Author Topic: [Masse und Macht... (Elias Canetti)]  (Read 4094 times)

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[Masse und Macht... (Elias Canetti)]
« on: November 20, 2006, 12:38:12 PM »
Quote
[...] Dabei analysiert er – scheinbar wertfrei – eine Reihe von Beispielen des Massenverhaltens aus primitiven und modernen Gesellschaften. Das Faszinierende und gleichzeitig Beunruhigende an der Vorgehensweise des Autors ist, dass er die Masse nicht in erster Linie als Instrument der politischen Macht oder Abart des menschlichen Verhaltens darstellt, sondern als eigene Existenzform, die irgendwo zwischen Vernunftmensch und Gesellschaft lauert und potenziell überall (beim Sport, im Theater, im Gottesdienst oder im Krieg) ihr auf Handlungstrieben basierendes Unwesen treibt. Dadurch zeichnet sich Masse und Macht als hervorragende soziologische Studie, aber auch politisches Werk aus.
Aufbau: Dem Werk liegt eine lose, sehr eigenwillige Struktur zu Grunde, die bereits im Titel angedeutet wird.

[...] Schon der junge Canetti war fasziniert und beunruhigt von den Phänomenen, die sich mit diesen Begriffen benennen lassen. Das Leben der Menschen folgt eigenartigen Gesetzen. Bereits als Kinder gehorchen wir den Befehlen unserer Erzieher. Früh sind wir angehalten, "freudig" unsere Pflicht zu tun. Aber auch die Gesellschaft im ganzen ist dem zwanghaften Mechanismus von Befehl und Gehorsam ausgesetzt. Um miteinander auszukommen, folgt die Masse bestehenden Gesetzen, doch kennt die Geschichte auch genügend Beispiele, wo die Massen blind dem Diktat eines Tyrannen oder einer Weltanschauung folgen. Aber Vorsicht! Massen entwickeln gelegentlich eine Eigendynamik - sie können aufhetzen und Minderheiten verfolgen, Könige oder Regierungen stürzen und selber die Macht für sich beanspruchen.


Aus: "Über: Masse und Macht" von Elias Canetti (Stand: 11/2006)
Quelle: http://www.amazon.de/Masse-Macht-Elias-Canetti/dp/3596265444

« Last Edit: December 06, 2007, 04:17:29 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Masse und Macht... (Notiz, Canetti)]
« Reply #1 on: December 06, 2007, 04:16:57 PM »
Quote
[...] Masse und Macht ist das 1960 erschienene Lebenswerk des späteren Literaturnobelpreisträgers Elias Canetti. „Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes. […] Es ist die Masse allein, in der der Mensch von seiner Berührungsfurcht erlöst werden kann.“ Diese ersten Sätze aus Masse und Macht besagen nichts anderes, als dass der Mensch von Natur aus kein soziales Wesen ist. Nicht Empathie charakterisiert den Menschen, sondern die Furcht vor der Berührung diktiert sein Leben. Befindet sich der Mensch in der Öffentlichkeit, verlangen zufällige Berührungen mit anderen Menschen nach einer Entschuldigung. Steht der Mensch im Aufzug, drängt er sich in eine Ecke, um nicht in Kontakt mit den Anderen zu geraten. Und das Einschließen in die Häuser ist nichts anderes als ein Versuch des Menschen, sich dem bedrohlichen Fremden der Welt zu entziehen.

Einzig in der Masse, diesem von „Affekten“ geleiteten Gebilde verliert der Mensch seine Furcht vor der Berührung, kann es zu einem Zustand der „Entladung“ kommen, zu dem Moment, an dem alle „ihre Verschiedenheiten loswerden und sich als gleiche fühlen“. Der Verlust jeder Individualität wird dabei als befreiender Akt betrachtet, da der Einzelne nicht mehr alleine der chaotischen Welt gegenüber steht. Jetzt, da sich alle gleich fühlen, ist die Furcht vor dem Fremden innerhalb der Masse zwar aufgehoben, doch das Andersartige der Welt da draußen wird der Masse umso deutlicher bewusst. Das Andersartige gefährdet das „Überleben“ der Masse, da es Alternativen zu dem Zustand der Gleichheit aufzeigt. Und so ist die auffälligste Eigenschaft einer Masse die „Zerstörungssucht“. Um ihr eigenes Überleben zu sichern, will sie das Andere vernichten.

Masse und Macht ist nicht nur das Lebenswerk des späteren Nobelpreisträgers für Literatur, Elias Canetti, es ist seine Obsession, an der er über zwanzig Jahre arbeitet. Masse und Macht ist ein ausuferndes Werk, angesiedelt zwischen Anthropologie, Sozialpsychiatrie, Ethnologie, Philosophie, Mythenüberlieferung und vermeidet einzig den von Gustave Le Bon und Sigmund Freud geprägten Begriff der klassischen Massenpsychologie. Mit Hilfe der Massenpsychologie versuchten Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts vorwiegend bürgerliche Kräfte das Phänomen der politisierten Volksmasse zu neutralisieren. Die Masse interpretierten sie nicht wie Karl Marx und Friedrich Engels ideologisch als aktives Revolutionsheer, sondern kulturkritisch als „Gesamtheit der nicht besonders Qualifizierten“ (José Ortega y Gasset).

Persönlich von den Septemberunruhen 1870 in Paris geprägt begründete der französische Arzt Gustave Le Bon 1895 mit seiner Studie „Psychologie des foules“ die Massenpsychologie. Le Bon erkannte in der Volksmasse die „jüngste Herrscherin der Gegenwart“. Ihn beschäftigte die Frage, welche destruktiven Kräfte durch ihre Herrschaft freigesetzt werden können. So wie zwei Jahrzehnte später Sigmund Freud in seiner 1921 veröffentlichten Studie „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ sah Le Bon in der Masse den Sieg des triebhaft Unbewussten über den menschlichen Geist. Die Beeinflussbarkeit einer Masse führe dazu, dass sie sich einer höheren Idee oder einem vermeintlich höheren Wesen unterwerfe. Irrationalität und Pseudo-Religiosität erhalten somit eine entscheidende politische Komponente.

Sigmund Freud baute auf Le Bons Überlegungen auf. Die Masse, so deutete er, werde zweifach libidinös gebunden. Einmal verbänden sich die Individuen durch den Herdentrieb miteinander, des anderen brauche eine Masse immer auch einen Führer, dem sie bedingungslos folgen könne. Freud verglich dieses Phänomen mit dem Zustand der Verliebtheit. Der Führer sei das idealisierte Sexualobjekt der Masse, das unerreichte Ich-Ideal, in dessen Person all die unerfüllten Wünsche der Masse projiziert werden.

Während der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno (1903-1969) in Freuds Studie eine geniale Vorausdeutung des Nationalsozialismus sah, war für Elias Canetti Freuds psychoanalytische These völlig unzureichend. Weder unterschied Freuds Analyse zwischen spontanen Massenbewegungen und hierarchisch strukturierten Gruppen, noch war die Libido-Bindung an den Führer eine ausreichende Erklärung für autoritäre Machtstrukturen.

Nicht die Erkenntnisse Le Bons und Freuds stellen Canettis Zugang zum Massenphänomen dar, es sind seine eigenen mythisch überhöhten Massenerlebnisse, die ihn ergründen lassen wollen, was die Masse ist. Anhand persönlicher Erfahrungen kommt Canetti der Gedanke, dass es im Menschen einen Massentrieb gibt, der im Widerstreit zum Persönlichkeitstrieb steht. Rückblickend erinnert er sich in seiner Lebensgeschichte: „Daß etwas die Menschen dazu zwinge, zu Masse zu werden, schien mir offenkundig und unwiderlegbar, daß die Masse zu Einzelnen zerfiel, hatte nicht weniger Evidenz, ebenso daß diese Einzelnen wieder Masse werden wollten. [...] Was die Masse aber selbst wirklich war, das wußte ich nicht, es war ein Rätsel, das zu lösen ich mir vornahm.“

Die Entstehungsgeschichte von Masse und Macht beginnt 1922 zu Anfangszeiten der Weimarer Republik. Anlässlich eines Demonstrationsmarsches gegen die Ermordung des deutschen Außenministers Walther Rathenau hat der junge Elias Canetti sein erstes Massenerlebnis. Prägender wird ein Jahr später die erniedrigende Erfahrung der Inflation sein, von der er rückblickend in Masse und Macht schreiben wird: „Die Inflation ist ein Massenphänomen im eigentlichsten und engsten Sinne des Wortes. In diesem Vorgang findet sich jene Eigenschaft wider, die ich als besonders wichtig und auffallend bezeichnet habe: die Lust am rapiden und unbegrenzten Wachstum. Aber dieses Wachstum ist ins Negative gewendet.“

Gegen den eigenen Willen von einer Entwicklung mitgerissen zu werden, dieses Gefühl kehrt vier Jahre später in Wien leibhaftig zu Canetti zurück. Während eines Arbeiteraufstandes am 15. Juli 1927 wird der an sich unbeteiligte Canetti vom Strom der Demonstranten mitgerissen. Jahrzehnte später erinnerte er sich wie folgt an diesen Aufstand: „Es sind 53 Jahre her, und die Erregung dieses Tages liegt mir noch heute in den Knochen. Ich wurde zu einem Teil der Masse, ich ging vollkommen in ihr auf, ich spürte nicht den leisesten Widerstand gegen das, was sie unternahm.“

Canetti als Schriftsteller treibt nicht so sehr die Neugierde, was die Masse ist, sondern wie sie ist. Dabei zerfällt das ‚wie’ in zahlreiche Nuancen. Canetti untersucht neben den menschlichen auch imaginäre Massen. Le Bons und Freuds ausschließlich soziologische Fragestellung erweitert Canetti somit um elementare Untersuchungen.

Canetti besitzt einen variablen Erzählerstandpunkt. Er sitzt nicht auf dem Analytikerstuhl, sondern will in der Masse aufgehen, um eigene Erfahrungen zu sammeln. Er teilt nicht die negativen Betrachtungsweisen von Le Bon und Freud. Die von ihnen dargestellte Regression des Verstandes auf das Niveau von Wilden (Le Bon) ist für Canetti kein Argument gegen die Masse, sondern ein Erkenntnismittel, mit welchem er sich anhand einzelner Mythen von Naturvölkern einen weiteren Zugang zur Masse eröffnet. Im Eintritt in eine Masse sieht Canetti einen Zustand der Befreiung von den Ich-Grenzen, den er nicht verurteilt, sondern als anthropologischen Trieb versteht.

Vier allgemeingültige Eigenschaften einer Masse benennt Elias Canetti in Masse und Macht:

1. Die Masse will immer wachsen.

2. Innerhalb der Masse herrscht Gleichheit.

3. Die Masse liebt Dichte.

4. Die Masse braucht eine Richtung.


Doch die Masse an sich existiert nicht. Sie ist entweder tödlich als „Hetzmasse“ oder Lebensbejahend als „Festmasse“. Sie flieht vor äußeren Gefahren als „Fluchtmasse“ oder erhebt sich als „Umkehrungsmasse“ revolutionär gegen bestehende Unterdrückung. Massen sind vielfältig und nicht immer real. Seine Masse-Untersuchung dehnt Canetti im Verlauf von Masse und Macht auf imaginäre „kollektive Einheiten aus, die nicht aus Menschen bestehen und dennoch als Masse empfunden werden“.


[...]

In totalitären Systemen ist die Macht in der Hand des Machthabers gebündelt. Für Canetti ist Macht eine Chiffre für Gewalt. So schreibt er in Masse und Macht, dass die Macht sich in ihrem archaischsten Moment als „Augenblick des Überlebens“ offenbare, immer dann wenn ein Lebender triumphierend einem Toten gegenüberstehe.

Macht zu besitzen bedeutet zu überleben. Das Recht, über Leben und Tod zu entscheiden, ist folgerichtig das sicherste Instrument zur Macht- und Lebenserhaltung. Dieses Instrument des Schreckens, so Canetti, komme in totalitären Systemen nun als Recht daher und verleihe dem Diktator den Anschein einer Gottesähnlichkeit.

Doch ein Diktator ist kein Gott. Stattdessen definiert Canetti ihn als paranoiden Machthaber. Die Wahrung seiner Macht sei ihm das Wichtigste und gleichzeitig sei in ihm das permanente Gefühl der Bedrohung präsent. Die Masse seiner Untertanen könne der paranoide Machthaber nur dadurch unter Kontrolle halten, dass er exzessiv über ihr Leben und ihren Tod entscheide. „Seine sichersten, man möchte sagen seine vollkommensten Untertanen sind die, die für ihn in den Tod gegangen sind“ – ob im Krieg, in Schauprozessen oder in Vernichtungslagern.

[...]

Die Rezeptionsgeschichte von Masse und Macht verlief im deutschsprachigen Raum unglücklich. Was Masse und Macht zu einem verstörenden Werk macht, ist das Fehlen der Kategorie der Vernunft. In Masse und Macht sind die menschlichen Ur-Instinkte zwar zivilisatorisch domestiziert, doch brechen sie immer wieder hervor und bestimmen das Leben des Menschen. Aus diesem Konstrukt gibt es augenscheinlich kein Entkommen. Canetti zeigt keinen Ausweg auf, wie der Todesgewalt des simplen Befehls entgegengetreten werden kann, außer dem Hinweis, dass man nur dann ein freier Mensch ist, wenn man sich allen Befehlen entzieht. Das hieße, der Mensch muss asozial werden. Ethisches Handeln ist ausgeschlossen. Interaktion ist tatsächlich nur noch in der Masse möglich.

Canetti ist Dichter, kein Wissenschaftler. Masse und Macht sprengt nicht nur sämtliche universitären Schubladen, es weigert sich auch auf gängige wissenschaftliche Begriffe zurückzugreifen. Für Theodor W. Adorno lag das Skandalon von Masse und Macht in der nicht präzise getroffenen Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Imagination. Die von Canetti leibhaftig empfundenen Massensymbole sind es, die Adornos Unwillen erregen, wie auch die zahlreich eingearbeiteten mythischen Überlieferungen der afrikanischen, asiatischen, amerikanischen und australischen Ureinwohner.

Doch gerade dieser komplexe Realitätsbegriff prägt das gesamte Werk des Dichters. Es ist die Grundhaltung im schriftstellerischen Wirken Canettis, Mythen und Vorstellungen als etwas Erlebbares zu begreifen. Dieses Ethos, das verlangt, den Blickwinkel auf die Realität immer wieder neu zu verschieben, ist die besondere Qualität des Werkes, selbstverständlich ist dies auch die besondere Problematik. Masse und Macht ist keine empirisch überprüfbare soziologische Analyse. Masse und Macht deutet nicht, sondern beschreibt nur.

Vielfalt kennzeichnet Masse und Macht. Vielfalt der Quellen, wie auch Vielfalt der Darstellung. Als Dichter übersetzt Canetti Massenphänomene ebenso in Bilder wie Machtstrukturen. Canetti, dessen legendäre Todesfeindschaft nicht daher rührte, dass er den Tod per se bekämpfen wollte, sondern der in der gesellschaftlichen Akzeptanz der Banalisierung des Todes eine der Hauptursachen für das Zustandekommen von totalitären Machtstrukturen entdeckte, leistet also primär eine Übersetzungsarbeit.

Dabei offenbart Masse und Macht beträchtliche Mängel. Wer verstehen will, wie ganz normale Männer und Frauen an Judenvernichtung, an Folter und Massenerschießungen teilnehmen können, wird Canettis Befehlsstachelmodell als ungenügend empfinden. Canettis anthropologische Betrachtungsweisen können geschichtliche Vorgänge in ihrer Komplexität nicht vollständig erfassen.

Und trotz oder gerade wegen seiner Schwächen leistet Masse und Macht eine erstaunlich feinfühlige Betrachtung kollektiver Vorgänge und Machtstrukturen. Gerade in seinen eigenen Übersetzungen fernab vom wissenschaftlichen Vokabular liefert Canetti erhellende Einsichten. Canetti, der Ideologien verabscheut, teilt seine Weltanschauung nicht offen mit. Erkenntnis muss der mündige Leser selbst gewinnen. So wie sich Canetti der Masse immer wieder neu nähert, muss dieses Werk auch immer wieder neu erschlossen werden.

...


Aus: "Masse und Macht" (12/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Masse_und_Macht


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[Die Emotionalität eines Publikums... ]
« Reply #2 on: November 14, 2011, 02:58:03 PM »
Quote
[...] Hitlers rhetorische Theorie fusst fast gänzlich auf der Verachtung der Massen. Eine Masse sei nicht sehr intelligent und habe ein immenses Potenzial zu vergessen, schreibt er. Das «deutsche Volk», das er verführen und das ihn gross machen sollte, bestehe aus Dickschädeln, Querköpfen und Dummköpfen. Deshalb müsse auch das Angriffsziel einer Rede nicht der Intellekt, sondern die Emotionalität eines Publikums sein. Ein guter Redner passe sich dem Niveau des Publikums an, liefere also möglichst primitive und deutliche Erklärungen für Probleme.

Auch die brillanteste Propaganda-Technik tauge nichts ohne Wiederholung, schrieb Hitler. Der Redner solle sich auf wenige und einfach Slogans konzentrieren, seine Gedanken langsam aufbauen und das Gesagte immer wieder mit unterschiedlichen Beispielen wiederholen. Gerade weil das Publikum so dumm sei, müsse man es mit den einfachsten Formeln so lange penetrieren, bis auch der Hinterletzte verstehe, was man ihm zu verstehen geben wolle.

Propaganda, so Hitlers Überzeugung, dürfe niemals abwägen, denn ihr Ziel sei nicht die objektive Wahrheitsstudie, die dem Publikum mit akademischer Fairness dann präsentiert werde. Bei der Propaganda gehe es einzig und alleine darum, die eigene Seite stark zu machen. Dazu brauche es konsequentes Schwarz-Weiss Denken. Bei Hitler heisst es also immer alles oder nichts, Liebe oder Hass, richtig oder falsch, Wahrheit oder Lüge.

Auch bei der Wahl des Gegners müsse sich der Redner entscheiden, so Hitler. Tauchten zu viele Gegner auf, verwirre das die Menschen und es bestehe die Gefahr, dass sie abzuwägen begännen. Es sei notwendig, sich auf einen einzigen Feind zu konzentrieren, um gemeinsam gegen ihn marschieren zu können. Und wenn man verschiedene Feinde habe, müsse man es immer so darstellen, als gehörten sie alle zur selben Kategorie. In Hitlers Fall waren das die Juden und die Kommunisten, die er zur jüdisch-bolschewistischen Bedrohung hinaufstilisierte.

Hitler war überzeugt, dass der Zweck die Mittel heiligt. Deshalb hielt er auch die Lüge für ein nicht nur probates, sondern auch legitimes Mittel. Auch hier handelte er nach der Maxime: think big. Je grösser die Lüge, desto glaubwürdiger sei sie für die Masse. Denn kleine Lügen erzähle jeder mal, doch die meisten Menschen würden aus Scham davor zurückschrecken, eine grosse Lüge zu erzählen, weshalb sie sich auch nicht vorstellen könnten, dass jemand anders ihnen die infamste aller Lügen mit grosser Geste auftischen würde.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Hitlers rhetorische Rezepte ungebrochen wirksam sind. Einen Feind definieren, die Sachlage vereinfachen, polarisieren, Slogans wiederholen, lügen im grossen Stil – das sind Rezepte, die man heute im politischen Alltag ebenso beobachtet wie in der Werbung. Bleibt die Hoffnung, dass die Masse durch die Geschichte etwas klüger geworden ist. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.11.2010, 13:11 Uhr

...

Quote
Andreas D. Meier
25.11.2010, 14:24 Uhr

Die Gestik bei einer Rede ist sehr wichtig! Es ist bekannt, dass Hitler seine Körpersprache stundenlang vor einem Spiegel eingeübt hat. Sein "Hoffotograf" Hoffmann hat das eindrücklich festgehalten, Hitler hat nichts dem Zufall überlassen.


Quote
marie berner
24.11.2010, 13:17 Uhr

die dumme, bildungsferne masse mit einfachen slogans zudröhnen, bis sie es glauben. es funktioniert noch immer.



Aus: "Rhetorik-Serie (6): Die Rhetorik des Bösen"
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 24.11.2010
Quelle: http://bazonline.ch/kultur/diverses/RhetorikSerie-6-Die-Rhetorik-des-Boesen/story/14482339


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[Masse und Macht... ]
« Reply #3 on: January 23, 2019, 10:34:38 AM »
Quote
[...] Seit der Wende zum 21. Jahrhundert beobachtet Rücker jedoch eine Rückkehr politischer Massen: Bewegungen wie „Occupy Wallstreet“, der Arabische Frühling oder die sogenannten Gelbwesten, die aktuell in Frankreich gegen die Sozialpolitik der Regierung protestieren.

Rücker: „Das sind führerlose Massen, die keinen Sprecher haben, der für die gesamte Masse spricht, den man adressieren könnte auch von der Seite der etablierten politischen Parteien. Das ist ein Beispiel für die „Masse der Einzelnen“, es ist aber auch ein Beispiel für eine Masse, die sich wieder relativ offensiv als Klasse manifestiert.“

Neue politisierte Massen dieser Art folgen aus Rückers Sicht anderen Regeln, als sie die klassischen  Massen-Theorien beschrieben haben. Psychologen wie Gustave Le Bon und Sigmund Freud verglichen das Massenerlebnis mit einer Hypnose. Ein derartiges Machtgefälle zwischen Führer und Verführten finde man in heutigen Massen nicht, meint Rücker. Auch die traditionelle Deutung, derzufolge die Masse alles Individuelle einebne und sogar zu zerstören drohe, müsse deutlich relativiert werden.

Rücker: „Wenn wir uns heutige Massen anschauen, dann ist das überhaupt nicht mehr der Fall. Die Einzelnen sind in Massen deutlich sichtbar, sie verschwinden nicht, sondern sie werden eigentlich gestärkt. Man kann sogar sagen, sie werden überhaupt erst sichtbar als Einzelne, wenn sie in Massen erscheinen.“

In dem Buch „Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen“ plädiert Sven Rücker gemeinsam mit dem Philosophen und Sportwissenschaftler Gunter Gebauer deshalb dafür, die Masse nicht einseitig negativ zu deuten. Der klassischen Massentheorie müsse eine neue, zeitgemäße entgegengestellt werden. Was die durchaus ambivalente Attraktion von Massen ausmacht und ihre Sogwirkung erklärt, dazu habe Elias Canetti in seiner Studie „Masse und Macht“ bereits 1960 einige treffende Beobachtungen gemacht.

Rücker: „Dort sagt er: Normalerweise wollen wir nicht berührt werden, wir wollen immer eine Distanz zwischen uns und den anderen haben, Canetti spricht von ‚Berührungsfurcht‘. In Massen schlägt diese Furcht aber in ein berührt werden Wollen um. Das ist ein Ausnahmezustand, den wir aber manchmal temporär erleben wollen, gerade weil er etwas Außer-Alltägliches ist. Dieses Umschlagen der Berührungsfurcht ist, glaube ich, ganz wichtig, wenn man verstehen will, warum Massen so eine Sogwirkung auslösen können.“

Wer die Macht der Masse von innen erfährt, kann sie als ekstatisches Glücksgefühl erleben: als Überschreitung eigener Grenzen und Resonanz mit Gleichgesinnten – sei es auf einem Konzert, im Fußballstadion oder beim gemeinsamen Streit für eine gerechte Sache. Zugleich können Massen von außen sehr bedrohlich wirken – etwa wenn Populisten ihren Unmut auf die Straße tragen und dabei den Grundkonsens gesellschaftlicher Werte in Frage stellen.

Gibt die Rückkehr politischer Bewegungen auf die Straße also Anlass zur Hoffnung oder eher zur Sorge? Sven Rücker erkennt die Ambivalenz der neuen Massen, aber seine Antwort fällt eindeutig aus:

„Wenn man irgendeine Form von Hoffnung hat, dann muss man sowieso auf Massen setzen, denn verändert werden kann etwas nur durch Massen.“

Gunter Gebauer, Sven Rücker: Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2019, 352 Seiten



Aus: "Philosoph Sven Rücker über die Macht der Vielen: „Ohne Massen keine Veränderung“"
Sven Rücker im Gespräch mit Simone Miller (Sein und Streit, 20.01.2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/philosoph-sven-ruecker-ueber-die-macht-der-vielen-ohne.2162.de.html?dram:article_id=438754

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[Masse und Macht... (Elias Canetti)]
« Reply #4 on: August 14, 2019, 10:09:23 AM »
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[...] "Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes." Der berühmte erste Satz von Elias Canettis Untersuchung Masse und Macht scheint idealtypisch dazu geeignet, Unbehagen zu wecken.

Das Buch, 1960 veröffentlicht, brauchte viele Jahre, um die ihm gebührende Anerkennung zu ernten. Canetti (1905-1994), der in London lebende Exilant, hatte sich nichts Geringeres vorgenommen, als ein von Massenbewegungen und Totalitarismus gezeichnetes Jahrhundert "an der Gurgel zu packen": ein undankbares Geschäft. Der aus Bulgarien stammende jüdische Kaufmannssohn verschlang Unmengen an ethnografischer Literatur, ehe er, Autor des Romans Die Blendung (1936), alle Anregungen und Inputs gleichsam selbsttätig verdampfte.

In Masse und Macht steckt vor allem Canetti selbst. Mit einer Unbarmherzigkeit, die bis heute ihresgleichen sucht, schloss er mythische Befunde und empirische Evidenzen zu einer Art Ur-Dichtung zusammen. Indem die Menschen Berührungsangst verspüren, finden sie sich in Massen zusammen.

Nur wenn der Mensch in der Masse aufgeht, sich auf allen Seiten von anderen umgeben weiß, fühlt er sich aufgehoben. Es gibt offene und geschlossene Massen, nicht zu vergessen die "unsichtbaren". Allen eigen ist die Tendenz zu ungeregeltem Wachstum. Unter der Zuhilfenahme von Massensymbolen wird zum Beispiel das jeweilige Nationalbewusstsein ausgebildet.

Dies alles bleibt verstehbar nur unter der Androhung der Macht und ihrer Wirkungen. Hinter der Bewegung von "Eingreifen", "Einverleiben" und "Verdauen" steckt die Urangst, von jemand anderem verschlungen zu werden. Tiere empfangen durch ihre (tierischen) Feinde den Impuls zur Flucht. Das Leben ist im Wesentlichen "als Darm" angelegt. Und es fällt nicht schwer, Canettis suggestive Spekulationen über das Wesen des "Befehls", des "Stachels", den er beim Angeherrschten hinterlässt, und die Funktion des "Lächelns" auf die Nötigung zum Konsum zu beziehen.

Antipoden wie Theodor W. Adorno haben den Dichter nachdrücklich auf die zeitliche Bedingtheit seiner Analysen aufmerksam gemacht. Mit Blick auf den heutigen Populismus bleibt Canettis Intuition alarmierend, dass alle gleicherweise die Furcht vor dem Gefressen-Werden umtreibt. Der Ewigkeitston von Canettis Verlautbarungen ist der eines Propheten, der am liebsten den Skandal des Todes durch eine Politik der ewiggültigen Verlautbarung ausgelöscht hätte.

"Ich habe noch nie von einem Menschen gehört, der die Macht attackiert hat, ohne sie für sich zu wollen." Wem die Macht zuwider ist, der schlüpft nur zu gerne in die Rolle des Ohnmächtigen. Wenn man Canetti, den Literaturnobelpreisträger von 1981, während seiner letzten Lebensjahre in Zürich anrief, konnte es passieren, dass er sich mit zuckersüßer Stimme als seine eigene Haushälterin ausgab. Das Bekenntnis zur Macht der Verwandlung weckte im Jahrhundertdenker früh das Verständnis für andere Ohnmachthaber wie den Kapitulationsexperten Franz Kafka.

In Wahrheit bildet Canettis Theorie bis heute einen Stein des Anstoßes. Die Konfigurationsbedingungen von Massenaufläufen haben sich gewandelt. Sie sind ins Internet abgewandert, wo man Canettis Bestimmungen der "Meute" wiederfinden kann: Wichtig scheint der Erregungszustand, der kleine Menschengruppen zu Horden zusammenschließt.

Jagdmeuten bilden Hetzmassen, die mit jedem Shitstorm eine neue Sau durchs digitale Dorf jagen. Umgekehrt ist auch der Begriff der "Vermehrungsmeute" anschlussfähig: Alle Demos, auch solche gegen den Klimawandel, handeln von der Vermehrung der zeitgerecht Alarmierten. Wer die Verhältnisse zum Besseren umstoßen möchte, wird dies ohne die Inanspruchnahme von realer Macht nicht bewerkstelligen können.


Aus: "Debatte - Elias Canetti: Theoretiker der Menschenmassen, Prophet der Shitstorms" Ronald Pohl (14.8.2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000107370180/elias-canetti-theoretiker-der-menschenmassen-prophet-der-shitstorms

Quote
Güni

Herr Pohl sollte sich mal den durchschnittlichen Standard-Kommentar und -Artikel zu Gemüte führen. Was da alles an Hetze vorkommt in letzter Zeit hat mich stark an Herrn Canetti erinnert. Und da ist dann vielleicht nicht mehr so klar trennbar in die übliche Kategorie: wir hier, die Guten - und dort die abscheulichen, verdammenswerten Bösen gegen die man anscheinend hier problemlos hetzen darf......


Quote
Dobratsch

Das Massenerlebnis
besteht darin, daß der einzelne Mensch das Gefühl hat, Grenzen zu überschreiten, die
ihm sonst im Alltag gezogen sind... Wie recht er hatte und hat! ...