Author Topic: [Versprengte Notizen zum Krieg... ]  (Read 340002 times)

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[Versprengte Notizen zum Krieg... ]
« Reply #630 on: September 11, 2018, 09:16:23 AM »
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[...] Die USA, Frankreich und Großbritannien haben zwei Mal mit Luftangriffen auf syrische Munitionsdepots und Militärflughäfen reagiert – nicht, um die Machtverhältnisse am Boden entscheidend zu ändern, sondern um das klare Signal zu setzen: Der Einsatz geächteter Waffen wird nicht geduldet und hat Konsequenzen. Das drohen sie auch jetzt an. Und sie haben offenbar die Bundesregierung gefragt, ob sie sich anschließt. ...  Was [ ] spricht für, was gegen eine deutsche Beteiligung an einer begrenzten Militäraktion zur Durchsetzung des Giftgasverbots? Zwei Gründe ragen heraus: die Verteidigung eines Minimums an Humanität in einer Welt, in der internationale Regeln oft gebrochen werden. Und das Bemühen um eine gemeinsame europäische Position. ...


Aus: "Was für einen Bundeswehr-Einsatz in Syrien spricht" Christoph von Marschall (10.09.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/krieg-in-syrien-was-fuer-einen-bundeswehr-einsatz-in-syrien-spricht/23036606.html

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Dunkelreaktion 10.09.2018, 20:19 Uhr

Es ist lächerlich, noch immer von westlichen Werten zu schwafeln, nach dem Einsatz der Atombomben in Japan, von AgentOrange in Vietnam, von Uranmunition in Serbien und im Irak und Phosphormunition in Syrien und mehreren völkerrechtswidrigen und auf Lügen begründeten Angriffskriegen und Regimechanges, die nur ins Chaos geführt haben. Ich finde diese mediale Kriegstreiberei und extrem manipulierende Berichterstattung und Kommentierung unerträglich.


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Haferstich 08:16 Uhr

    Zwei Gründe ragen heraus: die Verteidigung eines Minimums an Humanität in einer Welt, in der internationale Regeln oft gebrochen werden. Und das Bemühen um eine gemeinsame europäische Position.

Minimum an Humanität durch Bomben statt Giftgas. Dieses perfide Denken wird den Toten egal sein. ...


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ach 08:12 Uhr

    Was also spricht für, was gegen eine deutsche Beteiligung an einer begrenzten Militäraktion zur Durchsetzung des Giftgasverbots? Zwei Gründe ragen heraus: die Verteidigung eines Minimums an Humanität in einer Welt, in der internationale Regeln oft gebrochen werden. Und das Bemühen um eine gemeinsame europäische Position.

Oje. Bei einem Krieg mitzumachen, weil es den Teamgeist stärkt. Ist ja ähnlich unsinnig wie die Bündniszusage Deutschlands, mit der der erste Weltkrieg begann.
Um eine gemeinsame europäische Position wird sich im übrigen gar nicht bemüht. Es geht allein darum, daß Deutschland seinen guten Namen für eine Aktion von Frankreich, Großbritannien und den USA hergeben soll. Und eine militärische Aktion am Sicherheitsrat der UNO ist im übrigen auch ein Bruch internationaler Regeln. Beide 'herausragenden' Argumente von Marschall haben also sehr wenig Substanz.


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froggy08 08:07 Uhr

In Syrien steht kein Stein mehr auf dem anderen und der Westen ist nahezu untätig geblieben. Die Flüchtlingswelle nach Europa hat der Westen mit ausgelöst, indem die Mittel für das Flüchtlingswerk der UN zusammen gestrichen worden sind. Aber sobald eine Giftgasgranate explodiert, entdecken wir unsere humanen Werte und werfen ein paar Bomben, um das schlechte Gewissen zu beruhigen. Das ist zynisch, menschenverachtend und konzeptionslos. Denn auch die Bomben töten letztlich wie das Giftgas ohne das dadurch ein Schritt zum Frieden in Syrien erreicht wird. Denn dazu müsste der Westen Bodentruppen einsetzen und das tut man nicht.


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hammerling 10.09.2018, 20:39 Uhr

Herr Marschall, die Oberdemokraten in den USA haben gestern eine syrische Siedlung mit Phosphorbomben angegriffen, die nach dem Kriegsrecht geächtet sind. Soweit zur Nichtduldung von Waffen. Heute hat Bolton den ICC für tot erklärt. Sparen Sie sich derlei Artikel. Sie klingen nach Heuchelei.


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Ferdinand-Georg 10.09.2018, 20:23 Uhr
Ich lese hier:

    Am 03. Juli 1979 unterzeichnete US-Präsident Carter auf Drängen seines Beraters Brzeziński die Operation Cyclone. Damit wurden vor dem Einmarsch der Sowjetunion nach Afghanistan Waffen an die Mudschaheddin geliefert, die Vorläufer der Taliban.
    (Quelle: https://www.gegenfrage.com/usa-taliban-mudschaheddin/)

Und ich lese dort:

    Saddam Hussein - jahrelang auch vom Westen aufgerüstet
    In den siebziger und achtziger Jahren ist der Irak von vielen westlichen Regierungen als Geschäftspartner umworben worden. Frankreich, Deutschland und andere europäische Staaten lieferten massenweise Rüstungsgüter an das Regime in Bagdad. Dabei fand ein gefährlicher Know-how-Transfer im Bereich der ABC-Waffen statt. Nach dem Sturz des Schahs in Iran 1979 unterstützten auch die USA Saddam Hussein.

    (Quelle: https://www.nzz.ch/article8PD77-1.222358)

Und dann lese ich wieder da:

    Irak-Krieg
    Amerikanische Regierung legte falsche Beweise vor
    US-Verteidigungsminister Rumsfeld hat zugegeben, dass es vor dem Irak-Krieg keine neuen Erkenntnisse über etwaige Massenvernichtungswaffen des Saddam-Regimes gab. Ein ehemaliger ranghoher Mitarbeiter des US-Außenministeriums wirft der Regierung vor,Geheimdienstinformationen in der Öffentlichkeit falsch dargestellt zu haben.


Und jetzt schreibt Herr von Marschall:


    Die Befürchtung, dass dabei Giftgas eingesetzt wird, stützt sich auf Erfahrung. Assad hat zuvor andere Städte der Opposition mit Chemiewaffen terrorisiert.
    ... Der Einsatz geächteter Waffen wird nicht geduldet und hat Konsequenzen. Das drohen sie auch jetzt an. Und sie haben offenbar die Bundesregierung gefragt, ob sie sich anschließt.


... Lernen wir was aus der jüngeren Geschichte? ...


...

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[...] Die Grünen-Außenexpertin Franziska Brantner schließt einen Bundeswehreinsatz in Syrien nicht generell aus. "Für die über drei Millionen Menschen in Idlib gibt es keinen Rückzugsort mehr", sagte Brantner der "Bild"-Zeitung. Die "letzten sieben Horror-Jahre" seien "auch dem Versagen des demokratischen Westens geschuldet", keine Antwort auf die Allianz Russlands und des Iran mit Assad gefunden zu haben. "Das Ziel muss sein, die Menschen in Idlib zu schützen. Daraufhin müssen alle Optionen überprüft werden", sagte die Grünen-Politikerin.

...


Aus: "Grüne zu Idlib: Alle Optionen müssen geprüft werden" (11.09.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/diskussion-um-bundeswehreinsatz-in-syrien-gruene-zu-idlib-alle-optionen-muessen-geprueft-werden/23051656.html

https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/union-fdp-und-gruene-deutsche-politiker-zeigen-sich-offen-fuer-militaerschlag-in-syrien/23051396.html

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[...] Die SPD spricht sich strikt dagegen aus, CDU-Verteidigungspolitiker Henning Otte macht sich hingegen dafür stark: "Wir müssen Stärke zeigen", sagte er: "Jetzt ist es ganz wichtig, Gemeinschaft zu zeigen, Geschlossenheit zu zeigen, Stärke zu zeigen, Szenarien aufzustellen, um zu zeigen, wir würden ein solches Vorgehen nicht akzeptieren."

Stärke will auch der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags Norbert Röttgen (CDU) demonstrieren, man will und muss schließlich dabei sein, wenn die Verbündeten militärisch zuschlagen, selbst wenn dies gegen das Völkerrecht verstößt und eben nicht klar ist, wer für einen Giftgaseinsatz verantwortlich ist: "Es ist richtig", sagte er dem Tagesspiegel, "wenn die Bundesregierung mit den Verbündeten Deutschlands eine militärische Abschreckung und militärische Verhinderung von Giftgaseinsätzen durch das Assad-Regime prüft. Deutschland sollte zusammen mit den USA, Britannien und Frankreich hierzu auch grundsätzlich willens sein." Christian Schmidt (CSU): "Deutschland muss bereit sein, sich an internationalen - auch militärischen - Aktionen zu beteiligen, die ein Blutbad in der nordsyrischen Region Idlib verhindern werden."

FDP-Chef Christian Linder will auch nicht hintanstehen bei solchen Planspielen, die schnell Wirklichkeit werden können: "Der Einsatz von Massenvernichtungswaffen, von Giftgas, ist ein Menschheitsverbrechen, das geächtet und geahndet werden muss durch die internationale Gemeinschaft."

Bei den Grünen, die den ersten Kriegseinsatz der Bundeswehr mitgetragen haben, ist man geteilter Meinung. Franziska Brantner will trasatlantisch konform einen Militärschlag nicht ausschließen: "Das Ziel muss sein, die Menschen in Idlib zu schützen. Daraufhin müssen alle Optionen überprüft werden." Jürgen Trittin hält dagegen: "Eine Beteiligung daran verstößt in Deutschland gegen das Grundgesetz. Deshalb muss eine deutsche Beteiligung an Luftschlägen gegen Syrien abgelehnt werden."

Entschieden dagegen spricht sich Sevim Dagdelen von den Linken dagegen aus: "Die Pläne für einen Angriff auf Syrien von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sind eine skandalöse Vorbereitung eines Angriffskriegs. Ein Kampfeinsatz deutscher Soldaten in Syrien auf Wunsch von US-Präsident Donald Trump ist außenpolitisches Abenteurertum und eklatanter Völkerrechtsbruch. Der angekündigte Einsatz ist zudem eine Verletzung des Grundgesetzes und des Parlamentsvorbehalts des Deutschen Bundestages. Die Bundeswehr darf nicht zur Luftwaffe von Al-Qaida und anderer islamistischer Terrorgruppen in Idlib gemacht werden."

Vorläufige Ergebnisse einer aktuellen YouGov-Umfrage machen klar, dass nur ein Viertel der Deutschen eine Beteiligung der Bundeswehr an einem möglichen Luftwaffeneinsatz als Vergeltungsmaßnahme auf einen Giftgaseinsatz unterstützen würden. Uneingeschränkt 7 Prozent, "eher" 16 Prozent. Auch bei den Unionswählern sprechen sich nur 29 Prozent dafür aus, dagegen sind aber 54 Prozent.

56 Prozent aller Befragten lehnen eine Beteiligung an einem Militärschlag ab (auf jeden Fall 34 Prozent, also auch schon mehr als die Befürworter). Keine Angaben machten 21 Prozent. Die meisten Unterstützer finden sich bei der FDP, daher spricht den Falken bei den Liberalen Lindner aus der Seele. 48 Prozent der liberalen Wähler sind dafür, dass die Bundeswehr mitmischt, wenn es gegen Assad geht, 47 Prozent sind dagegen.

Die Wähler der SPD (62%), der Grünen (63%), der Linken (79%) und der AfD (75%) sind mehrheitlich dagegen. Auch 49 Prozent derjenigen, die keine Partei präferieren, sprechen sich dagegen aus.


Aus: "Umfrage: Deutliche Mehrheit der Deutschen lehnt Militärschlag gegen Syrien ab" Florian Rötzer (11. September 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Umfrage-Deutliche-Mehrheit-der-Deutschen-lehnt-Militaerschlag-gegen-Syrien-ab-4161239.html

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     Cinclus, 11.09.2018 13:42

Die Kriegstreiber sind wieder salonfähig geworden.


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« Last Edit: September 11, 2018, 04:04:45 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Versprengte Notizen zum Krieg... ]
« Reply #631 on: October 04, 2018, 01:06:08 PM »
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[...] Die "Kriegsgeneration" stirbt langsam aus, und ich habe den Eindruck, das Bewusstsein der Zerbrechlichkeit von Frieden auch.

...


Aus: "Warum wir Frieden und Freundschaft mit Russland brauchen" Gabriele Krone-Schmalz (03. Oktober 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Warum-wir-Frieden-und-Freundschaft-mit-Russland-brauchen-4179222.html

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     kodu, 03.10.2018 15:57

Liebe Gabriele Krone-Schmalz

Schön, mal wieder etwas von Ihnen zu lesen. Leider ist Ihrer Generation von aufrechten Journalisten nur wenig nachgefolgt. In der Darstellung unseres Verhältnisses zu Russland, rennen Sie offene Türen bei mir ein...aber die Mehrheit glaubt leider Karen Miosga und Claus Kleber. Was kann man tun?! Bei der Lektüre Ihres Textes wird man ein bisschen wehmütig, angesichts des Verlustes an objektiver Berichterstattung und Meinungsbildung während der letzten Jahrzehnte. "Wir leben in einem Zeitalter der Massenverblödung" hat Peter Scholl-Labour kurz vor seinem Tod in einem Fernsehinterview gesagt. Ob sich daran nochmal etwas ändert?



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[Versprengte Notizen zum Krieg... ]
« Reply #632 on: October 27, 2018, 07:44:04 PM »
Quote
[...] Seit dem Beginn der Kämpfe in der Ostukraine sind etwa 2,8 Millionen Menschen geflohen. Über 1 Million von ihnen haben das Land verlassen. Seit 2013 haben 14.000 Ukrainer in der EU Asyl be­antragt, ein Fünftel von ihnen in Deutschland. Unter ihnen sind auch junge Männer, die auf diese Weise der Einberufung in die ukrainische Armee entgehen wollen. Auch Roman Petrenko ist aus diesem Grund hier. Er hat kein Asyl beantragt – in die Statistik geht er ein als einer von fast 10.000 ukrainischen Studierenden an deutschen Hochschulen.

... Rund 10.000 Menschen haben seit Beginn des Konflikts ihr Leben gelassen, schätzen die Vereinten Nationen. Es soll über 600 Vermisste geben. Immer wieder werden Männer im ganzen Land in großen Mobilisierungswellen zum Militär eingezogen. Diese Wellen sind angekündigt.

Wehrdienstleistende dürfen nicht an der Front eingesetzt werden. Dort kämpfen nur Männer und Frauen, die einen Vertrag abgeschlossen haben, sogenannte „Kontraktniki“.

Allerdings wird auf Wehrpflichtige Druck ausgeübt, einen derartigen Vertrag abzuschließen. Und auch wer keinen Vertrag abgeschlossen hat, kann nach dem Wehrdienst jederzeit mobilisiert werden. Circa 950 ukrainische Soldaten haben seit 2014 im Osten des Landes ihr Leben verloren.

... Es ist 2015. Viele Männer, nicht nur Freiwillige, werden in die Armee eingezogen. „Es wurde viel geredet. Alle wussten irgendetwas und doch nichts Konkretes. Aber vieles galt als Risiko“, erzählt Petrenko. „Es gab Geschichten, dass junge Männer auf der Straße angehalten wurden und zu dieser Gelegenheit die Vorladung zum Einzug in die Armee erhielten.“ Es sei Konsens gewesen, sich auf Bahnhöfen besser nicht zu lange aufzuhalten, weil Pässe kontrolliert würden. Ungewissheit gehört zur Tagesordnung, Mundpropaganda ist das Medium. Roman Petrenko ist ein wehrpflichtiger Mann. Zudem hat er eine militärische Ausbildung absolviert. Das Gerede betrifft ihn besonders, das weiß er.

In dieser Zeit schließt Roman seinen Master in Geschichte und Jura an der Universität in Czernowitz ab. Gleichzeitig ist er für ein Semester über Erasmus an der FU in Berlin. In diesen Monaten fährt er ein paarmal zurück in die Ukraine, um einige Formalitäten zu erledigen. „Mein Plan war, daraufhin die restliche Zeit des Semesters in Berlin zu verbringen und danach in die Ukraine zurückzukehren“, erinnert sich Petrenko.

„Um mein Masterzeugnis abholen zu können“, erklärt er, „musste ich alle Formulare zur Abmeldung vorlegen – auch vom militärischen Büro.“ In diesem Büro, genannt Wojenkomat (Военкомат), erfolgt die militärische Registrierung. Die Anmeldung für alle Männer unter 27 Jahren ist Pflicht. In diesem Büro will sich Roman Petrenko nun abmelden. „Mit der Abmeldebestätigung wären meine Unterlagen vollständig gewesen. Ich hätte mein Zeugnis abholen und die Uni abschließen können.“

Aber als Petrenko mit einem Kommilitonen das militärische Büro betritt, gehen die Männer in Uniform nicht auf die Bitte der beiden Studenten ein – so schildert Petrenko die Situation vor drei Jahren. „Sie sagten stattdessen, sie werden uns jetzt eine Vorladung für die Armee ausstellen und in zwei Wochen hätten wir hier wieder zu erscheinen. Wir wussten, jetzt wird es sehr eng für uns“, erzählt er. „Wir bestanden auf unser Recht, noch Studenten zu sein. Als Student kann man nicht eingezogen werden – danach schon.“

Die Männer seien nicht darauf eingegangen, erinnert sich Petrenko, sie hätten nur gesagt: „Ja, das wissen wir. Aber nach eurem Abschluss verschwindet ihr doch alle und geht uns durch die Lappen.“ Es gibt kein Ende des Gesprächs, nur einen unausgesprochenen Kompromiss. Die Studenten verlassen das Büro ohne die Vorladung – aber auch ohne die Abmeldung, für die sie eigentlich gekommen sind. Petrenko wird sein Masterzeugnis nicht abholen.

Stattdessen fährt er zurück nach Berlin und bemüht sich, in Deutschland zu bleiben. Er bekommt eine Aufenthaltsgenehmigung, bald darauf beginnt er ein Freiwilliges Soziales Jahr in Berlin. Er ahnt, dass ihn ein Kontakt mit den Behörden in seinem Land in eine weitere schwierige Situation bringen könnte. Trotzdem fährt er in den vergangenen drei Jahren einige Male nach Hause, um seine Familie zu besuchen.

Roman ist nicht der Einzige in dieser Situation. Stanislav Kovalchuk – auch sein richtiger Name muss hier verschwiegen werden – lebt seit drei Jahren in Frankfurt (Oder). Der Student geht lieber auf Nummer sicher. Nur ein einziges Mal war er zu Hause in der Ukraine, um seine Mutter zu besuchen. Das war zu Weihnachten. „Sicher ist sicher“, meint Kovalchuk. Er sagt: „Ich weiß, dass gezielte Aktionen in Zügen und an der Grenze gemacht wurden, um Männer zu rekrutieren. Ich hatte Angst, öfter zu fahren.“ Der 25-Jährige sitzt in der Mensa der Europa-Universität Viadrina und schlürft seinen Kaffee. Sein schwarzes Käppi ist mit vielen Buttons versehen. Ein „come together“ sticht heraus und die kleine rote Schleife, die Solidarität mit an Aids Erkrankten ausdrückt.

Stanislav Kovalchuk hat keinen Militärdienst geleistet. Mit der Armee wollte er nichts zu tun haben. Stattdessen hat er studiert. Nach seinem Master hätte er sich im militärischen Büro melden müssen. Aber er hatte Bekannte in den Behörden. Die hätten ihn gewarnt: „‚Wenn du dich jetzt ummeldest, dann wirst du sicher eingezogen und in die Konfliktzone geschickt‘“, erzählt Kovalchuk. Einem Bekannten sei das passiert, der sei nicht wiedergekommen aus Donezk, der umkämpften Stadt im Osten. Stanislav ließ es sein. Und jetzt? „Ich hänge in der Luft, ich bin nirgendwo zu finden. Ich habe mich abgemeldet, und derzeit habe ich keine Anmeldung in der Ukraine. Ich habe Glück gehabt, ich bin gleich nach Deutschland gegangen.“

Nach Deutschland wollte Stanislav Kovalchuk schon immer, Literaturwissenschaften studieren. Er hat sein Ziel erreicht. Auch er weiß von den Mobilisierungswellen. Er sieht ein Risiko außerhalb dieser Wellen. Und so bleibt er hier, ohne nach Hause zu fahren.

Und wenn Roman Petrenko bei einem seiner Besuche doch einmal eingezogen wird? Er würde in eines der Vorbereitungslager geschickt, glaubt er. Er wirkt nervös. Rauchend sitzt er auf der Bank vor einem Späti in Kreuzberg. Mittlerweile ist er im dritten Semester seines nun schon zweiten Masterstudiums. Wenn er eines Tages eingezogen wird, will er nichts dagegen unternehmen. „Ich bin für die Ukraine“, betont er, „aber nicht patriotisch.“ Petrenko ist in gewisser Weise zerrissen von der Situation in seinem zerrissenen Land – in dem er nicht lebt. „Ich bin Tourist, wenn ich nach Hause fahre“, sagt Petrenko.

Wenn er nach M. kommt, fühlt er sich beäugt. Dann merkt er, dass er der einzige Mann in seinem Alter ist, der durch die Straßen des Ortes geht. Warum er nicht an der Front ist, scheinen die Blicke des 200-Seelen-Dorfes zu fragen. Sie sprechen ihn nicht an, aber sie schauen. Fragen sich die Menschen das wirklich, wenn sie Roman Petrenko sehen? Oder fragt er sich das selbst? Ist es sein eigenes schlechtes Gewissen, das ihn ansieht, wenn er in der Ukraine nur zu Besuch ist?

In Gedanken ist Roman Petrenko viel in der Ukraine. Wenn er in Berlin sitzt und erzählt, wird sein Blick fern. Und manchmal, gesteht er, träumt er davon, in seinen Geburtsort zurückzukehren und auf dem Hof seines Großvaters Tomaten anzupflanzen.

Seine Mutter schüttelt darüber den Kopf. „Früher hast du immer nur davon gesprochen, dass du raus aus der Provinz willst – und jetzt, wo du weg bist, redest du so einen Unsinn!“ Svitlana Petrenkos blondes Haar wirkt wie ein Kontrast zu Romans dunklem. Ein dünner Haarreif, mit Strass besetzt, hält ihr die Stirn frei. Die Mutter hätte ihren Sohn am liebsten bei der ukrainischen Polizei gesehen. Immerhin versteht sie sich als Patriotin. Sie spricht von Sicherheit, von Stabilität, von Zukunft. Sie hatte Pläne für ihn.

Eine Frau im Alter seiner Mutter ist es auch, die im Büro der Universität in Czernowitz sitzt, als Roman Petrenko im vergangenen Jahr dorthin zurückkehrt. Er will doch noch einmal versuchen, das Zeugnis für seinen ukrainischen Master abzuholen – ohne die Papiere aus dem militärischen Büro. Mittlerweile ist sein Abschluss drei Jahre her. „Ein Studium ohne Zeugnis ist verschwendete Zeit“, findet er. Die Frau in Czernowitz versteht seine Situation. „Sie habe auch einen Sohn, sagte sie – und händigte mir mein Zeugnis aus.“

Auch Stanislav Kovalchuk ist sich sicher, dass er in diesem Krieg nicht dienen will. Er hat kein schlechtes Gewissen. Was, wenn er eingezogen würde? „Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.“ Der junge Mann schüttelt den Kopf. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, eine Waffe in der Hand zu halten, ich würde keinen Menschen umbringen.“ Den Krieg versteht Kovalchuk nicht. „Es wird immer von den ukrainischen Werten gesprochen und dass wir für diese Werte kämpfen sollen.“ Über die sozialen Netzwerke, durch die er mit Leuten in seinem Land in Verbindung bleibt, wurde er nicht nur einmal gefragt: Warum verteidigst du nicht unser Land? „Dann frage ich mich jedes Mal, welche Werte ich damit verteidigen würde.“ Für ihn ist die Ukraine kein Land, auf das er stolz sein kann. „Ich bin schwul“, sagt er, und: „Die Ukraine ist sehr homophob.“ Es gebe auch schwule Soldaten in der Ukraine, meint Kovalchuk, „die müssen für ein Land kämpfen, welches sie überhaupt nicht akzeptiert.“

Für ihn ist sicher: Zurück in die Ukraine will er nicht. „Ich fühle mich dort fremd, nicht hier.“ Hier, in Berlin, feiert er ausgelassen den CSD mit den anderen Tausenden Besuchern. Auf der Demo wehen keine nationalen Flaggen, hier weht der Regenbogen. Und trotzdem: In Deutschland wird er immer der Ukrainer sein, eine Bezeichnung, mit der er nichts mehr anfangen kann. Immer wird er auf seine Herkunft angesprochen. „Der Krieg ist jetzt zum Smalltalk und icebreaker geworden.“ Stanislav Kovalchuk rollt mit den Augen. Er fühlt sich auf eine Nation reduziert, mit der er sich nicht mehr identifizieren kann. „Ich denke, ich bin mehr als das!“

Weggehen ist ein aktiver Akt. Ebenso wie bleiben oder wiederkehren. Und jede Entscheidung hat ihre Folgen. In seine Heimat zurückgegangen ist der Opernsänger Wassyl Slipak. Seit dem Abschluss seiner Ausbildung lebte und arbeitete er in Paris. Zum Euromaidan kehrte er in die Ukraine zurück und ging als freiwilliger Kämpfer in den Osten des Landes. 2016 wurde er dort erschossen. Die ukrainische Regierung hat ihn posthum zum „Helden der Ukraine“ erklärt. Wer für sein Land kämpft und besonders wer dafür stirbt, wird geehrt – das ist die Nachricht, die damit an alle Lebenden gesendet wird.

Roman Petrenko, der Junior-Leutnant, bleibt nicht in dem Land, in dem er geboren wurde. Lebt nicht an dem Ort, den er „Zuhause“ nennt. Lieber hangelt er sich in Deutschland von einem Visum zum anderen. Viel Bürokratie, aber Hauptsache, nicht zurück. Und trotzdem: Nach Hause wird er immer wieder fahren wollen. Trotz der Mundpropaganda, trotz der Unsicherheiten.

Solange er studiert, hat Petrenko ein reguläres Visum in Deutschland. Über Wasser hält er sich mit zahlreichen Jobs. Er hat geputzt. In Zehlendorfer Villen. Nachts in Dönerläden. Derzeit jobbt er nebenher bei einem Burger-Stand im Wedding. „Hier verdiene ich Geld, das reicht mir fürs Erste“, sagt Roman.

Was ihm aber sein Berliner Leben darüber hinaus bringen wird, weiß er nicht genau. Seit er in Berlin ist, macht er seine Pläne selbst. Das Wort Zukunft hat hier einen anderen Klang, als wenn seine Mutter in der Ukraine darüber spricht. Polizist wird er nicht, das weiß er. Soldat auch nicht. „Ich habe irgendwie gefühlt, dass ich nicht so einer bin.“ Bestimmt sagt er: „Hier bin ich auf einem Weg, auf welchem auch immer. Wenn ich mich bewege, komme ich zu etwas.“


Aus: "Flucht vor dem Militärdienst: Ukrainer auf Westkurs" ines noe (27. 10. 2018)
Quelle: http://www.taz.de/Flucht-vor-dem-Militaerdienst/!5541089/

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« Reply #633 on: November 09, 2018, 08:58:41 AM »
Quote
[...] Seit Beginn des "Krieges gegen den Terror" der USA sind in Afghanistan, Pakistan und im Irak rund eine halbe Million Menschen getötet worden. Zu diesem Ergebnis kommt ein Bericht des Watson-Instituts für internationale und öffentliche Angelegenheiten der Brown-Universität.

Demnach liegt die Opferzahl zwischen 480.000 und 507.000. Unter den Toten sind Aufständische, Zivilisten, Polizisten, andere Sicherheitskräfte sowie Soldaten aus den USA und verbündeten Staaten.

Im Vergleich zum letzten Bericht vom August 2016 sei die Zahl der Toten um mehr als 110.000 gestiegen, teilte die Universität mit. Das zeige, wie intensiv der nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 gestartete "Krieg gegen den Terror" nach wie vor sei - auch, wenn er von der US-Öffentlichkeit, von Medien und Politikern häufig kaum mehr beachtet werde.

Die Zahl der Opfer könnte Neta Crawford, der Autorin des Berichts, noch viel höher liegen. "Wir werden vielleicht nie die Gesamtzahl der direkten Todesopfer dieser Kriege kennen." So seien bei der Rückeroberung der irakischen Stadt Mossul und anderer Städte von der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) möglicherweise Zehntausende Zivilisten getötet worden. In der Gesamtzahl sind keine "indirekten Todesfälle" enthalten; das heißt solche, die auf die Langzeitfolgen von Kriegen wie etwa den Verlust des Zugangs zu Wasser, Nahrung, ärztlicher Versorgung oder Strom zurückzuführen sind.

Dem Bericht zufolge wurden im Irak zwischen 182.272 und 204.575 Zivilisten getötet, in Afghanistan 38.480 und in Pakistan 23.372, die meisten von ihnen durch militante Gruppen. Im Irak und in Afghanistan wurden zudem fast 7000 US-Soldaten getötet.

asa/AFP


Aus: "Schätzungen eines US-Instituts: 500.000 Menschen seit Beginn des "Kriegs gegen den Terror" getötet" (09.11.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/afghanistan-pakistan-irak-500-000-tote-seit-beginn-des-kriegs-gegen-den-terror-a-1237519.html

https://watson.brown.edu/costsofwar/files/cow/imce/papers/2018/Human%20Costs%2C%20Nov%208%202018%20CoW.pdf