Author Topic: [Kunst und die Unfehlbarkeit des Marktes... ]  (Read 14707 times)

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[Kunst und die Unfehlbarkeit des Marktes... ]
« on: November 07, 2006, 04:03:21 PM »


http://peekasso.tumblr.com/post/232429544/2 (Found 01/2010)

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Der Kunstmarkt ist so global geworden wie sonst nur das Finanzwesen. ..."  (Eva Karcher, 13. Juni 2018)

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"Der Kunstmarkt ist eine Fantasiewelt. Es geht um irreale Werte. Der Glaube an Kunst ist wie in die Kirche gehen.  ..." (Beltracchi)

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[...] APT helps artists with innovative financial planning solutions that are achievable through investment of their artwork. This allows artists to focus more fully on the creative development of their work by reducing some of the financial risk inherent to their profession.


Aus: "An Investment Program Designed Specifically for Artists" (111/2006)
Quelle: http://berlin.aptglobal.org/SiteFiles/1/19/122.asp

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[...] Von Hausswolff ist eine von knapp 50 Künstlern, die sich am Artist Pension Trust (APT) in Berlin beteiligen. Die Organisation wurde vor zwei Jahren in New York ins Leben gerufen und ist jetzt nach Los Angeles und London auch in Deutschland aktiv.

Die Idee des APT ist, dass Künstler, die am Anfang oder in der Mitte ihrer Karriere stehen, eine Möglichkeit haben, für ihre Rente zu sorgen, ohne dass sie dafür Geld zahlen müssen. Stattdessen gibt jeder am Fonds beteiligte Künstler innerhalb von 20 Jahren 20 Werke an den APT ab. Die Firma Mutual Art, die hinter dem APT steckt, kümmert sich um Aufbewahrung und Pflege der Werke, sie leiht sie auch an Galerien aus. Ein Gremium aus Kunstprofessoren, Künstlern und Kuratoren entscheidet, wessen Werke in den Fonds aufgenommen werden und wann der richtige Zeitpunkt ist, die Werke zu verkaufen. Wenn ein Werk verkauft wird, gehen 20 Prozent an Mutual Art, 40 Prozent an den Künstler, die restlichen 40 Prozent werden unter allen Künstlern des Fonds aufgeteilt. So profitieren die Künstler vom eigenen Erfolg, tragen aber auch zur Rente ihrer Kollegen bei.


Aus: "Das geht: Malen für später" Text: Ümit Yoker (brand eins 3/2006)
Quelle: http://www.brandeins.de/home/inhalt_detail.asp?id=1925&MenuID=8&MagID=71&sid=su662496672750907

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Quote
[...] Auch im Kunstsystem hat sich das Dogma von der Unfehlbarkeit des Marktes durchgesetzt: Als erfolgreich gilt allein das, was einen nennenswerten Geld- oder Geltungsgewinn verspricht. Gleichwohl ist die moderne Kunst noch eng mit der Tradition ihrer Autonomie verbunden, und viele staatliche Verfassungen verbürgen ihre Freiheit. So profitiert Kunst weiterhin von dem Image, sie sei ein Refugium selbstbestimmt agierender Personen, die ihrer Meinungsbildung und Urteilsfindung unabhängig betreiben. Diese heute gern als idealistisch abgetane, aber für eine demokratische Kultur unverzichtbare Leitvorstellung droht nun durch einen weiteren Schritt in der Ökonomisierung von Kunst vollends ad absurdum geführt zu werden. Gemeint ist die Etablierung des global angelegten Artist Pension Trust, der zunächst in London, Los Angeles, New York, Mexiko-Stadt und Mumbai sowie seit November 2005 auch in Berlin tätig geworden ist und ständig weitere Dependancen etwa in Bangkok, São Paulo, Istanbul und Peking eröffnet.

In der Öffentlichkeit wird der APT - eine nach dem Recht der British Virgin Islands gegründete Gesellschaft - als innovatives Modell zur Alterssicherung von Künstlern dargestellt. Sie sollen ihre Arbeiten in den Fonds einbringen und darauf hoffen, dass sich durch Wertsteigerungen aufgrund optimierter Nutzungs- und Verkaufsstrategien für sie besondere Gewinne realisieren lassen. Doch tatsächlich besteht die Geschäftsidee des APT wie bei allen so genannten Private Equity Fonds darin, den Investoren eine hohe Rendite zu verschaffen. Folglich darf nicht einfach jeder Künstler bei APT mitmachen. Vielmehr ist vorgesehen, dass pro Dependance von einem regional verantwortlichen Komitee, dessen Mitglieder am Geschäft prozentual beteiligt sind, maximal 250 zumeist jüngere und vorzugsweise bereits von einer Galerie vertretene Künstler ausgewählt werden. Diese sind gehalten, über einen Zeitraum von 20 Jahren dem Fonds in einem vorgegebenen Turnus 20 Kunstwerke als Kapital zu überlassen.


Aus: "Die Wölfe fressen Kreide" Von MICHAEL LINGNE (taz vom 22.5.2006, S. 15)
Quelle: http://www.taz.de/pt/2006/05/22/a0149.1/text

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[...]  Susanne Prinz, die Direktorin des Berliner Trusts, findet derartige Ängste vor einem „Moloch“ APT maßlos übertrieben. Prinz versteht sich als Interessenvertreterin der Produzenten und definiert APT als eine Art Künstlerzusammenschluss, dessen organisatorische Aufgaben an Profis delegiert sind.

[...] Folgt man Prinz´ Argumentation, so stehen im Zentrum der Bemühungen die Alterssicherung von Künstlern und der Aufbau einer kuratorisch durchdachten Kunstsammlung: „Wir wollen eine Künstlergeneration repräsentieren“. Eine Generation fast durchweg junger Künstler, deren Werke zum größeren Teil noch gar nicht da sind. Soll hier ein Hype kreiert werden? „Wir fischen nicht im Trüben“, gibt Susanne Prinz zu denken, weist auf die kuratorische Basis der Entscheidungen hin und auf die Diskussionen während der Jurysitzungen, die zeitweilig durchaus kontrovers abliefen.

[...] Etwas überspitzt – angesichts von zwanzig abgegebenen Arbeiten in zwanzig Jahren – wirkt Lingners Vergleich der APT-Künstler mit Bauern der Dritten Welt, „die nicht durch ‚fair trade’ geschützt werden“ und die gezwungen sind „ihre Ernte abzutreten, bevor sie überhaupt gewachsen ist“.

[...] Prinz wirft Lingner vor, den Trust als Sündenbock für eine Entwicklung in der Kunst anzuprangern, in der auch wirtschaftliche Prinzipien eine Rolle spielten: „Lingner scheint der Vorstellung anzuhängen, es sei obszön, Kunst und Geld in einem Satz zu erwähnen. Ich muss das nicht gegeneinander stellen. Und: Geld per se macht nicht korrupt.“ Prinz stellt nicht in Abrede, dass sie APT:Berlin zum Erfolg führen will, „aber wir wollen Erfolgsmodell sein in dem Sinne, dass sich gute Kunst durchsetzt und nicht etwa ökonomische Faktoren.“


Aus: "Artist Pension Trust: Malen statt Zahlen" Von Jens Hinrichsen (28. September 2006)
Quelle: http://www.artnet.de/magazine/features/hinrichsen/hinrichsen09-28-06.asp

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Quote
[...] Gefahr droht der Kunst einerseits durch erneuten Machtstabilisierung im Rahmen einer Ästhetisierung und andererseits durch eine politische Funktionalisierung in einen falschen Dienst. Als subversives Element, welches der Kunstbetrieb zu nutzen weiß, das seinem Wesen nach aber über diesen Nutzen hinausgeht, führt die ästhetische Kraft eine Existenz am Rande der Institution, die von ihr lebt. Obwohl sie den Betrieb antreibt, hat sie bis auf die wenigen Ausnahmen der großen Namen nicht viel von ihm. So zeigt das Leben der Kunst heute eine verdrehte Existenz. Mit den Möglichkeiten ausgestattet, eine radikale Kritik der bestehenden Gesellschaft zu leisten, trägt sie zugleich auch zu deren reibungslosen Fortgang bei und manövriert sich dabei selbst in eine Position, die sie zunehmend überflüssig macht.


Aus: "Kunst und Gefahr" Von Wolfgang Bock, ein Beitrag zum Projekt "Thesen zu Kunst und Öffentlichkeit"
Quelle: http://www.kunst-basis.org/texte/kunst_gefahr.htm



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[...]  Jost Hermand ist eine Ausnahmeerscheinung in der Kunstwissenschaft. Er beschreibt und bewertet Kunstwerke vor dem Hintergrund der Geschichte, ihren sozialen Bedingungen und Machtgefügen. Seine Perspektive beschreibt die Kulturgeschichte als einen Prozess der Humanisierung menschlichen Zusammenlebens. Damit unterscheidet er sich von anderen Theoretikern, die ein weniger zeitgebundenes Denken verfolgen und nach überzeitlichen Kriterien suchen, mit denen sich der Ewigkeitsanspruch von Kunstwerken aber auch der lethargische Status quo der Gesellschaft, begründen lässt.
Bevor Hermand den Zustand der Gegenwartskultur beschreibt, widmet er sich der Frage nach der Relevanz der historischen Kunst für den heutigen Betrachter. Wie wird die Kunst vergangener Unrechtsstaaten, wie etwa der antiken Sklavenhaltereien oder mittelalterlicher Notgesellschaften heute angesehen? Hermand findet einen naiven Blick auf das altehrwürdige Milieu, der in jenen Schloss- und Burgtouristen gipfelt, die sich noch den Richtblock des Fürsten unter handwerklichen Gesichtspunkten ansehen können. Das Unrecht vergangener Zeiten verschwindet im Blendwerk der Kunst. Wer genauer hinsieht, wird vieles an Machogehabe, Kriegsverherrlichung und rücksichtsloser Triebhaftigkeit finden und nur selten jemanden, der darauf hinweist.

[...]  Das wir mit diesem historischen Ballast einen derartig leichten Umgang finden, haben wir den Deutungswissenschaften zu verdanken, genauer gesagt jenen Wissenschaftlern, die das Zeitlose anstatt der historischen Umstände suchen, um Kunst zu bewerten. Zeitlos ist nach Hermand vor allem der Verweis auf Kriterien, die aus unserer psychologischen Grundausstattung stammen. Dort, wo die Schönheit, Melancholie oder der Grusel zeitreisender Kunstwerke auch den heutigen Betrachter erschauern lässt, verschwindet die Frage nach der gesellschaftskritischen Haltung des Künstlers. Besonders die bildende Kunst ist anfällig für eine Kunstauffassung, die Hermand mit dem „Eintauchen in eine warme Badewanne“ vergleicht. Ihre visuelle Erscheinungsform kommt der oberflächlichen Lesart unserer Zeit entgegen, die meist nicht über die ästhetische Hülle hinausgeht. Wenn Kunstkritiker sich von Restaurantkritikern unterscheiden sollen, müssen also andere Qualitäten als das zeitüberspannende Auslösen von Gefühlen in die Betrachtung einbezogen werden.
Hermands Kritik an der Rezeption des historischen Kunstbestandes schließt eine Schilderung des Zustands der Gegenwartskultur an, die vor allem die Entwicklung der Künste in Deutschland nach 1945 im Blick hat. Künstlerische Reformbewegungen, die nach einer besseren Gesellschaft suchten, trafen auf beiden Seiten der politischen Blöcke auf Widerstand. Sie verschwanden in den doktrinären Apparaten der Ostblockstaaten, die an Instrumentalisierung mehr als an Auseinandersetzung interessiert waren. Im Westen behinderte der Totalitarismus-Verdacht, der jeden Realismus sofort der braunen oder roten Diktatur zuordnete, eine realistische Weltsicht in der Kunst. Die ungegenständliche Form erlebte ihre eigentliche Karriere und dient bis heute als ein fragwürdiger Freiheitsbeweis der kapitalistischen Gesellschaft. Verloren ging dabei das Bewusstsein um das Gegenüber einer Gesellschaft, die es zu verbessern gilt. Es wich einem Verständnis des „Postismus“, welcher besagt, dass wir uns heute in einer Nach-Zeit befinden, in der alles Ringen um die Geschichte ein Ende gefunden hat. Auch die 68er Bewegung beendete ihren Marsch durch die Institutionen kurz nachdem sie dort angekommen war. Das Wort „ideologisch“ wurde zu der Negativvokabel, in der es heute bedenkenlos verwendet wird.
Um nicht als ideologisch gelesen zu werden, verzog sich die Künstlerschaft auf den Olymp der autonomen Kunst und geht dort seither einer Praxis der eitlen Selbstbespiegelung nach. Jeder Künstler will Star oder Diva sein. Die Inhalte verschwinden hinter den ästhetischen Modehüllen des Zeitgeists, die laufend erneuert werden müssen, um die gesellschaftliche Stagnation nicht durchdringen zu lassen. Auch die Wissenschaften ziehen mit. Jede neue Hülle erhält ihren „differenzierten Wissenschaftsjargon“. Die hohe Kunst bewegte sich in jenen randständigen Bereich, in dem sie sich heute befindet. „Theoretiker sprechen zu Theoretikern in dem vollen Bewusstsein, dass ihnen niemand zuhört.“

[...] Um gesamtgesellschaftliche Fragestellungen geht es kaum noch, sondern vielmehr um philosophisch abgehobene Spitzfindigkeiten, mit denen „akademische Lorbeerkränze und Stipendien“ anvisiert werden. Künstler wie Akademiker verstehen sich nicht mehr als Anwälte einer gerechten Welt, sondern als „Vertreter einer kulturellen Elite“, der „von Staats wegen noch mehr Freizeit eingeräumt werden soll, um in Ruhe über ihre eigenen Kultur- und Theoriebedürfnisse nachzudenken“.

[...]  Was die Kunst seither vernachlässigt, ist die Ansprache an die breite Bevölkerung. Diese bleibt den Massenmedien überlassen, deren ständig strömende mediale Flut den Kulturkonsumenten kaum noch über den Augenblick hinaus denken lässt. „Social engineering“ nennt man die Erziehung des Fernsehzuschauers zu konsumorientierten Lebensmodellen. Der tägliche Presserummel wird als demokratische „Pluralität“ ausgegeben, ist aber nichts anderes, als die Gleichschaltung zu einem eindimensionalen Denken.
Hermand beschreibt die Ökonomisierung des Kulturlebens an zahlreichen Beispielen und zeigt, wie sich unter der zersetzenden Wirkung des Geldes kulturelle Werte in die Effizienzfaktoren der Warenproduktion verdinglichen. Kunst und Wissenschaft hat der Trend zur Ökonomisierung wie alle anderen Bereiche des Lebens erfasst.
Soll die Kunst überhaupt noch eine Chance haben, so muss diese sich einer gesamtgesellschaftlichen Kritik verschreiben und der Vereinnahmung durch den Markt widersetzen. Nur wer eine utopisch hoffnungsvolle Perspektive im gesellschaftlichen Sinne hat und seine Arbeit als eine Didaktische versteht, der kann laut Hermand auch heute noch bedeutende Kunst hervorbringen. Die Kunst der Zukunft soll dem ästhetisch wie historisch denkenden Menschen „sinnliche Gratifikation und ideologische Schubkraft“ geben. Alle andere Kunst aber darf immer noch darauf hoffen in aller Zukunft aufbewahrt zu werden: als schlechtes Beispiel für eine degenerierte Gesellschaft der Vergangenheit.


Aus: "Jost Hermand „Nach der Postmoderne“" Rezension, Wolfram Höhne (Jost Hermand „Nach der Postmoderne“, Böhlau-Verlag, 2004)
Quelle: http://www.kunst-basis.org/index.html?http%3A//www.kunst-basis.org/texte/jost_hermand.htm

« Last Edit: July 01, 2018, 12:28:31 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Saugnäpfe und Josephine Meckseper... (Kunst, Macht und Politik)]
« Reply #1 on: August 09, 2007, 04:42:47 PM »
Quote
[...] Als Allesfresserin hat der verstorbene Heiner Müller einmal die kapitalistische Wirtschaftsordnung bezeichnet. Dem Berliner Dramatiker war nicht entgangen, dass sich an jeder konsumkritischen Protestbewegung irgendwann der Kommerzkrake mit seinen Saugnäpfen festklebt und die politischen Inhalte mitsamt dem Idealismus auslutscht. Denn mit Friedenslogos und Che-Guevara-T-Shirts können Konzerne ebenso gut Geld verdienen wie mit Designerklamotten.

Die Konzeptkünstlerin Josephine Meckseper hat genau hingeschaut, wohin die Attribute diverser Gruppierungen von der RAF der siebziger Jahre bis zu Autonomen und Globalisierungsgegnern wandern. In ihren Arbeiten verquickt sie gezielt die Sprachen von Werbung und Produktdesign mit den szenetypischen Abzeichen dieser Subkulturen. So inszeniert Meckseper das Abrutschen des Politischen in Lifestyle und gelackten Glamour - und offenbart, dass genau in diesem Glamour wieder Politik steckt. Oder zumindest politische Kunst.


[...] Zeitgeschichte speichert sich im Outfit: Auf einem Sockel steht ein Paar Sandalen als Denkmal für den unbekannten Hippie, mit einem Bundeswehrparka grüßen Friedensdemos und Hausbesetzungen. Ein anderes politisch aufgeladenes Stück Textil ist der Palästinenserschal: früher ein wichtiger Bestandteil des linksalternativen Dresscodes, wurde er später zum Accessoire auch unpolitischer Jugendlicher, und neuerdings wickeln sich Neonazis das Arafat-Tuch um den Hals. Protestkulturen erleben ihr Revival wie Modestile, und doch glaubt die Künstlerin in jüngster Zeit eine neue Verflachung zu erkennen. Wie Karneval, sagt sie, seien ihr die Demonstrationen von Heiligendamm vorgekommen. "Mit Aktivismus hatte das für mich nicht mehr viel zu tun."

Ein Genuss ist die Ausstellung nicht nur, weil sie so hintersinnig Alltagskultur seziert, sondern auch, weil die luftig-hellen Arrangements selbst da wachhalten, wo sich die Künstlerin inhaltlich wiederholt. Trotzdem bleibt am Ende eine Frage: Kann sich die Zeitgeistkritikerin an den Haaren ihrer eigenen Arbeit aus dem Konsumsumpf ziehen? Oder anders formuliert: was macht der allesfressende Kapitalismus mit einer Josephine Meckseper? - Wie es aussieht, hat er schon fleißig angefangen, sie zu verdauen. Der britische Werbemogul Charles Saatchi soll rund ein Dutzend ihrer Arbeiten angekauft haben. Und gesponsort wurde die Stuttgarter Ausstellung von der Firma Hugo Boss.


Aus: "Die Warenwelt verdaut ihre Kritiker" Von Georg Leisten (14.07.2007)
Quelle: http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/1468897?_suchtag=2007-07-14


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[Bundeskanzlerin soll Künstlerrechte schützen... ]
« Reply #2 on: April 25, 2008, 09:01:48 AM »
Quote
[...]  Rund 200 teilweise prominente Künstler haben einen vom Bundesverband Musikindustrie verfassten offenen Brief an Angela Merkel unterzeichnet, in dem die Bundeskanzlerin aufgefordert wird, sich für den Schutz des geistigen Eigentums einzusetzen und das Thema "zur Chefsache" zu machen. Anlass des offenen Briefs, der am morgigen Freitag als ganzseitige Anzeige in der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der tageszeitung erscheinen soll, ist der von der World Intellectual Property Organization (WIPO) ausgerufene "Tag des geistigen Eigentums", der am Samstag (26. April) ansteht.

"Als Komponisten und Musiker, Schriftsteller und Verleger, als Schauspieler und Filmemacher begrüßen wir es sehr, dass mit diesem Tag das Bewusstsein für den Wert geistigen Eigentums gestärkt werden soll", formuliert der Bundesverband Musikindustrie. "Denn leider müssen wir täglich mit ansehen, wie das Recht auf einen angemessenen Schutz unserer Werke missachtet wird. Vor allem im Internet werden Musik, Filme oder Hörbücher millionenfach unrechtmäßig angeboten und heruntergeladen, ohne dass die Kreativen, die hinter diesen Produkten stehen, dafür eine faire Entlohnung erhalten."

Allein in Deutschland seien im vergangenen Jahr über 300 Millionen Musikstücke illegal aus dem Internet heruntergeladen worden, heißt es weiter. Dies sei zehnmal mehr, als legal verkauft worden seien. Mehrere Millionen Menschen würden sich regelmäßig aus "Internet-Tauschbörsen und anderen illegalen Quellen" im Netz bedienen. "Und obwohl damit nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Allgemeinheit durch Steuerausfälle und Arbeitsplatzverluste geschädigt werden, schaut der Staat bisher nahezu unbeteiligt zu", kritisieren die Verfasser. Nachdem sich die Bundeskanzlerin in China bereits vorbildlich für die Interessen der deutschen Industrie beim Thema Produktpiraterie eingesetzt habe, solle sie dies auch in Deutschland für mehr Respekt vor dem Schutz geistigen Eigentums tun.

In Anspielung auf geforderte Überwachungsmaßnahmen seitens der Provider stellen die Autoren des offenen Briefs die Behauptung in den Raum, allein 70 Prozent des Internetverkehrs in Deutschland entfielen auf "die – leider meist illegale – Tauschbörsennutzung". Und weiter: "Aber während beispielsweise die milliardenschwere Telekommunikationsindustrie massiv von der Nutzung illegaler Inhalte profitiert, verweigert sie beim Schutz geistigen Eigentums die Verantwortung." Als europäische Musterschüler in Kampf gegen illegales Filesharing werden Frankreich und England angeführt. So sollen etwa in Großbritannien ab 2009 gesetzliche Vorgaben für Provider gelten, nach denen Internet-Nutzern bei wiederholten Urheberrechtsverletzungen der Zugang gesperrt wird.

Zu den Unterzeichnern des offenen Briefs gehören unter anderem die Filmregisseure Sönke Wortmann, Bernd Eichinger und Faith Akin sowie die Schauspieler Til Schweiger, Renan Demirkan und Detlev Buck. Mit dabei sind auch Musikgruppen wie Tokio Hotel, Monrose, Söhne Mannheims und Juli sowie die Sänger Udo Lindenberg, Reinhard Mey, Peter Maffay, Roger Cicero und LaFee. Unterstützung kommt auch von der Moderatorin Barbara Schöneberger, dem Produzenten Ralph Siegel, dem Komponisten Wolfgang Rihm, der Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz und dem Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder. (pmz/c't)

Quote
25. April 2008 04:25
Irgendwie lustig...
dreaddy2 (7 Beiträge seit 11.03.08)

Nicht, dass ich jemals etwas von besagten Leuten herunterladen würde
oder die Illegalität dieses Tuns in Frage stelle, aber wenn ein
Haufen auch trotz Filesharing sehr sehr gut verdienender Millionäre
verzapfen, dass die zu großen Teilen Schüler, Studenten und Leute für
die 30 Euro nicht mal eben aus dem Geldbeutel gezückt sind, doch mal
ihren Krams zahlen sollten...
Egal ob das Recht auf ihrer Seite ist, ich würde mich beim
Unterschreiben von diesem geistigen Eigentum Brief recht schäbig
fühlen.
Aber ein Angehöriger einer Branche, die es unter Kundenbindung
versteht, seit Jahren potentiellen Kunden mit Gefängnis zu drohen um
sie zum kaufen zu motivieren, sieht das vermutlich nicht so.

...



Quote
25. April 2008 07:04
Ein Stück Zeitgeschichte
Tonikaparallele (397 Beiträge seit 14.05.07)

Sollte es auch weiterhin dabei bleiben, dass sich die Zeiten ändern,
dann könnte dieses Dokument irgendwann mal ganz interessant werden.
Es sagt mE viel aus über die Zeit, in der wir heute leben. Vor allen
Dingen für Musikwissenschaftler, aber nicht nur. Ich jedenfalls fühle
mich an die DDR-Musikwissenschaft erinnert, was einerseits an den
offensichtlichen Lügen im Text und andererseits am Quatsch-Begriff
"Geistiges Eigentum" liegt. Stellte die DDR-Musikwissenschaft alle
(echte, "gültige") Musik als Produkt des Volkes hin und blendete den
Künstler als Individuum völlig aus, so wird heutzutage Musik allein
als Wirtschaftsgut gesehen. Das ist sie zwar zweifellos u.a. auch,
aber doch nicht *nur*. Anders ausgedrückt: Gerade so, wie man in der
DDR auf Biegen und Brechen alle persönliche künstlerische Äußerungen
entweder als dekadenten Quatsch abtun oder der sozialistischen
Ideologie einverleiben musste (Lieder eines unglücklich Verliebten
als Ausdruck der "allgemeinen sozialen Misere"), so wird in unserer
Zeit alles nur noch im Hinblick auf Verwertbarkeit und Gewinn gesehen
und dabei vieles ausgeblendet. Man riecht den Schweiß.


Quote
24. April 2008 19:53
Geldgier vs. Freiheitsrechte
p_kater (mehr als 1000 Beiträge seit 29.07.04)

Das ist ja nichts Neues, sozusagen die Grundlage einer
kapitalistischen Demokratie im Spannungsfeld der Interessen. Aber es
gibt den Moment, indem eine Demokratie in eine Diktatur umkippt. Zum
Beispiel dann, wenn zur Durchsetzung der Geldgier Einzelner die
totale Überwachung eingeführt wird. Frage: Kann einem Künstler egal
sein, ob er in einer Demokratie oder einer Diktatur lebt? Ich finde
nicht. Diesen Künstlern ist es aber egal. Wenn sie damit leben
können...



Aus: "Offener Brief: Bundeskanzlerin soll Künstlerrechte schützen" (24.04.2008)
Quelle: http://www.heise.de/newsticker/Offener-Brief-Bundeskanzlerin-soll-Kuenstlerrechte-schuetzen--/meldung/106992


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[Die neofeudalen, autoritären Strukturen... ]
« Reply #3 on: September 29, 2008, 02:56:26 PM »
Quote
[...] Zur Retrospektive des Starkünstlers Takashi Murakami in Frankfurt gehört ein eigens eingerichteter Louis-Vuitton-Shop. Mode und Kunst verbindet derzeit die autoritäre Sprache des Marketing.

Am Wochenende eröffnet die große Retrospektive des japanischen Starkünstlers Takashi Murakami in Frankfurt am Main, die das dortige Museum für Moderne Kunst vom Museum of Contemporary Art in Los Angeles übernommen hat. Höhepunkt der Schau ist ein eigens im Museum eingerichteter, temporärer Louis-Vuitton-Shop. Denn Murakami, das künstlerische Allroundtalent, das unter anderem als Kurator, Herausgeber, Event-Manager, Moderator einer Radioshow und Kolumnist einer Tageszeitung tätig ist, erachtet die Annahme eines substanziellen Unterschieds zwischen Kunst und anderen Luxusgütern für absurd. Unter dieser Prämisse versüßte er denn auch im Jahr 2003 den Vuitton-Kunden die obligatorische hässlich-braunbeige Monogramm-Bag höchst erfolgreich mit einer bonbonfarbenen "Cherry Blossom Line".

[...] Pinault ist der Herr über das Luxusgüterimperium PPR, zu dem Gucci, Yves Saint Laurent, Bottega Veneta und Fnac gehören, und er sammelt Koons. Aillagon ist nur einer unter vielen anderen Figuren im Netzwerk des Magnaten, die finanzielle Erlöse in ästhetische Dividende ummünzen und umgekehrt. Daran ändert der Einwand wenig, dass Pinault kein Spekulant sei, der seine Werke weiterverkaufe, wenn deren Notierung steige. Wie immer bedeuten autoritäre Strukturen eben Stillstand und Konformität. Die 23,6 Millionen Dollar, für die im November 2007 Koons stählernes "Hanging Heart" bei Sothebys versteigert wurde, und von dem auch Pinault eine der fünf Versionen besitzt, sind nichts anderes als die Garantiesumme für Jeff Koons nachhaltige künstlerische Bedeutung.

Wenn man bedenkt, wie lange Clement Greenberg, der Frontman der New York School, den Abstrakten Expressionismus als einzige gültige Kunst propagieren konnte, und weiter bedenkt, was ein Kunstkritiker wie er schon gegen die geballte Macht der weltweit 200 größten Sammler ist, dann ahnt man, was droht. Diese Sammler gehören mehrheitlich dem Verwaltungs- oder Stiftungsrat renommierter Museen an und verfügen damit über ein sicheres Instrument, ihre Schätze im Kontext einer institutionell abgesicherten, kunstwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Kunst gewürdigt zu sehen. Damit ist sowohl die Wertsteigerung ihrer Kunsterwerbungen auf lange Zeit hin garantiert wie der Verdacht des abgekarteten Spiels und Insidergeschäfts einigermaßen wirksam zerstreut.

Was freilich mit dem Einzug der Leihgaben ins Museum nicht verschwindet, ist die Konformität des internationalen Kunstsammelns. Sie riecht nach Rückversicherung, wobei schwer zu sagen ist, ob nur die fragwürdige Kompetenz und Autorität der Sammler kaschiert werden soll, oder ob es sich schon wesentlich um eine Anlagestrategie handelt, nach dem Motto: Der herrschende Geschmack im Kunstbetrieb ist der Geschmack der Herrschenden. Damit jedenfalls befindet man sich auch schon mittendrin, im Louis-Vuitton-Shop von Takashi Murakami. Denn so, wie sich die wohlhabenden Damen die gerade angesagte Trophy-Bag von Louis Vuitton gönnen, so bedienen sich die betuchten Herren - ja, auch das verweist auf die autoritären Strukturen, Kunstsammeln ist noch immer ein männliches Geschäft - aus der "Sommerkollektion" von Neo Rauch, von der er erst kürzlich in einem Interview sprach.

Glauben die Damen, sie hätten mit dem Label schon ein gültiges Fashion Statement gemacht, heften sich die Herren den Titel des internationalen Kunstsammlers an die Brust, indem sie mit der immer gleichen Künstlerfolge von Jeff Koons, Luc Tymans, Andreas Gursky, unbedingt noch Jonathan Meese oder wahlweise Daniel Richter aufwarten. Am Ende sind die Garderoben so uniform wie die Privatsammlungen zeitgenössischer Kunst von Miami bis Berlin. So aufregend hat man sich das Crossover von Mode und Kunst immer vorgestellt. Störende Gegenentwürfe kommen dank der Marketinginstrumente der Corporate Culture erst gar nicht ins Spiel. Denn als Form einer weiterreichenden Markenbildung drängt sie die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Werk selbst erfolgreich in den Hintergrund.

Wie schon das deutsche "Gesetz über den Schutz von Marken und sonstigen Kennzeichnungen" weiß, kann "niemals ein Produkt die Marke selbst sein. Was also produktbedingt geformt ist, stellt gleichzeitig nicht die Marke des Produkts dar." Ganz dieser Definition entsprechend wird denn auch anlässlich von Jeff Koons Versailles-Auftritt auf einer ganzen Zeitungsseite des Figaro wohl über die Gästeliste des Galadinners (u. a. die Schauspielerin Fanny Ardant, Schlankmacher Karl Lagerfeld, Albert von Monaco und Gloria, Fürstin Thurn und Taxis etc. etc.), nicht aber über die Ausstellung selbst debattiert. Sensationsheischend ist der Ton hier wie dort, wo die Kunstberichterstattung Damien Hirsts Sothebys Auktion verteidigt und feiert.

Tatsächlich steht die abenteuerliche Aktion mehr für die Marke Hirst als die sattsam bekannten Schmetterlingsbilder, Arzneimittelschränke oder in Formaldehyd eingelegten Tierkadaver seines Werks. Ebenso wie das breite Netzwerk von Fürsprechern und Celebrities aus der Mode- und Unterhaltungsindustrie der Wertschätzung von Jeff Koons mehr Gültigkeit gibt als jede Expertise des wenig mondänen professionellen Personals der Institutionen des Kunst- und Kulturbetriebs. Ihm fehlt das nötige Prestige, das heute aus Kaufkraft statt aus Kennerschaft erwächst. In der unübersichtlichen Lage am Anfang des 21. Jahrhunderts ist Geld der Humus, in dem die neofeudalen, autoritären Strukturen wurzeln, die das Marketing, dessen Ziel ja die "Gewinnung des öffentlichen Vertrauens" ist, wie schon Hans Domizlaff sein 1939 publiziertes "Lehrbuch zur Markentechnik" betitelte, zur neuen Leitwissenschaft machen. Ob freilich mit Vertrauen und Sicherheit in Kunst und Mode etwas gewonnen ist, bleibt zu fragen. Denn womöglich werden sie der Gegenwart doch nur auf ungesichertem Terrain ästhetisch habhaft.


Aus: "Kunst und Publicity: Das Diktat der Marken" (26.09.2008)
VON BRIGITTE WERNEBURG
Quelle: http://www.taz.de/1/leben/kuenste/artikel/1/das-diktat-der-marken/


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[Branchenkenner gehen davon aus... ]
« Reply #4 on: February 03, 2009, 02:06:38 PM »
Quote
[...] Die vor allem privat finanzierte Kulturwirtschaft der USA leidet stark unter der Wirtschaftskrise. Der "Boston Herald" zitiert Bob Lynch, Chef von "Americans for the Arts". Lynch erklärte, dass rund 10.000 Organisationen - etwa 10 Prozent aller Kulturinstitutionen des Landes - ihre Aktivitäten entweder bereits aufgegeben haben oder kurz vor dem Kollaps stehen.

Eine Studie von "Americans for the Arts" aus dem Jahr 2007 hat, so der Online-Infodienst "codexflores", gezeigt, dass nichtgewinnorientierte Kulturinstitutionen in den USA Wirtschaftsaktivitäten im Umfang von 166 Milliarden Dollar generieren und rund sechs Millionen Arbeitsplätze schaffen. Sie finanzieren sich durchschnittlich zur Hälfte aus Billettverkäufen, zu 40 Prozent aus privaten Zuwendungen und zu 10 Prozent aus staatlichen Zuschüssen.

Branchenkenner gehen davon aus, dass sich die Situation sogar verschlimmern wird, weil zahlreiche Organisationen noch von Budgets zehren, die im vergangenen Sommer definiert worden sind, als die Zeiten noch besser waren. Die Chefs der grossen Kulturinstitutionen haben deshalb begonnen, bei der Obama-Verwaltung und dem Kongress für eine Unterstützung in Milliardenhöhe zu lobbyieren.




Aus: "Die Kultur und die Wirtschaftskrise - Zehn Prozent der US-Kulturinstitutionen sind erledigt" (2. Februar 2009)
Quelle: http://www.abendblatt.de/daten/2009/02/02/1033649.html


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[Man braucht, kurz gesagt, Kunstunternehmer... ]
« Reply #5 on: December 05, 2009, 12:45:25 PM »
Quote
[....] Der schöpferische Verstand ermöglicht es, Originale, Unverwechselbares zu schaffen und zudem aus Vorhandenem durch reine Geisteskraft neue Kombinationen zu entwickeln. Ein Superkapitalismus, bei dem man nur mit geistigen Rohstoffen und geringstem Materialeinsatz eine Sache mit einem massiven Mehrwert versehen kann.

Dazu braucht man Leute, für die es zum Alltag gehört, sich etwas Neues einfallen zu lassen. Man braucht, kurz gesagt, Kunstunternehmer. Und Unternehmer, die verstehen, dass sie von Künstlern jede Menge darüber lernen können, wie man durch reine Geisteskraft mehr Werte schafft.

Die österreichische Kulturmanagerin Doris Rothauer gibt in ihrem Buch "Kreativität & Kapital" den Kammerton der neuen Wirtschaft wieder: Künstler werden zu "Vorbildern für die Umgestaltung der Arbeitsgesellschaft". Und die Kreativität wird vom "künstlerischen Mythos zum wirtschaftlichen Imperativ". Nur, so fügt die Autorin hinzu, die Künstler und ihre Welt spielen eigentlich in der Gesellschaft keine Rolle. Das liege da ran, dass viele Künstler nicht aus ihren engen Vorstellungen herauskämen. Sie blieben unter sich. Und umgekehrt würden Wirtschaft und Politik die Künstler nur "symbolisch" wahrnehmen.

[...] Jemand, der sich mit Kunst schmückt, die nicht nötig, sondern eigentlich immer Luxus ist, zeigt seine Leistungsfähigkeit. "Wer sich für 7000 Euro ein Ölgemälde übers Sofa hängen kann", sagt der Kulturwissenschaftler Martin Tröndle, Professor an der Zeppelin University in Fried richshafen, "macht allen klar: Ich muss mich nicht mehr abstrampeln. Ich kann es mir leisten. Ich habe den Ernst des Lebens im Griff. Ich kann mehr als andere." Dieser Unterschied beeindruckt - und fordert Künstler wie Publikum immer weiter heraus. Denn beeindruckend ist vor allem, was andere nicht haben. Das wird auch in Thorstein Veblens berühmter Studie "Die Theorie der feinen Leute" aus dem Jahr 1899 bestätigt. Für die reichen Ostküsten-Bürger galt: Je neureicher, desto mehr Kunst muss ins Haus. Daran hat sich nichts geändert.


[...] Gründer, Künstler und Kunstunternehmer Christian Smretschnig betreibt ein Unternehmen namens "M-ars" - einen Kunstsupermarkt. Dort gibt es Kunstwerke von 9,99 bis 899 Euro. Von der Stange sozusagen, ohne große "Mystik". Was nach vier Wochen nicht verkauft wird, "wird ausgelistet so ist das eben", sagt Smretschnig in klarem Kaufmannston. Anfangs habe er sich "wüst beschimpfen lassen müssen - , Das tut man nicht' war noch die harmloseste Variante". Mittlerweile kommen bis zu 100 Leute pro Tag in sein Geschäft. Berührungsängste hat keiner mehr.

[...] Smretschnig gehört zu einer jungen Künstlergeneration, die den alten Beuys-Satz von "Kreativität = Kapital" verstanden hat. Sie klagen nicht, sie trauern nicht um die guten alten Zeiten, die es für sie nie gegeben hat, sondern sie gehen mit Zuversicht in eine Welt, in der sie, die Heiteren, ernst genommen werden. "Wir ersetzen großes Kapital durch mehr Kreativität", sagt Smretschnig selbstbewusst, "und wir tun das, weil wir wollen, dass uns die Leute zuhören und uns bemerken."

Auch Martin Tröndle kann das bestätigen: "Die jungen Künstler haben die alten Vorurteile vielfach schon überwunden. Sie verstehen sich als Unternehmer, sie sagen, Ich muss mir erst einen Markt schaffen'."

...


Aus: "Das Kunststück" Wolf Lotter (brand eins 12/2009 - SCHWERPUNKT: KUNST)
Quelle: http://www.brandeins.de/aktuelle-ausgabe/artikel/das-kunststueck.html


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[Not In Our Name, Marke Hamburg!... ]
« Reply #6 on: December 05, 2009, 01:03:47 PM »
Quote
[...] Ein Gespenst geht um in Europa, seit der US-Ökonom Richard Florida vorgerechnet hat, dass nur die Städte prosperieren, in denen sich die "kreative Klasse" wohlfühlt. "Cities without gays and rock bands are losing the economic development race", schreibt Florida. Viele europäische Metropolen konkurrieren heute darum, zum Ansiedelungsgebiet für diese "kreative Klasse" zu werden. Für Hamburg hat die Konkurrenz der Standorte mittlerweile dazu geführt, dass sich die städtische Politik immer mehr einer "Image City" unterordnet. Es geht darum, ein bestimmtes Bild von Stadt in die Welt zu setzen: Das Bild von der "pulsierenden Metropole", die "ein anregendes Umfeld und beste Chancen für Kulturschaffende aller Couleur" bietet. Eine stadteigene Marketing-Agentur sorgt dafür, dass dieses Bild als "Marke Hamburg" in die Medien eingespeist wird. Sie überschwemmt die Republik mit Broschüren, in denen aus Hamburg ein widerspruchfreies, sozial befriedetes Fantasialand mit Elbphilharmonie und Table-Dance, Blankenese und Schanze, Agenturleben und Künstlerszene wird. Harley-Days auf dem Kiez, Gay-Paraden in St. Georg, Off-Kunst-Spektakel in der Hafencity, Reeperbahn-Festival, Fanmeilen und Cruising Days: Kaum eine Woche vergeht ohne ein touristisches Megaevent, das "markenstärkende Funktion" übernehmen soll.

Wir sagen: Aua, es tut weh. Hört auf mit dem Scheiß. Wir lassen uns nicht für blöd verkaufen. Liebe Standortpolitiker: Wir weigern uns, über diese Stadt in Marketing- Kategorien zu sprechen. Wir wollen weder dabei helfen, den Kiez als "bunten, frechen, vielseitigen Stadtteil" zu "positionieren", noch denken wir bei Hamburg an "Wasser, Weltoffenheit, Internationalität", oder was euch sonst noch an "Erfolgsbausteinen der Marke Hamburg" einfällt. Wir denken an andere Sachen. An über eine Million leerstehender Büroquadratmeter zum Beispiel und daran, dass ihr die Elbe trotzdem immer weiter zubauen lasst mit Premium-Glaszähnen. Wir stellen fest, dass es in der westlichen inneren Stadt kaum mehr ein WG-Zimmer unter 450 Euro gibt, kaum mehr Wohnungen unter10 Euro pro Quadratmeter. Dass sich die Anzahl der Sozialwohnungen in den nächsten zehn Jahren halbieren wird. Dass die armen, die alten und migrantischen Bewohner an den Stadtrand ziehen, weil Hartz IV und eine städtische Wohnungsvergabepolitik dafür sorgen. Wir glauben: Eure "wachsende Stadt" ist in Wahrheit die segregierte Stadt, wie im 19. Jahrhundert: Die Promenaden den Gutsituierten, dem Pöbel die Mietskasernen außerhalb.

Und deshalb sind wir auch nicht dabei, beim Werbefeldzug für die "Marke Hamburg". Nicht dass ihr uns freundlich gebeten hättet. Im Gegenteil: uns ist nicht verborgen geblieben, dass die seit Jahren sinkenden kulturpolitischen Fördermittel für freie künstlerische Arbeit heutzutage auch noch zunehmend nach standortpolitischen Kriterien vergeben werden. Siehe Wilhelmsburg, die Neue Große Bergstraße, siehe die Hafencity: Wie der Esel der Karotte sollen bildende Künstler den Fördertöpfen und Zwischennutzungs-Gelegenheiten nachlaufen – dahin, wo es Entwicklungsgebiete zu beleben, Investoren oder neue, zahlungskräftigere Bewohner anzulocken gilt. Ihr haltet es offensichtlich für selbstverständlich, kulturelle Ressourcen "bewusst für die Stadtentwicklung" und "für das Stadt-Image" einzusetzen. Kultur soll zum Ornament einer Art Turbo-Gentrifizierung werden, weil ihr die die üblichen, jahrelangen Trockenwohn-Prozesse garnicht mehr abwarten wollt. Wie die Stadt danach aussehen soll kann man in St. Pauli und im Schanzenviertel begutachten: Aus ehemaligen Arbeiterstadtteilen, dann "Szenevierteln", werden binnen kürzester Zeit exklusive Wohngegenden mit angeschlossenem Party- und Shopping Kiez, auf dem Franchising-Gastronomie und Ketten wie H&M die Amüsierhorde abmelken.

Die Hamburgische Kulturpolitik ist längst integraler Bestandteil eurer Eventisierungs- Strategie. Dreissig Millionen Euro gingen an das Militaria-Museum eines reaktionären Sammlerfürsten . Über vierzig Prozent der Ausgaben für Kultur entfallen derzeit auf die "Elbphilharmonie". Damit wird die Kulturbehörde zur Geisel eines 500-Millionen-Grabes, das nach Fertigstellung bestenfalls eine luxuriöse Spielstätte für Megastars des internationalen Klassik- und Jazz-Tourneezirkus ist. Mal abgesehen davon, dass die Symbolwirkung der Elbphilharmonie nichts an sozialem Zynismus zu wünschen übrig lässt: Da lässt die Stadt ein "Leuchtturmprojekt" bauen, das dem Geldadel ein Fünf-Sterne-Hotel und 47 exklusive Eigentumswohnungen zu bieten hat und dem gemeinen Volk eine zugige Aussichtsplattform übrig lässt. Was für ein Wahrzeichen!

Uns macht es die "wachsende Stadt" indessen zunehmend schwer, halbwegs bezahlbare Ateliers, Studio- und Probenräume zu finden, oder Clubs und Spielstätten zu betreiben, die nicht einzig und allein dem Diktat des Umsatzes verpflichtet sind. Genau deshalb finden wir: Das Gerede von den "pulsierenden Szenen" steht am allerwenigsten einer Stadtpolitik zu, die die Antwort auf die Frage, was mit städtischem Grund und Boden geschehen soll, im Wesentlichen der Finanzbehörde überlässt. Wo immer eine Innenstadtlage zu Geld zu machen ist, wo immer ein Park zu verdichten, einem Grünstreifen ein Grundstück abzuringen oder eine Lücke zu schließen ist, wirft die Finanzbehörde die "Sahnelagen" auf den Immobilienmarkt – zum Höchstgebot und mit einem Minimum an Auflagen. Was dabei entsteht, ist eine geschichts- und kulturlose Investoren-City in Stahl und Beton.

Wir haben schon verstanden: Wir, die Musik-, DJ-, Kunst-, Theater- und Film-Leute, die kleine-geile-Läden –Betreiber und ein-anderes-Lebensgefühl-Bringer, sollen der Kontrapunkt sein zur "Stadt der Tiefgaragen" (Süddeutsche Zeitung). Wir sollen für Ambiente sorgen, für die Aura und den Freizeitwert, ohne den ein urbaner Standort heute nicht mehr global konkurrenzfähig ist. Wir sind willkommen. Irgendwie. Einerseits. Andererseits hat die totale Inwertsetzung des städtischen Raumes zur Folge, dass wir – die wir doch Lockvögel sein sollen – in Scharen abwandern, weil es hier immer weniger bezahlbaren und bespielbaren Platz gibt. Mittlerweile, liebe Standortpolitiker habt ihr bemerkt, dass das zum Problem für euer Vorhaben wird. Doch eure Lösungsvorschläge bewegen sich tragischer Weise kein Jota außerhalb der Logik der unternehmerischen Stadt. Eine frische Senatsdrucksache etwa kündigt an "die Zukunftspotenziale der Kreativwirtschaft durch Stärkung ihrer Wettbewerbsfähigkeit zu erschließen". Eine "Kreativagentur" soll zukünftig u.a. "Anlaufstelle für die Vermittlung von Immobilienangeboten" sein. Wer sich die Mieten nicht leisten kann, muss sich als "künstlerischer Nachwuchs" einsortieren lassen und bei der Kreativagentur um "temporäre Nutzung von Leerständen" ersuchen. Dafür gibt es sogar einen Mietzuschuss, allerdings nur, wenn "die Dringlichkeit des Bedarfs und die Relevanz für den Kreativstandort Hamburg" gegeben sind. Unmissverständlicher kann man nicht klarstellen, was "Kreativität" hier zu sein hat: Nämlich ein profit center für die "wachsende Stadt".

Und da sind wir nicht dabei. Wir wollen nämlich keine von Quartiersentwicklern strategisch platzierte "Kreativimmobilien" und "Kreativhöfe". Wir kommen aus besetzten Häusern, aus muffigen Proberaumbunkern, wir haben Clubs in feuchten Souterrains gemacht und in leerstehenden Kaufhäusern. Unsere Ateliers lagen in aufgegebenen Verwaltungsgebäuden, und wir zogen den unsanierten dem sanierten Altbau vor, weil die Miete billiger war. Wir haben in dieser Stadt immer Orte aufgesucht, die zeitweilig aus dem Markt gefallen waren – weil wir dort freier, autonomer, unabhängiger sein konnten. Wir wollen jetzt nicht helfen, sie in Wert zu setzen. Wir wollen die Frage "Wie wollen wir leben?" nicht auf Stadtentwicklungs- Workshops diskutieren. Für uns hat das, was wir in dieser Stadt machen, immer mit Freiräumen zu tun, mit Gegenentwürfen, mit Utopien, mit dem Unterlaufen von Verwertungs- und Standortlogik.

Wir sagen: Eine Stadt ist keine Marke. Eine Stadt ist auch kein Unternehmen. Eine Stadt ist ein Gemeinwesen. Wir stellen die soziale Frage, die in den Städten heute auch eine Frage von Territorialkämpfen ist. Es geht darum, Orte zu erobern und zu verteidigen, die das Leben in dieser Stadt auch für die lebenswert machen, die nicht zur Zielgruppe der "Wachsenden Stadt" gehören. Wir nehmen uns das Recht auf Stadt – mit all den Bewohnerinnen und Bewohnern Hamburgs, die sich weigern, Standortfaktor zu sein. Wir solidarisieren uns mit den Besetzern des Gängeviertels, mit der Frappant-Initiative gegen Ikea in Altona, mit dem Centro Sociale und der Roten Flora, mit den Initiativen gegen die Zerstörung der Grünstreifen am Isebek- Kanal und entlang der geplanten Moorburg-Trasse in Altona, mit No-BNQ in St. Pauli, mit dem Aktionsnetzwerk gegen Gentrifizierung und mit den vielen anderen Initiativen von Wilhelmsburg bis St. Georg, die sich der Stadt der Investoren entgegenstellen.




Aus: "Not In Our Name, Marke Hamburg!"  (Inititative „Not In Our Name, Marke Hamburg!“ (2009))
Quelle: http://www.buback.de/nion/

http://nionhh.wordpress.com/about/

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[Branding das A und O... ]
« Reply #7 on: December 06, 2009, 03:41:28 PM »
Quote
[...] Und wie legen Galeristen ihre Preise fest?

Don Thompson: Auf jeden Fall nicht nur, indem sie sich überlegen, was ein Künstler wert sein könnte. Die Preise spiegeln auch das Ansehen des Kunsthändlers: Wenn ein Superstar-Händler wie Larry Gagosian in New York ein Werk anbietet, dann erzielt es das Doppelte oder Dreifache dessen, was ein normaler Händler verlangen könnte. Das Werk ist allein dadurch schon teurer, dass die berühmte Galerie Teil seiner Geschichte wird.


[...] Sie haben das Prinzip der Preisentwicklung auf dem Kunstmarkt mal mit einer Sperrklinke verglichen. Was muss man sich darunter vorstellen?
Don Thompson: Eine Sperrklinke ist ein Zahnrad, das sich nur vorwärts bewegt, nie rückwärts. Auf die Preise in der ersten Liga des Kunstmarkts übertragen bedeutet das: Aufwärts geht es immer, runter nie. Die Preise, die auf Auktionen für Werke eines bestimmten Künstlers verlangt werden, fallen nie.

Wie geht das?
Don Thompson: Auf Auktionen richtet sich der Schätzpreis nach den bisher erzielten Erlösen. Ein hoher Erlös bei einer Auktion führt zu höheren Schätzpreisen bei der nächsten, was wiederum einen höheren Verkaufspreis nach sich zieht. Aber wenn ein Werk zwei- oder dreimal unter dem Schätzpreis bleibt, wird der betreffende Künstler in Zukunft einfach nicht mehr angeboten, er gilt dann intern als gescheitert. Das erfährt natürlich die Öffentlichkeit nicht, aber es hat zur Folge, dass auf großen Auktionen nur noch die Künstler vertreten sind, deren Preise steigen.

Und was passiert mit Künstlern, deren Preise nicht steigen?
Don Thompson: Tja … Wenn eine Spitzengalerie nacheinander zwei Ausstellungen hat, bei denen die Werke eines bestimmten Künstlers nicht alle verkauft werden, lässt der Galerist eher den Künstler fallen als seine Preise. Schließlich beruht das Geschäft einer Galerie auf dem impliziten Versprechen an die Sammler: Was ihr bei mir kauft, steigt im Wert.

Welche Künstler sind Ihrer Meinung nach am deutlichsten überteuert?
Don Thompson: Es gibt eine ganze Reihe von Malern aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, deren Werke eine Zeit lang in Mode waren und Preise um die 12 000 Euro erzielten, die aber mittlerweile vergessen sind und jetzt nur noch für hundert Euro verkauft werden können.

[...] Preis und Wert hängen bei einem Künstler wie Pollock also nicht unbedingt zusammen?
Don Thompson: Im Kunstmarkt wird gern der künstlerische Wert eines Werks mit seinem Verkaufspreis gleichgesetzt. Dabei handelt es sich ja nur um eine kurzfristige Einschätzung. Der Preis ist das, was jemand morgen oder übermorgen für ein Kunstwerk zahlen könnte. Der Wert ergibt sich daraus, wie die Gesellschaft das Werk ein oder zwei Generationen später beurteilt, also nach ästhetischen und kunsthistorischen Kriterien.

[...] Und woran liegt es, dass die Superstars der zeitgenössischen Kunstszene es ganz nach oben geschafft haben?
Don Thompson: Am oberen Ende des Kunstmarkts, das etwa ein Prozent ausmacht, ist Branding das A und O: Der Künstler, der Händler, das Auktionshaus funktionieren nur als Marken, das gilt auch für die Museen und die Sammler, die mit den Werken eines Künstlers zu tun haben. Namen wie Koons oder Hirst oder eben auch Saatchi sind heute fast so gängig wie Modelabels oder Fußballvereine.

Soll heißen, die Inhalte sind weniger wichtig als der Eindruck?
Don Thompson: Ein Mitarbeiter des Auktionshauses Bonhams in London hat mir mal gesagt: »Unterschätze niemals die Unsicherheit eines Käufers, der zeitgenössische Kunst kaufen will.« Die Käufer verlassen sich auf bekannte Markennamen von Auktionshäusern, Galeristen und Künstlern, weil ihnen selbst die Urteilsfähigkeit abgeht. Wenn Sie sagen können, »Das Spot Painting von Damien Hirst habe ich bei einer Auktion von Sotheby’s gekauft«, wird niemand Ihr Urteil infrage stellen, denn das sind alles etablierte Markennamen, die Qualität bedeuten. Sie signalisieren damit, dass Sie als Sammler auf der Höhe der Zeit sind – und viel Geld haben.

Sind Auktionshäuser und Kunstsammler also einflussreicher als Kunstkritiker?
Don Thompson: Kunstkritiker haben so gut wie keinen Einfluss auf den Markt. Die Kunstgeschichte wird von Sammlern geschrieben. Niemand wäre je auf die Idee gekommen, dass Gustav Klimt zu diesem einen Prozent an der Spitze gehört. Aber dann kam 2006 der Unternehmer Ronald Lauder – der übrigens auch Präsident des New Yorker Museums of Modern Art ist – und zahlte den damaligen Rekordpreis von 135 Millionen Dollar für das Porträt von Adele Bloch-Bauer.

Laien erscheint das alles längst wie ein virtuelles Spiel mit Zahlen, die mit tatsächlichen Werten nichts mehr zu tun haben.
Oh nein, die Preise sind alles andere als virtuell. Wirtschaftlich gesehen spiegeln sie einfach das wieder, was ein Käufer zu zahlen bereit ist. Punkt. [...]

...


Aus: ""Ein Drittel der zeitgenössischen Kunstwerke wird nie wieder die Preise von 2008 erzielen""
Aus einem Interview mit Don Thompson Von Malte Herwig
Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/31707


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[Buy a Positive Review!... (Conny Blom)]
« Reply #8 on: December 09, 2009, 03:20:30 PM »
Quote
[...] Buy a positive review written by the renowned art critic and successful artist Conny Blom. For only 300 Euros you will get an approximately 2500 letters long, appreciative review of your artwork or exhibition. Conny Blom has written for the Swedish newspapers Helsingborgs Dagblad, Göteborgsposten and Nordvästra Skånes Tidningar, and the bilangual art magazine Heterogenesis. Alongside this and his highly praised artistic career he has also been teaching art theory at two Swedish art schools, and curating several exhibitions.

When contracted Blom will look at the material you provide and write a positive, personalized review, which will then be signed and delivered to you by mail. Blom's reputation will assure credibility and the document will make a nice addition to your C.V.


From: "Buy a Positive Review" (2003)
Source: http://www.connyblom.com/buy1.html

-.-

EXAMPLE REVIEW:

Quote
[...] Buy a Positive Review
Conny Blom at Art Moscow 2003
April 22-25
 

Certainly one of the most interesting art projects shown at this years Art Moscow is Swedish artist Conny Blom's "Buy a Positive Review". Blom's work often deals with the downsides of the capitalistic society and does so without becoming moralizing and pragmatic. He offers no simplified resolutions but always manages to bring urgent topics into the light with a certain twist that may make you look at things in a different way in the future. Blom carries out his projects with a great humanistic and social pathos.

Earlier this year he addressed patent and copyright issues with a much discussed computer installation at the highly praised international exhibition "Cultural Terrorism" at Galleri Valfisken in Simrishamn, Sweden. Together with the other participating artists Heath Bunting, Minerva Cuevas and Anna Brag, Blom made this the most relevant and interesting exhibition in Sweden so far this year. At "Cultural Terrorism" the theme was given, but now at Art Moscow the fair itself becomes the subject. In a country still young in it's capitalistic system the fair concept might be seen as something of a symbol of blatant commercialism turning art into numbers and dollar signs. A strange Market where success means shaking the right hands and kissing the right ass more than providing thought provoking works of art.

In "Buy a Positive Review" Conny Blom plays with his background as a renowned art critic and art historian while simultaneously questioning the possibility of objective critique. The idea is simple. For 300 Euro any artist, gallery owner or curator can buy a personalized, positive review of work and/or exhibitions. Blom will look at the art in question and then write in appreciative terms. The signature on the review assures that the opinions within the text really are Blom's, but at the same time it transforms the paper into an artwork and hence to something quite ambiguous. Blom slides smoothly between the roles as an art critic and an artist making his work into an effective mix of forceful satire and investigative contemporary art. What at the surface might seem only to corrupt Blom's credibility, turns into a full fledged attack on both art critics and the art business in general. Definitely a multilayered work by one of the most interesting Swedish artists right now.


From: "Buy a Positive Review - Conny Blom at Art Moscow" (2003 April 22-25)
Source: http://www.connyblom.com/buy2.html


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[Kunst und die Unfehlbarkeit des Marktes... ]
« Reply #9 on: January 01, 2010, 08:03:16 PM »
Quote
Es wird weniger Kunst von niedrigem Niveau gekauft, weil der Markt schrumpft.

(Klaus Biesenbach)


Aus: "These 9: Die Wirtschaftskrise hat die Kunst gerettet" (Gesellschaft/Leben  | Heft 53/2009)
Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/32047

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[Überlegungen zum Verhältnis... ]
« Reply #10 on: May 11, 2010, 11:49:23 AM »
Quote
[...] “Die ökonomischen, emotionalen, ethischen und ästhetischen Probleme sind jedoch bis heute einer Verflüssigung nicht viel näher gekommen. Und so, wie die in ein übergreifendes Herrschaftssystem eingebettete Religion als Kirche in ihr emotionales Gegenteil geführt wurde – von deren inneren Schau als Befreiung zur veräußerlichten, bloßen Form als Unterdrückungs- und Machtinstrument, hat sich auch die Funktion der Künste für die Gesellschaft gewandelt, Museen sind heute Staats- und Markt-Kathedralen ökonomischer, und damit politischer, Kräfte.

Mit ihnen schreibt man die Geschichte des Kapitals auf perfideste Weise fort. Sie repräsentieren nicht mehr Erkenntnisse der philosophischen, sozialen und ästhetischen Reflexion, sondern ein Wertesystem von Shareholder Values, und könnten auch „Dow Jones Memorials“ oder „Gebäude zum Dax“ genannt werden. D.h. auch: der Begriff postmoderne Willkür ist schon wieder ein Gespenst, denn willkürlich ist da nichts. Nur sind es nun die Werte des angeblich freien Marktes, die den Tausch eines vermeintlich bohemiantischen Lebensgefühls gegen Börsenaktien tauschen lassen. Abstraktionswert Geld gegen einen seiner Inhaltlichkeit, Geschichtlichkeit und Geistigkeit beraubten Geschmackswert.

[...] Geschmacksfragen sind im heutigen Jargon Fragen der Schichten und Zielgruppen – Also doch: Klassenfragen. Aber die Hoffnung, die in der Kunst sich manifestiert, ist auf freie Entfaltung des frei entfalteten Individuums gerichtet, daß sich seiner gesellschaftlichen Bedingt- und Verhältnismäßigkeiten sensibel und intelligent bewußt ist.

[...] Es ist das Ringen um Freiheit und Ausdruck, daß in jeder Gesellschaft ständig bedroht ist. Besonders dann, wenn art bzw. kunstferne Kategorien ihre erkenntnistheoretischen und praktischen Ergebnisse negieren und als Frage von Angebot und Nachfrage in ein heuchlerisches System transformieren. …”


Aus: “„Wie lange wollen Sie noch beim ersten Schritt bleiben?“ (Joseph Beuys) – Modelle operativer Kunst zwischen Avantgarde und Anarchismus Überlegungen zum Verhältnis von Kunst und Politik”
Von Gunnar F. Gerlach (jst-gfg-gfok 1996)
=> http://medienwatch.wordpress.com/modelle-operativer-kunst-zwischen-avantgarde-und-anarchismus-uberlegungen-zum-verhaltnis-von-kunst-und-politik/


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[Die Macht der Geschmacksverstärker... ]
« Reply #11 on: May 12, 2011, 01:12:35 PM »
Quote
[...] Es gibt inzwischen unzählige Preise und Stipendien für Kuratoren, auch das Goethe-Institut hat kürzlich ein Residency-Programm für Jungkuratoren in New York initiiert: Mit der Unterstützung eines großen Autokonzerns darf der Auserwählte ein Jahr lang den Goethe-Ausstellungsraum Ludlow Space in Manhattans Lower East Side bespielen.

... Aus der unendlichen Masse von Kunstwerken und Künstlern wählt der Kurator die Perlen aus und präsentiert sie uns in Ausstellungen. Der Kurator hat die Macht der Entscheidung, er hat die gleiche Funktion wie ein DJ, er sorgt für die richtige Mischung und entdeckt für uns die neuen heißen Trends.

... Gut 150 verschiedene Kunstbiennalen soll es inzwischen geben, aber weil es dennoch weitaus mehr Kuratoren als Ausstellungen gibt, wird heute alles mögliche kuratiert, von Magazinen über Filmabende, von Modenschauen bis zu Blogs, selbst Podiumsdiskussionen.

... Ein bedeutender Kurator kann aus ein bisschen Leinwand Gold machen: Promoviert er einen unbekannten Künstler, dann vervielfacht sich nicht nur dessen sozialer, sondern auch der ökonomische Wert auf geradezu märchenhafte Weise. Anders als im Markt der Musik, des Filmes oder des Buches entscheidet letztlich nicht eine große Menge von Käufern über Erfolg und Scheitern, sondern eine relativ kleine Gruppe. Sie bestimmt, wie viel ein Kunstwerk von Jeff Koons oder Anselm Reyle wert ist. Und so werden die erfolgreichen Kuratoren hofiert, von den Sammlern, von den Galeristen, von den Künstlern.

... Die Macht der Geschmacksverstärker zeigt sich auch in der großen Spannung, mit der Sammler, Händler und Kritiker die Listen der teilnehmenden Künstler für die großen Biennalen erwarten – die Biennalen und die Documenta, das sind die Loveparades der Kuratoren.

... Selbstverständlich unterscheiden sich die Kuratoren, es gibt verschiedene Typen und Mischformen. Viele von ihnen sind Autodidakten – der klassische Kustos, der wissenschaftlich arbeitende Mitarbeiter eines Museums, macht nur einen geringen Prozentsatz aus. Verbreiteter ist der Tausendsassa, der möglichst viel kennenlernen und zeigen will, der selten aneckt und ein guter Netzwerker ist. Daneben gibt es auch den Politisch-Kritischen, der mit einem gewissen Pathos die Sache der Peripherie, der Randständigen vertritt, und den Inneneinrichter, der dem Reichen die passende Sammlung für die Wohnung in Chelsea zusammenstellt. Der historisch arbeitende Kurator wiederum gräbt die Vergessenen aus und will die Migration der Formen durch die Geschichte nachzeichnen. Und es gibt den Künstler-Kurator, also den Künstler, der seine Kollegen ausstellt. Doch nicht nur er, auch eine große Zahl der übrigen Kuratoren versteht sich mehr oder minder als Künstler. Schließlich wurde mit dem erweiterten Kunstbegriff zugleich die Ausstellung zum Medium, der Kurator also zum Mitautor eines Gesamtkunstwerks. Der Kurator ist, so das Selbstverständnis, Teil des Produktionsprozesses. Und so ist er – erst recht in einer Kunst, die sich um das sogenannte Prozessuale dreht – nicht nur Geschmacksverstärker, sondern heimlich auch Schöpfer.

...


Aus: "Die Macht der Geschmacksverstärker" Tobias Timm (12.5.2011)
Quelle: http://www.zeit.de/2011/19/Kunst-Kuratoren


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[Die Möglichkeiten der Kunst sind... ]
« Reply #12 on: March 15, 2012, 09:42:20 AM »
Quote
[...] Es geht um die (Un)Möglichkeit von Kunst – selbstverständlich wollen die beiden Musiker nur Geld verdienen, um sich ihren „eigentlichen“ Projekten widmen zu können – um die Brutalität eines Arbeitsalltages, den man zusätzlich zur Fremdbestimmung noch als Freiheit empfinden soll, um eine totale Gesellschaft, die kritisches Denken in Kreativwirtschaft überführt.

... Das Hamburger Publikum dankte mit viel Gelächter, Szenenapplaus und anhaltendem Beifall. Allerdings hinterlässt einen selbst der Abend ... nicht so verstört, dass es am nächsten Tag unmöglich wäre, einen Text zu schreiben. ... Die Möglichkeiten der Kunst sind begrenzt.


Aus: "Vom gutgelaunten Grauen" Hanning Voigts (12.03.2012)
Quelle: http://www.freitag.de/kultur/1210-vom-gutgelaunten-grauen


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[Kunst und vorbeischlendernde Betrachter... ]
« Reply #13 on: June 20, 2012, 11:27:04 AM »
Quote
[...] Hannover wirbt [ ] mit bunten, runden Figuren im Stadtbild, genannt Nanas und geschaffen von der Künstlerin Niki de Saint Phalle. Warum schaffen es die Nanas in die Broschüren mit den touristischen Highlights und nicht Kurt Schwitters „Kathedrale des erotischen Elends“?

„Niki des Sant Phalles Popart ist kommerziell und populär, sie lässt sich gut vermarkten“, sagt Christian Nolte, Geschäftsführer der Hannover Marketing und Tourismus GmbH. „Typographie, Gestaltungstechnik und Collage sind wesentlich komplexere Ausdrucksformen, die sich dem vorbeischlendernden Betrachter nicht sofort erschließen“, sagt er. „Da ist es nicht so leicht.“

...


Aus: "Berühmt im Verborgenen" von Klaus Irler (20.06.2012)
Quelle: https://www.taz.de/125-Jahre-Merz-Kunst/!95699/


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[Wer aus seinem Werk ein Produkt machen will... ]
« Reply #14 on: August 13, 2012, 01:32:49 PM »
Quote
[...] Wer aus seinem Werk ein Produkt machen will, der wird vom Künstler zum Lieferanten oder Dienstleister, es ist gut, das nicht zu vernebeln, das ist eine Voraussetzung für den Erfolg. Eine andere Voraussetzung ist, dass ein Produkt entwickelt wird, das überhaupt vermarktbar ist.


Aus: "Kunstwerk oder Ware?" Jörg Friedrich (12.08.2012)
Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/37/37321/1.html