Author Topic: [Depressionen, Essstörungen, Auffälligkeiten...]  (Read 15727 times)

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[Depressionen, Essstörungen, Auffälligkeiten...]
« Reply #30 on: May 23, 2018, 09:37:20 AM »
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[...] Laut dem Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse aus dem vergangenen Jahr hat sich seit 2007 die Verordnung von Antidepressiva in Deutschland verdoppelt. ... Vor wenigen Jahren formulierten 21 leitende Ärzte psychosomatischer Kliniken in Deutschland einen „Aufruf zum Leben“. Darin heißt es: „Wir sind erschüttert über die psychosoziale Lage in allen Industrienationen, denn seelische Erkrankungen und psychosoziale Problemlagen sind dermaßen häufig, dass sie trotz einer Zunahme von medizinischen und therapeutischen Versorgungsangeboten bei weitem nicht angemessen behandelt und aufgelöst werden können.“ Was hier anklingt: Eine wirkliche Heilung des Menschen kann nur durch die Heilung seiner Umgebung gelingen. Denn wer täglich an den Bürostuhl gefesselt ist, bekommt irgendwann Rückenschmerzen, der hohe Takt des Alltags führt zu Burnout und das Leistungsparadigma begünstigt Depressionen.

Umgekehrt kann die Gesellschaft nicht weiter das individuelle Leiden ausklammern, schon allein aus volkswirtschaftlicher Perspektive: Chronische Schmerzen verursachen in Deutschland jährlich Kosten in Höhe von 38 Milliarden Euro, die seelischen Erkrankungen 45 Milliarden.

... Steigender Tablettenverbrauch, wachsender Medienkonsum, gigantische soziale Netzwerke: Die Ablenkung, das Außer-sich-sein, die Selbstentfremdung ist vielfach so ausgeprägt, dass das Empfinden von Leid als krankhaft oder widernatürlich wahrgenommen wird. „Die Normalsten sind die Kränkesten. Und die Kranken sind die Gesündesten“, stellte der Sozialpsychologe Erich Fromm fest. „Der Schmerz ist nur ein Symptom. Glücklich der, der ein Symptom hat.“

... Sigmund Freud identifizierte einst drei Quellen des menschlichen Leidens: „Die Übermacht der Natur, die Hinfälligkeit unseres eigenen Körpers und die Unzulänglichkeiten der Einrichtungen, welche die Beziehungen der Menschen zueinander in Familie, Staat und Gesellschaft regeln.“ Der Tod und die Verwundbarkeit des Menschen sind trotz aller medizinischer Fortschritte bis auf weiteres unverrückbare Gegebenheiten. Indes könnten die anderen genannten Ursprünge von Schmerz und Leid geschichtlich überwunden werden: In den westlichen Industrienationen müsste heute niemand mehr Hunger, Durst und Kälte fürchten.

... Die Wunden der Gesellschaft werden noch immer organisiert überspielt. Das Opium für das Volk ist schon lange nicht mehr die Religion. Es ist die Ideologie, dass wir alles erreichen können, wenn wir nur wollen. Es ist die gigantische Unterhaltungsindustrie, die die Möglichkeit von ästhetischer Erfahrung auf eine triviale Konsumentenrolle zusammenstreicht. Es sind die Wohltätigkeitsveranstaltungen, auf denen das Wissen um die Ungerechtigkeiten dieser Welt mit dem Ausstellen eines Spendenschecks übertüncht wird.

Der Psychoanalytiker Wilhelm Reich erkannte in seiner „Massenpsychologie des Faschismus“ einen grundlegenden Zusammenhang zwischen der Unterdrückung menschlicher Triebe und dem Aufkommen faschistischer Ideologien. Der daraus resultierende menschliche Charakter sei tendenziell entfremdet und angepasst. Er kann weder für sich, noch für Mitmenschen Empathie aufbringen. Die Erziehungswissenschaftlerin Alice Miller war sogar überzeugt: „In jedem noch so schrecklichen Diktator, Massenmörder, Terroristen steckt ausnahmslos ein einst schwer gedemütigtes Kind, das nur dank der absoluten Verleugnung seiner Gefühle der totalen Ohnmacht überlebt hat.“ Andersherum: Die vollends betäubte Welt bereitet den Weg für den Triumph des Unmenschlichen.

Heute arbeiten Therapeuten in der tiefenpsychologischen Praxis mit dem Modell des „Inneren Kindes“. Dabei gehen sie davon aus, dass schmerzhafte frühkindliche Erfahrungen, die nicht ausgelebt werden konnten, im Gehirn gespeichert werden. Diese abgespaltenen Emotionen wie Traurigkeit, Angst oder Wut sollen unter therapeutischen Bedingungen dem Bewusstsein wieder zugänglich gemacht werden. Das Durchleben der unbewussten seelischen Wunden führt zu Verarbeitung und Heilung. Erst dann ist ein verantwortlicher Umgang mit sich selbst und anderen möglich.

Auch die Gesellschaft muss sich den Wunden der Vergangenheit und Gegenwart annehmen, die dysfunktionalen Glaubenssätze und Lebensmuster aufspüren und sich einer radikalen Selbstkritik unterziehen. Der Schmerz ist dafür der unumgängliche Ausgangspunkt, wird er doch auf wundersame Weise umso manifester, desto weniger Raum wir ihm in unserem Leben geben. Doch das Wegdrücken ist an seine Grenze gekommen. Durch psychosomatische Beschwerden und psychische Erkrankungen drängt das Leid mit aller Macht ins Bewusstsein zurück.

Sich ihm zu stellen, es zu seinem Recht kommen zu lassen, könnte gleichsam das Moment seiner Überwindung sein: Das hieße wiederum, die Fenster und Türen zu öffnen, den Schmerz hereinzubitten, sich der Geschichte anzunehmen, die er zu erzählen hat. ...



Aus: "Was unser Schmerz über die Gesellschaft verrät" Hannes Soltau (22.05.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/psychosomatik-was-unser-schmerz-ueber-die-gesellschaft-verraet/22591306-all.html

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[Depressionen, Essstörungen, Auffälligkeiten...]
« Reply #31 on: June 12, 2018, 09:58:41 AM »
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[...] A new report by the Centers for Disease Control and Prevention has found the U.S. suicide rate rose by 25 percent over the past two decades. Topping the list was North Dakota, where suicides have risen by 57 percent from 1999 levels. Suicide is the 10th leading cause of death in the United States. ...


Aus: "123 Deaths a Day: Inside the Public Health Crisis of Rising Suicide Rates in the United States" (June 11, 2018)
Quelle: https://www.democracynow.org/2018/6/11/123_deaths_a_day_inside_the