Author Topic: [DDR (Afterglow) // Notizen... ]  (Read 1091 times)

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[DDR (Afterglow) // Notizen... ]
« on: March 01, 2017, 01:31:25 PM »
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[...] Vom 13.-15. Oktober 2011 fand an der Pariser Universität Sorbonne Nouvelle-Paris 3 eine international besetzte Tagung statt, die sich aus narratologischer Perspektive mit der Analyse ostdeutscher Erinnerungsdiskurse und den Manifestationen einer spezifischen kulturellen Identität zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer beschäftigte. ...

LIZA CANDIDI (Turin) verdeutlichte aus ethnologischer Perspektive anhand der Analyse urbaner und musealer Erinnerungsräume die in Hinblick auf die DDR-Erinnerung bestehende Existenz paralleler Erzählungen und Erinnerungsvorgänge. In Anlehnung an Claude Levi-Strauss und Jan Assmann benutzt Candidi das Konzept der „kalten“ und „warmen“ Erinnerung, um die Diskrepanz zwischen öffentlichem und privatem Gedächtnis zu unterstreichen. ...

Gegenstand des letzten Panels der Tagung war die Literatur unter dem Aspekt der Identitätskonstruktion. Unter Einbeziehung von Leitfragen der Emotionsforschung fragte zunächst BERND BLASCHKE (Berlin) nach dem Stellenwert von Emotionen in der ostdeutschen Erinnerungs- und Identitätsliteratur von in den 1960er und 1970er Jahren geborenen Autoren wie Jana Hensel, Claudia Rusch, Jens Bisky und Maxim Leo. Dabei zeigte er auf, inwiefern die Texte dieser Autoren ihre besondere identitätsprägende Kraft durch emotionsbasierte Erinnerungsszenen gewinnen. Die erinnerten Gefühle lassen sich nicht wie vermutet auf Trauer und Ostalgie beschränken, sondern umfassen eine ganze Palette von Gefühlsdispositiven. HÉLÈNE YÈCHE (Poitiers) ging in ihrem Beitrag anhand der zwei unterschiedlichen Generationen angehörigen Autoren Christoph und Jakob Hein der Wechselwirkung von „Noch-DDR-Literatur“ und „Post-DDR-Literatur“ nach. ...


Aus: "Narrative kultureller Identität – Ostdeutsche Erinnerungsdiskurse nach 1989" (13.10.2011 - 15.10.2011)
Quelle: http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4012

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[...] Wurde die DDR kurz nach der Wende von der ostdeutschen Bevölkerung noch einmütig negativ beurteilt, zeigen neue Umfragen zunehmend positive Beurteilungen. Trotz des seit der Wende gestiegenen Lebensstandards erfährt die DDR in den neuen Bundesländern mittlerweile in vielen Bereichen, besonders in Bezug auf die soziale Sicherheit, eine bessere Bewertung als die Bundesrepublik. Diese Einschätzung wurde auch von den Panelteilnehmern der Sächsischen Längsschnittstudie geteilt. ... Kritiker werfen ein, dass im Rahmen der Nostalgie die gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Zustände, die in der DDR herrschten, ausgeblendet, verdrängt oder schöngeredet würden. ...


Aus: "Ostalgie" (28. Februar 2017)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ostalgie

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[...] Limbus (lat. für ‚Rand‘, ‚Saum‘, ‚Umgrenzung‘) bezeichnet in der katholischen Theologie zwei Orte am Rande der Hölle (auch als Vorhölle, Vorraum oder äußerster Kreis der Hölle bezeichnet), an dem sich Seelen aufhalten, die ohne eigenes Verschulden vom Himmel ausgeschlossen sind. ...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Limbus_(Theologie)

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[...] Gysi hat diese Rede leicht variiert schon oft gehalten: Er wirbt dafür, dass die Ostdeutschen auch die Westdeutschen verstehen. Und er lobt die Ostdeutschen dafür, was sie den Wessis an Erfahrungen voraus haben: das Umgehen mit dem Wegfall vieler Arbeitsplätze, Schulsystem und Kitas eben, mehr Frauen in Jobs. Sogar den Ausstieg aus der Atomenergie gab es in Ostdeutschland schon 1990. Es ist eine schöne Erzählung, nicht unwahr, aber eben stark eingefärbt. Liest man sie als Äußerung einer ostdeutschen Seele, dann schwebt diese in einem Raum zwischen Minderwertigkeitskomplex (Der Westen hat sich nicht für uns interessiert) und Hybris (Hätten Sie mal, schließlich sind wir Avantgarde). Sie ist weder im Himmel noch in der Hölle zu Hause. Schon gar nicht aber in der normalen Welt. Sie existiert in einer Art Limbus, jenem überirdischen Wartezimmer, in dem die Seelen bis zur endgültigen Klärung ihres Aufenthaltsstatus festhängen. ...


Aus: "Gefangen im Nachwende-Limbus" Daniel Schulz (11.6.2013)
Quelle: https://www.taz.de/!5065607/

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[...] Jedes Jahr im Januar die gleichen Nachrichtenbilder: die immer noch etwas staatlich anmutende Kranzniederlegung durch führende Linke-Politikerinnen und –Politiker an den Gräbern von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin-Friedrichsfelde.
Was die Nachrichten nicht zeigen, sind die Wortgefechte, die sich dort – ebenfalls jährlich – Leute aus verschiedenen politischen Lagern liefern. Linke gegen Linke, Stalinisten gegen Antistalinisten, Rechte Antistalinisten gegen linke Antistalinisten, Antikommunisten gegen Kommunisten, DDR-Nostalgiker gegen DDR-Geschädigte und mittendrin linke Menschen aus dem Ausland, die die Binnenauseinandersetzungen nicht so recht erfassen. Anstoß ist ein vergleichsweise kleiner Gedenkstein „Den Opfern des Stalinismus“, der seit 2006 seinen Platz in der Gedenkstätte hat.

... Ost-Komplex: ein Wort mit vielen Assoziationen. Ein Wort wie aus dem Kalten Krieg, als Bezeichnung eines abgeschlossenen, feindlichen, auch unbekannten Territoriums. Und ein Wort aus der Psychologie: die Komplexe der Ostdeutschen. Aber auch der Begriff Komplexität steckt da drin: der Osten als weites Feld, widersprüchlich, vielfältig, bunt.


Aus: "„Ich wollte schick im Westen ankommen.“ - „Der Ost-Komplex“ Dokumentarfilm von Jochen Hick, 2016" Angelika Nguyen (Januar 2017)
Quelle: http://telegraph.cc/ich-wollte-schick-im-westen-ankommen/

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[...]  Der Ausgangspunkt jahrzehntelanger Herrschaft der Kommunisten in der Sowjetunion und den Ländern des Ostblocks schloss eine fundamentale Verfälschung und Manipulation von Geschichte ein. Umgekehrt waren gesellschaftlicher Widerstand gegen Unfreiheit und Unterdrückung, Dissidenz und Opposition auch immer ein Kampf um die Rückgewinnung der Geschichte, den Zugang zu authentischen Informationen, Erinnerungen und deren Vermittlung in die Gesellschaft.

In den 70er und 80er Jahren stellten wir uns in der DDR diese Frage nach der Rückgewinnung der Geschichte. Das klingt so selbstverständlich, aber wie sollte man das anstellen? ...


Aus: "Die Suche nach der eigenen geschichtlichen Identität in der DDR" Wolfgang Templin (?)
Quelle: https://www.wtemplin.eu/publikationen/die-suche-nach-der-eigenen-geschichtlichen-identit%C3%A4t-in-der-ddr/

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[...] Die Dresdner Historikerin hat bisher nicht über die Stasi geforscht. Die Professorin für Neuere und Neueste Geschichte promovierte zur Transformation nach dem Zweiten Weltkrieg, was für ihr jetziges Vorhaben von Vorteil sei, wie sie sagt. „Amerikanische Besatzungszone, Demokratisierung – mir ist so ein gesellschaftlicher Umbruch relativ vertraut“, meint die 40-Jährige. „Dass ich mich mit dem MfS nie befasst habe, sehe ich daher nicht als Nachteil. Die Stasi ist für unser Forschungsprojekt ja nur Mittel zum Zweck, um das Phänomen des gewollten Nichtwissens in der Transformation zu verstehen.“ ...


Aus: "Forschungsprojekt Warum nur wenige Ex-DDR-Bürger ihre Stasi-Akte sehen wollen" Andreas Förster (01.03.2017)
Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/wissen/forschungsprojekt-warum-nur-wenige-ex-ddr-buerger-ihre-stasi-akte-sehen-wollen-25942292


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[DDR (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #1 on: June 04, 2017, 01:33:55 PM »
Quote
[...] Ich denke, die Geschichte unseres Filmes reicht in die Gegenwart, verloren gegangene Träume, zerstörte Illusionen. Keiner rechnete damals damit – unvorstellbar – dass sich das System des Sozialismus auflöst, die Ereignisse überschlugen sich. Der Satz am Ende des Filmes, „haben wir alles verdorben?“, beeindruckt durch seine Zeitlosigkeit.  ... Menschen neigen dazu, voreilig zu urteilen, nicht noch mal nachfragen, abhaken, schnell weiter. Hier erzählen wir von Leuten, die gekämpft haben, die sich geopfert haben, immerhin für die Befreiung der Menschheit, eine große Idee. Viele von denen ließen dafür ihr Leben. Aber auf ihrem von ideellen Werten geleiteten Weg sind viele selbst zu radikalen Dogmatikern geworden, unbelehrbar in ihrem Glauben.  Und es gab die Opportunisten, die wider besseren Wissens in ihrer Zerrissenheit das System am Leben hielten – eben auch Kommunisten, die innerhalb desselben Repressalien ausgesetzt waren, dennoch an der Idee des Sozialismus festhielten, diesen Staat DDR aufbauten. Ihre Treue wurde ihnen zum Verhängnis.

...


Aus: "Matti Geschonneck im Interview: „Melancholie hat mit Liebe zu tun“" Christina Bylow (02.06.2017)
Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/kultur/film/matti-geschonneck-im-interview--melancholie-hat-mit-liebe-zu-tun--27025760

https://de.wikipedia.org/wiki/In_Zeiten_des_abnehmenden_Lichts
« Last Edit: June 04, 2017, 01:36:15 PM by Textaris(txt*bot) »

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[DDR (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #2 on: July 10, 2017, 03:23:18 PM »
Jutta Voigt (* 5. Juni 1941 in Berlin)
https://de.wikipedia.org/wiki/Jutta_Voigt

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STIERBLUTJAHRE - Jutta Voigts lesenswerter Rückblick auf die Boheme des Ostens zwischen Aufbruch und Resignation
Vonj.h. am 25. Oktober 2016

... Das im AUFBAU-VERLAG erschienene Buch STIERBLUTJAHRE ist keine Chronik der Boheme des Ostens, sondern ein Material, das Geschichte durch lebendige Erzählung der Vergessenheit entreißt. "Aber je länger die Ostzeit zurückliegt, desto stärker kommt ein Gefühl von Milde auf gegenüber den überstandenen Verhältnissen und den Erinnerungen an das einzelne Leben, vielleicht weil sich nicht alles um Geld und Besitz drehte und weil vielen ehemaligen Bohemiens die Gegenwart zu brav, zu rational, zu ökonomisch erscheint. Jeder bleibt ein Kind seiner Zeit." (Voigt im Interview mit Jana Hensel/ ZEIT ONLINE)

https://www.amazon.de/product-reviews/3351036116/ref=cm_cr_dp_text/260-0478622-9451449?ie=UTF8&showViewpoints=0&sortBy=helpful#R1YYKITZRYXL9K

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[...] Das Schönste an der DDR: Es war so leicht, gegen sie zu sein. Ein Land, regiert von alten Männern, die dumm genug waren, zu glauben, dass sie klüger seien als alle anderen, und die sich folglich anmaßten, das Land bis ins Kleinste zu reglementieren, so ein Land fordert jeden, der nicht nur Untertan sein will, dazu heraus, gegen Regeln zu verstoßen. Das ist dann auch sehr leicht und fühlt sich gut an.

Das ist der eine Grund, weshalb es vielleicht nie so viel Boheme gab wie in der DDR. Der zweite: Das Geld war Spielgeld, es reichte für Wohnung, Rauchwaren und Alkoholika, ansonsten spielte es keine große Rolle. Und ein dritter: Man hatte Zeit. Um auf komische Gedanken zu kommen, braucht man schließlich kein Geld, sondern nur Zeit.

Die DDR also als Heimstatt einer Boheme zu beschreiben, liegt nah. Dass das in einem Buch erst jetzt geschehen ist, ebenfalls. Denn es liegt etwas Wehmütiges in dem Unterfangen, das früher wohl als ostalgisch gebrandmarkt worden wäre, zumal dieses Buch, „Stierblutjahre“, in einem Ton verfasst ist, der hin und wieder etwas zu süß geraten ist: „Entschwundene Orte, vergessene Namen, verblasste Leidenschaften – ich habe versucht, sie an unseren Tisch zu holen, bevor es kalt wird in Deutschland.“ Aber eigentlich schreibt Jutta Voigt, die zu Recht preisgekrönte Reporterin, in einem wunderbaren Stil, sie legt ihre Befangenheit als sympathisierender Zaungast offen, sie zitiert genug Protagonisten, denen nichts ferner liegt als eine Verklärung ihres Lebens in der Ost-Boheme, und sie beschreibt hinlänglich die dunklen Seiten im Leben der staatsfernen Künstler: Verbot, Bespitzelung, Enge.

 Dass sie derlei aber nicht ins Zentrum stellt, sondern vielmehr die Versuche, alldem zu entfliehen, der Beschränkung die Weite entgegenzusetzen, dem verordneten Wir ein ertrotztes Ich, das macht den Wert dieses Buches aus. Unterhaltsam zeigt es, dass es ein gutes Leben im schlechten gab (wenn schon kein richtiges im falschen), dass mit „Totalitarismus“ womöglich ein Anspruch der Herrschenden beschrieben werden kann, aber bestimmt nicht ihr Erfolg im Land, und warum etliche kritische DDR-Intellektuelle die gängige Beschreibung ihres Lebens im vergangenen Land als holzschnitthaft und kenntnisarm empfinden. Wenn es so gewesen wäre, müsste sich ein jeder für jeden Tag schämen, den er ohne Ausreiseantrag verbracht hat, für jedes Glas Rotwein, das er nur aus Lust und ganz ohne Grimm in sich geschüttet hat.

Wenn wir schon beim Rotwein sind, sei erklärt, warum das Buch „Stierblutjahre“ heißt. „Stierblut“ nämlich war der Name eines der drei überhaupt trinkbaren, weil nicht zuckersüßen Rotweine in diesem schon deshalb dem Untergang geweihten Land. Was die schiere Menge an gesoffenem Alkohol anbelangt, unterschied sich die Boheme kein bisschen vom Rest des Landes; allein die bevorzugten Weinsorten waren andere.

 Jutta Voigt hat einen ausgesprochen weiten Begriff von Boheme. Für sie zählen eigentlich all jene dazu, die es mit der Kunst hatten und die ihre Individualität betonten. Würde man damit nicht die zahlreichen Wodka- und Biertrinker und die wenigen Nichttrinker ausschließen, könnte man ähnlich trennscharf sagen, dass sich der DDR-Bohemien vom Rest dadurch unterschied, dass er den Wein gern trocken trank.

Voigt beschreibt rauschende Feste und die Vorliebe für opulente Wohnarrangements. All das gehört für sie zur Boheme, weil sie die Entfernung vom Staatsvormund und die Betonung des Individuellen als Maßstab nimmt. So kommt sie nicht nur über die Beschreibung des Zeitenwandels zur Beschreibung ganz unterschiedlicher Szenen – die Einschnitte des Verbotsplenums von 1965 und der Biermann-Ausbürgerung von 1976 haben viel verändert, aus Optimisten wurden Pessimisten, aus Dableibern Weggeher. Besonders für die achtziger Jahre beschreibt sie Künstlerszenen, die sich allein in ihrer Staatsferne (und Stasidurchdringung) ähnelten, sonst aber kaum etwas miteinander anfangen konnten.

... Alkohol und Sex waren prägende Elemente dieses Alltags. Und dazwischen dauernd die Projektionen, die Sehnsüchte und Träume, was man machen müsste, was verhindert wird, und wie man es vielleicht doch machen könnte.“

Dieses Nebeneinander macht das Buch so lesenswert. Es erhebt keinen Anspruch auf Deutung. Es beschreibt eine Zeit, die weder schlimm war noch schön, sondern immer beides, nebeneinander, ineinander. Jutta Voigt bringt das Kunststück zustande, eine Sehnsucht zu erklären nach einer Welt, die es verdient hat, unterzugehen.

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wolterstaedt 19.12.2016, 17:31 Uhr
Natürlich spielte Geld eine Rolle. Man musste ja etwas zum Essen kaufen, Kleidung, Schulsachen, Schulessen, Urlaubsreise etc. Für Konsumgüter musste man als Normalbürger ganz schön sparen. Ich habe eine Menge Biografien von "meinen ehemaligen DDR-Mitbürgern" gelesen und mich mit den Büchern und meinem Leben auseinander gesetzt. Das hier vorgestellte Buch werde ich bestimmt nicht lesen.


...


Aus: "Buch über die Boheme in der DDR: Tanzen auf den Trümmern der Ideale" (19.12.2016)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/kultur/buch-ueber-die-boheme-in-der-ddr-tanzen-auf-den-truemmern-der-ideale/14994802.html

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[...] Madleen ist der zweite Vorname der Journalistin Jutta Voigt, eine der wenigen namhaften Reporterinnen in der DDR. Von 1966 bis 1990 schrieb sie für die Wochenzeitung „Sonntag“, danach für das Nachfolgeblatt „Freitag“, die „Wochenpost“. Seit Jahren versucht sie, den Geist der Ost-Jahre einzufangen. Mit journalistisch geschärften Essays wie „Der Geschmack des Ostens - Vom Essen, Trinken und Leben in der DDR“ oder „Westbesuch - Vom Leben in der Sehnsucht“. Nun ist die sogenannte Boheme dran, das Kultur-Milieu, das eigenen Regeln folgen wollte.

... Nun ist die Gegenkultur kein neues Thema, im Gegenteil. Trotzdem ist das Voigt-Buch interessant, weil es aus der staatsnahen Gesellschaft berichtet. Viele der Akteure waren Mitglieder der SED, sie litten unter der Alltagskultur, die sie gleichzeitig mittrugen, was auch absurd war, von Voigt aber nicht eigens befragt wird. Die Party hat eben immer recht. Die Autorin will die flüchtigen Momente einfangen. Sie bietet Vorstufen zu einer Chronik der Gefühle der um 1940 geborenen, anfangs DDR-begeisterten Elite.

... So wird die Voigtsche „Möwen“-Boheme im Rückblick mehr als ein Lifestyle, denn als eine Lebenshaltung kenntlich. Mehr Schickeria als Underground. Mehr Kultur- als Kunst-Milieu. Für das Politische hatte diese vergnügte Oberschicht keinen praktischen Begriff: „Das echte Volk hat mich nie interessiert, nur die Idee von ihm“, sagt der befragte Brecht-Assistent. Kurz gefasst: ein Hoch auf uns. Dieser selbstverliebten DDR-Elite zu folgen, hat - bei aller Redseligkeit und Weichmalerei („Es war einmal ein Land...“), die sich Jutta Voigt auch gestattet - einigen kulturgeschichtlichen Reiz.

...


Aus: "„Stierblutjahre“ Autorin Jutta Voigt fängt Geist des Ostens ein" Christian Eger (20.10.2016)
Quelle: http://www.mz-web.de/kultur/-stierblutjahre--autorin-jutta-voigt-faengt-geist-des-ostens-ein--24950336


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[DDR (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #3 on: November 27, 2017, 08:09:02 AM »
Quote
[...] Im Alter von 14 Jahren habe ich mich zum Dienst bei der Stasi verpflichtet und vier Jahre danach meine Ausbildung dort begonnen. Im Herbst 1989 bei der Stasi anzuheuern, wirkt von heute aus betrachtet wie die verbohrte Entscheidung eines Ewiggestrigen. Für mich stand der Gang zur Stasi damals nicht einmal im Widerspruch zu den Hoffnungen auf eine andere und bessere DDR, die ich mir als Jugendlicher wünschte. Dass andere sich längst entschieden hatten, das Land zu verlassen und sich politisch zu engagieren, konnte ich damals nicht verstehen. Als Freunde vor mir, die in Oppositionsfamilien aufgewachsen waren und auch selbst von der Stasi verfolgt wurden, mir nach der Wende von ihren Erfahrungen in der DDR erzählten, hatte ich oft das Gefühl, in einem anderen Land groß geworden zu sein.

Ich habe die DDR eher von der Sonnenseite kennengelernt, und wenn es Kritik gab, dann wurden Unzulänglichkeiten besprochen und nicht das System infrage gestellt. Für mich gab es sowohl in der Familiengeschichte als auch im Alltagserleben eine weitgehende Überschneidung mit den offiziellen Erzählungen der DDR. Mich für den Sozialismus einzusetzen, kam mir als Jugendlicher folgerichtig vor.

Ich habe den größten Teil meiner Jugend in Plattenbauten am Stadtrand verbracht. Die hatten damals einen sehr guten Ruf, weil sie über Warmwasser und Zentralheizung verfügten. Als ich geboren wurde, da stand die Mauer schon fast zehn Jahre, und wie die meisten Kinder in meinem Alter kam ich gar nicht auf die Idee, diese Situation grundsätzlich infrage zu stellen. Ich erinnere mich an Fußballspiele, die auf Sportplätzen in unmittelbarer Nähe zur Mauer stattfanden. Für mich, und wohl auch für viele andere Kinder, war es ein Teil der Normalität. Ein Stück gebaute Umwelt, die schon immer da ist, und über die du dich nicht jedes Mal aufs Neue wunderst. Wir machten höchstens mal einen Witz darüber, dass der Ball wohl für immer weg wäre, wenn wir ihn über die Mauer schießen würden. Daneben gab es diese lebendig gehaltene Familiengeschichte mit zwei lebenden Urgroßeltern, die gegen die Nazis gekämpft hatten und ins Exil gehen mussten. ...

Zum öffentlichen Thema wurde meine Vergangenheit erst 2007, als ich in einem Interview in der taz über die begonnene Ausbildung beim MfS und die Verpflichtung, später für die Staatssicherheit zu arbeiten, berichtet hatte. Der Anlass für das Interview damals war ein Ermittlungsverfahren nach Paragraf 129a gegen mich und Freunde von mir. Uns wurde vorgeworfen, Teil einer terroristischen Vereinigung zu sein, und wir wurden 2006 und 2007 über viele Monate mit umfangreichen Überwachungsmaßnahmen überzogen. Die Verfahren wurden dann später eingestellt. Bei einzelnen Beschuldigten, die schon zu DDR-Zeiten in der Opposition waren, hatte die Bundesanwaltschaft Stasi-Akten genutzt, um die Persönlichkeitsprofile des BKA noch mal zu schärfen und kontinuierliche Positionen der Beschuldigten ausfindig zu machen. Uns war schnell klar, dass eine Skandalisierung der Nutzung von Stasi-Akten durch das BKA nur überzeugend ist, wenn ich gleichzeitig meine Geschichte öffentlich mache. Seitdem war öffentlich bekannt, dass ich mich bei der Stasi verpflichtet und eine Ausbildung dort begonnen hatte. Ich habe aus meiner Vergangenheit kein Geheimnis gemacht, und wer immer sich dafür interessierte, hätte es selbst bei Wikipedia nachlesen können.

Ich hatte zu der Zeit schon promoviert und forschte seit 1998 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an verschiedenen Universitäten zu Fragen der Wohnungspolitik. Mit den steigenden Mietpreisen und den zunehmenden Verdrängungsprozessen in Berlin wurde ich regelmäßig als Experte von verschiedenen Medien befragt. Meine Stasi-Vergangenheit schien dabei kein Problem zu sein.

Das änderte sich erst im vergangenen Jahr, nachdem mich die Linkspartei für die rot-rot-grüne Landesregierung in Berlin zum Staatssekretär für Wohnen vorgeschlagen hatte. Am Tag vor der offiziellen Ernennung veröffentlichte die B.Z. meine Stasi-Akte, und Forderungen zu einem Rücktritt wurden geäußert. Es folgten Wochen einer intensiven politischen und medialen Debatte, in der es um meine Vergangenheit und den späteren Umgang mit ihr ging. Im Fokus stand dabei vor allem die Frage, ob eine begonnene Ausbildung beim MfS als hauptamtliche Tätigkeit zu bewerten ist, weil ich dies in einem Fragebogen verneint hatte. 

Ich hatte die politische Brisanz meiner eigenen Vergangenheit völlig unterschätzt und eigentlich damit gerechnet, dass meine wohnungspolitischen Ideen und Vorschläge einen öffentlichen Gegenwind hervorrufen würden. Doch statt mit der Entscheidung für einen parteilosen kritischen Wissenschaftler mit Bewegungsbezug einen Aufbruch in eine neue Stadtpolitik zu signalisieren, sah es plötzlich so aus, als würden rückwärtsgewandte Kräfte der Linkspartei die alten SED-Kader wieder an die Macht bringen.   

Ich habe die Debatte als relativ erbarmungslos empfunden. Es ging weniger um eine differenzierte Aufarbeitung von Geschichte und Verantwortung als vielmehr um eine dämonisierende Stigmatisierung. Die Havemann-Gesellschaft hat es mit ihrem Veranstaltungstitel ganz gut auf den Punkt gebracht: "Einmal Stasi – immer Stasi?" Immerhin mit Fragezeichen. Die Frage wurde leider in der aufgeheizten Atmosphäre der Diskussion nicht wirklich geklärt, und die Medienberichterstattung im Dezember und Januar hat ihre eigene, sehr eindeutige Antwort gegeben. Wenn der Stasi-Vorwurf im Raum steht, kommt das auch 27 Jahre nach der Wende einer Vorverurteilung gleich.

Dies ist ein Auszug aus dem Buch Kommen. Gehen. Bleiben. Andrej Holm im Gespräch mit Samuel Stuhlpfarrer (Mandelbaum Verlag, Wien / Berlin 2017, 16.00 €, ISBN: 978385476-666-7). Der Gesprächsband ist ab dem 27. November 2017 im Handel erhältlich. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurden die Interviewpassagen in einen Fließtext verwandelt und entsprechend angepasst.

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Das_Ding
#5

"Wenn der Stasi-Vorwurf im Raum steht, kommt das auch 27 Jahre nach der Wende einer Vorverurteilung gleich. "

Und wenn er sich dann bewahrheitet, wird völlig zu Recht die Reißleine gezogen. Wir verurteilen heute Greise, weil sie als "kleine Rädchen" in sehr jungen Jahren den Terror der Nazis ermöglicht haben, und das völlig zu Recht. Sollen wir jetzt bei der Stasi eben so lange warten? Die Stasi war Staatsterror, wer sich dem - zu dem noch freiwillig - angeschlossen hat, sollte heute absolut nicht in politischer Verantwortung stehen. Was für eine Verhöhnung der Opfer das (erneut) wäre. Hat man denn echt gar nichts gelernt und begriffen?


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Herdentier
#5.1

Zwischen einem KZ Wächter und einem Angehörigen des Wachbataillons des MfS ist doch ein gewaltiger Unterschied. ...


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mwossi
#9

Wie auch immer, anerkennenswert ist zumindest die Bereitschaft, sich der Debatte um seine Tätigkeit als Teil des DDR-Systems zu stellen. Was ich bisher lese scheint mir auch einigermaßen nachvollziehbar. Natürlich kann man dieses und jenes subjektiv und voreingenommen hineininterpretieren, wie das so gern von Foristen gemacht wird.
Ich würde mich allerdings freuen, wenn man so eine detaillierte Beschreibung seiner DDR Geschichte auch einmal von Frau Merkel und Herrn Sauer lesen könnte.


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Siegfried Wittenburg
#17

Ich kenne solche Biografien. Aus der Sicht der späten Erkenntnis geschrieben, klingen sie wie eine Bitte um Entschuldigung. Ich kenne auch Biografien, die von den Tägern eines menschenfeindlichen Systems, gewollt oder ungewollt, arg geknickt wurden und diese Menschen bis heute darunter leiden. Diese wären die Empfänger einer Entschuldigung. Doch warum geschieht dieses nicht?

Stattdessen werden Bücher veröffentlicht und es wird Geld damit verdient, indem sich diese Autoren Asche aufs Haupt streuen. Ich wünschte mir, dass Herr Holm sich für die Menschen engagiert, die in dem System, dem er durch den Mut anderer entkommen ist, auf der Schattenseite standen und dieses immer noch tun.


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Gottschedin
#18

Holms Text liest sich - und das ist schon fast tragisch-komisch zu nennen - achtundzwanzig Jahre nach der Wende in großen Teilen wie ein Rechenschaftsbericht für eine FDJ-Leitung, um nicht zu sagen, wie ein Bericht für seinen damaligen Dienstherren.


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Herdentier
#19

Die Mitarbeiter des MfS ,die vom BND übernommen wurden, mussten bestimmt keinen Kotau machen, weil sie beim Gegner waren.
Markus Wolf der "Mann ohne Gesicht" hat von der CIA und den Israelis eindeutige Angebote bekommen.
Hätte er diese Angebote angenommen,wären man bei dem versuch seine Verantwortung für das "Unrechtssystem" zu analysieren auf ungeahnte Schwierigkeiten gestoßen. ;-))
Also Schattenspiele für die Öffentlichkeit!


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tb
#20

Die DDR war ein Klassen-Staat, in dem die Zugehörigkeit zur Herrschaftsschicht vererbt wurde. Herr Holm, Abkömmling dieser Aristokratie wurde, wie vermutlich viele aus diesem Kreis, mit 14 Jahren durch den Initiationsritus aufgenommen.
Als geborener Abkömmling der Herrscherklasse konnte man bei ihm auf die üblichen Demutsgesten in Bewerberklassen für Berufsoffiziere, nachmittäglichen Politunterricht etc. verzichten. Aufgewachsen und unterrichtet wurde er in einer geschlossenen Umgebung, in der er auch nur auf Personen der gleichen Herkunft stieß. Man war und blieb unter sich. 1989/90 kam es zu kurzfristigen Irritationen ob und wie man seinen Status als Mitglied der Herrschenden Klasse bewahren konnte. Mit oder ohne revolutionäre Tat-vulgo Gewalt. Herr Holm wählte dann den problemlosen Weg durch das besondere Biotop Humboldt Universität. Hier wurden keine Fragen gestellt und wenn doch,w ar man nicht an den Antworten interessiert. Beim Sprung an die Verwaltungsspitze Berlins stellte sich Herr Holm dann etwas ungeschickt an. Vorläufig muss er mit einem gut bezahlten Beraterposten in der zweiten Reihe vorlieb nehmen. Wie im Parteilehrjahr vermittelt, übt er jetzt Selbstkritik. Vermutlich wird ihm vergeben.


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Karl Lauer
#22

Ach, bitte. Wir haben ganz andere Kaliber an viel wichtigeren Schaltstellen der Macht.

Schäuble, Koch, Bouffier, und und und


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Dipl.ing
#28  —  vor 12 Stunden 5

Diebkommentatoren wissen natürlich alle, wie sie sich in der DDR verhalten hätten.... hat jemand mal darüber nachgedacht wie alt Herr Holm damals war , offensichtlich ist ein steinewerfender Herr Fischer als Außenminister tolerabel ein Herr Holm aber nicht.


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Ellerkongen
#29

Auf der einen Seite beschwert man sich ja, dass nicht genug aus dem Osten in Führungspositionen kommen ... auf der anderen Seite wirft man alle aus dem Osten aus den Führungspositionen.

Seien wir doch ehrlich: die kompetentesten Männer und Frauen waren nun mal Teil des Staatsapparats.


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Florian James Bond
#34

Too little and a. little. too. late!


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Inana77
#43

Vieles an dieser Debatte erscheint mir ehrlich gesagt etwas übertrieben und naiv. Wir haben auch andere Leute in der Politik, deren Rolle in der DDR etwas unklar ist und die auch deutlich länger damit beschäftigt waren, als Andrej Holm, der im Wesentlichen eine Ausbildung angefangen hat.
Selbst bei unserer Bundeskanzlerin muss man nur eins und eins zusammenzählen, um sich auszurechnen, dass sie zumindest nicht im Widerstand gewesen sein wird. Sonst wäre sie weder in der FDJ noch in der Akademie der Wissenschaft in ihre damalige Position gekommen. Sie hätte auch nicht studieren dürfen. Darüber regt sich kein Mensch auf.
Überhaupt sind die wirklichen Fragen beim Untergang der DDR ganz andere, nämlich warum Moskau mit einem still hielt und worum auch andere Kräfte zurückgehalten wurden. Im Grunde ist es nicht anders erklärbar, als dass maßgebliche Kräfte schon die Seiten gewechselt hatten. Die Frage ist dann aber auch, wieso, wo die heute sind und auch was sie dafür bekommen haben. Die friedliche Implosion der Sowjetunion bleibt sicher ein Rätsel, dass auch irgendwann näher untersucht werden sollte. Sich aber einem Mitläufer im Teenageralter aufzuhängen, ist eine Ersatzhandlung.


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Letterfromboston
#46

Es ist sehr leicht, Pauschalurteile zu faellen, wenn man nicht ein direkt Betroffener - auf welcher Seite auch immer - war.
Hier , so meine ich, ist es hilfreich, sich einen Speigel vorzuhalten und zunaechst zu fragen, wie man selbst gehandelt haette.
Herrn Holms Darstellungen finde ich nachvollziehbar und glaubwuerdig. Als 14-jaehriger Heranwachsender hat man durchschnittlicherweise nicht den geschaerften kritischen Blick eines Erwachsenen mit selbstaendig entwickelter Meinung. Wenn dann die Geleise schon einmal in eine Richtung gelegt sind und das Umfeld keine Herausforderung zum Hinterfragen abverlangt, faehrt halt der Zug in eben diese Richtung los.
Ich erinnere mich noch gut, dass ich selbst in jenem jugendlichen Alter, in einem konservativen Dorf aufgewachsen, ein ernsthafter Verfechter der Politik des 'hervorragenden' Kanzlers Adenauer war, der mit seinem Minister Erhard zusammen den Wiederaufbau des Landes bewerkstelligt hatte. Erst als ich mein Studium begann und mich mit der aufgeflammten Studentenbewegung auseinandersetzte, wurde mir bewusst, dass der materielle Aufschwung gravierende Schatten ueberdeckte: Die Restaurationsphase hatte in Verwaltung und Justiz vielen Alt-Nazis Unterschlupf gewaehrt, die ihre wahre Gesinnung nicht oeffentlich zeigen sollten/konnten, aber dennoch danach handelten. (An den Folgen leidet Deutschland noch heute!)
Dies aenderte mein Bild von der Gesellschaft nachhaltig und folglich meine politische Position.  Ich wurde aktives und kritisches SPD-Mitglied. Fuer solch einen Wandlungsprozess braucht es persoenliche Reife und ggf. ein katalytisch wirkendes Umfeld.
In Herrn Holm's Fall fehlte zumindest dieses Umfeld. Der junge Mann wurde quasi von den Ereignissen im Sommer/Herbst 1989 ueberrascht. Seine moegliche Naivitaet kann man ihm nicht zum Vorwurf machen.
Hingegen sind aus meiner Sicht diejenigen, die Herrn Holm 's Berufung zum Staatssekretaer vorbereiteten und durchsetzten, bestenfalls naiv, unguenstisten Falls borniert gewesen, nicht gleichzeitig auf seine Stasi-Vergangenheit hinzuweisen. An frueheren Beispielen hatte sich meiner Erinnerung nach schon gezeigt, dass selbst ein ehemaliger IM-Status heutzutage nicht mehr sicher verheimlicht werden kann. Herr Holm haette sich vermutlich viel Aerger erspart, wenn er diesen Umstand mit seinen Parteifreunden diskutiert haette.


...


Aus: "Andrej Holm : "Ich war Teil eines Repressionsapparats"" Andrej Holm (26. November 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/kultur/literatur/2017-11/andrej-holm-buch-kommen-gehen-bleiben-vorabdruck/komplettansicht

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[DDR (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #4 on: January 02, 2018, 09:49:55 AM »
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[...] Mehr als 28 Jahre nach dem Mauerfall liegen noch immer Millionen Schnipsel zerrissener Stasi-Akten ungenutzt in Säcken. Das werde vorerst so bleiben, die massenhafte Rekonstruktion am Computer komme nicht weiter voran, sagte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, der Deutschen Presse-Agentur. Das Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik habe eine leistungsfähige Software entwickelt, doch es gebe keine entsprechenden Scanner. Das Projekt sei vorerst gestoppt.

Vor zehn Jahren war das Vorhaben gestartet, mit dem die Papiere virtuell zusammengesetzt werden sollten. Etwa sieben Millionen Euro wurden investiert. Erschlossen wurde der Inhalt von 23 Säcken, was 91.000 Seiten entspricht. Auch das Zusammenfügen von Stasi-Papieren per Hand im bayerischen Zirndorf wurde Ende 2015 beendet. Die von Stasi-Offizieren zerfetzten Papiere in rund 15.500 Säcken sind noch nicht erschlossen. (dpa)


Aus: "Aufarbeitung der SED-Diktatur: Rekonstruktion zerrissener Stasi-Akten scheitert an der Technik" (02.01.2018)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/aufarbeitung-der-sed-diktatur-rekonstruktion-zerrissener-stasi-akten-scheitert-an-der-technik/20803970.html

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[...] Bei der Stasi-Unterlagenbehörde sind seit ihrem Bestehen mehr als 3,2 Millionen Anträge auf persönliche Einsicht in Akten der DDR-Staatssicherheit gestellt worden. In diesem Jahr seien es bis Ende November etwa 46.300 Anträge gewesen, sagte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn. 2016 waren es insgesamt 48.600 Anträge. Obwohl die Zahlen langfristig zurückgingen, sei das Interesse noch höher, als anfangs erwartet.

Manche Menschen wagten erst jetzt als Rentner den Blick in die Vergangenheit und beantragten Akteneinsicht, sagte Jahn. Es gebe noch die Angst zu entdecken, von Nachbarn oder Freunden bespitzelt worden zu sein, so der frühere DDR-Oppositionelle. Neu seien auch verstärkte Nachfragen der „Enkelgeneration“, die mehr über das Leben gestorbener Familienangehöriger wissen wolle. Diese Anträge machten mittlerweile 15 Prozent der Erstanträge aus.

„Die Akten klären Schicksale auf, sie sind Dokumente von Menschenrechtsverletzungen und nach wie vor ein wichtiges Instrument der Aufarbeitung“, so der 64-Jährige. Seit 1992 gibt es die Möglichkeit zur persönlichen Einsicht in Unterlagen, die die Stasi über Menschen ohne deren Wissen geführt hat. Als erste konnten DDR-Bürgerrechtler wie Bärbel Bohley in der neu gegründeten Stasi-Unterlagen-Behörde in Papieren lesen, die die Geheimpolizei über ihr Leben angelegt hatte. Allein 1992 wurden laut Behörde in Ostdeutschland fast 522.000 Anträge auf Akteneinsicht gestellt.

Derzeit können laut Jahn zwei Drittel der Anträge in wenigen Wochen beantwortet werden. Bei dem Rest müsse noch sehr viel aufwendiger im riesigen Stasi-Archiv recherchiert werden – auch um Verwechslungen auszuschließen. Das könne Monate dauern. „Bei einem Drittel der Anträge sind die Wartezeiten auf eine Antwort noch immer zu lang. Aber das spricht auch für die hohe Qualität der Auskünfte“, so Jahn. Rund eine Million Bürger stellte bereits mehrmals Anträge.

Der Berg der noch offenen Anträge werde weiter abgetragen, versicherte Jahn. Gab es 2016 noch rund 54.400 nicht abgeschlossene Fälle, seien es in diesem Jahr etwa 43.300.

Die meisten Anträge auf Akteneinsicht wurden in diesem Jahr in der Hauptstadt gestellt – laut Bundesbehörde rund 13.200 (bis Ende November). Das waren fast genauso viele wie im gesamten Jahr 2016. Seit 1992 kamen hier rund 782.400 Anträge zusammen.

Im Nachbarland Brandenburg gingen in der Außenstelle Frankfurt (Oder) seit Januar rund 2000 Anträge auf persönliche Einsicht in die Akten ein (bis Ende November), etwa 500 weniger als im ganzen Jahr 2016. In Brandenburg waren es seit Bestehen der Bundesbehörde mit ihren Außenstellen rund 305.400 Anträge.

In Sachsen wurden in drei Außenstellen der Behörde in diesem Jahr 12.430 Anträge (bis Ende November) von Bürgern abgegeben. Das waren demnach etwa 940 weniger als im Jahr zuvor. Insgesamt summierte sich im Freistaat die Anzahl der Anträge auf knapp 839.300 seit Bestehen der Behörde.

In Sachsen-Anhalt betrug die Zahl der Anträge in diesem Jahr (bis Ende November) etwa 5900 (2016: knapp 6700). Insgesamt wurde etwa 404.100 Mal die persönliche Akteneinsicht beantragt, seitdem das möglich ist.

In Thüringen nahmen die Mitarbeiter in den Außenstellen der Bundesbehörde rund 7400 Anträge (bis Ende November) entgegen, während es im gesamten Vorjahr rund 7900 waren. Die Gesamtzahl der Anträge belief sich laut Angaben der Behörde seit 1992 auf 525.400.

In Mecklenburg-Vorpommern gingen in diesem Jahr rund 5300 Anträge ein (bis Ende November). Im vergangenen Jahr waren es etwa 530 Anträge mehr. Die Gesamtzahl der Anträge auf persönliche Einsicht in die Akten seit 1992 wurde mit rund 351.230 angegeben.

Nach Angaben der Behörde werden im Dezember erfahrungsgemäß nicht mehr sehr viele Anträge gestellt. Die Zahlen für das gesamte Jahr 2017 dürften sich deshalb nicht wesentlich erhöhen.

Jahn zeigte sich überzeugt, dass es die persönliche Einsicht in die Stasi-Papiere dauerhaft geben wird. Derzeit würden zusammen mit dem Bundesarchiv Vorschläge zur Zukunft des Stasi-Unterlagen-Archivs erarbeitet, so Jahn.

Eine Expertenkommission hatte empfohlen, die Stasi-Akten bis 2021 ins Bundesarchiv zu überführen, eine Stiftung einzurichten und die frühere Stasi-Zentrale in Lichtenberg zum „Ort der Aufklärung über Diktatur und Widerstand“ weiterzuentwickeln. Doch Opferverbände befürchteten eine Abwicklung der Behörde. Die Vorschläge wurden auf Eis gelegt. Über Veränderungen muss der Bundestag entscheiden. Schnelle Beschlüsse sind aber nicht zu erwarten. (dpa)



Aus: "Stasi-Akten Mehr Antragsteller für Einsicht" Jutta Schütz (28.12.2017)
Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/berlin/stasi-akten-mehr-antragsteller-fuer-einsicht-29399358

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[...] Die frühere Stasi-Zentrale in Berlin wird weiter zum Lernort für Geschichte ausgebaut. Eine neue Dauerausstellung im riesigen Archiv mit original erhaltenen Akten der DDR-Staatssicherheit solle voraussichtlich im Juni eröffnet werden.

Das sagte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, der Deutschen Presse-Agentur. «Der Campus für Demokratie nimmt Kontur an. Der Ort der Repression und der friedlichen Revolution wird nun immer mehr zum Ort der Aufklärung über Diktatur und Widerstand.»

Im damaligen Ost-Berliner Stadtteil Lichtenberg residierte das DDR-Ministerium für Staatssicherheit ( MfS) in einem abgeschotteten Gebäude-Komplex mit Tausenden Mitarbeitern. Nach dem Mauerfall retteten Bürgerrechtler und aufgebrachte Einwohner durch die Erstürmung der Zentrale einen großen Teil der Papiere vor der Vernichtung. Insgesamt blieben rund 111 Kilometer Stasi-Akten erhalten.

Die Ausstellung mit dem Titel «Einblick ins Geheime» soll auf drei Etagen im teilsanierten Haus 7 gezeigt werden. Bislang gab es nur limitierte Führungen durch das Archiv. Nun wird ein separater Bereich mit extra Eingang für die Ausstellung geschaffen. Großformatige Fotos, die Installation eines Aktenstapels, ein original Karteischrank und eine begehbare Akte gehören dazu. In dem dann offenen Teil des Hauses könnten Besucher die Arbeitsweise des MfS als Teil der SED-Diktatur erkunden, so der frühere DDR-Oppositionelle.

Ziel sei, die Unterschiede zwischen Damals und Heute deutlich zu machen, betonte Jahn. Legte die Stasi einst Akten zur Überwachung von Menschen an, seien sie heute am historischen Ort ein wichtiges Instrument zur Aufarbeitung. Dabei müsse jetzt die Brücke zur nächsten Generation gebaut werden. Auch international gebe es weiter ein großes Interesse an der Arbeit des Archivs.

Der Bundesbeauftragte will das einstige Machtzentrum der Stasi zum Lernort für Demokratie entwickeln. Im Haus 1, dem einstigen Amtssitz von Stasi-Chef Erich Mielke gibt es seit 2015 eine Dauerausstellung zum Wirken der Staatssicherheit, auf dem Innenhof eröffnete im Vorjahr eine Open-Air-Ausstellung zur friedlichen Revolution. Aus dem einstigen Casino für Stasi-Offiziere (Haus 22) soll ein Informationszentrum mit Bücherladen zur SED-Diktatur, Seminarräumen und einem Lesecafé werden.

Zur Zukunft der Behörde mit derzeit 1600 Mitarbeitern sagte Jahn, bis zum 30. Jahrestag des Mauerfalls im November 2019 sollten die Weichen gestellt sein. Derzeit erarbeiteten seine Behörde und das Bundesarchiv Vorschläge. «Wir gestalten den Transformationsprozess Schritt für Schritt. Doch dann muss der Bundestag entscheiden», betonte Jahn. Derzeit würden Machbarkeitsstudien zur Zusammenlegung von Archivbeständen in den ostdeutschen Bundesländern vorbereitet.

Vor mehr als einem Jahr hatte eine Expertenkommission empfohlen, die Stasi-Akten bis 2021 ins Bundesarchiv zu überführen, eine Stiftung einzurichten und die frühere Stasi-Zentrale als Lernort weiterzuentwickeln. Doch Opferverbände befürchteten eine Abwicklung der Behörde. Die Vorschläge wurden auf Eis gelegt. Nun soll über den Umbau der Behörde in dieser Legislaturperiode entschieden werden. Alle konkreten Fragen sind aber offen.

dpa


Aus: "Neue Ausstellung in früherer Stasi-Zentrale" (17.12.2017)
Quelle: https://www.stern.de/politik/deutschland/-einblick-ins-geheime--neue-ausstellung-in-frueherer-stasi-zentrale-7792560.html

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« Reply #5 on: January 30, 2018, 12:27:45 PM »
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[...] Es waren diese Schilder, wie sie auf den Bildern aus Cottbus zu sehen waren, die mich stutzig machten. Nicht nur, weil sie alle so ordentlich aussehen - als hätte jemand den Auftritt der empörten Bürger wieder fleißig organisiert und dann grimmig dreinschauende junge Männer mit leichtem Übergewicht unter die kleine Menge gemischt, die da nun so etwas wie "Schnauze voll" und "Es reicht!" forderte. Diese Sprüche ...

Dass es zu den Vorfällen in Cottbus parallel zum viel zu frühen Tod der Sängerin Dolores O’Riordan kam, ist ja nur Zufall. Und dass jetzt Zeitungen, die nie wirklich viel Aufmerksamkeit für die „Cranberries“ aufbrachten, auf einmal große Essays veröffentlichten zu ihrem 1994 erschienenen Song „Zombie“, das erstaunte dann schon. Weil das irgendwo doch zusammen kam. Tief unten, im dritten oder vierten Gedanken.

Da, wo man die Bilder der embrassierten Bürger von Cottbus mit den Bildern aus dem nordirischen Bürgerkrieg abgespeichert hat, den deutsche Medien gern etwas harmloser als „Nordirlandkonflikt“ bezeichneten und die Engländer als „The Troubles“. Als würden da oben in Dublin nur ein paar verwirrte Katholiken ein bisschen Ärger machen.

Der Konflikt spielt in der Berichterstattung praktisch keine Rolle mehr, weil er 1998 mehr oder weniger zu Ende ging.

Und daran hatte der Song „Zombies“ von den „Cranberries“ einen erheblichen Anteil. Denn die Sängerin aus Limerick hielt mit ihrem Text den aufgeblasenen Bürgerkriegstreibern den Spiegel vor. Und zwar beiden Seiten: den Katholiken und den Protestanten, den Iren und den Engländern.

Denn dieser Konflikt, der offiziell seit 1969 tobte, war schon lange zu etwas anderem geworden: zu einem Phantom in den Köpfen. Kinder sind es, die im Video die Hauptrolle spielen – Kinder, die den Krieg spielen, während schwer bewaffnete Soldaten durch die Stadt patroullieren. Denn der Krieg sitzt ihnen im Kopf. So haben sie es gelernt, so wurde es ihnen beibegracht.

„It’s the same old theme since 1916
In your head, in your head they’re still fighting
With their tanks and their bombs
And their bombs and their guns
In your head, in your head they are dying.“

Die Kinder sind schon dazu erzogen worden, den Krieg gegen die Anderen fortzusetzen, unbarmherzig, ohne Pardon – mit Panzern und Bomben und Kanonen.

Da musste erst diese 23jährige Sängerin kommen und mit atemloser Furiosität singen, was diese ach so stolzen Kämpfer und Rechthaber und ihre Soldaten eigentlich sind: Sie sind zu Zombies geworden, zu Wesen, in deren Köpfen ein alter, sinnloser, unlösbarer Krieg tobt, der nie ein Ende nimmt.

... Es sind diese Botschaften auf den Schildern, die nur auf den ersten Blick so klingen, als wollten diese grimmigen Bürger etwas beenden, was scheinbar über ihre Kräfte geht. Oder ihr Verständnis. Es ist der Ton in diesen Texten, der einem so vertraut vorkommt. Es ist ein ganz alter Ton. Manchmal war er auch bei Pegida zu hören, bei Legida, bei AfD-Veranstaltungen. Es ist ein unbarmherziger Ton, einer ganz tief aus der Erinnerung. Ein DDR-Ton.

Denn ein Land, das selbst zu Konfliktlösungen nicht fähig ist, das schafft auch eine Atmosphäre der Konfliktunfähigkeit. In alten DEFA-Filmen sieht man es noch. Es taucht einfach auf. Oft in simplen Familienszenen, in denen der überforderte Mann – statt auf das beharrliche Bohren der Frau zu antworten – mit Schweigen, Abwehr und jäh aufbrechender Gewalt reagiert. Oder einfach so einem sinnlosen: „Nun reichts!“ Krach, bumm, Türe zu.

Und so findet man nicht nur in DEFA-Filmen viele, viele solcher in Sekunden eskalierender Szenen, die oft mit Gewalt, Geschrei und Gebrülle enden. Erst spät im Nachhinein kann man all das einordnen als Hilflosigkeit einer ganzen überforderten Generation, die es von ihren Eltern nie anders gelernt hat.

Die auch ihre eingegrenzten Lebensperspektiven mit Ratlosigkeit erlebte. Denn das Wörtchen Demokratie war ja im Lande Ulbrichts und Honeckers eine Farce. Mitreden oder gar kollektive Konfliktlösungen waren gar nicht erwünscht. Auch und gerade die „führenden Genossen“ konnten rabiat und tückisch werden, wenn nicht pariert wurde. Die DDR war ein gehorsames Land.

Musste jetzt mal geschrieben werden, sonst versteht keiner, warum das 1990 so schiefgehen musste, warum sich die Mehrheit der derart erzogenen („gelernten“) DDR-Bürger 1990 nicht für einen eigenen, gleichberechtigten Weg entschieden, sondern für „Nun reichts!“, „Schnauze voll!“, „Faxen dicke!“

Alles Sprüche und Verhaltensweisen aus der schwarzen Pädagogik. Die nahtlos herübergerettet wurden in ein neues Land, das eben auch 27 Jahre später nicht zusammengewachsen ist. Wie denn auch? Dazu hätte mindestens das Gefühl der Gleichwertigkeit bestehen müssen.

Aber erwachsene Menschen mit sichtlich ergrautem Haar, Bluthochdruck und dieser tief gekränkten Miene von beleidigten Erziehungsberechtigten, die jetzt feststellen mussten, dass nicht geliefert wurde, was man bestellt hatte, und die solche Schilder tragen, die haben nicht das Gefühl der Gleichwertigkeit. Dann würden sie anders kommunizieren.

Sie verstecken ihre Hilflosigkeit hinter den alten Drohsprüchen der Eltern: „Jetzt hab ich aber die Faxen dicke!“

Und dann?

Meistens gab es dann ein paar Schellen, Zimmerarrest und gestrichenes Taschengeld. Wenn nicht Ärgeres. Denn diese Elterngeneration hatte ja selbst gelernt, dass Kinder zu tun haben, was Erwachsene verlangen. Sie haben zu parieren.

Die DDR war ein Land der Parierer.

Wer aufmüpfig wurde, bekam Probleme.“Tu, was sie von dir verlangen.“ Wie oft gab es diesen dummen Spruch als Ratschlag zurecht besorgter Eltern an die Kinder?

Und eigentlich durfte man 1990 so ein Gefühl haben, dass das jetzt aufhört, dass zumindest die Jüngeren jetzt die Chance nutzen, sich mit ihren Verletzungen zu beschäftigen und Sprechen zu lernen. Die Hoffnung war kurz. Ich gebe es zu. Denn so waren sie ja nicht erzogen. Sie waren so erzogen, dass sie niemals Verantwortung für etwas übernehmen und froh sind, wenn sie nicht in eine Funktion gewählt werden. Das steckte tief in der Seele, in den Köpfen: „in your heads“. Denn wenn Köpfe dazu ausgebildet sind, zu tun, was man ihnen sagt, dann beginnen sie nicht selbst zu denken, dann delegieren sie auch Macht und Verantwortung wieder – und erwarten dann, dass sie richtig regiert werden.

Und 1990 gab es genug freundliche Politiker aus westlichen Landen, die nur zu gern bereit waren, es für die braven Ostdeutschen zu tun.

Ein Abzweig geht hier übrigens zu dem fatalen Spruch: „Meine Sachsen sind keine Nazis …“

Aber den gehen wir jetzt nicht. Sonst wird das ein ganz großer Ausflug.

Wer gelernt hat, zu tun, „was sie sagen“, der erwartet natürlich trotzdem eine Belohnung. Und wird zunehmend verbiesterter, wenn das nicht passiert. Oder greift zu ganz alten Verhaltensmustern, wenn sich herausstellt, dass das ganze Warten und Parieren ein Selbstbetrug war, wenn die neue Gesellschaft statt freundlicher Belohnung und stiller Ruhe auf einmal Herausforderungen und Verunsicherungen mit sich bringt – wie die Flüchtlinge, die seit 2015 bei uns Zuflucht gefunden haben.

... Wahrscheinlich ist es wirklich so: Genau diese braven, so gern in ihrer Unverantwortlichkeit vor sich hinköchelnden Ostdeutschen konnten im Jahr 2015, 2016, 2017 nicht mehr ausweichen. Die Anwesenheit der Menschen, die vor Krieg und Bürgerkrieg geflüchtet waren, direkt in ihrer sentimental verklärten Heimat („Heimatliebe ist kein Verbrechen!“) hat ihnen erst gezeigt, dass sie das Ganze doch etwas angeht. Dass sie nach 27 Jahren doch endlich aus ihren kleinen heilen Welten herauskommen müssten und sich kümmern.

Mit anpacken, Lösungen suchen, sich einbringen. Das, was man macht, wenn man begriffen hat, was Demokratie eigentlich ist.

Aber das hatten sie nicht gelernt.

Sie reagierten mit Überforderung. Denn genau das sagen ja die Sprüche: „Faxen dicke!“

Deswegen wirken ihre Posen auch so bedrohlich. Sie möchten mächtig wirken. „Wir sind das Volk! WIR!“

Das ist der Moment, in dem sich das ganze leidige Phlegma der DDR zeigt. Es ist alles noch da. Der alte Zuchtmeister sitzt noch immer in den Köpfen.

„Wer nicht hören will, muss fühlen.“

„Wenn du nicht spurst ….“

„Der Klügere gibt nach …“

Nein. Der Klügere lernt Karate und wehrt sich. Diese Alptraumgestalten haben unsere Köpfe besetzt. Sie laufen drohend, maulend und schilderschwingend darin herum. Sie wollen, dass wir ihre Alpträume teilen und tun, was sie sagen. „Jetzt aber dalli …“

Wahrscheinlich wurde kein Spruch in der DDR öfter gesagt als dieser. Das nächste Wörtchen „sonst“ musste gar nicht mehr ausgesprochen wurden.

Die DDR war ein infantiles Land. Bis zum Schluss unfähig zu dem, was die ratlosen Bonzen dann „Dialog“ nannten. Denn Dialog setzt Gleichwertigkeit voraus.

Menschen, die Schilder mit „Faxen dicke“ hochhalten, fühlen sich nicht gleichwertig. Sie fühlen sich gleichzeitig unter- und überlegen. Und trotzdem machtlos.

Was auch an den Schleifen im Kopf liegt. Es sind die alten Gespenster, die uns zu Zombies machen. Wir leben nicht selbst. Wir funktionieren und haben die Drohgebärden der Alten im Kopf.

Natürlich kann man das auflösen. Aber nicht mit solchen Schildern auf der Straße. Und dieser grimmigen Erwartung, die Anderen würden jetzt einfach tun, was man verlangt, sonst …

Daran ist die DDR übrigens gescheitert, an diesem „sonst …“.

Wenn als Drohung nur noch die Eskalation zur Gewalt bleibt, ist etwas gründlich schiefgelaufen.


Aus: "Was richten eigentlich die Ängste der Alten in unseren Köpfen an?" Ralf Julke (29. Januar 2018)
Quelle: https://www.l-iz.de/leben/gesellschaft/2018/01/Was-richten-eigentlich-die-Aengste-der-Alten-in-unseren-Koepfen-an-204027

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« Reply #6 on: May 22, 2018, 07:41:51 AM »
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[...] Die Großmutter unserer Autorin war ein Fernsehstar in der DDR. 1990 endete ihre Karriere abrupt. ...

... Das DDR-Fernsehen wurde abgewickelt. Die Lebensgeschichten der DDR-Journalisten bedeutungslos. Da liegen sie, in den Archiven, wie Zeitkapseln, die auf Tauwetter hoffen. Der große Aufbruch aller anderen war für meine Großmutter das Ende ihrer Karriere. Vielleicht bin ich ihr als Enkelin zu gewogen. Aber ich frage mich, ob das, was sie geleistet hat, nicht trotzdem Anerkennung verdient hat. Und ein bisschen teile ich ihre Gefühle: Von ihrer Arbeit als Journalistin erzählt sie mit dem gleichen Enthusiasmus, mit dem ich über meine Arbeit als Journalistin spreche. Über die Jahre hat sie ihren Blick auf die DDR verändert. Heute sagt sie: "Dieser Staat war eine tolle Idee. Aber sie war nicht lebensfähig. Die sozialistische Utopie in die Realität zu übertragen, das schaffen die Menschlein nicht. Dazu sind wir leider nicht fähig." Am 31. Dezember 1991, um Mitternacht, wurde der Sendebetrieb des Deutschen Fernsehfunks endgültig eingestellt. Und meine Großmutter hörte auf, als Journalistin zu arbeiten. "Ich wollte nicht noch einmal bei null anfangen und mich noch einmal behaupten müssen", sagt sie.

In meinem Lieblingsinterview mit FF dabei wurde sie gefragt, was sie außer ihrer Arbeit als Journalistin sonst noch mag: "Die Fahrt in der S-Bahn, morgens, wenn die Leute voller Erwartung sind, abends – den Fernsehturm zur blauen Stunde. Freunde. Abends nicht bequem werden, unter die kalte Dusche gehen und den Tag überlisten, der dann noch einmal beginnt ... Die Zeit nutzen ...!"

Nur die Nachwendezeit konnte sie nicht überlisten.

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tb #5

Journalisten und Journalistinnen in der DDR mussten sich schon als Propagandisten und Transmissionsriemen der Parteilinie verstehen.
Wohlwollende Kommentare im Neuen Deutschland und in der Illustrierten FF reflektierten nicht immer die wirkliche Popularität der Portraitierten in der Bevölkerung.
Ob eine Journalistin wirklich mit "liebevoller Strenge" dem Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR ins Auge geblickt hat, oder ob es nicht eher anders herum war, will ich nicht entscheiden.
Wenn es um Informationen ging, da vertraute der DDR Bürger jedoch eher der Tagesschau als der Aktuellen Kamera mit ihren ewig gleichen Berichten von der Produktionsfront.
Aus dieser Konformität ist auch Frau Haupt nicht ausgebrochen.
Deswegen ist sie auch verdient in den Ruhestand getreten.



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Current Options #5.5

DDR-Witz:
Du, ich wandere aus.
Echt, wohin?
In die DDR.
Was für'n Quatsch, da bist Du doch schon.
Nee, nee. Da muss es noch eine andere geben, wo es so ist, wie es in der Zeitung steht.


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Something_is_rotten #7

Hochinteressanter Artikel - danke. Ich habe gern in der DDR gelebt, und lebe noch lieber im wiedervereinigten Deutschland. Erinnerungen sind etwas sehr Wertvolles.


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polylux #16

Mal ein Beispiel gegen diese ständige Schwarzweißmalerei:
Wenn in den 1960er/70er Jahren über den Vietnamkrieg berichtet wurde, habe ich den DDR-Medien mindestens 80% vertraut, den Westmedien höchstens 20% abgenommen. Bei anderen Theman war es umgekehrt.


...


Aus: "Fernsehstars der DDR: Wie du diese Zeit vermisst" Carolin Würfel (21. Mai 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/2018/21/fernsehstars-der-ddr-wende-karriereende/komplettansicht
« Last Edit: May 22, 2018, 07:46:57 AM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #7 on: May 23, 2018, 12:02:52 PM »
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[...] Letzten Winter hat mich eine Bekannte aus Westdeutschland in Dresden besucht. Sie fahre, äußerte sie, zum ersten Mal in den Osten und hoffe, dass trotz der 5 Grad minus „alles klappe, mit Strom und so“. Als ich daraufhin witzelte, sie habe Glück, diesmal seien die Rohre nicht eingefroren und wir hätten deshalb sogar mal fliessend Wasser, hat sie das erschreckenderweise nicht als Witz verstanden. Das hat mich schon irritiert.

Noch verstörter war ich, als ich ihr Dresden zeigte und sie immer wieder äußerte „Das hätte ich ja nicht gedacht, ihr habt ja hier richtige Häuser!“ (… what) und „Das ist ja voll schön hier, wirklich schön, ich bin erstaunt!“ Auf die Frage, warum sie das überrasche, dass es in Dresden schön sei, meinte sie: „Ich dachte halt, ihr wohnt hier alle in Plattenbauten, weil ihr doch alle arbeitslos seid.“

Für den Moment war ich wirklich geflasht davon, dass eine gebildete, kulturell interessierte Person nicht nur derart vorurteilsbehaftet ist, sondern sich nicht mal dafür schämt, derartige Blödigkeiten auch noch rauszuhauen (statt nur still zu denken).

Zunächst mal, 30 Jahre nach der Wende immer noch „nie im Osten gewesen“ zu sein ist halt doch eigentlich schon peinlich, oder? Ich meine hallo, das ist Ostdeutschland und nicht Südamerika jetzt. Man braucht kein halbes Jahr oder so, um herzukommen und sich zu vergewissern, ob wir nun nur Plattenbauten (etwas, dass  es im Westen ja so überhaupt nicht gibt) haben oder doch vielleicht auch paar schöne Landschaften (die Chefin einer Freundin neulich zu ihr ganz erstaunt: „Ich habe ja gehört im Osten soll es sogar auch ein paar schöne Ecken geben?“ – really…) und eventuell sogar Kulturstädte. Ich meine, hallo, Dresden zum Beispiel, das ist nicht Hinterhermsdorf, jedeR hat schonmal vom Zwinger gehört, und man kennt doch die Bilder von der Brühlschen Terrasse, von der Gemäldegalerie und der Semperoper, oder nicht?

Leider ist meine Bekannte da nicht die einzige Person, die es noch nie für nötig gehalten hat, sich Ostdeutschland mal anzuschauen, weil es da eh nichts zu sehen gibt außer halt Plattenbauten, in denen ungebildete, kulturlose Menschen wohnen.

Aber wer ist eigentlich der kulturlose, ungebildete Mensch hier, wenn die Person noch nie von Dresdens Bauten gehört hat?

Und dann der Soli, natürlich. Wir standen gerade vor der Frauenkirche, als es in ihrem Gesicht langsam dämmerte: „Das haben ja eigentlich alles wir bezahlt, ne, mit unserem Soli.“ Nee, sag ich, die Frauenkirche wurde garantiert nicht vom Soli bezahlt, sondern mit grösstenteils privaten Geldern, und davon mal ab fliesst auch nur ein Drittel des Soli in den Osten, und wir zahlen den Soli übrigens auch, aber egal, egal, wen interessieren schon Fakten, wenn er oder sie sich mal richtig als was Besseres fühlen kann?

Dazu kommen, gerade nach der letzten Wahl, die unerträglichen Berichterstattungen in den Medien, reihenweise Artikel und Reportagen, in denen „tapfere Reporter“ sich „aufmachen um zu erfahren, wie die Ostdeutschen ticken“. Man könnte jetzt sagen, weisste, wenn Du 30 Jahre nach der Wende immer noch nicht weisst, wie Ostdeutsche so drauf sind (anders, auf jeden Fall ganz ganz ganz anders als alle anderen Menschen, eigentlich ja schon fast keine Menschen mehr), dann stell doch in Deinem Scheissmagazin einfach mal paar ostdeutsche Menschen in der Redaktion ein, aber nein. Da wird lieber die hunderttausendste als Reportage getarnte Expeditionsreise geschrieben, überall auch diese demonstrativ zur Schau gestellte Aufgeregtheit „hach, wir wissen auch so gaaar nicht, was uns erwartet“, grad noch, dass die ReporterInnen ihren Tropenhelm nicht mitgenommen haben. Jedes Mal dieses Getue, als reise man in eine Kolonie, fremder, fremder Dschungel, was für Stämme wohl dort wohnen, und ob diese kulturlosen Menschen, deren Sprache man nicht spricht, vielleicht sogar schon über das Stadium der Menschenfresserei raus sind, eventuell gar in „richtigen Häusern“ wohnen? Wir wissen es nicht, aber wir werden es erfahren.

Diese Artikel enden regelmäßig an Orten wie dem Bautzner Marktplatz, wo sich die ReporterInnen dann zu den „merkwürdigen Dialekt sprechenden“ (merke: in Ostdeutschland sprechen nämlich alle sächsisch) „abgehängten Männern“ setzen, die dort Bier aus der Flasche trinken, allgemein sehr hoffnungslos sind und wo alle immer „graue Gesichter“ haben, denn das haben in Ostdeutschland ja alle, graue Gesichter. Sorry, euch eure Illusionen zu nehmen, aber Ostdeutschland besteht nicht nur aus der Ecke am Bautzner Marktplatz, an der die abgehängten Typen saufen (es gibt übrigens auch eine Burg und ein Museum, da könnte man auch mal reingehen und Leute treffen, aber egal). Ich fahre doch auch nicht auf „Expedition“ in den Westen, setz mich in Köln-Porz vor den Lidl zu den Säufern und schreibe dann „das ist der Westen“. Ich bin erstaunt, dass eine solche Berichterstattung keinem peinlich zu sein scheint. Aber nee, der Osten besteht ja nur aus Hoffnungslosigkeit, grauen Gesichtern und Pegida. Womit wir beim nächsten Punkt sind.

Ich hab neulich einen Typen kennengelernt, der kommt eigentlich aus Hamburg. Er ist wegen der Arbeit hierhergezogen (ja, man höre und staune, hier sind nicht alle arbeitslos, krass, ne?) und hat mich ziemlich angenervt mit seiner Leier von „Oh Gott, es ist ja alles so schlimm hier, mit der AfD und Pegida und alles, das geht ja mal gar nicht, diese Entwicklung ist ganz schlimm, wenn das so weitergeht ziehe ich wieder zurück nach Hamburg, das ist ja nicht zum aushalten hier“. Laberlaberrhabarber. Das von einem jungen, weißen, heterosexuellen, nichtbehinderten Mann, man fragt sich: was hält der bitte nicht aus hier? Wo hat der hier bitte was zu leiden? Wenn sowas von einer schwarzen Frau käme, vollste Zustimmung, aber mit welchem Recht jammert einer, der per definitionem das Privileg an sich verkörpert hier über Diskriminierung rum? Wo bitte wird der hier in seiner Selbstverwirklichung auch nur irgendwie tangiert? Der passt doch, vor allem in seiner nichtvorhandenen Selbstreflektion, ganz super in die rechte Stimmung hier.

Und zweitens, woher kommt das eigentlich, herkommen, sich nirgendwo einbringen, nix dazutun – auch nix dagegentun, nie auf einer Antipegidademo gewesen sein (denn ja, die gibt es auch, oh, nein, Fehler, sorry, ich vergass, es gibt hier NUR Pegida, wir bestehen quasi aus Pegida) und dann rumheulen wie ein Kolonialherr, der sich das ungebildete Stammesvolk anschaut, schlimm, schlimm, nicht zum aushalten hier, und eine Heizung haben sie auch nicht.

Mich kotzt dieses demonstrativ zur Schau gestellte Leiden am Osten dermaßen an. Der Begriff „besorgte Bürger“ hat sich bereits etabliert, aber was mich genauso nervt wie die „besorgten Bürger“ sind die „über besorgte Bürger besorgte Bürger“. Alle sind immer ganz besorgt. Besorgt über die „Entwicklung im Osten“. Weil die ganz schlimm ist. Als gäbe es in Westdeutschland keine „besorgten Bürger“, nee, die wohnen alle im Osten. Komisch nur, dass ich, wenn ich in Westdeutschland bin und meine feministische Bubble mal verlasse, dieselben ekelhaften Sprüche über die „Zigeuner, die in den Fussgängerzonen betteln und stehlen, das Pack“ höre wie wenn ich in Dresden bin.

Die ganzen Nazis, die AfD´ler und Rechten, sie wohnen nämlich im Osten.

In Hamburg gibt es keine AfD-Städtegruppen, in Stuttgart kein Pegida, rechts wählen nur abgehängte Ostdeutsche in Plattenbauten, in süddeutschen Kleinstädten mit nahezu Vollbeschäftigung gibt es ja quasi keine rechten Wahlerfolge, existiert nicht, nie, kommt einfach nicht vor. (Welchen Grund bzw. welche Ausrede haben die dafür eigentlich, für ihre AfD-Erfolge? Der ostdeutsche graue Nieselregen kann es in der süddeutschen Kleinstadt ja nicht sein.)

Es ist ja nicht so, dass viele MünchnerInnen froh sind, dass sie in der Enklave München leben und nicht in Restbayern, es ist nicht so, dass bayerische Männer auf dem Land dieselben Stammtischparolen raushauen wie man sie hier in Ostdeutschland hört (nur dass die Bayern dabei Leder- statt Jogginghosen tragen und ihr Bier nicht aus der Flasche trinken), nein nein. Es ist nicht so, dass das, was die CSU so raushaut, dasselbe ist wie das was die AfD sagt, auf gar keinen Fall ist das dasselbe nur in grün, nee, gibt’s nicht, und außerdem, in Bayern und anderswo hat das ja Traditiohooon und ist ja Kultuhuuur, was bei uns in Ostdeutschland dann eben KulturLOSigkeit ist. Spannend. In Herne und anderswo gibt es auch keine von Neonazis kontrollierten Gebiete, nein, No-Go-Areas gibt’s nur im Osten und nirgendwo sonst, wir haben alle von der netten Dortmunder Willkommenskultur gehört, dort ist es Brauch, den Flüchtlingen Licht zu machen, indem man Asylantenheime anzündet, aber hey, immerhin Feuer, schön warm und hell, ganz anders als im kalten, kalten Dunkeldeutschland.

Aber vielleicht vertu ich mich auch grad, ich ungebildetes Ostkind, vielleicht liegt Dortmund ja im Osten, das würde einiges erklären, mal schauen, gibt es da Plattenbauten und graue Gesichter? Dann wäre der Fall immerhin wieder klar.

Dieses demonstrative „Besorgtsein“ über „all die Nazis in Ostdeutschland“ hat viel zu oft die Funktion, von den eigenen Nazis (egal ob AfD, „besorgter Bürger“, Stammtischheinz, CSU oder „traditionell bayerischer Konservatismus“) abzulenken. Diese Projektion, fällt mir auf, ist fast schon pathologisch. Wer all die Rechten gedanklich nach Osten (Verzeihung, nach Sachsen, denn „der Osten“ IST ja quasi Sachsen) abschieben kann, der muss nicht mehr vor der eigenen Haustür fegen und sich auch nicht mehr damit auseinandersetzen, dass viel zu oft Sprüche, die nach ostdeutscher AfD klingen, von westdeutschen FDP-lerInnen oder CDU-lerInnen kommen.

Davon mal ab, es gibt sowas wie „Sozialrassismus“, gebildete Kulturmenschen können das ja mal nachschlagen, bevor sie zu ihrer nächsten Ostexpedition aufbrechen und darüber erstaunt sind, dass es in einer der schönsten Städte Europas, Dresden, hübsche Gebäude gibt, ja, wir haben hier „richtige Häuser“ (und Strom! Und fliessend Wasser!), habt ihr gedacht wir campieren alle in Bautzen auf dem Markplatz, oder was?

Naja, das sind halt wir, mit unseren grauen Gesichtern, lasst doch noch bissl Soli rüberwachsen bitte, unsere ostdeutschen Männer müssen sich ja auf dem Marktplatz vor den Plattenbauten besaufen und Bier ist teuer, wenn man arbeitslos ist, und das sind wir hier alle, weil wir alle so hoffnungslos sind. Ich geh jetzt mal mitsaufen, weil von nüscht kommt nüscht, und so ein graues Gesicht muss hart erarbeitet werden, so isses hier, alles grau, graue Gesichter, graue Plattenbauten, grauer Nieselregen, ein Leben in den verschiedensten Grautönen. Aber wenigstens sehen wir in all dem uns umgebenden Grau noch ein paar Grauabstufungen – und das ist mir immer noch lieber, als nur Schwarz und Weiss zu sehen. In diesem Sinne: tschüssi und bis bald.

 


Aus: "Graue Gesichter vor grauen Plattenbauten in natürlich grauem Nieselregen – Bilder von Ostdeutschland in Medien und westdeutschen Köpfen" Anneli Borchert (April 2018)
Quelle: https://diestoerenfriedas.de/graue-gesichter-vor-grauen-plattenbauten-in-natuerlich-grauem-nieselregen-bilder-von-ostdeutschland-in-medien-und-westdeutschen-koepfen/

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« Reply #8 on: May 26, 2018, 10:29:47 PM »
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[...] Allerdings wurde 2009 bekannt, dass die Bergarbeitergewerkschaft NUM während des Streiks umfangreiche finanzielle und materielle Unterstützung aus der DDR erhielt.


Aus: "Britischer Bergarbeiterstreik 1984/1985" (23. Mai 2018)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Britischer_Bergarbeiterstreik_1984/1985

Offline Textaris(txt*bot)

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« Reply #9 on: Yesterday at 01:40:17 PM »
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[...] Erst jetzt, fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, beginnt das Reden über Heimatverlust, Fremdheitsgefühle und Abwertungserfahrungen, die ganze Generationen Ostdeutscher bewältigen mussten. Dazu gehören auch die Erzählungen der vielen jungen Frauen, die den Osten damals verlassen haben. Ich war eine von ihnen.

Mein Umzug nach Frankfurt am Main hat mein Leben stärker verändert als der Mauerfall. Das hört sich seltsam an, nicht? Aber anders als viele meiner Mitschüler und Freunde blieb ich nach 1989/1990 zunächst bewusst im Osten. Ich wollte dem großen Umbruch, der alle und alles mit sich fortzureißen schien, keinen Zugriff auf mein Leben erlauben. Mein schon zu DDR-Zeiten gefasster Plan, in Leipzig Germanistik zu studieren, sollte Wirklichkeit werden. Keine der Verheißungen, von denen mir meine gen Westen ziehenden Freunde erzählten, fühlte sich so wahr an wie jene Vorstellung, die ich schon als Vierzehnjährige hatte. Als mir das Dorf, in dem ich aufwuchs, zu eng geworden war, stellte ich mir immer wieder vor, wie ich eines Tages zum Bahnhof gehen, in den Zug steigen und einem Leben, meinem Leben, in der Großstadt entgegenfahren würde. Und diese große Stadt hieß in meinem Kopf eben nicht München, Hamburg oder Karlsruhe, sondern Leipzig.

Leipzig erfüllte alle meine Erwartungen und war gleichzeitig der Ort einer großen Ernüchterung. Einst war Leipzig die große Verlagsstadt des Ostens gewesen, nun ging ein Verlag nach dem anderen zugrunde. Der Verleger Christoph Links hat diesen Prozess in seinem 2009 erschienenen Buch Das Schicksal der DDR-Verlage beschrieben: "Von den ehemals 78 staatlich lizensierten Verlagen der DDR existiert in eigenständiger Form heute nur noch ein Dutzend. (...) Die Zahl der in dieser Branche Beschäftigten ist bis 2007 auf unter ein Zehntel gefallen. Damit hat ein Umbruch stattgefunden, der noch gravierender ist als in vielen Bereichen der verarbeitenden Industrie." Nach dem Studium in Leipzig einen festen Job in einem Verlag zu bekommen, das war damals schlicht unmöglich. Deshalb musste ich 1998 gehen.

An meinen ersten Arbeitstag in Frankfurt am Main habe ich keinerlei Erinnerungen. Und je stärker ich versuche, diesen Tag, oder auch nur einen Moment dieses Tages, heraufzubeschwören, desto mehr entzieht er sich meinem Bemühen. Und so bleibt mir nur, das Gefühl zu beschreiben, das jener 1. Dezember 1998 in mir hinterlassen hat. Das große Frankfurter Verlagshaus, dessen Mitarbeiterin ich damals wurde, war ein Jahr nach der Bundesrepublik gegründet worden und hatte seither wahrhaft Geschichte geschrieben. Bald schon würde man das 50. Jubiläum seines Bestehens feiern. Ein Bestehen, das sich in jeder Äußerung, jedem Blick, jeder Bewegung meiner neuen Kollegen auszudrücken schien – und an dem ich teilzunehmen eingeladen wurde. Keiner von ihnen schien auch nur den geringsten Zweifel daran zu haben, dass es ihren Verlag auch in den nächsten 50 Jahren noch geben würde. Genau genommen hielten sie ihn wahrscheinlich für unsterblich.

Für mich dagegen war nichts mehr sicher. Ich hatte in den vergangenen zehn Jahren erlebt, wie meine Eltern sich ein völlig neues Leben aufbauen mussten, mein ehemaliger Schuldirektor als Stasimitarbeiter enttarnt wurde, fast die gesamte Professorenschaft der Leipziger Universität ausgetauscht worden war. Und auch die Bahnhofsstation meines Heimatdorfs, von der aus ich in meinen Träumen früher stets in die Fremde aufgebrochen war, gab es schon nicht mehr.

Das Leben der Menschen, denen ich in Frankfurt begegnete, hatte sich hingegen seit dem Mauerfall nicht verändert. Natürlich gab es auch in ihrem Leben Zäsuren, aber sie waren persönlicherer Art. Ich traf kaum jemanden, der in den letzten Jahren im Osten gelebt hatte. Von den etwa 150 Mitarbeitern im Verlag kamen nur vier aus dem Osten, drei davon waren Frauen Ende zwanzig.

Ich erkannte Andrea und Jeanette an ihrem Heimweh. Wir arbeiteten damals schon ungefähr ein Jahr lang im Verlag zusammen. Gerade war Das Provisorium von Wolfgang Hilbig in einem anderen großen Frankfurter Verlag erschienen. "Heimweh braucht man, um seine Ankunft im Westen endlich zu begreifen", heißt es darin. Ich las den Roman in nur einer einzigen Nacht vom Anfang bis zum Ende. So wie man ein Glas eiskaltes Wasser in sich hineinstürzt, wenn man fast am Verdursten ist. Hilbig beschreibt in seinem Buch, wie das ehemals vertraute Leben des Schriftstellers C. aus Leipzig im Westen allmählich ins Unerreichbare entschwindet. Ich erkannte darin Spuren meines eigenen Heimwehs und entschlüsselte das meiner ostdeutschen Kolleginnen.

All die Marmeladentöpfchen, die sich neben Andreas Schreibtisch türmten, enthielten Erdbeeren aus einem Garten in Thüringen. Jeanette hatte das Regal in ihrem Büro, in dem eigentlich nur hauseigene Bücher stehen durften, mit Bänden der DDR-Bibliothek des Leipziger Faber-&-Faber-Verlags infiltriert. Irgendwann wusste ich diese subtilen Zeichen unserer gemeinsamen Herkunft zu deuten. Genau wie Andrea und Jeanette nicht länger verborgen blieb, dass mich etwas umgab, was ich heute meine innere Peergroup nennen würde.

Michael Ballack war für mich, in Frankfurt innerlich im Abseits, zu einem heimlichen großen Bruder geworden. Ich ließ keine Gelegenheit verstreichen, um zu betonen, dass der 1. FC Kaiserslautern 1998 ohne ihn niemals die Bundesliga gewonnen hätte. Michael Ballack war im selben Vorort von Chemnitz aufgewachsen wie ich und gerade auf dem Weg, einer der erfolgreichsten Fußballspieler Deutschlands zu werden. Trotzig hielt er den abwertenden Kommentaren seiner Kritiker stand, die ihm, wenn es gerade passte, seine ostdeutsche Herkunft als Charakterschwäche auslegten.

Axel Schulz konnte zwar nach seinem Kampf gegen George Foreman 1995 in keinem großen Boxkampf mehr überzeugen. Dennoch verpasste ich keinen seiner Kämpfe, weil der "ostdeutsche Max Schmeling" einstecken konnte wie kein Zweiter. Schließlich Regine Hildebrandt, "die Stimme Ostdeutschlands" – gerne wäre ich damals genauso laut gewesen wie sie, aber mir fehlte noch der Mut dazu.

Andrea, Jeanette und ich redeten viel miteinander. Aber nie thematisierten wir vor anderen unsere ostdeutsche Herkunft. Wir befürchteten wohl, dass die bloße Nennung unserer Heimatorte all die Klischees über Ostdeutsche auf den Plan rufen könnte: faul, unflexibel, provinziell, Jammerlappen. Wir wollten nicht für solche Schwächen stehen. Stattdessen hieß unsere Zauberformel: Fleiß und Anpassung. Wir wollten der lebende Beweis dafür sein, dass keines dieser Vorurteile stimmte. Einerseits also Super-Ostdeutsche, andererseits als Ostdeutsche unsichtbar. So zu tun, als sei man in Wahrheit jemand anderes, ist ein 24-Stunden-Job. Er überforderte mich. Ich nahm im ersten Jahr zehn Kilo ab. Ich trank zu viel und aß zu wenig – und ich verliebte mich in einen Mann, der mir genauso fremd schien, wie ich mir selbst fremd war.

... Nie werde ich die langen Spaziergänge vergessen, die Hand in Hand begannen und im Streit endeten. Es waren die heißen Sommer der Jahrtausendwende, und Nadim zeigte mir jeden Winkel der Stadt. Die Parks, die Wege entlang der Nidda. Als die Hitze an einem jener Nachmittage unsere Eistüten aufweichte, begann ich von den Eistüten im Osten zu schwärmen. Die seien bestimmt aus Beton gewesen, meinte er, und wir fingen an zu lachen, dass die Leute sich nach uns umsahen. Und in unser Lachen hinein sagte Nadim: "Nichts von dem, was du aus dem Osten kennst, ist hier brauchbar." Nun wurde es ganz still in mir drin, ich stand mit der tropfenden Eistüte da und fühlte mich bankrott. Abgebrannt. Genau so, wie meine Mutter es prophezeit hatte.

... Insgeheim wünschte ich dem Westen auch einen Mauerfall. Er sollte Nadim die heilsame Erfahrung bringen, dass wir doch nicht so verschieden waren. Zumal ich inzwischen wusste, welche Ausgrenzungserfahrungen er selbst gemacht hatte, und die Vorurteile ihm gegenüber wahrnehmen konnte, wenn wir gemeinsam unterwegs waren.

... Ostdeutschland war für Nadim vor allem eines: fremdenfeindlich. Er hatte Angst vor Blicken, die ihn zu einem Fremden im eigenen Land machen würden – und Gewalt, die sich allein wegen seines Aussehens gegen ihn richten könnte. Einmal fuhren wir aber doch zusammen in meine Heimat. Das heißt, ich packte ihn ein und fuhr ihn nach Sachsen. Ich wollte ihm mein schönes Land zeigen, das sich aus der Ferne, wenn ich Nadim davon erzählte, immer anfühlte wie ein Luftschloss, in dem man nicht wohnen konnte. Auch in die Gegend, in der meine Eltern wohnten, kamen wir. Ich stoppte das Auto auf einer Anhöhe, und wir sahen über die Felder in die offene Hofeinfahrt. Als wir weiterfuhren und ich Nadim umständlich zu erklären begann, warum ich ihn nicht zu meinen Eltern mitnehmen wollte, sagte er, als er mein Zögern bemerkte: "Ihr habt Angst vor unserem Sperma." Ich widersprach ihm zum ersten Mal nicht.

Einerseits wollte ich ihm zeigen: Das hier ist ganz anders als Rostock-Lichtenhagen, andererseits brachte ich es nicht fertig, ihn einfach zum Kaffee zu meinen Eltern einzuladen. Ich hätte auch andere westdeutsche Männer aus meinem neuen Leben nicht zu meinen Eltern mitgenommen. Ich hatte bisher nur ostdeutsche Freunde gehabt, und wenn ich mit Nadim schlief, hatte ich das Gefühl, den ganzen Osten mit ihm zu betrügen.

 All diese Kämpfe fochten wir damals auf einer Terra incognita aus, in einem Niemandsland. Weder die Politik, noch die Forschung oder die Literatur beschäftigten sich zu jener Zeit mit "uns". Eine Debatte, wie wir sie gegenwärtig gerade führen, ob Ostdeutsche auch Migranten sind zum Beispiel, lag noch in weiter Ferne. Naika Foroutan, Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik, sagte vor Kurzem in einem Interview mit der taz: "Ostdeutsche und Migranten stärken die eigenen stigmatisierten Positionen teilweise durch Abwertung des jeweils anderen." So ein Satz fehlte Nadim und mir damals. Wir hätten um die Jahrtausendwende vielleicht besser verstehen können, welche Rollen wir zu spielen bereit waren, wenn es darum ging, die eigene Herkunft zu verteidigen und die des anderen herabzusetzen.

Deniz Yücel schrieb in seinem taz-Artikel "Was Ostdeutsche und Türkdeutsche miteinander verbindet – und warum sie sich trotzdem nicht leiden können" als einer der ersten zu diesem Thema. Er erzählt darin, dass beide meinen, "einiges über den Anderen zu wissen, kennen diesen aber so gut wie gar nicht". Sein Text erschien am 1. Oktober 2010. Fast am selben Tag trafen Nadim und ich einander zufällig in Berlin wieder. Einige Jahre zuvor hatten wir uns getrennt, weil wir einfach nicht in ein gemeinsames Leben finden konnten. Unsere Beziehung war zu vielen Belastungsproben ausgesetzt. Nicht nur denen der Herkunft. Aber das war die entscheidende. Am Ende wusste ich alles über den Westen und Leute wie ihn. Und er wusste alles über den Osten und Leute wie mich. Damit war viel geschafft. Unsere Liebe jedoch blieb auf der Strecke.

Vor ein paar Jahren, ich wohnte schon lange nicht mehr in Frankfurt am Main, stellte ich bei einem Besuch in der Stadt überrascht fest, dass das große Frankfurter Verlagshaus verschwunden war. An seiner Stelle stand nun ein anderes Haus, als hätte es schon immer dort gestanden. Ich ging vor dem ehemaligen Eingang ein paarmal auf und ab und ließ all die Kämpfe noch einmal Revue passieren, die ich in Frankfurt gekämpft hatte. Und plötzlich wurde mir klar, dass damals, als ich selbst das Gefühl hatte, alles zu verlieren, etwas in meinen Besitz gekommen war, was nicht einfach verschwinden konnte wie ein Haus oder ein Land. Denn aus all den Kämpfen hatte ich letztlich die Kraft geschöpft, auch "offiziell" ostdeutsch zu werden. Ich bin danach unbeschwerter weitergezogen. Ich lebte in anderen großen westdeutschen Städten, arbeitete bei anderen großen Verlagen – aber nie mehr undercover.

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Hanayagi #1

Hmm. So unterscheiden sich die Perspektiven.

Ich bin damals mit meinen Eltern gleich nach der Wende in eine norddeutsche Kleinstadt gezogen. Ich war damals 7 oder 8 Jahre alt. Ich kam auf eine ganz normale Grundschule, aber während ich in meiner Grundschule in Ostdeutschland beliebt war, viele Freunde hatte und meine Lehrer ernsthaft überlegt hatten, mich eine Klasse überspringen zu lassen, war ich im Westen auf einmal der "doofe Ossi".

Ich hatte immer noch gute Noten, wurde aber generell gemieden und hatte nur noch einen Freund: Ein anderer Ostdeutscher. Als Kind konnte ich natürlich nicht reflektieren, was da passierte und meine Eltern hatten wirklich andere Sorgen, hatten Sie doch jeweils gute Jobs im Osten verloren und dafür Fernfahrer / Teilzeit Bürokraft bekommen.

Ich habe dann bis zum Abitur in Westdeutschland gelebt und später auch (wenige) westdeutsche Freunde gefunden, aber ich war immer "der Ossi". Vielleicht war das auch ein Grund, warum ich mich für ein Studium in Berlin / Wien / Tokyo und später ein Leben in Japan entschied: So dass ich mir diese ganze innerdeutsche Beziehungskiste nicht antun musste. Vielleicht erklärt sich auch aus meiner Vita, wieso ich die wehleidige "Ostalgie der Partei "Die Linke" hasse.

Und Ironie der Geschichte: Seit einem Jahr lebe ich in Dresden...


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kasi_z #7

Ich verstehe die Autorin ganz gut. Bin 4 Jahre älter als sie und mit Anfang 20 in den "Westen" abgehauen. Mir war dort auch vieles fremd. Nach ein paar Jahren Saarland bin ich dann wieder nach Berlin zurück gegangen und habe mich direkt wieder "angekommen" gefühlt. Und das hat nichts mit Jammern zu tun. Die Leute im Saarland waren freundlich und hilfsbereit und ich habe auch ein paar Freundschaften geschlossen. Aber trotz der gleichen Sprache/Kultur war ich immer eine Fremde. So ist es bis heute geblieben. So fühle ich mich z.B. Gleichaltrigen aus Polen/Tschechien/ Ungarn näher als Deutschen, die im Westteil aufgewachsen sind. Ich weiß, das klingt absurd, ist aber so....


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Zeppelino #11

Ein interessanter Erfahrungsbericht - Ostdeutschland und in der Verlagsbranche. Mehr Veränderung geht glaube ich kaum. Ich bin vor mehr als 20 Jahren in den Osten gegangen, praktisch gegen den Strom. Im Grunde bin ich bis heute ein Fremdkörper geblieben. Das Zusammenkommen habe ich mir deutlich einfacher vorgestellt. Woran es liegt? Sicher zum Teil an mir, meiner Wessi-DNA, die man im Osten schnell entziffern konnte. Ich habe aber auch Einblicke in den Osten bekommen, die mir heute helfen mein Umfeld zu verstehen. Der Osten war übrigens eine gute Schule, in Sachen Überlebenstraining.


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Unterlinner #14

„Ich hatte in den vergangenen zehn Jahren erlebt, wie meine Eltern sich ein völlig neues Leben aufbauen mussten, mein ehemaliger Schuldirektor als Stasimitarbeiter enttarnt wurde, fast die gesamte Professorenschaft der Leipziger Universität ausgetauscht worden war.“

Leider wird auch in diesem Artikel nur in diesem kleinen Satz die Gretchenfrage der ganzen „Ostalgie“ gestellt. War die DDR ein Unrechtsregime, und ist man froh, dass dieses Regime überwunden wurde.


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NotWalkedOnTheSurfaceOfTheSun #14.2

Bei allem noetigen Respekt: Was fuer ein arroganter mono-kausaler Satz, der etliche menschliche Aspekte komplett auslaesst. Vielleicht brauchen Sie einen persoenlichen Mauerfall, um zumindest im Ansatz das Geschriebene zu verstehen.
...


...


Aus: "Ich, im Westen undercover" Maike Nedo (16. Juli 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/2018/29/ost-west-wanderung-gruende-mauerfall/komplettansicht