Author Topic: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen... ]  (Read 148228 times)

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[Eine völlig andere Konzeption der Wirklichkeit... ]
« Reply #175 on: Juli 26, 2011, 03:31:51 nachm. »
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[...] Der rechtsradikale Behring hatte den Bombenanschlag in Oslo und das Massaker auf der Insel Utøya mit mindestens 76 Toten damit begründet, dass er die sozialdemokratische Partei Norwegens möglichst hart treffen wollte. Der 32-Jährige soll in der Haft von zwei Rechtspsychiatern auf seine Zurechnungsfähigkeit untersucht werden. Die meisten seiner Opfer waren Teenager, die ein Sommerlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF besuchten. (dpa/abendblatt.de)

...


Aus: "Anschläge in Norwegen: Breivik: Etliche weitere Zellen seiner Bewegung im Ausland" (26.07.2011)
Quelle: http://www.abendblatt.de/politik/ausland/article1969778/Breivik-Etliche-weitere-Zellen-seiner-Bewegung-im-Ausland.html


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[...] Hamburg - "Mit hoher Wahrscheinlichkeit psychisch gestört" - so sieht der Anwalt des norwegischen Attentäters Anders Breivik seinen Mandaten. Verteidiger Geir Lippestad sagte auf einer Pressekonferenz in Oslo, der ganze Fall deute darauf hin, dass sein Mandant geisteskrank sei. Es sei aber noch zu früh, um zu sagen, ob Breivik auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren würde.

Ein solcher Schritt könnte seinem Mandanten möglicherweise schwerfallen, erklärte Lippestad. Immerhin sehe sich Breivik selbst "als einzige Person, die die Wahrheit erkannt hat".

Breivik glaube, er befindet sich in einem Krieg, so der Anwalt weiter. "Und wenn du in einem Krieg bist, kannst du Dinge wie diese machen", beschrieb er die Sicht des Beschuldigten. Breivik denke, dass seine "Operation" nach Plan verlaufe, er wähne sich in einem "60 Jahre währenden Krieg". Sein Mandant sei sich weder der zahlreichen Opfer noch der Reaktion der Öffentlichkeit bewusst, so der Jurist.

Breivik habe vor der Tat Drogen genommen, die ihn stark und wach halten sollten, berichtete sein Anwalt. Um was für Substanzen es sich dabei handelte, ist nicht bekannt.

Die von der Justiz angekündigte rechtspsychiatrische Untersuchung des Attentäters dürfte nach Angaben des Anwalts sechs bis zwölf Monate dauern. Auch der Gerichtsprozess werde eine "ausgesprochen lange und komplizierte Angelegenheit", sagte er.

Breivik hatte den Doppelanschlag mit 76 Toten gestanden, hält sich aber für unschuldig . Sollte das Gericht ihn für unzurechnungsfähig erklären, wäre die dauerhafte Einweisung in eine geschlossene und besonders gesicherte psychiatrische Einrichtung wahrscheinlich.

Die Anhörung vor dem Haftrichter fand am Montag unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Wie Lippestad nun sagte, fiel diese Entscheidung auch aus Sorge, Breivik könne Botschaften an mögliche andere Zellen senden. Der Attentäter hatte eine öffentliche Anhörung gefordert, um seine Ideologie erklären zu können.

Nach Angaben Lippestads sprach der 32-Jährige auch von weiteren Zellen in seiner Bewegung: zwei Zellen in Norwegen und noch etliche weitere im westlichen Ausland. Von zwei Zellen in seinem Heimatland hatte Breivik schon in der ersten Anhörung vor Gericht gesprochen.

Bereits vor der heutigen Pressekonferenz hatte Lippestad erklärt, sein Mandant nehme die Welt um ihn herum anders wahr , lebe in einer verschrobenen Realität. "Er hat eine völlig andere Konzeption der Wirklichkeit als wir anderen Norweger", sagte Lippestad. "Zum Beispiel glaubt er, dass in norwegischen Gefängnissen Folter existiert."

Laut seinem Anwalt hatte Breivik erwartet, auf dem Weg zum Gericht angegriffen und möglicherweise sogar getötet zu werden. Tatsächlich hatten einige Personen den Gefangenentransport attackiert, einen Anschlag gab es jedoch nicht. Breivik rechnet nach eigenen Angaben nicht damit, das Gefängnis je wieder verlassen zu dürfen.

Breivik sitzt für die kommenden acht Wochen in Untersuchungshaft, die ersten vier Wochen verbringt er in Isolationshaft: Er darf keinen Besuch empfangen und mit niemanden sprechen außer mit seinem Anwalt.

hut/dpa/AP/Reuters


Aus: "Anwalt bezeichnet Breivik als geisteskrank" (26.07.2011)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,776701,00.html

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[...] Dem 32-Jährigen wird dort attestiert, dass er zum Zeitpunkt der Tat an paranoider Schizophrenie litt und damit als unzurechnungsfähig gelten muss.

... In seinem unmittelbar vor den Morden im Internet veröffentlichten Pamphlet beschreibt Breivik sich selbst als "psychisch extrem stabilen" erfolgreichen Mann aus bürgerlichem Hause. Was inzwischen über ihn bekannt ist, deutet allerdings darauf hin, dass zumindest Teile dieser Selbstdarstellung rosiger sind, als es der Wahrheit entspricht. Breivik wuchs in einer kaputten Familie auf. Seine Eltern trennten sich kurz nach seiner Geburt, er wurde früh ein Fall für die Sozialbehörden. Als er vier Jahre alt war, empfahl ein Psychologe, den Jungen umgehend in einem Heim unterzubringen - zu Hause drohe er Schaden zu nehmen. Nachbarn hatten zuvor Alarm geschlagen, weil bei Breiviks laut gestritten wurde und Anders und seine sechs Jahre ältere Schwester oft alleine waren. Der Vater, der mit seiner zweiten Frau in Frankreich lebte, versuchte damals, sich das Sorgerecht zu erstreiten - und scheiterte.

Die Behörden unternahmen nicht viel: Breivik wurde kurz bei einer Pflegefamilie untergebracht, kam aber bald wieder zurück zur Mutter. Bei ihr wuchs er in den reichen Vororten im Westen Oslos auf, allerdings in den einfachen Verhältnissen einer kleinen Mietwohnung. In der Schule war er damit ein Außenseiter. Mitschüler, die von norwegischen Medien befragt wurden, beschreiben ihn als zurückgezogen. Erst mit 15 Jahren veränderte er sich: Breivik begann mit Krafttraining, interessierte sich für Hip-Hop. Später träumte er von einer Wirtschaftskarriere. Er wollte reich werden und besuchte das Handelsgymnasium, machte dort aber trotz guter Noten nie einen Abschluss.

Mit 17 Jahren trat er dann in die Jugendorganisation der rechtspopulistischen Fortschrittspartei ein. Hier kamen seine politischen Ansichten erstmals zum Vorschein, insbesondere sein Islam-Hass. Breivik war selbst den Rechtspopulisten zu radikal. Nach drei Jahren trat er wieder aus der Partei aus. In Erzählungen von ehemaligen Bekannten erscheint er meist als jemand, der dazugehören wollte - aber es nie schaffte. Gestört wirkte er nicht auf seine Mitmenschen. Seine Steuererklärungen zeugen indes von Geldproblemen. Die letzten Jahre vor der Tat wohnte er wieder bei seiner Mutter und verbrachte Wochen in seinem alten Kinderzimmer mit Computerspielen. Vermutlich verlor er sich in dieser Zeit endgültig in seiner Fantasiewelt, in der zum selbst ernannten Tempelritter mutierte, zum Erlöser Norwegens. So sah er sich in seinem "Manifest".

Es ist dieses gestörte Selbstbild, dem die Rechtspsychiater nun großes Gewicht beimessen. Größen- und Verfolgungswahn sind Symptome von Schizophrenie. Breivik leide unter "bizarren Wahnvorstellungen", sagte Staatsanwalt Svein Holden am Dienstag. "Danach kann er nach eigener Auffassung entscheiden, wer leben darf und wer sterben muss." Die Krankheit habe sich über längere Zeit entwickelt.

Für den Strafprozess hat das zunächst kaum Auswirkungen, er soll wie geplant am 16. April 2012 starten. Am Ende wird das Gericht über die Zurechnungsfähigkeit Breiviks entscheiden. Vor dem Prozess wird das Gutachten noch von einer Expertenkommission überprüft. Sollte die Einschätzung der Rechtspsychiater in beiden Fällen Bestand haben, wird Breivik wohl in einer geschlossene Anstalt landen. Vermutlich für sehr lange Zeit, möglicherweise für immer, denn dem Gutachten zufolge ist er eine Gefahr. Für andere und für sich selbst.

...


Aus: ""Bizarre Wahnvorstellungen"" Von Gunnar Herrmann, Stockholm (29.11.2011)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/panorama/attentaeter-breivik-fuer-schuldunfaehig-erklaert-bizarre-wahnvorstellungen-1.1221919

« Last Edit: November 30, 2011, 10:01:24 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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[Johnny K. ... ]
« Reply #176 on: November 01, 2012, 09:55:27 vorm. »
Quote
[...] ... Den am Boden Liegenden mit Fußtritten malträtieren, auf den Kopf eintreten.
So starb in der Nacht zum 14. Oktober auch Johnny K. Sechs junge Männer sollen ihn vor einem Lokal am Berliner Alexanderplatz ohne ersichtlichen Grund, ohne Vorwarnung zusammengeschlagen und getreten haben. Johnny K. erlag einen Tag später seinen schweren Gehirnblutungen.
Ein Junge von 20 Jahren, der - wie sein Vater sagte - gerade erst "ein junger Mann" geworden war. Einer, der sich an seiner Religion, dem Buddhismus, orientierte und positiv durchs Leben marschierte. Der gern zur Schule und zur Arbeit ging, sich nie prügelte - und sich in seiner Heimat Berlin sicher fühlte, als er nach einer Geburtstagsfeier mit seinen Freunden durch die Stadt zog.

.... Was Winterhoff aus seinem Berufsalltag schilderte, klang beängstigend. Die gravierende Veränderung der Gewaltqualität nehme zu, nämlich: die willkürliche Wahl eines Opfers, das Eindreschen auf am Boden Liegende, das exzessive Prügeln und Treten wie im Rausch.

"Diese Jugendlichen zeigen keine Reue, empfinden keine Empathie", sagte Winterhoff. Viele von ihnen hätten den Reifegrad von Kleinkindern und müssten genau so behandelt werden: Sie müssten von klein auf lernen, ein Nein zu akzeptieren. Das würde heutzutage zunehmend in den Hintergrund geraten. "Ich habe Sieben-, Achtjährige, die ihre Lehrer treten - und das sind durchaus gut erzogene, gut betreute Kinder."

Anstatt ihnen Grenzen aufzuzeigen, würden diese Kinder oft pathologisiert: ADHS oder Hochbegabung könne so zu einer Art Schutzschild für Eltern werden, hinter dem sie ihre Verantwortung verstecken. Für viele Kinder sei erst Jugendarrest ein einschneidendes Erlebnis.

Tina K. sagte, eine harte Strafe für die, die den Tod ihres Bruders zu verantworten hätten, würde ihr vielleicht das Gefühl von Gerechtigkeit vermitteln. Doch eigentlich wirkte sie so, als könne sie ihr Empfinden nicht kategorisieren. Wichtig schien ihr vielmehr, dass Justiz und Staat auf ihrer Seite - der des Opfers - stehen.

Die Täter haben ihrer Ansicht nach aus Hass und Wut gehandelt - Emotionen, die Tina K. fremd sind. "Ich habe nichts davon, diese Menschen zu hassen", erklärte sie mit fester Stimme. Ihre Mutter wünsche sich gar, diese jungen Männer sollten zur Familie des Opfers nach Hause kommen, die Tat zugeben, sich entschuldigen, Reue zeigen. Tina K. teilt die Vorstellung ihrer Mutter, doch ihr geht es nicht nur um die eigene Familie. "Mir tun auch deren Eltern leid, die schämen sich bestimmt für ihre Söhne und denken, sie haben etwas falsch gemacht."


Aus: ""Wir sind zu weich mit Tätern umgegangen"" Von Julia Jüttner (01.11.2012)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/anne-will-talkshow-zu-gewalttat-am-alexanderplatz-a-864570.html


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[Der Mann habe... ]
« Reply #177 on: September 10, 2014, 12:17:48 nachm. »
Quote
[...] Ein 32 Jahre alter Vater aus dem US-Bundesstaat South Carolina soll laut Polizei seine fünf Kinder getötet und in Müllsäcken vergraben haben.

Die Leichen seien am Dienstag nach aufwendiger Suche gefunden worden.

Dies teilte das Sheriff-Büro in Lexington (South Carolina) mit, wo der Vater mit den Kindern gelebt habe. Bei den Opfern handle es sich um drei Jungen und zwei Mädchen im Alter zwischen einem und acht Jahren. Die Mutter habe sie in der vergangenen Woche als vermisst gemeldet.

Der 32-Jährige sei am Samstag wegen Alkohols am Steuer im Bundesstaat Mississippi festgenommen worden, teilte die dortige Behörde für öffentliche Sicherheit mit. In seinem Wagen seien Spuren gefunden worden, die auf ein Verbrechen hindeuteten. Nach weiteren Ermittlungen seien die fünf Leichen in einem ländlichen Gebiet im Bundesstaat Alabama entdeckt worden.

Der Mann habe die Polizei selbst zu den Leichen geführt, berichtete der Sender CNN. «Das Ausmass dieses Verbrechens ist unerträglich», erklärte Mississippis Sicherheitsbeauftragter Albert Santa Cruz in einer Mitteilung.


Aus: "Familiendrama in South Carolina - Vater vergräbt seine fünf Kinder in Müllsäcken" (10. September 2014)
Quelle: http://www.20min.ch/panorama/news/story/Vater-vergraebt-seine-fuenf-Kinder-in-Muellsaecken-22501725

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[Gewalt + Persönlichkeitsstörungen... ]
« Reply #178 on: Mai 17, 2017, 09:27:14 vorm. »
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[...]  „Dass es an unseren Schulen immer mehr Gewalt gibt, ist ein Alarmsignal, dass etwas falsch läuft in unserer Gesellschaft“, kommentierte der SPD-Bildungsexperte Joschka Langenbrinck die neuen Zahlen. Er hatte 2016 das Berliner „Programm gegen Gewalt an Schulen“ mitinitiiert. ...

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fortschritt63 16.05.2017, 22:47 Uhr
Gewaltprävention fängt schon im  Elternhaus an. Wenn dort  Gewalt als legitim erklärt oder täglich erlebt wird, wird diese wie anerzogen weitergegeben. Wenn dann noch mediale Gewalt konsumiert wird, die es reichlich und wie beispielhaft gibt, dann ist der Einstieg mancher in die Gewalt und die an den Schulen vorgezeichnet. ...


Quote
jeffrowland 16.05.2017, 20:14 Uhr
Antwort auf den Beitrag von newworlds 16.05.2017, 19:45 Uhr

    Zahlen zu einschlägigen Schulen und Herkunft der Täter werden natürlich auch nicht genannt - wie immer.

Das kann ich gerne übernehmen: An der Grundschule in Frohnau, an der mein Sohn letztens krankenhausreif attackiert wurde, war der Täter deutsch, weiß und gutbürgerlich. War es das, was Sie hören wollten?


Quote
KaiserVonChina 16.05.2017, 21:20 Uhr
Antwort auf den Beitrag von newworlds 16.05.2017, 20:34 Uhr

    Ich will nur gerne eine objektive  Diskussionsgrundlage haben, statt irgendwelche möglicherweise aus "Antirassismus" selektiv ausgewählte Daten.

Und selbst wenn man herausfinden sollte, dass kirgisische, albanische, kubanische oder wasweißich Kinder überdurchschnittlich oft als Gewalttäter auftreten-
Was solls? Die sinnvollste Maßnahme ist es, Gewaltprävention zu betreiben.


Quote
vielleser 16.05.2017, 22:40 Uhr
Antwort auf den Beitrag von jeffrowland 16.05.2017, 20:14 Uhr
Vorfälle

Guten Tag, auf der Grundschule in Mariendorf, die mein Sohn besucht, wurden kürzlich -auf dem Schulfest- mehrere Kinder geschlagen und bestohlen.
Der Täter war ein ca. 7-8 jähriger(!) Knabe, die Taten wurden seinen Eltern belacht (ich dachte ich spinne). ...


...


Aus: "Aktuelle Zahlen der Bildungsverwaltung: Gewalt an Berliner Schulen nimmt zu" (16.05.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/berlin/aktuelle-zahlen-der-bildungsverwaltung-gewalt-an-berliner-schulen-nimmt-zu/19812206.html


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« Reply #179 on: Juli 23, 2019, 09:11:59 vorm. »
Quote
[...] Der tödliche Stoß vor einen einfahrenden Zug im niederrheinischen Voerde kam für das Opfer wohl völlig überraschend. Der Täter soll sich der Frau wortlos von hinten genähert haben, erzählten Zeugen der Polizei. Dann habe er sie auf das Gleis gestoßen. „Einfach so. Er hat nicht vorher mit ihr gesprochen, geredet. Er soll zu ihr hingegangen sein und sie gestoßen haben“, sagte Polizeisprecherin Jacqueline Grahl am Montag.

Die Tat habe sich am Samstagmorgen 8.45 Uhr im niederrheinischen Bahnhof Voerde bei der Einfahrt des Regionalzugs nach Oberhausen ereignet. Der 28-jährige mutmaßliche Täter und das 34-jährige Opfer kannten sich laut Polizei nicht. Vorher hatte es nach Angaben der Ermittler auch keinerlei Streit zwischen dem mutmaßlichen Mörder und dem Opfer gegeben.

Ein couragierter Zeuge habe den Mann sofort danach gepackt und festgehalten, bis ihm andere zur Hilfe gekommen seien. Das Opfer, die Mutter einer 13-Jährigen, sei zu dem Zeitpunkt mit einem Bekannten unterwegs gewesen. „Die Frau hinterlässt Mann und Kind“, sagte die Polizeisprecherin.

Der 28-Jährige Tatverdächtige sitzt wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft. Er soll die Frau heimtückisch und aus Mordlust ins Gleisbett vor die Regionalbahn gestoßen haben. Er schwieg bislang zu den Vorwürfen. „Es hat sich zu den Tatvorwürfen nicht geäußert und lässt sich anwaltlich vertreten“, sagte Polizeisprecherin Grahl.

Der in Deutschland geborene Serbe ist für die Polizei kein Unbekannter. Er sei schon wegen Diebstahls und Körperverletzungen aufgefallen, sagte die Polizeisprecherin am Montag. Es gebe zwei Verfahren, in denen er Polizisten verletzt habe: Ende Juni soll er demnach in einer Gaststätte randaliert haben. Als Polizisten ihn fixieren wollten, habe er sich gewehrt.

Ende März soll er bei Nachbarn randaliert und diese auch bedroht haben. „Da hat er dann auch bei der Festnahme Widerstand geleistet“, berichtete Polizeisprecherin Grahl. In einem weiteren Fall habe er einen Traktorfahrer angehalten und bedroht. Der 28-Jährige aus Hamminkeln bei Wesel habe in der Vergangenheit zudem zwei Freiheitsstrafen als Ersatz für Geldbußen verbüßt.

Menschen aus dem Umfeld des 28-Jährigen, der wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft sitzt, würden jetzt befragt, um diese Frage zu klären: „Warum geht jemand auf den Bahnsteig und schubst jemanden auf die Gleise?“, sagte Polizeisprecherin Grahl. (dpa)


Aus: "Tatverdächtiger handelte heimtückisch und offenbar aus Mordlust" (22.07.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/frau-vor-zug-gestossen-und-getoetet-tatverdaechtiger-handelte-heimtueckisch-und-offenbar-aus-mordlust/24686382.html


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« Reply #180 on: Februar 10, 2020, 10:20:00 vorm. »
Quote
[...] Im Interview: Nahlah Saimeh - Leben: Nahlah Saimeh wurde 1966 in Münster geboren. Ihr Vater ist palästinensischer Herkunft, die Mutter niederländisch-deutscher Abstammung. Saimehs Eltern trennten sich, als sie noch sehr klein war. Arbeit: Nahlah Saimeh studierte Medizin und machte ihren Facharzt in Psychiatrie. Sie war 15 Jahre lang ärztliche Leiterin das LWL-Zentrums für Forensische Psychiatrie Lippstadt. Seit 2017 ist sie als forensische Gutachterin selbständig, zudem ist Saimeh Autorin diverser Bücher und arbeitet als Dozentin.

Das Interview mit Nahlah Saimeh findet in einer Hotellobby in Bremen statt. Immer wieder schwappen dabei die Worte „das Böse“ durch den Raum. Irritiert blicken Leute, die in der Nähe sitzen, dann auf.

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Waltraud Schwab: Frau Saimeh, Sie beschäftigen sich mit dem Bösen. Setzt das voraus, dass man weiß, was das Gute ist?

Nahlah Saimeh: Ihre Frage ist eine philosophische. Ich bin aber forensische Psychiaterin und habe mich auf psychiatrische Fragen in der Kriminalität spezialisiert. Das berührt zwar das Thema des Bösen, liefert aber keine erschöpfende Antwort.

 Sie werden in den Medien doch ständig zum Bösen befragt.

Nahlah Saimeh: Aber mein Blick darauf ist kein moralisierender. Wenn Herr A Herrn B ersticht, braucht es keine moralische Bewertung von mir, dass man das nicht tut.

 Was braucht es dann?

Nahlah Saimeh: Eine Antwort auf die Frage, was den Betreffenden befähigt oder verleitet, so destruktiv zu handeln.

 Welches ethische Gerüst liegt Ihrem Vorgehen dennoch zugrunde?

Nahlah Saimeh: Was eine Straftat ist, steht im Strafgesetzbuch. Jeder Mensch hat ein Anrecht auf körperliche und seelische Unversehrtheit. Ich begutachte ja nur Leute, die vor dem Hintergrund der strafrechtlichen Norm Delikte begangen haben.

Aber steckt nicht in jedem von uns Gut und Böse?

Nahlah Saimeh: Auf jeden Fall. Wir alle haben die Möglichkeit zum konstruktiven Handeln und wir haben auch alle die Befähigung zu destruktivem Handeln.

Und wie definieren Sie destruktives Handeln?

Nahlah Saimeh: Das ist im Grunde alles, was den anderen in seinem So-Sein als Mensch missachtet und ihm psychisch oder physische Gewalt antut. Im Grunde gilt es für jede lebendige Kreatur.

Sind Sie da nicht auf Widersprüche gestoßen? Wenn ansonsten konstruktiv Handelnde eine Fliege erschlagen oder einen Waschbären vergiften?

Nahlah Saimeh: Wir leben doch alle ständig mit Widersprüchen. Eine Fliege zu erschlagen, ist nach dem Strafgesetzbuch nicht verboten, einen Waschbären zu vergiften schon. Fakt ist, wir geben uns unterschiedliche Maßstäbe, destruktiv zu handeln.

 Was machen Sie als forensische Gutachterin genau?

Nahlah Saimeh: Ich erstelle Gutachten zur Schuldfähigkeit und zur Gefährlichkeitsprognose. Gutachter wie ich kommen ins Spiel, wenn bei einem Angeschuldigten zu prüfen ist, ob er zum Tatzeitpunkt vermindert schuldfähig oder schuldunfähig war. Solche Verdachtsmomente ergeben sich etwa, wenn jemand bei seiner Festnahme oder Vernehmung wirre Ideen äußert, wie, er werde von Aliens bestrahlt oder er höre Stimmen.

Suchen Sie nach der Krankheit und nicht nach der Motivation?

Nahlah Saimeh: Schuldfähigkeit hängt davon ab, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Das schreibt man jedem Erwachsenen zu. Nur im Falle schwerer psychischer Störungen gibt es Einschränkungen. Wenn es keine psychische Störung gibt, bleibt immer noch die Frage, warum hat jemand was getan? Denken Sie an eine Tötung bei einem Scheidungskonflikt. Wo man sich fragt, warum erschlägt der 55-jährige Studiendirektor seine Frau? Was macht diese Persönlichkeit so vulnerabel, dass es zu dieser Tat kommt? Das entscheidet dann nicht über Schuld oder Nichtschuld, erklärt aber ein Stück weit die Motivation.

Warum sind am Ende die meisten Leute doch keine Mörder?

Nahlah Saimeh: Die meisten können sich bei uns einigermaßen ungestört entwickeln, haben tragfähige soziale Bindungen und eine hinreichend emotionale Kompetenz im Elternhaus gelernt. Wir leben in einer Gesellschaft, wo Gewalt zunehmend negativ besetzt ist. Gesellschaften, in denen Gewalt negativ konnotiert ist, entwickeln sich auch zu gewaltarmen Gesellschaften. Das Töten eines Menschen ist das größte Tabu.

Wobei die Geschichte viele Beispiele kennt, wo das Tabu nichts nutzte.

Nahlah Saimeh: Auch da gilt: Wir geben uns die Legitimation zu töten. Menschen tun es aus Eifersucht, Neid, Rache, Konkurrenz. Länder aus geopolitischen und ökonomischen Interessen. Aber es ist trotzdem als Tabu verankert. Individuell spielt eine Rolle, wie schnell jemand kränkbar ist, wie impulsiv, wie reizbar, oder schlichtweg wie kaltblütig berechnend. Es sind halt nicht alle Leute nett. Aber jeder weiß, dass Töten ein ganz zentrales Tabu bricht.

Wenn Ihnen solche Fragen gestellt werden, verweisen Sie oft darauf, dass wir in einer extrem komplexen Welt leben, die bei manchen zu Überforderung führen kann. Wie meinen Sie das?

Nahlah Saimeh: Ich verweise auf Komplexität vor allem dann, wenn es darum geht, Radikalisierung zu verstehen. Komplex ist unsere Gesellschaft, weil viele unterschiedliche Perspektiven, Realitäten und Wahrheiten nebeneinander existieren. Gesellschaften sind heute weniger normierend, als das früher der Fall war. Die daraus resultierenden Freiheiten erfordern ein hohes Maß an Eigenverantwortung und damit ein hohes Maß an Kompetenz, dem eigenen Leben eine Struktur zu geben.

Soll heißen: Man muss sich selbst das Korrektiv sein?

Nahlah Saimeh: Genau. Je traditioneller eine Gesellschaft, desto geringer sind meine eigenen Freiheitsgrade. Wenn ich sehr individualistisch groß werde, darf ich viele Entscheidungen treffen – muss es aber auch tun, um mein Leben auf die Reihe zu kriegen. Komplex wird unsere Welt noch dazu, weil unglaublich viel Information auf uns einstürmt, die wir ständig filtern müssen. Der Mensch hat ein Bedürfnis nach Überschaubarkeit und Verlässlichkeit. Wir leben davon, dass wir uns die Welt jeden Tag einfacher machen, als sie ist. Das ist auch überlebenswichtig. Radikalisierung aber macht alles supereinfach, verknüpft die eigene Haltung mit moralischer und menschlicher Überlegenheit und lädt damit alles ideologisch auf.

Von der Komplexität des Lebens zur Radikalisierung. Das geht mir jetzt zu schnell.

Nahlah Saimeh: Das Grundbedürfnis des Menschen ist doch Überschaubarkeit. Wir wollen uns in der Welt, in der wir leben, zurechtfinden und sie soll unseren Vorstellungen entsprechen. Das tut sie aber nicht. Und wir haben in modernen Gesellschaften das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit. Staat und Gesellschaft müssen Strukturen schaffen, in denen Menschen sich so entwickeln können, dass sie, gemessen an ihren individuellen Fähigkeiten, Selbstwirksamkeit erfahren, um ihr Leben zu gestalten. Das wollen die meisten, aber schaffen es nicht alle gleichermaßen.

Und wo läuft die Diskussion Ihrer Meinung nach da aus dem Ruder, sodass Rassismus und Ideologie mit ins Spiel kommen?

Nahlah Saimeh: Auch diese Frage ist komplex. Ich bemerke schon seit sehr vielen Jahren einen Hang zur rhetorischen Zuspitzung und Vereinfachung. Einige dieser Narrative merken wir nicht mal mehr, weil wir uns so daran gewöhnt haben. Denken Sie mal an den ständigen Gegensatz zwischen „arm“ und „reich“. Darauf wird bei uns vieles verkürzt. Dass beispielsweise wenig Abiturienten aus sozial sehr schwachen Schichten kommen, kann man aber doch nicht auf einen reinen Euro-Betrag reduzieren, weil auch enorm viele soziokulturelle Aspekte in der Erziehung eine Rolle spielen. Es ist banal, aber bestimmte Jobs werden Sie nicht bekommen, weil Ihre Aussprache nicht klar ist, Gangbild nicht stimmt, wenn Sie bestimmte soziale Codes nicht beigebracht bekommen haben.

Ist das nicht alles erlernbar?

Nahlah Saimeh: In der Tat, es ist kein Geheimwissen. Aber man muss es halt lernen. Ein Sozialstaat, der die Ressourcen seiner Bürger wirklich nutzen will, muss für den möglichen Ausgleich soziokultureller Erziehungsdefizite sorgen. Der Segen der Bürgergesellschaft ist ja nun, dass derjenige, der über ein Mindestmaß an sozialen Kompetenzen, Tagesstruktur und Selbstdisziplin verfügt, grundsätzlich sozial aufsteigen kann. Menschen wie Gerhard Schröder sind doch ein Beispiel dafür. Dass ich jetzt mit Ihnen dieses Gespräch führen darf, auch. Ich komme nicht aus einem Akademikerhaushalt. Meine Mutter war eine alleinerziehende Büroangestellte und keine Chefsekretärin. Da wird mir zu viel ideologisch an Dingen festgemacht.

Wie?

Nahlah Saimeh: Vereinfachende Narrative führen zu einer Schwarz-Weiß-Einteilung und damit immer zu Feindbildern. Feindbilder definieren Menschen, die an irgendeinem Übel Schuld sind, allein aufgrund der Tatsache, dass es sie gibt. Unsere Realität ist aber „billion shades of grey“.

Meinen Sie, weil die Art, wie wichtige Gesellschaftsfragen gestellt werden, zu sehr in einem Schwarz-Weiß-Muster verharrt, wird das zum Einfallstor für Extremismus?

Nahlah Saimeh: Ja, das denke ich. Nehmen Sie mal die aufgeladene Diskussion über Kriminalität und Flüchtlinge. Da kann man diese polarisierende Vereinfachungstendenz schön sehen. Weltweit, also auch in Deutschland, ist Gewaltkriminalität überwiegend ein Problem junger Männer zwischen 16 und 30 Jahren. Wenn also eine große Gruppe junger Männer im Hauptrisikoalter und dann noch unter sozial schwierigen Bedingungen zahlenmäßig ansteigt, wie es 2015 war, dann muss ich doch sagen können, dass das die Kriminalitätsstatistik eine Zeit lang verändern wird, ohne dass mir Ausländerfeindlichkeit vorgeworfen wird. Das sagt nichts über den individuellen Mann. Das ist ein gruppenstatistisches Phänomen.
Die eine Ideologie verknüpft das mit xenophoben Ansichten, die andere Ideologie deklariert diese Zusammenhänge per se als ausländerfeindlich. Nein, das ist nicht ausländerfeindlich. Ein Mann, der eine Frau vergewaltigt, ist ein Vergewaltiger und es ist völlig egal, ob der aus Schleswig-Holstein oder aus Libyen kommt. Außerdem ganz wichtig: Gegenläufige Ideologien beflügeln sich immer gegenseitig, weil nämlich der ideologische Gegenpart jeweils die Legitimation der eigenen Gruppe darstellt.

Behandeln Sie in Ihrem Beruf zunehmend Fälle, wo andere Kulturwahrnehmungen auf deutsche Vorstellungen treffen?

Nahlah Saimeh: Es gibt natürlich Männer, die im Ruhrgebiet geboren sind, deren Eltern einen Migrationshintergrund haben und die sich auf die Herkunftskultur berufen, wo ich mir dann denke: Was willst du mir erzählen, du bist doch in Gelsenkirchen geboren? Was willst du mir jetzt sagen? Da werden Dinge auch instrumentalisiert.

Was unterschiedliche Kulturen angeht: Sie heißen nicht Erika Mustermann, sondern Nahlah Saimeh.

Nahlah Saimeh: Väterlicherseits habe ich arabische Wurzeln. Ich bin aber im katholischen Münster geboren, Deutsch ist meine Muttersprache und ich bin Deutsche, auch von meiner ganzen Sozialisation, her. Das habe ich maßgeblich der Schule zu verdanken. Meine Mutter stammt aus Holland und ihre Generation erlebte mit dem Krieg das Deutsche negativ. Für mich aber, als Nachkriegsgeborene, ist dieses Land mit seiner Entwicklung in den letzten fünfzig Jahren ungeheuer positiv besetzt. Durch die frühe Scheidung meiner Eltern bin ich mit der arabischen Kultur nicht in Kontakt gekommen. Als Kind musste ich mich immer rechtfertigen, warum ich noch nie in einem arabischen Land gewesen war, und ich dachte: Warum sollte ich?

Gibt Ihnen Ihr Name aber freie Hand, sich zu Gesellschaftsthemen radikal zu äußern.

Nahlah Saimeh: Wenn Sie jetzt eine paradoxe Formulierung wollen: Ich bin radikal gegen jede Radikalisierung. Schon die Formulierung in Ihrer Frage zeigt, wie sehr es als radikal empfunden wird, wenn man nicht auf ein vorgefertigtes ideologisches Wägelchen aufspringt.

 Sie beschäftigen sich auch mit Hasskriminalität. Vor nicht allzu langer Zeit bewegte der Attentäter von Halle. Hat er mit einer Überzeugung gehandelt, die Sie „dämonisierendes Denken“ nennen?

Nahlah Saimeh: Das dämonisierende Denken ist ein Instrument für all jene, die sich radikalisieren und extremistischem Gedankengut frönen. Das dämonisierende Denken geht davon aus, dass alle Unbill in der Welt einen singulären Verursacher hat. Unglück und Leid wird nicht als Bestandteil des Lebens verstanden, sondern es gibt immer einen Schuldigen. Auf den wird was als negativ angesehen wird projiziert. Und daraus wird die Utopie einer optimalen Gesellschaft entwickelt, in der alles sauber, bunt und rein ist – vorausgesetzt, die, die für das verantwortlich gemacht werden, was nicht gut läuft, sind weg.

Und dann?

Nahlah Saimeh: Es gibt also diese Idee der absoluten Reinheit, Makellosigkeit, Homogenität. Das Leben an sich, das Prinzip des Lebendigen, ist aber immer inhomogen, ist Vielfalt. Das dämonisierende Denken geht davon aus, dass der andere im Grunde kein Mensch ist. Es führt zum Zusammenbruch des humanistischen Denkens, der Zuerkenntnis des anderen als Mensch. Er wird zur Fliege an der Wand, die ich totschlagen kann. Wer auf dieser Ebene ist, gibt sich schnell die Legitimation, andere Menschen auszulöschen.

Die Täter drehen alles um.

Nahlah Saimeh: Die durchdenken nicht die Antihaltung, in der sie stecken. Bei Anders Behring Breivik kann man das gut sehen. Er war gegen den Islam, gegen Feminismus, gegen Marxismus, gegen den Sozialstaat. Wo man dann denkt, ja schon, aber wie hängt das zusammen – gegen Islam und gegen Frauenrechte? Der Herr aus Halle hatte auch viele verschiedene Überzeugungen, wobei auffällt, dass Antifeminismus immer dabei ist. Aber das ist alles nicht zu Ende durchdacht. Es werden narrative Schablonen aneinandergesetzt, in die nur Hass, auch der Hass auf sich selbst, reingegossen wird.

Warum Hass auf sich selbst?

Nahlah Saimeh: Der Attentäter aus Halle hat sich vor seiner eigenen Kamera ständig als Loser bezeichnet, und niemand ist gerne einer. Wir alle wollen positive, soziale Resonanz. Das gehört zum Menschsein. Dann wurde er in seiner Losermentalität noch verstärkt: Die Tür zur Synagoge hat gehalten, die Waffe nicht funktioniert. Und da kommt dann diese Frau und fragt, was das soll. Dann wird der Vektor der Aggression neu ausgerichtet und die Frau wird hingerichtet. Bei der Dönerbude war der Erschossene ein deutscher Fußballfan.

 Amok und Koma, die gleichen Buchstaben.

Nahlah Saimeh: Oh, schön, das ist mir bisher nicht aufgefallen.

 War er ein Amokläufer und innerlich tot?

Nahlah Saimeh: Er war innerlich angefüllt von Hass und großer Verzweiflung. Aber dieser Hass ist nicht aushaltbar. Er braucht ein Ventil im Außen. Dafür gibt es im Netz diverse primitive Narrative und eines davon ist eben der Antisemitismus.

 Der Mann war Gott.

Nahlah Saimeh: Oh, das ist ein ernster Satz. Wir sagen das so, wenn jemand über den Tod anderer aus Anmaßung entscheidet. Aber das ist nicht gut. Gott ist doch ein Begriff für etwas sehr Tiefes, das größer ist als unser menschliches Erkenntnisvermögen. Insofern ist so ein Täter wohl kaum Gott. Und dann fällt einem der Theologe Meister Eckhart ein, der sagt, dass jedem Seelengrund das Göttliche selbst innewohne. Der Täter von Halle ist strafrechtlich ein Mörder und ohne Zweifel ein sehr, sehr unglücklicher Mensch.

 Woher kommt Ihre Leidenschaft, sich mit derartigen Themen zu beschäftigen?

Nahlah Saimeh: Mich interessiert die tiefere Dimension des Menschseins.

Und die suchen Sie über das Böse?

Nahlah Saimeh: Wenn ich mich damit befasse, denke ich nicht in moralischen Kategorien. Ich liebe meine Arbeit und ich begreife mich nicht als grundlegend anders als der, der vor mir sitzt. Was mich von ihm trennt, ist minimal. Ich identifiziere mich nicht mit ihm, bagatellisiere nicht die Straftat, aber als Menschen sind wir gleich. Im Privaten finde ich Tiefe übrigens in der Kunst.

Wirklich keine Faszination für das Böse?

Nahlah Saimeh: Nein. Sie werden mich auch nie in einem Grusel-, Horrorfilm oder Splattermovie gehen sehen. Gewalt heißt immer Scheitern.



Aus: "Forensikerin über das Böse: „Radikalisierung macht alles einfach“" (9. 2. 2020)
Quelle: https://taz.de/Forensikerin-ueber-das-Boese/!5658834/