Author Topic: [Kunst und die Unfehlbarkeit des Marktes... ]  (Read 11845 times)

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[Der Businessansatz etabliert sich... ]
« Reply #15 on: January 28, 2014, 04:27:27 PM »
Quote
[...] Der Businessansatz etabliert sich peu à peu auch an anderen Kunsthochschulen: An der Freien Akademie der Bildenden Künste in Essen gehören Managementkurse zum Studienangebot, an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe nennt man es gleich "Professionalierungsseminar". Hier lernen Studenten, wie man seine Preise gestaltet, wie der deutsche Ausstellungsbetrieb funktioniert, wie man einen Katalog aufbaut, aber auch wie man seine Arbeiten am besten lagert. Meist handelt es sich um kurze, punktuelle Seminare. Am umfassendsten aufgestellt ist sicher das Zentrum für Internationales Kunstmanagement CIAM, das einen fachübergreifenden Masterstudiengang anbietet. Allerdings ist die 2005 von vier Düsseldorfer und Kölner Kunsthochschulen gegründete Einrichtung akut von der Schließung bedroht.

Bei Künstlern gibt es eine natürliche Scheu vor der Business-Seite ihrer Arbeit. "Es gibt eine rhetorische Regel in unserem Geschäft", erklärt Hauffe. "Wir agieren ökonomisch, dürfen aber nicht darüber reden. Sonst verkauft sich Kunst nicht." Doch das "merkantile Element" hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt, sagt Karin Lingl, Geschäftsführerin des Bonner Kunstfonds, der bildende Künstler finanziell unterstützt. "Bei den Abschlussausstellungen der Meisterklassen vor 15 Jahren lagen nicht einmal Preislisten aus", sagt sie, heute seien die Rundgänge dagegen eher "PR-Shows".

... Karin Lingl rät Künstlern, Atelierverbände zu gründen und gemeinsam Ausstellungen zu organisieren - auch wenn sie letztlich auch Konkurrenten sind, sei die Multiplikatorenwirkung enorm.

Denn nur so generiert man die Aufmerksamkeit, die man braucht, um etwa irgendwann auf den großen Kunstmessen vertreten zu sein, auf der Art Basel mit ihren internationalen Ablegern zum Beispiel, auf der Art Cologne und der eher kleinere Kunstmesse Karlsruhe. "Die meisten Künstler werden von Galerien durchgesetzt", sagt Friederike Hauffe. Doch das wird immer schwieriger, wie eine aktuelle Studie zeigt: In Deutschland vertreten 700 Galerien 11.000 Künstler und machen zusammen 450 Millionen Euro Umsatz. Aber allein 80 Prozent davon erwirtschaften nur die 15 Prozent der umsatzstärksten Galerien.

Das Idealbild, das man von Künstlern gerne zeichnet, ist das eines Seismografen für soziale Entwicklungen. Entsprechend das Bild, das die Kunstbranche derzeit abgibt. Es geht, wie überall, um den Warenwert.


Aus: "Malen nach Zahlen" Von Anne Haeming (28.01.2014)
Quelle: http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/hauptberufliche-kuenstler-muessen-unternehmerisch-denken-a-945440.html


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[Kunst und die Unfehlbarkeit des Marktes... ]
« Reply #16 on: April 21, 2014, 12:13:11 PM »
Quote
[...] Der Homo oeconomicus ist verbindliche Wirklichkeit geworden und die ganze Welt nur noch mithilfe der drei Ws zu verstehen: Wirtschaft, Wettbewerb, Wachstum. Wer vom Geld und seiner Zirkulation für einen Augenblick schweigen möchte, der muss sich das leisten können.

... Nicht mehr um Zukunft und Transzendenz geht es in der zu Kreativwirtschaft und Entertainment verkommenen Kultur, sondern um das Generieren von Marktwerten. Unter solchen Bedingungen wird Kultur nicht zum Gegenüber, sondern zur Karikatur der Ökonomie.

... Der Kapitalismus, das ist nun mal seine Art, will wachsen und wuchern. Ökonomisierung, Kapitalisierung und Privatisierung müssen immer mehr Bereiche des Lebens erfassen, und es muss immer fundamentaler werden. Daher gilt es, die Fähigkeiten und Instrumente von Menschen, über ihre Alltagsinteressen und ihren Überlebenskampf hinaus zu sehen, zu hören und zu tasten, unter das Diktat der Ökonomie zwingen.

...  Es geht ums Prinzip, nämlich um den Systemwechsel der Kultur. Wenn die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf ihren Wirtschaftsseiten von Kultur spricht, dann nennt sie die Adressaten nur „Kunden“, an deren „Bedürfnissen“ eine „staatlich alimentierte“ Kultur „vorbei produziere“. Das ist die konsequente Strategie einer Kaste, die Kultur privatisieren will.

Aber hey, vielleicht vertun sich die neuen Herren der Welt. Vielleicht lässt sich die Kultur gar nicht so leicht in ihrem Sinne umbauen und der Beginn des Widerstands der Kultur gegen das Freihandelsabkommen ist auch der Beginn eines politischen Widerstands dagegen. Man sollte sie nicht unterschätzen, die gute alte Kultur.


Aus: "Auf zum letzten Gefecht" Kommentar von Georg Seesslen (20. 04. 2014)
Quelle: http://www.taz.de/Schlagloch-Freihandel-und-Kultur/!136979/




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[Das ist eine andere Welt... ]
« Reply #17 on: July 09, 2014, 01:47:21 PM »
Quote
[...]  Vielleicht hat Helge Achenbach geahnt, dass er irgendwann einmal in Untersuchungshaft landen würde. Auf dem Titel seiner Autobiografie, die vergangenes Jahr im Hatje Cantz Verlag erschien, prangt eine Nahaufnahme von ihm vor grauem Hintergrund, die stark an einen mugshot erinnert, an eines jener Fotos, die nach der Festnahme von den Verdächtigen gemacht werden. So, wie wir es hier auf dieser Seite zeigen, hat sich der bekannteste deutsche Kunstberater, der Unternehmen wie die Allianz, Audi, Telekom, Mercedes-Benz und VW auf seiner Klientenliste stehen hat, für sein Buch in Szene gesetzt. Jetzt ist aus der Inszenierung des selbst ernannten "Kunstanstifters" Ernst geworden.

Seit gut drei Wochen sitzt Achenbach, geboren 1952 in Weidenau, in Untersuchungshaft, in einer nur wenige Quadratmeter großen Zelle der JVA Essen. Bei der Rückkehr aus Brasilien, wo er die Hotelanlage der deutschen Fußballnationalmannschaft mit Kunst ausgestattet hatte, wurde er am Düsseldorfer Flughafen festgenommen. "Er soll einem Unternehmer, der Kunstobjekte und Oldtimer als Geldanlagen kaufen wollte, die von ihm (Achenbach) beschafften Objekte unter Vorspiegelung von höheren Einkaufspreisen als tatsächlich verausgabt weitergegeben haben" – so drückt es etwas umständlich die Staatsanwaltschaft Essen aus.

Bei dem Unternehmer handelt es sich um Berthold Albrecht, einen Erben des Aldi-Nord-Imperiums, der 2012 im Alter von 58 Jahren starb. Die Familie Albrecht hatte im April 2014 Strafanzeige gegen Achenbach gestellt, nachdem sie durch einen Tipp und nach eigenen Ermittlungen auf Ungereimtheiten gestoßen war. Laut Strafanzeige, von deren Inhalt diesen Dienstag zuerst das Handelsblatt berichtete, soll für die Familie Albrecht ein Schaden von 18 Millionen Euro entstanden sein. Als die Untersuchungshaft Achenbachs vergangene Woche publik wurde, antwortete die Sprecherin der Achenbach Kunstberatung GmbH auf Fragen der ZEIT mit einer Presseerklärung der Familie: "Die von Frau Babette Albrecht erhobenen Behauptungen beruhen offenbar auf rein persönlichen Motiven. Es ist hinlänglich bekannt, dass Herrn Achenbach und Herrn Berthold Albrecht bis zu dessen Tode eine engere freundschaftliche Beziehung verband. Herr Achenbach ist zuversichtlich, dass sich bei der weiteren Sachaufklärung herausstellen wird, dass die von Frau Babette Albrecht erhobenen Vorwürfe unberechtigt sind und Herr Achenbach Herrn Berthold Albrecht keinerlei Schaden zugefügt hat." Fragen wollte die Sprecherin Achenbachs nicht beantworten, nicht einmal den Namen von dessen Verteidiger nennen.

Berthold Albrecht hatte Achenbach im Jahr 2009 näher kennengelernt. Der Art Consultant arbeitete wie ein Kommissionär für Albrecht, er kaufte für den überaus vermögenden Unternehmer entweder persönlich oder über dessen Firma Achenbach Kunstberatung mehr als zwanzig Kunstwerke und erhielt als Provision jeweils fünf Prozent des Einkaufspreises. So soll er etwa beim Kauf von zwei Gemälden Roy Lichtensteins im April 2010 fünf Prozent des Nettopreises in Höhe von 4.450.000 Millionen Euro in Rechnung gestellt haben. Unter anderem über die Firma State of the Art AG vermittelte Achenbach auch mehrere Oldtimer im Millionenwert an den Aldi-Erben, wobei hier drei Prozent Provision vorgesehen waren.

Kunstberater werden von Sammlern nicht nur aus Anonymitätsgründen, sondern vor allem auch deshalb eingeschaltet, um einen möglichst niedrigen Preis mit den Galeristen auszuhandeln. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft lautet in diesem Fall aber, dass Achenbach weitaus höhere Einkaufspreise in Rechnung gestellt habe, als er selbst bei den Galerien und Auktionshäusern gezahlt habe. Rechnungen sollen manipuliert worden sein, es wird nicht nur wegen Betrugs, sondern auch wegen Urkundenfälschung ermittelt.

Beim Kauf eines Gemäldes von Picasso etwa soll er zusätzlich zur Provision fast zwei Millionen Euro auf seinen Einkaufspreis aufgeschlagen und somit auch eine höhere Provision und eine höhere Mehrwertsteuer kassiert haben. Eine auf einem Computer gefundene Liste soll beweisen, dass Achenbach systematisch die an Albrecht weitergegebenen Preise zuvor erhöht hatte. Insgesamt vermittelte der Händler zwischen 2009 und 2011 Kunstwerke und Autos im Wert von gut 120 Millionen Euro an Albrecht. Schon an der rechtmäßigen Provision allein hätte Achenbach also Millionen Euro verdient.

Die Familie Albrecht ist bekannt für ihre Scheu vor der Öffentlichkeit, eine Strafanzeige gegen Achenbach hätte sie wohl nicht gestellt, wenn sie und ihre Anwälte sich ihrer Sache nicht sehr sicher gewesen wären. Mit hoher Wahrscheinlichkeit muss die Witwe Albrecht bei einem etwaigen Prozess vor Gericht aussagen. Sie will, so hat es den Anschein, dem Treiben des Helge Achenbach ein Ende bereiten.

Der Fall könnte in den kommenden Wochen noch weitere Kreise im Kunstbetrieb ziehen. Achenbach, der seine Unschuld beteuert, hat die besten Beziehungen zu den Eliten in Wirtschaft, Medien und Politik. Die von ihm mitbegründete Sammlung Rheingold kooperiert mit mehreren öffentlichen Museen. Auf der Website seiner Kunstberatung wirbt Helge Achenbach mit den guten Netzwerken zu den öffentlichen Häusern: "Mit ihren fundierten Kenntnissen stehen uns hinsichtlich der Einschätzung, Beurteilung und Empfehlung Museumsdirektoren der bedeutendsten internationalen Museen zur Seite."

Auch die Auflösung der Firma Berenberg Art Advice, die Achenbach und der ehemalige Kunstversicherer Stefan Horsthemke 2011 zusammen mit einer Hamburger Privatbank gründeten, erscheint nun in einem neuen Licht. Ein Kunde dieses Unternehmens, ein Industrieller aus Süddeutschland, soll ebenfalls von Achenbach um 1,2 Millionen Euro geschädigt worden sein. Die Berenberg Bank beendete im Juli 2013 die Zusammenarbeit mit dem Kunsthändler und Stefan Horsthemke fristlos. Gegenüber der ZEIT begründete ein Berenberg-Banker den Ausstieg aus dem Kunstmarktgeschäft, zu dem auch ein Kunstfonds gehören sollte, damals folgendermaßen: "Das ist eine andere Welt, die teilweise schon suspekt ist."

Quote
    majorfabs
    03. Juli 2014 20:59 Uhr

So so...

Ein Banker sinniert also über die suspekte Welt des Kunstmarktes. Ausgerechnet ein Banker. Das nenne ich bizarr.


Quote
    Gregor1Samsa
    04. Juli 2014 0:10 Uhr

[Seit gut drei Wochen sitzt Achenbach, geboren 1952 in Weidenau, in Untersuchungshaft, in einer nur wenige Quadratmeter großen Zelle der JVA Essen. Bei der Rückkehr aus Brasilien, wo er die Hotelanlage der deutschen Fußballnationalmannschaft mit Kunst ausgestattet hatte, wurde er am Düsseldorfer Flughafen festgenommen.]

Skandalös: Schlechte Abwehrleistung der deutschen Fußballer hat ihre Ursache in der Auswahl ungeeigneter Kunstwerke für das Mannschaftsquartier. Der DFB wollte nach den Erfahrungen mit Blatter und dem Scheich konsequent jeden Anschein von verdeckter Innenprovision und Kickback vermeiden. Selbstverständlich ein ehrenwertes Vorhaben, aber dies führte leider auch zu Kunstwerken mit negativer Aura und einem zunehmend schwächeren Abwehrverhalten. Das Aus im Viertelfinale ist nicht mehr zu vermeiden. Selbst wenn man jetzt nachträglich viel Geld locker machen würde: A. sind buchstäblich die Hände gebunden.
Meine einzige Hoffnung wäre, dass Freigänger Beltracchi kurzfristig in die Bresche springt und dem deutschen Team mit einem echten Franz Marc zum Erfolg verhilft. 100 Jahre nach 1914 wissen wir, dass Frankreich nur so zu bezwingen ist.



Aus: "Kunstberater Achenbach: Ein paar Millionen zu viel?" Tobias Timm (DIE ZEIT Nº 28/2014)
Quelle: http://www.zeit.de/2014/28/betrug-helge-achenbach-kunst


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[Zu: Geld frisst Kunst. Kunst frisst Geld. Ein Pamphlet... ]
« Reply #18 on: March 18, 2015, 04:26:01 PM »
Markus Metz, Georg Seeßlen
Geld frisst Kunst. Kunst frisst Geld. Ein Pamphlet
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 496 Seiten

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Quote
[...] Der linkshegelianische Akzent soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Argumentation der Autoren schlüssig ist: "Kunst ist ein übler Trick, den Menschen die Trivialitäten ihres Begehrens teuer zu verkaufen." ...


Aus: "Selbstfeier des Geldes - Eine Streitschrift gegen eine Kunst, die nur noch Markt ist" Franz Schuh (DIE ZEIT Nº 42/2014)
Quelle: http://www.zeit.de/2014/42/metz-seesslen-geld-frisst-kunst-pamphlet

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Quote
[...] Man darf sich von Metz’ und Seeßlens Buch “Geld frisst Kunst. Kunst frisst Geld” keine praktische Einführung in den Kunstmarkt versprechen. Das Autorenduo steht eher für geharnischte Fundamentalkritik zentraler Mechanismen der Kulturindustrie. 2011 ging es in dem ähnlich angelegten Band “Blödmaschinen. Die Produktion gesellschaftlicher Stupidität” um die Rolle der Massenmedien.

Ihr neues Werk heißt im Untertitel dankenswerterweise “Ein Pamphlet”. Und stellt einen philosophisch vertieften Aufschrei über die fantastischen Transfersummen von Inkunabeln der Kulturgeschichte dar, von denen regelmäßig die Kunstmarkt-Seiten der Tageszeitungen künden. Insofern lässt es sich als Kultur-Variante von Stéphane Hessels “Empört Euch!” lesen.

Man könnte es sich einfach machen mit dem etwas ausufernden Wälzer. Denn die zentralen Ideen, dass sich die Kunst in Lebensstil und Inszenierung auflöst, dass sie zum “Echoraum der Werbung” und – in erster Linie – zur “Emblematik der neuen Oligarchie” verkommen sei, sind nicht neu. Sie kommen als mit viel Empörung aufgeladenes Echo zeitkritischer Diskurse von Joseph Beuys bis Gilles Deleuze daher.

Seeßlen und Metz erweitern die penible Definitionschirurgie entlang solcher Begriffe wie Symbolwert und Marktwert, wie sie die Frankfurter Kunsttheoretikerin Isabelle Graw mit ihrem Band “Der große Preis. Kunst zwischen Markt und Celebrity” 2008 vorgelegt hat, ins Globalkapitalistische. Dabei scheut das Duo mitunter arg populistische Volten nicht. Vom Kunstbesitz sprechen sie einmal als dem “Schwanzvergleich der Herrschenden”.

...  Der renommierte britische Kritiker und mehrfache Museumschef beschimpfte das System der zeitgenössischen Kunst als “glitzerndes Ornament der Amüsement- und Arkaden-Kultur”.

Post-Demokratie, Post-Bürger, Post-Kunst. So unhinterfragt, wie Seeßlen und Metz derlei politische Wasserstandsmeldungen benutzen, wähnt man sich in ein Zeitalter jenseits der bürgerlichen Demokratie parlamentarisch-repräsentativen Zuschnitts entführt, ohne es gemerkt zu haben. In dieser Gesellschaftsformation befinde sich “die Kunst” in der Geiselhaft der Superreichen – Banker, Oligarchen, Immobilienhaie – und ihrer willigen Agenten: Galeristen, Auktionshäuser, Art-Consultants.

... Zum einen definieren sie die Kunst selbst als “soziale Maschine, die nie wirklich frei, nie wirklich gerecht und nie wirklich ,solidarisch’” arbeite. Dazu kommt: Die irrwitzige Preisspirale ist in einem System imaginärer Werte nach oben prinzipiell offen. Kunst wird auf ewig immer noch teurer machen, dass sie ein Versprechen auf etwas Unbezahlbares ist.

... Kapitalisierung, Privatisierung, Fetischisierung, Eventisierung, Trivialisierung, “Schnickschnackisierung”. Auch wenn sich ihre Mängelliste mitunter zur kulturpessimistischen Apodiktik verdichtet: Mit “Geld frisst Kunst. Kunst frisst Geld” haben Markus Metz und Georg Seeßlen die überfällige Debatte darüber eröffnet, welchen neuen Höhepunkt die ewige Komplizenschaft zwischen Kunst und Markt inzwischen erreicht hat.

Ein Peak, der selbst seinen Akteuren Sorgen macht. Eine Kunstkonferenz der FAZ erörterte vor kurzem vorsichtig “Positionsverschiebungen” in der Kunst. Das Fachmagazin Artnet fragte nach der gerade beendeten Art Basel Miami alarmiert: “Have Art Fairs Destroyed Art?”

Ob sich “die Kunst” tatsächlich nach dem Vorbild von “Occupy Wall Street” aus den Gängen des Systems befreien ließe, wie es die Autoren fordern, bleibt dahingestellt. Dass es gesellschaftlicher Strategien gegen die “Machtverklumpungen” bedarf, ist offenkundig. Das “semiotische Projekt”, das sie vorschlagen, um die öffentliche Rede von und über Kunst von dem “Ökono-Sprech” des Marketings zu befreien, wäre schon mal ein Anfang. Die beste Versicherung gegen das – ohnehin obsolete – “Ende der Kunst” ist es immer, ihre ganz eigene Sprache freizulegen.

Ingo Arend in taz 12-01-2015


Aus: "Kunst in Geiselhaft - Markus Metz, Georg Seeßlen: Geld frisst Kunst. Kunst frisst Geld. – Eine Rezension von Ingo Arend" (12.01.2015)
Quelle: http://www.getidan.de/gesellschaft/ingo_arend/66349/markus-metz-georg-seesslen-geld-frisst-kunst-kunst-frisst-geld-eine-rezension-von-ingo-arend

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Quote
[...] Seeßlen: In der Moderne hatte die Kunst für die Menschen eine ganz bestimmte Bedeutung, sie war Motor gesellschaftlicher Entwicklung - nicht im pädagogischen Sinne, sondern im Sinne eines lebendigen Dialogs, im Sinne des Subjektbildens, als Vorgriff von Freiheit. Heute haben viele das Gefühl, das könne nicht mehr "ihre" Kunst sein, von der sie sich mehr Freiheit, mehr Wahrnehmung, mehr Sensibilität erhofft haben, wenn diese eigentlich nur mehr ein Ausdruck für Geld ist. In Deutschland liefen Radiowerbespots, man solle doch in Kunst statt in Immobilien oder Aktien investieren. Das war durchaus an jüngere Leute, an Familienväter gerichtet. Dieses Denken, dass Kunst eigentlich eine Ware ist, mit der man ganz großartig spekulieren kann, weil sie sich offensichtlich ein bisschen antizyklisch zu den Krisen verhält, ist nicht mehr nur ein Spiel der Oligarchen, unheimlichen Hintermänner und Superreichen.

STANDARD: Aber wer weiß schon, welche Kunstaktie durch die Decke schießen wird. Kunst kann auch ein Hochrisiko-Investment sein.

Seeßlen: Bei Kunst gibt es ja gar keine Deckung mehr. Denn was ein Kunstwerk wert ist entscheidet ausschließlich derjenige, der damit handelt, oder der, der es haben möchte. Es ist ein rein virtueller Wert, den kann man natürlich auch grenzenlos manipulieren. Das ist einer der wesentlichsten Vorwürfe, die wir in unserem Buch machen. Dass der Kunstmarkt nicht einmal als Markt funktioniert, weil auf dem wird verhandelt, dort regelt Angebot und Nachfrage. Aber es gibt keinen Markt, der derart manipuliert ist – und drastisch ausgedrückt – auch so von krimineller Energie durchsetzt ist wie der Kunstmarkt.

STANDARD: Wie hat Geld die Definitionsmacht über Kunst erhalten?

Seeßlen: Ein Plot-Point dieser Geschichte war vielleicht Andy Warhol, als er seine Business Art ausgerufen hat. Er sagte, Geld verdienen an sich sei auch ein Kunstwerk. Eine geniale und auch ironische Aussage, die den Geist seiner Zeit gut ausgedrückt hat. Bloß: Offensichtlich haben das viele Leute zu wörtlich genommen. Den dialektischen Zusammenhang zwischen Geld und Kunst hat es zwar immer gegeben: Ohne Geld gibt es keine Kunst. Der Künstler braucht Geld, das Verteilen braucht Geld, usw. Aber in der dialektischen Beziehung hat das eine das andere nicht nur enthalten, sondern gleichzeitig auch irgendwie begrenzt. Das heißt, da wo Kunst ist, sollte zumindest nicht nur Geld sein. Die Kunst versuchte, auch einen ökonomiefreien Raum zu schaffen.

STANDARD: Das Museum war lange so ein Ort.

Seeßlen: Aber heute eben nicht mehr. Heute wird selbst in kleinen regionalen Museen, beim Kunstbetrachten hauptsächlich über den Preis geredet. Und vor allem wird im Museum der ökonomische Wert mitinszeniert. Ich erinnere mich an eine Schau, wo man den ökonomischen Wert eines Kunstwerks immer daran erkennen konnte, wie viel Wärter davor standen oder wie groß der Abstand war, den die Besucher einhalten mussten.

STANDARD: Ein schönes Bild. - Nicht nur Markt und Kunst verschmelzen immer mehr, auch privat und öffentlich wird austauschbar: gleichwertig: Private Sammler übernehmen öffentliche Aufgaben – und am besten auch (siehe Fall Essl) umgekehrt.

Seeßlen: Es ist nicht nur eine Gleichwertigkeit, die hergestellt wird, sondern ein Schauspiel der Übernahme von staatlichen, gesellschaftlichen Aufgaben durch Private, durch Oligarchen. Ich habe das Gefühl, es bewegt sich auf einen Normalfall hin: Man sammelt Kunst und wenn man soviel Kunst gesammelt hat, dass man es nimmer dapackt, dann muss der Staat eingreifen, soll aber auch noch dankbar sein. Das ist wie jemand, der sich eine Pyramide baut und dafür verlangt, dass die Sklaven, die sie errichtet haben, vor Dankbarkeit niederknien. Und da kann man sich eben vorstellen, dass ganz viele Leute, die Kunst eigentlich brauchen könnten, von ihr so abgestoßen sind, dass sie sie hassen.

... STANDARD: Der Londoner Kunsthändler Kenny Schachter hat 2012, basierend auf dem offenen Brief des frustrierten Bankers Greg Smith "Why I Am Leaving Goldmann Sachs", eine auf den Galeriebetrieb umgemünzte Satire verfasst: In dem hypothetischen Text eines Galeriemitarbeiters bei Gagosian klagt dieser, er habe die Schnauze voll davon, Leuten minderwertige Kunst zu verkaufen, oder Kunst, die nicht zu ihnen passt. Er kritisiert darin, dass Geldinteressen über die Interessen der Kunst gestellt würden. In der Realität fehlen leider solche "Mir reicht's! Ich mach da nicht mehr mit"-Bekundungen. Warum?

Seeßlen: Die gibt es zuhauf. Die Mehrzahl zieht sich jedoch resigniert vollkommen zurück. Das hat natürlich damit zu tun, wie dieses System funktioniert: mit gegenseitigen Abhängigkeiten, Verträgen, einem Durchsetztsein mit Juristen. Das ist ja ein Haifischbecken. Ganz wenige Dissidenten schaffen es auch noch, eine Öffentlichkeit zu finden. Das war eine unserer Urerfahrungen bei den Recherchen: dass es da ein Gesetz der Omertà (Schweigepflicht der Mafiamitglieder, Anm.) gibt. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 9. 9.2014, Langfassung)


Aus: "Seeßlen: "Ein bisschen subversiv und ein bisschen angepasst"" Interview Anne Katrin Feßler (8. September 2014,)
Quelle: http://derstandard.at/2000005313220/Seesslen-Ein-bisschen-subversiv-und-ein-bisschen-angepasst

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Quote
[...] Georg Seeßlen: Wenn einige Superreiche Lust haben, ihre Gemälde für immer noch ein paar Millionen Euro mehr hin und her zu schieben, ist das sicherlich nicht das Problem. Problematischer ist, dass der überhitzte Kunstmarkt die allgemeinen Vorstellungen vom Wert der Kunst verändert. Die Frage, was Kunst ist, wird immer häufiger nur in Dollarzeichen beantwortet. Das Geld hat sich eine Definitionsmacht über die Kunst geschaffen. Dadurch geht die Kunst ausgerechnet jenen Menschen verloren, die diese gut brauchen könnten, um ein wenig Glück zu erfahren.

ZEIT: Aber es besuchen doch immer mehr Menschen Kunstausstellungen?

Seeßlen: Mit den größeren Kunstausstellungen verhält es sich wie mit gewissen Alpentälern: Sie gehen kaputt, weil viel zu viele Leute mit viel zu vielen Apparaten sich unbedingt darin amüsieren wollen. Es ist lange her, dass ich in einer solchen Ausstellung das Gefühl hatte, der Kunst auf Augenhöhe, in einem freien Dialog zu begegnen und nicht in einer Art räumlicher TV-Dramaturgie.

ZEIT: Warum steigen die Preise für die ganz teure Kunst immer weiter?

Seeßlen: Wir haben bei der Recherche zu unserem Buch mit vielen Protagonisten des Kunstmarkts gesprochen, und wir bekamen zu dieser Frage eine Mischung aus vernünftigen und völlig irrationalen Gründen geliefert. Nur die Kunst sei eine Ressource, die ihren Wert vollkommen frei bestimmen könne, ohne Rückbindung an Arbeit oder aan demokratische Prozesse der Wertbestimmung, lautet eine Erklärung. Da werde Kapital durch Kunst einfach erfunden – und das ist schon immer der feuchte Traum dieses Finanzkapitalismus gewesen. Eine andere häufige Erklärung verweist auf die oligarchische Szene der Kunstsammler, die sich als Gruppe so verhalte wie Paviane auf dem Affenfelsen. Da würden Bilder nicht aus dem Gefallen am Werk gekauft, sondern als Beweis, dass man noch ein paar Millionen mehr dafür ausgeben könne. Ein drittes Erklärungsmuster sieht eine immer weiter um sich greifende Vernetzung von Interessen in diesem Feld, durch die einige Marktkategorien ausgehebelt werden. Das führe dann zuweilen auch zu Betrugsskandalen …

ZEIT: Wie etwa jüngst im Fall des wegen Betrugsverdacht in Untersuchungshaft sitzenden, seine Unschuld beteuernden Helge Achenbach.

Seeßlen: Wobei mir solche schillernden Figuren nicht ganz unsympathisch sind. Viel schlimmer sind die Strukturen, durch die auch die Künstler zu Betrogenen werden.

ZEIT: In welcher Hinsicht?

Seeßlen: Jeder Künstler hat eine bestimmte utopische Beziehung zu seinem Werk. Und unsere Hoffnung ist, dass die Künstler nicht nur reich werden wollen, sondern der Welt auch etwas zu sagen oder sogar zu schenken haben. Das Narrativ, dass die Kunst immer schon die Freiheit der nächsten Generation ausdrückt, verschwindet aber. Das neue Narrativ der Kunst – etwa in der Werbung von Banken für Kunstanleihen – ist die Riesenrendite.

ZEIT: Betrifft das nicht nur die globale Spitze des Kunstmarktes?

Seeßlen: Es gibt Galeristen, die man nur als Helden und Heldinnen bezeichnen könnte. Die mit Herzblut und Selbstausbeutung arbeiten, weil sie für die Sache der Kunst brennen. Das Normale dagegen ist der Kompromiss; man versucht, sich zu arrangieren, um eine ökonomische Basis für das zu bekommen, was man eigentlich will: neue Kunst zu entdecken und zu vermitteln. In einem geschlossenen, hegemonialen und intransparenten System sind Kompromisse allerdings vor allem Fallen, die sich oft genug als tödlich erweisen, entweder ökonomisch oder moralisch. Galeristen machen dieselbe Spaltung durch wie die Kunst: Der Graben zwischen den Gewinnern und der Masse des Prekariats wird immer tiefer.

... ZEIT: Die Auktionen seien heute oft Karikaturen des kriminellen Spiels des Finanzkapitalismus, schreiben Sie. Können Sie das belegen?

Seeßlen: Die Vorstellung etwa von der Auktion als offenem Bietgefecht stimmt nicht mehr. Vor den Auktionen werden die teuren Bilder per Garantieabsprachen bereits an Interessenten verkauft. Nur falls dann jemand noch mehr bietet, kommt es zu einem realen Bietgefecht. Dabei wird der Garantiegeber aber an dem Erlös über der Garantiesumme beteiligt, auch wenn er selbst schließlich der Meistbietende ist. Man kann als solcher Spieler nicht mehr verlieren, so als hätte man beim Roulette ein paar Nummern zugeklebt.

ZEIT: Was unterscheidet den Kunstmarkt strukturell vom Film- oder Buchmarkt?

Seeßlen: Das Buchgeschäft funktioniert genau andersherum, der Verleger muss sein Produkt möglichst massenhaft auf den Markt bringen. Alles Elitäre und Exklusive ist ein Zuschussgeschäft. Ähnlich verhält es sich mit dem Autorenfilm, der in den nationalen Kinematografien eigentlich nur künstlich am Leben gehalten wird. In den sechziger Jahren versuchte man auch auf dem Kunstmarkt, Barrieren abzubauen, ein breites Publikum zu finden. Das hat offensichtlich nicht funktioniert, stattdessen wurde die Kunst in der Folge vollkommen als Luxusobjekt fetischisiert.

ZEIT: Warum werden heute Millionensummen etwa für bestimmte Bilder von Richard Prince ausgegeben, die scheinbar völlig mühe- und gedankenlos entstanden sind?

Seeßlen: Sammler der alten Schule, die sich in ihre Salons Bilder der Symbolisten oder Expressionisten hängten, Kunst also, die sie vielleicht sogar anklagte – das waren mutige Menschen. Sie ähnelten Großwildjägern, die Elefantenköpfe sammelten, nach dem Motto: Ich habe mit der Gefahr gespielt und kontrolliere sie. Der traditionelle bürgerliche Sammler spürte die Energie, die in der gefährlichen Kunst steckte, und versuchte sie sich anzueignen. Die Harmlosigkeit der postwarholschen Oberflächenkunst, die, historisch gesehen, auch eine Provokation war, liegt in der Natur eines neuen Sammlertyps, der keine Gefahr mehr sehen möchte, der nur noch die vollständig unterworfene Kunst sammeln will. Kunst, die schon kapituliert hat, bevor er sie in Besitz genommen hat.

ZEIT: Die Reichen und Mächtigen wollen nicht mehr erniedrigt werden von den Künstlern?

Seeßlen: Die Phase, als sich reiche Unternehmer noch ein Bild von Kippenberger kauften anstatt zur Domina zu gehen, ist vorbei. Heute werden Punkte gejagt. Damien Hirst stellte 2012 in den weltweit elf Galeriefilialen von Larry Gagosian gleichzeitig seine Punktbilder aus. Die Sammler, die damals alle Filialen von New York bis Hongkong besuchten, bekamen ein Spot Painting als Gratisdruck. Das ist die völlig unterworfene Kunst.

... ZEIT: Wie könnte eine Revolte gegen die von Ihnen beschriebenen Missstände aussehen?

Seeßlen: Unter den Künstlern gibt es ganz viele Ansätze, das Spiel transparenter zu machen und zu verändern oder sogar woanders neu anzufangen. Sie sind nur fatalerweise, wie bei Künstlern üblich, sehr individualistisch. Sie führen zu einzelnen Überlebensprojekten, aber sie haben keine gesellschaftliche Relevanz. Das hängt damit zusammen, dass auch die Kritik ihre Rolle in diesem Spiel noch nicht ernst genug nimmt. Kritik ist ein Teil dessen, was Kunst in einer Gesellschaft bedeutet. Wenn die Künstler und die Menschen, die tatsächlich Kunst brauchen, wieder zusammenfinden, ist mir überhaupt nicht bange.

ZEIT: Und wer braucht die Kunst?

Seeßlen: Im utopischen Sinne: alle. Subjektiv gesehen: Menschen, die sich um das eigene Leben betrogen fühlen, die das Gefühl der Bremer Stadtmusikanten teilen: Etwas Schöneres und Besseres als das, was wir hier haben, das finden wir allemal. Und dann machen sie sich auf den Weg. Wohin, das weiß man nicht. Die Kunst kann die Menschen in Sackgassen und auf Irrwege führen. Sie kann in Tragödien enden. Aber etwas zu tun ist besser, als es so zu lassen, wie es ist.

ZEIT: Kaufen Sie eigentlich selbst Kunst?

Seeßlen: Nein. Aber ich bekomme sie manchmal geschenkt.


Aus: "Georg Seeßlen: Eine Revolte für die Kunst" Interview: Tobias Timm (DIE ZEIT Nº 35/2014)
Quelle: http://www.zeit.de/2014/35/georg-seesslen-kunstmarkt


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[Kunst und die Unfehlbarkeit des Marktes... ]
« Reply #19 on: June 26, 2016, 10:26:23 AM »
Quote
[...] Johnen: Früher gab es eine intellektuelle Rezeption der Kunst. Heute geht es nur noch um Besitz, Selbstdarstellung und Glamour. Der allseits zunehmende Größenwahn hat auch damit zu tun, dass die Sammler für das Kunstsystem immer wichtiger geworden sind und sich selbst auch sehr viel wichtiger nehmen: Sie haben das Geld, die Macht, den Einfluss. Die Museen sind dagegen schon lange außen vor. Und schwierig war es immer, wenn die Künstler dem Geld folgen. ...

Quote
Paul Freiburger

Der Jahrmarkt der Eitelkeiten ... Prestige ist wichtiger als die Auseinandersetzung mit der Kunst.



Aus: "Galerist Jörg Johnen: "Es geht nur noch um Besitz"" Tim Ackermann (23. Juni 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/2016/25/kunstmarkt-joerg-johnen-galerist-jeff-wall-andreas-gursky

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[Kunst und die Unfehlbarkeit des Marktes... ]
« Reply #20 on: July 27, 2016, 03:58:26 PM »
Quote
[...] "FollowYour Dreams" – diese Aufforderung sprühten nicht nur Mr. Brainwash und Banksy auf ihre Bilder, sie wird jetzt auch vom Kunsthaus Artes verbreitet. Unter dieser Überschrift erzählt das Versandhaus für Kunst in seinem Katalog das Erfolgsmärchen einer Subkultur nach und bewirbt mit gut zurechtgebogenen Verweisen auf die Kunstgeschichte seine Verkaufssparte Urban Art oder Street-Art. Kunden können Druckeditionen, Schablonenbilder, besprühte Objekte und Bildträger mit dem illegalen Straßenflair schon ab 140 Euro direkt nach Hause bestellen.

Noch mehr als in Deutschland floriert dieser Markt in Frankreich, wo etwa das Auktionshaus Digard in Paris regelmäßig transportable urbane Kunst zu relativ niedrigen Preisen versteigert: Für mehrere Tausend Euro lassen sich Leinwände von längst etablierten Sprayern wie Blade, Quik oder Cope 2 aus der alten New Yorker Schule erwerben, weniger als 2000 Euro wurden für Bilder der jungen Street-Art-Künstlerin Indie184 angesetzt, deren Motive auch schon auf Kosmetikkoffern der Marke M.A.C zu sehen waren.

Die Vermarktung dieser Kunstrichtung liest sich überall gleich, und zwar wie ein klassischer Heldenstoff: Jemand aus armen Verhältnissen träumt von einem besseren Leben, kämpft sich mit seinem Talent empor, verliert dabei seine moralischen Werte nicht aus den Augen und kommt durch seine Kunst berechtigt zu Weltruhm.

 Die Helden in der Erfolgsstory "urbane Kunst" sind die Graffitikünstler, die vermeintlichen Werte bestehen aus Freiheit, Rebellion und dem Recht auf individuellen Ausdruck. Für die Rolle des mystischen Urhelden muss meistens der verstorbene Künstler Jean-Michel Basquiat herhalten. Auktions- und Verkaufshäuser verbreiten gern die Legende, dass der Künstler anfänglich Graffiti sprühte und aus diesem Milieu heraus Kunstgeschichte geschrieben hat. Käufer sollen glauben, dass die bunten Bilder der aktuell angesagten Urban-Künstler in einigen Jahren ähnliche Wertsteigerungen erleben werden wie die von Basquiat oder Keith Haring. "Follow Your Dreams" ist aber nicht nur ein Werbejingle für Kunstinvestoren, sondern auch für solche Sammler, die sich mit der cool-urbanen Kunst ihr Image verjüngen wollen.

Besonders beliebte Motive im Markt für die Street-Art sind Eistüten und Donuts, Micky Maus und ihre Freunde, attraktive Schauspielerinnen, schnelle Autos, Ponys, das Gesicht von Andy Warhol oder Keith Haring und natürlich der behaarte Kopf Basquiats. Diese figürlichen Partien werden gern mit Tags, heruntergelaufener Farbe, modischen Slogans, Schablonen-Ornamenten oder gesprühten Glanzlichtern umrandet. Der Stil ist nur vermeintlich spontan, schnell und rotzig, bei näherem Hinsehen entdeckt man meistens die Kalkuliertheit und die zeitraubende Raffinesse, mit der das Bild nicht gemalt, sondern designt wurde.

Und so sind diese Kunstwerke oft das komplette Gegenteil zu echter Straßenkunst. Aufgrund der Illegalität entstehen Graffiti auf der Straße oder in U-Bahn-Depots meist unter Zeitdruck, die Sprayer oder Maler arbeiten im Dunkeln, benötigen Leitern, Kletterhilfen oder selbst gebastelte Werkzeuge wie übergroße Farbrollos und Sprühtanks. Viele Sprayer interagieren gezielt mit dem jeweiligen Ort und entwickeln für jede Situation eine andere Variation ihrer Buchstaben. Zusätzlich werden durch verschiedenen Untergrund, durch Mauertypen, Steinsorten, Betonverarbeitungen oder Lackoberflächen die Farbwirkung und die Flächenstruktur zwangsläufig beeinflusst und verändert. Graffiti und Street-Art sind für alle Passanten kostenlos und frei zugänglich.

... Die Motive aus der Street-Art-Galerie finden sich auch auf Kapuzenpullis, Schulordnern, Mäppchen oder trendigen Wodkaflaschen wieder. Firmen wie adidas entwickelten schon vor Jahren eine Urban-Art-App, die Fans durch verschiedene Städte führen soll. Einige Akteure protestierten zwar dagegen, konnten aber nicht verhindern, dass das Image ihrer Schablonen-Kunst sich auch als eine ideale Schablone für die Markenindustrie herausstellte. Das Kunsthaus Artes wirbt nun wiederum damit, dass seine Urban-Art-Künstler bereits Auftragsarbeiten für Skate- und Surfboard-Firmen erledigt haben. Die Industrieproduktion und Werbung als Referenz, anstelle von Museen und namhaften Galerien – das gab es bisher noch nicht im Distinktionssystem der Kunst.

Das Geheimnis des großen Erfolgs der Street-Art liegt auch darin begründet, dass die sich wiederholende, leicht verständliche und durchaus freundliche Bildsprache von Achtjährigen genauso wie von erwachsenen Kunstlaien oder interessierten Kunstkäufern verstanden wird. "Mit seinem knuffigen Gesichtsausdruck und den großen Kulleraugen ist das Pony ein echter Sympathieträger. Es ist stylisch und cool" – das ist kein Werbetext für eine Kinderpuppe, sondern für das gesprühte Logo des Künstlers The Pony.

Und so wird Urban Art zur perfekten Familienkunst. Ihr familienfreundlicher Vorteil: Sie ist leicht nachzumachen, und auch für ihre Rezeption sind weder Vorwissen noch ein höherer Bildungsstand oder eine Aktivierung komplizierter Gefühle vonnöten, außerdem wirbt sie mit politisch und moralisch guten Botschaften. Street-Art – oder Urban Art, die Begriffe werden auf dem Markt von jedem anders definiert und verwendet – ist die absolut netteste Kunstrichtung, die es seit Langem gibt.

Das war nicht immer so, doch spätestens seitdem der Markt sich für Graffiti interessiert, hat ein Domestizierungsprozess der Kunst und ihres Milieus eingesetzt. ...


Aus: "Street-Art: Die netteste Kunst der Welt" Larissa Kikol (21. Juli 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/2016/29/street-art-urban-art-versandhaus


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« Reply #21 on: November 29, 2017, 01:05:03 PM »
Quote
[...] Vor gut einem Jahr erhielt ich den Anruf eines entfernten Bekannten, der in einem Medienberuf arbeitet. Er hatte sich daran erinnert, dass ich „irgendetwas mit Kunst“ machen würde, da er gerade den Gedanken hege, ein Bild zu erwerben und dazu gerne meine Meinung hören würde. Es interessierte ihn dann aber wenig, dass ich die zu Debatte stehende noch relativ junge Künstlerin nicht kannte, noch ging es darum, das Werk selbst ästhetisch zu beurteilen. Vielmehr wollte er von mir wissen, wie sich denn der Kunstmarkt in den nächsten Jahren entwickeln würde. Also ob sich der für das Bild aufgerufene Preis mittelfristig als Investment herausstellen könne. Es ging um eine Summe von 5.000 Euro.
Ich habe ihm natürlich stark zum Kauf der Leinwand geraten. Kunst kaufen mache vor allem glücklich. Anderes könne man in einem derart niedrigen Preissegment kaum prognostizieren. Auch ist ein Wertzuwachs ja eher theoretisch, da die aus einem Atelier oder einer Primärmarktgalerie gekaufte Werke im seltensten Fall privat weiterverkauft werden können, also in der Regel im Moment des Kaufs im Preis effektiv radikal verfallen. Aber wirklich bemerkenswert an dieser Episode empfand ich den sozusagen abstrahierten Blick von außen auf den Kunstbetrieb. Eine Branche, in der die Unterschiede zwischen kommerziellen Galerien und gemeinnützigen Institutionen, zwischen Kunstvermittlung und Anlageberatung, zwischen Repräsentation (Besitz) und Rezeption (geistige Inbesitznahme) aufgehoben schienen. Hier hatte sich die in letzter Zeit intensiv behandelte Diskurshoheit des Marktes geradezu klischeehaft manifestiert. 1
Unter dem Eindruck einer weitreichenden Kommerzialisierung des Kunstbetriebs forderte Peter Weibel bereits 2011 eine Aufspaltung zwischen der reinen Marktkunst und der sogenannten freien Kunst. Die wachsende Ungleichheit zwischen den verschiedenen Segmenten des Kunstbetriebs solle in bewusster Analogie zu der Auseinandersetzung zwischen den Nord- und Südstaaten Amerikas in Form eines „Bürgerkriegs“ ausgetragen werden, mit dem Ziel, die „Sklaven des Kunstmarktes“ zu befreien.2 Ein Gespräch darüber im Haus am Lützowplatz am 27. April 2016, an dem auch Julia Voss teilnahm, brachte leider keine Klärung über den tatsächlichen Frontverlauf. Beide Welten sind zu eng miteinander verflochten und auch weiterhin voneinander abhängig. Doch gibt es derzeit kein anderes Thema, das sich bei der Beschäftigung mit zeitgenössischer Kunst derart aufdrängt und zu einer eigenen Haltung herausfordert.
Auf den Kunstmarkt strömten in den letzten zwanzig Jahren als Folge der Globalisierung und der anhaltenden Niedrigzinspolitik verschuldeter Staaten enorme Geldsummen. Parallel zur wachsenden Konzentration großer Vermögen und zunehmender sozialer Ungerechtigkeit hat das Segment der zeitgenössischen Kunst (sowohl absolut, als auch relativ zu anderen Marktsegmenten) stetig expandiert. Wie verändert dieses Geld die Wahrnehmung, die Verbreitung und die Produktion von Kunst? Welchen Wert kann Kunst unter dem Einfluss eines neoliberalen Verwertungs- und Optimierungsdenkens noch für die Gesellschaft haben?
Marktbeteiligte verweisen bei diesen Fragen gerne auf die geschichtliche Zwangsläufigkeit der Prozesse: Auf das Stifterwesen im Mittelalter, das die Kirchen als öffentliche Orte mit Kunst ausstattete, auf den Beginn des gewinnorientierten Kunsthandels im Holland des 17. Jahrhunderts, auf die astronomischen Preise von mittlerweile vergessenen Salonmaler im 19. Jahrhundert, oder auf das Aufbrechen der traditionellen Sammlerstrukturen in den 1980er Jahren durch das neue an der Wall Street gewonnene Geld. Auch schon früher wurden horrende Preise für die symbolische Ware Kunst nach dem Motto aufgerufen: „Ein Kunstwerk ist so viel wert, wie jemand bereit ist, dafür zu zahlen.“ Aber noch nie stand diese Information derart im Zentrum der Aufmerksamkeit und noch nie wurden auf dieser alleinigen Basis Künstlerkarrieren kreiert, also völlig unabhängig von und parallel zur angestammten Deutungsmacht der Kritik und den Institutionen. So können auch immer mehr Künstlerinnen und Künstler von ihrer Arbeit leben, trotz des systemischen Scheiterns von bis zu 98% der Absolventen von Kunsthochschulen. Dies ist sicher auch eine Folge der aus Amerika importierten Aufweichung der Definition von Kunst durch den demokratischeren Begriff „Kreativität“, auf den sich auch Werbetexter und Manager bei ihrer Arbeit berufen können.
Im Zuge der umfassenden Professionalisierung des Kunstbetriebs und seiner globalen Zirkulationsmechanismen ist ein neuer Künstlertyp entstanden und ein neue Art von vermarkteter Produkt-Kunst (in abstrakter 2D-Version als „Zombie-Formalism“ bekannt), die auf die bei Messen herrschenden Wahrnehmungsmuster zugeschnitten ist und vor allem als soziales Distinktionsmerkmal seine Wirkung entfaltet. Die Unsummen die zum Teil dafür ausgegeben werden, sind dabei die eigentliche Botschaft. Nirgendwo sonst lässt sich der eigene Reichtum besser zur Schau stellen als im Gestus (scheinbarer) Verschwendung. Tatsächlich geht es bei dem Spiel um satte Geldvermehrung, getragen von dem kalkulierenden Habitus einer neuen, aus der Finanzwirtschaft stammenden Sammlerschicht, für die es keine Probleme bereitet, ihr „Portfolio“ (= Sammlermappe) von Zeit zu Zeit umzuschichten und Werke mit Gewinn weiterzuverkaufen. Die an Strukturen von Aktien- und Fondshandel angelehnte Internetseite art­rank.com ist davon ein sprechendes Zeugnis. Michel Houellebecq ließ 2010 in seinem Roman „Karte und Gebiet“ den Protagonisten konstatieren: „Wir sind an einen Punkt gekommen, wo der Markterfolg sämtliche Theorien ersetzt.“ In diesem Kontext ist Alex Da Cortes Sammlerbeleidigung von Ivanka Trump geradezu als Kunstaktion zu bewerten.3
Was die Folge von Profitdruck und Kommerzialisierung auf eine kulturelle Branche sein kann, lässt sich an der Filmwirtschaft beobachten. Wachsende finanzielle Risiken führen zum stetigen Wiederaufguss von bewährten Formaten. Genau diese aktuell ermüdende Inhalts- und Innovationslosigkeit des Systems Kunst hat wohl auch Chris Dercon motiviert, das Fach zu wechseln, wie er in einem jüngst erschienene Interview bekannte: „Die bildende Kunst ist zurzeit sehr schwach, ergeht sich in Wiederholungen und Klischees, saugt andere Disziplinen in sich auf, aber gibt nichts zurück: Kunst und Mode, Kunst und Kino, Kunst und Wissenschaft.“4 Lasst uns auf Besseres hoffen.


1 Vgl. dazu Isabelle Graw, Der große Preis: Kunst zwischen Markt und Celebrity Culture, Köln 2008; Georg Seeßlen und Markus Metz, Geld frisst Kunst – Kunst frisst Geld: Ein Pamphlet, Berlin 2014; Hanno Rauterberg, Die Kunst und das gute Leben: Über die Ethik der Ästhetik, Berlin 2015; Julia Voss, Philipp Deines (Illustrator), Hinter weißen Wänden: Behind the White Cube, Berlin 2015; Wolfgang Ullrich, Siegerkunst: Neuer Adel, teure Lust, Berlin 2016.

2 „Ich plädiere für den Sezessionskrieg zwischen Kunst und Markt“, Peter Weibel im Gespräch mit Peter Laudenbach, in: Brand eins, Ausgabe 12/2011

3 Zu einem Instagram-Foto von Ivanka Trump, die darauf vor einem seiner Werke posiert, schrieb der in Philadelphia lebende Künstler: „Dear @Ivankatrump please get my work off of your walls. I am embarrassed to be seen with you.“ Mittlerweile ist dieser viral gegangene Kommentar, der auch auf der Wikipedia-Seite von Alex da Corte angeführt ist, gelöscht.

4 Zitiert nach: Swantje Karich, „Wie kaputt ist Berlin wirklich?“ in: Die Welt, 6.12.2016



Aus: "Über den Wert künstlerischer Arbeit - Über die immer weiter zunehmende Dominanz des Marktes" Marc Wellmann (2017)
Quelle: http://www.vonhundert.de/2017-03/753_wellmann.php

https://de.wikipedia.org/wiki/Marc_Wellmann



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« Reply #22 on: June 19, 2018, 12:40:23 PM »
Quote
[...] Warum stehen Menschen gebannt vor Jeff Koons Skulpturen? Sind sie angerührt von der Aura des Werks? Nein, sie sehen das Preisschild.

Es gibt Leute, die sich darin gefallen, Reichtum, oder auch nur schon überdurchschnittlichen Wohlstand, für moralisch verwerflich zu halten. Aber warum eigentlich? Geld ist der Motor hinter den Dingen. Und, seien wir ehrlich, je mehr davon, desto besser. Ganz besonders gilt das für den zeitgenössischen Kunst- und Kulturbetrieb. L’art pour l’art? Das ist lange vorbei. Genauso wie das einsame Genie passé ist, das zu seinem Werk in tiefer Beziehung steht und den Rest der Welt für nichts achtet. Kunstwerke werden heute vermarktet wie nie zuvor, mitsamt ihren Schöpfern.

Die Kunst geht nach Brot. Kein Autor, kein Musiker, kein Künstler kommt mehr ohne perfekte Website, beeindruckendes CV und professionellen Social-Media-Auftritt aus. Kein Werk macht seinen Weg zum Erfolg ohne ein vielstelliges Mindestauktionsgebot. Heldenhafte Van-Gogh-Künstlertypen mit nihilistischem Approach allein halten den Kunstbetrieb nicht mehr am Laufen. Erfolg ist alles, genauer: Geld ist alles. Der materielle Erfolg eines Werks – er ist Antriebskraft, höchste Autorität und damit die letzte Aura einer entzauberten Welt.

Die Aura – sie wird immer noch und allzu oft bemüht. Meistens wird der Begriff gedankenlos dahingeraunt. Von der Bedeutung des Wortes ist die Aura zunächst einmal ein zartes Lüftchen, ein leiser Atem von etwas, ein aussergewöhnlicher Dunstkreis um ein Objekt oder einen Körper herum. Aura ist etwas, was Glanz und Schimmer verleiht, was unseren Blick fesselt. Eine Aura haftet allen Dingen an wie ein elektromagnetisches Feld. Sie ist an einem Gegenstand das, was wir, wie Walter Benjamin sagt, nur fassen können, wenn wir uns in der richtigen Distanz zu ihm befinden. Eine vor uns liegende Landschaft kann eine Aura haben, eine antike Statue, aber auch ein Passant, der auf der Strasse an uns vorbeigeht – und das «Original» in der Kunst.

Vom Ende der Aura hat Benjamin 1936 in seinem Essay «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit» gesprochen. «Was ist eigentlich Aura?», fragt er und fährt fort: «Ein sonderbares Gespinst aus Raum und Zeit: einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag.» Für Benjamin ergab sich die Aura eines Kunstwerkes aus seiner Einmaligkeit und aus dem Umstand, dass es in einer ganz anderen Zeit gemacht wurde, dass es in einem uns fremden Lebenszusammenhang entstand. Aura, das verstand Benjamin als die Spannung aus der Gleichzeitigkeit von Hiersein und Von-woanders-Herkommen.

Walter Benjamins Gegenwart, das waren die frühen dreissiger Jahre. Fahrig und beschleunigt seien sie, schreibt er, und technisch sehr versiert. Und eben dadurch, dass es nun von einer eigentlich einzigartigen Ansicht, wie ein Gemälde sie uns gibt, Dutzende, Hunderte oder Tausende von Kopien gebe, durch die Fotografie und die Beschleunigung der Bilder im Film, kurz: durch die Massenmedien gehe uns die richtige Distanz zu den Dingen verloren. Und das bedeute: die Aura der Dinge werde zerstört. Ausser – und hier knüpft Benjamin an Charles Baudelaire an – ausser, dem Künstler gelinge es, seine flüchtige, innere Vision eines Dings oder eines Körpers in ein «Werk» zu übersetzen.

Die Aura kann, so Benjamin, auch aus den Tiefen des kapitalistischen Systems selber zustande kommen, und zwar durch den blossen Verkauf, etwa eines Kunstwerks. Es gab und gibt wohl keine Künstler, die das so meisterlich beherrschen wie Damien Hirst und Jeff Koons. Seit Jahren produzieren sie immer wieder dieselben Punkte und Ballons – und die Kunstwelt springt darauf an. Käufer stellen Checks aus und bezahlen Unsummen.

Die Aura ist eine ästhetische Präsenz, der kraft ihrer Einzigartigkeit Autorität, ja vielleicht sogar Macht zukommt. Doch unsere Gegenwart ist weitestgehend entzaubert. Gibt es noch etwas, was eine Aura hat? Der Papst? Ein abgetakelter Monarch? Ein Kunstwerk jedenfalls nur, wenn es einen mehr als stattlichen Preis erzielt. Stellen wir uns einerseits einen leicht vergilbten Watteau an einer Wand im Schloss Versailles vor, einen etwas verlotterten Beuys mit Fetthut und Filzweste oder schlicht den Namen «Rauschenberg». Stellen wir uns anderseits Leonardo DiCaprio vor, wie er in einem Tesla vorfährt, einen Bulgari-Diamanten in der Vitrine einer Bijouterie auf der Place Vendôme oder das Plakat mit Leonardo da Vincis «Salvator Mundi» an der Fassade des Christie's- Headquarters in New York – wovor stehen wir gebannter, ergriffener?

Künstler, die ihr Selbstverständnis daraus ziehen, sich dem System zu widersetzen, sind am Verschwinden. Baselitz zum Beispiel, die verstorbene Amy Winehouse und, ja, man muss sie nennen, die Trias Weinstein-Spacey-Polanski. Mit ihnen geht selbst im Film, der die ihm fehlende Aura einst mit dem «Star» wettmachen konnte, die letzte auratische Verschränkung von Künstler und Werk verloren. Spätestens seit Weinstein und #MeToo ist klar: Rebellisches Posieren und archaisches Macho- und Geniegehabe reichen nicht mehr aus. In einer auf politische Korrektheit getrimmten Welt hat dieses Modell des Künstlers ausgedient. Es wird überholt vom Gefälligkeitskünstler, der nur ein Ziel kennt – den grösstmöglichen Profit.

Die Gegenwartskunst steht im Begriff, das letzte bisschen Aura zu verlieren, das ihr vielleicht noch anhaftet. Mit dem unverbindlichen Perlweisslächeln, das auf Hochglanz polierte Jungautoren, -maler oder -musiker zur Schau tragen, lässt sich nicht einmal mehr ein Bausparvertrag gewinnen. Um ja genug Likes auf Social Media zu kassieren, entziehen sich Künstler jedem politischen Engagement und vermeiden es tunlichst, eine Meinung zu haben, die allenfalls politisch riskant sein könnte. Sie geben brav instagramartige Belanglosigkeiten von sich, die nur einen Wunsch verraten: um jeden Preis zu gefallen.

«Eine Firma zeigte kürzlich Interesse daran, meine Aura zu kaufen», schrieb Andy Warhol, «sie wollten nicht ein Werk von mir.» Er habe gar nicht begriffen, was die eigentlich wollten. Das war natürlich reine Koketterie. Niemand hat das ambivalente Spiel von Reproduktion, Aura und Geldwert besser verstanden als Warhol. Trotzdem trug er den Willen zum Geld nicht so auffällig zur Schau wie die heutigen Gefälligkeitskünstler, die wie Drehbuchautoren hinter ihrem Werk verschwinden – was genau die Aura unmöglich macht, die sie sich zu generieren bemühen.

Die Aura ist zerstört, und es gibt nur etwas, was sie heute noch herstellen kann: der Geldwert, der sich in der Kunst repräsentiert. Er kann dem Verhältnis von Künstler, Werk und Betrachter noch ein Moment verzauberter Distanz und Entrücktheit verleihen. Denn Wohlstand macht sorglos charmant, hebt das Ich aus Arbeitszwängen und Alterungsprozessen heraus, macht es schwebend: Wenn ich reich bin, entstamme ich einer anderen Welt, einer besseren Wirklichkeit, komme aus einem verzauberten Jenseits, das auf der Erde kurz aufblinkt – ich verfüge über Aura.

Leonardo da Vincis «Salvator Mundi» ist mit einem Preis von 450 Millionen Dollar das teuerste je verkaufte Kunstwerk. Das Auktionshaus Christie’s pries es bereits Wochen vor der Auktion mit grossem Brimborium an. Als es zur Besichtigung ausgestellt war, hatte man unter dem Bild eine Kamera installiert, die jeden Besucher filmte. Die auf der Website von Christie’s veröffentlichte Videostrecke zeigt Menschen, die vor dem Kunstwerk beten, tranceartig-verzückt hin und her schwanken, weinen. Ihre Ergriffenheit erinnert an Gefühlsausbrüche, wie man sie aus Talkshows am Fernsehen kennt. Aber was ist es, was diese Leute zum Weinen gebracht hat? Gibt es sie doch noch, die Aura des Kunstwerks, das weither zu uns kommt und auf fast mystische Weise im Hier und Jetzt Präsenz markiert? Vielleicht, aber wahrscheinlich war das Weinen eher Ausdruck der Verzückung angesichts der überwältigenden Kombination aus einem ätherischen Bild und dem dazugehörigen Preisschild. ...



Aus: "Die Aura des Kunstwerks ist tot. Es lebe der Reiz des Geldes" Sarah Pines (19.6.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/die-aura-des-kunstwerks-ist-tot-es-lebe-der-reiz-des-geldes-ld.1395285