Author Topic: [Spurensuche und innere Abgründe (Schlagzeilen & Ethik?...) ... ]  (Read 37715 times)

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[Die katholische Kirche in Bayern... ]
« Reply #35 on: Oktober 29, 2010, 09:44:24 vorm. »
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[...] Die katholische Kirche in Bayern steht vor einer schmerzlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms von 1940 bis 1945. Sie wird klären müssen, warum sie bisher zu den Vorgängen in Schönbrunn im Landkreis Dachau, einer der wichtigsten sozialen Einrichtungen der Kirche für Menschen mit geistiger Behinderung, geschwiegen hat. Oder warum sie die historische Forschung verzögerte.

Die Erzdiözese München-Freising benötigte mehr als ein Jahrzehnt, um das Archiv von Schönbrunn zu ordnen. Zu diesem Ergebnis kam am Donnerstag ein wissenschaftliches Symposium in Schönbrunn, das erstmals die Rolle des heute gemeinnützigen Franziskuswerks und der damals kirchlichen Anstalt diskutierte. Generaloberin Benigna Sirl war nach den Vorträgen der Historiker geschockt und ratlos: "Das alles trifft uns hart."

Winfried Süß vom Zentrum für zeithistorische Forschung in Potsdam sieht in Schönbrunn sogar eine der wenigen Einrichtungen für behinderte Menschen, die damals "ihrer Verantwortung nicht gerecht wurden". Andere hätten versucht, Angehörige ihrer Schutzbefohlenen vor Deportationen zu warnen. Die Leitung von Schönbrunn habe dagegen "mutwillig" mit Nationalsozialisten kooperiert.

Diese Zuspitzung teilten die übrigen Historiker nicht. Medizinhistoriker Gerrit Hohendorf von der Technischen Universität München warnte vor allzu plakativen Schlüssen, welche das Bemühen der Franziskanerinnen, beispielsweise ihre Versuche, Krankenakten zugunsten ihrer Zöglinge zu verändern, nicht berücksichtige.

Der Orden feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen in dem kleinen Ort Schönbrunn im Landkreis Dachau, der seit 150 Jahren geistig behinderte Menschen betreut. Zurzeit sind es fast 1000. So viele waren es vermutlich auch 1939. Am 2. Juni 1944 wurden die letzten Bewohner, 44 Kinder, deportiert. Die Franziskanerinnen wollten die beiden Jubiläen voller Stolz und Selbstbewusstsein begehen. Seit Donnerstag wissen sie, dass sie die Forderung von Markus Krischer, Redakteur des Focus und Autor des einzigen Standardwerks über die Deportationen aus Schönbrunn nicht erfüllen können: "Nennen sie mir einen Tag, der diesen 2. Juni 1944 aufwiegt."

Seit der ersten Debatte über die Rolle des Dachauer Arztes und vormaligen Präsidenten der Bundesärztekammer, Hans Joachim Sewering, hat es mehr als 30 Jahre gedauert, bis nun die wesentlichen historischen Fakten vorliegen. Seit 2006 ist durch Krischers Nachforschungen klar, dass der damalige Direktor, Prälat Josef Steininger, mit den Nationalsozialisten kooperierte und gemeinsam mit dem Gesundheitswesen der Stadt München die Deportation der geistig behinderten Menschen vorantrieb. Sie wollten ausreichend Platz für die Auslagerung der Münchner Krankenhäuser schaffen, um sie vor den Bomben zu schützen.

Annemone Christians, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität, hat in einer Doktorarbeit Krischers Einschätzung im Detail untermauert. Demnach wusste Steininger seit 1940, dass die in die staatliche psychiatrische Klinik Haar-Eglfing deportierten Menschen getötet wurden. Tanja Kipfelsberger erforscht bei dem Medizinhistoriker Gerrit Hohendorf das Schönbrunner Archiv. Sie hat bisher 901 Akten ausgewertet. Nur 293 Bewohner von Schönbrunn überlebten die Euthanasie. Soweit der vorläufige Stand der Forschung.

Außerdem haben die beiden Wissenschaftlerinnen belegt, dass Sewering entgegen seiner eigenen Darstellung, die er bis zum Tod im Juli 2010 aufrecht erhielt, in neun nachweisbaren Fällen an den Deportationen beteiligt war. Prälat Steininger dichtete sich zum NS-Widerstandskämpfer um und fälschte somit auch die Geschichte Schönbrunns. Sewering gab den Arzt mit hohen ethischen Grundsätzen. Katholische Kirche oder Bundesärztekammer glaubten ihnen.

Seit Donnerstag stellt sich die dringliche Frage nach dem würdigen Gedenken an die Schönbrunner Opfer. Gerrit Hohendorf sagte: "Wir müssen sie der Marginalisierung durch die Nachkriegsgeschichte entreißen." Den Weg dorthin zeigt Tanja Kipfelsberger mit ihren Biografien der Opfer.

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Kinjk schreibt, 28.10.2010 um 18:12 Uhr

lange verschwiegen

Nun, für einigermaßen sich auf aktuellem Stand befindlichen Bürgern in Dachau und im Landkreis, zu dem ja Schönbrunn gehört, ist das schon immer vermutet und teilweise auch bekannt gewesen.
Natürlich ist das kein Zufall, das erst nach dem Tod (erst kürzlich) von Herrn Sewering sich jetzt getraut wird auch darüber zu schreiben.
Wir haben darauf Wetten abgeschlossen.
Es ist doch immer so.
Und jetzt tun alle plötzlich betroffen und erstaunt.



Aus: "Das lange Schweigen der Kirche" Von Wolfgang Eitler (28.10.2010)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/dachau/politik/schoenbrunn-das-lange-schweigen-der-kirche-1.1017326


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[Eine Politik der kontrollierten Öffnung... ]
« Reply #36 on: Oktober 29, 2010, 09:54:31 vorm. »
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[...] Berlin - Das Versprechen klang vollmundig. "Wir wollen die Geschichte des BND nicht für uns behalten, sondern jemanden hineinschauen lassen", erklärte der Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Ernst Uhrlau.

Das war vor vier Jahren.

Doch dann tat sich lange nichts. Der Historiker Gregor Schöllgen, der dafür schon federführend ausgesucht worden war, gab vor zwei Jahren auf, nachdem Gespräche zwischen BND und Kanzleramt nicht vorankamen. Es ging um Geld, um den Zugang zu Akten.

Nun aber soll ein zweiter Anlauf gestartet werden. "Bis Ende dieses Jahres wird sich eine unabhängige Historikerkommission konstituieren", erklärt ein BND-Sprecher auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Ziel sei es unter anderem, die "personelle Kontinuität und Diskontinuität nach 1945 unter Berücksichtigung von NS-Bezügen" zu erforschen. Zudem soll auch die außen- und innenpolitische Wirkung der BND-Arbeit und seines Vorläufers, der Organisation Gehlen, bis 1968/69 untersucht werden.

Es dürfte für die Forscher ein heikles Unterfangen werden. Schließlich geht es um einen Geheimdienst - und da sind Akten sakral. Wie schwierig der Umgang mit sensiblen Materialien aus dem Regierungsapparat ist, zeigt sich an der Forschung im Auswärtigen Amt. Die Historikerkommission, die an diesem Donnerstag ihre Studie über die Mitwirkung des Auswärtigen Amtes an der Vernichtungspolitik der europäischen Juden und die personelle Kontinuität nach 1945 vorlegt, konnte zwar alles einsehen. "Wir wissen aber bis heute nicht, ob wir alles gesehen haben, was wir hätten sehen können. Die Standards im Archiv des Auswärtigen Amtes entsprechen nicht denen des Bundesarchivs", sagt im SPIEGEL Eckart Conze, Leiter der Historikerkommission.

[...] Die interne Arbeitsgruppe ist dem Leitungsstab des BND-Präsidenten Uhrlau zugeordnet, sie sichtet bereits Unterlagen. Schließlich müsse entschieden werden, was deklassifiziert - also zu Forschungszwecken freigegeben - werden könne, so ein BND-Sprecher.

Das nährt den Verdacht, die Arbeitsgruppe solle Materialien filtern. Vehement wird diesem Eindruck beim BND widersprochen. Sie diene als "Schnittstelle" zur externen Kommission, "sie soll nicht eine Vorauswahl des Materials treffen", betont der Sprecher. Der BND sei für externe Forscher schließlich eine "Black-Box", da brauche es internen Sachverstand - wenn es etwa um die Erforschung der Personalbestände und Organisationsstruktur gehe. Auch sollten Zugänge zu noch lebenden Zeitzeugen geschaffen werden. Zu einem späteren Zeitpunkt sollen zudem noch externe Forschungsvorhaben in Auftrag gegeben werden.

Über die Zusammensetzung der externen Historikerkommission hüllt sich der Auslandsgeheimdienst noch in Schweigen. Auch die genaue Summe für das auf vier Jahre angelegte Vorhaben wird bislang nicht genannt - es seien aber "erhebliche Ressourcen", heißt es.

Es dürfte für die Forscher eine interessante Aufgabe werden. Denn die Geschichte des BND ist, zumindest aus eigenen Aktenbeständen, weitgehend unerforscht. Der bundesdeutsche Auslandsdienst, der aus der Organisation Gehlen ihres späteren ersten Präsidenten Reinhard Gehlen hervorgegangen war, stand zunächst unter Obhut der US-Behörden. Erst 1956 wurde der BND von der Bundesregierung übernommen. Er stützte sich von Anbeginn auf zahlreiche Mitarbeiter aus der NS-Zeit, etwa des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) der SS. 1960 stammten rund 200 von insgesamt 2450 Mitarbeitern des BND aus dem Apparat des SS-Reichsführers Heinrich Himmler.

Der brisante Crome-Bericht lagerte 45 Jahre im Panzerschrank

Pikante Details blieben jahrzehntelang der Öffentlichkeit verborgen. Das markanteste Beispiel: Gehlen, der in der Wehrmacht die Abteilung "Fremde Heere Ost" geleitet hatte, ließ intern 1963 eine Untersuchung einleiten, um die Zahl von NS-Tätern im eigenen Apparat zu ermitteln. Anlass war der Prozess gegen den früheren BND-Topmann Heinz Felfe, der für den sowjetischen Geheimdienst KGB spioniert hatte. Im Verlaufe des Verfahrens kam heraus, dass Felfe während des Krieges beim Auslandsnachrichtendienst des Reichssicherheitshauptamtes der SS gearbeitet hatte. Mit der internen Untersuchung wurde Hans-Henning Crome beauftragt, ein junger, unbelasteter BND-Mann. Als dieser zwei Jahre später seinen Bericht an Gehlen übergab, kamen erschreckende Details zutage: Minutiös wurde darin die aktive Mittäterschaft zahlreicher BND-Mitarbeiter während des Dritten Reiches dokumentiert, viele waren aktiv an Massentötungen beteiligt. Von 146 Überprüften mussten 71 den Dienst verlassen. Der Bericht aber wurde nur an die engere BND-Führung versandt und verschwand anschließend im Panzerschrank - für 45 Jahre.

Erst unter dem heutigen BND-Präsidenten Uhrlau, Mitglied der SPD, wurde der sogenannte Crome-Bericht öffentlich gemacht. Heute ist er im Bundesarchiv einzusehen, für jedermann. Eine Politik der kontrollierten Öffnung, die offenbar weitergehen soll. "Neben der Arbeit der externen Historikerkommission", so ein BND-Sprecher, "haben wir vor, in den nächsten Jahren eine Vielzahl von Akten zu deklassifizieren und dem Bundesarchiv zu übergeben."

...


Aus: "BND will eigene Nazi-Verstrickung aufarbeiten" Von Severin Weiland (28.10.2010)
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,725689,00.html


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[Mehr als eine neutrale Behörde... ]
« Reply #37 on: November 09, 2010, 10:29:55 vorm. »
Quote
[...] Nach den Erkenntnissen der Experten war das Reichsfinanzministerium weitaus mehr als eine neutrale Behörde des NS-Staates. Nach Aussagen des Sprechers der Historiker-Gruppe, Hans-Peter Ullmann, leistete das Ministerium vielmehr einen unverzichtbaren Beitrag zum Funktionieren und zur verbrecherischen Politik des Dritten Reichs.

Das Finanzministerium hat seine Aufgabe nach Worten des Kölner Historikers darin gesehen, "das Unrechtsregime samt seiner Politik der Aufrüstung und Kriegsführung zu finanzieren". Dazu habe es sich nicht alleine der herkömmlichen Mittel bedient, sondern im großen Umfang auf schlichten Raub gesetzt.

"Die Steuergesetze sind nach nationalsozialistischer Weltanschauung auszulegen", so hieß es nach Worten der Münchener Wissenschaftlerin Christiane Kuller schon im "Steueranpassungsgesetz" von 1934. Seit diesem Zeitpunkt seien jüdische Steuerpflichtige systematisch anders behandelt worden als nichtjüdische. Wollten sie das Land verlassen, mussten sie ein Viertel ihres Vermögens abtreten, "Reichfluchtsteuer" wurde diese Teilenteignung bezeichnet. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges behielt der Staat insgesamt 96 Prozent des Vermögens ein.

Von 1941 an wurde jeder Jude automatisch enteignet, sobald er die Reichsgrenze überschritt. "In zynischer Konsequenz wurde die Regelung aber auch bei den inzwischen laufenden Deportationen angewandt", sagte Kuller. Als im November 1941 die Deportationen begannen, mussten die Juden beim Abtransport ihre gesamte Habe bis auf einen Koffer zurücklassen. "Für die Verwaltung und Verwertung dieses Vermögens waren die staatlichen Finanzbehörden zuständig", sagte Kuller. "Sie gerieten dadurch in den unmittelbaren Kontext des Judenmordes."

"In dem arbeitsteiligen Prozess der Vernichtung übernahmen die Finanzbeamten die Aufgabe, alle Reste der bürgerlichen Existenz der Deportierten auszulöschen", so Kuller weiter. Nach ihren Worten hätte die Deportation ohne die professionelle Mitwirkung der Finanzbeamten an zahllosen Stellen der deutschen Gesellschaft unübersehbare wirtschaftliche Komplikationen verursacht. Zudem gebe es Hinweise darauf, dass der Gesamtzusammenhang der Vernichtungspolitik zumindest einem Teil der Behördenmitarbeiter im Reichsfinanzministerium und den Finanzministerien vor Ort bekannt gewesen sei.

Laut Ullmann gilt es für die Kommission nun, diese Erkenntnisse zu vertiefen und erstmals eine genaue Untersuchung der Rolle des Finanzministeriums in der Zeit des Nationalsozialismus vorzulegen. Neben dem Aspekt der Judenverfolgung geht es ferner darum, die Organisation der Behörde unter dem Einfluss der Nazis darzustellen, ihre Steuerpolitik und die Art und Weise, wie sie mit einer immer höheren Verschuldung die Kriegsmaschinerie am Laufen hielt.

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DerMixa schreibt

dieundwir

"Organisation der Behörde unter dem Einfluss der Nazis darzustellen" - Es ist schon beschämend, dass der Sprachgebrauch rund um das Thema Deutschland im "Dritten Reich" immer noch suggeriert, das es auf der einen Seite "Nazis", böse Wesen vom anderen Stern und auf der anderen Seite "unschuldige Bürger", welche allenfalls "verführt" wurden gab. So löblich die Aufarbeitung ist, die daraus resultierende Schuld verbleibt zumindest sprachlich, immer noch bei den "Aliens" und nicht bei uns Deutschen. Solange wir aber in dieser Verfremdung von "denen" sprechen und nicht von unseren Großvätern/-müttern, solange bleibt die Schuld auch an uns kleben.


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Jeeves schreibt . . . Selbstverstandlich

"wie Finanzbehörden im "Dritten Reich" das Regime gestützt und Steuergesetze nach nationalsozialistischer Weltanschauung ausgelegt haben."

Na was denn sonst? Wie denn sonst? Niemand - außer Journalisten? - haben je was anderes geglaubt oder erwartet. Es waren nicht "die Nazis" (vom Mond gefallen?) sondern natürlich "die Deutschen". Auch und gerade deutsche Beamte in allen Ämtern.




Aus: "NS-Zeit: Tatort Finanzministerium: Erst rauben, dann auslöschen" Von Guido Bohsem (08.11.2010)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/geld/finanzbehoerden-in-der-ns-zeit-rauben-und-ausloeschen-1.1021170


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[Eine besondere Gruppe von Wirtschaftsführern... ]
« Reply #38 on: Oktober 04, 2011, 09:43:29 vorm. »
Quote
[...] In vielen Unternehmen harmonierte das ökonomische Interesse mit der politischen Überzeugung. Dass Firmenangehörige und leitende Unternehmensmitarbeiter KZs besuchten und bisweilen an Mordselektionen mitwirkten, ist aus den Büchern des italienischen Schriftstellers und Holocaust-Überlebenden Primo Levi bekannt.

In manchen Unternehmen versuchte man das Wissen über das systematische Morden auch zu nutzen. Ein makabrer Rechtsstreit der Dresdner Bank mit dem Reich dokumentiert, wie dieses Wissen in die privatwirtschaftliche Handlungslogik übersetzt wurde. Als Anfang 1942 die jüdische Witwe eines 1930 verstorbenen Bankdirektors deportiert worden war, wies das Oberfinanzpräsidium Berlin die Bank an, die von dem Institut gezahlte Rente der Frau nunmehr an das Reich zu überweisen. Bis in das Frühjahr 1945 stritt die Rechtsabteilung des Kreditinstituts für seine Interessen und argumentierte, dass die Rentenansprüche der Frau erloschen seien: Aufgrund der Deportation sei der Tod der Frau anzunehmen, falls nicht eine »Lebensbescheinigung« vorgelegt werde.

Flick, Waldhecker, Bütefisch sowie zwei Vorstandsmitglieder der Dresdner Bank, Emil Meyer und Karl Rasche, gehörten zu einer besonderen Gruppe von Wirtschaftsführern. Zusammen mit mehr als dreißig weiteren Unternehmern und Bankiers – unter ihnen Rudolf Bingel von Siemens, August Rosterg von Wintershall, Richard Kasselowsky von Oetker und Kurt Schmitt von der Allianz – suchten sie auf exklusive Weise die Nähe zur politischen Spitze: im Freundeskreis Heinrich Himmler. Auf Wunsch der Unternehmer hatte der Persönliche Stab des Reichsführers-SS in Berlin Mitte der dreißiger Jahre diesen Herrenklub etabliert. Im »Haus der Flieger«, das Hermann Göring unterstand (heute tagt hier das Berliner Abgeordnetenhaus), kam man zunächst sporadisch, von 1938 an dann allmonatlich in repräsentativen Klubräumen zusammen. Mit Vorträgen und Abendessen währten die Runden oft bis Mitternacht. Wenn Himmler hier redete, sprach er zu »alten Freunden«.

... Schon vor Gründung des Kreises hatten sich die Herren zu unregelmäßigen Begegnungen verabredet, zu Reisen, Abendessen und Spenden an die SS. In der kontinuierlichen Begegnung untereinander und mit der SS-Führung bildeten sich Vertrauens- und Geschäftsbeziehungen. Hier fand beispielsweise Himmler den Vermieter seines Hauses im Grunewald – Friedrich Flick – und die SS ihre Hausbank, die Dresdner Bank. Andere Klubmitglieder verbanden Sympathien und Freundschaften, die das Kriegsende überdauerten. Karl Blessing, im »Dritten Reich« Vorstandsmitglied des in Osteuropa operierenden Raubunternehmens Kontinentale Öl AG, amtierte von 1958 bis 1969 als Präsident der Bundesbank. Noch Anfang der sechziger Jahre empfing er den einstigen »Wirtschaftsbeauftragten des Führers«, Wilhelm Keppler, um ihn bei Privatinvestitionen zu beraten. Keppler war Mitbegründer des Freundeskreises gewesen.

Bis in die Gegenwart wird der Zirkel als ein »Gremium der Funktionslosigkeit« verharmlost, ein Ort eher der Desinformation als der Information. Quellen für diese Einschätzung sind stets die Unternehmer selbst, die sich rückblickend gern als unwissend und verantwortungsfern darstellten. Dabei galten vor 1945 gerade die Mitglieder des Himmler-Kreises in der SS-Führung als besonders vertrauenswürdig, loyal und politisch »sauber«.

... Im Zentrum des Klubs und seiner Treffen stand das informelle Gespräch. Es ging darum, Verlässlichkeit und Vertrauen herzustellen, die auch jenseits der Zusammenkünfte Bestand haben sollten. Hier fand die SS Kooperationspartner, derer sie für ihre Macht-, Wirtschafts- und Gewaltpolitik bedurfte. Bei Kerzenschein und bestem Wein war mit Selbstverständlichkeit von den »asozialen Auswüchsen der menschlichen Gesellschaft«, von »Untermenschen [...], Juden und sonstigen Verbrechern« die Rede.

Heinrich Bütefisch empfand es noch auf der Anklagebank in Nürnberg als eine »besondere Ehre«, dem Freundeskreis angehört zu haben. Einzelne Unternehmer, die dem Kreis weniger aus politischem Fanatismus denn aus kalkuliertem Opportunismus beigetreten waren, ließen von 1941/42 an die Mitgliedschaft ruhen, während zahlreiche andere ihre Zusammenarbeit mit der SS intensivierten. Versteht man Zivilisation als einen Prozess der Gewaltbegrenzung, so offenbart sich, dass gerade in dieser Runde hochgebildeter Männer zivilisatorische Werte einer gemeinschaftlichen Verrohung und einem Diskurs der Inhumanität Platz gemacht hatten. Man sprach über Gewalt, in der Sprache der Zeit.

...

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    flubutjan
    03.10.2011 um 19:14 Uhr

"Zivilisation ein Prozess der Gewaltbegrenzung".

Ja.

Andere sagen: Zivilisierte Menschen sind die, die anderen kein Leid zufügen wollen. Also das Gegenteil von Sadisten, die sich am Leid anderer sogar delektieren.

Die Nazis fanden's schlicht und einfach geil, andere in Angst und Schrecken zu versetzen, sie zu quälen und zu töten. All das erzeugte einen MACHTRAUSCH, der als Kernmotivation dem sadistischen Dominanzwillen zugrundeliegt.


Quote
    hajohans
    03.10.2011 um 17:09 Uhr

Die Fuehrungskraefte der Wirtschaft wussten vom Holocaust
und der kleine Mann wusste es auch! "Bis zur Vergasung" war
eine gaengige Metapher! Die Frage ist, wer was tun konnte.
Die perfekte Ueberwachung und die absolut skrupellose Ver-
folgung der Regimegegner hat bis heute nicht seinesgleichen
gefunden. ...


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    Ostdeutschland
    03.10.2011 um 17:28 Uhr

Nicht nur deutsche Unternehmen wussten von den Verbrechen.
Die Volkszählung 1933 u. 1937,die auch die Identifizierung aller Juden zum Ziel hatte, hätte ohne die Lochkarten-Technologie des amerik.Unternehmens IBM und dessen deutschen Tochterunternehmen Dehomag nicht funktioniert.Das Vermögen der Dehomag wurde nach dem Krieg keinesfalls beschlagnahmt,sondern floß ohne große Schwierigkeiten an den amerikanischen Mutterkonzern zurück.



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    Buria
    03.10.2011 um 18:51 Uhr

Unternehmer wie viele andere auch Schon im Jahre 1943 schrieb der Judenretter Wilm Hosenfeld in einem Brief:
"Mit diesem entsätzlichen Judenmord haben wir eine untilgbare Schande auf uns geladen. Ein unauslöschlicher Fluch lastet auf uns. Wir verdienen keine Gnade, wir sind alle mitschuldig."


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    doraemon
    03.10.2011 um 19:31 Uhr

tierisch

ich stimme ihnen zu, dass die meisten deutschen von den judendeportationen wussten. sie wussten auch, dass "dran glauben musste, wer nicht spurt". die ausmasse der gewalt jedoch haette sich die breite masse niemals vorstellen koennen. sie war ja auch bis ins fruehjahr 1945 nicht direkt mit der unmenschlichkeit des krieges konfrontiert. der krieg macht aus menschen tiere. auch heute haben wir wohl behueteten (dank effektiver propaganda) keine vorstellungen von den wahren ausmassen der greueltaten, die z.b. im arabischen raum begangen werden. haette man den aufsehern von abu ghraib mehr freie hand gelassen, waeren wohl noch so einige unfassbare ueberraschungen ans tageslicht gekommen.


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    think.twice
    03.10.2011 um 22:35 Uhr

Familien?

Habt Ihr denn mal in Euren Familien - mit den älteren Generationen - darüber gesprochen?


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    DS23
    04.10.2011 um 8:56 Uhr

Zur Erinnerung

Es geht hier nicht um das Wissen des kleinen Mannes, sondern um die Verquickung von politischer und wirtschaftlicher Macht zur Steigerung derselben. Und im schlimmsten Falle kommt die militärische Macht noch hinzu.

Es geht um das gegenseitige Vergewissern und Teilhabe an massiven Umverteilungen, die immer im Zusammenhang mit radikalen Veränderungen möglich werden. Nicht umsonst ist ja in Wirtschaftskreisen die Floskel der "kreativen Zerstörung" weit verbreitet. Und nachher will man dann nur zum Wohle des Unternehmens gehandelt haben. Wirtschaftlicher Befehlsnotstand sozusagen.
Und auch dieser Schoss ist noch fruchtbar, vielleicht fruchtbarer als je zuvor.

Gruss, DS23





Aus: "Bei Kerzenschein und bestem Wein" Von Tobias Bütow (3.10.2011)
Quelle: http://www.zeit.de/2011/40/NS-Unternehmer


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[Unangenehme Drillinge... ]
« Reply #39 on: Dezember 08, 2011, 02:22:54 nachm. »
Quote
[...] Matthias Kramer und Dominik Schwarzinger forschen gemeinsam mit zwei anderen jungen Wissenschaftlern zur "Dunklen Triade der Unternehmer-Persönlichkeit".

...

SPIEGEL ONLINE: Als unangenehme Drillinge beschreiben Sie Narzissten, Machiavellisten, subklinische Psychopathen. Was sind das für Typen, was unterscheidet sie?

Schwarzinger: Die Narzissten zeichnet in erster Linie überzogene Selbstwertschätzung aus; sie halten sich für die Besten, wollen bestätigt und bewundert werden. Eine gewisse Empathielosigkeit und Arroganz vereinen sie mit einer starken Anspruchshaltung: Narzissten glauben, sie hätten mehr verdient als ihre Mitmenschen - zum Beispiel ein höheres Einkommen und generell einen Platz auf der Sonnenseite des Lebens.

Kramer: Machiavellisten sind manipulative Machtmenschen und kennen viele Strategien, um Gegner unter Druck zu setzen. Anders als Narzissten können sie sich selbst eher realistisch einschätzen und gehen pragmatisch vor. Ihre emotionale Distanziertheit lässt Machiavellisten komplett ausblenden, was andere von ihnen halten mögen - in Konflikt- oder Wettbewerbssituationen kann es von Vorteil sein, sich ganz auf den Sieg zu konzentrieren.

Schwarzinger: Subklinische Psychopathen haben, wie Narzissten, ein übermäßiges Selbstwertgefühl. Noch ausgeprägter als bei den Machiavellisten ist ihre emotionale Kälte und Bereitschaft, ohne Rücksicht und Schuldbewusstsein fürs eigene Wohl zu lügen und zu betrügen. Auf andere wirken sie oft intelligent, unterhaltsam, auch charmant. Aber es ist ein glatter, oberflächlicher und oft aggressiver Charme. Robert Hare, führender Psychopathie-Forscher aus den USA, spricht in diesem Zusammenhang auch von "sozialen Raubtieren": Ihnen würden genau die Dinge fehlen, die wichtig sind für ein gutes Zusammenleben in der Gesellschaft - ein Gewissen, Achtsamkeit gegenüber Mitmenschen. Ein dritter Aspekt ist ein Lebensstil, der gekennzeichnet ist von Reizhunger, Impulsivität und dem Fehlen langfristiger Pläne.

...



Aus: "Arrogant, machthungrig, skrupellos"  (08.12.2011)
Quelle: http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,800984,00.html


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[Allerdings gab es hierzulande auch noch keine Untersuchung... ]
« Reply #40 on: Dezember 17, 2011, 12:21:34 nachm. »
Quote
[...] Den Haag - In katholischen Institutionen in den Niederlanden sind seit 1945 Zehntausende Kinder sexuell missbraucht worden. Die Kirche habe zudem versucht, derartige Fälle aus Angst vor Skandalen zu vertuschen, wie aus einem am Freitag veröffentlichten Bericht einer Untersuchungskommission hervorgeht.

Der Erzbischof von Utrecht, Wim Eijk, bat die Opfer um Verzeihung: "Im Namen der Katholischen Kirche in den Niederlanden möchte ich mich aufrichtig entschuldigen." Nach der Veröffentlichung des Berichts sagte Eijk vor Journalisten: "Das erfüllt uns mit Scham und Schmerz." Er kündigte an, die Opfer sollten Entschädigungen aus einem im November eingerichteten Fonds erhalten, die von 5000 bis 100.000 Euro reichen.

In den vergangenen 65 Jahren sind dem Bericht zufolge zwischen 10.000 und 20.000 Kinder missbraucht worden. Die Vergehen reichten dabei von unerwünschten sexuellen Annäherungsversuchen bis zur Vergewaltigung. Es seien Beschwerden gegen 800 Priester, Mönche, Pastoren und Laien in Kircheninstitutionen eingegangen, teilte die Kommission mit. Davon seien noch rund 105 am Leben. Es war aber unklar, wie viele von ihnen noch in ihren Positionen innerhalb der Kirche arbeiteten. Namen nennt der Bericht nicht.

Die unabhängige Kommission unter der Leitung des ehemaligen Ministers Wim Deetman hatte im vergangenen Jahr ihre Arbeit aufgenommen und mehr als 34.000 Menschen befragt - eine bislang einmalige repräsentative Untersuchung. Die Kommission wirft Mitgliedern der katholischen Kirche in den Niederlanden vor, nicht angemessen auf die Fälle von Kindesmissbrauch reagiert und den Opfern Hilfe verwehrt zu haben. Deetman erklärte, es sei undenkbar, dass die Kirchenführung nichts von dem Missbrauch gewusst habe. Dieser sei teilweise auch deswegen weiter gegangen, weil die katholische Kirche in den Niederlanden aufgesplittert sei, so dass Bischöfe und Ordensgemeinschaften sich mit den Missbrauchsfällen eigenständig befassten und nicht "ihre Schmutzwäsche nach draußen hängten".

Das Zölibat sei nicht die einzige Erklärung für die Missbrauchsfälle. Auch die sexuellen Tabus der Zeit und der Versuch, den Ruf der Kirche schützen zu wollen, seien ursächlich für die Vertuschung. Aufmerksamkeit und Hilfe hätten die Opfer erst seit den neunziger Jahren bekommen. Die Kommission habe allerdings befunden, dass es nicht richtig sei, von einer "Kultur des Schweigens" in der Kirche als Ganzem zu reden, sagte Deetman weiter.

Der Bericht betont außerdem, dass in den Niederlanden insgesamt, und nicht nur in der Kirche, weit mehr Kinder als bislang vermutet in irgendeiner Form sexuell missbraucht wurden. Die Zahl wird bei jener Gruppe von Kindern umso größer, die Teile ihrer Kindheit in Waisenhäusern oder Internaten verbracht haben - unabhängig davon, ob sie katholisch waren oder nicht.

Ähnliche Untersuchungen in den USA, Kanada, Irland, Belgien und anderen Ländern haben ebenfalls weit verbreitete Fälle von Kindesmissbrauch durch den katholischen Klerus und andere Mitarbeiter in Kircheninstitutionen aufgezeigt.

In Deutschland sind bislang weitaus weniger Missbrauchsfälle bekannt geworden. Allerdings gab es hierzulande auch noch keine Untersuchung in dem Ausmaß der von Deetman geleiteten Befragung.

hei/AP/dpa


Aus: "Zehntausende Missbrauchsfälle in Hollands katholischer Kirche" (17.12.2011)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,804379,00.html


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[Es ist ein symbolischer Akt... ]
« Reply #41 on: Juni 25, 2012, 12:25:52 nachm. »
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[...] Ehemalige Nazis dominierten lange das Bundeskriminalamt. Exemplarisch: Paul Dickopf, BKA-Chef und einstiger SS-Mann. Ihm ist die Zufahrtsstraße zum Sitz der Abteilung Staatsschutz in Meckenheim gewidmet. Heute soll sie nach Gerhard Boeden umbenannt werden. Doch unumstritten war der auch nicht.

Der Aufbau des Bundeskriminalamts (BKA) lag nach dem Krieg in den Händen alter Nazis. Einer der wichtigsten Strippenzieher war damals Paul Dickopf. Ende der dreißiger Jahre hatte er das SS-Zeichen an der Brust getragen, Anfang der siebziger Jahre saß er als BKA-Präsident an einem Schreibtisch, hinter dem ein Gartenzwerg stand. Wie die deutsche Geschichte so spielt.

In Meckenheim, wo die Abteilung Staatsschutz untergebracht ist, trägt die Zufahrtsstraße zum BKA Paul Dickopfs Namen. Das ändert sich nun. Auf Anregung des derzeitigen BKA-Präsidenten, Jörg Ziercke, wird die Straße an diesem Montag während einer Feierstunde in Gerhard-Boeden-Straße umbenannt. Es ist ein symbolischer Akt, mit dem sich das BKA endgültig von seiner Geschichte unheilvoller Personalpolitik distanzieren will.

Eine Identifikation mit Paul Dickopf sei "nicht mehr vorhanden", teilt das BKA mit. Zu Lebzeiten, aber auch darüber hinaus, wurde Dickopf, der wie ein Patriarch über das BKA herrschte, von Polizisten verehrt und von Politikern gerühmt. Damit soll Schluss sein. Gerhard Boeden, dessen Name fortan auf dem Straßenschild steht, war in den achtziger Jahren BKA-Vizepräsident, später Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz. Er gilt als unbelastet.

Vor fünf Jahren hatten im BKA Ermittlungen in eigener Sache begonnen. Wissenschaftler untersuchten die Vergangenheit einer Behörde, in der ehemalige Nationalsozialisten lange Zeit die Führungsebene dominierten: 1958 waren 33 von 47 Leitungsstellen mit früheren SS-Männern besetzt. Erst in den achtziger Jahren wandelte sich die Zusammensetzung deutlich.

Forscher um den Historiker Patrick Wagner von der Universität Halle-Wittenberg bestätigten, dass Paul Dickopf, der nach dem Krieg zunächst beim Bundesinnenministerium untergeschlüpft war, bereits in der Gründungsphase des BKA großen Einfluss auf die Personalrekrutierung hatte. Polizisten, die an NS-Verbrechen beteiligt waren, mussten sich vor ihm nicht fürchten. Dickopf behinderte zum Beispiel disziplinarische Ermittlungen gegen einen Beamten, der zugegeben hatte, an Massenexekutionen beteiligt gewesen zu sein. Die alten Seilschaften wirkten noch lange nach.

Seine eigene SS-Mitgliedschaft verharmloste Dickopf. Er stellte sich sogar als Gegner, ja geradezu als Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime dar. Dickopf sei "eine zwielichtige Persönlichkeit, eine Spielernatur und ein raffinierter Schwindler" gewesen. So schrieb es vor gut zehn Jahren der frühere Kriminaldirektor Dieter Schenk, dessen Buch "Die braunen Wurzeln des BKA" maßgeblich dazu beitrug, dass sich die Polizeibehörde endlich ihrer Geschichte stellte und dafür auch alte Akten freigab.

Paul Dickopf hatte Ende der dreißiger Jahre die Führerschule der Sicherheitspolizei in Berlin-Charlottenburg besucht und war zum SS-Untersturmführer ernannt worden. Im Krieg arbeitete er offenbar als Doppelagent - für die Nazis und die Schweiz. Nach dem Krieg lieferte er dem amerikanischen Geheimdienst Informationen, auch von seinen BKA-Führungspositionen aus. So konnte der Intrigant auch Druck auf seine Vorgesetzten ausüben; 1965 schaffte er es schließlich, selbst Chef des BKA zu werden.

Im BKA pflegten nach dem Krieg viele Beamte nicht nur den alten Nazi-Jargon. Sie bekämpften weiterhin erbittert Kommunisten, Sinti und Roma und "Berufsverbrecher". Selbst bei rechtsstaatlich sauberen Aktionen mussten sich die NS-Opfer verhöhnt fühlen, wenn frühere Gestapo-Männer in der Bundesrepublik wieder die Ermittlungen führen durften.

Gerhard Boeden, der vor zwei Jahren im Alter von 85 Jahren starb, war dagegen lediglich als 14-Jähriger Mitglied der Hitlerjugend geworden. Weitere Berührungen mit den Nationalsozialisten sind nicht bekannt. Nach dem Krieg machte er im BKA Karriere, bei vielen Polizisten war er als jovialer Kollege, Gewerkschafter und Chef beliebt.

Unumstritten war auch Gerhard Boeden jedoch nicht. In der Spiegel-Affäre 1962, als Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) rabiat gegen Journalisten vorging, spielten weder Dickopf noch Boeden eine rühmliche Rolle. Dickopf leitete auf kleinem Dienstweg die Verhaftung eines im Ausland befindlichen Redakteurs in die Wege. Und Boeden war es, der dem Chefredakteur in Hamburg den Durchsuchungsbefehl präsentierte.

In den siebziger Jahren lernten die Bürger Gerhard Boeden dann als energischen, aber nicht immer erfolgreichen Kämpfer gegen die RAF kennen. Nach mehreren Pannen musste Boeden 1978 seinen Platz in der Abteilung Terrorbekämpfung räumen, nachdem seinen Beamten drei RAF-Terroristen entwischt waren. Boeden habe wieder mal "Scheiße gebaut", soll der damalige BKA-Chef, Horst Herold, gesagt haben.

Das hat Boeden langfristig aber nicht geschadet. Der "abgehalfterte Terroristenjäger" fiel weiter die Treppe hoch, schrieb damals der Spiegel. Von 1983 bis 1987 gehörte Gerhard Boeden als Vizepräsident zur BKA-Spitze. In Meckenheim war er eine lokale Größe der CDU und kommunalpolitisch aktiv. Auch deshalb ließ sich die Stadt gern darauf ein, eine Straße nach ihm zu benennen.


Aus: "BKA distanziert sich von seinen braunen Wurzeln" (25.06.2012)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/bundeskriminalamt-und-ns-geschichte-bka-distanziert-sich-von-seinen-braunen-wurzeln-1.1392326

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Quote
[...] Nach dem Bekanntwerden der SS-Vergangenheit des 2008 gestorbenen Schauspielers Horst Tappert erwägt Bayerns Innenministerium, dem "Derrick"-Darsteller den Titel "Ehrenkommissar der bayerischen Polizei" abzuerkennen. Das berichtet die am 1. Mai erschienene Zeitung "Bild am Feiertag". Den Titel bekam Tappert demnach 1980 verliehen.

"Hätte man damals über die mögliche SS-Vergangenheit von Horst Tappert Bescheid gewusst, hätten wir der Empfehlung zur Ernennung des Ehrenkommissars der bayerischen Polizei nicht zugestimmt", sagte Ministeriumssprecher Michael Siefener der "BamF". "Es wird geprüft, ob ihm dieser Titel posthum aberkannt wird."

Der "Derrick"-Sender ZDF, der zwischen 1973 und 1997 mehr als 280 Folgen der Krimireihe produzierte, rückt von seinem früheren Star ab. "Das ZDF ist von der Nachricht, dass Horst Tappert Mitglied der Waffen-SS war, überrascht und befremdet", sagte Sprecher Peter Bogenschütz der Zeitung. Wiederholungen von "Derrick"-Folgen seien demnach nicht geplant.




Aus: ""Derrick"-Star in der Waffen-SS - Horst Tappert könnte "Ehrenkommissar"-Titel verlieren" (1. Mai 2013)
Quelle: http://www.stern.de/panorama/derrick-star-in-der-waffen-ss-horst-tappert-koennte-ehrenkommissar-titel-verlieren-2005090.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Tappert

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[...] Hans-Joachim Kulenkampff war ein Entertainer des westdeutschen Fernsehens, mit Ausstrahlung bis in die DDR. Seine Quiz-Show „Einer wird gewinnen“, sonnabends in der ARD von 1964 mit Unterbrechungen bis 1987, zog ein riesiges Publikum an.

Wenn nun in der ARD zu einer für Dokumentationen luxuriös frühen Zeit ein 90-Minuten-Film unter dem Titel „Kulenkampffs Schuhe“ angekündigt ist, sollte man erwarten, es ginge um diesen Showmaster. Doch die Regisseurin Regina Schilling erzählt vielmehr eine Geschichte der Männer der jungen Bundesrepublik.

Ausgehend von Kulenkampffs Aussage, er habe sich im Krieg vier erfrorene Zehen selbst amputiert, schaut Schilling ihm und seinen Zeitgenossen auf die Füße. Welchen Weg ist der 1921 in Bremen geborene Fernsehunterhalter gegangen? Und wie wurde der Vater der Regisseurin, mit dem sie im Wohnzimmer die Sendungen schaute, zu dem, der er war? Kulenkampff zog mit der Wehrmacht in die Sowjetunion, Schillings Vater, 1925 geboren, meldete sich freiwillig zum Kriegsdienst. Was hat er gesehen, getan? Er habe nie über diese Zeit gesprochen, sagte die Mutter der Filmemacherin.

Stück für Stück arbeitet sie sich durch den Geist der Zeit. Fotos zeigen ihre Eltern in der eigenen Drogerie, die im Wirtschaftswunder wuchs und mit der freien Marktwirtschaft ins Straucheln kam. Zwischen Super-8-Filmschnipseln der Familie stehen Ausschnitte aus „Einer wird gewinnen“ und Szenen aus einem Fernsehfilm mit dem „Derrick“-Star Horst Tappert. Der spielte 1970 einen Drogisten, und so wie sich die Bilder ähneln, wird nochmals deutlich, wie allgemeingültig Schillings Spurensuche ist. Tappert, stellte sich später heraus, war bei der Waffen-SS. Der Fernsehproduzent Martin Jente, der den Butler in Kulenkampffs Show mimte, war SS-Hauptscharführer.

Ein anderer Fernsehheld jener Zeit, Hans Rosenthal, dessen Quiz-Show „Dalli Dalli“ 1971 zum ersten Mal auf Sendung ging, kam aus einer jüdischen Familie. Im selben Jahr geboren wie Regina Schillings Vater, erlebte er ab 1934 Ausgrenzung und Verbote. Die Demütigungen beschleunigten den frühen Tod der Eltern, sein Bruder wurde nach Riga deportiert und ermordet, er überlebte die letzten zwei Jahre von Hitlers Herrschaft im Versteck. Den Termin seiner 75. Sendung zu verlegen, gestattete man ihm nicht. Es war der 9. November 1978, 45 Jahre nach der Pogromnacht. Rosenthal trug Schwarz.

Durch die Folie der Unterhaltung zeichnet der Film ein eindrückliches Bild der frühen Jahre der Bundesrepublik. Als eine Protestwelle Ende der 60er-Jahre das Land durchzog, witzelte Hans-Joachim Kulenkampff in einer Talkshow über die Hippies. Seine Frau indes sagte, sie empfinde Sympathie für jene, die aufbegehrten.

Kulenkampffs Schuhe, 8.08.2018, 22.30 Uhr, ARD


Aus: "ARD-Dokumentarfilm „Kulenkampffs Schuhe“ Eindrückliches Bild einer jungen Republik" Cornelia Geißler (08.08.2018)
Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/kultur/medien/ard-dokumentarfilm--kulenkampffs-schuhe--eindrueckliches-bild-einer-jungen-republik-31077160

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[...] In dem Bestseller "Generation Golf" hat Florian Illies der Samstagabend-Seligkeit seiner Kindheit in den Achtzigerjahren ein Denkmal gesetzt: erst Badewanne und Playmobil-Schiff, dann "Wetten, dass..?". Regina Schillings Doku "Kulenkampffs Schuhe" schürft tiefer: Die Autorin, 1962 geboren, erinnert sich an ihre eigene Fernsehkindheit, die von den Vorgängern Frank Elstners geprägt war: Hans Joachim Kulenkampff, Hans Rosenthal und Peter Alexander.

Das Baderitual gehörte bei ihr auch schon dazu, doch sie empfand die Familienidylle vor dem Empfangsgerät nicht als ungetrübt: "Ein Schweigen, etwas Verschlossenes" habe ihren Vater umgeben, erzählt sie im Off-Kommentar.

Dies führt zum entscheidenden Twist ihres Films: Als Schilling vor ein paar Jahren erfährt, dass ihr einstiges Idol Kulenkampff (Jahrgang 1921) sich als Soldat im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront eigenhändig vier abgefrorene Zehen mit dem Taschenmesser amputiert hat, beginnt sie, die Biografien der Showmaster zu untersuchen - und zu der ihres früh verstorbenen Vaters (Jahrgang 1925) in Beziehung zu setzen. Denn auch der war in der Nazizeit Soldat gewesen, wenngleich darüber nie gesprochen wurde.

Wer hat damals eigentlich für wen Fernsehunterhaltung gemacht? Mit dieser Fragestellung hat Schilling Senderarchive und privates Super-8-Material durchforstet - und wurde überreich fündig. Dabei sind gar nicht alle von ihr zusammengetragenen Aspekte Neuigkeiten - aber dank ihrer virtuosen Montage und des feinsinnigen Kommentars erscheinen sie in neuem Licht, gewinnen neue Bedeutung.

Da ist der Holocaust-Überlebende Hans Rosenthal, der in der Quizshow "Dalli Dalli" Kandidaten zerbrochenes Porzellan in eine Maschine kippen lässt, aus der es heil wieder herauskommt. Und der dann für sein Publikum zum "Sie sind der Meinung, das war spitze!"-Sprung ansetzt. Da ist der ehemalige Flakhelfer Peter Alexander, der mit Caterina Valente (als Kind deportiert) den Wirtschaftswunderhit "Es geht besser, besser, besser" performt. Und da sind erstaunlich viele kleine Anspielungen auf Krieg, Russland und das Soldatsein in Kulenkampffs "Einer wird gewinnen"-Moderationen.

Was mag ihr Vater gedacht haben, wenn er Kulenkampff sah, fragt Regina Schilling: "Wie viele sind neben dir verreckt? Wie viele Menschen hast du auf dem Gewissen?" Wenn in einem anderen Ausschnitt der Showmaster sein Publikum mit den Worten begrüßt, man wolle jetzt "friedlich, gemütlich und richtig schön langweilig" die nächsten zwei Stunden miteinander verbringen, wirkt das auf einmal nicht mehr nur spießig, sondern wie ein Anzeichen für ein kollektives Ruhe- und Sedierungsbedürfnis.

Kriegstraumatisierte Showmaster halfen einem kriegstraumatisierten Publikum mit infantilen Spielchen beim Verdrängen. Zitat aus dem dritten Band der Romantrilogie "08/15", die später mit dem Ex-Fallschirmjäger Joachim Fuchsberger verfilmt wurde: "Im Grunde braucht Deutschland keine Befreier, sondern Ärzte. Denn die Menschen hier sind krank."

Wie nah und unverarbeitet Kriegserfahrung und Nazizeit in Wahrheit noch waren, schält Schilling auf vielen Ebenen heraus. Sie dokumentiert, wie sich ihr Vater mit 17 freiwillig zu den Fliegern meldete und in ein Ausbildungsregiment nach Belgien kam, später dann in ein Gefangenenlager am Rhein. Dass er nach dem Krieg eine Ausbildung zum Drogisten machte, wertet die Tochter auch als zeittypisch: "aufräumen, reparieren, Schädlinge bekämpfen, Wunden heilen" - darum sei es gegangen.

Meisterhaft, wie Schilling einerseits sehr persönlich erzählt - und gleichzeitig die Allgemeingültigkeit ihrer Beobachtungen belegt: Die Drogerie-These etwa stützt sie mit Ausschnitten aus dem Fernsehspiel "Industrielandschaft mit Einzelhändlern" (1970), in dem der spätere "Derrick"-Darsteller Horst Tappert, einst Mitglied der Waffen-SS, einen Drogisten im weißen Kittel spielt. Auch in den Produkten und Werbespots der Zeit macht sie deren Spuren fest: "Unsere weiße Weste verdanken wir Persil", warb der Waschmittelhersteller in einem Spot mit Pinguinen.

Die kindliche Begeisterung der Autorin fürs Unterhaltungsfernsehen endete jäh am 9. November 1978. Es war der Tag, an dem erstmals offiziell der Reichspogromnacht von 1938 gedacht wurde. Hans Rosenthal hatte zwar nicht durchsetzen können, die anstehende 75. Jubiläumsausgabe von "Dalli Dalli" zu verlegen, moderierte aber in Schwarz und ließ nur Opernmusik spielen. Und im Anschluss wurde zum ersten Mal Alain Resnais' dokumentarischer KZ-Film "Nacht und Nebel" im TV gezeigt.

Über Kulenkampffs Schuhe wird im Film übrigens nicht viel mehr gesprochen. Das ist aber auch nicht nötig. Mag sich jeder seinen eigenen Reim auf die polierten Hochglanztreter machen, unter denen sich so viel Versehrtheit verbarg. Fest steht: Man blickt nun einfach anders auf sie.


Aus: "Deutsches Wirtschaftswunderfernsehen Freie Fahrt ins Verdrängen" Peter Luley (08.08.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/tv/ard-doku-kulenkampffs-schuhe-freie-fahrt-ins-verdraengen-a-1221861.html

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[...] Kulenkampffs Schuhe läuft heute, Mittwoch 8. August, um 22.30 Uhr im Ersten. ...  Kulenkampff kokettiert später mit der von Kritikern monierten Harmlosigkeit seiner Sendung: „Mit acht Nationen einen friedlichen Abend verbringen, richtig schön langweilig“, das sei doch was angesichts der jüngeren deutschen Geschichte. In den besten Jahren erzielt er Einschaltquoten von neunzig Prozent. Die „EWG“-Kulisse mit den gemalten beleuchteten Hochhäusern, die nach New York aussieht, die internationalen Gäste, die Kindergeburtstagsspiele, die charmanten Anzüglichkeiten des Moderators, die Showtreppe und Stars wie Caterina Valente – all das ist, wie Schilling in ihrer höchst subjektiven, aber exemplarischen Untersuchung zeigt, weniger harmlos, als sie damals wissen kann. Insbesondere die späteren, aus Amerika importierten Quizshows bedienen das „Re-Education“-Kalkül der westlichen Siegermächte. Das ist bekannt. Lutz Dammbecks Grimme-Preis-nominierter Film „Overgames“ beispielsweise zieht die Einflusslinien bis hin zu Methoden der Behandlung von Psychiatriepatienten durch forensische Spiele in Amerika.

Kulenkampff kokettiert später mit der von Kritikern monierten Harmlosigkeit seiner Sendung: „Mit acht Nationen einen friedlichen Abend verbringen, richtig schön langweilig“, das sei doch was angesichts der jüngeren deutschen Geschichte. In den besten Jahren erzielt er Einschaltquoten von neunzig Prozent. Die „EWG“-Kulisse mit den gemalten beleuchteten Hochhäusern, die nach New York aussieht, die internationalen Gäste, die Kindergeburtstagsspiele, die charmanten Anzüglichkeiten des Moderators, die Showtreppe und Stars wie Caterina Valente – all das ist, wie Schilling in ihrer höchst subjektiven, aber exemplarischen Untersuchung zeigt, weniger harmlos, als sie damals wissen kann. Insbesondere die späteren, aus Amerika importierten Quizshows bedienen das „Re-Education“-Kalkül der westlichen Siegermächte. Das ist bekannt. Lutz Dammbecks Grimme-Preis-nominierter Film „Overgames“ beispielsweise zieht die Einflusslinien bis hin zu Methoden der Behandlung von Psychiatriepatienten durch forensische Spiele in Amerika.

Schillings Film streift das Thema zwar – „für meinen Vater waren diese Showmaster wie Therapeuten“. Der faszinierendste Befund ihrer Arbeit mit dem Fernseharchivmaterial, der durch private Super-8-Filme, zahlreiche Fotos und Dokumente gestützt und ergänzt wird (Montage Jamin Benazzouz), ist aber ein anderer. Kulenkampff etwa macht häufig Witze über den Krieg, was dem Mädchen damals entgeht. Hans Rosenthal, jüdischer Herkunft, überlebte im Versteck einer Berliner Laube, sein Bruder wurde deportiert und erschossen. Später schreibt und spricht Rosenthal darüber im Interview mit Joachim Fuchsberger. Selbst beim ewig lustigen Peter Alexander gibt es wehmütige Chansons über Ruinen und zerbombte Städte: „Berlin hat mich mit einem Teppich empfangen – einem Bombenteppich.“

Unter der Oberfläche der Harmlosigkeit dieser Unterhaltungsshows gibt es überall Bodenloses. Einiges sieht man erst durch Schillings Film. Manches ist vorher bekanntgeworden. Martin Jente, der als Butler Kulenkampff am Ende der Show stets hinauskomplimentiert und der auch Produzent von „EWG“ ist, diente als SS-Hauptscharführer und Adjutant im Führerhauptquartier, wie sich bei Sichtung seines Nachlasses herausstellt.

Auch Horst Tappert, der 1970 in einem Fernsehspiel einen Drogisten vor der Geschäftsaufgabe spielt –, die Parallelen zum imaginierten Leben von Schillings Vater sind evident – war Soldat bei der SS. Unter Kulenkampffs glänzendem Showschuh verbarg sich ein Fuß, dem vier erfrorene Zehen fehlten, die er sich als junger Soldat an der Ostfront mit dem Taschenmesser abgeschnitten hatte. Robert Lembke hatte einen jüdischen Vater. Einmal kommt in „Dalli Dalli“ eine Maschine zum Einsatz, die Porzellanscherben zusammenklebt. Die Mitspieler schaufeln am einen Ende Zerbrochenes hinein und ziehen am anderen Kannen und Tassen auf Tabletts heraus. Eine solche Art Maschine ist in „Kulenkampffs Schuhe“ auch die Nachkriegs-Unterhaltungsshow. ...


Aus: "„Kulenkampffs Schuhe“ in der ARD : Mach sie alle wieder ganz" Heike Hupertz (08.08.2018)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/die-dokumentation-kulenkampffs-schuhe-in-der-ard-15725292.html


« Last Edit: August 15, 2018, 09:41:22 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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[Spurensuche und innere Abgründe... ]
« Reply #42 on: August 15, 2018, 09:40:31 vorm. »
Quote
[...]  Ein Missbrauchsskandal erschüttert die katholische Kirche: In Pennsylvania sollen sich mehr als 300 Priester in 70 Jahren an mindestens 1000 Kindern vergangen haben. 

... Shapiro sprach von einer „jahrzehntelangen Vertuschung“ durch ranghohe Kirchenobere in Pennsylvania und bis in den Vatikan. Dies habe dazu geführt, dass kaum einer der Fälle heute noch strafrechtlich verfolgt werden könne - fast alle der Taten seien verjährt. Straffällig gewordene Priester seien routinemäßig in andere Gemeinden versetzt worden. Die Gemeindeglieder seien nicht in Kenntnis gesetzt worden.

... Dem Bericht zufolge vergewaltigten und schwängerten Priester junge Mädchen. In einem Fall sei eine Abtreibung arrangiert worden. Der zuständige Bischof habe anschließend sein Mitgefühl ausgedrückt - nicht mit dem Opfer, sondern mit dem Priester. „Es muss eine sehr schwere Zeit für Sie sein.“

Zu dem Bericht haben auch eine halbe Million Dokumente beigetragen, die bislang in den Geheimarchiven der Bistümer unter Verschluss gehalten worden waren. Die Ermittler in Pennsylvania haben sich mit juristischem Druck Zugang verschafft. Mehrere der identifizierten Geistlichen hatten sich gegen die Veröffentlichung ihres Namens gewehrt, was die Publikation des Berichts verzögert hat. Insgesamt stehen mehr als 400 Priester unter Verdacht.

...


Aus: "Missbrauchsskandal in Pennsylvania "Jahrzehntelange Vertuschung" – bis in den Vatikan" Michael Donhauser (15.08.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/missbrauchsskandal-in-pennsylvania-jahrzehntelange-vertuschung-bis-in-den-vatikan/22914112.html

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[Spurensuche und innere Abgründe... ]
« Reply #43 on: Februar 06, 2019, 10:11:21 vorm. »
Quote
[...] Das Frauenmagazin des Vatikans Women Church World hatte in seiner Februarausgabe, die in der vergangenen Woche erschien, den sexuellen Missbrauch von Nonnen durch Geistliche offengelegt. Bei mehreren dieser Übergriffe seien dem Bericht zufolge Kinder gezeugt worden. Die Priester hätten sich später geweigert, ihre Vaterschaft anzuerkennen, oder die Ordensschwestern seien zur Abtreibung gezwungen worden – nach katholischer Lehre eine Todsünde. Nonnen seien jahrelang mit der Drohung zum Schweigen gezwungen worden, sie oder ihre Orden würden sonst bestraft. Vor allem die Macht der Kleriker sei der Grund für die Vorkommnisse, hieß es in dem Bericht unter Berufung auf Papst Franziskus. 

Die Veröffentlichung ist eine weitere Anerkennung von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche. Zuvor hatte sich der Vatikan jahrelang wenig um das Problem gekümmert. Die katholische Kirche wird seit Jahren von Missbrauchsaffären erschüttert und befindet sich dadurch in der Krise. Bislang waren vor allem Übergriffe auf Kinder und Jugendliche bekannt geworden. 


Aus: "Papst bestätigt Missbrauch von Nonnen durch Geistliche" (5. Februar 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-02/vatikan-sexueller-missbrauch-nonnen-katholische-kirche-papst-franziskus


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[Spurensuche und innere Abgründe (Schlagzeilen & Ethik?...) ... ]
« Reply #44 on: Juni 30, 2020, 12:06:01 nachm. »
Quote
Bohrhammer #1.3

"Was läuft bei diesen Tätern falsch? Ich werde das nie begreifen"

Das ist die Frage. Mich würde das auch interessieren. Geht es um die nahezu unbeschränkte Macht, lieben sie es etwas wehrlosem Schmerz zuzufügen? Oder geht es "nur" um das plumpe Stillen eines Triebes?

... Leider muss ich feststellen, das sich der Justizminister in NRW mit der Aussage "Ich habe nicht damit gerechnet, nicht im Entferntesten, welches Ausmaß Kindesmissbrauch im Netz hat" sehr disqualifiziert hat.


https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-06/kindesmissbrauch-missbrauchsfall-bergisch-gladbach-paedophilen-netzwerk-verdaechtige?cid=53208923#cid-53208923

https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-06/kindesmissbrauch-missbrauchsfall-bergisch-gladbach-paedophilen-netzwerk-verdaechtige


...

Quote
[...] Sexuelle Gewalt gegen Kinder wird noch immer häufig mit Pädophilie gleichgesetzt. Dabei ist nur gut die Hälfte aller Menschen, die Kinder sexuell misshandeln, auch pädophil. Pädophilie ist eine Neigung, bei der erwachsene Menschen sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, die meist noch vor der Pubertät stehen und jünger als elf Jahre sind. Pädophil zu sein ist zudem nicht gleichbedeutend damit, diese Neigung auch auszuleben.

Kindesmissbrauch kennt viele Täterinnen und Täter, beispielsweise Menschen, die traumatisierende Erfahrungen in ihren Familien erlebt haben, unter Persönlichkeitsstörungen leiden, Probleme haben, Empathie zu empfinden, oder dazu neigen, sich und anderen zu schaden. Manche Täter missbrauchen Kinder auch, weil ihnen etwa die sozialen Fähigkeiten fehlen, sexuelle Beziehungen zu Erwachsenen einzugehen.

Wichtig ist auch zu wissen: Missbrauch findet oft in den Familien statt, in denen Kinder ohnehin leben. Der Täter kommt also nicht zwingend von außen.


Welches Mittel ist am besten geeignet, um ein Kind ruhigzustellen, das man missbrauchen möchte? Es gibt Menschen, die diese Frage stellen. Und Menschen, die diese Frage beantworten, weil sie Erfahrung damit gemacht haben. Es sind anonyme Mitglieder in Chaträumen und Onlineforen, die sich Bilder und Videos, Kinderpornos hin- und herschicken, die sich zum gemeinsamen Missbrauch der eigenen Kinder verabreden, die andere, die noch zögern, regelrecht anfeuern, es doch mal zu probieren.

30.000 Spuren hat die Staatsanwaltschaft Köln im Komplex um Bergisch Gladbach mittlerweile gefunden. Das teilte Nordrhein-Westfalens Justizminister Peter Biesenbach (CDU) nun mit. Am Ende könnten 30.000 Verdächtige stehen, vielleicht mehr. "Ich habe nicht damit gerechnet, nicht im Entferntesten, welches Ausmaß Kindesmissbrauch im Netz hat", sagte Biesenbach. "Verstörend" nannte er das Ergebnis.

Oder besser: das Zwischenergebnis. Denn das, was hier sichtbar wurde, ist womöglich nur der kleinere Teil. Die dicken Wurzeln, die aus der Erde ragen. Manche würden zum gleichen Ursprung zurückführen, weil ein Täter mehrere Taten begangen haben könnte. Andere sind womöglich als Mitglieder in diesen Chaträumen, aber haben sich bislang nicht strafbar gemacht. Aber vieles, fürchtet der zuständige Staatsanwalt Christoph Hebbecker, sei noch gar nicht offenbar. Die Zahl der Spuren, die Zahl der Täter und auch die Zahl der Opfer könnte also noch weiter steigen.

Und niemand weiß, wie tief die Wurzeln schon gewachsen sind. "Wir sehen, dass bei den Beteiligten das Verlangen nach mehr wächst", sagt Hebbecker. Irgendwann reichten die Fotos und Videos nicht mehr und in einem solchen geschlossenen Resonanzraum wäre es leichter, den nächsten Schritt zu gehen. Bei dem, was die Ermittler und die Staatsanwaltschaft gefunden haben, ist die gesamte Bandbreite dabei, von Nacktfotos bis zur Vergewaltigung kleiner Kinder.

Angefangen hatte alles mit einem einzelnen Verdächtigen im vergangenen Oktober. Der 43-Jährige soll in Bergisch Gladbach seine 2017 geborene Tochter mehrfach sexuell missbraucht und sie dabei gefilmt haben. Die Aufnahmen habe er mit anderen im Internet geteilt. Der Fall nahm bald größere Dimensionen an, ein 27-jähriger Bundeswehrsoldat wurde bereits verurteilt. Er hatte in mindestens 30 Fällen seine Tochter, den Stiefsohn, die Nichte und die Tochter eines Chatpartners zum Teil schwer missbraucht. Das Landgericht Kleve verurteilte ihn zu zehn Jahren Haft und Aufenthalt in einer geschlossenen Psychiatrie.

Ursula Enders ist davon nicht überrascht. Die Traumatherapeutin ist Mitbegründerin von Zartbitter, einer Kölner Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch. Die 67-Jährige arbeitet seit mehr als 20 Jahren in dem Bereich und sagt: Missbrauch passiert häufig im engen sozialen Umfeld der Opfer. Täter würden zunächst vorsichtig austesten, ob es eine Art Kontrollmechanismus gibt, also Nachbarn, Bekannte, Lehrerinnen, die aufmerksam werden. Dann fangen sie an, die Kinder zu desensibilisieren, zum Beispiel für Nacktfotos. Das Vergewaltigen kommt erst später.

Mittlerweile habe Enders es in mindestens der Hälfte ihrer Fälle mit Bildmaterial zu tun. Kinder würden heute ständig und überall fotografiert, es finde eine digitale Entgrenzung statt. Da beginne das Problem bereits. "Eltern machen Fotos von ihren Töchtern und Söhnen und schicken sie im Bekanntenkreis rum, selbst wenn es den Kindern peinlich ist." Wenn Kinder sich hier nicht ernst genommen fühlen, würden sie sich jedoch schwertun, von Nacktbildern zu berichten. Und dann erst recht, wenn mehr passiert ist. "Fotos, die den Kindern peinlich sind, sind niemals süß", sagt die Erziehungswissenschaftlerin.

Und doch habe es, bei allem Schmerz, etwas Positives, dass mittlerweile so viel Bildmaterial entsteht. Die Beweislast würde den Kindern ein Stück weit von den Schultern genommen. Früher habe es Berichte von Opfern gegeben, die erzählten, Micky Maus habe sie vergewaltigt. Das wurde dann als Einbildung abgetan – dabei hatte der Täter eine Micky-Maus-Maske getragen.

Im Fall um Bergisch Gladbach gibt die Staatsanwaltschaft an, die gesicherten Daten bewegten sich im Terabyte-Bereich. Dazu zählen Chatverläufe, Videos und Fotos. Zur Einordnung: Auf eine Festplatte mit einem Terabyte Speicher passen etwa 250.000 Fotos oder 500 Stunden HD-Videos. Aus diesen hat die Taskforce Berg nun die 30.000 Spuren destilliert, bislang wurden 72 Verdächtige identifiziert, von denen zehn zuletzt in U-Haft saßen. Mehrere Hundert Ermittler waren an der Untersuchung beteiligt. Drei seien mittlerweile krankgeschrieben – das Anschauen der Videos sei zu belastend gewesen. Bislang seien 44 Kinder identifiziert und befreit worden, darunter ein drei Monate altes Baby.

Experten und Ermittler rechnen allerdings nicht damit, das Problem nachhaltig gelöst zu haben. Es sei anzunehmen, dass wir in Zukunft häufiger von solchen Netzwerken hören werden, vermutet Staatsanwalt Hebbecker. Einerseits werde das sogenannte Hellfeld größer, die Ermittler seien technisch und personell immer besser ausgestattet und würden solche Gruppen besser aufspüren. Andererseits sei aber durch die digitalen Möglichkeiten auch damit zu rechnen, dass der Austausch von Material und Erfahrungen unter Tätern immer leichter werde.

Das vermutet auch Ursula Enders: "Wir sehen mehr, aber auch die Fälle werden wohl mehr." Qualitativ sei das jedoch nichts Neues: "Über das Ausmaß der Gewalt mache ich mir keine Illusionen." Das sei schon immer brutal gewesen. "Ich hatte in den Neunzigerjahren schon mit Fällen zu tun, da ging es um Snuff-Pornos. Da wurden Kleinkinder vor der Kamera zu Tode vergewaltigt."

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, spricht von einem "pandemischen Ausmaß". Er sei froh, dass es bereits erste Gesetzesänderungen gegeben habe, und hofft, dass das Thema nun auch in allen anderen Bundesländern Priorität bekommt. "NRW hat den Kampf gegen Kinderpornografie und Missbrauch zur Chefsache gemacht, das erwarte ich von allen Innenministern und eigentlich auch Ministerpräsidenten", sagte Rörig.

Die Behörden in NRW hatten zuletzt mehrere solcher Netzwerke aufgedeckt, unter anderem in Münster, Lügde und eben in Bergisch Gladbach. Das liegt allerdings offenbar nicht daran, dass sich hier besonders viele Täter ballten. Verdächtige haben die Ermittler laut Staatsanwaltschaft mittlerweile in allen Bundesländern identifiziert. Und sie stehen erst am Anfang.


Aus: "Missbrauchsfall in Bergisch Gladbach: Das Vergewaltigen kommt erst später" Christian Vooren (29. Juni 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-06/missbrauchsfall-bergisch-gladbach-staatsanwaltschaft-koeln-cybercrime-taskforce/komplettansicht

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Alexis Machine #7

Krieg und Kindesmissbrauch sind die einzigen Dinge, bei denen sich nahezu alle Menschen einig sind: Das will keiner! Warum gibt es dann so unendlich viel davon auf der Welt?


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gnugo #7.1

Weil die, die es wollen oder denen es egal ist, das niemals aussprechen würden - demzufolge trifft die Schätzung "nahezu alle Menschen" nur auf die zu, die sich tatsächlich auch äußern. Die anderen halten schön ihre Klappe, das wäre ja sozialer Selbstmord, so eine Haltung zu offenbaren. Die wenigen, die sowas aussprechen, sind Psychopathen, die nichts mehr zu verlieren haben, oder völlig verirrte Breiviks, die nicht mehr zu retten sind.


Quote
Linksrechtsobenunten #7.4

Naja, Kriege werden sich schon öfters mal gewünscht, auch ganz offen. ...


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AP- #10

Ich lese soviel Scheiße, die in der Welt passiert, aber bei diesem Thema bin ich ratlos. ... Die Täter gehören zumindest in psychatrische Behandlung, vielleicht lebenslang. Manchmal, wenn ich mich nicht zusammenreiße, wünsche ich mir ganz andere Methoden.


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Mahlanlage #19

... die Fallzahlen sind das, was mich doch sehr nachdenklich werden lässt. In wieviel Prozent der Bevölkerung schlummert die Perversion? Wieviel Prozent pädosexuelle, wieviel Prozent sadistisch veranlagte Menschen gibt es? Die 30 000 Fälle sind ja auch nur die Spitze des Eisbergs.

Das Internet mit seiner statistisch geballten Kraft spült den ganzen Dreck im Schutz der Anonymität nach oben.

Wir schauen in den Spiegel unserer sensiblen Gesellschaft, die sich um Tierrechte, Klima und Genderfragen Gedanken macht. Ziemlich hässlich, was sich da zeigt, wenn man einmal in die dunklen Ecken leuchtet.


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JuliusU995 #23

"Ich hatte in den Neunzigerjahren schon mit Fällen zu tun, da ging es um Snuff-Pornos. Da wurden Kleinkinder vor der Kamera zu Tode vergewaltigt."

Was soll man dazu noch schreiben ?
Es ekelt einen nur an und macht unglaublich wütend.


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La Canada #28

Ich habe Angst, dass ich statistisch gesehen einen(?) der vielen tausend Täter kenne, aber davon nichts bemerke. Als Familie mit 3 Kindern kennen wir reichlich andere Familien mit Kindern (Schule, Sport, Freunde, Nachbarn, Verwandten).


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Shinoda #37

Ich bekomme es einfach nicht in meinen Kopf. Ich bekomme nicht in meinen Kopf, was ich eben gelesen habe. ...


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Linksrechtsobenunten #40

"Drei seien mittlerweile krankgeschrieben – das Anschauen der Videos sei zu belastend gewesen."

100% verständlich. ...


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HansSprungfeld #50

Dieser Artikel lässt mich fassungslos, traurig und verstört zurück. Ich kann die Trauer und Wut kaum in Worte fassen.


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Cranston #53

Das Erstaunen über die Vielzahl von Kontakten erstaunt mich wiederrum. Wo sollen die sich wohl sonst so sorglos austauschen, wenn nicht "anonym" im internet? Im Netz werden Waffen gedealt, Drogen verkauft, Kinder gehandelt. Wirklich eine neue Information?

Hut ab vor den Ermittlern.Sowas muß extrem belasten. Erst Recht wenn man eigene Kinder hat. Aber dennoch: Das Entsetzen der "allgemeinen Politik" und sonstigen Amtsträgern kaufe ich denen dann ab, wenn sie etwas unternehmen. So wie im vorliegenden Fall.

Deutschland bleibt für diese "dunklen Ecken" immernoch ein gewisses Paradies. Was wieder die Frage aufwirft, die an anderer Stelle auf andere Art diskutiert wird: Wieviel "Kontrolle" ist uns unsere Freiheit wert?

Das alles nicht nicht halb so leicht aus meiner Sicht wie man annehmen mag.


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sibore #59

Mir wird gerade schlecht!


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Krawallschachtel #67

Als Jugendlicher war ich in einem Schüler- und Jugendforum aktiv (oxybrain). Trotz guter Moderation (Danke Flo83), schlugen nicht selten Typen jenseits der 30 auf und versuchten junge Mädchen zu ködern oder um Akzeptanz für ihre "Sexuelle Vorliebe" zu werben.
Typische abstruse Argumentation:

-sei doch ok, wenn alles einvernehmlich ist
-Verbote seien unmenschlich und verhindern, dass Kinder sich frei entwickeln können ( durch Sex mit älteren Männer, wtf?)
- wer das nicht toleriert, ist im Grunde ein Nazi
- Generell die Opferrolle, denn man würde ja stigmatisiert

Einmal wurde ein Text geteilt, wo es darum geht, dass der Erzähler im Kindergarten praktikum macht und die kleinen von sich aus den Erzähler zu verführen versuchen würden (dafuq?).

Darüber hinaus wurde von ähnlichen Gestalten auch für die Pro-Ana oder Pro-Mia Szene geworben. Erwachsene Männer, die kleine Mädchen quasi als Mentor in die harte Magersucht führen wollen und dafür aber Bilder und Hörigkeit erwarten.

In den nächtlichen Grabenkämpfen im Forum bin übrigens zu der Krawallschachtel geworden, die ich heute bin.

Was man daraus lernen kann:

1. Von Unrechtsbewusstsein gibt es überhaupt nicht den Hauch einer Spur
2. Täter fühlen sich sicher: Oxybrain war jetzt nicht gerade das Darknet
3. schon damals gab es eine organisierte Szene
4. Eltern haben keinen Schimmer, womit ihre Kinder im Internet konfrontiert werden
5. Das Internet ist auch ein sehr hässlicher Ort


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autist #68

30.000 Spuren zu Verdächtigen - allein, dass es nur eine einzige aufgemachte Quelle ist, macht den Umfang so unfassbar. Wenn es aber auch noch 30.000 Verdächtige wären, aus einer einzigen entdeckten Quelle, würde sich die Frage nach dem zivilisatorischen Zustand der Gesellschaft ganz eindringlich stellen.

Unabhängig davon, wie sich dies im Laufe der weiteren Vermittlungen aufhellt, scheint neben Drogen und Prostitution Kindesmissbrauch ein Geschäftsmodell zu sein. Was wiederum zur Frage nach dem zivilisatorischen Zustand der Gesellschaft zurückführt.


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Naturliebe #95

Die Empörung ist nun riesengroß. Doch finden diese schrechliche Verbrechen mitten in unserer "zivilisierten" Gesellschaft statt. ...


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« Last Edit: Juni 30, 2020, 12:12:13 nachm. by Textaris(txt*bot) »