Author Topic: [Im bürgerlichen Theaterrahmen... ]  (Read 6204 times)

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[Im bürgerlichen Theaterrahmen... ]
« on: December 15, 2009, 09:54:04 AM »

Quote
[...] Was Stemann sieht, ist weniger die einfache Anklage als die Reflexion der eigenen Rolle. "Brecht ist das ja alles bewusst", sagt Stemann, "wir stehen im bürgerlichen Theaterrahmen und fordern den Umsturz der Verhältnisse, die diesen Theaterabend erst ermöglichen. ..."

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Aus: "Theater Berlin - Brecht für die Beichte" Von Tobi Müller (14.12.2009)
Quelle: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/2143309_Theater-Berlin-Brecht-fuer-die-Beichte.html


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Das Problem für die Beschreibung moderner Gesellschaften besteht insbesondere darin, dass das Bürgertum „heute gesellschaftlich so verallgemeinert [ist], dass es alles und nichts zu sein scheint, eine beinahe differenzlose Kategorie.“

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Aus: Markus Pohlmann: "Der diskrete Charme der Bourgeoisie?" - Ein Beitrag zur Soziologie des modernen Wirtschaftsbürgertums, in: Steffen Sigmund, Gert Albert, Agathe Bienfait und Mateusz Stachura (Hrsg.), Soziale Konstellation und historische Perspektive. Festschrift für M. Rainer Lepsius, Wiesbaden 2008, S. 228.
http://de.wikipedia.org/wiki/Bourgeoisie#cite_note-1

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Quote
[...] „Bürgertum“ ist die zusammenfassende Bezeichnung für eine vielschichtig strukturierte, im Einzelnen nur schwer abgrenzbare Gesellschaftsschicht zwischen Oberschicht sowie Bauern und Arbeiterschaft. Sie setzt sich im Wesentlichen aus den Teilschichten des Großbürgertums und des Kleinbürgertums zusammen. Seit der industriellen Revolution wird sie meist dem Mittelstand zugeordnet.

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Aus: "Bürgertum"
# Datum der letzten Bearbeitung: 1. Dezember 2009, 10:04 UTC
# Versions-ID der Seite: 67478184
# Permanentlink: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=B%C3%BCrgertum&oldid=67478184
# Datum des Abrufs: 15. Dezember 2009, 09:54 UTC
« Last Edit: September 14, 2010, 05:06:57 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Versatzstücke... ]
« Reply #1 on: December 15, 2009, 10:08:36 AM »
Quote
[...]  Das besondere Interesse, welches die Kunstform Theater auf sich zieht, liegt in ihrem öffentlichen Charakter begründet. In der griechischen Antike entwickelte es sich mit der Polis der attischen Demokratie. Die öffentliche, durch Kunst verhandelte Sache macht den Grundzug des Theaters aus — über das elisabethanische und bürgerliche bis hin zum epischen Theater. Die Bretter, die die Welt bedeuten, stellen die gesellschaftliche Ordnung in Frage, indem sie künstlerisch zur Darstellung kommt. Insoweit war für das Theater die Frage, welche Welt da eigentlich auf welche Weise bedeutet werden soll, schon immer von Interesse. Die Frage nach der Realität und dem Realismus ist dem Theater in gewisser Weise inhärent, jedoch sind die Diskussionen um den Begriff des Realismus spezifisch modern und haben mit der bürgerlichen Autonomie der Kunst ihre Substanz gewonnen. Die Freisetzung der Kunst und der Künstler im Kapitalismus haben die Frage bedingt, was mit Kunst bedeutet und bezweckt werden kann und soll. Auf die kapitalistische Veränderung der Welt zu reflektieren, ist Anliegen einer Debatte um den Begriff des Realismus.

    Der Begriff des Realismus stellt die Frage nach dem Zusammenhang von Kunst und Gesellschaft. Seit seinem Aufkommen ist er ein kritischer Begriff. Besonders interessant wird er aber erst im Zuge der kommunistischen Debatten der zwanziger und dreißiger Jahre. Der Realismus ist der Begriff, der es ermöglicht, die lebendige Dialektik der Kunstwerke im Zusammenhang mit ihren gesellschaftlichen und historischen Voraussetzungen und Wirkungen zu betrachten. Der Realismus ist, entgegen den über ihn kursierenden Vorurteilen, kein Naturalismus. Im Gegenteil ist er die Kritik des Naturalismus. Der Naturalismus ist der Positivismus in der Kunst, der annimmt, dass die Kunst zur Realität in abbildender Weise sich verhält. Aber damals wie heute hat man die Realität weder mit einem Blechnapf oder Experten des Alltags auf der Bühne. Die Wirklichkeit will ja begriffen werden, nicht abgebildet. Der Realismus ergreift Partei für ein dialektisches und ästhetisches Begreifen der Wirklichkeit durch die Kunst, also für die Poesie. Der Realismus ist darüber hinaus auch parteiisch, er ist eine Kritik der Verödung der Welt durch den Kapitalismus. Diese Kritik äußert die Kunst allerdings, indem sie besser als die Welt ist, in ihrer Form schon Utopie einer künftigen, von kapitalistischer Produktionsweise befreiten Gesellschaft ist. Ein neuer Realismus wäre ein Vorschlag für das Theater, der eigenen Mittel bewusst an der ästhetischen Utopie zu arbeiten, die auf vermittelte Weise auf die politische Utopie verweist.

...


Aus: "Release: KSR N°6 « Kunst, Spektakel und Revolution" (10. Mai 2017)
Quelle: http://spektakel.blogsport.de/2017/04/29/release-ksr-n6/



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Quote
[...] Das Universum, das die Bourgeoisie mit ihrem diskreten Charme bewohnt, ist insofern ein aus den Fugen geratenes Universum, das ständig von traumatischen Ereignissen bedroht ist. So endet jeder der Träume im individuellen Trauma eines der Träumenden. Stilistisch schwankt der Film dadurch zwischen der Grundstimmung einer Komödie und Versatzstücken unter anderem aus dem Horrorfilm.

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    *  Seitentitel: Der diskrete Charme der Bourgeoisie
    * Herausgeber: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie.
    * Autor(en): Wikipedia-Autoren, siehe Versionsgeschichte
    * Datum der letzten Bearbeitung: 30. November 2009, 12:17 UTC
    * Versions-ID der Seite: 67442828
    * Permanentlink: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Der_diskrete_Charme_der_Bourgeoisie&oldid=67442828
    * Datum des Abrufs: 15. Dezember 2009, 09:07 UTC

« Last Edit: May 10, 2017, 02:37:50 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Der Einfluss der Empfindsamkeit... ]
« Reply #2 on: December 15, 2009, 10:20:48 AM »
Quote
[...] Der Einfluss der Empfindsamkeit zeigt sich noch in Goethes Jugendwerk Die Leiden des jungen Werthers (1774), einem Hauptwerk des Sturm und Drang.

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http://de.wikipedia.org/wiki/Empfindsamkeit (14. September 2009)

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Quote
[...] Von seinen Stoffen her geht es im deutschsprachigen bürgerlichen Trauerspiel entweder um unpolitische Familienkonflikte, die soziale Gegensätze möglichst nicht berühren und auf das Verbindende einer „reinen Menschlichkeit“ setzen (vgl. Empfindsamkeit), oder es handelt vom politischen Kampf gegen die Unterdrückung durch den Adel, später auch von der Kritik der entstehenden Arbeiterklasse an der bürgerlichen Wertordnung.

...


Seitentitel: Bürgerliches Trauerspiel
Datum der letzten Bearbeitung: 6. Dezember 2009, 13:37 UTC
http://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCrgerliches_Trauerspiel


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[Konflikte verschleiernde Sentimentalität... ]
« Reply #3 on: December 15, 2009, 10:45:13 AM »
Quote
[...] So konnte das Rührstück entweder in die Richtung einer christlichen Mitleidsethik führen, was seine Aufwertung des Sinnlichen bemäntelte, oder die politisch-gesellschaftliche Solidarität emotional verklären.

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Aus: "Rührstück" (5. März 2009)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BChrst%C3%BCck

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Quote
[...] Als konstitutives Element der aufklärerischen Wirkungsästhetik diente die Rührung sowohl der emotionalen Partizipation des Theaterzuschauers am Bühnengeschehen als auch und vor allem der sittlich-moralischen Läuterung des Rezipienten. Dieses der Rührung unterstellte erzieherische Potential rückte als Wirkungsabsicht spätestens seit dem Ende des 18. Jahrhunderts zusehends in den Hintergrund – das eigentliche Aufklärungsziel verkehrte sich in sein Gegenteil, Rührung wird zum Selbstzweck einer auf bloße Bühneneffekte ausgerichteten Dramenproduktion.

[...] Rührung um der Rührung willen war die Sache der Birch-Pfeiffer, das "einfache menschliche Herz" galt es zu "packen" (S. 131), wie sie im März 1859 an ihre Tochter Minna schreibt; Erfahrung und theatralen "Instinkt", um diese rein publikumsorientierte Aufgabe erfüllen zu können, habe sie reichlich sammeln können, wie es in dem für die Selbsteinschätzung – und Selbstentlarvung – Birch-Pfeiffers aufschlußreichen und bei Pargner erstmals veröffentlichten Schreiben weiter heißt. Gerade das von ihr umworbene und mit entsprechenden Stoffen versorgte Publikum erwarte von ihr keineswegs, daß sie mit "einem Werk [hervortrete], das höhere Ansprüche macht". (S. 132) "'Die Birch giebt uns – wenn auch kein klassisches Werk, doch keine Langeweile'." (Ebd.)

In ihrer bewußten "Zielgerichtetheit auf Gemüt und Tränendrüsen" (ebd.), so wieder Pargner, erkennt Birch-Pfeiffer selbst das "Capital" ihrer Popularität, ein Kapital, das im Beifall eines begeisterten Publikums seine 'ideelle', in den reichlich fließenden Tantiemen seine materielle Seite offenbart. "[…] das Publikum glaubt an mich, das ist es, was einen Privat-Direktor zu so enormen Zugeständnissen bringt – darum giebt mir Wallner 10%!" (Ebd.) In diesem Theater weicht das von Lessing als dramatisches Elementarmoment geforderte 'fühlende Mitleid' einer alle Konflikte verschleiernden Sentimentalität, der es um Erzeugung von Reizmomenten, um unreflektierte Gefühlskumulation, um die tränendurchflutete Wirkung des Augenblicks zu tun ist und nicht um die – im Sinne Lessings – 'Versittlichung' des 'Menschengeschlechts', um das Zusichkommen des bürgerlichen Rezipienten "in seiner Humanität". 29

...


Dr. Holger Dauer zu: "Das Rührtheater - Birgit Pargner: Zwischen Tränen und Kommerz. Das Rührtheater Charlotte Birch-Pfeiffers (1800-1868) in seiner künstlerischen und kommerziellen Verwertung. Quellenforschung am Handschriften-Nachlaß" (Ins Netz gestellt am 6.3.2001)
Bielefeld: Aisthesis 1999. 512 S. Kart. DM 98,00. ISBN: 3-89528-222-7
Quelle: http://www.iaslonline.de/index.php?vorgang_id=2039


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[Und man war richtig froh... ]
« Reply #4 on: December 15, 2009, 10:50:34 AM »
Quote
[...] Nach zwei Stunden Show hatte Jurymitglied Dieter Falk gerade mit zittriger Stimme Kandidatin Kati rausgeschmissen, eine der Favoritinnen dieses Abends, die man schon fest in der neuen Band geglaubt hätte. Zuvor hatte bereits Ari gehen müssen. Aber jetzt, bei Kati, standen am Bühnenrand weinende Teenager, aus dem Publikum kamen sehr laute Buh-Rufe, Moderator Oli Petszokat wusste auch nicht mehr, was er noch sagen sollte, und Falk hing völlig aufgelöst überm Bühnensofa.

[...] Und man war richtig froh, nach der darauf folgenden Werbepause Stefan Raab zu sehen, der die beiden ausgeschiedenen Kandidatinnen im Arm hatte und ankündigte, nach der Show im Studio nebenan bei "TV total" die neue Band zu begrüßen. "Ich bin schon bei so vielen Plattenfirmen rausgeflogen, bevor ich zum Fernsehen gekommen bin", tröstete er Kati und Ari ungewohnt einfühlsam und scherzte dann: "Jetzt wollen wir nur hoffen, dass Oli P. nicht in die Band gewählt wird."

...


Aus: "Tränen und Kommerz" Von Peer Schader (24.11.2006)
Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,450460,00.html


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[Der Romantiker verortet einen Bruch... ]
« Reply #5 on: December 15, 2009, 11:01:55 AM »
Quote
[...] Die Grundthemen der Romantik sind Gefühl, Leidenschaft, Individualität und individuelles Erleben sowie Seele, vor allem die gequälte Seele. Romantik entstand als Reaktion auf das Monopol der vernunftgerichteten Philosophie der Aufklärung und auf die Strenge des durch die Antike inspirierten Klassizismus. Im Vordergrund stehen Empfindungen wie Sehnsucht, Mysterium und Geheimnis. Dem in die Zukunft gerichteten Rationalismus und Optimismus der Aufklärung wird ein Rückgriff auf das Individuelle und Numinose gegenüber gestellt. Diese Charakteristika sind bezeichnend für die romantische Kunst und für die entsprechende Lebenseinstellung.

Der Romantiker verortet einen Bruch, der die Welt gespalten habe in die Welt der Vernunft, der „Zahlen und Figuren“ (Novalis), und die Welt des Gefühls und des Wunderbaren. Treibende Kraft der deutschen Romantik ist eine ins Unendliche gerichtete Sehnsucht nach Heilung der Welt, nach der Zusammenführung von Gegensätzen zu einem harmonischen Ganzen. Symbolische Orte und Manifestationen dieser Sehnsucht sind nebelverhangene Waldtäler, mittelalterliche Kloster-Ruinen, alte Mythen und Märchen, die Natur etc. Zentrales Symbol für diese Sehnsucht und deren Ziel ist die Blaue Blume, die wie kein anderes Motiv die romantische Suche nach innerer Einheit, Heilung und Unendlichkeit verkörpert.

    „Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.“

    – Ricarda Huch

...


Aus: "Romantik" (12. Dezember 2009)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Romantik


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[Im bürgerlichen Theaterrahmen... ]
« Reply #6 on: September 14, 2010, 05:06:06 PM »
Quote
[...] Theaterbesucher sind in ihrer überwiegenden Mehrheit stets unerträglich. Die, die es sich leisten können, gehen alle paar Monate fein herausgeputzt mit angestrengt interessierter Miene in ein Theater ihrer Nähe, um je nach Zeitpunkt der Vorstellung entweder vorher oder nachher noch gemütlich im Restaurant zu speisen und sich in der Pause einen Sekt zu genehmigen. Statt sich für das gezeigte Stück zu interessieren, hoffen sie von möglichst vielen der ebenfalls aus diesen Gründen Anwesenden in ihrer schon lange vorher konzipierten Aufmachung gesehen zu werden. Die Tradition sich für den Theaterbesuch fein herauszuputzen – sei es im Parkett oder auf dem 2. Rang – ist fest verankert, nicht um die der Kunst innewohnende Kritik oder Transzendenz geht es, sondern um die bildungsbürgerliche Selbstdarstellung. So, wie zur Bestätigung der eigenen Belesenheit hin und wieder Adorno zitiert werden muss – seine radikale Forderung nach der befreiten Gesellschaft natürlich ignorierend – gehört der mehr oder weniger regelmäßige Theaterbesuch zur Selbstinzenierung dieses abstoßenden Milieus. „Ihre Lockung wird zum bloßen Gegenstand der Kontemplation neutralisiert, zur Kunst. Der Gefesselte wohnt einem Konzert bei, reglos lauschend wie später die Konzertbesucher, und sein begeisterter Ruf nach Befreiung verhallt schon als Applaus.“ Dies schreiben Horkheimer und der oben Genannte in der Dialektik der Aufklärung über den bürgerlichen Kunstgenuss in dem das Transzendierende, das Befreiende der Kunst verloren geht – und sie beschreiben damit zu einem nicht unwesentlichen Teil die oben gemeinten Theaterbesucher.

Nun gibt es aber Theater, in denen ist das Publikum noch schlimmer, als normalerweise schon üblich. Ein Theater, das nicht nur das im mehr oder weniger nahen Umkreis siedelnde Bildungsbürgertum anzieht, sondern den oder die provinzielle Bildungsbürger_in dazu verleitet dem Kulturtourismus zu fröhnen. So reisen Vorstellung für Vorstellung Oberstudienrätinnen aus Gelsenkirchen oder den „Kulturteil“ der Westfälischen Nachrichten gestaltende Ideologiedistributeure nach Berlin, um sich einen Besuch in Peymanns Touristentheater nicht entgehen zu lassen. Im „Berliner Ensemble“ ist der bevorzugte Dramatiker gemäß des Schulkanons: Brecht, bevorzugtes Stück: Die Dreigroschenoper. Hier kann man sich wenigstens auch ein wenig wie die Musicalbesucher fühlen, von denen man in der Heimat umgeben ist und die man angesichts ihres gemütlicheren Genusses von einfacher Unterhaltung schon ein wenig beneidet, nicht ohne sich öffentlich im Sinne des Statuserhalts stets vehement abzugrenzen.

Man reist also nach Berlin, fährt, wie ein vorbildlicher Staatsbürger das so tut, hoch in die Kuppel des Reichstages, erfreut sich ein wenig an den „ja so verrückten“ Berlinern und tappert vor der Theateraufführung, weil ja grade WM ist, auch noch zur Leichenbeschau – äh, zum Public Viewing. Doch da kommt der Kleidungs-Konflikt: Feine Theateraufmachung oder Schwarz-Rot-Geil-Uniform? Die Entscheidung traf bei dem Trauerspiel, dem ich beiwohnen musste, der eine so, die andere so. Ein beträchtlicher Teil jedoch zerstörte den Schein, wenigstens einen Ansatz von Vernunft zu besitzen, deutlicht sichtbar durch die schwarz-rot-goldenen Warnfarben – wenigstens ehrlicher als der Rest der Bagage. Dieser gab die anfangs vorhandene Tarnung im Laufe des Abends aber dann auch auf und unterstrich öffentliche seine Vernunftsallergie.

“Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was ist die Ermordung eines Menschen gegen die Anstellung eines Menschen?”, heißt es im Brechtschen Stück. Das Publikum – ob nun zugereist oder nicht – reagiert mit Szenenapplaus auf die Stelle mit der Bank nur, um beim darauffolgenden Satz zu schweigen oder gar höhnisch zu lachen. Die Banken-Kritik lässt den gemeinen Theaterbesucher sich wohlfühlen: Aus moralisch sicherer Position kann er laut und so öffentlich wie möglich auf die angeblich Schuldigen zeigen. Die viel tiefgreifendere Kritik am Arbeits- und damit am Kapitalverhältnis an sich jedoch muss voller Hohn abgewiesen werden, um am nächsten Morgen ja wieder ruhig und pflichtbewusst zur Arbeit gehen zu können – sei es als Angestellter, als Ansteller oder als angeblicher Freiberufler. Die im Stück – zugegebenermaßen äußerst unsubtil – geäußerte Perspektive auf Befreiung, die offene Kritik an kapitalistischer Lohnarbeit, Ausbeutung und bürgerlicher Moralvorstellung verpufft, aus Selbstschutz wird nur das wahrgenommen, was sich gegen andere richten, was andere schuldig scheinen lässt. Ansonsten würde wohl das ja noch ausstehende Abendessen nicht so richtig schmecken wollen.



Aus: "Bildungsbürgertum und Theater" Von dissonanz.wordpress.com (06.07.2010)
Schlagwörter: berliner ensemble, bildungsbürgertum, brecht, dreigroschenoper, theater, Kategorien : Kultur
Quelle: http://dissonanz.wordpress.com/2010/07/06/bildungsburgertum-und-theater/


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[Diabolische Widersprüche... ]
« Reply #7 on: October 19, 2010, 05:05:27 PM »
Quote
Diabolische Widersprüche in der Kulturpolitik der kleinen Hansestadt

[...] Das Haus ist downgegradet worden. Während es sich unter seinem Alt-Intendanten Hans Thoenies stolz "Bühne der Hansestadt Lübeck" nannte, heißt es jetzt nur noch "Theater Lübeck GmbH". Und es hat auch keinen "Generalintendanten" mehr an der Spitze, sondern einen "Geschäftsführenden Theaterdirektor".

Gleich nach seiner Berufung nannten die Lübecker Nachrichten den derzeitigen Amtsinhaber Christian Schwandt einen "Volkswirt". Tatsächlich schreibt Schwandt wie ein Sparkommissar. Zur Begrüßung dieser Spielzeit droht er den "Freundinnen und Freunden des Theaters und Orchesters", nachdem er diplomatisch auf die desaströse Finanzlage des Landes Schleswig-Holstein und Lübecks hingewiesen hat: "Konsolidierung ist der unausweichlich vorgezeichnete Weg." In einem Betrieb, in dem Menschen "nicht durch Maschinen ersetzbar" seien, bliebe nur die Möglichkeit, "Arbeitsabläufe noch weiter zu optimieren".

Roman Brogil-Sacher, Operndirektor und GMD, schreit laut auf, denn der Etat wurde um 23 Prozent gekürzt.


[...] Pit Holzwarth, Lübecks Schauspielchef, ist ein Mann des Volkstheaters, ein Regisseur, der seine Sporen bei der Bremer Shakespeare Company verdient hat. Er ist ein leidenschaftlicher Regisseur, der Geld durch Phantasie ersetzen kann. Aber seine Schauspieler natürlich anständig bezahlen will. Deswegen kritisiert er scharf die gegenwärtige Lage: "Nachdem das Kartenhaus des Kapitalismus zusammengebrochen ist, sollen jetzt die Kommunen ausbluten und die Zeche der wildgewordenen Playboys der Banken bezahlen." ...

 In seiner jetzt vierten Spielzeit gehe um den "Kampf des Menschen gegen die disziplinierenden Kräfte einer totalen Geldwirtschaft", sagt Holzwarth. Neben Thomas Mann hat er in dieser Spielzeit Brechts "Heiliger Johanna der Schlachthöfe" gewählt. Schließlich sei das Theater "Teil der Freiheits- und Demokratiebewegung in Deutschland". Aber wie kann Holzwarth da unter einem Theaterleiter arbeiten, der die Geschäfte so führt, wie er es offen androht?

Das Theater schafft sich selbst ab, der Direktor exekutiert die Imperative der Möchtegernsparer - und die Künstler antworten nicht mit Protest, Streik, Lähmung oder Ermattung - sie schwingen sich zu Großtaten auf. Sehr sympathisch, aber fatal. Denn die neoliberalen Möchtegern-Haushaltssanierer, die ja tatsächlich immer mehr Schulden aufhäufen, triumphieren: Na, also, es geht doch! So gut wart ihr lange nicht!


Aus: "Theaterdonner: Der Teufel in Lübeck" VON ULRICH FISCHER (18.10.2010)
Quelle: http://www.taz.de/1/nord/artikel/1/der-teufel-in-luebeck/


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[Die meisten Schauspieler in Deutschland... ]
« Reply #8 on: January 10, 2011, 01:01:58 PM »
Quote
[...] Die meisten Schauspieler in Deutschland verdienen miserabel. Das zeigt eine Studie der Universität Münster. Mehr als 700 Darsteller von Theater, Film und Fernsehen wurden für die Untersuchung befragt. "Die Hälfte verdient 20.000 Euro brutto oder weniger im Jahr", sagte eine Sprecherin. "Fast 60 Prozent der Befragten waren in den vergangenen zwei Jahren weniger als sechs Monate beschäftigt." Nach Schätzungen arbeiten in Deutschland 20.000 bis 25.000 Menschen als Schauspieler.

Die Untersuchung, die mit dem Titel "Schauspieler in Deutschland: viel Glamour, wenig Geld" überschrieben ist, hat die münstersche Forschungsgruppe am Institut für Soziologie im Auftrag des Bundesverbands der Film- und Fernsehschauspieler erstellt. "Lediglich 4,6 Prozent aller Befragten kommen zusätzlich in die Lage, Arbeitslosengeld I zu beziehen. Für alle anderen fehlt nach wie vor die Absicherung", sagte Andrea D. Bührmann, Leiterin des Projekts.

Mitte 2009 wollte die Bundesregierung mit einer Arbeitslosengeld-Reform die soziale Benachteiligung von Schauspielern aufheben. Die Regierung erkannte damit de facto die strukturelle Benachteiligung kurzzeitig Beschäftigter an. Beschäftigten mit kurz befristeten Verträgen, dazu zählen zahlreiche Schauspieler, sollte dadurch zum Beispiel der Bezug von Arbeitslosengeld I erleichtert werden. Die notwendigen Wirkungen sind der Studie zufolge aber nicht eingetreten.

...


Aus: "Soziale Missstände: Schauspieler verdienen miserabel" (09.01.2011)
Quelle: http://www.ftd.de/lifestyle/entertainment/:soziale-missstaende-schauspieler-verdienen-miserabel/50212821.html


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[Längst sind die Grenzen verwischt... ]
« Reply #9 on: May 10, 2011, 12:46:50 PM »
Quote
[...] Das waren noch Zeiten, als die Performance-Gruppe Showcase Beat Le Mot wütende Manifeste gegen die herrschende Stadttheaterpraxis verfasste. „Die Übernahme findet statt“ lautete der Titel, in dem es dann unter anderem hieß: „Besetzt die Staatstheater, vertreibt die Staatstheaterzombies in die Altersheime, sollen sie da weiter darüber nachdenken, was Tschechow uns heute noch zu sagen hat.“

Das war Ende der neunziger Jahre, als das sogenannte postdramatische Theater gerade in aller Munde war und aufgebracht am Gatter des seriösen Theaterbetriebs rüttelte. Einerseits war die Erregung natürlich verständlich. Nach der zwölften Inszenierung von – sagen wir – Tschechows „Drei Schwestern“ mit mehr oder weniger krampfigen Gegenwartsbezügen konnte einen schon eine grundsätzliche Theaterverzweiflung befallen.

Andererseits war das, was das postdramatische Theater stattdessen zu bieten hatte, auf Dauer auch nicht das Gelbe vom Ei. Statt klassische Texte zu interpretieren, brachten die Theatermacher sich und ihre eigene Befindlichkeit ins Spiel, an der dann irgendwie „gesellschaftliche Diskurse“ durchdekliniert wurden. An der Frage, warum man es selbst nicht zum Popstar geschafft hatte, ließ sich zum Beispiel einiges über Medien, Fernsehshows oder Schlankheitswahn erzählen. Statt Rollen einzunehmen, spielten die Theatermacher lieber Super-8-Filme aus ihrer Kindheit vor oder schwangen Tennisschläger, während sie aus Melvilles „Bartleby“ zitierten. Das war hochgradig charmant, bald aber auch hochgradig ermüdend. Kein Plot, dafür achselzuckend vorgeführte persönliche Ratlosigkeit. Man kam sich in diesen Aufführungen entweder schnell vor wie auf der Geburtstagsfeier des Klassenstrebers, der gern cool sein wollte. Oder wie in einer der frühen Geschichten von Judith Hermann. Lebensgefühl war alles.

Lang ist sie her, die Käseglockenzeit. Das Feindbild Staatstheater ist weitgehend passé, und längst sind die Grenzen zwischen Hochtheater und der Freien Szene verwischt. Heute spricht auch kaum noch jemand vom postdramatischen Theater. Dafür aber vom postmigrantischen, das sich der Lebenswirklichkeit sogenannter Migranten (und den Klischeevorstellungen der sogenannten Mehrheitsgesellschaft) widmet. Und noch viel mehr vom Dokumentartheater, von dem im Moment die lebendigsten, die aufregendsten Impulse ausgehen. Im Sinne der Showcase-Truppe: Die Übernahme hat stattgefunden!

Was sich nun, etwas verspätet, auch in der Auswahl zum diesjährigen Theatertreffen spiegelt. Vom Ballhaus Naunynstraße kommt „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat und Jens Hillje, bei dem eine deutsche Lehrerin unter drohender Zuhilfenahme einer Pistole Migrantenkinder dazu bringt, Schillers „Räuber“ zu spielen. Und mit der Arbeit „Das Testament“ der Performance-Gruppe She She Pop, quasi die weibliche Version von Showcase und ebenfalls in den Neunzigern gegründet, wurde zum ersten Mal eine Produktion vom HAU eingeladen.

Die Performer von damals haben nicht aufgehört, sie haben sich glücklicherweise nur verändert. Ging es früher vor allem ums eigene Lebensgefühl, wird jetzt die Lebenswirklichkeit der anderen verhandelt. Man schaut nicht mehr auf sich selbst, sondern stellt Fragen an die Umwelt. Im Fall von She She Pop zum Beispiel sehr unterhaltsame und sehr heikle an die eigenen Väter. Angelehnt an Shakespeares „König Lear“ geht es um den Generationenwechsel und die Komplikationen, die mit ihm einhergehen. Zum Beispiel um das Rätsel, ob Liebe beim Erben irgendwie verrechnet werden kann. Die Väter der Theatermacher stehen auch selbst auf der Bühne, als beeindruckende Experten des Alltags.

Mit denen, also mit Laien, die aus ihrem Leben berichten, arbeitet die Gruppe Rimini Protokoll schon lange. Mal lädt die Gruppe in ihren Projekten Müllsammler aus Istanbul auf die Bühne, mal Leidtragende der Krise in Griechenland oder in Deutschland aufgewachsene Adoptivkindern aus Vietnam. Gerade hatte am HAU „Bodenprobe Kasachstan“ Premiere, bei der es unter anderem um die Geschichten russlanddeutscher Ölsucher geht. Rimini Protokoll sind zwar nicht im Hauptprogramm vertreten, aber im Rahmen des Theatertreffens wird von ihnen „Radioortung 2–50 Aktenkilometer“ realisiert. Bei dem „begehbaren Stasi-Hörspiel“ wird der Besucher zum „eingeweihten“ Fußgänger, der – am Alexanderplatz startend – über GPS-Telefone durch die Stadt und dabei in die Zeit des Kalten Krieges gelotst wird.

Das diesjährige Theatertreffen ist jünger, spritziger, zeigt Produktionen von kleinen Häusern, heißt es. Es ist aber auch deshalb so vielversprechend, weil es dokumentarischer ist. Natürlich, es gibt auch dieses Jahr den obligatorischen Tschechow, den „Kirschgarten“ in der Regie von Karin Henkel aus Köln. Oder die ewig klassische „Nora“, in der Oberhausener Einrichtung des eher unkonventionellen Regisseurs Herbert Fritsch. Aber es fällt auf, dass auch die zeitgenössischen Stücke, die zu sehen sind, ihren Stoff aus der (meist) allerjüngsten Gegenwart beziehen. Nicht nur „Verrücktes Blut“.

In „Die Beteiligten“ geht es um „den Fall Natascha Kampusch“, wobei die Autorin Katrin Röggla geschickt mit einer doppelten Verfremdung arbeitet. Bei ihr kommt nicht Natascha Kampusch zu Wort, sondern sechs angeblich Beteiligte, die aber ihre Sicht der Dinge so erzählen, als würde die unsichtbare Hauptperson sie wiederholen. In der Trilogie „Das Werk/Im Bus/Ein Sturz“ verhandelt Elfriede Jelinek gleich drei reale Vorfälle, in denen die Natur zurückschlägt. Teil eins handelt vom Bau eines Wasserwerks in den Kapruner Alpen, bei dem zwischen 1928 und 1955 hunderte Arbeiter sterben. Das Mittelstück erzählt von einem Busunfall aus dem Jahr 1994, während es zum Schluss um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009 geht – und um die hilflose Reaktion der Stadtoberen.

Am Ende von She She Pops Familienzurechtrückungsabend „Testament“ gibt es eine schöne, vielsagende Szene. Die Väter der Theatermacherinnen stehen, Mikrofon in der Hand, an der Rampe und verzeihen öffentlich ihren Töchtern. Ein Vater sagt: „Ich verzeihe dir, dass du Theater studiert und daraus sogar einen Beruf gemacht hast!“ Als hätte er erst jetzt verstanden, dass Theater keine alberne Spielerei sein muss, sondern ein Ort sein kann, an dem tatsächlich Wichtiges zur Sprache kommt.

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Aus: "Die Übernahme hat stattgefunden" (05.05.2011 )
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/kultur/die-uebernahme-hat-stattgefunden/4139566.html


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[Damals als das Theater die wichtigste Sache der Welt war... ]
« Reply #10 on: April 11, 2012, 11:34:25 AM »
Quote
... Ich habe selten einen höflicheren, und verständigeren Mann übers Theater sprechen hören als Ivan Nagel. Natürlich fehlt er. Jetzt sitzt er im Himmel und erinnert sich mit Peter Zadek und Uli Wildgruber an die tollen siebziger Jahre, und wird sich hoffentlich gönnen, über die Pfeffersäcke zu lästern, die ihn damals hinausgegrault haben.

Damals, als die Bühnen zu fliegen begannen und Theater die wichtigste Sache der Welt war.



Aus: "Der Vater des Monsters" Matthias Matussek Zum Tode Ivan Nagels (10.04.2012)
Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,826711,00.html

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[Dem Inzest sein Zuhause!... ]
« Reply #11 on: December 11, 2012, 12:25:35 PM »
Anselm Lenz, Dramaturg, Journalist und Texter, Jahrgang 1980, lebt und arbeitet in Hamburg und Berlin. Lenz hat sich mit politischen und performativen Theaterformen beschäftigt, Inszenierungen in Hamburg, Wien, Braunschweig und Berlin betreut, am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg die spektakuläre Szene-Reihe »Explosion« verantwortet und gilt als Gründungsmitglied der Bar »Golem« am Hamburger Fischmarkt, für die er wöchentlich den literarischen Newsletter »Golem Cogitationes« verfaßt. | Quelle: http://fall-magazin.com/users/anselm-lenz



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[...] hochverehrte gäste!

auf einladung eines vertreters des herrschenden verblödungszusammenhangs war Lucia eingeladen, das staatstheater zu besuchen, sie wissen, jenen hort dümmlichster arroganz des selbsternannten bildungsbürgertums und seiner freunde, das letzte latifundium einer geistesschwachen aristokratie des geisttums, wo man sich kirchengleich in mißlungenster selbstbeweihräucherung huldigt, letztlich also auf staatskosten die sau im sonntagsstaat rausläßt, eine runde pennt, und im anschluß weinsorten vergleicht.

um in diese kirche des deutschen mittelmaßes zu gelangen, mußte Lucia gar nichts weiter tun, denn sie war ja eingeladen, es wurde aber von ihr erwartet, sich der sache würdig zu zeigen. das erodierende mittelmaß verlangt nicht mehr viel an zustimmung, aber zumindest ein paar regeln müssen noch eingehalten werden, nicht Lucia?, das kann doch wohl erwartet werden. dazu zählt ein gewisses einvernehmen darüber, daß die, die nicht da sind, nicht da sind, weil sie es sich nicht verdient haben:


- dicke kinder

- menschen mit einer aufmerksamkeitsspanne unter 150 Minuten

- migranten ohne rollkragenpullover

- harndrang, rascheln, telefon, husten

- junge männer mit pickeln

- überhaupt computertypen

- und polnische gothic-freaks

- merke: ein hartz-IV-empfänger von 2012 hat mehr wohlstand als ein facharbeiter von 1970

- helmut schmidt (die zeit)


insgesamt ist es also gar nicht so schwierig, dazuzugehören, sofern man willens und in der lage ist, das verkalkte spiel für einen abend mitzuspielen. natürlich werden fragen an die gesellschaft ausgehandelt, alles ist politik, und irgendwie waren alle alten damen und herren mal 68er, aber das ist lange her, und heuer hat es nach den regeln heutiger alter damen und herren abzulaufen.

jeanshosen gehen durch, wer nicht über nackte auf der bühne hinwegblicken kann, outet sich als kleinbürgerlicher nichtversteher, textkenntnis und rezeptionsgeschichte werden vorausgesetzt oder gefaket. das mittelmaß sogenannt »gehobener« vororte huldigt sich selbst und bringt seine brut in position, sofern sie irgendwie halbwegs hübsch ist. ein blick in die rosigen dekolletés der vorstadttöchter wird doch wohl gestattet sein, das gehört doch auch dazu, schließlich, es sind die eigenen.

»dem inzest sein zuhause!«, rief Lucia am ende ihres berichtes über den tresen unserer taverne, dem schankhaus des vielgestaltig rülpsenden pöbels, »aber ohne mich«. Sie hatte während der vorstellung das staatstheater, die ihr an jenem abend oktroyierte talkshow, verlassen, um schonmal eine coca-cola und ein glas wasser zu trinken.

...


Aus: "GOLEM COGITATIONES #78" (Email (bulletin), 11.12.2012)

Offline Textaris(txt*bot)

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[Wandel der Öffentlichkeit & dieser Einbruch der Realität... ]
« Reply #12 on: April 30, 2015, 10:33:49 AM »
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[...]  „Wir können euch nicht helfen, wir müssen euch doch spielen!“ Dies ist der Schlüsselsatz in Nicolas Stemanns Inszenierung „Die Schutzbefohlenen“ nach Elfriede Jelinek, die das 52. Theatertreffen in Berlin eröffnete. Es ist die Inszenierung der Stunde, eine wütende Abrechnung mit der europäischen Ignoranz gegenüber den Abertausenden Flüchtlingen – und der Hilflosigkeit des Theaters.

... Was kann das Theater tun? Wie kann es sensible Themen wie Flucht auf die Bühne bringen und die Wirklichkeit der Geflüchteten reflektieren, ohne in den Paternalismus des Repräsentationstheaters zu verfallen?

... In Hamburg etwa wird gegen die Kampnagel-Intendantin ermittelt, wegen Verdachts auf „Beihilfe zum Verstoß gegen das Aufenthaltsrecht für Ausländer“. Amelie Deuflhard hatte in einer Kunstaktion afrikanische Geflüchtete ein 24-Stunden-Winterquartier errichten lassen.

Dieser Einbruch der Realität der Marginalisierten macht auch aus Stemanns Inszenierung mehr als ein bloßes Vorführen der gesellschaftlichen Konflikte nach Brecht. Mit den illegalisierten SchauspielerInnen kommt das konkrete Scheitern der Gesellschaft auf die Bühne. Der fundamentale Ausschluss von Geflüchteten. „Das ist Rassismus“, sagt Ahmed Shah. Für die klaren Worte bekommt er Applaus.

Eine Erkenntnis dieses Tages ist, wie wichtig die Flüchtlingsproteste waren, um eine Debatte über Repräsentation und Ausschluss zu beginnen. Sie wurde von den Geflüchteten erzwungen. Nicht vom Theater. Nicht von der Gesellschaft. Tatsächlich gibt es immer mehr partizipative Theaterprojekte, Kulturinstitutionen öffnen sich einen Spalt.

Diese Entwicklung zeigt sich auf dem Podium, wo VertreterInnen des traditionellen Theaters und der neuen deutschen Szene sitzen. Am Ende resümierte Barbara Burckhardt von der Jury des Theatertreffens, sie sei mit der Frage in die Diskussion gegangen, wie Theater Kunsträume überschreiten könne: „Aber eigentlich müssen die Theater sich öffnen und Platz schaffen für das, was schon da ist.“ Eine späte, aber sehr ehrliche Erkenntnis.


Aus: "Der Einbruch der Realität" Sonja Vogel (03.05.2015)
Quelle: https://www.taz.de/Berliner-Theatertreffen/!159249/

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[...] Die große Frage im Umgang mit dem Text ist: Wer spricht hier für wen, oder wem soll letztendlich wirklich dadurch eine Stimme gegeben werden. Das typische Repräsentations- und Stellvertreterdilemma des Theaters, das hier noch dadurch verstärkt wird, dass man nicht etwa nur eine fiktive Rolle spielt, sondern im Namen einer tatsächlich vorhandenen, aber größtenteils stummen Menschengruppe spricht. Darüber können auch einzelne Aktionen von Flüchtlingen in Wien, Berlin und Hamburg (meist aus einem anderen Schutzraum, wie dem der Kirche, heraus) nicht hinwegtäuschen. Diese Menschen sind uns größtenteils dadurch fremd, dass wir ihre Geschichte(n) nicht kennen und uns auch bisher nicht, von wenigen Ausnahmen abgesehen, für diese interessiert haben. ... Die wirklich Betroffenen kommen aber auch noch zu Wort. Im Hintergrund formiert sich ein echter Chor aus Schutzsuchenden, die wiederum ihre ganz eigenen Geschichten erzählen. Elfriede Jelinek hat ihr Stück in Anlehnung an in Wien Asyl suchende Menschen geschrieben, die aus Angst vor der Abschiebung die dortige Votivkirche besetzten. Nicolas Stemann spielte in Hamburg mit einer Gruppe von Lampedusa-Flüchtlingen, die in der Sankt Pauli Kirche Zuflucht gesucht hatten. In Berlin sind es Menschen, die vor kurzem noch den Oranienplatz und die Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg besetzt hielten. Ein Umstand, der ein weiteres Dilemma zeigt: die Unfreiheit als Flüchtling in einer freiheitlichen Demokratie. ...

Die Inszenierung erntete bisher viel Lob, aber auch ernst zu nehmende Ablehnung. Da tat Stemann sicher gut daran, die Zweifel der Darstellbarkeit gleich mit zu thematisieren. Man kann sich natürlich auch andere Performances wie Schlepperopern oder szenisch aufbereitete Wikipedia-Vorträge über Frontex ansehen (die haben sicher auch ihre Berechtigung). ...

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Aus: "DIE SCHUTZBEFOHLENEN - Thalia Theater Hamburg" Stefan Bock (2. Mai 2015)
http://www.livekritik.de/kultura-extra/theater/spezial/tt2015_dieschutzbefohlenen_thaliatheaterhamburg.php

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[...] ... was heute das Publikum sein kann, an der Volksbühne und im Theater überhaupt, ist unklarer denn je.
Seit jeher versammelt das Theater die Menschen, um ihre Themen zu verhandeln. Es lebt davon, dass es gemeinschaftliche Erfahrungen gibt, mit denen es spielen kann. Die gibt es heute immer weniger. Das liegt ... am Wandel der Öffentlichkeit. Das Theater, sagt Dercon, ist „ein symbolischer und ein realer Ort zugleich“. Das war es. Heute ist es nur noch ein realer Ort.

Schon vor fast 40 Jahren hat der Soziologe Richard Sennett vom „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“ geschrieben, von der Erosion des öffentlichen Raumes und der sozialen Interaktion. Jene Orte, die traditionell Gemeinschaft schufen, haben diese Funktion verloren: Es gibt Schulen ohne Klopapier und Schulen, wo Fünfjährige Chinesisch lernen; die einen fahren Zug, die anderen billig mit Langstreckenbussen; und zur Bundeswehr geht nur noch, wer das will – oder nichts anderes hat. Die Ausdifferenzierung der Gesellschaft macht den Raum, den alle gemeinsam haben, kleiner. Selbst das Einkaufen findet nicht mehr auf dem Markt, sondern im Internet statt – ohne soziale Interaktion.

„Die Athener“, schreibt Christian Meier in seinem Buch über die Tragödie und das Politische, „waren weit mehr aufeinander als auf sich selbst angewiesen.“ Das ist heute anders. Heute kann man leichter alleine leben als je zuvor, und deshalb schrumpft die Sphäre des Öffentlichen. Das klassische Bild vom Theatrum mundi zielte noch auf die Verbindung von Ästhetik und sozialer Realität. Doch dieser Welt gehen die Schauspieler verloren. Die Gesellschaft ist kein Theater mehr, sie hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen; umgekehrt ersetzt das Theater die Gemeinschaft nicht mehr.

Das Theater ist im Einzelfall noch immer anregend und eindrucksvoll – es ist aber infolge des gesellschaftlichen Wandels im Kern nicht mehr politisch. Das Theater ist nicht mehr die Bühne, auf der die Dinge heute verhandelt werden. ...


Aus: "Bühne ohne Volk" Moritz Schuller (29.04.2015)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/kultur/renner-peymann-dercon-und-der-streit-ums-theater-buehne-ohne-volk/11709528.html

« Last Edit: May 04, 2015, 04:54:23 PM by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

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[Im bürgerlichen Theaterrahmen... ]
« Reply #13 on: February 04, 2019, 09:51:42 AM »
Quote
[...] Christine Wahl: Ihre Theatersprache ist tatsächlich eher drastisch als subtil. In „Balkan macht frei“ am Münchner Residenztheater wird zum Beispiel derart lebensecht Waterboarding praktiziert, dass häufig Zuschauer auf die Bühne laufen, um die Szene zu beenden.

Oliver Frljić: Theater besteht ja nicht nur daraus, was wir auf die Bühne bringen. Es ist vor allem eine Sache des Publikums. Ich sehe die Zuschauer in gewisser Weise als Co- Autoren. Natürlich wollen viele diese aktive Rolle gar nicht, sondern kommen nur ins Theater, um das zu sehen, was sie sowieso schon wissen, bestenfalls in einem anderen Licht- oder Bühnendesign. [...]  Ich frage mich: Soll ich bestimmte Normen akzeptieren und versuchen, Teil dieses Theatersystems zu werden? Oder soll ich sie weiter hinterfragen und eine Menge Missverständnisse und wütende Reaktionen heraufbeschwören?

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Aus: "Theatermacher Oliver Frljić im Gespräch „Ich messe meinen Erfolg an den Schlägen“" (04.02.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/theatermacher-oliver-frlji-im-gespraech-ich-messe-meinenerfolg-an-den-schlaegen/23943486.html