offensichtlich kein Interesse daran, alle Menschen an den Chancen der Gesellschaft, an Bildung und materiellem Wohlstand teilhaben zu lassen.

Richtig beobachtet, allerdings ist die Folgerung nicht ganz richtig. Bei vielen Menschen basiert die eigene Zufriedenheit auf der Wahrnehmung von Unterschieden. Das sagen jedenfalls Sozialpsychologen, ich hab es geschafft und die nicht. Deswegen ist eine Unterschicht sozial so wichtig, damit es Unterscheidungsmerkmale gibt. Fuer die Unterschicht gibt es dann noch Auslaender auf die man herunterschauen kann.

Ganz wichtig ist das Argument, dass die Armen selber schuld sind. In der Zeit von Dickens hat man fehlende Moral dafuer verantwortlich gemacht, heute werden andere Stereotypen verwendet, fett, faul, Kettenraucher, Spielkonsole, Alkohol, usw. usw.


...


Aus: "Jedes 5. Kind ist arm" Julia Friedrichs (19. Januar 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/2017/02/kinderarmut-deutschland-eltern-chancen-sozialpolitik/komplettansicht


Offline Textaris(txt*bot)

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[Armut... (Notizen)]
« Reply #212 on: M?RZ 02, 2017, 04:59:35 nachm. »
Quote
[...] Seit der Wiedervereinigung hat es in Deutschland nicht mehr so viel Armut gegeben: Ein Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes [http://www.der-paritaetische.de/armutsbericht/download-armutsbericht/] und anderen Organisationen beziffert die Armutsquote auf 15,7 Prozent - rund 12,9 Millionen Deutsche sind demnach gefährdet. Vor allem in Berlin und im Ruhrgebiet ist das Armutsrisiko deutlich gestiegen.

Vor zehn Jahren lag die Armutsquote noch bei 14,7 Prozent. Als arm gelten laut Statistischem Bundesamt alle Personen, die in Haushalten leben, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte erzielen. Für ein Paar ohne Kinder setzte der Verband für 2015 beispielsweise als Armutsschwelle 1413 Euro monatlich an.

Nur vier Bundesländer konnten der Studie zufolge ihre Armut abbauen - ausgerechnet solche, denen man es aufgrund ihrer Strukturschwäche kaum zugetraut hätte: Die Armutsquoten von Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und dem Saarland liegen zwar trotzdem noch über dem bundesweiten Durchschnitt, doch ist ein deutlicher Rückgang im Vergleich zu den Vorjahren zu verzeichnen (auf der Website des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes können Sie die Armutsquoten Ihrer Region nachsehen).

Das trifft auch auf die ostdeutschen Bundesländer insgesamt zu. Im Zehn-Jahres-Vergleich konnten sie ihre Armut signifikant abbauen - jedoch auf einem ziemlich hohen Niveau. So stehen insbesondere Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt mit Armutsquoten von über 20 Prozent im Bundesvergleich nach wie vor schlecht da.

In Nordrhein-Westfalen ist die überdurchschnittliche Armutsquote von 17,5 Prozent zumindest nicht weiter gestiegen. Die mit Abstand stärkste Zunahme zeigt das Land Berlin, wo die Quote von 20 auf gleich 22,4 Prozent gestiegen ist. Auch in Thüringen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hessen hat die Armut deutlich zugenommen. Bremen stellt seit Jahren das Schlusslicht dar. Die Armutsquote beträgt dort mittlerweile 24,8 Prozent und jeder vierte Einwohner lebt unter der Armutsschwelle.

Die wohlhabenden Südländer Bayern und Baden-Württemberg heben sich mit Armutsquoten von 11,6 und 11,8 Prozent deutlich positiv von den anderen Ländern ab.

Besonders gefährdet, unter die Armutsgrenze zu fallen, sind dem Bericht zufolge Alleinerziehende. Mit 43,8 Prozent gehören sie neben Erwerbslosen (59 Prozent), Ausländern (33,7 Prozent), Menschen mit niedrigem Qualifikationsniveau (31,5 Prozent), Menschen mit Migrationshintergrund (27,7 Prozent) und Familien mit drei oder mehr Kindern (25,2 Prozent) zu den Risikogruppen.

"Wir haben es wieder mit einem zunehmenden Trend der Armut zu tun", sagte der Verbandsgeschäftsführer Ulrich Schneider. "Die wirtschaftliche Entwicklung schlägt sich schon lange nicht mehr in einem Sinken der Armut nieder."

Vielmehr müsse mit Blick auf die letzten zehn Jahre konstatiert werden, dass wirtschaftlicher Erfolg offensichtlich keinen Einfluss auf die Armutsentwicklung habe, heißt es in dem Bericht. Auch zunehmende Beschäftigungszahlen sorgten nicht für ein geringeres Armutsrisiko.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund hat Kritik an der Studie des Wohlfahrtsverbandes geübt. Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg hält den Armutsbericht für undifferenziert. Es sei "zu pauschal", Menschen mit weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens als arm zu bezeichnen, sagte er in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" vom Freitag.

Diese Einstufung sage nichts über die tatsächliche Situation eines Menschen aus und bedeutete nicht unbedingt, dass die Betroffenen "abgehängt" seien. Als Beispiel nannte er die 2,8 Millionen Studenten: Hunderttausende von ihnen fielen in die umstrittene Armutskategorie, seien aber gesellschaftspolitisch besonders aktiv und sähen sich zu Recht als die zukünftige Leistungselite.

Quote
antelatis 02.03.2017, 13:52
34. Total verwirrend

Also hier bei Spiegel Online wechseln sich ja fast täglich die Beiträge ab, in denen gesagt wird, dass die Armut immer mehr wird und dann wieder, dass es den Menschen besser geht als jemals zuvor und es noch nie so wenig Arbeitslose gab. Was soll man da jetzt glauben? ...


Quote
josch@sapo.pt 02.03.2017, 13:48

28. ... die Wirtschaft floriert, prima! ...


Quote
kaeptn99 02.03.2017, 13:45

23. ... Fakt ist doch: Die Geldmenge ist nicht geringer geworden, die Armut steigt also nicht, weil das Geld "verloren" geht sondern vielmehr, weil es sich woanders befindet. Darüber spricht man dann aber nicht so gern, bedeutet es doch, dass es mehr Armut gibt, weil es mehr Reichtum gibt.

Die populistisch einfache Variante ist: Ein paar Reiche beuten die Gesellschaft aus. Es ist natürlich komplizierter aber im Groben und Ganzen heißt das Ergebnis: Es geht unfair zu in Deutschland.


...


Aus: "Neuer Höchststand: Deutschland wird flächendeckend ärmer" (02.03.2017)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/armutsbericht-in-deutschland-ist-die-armut-auf-neuem-hoechststand-a-1137030.html

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[Armut... (Notizen)]
« Reply #213 on: M?RZ 20, 2017, 07:59:53 vorm. »
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[...] Einer von neun Erdenbürgern - 795 Millionen weltweit - hat heute nicht genug zu essen, meldet das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: Die Zahl der Hungernden ist seit 1990 um 216 Millionen gesunken, obwohl mittlerweile viel mehr Menschen auf der Erde leben als damals. 216 Millionen - das sind mehr als die Einwohner von Brasilien und Griechenland zusammen. Obwohl die Zahl der Notleidenden immer noch ungeheuerlich groß ist, scheint die Welt also zumindest auf dem richtigen Weg zu sein.

Die schrecklichste, tödlichste Form des Hungers ist die flächendeckende Hungersnot. Der letzten großen Katastrophe dieser Art fielen in Somalia 2011 geschätzte 258.000 Menschen zum Opfer, annähernd fünf Prozent der dortigen Bevölkerung. Doch im historischen Vergleich des 20. Jahrhunderts wirken selbst solche Zahlen klein. Seit 1920 starben mehr als 70 Millionen Menschen durch Hungersnöte, wobei fast die Hälfte auf Maos "Großen Sprung" in den Abgrund entfällt, ein weiteres Viertel auf Stalins mörderische Politik der Zwangskollektivierung, vor allem in der heutigen Ukraine und Kasachstan.

Während zwischen 1920 und 1970 global im Schnitt rund 400 von 100.000 Menschen per Dekade in Hungersnöten starben, betrug diese Rate in den Nullerjahren noch 3 pro 100.000. Das stellte schon eine Studie im Jahr 2000 fest. Die Zahlen rund um die Jahrtausendwende haben also bereits Mut gemacht. Und seitdem ist der Hunger in Entwicklungsländern um weitere 29 Prozent zurückgegangen, meldet der Welthunger-Index (WHI), der jährlich herausgegeben wird. Zu dieser Formel gehört der Anteil von Unterernährten und von unterentwickelten oder sogar an Hunger gestorbenen Kindern in der Bevölkerung. Für alle betroffenen Regionen in der Welt gilt: Die Zahlen nehmen ab.

... In allen Weltregionen hat sich die Ernährungssicherheit und die Anzahl Kalorien pro Kopf in den letzten sechzig Jahren enorm verbessert. Obwohl es immer mehr Menschen gibt auf der Welt, gibt es gleichzeitig auch immer mehr Nahrung pro Kopf. Die Uno nennt Hunger das "größte lösbare Problem der Welt".


Aus: "Früher war alles schlechter: Immer mehr Menschen werden satt" Christoph Henrichs und Guido Mingels (19.03.2017)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/immer-mehr-menschen-werden-satt-obwohl-die-weltbevoelkerung-zunimmt-a-1132731.html

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[Armut... (Notizen)]
« Reply #214 on: September 15, 2017, 02:53:34 nachm. »
Quote
[...] BERLIN AFP | Das Armutsrisiko für Kinder in Deutschland ist einem Bericht zufolge gestiegen. Im Jahr 2015 galten rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche als armutsgefährdet, wie die Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf den „Familienreport 2017“ berichtet, der heute in Berlin vorgestellt wird. Die sogenannte Armutsrisikoquote von unter 18-Jährigen lag demnach 2015 bei 19,7 Prozent – damit lag sie 1,5 Prozentpunkte höher als im Jahr 2010.

Als Grund für den Anstieg nennt der „Familienreport 2017“ zum einen den Zuzug von Kindern aus Migrantenfamilien nach Deutschland. Aber auch Familien, in denen nur der Vater einer Erwerbsarbeit in Vollzeit nachgehe, hätten deutlich weniger Einkommen als solche, in denen auch die Mutter arbeiten gehe.

„Die Chancen von Kindern sind in unserem Land immer noch zu ungleich verteilt“, sagte Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) der Süddeutschen Zeitung. Die Familienpolitik habe in dieser Legislatur zwar viel vorangebracht. Dennoch würden zu viele Kinder von staatlichen Angeboten nicht erreicht. Das beste Mittel, um bestehende Ungerechtigkeiten zu beseitigen, sei „eine gute, verlässliche und kostenfreie Kinderbetreuung“, sagte Barley. Jeder Euro, der in gute Kitas, Ganztagsschulen und Horte investiert werde, zahle sich mehrfach aus.

Dem „Familienreport 2017“ zufolge verdoppelte sich die Zahl nicht-ehelicher Lebensgemeinschaften in den vergangenen 20 Jahren fast auf 843.000, wie die Zeitung weiter berichtet. In den neuen Bundesländern sei nur noch gut jedes zweite Elternpaar verheiratet, in den alten Bundesländern seien es drei von vier.

Die Zahl der Kinder, die nur bei einem Elternteil aufwachsen, ist demnach deutlich gestiegen: von rund 1,9 Millionen im Jahr 1996 auf 2,3 Millionen im Jahr 2016. Neun von zehn Alleinerziehenden sind weiblich, 44 Prozent gelten als armutsgefährdet.

Paarfamilien dagegen tragen nur zu zehn Prozent ein Armutsrisiko. In Paarfamilien mit drei oder mehr Kindern allerdings steigt das Armutsrisiko auf 25 Prozent.

Um die Teilhabechancen für Kinder aus Geringverdienerfamilien zu verbessern, seien gute Ganztagsangebote notwendig, aber auch mehr frühkindliche Betreuung, zitierte die Zeitung aus dem Report. Auch in Migrantenfamilien würden solche Angebote inzwischen besser angenommen. Bei Kindern bis zu drei Jahren stieg die Betreuungsquote hier um sieben Prozentpunkte auf 21 Prozent.

Quote
Hanne, 15.09.2016

... und bald gibt es dann wieder "Wochenkrippen" für die "armen" Kinder der Geringverdiener, damit Mutti und Vati die Woche über auch ordentlich (für weiterhin wenig Geld) der Wirtschaft zur Verfügung stehen können/müssen/sollen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Wochenkrippe



Aus: "Bericht zur Lage von Familien: Armutsrisiko von Kindern steigt" (15. 9. 2017)
Quelle: http://www.taz.de/Bericht-zur-Lage-von-Familien/!5447583/


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[Armut... (Notizen)]
« Reply #215 on: Oktober 17, 2017, 02:16:20 nachm. »
Quote
[...] Köln - Sie sitzen auf der Domplatte, vor Supermarkt-, Kirchen- und Hauseingängen, bitten mal zurückhaltend, mal aggressiver um ein paar Cents: Bettler sind im Kölner Stadtbild in der jüngeren Vergangenheit offensichtlicher geworden.

Mit Armut in Köln – nicht nur von Bettlern und Obdachlosen, sondern auch von Langzeitarbeitslosen, Frauen mit zu kleiner Rente oder Alleinerziehenden – beschäftigt sich der neue Leitfaden der Caritas „Arm in Köln“. Er widmet sich dem Umgang mit Betteln und Armut, denn: „Armut ist nicht zu übersehen in der Stadt“, sagte Caritas-Vorstand Peter Krücker bei der Vorstellung der Broschüre am Montag im Notel, der Notschlafstelle und Krankenwohnung für obdachlose Drogenabhängige.

Das persönliche Empfinden, dass es mehr Bettler und arme Menschen im Stadtbild gibt, entspreche auch dem Empfinden der Fachleute. Ihnen sei zwar klar, dass die Handreichung keine Armut beseitige, aber sie solle dazu beitragen, diese Not besser zu verstehen und die persönliche Haltung dazu zu überprüfen. „Wir treten dafür ein, bettelnde Menschen nicht zu ignorieren“, sagt Krücker, der den Leitfaden mit dem Sozialdienst Katholischer Männer (SKM), dem Sozialdienst Katholischer Frauen (SkF), der Katholischen Jugendagentur sowie IN VIA und der Bahnhofsmission verfasst hat.

... Peter Krücker schätzt, dass rund 20 Prozent der Kölner Bevölkerung arm sind. Das heißt, jeder fünfte Kölner hat Probleme seine Grundbedürfnisse zu sichern, wie genügend Essen zu haben. Die Ursachen von Armut sind vielfältig: Mietschulden, psychische Störungen, Sucht, der Tod des Lebenspartners. Dass Armut auf den Straßen immer sichtbarer wird – Krücker schätzt, dass es in Köln 3000 bis 5000 Obdachlose gibt – ist indes ein „absolutes Großstadtphänomen“. Dabei sei Betteln immer ein Thema urbaner Gesellschaften gewesen. „Es gehört eben dazu“, sagt er, auch wenn sich die Quantität verändert habe – und die Gesellschaft sei unsicher gegenüber Bettlern geworden.

...


Aus: "Bürger sollen sensibilisiert werden Jeder fünfte Kölner ist arm"  Jennifer Wagner (17.10.2017)
Quelle:  http://www.rundschau-online.de/28602284

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[Hunger & Armut... (Notizen)]
« Reply #216 on: Oktober 25, 2017, 12:13:50 nachm. »
Quote
[....]  Jahrelang sank die Zahl der Hungernden - nun steigt sie wieder. Allein in Afrika sind 26 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht. In einer Sonderserie beleuchtet die Deutsche Welle die Hintergründe dieser Katastrophe.

Es ist eine dieser Situationen, in denen man erst später realisiert, was eigentlich geschehen ist. Eine Ärztin und eine Krankenschwester beginnen, ein kleines Kind wiederzubeleben. Die Eltern sitzen regungslos am Bettrand. Nach wenigen Minuten gibt die Ärztin die Anweisung, die Wiederbelebungsversuche zu beenden. Ein leises Schluchzen füllt die Stille. Dann ein Schreien. Ein Pfleger trägt eine kleine Trennwand herein und stellt sie vor das Krankenbett. Wie es weiter geht, sehen wir nicht mehr.

Diese Szene in einer Klinik im Norden Kenias war einer der bedrückensten Momente auf unserer Recherchereise in die Hungergebiete Afrikas. Sie macht deutlich, dass es bei den 26 Millionen vom Hungertod bedrohten Menschen nicht um eine abstrakte Zahl geht - und das der Hunger für einige dieser 26 Millionen mehr als eine Bedrohung ist. Das kleine Mädchen in der Klinik in Kenia starb nicht an einer unheilbaren Krankheit oder an den Folgen eines Unfalls. Es starb daran, dass zu lange nichts mehr zu essen bekommen hatte.

Der Zeitpunkt für dieses Rechercheprojekt ist nicht zufällig: Bereits Anfang des Jahres schlugen Hilfsorganisationen Alarm. Eine sich immer weiter ausbreitende Dürre könnte in Afrika und im Jemen eine der schlimmsten Hungersnöte der letzten Jahrzehnte auslösen. Doch bald schon machte die Krise keine Schlagzeilen mehr - obwohl sich die Situation bis heute nicht grundlegend verbessert hat. Allein in den beiden am stärksten betroffenen Ländern, dem Südsudan und Somalia, sind weiterhin mehr als 14 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen.

Was hat zu dieser dramatischen Situation geführt? Die Antwort der Reporter ist eindeutig: Nicht die Natur, sondern der Mensch. Der weltweite Klimawandel, massive Abholzung und einseitige Bodennutzung machen das Leben für Afrikas Kleinbauern immer schwieriger.

Doch die Folgen politischer Konflikte sind weitaus verheerender. In den besondes betroffenen Ländern - von Nigeria über den Südsudan bis nach Somalia - herrschen entweder Bürgerkrieg oder terroristische Organisationen machen ganze Landesteile unsicher. In diesen Ländern erfüllt der Staat seine grundlegenden Aufgaben nicht. Gesundheitsversorgung, Bildung oder Sicherheit sind für viele Bürger ein Fremdwort. Stattdessen bereichert sich eine kleine Elite an den oft beachtlichen Reichtümern.

Trotzdem kamen die Reporterteams auch mit hoffnungsvollen Geschichten zurück. Somalia zum Beispiel hat seit Anfang des Jahres eine neue Regierung - nach mehr als 20 Jahren Bürgerkrieg. Viele Beobachter sind zumindest vorsichtig optimistisch. Und überall trafen die Reporter auf Menschen, die in Ausnahmesituationen über sich hinauswachsen und einfach nicht aufgeben. Der Mensch ist eben nicht nur die Ursache des Hungers, er ist auch die Lösung. ...


Aus: "Afrika - DW Special: Warum Afrika hungert" Jan-Philipp Scholz  (21.10.2017)
Quelle: http://www.dw.com/de/dw-special-warum-afrika-hungert/a-40966100

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[Armut... (Notizen)]
« Reply #217 on: Dezember 21, 2017, 03:00:40 nachm. »
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[...] Immer mehr Rentner in Deutschland versorgen sich bei Tafeln mit Lebensmitteln. In den letzten zehn Jahren habe sich ihre Zahl verdoppelt, teilte der Bundesverband der Tafeln mit. "Fast jeder vierte Tafelkunde ist mittlerweile Rentner. Das sind in etwa 350.000 Menschen", sagte der Verbandsvorsitzende Jochen Brühl der Neuen Osnabrücker Zeitung. Insgesamt versorgen die rund 900 Tafeln nach eigenen Angaben bis zu 1,5 Millionen Menschen regelmäßig mit Lebensmitteln.

Für den Bundesverband der Tafeln ist die steigende Zahl der hilfebedürftigen Senioren ein Zeichen für die zunehmende Altersarmut. Gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung forderte Brühl von der Politik eine ernsthafte Bekämpfung der Armut. Denn diese sei für ihn ein Nährboden für das Gefühl, abgehängt zu sein, "und damit letztlich auch Wegbereiter des Extremismus". Der Verbandschef kritisierte zudem, dass die Politik sich nur im Wahlkampf für die Tafeln interessiere. Laut ihm werden die Tafeln zukünftig nicht mehr für "schöne Bilder" mit Politikern herhalten.

Auch Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbandes VdK Deutschland, kritisiert die zunehmende Altersarmut. Sie sagte gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung: "Wenn 350.000 Senioren regelmäßig darauf angewiesen sind, bei den Tafeln für kostenlose Lebensmittel anzustehen, dann ist das ein deutlich sichtbares Signal dafür, dass die Altersarmut auf dem Vormarsch ist." Dem Sozialverband zufolge beziehen Ende dieses Jahres rund 522.000 Personen Leistungen der Grundsicherung im Alter. Ende 2006 hatte diese Zahl laut VdK noch bei rund 371.000 gelegen.

Besonders betroffen sind laut Ulrike Mascher Frauen sowie Erwerbsminderungsrentner, die hohe Abschläge auf ihre Rente zahlen müssen. Neben der Lebensmittelversorgung werden auch die hohen Mieten zunehmend ein Problem für viele Rentner. "Wir brauchen eine Kehrtwende in der Wohnungspolitik. Der soziale Wohnungsbau muss oberste Priorität haben", sagte die VdK-Präsidentin. Laut ihr müsse das Rentenniveau auf 50 Prozent angehoben und Kürzungsfaktoren in der Rentenformel abgeschafft werden, "damit die Renten wieder parallel zu den Löhnen steigen". Außerdem verlangte Mascher erneut eine Abschaffung der Abschläge für Erwerbsminderungsrentner sowie einen Freibetrag von monatlich 200 Euro in der Grundsicherung.

Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung stehen die meisten Rentner allerdings relativ gut da. Laut ihren Zahlen erhalten rund 404.000 Personen zusätzliche Leistungen der Grundsicherung im Alter. Ein Sprecher der Rentenversicherung sagte gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung, dass mehr als 97 Prozent der Rentner über mindestens so viel Einkommen verfügen, dass sie keine ergänzende Grundsicherung beziehen müssen. Selbstständige mit oft unstetigen Erwerbsbiografien, Erwerbsgeminderte, Langzeitarbeitslose und Niedrigverdiener haben laut Rentenversicherung ein erhöhtes Armutsrisiko im Alter.



Aus: "Deutlich mehr Rentner versorgen sich bei Tafeln" (21. Dezember 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-12/altersarmut-gesetzliche-rentenversicherung-tafeln-jochen-bruehl

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[Armut... (Notizen)]
« Reply #218 on: Mai 16, 2018, 12:22:00 nachm. »
Quote
[...] Porträt Bettina Kenter-Götte hatte als Schauspielerin einen guten Start in die Karriere. Dann wurde sie Mutter. Jetzt legt sie ein Buch über ihr Leben mit Hartz IV vor

... 1951 kam ich zur Welt, in einer Theaterfamilie, zwei Jahre nachdem die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Grundgesetz gegen große Widerstände verankert worden war. Vor mir waren da: der Papà, ein angesehener Regisseur, die Mamà mit meiner älteren Halbschwester, und die Kriegerwitwe, die als Kindermädchen kam und Teil der Familie wurde. Mamà, klug, schön und selbstbestimmt, gab die Schauspielerei auf, um den Künstlerhaushalt zu managen. Für Führerschein und Bankgeschäfte brauchte sie noch die Unterschrift „des Ehemannes“. Theaterleute sind Reisende. Von Wiesbaden zogen wir nach Essen, von Essen nach Stuttgart.

Willy Birgel, Maximilian Schell und Inge Meysel gingen bei uns ein und aus; ich wuchs in den Beruf hinein – und früh hinaus aus dem Elternhaus. Nach dem Abitur – mein Vater war über 70 (die Rente unzulänglich, der „Ehrensold“ schmal, er arbeitete noch) – sollte und wollte ich schnell auf eigene Beine und (damals noch ungewöhnlich) auch ins Ausland. So stand ich schon ein Jahr später auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Zehn gute Berufsjahre folgten; nichts deutete auf ein prekäres Leben hin. Doch dann, 1980, begann eine andere Geschichte, wie Tausende Frauen sie in tausend Varianten erleben.

Wie es dazu kam? Zu jener Zeit bekam eine ledige Frau, ein Fräulein also, noch nicht immer und überall problemlos ein Rezept für „die Pille“. Das war eine Hormonbombe mit üblen Nebenwirkungen, jedoch das Sicherste, denn Männer mischten sich überall ein, nur in Verhütungsfragen nicht. Eine Zeit lang glaubte ich, die Entscheidung zum Überraschungskind sei meine gewesen; später wusste ich: Das Leben hatte schon längst entschieden. Doch ich würde, wie viele andere Frauen, allein sein mit dem Baby. Bald musste ich Rollenangebote absagen: Der Bauch wuchs – und mit ihm die Ängste. Sechs Wochen „Mutterschutz“ würden mich schützen und dazu (neu!) vier Monate „Mutterschaftsurlaub“. Und dann?

Frühjahr 1981: Mit einem süßen Bündelchen Mensch im Arm wandelte ich durch blühende Isarauen – und bald auch durch die nach kaltem Rauch stinkenden Flure des Sozialamts. An Arbeit war nicht zu denken; Schauspielende sind Reisende. Immer im Einsatz. Krippen gab es kaum, und sie hätten mir auch nichts genützt. Singlemamas, sofern nicht vermögend, hatten damals kaum eine andere Wahl, als eine Berufspause einzulegen und Sozialhilfe zu beantragen. Ich war nicht vermögend. Immerhin, ich war sorgeberechtigt; elf Jahre zuvor hätte noch ein „Amtsvormund“ über mich und mein Kind bestimmt, doch jetzt, 1981, kam nur ab und zu die Amtspflegerin vom Jugendamt unangemeldet reingerauscht, um nachzusehen, ob das „uneheliche Kind“ auch ordentlich gewickelt war. Ja klar, als „ledige Mutter“ wurde ich täglich diskriminiert, aber ich hatte keine Zeit, mich zu ärgern; ich hatte genug damit zu tun, beim Amt Heizkosten und Waschmaschinenreparatur zu erstreiten und mein Kind in den Schlaf zu singen.

Auch heute sind 40 Prozent der Alleinerziehenden (zu 90 Prozent Frauen) auf ALG-II-Leistungen angewiesen. (Alimente und Kindergeld werden davon abgezogen.) Nicht Arbeitslose, sondern Singlemütter, „Aufstocker“, KünstlerInnen, Behinderte, Erwerbsgeminderte, pflegende Angehörige, Alte und Kinder bilden den Hauptteil der „Grundgesicherten“ oder „Hartzer“. Die Mütter von damals erhalten nun eine Durchschnittsrente von 600 Euro; Frauen sind noch immer die Deppen der Nation.

Während mein Kind im Kindergarten den Ententanz übte und ich mir beim Ausfüllen von Unterhaltstiteln und Beihilfen einen Tennisarm zuzog, stand die Welt am Rand des Atomkriegs und blieb nur verschont, weil ein Russe einen Befehl verweigerte. Ich begann zu schreiben, bekam einen Preis dafür, und wagte mich, als meine Tochter drei war, wieder auf die Bühne. Bei der Premiere lag das plötzlich erkrankte Kind fiebernd auf einem Kostümhaufen in der Garderobe, die Babysitterin war auf Reisen. Zwischen zwei Auftritten habe ich die kleine Stirn gekühlt, in der Pause Wadenwickel angelegt. Ich gab die Schauspielerei auf.

Nun war ich Mutter – eine andere, ebenso schöne Realität. Sie musste nur finanziert werden. Mit Unterstützung aus der Branche wurde ich Synchronschauspielerin (und sorgte nebenbei dafür, dass – nach Tschernobyl – der Sandkastensand in der Kita ausgewechselt wurde; dabei wurde mir klar, dass wir unsere Kinder vor den ärgsten Gefahren nicht schützen können). München war Synchronhochburg, Studiozeiten lassen sich mit Kita, Hort und Babysitterin abdecken. Ist das Kind krank, lässt Mama Termine und Geld sausen, und sie wird tunlichst nicht selbst krank. Im Lauf der Jahre habe ich vielen Stars meine Stimme geliehen. Joanna Johnson in der Serie Reich und Schön war die Erste in der Reihe.Also gerettet; so schien es. Doch infolge sinkender Honorare, lückenhafter Alimente und der Entmietung durch einen Immobilienhai waren die Lebenshaltungskosten Mitte der 90er Jahre kaum noch zu stemmen. Meine Arbeitszeit betrug oft 80 Wochenstunden. Nicht mitgerechnet das bisschen Haushalt, Muttersein, Organisation und Fortbildung. Inzwischen war ich auch als Synchronbuchautorin gefragt, verfasste deutsche Dialogbücher; die sind wichtig: Sprecher und Sprecherinnen brauchen im Studio eine lippensynchrone Übersetzung des Films, das „Synchronbuch“. Nachdem ich den entsprechenden Gerätepark (Monitor, PC, Fax und Kopierer) gekauft hatte, „checkte“ ich Filme und Serien familienfreundlich daheim im Kellerbüro. Also, mal wieder gerettet. 2002, die Tochter hatte ihr Abi schon in der Tasche und war als Studentin unterwegs, meist im fernen Ausland. Nach der Kirch-Media-Pleite brach die Branche ein. Um der schlechten Auftragslage zu begegnen, wurde ich Teil der Künstlergruppe auf einem Fünf-Sterne-Kreuzfahrtschiff und gelangte so ans Nordkap. Doch dann wurde ich krank. Nach zwei Jahren Kranksein waren meine Rücklagen weg und ich fand mich als „Aufstockerin“ bei Hartz IV und der Armentafel wieder.

Kein Einzelfall. Freie Bühnen- und Medienschaffende haben kaum je Anspruch auf „ALG I“. Und der Schauspielberuf ist teuer. Wiederholungs- und Castinghonorare, Zuschüsse für Fotos und Vorsprechreisen sind längst gestrichen. Kleintheater – wichtige Arbeitgeber für „Freie“ – können selten mehr als 50 Euro pro Vorstellung zahlen; für Probenzeiten, Sozialversicherung und im Krankheitsfall gibt’s da kein Geld. Die Gage für einen Drehtag muss weit mehr abdecken als Tage fürs Textlernen und Wochen oder Monate zwischen zwei Engagements.

Die Kosten für Agentur, doppelte Haushaltsführung, Altersvorsorge, für Porträtfotos, Outfit und Internetpräsenz sind nicht leicht zu stemmen. Frauen – wie immer – trifft es am härtesten. Sie werden – auch hier – schlechter bezahlt als Männer und haben noch weniger zu tun: In jungen Jahren kommen auf eine Frauen- zwei Männerrollen, jenseits der 50 ist das Verhältnis 1:8. Die alte „Arbeitslosenhilfe“ gibt es nicht mehr. Selbst bekannte Fernsehgesichter sind deshalb nun mitunter auf ALG II/Hartz IV angewiesen. Doch Armuts-Outing ist nicht auftragsfördernd, Armut selbst im Kollegenkreis tabu. Manche hungern und frieren, aus Stolz, aus Scham, aus Furcht vorm Amt. Ich ging hin; doch nach elf fehlerhaften Bescheiden, zehn Widersprüchen und einer Sanktion wurde mir klar: Hartz IV bekämpft nicht die Armut, sondern die Armen.

Darüber schrieb ich ein Theaterstück. Und ich nahm, nach 25 Jahren, die Theaterarbeit wieder auf, reiste mit dem Stuttgarter Theater tri-bühne nach Afrika, zu einem Gastspiel am Teatro Avenida in Maputo, Schauplatz eines Romans von Henning Mankell, dem Leiter des Theaters. Das Hartz-Grusical wurde 2011 mit dem Stuttgarter Autorenpreis prämiert. Seither setze ich mich für die Enttabuisierung der Armut ein. Indem ich mich als arm geoutet habe, wollte ich andere ermutigen, das auch zu tun. Wir brauchen (auch!) ein #me-too der Armutsgeschändeten, damit sichtbar wird, wie viele betroffen sind und wie schwer. Was sich ändern muss? Schluss mit Paradise Papers, Cum-Ex, Vorstandsmilliarden, Schluss mit Zwangsverarmung und Armenbashing! Löhne, Renten, Regelsätze rauf, Herz statt Hartz, gut entlohnen statt Sanktionen, Kinder- und Elterngeld auch für die Armen, Anstandsgebot statt Abstandsgebot! Wann begreifen wir endlich, dass jede neue Idee der Hartz-Architekten wieder nur das ist, was der verurteilte Straftäter Peter Hartz über sein eigenes Werk sagte: „Ein Fehler, ein Betrug.“ Kein Schwuler, keine andere Minderheit dürfte mehr so diskriminiert werden wie die Armen. Spahn und Scholz und Co.: Ab zum Hartz-IV- und Tafelpraktikum! Danach hält der Gesundheitsminister ein Kinderfuttergeld von 2,99 pro Tag hoffentlich nicht mehr für ausreichend und gesund.

Selbst für JournalistInnen ist es schwierig, Einblicke in die Realität von Hartz IV zu erhalten. Wer nicht betroffen ist, hat keinen Zutritt zu dieser Schreckenskammer der Gesellschaft – und wer dort ist, verliert die Sprache: Schockstarr kämpfen Betroffene ums tägliche Überleben, wohl wissend, dass kaum jemand ihren Geschichten Glauben schenken würde, denn sie sind fürwahr unglaublich.  ... Selbst schwangere Frauen werden „sanktioniert“. Sie können wegen Stromsperren nach Leistungskürzungen ihren Babys kein Fläschchen mehr warm machen. Ich wollte die unglaublichen Geschichten erzählen und schrieb ein Buch, wie das Alltagsleben mit Heart’s Fear wirklich ist: erniedrigend, bedrohlich, bedrückend, aussichtslos, existenzgefährdend, absurd – und mitunter auch komisch. Während einer „Aufstock“-Phase, nach einer auswärtigen Autorenlesung, musste ich mir das Geld für die Heimfahrt leihen, von einer Zuschauerin.

Das habe ich nicht mehr zu befürchten. Ich bin der Martermühle entronnen, bin wieder gesund, habe gut zu tun und viele Ideen, bekomme inzwischen auch Rente – und vor drei Jahren habe ich geheiratet. Meine kleine Enkelin (damals zwei) hat Blumen gestreut; ihr dabei zuzusehen, an diesem Tag, war für mich ein Triumph der Liebe über eine skrupellose Gesellschaft.

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Lethe | Community


Die Phantasie vieler Menschen reicht nicht an die Realität heran; wo doch, wollen viele trotzdem nicht daran erinnert werden, wie nahe sie selbst dem Abgrund sind. Und ein unentwegtes Trommelfeuers journalistischer Schönfärberei - z.B. durch unreflektierte Übernahme "offizieller" Statistiken und "offiziellen" Sprachgebrauchs - erzeugt eine Distanzschicht, durch die kein Mitgefühl dringt; selbst die Neugierde, zu sehen, was sich hinter der Hochglanzfassade verbirgt, wird unterbunden.


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Richard Zietz | Community

Guter Bericht, direkt von der Freiberufler(innen)-Elendsfront 2018.


...


Aus: "„Nichts deutete auf ein prekäres Leben hin“" Bettina Kenter-Götte (Ausgabe 15/2018)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/nichts-deutete-auf-ein-prekaeres-leben-hin

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« Reply #219 on: Juni 23, 2018, 12:13:30 nachm. »
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[...] Laut einer Auswertung der EU-Statistik SILC haben Arbeitslose in Deutschland oft zu wenig Geld, um sich Essen zu kaufen. 30 Prozent der Erwerbslosen hierzulande – 837.000 Personen – hatten demnach im Jahr 2016 Schwierigkeiten, jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit zu bezahlen. In der Gesamtbevölkerung lag der Anteil bei 7,1 Prozent. Die Zahlen gehen aus einer Sonderauswertung der SILC-Umfrage durch das Statistische Bundesamt hervor, die der Passauer Neuen Presse vorliegt.

Laut der Umfrage leiden Erwerbslose an weiteren Entbehrungen: 18,4 Prozent, das sind 519.000 Personen, gaben an, ihnen habe das Geld gefehlt, ihre Wohnung angemessen zu heizen, heißt es weiter.

In der SILC-Umfrage über Einkommen und Lebensbedingungen in Europa wurde auch erhoben, was unerwartete Ausgaben in Höhe von mindestens 985 Euro für die Haushalte bedeuten. Hier gaben 2,27 Millionen Erwerbslose (81,5 Prozent) an, dies nicht aus eigenen Finanzmitteln bestreiten zu können. In der Gesamtbevölkerung lag der Anteil bei gut 30 Prozent.

"Die Befunde sind für den Sozialstaat Deutschland im wahrsten Sinne ein Armutszeugnis", sagte die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linken-Bundestagsfraktion, Sabine Zimmermann. Seit den Hartz-Reformen werde die soziale Sicherung für Erwerbslose überwiegend Hartz IV überlassen. Die Politikerin forderte, Hartz IV durch eine sanktionsfreie Mindestsicherung zu ersetzen.

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ehemalige SPD-Stadträtin
#1  —  vor 6 Stunden 146

"Die Befunde sind für den Sozialstaat Deutschland im wahrsten Sinne ein Armutszeugnis"

Deutschland ist für viele Menschen keine "reiches Land" und ihr Leben ist prekär.


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IrgendsoenTyp #12  —  vor 5 Stunden 1

Na ja, irgendwo wird sich schon eine Statistik finden lassen auf deren Basis unsere "Volksvertreter" dies begründen können. Es braucht in Wirklichkeit ja auch keine Tafeln. ...


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V12Ökodiesel #14

Lassen Sie sie sich nicht in die Irre führen. Die "Auswertung der EU-Statistik SILC" ist tatsächlich eine UMFRAGE.


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Manfred der Erste #14.1

Sie glauben das also nicht! Wo leben sie? Machen sie doch einfach mal die Augen auf. Wenn sie dann in der Lage sind, diesen Teil den man schon offen sieht hochrechnen zu können, werden sie zu einem erstaunlichen Ergebnis kommen.


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IrgendsoenTyp #17

Was? Man kann sich mit 4,-€ am Tag nicht gesund und nachhaltig ernähren? Das hatte ja niemand absehen können. Der Zynismus kennt keine Grenzen. Während man Familien wie den Quandts ihr auf Räuberei basierendes Vermögen nicht antasten darf, bieten sich Menschen die nur das nötigste besitzen anscheinend umso besser an.
Der einzige Grund hierfür ist der, dass sie sich nicht wehren können. Man holt es dort, wo die Gegenwehr am geringsten ist. Parteien wie die FTP, aber auch Teile der CDU und mittlerweile auch der SPD (unvergessen: "Der Boss der Bosse") trällern dieses Lied in aller Öffentlichkeit schon seit Jahren.
Wer offenen Auges die Situation betrachtete, sah dies schon seit Langem. Ein Kind kann das oft schon überblicken. Ein hochgebildeter und gestandener Politiker anscheinend nicht. (Wehe dem der des Kaisers neue Kleider nicht sehen will) Wir verspielen offenen Auges unsere Zukunft durch Tatenlosigkeit und wenn wir uns regen kommt so etwas wie die AFD dabei heraus.


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dongerdo #18

Spätrömische Dekadenz halt.....


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gaffel #21

Ich kenne HartzIV Empfänger und Gleichgestellte, die (auch mit Kind) sich gesund ernähren, warm (und gemütlich) wohnen. Es ist wohl eher eine Frage, wofür das zugegeben knapp bemessene (aber geschenkte) Geld ausgegeben wird. Die Eigenverantwortung kommt mir bei diesem Sozialstaatsgelaber zu kurz! Versorgungsmentalität schafft Opferdenken und Abhängigkeit. Das ist würdelos. Und das Ergebnis basiert auf einer Umfrage, also auf subjektiver Wahrnehmung und nicht auf Fakten. Wer da immer gleich drauf hüpft, sollte seine Identifikation hinterfragen... auch Opfer von irgendwem????


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Lilly.K #31

Ich lebe mittlerweile in einem Land ,in dem 95% der Lohn und Einkommenssteuer von 50% der Arbeitnehmer bezahlt wird. Ich nenne das Abschaffung der Mittelschicht,die diesen Sozialwahn zu bezahlen hat und ansonsten gefälligst nach mehr Sozialleistungen für die Hartz iv Empfänger zu rufen hat, offene Grenzen fordern soll damit noch ein paar Millionen in den " Genuss" des arbeitsfreien Lebens kommen. Ein Sozialstaat ohne Grenzen kann nicht existieren, darüber sollte sich jeder im klaren sein. Ich kenne einige Hartz iv Empfänger und es ist eine Tatsache, dass es denen nicht schlechter geht als mir. Von dem was ich mehr verdiene,geht ein Teil für das Auto drauf das ich brauche um 50 Std/ Woche zur Arbeit zu kommen,der Rest wird gespart für einmal Urlaub im Jahr.


Quote
Tordenskjold #31.4

"Sozialwahn"...

Ich wünsche Ihnen eine Phase der Arbeitslosigkeit. Dann werden Sie sehen, wieviel "Sozialwahn" es noch gibt.

Aber sie lassen sich mit ihrem geringen Einkommen schön ausspielen, gegen diejenigen, die noch weniger haben als Sie.
Statt zu fordern, dass Sie endlich fair entlohnt werden und den Ärmsten ein Minimum gegeben wird, wollen Sie den Ärmsten am liebsten noch was wegnehmen.

Über Leute wie Sie freuen sich Weidel und Lindner. Beide bestens bezahlte Fürsprecher der Reichen, die in Ihren Betrachtungen interessanterweise gar nicht vorkommen.

Raten Sie mal, wo das ganze Geld bleibt, dass Sie eigentlich für Ihre Arbeit bekommen sollten? Ich gebe Ihnen eine Tipp: Die Armen haben es nicht.


Quote
Gafivogoma #69

Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und differenziert. Danke, die Redaktion/sq


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Tordenskjold #69.1

Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde bereits entfernt.


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OF-am-Meer #64.2

... “Traurig, wie sich Geringverdiener gegen die Arbeitslosen ausspielen lassen. Schade, dass die fiesesten Kommentare der Sozialneider gerade gelöscht wurden.“

Das ist billigste Hetze gegen eine anonyme Masse, die Sie “Geringverdiener“ nennen.

Ich versichere Ihnen, das bringt niemanden weiter. Und konstruktiv ist es auch nicht, noch eine Front aufzumachen. Es muss endlich die Spaltung der Gesellschaft aufhören.

“Kaum einer fragt wo das Geld eigentlich bleibt, dass den Menschen mit geringem Einkommen fehlt. Man vermutet, dass es bei den Arbeitslosen und den Flüchtlingen landet. Auf den Gedanken, dass seit Jahrzehnten von unten nach oben verteilt wird, kommt kaum jemand.“

Das weiß eigentl. jede/r mit ein wenig Grips. Und was wählen die Leute?


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Ettigirbnichlam #73

Ich hoffe, dass der Tenor der Kommentare nicht bezeichnend ist für die Mehrheitsmeinung im Land.
Es kommen ganz viele Kommentare, dass ja immer noch Geld für Zigaretten, Alkohol, teure Handys usw. da ist.
Das Problem, dass das wahrscheinlich tatsächlich oft der Fall ist, liegt doch darin, dass diese Menschen es von einer Generation zur anderen einfach nicht erlernt haben, wie mit Geld richtig umgegangen wird.
Es wird in diesen Tagen viel von Integration geredet, dieses Klientel wird sich teilweise selbst überlassen.
Ich habe im Moment auch keine Idee, wie man , ohne den Eindruck der Bevormundung zu erwecken, dort eingreifen und helfen könnte.

Im übrigen sei gesagt, dass jeder, wirklich jeder , durch Umstände, die er nicht für möglich hält, in die Situation kommen kann , auf sehr wenig Geld angewiesen zu sein.

Ein Riesenproblem werden in der Zukunft die Armutsrentner sein. ...


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Sabadell05 #76

Die Zeit hat meinen Hinweis, dass zehn Jahre lang kein Geld für Hartz IV Empfänger da war, jetzt aber Milliarden für Migranten, wegzensiert.

„Das gehöre nicht zum Thema“

Doch, tut es ! - Hört auf, Kritik zu zensieren, ihr tut eurer Zeitung und der Demokratie im Lande keinen Gefallen damit !


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woherwohinwarum #76.1

Es waren auch Milliarden für die Bankenrettung da. Ist aber einfacher, nach unten zu treten, da haben Sie Recht.

Die Studie hier ist übr. über den Stand von 2015 - vor den offenen Grenzen.


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FrauComments #87

Eine gute Freundin von mir bezieht seit Jahren Harz IV und sie hat immer genug zu essen und sie hat es auch warm und sie hatte eine nette kleine Wohnung in einem netten Stadtteil und und und.......natürlich lebt sie nicht in Saus und Braus aber sie hat wirklich alles und es mangelt ihr an nichts! Vielleicht ist sie auch die einzige große Ausnahme.


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Megatron187 #87.1

Kennste eine, kennste alle... Kopf --> Tisch


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ahlibaba2 #88

Ich erinnere mich da an SPD-Muentefering, wie er einmal die Parole ausgab, wer nicht arbeite, solle auch nicht essen.
Offensichtlich hat die SPD ihr Menschenbild mit ihrer Hartz-Agenda erfolgreich umgesetzt.


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tb1997 #104

Auch wenn es vielleicht dem ein oder anderem Kommentator nicht gefällt, aber könnte es evtl. auch sein, dass diese Leute einfach nie gelernt haben mit Geld umzugehen? Das sie nie gelernt haben, sich selber eine Mahlzeit zu zu bereiten, sondern immer auf teure Fertiggerichte angewiesen sind? Und dies hat noch nicht einmal etwas mit H-IV zu tun. Ich kann mich noch gut an den Aufschrei der Sozialgemeinde erinnern, als zwei Kölner H-IV Empfänger ein Kochbuch herausgebracht habe, genau für das Budget von H-IV Empfängern. Und noch ein Wort zum heizen. Ich kannte mal ein Mehrfamilienhaus, in dem nur H-IV Empfänger gewohnt haben. Die Fenster waren noch einfach Verglast, und man konnte einfach nicht dagegen anheizen. Aber statt den Vermieter in die Pflicht zu nehmen, wurde die Heizung voll aufgedreht, und es wurde trotzdem nicht richtig warm. Auch hier ist der H-IV Empfänger wieder selber das Problem, bzw. seine Unfähigkeit. Und ja, nicht alle sind Unfähig, aber auch nicht alle frieren, oder essen nur Fertiggerichte.


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Geigerzähler #104.1

Kippen und Alk kosten halt auch noch.

Bekannte von mir sind zwar keine H4 Empfänger aber Geringverdiener.
Wenn der Lohn drauf ist wird erstmal dick eingekauft. Statt planvoll. Dazu 2-3 Kästen Bier die Woche und 1 Schachtel Kippen am Tag. Neues Handy muss ja auch immer sein ( freilich ohne Hülle und nach 1-2 Monaten ist es kaputt...).

...


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Ball_flachhalten #104.5

Sie haben ihre Vorurteile gut verinnerlicht.
RTL plus wirkt.


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Geigerzähler #109

Ich kann auch 3000 Euro netto verdienen und mir keine vollwertige Mahlzeit leisten.
Koks, Nutten, Glücksspiel und den Rest halt verprassen.


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St.Expeditus #117

... FertigGerichte gibt es ab 1.99 in guter Qualität und großer Aunwahl.
Da muss niemand hungern und selbst kochen. geht noch billiger.


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Ball_flachhalten #117.1

Genau Hartz IV kürzen. .... *sarkasmus*


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Harrogate #119

Ich bin echt baff. Es gibt immer mehr Millionäre und Milliardäre in Schland, die sich mit Hilfe des Staates die Taschen auf Kosten der Steuerzahler füllen und hier wird den untersten Schichten der Gesellschaft auch noch der letzte Pfennig fürs Essen vorgerechnet. Ekelhaft.
Die oberen Kasten bekommen es immer wieder hin mit dem Finger auf die bösen Sozialbetrüger, Flüchlinge zu zeigen, die Leute glotzen hin, regen sich auf und gleichzeitig wird ihnen tief in die Taschen gegriffen.

Da kann man nur schreien " Wacht auf ihr Deppen! "


...


Aus: "Vielen Arbeitslosen fehlt das Geld für Essen" (23. Juni 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-06/armut-arbeitslose-essen-mahlzeit-geld

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« Reply #220 on: August 20, 2018, 10:49:54 vorm. »
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[...] Kaum jemand ahnte, was genau auf Griechenland zukam, als am 23. April 2010 der damalige Premierminister Giorgos Papandreou in einer Fernsehansprache vor der malerischen Hafenkulisse der kleinen Insel Kastelorizo einen Offenbarungseid leistete. An den Finanzmärkten bekam der hoch verschuldete Staat kein Geld mehr. Griechenland stand vor der Pleite. Papandreou verglich das Land mit einem „sinkenden Schiff“. Das SOS wurde gehört. Innerhalb einer Woche stellten die Eurostaaten und der Internationale Währungsfonds (IWF) Kredite von 110 Milliarden Euro bereit, um Griechenland finanziell über Wasser zu halten.

Achteinhalb Jahre und drei Kreditpakete später ist die Gefahr des Staatsbankrotts gebannt. Aus einem Haushaltsdefizit von 15,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2009 wurde 2017 ein Überschuss von 0,8 Prozent. Kein anderes Euro-Krisenland hat bei der Haushaltskonsolidierung so beeindruckende Erfolge erzielt wie Griechenland.

Aber um welchen Preis: Der Sparkurs, den die Athener Regierungen auf Geheiß der Gläubiger steuern mussten, trieb die Griechen in die tiefste und längste Rezession, die ein europäisches Land in Friedenszeiten durchzumachen hatte. Die Wirtschaftsleistung schrumpfte um mehr als ein Viertel. Zehntausende Firmen gingen in Konkurs. Die Einkommen fielen um durchschnittlich ein Drittel, die Arbeitslosenquote stieg von 7,5 auf 27 Prozent. Das Arbeitslosengeld – 360 Euro für einen Single, 504 Euro für eine vierköpfige Familie – wird in Griechenland maximal ein Jahr lang gezahlt.

Eine Grundsicherung wie Hartz IV gibt es nicht. Von der Arbeitslosigkeit ist es deshalb oft nur ein kleiner Schritt in die Obdachlosigkeit.

Makis weiß das. „32 Jahre bin ich zur See gefahren“, sagt der 61-Jährige. „2013 ging die Reederei in Konkurs, seitdem bin ich arbeitslos – keiner nimmt einen Seemann in meinem Alter.“ Als die Ersparnisse aufgebraucht waren, verlor er seine Wohnung. Jetzt lebt er als Obdachloser am Hafen von Piräus. In vier Jahren hofft er auf eine Rente. „Viel wird es nicht sein“, sagt Makis, „aber hoffentlich genug für ein Dach über dem Kopf.“ Auf dem Papier hat Griechenland die Krise hinter sich gelassen. Seit 2017 wächst die Wirtschaft endlich wieder, wenn auch schwach. Die Arbeitslosenquote ist auf 19,5 Prozent gesunken. Aber das sagt wenig, denn immer weniger Menschen haben Vollzeitjobs. Von den 1,7 Millionen Beschäftigten in der Privatwirtschaft arbeitet jeder Dritte in Teilzeit – für durchschnittlich 394 Euro netto im Monat. Diese Teilzeitarbeiter haben kaum eine Chance, nennenswerte Rentenansprüche zu erarbeiten. In Griechenland tickt eine soziale Zeitbombe: „Ich befürchte eine Explosion der Armut“, sagt Ökonomieprofessor Savvas Robolis.

Schon jetzt leben viele Rentner unter der Armutsgrenze. Nach 22 Rentenkürzungen beträgt die durchschnittliche Pension 723 Euro. Jeder vierte Rentner muss mit weniger als 372 Euro im Monat auskommen. Und weitere Abstriche stehen bevor: Zum 1. Januar 2019 werden die Renten erneut um bis zu 18 Prozent gekürzt, 2020 sinkt der Grundfreibetrag in der Einkommenssteuer von heute 8636 auf 5685 Euro. Auch nach dem Ende der Kreditprogramme geht also der Sparkurs weiter.

Erwin Schrümpf ist besorgt: „Ich denke, die menschliche Krise wird sich in den nächsten Jahren noch dramatisch verschärfen, die Menschen werden noch mehr leiden und hungern als bisher.“ 2012 gründete der Salzburger seinen Verein Griechenlandhilfe. Inzwischen haben Schrümpf und seine 40 Mitarbeiter rund 430 Tonnen Hilfsgüter nach Griechenland gebracht. „Anfangs waren es vor allem Medikamente und medizinisches Zubehör, inzwischen bringen wir auch Babynahrung und Hygieneartikel“, berichtet der 53-Jährige. „Manche Familien haben nicht einmal Geld, um den Kindern eine Zahnbürste oder Schulhefte zu kaufen, in Behindertenheimen fehlt es sogar an Wasch- und Putzmitteln.“ Schrümpf sagt: „Die Not wird nicht kleiner, sondern größer.“

Wer kann, der geht: Rund 500 000 Griechen sind während der Krise ausgewandert, überwiegend Akademiker und gut ausgebildete Fachkräfte. „Die meisten sind nicht vor Arbeitslosigkeit und Not geflohen, sondern vor dem ‚System Griechenland‘ – der Vetternwirtschaft, dem politischen Stillstand und der gesellschaftlichen Apathie“, sagt Nikos Stampoulopoulos. Der Filmemacher wanderte 2009 nach Amsterdam aus, kehrte 2014 nach Athen zurück. Der 48-Jährige betreibt die Webseite „Nea Diaspora“, auf der sich Auslandsgriechen vernetzen und austauschen können. An eine Rückkehr dächten die wenigsten, sagt Stampoulopoulos. „Griechenland hat in den vergangenen Jahren Hunderttausende seiner besten Talente verloren. Dieser Exodus ist die schlimmste Langzeitfolge der Krise.“


Aus: "Griechenland „Die Menschen werden noch mehr leiden“" Gerd Höhler (20.08.2018)
Quelle: http://www.fr.de/wirtschaft/griechenland-die-menschen-werden-noch-mehr-leiden-a-1566011,0#artpager-1566011-1


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« Reply #221 on: November 08, 2018, 09:32:45 nachm. »

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« Reply #222 on: Mai 29, 2019, 11:56:22 vorm. »
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[...] Kris Thomas hat Hunger. Und zwar von der Art, die schwach macht und krank. Die Menschen vernichten kann.

Thomas ist 27 Jahre alt, er möchte arbeiten, er hat zwei Kinder, für die er sorgen will. Er hat ein Anrecht auf staatliche Unterstützung. Doch im Großbritannien des Jahres 2019, dem nach Schätzungen des "Global Wealth Reports" der Bank Credit Suisse fünftreichsten Land der Welt, reicht das alles nicht mehr.

Und so betritt Thomas mit einer leeren Sporttasche in der Hand den niedrigen Vorraum der Bridgeway-Hall-Methodistenkirche in Nottingham und setzt sich mit gesenktem Kopf an einen Tisch. Um ihn herum Männer in zerschlissener Kleidung.

"Was ist der Grund für Ihren Besuch?", fragt eine Frau in grüner Schürze, nachdem sie sich zu Thomas gesetzt hat. Sie ist ehrenamtliche Mitarbeiterin der Tafel in Nottingham, einer gemeinnützigen Organisation, die übrig gebliebene Lebensmittel kostenlos an Bedürftige verteilt.

Als Thomas aufschaut, um ihr seinen pinkfarbenen Berechtigungsschein zu geben, wird in seiner Halsbeuge ein Tattoo sichtbar: Stacy, der Name seiner Freundin. Sie und ihre gemeinsamen Kinder Cleo und Kaydn, zehn und acht Jahre alt, sitzen auch da. Sie sind es, um die sich Thomas am meisten Sorgen macht.

Er antwortet: "Das Jobcenter hat uns sanktioniert und unser Geld gestrichen, obwohl wir zwei Bewerbungsgespräche hatten." Die Frau in der grünen Schürze schüttelt den Kopf. "Das ist ein Albtraum", sagt sie. "Reden Sie gar nicht erst weiter, sonst rege ich mich wieder auf."

Thomas nickt und sagt, dass es ihm das Blut zum Kochen bringt, wenn er darüber nachdenkt. Dabei ist er keine Ausnahme. Wie ihm geht es Millionen von Briten. Hunger grassiert auf der Insel. Arbeiter, Arbeitslose, Kinder - 14 Millionen Menschen im Land gelten inzwischen als arm, für mehr als die Hälfte davon ist es ein täglicher Kampf, den Kühlschrank zu füllen. Mehr als vier Millionen Kinder sind betroffen.

Seit 2008 ist die Zahl der Tafeln von 29 auf 2000 gestiegen, Hunderttausende Menschen nutzen sie. Die Folgen der Mangelernährung: Schüler lernen schlechter, Eltern werden kränker, die Alten sterben früher.

Der Grund dafür liegt ein Jahrzehnt zurück. 2008 crashten die Banken. Die britische Regierung stellte 500 Milliarden Pfund für deren Rettung bereit, aber schon bald darauf titelte das "Time-Magazine": "Schneller als sie begann, ist die Bankenkrise vorbei". Die Gewinne in den Finanzhäusern sprudelten wieder, die Aktien stiegen. Kurz darauf peitschte die neugewählte konservativ-liberale Regierung ein Austeritätsprogramm durch und machte sich an eine Reform der Sozialprogramme. Der Hunger kehrte zurück.

Die Frau in der grünen Schürze legt Thomas ein Klemmbrett hin, er unterschreibt und bekommt mehrere Tüten, vollgepackt mit Nudeln, Brot und Tomatensauce. Ein paar Schokoladeneier hat sie auch untergebracht, für die Kinder an Ostern.

Kris und Stacy bedanken sich und verteilen das Essen auf mitgebrachte Taschen, damit es sich besser tragen lässt. Geld für den Bus haben sie nicht. Fast eine Stunde laufen sie zu Fuß nach Hause.

Auf dem Heimweg dreht Kaydn Runden auf seinem Rad, verschwindet immer wieder hinter Häuserecken. Stacys Blick flackert, sie kämpft seit Jahren mit Panikattacken, stark befahrene Straßen jagen ihr Angst ein. Sie brüllt Kaydn hinterher. Kris versucht, alle im Blick zu behalten und gleichzeitig seine Geschichte zu erzählen.

In der Schule lief es gut, Kris Thomas plante zu studieren. Doch als er Stacy kennenlernte, die bald von ihm schwanger wurde und zu Hause rausflog, mussten die beiden ihr Leben selbst zum Laufen bringen. Er fand eine Stelle im Flagshipstore einer Sportladenkette und stieg bald zum stellvertretenden Storemanager auf.

Als aber seine kleine Cleo das Trinken verweigerte und auf der Intensivstation landete, war für ihn an Arbeit nicht zu denken. Er fand eine Vertretung und meldete sich ab - so wie es halt richtig ist, dachte er. Sein Chef dachte anders: Er mahnte ihn ab. Wut packte ihn, sagt Thomas. "In diesem Augenblick habe ich nur zwei Möglichkeiten gesehen: kündigen oder meinen Chef umbringen." Er kündigte.

In der Cafeteria eines großen Supermarkts bekam Thomas einen neuen Job. Doch als das betrügerische Kartenhaus der Großbanken implodierte, Großbritannien in die Rezession stürzte und der Supermarkt Personal entließ, verlor er ihn wieder.

Dreimal fand Thomas in den folgenden elf Monaten wieder Arbeit, dreimal wurde er Opfer von Entlassungswellen, erzählt er. Um zu überleben, liehen Stacy und er sich Geld. Dann ergatterte er einen Job als Müllmann bei der Stadt, verdrehte sich beim Heben den Rücken, sei trotz Ischias, trotz des Schmerzes, täglich zur Arbeit gegangen - und wurde trotzdem gefeuert. Kris und Stacy wussten nicht weiter.

Für Menschen, die straucheln, wurde der Wohlfahrtsstaat einst aufgebaut - ein Sicherheitsnetz, das Stürze vor dem ganz harten Aufschlag bremst, das verhindert, dass Leben zerbrechen. Dieses Netz, das Regierungen nach dem Zweiten Weltkrieg in ganz Europa spannten, gilt als einer der Gründe für die jahrzehntelange Stabilität auf dem Kontinent und in Großbritannien.

Mit der schrittweisen Einführung der Universal-Credit-Reform im Jahr 2012 durch die konservative Regierung unter David Cameron wurde das Leben für viele Betroffene jedoch schwerer, kritisiert Nigel Adams, der Tafeln in Nottingham gründete. Zwei der größten Probleme seien demnach: Verliert jemand seinen Job und stellt einen Antrag auf Sozialleistungen, gibt es die ersten Wochen kein Geld, und bleibt er einem Termin fern, wird das Geld gekürzt.

Kris und Stacy hatten mittlerweile auch Kaydn bekommen. Anfangs halfen noch Verwandte, doch bald leerten sich die Küchenregale. Kris sagte zu Stacy, sie solle das verbliebene Essen einfach den Kindern geben. "Ich selbst habe nichts gegessen", erzählt er. Drei Tage lang. Am vierten, auf einem Parkplatz, wurde ihm erst schwarz vor Augen, dann schlug er bewusstlos auf dem Asphalt auf. Eine Tafel half.

Nigel Adams weiß, was Hunger mit Menschen machen kann, er kennt Hunderte ähnliche Geschichten wie die von Kris Thomas. Auf Dauer verlören Hungernde ihre Hoffnung. Fehle Zuspruch, stürzten viele in die Depression, gäben nicht mehr auf sich und ihre Wohnung acht, zahlten irgendwann keine Miete mehr und landeten auf der Straße, schlimmstenfalls in der Drogenszene. Vor allem junge Männer seien gefährdet.

Adams weiß das, weil auch er 2008 eine folgenreiche Entscheidung traf. Ein paar Jahre zuvor hatte er bei einer Baufirma angefangen, wurde stetig befördert und hatte schließlich dreißig Leute unter sich. Doch als die Inhaber begannen, Mitarbeiter unter Druck zu setzen, um in kürzerer Zeit höhere Gewinne zu erzielen, kündigte er - auch weil er schon seit seiner Jugend der Kirche dienen wollte, und zwar nicht von irgendeiner Kanzel herab, sondern auf der Straße, inmitten der Menschen, die Hilfe brauchten.

Er organisierte eine kleine Suppenküche und Tafel in Nottingham. Anfangs seien bloß die immer gleichen zehn obdachlosen Alkoholiker zu ihm gekommen, erzählt Adams. Doch mit der Regierungsübernahme der Konservativen 2010 sei etwas ins Rutschen geraten. Die Tories hätten den Grundgedanken des Sozialsystems verändert, Solidarität durch Misstrauen ersetzt. Nicht mehr unterstützen und fördern wollten sie die Armen, sondern fordern und nötigenfalls strafen - als seien die Menschen Diebe, die sich an der Gesellschaft vergingen.

Die Regierung übergab den sogenannten Social Fund an die Kommunen. Die jedoch waren bald damit überfordert und schickten die Menschen immer häufiger zu Adams. Es ist der Kreislauf, den Experten immer wieder kritisieren: Die Tafeln springen ein, der Staat zieht sich aus seiner Verantwortung zurück.

Vierzehn Tafeln betreibt Adams mittlerweile allein in Nottingham. Vergangenes Jahr verteilte er laut eigener Angabe 14.000 Lebensmittelpakete, tausend mehr als im Jahr davor, in dem es schon tausend mehr als 2016 gewesen waren. Landesweit waren es allein bei den Tafeln des größten Anbieters Trussell Trust mehr als 1,6 Millionen Essensrationen für jeweils drei Tage. Kris Thomas sieht zu, dass er und seine Familie eine Woche mit einer Ration durchkommen.

Tim Lang, Professor an der University of London, forscht zu Armut und Hunger in Großbritannien. Er gründete das Center for Food Policy, schrieb 18 Bücher und mehr als hundert wissenschaftliche Studien. Er sagt, als er 1981 anfing, sei die Situation in seinem Land besser gewesen. Was sich heute abspiele, erinnere ihn an Zustände des Mittelalters, nicht nur wegen der Kirchenspeisungen, sondern vor allem, weil arme Menschen im Durchschnitt sieben Jahre früher sterben als reiche, außerdem sind sie in ihrer Lebensspanne 17 Jahre mehr krank.

Diese Lücke zwischen den Lebenserwartungen von Armen und Reichen sei das Ergebnis der konservativen Politik. Und seit zehn Jahren wächst diese Lücke. Für Tim Lang ist das eine Katastrophe. Kris und Stacy kämpfen jeden Tag mit ihr.

Unter dem Universal-Credit-Programm bekam die Familie von Kris Thomas die ersten fünf Wochen kein Geld. Sie überbrückten die Zeit mit einem Kredit, verpassten dann einen Jobcenter-Termin, von dem sie nichts wussten, weil er online mitgeteilt wurde, ihnen aber das Geld für Internet fehlt. Das Jobcenter strich ihnen darauf 40 Prozent der Unterstützung.

480 Pfund bekam die Familie diesen Monat für Essen, Strom und Miete, erzählt Thomas. Die Armutsgrenze der britischen Social Metrics Commission liegt für eine Familie mit zwei Kindern bei 353 Pfund wöchentlich, also bei rund 1400 Pfund im Monat. Ohne Tafel hätte die Familie keine Chance.

Lange verheimlichten sie ihre Situation vor den Kindern, bis es so offensichtlich wurde, dass selbst eine Lehrerin von Kaydn auf Kris Thomas zukam und fragte, ob sie für den Jungen Schuhe kaufen dürfe.

Arbeiten und für seine Familie zu sorgen, war Thomas' Stolz. Arbeit hat er keine mehr, und nun nagt an ihm auch das Gefühl, beim Sorgetragen zu versagen. "Ich habe Angst, meine Kinder nicht beschützen zu können", sagt er. Vor allem den achtjährigen Kaydn.

Der Junge hat Schwierigkeiten in der Schule. Er neidet den anderen Kindern die Klamotten und Spielzeuge, vor Kurzem hat er angefangen zu klauen. Thomas sieht seinen Sohn einen Weg einschlagen, an dessen Ende Knast und Tod stehen. Er hat das schon oft gesehen, in seinem persönlichen Umfeld und in seinem Viertel.

Philip Alston ist Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für extreme Armut. Jährlich wählt er nur zwei Länder aus, die er besucht. Vergangenes Jahr reiste er zwei Wochen durch Großbritannien, sprach mit Sozialarbeitern, Lehrern und Frauen, die sich aus ihrer Not heraus prostituieren. In seinem Abschlussbericht warnt er davor, wo der derzeitige Kurs hinführt, lieh sich dafür die Worte des britischen Philosophen Thomas Hobbes. Der schrieb über das Leben in einer Gesellschaft ohne funktionierenden Gesellschaftsvertrag: "Das menschliche Leben ist einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz."

Dabei, sagt Alston, hätte es nach dem Bankencrash 2008 durchaus Alternativen gegeben: Großbritannien hätte, anstatt zu sparen, ins eigene Land investieren können. Alston kommt es vor wie ein riesiger Laborversuch, so unnachgiebig seien die Sparprogramme durchgepeitscht worden. Und wie im Labor lassen sich Ursache und Wirkung dieses millionenfachen Menschenversuchs sehr genau beobachten.

Die Verarmung befeuere den weiteren Aufstieg der extremen Rechten. Denn dahin würden sich die Menschen wenden, wenn sie keine anderen Optionen sehen, sagt Alston.

Auch Kris Thomas vertraut schon lange keinem Politiker mehr, geht zu keiner Wahl. Er sei zwar kein Rassist, sagt er, aber die Ausländer bekämen zu viel Geld, und deshalb ist er für den Brexit. Tatsächlich legen Veröffentlichungen nahe, dass Armut und Ungleichheit ein wichtiger Faktor im Brexit-Referendum gewesen sein könnten.

Dabei könnten Männer wie Thomas die großen Verlierer des Brexits werden. Der Absturz des britischen Pfunds infolge des Austrittsreferendums hat nach Angaben von Philip Alston schon jetzt die Lebenshaltungskosten für arme Menschen um jährlich 400 Pfund erhöht.  ...

 

Aus: "Armut in Großbritannien: Als Kris Thomas ohnmächtig zusammenbrach - vor Hunger " Aus Nottingham berichten Raphael Thelen (21.05.2019)
Quelle: https://www.spiegel.de/politik/ausland/grossbritannien-immer-mehr-menschen-auf-tafel-angewiesen-a-1266188.html


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[Armut... (Notizen)]
« Reply #223 on: September 12, 2019, 09:40:36 vorm. »
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[...] In den kommenden 20 Jahren steigt die Altersarmut in Deutschland trotz Reformbemühungen weiter an. Das geht aus Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hervor. Demnach könnte der Anteil der von Armut bedrohten Rentnerinnen und Rentner bis 2039 von 16,8 auf 21,6 Prozent steigen – trotz einer positiven Entwicklung der Wirtschaft und trotz der aktuell diskutierten Reformmodelle wie etwa der Grundrente. Diese seien "nicht ausreichend zielgenau", heißt es in der Studie.

Demnach sind von der Altersarmut vor allem Geringqualifizierte, Alleinstehende sowie Menschen mit längerer Arbeitslosigkeit betroffen. Als von Armut bedroht gelten sie dann, wenn sie mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen müssen. Laut der Studie sind das Personen, deren monatliches Nettoeinkommen unter 905 Euro liegt.

Besonders stark steigt das Armutsrisiko laut den DIW-Berechnungen für ostdeutsche Rentner. Zwar liegt die Grundsicherungsquote in Ostdeutschland derzeit mit etwa 6,5 Prozent unter dem Anteil im Westen mit rund zehn Prozent. Bis 2039 wird sie sich demnach aber auf etwa 12 Prozent verdoppeln.

Die derzeit diskutierten Modelle für eine Rentenreform, wie etwa die im Koalitionsvertrag vorgeschlagene Grundrente, würden daran kaum etwas ändern. Stattdessen müsste die Politik mehr auf die Ursachen von Altersarmut abzielen, schreiben die Wissenschaftler.

"Um die Zielgenauigkeit zu stärken, könnte die Reform um eine einfache Einkommensprüfung und eine etwas flexiblere Auslegung der Versicherungszeiten ergänzt werden", sagte Studienleiter Christoph Schiller. Entscheidend sei, Kosten zu sparen, denn mit dem Renteneintritt der sogenannten Babyboomer würden die öffentlichen Kassen in Deutschland in den nächsten 20 Jahren auf eine große Belastungsprobe gestellt.


Aus: "Bertelsmann-Studie: Altersarmut in Deutschland steigt trotz Grundrente" (12. September 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-09/altersarmut-studie-deutschland-anstieg-bertelsmann-stiftung

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ParisMatch #53

Sehen wir die Folgen der Schroeder/Fischer Reformpolitiken gestrickt nach neoliberalen Rezepturen weiterverfolgt von den diversen Merkelregierungen?


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Coveillance #22

Laut einer Bertelsmann-Studie könnte in 20 Jahren mehr als fünfte Rentner von Altersarmut bedroht sein.

Diese Stiftung beschreibt letztlich die Ergebnisse des Systems, welches sie selbst seit vielen Jahren propagiert.


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NiklasMo #25

Ich glaube nicht, das in 20 Jahren Altersarmut hierzulande das größte Problem sein wird. Den meisten Rentnern wird es besser gehen als ihren Enkeln, was historisch gesehen noch nie so der Fall war.


Quote
mounia #25.2

Und warum glauben Sie das? Viele Rentner sammeln doch heute schon Pfandflaschen,um über die Runden zu kommen.Gehen zur Tafel,zu Sozialläden...


Quote
B.Schulz #35

Wer war das gleich, der die Renten und die Einkünfte massiv gedrückt hat? Richtig, die SPD und die Grünen, sollte man nie vergessen.


Quote
Carina Si-Fi #35.1

....und wer ändert nichts daran?


Quote
regilot #49

20 Jahre.... das hört sich noch weit weg an. Ist es aber nicht.

Noch etwas weiter "weg", aber eben auch nicht mehr so fern, wird die technologische Entwicklung dafür sorgen, dass immer weniger Arbeitskräfte benötigt werden (Stichwort künstliche Intelligenz, Roboter,....). Wir müssen uns definitiv nicht nur mit einer lebenswürdigen Grundrente befassen, sondern kommen langfristig auch nicht um ein Grundeinkommen herum, worin am Ende die Grundrente aufgehen würde. Spannende Zeiten stehen an.


...

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[Armut... (Notizen)]
« Reply #224 on: September 18, 2019, 04:38:17 nachm. »
Quote
[...] Innerhalb eines Jahres ist die Zahl der Menschen, die sich regelmäßig über die Tafeln mit Lebensmitteln versorgen, um zehn Prozent gestiegen. Das teilte der Dachverband Tafel Deutschland mit. Derzeit hätten die Tafeln 1,65 Millionen Kunden.

Noch einmal deutlich stärker sei der Anstieg der Nutzerinnen und Nutzer unter Senioren: Unter älteren Menschen, die Rente oder Grundsicherung bezögen, besuche jeder Fünfte – 20 Prozent – regelmäßig eine Tafel. "Diese Entwicklung ist alarmierend", sagte Verbandschef Jochen Brühl. "Altersarmut wird uns in den kommenden Jahren mit einer Wucht überrollen, wie es heute der Klimawandel tut."

Brühl forderte die Politik auf, Reformen anzustreben und sich verbindliche, ressortübergreifende Ziele zur Bekämpfung von Armut zu setzen. "Die Zeit der kleinen Schritte ist vorbei", sagte er. Niedrige Rentenzahlungen seien nach Langzeitarbeitslosigkeit der zweithäufigste Grund, eine Tafel aufzusuchen.

Doch nicht nur Armut im Alter gibt demnach Anlass zur Sorge: Auch 50.000 Kinder und Jugendliche sind unter den regelmäßigen Nutzern der Tafeln – beinahe ein Drittel. Dazu sagte der Verbandsvorsitzende Brühl: Deutschland leiste sich, Kinder systematisch zu vernachlässigen. "Hier wachsen wegen struktureller Nachteile die Altersarmen von übermorgen heran."

In Deutschland gibt es knapp 950 Tafeln, diese Zahl sei quasi konstant. Die gemeinnützigen Einrichtungen retten überschüssige Lebensmittel und verteilen das Essen an sozial und wirtschaftlich Benachteiligte. Bedürftige müssen sich registrieren, um die Tafeln nutzen zu können.

Im vergangenen Jahr konnten die Tafeln 265.000 Tonnen Lebensmittel weitergeben. Um diese Menge zu erhöhen, seien allerdings mehr Kühlfahrzeuge und Lagerräume nötig, hieß es vom Verband. Das Ehrenamt stoße an seine Grenzen, sagte Brühl. Denn genügend Lebensmittel gebe es: In einer aktuellen Studie bemisst das Bundeslandwirtschaftsministerium die Menge der Lebensmittel, die in Deutschland pro Jahr weggeschmissen und vernichtet werden, bei mehr als zwölf Millionen Tonnen. Die Tafeln gehen sogar von bis zu 18 Millionen Tonnen aus.

Der Dachverband der Tafeln forderte eine staatliche finanzielle Unterstützung bei der "Rettung und Verteilung von Lebensmitteln". Brühl mahnte jedoch: Auch die Verbraucher hätten "eine Verantwortung".


Aus: "Armut: Zahl der Nutzer der Tafeln steigt deutlich" (18. September 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-09/armut-tafel-hilfsorganisation-lebensmittel-renter-anstieg

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[Armut... (Notizen)]
« Reply #225 on: Oktober 25, 2019, 11:35:34 vorm. »
Quote
[...] Gernot Laganda, 47, ist Leiter der Klima- und Katastrophenpräventionsabteilung im Welternährungsprogramm (WFP) der UN. Das Programm erreicht jährlich 90 Millionen Menschen.

... Derzeit gehen wir von 822 Millionen hungernden Menschen weltweit aus. ... Seit den frühen 1990er-Jahren hat sich die Zahl der Klimakatastrophen auf rund 200 mehr als verdoppelt. Derzeit sind 22 Millionen Menschen im Jahr gezwungen aufgrund von Klimaereignissen zu migrieren, weil sie ihre Lebensgrundlagen verlieren. Die meisten innerhalb des jeweiligen Landes. Erzwungene Migration wird ein immer größeres Problem. ... Wir erleben jetzt die Auswirkungen auf das Klima, die wir durch unseren CO2-Ausstoß längst erzeugt haben.  Die Entscheidungen, die wir heute in unseren Volkswirtschaften treffen, bekommt erst die Generation unserer Kinder zu spüren. Die 1,5-Grad-Schwelle wird auf jeden Fall überschritten. In einigen afrikanischen Ländern ist das Durchschnittsklima bereits jetzt bis zu zwei Grad höher als in vorindustriellen Zeiten. Das ist die Realität, in der wir leben. ...


Aus: "Klimawandelfolgen und Hunger „Bei uns schrillt immer öfter die Sirene“"  Matthias Jauch Nantke Garrelts (24.10.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/klimawandelfolgen-und-hunger-bei-uns-schrillt-immer-oefter-die-sirene/25152562.html

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« Reply #226 on: November 14, 2019, 04:24:05 nachm. »
Quote
[...] Alte Menschen in Deutschland können ihre Rechnungen oft nicht mehr bezahlen. Innerhalb von nur zwölf Monaten sei die Zahl der überschuldeten Verbraucher im Alter ab 70 Jahren um 44,9 Prozent auf 380.000 gestiegen, berichtete die Wirtschaftsauskunftei Creditreform in ihrem "Schuldneratlas 2019". Seit 2013 habe sich die Zahl der überschuldeten Senioren sogar um 243 Prozent erhöht. Und auch bei den 60 bis 69 Jahre alten Verbrauchern kämen immer mehr nicht mehr mit ihrem Geld zurecht.

Die Gründe für die wachsende Altersarmut sind nach Einschätzung der Organisation vielfältig. Einerseits machten sich hier die Rentenreformen der vergangenen Jahrzehnte bemerkbar, die fast durchweg auf eine Kürzung des Sicherungsniveaus der gesetzlichen Rente abgezielt hätten. Außerdem wirkten sich die wachsende Zahl unsteter Erwerbsbiografien und der immer größer werdende Niedriglohnsektor aus. Auch der zum Teil dramatische Anstieg der Mieten spiele eine Rolle.

Die Entwicklung bei den Senioren steht auffälligen Gegensatz zur Entwicklung in den übrigen Altersgruppen. Denn die Zahl überschuldeter Personen insgesamt ist in Deutschland in diesem Jahr erstmals sei fünf Jahren wieder gesunken – allerdings nur geringfügig. Derzeit sind den Angaben zufolge 6,92 Millionen Verbraucher nicht in der Lage, ihre Rechnungen zu bezahlen. Das sind knapp 10.000 weniger als im Vorjahr.

Wie der Schuldneratlas Deutschland 2019 zeigt, sehen die Autorinnen und Autoren den Hauptgrund für den leichten Rückgang in der guten Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren. Es sei jedoch zu befürchten, dass der positive Trend nur von kurzer Dauer sein werde, da sich die konjunkturellen Rahmenbedingungen in Deutschland zuletzt wieder deutlich eingetrübt hätten. Weiterhin seien bei jedem zehnten Erwachsenen die Gesamtausgaben dauerhaft höher als die Einnahmen.

In Ostdeutschland hat sich die Lage etwas entspannt: Die Überschuldungsquote liegt hier zwar mit 10,3 Prozent zum achten Mal in Folge über dem Vergleichswert im Westen (9,9 Prozent), trotzdem hat sich die Lage im Osten der Republik über die Jahre kontinuierlich verbessert.   


Aus: "Schuldneratlas: Überschuldung bei Senioren steigt drastisch an" (14. November 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-11/schuldneratlas-verbraucher-ueberschuldung-ausgaben-bundeslaender

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klaurot #7

"Weniger Menschen sind überschuldet"

Wie sich Überschriften unterscheiden können. Die Süddeutsche bringt es so:
"Jeder Zehnte kann seine Schulden nicht mehr bezahlen"

https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/schulden-verschuldung-schuldneratlas-1.4681664

Alles eine Frage des Blickwinkels.


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Art Den #3

„Derzeit sind nach Angaben der Wirtschaftsauskunftei Creditreform 6,92 Millionen Verbraucher nicht in der Lage, ihre Rechnungen zu bezahlen.“

...was zum? Aber Deutschland ist doch noch immer ein Paradies, oder?


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istdochwahr #3.1

das fand ich auch ziemlich krass. das ist ja fast jeder 10 erwachsene.


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lassteskrachen #3.2

Es liegt nicht nur an Deutschland, sondern haupsächlich an den Menschen- natürlich tappen viele in die Schuldenfalle, weil si3e sich über die Konsequenzen von Verträgen nicht in klaren sind.
Zu viel Miete, zu viel Konsum.


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Thethu #3.12

Auch wenn das immer wieder kolportiert wird - es ist tatsächlich nur eine Minderheit der Betroffenen wegen Konsumschulden in dieser Situation. Die Mehrheit landet dort, weil sie nach eintretender Arbeitslosigkeit, Scheidung oder Krankheit ihre Kredite nicht mehr abzahlen können. Können Sie in jeder Statistik zu dem Thema nachlesen.


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hobuk #4

"Die Zahl der Rentenempfänger ab 70 Jahren, die ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen konnten..."

Dann sollen sie halt mehr Pfandflaschen sammeln. [sark. off]


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mupfl #4.1

In anderen Ländern gibt es kein Pfand. Klarer Standortvorteil für die Bundesrepublik.


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m.schmidt67 #5

Wir reden davon, dass in der Zukunft noch mehr Rentner und ich rede vom verdienten Ruhrstand, noch ärmer werden.
Ich glaube nicht, dass die Grundrente dafür ausreicht aus dem Tal der Tränen heraus zu kommen.
Problem Nr. 1 ist die starke ungerechte Verteilung von Kapital.

In der Zukunft wird sich das noch verstärken, wenn immer mehr Stellen durch KI und Roboter wegfallen. ...


Quote
Polyvinylpyrrolidon #6

Tja, jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Niemand zwingt die Menschen, wenig zu verdienen. Und das mit den Schulden verstehe ich nicht. Wenn man für etwas nicht genug Geld hat, dann kauft man es sich eben nicht.


Quote
NeroTheDark #6.11

Wieviel Ignoranz sich in nicht einmal drei Zeilen Text verbergen kann, erstaunlich!


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hobuk #6.6

"Wenn man für etwas nicht genug Geld hat, dann kauft man es sich eben nicht."

Richtig, Essen, Wohnen, Strom und Wasser sind sowieso total überbewertet.
Da kann man sich ein kleines Vermögen zusammensparen, wenn man diszipliniert lebt und ein paar Jahre darauf verzichtet.



Quote
Entenschorsch #6.3

Gruß von einem Leiharbeiter im Maschinenbau. 2,5k, die hab ich nichtmal brutto mit 150 Euro Weihnachtsgeld. Von den 20 Tagen gesetzlicher Urlaub ganz zu Schweigen.
Wir sind die, die die Rendite für Siemens Aktionäre erarbeiten, und während der Arbeiter neben mir Tarif verdient, und am Matching Programm teil hat, und 30 Tage Urlaub macht. Die schämen sich dann immer, wenn sie von ihren Sonderzahlungen im vierstelligen Bereich reden, während meine im unteren dreistelligen Bereich liegen.


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DrkdD #16

"Einerseits machten sich hier die Rentenreformen der vergangenen Jahrzehnte bemerkbar, die fast durchweg auf eine Kürzung des Sicherungsniveaus der gesetzlichen Rente abgezielt hätten. Außerdem wirkten sich die wachsende Zahl unsteter Erwerbsbiografien und der immer größer werdende Niedriglohnsektor aus. Auch der zum Teil dramatische Anstieg der Mieten spiele eine Rolle"

Wer hätte das schon gedacht...

Aber die gute Nachricht ist. Es gibt auch viele die von dem neoliberalen Wahnsinn profitiert haben. Das sind immerhin mindestens 10% der Bevölkerung. Und damit das so bleibt sollten wir schnell die Unternehmenssteuern senken.


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alraschid #20

Es sollte niemanden überrascht haben. Dies war gewollt ... Das macht uns wettbewerbsfähig. ...


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[Armut... (Notizen)]
« Reply #227 on: Dezember 07, 2019, 12:02:46 nachm. »
Quote
[...] Der Bundesverband der Tafeln hält es für problematisch, Lebensmittel auf für die Bauern auskömmlichen Preise zu erhöhen. "Einfach nur höhere Lebensmittelpreise zu fordern, ist zu einfach. Das würde die Kundenzahl bei den Tafeln in die Höhe treiben", sagte der Verbandsvorsitzende Jochen Brühl der Neuen Osnabrücker Zeitung. Zwar sei das Anliegen von Landwirten und einigen Vertretern der Politik verständlich. Aber: "Auch Menschen, die wenig haben, müssen sich gesund ernähren können."

Die Zahl derer, die sich bei den 940 Tafeln mit Lebensmitteln versorgen, sei gegenüber dem vergangenen Jahr um zehn Prozent gestiegen und liege bei 1,65 Millionen. Besonders groß sei die Nachfrage älterer Menschen, sagte Brühl. "Die Zahl der Rentner unter den Tafelkunden ist innerhalb eines Jahres um 20 Prozent auf 430.000 gestiegen."

Es koste viel Energie, Armut zu verstecken. Diese Kraft hätten ältere Menschen oftmals nicht mehr. Sie "kommen dann zu uns". Viele Tafeln hätten zudem spezielle Angebote für ältere Menschen gestartet, etwa Senioren-Nachmittage. "Das senkt vielleicht die Hemmschwelle" und sei auch ein Beitrag gegen Alterseinsamkeit.

Brühl forderte deshalb die Unterstützung der Politik. "Bislang sind unsere Lager und Kühlfahrzeuge ausschließlich spendenfinanziert. Wir geraten an Kapazitätsgrenzen." Um noch mehr zu leisten, müsse aufgestockt werden. "Das Geld will uns aber niemand geben. Stattdessen werden wir von der Politik mit Schulterklopfern abgespeist. Das reicht nicht", sagte er.

Er gehe nicht davon aus, dass die derzeit diskutierte Grundrente Probleme grundsätzlich lösen werde. "Grundrente klingt so, als werde damit die Altersarmut in Deutschland abgeschafft. Das ist natürlich Quatsch." Eine effektive Bekämpfung der Altersarmut beginne im Erwerbsleben oder noch früher. "Unter unseren Kunden sind auch 500.000 Kinder und Jugendliche. Deren Zahl übersteigt also noch die der Rentner, die unsere Angebote nutzen."

Brühl beklagte, die Gesellschaft verdränge, unter welchen Bedingungen viele Menschen lebten. "Ich glaube zwar nicht, dass Menschen hierzulande hungern." Aber gerade ältere Menschen berichteten, dass sie die Heizung im Winter nicht anstellten aus Sorge, die Heizkostenabrechnung im Frühjahr nicht mehr bezahlen zu können.

Die gemeinnützigen Tafeln sammeln Lebensmittelspenden von Händlern und Herstellern und verteilen diese regelmäßig an bundesweit mehr als 1,6 Millionen bedürftige Menschen.


Aus: "Tafeln: "Auch Menschen, die wenig haben, müssen sich gesund ernähren können"" (7. Dezember 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-12/altersarmut-tafeln-lebensmittel-anstieg-nachfrage-kunden

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« Reply #228 on: Dezember 23, 2019, 08:25:11 nachm. »
Quote
[...] Der Weg ist nie weit. Wer in Paris das nächste "Restaurant des Herzens" sucht, muss nur einen der allgegenwärtigen Obdachlosen fragen. "Das Essen ist ok, nicht großartig, aber auch nicht schlecht", sagt Hervé, der bärtige Mann mit Schlafsack und Rucksack, der seit ein paar Wochen den Hinterhofeingang des Konzertsaals Bataclan in unserer Pariser Nachbarschaft bewohnt.

Hervé hat schon mittags vier leere Bierdosen vor seinem Straßenlager aufgereiht, aber dann richtet er sich plötzlich auf. Seine Augen leuchten: "Kennst du Coluche?", fragt er. "Der Mann würde im Boden versinken, wenn er heute noch lebte". Hervé schaut in den Himmel, als hätte er dort nicht den lieben Gott, sondern Coluche persönlich entdeckt. Er lächelt verträumt.

Man muss ihn kennen, diesen Coluche. Die "Restaurants du Coeur" sind nämlich nicht irgendwelche Tafeln, sondern seine Idee, die des 1986 verstorbenen Komikers und Schauspielers Michel Colucci, genannt Coluche. Bis heute weiß das fast jeder Franzose.

"Die 'Restaurants des Herzens', das bedeutet Brüderlichkeit, das war die Idee von Coluche", sagt Hervé. Sein Gesicht ist rot, vor dem Kopfkissen seines Schlaflagers liegt Erbrochenes. "Hast du noch mal 50 Cent, dann reicht es für den Einkauf?" fragt er zwischendurch. Hervé weiß, wovon er redet. Seit Jahren besucht er die Gratis-Essensausgaben in Paris. Schon zweimal luden ihn Freiwillige der "Restaurants des Herzens" zum jährlichen Benefizkonzert ihres Vereins in das Pariser Zénith ein, wo in der französischen Hauptstadt die ganz großen Konzerte stattfinden. "Es war fantastisch", erinnert sich Hervé.

Es ist gar nicht so einfach, Hervé zu verstehen. Nicht nur, weil er getrunken hat, sondern weil die "Restaurants des Herzens" seit ihrer Gründung im Jahr 1985 längst ein riesiger Massenbetrieb geworden sind. Ihr Verein brüstet sich damit, landesweit 2000 Lokale zu unterhalten, in der 72.000 Freiwillige tätig sind. Nach eigenen Angaben will die Organisation allein im Jahr 2018 133 Millionen Essen an 900.000 Bedürftige verteilt haben, mit nur hundert Festangestellten. "Logistik ist unsere Stärke", sagt Sophie Ladegaillerie, eine 36-jährige Pariser Art-Direktorin, die heute im Aufsichtsrat des Vereins sitzt. Dass es bei einem so großen Unternehmen nicht immer nur brüderlich zugeht, lässt sich jeden Abend in Paris besichtigen.

Freitagsabends um 20 Uhr organisieren normalerweise zwölf Freiwillige die Essensausgabe vor dem Pariser Ostbahnhof. Doch in diesem Dezember wird in Paris gestreikt, viele Bahnen und Busse fahren nicht, nur sieben Helfer haben sich angemeldet. Der Verein lancierte deshalb einen Hilferuf an Unternehmen, die an ihn spenden. Prompt stehen sechs neue Kräfte zur Verfügung von Orphelia, einer Freiwilligen, die die Essensausgabe am Gare de l'Est seit sieben Jahren leitet.

Doch der Abend ist trotzdem ein Trauerspiel: Es regnet, die Neuen wissen noch nicht, was zu tun ist, und das Essen wird schnell kalt. Es gibt Couscous mit Fleischbällen am ersten Stand, Schokomüsli und Milch am zweiten, Gemüsesuppe am dritten, Tee und Kaffee am vierten und Trinkwasser am fünften. Vor allem aber gibt es viele lange Gesichter. Es prasselt vom Himmel auf die Plastikteller. Bis die Leute einen ergattern, müssen sie im triefenden Nass Schlange stehen, anschließend schlingen sie stehend im Regen das Essen hinunter. "Im Senegal schmeckt es, hier nicht", sagt ein aus Westafrika stammender Gast. Die um ihn herum stehen enthalten sich jedes Kommentars.

Orphelia bemüht sich nach Kräften, rennt von einem Stand zum anderen, hat für nichts anderes Zeit, bis jeder, der noch etwas will, bedient worden ist. Aber amüsanter macht auch ihr aufopferungsvoller Einsatz den Abend nicht. Ohne ein Dach über dem Kopf im kalten Dezemberregen an einer Pariser Bahnhofsmauer das Abendbrot einzunehmen, hat mit der "Geselligkeit", die Sophie Ladegaillerie als Markenzeichen der "Restaurants des Herzens" preist, wenig zu tun.

"In Frankreich ist es wichtig, dass man mit Vergnügen isst", verteidigt Ladegaillerie dennoch das Motto ihres Vereins. Dazu gehöre, dass beim Essen eine "soziale Verbindung" entstehe. Die Freiwilligen würden deshalb alles "mit einem Lächeln" machen, sagt Ladegaillerie im PR-Modus. Sind das die Floskeln einer Managerin, die sich einredet, Gutes zu tun?

Michael Ponrajah, ein 28-jähriger Designer, teilt an diesem Abend am Ostbahnhof das erste Mal Essen an Obdachlose aus. Er kam nur auf Bitte seiner Firma, die der Anruf der "Restaurants des Herzens" ereilte. Nun aber erinnert sich Michael an seinen Vater, der als Flüchtling aus Sri Lanka nach Paris kam und seine erste Zeit in der Stadt als Bettler auf der Straße verbrachte. "Ich werde wiederkommen und das öfter machen", sagt Michael am Ende des Abends. "Ich habe die Leute lächeln gesehen."

Das propagierte Lächeln, das trotz der Obdachlosen-Misere in Frankreich viele Franzosen mit den "Restaurants des Herzens" in Verbindung bringen, ist wahrscheinlich der größte Werbeerfolg des Vereins. Er kann deshalb die Hälfte seines Umsatzes von mehr als 80 Millionen Euro aus Spenden bestreiten. Ein Drittel bekommt er aus französischen und europäischen Subventionen, ein Achtel aus Einnahmen rund um sein Benefizkonzert im Zénith.

Dass der Slogan mit dem Lächeln funktioniert, hat wiederum viel mit Coluche zu tun. Er war Komiker, er brachte alle zum Lachen, auf der Bühne und im Kino. Vor allem aber war er selbst lange arm und musste sich ohne festes Einkommen durchschlagen. Als er berühmt wurde, nutzte er seine Bekanntheit, um die "Restaurants des Herzens" zu gründen. Man muss sich den Status des 1986 mit nur 41 Jahren verstorbenen Künstlers ähnlich wie bei Loriot in Deutschland vorstellen, nur war sein Witz ein ganz anderer. Coluche hatte immer etwas Anarchistisches, Herrschaftsfreies, das sich gegen jede Autorität richtete - erst recht gegen die katholische Kirche, die auch in Frankreich lange für die Armen zuständig war. Das haftet den "Restaurants des Herzens" bis heute an. Sie sind auch eine Art Gotteshausersatz für die französische 68er-Generation und ihre Kinder.

Nicht umsonst richtet der Clochard Hervé vor unserer Haustür seinen Blick gen Himmel, wenn er an Coluche denkt.


Aus: "Armut: Frankreichs neue Gotteshäuser" Georg Blume, Paris (23.12.2019)
Quelle: https://www.spiegel.de/politik/ausland/restaurants-des-herzens-frankreichs-neue-gotteshaeuser-a-1301831.html

Quote
Horst Haber heute, 17:49 Uhr

Was will der Artikel denn nun sagen?

Mir ist unklar, was der Artikel denn aussagen will. Er klingt für mich insgesamt sehr kritisch, so als ob die Restos du Coeur etwas Schlechtes seien, nur weil sie nicht perfekt sind. Kein Wort dazu, warum so viele Menschen diese Hilfe brauchen (Versagen des Staates). Dazu die These mit dem Religionsersatz für die 68er. Was zum Geier will der Autor aussagen?


Quote
surfbosi heute, 17:02 Uhr

Wahrscheinlich verstehe ich den Sprachwitz des Autors nicht. Ich kann aber an der Organisation selber und an den Umständen, die der Autor beschreibt nichts wirklich schlechtes erkennen. Aber vielleicht sollte der Artikel auch einfach unterhaltsam rüberkommen. Ist aber das falsche Thema dafür.


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gelbenesick heute, 17:13 Uhr

"Restaurants des Herzens"

Egal ob in Frankreich, dem UK, Deutschland und dem Rest von Europa, die Tafeln werden immer nötiger und mehr. Kann mir mal bitte jemand der Foristen hier erklären, warum und wieso diese im reichen Europa nötig sind? ...


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brux heute, 18:11 Uhr
10. Antwort
[Zitat von Horst Haber] Mir ist unklar, was der Artikel denn aussagen will. Er klingt für mich insgesamt sehr kritisch, so als ob die Restos du Coeur etwas Schlechtes seien, nur weil sie nicht perfekt sind. Kein Wort dazu, warum so viele Menschen diese Hilfe brauchen (Versagen des Staates). Dazu die These mit dem Religionsersatz für die 68er. Was zum Geier will der Autor aussagen?

Das ist eben ein echter Blume-Artikel. Der Mann hängt (mit vermutlich recht üppigem Gehalt) in Paris ab und beglückt uns mit Anekdoten aus Frankreich, einem Land voller Probleme und Missstände. Paris verlässt er eher selten. Ich lebe im ärmsten Department Frankreichs (Überseegebiete ausgenommen), dem Aude. Auch hier gibt es diese Restaurants, aber sie sind sehr rar und ausserhalb der Spendensaison gar nicht aktiv. In Paris werden eher Migranten betreut, die staatliche Hilfe verweigern, weil sie illegal im Land sind. Rentner findet man da nicht so oft. ... Blumes Berichte aus einem fremden fernen Land sind für mich total aus der Zeit gefallen und eher komisch.



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rosinenzuechterin heute, 18:21 Uhr

12. [Zitat von gelbenesick] Egal ob in Frankreich, dem UK, Deutschland und dem Rest von Europa, die Tafeln werden immer nötiger und mehr. Kann mir mal bitte jemand der Foristen hier erklären, warum und wieso diese im reichen Europa nötig sind? Was läuft so falsch, dass "wir" es nicht schaffen, alle Bürger eines jeden Landes mitzunehmen?

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten ein Leben lang zum Mindestlohn! Dann steht Ihnen am Ende des Arbeitslebens nicht genug Geld aus der Rentenkasse zur Verfügung, um der Notwendigkeit der Aufstockung entgangen zu sein. Um im Alter ein Leben in finanzieller Würde führen zu können, müsste der Mindestlohn 12 bis 15 EUR pro Stunde betragen. Das tut er aber nicht. Manche Parteien haben das erkannt, andere ignorieren es. Diese Ursache der Armut ist also staatlich gewollt. Eine andere Ursache ist das Zurkassebitten von Kindern für die Schulden ihrer Eltern ("Erbschuld"). Ich kenne Familien, die ihren Kindern keine Musikschule mehr bezahlen können und für einen Klassenfahrtzuschuss das Amt aufsuchen müssen, weil sie finanziell dafür geradestehen müssen, dass die von Hartz IV lebenden Großeltern ihr spärliches Einkommen versaufen statt ihre Schulden abzubezahlen. Wieder andere wurden von den Pflegekosten für die Eltern aufgefressen. Gut, dass wird nun gesetzlich korrigiert, nützt aber denen, die nun mit leeren Taschen dastehen, auch nichts mehr. Andere müssen ihr Hab und Gut verkaufen, weil sie die fünf- oder gar sechsstellige Rechnung nicht bezahlen können, die Ihnen die Gemeinde schickt, weil sie gerade eine Straße neu hat eindecken lassen. Jeder Arme hat eine andere Geschichte und in anderen Ländern gibt es noch ganz andere Schauergeschichten. Aber solange wir keinen echten, EU-weiten Sozialstaat haben, in dem Ausgaben-, aber auch Einkommensunterschiede besser wegnivelliert werden, wird es immer Menschen geben, die am Ende eines harten Lebens ohne die Tafeln verhungern würden. Sicher ist lediglich eins: Es wird nie einen Politiker treffen. Deswegen ändert sich an dieser prekären Lage auch nichts. Statt dessen müssen wir von Unternehmern hören, die lieber ihr Land verlassen als wieder Vermögenssteuer zu bezahlen.


Quote
eggie heute, 18:35 Uhr

Etwas schwer erträglich, wenn sich saturierte Journalisten über Armut mokieren.


Quote
mahnmal heute, 18:43 Uhr

[Zitat von gelbenesick] Egal ob in Frankreich, dem UK, Deutschland und dem Rest von Europa, die Tafeln werden immer nötiger und mehr. Kann mir mal bitte jemand der Foristen hier erklären, warum und wieso diese im reichen Europa nötig sind? Was läuft so falsch, dass "wir" es nicht schaffen, alle Bürger eines jeden Landes mitzunehmen?

Kann ich Ihnen sagen : Weil hier einer dem anderen die Butter auf dem Brot nicht gönnt, wenn einer arm ist, ist er "selber " schuld. Ich finde den Bericht beschämend, dem Autor war es scheinbar wichtiger, auf den Alkoholgenuss des Obdachlosen ein zu gehen. Man sollte lieber froh sein, dass es Leute gibt, die Ehrenamtlich für andere noch was tun. Wenn ich sehe, wie manche Rentner hier in unserem ach so reichen Land Weihnachten verbringen werden, wird mir übel ...


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[Armut... (Notizen)]
« Reply #229 on: Dezember 25, 2019, 12:11:06 nachm. »
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[...] Zwei Drittel der Wohnungslosen in Deutschland sind nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe geflüchtete Menschen. Insgesamt seien 2018 rund 678.000 Menschen ohne eigene Unterkunft gewesen, davon 441.000 anerkannte Geflüchtete, sagte die Geschäftsführerin des Verbandes, Werena Rosenke, der Rheinischen Post.

Zudem sind den Angaben zufolge immer mehr Frauen von Wohnungslosigkeit betroffen. In Notunterkünften drohe ihnen häufig Gewalt. "Es ist eine prekäre und gefährliche Situation für Frauen, dass es immer noch Gemeinschaftsunterkünfte und sogar sanitäre Anlagen gibt, die nicht nach Geschlechtern getrennt sind", sagte Rosenke. Der Anteil der Frauen unter den Wohnungslosen sei in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen und liege nun bei 27 Prozent. Die größte Gruppe stellten die unter 25-Jährigen. Ihr Anteil belaufe sich auf 23 Prozent gegenüber 17 Prozent bei den Männern in dieser Altersgruppe.

Seit 2016 schließt der Verband nach eigenen Angaben in seine Schätzung die Zahl der Geflüchteten ein, bezieht sich aber in der näheren Auswertung ausschließlich auf die 237.000 Deutschen, EU-Migranten und Drittstaatler. Zu den geflüchteten Menschen fehlten demnach sozio-demografische Angaben wie Geschlechterverteilung, Familienstand und Haushaltsgröße. Viele von ihnen blieben in Asylunterkünften und seien in der Regel auch krankenversichert.

Rosenke begrüßte, dass die Bundesregierung eine Statistik über Wohnungslose einführen will. Sie forderte zudem, einen Schuldenerlass für diejenigen Wohnungslosen zu ermöglichen, die Schulden bei Krankenkassen haben. Außerdem sollten Bund, Krankenkassen und kassenärztliche Vereinigungen einen Notfallfonds bilden, aus dem Behandlungen für Wohnungslose bezahlt werden können. Dieser Fonds müsse sich auf 150 Millionen Euro pro Jahr belaufen.


Aus: "Zwei Drittel aller Wohnungslosen sind Geflüchtete" (24. Dezember 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-12/wohnraum-wohnungslosigkeit-fluechtlinge-frauen-wohnungshilfe

Quote
irgendwasistimmer #1

Ich bezweifle, dass es zu wenig Wohnungen gibt.
Das Problem ist - alle wollen in die Metropolen, Berlin, Ruhrgebiet usw.
In der Oberpfalz gibt es Orte mit Leerstand und unter 2% Arbeitslosen - also beste Chancen bei der Arbeitssuche. Warum vermittelt man den Wohnungslosen keine Wohnungen in solchen Gegenden?
Und wenn jemand da nicht hin möchte, kann der Wunsch nach Wohnraum nicht allzu hoch sein.
Es wird Zeit, die verödenden Landstriche wieder zu besiedeln.


Quote
Que Che #1.1

Ja ja, Probleme die man selbst nicht hat, lassen sich immer ganz einfach lösen.


Quote
pelmeni #8

Es ist unseriös, einen Artikel über Wohnunglosigkeit mit einem Foto eines Obdachlosenlagers zu illustrieren. So kann der Eindruck entstehen, in Deutschland gäbe es knapp 700.000 Obdachlose. Tatsächlich wird die Zahl der Obdachlosen, also die Zahl der Menschen ohne Dach über dem Kopf, auf zwischen 40.000 und 50.000 geschätzt. Das sind natürlich auch erschreckend viele Menschen, aber längst nicht gut eine halbe Million, wie Untertitel+Bild suggerieren.

Auch leben längst nicht alle Wohnunglosen in Notunterkünften, wie der Artikel ebenfalls suggeriert. Viele kommen bei Freunden und Verwandten unter, Geflüchtete Wohnungslose leben in Gemeinschaftsunterkünften, die sicherlich nicht sehr komfortabel sind, aber auch nicht den Zuständen in den Notunterkünften für Obdachlose entsprechen.

Im Übrigen handelt es sich bei den Zahlen um Jahresgesamtzahlen. D.h. wer innerhalb eines Jahres jemals wohnungslos war, fließt in die Statistik ein, auch wenn er nur einen Monat bei Freunden auf der Couch geschlafen hat und dann wieder eine eigene Wohnung hatte. Es waren also niemals 678.000 Menschen gleichzeitig wohnungslos.


Quote
Klaus Lachshammer #8.1

Danke für Ihren Hinweis, mich hat das auch geärgert. Es wird zumindest mit dem Bild suggeriert, dass wohnungslos = obdachlos gilt, was aber mitnichten der Fall ist. Dieser Unterschied wird im Artikel bedauerlicherweise auch nicht weiter ausgeführt. Und wie Sie schon schreiben: Auch 50.000 Menschen sind eine viel zu große Zahl, aber eben ein ganz anderer Schnack als 678.000. Dieser Artikel ist für mich leider nahe an der Fake-News-Grenze.


Quote
pelmeni #8.2

Ich glaube nicht, dass der/die Verfasser/in hier bewusst manipulieren will. Vielleicht kennt er/sie den Unterschied zwischen Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit ja selbst nicht.


Quote
tomalla #8.4

Den Artikel muß doch jemand im Verlag korrekturgelesen haben.
Wieviel Unkenntnis sollte man dann generell bei Artikel hier unterstellen?


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Mynte #12

München: Freunde erzählen, dass ein Handwerker im Auftrag der Stadt Wohnungen für Migranten renoviert. Er, der Handwerker, sucht in der Gegend seit 2 Jahren eine Wohnung für sich und seine Familie.
Ja, es gibt Widersprüche, die sich nicht so einfach auflösen lassen. Und man muss nicht sonderlich prophetisch begabt sein, um zu sehen: Diese gesellschaftlichen Widersprüche werden wachsen.


Quote
KonradRainer #12.1

Freunde erzählten mir : "Er, der Handwerker, sucht in der Gegend seit 2 Jahren eine Wohnung für sich und seine Familie."
Ich gehe davon aus das der Handwerker eine Wohnung hat und nach einer anderen sucht, also keineswegs obdachlos ist. Er hat Arbeit, ein Auskommen, schon mal nicht schlecht. Wo sehen sie da einen gesellschaftlichen Widerspruch? Doch hoffentlich nicht darin, dass er die Wohnungen für Migranten renovieren soll?


Quote
Barbadunga #12.5

"Scheint ja inzwischen wirklich in Mode zu sein hier über die Hören-Sagen-Stories zu berichten."

Häufig haben diese Stories mehr faktische Relevanz als das was in den Medien vorgetragen wird.


Quote
weiterwursteln #12.8

Gerade weil der überwiegende Teil der "Medien" nicht als verlängerter Arm der Rechtsradikalen und Faschisten wie Höcke dienen will, sind diese in der heutigen Zeit wichtiger denn je.


Quote
Tom Orrow #32

73% der Obdachlosen sind Männer. Die Zahl 73 ist im ganzen Artikel nicht zu finden. Thematisiert werden aber die Frauen. Das muss man nicht verstehen, oder?
Ist das einfach schon reine Gewohnheit? Stört es keinen, dass Männer in der Gosse leben? Es war nur deshalb ein Artikel wert, weil der Frauenanteil ansteigt. Um was denn eigentlich? 1%? ...


Quote
Nortonschrauber #39

Der Anteil der Frauen unter den Wohnungslosen sei in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen und liege nun bei 27 Prozent. Die größte Gruppe stellten die unter 25-Jährigen.

Das muß man sich mal vorstellen!
Ich finde das unsagbar traurig. Was ist mit den Eltern, wie ticken die? Wie kann das da abgelaufen sein, daß die Töchter lieber auf der Straße leben?

Unfaßbar.


Quote
Sperb #46

Du bist arm, ohne frei zu sein. Dies ist der elendste Zustand, in den ein Mensch geraten kann.


Quote
Baumkronenläufer #51

Vielen Flüchtlingen ist einfach eine Wohnung nicht genug. Sie muss in einer hippen Metropole sein. Bescheidenheit ist sehr oft nicht im Gepäck. Das Anspruchsdenken macht einen wütend.


Quote
Desaguliers #55

Jetzt, wo ein Drittel der Wohnungslosen Frauen sind, fällt ZON das Problem auf. Übrigens: die weitaus meisten Obdachlosen - also diejenigen, die wirklich unten angekommen sind - sind Männer. Wie wäre es, wenn darüber berichtet würde? Und ganz grundsätzlich: mir persönlich ist es scheißegal, welches Geschlecht oder welche Ethnie ein Wohnungsloser/Obdachloser hat. Der Skandal bleibt der gleiche.


...

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« Reply #230 on: April 29, 2020, 01:07:12 nachm. »
Quote
[...] Karosh Taha, geboren 1987 in der kurdischen Stadt Zaxo, lebt und schreibt im Ruhrgebiet.

... In Deutschland wird der Begriff der 'Armut' in politischen Kontexten seit Jahrzehnten vermieden; wenn er unvermeidlich wird, dann wird er umschrieben: Von 'sozialer Ungerechtigkeit' ist die Rede, von 'Chancenungleichheit' und 'Perspektivlosigkeit' – diese chamäleonartigen Wörter eignen sich gut für Wahlplakate, weil sie verschiedene Probleme ansprechen können, ohne das Kernproblem 'Armut' ausgesprochen zu haben.

Die Verleugnung der Armut bedeutet auch: Es gibt keine 'Armen'. Es gibt nur Menschen, die glauben, arm zu sein, aber eigentlich sind sie: 'Geringverdiener*innen', 'Hartz-IV-Empfänger*innen', 'Sozialschmarotzer*innen', 'Arbeitsunwillige'. 1962 wurde 'Armenfürsorge' in 'Sozialhilfe' umbenannt, dann Anfang der 2000er-Jahre in 'Arbeitslosengeld I' und 'Arbeitslosengeld II', schließlich in 'Hartz-IV-Leistungen' – die Begriffe sind nicht nur technokratischer geworden, sie lenken die Aufmerksamkeit in eine andere Richtung: Es geht nicht mehr um Arme, sondern um Arbeitskräfte. Es geht um Leistung, die sie erbringen müssen – und wenn sie es nicht tun, dann entwickelt man ein Programm moderner Zwangsarbeit: Das Beamtendeutsch nennt sie "Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung" und verschleiert die Tatsache, dass Menschen hierbei zu einer Arbeit gezwungen werden, für die sie mit einem Euro pro Stunde entschädigt werden sollen, nicht entlohnt. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn es handelt sich nicht um ein Arbeitsverhältnis.

Der arbeitslose Mensch hat dem Grundsatz "Fördern und Fordern" zu gehorchen. Ihm wird die Hilfe gekürzt, wenn er nicht nach einer Arbeit sucht, einen Job ablehnt oder ohne die Erlaubnis des Jobcenters in den Urlaub fährt. Wieso glauben wir eigentlich, arme Menschen dazu verpflichten zu können, ihre Armut selbst zu überwinden? Einerseits ist großes Misstrauen gegenüber Armen gesät worden: Sie nähmen nur, sie gäben nicht. Sie würden die Gesellschaft belasten, sie würden den Steuerzahler belasten. Andererseits – gibt es kein andererseits.

Während man früher glaubte, dass Armut ein gottgegebenes Schicksal sei, glaubt man heute, Armut sei selbst verschuldet – und wenn etwas selbst verschuldet ist, dann kann, nein, dann muss man sich selbst aus dieser Armut befreien, und das kann nur, wer hart genug arbeitet. Und wenn man es nicht schafft, dann nur, weil man nicht hart genug gearbeitet hat; also ist man selber schuld, also ist man wahrscheinlich faul, arbeitsunwillig, nicht ehrlich, nicht loyal gegenüber der Gesellschaft. Der Arme ist im ständigen Rechtfertigungsmodus, obwohl Reichtum legitimiert werden sollte. Die Lüge der harten Arbeit erhalten wir aufrecht, indem wir Beispiele von sozialen Aufsteiger*innen präsentieren – obwohl diese eine krasse Ausnahme darstellen. Dadurch wird Armut nicht als ein strukturelles Problem gesehen, sondern als ein Charakterproblem.

So loben wir Arbeiterkinder als Aufsteiger*innen, wenn sie ihr soziales Milieu verlassen. Wir ermutigen sie sogar, es zu verlassen, wir sprechen von einer sozialen Leiter, wenn doch eigentlich von einer finanziellen Leiter gesprochen werden müsste – wir drängen die Aufsteiger*innen dazu, Verrat an ihrem Milieu zu begehen, ihre Normen, Werte und Verhaltensweisen aufzugeben – und sich dafür zu schämen. Zugleich sollen nicht alle aufsteigen, nur einzelne, damit man weiterhin daran glaubt, hart arbeiten zu müssen, dass es genügt, nur ehrlich sein zu müssen, um der Misere der Armut zu entkommen. Armut ist nämlich nützlich: Je geringer die Hilfeleistung oder der Lohn, desto abhängiger ist der Arme vom Wohlwollen des Reichen, je abhängiger vom Staat, desto williger ist der Mensch, jeder Arbeit nachzugehen, die der Staat ihm bietet.

'Armut' bedeutet vor allem: sich als soziales Wesen, eingebunden in ein Netz sozialer Beziehungen, etwas nicht leisten zu können, was in der Gesellschaft als Norm gilt – ob dies Markenschuhe sind, ein einwöchiger Urlaub oder die Autoreparatur. Entscheidend ist die Feststellung, dass sich jeder Mensch ohne diese Güter in der Öffentlichkeit schämen würde. Was das für Güter sind, kann überall anders sein. Aber es sind Dinge, die die 'etablierten Regeln des Anstandes' der jeweiligen Gesellschaft festgelegt haben. Mit den Worten des Politikwissenschaftlers Philipp Lepenies: "Armut ist jene relative Grenze, die es dem Einzelnen nicht mehr erlaubt, in Würde und Anstand Teil der eigenen Gesellschaft zu sein."


Aus: "Armut: Ehrlich und arm sind keine Gegensätze"  Karosh Taha (28. April 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2020-04/armut-chancenungleichheit-arbeitslosigkeit-hartz-iv-10nach8/komplettansicht

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Augenspray #3

Armut ist weder gottgegeben, noch immer selbst verschuldet.
Meistens schlicht eine Frage der Bildung und des Willens.


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_Lyssa_ #3.7

In Deutschland ist es meist eine Frage der Psyche. Insofern ist Perspektivlosigkeit hierzulande (natürlich nicht in südamerikanischen Favelas!) in der Tat der bessere Begriff. Die meisten in Deutschland seit Generationen Armen "vererben" bzw. vermitteln ihren Kindern sog. multiple Vermittlungshemmnisse (wenig Bildung, Suchterkrankung, psychische Erkrankung, Gewalterfahrung etc. ). Und ja, der Staat tut hier zuwenig für die Kinder. Das Problem lässt sich aber nicht in Cash lösen.

Und Armut als "sich nicht leisten können, was in der jeweiligen Peer Group als normal gilt und ohne dass man sich schämt" führt konsequent dazu, dass sobald sich ein Milliardär verspekuliert und sich keinen Privatjet mehr leisten kann sondern erste Klasse Linie fliegen muss er als arm gelten würde. Grotesk.

Ich war als Kind finanziell "arm". Aber eben nicht perspektivlos weil psychisch stabile Eltern und ein intaktes soziales Umfeld. Die fehlenden Markenschuhe haben mich nicht umgebracht. Die Empfehlung der Berufsberaterin in der Schule, doch Rechtsanwaltsgehilfin zu lernen weil Abi machen und Jura studieren zu wollen na nun wirklich ein Wunschtraum bleiben wird - das war schon eher eine Unverschämtheit.

Was mich als eine der Aufsteigerinnen nun wirklich ankekst ist dass man NIE gefragt wird: wo hakt es aus deiner Sicht? Was können wir tun, um mehr Kindern diesen Weg zu ermöglichen?

Stattdessen wird entweder die Existenz solcher Chancen bestritten oder über "Klassenverräter" schwadroniert.


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tartan #7

Sehr schöner Artikel, der einige ziemlich eingeschliffene Denkweisen mal etwas "aufmischt"....


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Computer sagt NEIN #7.1

So ist es. Und manche, wie zu lesen, stolpern in die Falle und über ihre Eitelkeit. Aber Hauptsache mal loswerden, dass die Welt schon ok so ist (arm = faul und doof). Diese Sicht ist noch kein Verbrechen. Aber die Auswirkungen dieser Denkweise erleben wir jeden Tag. Falls nicht vor der eigenen Haustür, flimmern sie über die Schirme, Krisen, Kriege und mangelnde Empathie.


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Elofant #16

"... indem wir Beispiele von sozialen Aufsteiger*innen präsentieren – obwohl diese eine krasse Ausnahme darstellen."

Sozialer Aufstieg ist keine krasse Ausnahme, bis vor kurzem war es eher die Norm. Die Kinder hatten meist ein höheres Bildungsniveau als ihre Eltern und dementsprechend einen höheren Lebensstandard. Das ist nur ein aus dem Text herausgegriffenes Beispiel, aber auch generell fand ich die Argumentation im Text ziemlich wirr und unfundiert.


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Shibboleth #17

Was mich immer stört, das ist der Begriff "sozialschwach", wenn es um arme Menschen geht. Eigentlich ist der Cum-Ex Betrüger und Steuerhinterzieher sozialschwach, egal wieviel er auf dem Konto hat, während der arme Mensch, der bei der Tafel mithilft, die syrische Flüchtlingsfamilie, die 500 Masken am Tag ehrenamtlich für die Bevölkerung näht, und der CEO oder Firmenbesitzer, der für soziale Zwecke spendet, "sozialstark".


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schmirgel #27

Ich denke, sagen zu dürfen, ich bin verhältnismäßig arm. Da ich mir in dieser Gesellschaft weniger erlauben kann, als dies der Norm entspricht, werden andere mir zustimmen. Ich möchte nicht Reich werden. Für mich ist es kein erstrebenswertes Ziel, Dinge zu besitzen, in dem Wissen, dass andere dafür etwas entbehren müssten. Das Problem ist meiner Meinung nach, weniger die Besitzlosigkeit, als die damit verbundene Machtlosigkeit. Wie kann ich ohne Besitz für mein Kind eine Chancengleichheit herstellen. Die Gefahr des kompletten Untergangs ist da. Bislang kommen wir über die Runden, sind nicht arbeitslos, die Kinder entwickeln sich prächtig und sind glücklich. Aber dies kostet mehr Energie, als rücksichtslos und Reich zu sein.


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Herr Jemand #27.1

Ihr Kommentar hat mich beeindruckt, zudem stellen Sie die richtigen Fragen. ...


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[Armut... (Notizen)]
« Reply #231 on: Juni 23, 2020, 09:19:17 vorm. »
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[...] Mehr als 250 Millionen Kinder weltweit haben nach Angaben der Unesco keinen Zugang zu Bildung. Das geht aus dem Weltbildungsbericht der UN-Organisation hervor, der an diesem Dienstag veröffentlicht wird. Demnach besuchten im Jahr 2018 geschätzte 258 Millionen Kinder, Heranwachsende und Jugendliche keine Schule. Die Zahl ist seit der Jahrtausendwende zurückgegangen. Damals lag sie noch bei mehr als 350 Millionen.

„Armut wirkt sich auf Anwesenheit, Abschluss und Lernchancen aus“, heißt es in dem Bildungsbericht. Trotz Fortschritten bei der Reduktion extremer Armut, besonders in Asien, sei jeder zehnte Erwachsene und jedes fünfte Kind davon betroffen - in Afrika südlich der Sahara sogar jedes zweite Kind.

In dem Bericht kommt die der UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation außerdem zu dem Schluss, dass neben den vielen Kindern ohne Bildungszugang auch „Millionen andere (...) aufgrund ihrer Herkunft, Identität oder einer Behinderung innerhalb des Bildungssystems ausgegrenzt“ und von den Folgen der Corona-Pandemie besonders betroffen seien. So sei beispielsweise in einem Viertel aller Länder weltweit getrennte Bildung von Kindern mit und ohne Behinderung gesetzlich vorgeschrieben. Auch Minderheiten und Geflüchteten werde der Zugang zu hochwertiger Bildung in vielen Ländern der Welt nicht hinreichend gewährt.

„Im Krisenkontext, wie der aktuellen Covid-19-Pandemie, verschärfen sich bestehende Ungleichheiten weltweit“, sagte die deutsche Entwicklungsstaatssekretärin Maria Flachsbarth anlässlich der Veröffentlichung des Berichts laut einer Mitteilung. In Deutschland habe man bereits viel erreicht, sagte Walter Hirche, Vorstandsmitglied der Deutschen Unesco-Kommission. „Aber die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf lernt noch immer separiert, statt den Unterricht an allgemeinen Schulen zu besuchen“, so Hirche. „Das müssen wir ändern.“


Aus: "Mehr als 250 Millionen Kinder ohne Zugang zu Bildung" (23.06.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/folgen-der-armut-mehr-als-250-millionen-kinder-ohne-zugang-zu-bildung/25941042.html

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[Armut... (Notizen)]
« Reply #232 on: August 20, 2020, 03:52:29 nachm. »
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„Mayr ist keine zerrissene Person, sondern eine junge Autorin mit Mut zur Selbstentblößung. Die ist subtil, im eigentlichen Sinne radikal. ...“

Anna Mayr, Die Elenden. Warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet und sie dennoch braucht (Hanser Berlin)


https://www.buchmarkt.de/buecher/umgeblaettert-heute-nichts-geringeres-als-ein-literarisches-phaenomen/ (19.08.2020)

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[...] In der Projektionsfläche des Arbeitslosen sähen wir aufgrund dieses Stigmas „die schlimmstmögliche Version von uns selbst“ und wollten damit nichts zu tun haben.

...


Aus: "Armut in Deutschland: „Wir müssen das Nichtarbeiten enttabuisieren“" Anna Mayr im Gespräch mit Änne Seidel (09.08.2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/armut-in-deutschland-wir-muessen-das-nichtarbeiten.694.de.html?dram:article_id=482024

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[...] Für die meisten Menschen ist Armut ein abstrakter Begriff, über den sich gut streiten lässt: Ist arm, wer unterhalb eines gewissen Einkommensdurchschnitt liegt oder ist man nur arm, wenn man sich  nicht leisten kann, Grundbedürfnisse wie wohnen, essen und medizinische Versorgung zu befriedigen? Aber wie es sich anfühlt, arm zu sein, wie der Alltag von Armen aussieht, wie es ist, den ständigen Druck der Arbeitsagentur aushalten zu müssen, kaputte Schuhe zu haben, an der Klassenfahrt nicht teilnehmen zu können und wegen der Kleidung, die man trägt, ausgelacht zu werden [...].

Anna Mayr weiß es. Die heutige Zeit-Redakteurin, ... wuchs im Ruhrgebiet in einer der für die Region typischen Städte aus: Nicht groß, nicht klein, irgendwie dazwischen, beliebig, den Namen der Stadt nenne Mayr nicht.  Ihre Eltern sind Langzeitarbeitslose. Beide haben Abitur, die Mutter hat studiert, bis sie schwanger wurde. Es sind gute Eltern, sie lieben ihre Kinder und vermitteln ihnen Werte wie Bildung, Anstand und Toleranz. Aber sie sind arm, haben meistens keine Arbeit, werden in sinnlose Qualifikationsmaßnahmen gesteckt oder haben nur ab und an kleine Jobs.

Anna Mayr beschreibt in ihrem Buch „Die Elenden“, wie das Leben in ihrer Familie ablief, wie sie als Kind unter der Armut litt und wie sich diese Erfahrung bis heute auf sie auswirkt, wie unerträglich ihr die Sprüche von Kollegen und Bekannten sind, die von „Hartz-IV-Nazis“ reden, die über Flüchtlinge herziehen oder Artikel über Arme schreiben, aber das nur aus der Perspektive der Sozialarbeiter tun. In den Medien kommen die Armen selbst kaum zu Wort, auch wenn es um Armut geht, wie Mayr am Beispiel der Talkshow Anne Will zeigt:

„Ich recherchierte also selbst und fand heraus, dass es in zwölf Jahren fünf Sendungen mit dem Begriff »Hartz IV« im Titel gegeben hatte. Eingeladen waren: ein FAZ-Journalist, eine Arbeitsvermittlerin, die Chefin eines Zeitarbeitsunternehmens, Robert Habeck (Grüne), Hubertus Heil (SPD), Lars Klingbeil (SPD), Jens Spahn (CDU), Sarah Wagenknecht (Linke), ein Start-up-Unternehmer, eine Unternehmensberaterin, zwei ehemalige Hartz-IV-Empfängerinnen, eine Anwältin, der Chef eines Jobcenters, Ottmar Schreiner (SPD), Frank Steffel (CDU), Cem Özdemir (Grüne), Markus Söder (CSU), der ehemalige Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, Günther Wallraff, die Leiterin der Dresdner Tafel, Ursula von der Leyen (CDU), Klaus Ernst (Linke), der Präsident des Industrieverbands, ein Pfarrer und Jan Fleischhauer. Ja, richtig: kein einziger Mensch, der von Hartz IV lebt.“

Mayr beschreibt die Folgen von Armut: Freunde wenden sich ab, man kann am sozialen Leben nicht mehr teilhaben, nicht in eine Kneipe gehen, in Urlaub fahren. Sie beschreibt ein Leben, das oft trostlos ist, denn in unserer Gesellschaft ist man, was man arbeitet. Auch wem es selbst nicht gut geht, zehrt davon, noch immer besser zu sein, als jemand der nicht arbeitet. Es zeigt ihm, dass er normal ist. Für Mayr ist das eine wichtige Funktion der Armen in der Gesellschaft.

Anna Mayrs Buch ist eine Mischung als persönlicher Erfahrungen, der Beschreibung von Unsicherheiten, die sie bis heute prägen und gleichzeitig eine gut recherchierte Analyse des Begriffs Armut, seiner Entwicklung und Bedeutung für die Gesellschaft. Minutiös beschreibt sie, wie sich die Politik in langen Sitzungen auf das HartzIV-Programm einigte, dessen zahlreiche Repressionen im Konzept der von Peter Hartz geleiteten Kommission überhaupt nicht vorkamen.

Sie rechnet vor, dass um Armut herum eine blühende Industrie entstanden ist: „In Deutschland arbeiteten im Jahr 2018 insgesamt 235.000 Menschen in der Kinder- und Jugendhilfe. Streetworker, Heimerzieher, Sozialarbeiter — der Arbeitsmarkt für solche Berufe wächst immer weiter. 51 Milliarden Euro wurden in dem Jahr in diesem Bereich ausgegeben — im Vergleich zu 30 Milliarden Euro für Hartz IV.“ und lehnt dann Vorstellungen wie der nach einem Bedingungslosen Grundeinkommen ebenso ab wie die um sich greifende Verherrlichung des Verzichts: „Jede Forderung nach »weniger« ist eine Forderung, die vor allem denen schadet, die sowieso schon wenig haben. Die Forderung nach autofreien Städten etwa richtet sich gegen alle, für die innenstadtnahes Wohnen zu teuer ist — während die Bewohner der Innenstädte es sich leisten können, Maut-Gebühren zu bezahlen, oder sogar eine Sondergenehmigung für Anwohner bekommen. Eine CO2-Steuer ist den Superreichen egal, für die Mittelschicht wäre sie vielleicht ein Anreiz, mehr vegetarische Produkte zu kaufen — für die Armen ist sie ein Fleischverbot.“

Anna Mayr fordert, dass den Menschen der Druck genommen wird, will, dass wer arm ist, mehr Geld bekommt. Sie orientiert sich dabei am Steuerfreibetrag von 9168 Euro im Jahr – pro Person und auch für Kinder. Sie sich sicher, viele würden dann, wenn sie nicht mehr in Angst leben würden, Jobs annehmen oder sich engagieren. Und Betrüger? Klar, die würde es auch geben: „Eine freie Gesellschaft muss aber davon ausgehen, dass es Betrug geben wird, genau wie Hotels davon ausgehen, dass Handtücher gestohlen werden, und Städte davon ausgehen, dass Menschen bei Rot über Ampeln gehen. In unserer Gesellschaft basiert so vieles auf Vertrauen. Warum vertraut das Jobcenter meinen Eltern dann nicht, wenn sie sagen, dass sie kein Geld haben, sondern lässt sie alle ihre Kontoauszüge einreichen, seit Jahrzehnten schon? Warum vertraute das Jobcenter mir nicht, als ich Abitur machte, sondern ließ mich alle paar Monate eine Schulbescheinigung vorzeigen? Die Antwort ist einfach: Weil die Armen von Erwerb und Konsum und Arbeit ausgeschlossen sind, sollen sie auch vom Lügen ausgeschlossen sein.“

...


Aus: "Die Elenden: Wenn sich die Freunde abwenden" Stefan Laurin (20. August 2020)
Quelle: https://www.ruhrbarone.de/die-elenden-wenn-sich-die-freunde-abwenden/189000

-

Quote
[...] Nora Pauelsen: Anna, was hat die Arbeitslosigkeit deiner Eltern mit dir gemacht?

Anna Mayr: Das ist schwierig zu beantworten. Was würde jemand zu der Frage sagen: Was hat es mit dir gemacht, dass dein Vater Ingenieur ist? Ich glaube, dass ich früh ein starkes Empfinden für Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit entwickelt habe. Als ich im Teenageralter verstanden habe, was Arbeitslosigkeit bedeutet, war ich wütend; weil niemandem daran gelegen war, unsere Situation zu verbessern. Ein ganz praktisches Beispiel dafür war, dass ich als Kind in einem Hartz-IV-Haushalt nicht mehr als 100 Euro im Monat verdienen durfte, ohne dass mein Hartz-IV-Satz gekürzt worden wäre. Das ist eine strukturelle Ungerechtigkeit: dass manche junge Menschen nach ihren Eltern beurteilt werden und manche nicht.



Du hast dich lange dafür geschämt, dass deine Eltern arbeitslos sind. Hast du diese Scham jetzt verloren?

Anna Mayr: Sonst hätte ich wohl kein Buch darüber geschrieben. Der Moment, in dem ich die Scham verloren habe, war in einem Gespräch mit einem Freund, der sich viel mit Gesellschaftstheorie beschäftigt hat. Er sagte zu mir: Es ist doch das Recht eines Menschen in Deutschland, nicht zu verhungern. Niemand muss dankbar für das Geld sein, das er vom Staat zum Überleben bekommt. Ich hatte vorher lange gedacht, dass die Eltern meiner Freunde Steuern zahlen müssen, damit ich überleben kann. Dieses Bild von Arbeitslosen prägt das Fernsehen ja extrem: Da sind die, die auf unsere Kosten leben. Aber genauso wie die Ampel in meiner Straße funktioniert und Schlaglöcher repariert werden, lässt man Familien in diesem Land eben nicht auf der Straße schlafen. Das ist mir in dem Moment, mit 19, erst klar geworden. Abgesehen davon weiß ich inzwischen, wie viele Steuern hinterzogen werden und was mit Steuergeld noch so alles gemacht wird.



Du schreibst, dass du jetzt wegen deiner Kindheit in armen Verhältnissen besonders viel Anerkennung für deine Karriere bekommst. Wie findest du es, als „Aufsteigerin“ gelobt zu werden?

Anna Mayr: Ich finde dieses Lob ganz niedlich, weil ich weiß, woher es kommt: Es ist der Versuch, die Position von Menschen als Resultat ihrer Arbeit, ihres Kampfes darzustellen. Wer selbst nicht „aufgestiegen“ ist, der lobt die Aufsteigerin, um sich damit zu beweisen, dass auch er seine Position verdient hat – weil man ja wohl nur hart arbeiten muss, um Erfolg zu haben und wer unten bleibt, ist selber schuld.  Mir persönlich ist dieses Lob egal. Interessant finde ich aber, dass die Menschen, die mehr als ein Milieu kennen, mich nie loben. Weil sie verstehen, dass „Aufstieg“ oder das Wechseln von Milieus ein Produkt von vielen verschiedenen Umständen ist. Und dass man sich einfach nur wünscht, nicht als hervorhebenswerter Sonderfall gesehen zu werden.



Früher hast du von Hartz-IV gelebt, jetzt verdienst du selbst Geld und lebst in Berlin-Mitte. Die meisten Menschen lernen in ihrem Leben nur eine soziale Schicht kennen. Kann man sich in zwei so unterschiedlichen Lebenswelten wohlfühlen? Ist man immer zerrissen zwischen zwei Extremen?

Anna Mayr: Zunächst einmal: Ich finde das Wort „Schicht“ despektierlich, weil es ein oben und unten annimmt. Zerrissen bin ich auf jeden Fall nicht. Aber das Gefühl, noch etwas anderes zu kennen, eine andere Lebenswelt, kann man sich so vorstellen: Du tauchst. Unter der Wasseroberfläche, immer geradeaus, neben allen anderen her. Nur zwischendurch tauchst du plötzlich auf, holst Luft – dir wird bewusst, dass du gerade tauchst und dass es noch etwas anderes gibt als das Wasser, in dem du schwimmst. Menschen, die ihr Leben immer im gleichen Milieu verbracht haben, tauchen einfach nur und müssen nie Luft holen. Sie kennen nur eine Realität, ein Set von sozialen Codes und Gewohnheiten. Deshalb fallen ihnen die Unterschiede zu anderen Lebensrealitäten nicht andauernd auf. Wenn ich in einer teuren Bar für Getränke bezahle, dann sehe ich manchmal die Rechnung und denke: Fuck, ist das gerade teuer. Was man von dem Geld alles kaufen könnte! Das ist so ein Lufthol-Moment. Und dann schwimme ich aber weiter, bezahle, setze mich ins Taxi nach Hause. Wenn man sich nicht anpasst, zu viel über der Oberfläche schwimmt, sich selbst die ganze Zeit von außen betrachtet, dann wird man unglücklich.



Wie stehst du zu reichen Menschen?

Anna Mayr: In meinem Umfeld waren wenig Leute wirklich reich. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Menschen existieren, die 5000 Euro netto im Monat verdienen. Meine Freunde und ich haben auch ein Unverständnis gegenüber reicheren Kindern gehabt – die bekommen ja alles von ihren Eltern in den Arsch geschoben. Heute denke ich mir: Wenn man Geld hat, das Kind etwas will und man es sich objektiv leisten kann, warum würde man es dem Kind dann nicht kaufen? Wir sind alle gefangen in Ideologien und Strukturen, reiche Menschen sind das genau so wie arme. Und auch Reiche haben Angst, ihren Reichtum zu verlieren. Der Unterschied ist, dass jeder für Reichtum Empathie entwickeln kann: Früher habe ich teure Restaurants verachtet, heute finde ich es eigentlich ganz schön, kleine Portionen von großen Tellern zu essen. Für Armut hingegen gibt es keine Empathie.



Findest du, dass Geld in unserer Gesellschaft fair verteilt ist?

Anna Mayr:  Nein. Ich glaube, Erbschaft wird auf lange Sicht nicht mit der Demokratie vereinbar sein. Die Idee der sozialen Marktwirtschaft war ein Leistungswettbewerb, aber in dem Moment, wo sich viel Vermögen an wenigen Stellen akkumuliert, ist die soziale Marktwirtschaft kein Leistungswettbewerb mehr, sondern ein Erb-Wettbewerb. Neulich habe ich einen Text über Vermögensabgaben geschrieben. Ein Leser reagierte mit der Frage, warum ich neidisch auf seine Kinder sei. Ich habe geantwortet, dass ich überhaupt nicht neidisch bin. Er solle sich nur bewusst machen, dass seine Kinder für ihr Erbe nichts geleistet haben. Wenn wir über die Armen sprechen, dann tun wir so, als würden Geld und Leistung zusammenhängen – aber gleichzeitig sehen wir bei den Reichen jeden Tag, dass das eine Lüge ist. Ich würde das Erben abschaffen, und dafür die Möglichkeiten, zu Lebzeiten zu schenken, ausweiten.



Du schreibst, dass wir unsere Identität herbeikonsumieren. Arbeitslose seien von dieser Identitätsbildung ausgeschlossen. Was meinst du damit?

Anna Mayr: Jeder drückt durch das, was er kauft, aus, was er sein möchte. Wenn man aber kein Geld hat oder nur genau so viel, um das Billigste zu kaufen, wird einem die Freiheit genommen, zu bestimmen, wer man sein möchte. Die günstigen Klamotten, die man sich leisten kann schreien ja: ‚Ich bin Teil der Unterschicht.‘ Wer Sachen von Kik trägt, ist ein Asi, weil Asis Sachen von Kik tragen. Dieses Bild wird ständig reproduziert.



Aber ich kann mich doch auch ohne Geld identifizieren, indem ich zum Beispiel joggen gehe oder auf einem alten Handtuch draußen Yoga mache.

Anna Mayr: Auch das alte Handtuch ist Symbol einer Second-Hand-Öko-Bewegung, auch Yoga-Kurse sind Konsum. Aber das macht dich nicht zu einem schlechten Menschen. Es ist auch in Ordnung, wenn jemand sich eine Rolex kaufen möchte, um in seinem Milieu akzeptiert zu werden. Jeder Mensch ist in bestimmte Wertesysteme eingespannt und wir versuchen alle nur, möglichst gut klarzukommen. Konsum bestimmt unseren Alltag. Alles wird gekauft. Selbst das alte Handtuch, das eine junge Studentin im Second Hand Shop kauft. Es ist ein Ausdruck ihrer selbst zu sagen: Ich schere mich nicht um Luxus. Aber Arbeitslose haben diese Wahl nicht. Bei einer jungen Studentin ist es cool, wenn sie in einen Second Hand Shop geht und auf Marken scheißt. Bei einem 50-jährigen Arbeitslosen, der in einen Second Hand Shop geht und auf Marken scheißt, denkt man: Ja, weil du dir nichts anderes leisten kannst.


Du schreibst, wir sollten uns über andere Dinge identifizieren als unseren Job. Wo liegt für dich da das Problem?

Anna Mayr: Wenn du dich nur über deinen Job identifizierst, machst du dein Selbst von jemandem abhängig. Von einer Firma, einem Arbeitgeber oder Investoren, denen du als Mensch vollkommen egal bist. Wir sagen zu Kindern: „Du musst unabhängig werden“ – und meinen in Wirklichkeit damit, dass sie abhängig von einem Arbeitgeber werden müssen. Eigentlich ist man nur unabhängig, wenn man mit eigenem Vermögen ohne Investoren ein Unternehmen gründet, und selbst dann ist man abhängig vom allgemeinen Wirtschaftswachstum und von Konsumenten. Wenn sich Leute mit ihrem Job so stark identifizieren, dass sie ohne ihre Arbeit nichts mehr sind, haben sie noch größere Angst, arbeitslos zu werden – weil sie dann sich selbst verlieren würden. Viele nehmen sich sogar das Leben, wenn sie ihren Job verlieren. Wenn man sich nur über seinen Job identifiziert, sind außerdem Menschen ohne Job einfach nichts. So schließen wir die Leute aus, die nicht arbeiten. Das sind nicht nur Arbeitslose, sondern auch alte Leute, die vereinsamen und alleine sterben, weil sie, sobald sie aus ihrem Job heraus sind, ihre Identität und ihr soziales Umfeld verlieren.



Wie identifizierst du dich denn abseits deines Berufs als Journalistin?

Anna Mayr: Ich mache tatsächlich gerne Yoga, auch wenn das immer ein bisschen peinlich klingt. In der Corona-Zeit habe ich angefangen, zu malen und zu puzzlen und zu backen. Ich bin großer Fan von Gegenwartsliteratur, vor allem, wenn sie von Frauen geschrieben wird. Ich schreibe und ich mag Katzen. Meine größte Leidenschaft sind aber wahrscheinlich Menschen und ihre Leidenschaften. Hobbies, Obsessionen. Das können Tauben sein oder Modelleisenbahnen oder Briefmarken.



Wir sollten uns anders gegenüber Arbeitslosen ausdrücken, schreibst du. Statt „sozial schwach“ sollte man besser „arm“ sagen. Wieso ist das wichtig?

Anna Mayr: Worte prägen unsere Welt. „Sozial schwach“ ist ein Begriff, der abgrenzt. Es gibt die Gesellschaft und die „sozial Schwachen“. Was soll sozial schwach überhaupt heißen? Dass man nicht einfach Freunde findet? Es klingt wie eine natürliche Disposition von Menschen, mit der die Gesellschaft nun eben umgehen muss. Man problematisiert die Leute, nicht die Situation. „Arm“ hingegen hat ein Gegenteil, es ist eingebettet in ein Gefüge, in dem manche verlieren und manche gewinnen. Man spricht ja auch gern über „sozial schwache Gegenden“, was auch eine absolute Bullshit-Formulierung ist. Oft geht es da ja um Orte, an denen viele Menschen mit Migrationshintergrund leben. Diese Menschen sind miteinander teils extrem gut vernetzt, sind füreinander da, also sozial viel stärker als die Lehrerkinder in Einfamilienhaussiedlungen es vielleicht jemals sein werden.


Wie verändert sich der Blick auf Arbeitslose, wenn durch die Pandemie mehr Menschen ihren Job verlieren?

Anna Mayr: Es lernt gerade ein neues Milieu Arbeitslosigkeit kennen: junge Menschen, die im Marketing gearbeitet oder ein Traineeship angefangen haben. Wenn diese Gruppe von Menschen, die oft in bürgerlichen Haushalten aufgewachsen ist, sich plötzlich mit Hartz-IV beschäftigen muss, sehe ich eine Chance darin, dass sich Hartz-IV verbessert. Empathie mit dem Langzeitarbeitslosen zu haben, wird wohl immer noch für die meisten sehr schwer sein. Dieses Gefühl von Abseits und Machtlosigkeit nachzuempfinden, ist emotional sehr anstrengend. Das kann man nicht von jedem erwarten. Aber wenigstens Empathie dafür zu haben, dass es manchen Leuten anders geht als einem selbst. Und dass man nicht auf sie herabblickt, sondern jeden Menschen als Produkt von Umständen und Zufällen begreift.


Aus: "„Wenn man sich nur über seinen Job identifiziert, sind Menschen ohne Job nichts“" Interview von Nora Pauelsen (17.08.2020)
Quelle: https://www.jetzt.de/kultur/anna-mayr-im-interview-ueber-arbeitslosigkeit-und-ihr-buch-die-elenden
« Last Edit: August 20, 2020, 04:12:10 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Armut... (Notizen)]
« Reply #233 on: September 03, 2020, 12:02:53 nachm. »
Quote
[...] Der erste Blick lädt nicht eben zum Zugreifen ein. Ramponiert sehen einige Eierkartons aus, klebrige Flecken lassen so manche gesprungene Schale vermuten. Trotzdem bekommt Arthur Kamarad leuchtende Augen, als er die Ware inspiziert. "Zehn Cent pro Stück sind unschlagbar", sagt er: "Für mich ist das hier das Paradies."

Dorthin getrieben hat den 50-Jährigen – wuchtige Statur, angegraute Stehfrisur, Ray-Ban-Brille am Kragen – die blanke Not. Von heute auf morgen kappte der Lockdown das Einkommen des Fitnesstrainers auf null, fortan zehrte er vom Ersparten. Einmal 500 Euro habe er aus dem Härtefonds bekommen, die erste Rate der Notstandshilfe ließ zweieinhalb Monate auf sich warten. Ein Segen, dass Kamarad die Kette Foodpoint entdeckte, um sich billig zu versorgen – zuallererst mit Eiern, von denen er täglich bis zu zehn vertilgt. Die tatoogezierten Muskelpakete, die er unter straff gespanntem Leiberl spazieren trägt, wollen genährt werden.

Neukunden wie Kamarad machen Sozialmärkte, die Bedürftigen Lebensmittel zu Sonderpreisen bieten, zu einer der wenigen boomenden Branchen der Krise. Die Foodpoint-Geschäfte verzeichnen einen bis zu viermal so starken Zulauf wie vor der Pandemie. Der Mitbewerber Sozialshop eröffnet in Wien kurzerhand zwei neue Fillialen. Auch die Soma-Märkte, unter deren Label österreichweit 38 Geschäfte firmieren, registrieren wachsenden Andrang – wobei Verbandschef Gerhard Steiner damit rechnet, dass es sich erst um die Vorhut handelt: "Viele trauen sich aus Scham nicht gleich, in den Sozialmarkt zu gehen."

Jene Menschen, die sich am Montagmorgen vor der Foodpoint-Filiale in Wien-Hernals anstellen, haben die Hemmschwelle längst überwunden. Eine halbe Stunde vor Öffnung sind die Ersten da, um sich Zettel mit Nummern zu holen – weil der Platz knapp ist, wird der Eintritt reguliert. Drinnen, in den zwei schummrigen Räumen, steuern die meisten erst einmal die Obst- und Gemüsesteigen an. Flink tasten Hände Gurken ab, drehen Äpfel nach allen Seiten. Ein Mann schüttelt den Kopf, als er den in rauen Mengen vorhandenen Knoblauch einem Frischetest unterzieht. Zu rasch geben die einzelnen Zehen unter Fingerdruck nach.

Wer sucht, findet rasch was zum Naserümpfen. Der Ingwer ist dürr, einige Pfirsiche sind angestochen, abgepackte Melonenscheiben safteln. In der Kühltruhe liegen zergatschte Cremeschnitten und brüchige Fertigpizzen, so manche Kartonage ist zerissen. Doch pingelig zu sein, das können sich die Kunden hier nicht leisten.

"Wofür du im Supermarkt 150 Euro bezahlst, kriegst du hier um 50", erzählt ein junger Mann, der in Schlapfen, Leiberl und Jogginghose auf Einlass wartet. Pünktlich zum Start des Lockdowns ist der Flüchtling als Küchengehilfe rausgeflogen und von 1.250 Euro netto im Monat auf 950 runtergerasselt – da gehe es um jeden Euro. "Man kann mit 900 Euro schon leben", sagt er, "aber du wirst dir nie etwas ansparen können, um irgendwie weiterzukommen – etwa für den Führerschein oder einen Kebabstand."

Pensionisten, Frauen mit Kindern, Kurzarbeiter und Arbeitslose geben sich an jenem Morgen die Klinke in die Hand, viele darunter haben Migrationshintergrund. Aber auch Studenten sind dabei, die zuallererst ein idealistisches Argument anführen. "Mir gefällt der Gedanke, dass Essen nicht verschwendet wird", sagt eine Soziologiestudentin, die nebenbei um 600 Euro im Monat kellnert. Da sei es verkraftbar, wenn die Bananen halt nur mehr zum Vermantschen in einem Kuchen taugen.

Ohne Sozialmärkte würden viele der feilgebotenen Lebensmittel direkt im Müll landen. Das Gros stammt von den Supermärkten, die überflüssige Ware gratis überlassen und sich so Entsorgungskosten sparen. Zum Teil sind das Ladenhüter – etwa aus der Zeit gefallene Osterhasen, wie sie das Foodpoint-Geschäft in Hernals sogar verschenkt.

Der größte Teil aber, erläutert Spar-Konzernsprecherin Nicole Berkmann, entfalle auf Produkte, deren Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) bald abläuft. Dieses sagt aus, wie lange der Hersteller die volle Genussfähigkeit garantiert – was aber nicht heißt, dass die Sachen danach verdorben sind. Greenpeace etwa fand heraus, dass Lebensmittel mitunter noch Wochen nach Ablauf des MHD tadellos waren. "Aber die Kunden kaufen sie dann einfach nicht mehr", sagt Berkmann.

Die Produkthersteller liefern ebenfalls, sei es, weil sie zu viel produziert haben – oder Waren in schadhafter Verpackung loswerden wollen. Am Höhepunkt des Lockdowns hatten auch Gastronomiebetriebe reichlich Nahrungsmittel geschickt, auf denen sie sitzengeblieben sind, erzählt Marius Aigner vom Verein Start-up, der die fünf Foodpoint-Märkte in Wien betreibt. Mit Mitbewerbern und anderen Sozialeinrichtungen wie der Obdachlosenherberge Gruft gebe es überdies regen Tauschhandel "wie vor hunderten Jahren. Der eine hat massenhaft Eistee, der andere Soda Zitron – dann wird getauscht."

Die Kühlkette werde penibel eingehalten, das Marktamt kontrolliere die Hygiene, sagt Aigner: Bedenkliche Ware sortiere man natürlich aus. Dennoch sichern sich die Betreiber ab. Wer hier einkaufen will, muss nicht nur sein niedriges Einkommen belegen, sondern auch einen Haftungsausschluss unterschreiben. Inbegriffen sei der Hinweis, so Aigner, beim Einkauf "alle Sinne walten zu lassen".

"Vergammelt war noch nie etwas", berichtet Arthur Kamarad, der – weil er nun wieder als Trainer arbeiten kann – mittlerweile aus dem Kundenkreis herausgefallen ist. Und selbst wenn das Gemüse mitunter schon batzweich war – mein Gott: "Ich habe Tomatencremesuppe zu schätzen gelernt." Daran änderten auch die verächtlichen Kommentare nichts, die ihm vermeintliche Freunde auf Facebook geschickt hatten: "Was? Dort gehst einkaufen?"

Billiges Essen für die Armen, weniger Verschwendung – ein Segen also für alle? Stefan Selke widerspricht entschieden. Es sei eine zivilisatorische Errungenschaft, dass der Sozialstaat die Daseinsfürsorge der Bedürftigen garantiere, sagt der Soziologie-Professor von der Uni Furtwangen in Deutschland. Wenn sich aber die immer professionelleren Sozialmärkte zu Einrichtungen auswachsen, mit denen die Bürger fix rechnen, sinke der Druck auf die Politik, für ausreichende Leistungen zu sorgen. "Der Staat wird aus der Verantwortung entlassen", sagt Selke: "Was ein Recht war, wird zum Almosen umgemünzt. Das ist ein Rückfall ins Mittelalter."

Allerdings steckt dahinter ein Henne-Ei-Problem. Gibt sich der Staat knausrig, weil es die Sozialmärkte gibt? Oder ist es umgekehrt? Wenn alle Spezialshops zusperren, wäre noch lange nicht garantiert, dass Regierungen im Gegenzug Sozialleistungen anheben. "Wir sind eine Ergänzung, kein Ersatz", sagt Foodpoint-Betreiber Aigner: "Wir können so rasch aushelfen, wie es die Behörden nicht schaffen." Auf Sozialämtern warte man Wochen oder Monate auf Leistungen.

"Es ist ein Dilemma", sagt Martin Schenk von der Armutskonferenz: "Sozialmärkte helfen Menschen unmittelbar, dass sie etwas ordentliches auf dem Tisch haben. Doch gleichzeitig schaffen sie Parallelstrukturen, die für Bedürftige beschämend sein können." Das Argument mit der schwindenden Verantwortung des Staates sei nicht einfach von der Hand zu weisen, "denn eigentlich sollten die Sozialleistungen so bemessen sein, dass Sozialmärkte überflüssig sind".

Schenk fallen einige Beispiele ein, wo Österreich nachbessern könnte. Das Arbeitslosengeld beschert Betroffenen hierzulande einen vergleichsweise harten Absturz auf 55 Prozent des früheren Nettolohns. Auch die Mindestsicherung, sagt er, biete keine so üppige Absicherung, wie Kritiker behaupten: "Sonst müssten nicht so viele Menschen zum Sozialmarkt gehen."

Verschärfend wirkt: Die Teuerung trifft ärmer Menschen in aller Regel härter als den besser situierten Teil der Bevölkerung. Laut Statistik Austria lag die Inflationsrate für die untersten zehn Prozent der Einkommensverteilung in den letzten vier Jahren dreimal über dem Schnitt, nur einmal gleichauf. Vor allem die stark gestiegenen Mieten schlagen durch.

Sie habe gar keine andere Wahl, sagt vor dem Geschäft in Hernals eine Frau, die in Kurzarbeit ist: "Niemand weiß, wie es weitergeht." Da gelte es, vorsorglich jeden Euro beiseite zu legen – und den Speiseplan notgedrungen ans Angebot anzupassen. Was heute auf dem Teller lande? "Fisolen mit viel Knoblauch."


Aus: "Boom der Sozialmärkte: Segen für alle oder Rückfall ins Almosenwesen?" Gerald John (2.9.2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000119670837/boom-der-sozialmaerkte-segen-fuer-alle-oder-rueckfall-ins-almosenwesen

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Stag77, 2. September 2020, 15:55:26
Ich bin selbst Mitbegründer eines vergleichbaren Vereins (rein ehrenamtlich betrieben) und bin mir der genannten Kritikpunkte bewusst. Häufiger noch kommt übrigens folgendes Argument: Wenn Menschen mit Sozialhilfe u.Ä. auch dank solcher Einrichtungen eh ganz gut über die Runden kommen, nähme man ihnen die Motivation, ernsthaft wieder einen Job zu suchen etc.
Ich habe noch zu keiner schlüssigen Antwort gefunden, auch weil mir die kausalen Zusammenhänge weitaus komplexer erscheinen, als von der einen oder anderen Seite dargestellt.
Es gäbe sicher, auch im Gesamten gesehen, bessere Systeme, aber ich denke, letztlich geht's darum, sich um eine lebendige Balance zwischen all den tw. auch (scheinbar) widersprüchlichen Aspekten zu bemühen.


Quote
Nightwolf

... Solange es kein Gleichmaß in der Steuerpolitik gibt, bleibt der Gesellschaft die Verteilungsungerechtigkeit erhalten und daraus resultiert dann eben der "Scherenfaktor" zwischen oben/unten oder arm/reich. Und da sich in absehbarer Zeit nichts daran ändern wird, werden wir wohl mit den Sozialmärkten, den Tafeln und sonstigen "Almosenebenen" leben müssen und sie auch benötigen.
Ein erster Schritt wäre Lebensmittelvernichtung, egal ob durch Überproduktion oder nicht zeitgerechte, verbilligte Abgabe) exorbitant zu besteuern bzw. zu bestrafen.
Weiters verbindlich eine Teil-Grundsicherung einführen und an den Armutsfallenstellschrauben (Wohnkosten, Niedriglohnsektor) zu drehen. Dies für den Anfang - das MEHR hat noch viele "Baustellen".


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Salzkristall

Ja, aber wie soll das alles funktionieren liebe Leute? Wenn man höhere Sozialabgaben von Reichen verlangt, wie können diese sich dann bitte noch teure Autos kaufen, Golduhren, überdimensionierte Häuser oder eine Yacht in Malibu? Wollt ihr ernsthaft in einer Welt leben in der Reiche von ihrem Überfluss etwas abgeben müssen, nur damit andere Menschen ein würdiges Leben führen können?


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[Armut... (Notizen)]
« Reply #234 on: Oktober 01, 2020, 09:35:36 vorm. »
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[...] Ältere Menschen in Deutschland sind zunehmend von Armut bedroht. Der Anteil der über 64-Jährigen, die gemessen am mittleren Einkommen bundesweit armutsgefährdet sind, stieg in den vergangenen 15 Jahren um 4,7 Prozentpunkte auf 15,7 Prozent im Jahr 2019, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch in Wiesbaden mitteilte. In keiner anderen Altersgruppe war der Anstieg so groß.

Eine Person gilt als armutsgefährdet, wenn ihr Nettoäquivalenzeinkommen weniger als 60 Prozent des nationalen Medianeinkommens beträgt.

Insgesamt stieg die Armutsgefährdungsquote seit 2005 um 1,2 Prozentpunkte auf 15,9 Prozent, wie es weiter hieß. Die Armutsgefährdungsquote war für Personen über 64 Jahre somit im Jahr 2019 annähernd genauso hoch wie in der Gesamtbevölkerung.

Der Anstieg der Armutsgefährdungsquoten für die Generation 65 plus fällt nach Angaben der Statistiker in den westlichen und den östlichen Bundesländern einschließlich Berlin ähnlich hoch aus. Unterschiede zeigen sich aber im Vergleich zur Armutsgefährdung über alle Altersgruppen hinweg. Im Westen stieg die Armutsgefährdungsquote für über 64-Jährige seit 2005 um 4,6 Prozentpunkte auf 16,2 Prozent im Jahr 2019 und liegt somit sogar knapp oberhalb der Armutsgefährdungsquote für alle Altersgruppen im Westen zusammen.

Im Osten wurde den Angaben zufolge im gleichen Zeitraum ein Anstieg um 4,9 Prozentpunkte auf 13,8 Prozent gemessen. Dieser Wert liegt jedoch um 4,1 Prozentpunkte unter der Armutsgefährdungsquote für alle Altersgruppen im Osten.

Auffällig ist laut Statistischem Bundesamt, dass der Anstieg der Armutsgefährdung in der Generation 65 plus im Osten gegenläufig zum dort beobachteten Gesamttrend verläuft. Über alle Altersgruppen hinweg nahm die Armutsgefährdungsquote im Osten ab: Von 20,4 Prozent im Jahr 2005 auf 17,9 Prozent im Jahr 2019.

Bezogen auf die Bundesländer bestand das höchste Armutsrisiko für ältere Menschen wie bereits vor 15 Jahren im Saarland (2019: 18,4 Prozent), in Rheinland-Pfalz (17,8 Prozent) und in Bayern (17,5 Prozent). Am niedrigsten war es im vergangenen Jahr in Brandenburg (12,5 Prozent), Schleswig-Holstein (13 Prozent), Thüringen und Sachsen (jeweils 13,4 Prozent). Besonders stark gestiegen ist die Armutsgefährdungsquote bei den Älteren seit 2005 in Berlin (plus 7,4 Punkte auf 14,8 Prozent) und in Nordrhein-Westfalen (plus 7,1 Punkte auf 16,8 Prozent).

Die Zahl der Empfängerinnen und Empfänger der sogenannten Grundsicherung im Rentenalter hat sich seit Einführung der Leistung im Jahr 2003 bundesweit mehr als verdoppelt: von 258.000 zum Jahresende 2003 auf 562.000 zum Ende des vergangenen Jahres. Der Anstieg sei auch auf die insgesamt in Deutschland steigende Zahl von Menschen im Rentenalter zurückzuführen, erklärten die Statistiker. Allerdings sind inzwischen mehr der Menschen im Rentenalter auf die Sozialleistung angewiesen als vor 17 Jahren: Ihr Anteil stieg von 1,7 Prozent zum Jahresende 2003 auf 3,2 Prozent im Dezember 2019.

Zwischen den Bundesländern zeigten sich deutliche Unterschiede. So sind ältere Menschen in den Stadtstaaten besonders häufig auf Grundsicherung angewiesen, allen voran in Hamburg (8,5 Prozent). Ein Grund dafür könnten die höheren Lebenshaltungskosten in den Städten sein, wie es hieß. Auch in Bremen (6,9 Prozent) und Berlin (6,6 Prozent) ist die Quote überdurchschnittlich hoch. (epd)



Aus: "Armutsrisiko in Generation 65 plus am stärksten gestiegen" (30.09.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/besonders-in-berlin-armutsrisiko-in-generation-65-plus-am-staerksten-gestiegen/26230864.html

Quote
2010ff 30.09.2020, 19:11 Uhr

Die zunehmende Verarmung auch der älteren Menschen unserer Gesellschaft steht seit mehr als 10 Jahre fest. Und über diesen Trend wird auch spätestens seit der Kenntnis, wie sich die Agenda-Politik auswirkt, ausgiebig berichtet.

Das ist ein alter Hut. Die Gesellschaft wurde neoliberalisiert, immer weiter ökonomisiert, große Teile der abhängig Beschäftigten wurden prekarisiert. Im aktiven Erwerbsleben sind sind auf eine Subsistenzexitenz reduziert worden - von der Hand in den Mund - wo ein Famlieneinkommen schon längst nicht mehr für Miete, Nahrung und Urlaub reicht. Und aus der prekären Arbeitswelt von Aufstocker und Co. gleitet man dann übergangslos in die Altersarmut.

Das wird seit 15 Jahren präzise und wahrhaftig berichtet. Gekontert wird es von Frau Merkel, die es besser weiß: Deutschland geht es gut. Und es gibt die vielen bezahlten und nicht bezahlten Kräfte in den Medien, die diese Mantra wiederholen.

Schließlich soll es so bleiben in unserer Klassengesellschaft. Für diejenigen oben, die Vollkasko leben. Und die darunter, die sich ein Rattenrennen liefern müssen um Jobs, Wohnungen, den Malle-Urlaub und den Dacia,  und ein wenig Planungssicherheit für nicht nur die nächsten drei Monate.


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[Armut... (Notizen)]
« Reply #235 on: Oktober 14, 2020, 06:34:18 nachm. »
Quote
[...]  Eine Frau schlägt wütend auf einen Kochtopf. Sie ist verzweifelt, sie weiß nicht, wie sie ihre Tochter versorgen soll. "Was zum Teufel soll ich machen. Meine Tochter hat seit vier Tagen nichts gegessen. Ich habe kein Geld, um etwas einzukaufen. Es tut mir weh und ich bin wütend. Unsere Kinder bitten um etwas zu Essen. Die da oben sollen hören, wie unseren Kindern der Magen knurrt", schimpft diese Mutter aus dem Bundesstaat Mérida in einem Video, das in den sozialen Netzwerken geteilt wird.

Die venezolanische Ernährungswissenschaftlerin Susana Raffalli kennt Szenen wie diese. "Ein Großteil der Familien ist auf das Geld angewiesen, das ihnen Angehörige aus dem Ausland schicken. Doch mit der Coronakrise hätten viele ihren Job verloren", sagt sie. "Die Geldsendungen bleiben nun oftmals aus. Sie sind um 52 Prozent zurückgegangen. Das führt zur Ernährungsunsicherheit bei den Familien."

 Laut einer aktuellen Statistik der katholischen Universität Andrés Bello leben 96 Prozent der Haushalte in Venezuela in Armut und 64 Prozent in extremer Armut. Fleisch, Fisch, Eier, Obst und Gemüse kommen nur noch bei den wenigsten Familien auf den Tisch. Das Land leidet seit Jahren unter Hyperinflation, den Sanktionen, es fehlt an Devisen. In der Coronakrise verschärft sich die Not der Menschen im ohnehin schon gebeutelten Venezuela immer noch weiter.

In den letzten Monaten sind viele Venezolaner trotz der Pandemie immer wieder auf die Straße gegangen, auch in den ländlichen Regionen, weil es ihnen am wesentlichsten mangelt: Es gibt kein Wasser, kein Benzin, regelmäßig fällt der Strom aus, die Lebensmittelpreise sind horrend. Demonstranten plünderten teilweise die Läden. In dem einst größten Erdölförderland Lateinamerikas liegen die Raffinerien brach. Das Land produziert selbst kaum und ist nicht in der Lage ausreichend Lebensmittel zu importieren. Und die wenigen Landwirtschaftsprodukte, die es gibt, können wegen des Benzinmangels nicht transportiert werden.

 Die Auswirkungen der Krise spürten vor allen Dingen die Kinder, sagt Raffalli: "Wenn sie unter Unterernährung leiden, ist die Gefahr drei Mal so hoch krank zu werden oder an Krankheiten zu sterben. Die ersten Lebensjahre dieser Kinder sind gekennzeichnet von Unsicherheit und Hunger. Das führt zu schwerwiegenden emotionalen Schäden und im Schulalter zu Lern- und Konzentrationsstörungen. Als Erwachsene sind sie emotional und in ihrem Sozialverhalten eingeschränkt. Der Teufelskreis von Armut geht also weiter."

Zudem werde das öffentliche Gesundheitssystem noch stärker als sowieso schon belastet. Die Maßnahmen der Regierung um die Unterversorgung zu bekämpfen, blieben erfolglos, kritisiert die Ernährungswissenschaftlerin. "Es gibt ein Programm, das Familien mit Lebensmitteln unterstützen soll. Aber am Ende konzentrieren sich diese Bemühungen nicht auf die Menschen, die es wirklich nötig haben. Außerdem wurden immer wieder Korruptionsfälle aufgedeckt", sagt sie.

Auch für den Soziologen Luis Pedro España spitzt sich die Situation immer weiter zu. Er forscht an der katholischen Universität Andrés Bello über Armutsprävention. "Wenn wir die Statistiken vergleichen, haben wir was die Unterernährung von Kindern unter fünf Jahren betrifft mittlerweile ähnliche Verhältnisse wie beispielsweise in Nigeria oder dem Kongo", sagt er.

Der Hunger hat Auswirkungen auf eine ganze Generation und damit auf die Zukunft Venezuelas.


Aus: "Hunger in Venezuela: Kein Fleisch, keine Milch, kein Brot" Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt (12.10.2020)
Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/venezuela-hunger-101.html

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[Armut... (Notizen)]
« Reply #236 on: Oktober 21, 2020, 10:28:39 vorm. »
Quote
[...] ZEIT ONLINE: Die Wirtschaftskrise durch Corona trifft auch die Mittelschicht. Spiegelt sich das in der Zusammensetzung der Menschen wider, die zu den Tafeln kommen?

Kirkhart: Ja, absolut. Ich schätze, dass etwa 40 Prozent derjenigen, die durch die Pandemie neu zu unseren Verteilungsstellen kamen, nie zuvor auf Essensspenden angewiesen waren. Aber sie wussten sich nicht mehr anders zu helfen. Sie müssen wissen, die Menschen hier in Appalachia sind stolz. Viele haben geweint, als sie zum ersten Mal zur Lebensmittelverteilung kamen, ihre Kinder hinten im Auto. Sie sagten Dinge wie: "Ich würde das hier eigentlich nicht tun, aber ich habe Kinder." Es hat viel Zuspruch unsererseits gebraucht, um zu vermitteln: Es ist in Ordnung, das hier sind außergewöhnliche Umstände, niemand konnte das vorhersehen. Es ist wichtig, das so würdevoll wie möglich zu gestalten.

...


Aus: "Hunger in den USA: "Viele haben geweint"" Interview: Johanna Roth, Huntington (20. Oktober 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-10/ngo-facing-hunger-west-virginia-armut-cynthia-kirkhart-usa-lebensmittelverteilung/komplettansicht

Quote
taxonix #8

Die USA haben eines der höchsten BIP pro Kopf der Welt, und trotzdem sind dort Menschen auf Lebensmittelspenden angewiesen. Das kapitalistische System erweist sich ein weiteres Mal als völlig ungeeignet, die grundlegendsten Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen, aber das soll es vermutlich auch gar nicht. Es soll die Reichen einfach immer noch reicher machen, und noch reicher, und noch reicher. Und das klappt schließlich super, auch in Corona-Zeiten.


Quote
mounia #8.1

Vor allem in Corona Zeiten.


Quote
lilaa #56

...

https://www.theguardian.com/business/2020/sep/17/wealth-of-us-billionaires-rises-by-nearly-a-third-during-pandemic

Dass es in den USA so wenig Aufstände gibt, wundert mich mittlerweile wirklich.


Quote
stegie1 #23

Amerika weiss das und will das so.


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Ende Gelände #49

Bitte nicht immer dieser herablassende Blick auf die USA. Ja, es gibt Probleme und ja, dort ist nicht alles Gold was glänzt. Nur sollten wir nicht vergessen, dass es dort vielen besser geht als in den meisten anderen Länder auf der Welt. Und das es immer noch das Sehnsuchtsland Nr. 1 für Auswanderer auf der Welt ist und es wohl immer bleiben wird. Im Hinblick auf die momentane dt. Hochnäsigkeit gilt weiter der Spruch: Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall."


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Quer- und Weiterdenker #53

Jeder kann es schaffen in Amerika - bettelarm zu werden und zu verhungern. Das ist der amerikanische (Alb)Traum. Während andere Länder schon seit vielen Jahren einen funktionierenden Sozialstaat aufgebaut haben, bauen die US-Amerikaner ihre jüngsten Schritte in Richtung einer allgemeinen Gesundheitsfürsorge, Obamacare, ab. Den verhungernden Evangelikalen bleibt da noch der Glaube an ein Leben im Paradies nach dem Tod, allen anderen bleibt gar nichts. Außer den Superreichen natürlich, die machen fetten Gewinne mit Spekulationen an der Börse. Deren Vorratskammern sind voll und vor der Einfahrt parkt der neue Ferrari, schon der fünfte Neue dieses Jahr. Aber jeder kann es schaffen, man muss nur besonders fleißig, nicht wahr liebe Amerikaner?


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Sublime85 #72

... liebe ZEIT, wenn ihnen dieser Hunger eine Topplatzierung wert ist, wann wird genauso prominent eine Reportage über eine der anderen hungernden Bevölkerungen gemacht, welche, wohl wahr nicht in der nördlichen Hemisphäre leben. Jeden Tag hungern weltweit über 600 Mio Menschen, mehr als es Amerikaner gibt. Von denen habe ich in letzter Zeit bei ihnen nicht viel gehört.

Quelle: https://www.actionagainsthunger.org/world-hunger-facts-statistics


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DrkdD #72.1

Allerdings sind das meistens keine Hungernden aus einem reichen Land. Es sind die Länder die arm sind oder korrupte Regierungen haben. Oder beides. Dann ist eine hungernde Bevölkerung so gut wie sicher......


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  R4mbo #75

Hauptsache dem Aktienmarkt geht's gut.


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HH1960 #87

Es ist schon bitter, was sich die letzten 10-20 Jahre nicht nur in den USA zum Schlechten verändert hat. Auch bei uns sind ähnliche Tendenzen zu erkennen.

Arme gab es immer, aber einen solches Ausmaß wohl kaum. Tafeln hier wie dort, prekäre Arbeitsverhältnisse zuhauf. In den USA zusätzlich noch schlechte Schulen und viele Menschen ohne Krankenversicherung.

Gleichzeitig ist das BIP, die Aktienkurse und das
Vermögen der Reichen exorbitant gestiegen.
Wenn dann die Rede von höheren Spitzensteuersätzen oder einer Vermögensteuer ist, schallt einem das Wort „Sozialismus „ entgegen.

Dabei sieht ein Blinder, dass das System so nicht weitergehen kann.


Quote
princline #93

"Viele haben geweint"
Auf der ganzen Welt weinen Menschen denen es noch viel schlechter geht als denen in Trumps Land. Afrika, Lateinamerika, Mexiko, Indien wie in Diktaturen in Asien.

Pandemie stürzt in Lateinamerika 45 Millionen in Armut.


Quote
Lobotominho #93.1

Können wir uns darauf einigen, Arme nicht gegen andere Arme auszuspielen? ...


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schorndruck #113

Das Essen scheint dazu sein, nur fehlt das Geld um Essen kaufen zu können. Ich mag den Kapitalismus so sehr, dass ich manchmal kotzen könnte.


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[Armut... (Notizen)]
« Reply #237 on: Yesterday at 10:28:13 vorm. »
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[...] Mitte März war der Ofen aus. Als der Lockdown die Wirtshäuser zum Schließen zwang, landete auch Anna vor der Tür. Seither müsse sie jeden Cent zusammenkratzen, um ihre drei Kinder durchzubringen, erzählt die gelernte Köchin, mehr gäben Arbeitslosengeld und Mindestsicherung nicht her. Und ein neuer Job? "Keine Chance."

Damit sie über die Runden kommt, stellt sich die Alleinerzieherin einmal die Woche vor einem Sechzigerjahre-Bau mit futuristischem Betonturm an. Jeden Donnerstagmorgen verteilt die Caritas hier, am Vorplatz der Pfarre Gartenstadt in Wien-Floridsdorf, Lebensmittel zum Schnäppchentarif. Schon eine Stunde vor Öffnung haben sich die ersten Kunden mit Trolleys hinter Corona-bedingten Kreidelinien am Gehsteig postiert; dass die Zutrittsmarken nach Zufall und nicht nach Reihenfolge verteilt werden, hat sich noch nicht herumgesprochen. Anna ärgert sich: "Ich war eine der Ersten und habe nur Nummer 30."

Dann, um 9.30 Uhr, geht es endlich los. Wer noch keinen Bezugsausweis hat, muss erst seine Notlage nachweisen, außerdem gilt es, den "Solidarbeitrag" zu bezahlen: vier Euro für ein Lebensmittelpaket, sechs Euro für zwei, wie sie Familien ab zwei Kindern zustehen. Pro Ration sind grosso modo 13 Kilo vorgesehen.

Nach einem Zwischenstopp bei einem Aufpasser mit Desinfektionsspray – "Bitte Maske über die Nase ziehen!" – wartet Station eins der Ausgabe. Freiwillige Helfer verteilen hier, was Supermärkte und Erzeuger an abgepacktem Essen überlassen haben. Die Basisausstattung bietet an diesem Morgen, in leichter Variation, Nudeln, Brot, Aufstriche, Konservenfisch, Joghurt, Pudding, Tomaten oder Mais in der Dose. Extras gibt's bei Bedarf obendrauf – solange der Vorrat reicht. Fleisch und Eier etwa sind immer knapp, die von McDonald's sackerlweise gelieferte Grillsauce entpuppt sich hingegen als Ladenhüter.

"Haben Sie vielleicht Katzen?", fragt einer der Verteiler mit einem Charme, der jedem Greißler der alten Schule Ehre machen würde. "Oder darf's ein Strudel ein?" Kundin Elli nimmt dankend an und ergattert obendrein noch die letzten drei Eier, ehe sie – Station zwei – zum Stand mit Obst und Gemüse weiterzieht. Ganz könne die Essensausgabe den Besuch im Supermarkt nicht ersetzen, erzählt die 28-Jährige Mutter zweier Kinder, denn manche Basics wie Öl oder Milch gebe es nie. Doch was vorhanden ist, sei in der Regel tipptopp – und drei Tage komme ihre Familie mit einer Ladung schon aus.

Elli, derzeit in Karenz, ist noch nicht lange Kundin, der erste Besuche kostete sie viel Überwindung. Pünktlich zum Lockdown hat ihr Mann den Job als Kellner verloren, ein halbes Jahr kam die Familie halbwegs durch. Das erhöhte Arbeitslosengeld habe ebenso geholfen wie der Familienbonus, sogar der Vermieter zeigte sich kulant. Aber wenn der Partner hunderte Euro weniger als früher nach Hause bringt und die Fixkosten fast das ganze Einkommen fressen, gehe es sich irgendwann nicht mehr aus: "Da spürt man es bereits, wenn die Preise im Supermarkt um ein paar Cent steigen."

Jede Menge neue Gesichter haben die Mitarbeiter der Wiener Caritas, die unter dem Label LeO – Lebensmittel und Orientierung – zwölf Ausgabestellen betreibt, seit dem Ausbruch der Krise registriert. Neben den Langzeitklienten tauchten immer mehr Menschen auf, die eben noch fest im Berufsleben standen. Viele hätten nie gedacht, dass sie einmal auf eine Hilfsorganisation angewiesen sein würden, sagt Caritas-Präsident Michael Landau: "Die Armut rückt bedrohlich in die Mitte der Gesellschaft."

Landau nimmt einen neuen Anlauf, um der Regierung ins Gewissen zu reden. Eine dauerhafte Erhöhung des Arbeitslosengeldes, das hierzulande mit 55 Prozent des Nettolohnes ein zu niedriges Niveau biete, fordert er und eine Aufstockung der Sozialhilfe, etwa der Basisleistung von derzeit 917 auf 1.000 Euro. Vor einer "Pandemie der Armut", warnt Landau, niemand dürfe im Winter vor eine unzumutbare Wahl gestellt werden: Heizen oder Essen.

Abdul würden höhere Leistungen helfen, denn Hoffnung auf einen Job hat er wenig. Bis zur Krise habe er bei einem Sicherheitsdienst im Spital gearbeitet, erzählt der Mittvierziger, ehe er sich je eine Ladung Kartoffeln und Zwiebeln in eine Tragtasche kippen lässt. Doch als Diabetiker gelte er in Corona-Zeiten als Risikofall – und sei deshalb rausgeflogen. "Es ist absurd", sagt Abdul, der als Flüchtling aus Afghanistan nach Österreich gekommen ist. Als er jung und gesund war, habe er wegen des endlosen Asylverfahrens jahrelang nicht arbeiten dürfen: "Jetzt, wo ich arbeiten darf, verhindert das die Krankheit." (Gerald John, 24.10.2020)


Aus: "Wenn das Geld nicht mehr zum Einkaufen reicht" Gerald John (24. Oktober 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000121131744/wenn-das-geld-nicht-mehr-zum-einkaufen-reicht

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richard145

Zu 90% sind nicht die Leistungen zu wenig, sondern die Menschen können schlicht mit Geld nicht umgehen.
Wieviel und was kriegt Frau Anna jetzt? Arbeitslosengeld oder Mindestsicherung oder stockt sie auf ?
Was ist mit Kindergeld, hat man es bewusst ausgelassen?


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Miss Leonie, 24. Oktober 2020, 16:37:50

Vor ein paar Tagen war ein Bericht wo ein Bauer erklärte dass heuer die Kartoffeln auf Grund der Wetterlage überdurchschnittlich groß gewachsen seien.
Für diese Kartoffeln würden sie 6 Cent, für die wesentlich kleineren 12 Cent bekommen.
Diese Kartoffeln werden deshalb für die Biogasanlage verwendet! Wir verbrennen unsere Nahrung!
Wieder einmal: Menschen verhungern, und wir werfen Nahrung in den Müll,- weil die Kartoffel zu groß ist. Irre


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Freigeist

Gut auch einmal die Kehrseite des Lockdowns und der Massnahmen zu zeigen - Denn alles was es bisher brachte war das Leid der Einen gegen das Leid der Anderen zu tauschen. Moralisch mehr als fragwürdig.


Quote
Hosenträgerträger

Armut hat ihre Ursachen nur bedingt im Lockdown. Es war möglich bis dahin rentabel Fluglinien mit Milliarden zu versorgen. Es war in der Finanzkriese möglich, Banken mit Abermiliarden zu versorgen. Es ist aber offenbar unmöglich Menschen mit ausreichend Nahrung zu versorgen.


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Desismeibuadakarlidertrottl!

Tonnenweise werden tagtäglich Lebensmittel von den Supermärkten entsorgt , ...aber bevor man welchen gibt , die nix haben , wird es vernichtet..
Es ist einfach nur noch absurd , die Bauern pflügen die Erdäpfl wieder ein weil sie zu groß sind , etc etc...


Quote
Harry669

Wer kein Geld hat soll zum Bankomat gehen würde Kurz sagen.


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Tiefeot

Also irgendwas passt doch da nicht. Die Alleinerziehende mit 3 Kindern bekommt 1600 aus der BMS, zusätzlich 600 € Familienbeihilfe und dann muss doch der Vater auch noch Alimente bezahlen, bzw. bekommt sie einen Vorschuss vom Jugendamt.

Wenn ich jetzt das Einkommen rein ohne Alimente berechne kommen wir auf 2.200€.
Wie kann man zu 4 nicht mit 2.200€ auskommen?


Quote
EchteWahrheit

Diese Leute können nicht mit Geld umgehen, das ist das Problem.

Drum geht die Schere zwischen arm und reich immer weiter auf. Die einen vermehren ihr Vermögen, die anderen kommen zu nichts. Finanzielle Bildung wäre hier notwendig und nicht die Neid- und Hassdebatte die die SPÖ regelmäßig vom Zaun bricht.


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georgelser.blogsport.at

Pah, selbst Schuld!

Hätten die halt was g'scheites wie Immobilieninvestor, Spekulant oder Erbe gelernt.
Dann wären sie heute auch Leistungsträger.


Quote
Keoma

Die Satire werden halt nicht besonders viele kapieren.


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