Author Topic: [Imperium in imperio (Staat im Staate)... ]  (Read 6791 times)

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Offline Textaris(txt*bot)

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[Imperium in imperio (Staat im Staate)... ]
« Reply #15 on: November 09, 2018, 07:53:06 AM »
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[...] Keinem ist die Magie des Unsichtbaren derzeit so geläufig wie dem ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen, denn er hantiert selbst damit. Eine anonyme Gruppe linksradikaler Kräfte, so behauptet er, habe ihn böswillig zu Fall gebracht. Diese feindlichen Kräfte, vorneweg Sozialdemokraten, trieben ihr Unwesen im Verborgenen. Sie bilden, so scheint Maaßen sagen zu wollen, einen Staat im Staate – einen heimlichen Souverän, der es unter dem arglosen Auge der Kanzlerin bis in die große Koalition geschafft habe. Wie mächtig die linksradikale, von handzahmen Medien unterstützte Macht inzwischen sei, zeige sich schon daran, dass er, Hans-Georg Maaßen, nun aus dem Amt gejagt werde. Er hatte die Unterwanderungsarbeiter bei ihrer "Falschberichterstattung" ertappt, und jetzt nähmen sie Rache an ihm. Der Hüter der Verfassung bringt ein Opfer für den Staat. Einen Staat, der kurz davorstand, einer Verschwörung in die Hände zu fallen.

Es gibt auf der Welt noch jemanden, der den sogenannten tiefen Staat beschwört, nämlich Donald Trump. Der tiefe Staat – das sind für den US-Präsidenten ebenfalls die linken Politiker und Meinungsmacher, die heimlichen Drahtzieher und globalists, die Verrat an Amerikas Interessen begehen und das Land fremden (Wirtschafts-)Mächten ausliefern. Auch für Trump ist der linke deep state verborgen, aber allgegenwärtig; je weniger man ihn sieht, desto gefährlicher sei er. 

Die Spitze des unsichtbaren Staates bildet für Trump die Demokratische Partei; sie lenke die klandestinen Mächte und erfinde zusammen mit den wachhabenden Medien eine Realität, die es zwar gar nicht gibt, die aber millimetergenau zu ihrer linken Moral passt. Für Trump ist klar: Obwohl die Demokraten in der Opposition sind, regieren ihre Schattenmänner das Land noch immer nach Art einer rule of nobody, einer Niemandsherrschaft. Sie herrschen über die Köpfe und gefährden, so Trump vor den Midterm-Wahlen, die "Zukunft des Landes". Sie ermunterten kriminelle Einwanderer dazu, illegal ins Land zu kommen und amerikanische Gesetze zu brechen. Mit welchem Ziel? Um einen "sozialistischen Albtraum" zu verwirklichen.

Zugegeben, so plakativ redet Maaßen nicht, doch er nutzt dasselbe Zerrbild. Auch er beschwört ein kingdom of darkness, eine linksradikale Niemandsherrschaft, die sich tief ins Herz des Staates geschlichen hat und alles tut, um Deutschland wehrlos zu machen und mit den verlogenen Waffen der Moral dem ehrlichen Verfassungsschutz ins Handwerk zu pfuschen.

Nach Maaßens Abschiedsrede erscheint auch sein berüchtigtes Interview, das er der Bild-Zeitung nach dem Mordfall in Chemnitz und den rechten Aufmärschen gegeben hat, in einem deutlicheren Licht. Heute liest es sich so, als habe dort ein tiefer Staat aus linksradikalen Sozialdemokraten und ihren medialen Einflussagenten die gutgläubige Öffentlichkeit hinters Licht geführt und eine Hetzjagd auf Ausländer bloß vorgetäuscht – staatsfeindliche Kräfte erfanden einen Ernstfall, der ihrer vorgefertigten und allzeit empörungsbereiten Moral recht zu geben schien. Und warum? Um vom eigentlichen Ernstfall abzulenken, von der existenziellen Bedrohung des deutschen Staates durch Migration und Islamismus.

Interessant ist, dass Maaßens Mutmaßungen mit bloßem Auge nicht von den Fantasien Alexander Gaulands zu unterscheiden sind. Auch Gauland raunt vom existenziellen Ernstfall, auch er suggeriert eine konspirative Nähe von liberalen Eliten und Medien, einen hegemonialen Geist, der unter Merkels Duldung die "Systemparteien" erobert hat und das natürliche Selbsterhaltungsinteresse der Nation zersetzt. Gauland will diesen Geist bekanntlich mithilfe einer "friedlichen Revolution" aus den Amts- und Redaktionsstuben "vertreiben", er möchte das Land säubern. Und Maaßen? Wie möchte er den Staatsnotstand bekämpfen? Mit der Wiedervereinigung von CDU und AfD? Mit Dobrindts "konservativer Revolution"? Mit einem rechten Club, der als Staat im Staate die Regierung Merkel stürzt?   

Die Theorie vom tiefen Staat entstand in den Neunzigerjahren in der Türkei, gemeint war damit ein geheimes Netzwerk aus Militär, Justiz, Geheimdiensten und Politikern. Es gibt die Rede vom tiefen Staat auch in einer aktuellen linken Version, als Kritik an den skandalös unaufgeklärten Verbindungen zwischen Verfassungsschutz, Rechtsradikalismus und NSU-Komplex. So wäre Maaßen ein Meister der strategischen Ablenkung: Er spricht von einer linksradikalen Verschwörung, um vom Versagen des Verfassungsschutzes laut schweigen zu können. Er fantasiert von einem tiefen Staat, um sich – last man standing – als jemand zu präsentieren, der diesen wirkungsvoll bekämpft. Für den Verfassungsschützer kommt die Gefahr nicht von rechts, sie kommt von links. Historikern dürften diese Gedankenfiguren durchaus vertraut sein: Sie stammen aus der Semantik des Bürgerkriegs.


Aus: "Das Unwesen im Verborgenen" Eine Analyse von Thomas Assheuer (8. November 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2018-11/hans-georg-maassen-rede-verfassungsschutz-chemnitz-linksradikale-verschwoerung

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anon.ymouz #45

Wie bitte? Herr Maaßen ein Opfer des tiefen Staates? War er nicht die Gallionsfigur desselben?


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AgeofAquarius #9

Maaßen "beschwört ... einen tiefen Staat".Das ist wenig erstaunlich, denn lange Zeit war er Teil und Repräsentant desselben. Als er 2012 von dem damaligen Innenminister Hans-Peter Friedrich in sein amt berufen wurde, war sein Feindbild noch erwünscht und korrekt. Allerdings kann ein politischer Beamter in einem Geheimdienst die Ausrichtung seiner Paranoia nicht so flexibel ändern, wie es Politikern erlaubt ist. ...


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Betta-Splendens #30

Ein kurioser Artikel. Ich kenne die Rede vom "tiefen Staat" nur in der linken Version in der die Geheimdienste und die Polizei beschuldigt werden an Attentaten beteiligt zu sein oder sie zumindest wissentlich geduldet zu haben. Das war schon zu RAF Zeiten so. Für das Herrhausen Attentat 1989 wurden die westdeutschen Geheimdienste beschuldigt und für das Rohwedder Attentat 1991 die Reste der ostdeutschen Geheimdienste.

"""Für den Verfassungsschützer kommt die Gefahr nicht von rechts, sie kommt von links."""

Für die journalistischen Fans von "Feine Sahne Fischfilet" natürlich eine undenkbare Vorstellung.


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Dasmitglied #43

Werner, die russen kommen!


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Jazzdrummer #38

Die CDU hat jetzt ihren Sarrazin.


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Runkelstoss #46

Es gibt auf der Welt noch jemanden, der den sogenannten tiefen Staat beschwört, ..

Der Begriff Tiefer Staat (türkisch: derin devlet) wird in der Türkei in der Bedeutung von Staat im Staate verwendet. Er deutet auf eine im Verlauf mehrerer Jahrzehnte gewachsene konspirative Verflechtung von Militär, Geheimdiensten, Politik, Justiz, Verwaltung, Rechtsextremismus und organisiertem Verbrechen (insbesondere Killerkommandos) hin. (*)

Und, große Überraschung, es gibt ihn, nicht nur in der Türkei (**).
Typischerweise findet man 'deep state' Strukturen in Diktaturen und autokratisch regierten Staaten.

Dass es ihn in Deutschland gab, so in den 50igern, 60igern, davon kann man ausgehen.
Aber linke Sozialdemokraten im Bündnis mit Militär, Geheimdienst und Justiz, ist maaßloser Blödsinn. Es handelt sich immerhin um deutsche Sozialdemokraten.


(*) nicht zu vergessen das große Geld, Vermögens- und Kapital-Eliten.
(**)  "Why Turkey is Authoritarian: From Atatürk to Erdoğan (Left Book Club) (Englisch) Taschenbuch – 19. Juni 2018, von Halil Karaveli (Autor)
https://www.amazon.de/Why-Turkey-Authoritarian-Atat%C3%BCrk-Erdo%C4%9Fan/dp/0745337554/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1541704733&sr=8-1&keywords=Halil+Karaveli



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DD84-2 #46.1

Nochmals, den Begriff „tiefer Staat“ hat Maassen nicht genutzt. Der wird ihm hier in den Mund gelegt.

« Last Edit: November 09, 2018, 07:58:37 AM by Textaris(txt*bot) »