Author Topic: [Aufklärung, Postmoderne + Dekonstruktivismus... ]  (Read 4016 times)

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[Aufklärung, Postmoderne + Dekonstruktivismus... ]
« on: February 07, 2007, 12:21:43 PM »
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[...] Unter Aufklärung versteht man einen sowohl individuellen wie gesellschaftlichen geistigen Emanzipationsprozess, der darauf abzielt, allein auf dem Glauben an Autoritäten beruhende Denkweisen kritisch zu hinterfragen, und sich, nach einem Satz von Kant, „seines eigenen Verstandes zu bedienen“. Der aufgeklärte Mensch soll nicht mehr den Vorgaben der Obrigkeiten oder von Mode und Zeitgeist vertrauen, sondern nach Kants Definition aus „seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ herausgehen und sein Leben und Denken selbst bestimmen.

[...] Der Holländer Spinoza vertrat in seinem Theologisch-politischen Traktat von 1670 die These, Judentum und Christentum seien lediglich vergängliche Phänomene ohne absolute Gültigkeit. Die Forderung der Aufklärer nach Gedanken- und Glaubensfreiheit konnte sich unter anderem auf John Lockes Briefe über die Toleranz (1689) berufen. John Toland veröffentlichte 1696 ein Buch, in dem er behauptete, die Bibel sei zum Teil eine Fälschung und die Kirche habe ein Interesse daran, Menschen zu täuschen. Jean Meslier ging in seinen Beobachtungen und Forderungen noch wesentlich über Toland hinaus. Pierre Bayle attackierte den Aberglauben, dass Kometen Unheil ankündigen, und andere Vorurteile, während der Holländer Balthasar Bekker die Hexenprozesse aufs Korn nahm. Sein Landsmann Gerhard Noodt sprach sich als Rektor der Leidener Universität in einer Rektoratsrede 1699 dafür aus, dass dem Fürsten die Macht vom Volk genommen werden könne. In einer weiteren Rede 1706 befürwortete er die absolute Freiheit der Untertanen in Religionsfragen gegenüber dem Fürsten.

Die Menschen der Aufklärung beflügelte der Glaube, Vernunft und Freiheit würden die Menschheit in absehbarer Zeit von Unterdrückung und Armut erlösen. Auch glaubten viele an den Slogan „Wissen ist Macht“ von Francis Bacon. In Frankreich entstand so die berühmte Encyclopédie. Herausgegeben wurde sie von Denis Diderot und Jean d'Alembert, und etliche Aufklärer mit großem Namen wie Voltaire und Montesquieu schrieben Artikel für das Hauptwerk der Aufklärung.

Jean-Jacques Rousseau beteiligte sich ebenfalls. Er wird jedoch nicht von allen als Aufklärer bezeichnet. In seiner Schrift über die Wissenschaften und die Künste von 1750 verneinte er die Frage, ob diese zum moralischen Fortschritt der Menschheit beigetragen hätten. Seine politischen Schriften beeinflussten maßgebliche Vertreter der Französischen Revolution.

Voltaire war ein unerbittlicher Gegner der Kirche und ein Erneuerer der Geschichtsschreibung. Einen großen Teil seines guten Rufs verdankt er seinem erfolgreichen Kampf gegen krasse Irrtümer bzw. Willkür-Urteile der Justiz.

Die Aufklärung war vor allem Sache der Wohlhabenden, namentlich des ökonomisch erfolgreichen Bürgertums. Manche Aristokraten sympathisierten mit der Bewegung und unterstützten in juristische oder finanzielle Bedrängnis geratene Aufklärer. Condorcet ging so weit, seinen Adelstitel ganz abzulegen.

Aufgrund der strengen Zensur in Frankreich arbeiteten einige französische Druckereien in Amsterdam, wo auch berühmte Aufklärer Zuflucht fanden. Schriften wurden von dort nach Frankreich geschmuggelt. Das gleiche Muster zeigte sich in Österreich; viele Druckwerke erschienen in Deutschland.

Die Aufklärung war nicht die einzige Ursache der Französischen Revolution, hat sie jedoch in vielen Aspekten geprägt: Ihre Führer, radikale Anhänger der Aufklärung, schafften den Einfluss der Kirche ab und ordneten Kalender, Uhr, Maße, Geldsystem und Gesetze anhand rein rationaler Kriterien neu. Die Französische Revolution markiert gemeinhin das Ende der Aufklärung im Sinne der Epoche (Geht man davon aus, dass selbst verschuldete Unmündigkeit noch verbreitet ist, kann man selbstverständlich nicht von einem Ende sprechen: Das Projekt der Aufklärung scheint somit unabschließbar).

Die extreme Betonung von Ratio und Objektivität der Aufklärung führte zur nahezu gleichzeitig stattfindenden Gegenbewegung, der Empfindsamkeit. Später entwickelte sich aus der hier vorherrschenden Gefühlskultur die Romantik, die Individualität und subjektive Erfahrung betonte und die Menschen in einer Welt, in der Werte und Regeln einzig nach Kriterien der Vernunft bestimmt wurden, als Gefangene sah.

Im Bereich der damaligen deutschsprachigen Literatur findet sich mit dem „Sturm und Drang“ eine weitere Gegenbewegung zur Aufklärung. In dieser, u. a. von Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller vertretenen, literarischen Epoche wurde die „althergebrachte“ Gesellschaft zwar auch kritisiert, allerdings wurde anstelle der Vernunft das leidenschaftliche „Genie“ besonders betont.

Das Zeitalter der Aufklärung schloss auch einige bedeutende nicht-rationale Bewegungen ein, wie beispielsweise den Mesmerismus.

Bedeutende Kritiker der Aufklärung sind im 20. Jahrhundert Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die mit ihrem gemeinsam verfassten Essay Dialektik der Aufklärung (1944) sagen, dass sich die Aufklärung in ständiger Gefahr befindet, in ein mythisches Weltbild umzuschlagen, da auch Mittel der Unterdrückung oder etwa Waffentechnologie auf der Basis von Logik und Ratio, den Grundpfeilern der Aufklärung, entstünden.

Heutzutage wird die Aufklärung von Postmoderne und Dekonstruktivismus kritisiert, die absolute objektive Werte und Wahrheiten verneinen und Logik nicht als alleinige Basis des menschlichen Wissens sehen.


Aus: "Zeitalter der Aufklärung" (Stand 02/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Zeitalter_der_Aufkl%C3%A4rung

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[...] Die Postmoderne bezeichnet eine geistig-kulturelle Bewegung, die sich in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts als Gegenbewegung gegen eine zunehmend als steril und totalitär empfundene Moderne manifestiert hat. Jean-François Lyotard bezeichnete sie in einem vielbeachteten Aufsatz als Ende der großen Erzählungen.[1] Zeitlich gibt es verschiedene Einordnungen, von ersten Anfängen in den 1960er Jahren, bis hin zum Beginn der 1980er Jahre, wo sich die Postmoderne in allen möglichen Alltagsphänomenen (z. B. Mode, Popkultur, Kunst, postmoderne Architektur) offen zu zeigen begann.

[...] Bahnbrechend für die Postmoderne als geistig-kulturelle Bewegung war schließlich Jean-François Lyotard mit seiner Schrift Das Postmoderne Wissen, die 1979 zuerst veröffentlicht wurde. Mit dieser Schrift machte er den Begriff „Postmoderne“ allgemein bekannt. Ursprünglich als Studie über die Rolle des Wissens in postindustriellen Gesellschaften für die kanadische Regierung geschrieben, bereitete er mit seiner These des Endes der großen Erzählungen die Basis für viele Entwicklungen in Philosophie, Kunst, Kultur, sowie den Gesellschaftswissenschaften.

Nach Lyotard gibt es drei große Meta-Erzählungen:

   1. Aufklärung
   2. Idealismus
   3. Historismus

Diese bilden in der Postmoderne keine vereinheitlichende Legitimation und Zielorientierung mehr. Die Emanzipation des Individuums, das Selbstbewusstsein des Geistes, das im Sinne Hegels in eine Ganzheitsideologie mündet, und die Idee eines sinnhaften Fortschritts der Geschichte hin zu einer Utopie sind die großen Erzählungen, denen man nicht mehr glauben kann. Folglich kann es auch kein Projekt der Moderne mehr geben, keine große Idee von Freiheit und Sozialismus, der allgemeine Geltung zu verschaffen ist und der sich alles gesellschaftliche Handeln unterzuordnen hat.

Es gibt keine übergeordnete Sprache, keine allgemeinverbindliche Wahrheit, die widerspruchsfrei das Ganze eines formalen Systems legitimiert. Wissenschaftliche Rationalität, sittliches Handeln und politische Gerechtigkeitsvorstellungen spielen je ihr eigenes Spiel und können nicht zur Deckung gebracht werden.

[...] Empirisch arbeitende Wissenschaftler kritisieren die an Teilen der postmodernen Debatte einen Hang zum Irrationalismus und Leugnung der Realität. Berühmt ist die so genannte Sokal-Affäre, in der ein absichtlich unsinniger Artikel, der sprachlich an die Arbeiten Baudrillards anlehnte, in Social Text als wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht wurde. Laut Alan Sokal sehe man daran die mangelhaften intellektuellen Standards und den Missbrauch mathematisch-naturwissenschaftlicher Metaphern in der sich postmodern verstehenden geistes-/sozialwissenschaftlichen Szene. Allerdings kann dieser Vorfall aus einer gewissen postmodernen Sicht auch als Beleg für einige der eigenen Thesen über die Beliebigkeit, Zufälligkeit und chaotische Natur des Zustandekommens von Sinnhaftigkeit gesehen werden.

Klassische politische Ideologien - Konservativismus, Liberalismus, wie auch Teile der politischen Linken - lasten dem postmodernen Denken als Defizit eine Beliebigkeit zu wichtigen Fragen in Kultur und Gesellschaft an.


Aus: "Postmoderne" (Stand: 02/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Postmoderne

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[...] Dekonstruktion (auch Dekonstruktivismus) ist ein philosophischer Begriff, der zuerst im Zusammenhang mit dem Werk von Jacques Derrida gebraucht wurde, das an Martin Heideggers Programm der Destruktion der Metaphysik anschließt. Für Derrida besteht Metaphysik aus Präsenzdenken. Nicht mehr ein Identisches wird festgestellt, sondern durch Dekonstruktion wird vor allem verzeitlicht interpretiert. Im Kern geht es darum aufzuzeigen, dass es einen grundlegenden Widerstreit gibt zwischen der Autorenintention und dem, was ein Text selbst aussagt oder kundgibt. Die Dekonstruktion ist daher eine besondere Art, Texte zu schreiben und zu lesen. Sie gehört mithin in gewisser Weise zur Hermeneutik, wenngleich sie den traditionellen Glauben, es gebe einen bestimmten oder gar externen Sinn, der in Texten aufzufinden sei, gerade unterläuft.

Dekonstruktion nimmt das Behauptete zur Kenntnis, um sich dann sogleich – auch unter Berufung auf das Freudsche Unbewusste – darauf zu konzentrieren, was dieses Behauptete alles nicht behauptet, auslässt und verneint. Sie richtet den Fokus demnach auf das Nichtgesagte. Dieses soll herausgestellt und konzentriert werden, sodass der Fußabdruck der Aussage deutlich wird. Dekonstruktion muss demnach je nach dem betrachteten Gegenstand unterschiedlich verfahren. Sie ist nicht immer auf die gleiche Art anwendbar.

[....] Es handelt sich um einen Versuch, dem Begriff, der Aufgabe und der Praxis Dekonstruktion auf die Spur zu kommen. Nach der Logik, die der Dekonstruktion inhärent ist, kann es immer nur ein Versuch sein, da sie sich nicht "definieren", d.h. nicht ab-schließen und ebenso nicht in einen "Begriff" wie Dekonstruktion einschließen lässt.

Die Dekonstruktion nach Derrida kann beschrieben werden als eine Praxis der Annäherung an die Grenzen, die das menschliche Subjekt zum Maßstab des Angemessenen und des Unangemessenen, des Gerechten und des Ungerechten machen. Dies geschieht im Namen einer Gerechtigkeitsforderung, die nicht und nie zufriedenzustellen ist. Eine solche Praxis führt zu einer ganz neuen Deutung sämtlicher Textformationen (Politik, Recht, Kunst, Literatur, Philosophie, Institutionen etc.).

Dekonstruktion stellt die Aufgabe, die Grenzen der Begriffe 'Gerechtigkeit', 'Gesetz', 'Recht', der wissenschaftlichen Begriffsbildungen, die Grenzen der Werte und Normen und Vorschriften wieder ins Gedächtnis zurückzurufen. Die Grenzen der Begriffe und der Werte, die sich im Laufe dieser Geschichte durchgesetzt und die als selbstverständlich (als "natürlich") betrachtet und verstanden werden. (vgl. Derrida, Gesetzeskraft, Der "mystische Grund der Autorität").

Die Dekonstruktion ist stets die Befragung der Ursprünge, der Grundlagen und der Grenzen unseres begrifflichen, theoretischen und normativen Apparates. Und dies immer in der doppelten Bewegung der Différance. Die Dekonstruktion, die Praxis der Dekonstruktion, ist nicht zu denken, ist nicht "denkbar" ohne die "différ/a/nce", – nicht denkbar ohne das Denken der Differ/ä/nz.


Aus: "Dekonstruktion" (Stand: 02/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Dekonstruktion

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[...] Irrationalismus (lat. irrationalis: unvernünftig) bezeichnet eine bestimmte Gemeinsamkeit unterschiedlicher Weltanschauungen: die teilweise oder völlige Ablehnung der Überzeugung, dass der menschliche Verstand verlässliche Kenntnis der Welt erwerben kann. Dem steht der sogenannte Rationalismus entgegen. Je nachdem, worin die irrationalistische These gründet, lassen sich erkenntnistheoretische und metaphysischen Positionen unterscheiden: für erstere sind Vernunft und Verstand, für letztere die irrationale Struktur der Wirklichkeit selbst verantwortlich.

Irrationalismus bezeichnet keine selbständige philosophische Strömung, sondern Moment und Bestandteil verschiedener philosophischer Strömungen und Systeme. Von Irrationalismus im eigentlichen Sinne spricht man bei Weltanschauungen, denen die genannten Momente in starkem Maße eigentümlich sind und die darüber hinaus das rationale Denken zugunsten alternativer höherer Erkenntnisfunktionen hintanstellen. Dafür wird oft eine bestimmte Form der Intuition beansprucht. In dieser Hinsicht hat Irrationalismus eine spezifischere Verwendung für einige Positionen gefunden.

Diese Deutekategorie ist teils umstritten. Ansonsten wird das Wort auch ebenso unspezifisch und mit sehr verschiedenen Bedeutungen wie Rationalismus gebraucht.

Die Ablehnung der Rationalität als Quelle eines sinnvollen Erkenntnisgewinnes hat weitreichende Auswirkungen auf die Einschätzung wissenschaftlicher Methodik. Daher richten sich diese Positionen oft gegen wissenschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungs- und Fortschrittsgedanken. Auch Traditionen der Philosophie werden diesen Voraussetzungen entsprechend spezifisch beurteilt.

Einen Sachverhalt als irrational zu kennzeichnen kann meinen, dass er möglicherweise oder faktisch besteht, aber dem Verstand nicht zugänglich ist (also nicht rational) - oder aber, dass er, weil er rationalen Kritierien (Nichtwidersprüchlichkeit etc) widerspricht, per se nicht bestehen kann (also nicht-rational).

[...] Die Abwertung irrationalen Verhaltens geschieht oft vorschnell und führt zu Fehlern im Umgang mit Menschen. Proteanisches Verhalten[1] wirkt oft wie irrationales Verhalten. Beide Verhaltensweisen haben taktisch eingesetzt in bestimmten Konflikt-, Spiel- und Fluchtsituationen Nutzen. Die Spielzüge des irrationalen Gegners sind nicht (oder nur sehr beschränkt) vorhersagbar[2]. Ein irrationaler Verhandler kann nicht rational unter Druck gesetzt werden.

Eine indirekte Taktik ist die rationale Nutzung des Irrationalismus Dritter. Eine konkrete Umsetzung dieser Taktik war und ist zum Beispiel in der Menschheitsgeschichte immer wieder der Einsatz von Selbstmordattentätern insbesondere in der so genannten asymmetrischen Kriegsführung.

Soweit Attentate selbst aus dem Irrationalismus hervorgehen, sind sie jedoch wieder rational nutzbar, zum Beispiel mit dem Ziel, aus Konflikten Profite zu erzielen. Schon hier wird Irrationalismus strategisch. Taktischer Irrationalismus verleiht einem rational bekämpften Terrorismus seine starke Wirkung. Über Taktik hinaus kann Terrorismus sogar als strategischer Irrationalismus verstanden werden.

Weiterhin ist strategischer Irrationalismus eine wichtige Grundlage der Entwicklung und der Ausnutzung sowohl von Nischen im Esoterik-Markt und wie auch von sektiererischer Glaubensgemeinschaften. Aber selbst in gesellschaftlich breit akzeptierten Marktbereichen wird Irrationalismus taktisch und strategisch eingesetzt. Dort ist er einer der bedeutensten Elemente von Werbung.


Aus: "Irrationalismus" (02/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Irrationalismus

« Last Edit: October 29, 2008, 11:46:37 AM by lemonhorse »

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[Intelligent Falling... (Richard Dawkins)]
« Reply #1 on: March 26, 2009, 12:28:51 PM »
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[...] Die Theorie des Intelligent Falling basiert auf der Grundannahme, dass Objekte nicht aufgrund von Gravitationskräften am Boden gehalten, sondern vielmehr von einer „Höheren Intelligenz“ zu Boden gedrückt werden. Die Argumente, die diese These stützen, sind denen ähnlich, die auch die Vertreter des Intelligent Design benutzen um durchzusetzen, dass an amerikanischen Schulen Intelligent Design anstelle oder zumindest neben der Evolutionstheorie gelehrt werden solle.

[...] Da IF direkt als Satire auf Intelligent Design entwickelt wurde, weist es neben argumentativen Analogien auch Ähnlichkeiten in der Widerlegbarkeit auf:

Wie auch die Theorie des Intelligent Design ist auch IF durch wissenschaftliche Experimente nicht zu widerlegen. Denn ID oder IF treffen keine abweichenden empirischen Vorhersagen. Eine Vielzahl von Experimenten sowie die Alltagserfahrung bestätigen aber die Evolutionstheorie und die Newtonsche Mechanik. Trotzdem besteht prinzipiell bei physikalischen Theorien stets die Möglichkeit, dass diese überholt werden, z.B. als Grenzfälle einer empirisch schärferen Theorie behandelt werden können. Der gegenwärtige Stand der Physik bietet nach wie vor diverse Erklärungslücken. Die unvollständige Erklärung der Gravitationskraft ist dabei ein besonders wichtiges Beispiel (s. Weltformel). Derartige Erklärungslücken werden gerne von religiös motivierten Pseudowissenschaftlern als Einladung verstanden, dort ihre Angebote anzudocken.


Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Intelligent_Falling (10. März 2009)

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[...] Der metaphorische Gott der Physiker ist Lichtjahre entfernt von dem eingreifenden, wundertätigen, Gedanken lesenden, Sünden bestrafenden, Gebete erhörenden Gott der Priester, Mullahs, Rabbiner und der Umgangssprache. Beide absichtlich durcheinanderzubringen ist intellektueller Hochverrat." Auch an anderer Stelle wettert Dawkins gegen den Opportunismus der Halb- und Dreiviertelgläubigen. "Der berühmte französische Mathematiker Blaise Pascal machte eine Rechnung auf: So unwahrscheinlich Gott auch sein mag, man sollte lieber an ihn glauben. Wenn man recht hat, wird einem ewige Gnade zuteil, und wenn man unrecht hat, ist es ohnehin egal. Glaubt man aber nicht an Gott und hat damit unrecht, fällt man der ewigen Verdammnis anheim." Sind deshalb so viele Menschen religiös, Mr Dawkins? Der Biologe verweist auf den Psychiater J. Anderson Thomson: "Wir halten eher einen Schatten für einen Einbrecher als einen Einbrecher für einen Schatten." Wenn wir falsch liegen, können wir uns im ersten Fall vielleicht unnötig erschrecken, im zweiten Fall könnten wir tot sein. "Unser Erbe besteht darin, dass wir automatisch eine menschliche Absicht unterstellen und uns häufig davor fürchten. Dies haben wir in verallgemeinerter Form auf göttliche Absichten übertragen." Dawkins sieht in der Religion noch ein anderes Nebenprodukt: Menschen nutzen die Erfahrungen früherer Generationen. Für ein Kind bedeutet es einen Überlebensvorteil, wenn es die Faustregel lernt: "Gehorche deinen Eltern; gehorche den Stammesältesten, insbesondere wenn sie in ernstem, feierlichem Ton zu dir sprechen."

Aber das Kind kann nicht unterscheiden, dass "Plansch nicht in einem Teich voller Krokodile" ein guter Ratschlag ist, während "Du sollst bei Vollmond eine Ziege opfern, sonst bleibt der Regen aus" zur Vergeudung von Zeit und Ziegen führt. Und einige solcher "Wahrheiten" und Gebote setzen sich zäh in unserem kulturellen Erbe fest. Auf dem Weg zu seinem erklärten Ziel, die Existenz Gottes infrage zu stellen, scheint Dawkins oft abzuschweifen. Doch sein Vorgehen hat Methode, und meist ist es ein großer Spaß, dem Autor in die Gedankenwelten der Glaubensapologeten und ihrer Widersacher zu folgen. Da ist etwa der ontologische Gottesbeweis, den der heilige Anselm von Canterbury 1078 formulierte: Man denke sich ein Wesen, das so groß ist, dass man sich nichts Größeres vorstellen kann. Aber wenn das Wesen in der wirklichen Welt nicht existiert, ist es allein deshalb nicht vollkommen. Also muss es existieren, und siehe da, es gibt Gott. Immanuel Kant erkannte "die Trickkarte in Anselms Ärmel: die fragwürdige Annahme, "Existenz" sei vollkommener als "Nichtexistenz" ". Und der Philosoph Douglas Gasking, kehrte den Spieß um:
 
1. Die Erschaffung der Welt ist die größte vorstellbare Errungenschaft. 2. Der Wert einer Leistung ist das Produkt ihrer inneren Qualität und der Fähigkeiten ihres Schöpfers. 3. Je größer die Hindernisse sind, die der Schöpfer überwinden muss, desto eindrucksvoller ist seine Leistung. 4. Das größte Hindernis für einen Schöpfer würde darin bestehen, dass er nicht existiert. 5. Wenn wir also annehmen, dass das Universum das Produkt eines existierenden Schöpfers ist, können wir uns ein noch größeres Wesen vorstellen, nämlich eines, das alles erschaffen hat, obwohl es nicht existiert. 6. Ein existierender Gott wäre also nicht so groß, dass man sich nicht etwas noch Größeres vorstellen könnte, denn ein viel leistungsfähigerer und unglaublicherer Schöpfer wäre ein Gott, den es nicht gibt. Also: 7. Gott existiert nicht.

...


Aus: "Richard Dawkins - Der Gotteswahn" (06.10.2007)
Quelle: http://www.stern.de/wissenschaft/mensch/:Richard-Dawkins-Der-Gotteswahn/599473.html


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[...] Clinton Richard Dawkins (* 26. März 1941 in Nairobi, Kenia) ist ein britischer Zoologe, theoretischer Biologe und Autor wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Literatur.

Er wurde 1976 mit seinem Buch The Selfish Gene (Das egoistische Gen) bekannt, in dem er die Evolution auf der Ebene der Gene analysiert. Er führte den Begriff Mem für den Bereich Kultur als hypothetisches Analogon zum Gen in der biologischen Evolution ein (siehe auch Memetik). In den folgenden Jahren schrieb er mehrere Bestseller, unter anderem The Extended Phenotype (1982), Der blinde Uhrmacher (1987), Und es entsprang ein Fluß in Eden (1995), Gipfel des Unwahrscheinlichen (1996) und Der Gotteswahn (2006) sowie kritische Beiträge zu Religion und Kreationismus.

Dawkins ist Atheist, Humanist und eines der bekanntesten Mitglieder der Brights, über die er mehrere Artikel verfasste.

[...] Dawkins ist Mitglied der britischen Skeptics Society, einer Organisation der Skeptikerbewegung, sowie weiterer britischer Organisationen zur Förderung humanistischer und atheistischer Weltanschauungen und einer stärkeren Säkularisierung des britischen Staates. Er gehört zu den Meinungsführern der Brights. Schon in früheren Werken verteidigte er die Evolutionstheorie vehement gegen teleologische Konzepte, die in der Entstehung der Arten eine Zielgerichtetheit erkennen wollten.

In „Der blinde Uhrmacher“ bezieht er sich auf den Gottesbeweis des englischen Theologen William Paley, nach dem das Leben nicht durch Zufall entstanden sein kann, in Analogie zu einer Uhr, die nach dem präzisen Konstruktionsplan eines Uhrmachers entsteht. Dawkins vergleicht in diesem Buch den Aspekt, dass die natürliche Selektion ein unbewusster und ungesteuerter Prozess ist, mit der Analogie von Gott als demnach blindem Uhrmacher.

In den vergangenen Jahren hat er sein Streiten auf die Religion im Allgemeinen ausgeweitet. In seinem Essay „Viruses of the Mind“ stellt er Religion anhand der Mem-Theorie als gedankliches Virus dar. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern wie dem neurobiologisch interessierten Autor Sam Harris wendet er sich nicht nur gegen den Glauben an einen Gott, sondern auch gegen den "Glauben an den Glauben". Damit meint er die Tendenz an und für sich nicht religiöser Menschen, der Religion eine positive Wirkung auf die Moral und die Ethik zuzuschreiben.

Die Atheist Alliance International (Internationaler Atheisten-Verband) vergibt seit 2003 den Richard-Dawkins-Preis an Atheisten, die der nontheistischen Sache öffentliche Aufmerksamkeit verschaffen.

...


Aus: "Richard Dawkins" (24. März 2009)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Dawkins

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[...] Zu Beginn differenziert Dawkins die Aussagen verschiedener Naturwissenschaftler, z.B. Sagan, Weinberg und Hawking, zu ihrer persönlichen Einstellung zur Religion und unterstreicht dies mit entsprechenden Zitaten. Er legt dar, dass etwa Albert Einstein nicht an einen (persönlichen) Gott glaubte, wie oft unterstellt wurde, sondern den Begriff metaphorisch für das von ihm bewunderte Universum gebraucht hat.
Hier differenziert und erläutert Dawkins auch die Begriffe Theismus, Deismus und Pantheismus. Im Weiteren spricht er den seines Erachtens grundlosen Respekt an, der in vielen Gesellschaften der Religion beigemessen oder von ihr gefordert wird. Dabei zitiert er H. L. Mencken: „Wir müssen die Religion des Anderen respektieren, aber nur in dem Sinne und dem Maße, wie wir seine Theorie respektieren müssen, dass seine Frau schön ist und seine Kinder klug.“

...

Dawkins nennt die Argumente, die am häufigsten für die Existenz Gottes vorgebracht wurden, und kritisiert sie:

    * die Fünf Wege des Thomas von Aquin mit genereller Ausweitung auf ontologische 'a priori'- oder 'a posteriori'-Argumentationsketten;
    * die Schönheit („Woher kommt die Schönheit in den Werken der Künstler?'“);
    * die persönliche Gotteserfahrung („Ich habe Gott erfahren“);
    * die Existenz „Heiliger Schriften“;
    * die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Glauben („Es gibt doch gläubige Naturwissenschaftler“);
    * Blaise Pascals Diktum „Nicht an Gott zu glauben könnte verheerend sein“;
    * die Berechnung der Wahrscheinlichkeit, dass Gott existiert von Stephen D. Unwin.

...

In Kapitel 4 werden Argumente erläutert, die eine Existenz Gottes unwahrscheinlich oder unnötig erscheinen lassen. Dawkins identifiziert das Hauptproblem der Vorstellung eines Schöpfers und allmächtigen Herrschers unserer Welt darin, dass solch eine Vorstellung nichts tatsächlich erkläre, sondern im Gegenteil lediglich einen unendlichen Rückgriff darstelle, indem sie etwas sehr Komplexes (unsere Welt und das Leben auf ihr) mit etwas noch Komplexeren (Gott) erklärt, dessen Ursprung wiederum unklar bleibt. ...

Dawkins kommt in Kapitel 3 und 4 zum Schluss, dass es weder möglich sei, die behauptete Existenz eines „Höheren Wesens“ zu beweisen noch sie zu widerlegen, da Nichtexistenz nicht bewiesen werden könne. Hier führt er die Geschichte von Russells Teekanne an, die vorgeblich im All kreise, aber prinzipiell auch mit den besten Teleskopen nicht zu entdecken sei. Mit Gott sei es wie mit ihr: zwar vorstellbar, aber weder nachweis- noch widerlegbar.


...


Da der ‚Glauben an ein höheres Wesen‘ in sozialen Systemen weit verbreitet ist, vermutet Dawkins, dass ‚Glauben‘ durch die Evolution begünstigt wurde. Möglichkeiten einer Erklärung, die er diskutiert, sind

    * der Placebo-Effekt: Eine Person, die glaubt, unter einem väterlichen, allmächtigen Beschützer zu leben, sollte sich zuversichtlicher im Leben fühlen.
    * Gruppenselektion: Eine Gruppe, die durch eine Überzeugung oder einen Glauben (welcher Art auch immer und verstärkt durch Aufnahmerituale) eisern zusammenhält, sollte einen Vorteil haben gegenüber ‚überzeugungslosen‘ Gruppen.
    * Beiprodukt-Effekt: Kinder, die gelernt haben ‚blind zu glauben‘ (‚blind zu vertrauen‘), was ihnen erfahrene Ältere als Warnungen aussprechen, dürften eine größere Chance haben, in einer gefährlichen Umgebung zu überleben. Dabei kann eine Verstärkung entstehen, wenn diese Warnungen (Ver- und Gebote) einer noch höheren Macht als jener der Älteren zugeschrieben werden.
    * Psychologische Gegebenheiten (Funktionsweise des Gehirns): Intuitiver Dualismus (d.h. Ich in meinem Körper, statt Monismus: Ich, der Körper) führt den Menschen zu der Frage: Was ist und woher kommt dieses „Ich“, diese Seele, die meinen Körper bewohnt? Und da alles einen Sinn haben muss (Wasser kommt aus einer Quelle, damit ich es trinken kann), muss auch die Seele einen Sinn haben, der (aus Erklärungsmangel) mit einem höheren Sinn (Gott) in Verbindung gebracht wird.

Wiederkehrende Aspekte dieser Erklärungen können dadurch erklärt werden, dass es sich bei religiösen Vorstellungen um Meme handeln könnte, die eigenständige Evolutionsprozesse durchlaufen und den Menschen nur als „Wirt“ verwenden. Beispiele für diese Meme wären: (a) Lebst du so (und nicht anders), wirst du nach dem Tod belohnt und weiterleben. (b) Je mehr du glaubst und je weniger du zweifelst, desto besser ist es für dich (desto glücklicher wirst du sein). (c) Im Gegensatz zu dir werden Ungläubige sicherlich bestraft oder sollten von dir bestraft werden u.s.w.

Am Ende des Kapitels geht Dawkins auf das Phänomen der Cargo-Kulte ein, bei deren Entstehung, Verbreitung und Perpetuierung von – für den Beobachter absolut irrationalen – Memen beobachtet werden kann.

...

Besonders häufig wird Dawkins vorgeworfen, sein Buch offenbare, dass er über mangelnde religionswissenschaftliche sowie philosophisch-theologische Kenntnisse verfüge. Dieser Vorwurf wird nicht nur von Theologen wie Friedrich Wilhelm Graf[7], sondern auch von atheistischen Neomarxisten wie Terry Eagleton erhoben. Dawkins begegnet diesem Vorwurf mit der Aussage:

    „Die meisten Menschen tun Feen, Astrologie und das Fliegende Spaghettimonster als Unsinn ab, ohne sich zunächst in Bücher über Pastafarina-Theologie zu versenken.“

    – (Der Gotteswahn S.525)

...

Der Oxforder Molekularbiologe und Theologe Alister McGrath, der selbst gläubiger Christ ist und die Ansicht vertritt, dass „Gott nicht in dieselbe Kategorie gehört wie wissenschaftliche Objekte“,[9] hat als Antwort auf The God Delusion das Buch The Dawkins Delusion? (dt. „Der Atheismus-Wahn“[10]) geschrieben.[11]

Dawkins legt in seinem Buch nahe, dass viele Missstände in der Welt religiösen, ja theologischen Ursprungs seien:

    „Stellen wir uns doch [...] eine Welt vor, in der es keine Religion gibt – keine Selbstmordattentäter, keinen 11. September, keine Anschläge auf die Londoner U-Bahn, keine Kreuzzüge, keine Hexenverfolgung, keinen Gunpowder Plot, keine Aufteilung Indiens, keinen Krieg zwischen Israelis und Palästinensern, kein Blutbad unter Serben/Kroaten/Muslimen, keine Verfolgung der Juden als ‚Christusmörder‘, keine ‚Probleme‘ in Nordirland [...]“

    – Vorwort

McGrath erwidert darauf:

    „Stellen Sie sich vor, Dawkins Traum würde wahr, und Religion verschwände: Hätten die Streitereien unter den Menschen ein Ende? Sicherlich nicht. Solche Spaltungen sind letztlich soziale Konstrukte. Sie spiegeln das grundlegende soziologische Bedürfnis von Gemeinschaften wider, selbst zu definieren und zu bestimmen, wer dazugehört beziehungsweise nicht, wer Freund ist oder Feind.“

    – (Der Atheismus-Wahn S.103)




Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Gotteswahn (24. März 2009)

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[...] Schröder wendet sich den "heiligen Schriften" des "neuen Atheismus" zu, Dawkins' populären Büchern "Das egoistische Gen" (eine evolutionistische Grundlage der Soziobiologie) und "Der Gotteswahn" (eine Art "Bibel" des "neuen Atheismus"), deren Kernthesen zum verbindlichen "Credo" jedes "neuen Atheisten" gehören, der was auf sich hält: Der Mensch ist ein Tier, Materie ist alles, was existiert, Wissenschaft hat "Allerklärungskompetenz" (Schröder), Religion ist Wahn, Religionsunterricht ist Kindesmissbrauch, Gott - der nur als Hirngespinst existiert - ist an allem Schuld, weil er Menschen zu stumpfsinnigen Bestien macht.

Wer solche Thesen aufstellt, muss begründen, warum dennoch über 90% der Menschen religiös sind, obwohl die WHO den Anteil der psychisch Kranken nur auf 10% schätzt. Dafür hat Dawkins eine naturwissenschaftliche Kulturtheorie entwickelt, die die Existenz so genannter "Meme" behauptet. Analog zu den Genen als Träger unserer körperlichen Eigenschaften sind "Meme" Träger geistiger Eigenschaften (Gedanken, Ideen, Vorstellungen), wie sie sich im sozialen, politischen, religiösen Kontext äußern, also in der menschlichen Kultur. Religiöse Vorstellungen (besonders die der Gewalttätigkeit, die "der" Religion angeblich inhärent ist) sind dabei krankhafte "Meme", die jedoch - den Viren gleich - besonders hartnäckig sind und besonders erfolgreich darin, ihr geistiges Erbgut zu verbreiten. Diese "Mem"-Theorie Dawkins' hält Schröder bereits im Ansatz für "grundverkehrt", denn: "Kultur lässt sich nicht naturwissenschaftlich verstehen". Umgekehrt wird ein Schuh daraus: "Naturwissenschaft ist ein Kulturphänomen".

Die kulturelle Welt ist weit komplizierter als uns die "Mem"-Theorie glauben macht. Das zeigt sich erst, "wenn wir nicht nur hinter Messgeräten Daten sammeln und auswerten oder, wie Dawkins, freihändig Thesen im Duzend billiger in die Welt setzen, sondern auch unsere eigenen, in der Selbstverständlichkeit sich verbergenden Verstehensbedingungen zu erhellen suchen". Schröder verdeutlicht, dass die Gen-Mem-Analogie an verschiedenen Stellen hinkt: "Der Unterschied zwischen der biologischen Vererbung und kulturellen Überlieferungsprozessen ist schlicht der, dass Menschen zu ihrer Kultur ein Verhältnis haben." Und: "Für Gene gilt: ausgestorben ist ausgestorben. Kulturelle Überlieferungen dagegen können, zumal schriftliche, wiederentdeckt und wiederbelebt werden." Und: "Gene können sich weder selbst korrigieren noch modifizieren. Menschen können das."

Warum aber diese verquere Analogie? Die Antwort: In unserer unübersichtlichen Welt wird der Wunsch nach Vereinfachung mächtig. Schröder: "Zwei Anbieter melden sich da zur Stelle: die fundamentalistischen Religionsvereinfacher und die fundamentalistischen Wissenschaftsvereinfacher. Dawkins ist so ein Vereinfacher." Das ist er deswegen, weil er die Wissenschaft nicht eingebettet sieht in den Kontext der Kultur, auf den Schröder hinweist. Mehr noch: Er räumt der Kultur ein Primat ein, indem er feststellt, dass es "eine Art von Wissen gibt, das mindestens insofern höheren Ranges ist als das naturwissenschaftliche Wissen, als es der Anwendung naturwissenschaftlicher Methoden Grenzen setzt".

Was für viele Wissenschaftsphilosophen ein alter Hut ist, provoziert jemanden, der mit seiner Wissenschaft dem Weltverständnis des Menschen die entscheidenden Impulse zu verleihen meint. Dawkins belässt es nicht dabei, ein derart von außen kritisch beobachteter Wissenschaftler zu sein, sondern beansprucht für seine Biologie selbst die Beobachterperspektive. Er vertritt also einen "Biologismus", mit dem dann so eigenartige Dinge wie "die" Religion erklärt werden. Bleibt er im Rahmen seiner "Mem"-Theorie deskriptiv beziehungsweise explikativ, geht seine Forderung nach Beseitigung "der" Religion weit darüber hinaus. Dieser normativen Ausweitung in Dawkins' Ansatz liegt der Übergang von Naturwissenschaft als einem möglichen Beschreibungskonzept des Menschen zum Szientismus, der die Naturwissenschaft als das einzig mögliche Beschreibungskonzept des Menschen sieht, im Rücken. Wo Naturwissenschaft allgemeines Deutungsmuster wird, wird Evolutionsbiologie zum "universalisierten Darwinismus", der sich anmaßt, vor jede Form der menschlichen Daseinsorientierung das Attribut "evolutionär" zu setzen, um dann die Exklusivität dieses Zugangs zu behaupten. Damit wird suggeriert: Im Paradigma der empirischen Forschung lässt sich jede Frage beantworten. Die Lösung aller Weltprobleme wird sich ergeben, ist der Darwinismus erst einmal "auf alles angewendet worden, dieser ,Kran', der das Komplexe aus dem Einfachen erklärt". Doch, so Schröder weiter, zum einen ist eine "Welt, in der es Verantwortung gibt, schlechterdings nicht mit den Methoden der Naturwissenschaft erfassbar", zum anderen "gibt es verschiedene Wissenschaften, die sich nicht zu einer Einheitswissenschaft vereinigen lassen", von der einst Rudolf Carnap & Co. träumten.

Es gibt eben nicht "die" Wissenschaft, so wie es nicht "die" Religion gibt - immer wieder stolpert Dawkins über seine simplifizierenden Singulare. Schröder weist darauf hin, und auch darauf, dass es letztlich auch gar nichts mehr mit Naturwissenschaft zu tun habe, was Dawkins an "naturwissenschaftlichen" Theorien fabriziert: "Mein hoher Respekt vor den Naturwissenschaften gilt der Sorgfalt, mit der sie unter streng definierten Voraussetzungen ihre Forschungen betreiben. Was Dawkins hier vorträgt, verdient solchen Respekt nicht. Das ist unreflektierte materialistische Pseudometaphysik und Pseudotheologie, und zwar eine inkonsistente". Und an anderer Stelle meint Schröder, Dawkins sei "ein Mythenerzähler, aber einer, der eine gepfefferte Mythenkritik verdient hat", ein "Priester der Wissenschaft", dessen anthropo- und technomorphe Metaphorik ihm den Verdacht einträgt, wider besseren Wissen Kompliziertes zu vereinfachen. Schröder nennt das den "modernen Priesterbetrug der Priester der Wissenschaft", die damit ihre monoperspektivische Weltanschauung durchboxen wollen und zugleich "vom Verneinten einfach nicht loskommen" und daher ganz gerne eine pseudoreligiöse Sprache wählen.

Obwohl sich Schröder bei seiner Kritik des wissenschaftlichen Fundamentalismus' im Wesentlichen auf die beiden angeführten Dawkins-Bücher stützt, lassen historische Bezüge erahnen, dass dieses Phänomen nicht ganz neu ist. Der methodologische Hauptfehler jedes Fundamentalismus', sei er wissenschaftlich oder religiös, ist ohnehin zeitlos: Die persönliche Sicht der Dinge zu verabsolutieren, ohne Rücksicht auf die eigenen weltanschaulichen Bedingtheiten und ohne Gespür für die Lebenszusammenhänge, die zu eben dieser Sicht beitragen.

[...] Wie kam es dann aber zur Ketzerverfolgung und zur Zwangsmission? Schröder erklärt: durch die weltliche Rolle, die der Kirche im sich auflösenden Römischen Reich zugedacht wurde. Es waren Kaiser und Könige, es waren ihre politischen Überlegungen, es waren staatliche Gesetze und Gerichte, die gegen "Ketzer", "Ungläubige" und "Andersdenkende" in Stellung gebracht wurden, um das Reich zu stabilisieren. Und es waren weltliche Herrscher beziehungsweise Päpste in ihrer Funktion als weltliche Herrscher, die Zwangsmissionen anordneten. Theologen haben dem stets widersprochen. Als Karl der Große die Sachsen vor die Alternative Taufe oder Tod stellte, war sein "Hoftheologe Alkuin entschieden dagegen". Als die "katholischen Könige" mit päpstlichem Mandat Amerika eroberten und die autochthone Bevölkerung von den Conquistadores gewaltsam christianisiert wurde (Mission war die Bedingung für die päpstliche Schenkung von 1493), stieß dies bei den Missionaren "auf massiven Widerspruch, für den vor allem der Dominikaner Las Casas steht". Schröder macht deutlich: Wäre das Christentum im Kern so verdorben, wie Dawkins den unbedarften Leser glauben machen will, hätte es diese Gegenbewegungen gar nicht geben können.

Und wie ist das mit den Kreuzzügen? Auch hier liegt die Ursache im Machtvakuum des Römischen Reiches, das seit dem 5. Jahrhundert dazu führte, dass der Papst als einzige konstante Institution der Okzidents in die weltliche Pflicht gedrängt wurde. In der Ostkirche gab es keine Kreuzzüge. Wie kann das sein, wenn doch beide christlich sind? Die Kreuzzüge selbst wurden als das angesehen, was wir heute "humanitäre Intervention" nennen. Maßgebend dafür war die Lehre vom gerechten Krieg, die Augustinus entwickelt hatte. Zu dem Vorliegen gerechter Kriegsgründe (etwa die Hilfsbedürftigkeit eines überfallenen christlichen Gebietes oder die Abriegelung von heiligen Stätten oder die Bedrohung von Pilgerrouten) muss eine innere Einstellung hinzutreten, die nicht von Grausamkeit und Rachsucht bestimmt ist, sondern von einer grundsätzlichen Bereitschaft zum Frieden, sobald die Gerechtigkeit wiederhergestellt ist. Was man auch davon halten mag, der bellum iustum-Topos zeigt die eigentliche Einstellung des Christentums zur kriegerischen Gewalt: Krieg ist ein Übel, auf das nur nach Ausschöpfung aller friedlichen Mittel zurückgegriffen werden darf. Schröder grenzt davon den Islam ab: "Die christlichen Skrupel hinsichtlich der Legitimität des Krieges waren Mohammed fremd", was daran liege, dass "diese beiden Arten von ,Monotheismus' [Christentum und Islam, J.B.] durch ein fundamental anderes Verhältnis zur Gewalt charakterisiert werden, was mit ihren Entstehungsbedingungen zu tun hat." Alle über einen Kamm zu scheren, wird also der Sache nicht gerecht und scheitert schon, wenn man sich nur zwei Varianten des von Dawkins so gehassten Monotheismus vornimmt.

Und die Millionen von Frauen, die in Europa im Mittelalter als Hexen verbrannt wurden? Schröder zeigt, dass in dieser Frage vier Fehler stecken: 1. Der Schwerpunkt der Hexenverfolgung lag nicht nur in Europa, sie findet ihre Fortsetzung im heutigen Afrika: "Die intensivste Hexenverfolgung, von der ich weiß, fand 2001 statt", und zwar im "östlichen Kongo". Dort hat sie alles andere als "christliche" Gründe. 2. Die meisten Hexenverbrennungen gab es in Europa nicht im Mittelalter, sondern in der frühen Neuzeit; die letzte Hexe wurde in Deutschland 1775 verbrannt. 3. Die Opfer waren nur in Deutschland mehrheitlich Frauen, sonst war das Verhältnis mindestens ausgeglichen, zum Teil waren die Männer in der Mehrzahl; in Island waren 90%, in Estland 60% der Opfer Männer. 4. Es waren nicht "8 oder 9 Millionen Opfer", wie die "NS-Propaganda" vermutete, sondern "ca. 50.000". In 350 Jahren europäischer Hexenverfolgung (1430-1780). Interessant ist im Übrigen, wie der Hexenwahn in Europa sein Ende fand. Schröder: "Durch die Aufklärung, sagt man. Das stimmt so nicht. Er kam nämlich schon im 17. Jahrhundert weithin zum Erliegen." Es gab nämlich massiven Widerstand. "Die Gegner waren Theologen und Juristen, die sich als Christen verstanden." Ergo: "Dieser Kampf gehört in das Kapitel immanenter, also christlicher Kirchen- und Theologiekritik", die es eigentlich nach Dawkins nicht geben dürfte. Kritische Christen wie Friedrich Spee passen nicht in dessen enge Stirn. In der Fantasie des "neuen Atheismus" ist Christentum qua definitionem "gegenaufklärerisch". Es ist darum gut, dass es kompetente Theologen wie Richard Schröder gibt, die dem eine christliche Aufklärung entgegenstellen, die auf Fakten basiert und verdeutlicht: Die innerkirchliche Kritik war präsent, lange bevor es eine philosophische Kritik des Christentums gab.

2. Im Außenverhältnis entlarvt Schröder das fundamentalistische Schriftverständnis des "neuen Atheismus". Dawkins liest die Bibel, wie es selbst dem verstocktesten "Zeugen Jehovas" peinlich wäre: Entweder alles ist wortwörtlich wahr (ohne Unterscheidung der unterschiedlichen Textgattungen, ohne hermeneutische Einordnung der Erzählungen in einen historischen Kontext, ohne Berücksichtigung der Entwicklung innerhalb der Bibel) oder eben nichts. Das entspricht aber in keiner Weise dem Stand der zeitgenössischen Theologie, sondern mit dieser "Alles-oder-nichts-Hermeneutik" verschafft er sich bloß "ein sehr schlichtes Diskriminierungsinstrument". Nachdem er also "gezeigt" hat, was für einen "Unsinn" Christen wortwörtlich für wahr halten, folgt die Abwertung von Religion durch die Markierung der Grenze von Vernunft und Unvernunft anhand der Religiosität auf dem Fuße, bis hin zur Diskreditierung religiöser Menschen als "dumm", "wahnsinnig" oder "bösartig". Nicht die Vernunft ist Bedingung für den religiösen Glauben, sondern der religiöse Glaube ein Ausdruck von Unvernunft. Daraus folgt dann die "Enteignung der eigenen Erfahrungen" religiöser Menschen im Namen "der Wissenschaft".

Zudem braucht Dawkins künstliche Abstrakta - "der" Atheismus, "die" Wissenschaft und "die" Religion -, die es allesamt so in der realen Welt nicht gibt, wo man etwa 5.000 Religionen finden kann. Er braucht sie, so Schröder, um sein starres Freund-Feind-Schema durchzuhalten. Dawkins mache dabei, so Schröder, "nicht den geringsten Versuch, Überzeugungen anderer, die er für falsch hält, aus ihrer Sicht zu rekonstruieren". Eigentlich, so lernt es der Philosophiestudent im ersten Semester, ist die sorgfältige Rekonstruktion einer These beziehungsweise Meinung die Grundlage für deren Kritik. Von Sorgfalt ist bei Dawkins aber keine Spur. Schließlich braucht er seine eigenartige Lesart der Bibel, um damit seine Verderblichkeitsthese durchzusetzen. Nur wenn die Religionen (und ihre Vertreter) alle und insgesamt so wären, wie Dawkins "die" Religion beschreibt, hätte er Recht.

...


Aus: "Christliche Aufklärung - Richard Schröder gelingt mit "Abschaffung der Religion" eine kenntnisreiche und wohltuend differenzierte Analyse der Problematik des Wissenschaftsfundamentalimus'" Von Josef Bordat
Richard Schröder: Abschaffung der Religion? Wissenschaftlicher Fanatismus und die Folgen.
Herder Verlag, Freiburg 2008. (literaturkritik.de, )
Quelle: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12885

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Quote
[...] (hpd) Glaubt man dem, was die Medien veröffentlichen, herrscht eine neue Aufregung um eine neue Religionskritik von neuen Atheisten. Aber nichts ist zu hören von der Neuen Aufklärung. Dabei kann man den Zeitgeist besser verstehen, wenn man herausarbeitet, was diese Neue Aufklärung umfasst.

Die Neue Aufklärung ist das vorbehaltlose öffentliche Stellung beziehen gegen jede Ursache von Unmündigkeit. Unmündigkeit ist die Unfähigkeit, selbstständig erkennbar falsche oder unangemessene Urteile als solche zu erkennen. Vorbehaltlos ist diese Stellungsnahme, wenn sie in keinem Teilbereich menschlichen Lebens Unmündigkeit akzeptiert. Unangemessen sind zum einen Urteile deren Konsequenzen im Widerspruch zu dem Beobachtbaren und Belegbaren stehen. z.B.: Makroevolution findet nicht statt; Der Holocaust fand nicht statt; Der Mensch wird nicht durch Gene beeinflusst; Der Mensch wird nicht wesentlich durch Kultur beeinflusst u.s.w.

Unangemessen ist es zum anderen, ein bisher unbekanntes und bisher nicht verstandenes Phänomen auf das Wirken von Geistern, Göttern, oder sonstigen magischen Konzepten zurückzuführen. Unwissenheit und fehlendes Verständnis belegen Unwissenheit und fehlendes Verständnis, sie sind kein Beleg für Übernatürliches. Die Neue Aufklärung richtet aber sich nicht nur mit Vehemenz gegen diesen klassischen Aberglauben, sondern gegen jede Ideologie. Ideologie ist jedes Ideensystem, dessen Inhalte nicht konsistent mit den von den Wissenschaften gesammelten Daten sind und/oder dessen Methoden nicht konsistent mit Wissenschaftlichen Methoden sind. Wissenschaft umfasst dabei alle Methoden, die geeignet sind wahre Aussagen über die Realität zu finden und Falsche zu erkennen. Wahrheit wird dabei als Übereinstimmung mit den Tatsachen verstanden. Wissenschaft umfasst weiter die Ergebnisse sowie die philosophische Reflexion und Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Methoden.

In ihrer Vorbehaltlosigkeit mutet diese Aufklärung den Menschen zu, Trost, Hoffnung und Lebenssinn nicht mehr in Ideensystemen zu finden, welche zu ihrer Akzeptanz Unmündigkeit benötigen. Menschen können und sollen in einer persönlichen Wahl aus der Vielzahl der nicht ideologischen Ideen, die am Anfang des 21 Jahrhunderts zur Verfügung stehen oder entwickelt werden können, Trost, Hoffnung und ihren Lebenssinn finden. Die Neue Aufklärung schätzt und benötigt daher die Ergebnisse der Geistes-, Kultur-, Struktur- und Naturwissenschaften sowie der Künste.

Wie die klassische Aufklärung (Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?) benötigt die Neue Aufklärung vor allem die Freiheit, von seiner Vernunft uneingeschränkten öffentlichen Gebrauch zu machen. Dieser Gebrauch ist ausgezeichnet durch das Bestreben seine Aussagen so klar wie möglich zu formulieren, damit im öffentlichen Diskurs fehlerhafte und unangemessene Annahmen klar herausgearbeitet und verworfen werden können. Im Aufrechterhalten dieses öffentlichen Diskurses liegt der Wert der Neuen Aufklärung. Durch das beständige öffentliche Ausformulieren von Thesen und Gegenthesen sollen Menschen lernen, ob eine Polemik zu stark übertreibt, ob ein Satz die nötige Verständlichkeit vermissen lässt, ob Begriffe zu ungenau oder vieldeutig benutzt werden und ob Thesen bekanntem wissenschaftlichen Wissen widersprechen oder logisch fehlerhaft sind. Durch permanentes Vorbild soll gelernt werden, wie man angemessene von unangemessenen Aussagen unterscheidet. Die Protagonisten der neue Aufklärung stehen daher dafür ein, dass auch das Absurde oder offensichtlich Falsche immer wieder aufs neue veröffentlicht werden darf, und fühlen sich verpflichtet jenes immer wieder aufs neue zu widerlegen oder auf die bekannten Widerlegungen hinzuweisen.

In diesem Öffentlichen Gebrauch der Vernunft liegt das aufklärerische und lehrende Moment der Neuen Aufklärung. Das Wissen um die Unterscheidung zwischen einem noch angemessenen und einem schon nicht mehr angemessenen Urteil, lässt sich nur Vermitteln indem man die Grenze zwischen angemessen und unangemessen immer wieder aufs Neue austestet. Dabei lässt sich selbstverständlich das gelegentliche Überschreiten derselben nicht vermeiden. In diesem Sinn ist die politische Korrektheit die einflussreichste Gegenströmung zur Neuen Aufklärung. Die politische Korrektheit verbietet das Ausformulieren bestimmter Positionen und verhindert so, die Grenze zwischen angemessenem und unangemessenem Urteil öffentlich kenntlich zu machen.

Mit dem Begriff der Neuen Aufklärung ist auch die Position vieler Neuer Atheisten und die deren Kritiker zu verstehen. Sie testen aus, bei welchen Übeln der Vorwurf an die Religion diese Übel zu verursachen oder zu begünstigen unangemessen wird. Man sollte allerdings nicht den Fehler machen, die Neue Aufklärung auf das Religiöse zu reduzieren. Zu ihr gehören genau so alle Menschen die parawissenschaftliche Aussagen untersuchen sowie alle die politische Ideen kritisieren oder diese durch den öffentlichen Gebrauch der Vernunft zu verteidigen.

Die Neue Aufklärung schließt sich an die Klassische Aufklärung an, führt sie fort und wird erst dann ihr Ende finden, wenn der öffentliche Gebrauch der Vernunft nicht mehr stattfindet, oder als solcher von großen Teilen der Öffentlichkeit nicht mehr wahrnehmbar ist.


Aus: "Debatte - Die Neue Aufklärung" Ein Essay von Eike Michael Scholz (24 Mär 2009 - 09:47 Nr. 6651)
Quelle: http://hpd.de/node/6651

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Quote
[...] (hpd) Das Aufkommen der „Neuen Atheisten" veränderte die öffentlich wahrnehmbare Religionskritik: Zum einen erhöhte sich deren Breitenwirkung leicht, zum anderen verschärfte sich deren Ton stark. Dazu die folgenden zwölf Thesen für eine aufgeklärte Religionskritik und gegen einen selbstgefälligen Atheismus. 

1. Eine Auffassung, die Religion lediglich als „Gotteswahn" (Richard Dawkins) versteht oder meint, sie „vergiftet alles" (Christopher Hitchens), kann nicht deren soziale Bedeutung als Erkenntnis-, Identitäts-, Integrations- oder Orientierungsfaktor begreifen und fällt hinter den Stand der Religionskritik von Feuerbach, Marx, Darwin und Freud zurück.

2. Die Annahme, „eine Welt ... in der es keine Religion gibt", kenne „keinen Krieg zwischen Israelis und Palästinensern ... keine ‚Probleme' in Nordirland" (Richard Dawkins), ignoriert, dass Religion nicht für alles Elend und Übel der Welt verantwortlich ist und häufig lediglich als ideologischer Deckmantel für anders motivierte Konflikte dient.

3. Die Behauptung, mit Darwin sei die Religion erledigt, verkennt zum einen, dass der sich als Agnostiker verstehende Naturforscher den Deismus für kompatibel mit seiner Evolutionstheorie hielt, und zum anderen, dass er eine überaus differenzierte Auffassung zu Entstehung, Funktion und Wertschätzung von Religion hatte.

4. Die Deutung, wonach die Religion „gewalttätig, irrational und intolerant" (Christopher Hitchens) sei und „die Vernunft und die Intelligenz" (Michel Onfray") hasse, verabsolutiert bestimmte Phänomene in spezifisch historisch-politischen Kontexten zu einem inhaltlichen Zerrbild, das andere und gegenteilige Tendenzen komplett ignoriert.

5. Der Umgang von Atheisten mit Religiösen sollte von den Prinzipien des Kantschen Kategorischen Imperativs geprägt sein, oder: „Wenn Atheisten nicht von Theisten mit negativen Vorurteilen konfrontiert werden möchten, dann dürfen sie das auch nicht bei Theisten machen" (Michael Shermer).

6. Die Forderung, auch gegenüber den Gläubigen Toleranz zu üben, schließt keinen Verzicht auf inhaltliche Kritik ein, steht doch Toleranz als dialektischer Begriff entgegen einer weit verbreiteten Auffassung nicht für Indifferenz und Relativismus, sondern für die formale Akzeptanz einer abgelehnten Position als legitimer Meinung im Rahmen des Pluralismus.

7. Auch irrige Annahmen sind in einer offenen Gesellschaft zu dulden, denn: „So lange die Religion Wissenschaft und Freiheit nicht bedroht, sollten wir respektvoll und tolerant sein, weil unsere Freiheit, nicht zu glauben, untrennbar mit der Freiheit anderer, zu glauben, verbunden ist" (Michael Shermer).

8. Demnach können Absolutheitsansprüche und Dogmatismus in Teilbereichen der Gesellschaft - von der individuellen Ethik über den religiösen Glauben bis zur ostentativen Sportbegeisterung - als Ausdruck persönlicher Freiheit geduldet werden, so lange sie keinen Anspruch auf die verbindliche Gestaltung des sozialen Miteinanders erheben.

9. In diesem Sinne mag auch ein Atheismus im Namen der Aufklärung öffentlich und vehement für die Überwindung des religiösen Glaubens eintreten, wobei sich sein Ansinnen auf die Überzeugungskraft der Argumente und nicht - wie eine Diktatur im angeblichen Namen der Vernunft - auf die Repressionspraxis eines Staates stützen darf.

10. Die Behauptung „Religionsfeindlichkeit und Menschenfreundlichkeit sind schließlich zwei Seiten der selben Medaille." (Andreas Müller) verkennt in ihrer Einseitigkeit, dass in der historischen Rückschau sowohl Atheismus wie Religiosität je nach historisch-politischer Situation mit Menschenfreundlichkeit wie Verbrechen einhergehen konnten.

11. Atheismus steht für einen negativen Sammelbegriff, der alle Begründungen für die Ablehnung von Religion und somit auch totalitäre Bestrebungen wie den Stalinismus einschließt, wodurch nicht nur aus demokratischer und menschenrechtlicher Sicht eine positive Identifikation des säkularen Selbstverständnisses über den Humanismus nötig wird.

12. Die bedeutenden Konfliktlinien verlaufen heute nicht zwischen Atheisten und Gläubigen, sondern zwischen Demokraten und Extremisten, Menschenrechtlern und Unterdrückern - was eine Kooperation von atheistischen und religiösen Demokraten gegen Fanatiker der unterschiedlichsten Richtungen möglich und notwendig macht.


Aus: "Debatte - Thesen für eine aufgeklärte Religionskritik" Von Armin Pfahl-Traughber (4 Mär 2009)
Quelle: http://hpd.de/node/6502


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Quote
[...] Es wird heute in der Tat dringend notwendig, dem theistischen Denken überhaupt radikal entgegen zu treten. Die Diskussion kann durch solcherart zugespitzten Pfahl-Traughbersche-Antithesen dialektisch ergänzt werden.

1. Religion, nicht als nur „Gotteswahn" bzw. Kirchenorganisation missverstanden, aber sehr wohl als Erkenntnis-, Identitäts-, Integrations- oder Orientierungsfaktor begriffen, verdeutlicht ihre Funktion als bestimmend für eine historisch gewachsene Art und Weise des Denkens, das automatisch dadurch bestimmte soziale Verhaltensmuster generiert. Der evolutionäre Erfolgsfaktor des kooperativen und solidarisch-uneigennützlichen Verhaltens zugunsten der Gemeinschaft entsteht bei einer religiösen Denkstruktur aber nicht aus der Erkenntnis des Erfolgs systemischem kooperativem Handeln gleichberechtigter Gesellschaftsmitglieder, sondern es entsteht archaisch aus Angst vor sündenabhängigen hierarchischem Zwang bzw. Gewalt und ideologisch erzeugter physischer Aussonderung.

2. Religiös bestimmte Identität, Integration und Orientierung sind Werkzeuge zur Stärkung der hierarchischen Gewalt als Lösung von gesellschaftlichen Konflikten und verlangen immer eine interne und externe Feindorientierung. Kriege und Genozide sind zwar nicht durch religiöse Dogmen an sich verursacht, wohl aber durch den Versuch, bestehende soziale Konflikte auf religiöse Art und Weise zu lösen.

3. Die Unsicherheiten in den Anfangsstufen des evolutionären Denkens als Beweis für die mögliche Richtigkeit deistischer Inhalte der heutigen Erkenntnismethode zu gebrauchen ist als methodologisch nicht korrekt zu verwerfen. Eine solche Aussage kann nicht als tragende Prämisse einer nachfolgenden Argumentation verwendet werden.

4. Die Deutung, wonach die Religion „gewalttätig, irrational und intolerant" sei und „die Vernunft und die Intelligenz" hasse, verabsolutiert nicht bestimmte Phänomene in spezifisch historisch-politischen Kontexten. Sie macht auf dem Hintergrund der realen menschlichen Geschichte und des Nischendaseins von emanzipatorischen kirchlichen Experimenten nur deutlich, wie schwer es ist, auf der Grundlage des religiösen Denkens zu anderen und gegenteiligen Tendenzen zu gelangen.

5. Atheisten können auf der Grundlage des programmierten religiösen Offenbarungsdenkens zwangsweise von Religiösen nur mit Vorurteilen betrachtet werden. Die atheistische Bewertung des religiösen Denkens als ebensolches Vorurteil zu charakterisieren und daraus den Toleranzzwang für Atheisten abzuleiten muss als Zirkelschluss charakterisiert werden.

6. Angesichts der Gefahren, die aus dem religiösen Denken entspringen, kann atheistische Toleranz nicht, auch nicht als formale Akzeptanz, gegenüber diesem Denken definiert werden. Die Werte der humanistischen Demokratie sind offensiv und wehrbar zu verteidigen und dürfen nicht unter den Deckmantel eines weich gezeichneten Pluralismus untergraben werden. Atheistische Toleranz kann sich eingrenzend nur definieren als das nicht Anwenden von religiösen Verhaltensweisen im offensiven Kampf gegen das religiöse Denken: Keine Verteidigung dogmatischer Offenbarungen und keine Anwendung hierarchischer oder psychischer und physischer Gewalt. Sonst ist alles erlaubt!

7. In obigem Sinne sind irrige religiöse Annahmen in einer offenen Gesellschaft nicht mehr zu dulden, da sie definitorisch die Grundlage für wissenschafts- und freiheitsfeindliches Denken bilden. Die Freiheit zu glauben richtet sich letztendlich immer gegen die Konsequenzen aus der Freiheit, nicht zu glauben.

8. Religion, als sozial verhaltensbestimmende Denkweise verstanden, macht die im traditionellen Humanismus vorgenommene Trennung zwischen gesellschaftlichen und privaten Bereichen zu einer trügerischen Prämisse. Religiöse Denkpatrone erheben bewusst oder unbewusst immer Anspruch auf die verbindliche Gestaltung des sozialen Miteinanders.

9. Die Forderung nach Begrenzung der atheistischen Vehemenz auf nur die Überzeugungskraft der Argumente ist weit entfernt von jeder gesellschaftlichen Realität. Wer denkt, dass das per se offenbarungsorientierte, hierarchisch religiöse Denken eine gesellschaftliche Organisation und daher auch einen Staat kampflos akzeptieren würde, die als alleiniges Kriterium der Entscheidungsfindung die Vernunft walten lassen, hat leider nichts begriffen von den inneren Triebfedern des Religiösen. Der aktuelle Kampf der spiritualistischen Bewegungen um die Beseitigung der wenigen laizistischen Elemente in den demokratischen Staaten beweist dies auf schlagender Weise. Die Wehrhaftigkeit der Demokratie bezieht sich, und vielleicht vor allem, auf die Zähmung des religiösen Denkens.

10. Das Argument, dass religionsfeindliche Staaten nicht mit Menschenfreundlichkeit gleichzusetzen sind, ist ein alter Hut, der durchs Wiederholen nicht modischer wird. Was für die Religion als spezifisch historisch-politischer Ausnahmekontext akzeptiert wird, darf scheinbar nicht für angeblich „religionsfeindliche" historische Staatsgebilde gelten. Dabei war ihre Anzahl verschwindet gering gegenüber der Sintflut der religiösen Verbrecherstaaten. Und war das Problem überhaupt nicht eher, dass es sich dort gerade um einen religiös gedachten Atheismus handelte?

11. Sollte es richtig sein, dass Atheismus manipulativ zu einem negativen Sammelbegriff geworden ist und somit auch totalitäre Bestrebungen, wie den Stalinismus, einschließen kann, dann kann die Lösung nicht darin bestehen, ihn durch einen Humanismus mit diffusen Konturen zu ersetzen. Noch weniger aber seine in letzter Zeit immer schwächer werdende kämpferische Antireligiosität durch noch mehr Toleranz gegenüber dem Religiösen aufzuweichen.

12. Die bedeutenden Konfliktlinien verlaufen heute zwischen weltweiter sozialer und kultureller Emanzipation einerseits und grenzenloser Ausbeutung andererseits. Extremismus und Verletzung der Menschenrechte sind auf beiden Seiten nur möglich durch die Herrschaft des religiösen Denkens, was eine offensivere antireligiöse Gestaltung des Atheismus notwendig macht. Es ist an der Zeit zum weltweiten Antitheismus überzugehen!




Aus: "Debatte - Antithesen zur „aufgeklärten Religionskritik"" Ein Kommentar von Rudolf Mondelaers (Nr. 6598, 17 Mär 2009)
Quelle: http://hpd.de/node/6598


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Quote
[...] Missionare sind Eiferer. Nicht nur der Umfang von Dawkins Streitschrift spricht für diese These. Rasch gewinnt man den Eindruck, dass der in Oxford lehrende Evolutionsbiologe mit seiner Mission zumindest in den USA zahlenmäßig noch auf verlorenem Posten steht, von Kreationisten und allzu bibeltreuen Christen umzingelt. Folglich möchte er den Kreis derer vergrößern, deren Weltbild und Lebenspraxis nicht auf die "Gotteshypothese" angewiesen ist, sondern auf nachweisbaren Fakten basiert.

Um Atheist zu sein, bedarf es des rechten Bewusstseins. Daher ist der Autor von gut 500 Textseiten zum einen bemüht, all das zu destruieren, was die großen monotheistischen Religionen tradieren und lehren. Ein allwissender Gott etwa, der Gebete erhört, Sünden bestraft und Wunder vollbringt, ist für den Naturwissenschaftler weder experimentell noch intellektuell nachvollziehbar, ja ein Ärgernis ebenso wie der "Gott des Alten Testaments", in seinen Augen "ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker", ein "ethnischer Säuberer" und "frauenfeindlicher, homophober, ... launisch-boshafter Tyrann."

Neben den Heiligen Schriften unterzieht Dawkins auch die abendländisch-metaphysischen Gottesbeweise einer kritischen Lektüre, die hier und da nachdenklich stimmen mag, den Texten aber nur selten gerecht wird. Erkenntnisse der historisch-kritischen Exegese nimmt Dawkins ebenso wenig zur Kenntnis wie etwa Kants Differenzierungen in dessen "Kritik der praktischen Vernunft."

Zum anderen stellt der Evolutionsbiologe seine Theorie der Meme vor und erklärt damit, wie es zur Allgegenwart religiöser Vorstellungen und Praxis in der Menschheitsgeschichte kommen konnte. Die biologische Evolution schreitet dank Selektion und Mutation von Genen voran. Variationen und Kombinationen von Memen - die sind zum Beispiel Ideen und Riten - ermöglichen die "kulturelle Evolution". Dabei bedingt ein neuronales Modul für "Leichtgläubigkeit" bislang die Stabilität und Tradierung des Gottesglaubens.

Leichtgläubigkeit und Fundamentalismus drängen Dawkins zum überaus pointierten Buchtitel "Der Gotteswahn". Wenn ein Mensch eine Stimme in seinem Kopf hört, so das von Dawkins häufig benutzte Gleichnis, nennt man ihn verrückt, Wenn viele Menschen eine Stimme in ihrem Kopf hören, nennt man sie religiös. Und: Eine dauerhaft falsche Vorstellung trotz entgegengesetzter Belege aufrecht zu erhalten - diese Definition von "Wahn" ist für den britischen Forscher durchaus "eine perfekte Beschreibung des religiösen Glaubens." Religion als massentauglicher Wahnsinn? Man wird widersprechen, zumindest differenzieren müssen.

Dawkins hat in Oxford einen Lehrstuhl für "Public Understanding of Science" inne. Daher schreibt er anschaulich und gut verständlich, mit Ironie, Humor, Polemik und einem Schuss Zynismus. Etliche Wiederholungen hingegen machen die Lektüre langwierig.

Im Blick auf die Weltreligionen mangelt es dem Autor mitunter an Differenzierungen. Auch ist Dawkins nicht immer auf dem aktuellen Stand der Debatten in ihm fremden Wissenschaften wie etwa Philosophie und Theologie.

Dennoch bietet das umfangreiche Buch einige Herausforderungen für und populäre Argumente gegen die Religionen. Das könnte kritisches Denken auf Seiten der Gläubigen beflügeln, deren Gottesbilder schärfen sowie die gesellschaftliche Auseinandersetzung zwischen den unterschiedlichen Positionen beleben. So gesehen kann, darf und muss der "Kampf der Religionen" und "der Kampf der Kulturen" weitergehen - im gewaltfreien Diskurs.


Richard Dawkins: Der Gotteswahn
Übersetzt von Sebastian Vogel
Ullstein Verlag, Berlin 2007
575 Seiten, Euro 22,90

Rezensiert von Thomas Kroll



Aus: "Atheistischer Missionar" (19.09.2007)
Quelle: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/671461/



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« Reply #2 on: May 13, 2019, 10:51:17 AM »
Quote
[...] Der analytische Begriff „Parallelgesellschaften“ ist schon treffend, aber er sollte in seiner Bedeutung viel weiter gefasst werden. Die komplette Gesellschaft ist längst in Teilgesellschaften zerbrochen, die um sich selbst kreisen und „die Anderen“ bestenfalls noch misstrauisch aus der Ferne beobachten. Da es keine große Erzählung mehr gibt, sondern nur noch Milliarden banaler Einzelgeschichten, in denen sich isolierte Subjekte ihrer selbst mit Selfies und Foodporn vergewissern, da es keine gemeinsame Basis an Fakten gibt, entfällt auch die Aufgabe des Intellektuellen, den Diskurs im öffentlichen Raum zu führen und zur Aufklärung der Widersprüche beizutragen. Niemand stellt ihm Fragen, niemand hört ihm zu, da dieser Raum in zahllose selbstreferentielle Teilräume zerfallen ist.


Aus: "Wo sind die Intellektuellen?" Matthias Eberling (Samstag, Mai 11, 2019 )
Quelle: https://kiezschreiber.blogspot.com/2019/05/wo-sind-die-intellektuellen.html