Author Topic: [Versprengte Notizen zum Krieg... ]  (Read 439707 times)

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[Versprengte Notizen zum Krieg... ]
« Reply #665 on: Dezember 27, 2019, 02:51:15 nachm. »
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[...] Durch die heftigen Luftangriffe im Nordwesten Syriens sind nach Angaben der Uno mehr als 235.000 Menschen auf der Flucht. Viele Vertriebene benötigten aufgrund des Winters dringend humanitäre Hilfe und Unterkünfte, teilte das Uno-Nothilfebüro Ocha auf Twitter mit. Wegen der Angriffe hätten viele Hilfsorganisationen ihre Arbeit in Teilen der Provinz Idlib einstellen müssen.

Die Menschen seien vor allem südlich der Stadt Idlib vertrieben worden, hieß es in einem Uno-Bericht. Demnach fliehen sie überwiegend Richtung Norden und in Richtung der türkischen Grenze. Moscheen, Garagen, Hochzeitshallen und Schulen würden als Behelfsunterkünfte genutzt.

Seit Anfang Dezember haben Syrien und Russland ihre Luftangriffe auf die Rebellengebiete in Idlib deutlich verstärkt. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte angesichts der schweren Angriffe vor einer neuen Migrationswelle in Richtung Europa gewarnt.

Die Militäroperation gegen Rebellen in der Provinz war bereits im April gestartet worden. Schon in den ersten Monaten nach Beginn der Offensiven mussten schätzungsweise 400.000 Menschen ihre Heimat verlassen. Die heftigeren Angriffe seit Anfang des Monats verschärfen die Lage noch einmal.

Das Uno-Kinderhilfswerk Unicef zeigte sich angesichts der Eskalation in Syrien alarmiert: Die Gewalt treffe vor allem Kinder mit "voller Wucht". Mehr als 500 Kinder seien in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres verletzt oder getötet worden. In Flüchtlingslagern nahe der syrisch-türkischen Grenze seien viele Familien immer noch ohne Schutz und würden trotz des kalten Wetters im Freien schlafen.

jki/dpa


Aus: "Mehr als 235.000 Menschen auf der Flucht" (27.12.2019)
Quelle: https://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-mehr-als-235-000-menschen-wegen-luftangriffen-auf-der-flucht-a-1302898.html

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[Versprengte Notizen zum Krieg... ]
« Reply #666 on: Dezember 29, 2019, 09:10:01 nachm. »
"OPCW-Dokument ordnete die Löschung eines Berichts zum Vorfall in Duma an"  Florian Rötzer (27. Dezember 2019)
WikiLeaks hat weitere Dokumente veröffentlicht, die die OPCW, die Organisation für das Verbot chemischer Waffen, weiter unter den verstärkten Verdacht bringen, den Abschlussbericht über den angeblichen Giftgasangriff in Douma (Duma) am 7. 4. 2018 aus politischen Interessen manipuliert zu haben, um Syrien und Russland zu beschuldigen und vielleicht die Bombardierung der Amerikaner, Briten und Franzosen auf angebliche syrische Orte des Chemiewaffenprogramms zu legitimieren. ...
https://www.heise.de/tp/features/OPCW-Dokument-ordnete-die-Loeschung-eines-Berichts-zum-Vorfall-in-Duma-an-4624063.html

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     harimau, 28.12.2019 15:26

Re: Und der Gack hatte doch recht!

kid1212 schrieb am 28.12.2019 11:01:

    Damals wurde eine verbale Hetzjagd auf Gack und übrigens auch andere Jornalisten ausgeübt, die vor Ort waren, die ganz schnell von dem fingierten Angriff überzeugt waren und versuchten die Öffentlichkeit darüber zu informieren.

Solche Leute kriegen beim ÖR im Anschluss die Kündigung. Selbstverständlich aus rein "betriebsbedingten" Gründen.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (28.12.2019 15:26).


https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/OPCW-Dokument-ordnete-die-Loeschung-eines-Berichts-zum-Vorfall-in-Duma-an/Re-Und-der-Gack-hatte-doch-recht/posting-35837097/show/

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[...]     FOCUS-Online-Redakteurin Anja Willner

Dienstag, 24.04.2018, 18:57

Die Untersuchung des mutmaßlichen Giftgasangriffs auf die syrische Stadt Duma dauert weiter an. Die meisten Experten gehen davon aus, dass die Armee des syrischen Machthabers Baschar al-Assad hinter dem Angriff steckt.

Der Leiter des ZDF-Studios in Kairo, Hans-Ulrich Gack, hat am Freitagabend in der ZDF-Nachrichtensendung „heute“ eine andere Version verbreitet. Gack berichtete, in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Duma hätten ihm mehrere Menschen erzählt, der Angriff sei eigentlich eine „Provokation“ der islamistischen Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). In dem Lager seien auch viele Menschen, die aus Duma geflüchtet seien.

Sie hätten erzählt, die Islamisten hätten Tanks mit Chlorgas in Duma platziert – in der Hoffnung, dass die Behälter bei Bombardements getroffen würden. So sei es auch geschehen. Gack ordnete in der Live-Sendung diese Aussagen nicht weiter ein. Er sagte lediglich, er wolle „nicht für jeden Satz“ die Hand ins Feuer legen. „Aber irgendwie scheint da schon was dran zu sein.“

Gacks Auftritt lässt jedoch einige Fragen offen:
1. Wie kommt Gack auf den IS?

Der IS ist gar nicht in dem Gebiet aktiv, in dem Duma liegt. Die Gegend in der Nähe von Damaskus wird mittlerweile von Assads Truppen kontrolliert. Dort sind einige islamistische Milizen aktiv, in Duma zuletzt vor allem Dschaisch al-Islam. Anfang April stimmte die Miliz Medienberichten zufolge zu, Kämpfer und ihre Familie aus Duma evakuieren zu lassen und die Stadt den Assad-Truppen zu übergeben.
2. Wie glaubwürdig sind die Aussagen der Gesprächspartner?

Abgesehen von den Schilderungen seiner Gesprächspartner nennt Gack keine weiteren Belege für seine These, der Giftgasangriff könne eine „Provokation“ des IS gewesen sein. Umso zentraler ist die Frage, wie glaubwürdig die Aussagen seiner Gesprächspartner sind.

Das Flüchtlingslager, in dem Gack war, befindet sich mittlerweile auf einem Gebiet, das von der Armee Assads kontrolliert wird. Der ZDF-Korrespondent erwähnt nicht, wie die Auswahl der Gesprächspartner ablief – insbesondere, ob Gesprächspartner von einer staatlichen Stelle ausgewählt wurden.

Aus dem Beitrag wird außerdem nicht klar, woher Gacks Gesprächspartner ihre Informationen haben. Waren sie Augenzeugen, wie islamistische Kämpfer angeblich Chlorgas-Behälter platziert haben? Oder basieren ihre Aussagen auf Hörensagen? Warum kennen sie die Strategie islamistischer Milizen – wissen aber nicht, dass der IS in ihrer eigenen Stadt gar nicht aktiv ist?

3. Warum nennt Gack nur eine Theorie?

Der ZDF-Korrespondent stellt in der kurzen Live-Schalte nur die Theorie vor, der IS könne einen Giftgasangriff inszeniert haben. Zwar macht er deutlich, dass ihm dies seine Gesprächspartner in den Flüchtlingscamps erzählt haben - seine persönliche Einschätzung mag anders aussehen. Die unter Experten verbreitete Auffassung, dass die Assad-Regierung hinter dem Angriff steckt, erwähnt Gack jedoch gar nicht. Er erwähnt auch nicht, welche Fakten die von ihm vorgestellte Theorie erschüttern könnten, sondern lässt sie unbegründet stehen.
Russische Staatsmedien griffen Beitrag dankbar auf

Für staatliche russische Auslandsmedien wie „Sputnik“ und den deutschen Ableger von „RT“ war der Beitrag ein gefundenes Fressen. „ZDF-Reporter widerspricht westlichem Narrativ“, titelte „RT Deutsch“ und machte aus den Gesprächspartnern Gacks „Augenzeugen“, obwohl der Korrespondent selbst nie behauptet hatte, er habe mit Augenzeugen gesprochen.
So reagiert das ZDF

Auf Nachfrage von FOCUS Online teilte ein ZDF-Sprecher mit, dass die Liveschalte „auch in unserem Haus selbstkritisch diskutiert“ worden sei. Der Korrespondent habe bislang keinen Zugang in die Stadt Duma bekommen und „kann deshalb die ihm vermittelten Informationen nicht durch eigenen Augenschein überprüfen“. Gack habe auch wiederholt die „widersprüchlichen Informationen und die Propaganda aller Seiten“ thematisiert, die die Arbeit von Journalisten in Syrien besonders schwierig machen.

Der Sprecher wies auch darauf hin, dass Live-Schaltungen aus einem Krisengebiet mit „besonders viel Druck“ für die Korrespondenten verbunden seien. Dennoch kommt der Sender zu dem Ergebnis: „Unter diesen Bedingungen ging die Wertung des Korrespondenten in dieser Sendung zu weit.“ Gack habe seine Einschätzung in allen nachfolgenden Sendungen korrigiert.
In späteren Beiträgen stellt der Korrespondent die Lage differenzierter dar

Tatsächlich äußert sich der Korrespondent zum Beispiel in einem längeren Beitrag, der am Sonntagabend im „heute journal“ ausgestrahlt wurde, deutlich differenzierter. Darin stellt Gack Mitarbeiter eines Krankenhauses in Duma vor, die behaupten, es habe dort gar keinen Giftgasangriff gegeben. Die Patienten, die sie gesehen hätten, hätten die typischen Symptome nicht aufgewiesen – das Ganze sei inszeniert gewesen.

Der Korrespondent merkt aber gleichzeitig an, dass die Mitarbeiter vermutlich Ärger mit dem Assad-Regime bekämen, wenn sie sich anders äußerten. Er legt auch offen, dass das Regime die Klinikmitarbeiter geschickt habe, um mit ihm zu sprechen. Gack betont, dass diese „Zeugenaussagen“ kein Beweis dafür seien, dass der Giftgasangriff inszeniert gewesen sein könnte.



Aus: "„Wertung des Korrespondenten ging zu weit“ZDF-Mann verbreitete Verschwörungstheorie zu Syrien – jetzt reagiert der Sender" (Dienstag, 24.04.2018, 18:57)
Quelle: https://www.focus.de/politik/ausland/wertung-des-korrespondenten-ging-zu-weit-zdf-mann-verbreitete-verschwoerungstheorie-zu-syrien-jetzt-reagiert-der-sender_id_8821943.html

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01.05.18, 12:15 | Karl Bachmeier

Was nicht in das eigene Propagandakonzept passt

wird wird u.a. als Verschwörungstheorie abgetan oder gebrandmarkt.Ob Giftgasaffären in GB oder Angriffe in Syrien, die meisten Medien hier übernehmen kritiklos die Angaben der Anti-Assad Koalition.


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28.04.18, 10:53 | Martin Mainka

Herr Gack

hat das getan, was eigentlich lle seine Kollegen hätten tun sollen. Er war vor Ort, und hat mit Beteiligten und Augenzeugen gesprochen. Er hat deren Aussagen zusammengefasst, und damit ein Bild aus der Sicht der Befragten präsentiert. Er hat darüber hinaus auch noch darauf hingewiesen, dass die Quellen unsichere Quellen sind. Im Gegenzug Präsentiert seine Kollegia unkommentiert Berichte der Weißhelme, die sehr fragwürdig sind.


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[Versprengte Notizen zum Krieg... ]
« Reply #667 on: Januar 14, 2020, 03:25:48 nachm. »
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[...] Bienenbüttel – Das Buch schließt mit der Ermordung Else Urys in Auschwitz am 13. Januar 1943. Und es ist mucksmäuschenstill in der Buchhandlung Patz, als Marianne Brentzel die letzten Sätze ihrer Biografie über die Schriftstellerin und Kinderbuchautorin gelesen hat.

Dann entspinnt sich doch noch eine Frage-Runde mit der Autorin, die 1988 begonnen hatte, das Leben Urys, die mit ihren zehn „Nesthäkchen“-Bänden berühmt wurde, zu recherchieren. ....


„Mit ihrer Kriegsbegeisterung, das wissen wir alle, befand sich Else Ury in guter Gesellschaft“, liest die 75-Jährige aus Dortmund und zeichnet die Entwicklung Urys bis zum Berufsverbot durch die Nationalsozialisten nach. Dabei hatte Ury, unpolitisch wie sie war, in der Machtergreifung durch Hitler 1933 sogar eine mögliche Lösung für die tiefe Staatskrise gesehen.

65 Jahre alt wurde Ury, die aus dem liberalen Patrizier-Bürgertum Berlins entstammte. Der Vater, Tabakfabrikant, und die Mutter, Zentrum der Familie, ermöglichten Ury in einer Zeit, als Frauen in Berlin noch nicht studieren konnten, den höchsten Schulabschluss. Und Else Ury, die um 1900 mit dem Schreiben, zunächst von Märchen, begann, lebte unverheiratet zu Hause bei den Eltern. Und sie kaufte später als Erfolgsautorin von „Nesthäkchen“ ein Ferienhaus im schlesischen Krummhübel. Dabei fällt auf: Ihre beliebten Backfisch-Romane blieben konfessionell neutral. Und sie trug in Zeiten materieller Not zum Familieneinkommen bei: Rund 80 000 Reichsmark hoch war ihr jährlicher Verdienst in den zwanziger Jahren. „Sie war in ihrem Herzen selbst ein Kind geblieben“, zitiert Brentzel aus einem posthum geschriebenen Brief für Ury.

„Was kann sie getrieben haben?“, fragt Brentzel bei der Lesung. Und gibt selbst eine Antwort: „Sie hat die Lage nach 1933 falsch eingeschätzt.“ Nahe Verwandschaft ersten Grades habe sie im Ausland nicht gehabt. „Die Umstände waren nicht so.“ Und die Verwurzelung in Deutschland habe einen Fluchtgedanken ausgeschlossen.

So warf sie ihrem Bruder Hans „Schwarzmalerei“ vor. Und noch 1938, als ihr ein Mitarbeiter der Commerzbank die Auswanderung nahelegte, antwortete sie: „Wenn meine Glaubensgenossen bleiben, dann habe ich so viel Mut, Charakter und die feste Entschlossenheit, ihr Los zu teilen.“

Da waren Else Urys Bücher schon verfemt. Ihre „Nesthäkchen“-Heldin Annemarie Braun habe nicht dem Weltbild der Nazis entsprochen, sagt Brentzel. „Eine Frau hatte hart zu sein, ihre Pflicht zu erfüllen und ihre Kinder im nationalsozialistischen Sinne zu erziehen.“

Nach der Wende 1989 erlebten die „Nesthäkchen“-Bände noch einmal einen Aufschwung: Nicht nur unter den Nazis, sondern auch in der DDR waren sie verboten.


Aus: "Ermordet im KZ: Das Leben Else Urys und ihre „Nesthäkchen“-Geschichten"CHRISTIAN HOLZGREVE (07.05.2019)
Quelle: https://www.az-online.de/uelzen/bienenbuettel/verbotene-romane-12258420.html

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[...] Als Else Ury Ende Juli 1914 die Nachricht vom Kriegsausbruch erhielt, saß sie behaglich plaudernd bei einer Tasse Kaffee im Liegestuhl. Hastig brach sie aus der Sommerfrische in Johannesbad in Böhmen auf – und konnte noch lange nicht begreifen, dass ihre übersichtliche, wohl geordnete Welt für immer untergegangen war. Millionen Deutsche haben es ähnlich erlebt.

Else Ury, Verfasserin zahlreicher Kinder- und Jugendbücher, machte sich sehr bald daran, ihre Erfahrungen vom Kriegsalltag aufzuschreiben. Sie waren die Grundlage für „Nesthäkchen und der Weltkrieg“, Band vier der zehnbändigen Nesthäkchen-Serie. Er erschien erst 1922 und endet mit den Worten: „Mögen es bald die Friedensglocken sein, die Deutschland durchjubeln – das walte Gott. Mit diesem Wunsche nehme ich Abschied von Euch, meine lieben jungen Leserinnen. Auch mancher von Euch hat der Weltkrieg wohl, gleich unserm Nesthäkchen, Opfer auferlegt, kleine und größere. Aber ich bin davon durchdrungen, daß auch Ihr sie freudig fürs Vaterland auf Euch genommen habt. Wenn das schwere Ringen zu Ende und ein siegreicher Frieden unserer teuren Heimat beschieden ist, dann erzähle ich Euch, was aus Doktors Nesthäkchen wurde.“

Von einem „siegreichen Frieden“ konnte keine Rede mehr sein. Deutschland stand als Brandstifter des Weltkriegs, der 17 Millionen Tote gefordert hatte, am Pranger der Weltöffentlichkeit, die Niederlage war mit dem Versailler Friedensvertrag besiegelt worden. Bei Else Ury kein Wort davon. Sie hat das Buch vermutlich aus der Sicht des Jahres 1916 schreiben wollen, als sie selbst noch voller Hoffnung auf einen „Siegfrieden“ war. In einer Verlagswerbung von 1924 heißt es: „Nesthäkchen und der Weltkrieg ist beileibe keine Kriegs- oder gar Hurrageschichte. Das muß besonders hervorgehoben werden. Trotz des Ernstes, mit dem dieser Band durchwebt ist, zieht sich der goldene Faden des Humors hindurch.“

Dieser Einschätzung des vierten Bandes der Nesthäkchenserie haben die Verleger nach 1945 nicht getraut. Im Gegenteil. Bis heute, hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs, hat sich bisher kein Verlag bereit erklärt, diesen Band wieder erscheinen zu lassen. Anfangs war der Band auch sicher zurecht auf der Verbotsliste der Alliierten Kontrollbehörden. Im Jahre 2006 traute sich Steven Lehrer, ein Deutsch-Amerikaner, den Band zu übersetzen und mit einer Einleitung in den USA zu publizieren.

Ist es denn eine „Kriegs- und Hurrageschichte“, ganz im Gegensatz zu der freundlich-naiven Werbung aus Meidinger`s Jugendschriften Verlag der zwanziger Jahre? Sollte man den Band nicht besser in der Versenkung verschwinden lassen und dem Vergessen anheim geben? Wie immer liegen die Dinge nicht so einfach, dass ein eindeutiges Urteil zu fällen wäre.

Else Ury, 1877 geboren, war das dritte Kind einer traditionell jüdischen Familie, hineingeboren in das deutsche Kaiserreich, das den jüdischen Bürgern Gleichstellung versprach und Anpassung einforderte. Assimilation war das Gebot der Stunde. Die Familie lebte im alten Zentrum Berlins, dicht beim Alexanderplatz. Der Vater, Emil Ury, war Teilhaber einer Tabakfabrik, die Mutter, Franziska Ury, stammte ebenfalls aus jüdischer Familie. Es entwickelte sich bei den Urys der typische Aufstieg jüdischer Bürger vom Unternehmer zum Akademiker. Die Brüder studierten Medizin und Jura, die jüngste Schwester wurde Gymnastiklehrerin und heiratete den Baurat Heymann.

Örtlich führte der Aufstieg aus der Alten Mitte zur Kantstraße, Nähe Savignyplatz. Nicht weit entfernt hatte der Kaiser mit großem Pomp die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche eingeweiht und im nahe gelegenen KaDeWe konnte die glitzernde Konsumwelt bewundert werden.

In ihrer Kindheit war Else Ury in die Synagoge Heidereuter Gasse geführt worden. Die lag dicht beim Scheunenviertel, das sich zum Armenviertel der aus Osteuropa kommenden Juden entwickelte, den Planjes, wie sie auch in der Familie Ury verächtlich genannt wurden. Das Gebiet betrat ein seriöser Bürger nur mit einem gewissen Schaudern. Männer mit Schläfenlocken und Kaftan beherrschten das Straßenbild ebenso wie unzählige, schlecht ernährte Kinder. Ein Gaunerviertel, auch ein Hurenviertel. In der Heidereuter Gasse ganz in der Nähe gab es zahlreiche Betschulen und kleine Synagogen. Die Gläubigen eilten durch die stille Straße, versammelten sich zum Gebet. Wer hier aufwuchs, auch als behütetes kleines Mädchen, vergaß das nie.

Die Familie Ury war stets bemüht, gleicher Maßen guter Jude und guter Deutscher zu sein, die jüdische und die deutsche Identität in der Waage zu halten. Eine Entscheidung zwischen diesen beiden Grundlagen ihres Lebens schien ihnen unvorstellbar.

Else Ury ging zehn Jahre in die Königliche Luisenschule in der Ziegelstraße und lernte alles, was man für angemessen und nützlich für die zukünftigen Ehefrauen der Unternehmer, Akademiker und Militärs hielt. Viele Schülerinnen stammten aus bekannten adeligen Familien. In der Schule gab es auch einen jüdischen Religionsunterricht. Man war religiös tolerant. Das konnte von den meisten Einrichtungen des Kaiserreichs nicht gesagt werden. Immer wieder erlebten bürgerliche Juden das, was ein Zeitzeuge „den Verlust der Harmlosigkeit“ nannte, mit dem jeder Jude und jede Jüdin irgendwann unmissverständlich darauf gestoßen wurde, anders zu sein als die Mehrheitsgesellschaft. Das in der Verfassung des Deutschen Reiches verankerte Versprechen der Gleichstellung griff nicht in allen Lebensbereichen. Der Antisemitismus durchzog die Gesellschaft bis in ihre Eliten hinein. Insbesondere ein Aufstieg in der Armee war für Juden unerreichbar.

Als am 4. August 1914 Kaiser Wilhelm das Volk mit einer viel beachteten Rede auf den Eintritt in den Krieg einschwor, schien sich für die Minderheit der Bürger jüdischen Glaubens alles zu ändern. „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche! Zum Zeichen dessen, dass Sie fest entschlossen sind, ohne Parteiunterschied, ohne Stammesunterschied, ohne Konfessionsunterschied durchzuhalten mit mir durch dick und dünn, durch Not und Tod, fordere ich die Vorstände der Parteien auf, vorzutreten und mir das in die Hand zu geloben.“

Die zentrale Aussage der Thronrede nahmen die deutschen Juden bereitwillig für sich in Anspruch und verstanden sie als Ermutigung, nun mit den christlichen Brüdern gemeinsam und uneingeschränkt das Vaterland verteidigen zu dürfen.

Die „Jüdische Rundschau“ schrieb dazu im August: „Wir deutschen Juden kennen trotz aller Anfeindungen in den Zeiten des Friedens heute keinen Unterschied gegenüber anderen Deutschen. Brüderlich stehen wir mit allen im Kampfe zusammen.“ Doch die Hoffnung auf Gleichstellung wurde sehr schnell eingetrübt. 1916 verfügte das Kriegsministerium die Registrierung aller Soldaten mit „israelitischem Bekenntnis“. Im deutschen Offizierskorps war gemunkelt worden, Juden seien Drückeberger und Kriegsgewinnler. Angeblich wollte das Ministerium mit der Registrierung diesen Gerüchten mit Zahlen und Fakten entgegentreten. Die meisten jüdischen Soldaten begriffen die Maßnahme als das, was sie im Kern war: eine erneute Ausgrenzung und Beleidigung.

Else Ury, die sich offensichtlich entschieden hatte, ihre kleinen Helden ohne bestimmte Religionszugehörigkeit darzustellen und so die Identifikation der Kinder aller Bekenntnisse mit ihnen zu ermöglichen, erwähnt solche Art Demütigung einer Minderheit, der sie selbst angehörte, mit keinem Wort. Lieber beschwor sie „die neue Volksgemeinschaft, dieses enge Band zwischen Arm und Reich, das sich allmählich schmiedete“ und das der Kaiser mit seiner Schlossrede so intensiv unterstützt hatte. Auch wenn der Krieg länger dauerte als gehofft, auch wenn die Unbequemlichkeiten des Alltags zunahmen, Else Ury vertraute weiter „auf die weise Führung des Kaisers“ und ein siegreiches Ende des Krieges, eine Hoffnung, die sie sicher mit Millionen Deutschen teilte.

Der patriotische Einsatz der Frauen und Mädchen in den Kriegsjahren galt der „Heimatfront“. Fast alle Frauenverbände, einschließlich des Jüdischen, hatten sich zusammengeschlossen. Gertrud Bäumer, Helene Lange, Bertha Pappenheim, Alice Salomon, Marie-Luise Lüders, um die Angesehensten unter den öffentlich wirkenden Frauen zu nennen, riefen den „Nationalen Frauendienst“ als gewaltige Kriegsorganisation aus, die alle Frauen, unabhängig von Partei und Konfession, umfassen sollte. „Staatssozialismus mit weiblichem Antlitz“ nannten manche Propagandistinnen die organisierte Einbeziehung der Frauen in die Kriegsmaschinerie. Gertrud Bäumer und Helene Lange feierten den Krieg als Geburtsstunde der staatlichen Wohlfahrtspflege in Deutschland. Fürsorge sollte nicht mehr länger eine veredelnde Tat der Damen der Oberschicht sein; sie wurde in diesen Jahren systematisch professionalisiert. Der Beruf der Fürsorgerin mit einem Ausbildungsgang an staatlichen Schulen hat hier seine Wurzeln, eine Entwicklung, die die volle Billigung von Else Ury fand. Typischerweise besuchen zwei Enkelinnen von Nesthäkchen später eine Fürsorgerinnenschule. Ury war offensichtlich begeistert von der sozialen Aktivität der Frauen im Krieg und wahrscheinlich nahm die fast Vierzigjährige auch aktiv daran Anteil.

In ihrem Buch „Nesthäkchen und der Weltkrieg“ beschreibt sie ausführlich diese Aktivitäten, ob es nun die Flüchtlingsbetreuung durch die Pfadfinder oder die Strickarbeiten des Junghellferinnenbundes ist. Es geht um echte Opfer, wie den Kindern immer wieder vorgehalten wird. So lässt sie die Großmutter sagen: „Mit Geld und Waren allein ist es nicht getan. Opfern heißt, etwas hingeben, was einem schwer wird. Unsere Zeit und unsere Arbeit wollen wir dem Vaterlande opfern. Nicht, was dir Spaß macht, sollst du tun, sondern das, was am nutzbringendsten für unsere Krieger ist.“ Und Nesthäkchen fügt sich nach anfänglichem Sträuben gegen das verhasste Stricken dem Gebot der Stunde. Belohnt wird sie durch die Siege der deutschen Truppen.

„Unvergessliche Tage, dieses herrlichen Augusttage des ersten siegreichen Vordringens der deutschen Truppen, der großen opferfreudigen Begeisterung der Daheimgebliebenen. Jedem der jungen Kinder, die da für das Vaterland schafften, gruben sie sich unauslöschlich für das ganze Leben in die Seele.“ Der Krieg als Erziehungsinstrument für die Jugend ist ein Motiv, das in dem Band immer wieder beschworen wird. Zum Glück für ihre Leserinnen hat Else Ury über so viel patriotischem Hochgefühl den Humor und leisen Spott nicht ganz verloren. So betet Annemarie Braun, wie das Nesthäkchen mit richtigem Namen heißt, am Abend des ersten großen Sieges, als „die Festung Lüttich im Sturm genommen wurde: „Lieber Gott, lass doch meine Mutti bald wieder nach Berlin kommen, aber nicht die ollen Russen. (…) Und schick uns doch wieder solch einen Sieg wie heute, ja? Bitte hilf uns Deutschen doch lieber Gott. (…) Und wenn du uns nicht helfen willst, dann hilf bitte, den anderen auch nicht – bleibe wenigstens neutral, lieber Gott.“

So ein Neutralitätsgebet wurde 1914 sicher weder in den christlichen Kirchen noch in den Synagogen gesprochen. Else Ury hält trotz aller Wünsche auf einen deutschen Sieg eine gewisse Distanz zu den vaterländischen Aufwallungen. Das zeigt sich auch, als Nesthäkchen entschieden behauptet, nun kein Französisch mehr lernen zu wollen, weil sie die „Sprache der Feinde“ nicht sprechen will. Dazu sei sie viel zu patriotisch. Die kindliche Entschlossenheit wird schnell ad absurdum geführt, ebenso wie das Bestreben, keine Fremdworte mehr zu benutzen. Jedes Fremdwort wird in der Schulklasse von Nesthäkchen, aber auch zu Hause, mit einer kleinen Geldstrafe belegt. Absurde deutsche Varianten kommen ins Spiel: aus der Jalousie über dem Balkon wird das Zeltdach über dem Vorbau, aus Soße Tunke, aus Serviette Mundtuch. Bei Else Ury wird die Umbenennung der Fremdworte zum lustigen Spiel. In den großen deutschen Zeitungen aber wurde die Sache sehr ernst genommen. Dort gab es täglich eine Rubik: Deutsche sprecht Deutsch!

Einen großen und bestimmenden Raum nimmt die Geschichte der Vera ein. Vera stammt aus Czernowitz und kommt in die Schulklasse von Nesthäkchen, ohne Deutsch sprechen zu können. Das bringt die Klassenkameradinnen auf die Idee, Vera sei eine „Feindin“, später wird sie gar als Spionin verdächtigt. Sie grenzen sie mit allen Mitteln aus der Klassengemeinschaft aus. Das privilegierte Bürgermädchen Annemarie Braun erweist sich als Wortführerin bei diesem grausamen Spiel. „Wer mit Vera Burkhard in den Pausen geht oder überhaupt mit ihr spricht, verrät sein Vaterland,“ lässt Annemarie die Kameradinnen wissen und die halten sich an die Anweisung. Annemarie genießt die volle Autorität in ihrer Klasse. Keine will es mit ihr verderben.

Obwohl im Buch immer wieder behauptet wird, der Krieg erziehe die Kinder zu sozialem Verhalten und Mitgefühl, ist im Fall der Vera davon keine Spur zu merken. Im Gegenteil: „Annemarie war noch äußerst stolz darauf, ihre Klasse vor einem Vaterlandsverrat errettet zu haben“ und trieb es am Schlimmsten mit ihrer Feindschaft gegen die „Polnische“, die sich verzweifelt bemühte, die Sympathie der Wortführerin zu gewinnen. Vera tat alles, um Annemarie gnädig zu stimmen. Sie sparte sich einen wunderbaren Apfel vom Mund ab, bot ihn der Peinigerin zum Geschenk, die ihn verschmähte.Annemarie ließ sich auch nicht mit unter den Regenschirm nehmen, half ihr nicht mit Fahrgeld aus. Ihr Bruder Klaus, der, wie es heißt, „die Spionenkrankheit hat“, bestärkte sie noch in ihrem Verhalten und brachte sie auf die verrückte Idee, dass Vera wahrscheinlich eine russische Spionin sei. Überall wurde in Berlin damals vor Spionen gewarnt. So konnte das Mädchen sich schnell dazu überreden lassen, auch Vera für eine Spionin zu halten und sie von der Mitgliedschaft im Junghelferinnenbund auszuschließen.

Ausführlich schildert Else Ury das Hin- und Her in Annemaries Gewissen. Manchmal kamen dem Kind Zweifel an seiner Hartherzigkeit, doch ließ sie sich dann erneut von irgendwelchen scheinbar patriotischen Überlegungen beschwichtigen. Dann wieder wurde sie, wie die Ury schreibt „an sich selbst zweifelhaft“, aber das hielt nicht lange vor. Ury sucht nach Gründen für Nesthäkchen Grausamkeit. Im Grunde, so ihr Befund, ist Annemarie ja ein mitfühlendes, gutes Mädchen. „Nur falsche Vaterlandsliebe hatte ihr Herz gegen Vera verhärtet.“

Diese Analyse ist nach allem, was Else Ury vorher über den segensreichen Einfluss des Krieges auf die Jugend geschrieben hat, erstaunlich. Bisher hieß es, dass der Krieg die Kinder zu Opferbereitschaft und Mitgefühl erzog. Nun steht die Vaterlandsliebe selbst am Pranger. Offensichtlich gibt es für die Autorin eine richtig und eine falsche Vaterlandsliebe und das Nesthäkchen ist leider eine Zeitlang der falschen gefolgt und hat sich mit einer Mauer der Verachtung gegen die „Polnische“ umgeben. Else Ury hält die Spannung, wie das Dilemma zu lösen sei, über mehrere Kapitel aufrecht, um schließlich aus Annemarie Braun und Vera Burkhard Freundinnen fürs Leben zu machen.

Die Geschichte der Ausgrenzung von Vera findet ein sehr patriotisches Ende. Der Vater des Mädchens stirbt den „Heldentod“ für Deutschland und Annemarie Braun entschließt sich endlich, ihr Unrecht wieder gut zu machen und sich bei Vera zu entschuldigen. Vera wird ihre „beste“ Freundin, ein Leben lang. Doch Else Ury gesteht ein, dass diese Wendung „teuer erkauft“ ist.

Else Ury gelingt mit der Geschichte der Vera ein genaues Bild einer Ausgrenzung, bei dem sowohl die Täterin und ihre Maßnahmen als auch das Opfer und seine Verzweiflung präzise beschrieben sind. Mit heutigen Worten ist es die Chronik einer Mobbing-Aktion, bei der das Mitglied der Gruppe, das am meisten privilegiert ist, keinen Widerspruch duldet und alle anderen die Angst umtreibt, selber Opfer zu werden.

Woher, so frage ich mich, kannte Else Ury so genau die Gefühle einer Ausgegrenzten? Meine Vermutung ist, dass sie als Jüdin immer wieder derartiges Verhalten erlebte, den „Verlust der Harmlosigkeit“, der auch an ihr nicht vorbei gegangen sein wird. Als Kind, als Erwachsene? Davon wissen wir leider nichts.

Doch ist bekannt, dass es ab 1916 die „Judenzählung“ in der Armee gab, obwohl es anfangs geheißen hatte: wir kennen keine Konfessionen mehr. Es ist anzunehmen, dass ein Grundgefühl ihrer Existenz in der Vera-Geschichte seinen Ausdruck findet.

Mit Pathos beschreibt Else Ury, wie die englische Blockade mit Tapferkeit und Opferfreudigkeit bewältigt wird, „alle von demselben Willen beseelt: Wir müssen siegen.“ Die angeblich glänzende Einteilung und sparsame Fürsorge der Regierung wird gelobt und der Eindruck vermittelt, alles sei zum Besten bestellt, sparen und haushalten müssten doch alle gleichermaßen. Diese Beschreibung stimmte schon 1916 nicht mehr mit der realen Stimmung in der Bevölkerung überein. Jedermann wusste, dass es weiterhin Arme und Reiche gab, dass die Offiziere andere Verpflegung bekamen als die Mannschaften, und es einen entwickelten Schwarzen Markt gab, an dem sich die Reichen mit allen Luxusgütern bedienen konnten. Else Ury vermittelt jedoch das Bild einer harmonischen Volksgemeinschaft, in der die Führenden „weise haushalten“ und alles gerecht verteilt wird. So steht Nesthäkchen begeistert Schlange bei der „Butterpolonaise“, wo die Menschen in langen Schlangen aufgereiht warteten, dass sie wenigstens ein halbes Pfund Butter bekamen, manchmal gingen sie auch leer aus. Doch: „Trotz all dieser Schwierigkeiten und Opfer erlahmte der Wille zum ‚Durchhalten‘ im deutschen Volke nicht.“

Wie immer bei Else Ury wird nach allen Regeln der Kunst Weihnachten gefeiert. Endlich gibt es auch Post von der Mutter aus England. Diese war vor Ausbruch des Krieges zu Verwandten nach England gefahren und saß dort fest, durfte nicht ausreisen. Der Brief der Mutter, sehnlichst erwartet, enthüllt, dass sie schon viele Briefe geschrieben hatte, diese aber von der Zensur festgehalten wurden, weil sie darin England heftig kritisiert und ihren patriotischen Gefühlen unmissverständlich Ausdruck verliehen hatte.

Anders als die meisten anderen Bände der Serie ist die Geschichte vom Weltkrieg hochpolitisch und in keiner Weise das, was oft Else Urys Büchern angelastet wurde: eine ‚heile‘ Welt darzustellen. Aus der Erfahrungswelt des ersten Weltkriegs schrieb Else Ury zwei weitere Bücher. „Flüchtlingskinder“ (1918) und „Lieb Heimatland“ (1919 – 1920). Der Kriegsroman „Lieb Heimatland“ wurde bereits 1916 im „Kränzchen“, einer Zeitschrift für junge Mädchen, als Fortsetzungsgeschichte abgedruckt. Es ist eine Geschichte über Familienglück und Familienleid bei der Vertreibung aus der geliebten Heimat Ostpreußen. Wieder ist es Hindenburg, der der jungen Heldin Ruth Hoffnung macht, bald in ihre angestammte Heimat zurückzukehren. Wieder ist Recht und Wahrheit auf der Seite der deutschen Soldaten und die Hoffnung der Ury, die sie den jungen Leserinnen vermittelt, ist ganz auf nationalem Kurs: Größer und herrlicher wird Deutschland aus diesem Krieg hervorgehen! 1920 kam die Geschichte auch als Buch auf den Markt. Da blieb es bei Kriegsbegeisterung, kaisertreuer, naiver Parteilichkeit für die armen Ostpreußen und gegen die „Kosakenhorden“.

„Flüchtlingskinder“, eine Erzählung für Kinder von sieben bis elf Jahren, ist auch ein sehr patriotisches Buch. Zwei ostpreußische Kinder verlieren in den Kriegswirren ihre Eltern und müssen getrennt in fremden Familien die Kriegszeit durchleben. Der kleine Junge knetet im Kriegskinderhort „unseren Kaiser“ und das Mädchen erzählt freudestrahlend, dass Hindenburg die ganze Ostmark schützt. Der Junge wird auch noch ein richtiger Held: Er belauscht russische Kriegsgefangene und erfährt dabei von einer Sabotageaktion an einem deutschen Militärtransport. Hans, so heißt der Held einmal wieder (wie Else Urys Bruder), läuft todesmutig dem gefährdeten Zug entgegen und rettet die deutschen Soldaten. Seine Heldentat verbreitet sich in ganz Deutschland und die nach Sibirien verschleppte Mutter erfährt auf der Flucht von ihrem tapferen Sohn. Dank der großzügigen Hilfe des Prinzen bekommt die Familie Haus und Hof zurück und ist wieder glücklich vereint. Über das Schicksal der russischen Kriegsgefangenen – sicher werden sie zu Tode geprügelt, aufgehängt oder erschossen worden sein – erfahren die zarten Seelen der siebenjährigen Kinder selbstverständlich nichts.

Else Ury befand sich 1914 mit ihrer Kriegsbegeisterung in „guter“ Gesellschaft. 92 Berliner Professoren, Künstler und Wissenschaftler unterzeichnen im August 1914 einen Aufruf „an die Kulturwelt“, nennen den Kaiser den Schirmherrn des Friedens und verkünden, dass nur ein siegreicher Friede den Weiterbestand der deutschen Kultur gewährleisten werde. Sozialdemokratische Zeitungen jubeln, dass der Krieg Arm und Reich zusammenschmiede und man Sozialismus sehe, wohin man nur blicke. Auf Emanzipation bedachte Frauen gründen den „Nationalen Frauendienst“. Jubelnden Menschen begleiten die lachenden Soldaten mit Blumen an die Züge zum Kriegseinsatz.

Wir kennen diese Bilder und wissen inzwischen, dass diese Begeisterung im Deutschen Reich gar nicht so einhellig und nicht überall derart überschäumend war. Else Ury hatte die Soldatenzüge, die zum Bahnhof Zoo marschierten, direkt vor ihrer Haustür. Der naiven Menschlichkeit der Ury haben die Ereignisse sicher zugesagt. Sie hat – wie viele andere auch – den imperialistischen Zweck der Kriegsführung und die Absichten der Unterdrückung jeder Opposition nicht durchschaut. 1914 nicht und später auch nicht.

Nach 1918 veröffentlichte sie weitere Nesthäkchen-Bücher, verfasste die Serie von Professors Zwillingen und eine große Anzahl anderer Bücher für Kinder und Jugendliche. Teilweise öffnete sie sich modernen Strömungen der Frauenemanzipation und Pädagogik, doch ist mein Eindruck, dass sie gedanklich weiter im Kaiserreich verwurzelt blieb, demokratische Entwicklungen ihr eher fremd waren. Vielleicht liegen in den Erfahrungen des Weltkriegs auch die Wurzeln für Else Urys Verkennung ihrer Lage nach 1933. Noch im Sommer des selben Jahres, als der Reichstag schon brannte und die ersten Konzentrationslager errichtet waren, veröffentlichte sie ein Buch mit dem Titel Jugend voraus, in dem sie behauptet, mit Hitler würde der „politische Vorfrühling“ in Deutschlands Staatsregierung Einzug halten und die „aufbauwilligen Deutschen“ schlössen sich „unter Führung des Reichskanzlers Hitler“ zusammen. Wieder diese absurde Hoffnung, dass alles gut wird, wenn das Volk sich unter einer starken Führung zusammenschließt.

Else Ury musste bitter erfahren, dass nichts gut wurde für sie, dass sie nun einer verfemten Minderheit angehörte und die Herrschenden sie mit allen Mitteln aus der Volksgemeinschaft ausschließen und vertreiben werden. Erst 1938, nachdem ihr Bruder Hans durch die Naziverordnungen in den Tod getrieben worden war, sie selbst Schreibverbot erhalten hatte und ihre Bücher aus den Bibliotheken als „jüdisches Gift“ gesäubert wurden, als Familie und Freunde ins Exil gegangen waren, entwickelte sie eine andere Identität als die deutsche.

Auf die Empfehlung eines Bekannten, das Land zu verlassen, soll sie gesagt haben: „Wenn meine Glaubensgenossen bleiben, dann habe ich so viel Mut, Charakter und die feste Entschlossenheit, ihr Los zu teilen.“

Dieses Los ist ihr 1943 zuteil geworden. Sie wird am 6. Januar 1943 in die Deportationssammelstelle Große Hamburger Straße gebracht. Dort wird ihr die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt und ihr Vermögen zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen. Am 12. Januar wird sie zusammen mit circa 1100 Berliner Juden im Güterwaggon nach Auschwitz deportiert. Nach 20 Stunden Bahnfahrt kommt der Zug in Auschwitz an. Noch am gleichen Tag wird sie in Auschwitz-Birkenau in die Gaskammer getrieben und ermordet.

Nachbemerkung:

Ihren Tod vorausahnend, hatte Else Ury im Herbst 1942 ein Testament gemacht und ihren Lieblingsneffen, Klaus Heymann in London, als Alleinerben eingesetzt. Sie vererbt in ihrem Testament Dinge, die längst ihrer Verfügungsgewalt entzogen, enteignet und verboten waren, und ging offensichtlich davon aus, dass auch ihre Bücher wieder erscheinen und die Zukunft ein anderes Gesicht haben werde. Klaus Heymann, Soldat der britischen Armee, hat dieses Testament bekommen und dafür gesorgt, dass die Nesthäkchen-Serie und andere Ury-Bände wieder erscheinen. Heute lebt er mit seiner Frau Lilo im Londoner Norden und hat im Januar 2014 seinen 96. Geburtstag gefeiert. Else Ury war für ihn „seine zweite Mutter.“ Dass der Band vom Weltkrieg wieder erscheint, findet seine volle Zustimmung.

Quellen:

Marianne Brentzel: Mir kann doch nichts geschehen. Eine zweite Annäherung an Else Ury nach Nesthäkchen kommt ins KZ. Berlin 2007.

Else Ury: Nesthäkchen and the Word War. A Novel. Translated, introduced and annotated by Steven Lehrer. New York 2006.

Zitate aus: Else Ury: Nesthäkchen und der Weltkrieg. Berlin 1922 und Vechta 2014 mit einem Vorwort von Marianne Brentzel.

-

Else Ury: Nesthäkchen und der Weltkrieg . Neuauflage mit einem Vorwort von Marianne Brentzel.
Geest Verlag, Vechta 2014. 228 Seiten, ISBN-13: 9783866854680




Aus: "Nesthäkchen im Ersten Weltkrieg: Über die Kinder- und Jugendbuchautorin Else Ury"
Marianne Brentzel, Nr. 8, August 2014, Archiv / Frühere Ausgaben / Schwerpunkt I: Erster Weltkrieg / Essays und Erinnerungen
Quelle: https://literaturkritik.de/id/19515

Johanna Else Ury (* 1. November 1877 in Berlin; ermordet am 13. Januar 1943 im Konzentrationslager Auschwitz)
https://de.wikipedia.org/wiki/Else_Ury

-

Quote
[...] Bis vor wenigen Jahren begeisterte die Geschichte Millionen von Mädchen. Die Bände, zwischen 1912 und 1925 geschrieben, wurden immer wieder aufgelegt. Sie haben ihre Autorin Else Ury reich gemacht. „Nesthäkchen“ könnte für eine ganz harmlose Erfolgsgeschichte stehen. Doch hinter der heilen Kinderbuch-Welt verbergen sich Abgründe.

Die Bücher besaßen so viel Sprengstoff, dass sie in zwei deutschen Diktaturen verboten waren. Bei den Nazis wegen der jüdischen Herkunft der Autorin, der SED war das Milieu zu bourgeois. Und nun, rund 100 Jahre nach seiner Erfindung, sorgt „Nesthäkchen“ für eine kleine Sensation. In diesem Jahr ist ein Band neu aufgelegt worden, den selbst glühende „Nesthäkchen“-Fans von einst nicht kennen können.

Es ist der vierte der zehn Bände umfassenden Geschichte. Er erschien um 1916, sein Titel: „Nesthäkchen und der Weltkrieg“. Das Buch, das im Ersten Weltkrieg spielt und Kaiser, Armee und Vaterland hochleben lässt, stand nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Zensurliste der Kontrollbehörde der Alliierten. Anders als die anderen neun Bände wurde es in der Bundesrepublik nicht mehr veröffentlicht. Wer die neu aufgelegte Kindergeschichte liest und vor allem das Vorwort dazu, erfährt mehr über „Nesthäkchen“ als in den anderen Bänden: eine Wahrheit, die jahrzehntelang verschwiegen wurde.

Es war einmal eine Kinderbuchautorin, die wuchs in einer Zeit auf, die noch keine professionellen Kinderbuchautorinnen kannte. Else Ury, geboren 1877, Tochter eines jüdischen Tabakfabrikanten in Berlin, schrieb erst nur zum Zeitvertreib und unter falschem Namen Kindergeschichten, bis ein Verlag sie aufforderte, richtige Mädchenbücher zu verfassen.

Mit „Nesthäkchen und ihre Puppen“ begann sie die Lebensgeschichte der Berliner Arzttochter Annemarie Braun, die eigentlich mit deren Hochzeit enden sollte. Weil Ury jedoch immer wieder Briefe von jungen Leserinnen erhielt, die wissen wollten, wie es mit Annemarie weiterging, schrieb sie schließlich zehn Bände, Titel des letzten: „Nesthäkchen im weißen Haar“.

Die Reihe wurde zum Mädchenbuch-Klassiker. Und Else Ury, die unverheiratet blieb und ihr Leben lang mit ihren Eltern zusammenwohnte, machte eine Erfahrung, die Frauen in jener Zeit selten vergönnt war: Sie wurde durch eigene Arbeit bekannt und wohlhabend. Als der Vater nichts mehr verdiente, konnte sie für die Familie eine komfortable Wohnung in Charlottenburg mieten und eine Ferienvilla in Schlesien kaufen, in der sie Eltern, Geschwister und deren Kinder um sich versammelte. Das Familienleben war ihr wichtig, die kranke Mutter sollte sie bis zu deren Tod pflegen – und deswegen darauf verzichten, sich vor den Nazis ins Ausland zu retten.

„Nesthäkchen“ spielt in dem wohlsituierten bildungsbürgerlichen Milieu, das Ury so gut kannte, wie sie hat auch Annemarie zwei Brüder, einen klugen und einen frechen. Annemarie ist, so heißt es in der „Nesthäkchen“-Sprache, „ein rechter Wildfang“, fröhlich, aber etwas „liederlich“ und aufmüpfig. Wie immer bei der „Backfisch-Literatur“ geht es auch hier um Bändigung, aus einem verwöhnten Spielkind muss eine umsichtige Ehefrau und Mutter werden.

Anders jedoch als etwa bei denen im Nationalsozialismus verfassten „Pucki“-Bänden von Magda Trott dürfen die Figuren ihre Eigenheiten behalten, Individualität ist kein Vergehen. Der Verzicht auf Zurichtung ist das Besondere an „Nesthäkchen“ und wohl der Grund dafür, warum die Reihe bei so vielen Generationen beliebt war: Menschen sind unterschiedlich und dürfen es sein. Kinder, die aus der Reihe tanzen, werden zwar getadelt, doch der Umgang ist liebevoll, empathisch, rohrstockfrei.

Das ist noch nicht Reformpädagogik – aber kurz davor. Weit entfernt von der damals herrschenden schwarzen Pädagogik, die mit Angst und Prügelstrafen arbeitete. Und, auch das eine damals ungewöhnliche Ausnahme: Die Ehe ist nicht das erste Ziel bei der Töchtererziehung, Bildung ist noch wichtiger. Zwei von Nesthäkchens Freundinnen arbeiten in angesehenen Berufen, bis sie – so viel heile Welt muss sein – doch noch den Richtigen finden. Die bildungsbürgerliche Ausrichtung, glaubt Urys Biografin Marianne Brentzel, war auch ein Grund, warum „Nesthäkchen“ in der NS-Zeit verboten wurde. Diese mehrsprachigen, schlagfertigen, humorvollen Frauenfiguren waren den Nazis zu selbstbewusst.

Moderner als seine Zeitgenossen aus dem Kinderzimmer wirkt „Nesthäkchen“ auch, weil es ein urbanes Buch ist, die Großstadt, in der es spielt, sorgt für spannende Kulissen. Zumal in „Nesthäkchen und der Weltkrieg“, das in vielen Szenen den Alltag in den ersten Kriegsjahren bis 1916 schildert.

Annemaries Schule wird zum Lazarett umgewandelt, die Großmutter kommt mit den Lebensmittelkarten nicht zurecht, vor den Milchgeschäften bilden sich lange Schlangen, die „Butterpolonaisen“, und in allen Männerberufen sind nun Frauen unterwegs: Als Schaffnerinnen in der „Elektrischen“, als „Autoführerinnen“, sogar in der Müllabfuhr arbeiten nun Frauen. Annemarie hisst bei jeder Siegesmeldung die Fahnen auf dem Balkon, beteiligt sich an einer Kleidersammlung für die „Feldgrauen“ und besucht eine arme Familie in einer Mietskaserne.

Nur ein Lebensbereich kommt nicht vor, er fehlt in allen Nesthäkchen-Büchern: das jüdische Berlin, das Else Ury doch so vertraut war. Sie wuchs in einer Familie auf, die nicht streng religiös war, die jüdischen Festtage und Traditionen aber pflegte. In der „Nesthäkchen“-Welt spielt Religion keine Rolle. Das Weihnachtsfest ist mehr familiär als religiös geprägt, und es gibt einen überkonfessionellen Gott, an den Ury ihr Nesthäkchen kriegsaktuelle Gebete richten lässt: „,Bitte, hilf uns Deutschen doch, lieber Gott.‘

Da aber fiel Nesthäkchen plötzlich ein, dass vielleicht zur gleichen Stunde französische oder englische Kinder den lieben Gott ebenfalls um seine Hilfe anflehten. Darum setzte es schnell noch hinzu: ,Und wenn du uns nicht helfen willst, dann hilf bitte den anderen doch auch nicht – bleibe wenigstens neutral, lieber Gott. – Amen.‘“

Von Neutralität ist bei der Erzählerin nichts zu spüren. Das Buch, das mit Kriegsbeginn im August 1914 einsetzt, feiert einen „glänzenden Sieg“ nach dem nächsten („Bei Longwy, Namur und Maubeuge bekamen Belgier, Franzosen und Engländer die deutschen Fäuste zu spüren“). Zur Militärmusik wird gejubelt, mit Fahnen und Hurra. Der „Dienst an der Heimatfront“ bestimmt die Schulzeit. Da werden Pulswärmer gestrickt und Lebensmittel verteilt und im Deutschaufsatz das aktuelle Thema erörtert: „Welche Opfer fordert der Krieg von uns Kindern?“

Die vaterländische Inbrunst, die nur selten ironisch gebrochen wird, ist schwer erträglich, sie war für Alfred Büngen vom Geest-Verlag der Grund, die Neuauflage von „Nesthäkchen und der Weltkrieg“ in Fraktur zu drucken: „Damit das die Schulkinder von heute nicht lesen können.“ Als Cover haben er und Brentzel das Umschlagbild einer in den 1920er-Jahren erschienenen Ausgabe gewählt: „Das einzige, auf dem der Krieg bedrohlich wirkt.“

Zwar macht sich Ury über manchen patriotischen Eifer lustig, etwa den Versuch, alle Fremdwörter durch „echtes Deutsch“ zu ersetzen. Annemaries Weigerung, Französisch zu lernen, wird ausdrücklich getadelt: Nach dem Krieg brauche das Land eine gebildete Jugend. Doch generell gilt der Krieg als gerechte Sache, sein Grauen unabänderlich wie ein Naturereignis. Männer sterben Heldentode, Frauen und Kinder sind „tapfer und opferfreudig im Kampf gegen jederlei Entbehrungen“, „das deutsche Volk hielt durch“ und vertraut der weisen Führung des Kaisers, dessen Rede zum Kriegseintritt („Ich kenne nur noch Deutsche“) im Buch ehrfürchtig zitiert wird.

Marianne Brentzel weist im Vorwort darauf hin, wie bedeutsam diese Rede für die jüdischen Deutschen war, gab sie ihnen doch Hoffnung auf gesellschaftliche Anerkennung. Auch Ury beschwört „die neue Volksgemeinschaft“, obwohl sie mitbekommen haben muss, dass Juden im Fortgang des Krieges keineswegs mehr Akzeptanz erfuhren.

Davon, dass Ury Ausgrenzung und Verleumdung persönlich erlebt hat, ist ihre Biografin überzeugt. Brentzel sieht in der Vera-Geschichte, die in dem Band eine große Rolle spielt, Urys eigene Erfahrungen gespiegelt. Vera ist eine neue Klassenkameradin, die aus Polen stammt und von Annemarie in ihrem vaterländischen Eifer für eine Spionin gehalten wird. Annemarie bringt die ganze Klasse dazu, Vera auszugrenzen. Ein brutaler Fall von Mobbing, den Ury sehr realistisch beschreibt. Aber er erlaubt ihr nur Kritik an den verblendeten Kindern. An der Kriegspolitik, die zu solchem Fanatismus führt, wird nicht gezweifelt.

Else Ury war keine Intellektuelle. Mit der Avantgarde, die sich nahe ihrer Wohnung im „Romanischen Café“ traf, hatte sie nichts gemein. Von Kästners Jugendbuch „Emil und die Detektive“, das ebenfalls in der Weimarer Zeit erschien, ist „Nesthäkchen“ weit entfernt, nicht nur literarisch.

Stramm patriotisch endet „Nesthäkchen und der Weltkrieg“: „Wenn das schwere Ringen zu Ende und ein siegreicher Frieden unserer teuren Heimat beschieden ist, dann erzähle ich Euch, was aus Doktors Nesthäkchen wurde.“ Dies schrieb Ury vermutlich zu einem Zeitpunkt, da das Massensterben in Verdun längst begonnen hatte.

Das Unversöhnliche konnte sich Else Ury nicht vorstellen. Oder sie wollte es nicht wahrhaben. Auch nicht, als die Nationalsozialisten kamen. 1933, nach dem Reichstagsbrand, veröffentlichte sie das Buch „Jugend voraus“, in dem sie Hitler zum Helden erklärt und hofft, „die aufbauwilligen Deutschen ... schlössen sich unter der Führung des Reichskanzlers Hitler“ zusammen.

Es ist nie geklärt worden, was Ury bewogen hat, sich so anzubiedern. Manche bezweifelten, dass sie es wirklich selbst geschrieben hat. Für den Kritiker Alfred Kerr, der ins Exil ging, wurde sie so zur Verräterin, wie seine Tochter Judith Kerr dem „Spiegel“ erzählte: „Er sagte: Else Ury ist ein Schwein.“ Ein Neffe Urys, der in London lebt, hat mittlerweile bestätigt, dass seine Tante das Buch selbst verfasst hat.

Falls sie sich damit schützen wollte, hat es nichts genützt. Statt Zusammenschluss erlebte sie Ausschluss, Erniedrigung und schließlich Verfolgung und Zerstörung fast der gesamten Familie. Das Vaterland, das sie so innig beschwor, stieß sie von sich. Urys Bücher wurden nicht mehr verlegt, sie erhielt Schreibverbot. Die Arbeitsmöglichkeiten ihrer Brüder, ein Arzt und ein Rechtsanwalt, wurden immer mehr eingeschränkt, Hans, der Arzt, nahm sich das Leben. Der andere Bruder rettete sich nach London. Die Schwester floh mit der Familie nach Amsterdam, sie wurde später deportiert und ermordet.

Else Ury blieb bei ihrer Mutter, verlor ihr Vermögen, ihr Ferienhaus, die Charlottenburger Wohnung. Sie wurden umquartiert in ein „Judenhaus“ in Moabit, dort starb die Mutter. Für Flucht war es zu spät. 65 Jahre war Else Ury, als im Januar 1943 der Bescheid kam, sich in der Deportationssammelstelle einzufinden. Am 12. Januar wurde sie mit tausend anderen Berliner Juden im Güterwagen nach Auschwitz transportiert. Direkt nach ihrer Ankunft dort am 13. Januar 1943 wurde sie in die Gaskammer getrieben.

Es waren einmal junge Leserinnen, die wuchsen mit „Nesthäkchen“ auf. Krieg kannten sie nur aus Erzählungen, spannender fanden sie die lustige Annemarie und ihre Puppe Gerda, die Streiche des wilden Klaus’ und die derben Berliner Sprüche von Hanne, der Köchin. All die Zeit, von den Nachkriegsjahren bis in die 1990er, in der „Nesthäkchen“ erneut millionenfach verkauft wurde, interessierte sich niemand für die Autorin.

Else Ury blieb unbekannt. Kein Hinweis auf dem Buchdeckel, keine literarische Würdigung, keine Ideologiekritik, nichts. Es war ja nur ein Mädchenbuch. Die Ausgrenzung, die Else Ury erfuhr, blieb wirksam über ihren Tod hinaus.

Das änderte sich erst, als Marianne Brentzel 1992 ihre erste Biografie von Else Ury veröffentlichte („Nesthäkchen kommt ins KZ“). Der Thienemann-Verlag lässt die „Nesthäkchen-Reihe“ zwar mittlerweile auslaufen, aber die letzten Ausgaben enthalten endlich einen Vermerk über die Autorin. Heute gibt es in Berlin eine Straße, die Else Urys Namen trägt, am ehemaligen Wohnhaus der Familie in Charlottenburg hängt eine Gedenktafel, am letzten Wohnort in Moabit liegt ein Stolperstein.

Eine Neuauflage von Brentzels Biografie ist in Vorbereitung, sie wird unter dem Titel „Mir kann doch nichts geschehen“ im März bei edition ebersbach erscheinen. Und weil in diesem Gedenkjahr so viel über den Ersten Weltkrieg geschrieben und nachgedacht wurde, fanden Brentzel und der Verleger Bünger, dass nun die Zeit reif sei, ein dreifach verbotenes Buch mit Verstand lesen zu können.

Es wird wieder Weihnachten. Und allen ehemaligen „Nesthäkchen“-Freundinnen möchte man „Nesthäkchen und der Weltkrieg“ auf den Gabentisch wünschen. Sie werden erschrecken.


Aus: "Entsetzliche Abgründe eines Mädchen-Bestsellers" Annette Prosinger (28.12.2014)
Quelle: https://www.welt.de/geschichte/article135701385/Entsetzliche-Abgruende-eines-Maedchen-Bestsellers.html

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[Versprengte Notizen zum Krieg... ]
« Reply #668 on: Januar 27, 2020, 05:03:27 nachm. »
Quote
[...] Die Zeiten, in denen China massenhaft Waffen aus dem Ausland importieren musste, sind längst vorbei. So fielen die Importe im Rüstungssektor zuletzt um 50 Prozent, während die Exporte um 208 Prozent zulegten. Schon jetzt ist China hinter den USA der zweitgrößte Waffenproduzent der Welt.

Doch Chinas militärische Stärke ist nicht nur als Wirtschaftsfaktor von Bedeutung: Da die Volksrepublik in den Territorialkonflikten mit Japan, den Philippinen und Vietnam um den Besitz von Inseln im Ost- und Südchinesischen Meer immer robuster auftritt, ist in Chinas Nachbarländern ein regelrechter Aufrüstungsdruck entstanden.

Trotz drei Jahren intensiver Recherchen stellt der neue Sipri-Bericht zu China nur einen ersten Schritt dar. Sektoren wie die Marine, Quantenrechner oder Cyberaufrüstung sind nach wie vor unerforscht. Doch angesichts der globalen Kräfteverschiebung von West nach Ost sorgt die Analyse für dringend notwendige Transparenz. Blenckner formuliert es so: „In einer Welt, die zunehmend geleitet wird von emotionaler Rhetorik und wilden Drohgebärden, wollen wir mit unseren China-Untersuchungen belastbare Fakten liefern.“ So beunruhigend diese Fakten auch sein mögen.

...


Aus: "Auf dem Weg zur Nummer 1" Michael Radunski (27. 1. 2020)
Quelle: https://taz.de/Waffenindustrie-in-China/!5656582/

Quote
Pfanni

Bleibt die Frage, wie in China eine Friedensbewegung zu organisieren, die sich nicht mehr totschweigen lässt. ...


...

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[Versprengte Notizen zum Krieg... ]
« Reply #669 on: Februar 13, 2020, 09:20:31 vorm. »
Quote
[...] Ghazal lebt in Afghanistan. Sie ist acht Jahre alt – und kennt kein Leben ohne Krieg. Wenn Ghazal zum Beispiel allein zur Schule geht, hat das Mädchen Angst davor, entführt zu werden, auf eine Landmine zu treten oder durch ein Selbstmordattentat zu sterben.

20 Millionen Kindern ergeht es ähnlich wie Ghazal. Alle Mädchen und Jungen im Land sind im Krieg geboren worden und wachsen mit ihm auf. Afghanistan gehört nach den Recherchen von Save the Children weltweit zu den zehn gefährlichsten Orten für Kinder – neben Mali, Nigeria, Südsudan, Somalia, dem Irak, Jemen, Syrien, der Zentralafrikanischen Republik und der Demokratischen Republik Kongo.

Das geht aus einem aktuellen Bericht der Kinderrechtsorganisation hervor, der jetzt anlässlich der Münchener Sicherheitskonferenz veröffentlicht wird. Dem 36-seitigen Report mit dem Titel „Krieg gegen Kinder“ zufolge lebten 2018 rund 415 Millionen Mädchen und Jungen in einem Konfliktgebiet, fast 150 Millionen Kinder wuchsen in einem extrem gefährlichen Alltag auf.

Mehr als 12.000 sind durch Gewalt ums Leben gekommen. Zwischen 2010 und 2018 ist nach Angaben von Save the Children die Gesamtzahl der Mädchen und Jungen, die in Konfliktgebieten leben, um 34 Prozent gestiegen. Im selben Zeitraum hat sich die Zahl der bestätigten schweren Verbrechen an Kindern in diesen Gebieten um 170 Prozent erhöht.

Die Datensammlung macht die dramatische Situation für Heranwachsende auf unterschiedlichen Ebenen deutlich. So sind etwa Bildung und Gesundheit ein riesiges Problem. Nicht nur, dass Konflikte und Krisen eine Teilnahme am Unterricht oft erschweren, wenn nicht gar verhindern, sondern Schulen werden immer häufiger gezielt angegriffen.

Das Gleiche gilt für Krankenhäuser und medizinisches Personal. Inzwischen gehört es zur gängigen völkerrechtswidrigen Kriegstaktik, solche Einrichtungen zu attackieren.

Save the Childrens Untersuchung zeigt außerdem, dass Mädchen und Jungen geschlechtsspezifisch zum Teil sehr unterschiedlichen Formen von Gewalt ausgesetzt sind. Zum Beispiel rekrutieren bewaffnete Gruppen und reguläre Streitkräfte in erster Linie Jungen für militärische Zwecke.

Mehr als 7000 bestätigte Fälle von Kindersoldaten gab es im Jahr 2018. Viele werden für Kämpfe an der Front eingesetzt, andere als Wachposten an Checkpoints oder sogar als Selbstmordattentäter missbraucht.

Mädchen wiederum sind sehr häufig sexueller Gewalt ausgesetzt. So gehören Vergewaltigungen weltweit zur Kriegswaffe. Vor allem in Afrika sind die Zahlen besonders hoch. Oft werden den Kämpfern Frauen und Mädchen als „Belohnung“ für ihren Einsatz versprochen.

„Kriege und Konflikte werden für Kinder immer gefährlicher“, heißt es bei Save the Children. Es sei erschütternd, dass die Welt zuschaue, wenn Kinder „ungestraft zur Zielscheibe werden“, sagt Vorstandschefin Susanna Krüger. Allen Zahlen und Fakten zum Trotz.


Aus: "415 Millionen Kinder leben in Konfliktgebieten" Christian Böhme (13.02.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/studie-von-save-the-children-415-millionen-kinder-leben-in-konfliktgebieten/25539746.html

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[Versprengte Notizen zum Krieg... ]
« Reply #670 on: Februar 29, 2020, 05:42:58 nachm. »
Quote
[...] Dieser Krieg dauerte länger als 18 Jahre. Er kostete mehr als eine Billion Dollar, 2400 US-Soldaten kamen ums Leben und 150.000 Afghanen. Deutschland kostete die Mission zehn Milliarden Euro, 59 Bundeswehrsoldaten kamen ums Leben. Im Jahr 2018 starben die meisten Zivilisten, die US-Luftwaffe warf die meisten Bomben ab.

Und das Resultat? Die Regierung in Kabul kontrolliert nicht einmal die Hälfte des Landes, die politischen Gruppierungen sind zerstrittener denn je, vielerorts diktieren die radikalislamischen Taliban das Geschehen, eine herausragende Stellung nimmt das Land allein in der weltweiten Opiumproduktion ein. Nach 18 Jahren ist klar: Der Afghanistankrieg war ein Debakel. ... 18 Jahre lang hieß es: Wir machen Fortschritte. Aber das stimmte nicht. Es war Augenwischerei. Nach Einschätzung des US-Justizministeriums ist Afghanistan heute „überwiegend gesetzlos, schwach und dysfunktional“.

Im vergangenen Dezember wurden die so genannten „Afghanistan Papers“ veröffentlicht. Das 2000-Seiten-Dossier war ursprünglich streng geheim, weil es entlarvt, wie hemmungslos die Zustände in dem Land von Regierung und Militär schöngeredet und die Gefahrenlage verharmlost worden war.

Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien: Das vom Westen mitverursachte Desaster in der Region ist ebenso offenkundig wie die daraus resultierende Ratlosigkeit.

...


Aus: "Der Krieg in Afghanistan war falsch" Ein Kommentar. Malte Lehming (29.02.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/trumps-deal-mit-den-taliban-der-krieg-in-afghanistan-war-falsch/25596560.html

Quote
mellibehse 16:46 Uhr

    Zur Einsicht gehört das Bekenntnis: Der Krieg in Afghanistan war falsch..

Nach so vielen Jahren kommt endlich mal ein TSP-Autor zur Vernunft.


Quote
heiko61 16:14 Uhr

Ein bemerkenswerter Kommentar mit einem heftigen Schönheitsfehler: Er erscheint 18 Jahre zu spät!

Aber immerhin erscheint er heute. Und das ist ein kleiner Lichtblick. Ein Beginn für einen vermutlich langwierigen und schmerzhaften Prozess der Aufarbeitung dieses schweren außenpolitischen Fehlers. Dieser Afghanistan-Krieg war keinen einzigen Tag zu rechtfertigen. Er war von Anfang an falsch!


...

The Afghanistan Papers are a set of internal documents from the Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction (SIGAR) obtained by The Washington Post through a Freedom of Information Act request that document the US war in Afghanistan.
https://en.wikipedia.org/wiki/Afghanistan_Papers
« Last Edit: Februar 29, 2020, 06:06:24 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Versprengte Notizen zum Krieg... ]
« Reply #671 on: Juni 12, 2020, 01:07:38 vorm. »
Quote
[...]  US-Präsident Donald Trump hat gegen Mitarbeiter des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) in Den Haag Sanktionen genehmigt, die gegen US-Sicherheitskräfte ermitteln oder diese strafrechtlich verfolgen. Demnach kann etwaiger Besitz der Betroffenen in den USA eingefroren werden. Zudem hat Trump auch die Visabeschränkungen gegen Mitarbeiter des IStGH und deren Angehörige genehmigt. Demnach würden die USA jede notwendige Maßnahme ergreifen, um ihre Bürger und Verbündeten vor ungerechtfertigter Verfolgung durch das Gericht zu schützen.

"Die Handlungen des Internationalen Strafgerichtshofs sind ein Angriff auf die Rechte von US-Bürgern und bedrohen unsere nationale Souveränität", teilte das Weiße Haus. Der IStGH führe weiterhin "politisch motivierte Ermittlungen gegen uns oder unsere Verbündeten, darunter Israel".

Im März hatten die Richterinnen und Richter des IStGH den Weg für ein Ermittlungsverfahren zu mutmaßlichen Kriegsverbrechen in Afghanistan freigemacht – auch gegen Mitarbeiter des US-Geheimdienstes CIA. Zu vermeintlichen Kriegsverbrechen in mutmaßlich geheimen Gefangenenlagern der US-Streitkräfte außerhalb von Afghanistan darf die Anklage ebenfalls offiziell ermitteln.

Chefanklägerin Fatou Bensouda hatte die richterliche Zustimmung beantragt, um gegen Verantwortliche für Kriegsverbrechen zu ermitteln, die seit 2003 mutmaßlich von afghanischen Sicherheitskräften, von den Taliban und Extremisten des Hakkani-Netzwerks sowie von US-Soldaten und US-Geheimdienstlern begangen wurden. Laut Bensouda gibt es Hinweise darauf, dass US-amerikanische Militär- und Geheimdienstangehörige in dem Konflikt gefangen genommene Menschen unter anderem gefoltert, misshandelt und vergewaltigt haben sollen.

Die US-Regierung hatte bereits im vergangenen Jahr mit Gegenmaßnahmen gedroht, sollte das Gericht Ermittlungen starten. Sie kündigte an, Mitarbeitern des IStGH die Einreise zu verweigern, wenn sie gegen US-Bürger in Zusammenhang mit deren Handeln in Afghanistan ermitteln. Kurz darauf entzogen die USA Bensouda das Einreisevisum, um zu verhindern, dass das Gericht ein Ermittlungsverfahren gegen US-Soldaten wegen mutmaßlicher Verbrechen in Afghanistan eröffnet.

Am Donnerstag verlautete aus der US-Regierung, die Ermittlung des IStGH verletzte die nationale Souveränität der Vereinigten Staaten. Die Gewährsperson beschuldigte Russland, möglicherweise hinter den Vorwürfen gegen US-Militärangehörige zu stecken. Weitere Angaben über eine etwaige Einflussnahme Russlands auf den Gerichtshof machte die Person nicht.

Der 2002 gegründete IStGH verfolgt Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord. 123 Staaten haben den Grundlagenvertrag des Gerichtes ratifiziert, die sogenannten römischen Statuten. Die USA sind kein Vertragsstaat des Gerichtshofes und lehnen diesen schon seit Jahren strikt ab. Ermittlungen beim Weltstrafgericht ziehen sich in der Regel über Jahre hin. Es ist nicht abzusehen, ob sie in diesem Fall auch zu Haftbefehlen oder einem Prozess führen werden.


Aus: "USA genehmigen Sanktionen gegen Mitarbeiter von Weltstrafgericht" (11. Juni 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-06/internationaler-strafgerichtshof-donald-trump-usa-sanktionen

https://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Strafgerichtshof


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« Reply #672 on: Juli 14, 2020, 01:10:34 nachm. »
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[...] In den ersten vier Monaten dieses Jahres sind aus Deutschland Kriegswaffen im Wert von mehr als 492 Millionen Euro geliefert worden – wesentlich mehr als im Vorjahreszeitraum. Das geht aus einer Antwort des Bundeswirtschaftsministeriums auf eine Anfrage der Linke-Abgeordneten Sevim Dağdelen hervor. Der Wert der Waffen, die Nato-Staaten gekauft haben, habe bis einschließlich April 182 Millionen Euro betragen. An Staaten, die bei den Regelungen zu Rüstungsexporten der Nato gleichgestellt sind, gingen demnach Rüstungsgüter im Wert von rund 5,6 Millionen Euro, an EU-Staaten Lieferungen im Umfang von rund 51,6 Millionen.

... In den vergangenen zehn Jahren exportierte Deutschland insgesamt Kriegswaffen im Wert von fast 17 Milliarden Euro, wie aus dem Rüstungsexportbericht der Bundesregierung hervorgeht (PDF). Die Genehmigungen für alle Rüstungsgüter lagen im selben Zeitraum bei mehr als 63 Milliarden Euro. Nach Angaben des Friedensforschungsinstituts Sipri war Deutschland im Zeitraum zwischen 2015 und 2019 der viertgrößte Waffenexporteur nach USA, Russland und Frankreich und damit für fast sechs Prozent des weltweiten grenzüberschreitenden Waffenhandels verantwortlich.

...


Aus: "Deutschland exportiert deutlich mehr Kriegswaffen" (14. Juli 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2020-07/waffenexporte-ruestungsindustrie-kriegswaffen-deutschland

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pan0rama #44

"Wir wollen, mit unserer Außenpolitik generell, und die Waffenexportpolitik, die ja in Deutschland restriktiver ist als in anderen Ländern, die ist ein wichtiges Element. Wir wollen damit Frieden, Stabilität und Menschenrechte befördern." Peter Altmaier, 2018 https://youtu.be/z8PeHkNjgnk

Und, Herr Altmaier? Hat es funktioniert?


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Bisher keine Risiko-Begegnung #38

Das sind gute Nachrichten für die Beschäftigten in der Rüstungsindustrie.


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Rot-Grün Gutmensch #32.1

Die Statistik kst ja nur die halbe Wahrheit, denn viele deutsche Rüstungsunternehmen haben Tochterfirmen im Ausland um so Exportverbote zu umgehen.


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[...] [ ... Deutsche Unternehmen haben ethische Prinzipien in ihren Lieferketten nicht ausreichend überwacht und transparent gemacht. Das geht aus dem Ergebnis einer Unternehmensumfrage zum Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte hervor, die die Bundesregierung in Auftrag gegeben hat. Damit wird eine gesetzliche Verpflichtung zur Einhaltung der Standards wahrscheinlicher.  Um Auskunft gebeten worden waren 2.250 Unternehmen, wovon nur 455 Antwort gaben. Zum Zeitpunkt der Erhebung 2020 haben demnach deutlich weniger als 50 Prozent der Unternehmen mit Sitz in Deutschland und mehr als 500 Beschäftigten die menschenrechtliche Sorgfalt in ihre Unternehmensprozesse angemessen integriert, heißt es. Die Ergebnisse der Erhebung 2020 weichen demnach zwar von den Ergebnissen der Erhebung 2019 ab. Es lasse sich jedoch bereits jetzt feststellen, dass sich die Gruppe der sogenannten Erfüller im Vergleich zu 2019 in ihrer Größenordnung nicht maßgeblich verändert hat. Im vergangenen Jahr hatten etwa 20 Prozent die Vorgaben erfüllt. Die Ergebnisse der Umfrage wurden von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil und Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) vorgestellt. Das in Aussicht gestellte Lieferkettengesetz soll deutsche Unternehmen dafür verantwortlich machen, dass Lieferanten im Ausland soziale und ökologische Mindeststandards einhalten. Missstände wie Kinderarbeit und Hungerlöhne sollen so unterbunden werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) soll angesichts der Ergebnisse demSpiegel zufolge gefordert haben, das Lieferkettengesetz voranzutreiben. Damit würde die Bundesregierung einer Vereinbarung im Koalitionsvertrag nachkommen. Die Initiative Lieferkettengesetz forderte klare Haftungsregeln in dem Gesetz. "Freiwillig tun die Unternehmen viel zu wenig", sagte die Sprecherin des Bündnisses, Johanna Kusch. Verantwortlich wirtschaftende Unternehmen hätten durch ein solches Gesetz ohnehin nichts zu befürchten.

Der Arbeitgeberverband BDA warnte dagegen vor einem Lieferkettengesetz, das deutsche Unternehmen für die Einhaltung von Menschenrechtsstandards auch im Ausland haftbar macht. Die deutschen Unternehmen, die er im Ausland besucht habe, verhielten sich bei ihren Aktivitäten im Ausland vorbildlich und fühlten sich auch dort den Menschenrechten verpflichtet, sagte der BDA-Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter im Deutschlandfunk. Es sei problematisch, wenn Unternehmen für Missstände aufkommen müssten, die auf Dritte zurückzuführen seien und nicht in ihrem eigenen Verschulden lägen. Dies sei unter keinen Umständen zu akzeptieren.

Aus: "Lieferkettengesetz: Deutsche Firmen könnten auch für Missstände im Ausland haften" (14. Juli 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2020-07/lieferkettengesetz-initiative-menschenrecht-sicherung-unternehmen

 Wuerther #16  " ... Hat wirklich jemand erwartet, dass die Unternehmen angesichts des Lieferkettengesetzes "Hurra" rufen ? Die Aussage, dass sich "besuchten Firmen im
Ausland vorbildlich verhielten", erinnert mich an die der Lichtgestalt des dt. Fußballs, der in Katar "keine Sklaven gesehen haben will". ..."

...


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William S. Christ #15

,,Von deutschem Boden soll nie wieder Krieg ausgehen".

Aber niemand, wie der geschäftstüchtige, schlaue Kapitalist wohl weiß, hat etwas davon gesagt, dass ,,wir" nicht Waffen und Munition und anderes Kriegsmaterial in Massen bauen und an jeden verkaufen dürfen, der danach fragt.

Gibt es ein schöneres Beispiel für tiefste Doppelmoral?

Wir sind der Waffenhändler, der sagt: ,,Ich erschieß zwar keinen. Aber wenn DU jemanden erschießen willst, dann verkauf ich dir gerne die Waffe und die Munition ;-) "


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EinerderganzgroßenTourenklassiker #11

"Im Vorjahreszeitraum war die Türkei als Empfängerin von Kriegswaffen im Wert von mehr als 184 Millionen Euro mit Abstand an der Spitze gewesen. "

++

Die Türkei besetzt Teile Nordsyriens, in Kooperation mit Islamisten, und greift die Kurden in Nordsyrien an. Ausserdem geht es für die Türkei um gasfelder im Mittelmeer auf dem Hoheitsgebiet anderer Länder. Um um Islamisten, die die Türkei nach Libyen schickt.

Da braucht die Türkei natürlich viele Waffen.


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Dietmar R. #21

"Erst kommt das Fressen, dann die Moral", der Brecht'sche Spruch passt hier besonders gut!

Der Tod 'Made in Germany' ein Exportschlager der Waffenlobby, der nur mit Unterstützung der Bundesregierung möglich ist.
Mit diesen Mordwerkzeugen werden Konflikte und Kriege erst möglich gemacht, die in Folge 'failed States', Flüchtlinge, Elend und Tod generieren ...
Eine Politik, die die 'eigenen Werte' , die allenthalben wie eine Monstranz getragen werden, pervertiert.


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Rentner mit Niveau #31

Wenn Deutschland nicht liefert dann eben ein anderes Land. Warum soll man sich diesen Markt entgehen lassen?


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OleJohansen #31.1

Eben ... der schnöde Mammon rechtfertigt alles. Wer braucht schon Moral.


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Ritzer der Kukusnuß #31.2

Wenn Deutschland nicht liefert dann eben ein anderes Land. Warum soll man sich diesen Markt entgehen lassen? ///

Dann sollten wir auch Drogen exportieren.


...

« Last Edit: Juli 14, 2020, 01:44:51 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #673 on: Juli 14, 2020, 01:49:11 nachm. »
Quote
[...] Mehr als sieben Jahre nach dem Terror einer Islamistengruppe in der malischen Wüstenstadt Timbuktu beginnt vor dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag der Prozess gegen einen der mutmaßlich Verantwortlichen. Al-Hassan Ag Abdoul Aziz Ag Mohamed Ag Mahmoud werden von den Anklägern des IStGH Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Last gelegt.

Als Leiter einer Scharia-Polizei im damals von der Terrororganisation Ansar Dine besetzten Timbuktu soll er mit brutalen Methoden die Rechtsvorstellungen der Islamisten durchgesetzt haben. Die Islamistengruppe kontrollierte zwischen April 2012 und Januar 2013 den Norden des Landes, was erst durch das malische und das französische Militär beendet wurde.

In dieser Zeit zerstörte die Gruppe Mausoleen und Moscheen in der als Weltkulturerbe anerkannten Stadt, weil sie die in Timbuktu verbreitete Heiligenverehrung ablehnt. Zudem versuchte sie, mit Gewalt eine ultrakonservative Auslegung des Islam im Alltagsleben bei Timbuktus Bewohnern durchzusetzen.

Laut einem Bericht der Deutschen Welle (DW) soll Al-Hassan dabei eine führende Rolle gespielt haben. Besonders habe sich seine Grausamkeit gegen Frauen gerichtet. Die Chefanklägerin am IStGH, Fatou Bensouda, warf ihm demnach schon 2018 "grausame Behandlung, Folter, Verletzung der Würde anderer Menschen, insbesondere erniedrigende Behandlung, Vergewaltigung und sexuelle Sklaverei" vor. Auch soll er an dem Ziel der Fundamentalisten, das Kulturleben der Stadt zu unterdrücken, beteiligt gewesen sein und habe Verbote von Musik, Tanz, Kunst und Sport unter Anwendung von Gewalt durchgesetzt.

Ungeklärt ist dem DW-Bericht zufolge, wie eigenständig Al-Hassan gehandelt hat und wie einflussreich er tatsächlich gewesen ist. So sehen einige Mali-Experten seinen Einfluss nur auf Timbuktu beschränkt.

Al-Hassan wurde 2018 in Mali festgenommen und dem IStGH übergeben. Der Prozess wird voraussichtlich nicht so bald beendet sein – erst Ende August wollen die Ankläger damit beginnen, die Beweise gegen den Angeklagten vorzutragen. Einem Dokument des IStGH zufolge geht das Gericht davon aus, dass es erst in mehreren Jahren zu einem Urteil kommen wird.

Sollte Al-Hassan in allen Anklagepunkten für schuldig befunden werden, droht ihm eine Haftstrafe von bis zu 30 Jahren. Al-Hassan wäre dann der zweite an dem Terror in Timbuktu beteiligte Dschihadist, den der IStGH verurteilt: 2016 sprach der Gerichtshof den Islamisten Ahmad al-Faqi al-Mahdi für die Zerstörung religiöser Gebäude in Mali schuldig und verurteilte ihn zu einer Haftstrafe von neun Jahren.


Aus: "Prozess gegen mutmaßlichen Terroristen Al-Hassan beginnt" (14. Juli 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-07/internationaler-strafgerichtshof-prozess-dschihadisten-mali-kriegsverbrechen

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[Versprengte Notizen zum Krieg... ]
« Reply #674 on: Juli 27, 2020, 07:10:37 nachm. »
Krsto Lazarević @Krstorevic Jul 26 Die @Jungle_World
 hat mich gebeten einen Text zu Srebrenica zu schreiben. Also habe ich einen Text darüber geschrieben, was für menschenverachtende Positionen damals in linken Medien zum Genozid verbreitet wurden. Unter anderem auch in der Jungle World.
https://twitter.com/Krstorevic/status/1287367526746329090

"Die deutsche Linke relativiert den Genozid von Srebrenica vor 25 Jahren" Krsto Lazarević (23.07.2020)
Der Genozid von Srebrenica wurde auch von Teilen der deutschen Linken lange relativiert. 25 Jahre nach den Massakern wäre es an der Zeit für eine Aufarbeitung.
https://jungle.world/artikel/2020/30/srebrenica-und-die-deutsche-linke

"Genozid von SrebrenicaBrisante Fragen auch nach 25 Jahren ungeklärt" Dirk Auer (11.07.2020)
Das Massaker an den bosnischen Muslimen gilt als das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Europa seit 1945. In nur vier Tagen wurden mehr als 8.000 Männer und Jungen ermordet. 25 Jahre nach Srebrenica stellen Hinterbliebene weiter Fragen zur Rolle der internationalen Gemeinschaft. ...
https://www.deutschlandfunk.de/genozid-von-srebrenica-brisante-fragen-auch-nach-25-jahren.724.de.html?dram:article_id=480168

"Massaker von SrebrenicaBlick in menschliche Abgründe" Gerwald Herter (2015)
Das Massaker von Srebrenica, bei dem bosnisch-serbische Truppen mehr als 8.000 junge Männer ermordeten, jährt sich am kommenden Wochenende zum 20. Mal. Finanziert von der Reemtsma-Stiftung hat der Journalist Matthias Fink ein umfangreiches Buch über das Kriegsverbrechen geschrieben. Das Werk basiert größtenteils auf auf Geheimdienstinformationen.
https://www.deutschlandfunk.de/massaker-von-srebrenica-blick-in-menschliche-abgruende.1310.de.html?dram:article_id=324634
« Last Edit: Juli 27, 2020, 07:16:26 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Versprengte Notizen zum Krieg... ]
« Reply #675 on: Juli 31, 2020, 10:59:20 vorm. »
United Nations (@UN) twitterte um 9:03 nachm. on Mo., Juli 27, 2020:
Women & children made up more than 40% of all civilian casualties in the Afghanistan conflict during first half of 2020.
https://twitter.com/UN/status/1287825834795888640

https://unama.unmissions.org/protection-of-civilians-reports

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[Versprengte Notizen zum Krieg... ]
« Reply #676 on: August 02, 2020, 08:36:22 nachm. »

Quote
[...] Miller arbeitete früher für die „New York Times“ und war im Streit um George W. Bushs Irakkrieg ein Star, weil sie die These von den gefährlichen Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins befeuerte. Sie galt als Heldin der Meinungsfreiheit, als sie lieber ins Gefängnis ging, als ihre Quellen zu offenbar. Die New York Times trennte sich von ihr, als herauskam, dass sie ihre Informationen von „Scooter“ Libby bekommen hatte, dem Stabschef des damaligen Vizepräsidenten Dick Cheney, der den Irakkrieg wollte. ...


Aus: "Ein Star schimpft und kündigt" Christoph von Marschall (16.07.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/streit-in-der-new-york-times-ein-star-schimpft-und-kuendigt/26010468.html

Quote
Apostata 16.07.2020, 15:37 Uhr
Ein sehr interessanter Beitrag. Ich hoffe, Herr von Marschall stimmt mir zu, dass er ausschließlich ein Problem der US- Presse beschreibt. ...


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[...] Als irakische Panzer vor 30 Jahren in den frühen Morgenstunden des 2. August 1990 in das kleine Emirat Kuwait rollten, begann ein Krieg, dessen Auswirkungen auch heute noch zu spüren sind.

Auf Befehl von Diktator Saddam Hussein nahm die irakische Armee das Nachbarland ein, zwang den Emir zur Flucht aus Kuwait-Stadt, sicherte dem Irak den Zugang zu reichen Ölvorräten und bedrohte westliche Verbündete wie Saudi-Arabien.

Ein halbes Jahr später wurde der Irak von einer US-geführten Koalition wieder aus Kuwait vertrieben. Die Kettenreaktion, die mit der Aggression Saddams in Gang gesetzt wurde, veränderte den Nahen Osten.

Im Krieg gegen den Iran von 1980 bis 1988 war Saddam Hussein noch vom Westen unterstützt worden, weil der Irak als Bollwerk gegen den schiitischen Gottesstaat der Islamischen Republik galt. Zwei Jahre später war der irakische Staat hoch verschuldet und lag mit seinen arabischen Nachbarn im Streit.

Mit der Einnahme von Kuwait erwarb der Irak, der selbst zwölf Prozent der weltweiten Ölreserven besitzt, weitere acht Prozent des globalen Ölreichtums. Möglicherweise rechnete Saddam damit, dass der Westen den Einmarsch seiner Truppen in Kuwait hinnehmen würde.

Die damalige US-Botschafterin in Bagdad, April Glaspie, sagte in einem Gespräch mit dem irakischen Staatschef kurz vor der Intervention vom August 1990, Amerika habe „keine Meinung“ zum Streit zwischen den Irakern und den anderen Arabern.

 Doch Saddam täuschte sich. Seine Truppen konnten das kleine Kuwait zwar schnell besetzen, was innerhalb weniger Tage die Annexion des Emirats als „19. Provinz des Irak“ nach sich zog. US-Präsident George Bush schickte nach dem Fall von Kuwait aber sofort amerikanische Truppen an den Golf, um den wichtigen Partner Saudi-Arabien zu schützen.

In den Monaten darauf stellte Bush eine internationale Koalition zusammen, die im Januar 1991 mit der Bombardierung von Irak begann und im Februar die irakischen Truppen aus Kuwait vertrieb. Während Bush von einer „neuen Weltordnung“ sprach, kündigte Saddam die „Mutter aller Schlachten“ gegen die Amerikaner an – doch seine Armee wurde vernichtend geschlagen.

Bush rief die Iraker zum Aufstand gegen Saddam auf, entschied sich aber gegen einen Feldzug zur Entmachtung des Diktators. Als Saddam daraufhin blutige Rache an den Kurden im Norden und an den Schiiten im Süden des Irak nahm, richteten die Amerikaner Flugverbotszonen über beiden Landesteilen ein. Bis heute wird darüber diskutiert, ob die USA damals einen Fehler begingen, als sie den militärisch geschlagenen irakischen Diktator davonkommen ließen.

 Der Krieg war nicht nur der erste massive Einsatz amerikanischer Kampfflugzeuge und Bodentruppen im Nahen Osten; bis dahin hatte sich das US-Engagement in der Region auf Geheimdiensteinsätze und kleinere Interventionen beschränkt. Er war auch der Beginn einer permanenten US-Militärpräsenz am Golf. Heute sind Tausende amerikanische Soldaten sowie starke Luftwaffen- und Marineverbände in der Region stationiert.

Mittelfristig führte der Krieg um Kuwait zu einem neuen Krieg unter der Präsidentschaft von Bushs Sohn George W. Bush im Jahr 2003, bei dem Saddam entmachtet und der Irak ins Chaos gestürzt wurde. Schwere innenpolitische Verwerfungen, die auf irakischem Boden ausgetragene Rivalität von USA und Iran sowie Korruption und Misswirtschaft zeichnen den Irak bis heute.

Misstrauen gegenüber den USA kommt hinzu. Insbesondere die irakischen Schiiten fühlten sich nach dem Golf-Krieg von 1991 von Bush verraten, weil er sie ermuntert hatte, sich gegen Saddam zu erheben, dann aber bei der blutigen Unterdrückung der Schiiten tatenlos zuschaute. Saddams Armee setzte gegen die Schiiten auch Giftgas ein.

 Gleichzeitig stärkte der Krieg von 1990 radikale islamistische Kräfte in der Region. Al-Kaida-Chef Osama bin Laden protestierte scharf gegen die Stationierung amerikanischer Soldaten in Saudi-Arabien, dem Land der heiligen islamischen Städte Mekka und Medina.

Bin Laden bot dem saudischen Königshaus an, das Land mit seinen eigenen Kämpfern gegen den Irak zu verteidigen, doch Riad zog den Schutz durch die Amerikaner vor. Nach 1990 machte bin Laden deshalb den Rückzug der USA aus der Region zu seinem wichtigsten Ziel. Er verfolgte es mit vielen Terroranschlägen, die in den Anschlägen vom 11. September 2001 gipfelten.

Die Spätfolgen der Einnahme von Kuwait sind auch in anderen Teilen der Region zu spüren. Die Flugverbotszone über dem nordirakischen Kurdengebiet verschaffte der anti-türkischen Terrororganisation PKK die Möglichkeit, sich in den Bergen Iraks zu verschanzen und von dort aus die Türkei anzugreifen.

Der Kurdenkonflikt in der Türkei eskalierte und führte zur Vertreibung von Hunderttausenden Menschen, von denen viele nach Deutschland und in andere europäische Länder flohen. Bis heute greift die türkische Armee regelmäßig die Stellungen und Nachschubwege der PKK im Nordirak an.


Aus: "Was Saddam Husseins Invasion für die heutige Lage bedeutet" Thomas Seibert (02.08.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/30-jahre-ueberfall-auf-kuweit-was-saddam-husseins-invasion-fuer-die-heutige-lage-bedeutet/26059112.html

Quote
garno 18:36 Uhr

    Die Kettenreaktion, die mit der Aggression Saddams in Gang gesetzt wurde, veränderte den Nahen Osten.

"Die Kettenreaktion" begann schon sehr viel früher, nämlich mit der westlichen Einflußnahme im Nahen Osten, und hier insbesondere mit der von Briten und US-Amerikanern eingesetzten Schah-Diktatur im Iran. Die iranische Revolution und die weiteren Geschehnisse in der Region lassen sich darauf zurückführen.

Auch Saddam Hussein wurde von den USA gegen den IRAN aufgehetzt, dann aber letztlich im Stich gelassen ...


...

-

https://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Golfkrieg

https://de.wikipedia.org/wiki/Zweiter_Golfkrieg

https://de.wikipedia.org/wiki/Begr%C3%BCndung_des_Irakkriegs

https://de.wikipedia.org/wiki/Koalition_der_Willigen

https://de.wikipedia.org/wiki/Achse_des_B%C3%B6sen

https://de.wikipedia.org/wiki/Irakkrieg

-

Whistleblowerin Katharine Gun "Ich fürchtete, sie könnten meine Gedanken lesen" Christoph Gunkel (28.10.2019)
Uno-Mitgliedstaaten sollten erpresst werden, um den Irakkrieg durchzuboxen: 2003 deckte Katharine Gun schmutzige Spiele der Geheimdienste auf und bezahlte dafür einen hohen Preis.
https://www.spiegel.de/geschichte/official-secrets-katharine-gun-und-der-irak-krieg-die-whistleblowerin-a-1292907.html

"Irak-Krieg: Am Anfang stand die Lüge" Matthias von Hein (09.04.2018)
Vor 15 Jahren stürzten US-Soldaten in Bagdad die Statue Saddam Husseins. Heute wissen wir: Dieser Krieg hat Hunderttausende Opfer gekostet, den Mittleren Osten ins Chaos gestürzt - und war auf Lügen gebaut. ...
https://www.dw.com/de/irak-krieg-am-anfang-stand-die-l%C3%BCge/a-43279424

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[Versprengte Notizen zum Krieg... ]
« Reply #677 on: August 04, 2020, 12:27:24 nachm. »
Quote
[...] Der Vergleich des uneingeschränkten Gehorsams mit der Willenlosigkeit eines Leichnams verdankt sich einer bereits mittelalterlichen, von Franz von Assisi geprägten Bildtradition, worauf schon Robert Bellarmin 1588 bei Auseinandersetzungen innerhalb der Jesuitenordens über diese Auffassung des Gehorsams zu deren Rechtfertigung verwies. Denn schon Franz von Assisi hatte die vollkommene und höchste Form des Gehorsams (perfecta et summa obedientia) gegenüber dem Vorgesetzten verglichen mit einem toten, entseelten Leib (corpus mortuum, corpus exanime), der sich ohne Widerstreben und ohne Murren hinbringen lässt, wo man will, auch auf ein Katheder gesetzt nicht nach oben blickt, sondern nach unten (d. h. nicht übermütig wird, sondern demütig bleibt) und auch in Purpur gekleidet nur noch bleicher wirkt als zuvor (d. h. die Todesverfallenheit des Menschen nicht vergessen lässt, sondern umso deutlicher vergegenwärtigt). ... Das deutsche Kompositum Kadavergehorsam kam erst in den Debatten des Kulturkampfes der 1870er-Jahre über das 1872 erfolgte Verbot des Ordens im deutschen Reichsgebiet auf als ein antijesuitisches Schlagwort, das rasch weite Verbreitung fand und bald als Germanismus auch in andere europäische Sprachen einging, wo es seither häufig in übertragener Verwendung auch zur Charakterisierung der Mentalität preußischen und deutschen Militärs und der davon geprägten Gesellschaft gebraucht wurde.
...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kadavergehorsam ()

-

Quote
[...] 1945: Oberstleutnant Erich Löffler verhindert, dass Frankfurt am Ende des Zweiten Weltkriegs zum Schlachtfeld wird - weil er beschließt, Befehle nicht mehr zu befolgen.

Erich Löffler tut nicht, wie ihm befohlen. Es ist vermutlich das erste Mal, dass er einem Befehl nicht folgt. Es ist auf jeden Fall das letzte Mal, dass der gerade 37-jährige Berufssoldat der Obrigkeit nicht folgt.

Erich Löffler ist Oberstleutnant der Wehrmacht, ein Berufssoldat, vielleicht einer aus Berufung. Den Zweiten Weltkrieg beginnt der dunkelblonde sportliche Typ als Hauptfeldwebel im Infanterieregiment 57, das in seiner Geburtsstadt Eisenach in Thüringen stationiert ist. Löffler macht Karriere im Krieg, er wird Offizier, überlebt als einer von nicht vielen den Winter 1941 vor Moskau, in den Kämpfen 1942 zerstört er im Alleingang unter Einsatz seines Lebens vier russische Panzer. Er wird zum Hauptmann befördert und erhält im Herbst des gleichen Jahres auch das Ritterkreuz, die höchste Tapferkeitsmedaille des Nazireichs.

Bilder aus dem Oktober 1942 zeigen einen plötzlich nicht mehr jungen Mann mit wachem Blick und einem gezwungen breiten Lachen. Der Horror von Hitlers endlosem Vernichtungskrieg gräbt sich in die Gesichter seiner Handlanger. Aber Löffler überlebt. Sein Regiment wird 1943 in der Ukraine aufgerieben, ein Jahr später jedoch ist er bei der Neuaufstellung in Dänemark wieder dabei und führt es durch die Ardennenoffensive 1944.

Anfang März 1945 wird dem Oberstleutnant Löffler die Kampfkommandantur von Koblenz übertragen. Kampfkommandant bedeutet, aus Koblenz eine uneinnehmbare Festung zu machen, nicht die Stadt wie ein Ortskommandant zu verwalten. Löffler drängt die dortigen Nazi-Bonzen, die Stadt räumen zu lassen. Um die 10 000 Menschen harren noch in den Trümmern aus, die „Goldfasane“ der NSDAP nehmen derweil Reißaus. Als die Amerikaner am 18. März Koblenz einnehmen, haben Löffler und seine paar Soldaten sich schon davongemacht. Neuer Standort des Grenadierregiments 57 wird Marburg, weit weg von allen Truppenbewegungen, ideal zum Ausharren mit anschließender Kapitulation. Aber Löffler ist ein ruhiges Kriegsende nicht vergönnt.

In Marburg ereilt ihn die Order, sich als Kampfkommandant von Frankfurt zu melden. Mit einem Stab aus neun Offizieren reist er in die Stadt am Main, die Überreste seiner Truppe lässt er zurück. Frankfurt muss ihm wie ein Déjà-vu erscheinen: Koblenz zwo. Die Stadt in Trümmern, die entferntere Stadthälfte (südlich des Mains) offen für den Vormarsch der Amerikaner, die nördliche Hälfte alles, nur keine Festung. Und vor allem sind noch gut eine Viertelmillion Zivilpersonen in der Stadt.

Löffler fackelt nicht lange. Seine mit Orden nur so übersäte Uniformjacke gibt ihm selbst in den Augen jener Frankfurter Nazis, die sich noch am unmittelbar bevorstehenden deutschen Endsieg berauschen können, absolute Autorität – wobei die meisten Braunen sich eh längst im Taunus verkrochen haben, um ihre bundesrepublikanische Wiedergeburt vorzubereiten. Er entwaffnet als erstes eine Einheit ungarischer Faschisten, die jeder vergessen zu haben scheint. Dann beendet er die tragisch-lächerliche Veranstaltung namens „Volkssturm“ und schickt die Alten und Kinder nach Hause. Während Pioniere Frankfurts Brücken sprengen (eine aber nur teilweise), lässt Löffler die vom Volkssturm aufgetürmten Barrikaden wieder abbauen.

Was Erich Löffler in den Stunden zwischen dem 26. und 27. März tatsächlich tut und wahrscheinlich denkt, würde allemal dafür ausreichen, dass ihn irgendwelche 150-prozentigen Nazis an der nächsten Laterne noch hätten aufknüpfen können. Aber Löffler geht unbeirrbar nach Plan vor. Nach seinem Plan. Wenn man den konsequent zu Ende denkt, dann sieht der vor: Zivilleben schonen, sinnlose Kämpfe vermeiden, die Stadt so gut erhalten, wie es geht und den Amis kampflos überlassen, Brücken sprengen, um den Gegner zu bremsen, sich selbst sicher absetzen und den Nazis vorgaukeln, man würde wie befohlen jeden Fußbreit deutschen Bodens bis zum letzten Atemzug verteidigen.

Ein guter Plan. Aber dann schlägt eine US-Artilleriegranate in Löfflers Kampfkommandantur in der Taunusanlage 12 ein. Ein Zufallstreffer; die Amerikaner schießen einfach auf gut Glück irgendwo hin. Oberstleutnant Erich Löffler ist sofort tot. Es kommt noch zu ein paar Scharmützeln rund um den Hauptbahnhof, dann ist alles vorbei. Und eine Viertelmillion Frankfurterinnen und Frankfurter ist gerade so nochmal mit dem Leben davongekommen. Weil einer am Ende wohl den Irrsinn des Kadavergehorsams erkannte und nicht mehr länger mitmachte.


Aus: "Erkenne, wann es Zeit wird für Ungehorsam" Peter Rutkowski (01.08.2020)
Quelle: https://www.fr.de/zukunft/storys/frieden/zeit-fuer-ungehorsam-90016070.html

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« Reply #678 on: August 04, 2020, 12:47:25 nachm. »
Quote
[...] Seit nunmehr einem Vierteljahrhundert finden in Kroatien jedes Jahr Anfang August große Gedenkfeiern statt. Im ersten Jahr war es freilich noch kein Gedenken, sondern Krieg: In der „Operation Sturm“ gelang es der kroatischen Armee zwischen dem 4. und dem 7. August 1995, den größten Teil der seit 1991 serbisch besetzten Gebiete Kroatiens zu befreien. Zentrum des diesem Feldzug gewidmeten Gedenkens ist seither die Stadt Knin, gelegen unweit der kroatischen Grenze zu Bosnien. Auch diesmal wird das so sein. Staatspräsident Zoran Milanović, als meinungsstarker Sozialdemokrat bei vielen der oft weit rechts positionierten kroatischen Veteranen nicht eben beliebt, will nach Knin kommen und Orden verteilen. Knin war Hauptort der „Republik Serbische Krajina“, eines von aufständischen kroatischen Serben mit erheblicher militärischer Unterstützung aus Belgrad errichteten kriminellen Gebildes, aus dem mehrere zehntausend Kroaten vertrieben worden waren.

Doch auch in diesem Jahr wird über den Feiern am „Tag des Sieges und der Dankbarkeit der Heimat“ wieder eine Frage schweben, auf die es nur eine differenzierte Antwort gibt: Was genau ist eigentlich passiert vor 25 Jahren im dalmatinischen Hinterland? Unumstritten ist, abgesehen von nationalistischen Kreisen in Serbien, dass Kroatien selbstverständlich das Recht hatte, sein eigenes Territorium zu befreien und die 1991 unter großem Blutvergießen erklärte staatliche Unabhängigkeit territorial zu konsolidieren. Gern negiert wird dagegen in Kroatien, dass die Befreiung mit Verbrechen an der serbischen Zivilbevölkerung einherging, bei denen es sich eben nicht nur, wie von der Politik in Zagreb oft behauptet, um bedauerliche Einzelfälle handelte.

Vergleichsweise harmlos waren noch die Plünderungen. Ein Sprecher der Vereinten Nationen sagte damals, UN-Beobachter hätten „klare Beweise“ dafür, dass kroatische Kämpfer Häuser in den fluchtartig verlassenen serbischen Dörfern der Gegend ausplünderten: „Soldaten ziehen normalerweise nicht mit Videorekordern, Fernseh- und Radiogeräten in die Schlacht.“

Weniger harmlos ging es in Weilern wie Grubori zu, wo sechs alte Dörfler, die ihre Heimat nicht hatten verlassen wollen, von nie gestellten Mördern niedergemetzelt wurden, als der Feldzug längst beendet war. Solche Übergriffe beschränkten sich nicht auf Grubori. Da sie genau so etwas befürchtet hatten, waren die meisten Serben beim Herannahen der kroatischen Truppen geflohen. Sie glaubten den Aufrufen des kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman nicht, der zu Beginn der Angriffe sinngemäß gesagt hatte, niemand habe die Absicht, die Serben zu vertreiben. Bis zu 200.000 serbische Zivilisten ergriffen die Flucht. Erst vier Jahre später, im Kosovo, flohen noch mehr Menschen – dann allerdings Albaner vor der serbischen Soldateska.

Der Schweizer Buchautor und Balkan-Kenner Cyrill Stieger, damals in Diensten der „Neuen Zürcher Zeitung“, war 1995 schon am Tage nach Abschluss der „Operation Sturm“ in der Krajina und berichtete aus einem verlassenen Ort, wo in den Cafés noch Tassen und Bierflaschen auf dem Tisch standen: „Manche Gläser waren noch nicht einmal ausgetrunken – Zeichen dafür, dass sich die Menschen Hals über Kopf davongemacht hatten ... In einem Restaurant war der Tisch noch gedeckt, Reste von Fleisch, abgebissene Brotstücke lagen herum. ... In vielen Zimmern brannte noch Licht, in einer Bäckerei lagen die frisch gebackenen Gipfel auf dem Blech. Die Bewohner hatten die Ortschaft offenbar in der Nacht oder am frühen Morgen in großer Eile verlassen. Hier sah man auch Häuser und Geschäfte, die angezündet und geplündert worden waren.“

Dass unter den Serben auch solche waren, die guten Grund zur Flucht hatten, da sie zuvor Kriegsverbrechen an ihren kroatischen Nachbarn begangen hatten, stimmt gewiss. Nur macht es die Verbrechen einiger Befreier nicht ungeschehen. Damals wurden nach allgemeinen Schätzungen mehrere hundert Serben getötet, Tausende Häuser angezündet.

Einige Jahre später versuchte die damalige Chefanklägerin des Haager Kriegsverbrechertribunals, Carla Del Ponte, diese Verbrechen dem kroatischen General Ante Gotovina anzulasten. Auch politisch gemäßigte Kroaten empörte es seinerzeit, dass Gotovina so auf eine Stufe mit serbischen Massenmördern wie den ebenfalls vom Haager Tribunal angeklagten bosnisch-serbischen Kriegsverbrechern Radovan Karadžić und Ratko Mladić gestellt werde. Genugtuung verschaffte ihnen, dass Gotovina im Gegensatz zu den beiden Serben im Berufungsverfahren freigesprochen wurde, da ihm keine direkte Schuld für die Verbrechen nachweisbar sei. Das hatte freilich auch zur Folge, dass die damals begangenen Verbrechen, die das Tribunal nicht bezweifelte, bis heute nicht gesühnt wurden.

Einige Sturmschäden haben sich als irreparabel erwiesen. Für viele „Krajina-Serben“ ging 1995 eine jahrhundertealte Siedlungsgeschichte zu Ende. Sie waren Nachkommen von Flüchtlingen aus dem Osmanischen Reich, die von den Habsburgern als Wehrbauern an der Grenze der Monarchie angesiedelt worden waren. Jenen, die später zurückkehren wollten, wurden nicht nur administrative Hindernisse in den Weg gelegt. So berichtete das Internationale Komitee des Roten Kreuzes 1996, dass auch ein Jahr nach Kriegsende in den befreiten Gebieten eine Atmosphäre der Gesetzlosigkeit herrsche, die verbliebenen Serben große Angst mache. Fast 100 serbische Häuser seien auch 1996 noch zerstört worden, Drohungen, Plünderungen und Misshandlungen kämen weiterhin vor. Verlassene Häuser von Serben würden vermint, um potentielle Rückkehrer abzuschrecken.

Das immerhin ist Vergangenheit. Die Folgen aber sind von Dauer. Vor dem Krieg stellten Serben zwölf Prozent der Bevölkerung Kroatiens, heute kaum noch vier.


Aus: "Schwieriges Gedenken : Was geschah wirklich, als Kroatien befreit wurde?" Michael Martens, Wien (04.08.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/viele-zivile-opfer-die-befreiung-kroatiens-vor-25-jahren-16886575.html

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Krieg ist ein schmutziges Geschäft

    Thomas Tobias (gberlin)
    04.08.2020 - 09:27

Kroatien 1995 war ein unangenehm nationalistisches Land und damit die perfekte Antwort auf Milosevics Serbien. Trotzdem können die Ereignisse in der Krajina nicht mit Massakern wie in Srebrenica gleichgesetzt werden. Der weitaus größte Teil der serbischen Bevölkerung floh unmittelbar vor dem Einmarsch der kroatischen Armee. Die Angst war - wahrscheinlich berechtigt - zu groß. Es gab außerdem einen Evakuierungsbefehl der serbischen Führung aus Knin.
Die wenigen, die da blieben, sahen sich Gewalt und Plünderungen ausgesetzt. Gerade in Kriegen gilt: Es gibt kein schwarz/weiß. Die einfache Bevölkerung der Krajina waren Opfer. Viele von ihnen flohen nach Serbien und wurde von Belgrad gleich in den nächsten Krisenherd zwangsumgesiedelt: In das Kosovo


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[Versprengte Notizen zum Krieg... ]
« Reply #679 on: August 11, 2020, 11:30:49 vorm. »
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[...] Die erste Erschütterung war nur leicht zu spüren. Aber zwei Minuten und 15 Sekunden später, gegen 11:28 Uhr, folgte eine zweite Erschütterung, die den Rumpf des Kreuzers „Pjotr Weliki“ erzittern und auf Alaska die Seismografen ausschlagen ließ. Und während die Seeleute auf den russischen Kriegsschiffen im Manövergebiet noch rätselten, was der Grund für die Erschütterungen gewesen sein könnte, hatten die gerade vergangenen zwei Minuten den Untergang des Atom-U-Bootes K-141 „Kursk“ und seiner 118 Besatzungsmitglieder besiegelt.

Bis heute ist unklar, wer von den Marinesoldaten bereits bei der Explosion eines leckenden Übungstorpedos im Bug umkam und wer im Kampf gegen das sich ausbreitende Feuer; offen ist auch, wie viele Männer starben, als sich fünf bis zehn weitere Torpedo-Sprengköpfe entzündeten und mit der Wucht mehrerer Tonnen TNT ein großes Loch in den Rumpf des 154 Meter langen U-Boots rissen. Sicher ist nur: Ein Teil der Mannschaft überlebte in der neunten Sektion der Kursk – und wartete auf dem Meeresgrund in 104 Metern Tiefe auf Rettung.

Die Menschen in Russland und dem Rest der Welt blickten voller Hoffnung auf die Barentssee. Eine Rettung aus 104 Metern Tiefe konnte doch nicht so schwer sein! Was sich jedoch der Öffentlichkeit in den folgenden Wochen nach dem 12. August 2000 bot, war ein Drama voller Lügen, Ängste und Hoffnungen, das als Tragödie enden sollte.

Der Untergang der „Kursk“ ist zwar nicht das größte submarine Unglück in der Geschichte der Seefahrt. Im Jahr 1963 war das US-amerikanische Atom-U-Boot „Thresher“ nach einem Wassereinbruch im Atlantik in eine Meerestiefe von 2,5 Kilometern hinabgesunken, die 129 Matrosen an Bord starben vermutlich in Sekundenschnelle. Die Überlebenden im Wrack der „Kursk“ hingegen würden einen langsamen Tod sterben müssen. Weil alles viel zu lange dauerte.

Das russische Flottenkommando meldete das Boot erst zwölf Stunden nach der zweifachen Explosion als vermisst, die Öffentlichkeit erfuhr erst zwei Tage später davon: Die Kursk sei gesunken, hieß es damals, aber es gäbe Funkkontakt zu ihrer Besatzung. Danach schränkte ein Militärsprecher ein, man verständige sich durch Klopfsignale. Eine Meldung des damals noch unabhängigen Fernsehkanals „NTW“, der Bug des Schiffs stehe voll Wasser, dementierte das Militär, es verschob den Zeitpunkt des Unglücks außerdem auf den Sonntag.

Nicht nur für die Angehörigen der Seeleute begannen bange Tage des Wartens. Ganz Russland wollte wissen, warum die Besatzung nicht selbstständig ausstieg, warum ein Dutzend Versuche russischer Tauchapparate, an die Luken der „Kursk“ anzudocken, scheiterten. Aber auch, warum die Staatsführung britische und norwegische Hilfsangebote erst nach vier Tagen annahm.

Matrosen, die in einem gesunkenen U-Boot dem Erstickungstod entgegenharren, sind wie Astronauten, die in einem defekten Raumschiff ins All davongetragen werden – ein moderner Alptraum. Eine Debatte brach aus, über Klaustrophobie, verbleibende Atemluft, Klopfzeichen, über festgeschweißte und daher unbrauchbare Rettungsbojen. Man hoffte noch – und suchte bereits nach Schuldigen. Manche kolportierten, die Manöverrakete eines eigenen Kriegsschiffs habe die Kursk versenkt. Der verantwortliche Admiral Wjatscheslaw Popow indes redete von einem Zusammenstoß mit einem fremden U-Boot, die liberale Tageszeitung „Nesawissimaja Gaseta“ bezeichnete später die britische HMS „Splendid“ als „Mörder der Kursk“. Tatsächlich zogen vor Murmansk Nato-U-Boote ihre Kreise, unter der Meeresoberfläche hatte der Kalte Krieg nie aufgehört. Nur wäre die „Splendid“ mit ihrer Wasserverdrängung von 4900 Tonnen bei einer Karambolage mit der „Kursk“, die im Tauchgang knapp 24 000 Tonnen verdrängte, wohl kaum selbst intakt davongekommen.

Die offizielle russische Version hat sich in den 20 Jahren nach dem Unglück deutlich verändert. Statt von Funkkontakt ist längst davon die Rede, die russische Admiralität habe schon sehr früh erklärt, dass die meisten Matrosen schon in den ersten Minuten nach den Explosionen umgekommen seien. Aber Taucher bargen später zwei Briefe von Offizieren, beide schreiben von 23 Männern, die in der neunten Sektion im Bug überlebt hätten. Kapitänleutnant Dmitri Kolesnikow notierte am 12. August um 15:15 Uhr, knapp vier Stunden nach der Explosion, es gäbe kaum Chancen, „10 bis 20 Prozent“. Aber man werde versuchen, herauszukommen. „Grüße an alle, ihr dürft nicht verzweifeln.“ Sein Kamerad Raschid Arjapow hatte ein Blatt aus einem Krimi herausgerissen und schrieb darauf: „Wir fühlen uns schlecht, geschwächt durch das Kohlenmonoxid, wir halten es nicht mehr als 24 Stunden aus.“

Die Männer lebten, sie sendeten immer wieder das SOS-Signal an die Oberfläche, indem sie mit Werkzeugen auf den Schiffsstahl schlugen. Die letzten Klopfzeichen wurden am 15. August gemeldet. Aber die Kriegsflotte zeigte sich unfähig, ihre Leute zu retten. Den viel zu spät zur Hilfe gerufenen und am 20. August eingetroffenen Norwegern gelingt es nach einem Tag, eine Luke zur neunten Sektion zu öffnen. Sie stand inzwischen auch unter Wasser.

Wladimir Putin, damals gerade acht Monate im Amt, war sechs Tage nach dem Untergang aus dem Urlaub in Sotschi zurückgekehrt. Er sprach von einer „unvorhersehbaren“ Situation. So etwas passiere eben, er mache den Admirälen keine Vorwürfe, die Flotte tue alles, um die Besatzung zu retten, aber leider herrsche Sturm. Auch Putin schien sich mehr um den Ruf der Kriegsflotte zu sorgen als um das Leben der Matrosen. Der TV-Journalist Sergei Dorenko, der Putin wenig später im Staatsfernsehen damit konfrontierte, dass er Unwahrheiten verbreite, wurde entlassen.

„Mit dem Untergang der Kursk begann die Lüge. Danach fing der Staat an, sich ins Gerichts- und Rechtsschutzsystem einzumischen, die Massenmedien zu unterdrücken“, sagte der Rechtsanwalt Boris Kusnezow, der die Opferfamilien vertrat und später ein Buch über die Katastrophe schrieb. „Die Beseitigung der Demokratie in Russland begann mit der Katastrophe der Kursk.“

Der Moskauer Militärexperte Viktor Litowkin bezeichnet den Untergang der „Kursk“ dagegen als Aufbruchsignal: „Das Unglück hat gezeigt, in welch katastrophalem Zustand die Kriegsflotte war. Und der damals noch junge Staatschef Wladimir Putin hat verstanden, dass man schnell handeln musste, um sie zu retten.“ Putin habe allein für die Schwarzmeerflotte zwei Fregatten und sechs U-Boote bauen lassen, aber auch die Infrastruktur und die Garnisonen der Seeleute modernisiert. Unter Putin wurde Russland wieder zur militärischen Supermacht, der – nicht geheime – Teil des Militärhaushalts betrug vergangenes Jahr 65,1 Milliarden Dollar. Vor 20 Jahren waren es insgesamt nur 12,2 Milliarden Dollar. Und U-Boot-Offiziere, die damals oft Monate auf ihren Sold von umgerechnet 60 bis 160 Euro warteten, verdienen inzwischen 1500 bis 2500 Euro, je nach Rang.

Allerdings leben sie weiter gefährlich. Vor einem Jahr erstickten 14 russische U-Boot-Fahrer bei einem Brand auf einem Tiefseeapparat in der Barentssee. Abgesehen von der „Kursk“ beklagte die russische Unterseeflotte seit dem Ende der Sowjetunion mindestens 42 Tote, auf Nato-U-Booten waren es im gleichen Zeitraum 14 Tote.

...


Aus: "Der Untergang der „Kursk“ markiert für manche den Anfang vom Ende der russischen Demokratie" Stefan Scholl (10.08.2020)
Quelle: https://www.fr.de/panorama/russlands-seebeben-90021030.html

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[...] Über den besonderen Irrsinn maritimer Kriegsführung: Das alles hätte überhaupt nicht sein müssen. Nicht die 118 Mann auf der „Kursk“, nicht die anderen sieben untergegangenen Nuklear-U-Boote. Nicht die Aberhunderte U-Boote des Ersten wie des Zweiten Weltkriegs, auch nicht die von ihnen versenkten unzähligen Kriegs- und Handelsschiffe. Und erst recht nicht die vielen auf den Grund des Ozeans geschickten zivilen Passagierschiffe mit Mann und Maus, Frau und Kind – eine deutsche Spezialität in beiden Weltkriegen.

Alles völlig umsonst, komplett für die Katz. Verglichen mit U-Boot-Einsätzen erscheinen selbst die schlimmsten Landschlachten – beinahe – sinnvoll. Wenn die nicht genauso lebensverachtend wären wie jede andere Art der Kriegsführung. Das liegt daran, dass militärisch genutzte Unterseeboote nie einen nachweislichen Effekt außer Terror hatten. Sie haben keinen Krieg, keine Schlacht, nichts entscheidend beeinflusst. Sie sind – genau wie Flugzeugträger heute – reine Prestigeobjekte, obszöne Riesenspielzeuge, scheinbar „nützlich“ gemacht als mobile Abschussrampen für Nuklearsprengkörper.

Alles das ist völlig überflüssig. Und brandgefährlich noch dazu. Jeder Unfall an Bord eines U-Bootes, egal wie klein oder wie katastrophal, beweist das ein ums andere Mal. Aber das erste Mal hätte vollkommen ausgereicht – und selbstverständlich auch nicht sein müssen.

In den Nachtstunden des 17. Februar 1864 lief die „CSS H. L. Hunley“ aus in Richtung der Marineblockade vor dem Hafen von Charleston im US-Staat Louisiana. An Bord waren acht Mann, alles Freiwillige unter dem Kommando des Leutnants George E. Dixon, die über eine lange Handkurbel die Triebschraube am Heck des „Submersible“ bewegten. Die „Hunley“ war kein echtes U-Boot, denn ein Teil der sechs Meter langen Stahlzigarre blieb über Wasser. Aber für die Nacht in den Gewässern vor der Hafenstadt der abtrünnigen Sklavenhalterstaaten der USA reichte das. Und die Männer der US Navy auf ihren Windjammern wussten nichts von Booten, die unter Wasser schwimmen. „Hunley“ rammte mit seinem einzigen Torpedo ein US-Schiff. Die Aufschlagsexplosion versenkte die „USS Housatonic“. Und die Druckwelle tötete auch die komplette Besatzung der noch nahen „Hunley“. Die Unions-Marine verlor fünf Mann und ein Schiff. Die Konföderierten verloren ihre komplette „U-Boot-Waffe“ und alle „Operativkräfte“.

In dem US-Fernsehfilm „Hunley“ von 1999 wird das Ende der acht Männer als ritterlicher Freitod romantisiert, und dann schwimmt auch noch die (frei erfundene) tote Ehefrau von Leutnant Dixon einer Nixe gleich zur Wasserleiche des geliebten Gatten. In jeder anderen fiktionalen oder dokumentarischen Bearbeitung des Unterwasserkrieges werden U-Bootsleute als ein bipolarer Mix aus Technokraten und Freibeutern heroisiert. Deutsche U-Bootsleute jenseits der überschwänglichen Pfadfindertruppe aus „Das Boot“ werden zumeist als Piraten und Kriegsverbrecher dargestellt. Nicht unbedingt ein falsches Bild.

Das wichtigste und richtigste Bild zur Kriegsführung unter Wasser aber lieferte im Zweiten Weltkrieg ein britisches Comic-Flugblatt über das kurze Leben eines jungen deutschen U-Boot-Matrosen: Es endet mit dem panischen Blick des Jungen an die Decke der U-Boot-Zelle, während das nach einer Minenexplosion eindringende Wasser steigt und steigt. Übrig bleiben eine trauernde Mutter – und hohle Heldengesänge.


Aus: "Kursk-Unglück: Unter Wasser zur eigenen Beerdigung" Peter Rutkowski (10.08.2020)
Quelle: https://www.fr.de/panorama/unter-wasser-zur-eigenen-beerdigung-90021029.html

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[Versprengte Notizen zum Krieg... ]
« Reply #680 on: September 01, 2020, 11:09:52 vorm. »
Quote
[...]  Viele Menschen, die aus Syrien geflohen sind, leiden im Exil unter den Folgen des Krieges. Die Aufnahmegesellschaft sollte das wissen, statt nur Anpassung zu verlangen.

Vor ein paar Jahren habe ich einen jungen Künstler getroffen, er ist gerade nach Deutschland geflohen, in seiner Heimat Syrien war es zu gefährlich geworden. Das Assad-Regime ging gegen friedliche Demonstranten vor, verhaftete Menschen in den Straßen, ließ das Land immer weiter in einen zerstörerischen Konflikt gleiten. Der Künstler zeigte mir Werke von früher: gelbe und pinke Kleckse auf weißen Blättern, lebensfrohe abstrakte Malereien. Doch nun, in seinem deutschen Exil, war ihm seine Lebensfreude abhandengekommen. Seine neuen Werke, dunkle Ölbilder übersät mit schwarzen Tupfern, waren düstere Zeugnisse seiner inneren Verfassung. Der Krieg, sagte er, habe seine Seele schwarz gefärbt.

Dieser Satz umschreibt das Grundgefühl vieler Syrerinnen und Syrer.

Seit fast neun Jahren wütet der Krieg in Syrien, nehmen Islamisten und Rebellen, vor allem aber die Schergen von Machthaber Baschar al-Assad, das Land auseinander. Assad und seine russischen und iranischen Unterstützer bombardieren Wohn- und Krankenhäuser, richten Kinder und Alte hin, foltern Frauen und Männer, lassen ganze Viertel aushungern – alles, um an der Macht zu bleiben.

Mehr als 500.000 Menschen wurden im Kriegsverlauf getötet, mehr als elf Millionen Menschen sind geflohen, viele fliehen noch immer, vor allem in die Nachbarländer, nach Deutschland kommt nur ein Bruchteil. Wer es geschafft hat, den Bombardierungen zu entkommen, steht vor den Trümmern seiner Existenz: Viele haben bei ihrer Flucht nicht mehr als die Kleidung, die sie tragen, dabei, manche sind jahrelang unterwegs, bis sie an einen Ort kommen, an dem sie sich sicher fühlen, Deutschland etwa. Dort erst begreifen sie, was sie alles zurückgelassen haben, um zu überleben: ihre Familien, Freunde, Berufe, Häuser. Ihre Identität. Für viele ist es dieser Moment, in dem sich ihre Seelen schwarz färben.

Das Gefühl der Entwurzelung und der inneren Zerrissenheit teilen viele Geflüchtete. Sie müssen sich auf das Leben im Exil einlassen – und zugleich hinnehmen, dass das syrische Regime – weitgehend ungestraft – noch immer foltert, mordet und plündert. 

Wie schwer das zu ertragen ist, sehe ich an meiner Freundin Maryam. Maryam, die eigentlich anders heißt, ist vor ein paar Jahren von Syrien erst in die Türkei und dann nach Berlin geflohen. Wir sehen uns regelmäßig, trinken arabischen Kaffee, diskutieren über Rassismus und Politik, verabreden uns zu Lesungen. Und dann, immer mal wieder, verschwindet sie plötzlich; sie geht nicht ans Telefon und antwortet nicht auf Nachrichten. Wenn ich sie nach Tagen oder Wochen doch erreiche, berichtet sie mir meist von einem weiteren, verstörenden Vorfall: Ein Angehöriger wurde in Assads Folterkellern getötet, ein langjähriger Bekannter wurde erschossen, das Haus, in dem sie aufgewachsen ist, wurde von syrischen Soldaten niedergebrannt. Es wäre für die meisten Menschen schwer, mit nur einem dieser Vorkommnisse zurechtzukommen. Bei Menschen wie Maryam sind es ganze Reihen traumatischer Erlebnisse, die sie wieder und wieder erleben müssen.

Selbst wenn meine Freundinnen und Freunde Witze erzählen, etwa über die Verbohrtheit ihrer syrischen Verwandten, wenn sie Lieder der libanesischen Sängerin Fairuz pfeifen, wenn sie auf Geburtstagsfeiern klatschend tanzen, so umhüllt sie doch immer eine tiefe Melancholie. Was meine Freunde mit sich tragen, ist eine nicht sichtbare, doch immer spürbare Last.

Während in Deutschland alle über Integration reden – und viele damit Anpassung meinen –, und Politiker, Moderatorinnen und Firmenchefs darüber debattieren, wie wichtig Fortbildungen und Sprachunterricht seien, wie gut oder weniger gut sich Syrer, Irakerinnen oder Afghanen im Arbeitsmarkt vermitteln lassen, wie produktiv sie seien oder nicht (sie sind übrigens ziemlich produktiv), wird eines oft übersehen: Menschen im Exil tragen Wunden mit sich. Und mit ihrer Trauer und Verstörung sind sie allein.

Ich kenne keinen Syrer, keine Syrerin, der oder die nicht jeden Tag die Nachrichten aus Syrien verfolgt; momentan etwa über die Lage in Idlib, der letzten noch von Rebellen kontrollierten Provinz im Norden Syriens, die Assad wieder unter seine Kontrolle bekommen will. Viele meiner Bekannten haben Freunde oder Angehörige in Idlib. Vertrieben worden zu sein heißt, die Bilder aus der Heimat nie loszuwerden. Einige meiner syrischen Freunde sagen, es falle ihnen schwer, Deutsch zu lernen. Nicht nur, weil es eine schwierige Sprache ist, sondern weil sie in dem Moment, wo sie Deutsch als neue Sprache annehmen, auch anerkennen müssten, dass sie nie mehr die Person sein würden, die sie einst waren. Es heißt, Sprache sei der Schlüssel zu einer Kultur, das ist sicher richtig. Aber Sprache gibt auch Geborgenheit. Sie zu verlieren, ist existenziell.

Die konstante Verwirrung, die diese erforderlichen oder erzwungenen Anpassungen mit sich bringen, beschrieb die Philosophin Hannah Arendt in ihrem Essay Wir Flüchtlinge, in dem sie als Jüdin über das Leben im amerikanischen Exil nach der Schoah nachdenkt. "Weil uns der Mut fehlt, eine Veränderung unseres sozialen und rechtlichen Status zu erkämpfen, haben wir uns stattdessen entschieden, und zwar viele von uns, einen Identitätswechsel zu versuchen", schreibt Arendt. Doch die eigene Identität zu leugnen, könne nicht gelingen, denn: "Unter der Oberfläche unseres 'Optimismus' kann man unschwer die hoffnungslose Traurigkeit der Assimilanten ausmachen."

Die systematische Verfolgung der Juden in Europa damals und die Flucht aus Syrien, Irak oder Afghanistan heute entspringen einem anderen historischen und politischen Kontext. Doch teilen viele Menschen im Exil das Gefühl der Fremdheit, das sich dadurch verstärkt, dass ihnen unentwegt gesagt wird, was sie zu leisten haben, um in dieser Gesellschaft, die sie so offen empfangen habe, zu bestehen. Auch fühlen sich viele Geflüchtete durch sogenannte Erfolgsgeschichten anderer Geflüchteter unter Druck gesetzt; Fernsehberichte, in denen Ali oder Ahmed lächelnd syrische Spezialitäten ihrer Bäckerei in Mainz oder München in die Kameras halten und sagen, Deutschland biete ihnen wirklich viele Chancen. Ali und Ahmed waren in ihren früheren Leben vielleicht Anwälte oder Ärzte, aber das erwähnen sie nicht, sie möchten nicht undankbar erscheinen.

Das Gefühl, sich konstant selbst zu degradieren, ist für viele Syrerinnen auch Teil ihres deutschen Alltags: Etwa wenn sie sich durch die deutsche Behördensprache quälen oder wenn sie dagegen angehen, dass eingesessene Kollegen ständig für sie, die Flüchtlinge, sprechen, weil sie das vermeintlich selbst nicht so gut können. Oder wenn sie immer netter, fleißiger, verlässlicher sein müssen als die Kolleginnen, weil Unfreundlichkeit, Langsamkeit oder gar Wut von einigen Deutschen als kulturelles Defizit ausgelegt werden könnte.

Als Belastung kommt hinzu, dass sich viele Geflüchtete schuldig fühlen, weil sie dem Krieg entkommen sind. Weil sie es ins Ausland geschafft haben, während viele andere in schlammigen Lagern im Nirgendwo an der syrischen Grenze ausharren müssen. Schuldig, weil sie in einem Café sitzen können, während auf ihr Dorf wieder Fassbomben geworfen werden. Diese Schuld führt zu dem Gefühl, immer beweisen zu müssen, dass man das alles verdient – den Angehörigen, die zurückgeblieben sind, und der Gesellschaft, die einen aufgenommen hat.

Die aufnehmende Gesellschaft sollte versuchen, den Geflüchteten etwas von diesem Druck zu nehmen. Nicht nur braucht es deutlich mehr psychologische Beratungsmöglichkeiten in verschiedenen Sprachen, auch im persönlichen Miteinander braucht es mehr Verständnis. Man sollte den Menschen, die hierhergekommen sind, zuhören, sie unterstützen, für sie da sein. Akzeptieren, dass sie in ihrem eigenen Tempo in dieser Gesellschaft ankommen. Auch das bedeutet Integration: Toleranz und Respekt. In beide Richtungen.



Aus: "Der Krieg hat die Seelen schwarz gefärbt" Eine Kolumne von Andrea Backhaus (1. September 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-08/kriegstraumata-flucht-syrien-krieg-psychologie-integration/komplettansicht

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Dichtender und Denkender #1

Das eine hat mit dem anderen wenig zu tun. Wenn man in Deutschland wirklich heimisch werden will, dann muss man sich bewusst dafür entscheiden und an die deutsche Mehrheitsgesellschaft anpassen. Sonst bleibt man immer fremd.

Ob man damit etwaige Gewalterinnerungen besser oder schlechter bewältigen kann, kann man pauschal nicht sagen.


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FreierVogel361 #1.1

Ihr Mangel an Empathie ist beängstigend.


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schwattwiepumaII #1.7

Sie haben das Problem überhaupt nicht kapiert.

Genausogut können Sie von einem Schizophrenen fordern doch einfach mal die Stimmen zu ignorieren.
Sie haben offensichtlich wenig Lebenserfahrung und wenig Empathievermögen.
Aber das ist irgendwie typisch hierzulande, bei der kleinsten Veränderung in totale Hysterie verfallen und erstmal Klopapier horten aber von Kriegstraumatisierten vom Sofa aus Anpassung fordern.


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ikonist #1.10

"Wenn man in Deutschland wirklich heimisch werden will, ...."

"heimisch" - was für ein gruseliges Wort


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Rum ums Haus #1.26

Ja, heimisch hat halt was mit Heimat zu tun und ist für viele linke Aktivisten ein mehr als rotes Tuch.
Aber selbst sie befinden sich wohl gerne in Deutschland, in anderer Leute Heimat und Heimatland, um die Vorteile einer guten Gesellschaftsordnung, guter Gesundheitsversorgung, Strom, sauberes Wasser, Nahrungsmittel, Niederlassungsfreiheit, soziales Netz, kostenlose Bildungsmöglichkeiten usw usf zu geniessen.
Wenn sie sich hier natürlich nicht heimisch fühlen, hier in Deutschland, stellt sich die Frage warum sie noch in D weilen und die Vorteile der deutschen Mehrheitsgesellschaft nutzen?
Können sie das dem Forum bitte erklären.


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KHans #1.32

Hier geht es um Mitgefühl.

Das heißt, nicht von sich aus gehen und Dinge verlangen, die man selbst nicht ermessen kann.

Das heißt nicht zu mutmaßen und andere unter Generalverdacht zu stellen, sondern hinhören, ernstnehmen, Raum und Zeit geben,
Menschenrechte eben.


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SlimTim #1.37

""heimisch" - was für ein gruseliges Wort"

Ich finde es gruselig, wenn Leute wie Sie, Personen, die ein Heimatgefühl empfinden, etwas gruseliges unterstellen wollen.

Ganz ehrlich, wenn Sie dies nicht empfinden können, haben Sie vielleicht keine schönen Erinnerungen an ihre Herkunft und den Ort wo Sie groß geworden sind. Deswegen müssen Sie es anderen nicht schlecht reden. Einfach Missgünstig.

Vor allem ist das, auch wenn Sie es vermutlich gerne anders sehen, kein deutsches Phänomen. Die Geflüchteten haben/hatten sicherlich auch einen Ort, an dem sie sich heimisch fühlen/fühlten. Den Sie aber verlassen mussten. Das macht sie traurig und einige von ihnen würden sicherlich gerne zurückkehren, wenn es die Umstände und Perspektive zuliessen.

Sie würden diesen Menschen doch niemals sagen, dass ihr Heimatgefühl gruselig ist!
Und genau deswegen ist Ihre Aussage totaler Schmarrn.


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RogerThornhill #6

Wie viele schwer traumatisierte Menschen mit Therapiebedarf und meist ohne ausreichend Sprachkenntnisse in der Therapeuten-Sprache verkraftet das deutsche Gesundheitssystem? Von mehreren Bekannten, die ebenfalls einen Therapieplatz benötigen, weiß ich, dass es selbst für deutsche MuttersprachlerInnen lange Wartezeiten gibt.


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sh9 #6.1

Nach dem zweiten Weltkrieg war das Land voll von Traumatisierten. Und das Gesundheitssystem war weitaus weniger leistungsfähig.


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selbstdenker29 #6.5

Wir sind aber nicht (kurz) nach dem zweiten WK.


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einmalundniewieder #9

Gerade weil wir die Erfahrung der Weltkriegsfolgen gemacht haben und unser Land dazu noch die Verantwortung für die Traumata von Millionen Menschen trägt sollten wir den Kriegsflüchtlingen mehr Menschlichkeit und Empathie entgegenbringen!


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RogerThornhill #9.5

Wer ist denn "wir"? - Und welche konkreten menschlichen und empathischen Maßnahmen möchten Sie diesem "wir" gerne aufoktroyieren?


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Schlutup #12.1

Ich komme aus einer Familie von Flüchtlingen.
Meine Großeltern kamen aus Schlessien-Obber und die Urgroßeltern aus Pommernland. Alles im Krieg verloren, statt stattlichem Bauernhof nun einfache Arbeiter in Hinterhauswohnungen, die froh waren das Leben und die Familie gerettet zu haben, ihre Kinder in die Schulen gehen und später Berufe erlernen konnten.
Mein Mann ist ein Asylberechtigter aus einem moslemischen Land. Wir sind jetzt 40Jahre zusammen. Und ich kann ihnen sagen, dass Heimat nicht immer das Geburtsland ist. Wenn man anerkennt, dass Heimat da ist, wo die Kinder sind und wo ich Wohnung und Essen habe und Arbeit, dann hat man seinen Frieden gemacht.

Mein Vater war drei Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft, als 17jähriger festgenommen. Von 10000 Gefangenen überlebten 800 . Er sprach perfekt Russisch. Bis in die 70ger Jahre hinein wurden wir einmal monatlich nachts geweckt, weil er laut russische Worte schrie und dieser Riesenkerl in seinem Bett salutierte und marschierte.
Man muss sich selbst bewegen. Hier wird einem jede Hilfe zuteil.
Es war schon ernüchternd, dass eben nicht nur Hochschulabsolventen als Flüchtlinge einreisten, sondern auch einfache Arbeiter und Analphabeten.


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Die Antwort ist_42 #16

Das Wort Aufnahmegesellschaft impliziert für mich eine Art Freiwilligkeit, die in den meisten Fällen so nicht gegeben ist. ...


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Lorenz_01 #18

Ein guter Artikel, der ein Problem thematisiert, das Migranten immer und überall trifft und wohl nur der wirklich nachfühlen kann, der es selbst erlebt hat.

Man kann nicht dauerhaft in zwei Welten leben. Diesen inneren Riss, der entsteht, wenn man sich von der alten Heimat und Kultur trennt, um in der neuen anzukommen, müssen die Menschen aushalten. Für die eigene Zukunft ist er unumgänglich.

Ohne perspektivische Assimilation wird man nie wirklich ankommen und verlängert den Schmerz nur, lindert ihn aber bestenfalls vorübergehend. Loslassen können halte ich für essentiell, nicht nur in dieser Situation. Und es fällt unbestritten sehr, sehr schwer.


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nichtlinksnochrechts #19

Soll damit wieder der fehlende Wille zur Integration entschuldigt werden?
Wer sich in ein anderes Land begibt muss sich anpassen.


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Der Stachel im Arsch der Nation #19.1

“Wer sich in ein anderes Land begibt muss sich anpassen.“

Wow, da gibt es Bilder von deutschen Urlauber, ich kann Ihnen sagen, da ist nix mit anpassen. Da gibt es sogar welche, die in muslimischen Ländern nackend am Strand liegen obwohl die Kultur das verbietet. Der Deutsche ist nicht mal bereit sich für 2 oder 3 Wochen anzupassen.


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kannmanmalsomachen #19.4

Sie vergleichen Asylanten mit Urlaubern, auf welcher Grundlage soll dieser an denn Haaren herbeigezogene Vergleich auch nur ansatzweise funktionieren?


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coolray #19.6

WOW...das ist das Totschlagargument...deutsche Urlauber .
Ein ..dummes ...sorry . Also muss man alles hinnehmen was in Migrant tut ?
Inklussive veraltetem Frauenbild, Schwulenhass und Gewalt gegen andere ?
...


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P0nyhof #19.7

Der Unterschied: Die Urlauber bringen Geld ins Land und schaffen damit Arbeitsplätze ...


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Der Stachel im Arsch der Nation #19.8

So, genau mit diesen Reaktionen habe ich gerechnet. Wir bezahlen ja für unsere Verachtung, Urlaub ist nicht zu vergleichen, Verallgemeinerung... blabläheul.
Ihr suggeriert auch das, ALLE Muslime sich nicht benehmen/ anpassen wollen. Auf die paar Euros von dt Touris können die meisten muslimischen Länder verzichten- da ist der Chinese viel willkommener da der sich auch noch benimmt für die kurze Zeit. Und nein- es ist kein Totschlagargument. Ihr verlangt nur, seid aber nicht bereit zu geben. Ich kenne Flüchtlinge, die sind deutscher als Ihr alle zusammen. Ihr seid so armselig in Euren Ausreden.
Und wie hochnäsig- Geld zieht mehr als Religion, da ist es auch schon normal wenn besoffene Horden durch Malles Strassen ziehen und überall hinpissen, ist ja bezahlt. Ihr regt Euch über Kopftücher auf, weil Diese nicht in die christliche Welt passen- würden die Frauen dafür einen Euro hinblättern seht Ihr drüber weg?
Veraltetem Frauenbilder, Schwulenhass und Gewalt gegen Andere hat der Deutsche genauso intus. Gerade bei ersteren (Frauenbilder, Schwulenhass) reicht ein Blick nach Süden.


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Haptiopterix #19.10

"Schön, wenn man immer so verallgemeinert ..."

...


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Chochm #35

Danke für diesen Artikel. Leider können sich die meisten Leute nicht vorstellen, was Emigration bedeutet. Schon ohne Kriegs- und Verlusterfahrungen ist es hart, in einer vollkommen fremden Gesellschaft, ohne Sprach und Kulturkenntnisse, plötzlich ein Leben bauen zu müssen. Man stelle sich vor, wir müssten plötzlich nach China, nach Ägypten, nach Tibet - alles zu anders, als dass man es schnell verarbeiten kann. Man braucht zuerst Freunde, Anker im neuen Land, die einem Dinge erklären. Und wenn das neue Land dann nicht offen ist, bleibt man in der Parallelgesellschaft.


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Orlow #35.1

Nun, in den Erzählungen der Eltern sind Flucht und Vertreibung noch sehr lebendig, viele Ostdeutsche mußten nach Wende ihre Heimat verlassen oder die Heimat hat sie verlassen..

Ich sehe die Aufnahme der Flüchtlinge auch als eine Wiedergutmachung für das, was westliche Politik und Militärmacht der Region angetan haben. Erinnert sei nur an die Invasion im Irak, den Überfall auf Afghanistan.


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« Reply #681 on: September 03, 2020, 09:51:40 vorm. »
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[...] Die US-Regierung hat Sanktionen gegen die Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag (IStGH), Fatou Bensouda, verhängt. US-Außenminister Mike Pompeo kündigte an, möglichen Besitz der Juristin in den USA einzufrieren. Das gelte auch für Bensoudas Mitarbeiter, den IStGH-Abteilungsleiter Phakiso Mochochoko.

Auch gegen weitere Personen, die die Chefermittlerin bei ihrer Arbeit unterstützen, könnten noch Strafmaßnahmen verhängt werden, sagte Pompeo. Den Strafgerichtshof bezeichnete er als "durch und durch kaputte und korrupte Institution". Er warf dem IStGH "rechtswidrige Versuche" vor, "Amerikaner seiner Gerichtsbarkeit zu unterwerfen". Pompeo hatte Bensouda und mehreren ihrer Mitarbeiter schon im April 2019 das US-Einreisevisum gestrichen.

Im März hatte das Tribunal in Den Haag gegen heftigen Widerstand der USA Ermittlungen zu möglichen Kriegsverbrechen in Afghanistan zugelassen. Dabei sollen Vorwürfe gegen die radikalislamische Taliban geprüft werden, aber auch gegen afghanische Regierungstruppen und das mit ihnen verbündete US-Militär. Dabei sollen auch mögliche Kriegsverbrechen von US-Soldaten und Mitarbeitern des US-Geheimdienstes CIA untersucht werden.

Bensouda hatte beantragt, Ermittlungen wegen mutmaßlicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen einleiten zu können. Der Chefanklägerin zufolge gebe es Hinweise auf Folterungen, Misshandlungen und Vergewaltigungen von Gefangenen durch US-amerikanische Militärs und Geheimdienstangehörige.

UN-Generalsekretär António Guterres habe Pompeos Ankündigung "mit Sorge" aufgenommen, sagte UN-Sprecher Stephane Dujarric. "Wir beobachten die Entwicklungen in dieser Sache weiterhin sehr aufmerksam." Die Organisation Human Rights Watch teilte mit, Sanktionen seien eigentlich dafür da, um Kriminelle und Kleptokraten zu bestrafen. Es sei eine "erstaunliche Pervertierung" dieses Prinzips, wenn plötzlich jene, die eigentlich internationale Verbrechen aufklären sollen, selbst zur Zielscheibe würden, sagte Justizdirektor der Organisation Richard Dicker.

Die USA haben den 2002 gegründeten IStGH als einziger westlicher Staat nie anerkannt. Das Land lehnt Ermittlungen des Weltstrafgerichts gegen US-Bürger strikt ab. Im Juni hatte US-Präsident Donald Trump seinen Behörden per Dekret genehmigt, gegen Mitglieder des Gerichtshofs mit Sanktionen vorzugehen. Der Gerichtshof hatte schon damals dagegen protestiert, der Schritt sei eine "Attacke auf die Herrschaft des Rechts".


Aus: "Internationaler Strafgerichtshof: USA verhängen Sanktionen gegen Chefanklägerin" (2. September 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-09/internationaler-strafgerichtshof-den-haag-usa-sanktionen-fatou-bensouda-kriegsverbrechen

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Benutzzzzzzzzer #24

Schön zu sehen, wie die USA die westlichen Werte durchsetzen.


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eichelhäher #9

Mit welchem moralischen Recht will die USA überhaupt noch Kriegsverbrechen in anderen Staaten anklagen, wenn man selbst nicht gewillt ist, sich diesem von unabhängigen Institutionen festgestellten Tatbeständen zu unterwerfen?


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EinTollerName #9.2

Mit dem Recht des Stärkeren.


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Ikarus95 #14

'Law and Order'

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Meerschwimmer #16

Ermittlungen gegen Kriegsverbrechen der USA sind überfällig! Es ist eine Schande, dass es erst jetzt dazu kommt: Vietnam 1963-1975, Nicaragua 1984-1988, Irakkrieg 2003 und die Besetzung des Irak bis 2011, Afghanistan seit 2001, Drohnenkrieg seit 2004 im gesamten Mittleren Osten, Soleimani 2020.
Ich wünsche Frau Basouda einen langen Durchhaltewillen.


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r.schewietzek #16.3

Prozesse könnten ja durchaus stattfinden - halt ohne die Anwesenheit von Angeklagten....


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Arthur Philipp Dent #17

Die USA stellen sich genauso wie Russland und China und einige weitere gegen eine internationale Gerichtsbarkeit. Trump ist noch einen Schritt weiter gegangen, und hat kürzlich noch einen wegen Kriegsverbrechen geschassten Offizier rehabilitiert.
Die Sanktionen der USA sind ein neuer trauriger Höhepunkt, ...


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Spanky Ham #23

Ja wo kommen wir denn hin wenn sich Bürger der USA, dem Schwert und Schild der freien Welt, der Garant für Wohlstand, Frieden, Freude und Eierkuchen, sich vor einem Internationalen Gericht für exterritoriale Schandtaten verantworten müssen?
Dann macht es doch gar keinen Spaß mehr Soldaten und "externe Berater" in verwackelte Länder zu schicken.
Ich vertraue da doch ehr der amerikanischen Justiz.


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Friedenstaube2019 #28

Es ist ein Skandal, wie die USA internationales Recht missachten. Das erlebt man eigentlich nur von Diktaturen und Autokraten...


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Bannor #28.1

Die USA wurden am 27. Juni 1986 vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag für ihre direkte und indirekte militärische Teilnahme am Contra-Krieg zur Beendigung der „rechtswidrigen Anwendung von Gewalt“ gegen Nicaragua und Zahlung von Reparationen verurteilt. Die USA weigerten sich jedoch, das Urteil anzuerkennen. Nicaragua wandte sich daraufhin an den UNO-Sicherheitsrat, welcher eine Resolution verabschiedete, die alle Staaten dazu aufrief, das internationale Gesetz zu befolgen. Die USA legten ihr Veto gegen die Resolution ein.

Die legten sogar ein Veto ein, sich an das Völkerrecht halten zu müssen.


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Robert Capet #39

Bereiten die USA schon eine Invasion in den Niederlanden vor?
"US-Kongress droht Niederlanden mit Invasion" Steven Geyer (12.06.2002)
Parlament und Regierung in den Niederlanden sind empört: Beide Häuser des US-Kongresses haben einem Gesetz zugestimmt, das, falls amerikanische Bürger vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt werden, sogar die Invasion im Nato-Partnerland vorsieht.
https://www.spiegel.de/politik/ausland/internationales-strafgericht-us-kongress-droht-niederlanden-mit-invasion-a-200430.html


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« Reply #682 on: September 17, 2020, 03:16:21 nachm. »
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[...] Die Bundeswehr geht entschieden auf Distanz zu der bis in das Jahr 2000 andauernden systematischen Benachteiligung von homosexuellen Soldaten. "Die Praxis der Diskriminierung Homosexueller in der Bundeswehr, die für die Politik der damaligen Zeit stand, bedauere ich sehr. Bei denen, die darunter zu leiden hatten, entschuldige ich mich", sagte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) zu einer Studie zur politischen Linie in den vergangenen Jahrzehnten, die sie an diesem Donnerstag vorstellen will.

Unter dem Titel Zwischen Tabu und Toleranz beleuchten Sozialforscher der Bundeswehr darin die juristische Verfolgung im Zeitraum von 1955 bis zur Jahrtausendwende. Wegen dieses Vorgehens, das der damaligen Rechtslage entsprach, mussten Soldaten mit erheblichen Karrierenachteilen rechnen, wenn ihre sexuelle Orientierung bekannt wurde. "Gleichgeschlechtliche Orientierung galt in der Bundeswehr bis zur Jahrtausendwende als Sicherheitsrisiko und machte eine Karriere als Offizier oder Unteroffizier unmöglich", schreiben die Autoren der Studie.

Oftmals entschieden die zivilen Gerichte auf Entlassung. "Wurden Soldaten wegen homosexueller Handlungen nach §175 StGB verurteilt, folgten auf das Strafurteil regelmäßig eine Anschuldigung durch den Wehrdisziplinaranwalt und eine Verurteilung durch die Truppendienstgerichte. Dabei spielte keine Rolle, ob es sich um einvernehmlichen Sex handelte", stellen die Forscher fest.

Eine Unterscheidung zwischen Missbrauch – der auch heute verfolgt wird – und einvernehmlichem Sex gab es in früheren Zeiten oftmals nicht, was es bis heute schwer macht, die Zahl der Opfer dieser Politik genau zu beziffern. "Die Zahlen für 1965 und 1966 zeigen eine erstaunliche Kontinuität von jährlich rund 45 verurteilten Soldaten", stellen die Forscher fest. 

Nach der Entkriminalisierung der Homosexualität 1969 entschied der Wehrdienstsenat des Bundesverwaltungsgerichts 1970, dass diese Handlungen von Soldaten kein Dienstvergehen mehr darstellten – es sei denn, es gab einen dienstlichen Bezug. Die Auslegung eröffnete der Bundeswehr allerdings einen eigenen Handlungsspielraum, schreiben die Wissenschaftler. In den frühen Siebzigerjahren galt der dienstliche Bezug demnach bereits als gegeben, wenn zwei Soldaten sexuelle Beziehungen privat unterhielten, ohne dienstliche Kontakte.

Erst SPD-Verteidigungsminister Rudolf Scharping vollzog im Jahr 2000 die Kehrtwende. Er setzte "gegen den erklärten Willen und hartnäckigen Widerstand der militärischen Führung der Streitkräfte", schreiben die Forscher, einen neuen Kurs durch. Der Kernsatz vom 3. Juli 2000 sei "unaufgeregt" gewesen: "Homosexualität stellt keinen Grund für Einschränkungen hinsichtlich Verwendung oder Status und somit auch kein gesondert zu prüfendes Eignungskriterium dar."   

Kramp-Karrenbauer sagte nun, sie wolle die Erkenntnisse der Studie nutzen, um die Vergangenheit weiter aufzuarbeiten und "das Gesetzesvorhaben für die Rehabilitierung der Betroffenen voranzubringen".


Aus: "Bundeswehr: Ministerin entschuldigt sich bei homosexuellen Soldaten" (17. September 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-09/bundeswehr-annegret-kramp-karrenbauer-diskriminierung-homosexualitaet

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Bleiben Sie beim Thema #1

Das ist ja wirklich das Top-Thema unserer bewaffneten Streitkräfte. Entschuldigung bei schwulen Soldaten. Einführung weiblicher Dienstgradbezeichnungen. Durchforsten des Liedgutes im Geiste der political correctness („Oh du schöner Westerwald“ ist zum Beispiel böse). Entfernen eines Fotos von Altkanzler Schmidt in Wehrmachtsuniform.

Das sind genau die richtigen Prioritäten. Endlich wird sich die Truppe von der politischen Führung verstanden wissen.


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Fr_EU_nd #1.1

Was ein Weltuntergang, dass sich die Ministerin für Fehlentscheidungen entschuldigt...


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Fuchsbau92 #1.2

Alles kleine Dinge, die man mal eben nebenbei macht. Es sind teils Selbstverständlichkeiten aus heutiger Wertesicht. So etwas sollte schnell gehen ohne große Diskussion oder Aufguss.
Top Thema? Hat doch niemand gesagt.


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contradore #1.15  —  vor 4 Stunden

 "Bleiben Sie beim Thema: ... Es tut mir wirklich um die Soldaten leid, die es nicht verdient haben, als Staffage für die persönlichen Ambitionen der jeweiligen Ministerinnen missbraucht zu werden"

ihr mitleid mit den über jahrzehnte hinweg gezielt diskriminierten soldaten scheint sich dagegen in sehr engen grenzen zu halten - bisher haben sie darüber kein einziges wort verloren, ...


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Franz1971 #1.27

Und nochmal : die Gesetzeslage war damals verheerend für die betroffen Menschen und das wurde vom Gesetzgeber erkannt. So wie du kann nur jemand denken der in seinem Leben noch nie Diskriminierung aufgrund eines identitätstiftendes Merkmals erlebt hat. Ein Blick in die Vergangenheit oder über die Grenze nach Polen kann den eigenen Horizont erweitern.


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redshrink #3

Es ist 2020 und schon werden homosexuelle Soldaten rehabilitiert. Selbst Gottes Mühlen mahlen schneller. Als 1963 geborener Mann kann ich gar nicht genug betonen, welche Wirkung die Kriminalisierung und anschließend fortbestehende gesetzliche Diskriminierung schwuler Männer auf mich und andere hatte. Ich wuchs mit dem Bewusstsein auf, ein deutscher Bürger zweiter Klasse zu sein. Die Beleidigungen durch andere, ihr Schwulenhass – ob laut oder still – schien seine Bestätigung in der rechtlichen Praxis der Regierung zu finden. Der bis 1994 fortbestehende §175 rückte weiterhin die Homosexualität in die Nähe zur Pädophilie, mehr ein katholisches Problem, wie sich heute zeigt. Die Kießling-Affäre demonstrierte vor den Augen der Nation dann noch einmal sehr deutlich, dass schwule Männer für bestimmte Ämter im Staatsdienst nicht “geeignet” waren, weil sie angeblich erpressbar seien, wobei diese Auslegung sie überhaupt erst erpressbar machte.

Die deutsche Geschichte und Gesetzgebung stellte bis vor wenigen Jahren eine durchgehende Demütigung und auch Schädigung schwuler Männer dar. Selbst die endgültige gesetzliche Gleichstellung schien mehr einem Aussetzer Angela Merkels geschuldet als ein klares Bekenntnis zu Grundsätzen der Menschlichkeit.

Dass AKK nach erheblichen eigenen Ausfällen nun eine Rehabilitierung schwuler Soldaten anstrebt, ist ja nett, aber im Ganzen betrachtet, ein Tropfen auf den heißen Stein.


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Bernie D. #3.3

"Die deutsche Geschichte und Gesetzgebung stellte bis vor wenigen Jahren eine durchgehende Demütigung und auch Schädigung schwuler Männer dar. Selbst die endgültige gesetzliche Gleichstellung schien mehr einem Aussetzer Angela Merkels geschuldet als ein klares Bekenntnis zu Grundsätzen der Menschlichkeit."
Das ist in allen Ländern so gewesen (bis auf dieses ganz dunkle Kapitel, in dem aber alles nicht nur für Homosexuelle deutlich schlimmer war). Und auch heute droht in nur relativ wenigen Ländern keine Benachteiligung, in vielen Peitschenhiebe und Hinrichtung. ...


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« Reply #683 on: September 19, 2020, 10:29:47 vorm. »
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[...] Die Niederlande wollen die syrische Regierung für Menschenrechtsverletzungen wie Folter und den Einsatz von Chemiewaffen vor das höchste Gericht der UN bringen. Die Regierung unter Präsident Baschar al-Assad sei formell als haftbar für die Verbrechen erklärt worden, sagte Außenminister Stef Blok vor dem Parlament in Den Haag. Niederländische Diplomaten am UN-Sitz in Genf hätten die syrische Regierung bereits informiert. Eine Reaktion aus Damaskus blieb zunächst aus.

"Das Assad-Regime hat wieder und wieder schreckliche Verbrechen begangen. Die Beweislast ist erdrückend", sagte Blok. Die Regierung habe Folter und chemische Waffen eingesetzt und Krankenhäuser bombardiert. "Die Opfer dieser schweren Verbrechen müssen Gerechtigkeit erfahren."

Laut internationalem Recht ist ein Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) dann möglich, wenn es zu keiner Verständigung zwischen den beiden Regierungen kommt. Die niederländische Regierung fordert ein Vorgehen Syriens gegen mutmaßliche Täter. Dies ist zurzeit allerdings nicht in Aussicht. Die Niederlande haben ebenso wie Syrien die UN-Konvention gegen Folter ratifiziert.   

Das Vorgehen der Niederlande sei nun ein "wichtiger weiterer Schritt, um gegen Straflosigkeit anzugehen und den syrischen Opfern der schwersten Verbrechen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen", sagte Ministerpräsident Mark Rutte. Laut Blok hätten Deutschland und Frankreich zugesagt, das Vorhaben zu unterstützen. Ein Verfahren vor dem IGH könne allerdings Jahre dauern.

Zuvor war bereits versucht worden, Menschenrechtsverletzungen in Syrien vor den für Kriegsverbrechen von Einzelpersonen zuständigen Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) zu bringen. Dies war bisher am Veto Russlands im UN-Sicherheitsrat gescheitert. Der IGH ist als höchste Rechtsinstanz der UN zuständig für Verfahren zwischen Staaten.

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) sprach von einem "wichtigen Schritt gegen Straflosigkeit in Syrien". 150.000 Menschen seien in den vergangenen zehn Jahren verschwunden, für 90 Prozent dieser Fälle sei die Regierung verantwortlich. Mehr als 14.400 Syrer seien unter Folter gestorben, fast 99 Prozent von ihnen in der Hand der Assad-Regierung. "Dauerhafter Frieden in Syrien setzt voraus, dass die Täter schwerster Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen zur Rechenschaft gezogen werden", sagte Maas.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sagte, dass die Niederlande mit ihrer Initiative "für unzählige Opfer des syrischen Regimes" stünden. Andere Regierungen sollten den Vorstoß unterstützen.

Im April standen vor dem Oberlandesgericht in Koblenz erstmals weltweit mutmaßliche Handlanger Baschar al-Assads wegen des Verdachts der Beteiligung an Staatsfolter vor Gericht. Nach Einschätzung der UN sind sowohl die syrischen Regierungstruppen und deren russische Verbündete als auch dschihadistische Rebellengruppen für zahlreiche Gräueltaten Ende 2019 und Anfang 2020 verantwortlich gewesen.


Aus: "Internationaler Gerichtshof: Niederlande streben Verfahren vor UN-Gericht gegen Syrien an" (18. September 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-09/internationaler-gerichtshof-syrien-folter-niederlande-un

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   Raymond Luxury-Yacht #15

Angeblich will das syrische Parlament eine Resolution beschließen, die Assad freie Hand gibt, syrische Staatsangehörige mit Waffengewalt aus Den Haag zu befreien, sofern sie angeklagt werden sollten...


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Coiote #27

Guter Schritt zum Zwecke der Aufklärung. Werden Beweise und Zeugenaussagen systematisch gesammelt, ist das Gerichtsverfahren ein Werkzeug gegen Desinformation.
Mehr als das können wir uns aber wohl leider nicht erhoffen.


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