Author Topic: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]  (Read 180709 times)

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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #175 on: Januar 20, 2010, 10:52:22 vorm. »
Quote
[...] Laut "Washington Post" hat der Schütze in seinem Haus nach einem Streit zunächst seine Ehefrau und den Sohn erschossen. Auch Kreissprecher Samuel E. Carter ging dem Blatt zufolge von einer Familientragödie aus. Bisher hätten keine Beschwerden aus oder über die Familie vorgelegen. Es seien "gute Bürger", die bisher in keiner Weise auffällig geworden seien. Die Polizei wollte sich zunächst nicht zu einem Motiv für die Tat äußern.

...


Aus: "Virginia - Bewaffneter erschießt mindestens acht Menschen" (20.01.2010)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,672894,00.html


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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #176 on: Januar 25, 2010, 10:15:32 vorm. »
Quote
[...] Wuppertal. Er soll einen 20 Jahre alten Wuppertaler hinterrücks mit dem Kopf auf den Bahnsteig geschlagen haben – heute verurteilte das Wuppertaler Landgericht den Angeklagten wegen gefährlicher Körperverletzung und unter Einbeziehung einer weiteren Straftat zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von sechs Jahren und zwei Monaten. Ein mitangeklagter 34-Jähriger wurde wegen Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung zu einer achtmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt.

Beide Männer werden nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft der rechten Szene zugerechnet und hatten unmittelbar vor der Tat im November 2008 rechtsradikale Parolen und Lieder gesungen. Als einer der Rechten rief: „Deutschland wird geführt von rechter Hand“, soll das spätere Opfer (20) lediglich entgegnet haben: „nicht“. Daraufhin soll ihn der 27-Jährige mit voller Wucht von hinten auf den Boden des Bahnsteigs am Bahnhof Steinbeck gestoßen haben, während der 34-Jährige im Anschluss Freunde des Opfers zurückgehalten haben soll, dass sie dem 20-Jährigen nicht zur Hilfe eilen.

Das Gericht sprach heute von einem „rücksichtslosen Vorgehen“ und einer „schlimmen Tat“. Bei der Attacke erlitt der 20-Jährige schwere Kopfverletzungen. Er musste fünf Stunden lang operiert werden und trägt seitdem Metallplatten im Kopf. An ihn muss der 27-Jährige eine Entschädigung von rund 4200 Euro zahlen.

Die beiden Angeklagten sind wegen erheblicher Gewalttaten vorbestraft. Der gebürtige Dinslakener (27) wurde vor zehn Jahren zu acht Jahren Jugendstrafe verurteilt, weil er mit zwei weiteren Skinheads in Duisburg einen 58-jährigen Mann totgetreten hatte. Der 34-Jährige war im Jahr 2001 zu sieben Jahre Haft verurteilt worden, nachdem er seinen damals 15 Wochen alten Sohn schwer misshandelt hatte. Laut Urteil trug der Säugling schwere geistige und motorische Behinderungen davon und lebt heute in einer Pflegefamilie.
Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.


Aus: "Sechs Jahre Haft im Skinhead-Prozess" (20. Januar 2010)
Quelle: http://www.wz-newsline.de/?redid=734438


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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #177 on: Februar 02, 2010, 11:48:03 vorm. »
Quote
[...] Im Mai 2008 verliebt er sich in seine Arbeitskollegin Sabire, zieht mit ihr zusammen und gründet eine Familie. Dilek habe ihn bedroht, an seinem neuen Zuhause geklingelt und in die Sprechanlage gebrüllt: "Ich werde dich umbringen!" und "Los, wenn du ein Mann bist, kommst du jetzt runter!" Ali verständigte die Polizei. Ebenso, als er sich von Dileks Brüdern bedroht fühlt, die ihn mit einem Schlagstock angegriffen und mit wüsten Drohungen eingeschüchtert haben sollen: "Verlasse Deutschland - oder wir bringen dich um!"

Zornig schüttelt Dilek, auf der Anklagebank von zwei Verteidigern flankiert, den Kopf, als sie Ali T.s Version vor Gericht hört. Tränen der Wut steigen in ihr auf. Beharrlich bestreitet sie, dass sie oder ihre Familie ihm Gewalt angetan hätten. "Man hat mit ihm geredet, ja." Mehr angeblich nicht. Die Richter hören zwei absolut gegensätzliche Geschichten über eine Zweckehe.

Nur, was am 26. August geschah, darin ist sich das Ehepaar einig. Es ist ein Mittwoch, ein schwüler Sommertag. Vor dem Amtsgericht Gelsenkirchen soll um 10.30 Uhr die Ehe der T.s geschieden werden. Ali hatte im Frühjahr 2009 eine entsprechende Klage eingereicht. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, den Kinderwagen schiebend, begegnet er um 10.15 Uhr auf einer Verkehrsinsel Dilek. Seiner Freundin schärft er noch flugs ein: "Wenn sie beim Vorbeigehen was sagt, sei bloß still!" Die beiden Parteien passieren einander schweigend, dann kehrt Dilek plötzlich um, zieht aus ihrer rechten Hosentasche eine durchgeladene Pistole. Als sie nur noch ein, zwei Schritte von Ali entfernt ist, schießt sie ihm in den Rücken.

Eine Kugel trifft Ali im Oberkörper, er schreit wie von Sinnen und kann trotz der schweren Verletzung davonlaufen. Dilek hinterher. Sie schießt noch zwei Mal, verfehlt ihr Opfer jedoch. Ali kann sich in den Dönerladen seines Onkels retten. Dilek macht kurz vor dem Eingang kehrt und rennt zurück zu ihrem roten Opel Astra. Mit ihm fährt sie "nach Ikea", wie sie selbst sagt. Dort kauft sie Kleiderbügel aus Plastik und einen Kaffee. Sie trinkt ihn im Auto, raucht ein paar Zigaretten, fährt anschließend in die Essener Innenstadt, läuft durch die Fußgängerzone und schließlich zu ihren Eltern. Vor deren Haustür wird sie festgenommen.


[...] Der Anblick ihres Ehemanns und seines trauten Familienglücks und sein Blick, der "so demütigend und abwertend mir gegenüber war", der habe in ihr "etwas ausgelöst, das hat mich gekränkt", sagt sie und schluckt.

...


Aus: "Drei Schüsse in der Hölle" Aus Essen berichtet Julia Jüttner  (01.02.2010)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,675333-2,00.html


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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #178 on: Februar 15, 2010, 09:43:01 vorm. »
Quote
[...] Rostock - Das Motiv ist bislang unklar. Wie die Polizei am Montagmorgen mitteilte, handelt es sich bei den Opfern um einen 67-jährigen Mann und eine 66-jährige Frau. Sie sind nicht miteinander verwandt.

Den Ermittlungen zufolge lief der Täter um kurz nach 14 Uhr aus seiner Wohnung im Hochparterre und fiel über einen Passanten her. Ohne erkennbaren Grund stach er mit einem etwa 15 Zentimeter langen Küchenmesser immer wieder auf den Mann ein, ließ ihn dann hilflos im Schnee liegen und kehrte in seine Wohnung zurück, teilte Oberstaatsanwalt Peter Lückemann mit.

Als eine Passantin dem Opfer helfen wollte, sei er zurückgekehrt und habe "wie besessen auf die Frau eingestochen", sagte Lückemann. Beide Opfer hätten laut um Hilfe geschrien. Passanten hätten jedoch nicht eingegriffen, sondern die Polizei alarmiert. Beide Opfer starben.

Als ein Streifenwagen vorfuhr, sprang der 51-Jährige mit gezücktem Messer vom Balkon seiner Wohnung und stieß einem Beamten sofort das Messer in die Brust. Ein weiterer Beamter gab den Ermittlungen zufolge zunächst Warnschüsse ab und stoppte den 51-Jährigen schließlich mit einem Schuss in den Oberschenkel. Der Messerstecher und der verletzte Beamte kamen ins Krankenhaus. Der Polizist ist den Angaben zufolge offenbar nicht lebensgefährlich verletzt.

Die Staatsanwaltschaft will am Montag entscheiden, ob sie Haftbefehl oder eine Unterbringung des Festgenommenen in einer psychiatrischen Klinik beantragt. Oberstaatsanwalt Lückemann nannte den 51-Jährigen "offensichtlich psychiatrisch auffällig". Die beiden Todesopfer waren am Sonntagabend noch nicht identifiziert.

lgr/dpa/apn/ddp


Aus: "51-Jähriger ersticht wahllos zwei Menschen" (14.02.2010)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,677804,00.html

-.-

Quote
[...] „Von einem Amoklauf würde ich bisher nicht sprechen“, sagte Lückemann. Die Bluttat sei offensichtlich nicht geplant gewesen. Zeugen hätten ausgesagt, dass der Mann „Stimmen aus dem Kosmos“ gehört habe, die ihm die tödlichen Angriffe befohlen hätten.

...


Aus: "Staatsanwalt: Messerstecher hörte "Stimmen aus dem Kosmos"" (15. Februar 2010)
Quelle: http://www.abendblatt.de/hamburg/polizeimeldungen/article1383965/Staatsanwalt-Messerstecher-hoerte-Stimmen-aus-dem-Kosmos.html

« Last Edit: Februar 15, 2010, 04:37:16 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #179 on: M?RZ 31, 2010, 10:29:10 vorm. »
Quote
[...] Düsseldorf [...] Bei einer Fahrscheinkontrolle ist ein Schwarzfahrer nahe Düsseldorf auf eine Zugbegleiterin losgegangen und hat sie krankenhausreif geprügelt. Laut Polizei spielten sich die Geschehnisse so ab: Die 26-jährige Bahn-Mitarbeiterin klopfte um die Mittagszeit mehrmals an eine verschlossene Toilettentür. Schließlich öffnete ein 29-jähriger Mann die Tür und griff die Frau brutal an.

Der stark alkoholisierte Mann bespuckte und beleidigte die Kontrolleurin, riss sie zu Boden und schleifte sie an ihrem Haar durch den Zug, wobei das Opfer mehrmals gegen die Seitenwände des Zuges prallte. Schließlich trat der total betrunkene Täter die Frau mehrmals in den Unterleib, wie die Polizei mitteilte.

Als der Zug schließlich am Bahnhof des Düsseldorfer Flughafens ankam, versuchte der 29-Jährige zu flüchten, doch Beamte der Bundespolizei konnten ihn festnehmen. Die verletzte Frau wurde mit einem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht. Beim Täter wurde ein Alkoholwert von 2,68 Promille festgestellt; wegen eines epileptischen Anfalls musste er später ins Krankenhaus gebracht werden.

Mit ihm zusammen war seine Freundin auf der Toilette, die ebenfalls stark betrunken war, wie die Polizei mitteilte.

ler/dpa/apn


Aus: "Schwarzfahrer schleift Schaffnerin an ihren Haaren durch den Zug" (30.03.2010)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,686576,00.html


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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #180 on: M?RZ 31, 2010, 11:15:20 vorm. »
Quote
[...] Eichenau - Ein schreckliches Familiendrama erschüttert die oberbayerische Gemeinde Eichenau. Ein Elternteil hat seinen Partner und die siebenjährigen Zwillingsmädchen erschlagen. Danach brachte der oder die Täterin sich selbst um. Der Tatort: eine moderne Doppelhaushälfte in der Ortsmitte, direkt neben der Kirche.

Die Ermittler gehen davon aus, dass entweder der 40 Jahre alte Vater oder die 42 Jahre alte Mutter die anderen Familienmitglieder getötet hat. Dafür spreche die "Auffindesituation" der Toten. Von "stumpfer Gewalt" gegen die Körper ist die Rede. Was den Täter oder die Täterin zu dieser entsetzlichen Gewalttat veranlasst hat, ist noch nicht bekannt. Womöglich gab es einen Abschiedsbrief, wie bei Selbstmorden so häufig. Die Ermittler nennen so einen tödlichen Exzess mit anschließender Selbsttötung "erweiterten Selbstmord". Häufig sieht der Täter keinen Sinn mehr im Weiterleben und nimmt seine Familie mit in den Tod.

Wann die Tat genau geschah, ist noch unklar. Der Chef der Ehefrau vermisste die 42-Jährige seit Montag. Als sie auch am Dienstag nicht zum Dienst erschien, alarmierte der besorgte Arbeitgeber die Polizei. Mit Hilfe eines Schlüsseldienstes öffneten die Beamten die Tür zu dem schmucken, sauberen Haus. Dort fanden sie die vier Leichen. Für eine Rettung war es zu spät. Am Abend zog die Spurensicherung vom Tatort ab, und auch das weiß-rote Absperrband wurde wieder eingerollt.

...


Aus: "Familiendrama: Eltern und Zwillingstöchter tot in Wohnhaus" (31. März 2010)
Quelle: http://www.welt.de/die-welt/vermischtes/article6998182/Familiendrama-Eltern-und-Zwillingstoechter-tot-in-Wohnhaus.html

-.-

Quote
[...] Die Staatsanwaltschaft München II geht nach ersten Erkenntnissen davon aus, dass der 40-jährige Familienvater die beiden Zwillingsgeschwister erschlagen und seine 42-jährige Frau stranguliert hat, wie eine Sprecherin am Mittwoch sagte. Anschließend tötete er sich selbst.

Die Kinder hätten tödliche Kopfverletzungen erlitten, sagte die Sprecherin.

...


Aus: "Eigene Familie ausgelöscht" (31.03.2010)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/bayern/290/507449/text/


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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #181 on: April 25, 2010, 06:50:28 nachm. »
Kent Kiehl ist ein US-amerikanischer Neurowissenschaftler. Kiehl promovierte 2000 an der University of British Columbia. Er ist Dozent für Psychologie an der University of New Mexico.
http://de.wikipedia.org/wiki/Kent_Kiehl

-.-

Quote
[...] Warum vergewaltigen und töten manche Menschen ohne das geringste Anzeichen schlechten Gewissens? Der amerikanische Neurowissenschaftler Kent Kiehl unternimmt einen einzigartigen Feldversuch, um den rätselhaften Geisteszustand von Psychopathen zu erklären.

[...] Rund 1200 Gefängnisinsassen hat Kiehls Team inzwischen examiniert und etwa 300 von ihnen als Psychopathen identifiziert. Die massive Datenerhebung per fMRT förderte eine völlig neue Erkenntnis zutage: In den Hirnen der untersuchten psychopathischen Häftlinge ist das limbische System zum Teil deutlich reduziert - jene Hirnregion also, in der Gefühle verarbeitet werden.

[...] unzweifelhaft haben die Untersuchungen des Nervenspezialisten erstmals jene Finsternis erhellt, von der die wohl gefährlichste Spezies unter den Menschen noch immer umgeben ist.

Zwar ist der Begriff Psychopath als laxe Beschimpfung in der Öffentlichkeit schnell zur Hand. Demnach wäre etwa Dieter Bohlen einer und Guido Westerwelle wohl auch. Nur: Wer kennt schon das tatsächliche Krankheitsbild solcher auf bizarre Art Gestörten und seine Ursache?

Anfang der vierziger Jahre hatte der US-Psychiater Hervey Cleckley erstmals eine Fallsammlung von Patienten zusammengetragen, die allesamt ähnlich beunruhigende Symptome zeigten. Sie verhielten sich ihren Mitmenschen gegenüber rücksichtslos, nicht selten sogar offen feindselig, zeigten aber keinerlei Einsicht in ihr Fehlverhalten oder gar Reue.

Gefühlsbezeugungen der Betroffenen wirkten selbst gegenüber Verwandten oder Partnern in der Regel frappierend oberflächlich und wie auswendig gelernt.

Gleichzeitig jedoch entwickelten die von Cleckley Beobachteten einen verblüffenden Charme. Immer wieder gelang es ihnen, den Arzt mit abstrusen Geschichten um den Finger zu wickeln. Die Ernüchterung folgte in der Regel prompt. Cleckleys Kranke erwiesen sich regelmäßig als Egomanen, die nur den eigenen Vorteil im Blick hatten und dafür das Blaue vom Himmel herunterlogen.

Alarmiert über die Skrupellosigkeit seiner Patienten, richtete Cleckley einen flehentlichen Appell an seine Kollegen: "Können wir uns nicht darauf einigen, dass wir dringend herausfinden müssen, was mit diesen Menschen los ist?"

Es vergingen Jahrzehnte, ehe dem kanadischen Psychologen Robert Hare ein erster nennenswerter Durchbruch auf dem Weg zu diesem Ziel gelang: Als Gefängnispsychologe hatte Hare ähnliche Beobachtungen gemacht wie sein Kollege Cleckley. Daraus entwickelte er Ende der siebziger Jahre erstmals ein Instrument, mit dem sich Psychopathen einigermaßen zuverlässig identifizieren lassen. Seine Checkliste ist bis heute in der USPsychiatrie die zu diesem Zweck am weitesten verbreitete Methode.

Hare vermutet, dass im Durchschnitt jeder vierte männliche Insasse eines Gefängnisses ein Psychopath ist. Aber auch jede Stadt wird nach Hares Schätzung von ein bis zwei Prozent Psychopathen bevölkert, die etwa 50 Prozent aller schweren Verbrechen begehen. Demnach laufen allein in Berlin mehr als 40.000 Psychopathen frei herum.

[...] Diese Menschen seien zu fast allem fähig, konstatiert Hare: "Sie können ihre Opfer mit so viel Anteilnahme foltern und verstümmeln, wie unsereiner fühlt, wenn er eine Weihnachtsgans tranchiert."

Gemeint sind Härtefälle wie jener Delinquent, dem Neurologe Kiehl erst kürzlich gegenübersaß. Er war in ein Haus eingebrochen und hatte auf die Besitzerin geschossen. Dann kochte er sich in der Küche eine Mahlzeit und begann in aller Ruhe zu essen. Als er sein Opfer röcheln hörte, ging er hin und schlug der Frau so lange mit einem Hammer auf den Kopf, bis sie tot war. Dann beendete er ungerührt sein Mahl.

Regelrecht prahlerisch breitete der Mann alle Details seiner Tat vor Kiehl aus. "Wenn Psychopathen erst mal Geschmack am Töten gefunden haben, wollen sie immer mehr. Das ist, als wenn andere Leute Bier trinken", kommentiert Kiehl das absonderliche Verhalten.

Der höchste erzielbare Wert auf Hares Psychopathen-Skala liegt bei 40 Punkten, die Schwelle zur Psychopathie bei 30. Der durchschnittliche Mann erzielt 4 Punkte, Brian Dugan kam auf 38.

Als Sadist und Pädophiler ist er selbst für einen Psychopathen ein besonders schwerer Fall. Seine sexuellen Raubzüge liefen stets nach dem gleichen Schema ab, berichtet Kiehl: "Er fuhr mit seinem Auto herum, völlig planlos. Plötzlich wurde er auf ein Mädchen oder eine junge Frau aufmerksam. Er griff sie an und vergewaltigte sie. Dann gab er ihr seine Telefonnummer. Er wollte, dass sie ihn anruft. Dugan ging tatsächlich da-von aus, dass den Frauen die Vergewaltigung genauso viel Spaß gemacht hatte wie ihm!"

Kiehl sprach, stets von einer Videokamera dokumentiert, insgesamt zehn Stunden mit Dugan.

Kiehl: "Fühlen Sie Reue für das, was Sie getan haben?"

Dugan: "Ich weiß, was alle von mir hören wollen. Ich kann Ihnen jetzt sagen, dass ich mich schlecht fühle und nie wieder etwas Böses tun werde, aber ich fühle dabei nichts."

Der Neurologe berichtet von verstörenden Begegnungen: "Es war, als wären seine Augen komplett von seinem Gehirn abgekoppelt", erzählt Kiehl. "Er hat keine Vorstellung von den Gefühlen anderer Leute. Er weiß noch nicht mal, was das Wort Empathie überhaupt bedeutet."

Dugan, inzwischen 53 Jahre alt, sitzt seit 1985 ohne Unterbrechung im Gefängnis. Er gilt als Musterhäftling. Nie gab es Ärger mit ihm, im Gegenteil, er ist umgänglich und kooperiert. Anders als viele seiner Mithäftlinge hätte er eigentlich das Rüstzeug zu einer glänzenden Karriere gehabt: Er besitzt einen IQ von 140. Die Eintrittsschwelle des Hochbegabtenvereins Mensa liegt bei 130.

In seiner Biografie spiegelte sich seine Intelligenz zu keiner Zeit wider: Als Dugan drei war, brachte ihn seine Mutter zum Psychiater, weil er ständig ins Bett machte. Der diagnostizierte "abnormale Tendenzen" bei dem Kleinkind. Seitdem ist seine Entwicklung gut dokumentiert.

Mit sechs Jahren quälte er Tiere. Als er zwölf war, vergewaltigte er seinen jüngeren Bruder. Danach fing er an, Mädchen zu belästigen.

Anders, als es sein hoher Intelligenzquotient erwarten ließe, entwickelte Dugan bei seinem mörderischen Treiben kaum Raffinesse. Impulsgeleitet und ohne Rücksicht auf die Konsequenzen seiner Tat steuerte er auf die nächste Triebbefriedigung zu. "Die höchst aufwühlende Geschichte eines Menschen, der sein ganzes Leben von Anfang an komplett ruiniert hat", resümiert Kiehl.

[...] Nun droht Dugan die Exekution. Auch der wissenschaftliche Nachweis seines offenkundig von der Norm abweichenden Gehirns konnte ihn nicht vor der Verurteilung retten. Nie zuvor waren in einem vergleichbaren Prozess Bilder eines Hirnscans des Beschuldigten herangezogen worden. Doch was beweisen diese Aufnahmen eigentlich?

Nicht alle Experten stimmen hier mit Kiehl überein. "Psychopathen sind aus juristischer und psychiatrischer Sicht geistig gesund", urteilt etwa Kiehls Kollege Hare. "Sie verstehen die Regeln der Gesellschaft und die herkömmliche Bedeutung der Begriffe ,richtig' und ,falsch'. Folglich können sie auch für ihre Taten zur Verantwortung gezogen werden."

Der Psychologe vergleicht Psychopathen mit Farbenblinden vor einer roten Ampel. Sie können nicht die Farbe erkennen, sehen aber, dass das oberste Licht leuchtet.

Ist einem Täter wie Brian Dugan zu helfen, gar seine Rückkehr in die Gesellschaft denkbar? Robert Hare stellt eine schlechte Prognose: "Es gibt keine Therapie, die bei Psychopathen Wirkung zeigt." Insbesondere der Versuch, ihnen echte Gefühle wie Reue und Anteilnahme zu vermitteln, sei zum Scheitern verurteilt.

Kiehl hingegen ist davon überzeugt, dass es eine potentielle Heilung gibt: "Die interessante Frage ist: Woher kommt dieses Verhalten? Wird der Psychopath damit geboren? Ist es genetisch oder durch Umwelteinflüsse bedingt?"

Kiehl hat beobachtet, dass das Übel bereits früh seinen Lauf nimmt. Schon bei Vier- und Fünfjährigen fand der Forscher die auf Psychopathie hindeutenden Anomalien im Gehirn.

Kiehls Klientel wird denn auch in der Regel früh auffällig. Der typische Psychopath scheint von Anfang an auf Unheil programmiert zu sein.

Als Ed Tenney gerade sechs Jahre alt war, musste er aus der Schule genommen werden. Er hatte andere Kinder halb totgeschlagen und ihnen noch gegen den Kopf getreten, wenn sie schon am Boden lagen. Bereits als Grundschüler mussten die Lehrer ihn regelrecht von seinen Opfern wegzerren.

Im Alter von zwölf Jahren diagnostizierte ihn ein Psychiater als präpsychopathisch. Falls hier noch eine Chance auf Besserung bestand, verstrich sie ungenutzt. Tenney ist inzwischen 50 Jahre alt und hat drei Morde begangen.

Vor wenigen Tagen verurteilte ihn ein Gericht zum Tod für einen Raubmord, den er 1992 begangen hatte. Tenney erbeutete damals sechs Dollar von einem Mann, der drei Wochen zuvor Vater geworden war. Beim Gespräch mit Tenney konnte Kiehl keinerlei Anzeichen von Einsicht bei ihm entdecken.

Tenneys Anwälte führten das Verhalten ihres Mandaten auf Misshandlung durch eine offenbar sadistische Mutter zurück. Die pflegte ihrem Sohn mit einer Gabel in die Hand zu stechen, wenn er sich bei Tisch unerlaubt bedienen wollte.

Psychiater Hare hingegen vermutet, dass die Entfaltung der psychopathischen Persönlichkeit durch Gewalterfahrungen in der Kindheit sicher begünstigt, nicht aber verursacht wird: "Unablässig fragen sich Eltern von Psychopathen, was sie falsch gemacht haben; dabei können sie wenig mehr tun, als hilflos zuzuschauen, wie ihre Kinder zielstrebig einem Pfad egozentrischer Befriedigung folgen."

In den Biografien etlicher Serientäter sucht man denn auch vergebens nach Erklärungen für ihre abscheulichen Verbrechen.

Ted Bundy etwa, der in den siebziger Jahren mindestens 36 Frauen vergewaltigte, wahlweise erschlug oder erwürgte und sich zum Teil noch wochenlang beim Anblick der Leichen selbst befriedigte, wuchs mit vier Halbgeschwistern in bürgerlichen Verhältnissen bei einer ihm zugewandten Mutter auf.

Die Eltern von Jeffrey Dahmer führten zwar keine allzu harmonische Ehe und ließen sich scheiden, als ihr ältester Sohn 17 Jahre alt war. Doch reicht dieser Umstand aus, um zu erklären, warum Dahmer 17 junge Männer zerstückelte? Einigen seiner Opfer hatte er zuvor Löcher in den Kopf gebohrt, um Säure hineinzuträufeln und sie auf diese Weise in willige Sexsklaven zu verwandeln.

Noch ist die Psychopathie ein vergleichsweise wenig ausgeleuchteter Geisteszustand. So rätselte Kiehl zum Beispiel, warum offenbar vor allem Männer davon befallen zu sein scheinen. Zwar begehen auch Frauen grässliche Verbechen: Diane Downs etwa sitzt seit 26 Jahren im Gefängnis, weil sie mit einem Revolver auf ihre drei Kinder geschossen hat, die zum Zeitpunkt der Tat drei, sieben und acht Jahre alt waren. Doch ist sie eine Psychopathin?

Die Erlaubnis von Gouverneur Richardson verschaffte Kiehl Zutritt zur New Mexico Women's Correctional Facility. Das Gefängnis liegt gut hundert Kilometer westlich von Albuquerque. Etwa 600 Frauen sitzen dort hinter Gittern.

Tatsächlich offenbarte sich im Frauenknast von Grants, dass Frauen weit weniger betroffen sind. Während die Experten davon ausgehen, dass etwa 25 Prozent der Insassen eines Männergefängnisses psychopathisch sind, kam Kiehl in Grants zu dem Schluss, dass die Zahl nur bei etwa 10 Prozent liegt. Andererseits jedoch brachten die Hirnscans an den Tag, dass sich der Defekt in den Gehirnen beider Geschlechter sehr ähnlich auswirkt.

[...] Es sei ein folgenschwerer Fehler, die Vermessung des Bösen künftig nur auf amerikanische Knäste zu beschränken, meint Kiehl. Obligatorische Psychopathietests für Kinder hält er für ebenso sinnvoll wie die Impfung gegen Masern. Selbstverständlich würde er auch seine eigenen Kinder checken lassen.

Hat er den Test selbst auch gemacht? "Natürlich", sagt er, ohne zu zögern. "Ich hatte neun Punkte, was deutlich über dem Durchschnitt liegt." Im Fragebogen wird auch die Entwicklung der Testperson in der Kindheit durchleuchtet, und Kiehl hatte nach eigener Aussage "damals eine starke Tendenz, mich selbst in Schwierigkeiten zu bringen".

...


Aus: "Programmiert auf Unheil" Von Frank Thadeusz (19.01.2010)
Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,690148,00.html


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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #182 on: Juni 08, 2010, 10:33:35 vorm. »
Quote
[...] "Wir waren auf Stänkern aus", gestand E. vor Gericht. Zugeschlagen habe er, weil er von seinem Opfer "blöd angeschaut" worden sei. Danach wurde das Opfer Marco D., ein 22 Jahre alter Zivildienstleistender, vom Angeklagten Andreas R. erst "oa, zwoamal" ins Gesicht geschlagen, dann auf den Kopf getreten. "Stärker als mittel" sei es gewesen. Von zwei Tritten spricht er, der Staatsanwalt von mindestens zehn. Jedenfalls lag Marco D. eine Woche lang in der Klinik, sechs Knochen waren gebrochen, sein Kiefer war um einen halben Zentimeter verschoben.

...


Aus: "Jugendgewalt Wenn ein falscher Blick genügt" Von K. Riedel und M. Hägler (08.06.2010)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/bayern/jugendgewalt-wenn-ein-falscher-blick-genuegt-1.955207

« Last Edit: Juli 21, 2010, 10:00:16 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #183 on: Juli 26, 2010, 04:57:47 nachm. »
Quote
[...] Schwerkriminelle Jugendliche haben in Neukölln zu etwa 90 Prozent einen Migrationshintergrund, 45 Prozent sind "arabischer" Herkunft, 34 Prozent haben türkische Wurzeln und sind damit, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil, weit überrepräsentiert. Heisig bietet dafür folgende Erklärung, die sie aus Gesprächen, Nachforschungen und eigenen Beobachtungen speist: Die meisten der Familien, in denen Intensivtäter heranwachsen, sind groß, sie leben von Transferleistungen und Kindergeld. Die Mütter haben nie Deutsch gelernt, sie setzen ihren Söhnen keinerlei Grenzen und überlassen sie früh sich selbst.

Hinzu komme, schreibt Heisig, dass den Jungen die Identifikationsfigur des arbeitenden Vater abhandengekommen ist. Schon früh fangen diese Kinder an, die Schule zu schwänzen, leben ohne jede Struktur. Oft werden sie kriminell, lange bevor sie strafmündig sind. Mit 14 Jahren haben sie schon Diebstähle, Raubüberfälle und Körperverletzungen auf dem Kerbholz. Heise schreibt von Jungen im Teenageralter, die Vergewaltigungen von "unbeschreiblicher Rohheit" begehen.

...


Aus: "Gewalt in der Gesellschaft "Angst ist ein schlechter Ratgeber"" Von Sarina Pfauth (26.07.2010)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/leben/gewalt-in-der-gesellschaft-die-leiden-der-jugendrichterin-kirsten-heisig-1.979470-2

-.-

Quote
[...] Sachsens Innenminister Markus Ulbig hat nach den Ausschreitungen beim Fußball-Bezirksklasse-Spiel in Mügeln harte Konsequenzen angekündigt. Er werde mit den sächsischen Fußballvereinen über neue Sicherheitsmaßnahmen bei Risikospielen sprechen, teilte Ulbig am Sonntag in Dresden mit. Das Spiel am Sonnabend zwischen dem SV Mügeln und Roter Stern Leipzig (RSL) habe gezeigt, dass der Fußball von gewaltbereiten Extremisten genutzt wird. "Das hat mit Fußball nichts mehr zu tun", sagte Ulbig.

...


Aus: "Krawalle bei Fußballspiel: Innenminister kündigt harte Konsequenzen an" (25. April 2010)
Quelle: http://www2.mdr.de/sachsen/7276247.html

« Last Edit: Juli 26, 2010, 05:02:47 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #184 on: September 02, 2010, 12:18:56 nachm. »
Quote
[...] Slowakische und tschechische Medien berichteten am Dienstag, dass der mutmaßliche Amokläufer von Montag ein ehemaliger Soldat gewesen sei, der für seine drei Tatwaffen - eine Maschinenpistole und zwei Gewehre - einen Waffenschein besessen habe.

Nach Angaben des Innenministers war der mutmaßliche Täter ein Nachbar der Familie gewesen. Anrainer beschrieben ihn als Einzelgänger. Mit der Roma-Familie habe er auf derselben Etage gelebt und ein angespanntes Verhältnis zu ihr gehabt. Nach Auskunft von Nachbarn war die Familie etwas laut. Die Kindergärtnerin des Bezirks beschrieb die Opfer als "arme, aber ehrbare Familie".

Der Schütze war am Montag gegen 10 Uhr mit Gehörschutz und den drei Waffen in einen Wohnblock im Stadtteil gestürmt und hatte dort sechs Mitglieder der Roma-Familie getötet. Auf seiner Flucht auf einer belebten Straße schoss er wild um sich. Dabei tötete er eine weitere Frau und schließlich sich selbst. 15 weitere Personen wurden verletzt.

Bürger von Bratislava hielten am Montagabend eine Mahnwache für die Opfer des Blutbades und stellten am Tatort Kerzen auf.

...


Aus: "Roma und Sinti in der EU: Viele Fragen offen nach Morden an Roma" (31. August 2010)
Quelle: http://derstandard.at/1282978637245/Roma-und-Sinti-in-der-EU-Viele-Fragen-offen-nach-Morden-an-Roma


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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #185 on: September 02, 2010, 02:36:31 nachm. »
Quote
[...] Bei einem Familiendrama in der Nähe von Kassel hat ein Vater seine vierjährige Tochter und sich selbst umgebracht. Sein einjähriger Sohn wurde schwer verletzt und schwebt in Lebensgefahr, wie die Polizei am Donnerstag in Kassel mitteilte.

Nach ersten Ermittlungen gab es in dem Auto,  in dem die Leichen gefunden wurden, eine Explosion. Was genau explodierte und ob dies die Ursache für den Tod und die Verletzungen ist, war aber zunächst unbekannt. Die zwei Leichen und der Junge wurden am Donnerstagmorgen an einem geteerten Feldweg bei Trendelburg-Eberschütz in einem Auto entdeckt.

Der 52 Jahre alte Mann saß am Steuer des Wagens, die beiden Kinder wurde auf der Rückbank gefunden. Spezialisten des Landeskriminalamtes (LKA) in Wiesbaden wurden für die Ermittlungen angefordert. Die Hintergründe der Tat waren zunächst unklar.

Die Mutter wohnt in Homberg, etwa 80 Kilometer vom Fundort des Wagens entfernt. Das Ehepaar lebte getrennt. Der Mann habe am Mittwoch sein Besuchsrecht wahrgenommen, hieß es. Allerdings habe er die Kinder nicht zur verabredeten Zeit zur Mutter zurückgebracht.

Die Detonation war so heftig, dass sie die Windschutzscheibe und Seitenscheiben des Autos zerstörte. Bis zur Ankunft der LKA- Spezialisten wurde die Untersuchung des Wagens aus Sicherheitsgründen unterbrochen. Die Leichen befanden sich zunächst noch im Fahrzeug, der Junge wurde in eine Klinik gebracht.

Erst zu Wochenbeginn hatte ein grausiger Doppelmord für Aufsehen gesorgt. In Rosenheim wurde eine 37 Jahre alte Frau sowie deren dreijähriger Sohn ermordet - als Tatverdächtiger gilt der Ex-Mann der Frau. Von ihm fehlt jedoch bisher jede Spur.


Aus: "Nordhessen: Zwei Tote bei Familiendrama" (02.09.2010)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/panorama/nordhessen-zwei-tote-bei-familiendrama-1.995161


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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #186 on: September 20, 2010, 11:39:55 vorm. »
Quote
[...] Das Spezielle an Lörrach ist, dass eine Frau Amok lief. In Deutschland ist kein Fall bekannt, der mit diesem Ereignis vergleichbar wäre, bestätigt der örtliche Polizeisprecher. "Von den Erfahrungen her ist es tatsächlich eher ungewöhnlich."

...


Aus: "Amoklauf in Lörrach: In Ruhe auf den Kopf geschossen" VON NADINE MICHEL (20.09.2010)
Quelle: http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/in-ruhe-auf-den-kopf-geschossen/

-.-

Quote
[...] Die Täterin hatte am frühen Sonntagabend nach Behördenangaben zunächst ihren Ex-Partner und den gemeinsamen fünfjährigen Sohn in der Wohnung des Mannes in der Lörracher Innenstadt getötet. Dann brachte die 41-Jährige in einer benachbarten Klinik einen Pfleger um und verletzte weitere Menschen, ehe die Polizei die Frau erschoss.

...

Quote
rub-a-dub schreibt

Motiv?

Mein Weltbild bekommt Risse. Weder kann ich "Killerspiele" als Ursache erkennen, noch einen islamistisch-terroristischen Hintergrund. Sollte die Welt komplexer sein als es manche Erklärungsmodelle vermuten lassen?

Oje....





Aus: "Frau tötet Ex-Partner, Sohn und einen Krankenpfleger" (20.09.2010)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/panorama/bluttat-von-loerrach-frau-toetet-ex-partner-sohn-und-einen-krankenpfleger-1.1002205

-.-

Quote
[...] Die Frau habe zunächst ihren früheren Lebensgefährten sowie den fünf Jahre alten gemeinsamen Sohn getötet, sagte der Leitende Staatsanwalt Dieter Inhofer bei einer Pressekonferenz in der Nacht zum Montag in Lörrach in Baden-Württemberg.

... Nachdem die Frau die Wohnunge ihres Ex-Mannes in Brand gesetzt hatte, lief sie in das nahgelegene Elisabethen-Krankenhaus - bewaffnet mit einer kleinkalibrigen Faustfeuerwaffe, wie sie Sportschützen benutzen, und einem Messer. Auf dem Weg zum Krankenhaus verletzte die Amokläuferin weitere Menschen. In der Klinik erstach sie auf den Fluren der Gynäkologie-Abteilung einen Pfleger. Bei der Amokläuferin soll es sich nach stern.de-Informationen um die 41-jährige Anwältin Sabine R. handeln, die im ausgebrannten Haus eine Kanzlei hat.

Auf dem Weg zum Krankenhaus verletzte die Amokläuferin weitere Menschen. Warum die Täterin ins Krankenhaus stürmte und weshalb sie dort zielstrebig die Gynäkologie aufsuchte, kann die Staatsanwaltschaft nicht beantworten. Auf dem Flur wurde heftig geschossen. Der Pfleger geriet in die Schusslinie. Er hatte Stichverletzungen und Einschüsse im Kopf. "Wir gehen davon aus, dass es eine zufällige Begegnung war", teilte die Polizei mit. Die Analyse dauere noch an. Nach dem Schusswechsel in der Klinik wurde die Frau von einer Streifenbesatzung gestellt und von einer Polizeikugel getroffen.

Laut Badischer Zeitung lag die Rechtsanwältin mit ihrem Mann im Sorgerechtsstreit.

... Erster Tatort war die Wohnung des Mannes in einem Mehrfamilienhaus in der Lörracher Innenstadt. In dieser habe es eine heftige Explosion gegeben. Diese ist laut Polizei von der Frau durch Brandbeschleuniger ausgelöst worden. Die Wohnung wurde komplett zerstört. Die Wucht der Detonation war gewaltig, sagte der Einsatzleiter. Daher kann die Polizei zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, ob der Mann und das Kind erschossen wurden. Die Leichen sind stark entstellt.

...

nüb/swd/DPA


Aus: "Anwältin läuft Amok in Lörrach:  War es ein Sorgerechtsstreit?" (20. September 2010)
Quelle: http://www.stern.de/panorama/anwaeltin-laeuft-amok-in-loerrach-war-es-ein-sorgerechtsstreit-1605264.html

-.-

Quote
[...] Der Mann und das Kind lebten gemeinsam in der Wohnung, die Frau nicht, erklärten die Behörden. Auf ihrer anschließenden Flucht ins benachbarte Elisabethen-Krankenhaus tötete die Frau einen Pfleger und verletzte durch Schüsse vor dem Gebäude zwei Passanten sowie in der Klinik einen Polizeibeamten. Lebensgefahr bestand in der Nacht bei keinem der Verletzten mehr.

Im Flur des ersten Obergeschosses wurde die Frau von der Polizei erschossen. „Durch ihr beherztes Eingreifen haben die eingesetzten Beamten Schlimmeres verhindert“, sagte der baden-württembergische Landespolizeipräsident Wolf Hammann. Von der Explosion bis zum letzten Schuss seien nicht einmal 40 Minuten vergangen.
Anzeige

Aus dem brennenden Wohnhaus der Opfer rettete die Feuerwehr sechs Erwachsene sowie ein Kind. 15 Bewohner mussten mit Rauchgasvergiftungen in Krankenhäuser gebracht werden. Im Einsatz waren rund 300 Polizisten und Retter aus ganz Südbaden.

Viele Fragen zum genauen Hintergrund der Tat sind bislang noch offen. Etwa wo die Frau lebte und was ihr Motiv sein könnte.

...


Aus: "Die blutige Spur der Amokläuferin von Lörrach" (09/2010)
Quelle: http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article9748300/Die-blutige-Spur-der-Amoklaeuferin-von-Loerrach.html

-.-

kontext 69: ein finsteres ereignis (und ein mieses gefühl) [update]
Montag, 20. September 2010
http://autismuskritik.twoday.net/stories/kontext-69-ein-finsteres-ereignis-und-ein-mieses-gefuehl/

-.-

Quote
[...] Sabine R. hat ihre Kanzlei regelrecht in die Luft gejagt. Sie hat Nitroverdünnung so ausgeschüttet, dass sie sie vom Eingangsbereich aus anzünden konnte. R.s Mann und ihr fünfjähriger Sohn lagen offenbar schon tot in den Räumen, als der gewaltige Knall die ganze Straße aufschreckte. So hat es die Polizei rekonstruiert.

Als die Flammen loderten, zog die 41-jährige Juristin weiter ins benachbarte Krankenhaus, bewaffnet mit einer Sportfeuerwaffe, mehr als 300 Schuss Munition und einem Fahrtenmesser. Am Ende des Amoklaufs sind vier Menschen tot - auch Sabine R. selbst. Hätte die Polizei sie nicht gestoppt und erschossen, wäre es noch weitaus schlimmer gekommen, heißt es.

Die meisten, die an diesem Tag in der Straße stehen, in der Sabine R. die letzten Monate gelebt hat, können sich das alles überhaupt nicht vorstellen: eine solche "Beziehungstat", wie die Polizei es nennt, hinter den Fassaden dieses unauffälligen Wohnkomplexes, dem eine Art Turm an der Ecke etwas Charme verleihen soll. Hinter den Fenstern sind Spitzengardinen oder auch mal offensichtlich unechte Rosen platziert. Eine 67-jährige Nachbarin, die über ihren Balkon lehnt, beschreibt sich selbst als eine der jüngeren Bewohnerinnen im Haus. Sabine R. sei eine nette, offene Frau gewesen, sagt sie außerdem. "Auch adrett gekleidet." ...

[...] Sabine R. kannte das Elisabethen-Krankenhaus. Sie lag einmal selbst dort in der Gynäkologie, im April 2004. Damals erlitt sie eine Fehlgeburt. Sie war schon in der 16. Schwangerschaftswoche. Ein so später Abort kommt selten vor. "Das Kind war nicht zu retten", sagt der Chefarzt der Klinik, Kurt Bischofberger, am Montagabend auf einer Pressekonferenz. Neben dem Mann mit dem grauen Vollbart sitzt die Hospitalleitung mitsamt der obersten Seelsorgerin Schwester Anemunda in ihrer weißen Tracht. Links an der Wand hängt ein großes Kruzifix. Das katholische Hospital, in dem noch mehrere Ordensschwestern ihren Dienst tun, habe R. damals wie allen Frauen in ähnlicher Lage psychologische Hilfe angeboten, versichert Bischofberger.

Zumindest eine Beerdigung des Kindes aber lehnte die Juristin ab. Das geht aus den Akten hervor, aus denen der Chefarzt sich das damalige Geschehen zurechtkonstruiert hat. R. wurde demnach nach nur einer Nacht in der Klinik wieder entlassen. Wie schwer kann ein solches Erlebnis einen Mensch traumatisieren? So sehr, dass er sich irgendwann rächen will?

[...] Immer wieder ist an diesem Tag erzählt worden, dass R. "gezielt" auf die Gynäkologie im ersten Stock des Elisabethen-Krankenhauses gerannt sei. Aber es liege wegen der Architektur des Hauses auch nahe, genau diese Treppe zu nehmen, heißt es auf der Pressekonferenz. Und zu dem Pfleger, den R. mit einem Messer attackierte und dann in den Kopf schoss, wurde von der Polizei bislang "absolut keine Querverbindung" gefunden. Ihr Betreuer war er jedenfalls nicht, als sie ihr Kind verlor.

[...] R., die aus der Pfalz stammt, war nach bisherigen Erkenntnissen auch nicht in psychiatrischer Behandlung. Nachbarn hätten die Frau in ersten Vernehmungen als "psychisch angespannt" beschrieben, sagt Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer. Sie schien unter Druck zu stehen. Gewundert hat sich darüber aber wohl niemand. Die 41-Jährige war frisch getrennt von ihrem Mann, lebte nun in Räumen, die offenbar mehr Büro mit Schlafmöglichkeit als Wohnung waren.

Nachbarn berichteten von Streit im Treppenhaus mit dem Noch-Ehemann, wenn der das Kind brachte oder abholte. Aber ein Sorgerechtstreit? Nach bisherigen Erkenntnissen nicht anhängig. Tatsächlich ist nicht einmal klar, wie das Kind am Sonntag gestorben ist. Die Obduktion läuft noch. Es gebe Anzeichen "stumpfer Gewalteinwirkung", heißt es bei der Staatsanwaltschaft. Schussverletzungen hatte aber nur der 44-jährige Ehemann, ein gelernter Schreiner.

So sind es bislang nicht mehr als ein paar Vermutungen, aus denen manche an diesem ersten Abend nach der Tat vielleicht schon Legenden stricken. Die Polizei dagegen hält sich mit Schlussfolgerungen auffällig zurück. Die Indizien sind bislang rar: R.s Wohnung ist komplett ausgebrannt. Lediglich zwei Tresore wurden gefunden, doch die sind noch nicht geknackt. Vielleicht sind die Waffen darin, die die Polizei im Moment noch sucht. Denn neben der "Walther Long Rifle", Kaliber 22, mit der R. am Sonntagabend um sich schoss, besaß die Juristin ihrem Waffenschein zufolge noch drei weitere Waffen. Bei Hausdurchsuchungen in der Wohnung von R.s Mann wurde bislang nichts gefunden.

...




Aus: "Die Frau, die niemand wirklich kannte" Von Anne Seith, Lörrach (20.09.2010)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,718548,00.html

-.-

Quote
[...] Die Amokläuferin von Lörrach - möglicherweise hatte sie ein spezielles Motiv. Sie hatte in dem Krankenhaus, in dem sie am Ende einen Krankenpfleger erschoss, im Jahr 2004 eine Fehlgeburt  gehabt. "Ob das der Grund war, dass sie sich dorthin wandte, wissen wir nicht," sagt Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer am Montagnachmittag auf einer Pressekonferenz von Polizei und Staatsanwaltschaft in Lörrach.

[...] Staatsanwalt Inhofer sagt, nach den derzeitigen Ermittlungen  liege es nahe, "dass eine Beziehungsproblematik Auslöser für die Tat war". Vor der finalen Schießerei im Krankenhaus hatte die 41-jährige Rechtsanwältin in einem Wohnhaus gegenüber der Klinik ihren Ehemann mit einer Kleinkaliberwaffe erschossen, als dieser den gemeinsamen Sohn bei ihr abholen wollte.

Die beiden Eheleute lebten seit Juni getrennt voneinander, der Sohn wohnte beim Vater. Von einem gerichtlichen Sorgerechtsstreit ist den Ermittlern jedoch nichts bekannt. Der gemeinsame fünfjährige Sohn starb an "stumpfen Verletzungen", die endgültigen Ergebnisse der Obduktionen von Vater und Kind stehen noch aus.

Nach der Tat in dem Wohnhaus legte die Täterin in dem Haus Feuer mit einer zuvor ausgeschütteten explosiven Nitro-Lösung und drang dann mit einer Waffe des Kalibers .22 und einem Messer in die Klinik ein. Der Einsatzleiter der Polizei, Michael Granzow, sagt, die Täterin habe etwa 300 Schuss Munition dabei gehabt.

Auf dem Weg ins Krankenhaus verletzte die Frau zwei Passanten. In der Klinik habe sie gezielt zehn Mal auf die Tür eines Patientenzimmers geschossen. Die Beamten hätten daraufhin Schüsse auf sie abgegeben. Polizei sowie die Oberbürgermeisterin von Lörrach, Gudrun Heute-Bluhm, rechtfertigten das Verhalten der Polizisten. "Ich bin mir sicher, dass die Beamten vielen Menschen das Leben gerettet haben," sagte Einsatzleiter Granzow.

Anzeichen für eine psychische Erkrankung der Frau seien bisher nicht bekannt. Sie habe aber in jüngster Zeit den Eindruck hinterlassen, "psychisch angespannt zu sein", gab Staatsanwalt Inhofer zu Protokoll.

...


Aus: "Amokläuferin erlitt Fehlgeburt in Klinik" (20.09.2010)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/panorama/loerrach-hintergruende-der-bluttat-amoklaeuferin-erlitt-fehlgeburt-in-klinik-1.1002579

« Last Edit: September 21, 2010, 12:18:16 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #187 on: Oktober 04, 2010, 05:02:26 nachm. »
Quote
[...] Günther Jacoby vergewaltigte, folterte und tötete drei Frauen, das war vor fast 30 Jahren. Seither wird der gelernte Maurer in einem psychiatrischen Krankenhaus behandelt. Besuch bei einem Mann, dessen Absonderlichkeit früh auffiel - und dessen Gefährlichkeit lange unbemerkt blieb.

Berlin - Jacoby ist nervös, unsicher. Seine Stimme zittert, seine Hände suchen nach Halt, eilig gießt er dem Besucher Kaffee ein. "Milch?", fragt Jacoby. "Fettarm?" Er will einen guten Eindruck machen, nichts ist ihm jetzt wichtiger.

Männer wie Günther Jacoby* werden frenetisch gehasst, er weiß das. "Bestien" nennen die Boulevardmedien sie, "Monster" oder auch "Schweine". Politiker wollen sie "wegschließen und zwar für immer", und machte man eine Umfrage auf der Straße, wie der Staat mit Menschen wie Jacoby verfahren sollte, hörte man sicherlich noch weitaus drastischere Vorschläge.

Günther Jacoby, Sohn eines Lastwagenfahrers und einer Hausfrau, geboren im Ruhrgebiet, hat acht Frauen vergewaltigt und drei von ihnen ermordet. Er quälte seine Opfer auf bestialische Art und Weise, er weidete sich an ihrer Angst, an ihrer Verzweiflung und Hilflosigkeit. "Das ist wie ein Rausch. Ich glaube, so fühlt sich ein Junkie, wenn er sich einen Schuss gesetzt hat. Du kannst alles, du bist alles", offenbarte der Serienkiller dem bekannten Kriminalisten Stephan Harbort.

[...] "100 Prozent tot. Das Phantom vom Grunewald" heißt das Buch, das der Kriminalist Harbort über Jacoby geschrieben hat - es ist sein siebtes zum Phänomen Serienmörder. Mehr als 40 Stunden lang sprach der Düsseldorfer Kriminalhauptkommissar dafür mit dem Täter, er studierte Ermittlungsakten, Urteile, psychologische Gutachten. Auf 310 Seiten zeichnete Harbort nach, wie aus dem überbehüteten Einzelkind ein brutaler Frauenmörder wurde. "Ich fühle mich erkannt", lobt Jacoby.

...

* Anm. d. Red.: Die Namen des Täters und seiner Opfer wurden aus Rücksichtnahme auf die Angehörigen der Beteiligten verändert.


Aus: ""Ich kann nicht jeden Tag daran denken"" Von Jörg Diehl  (04.10.2010)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,717879,00.html


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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #188 on: Dezember 21, 2010, 10:53:00 vorm. »
Quote
[...] Der mutmaßliche Heckenschütze von Malmö hat nach Angaben der Staatsanwaltschaft möglicherweise noch mehr Einwanderer ermordet als bislang angenommen. Es werde geprüft, ob der Verdächtige auch für zwei Morde im Jahr 2003 verantwortlich sei, sagte die Malmöer Staatsanwältin Solveig Wollstad am Montag der schwedischen Nachrichtenagentur TT.

Bei den Opfern handelte es sich demnach um einen 23-jährigen Zuwanderer, der auf dem Weg zur Arbeit erschossen wurde, und um einen 66-jährigen Zuwanderer, der tot Zuhause gefunden wurde. Außerdem werde der mutmaßliche Heckenschütze verdächtigt, zwischen 2003 und 2006 fünf weitere Mordversuche unternommen zu haben, womit es zwölf Mordversuche insgesamt wären.

Die Verdachtsmomente reichten aus, um den mutmaßlichen Heckenschützen in Haft zu behalten, sagte Wollstad. Der 38-jährige Schwede war Anfang November festgenommen worden. Zunächst waren ihm ein Mord und sieben Mordversuche zur Last gelegt worden. Er wies die Vorwürfe zurück. Eine vorläufige psychiatrische Untersuchung deutete darauf hin, dass der Verdächtige psychisch krank ist. Die Anschlagsserie gegen Einwanderer im südschwedischen Stadt Malmö hatte die Öffentlichkeit wochenlang in Atem gehalten.


Aus: "Heckenschütze soll noch mehr Morde begangen haben" (20.12.2010)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/panorama/schweden-heckenschuetze-soll-noch-mehr-morde-begangen-haben-1.1038671


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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #189 on: M?RZ 07, 2011, 03:11:08 nachm. »
Quote
[...] Genthin/Magdeburg - Er soll drei Menschen erschossen haben, bevor er sich selbst das Leben nahm. Wie die Staatsanwaltschaft nun mitteilte, war der mutmaßliche Dreifachmörder von Genthin in Sachsen-Anhalt psychisch krank. Der 28-jährige Alexander B. habe einige Zeit in einem Wohnheim gelebt und zuletzt weiter Medikamente nehmen müssen, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Stendal, Thomas Kramer, am Montag.

Das Motiv ist weiter unklar. "Ich bin wenig optimistisch, dass wir das jemals herausbekommen werden", sagte Kramer. Möglicherweise habe der Mann die ihm verschriebenen Medikamente nicht genommen und sich deshalb nicht unter Kontrolle gehabt.

Den Ermittlungen zufolge hatte sich B. am Donnerstag auf dem Schießplatz in Genthin regulär eine Pistole ausgeliehen. Bis 2009 war er Mitglied in einem Schießverein, eine eigene Waffe besaß er laut Staatsanwaltschaft nicht.

Mit der Pistole erschoss B. den 62 Jahre alten Schießwart und eine vermutlich zufällig anwesende 44-Jährige und deren 25-jährigen Sohn. Schon kurz nach der Tat hatten sich die Hinweise auf B. als Verdächtigen verdichtet. Nach derzeitigem Erkenntnisstand bestand keine persönliche Verbindung zwischen dem mutmaßlichen Täter, dem getöteten Schießwart und den beiden weiteren Opfern, teilte die Staatsanwaltschaft Stendal mit.

Nach stundenlanger Flucht in einem Auto gestand B. in einem Telefonat mit einer nicht genannten Person die Tat und erschoss sich dann offenbar selbst. B. lag drei Meter neben einem Mietwagen - getötet durch einen Kopfschuss. Die Pistole fand man unter seiner Leiche, seine Papiere in der Jackentasche. Der Ort, an dem B.s Leiche gefunden wurde, liegt etwa 75 Kilometer vom Schießstand entfernt.

Experten hätten das gesamte Wochenende nach weiteren Anhaltspunkten für die Tat gesucht, sagte ein Polizeisprecher am Montag. Es müsse nun in die Vielzahl der gesicherten Spuren Ordnung gebracht werden. Die Ermittler erhoffen sich durch erste Obduktionsergebnisse am Dienstag weitere Erkenntnisse. Zum Ende der Woche wird das Ergebnis eines ballistischen Gutachtens erwartet. Es soll eindeutig klären, ob das 25-jährige Opfer und seine Mutter mit der geliehenen Waffe getötet wurden.

Sohn und Mutter wohnten in der Stadt Brandenburg. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft waren sie regelmäßige Besucher des Schießstands, den mehrere Vereine und auch Jäger nutzen. B. wohnte ebenfalls in Brandenburg.

ulz/dpa


Aus: "Dreifach-Tötung von Genthin - Mutmaßlicher Täter war psychisch krank" (07.03.2011)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,749424,00.html


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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #190 on: April 14, 2011, 09:37:07 vorm. »
Quote
[...] Jan O. gesteht alles. Aber er will es nicht selbst sagen. Es wird von einer Richterin in Saal B 25 des Landgerichts Göttingen vorgelesen. „Endgeständnis“ hat der 26-jährige Angeklagte ein 19-seitiges Papier überschrieben, das er vor rund zwei Monaten verfasst hat.

Darin schildert Jan O. mit schockierenden Details, wie er im November vergangenen Jahres zwei Schüler, die 14-jährige Nina und den ein Jahr jüngeren Tobias in der niedersächsischen Gemeinde Bodenfelde ermordet und deren Leichen geschändet hat. Es lagen fünf Tage zwischen den Taten, und wahrscheinlich hätte er noch mehr Menschen getötet, denn die Ermittler sahen in ihm das Potenzial eines Serientäters. Im Internet hatte Jan O. nach seinem ersten Mord geprahlt: „Gestern Mädchen geschlachtet. Jeden Tag eins bis mich erwischen.“

Er hat nicht untertrieben. Staatsanwalt Jens Müller spricht von „schwerer seelischer Abartigkeit“. Der Vorsitzende Richter Ralf Günther konkretisiert die Anklage und sagt, dem Täter seien die leidenden Opfer gleichgültig gewesen, „weil es ihm nur um sexuelle Befriedigung ging“. Der Täter leide unter einer „schweren Persönlichkeitsstörung".

Die Mutter der getöteten Nina blickt den Angeklagten frontal an. Bald bricht ihr Blick, die Tränen sind gekommen. Der geschilderte Tathergang ist auch im nüchternen juristischen Vortrag kaum zu ertragen. Jan O. starrt auf die Tischoberfläche. Der schmale Mann sieht aus wie auf älteren Bildern von ihm. Nur, dass er jetzt Schnurrbart trägt. Als sein „Endgeständnis“ vorgelesen wird, liest er mit, macht sich Notizen.

... Im Prozess wurde auch der Amtsrichter aus Northeim als Zeuge angehört, dem Jan O. nach seiner Festnahme im November 2010 vorgeführt wurde. Der Verhaftete erzählte damals, dass er über Menschen, die solche Mordtaten verübten, eine „extreme Meinung“ habe: Für die sollte die Todesstrafe wieder eingeführt werden – „und jetzt bin ich selbst so einer“. Am Ende der ersten Vernehmung, als Jan O. von seinem Stuhl aufgestanden und wieder gegangen war, kam ein Beamter zum Haftrichter. Er sagte, dass der Stuhl durchnässt gewesen sei.


Aus: "Jan O. hat eine "schwere seelische Abartigkeit"" Kristian Frigelj| (13.04.2011)
Quelle: http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article13165789/Jan-O-hat-eine-schwere-seelische-Abartigkeit.html


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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #191 on: Juli 26, 2011, 03:31:51 nachm. »
Quote
[...] Der rechtsradikale Behring hatte den Bombenanschlag in Oslo und das Massaker auf der Insel Utøya mit mindestens 76 Toten damit begründet, dass er die sozialdemokratische Partei Norwegens möglichst hart treffen wollte. Der 32-Jährige soll in der Haft von zwei Rechtspsychiatern auf seine Zurechnungsfähigkeit untersucht werden. Die meisten seiner Opfer waren Teenager, die ein Sommerlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF besuchten. (dpa/abendblatt.de)

...


Aus: "Anschläge in Norwegen: Breivik: Etliche weitere Zellen seiner Bewegung im Ausland" (26.07.2011)
Quelle: http://www.abendblatt.de/politik/ausland/article1969778/Breivik-Etliche-weitere-Zellen-seiner-Bewegung-im-Ausland.html


-.-

Quote
[...] Hamburg - "Mit hoher Wahrscheinlichkeit psychisch gestört" - so sieht der Anwalt des norwegischen Attentäters Anders Breivik seinen Mandaten. Verteidiger Geir Lippestad sagte auf einer Pressekonferenz in Oslo, der ganze Fall deute darauf hin, dass sein Mandant geisteskrank sei. Es sei aber noch zu früh, um zu sagen, ob Breivik auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren würde.

Ein solcher Schritt könnte seinem Mandanten möglicherweise schwerfallen, erklärte Lippestad. Immerhin sehe sich Breivik selbst "als einzige Person, die die Wahrheit erkannt hat".

Breivik glaube, er befindet sich in einem Krieg, so der Anwalt weiter. "Und wenn du in einem Krieg bist, kannst du Dinge wie diese machen", beschrieb er die Sicht des Beschuldigten. Breivik denke, dass seine "Operation" nach Plan verlaufe, er wähne sich in einem "60 Jahre währenden Krieg". Sein Mandant sei sich weder der zahlreichen Opfer noch der Reaktion der Öffentlichkeit bewusst, so der Jurist.

Breivik habe vor der Tat Drogen genommen, die ihn stark und wach halten sollten, berichtete sein Anwalt. Um was für Substanzen es sich dabei handelte, ist nicht bekannt.

Die von der Justiz angekündigte rechtspsychiatrische Untersuchung des Attentäters dürfte nach Angaben des Anwalts sechs bis zwölf Monate dauern. Auch der Gerichtsprozess werde eine "ausgesprochen lange und komplizierte Angelegenheit", sagte er.

Breivik hatte den Doppelanschlag mit 76 Toten gestanden, hält sich aber für unschuldig . Sollte das Gericht ihn für unzurechnungsfähig erklären, wäre die dauerhafte Einweisung in eine geschlossene und besonders gesicherte psychiatrische Einrichtung wahrscheinlich.

Die Anhörung vor dem Haftrichter fand am Montag unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Wie Lippestad nun sagte, fiel diese Entscheidung auch aus Sorge, Breivik könne Botschaften an mögliche andere Zellen senden. Der Attentäter hatte eine öffentliche Anhörung gefordert, um seine Ideologie erklären zu können.

Nach Angaben Lippestads sprach der 32-Jährige auch von weiteren Zellen in seiner Bewegung: zwei Zellen in Norwegen und noch etliche weitere im westlichen Ausland. Von zwei Zellen in seinem Heimatland hatte Breivik schon in der ersten Anhörung vor Gericht gesprochen.

Bereits vor der heutigen Pressekonferenz hatte Lippestad erklärt, sein Mandant nehme die Welt um ihn herum anders wahr , lebe in einer verschrobenen Realität. "Er hat eine völlig andere Konzeption der Wirklichkeit als wir anderen Norweger", sagte Lippestad. "Zum Beispiel glaubt er, dass in norwegischen Gefängnissen Folter existiert."

Laut seinem Anwalt hatte Breivik erwartet, auf dem Weg zum Gericht angegriffen und möglicherweise sogar getötet zu werden. Tatsächlich hatten einige Personen den Gefangenentransport attackiert, einen Anschlag gab es jedoch nicht. Breivik rechnet nach eigenen Angaben nicht damit, das Gefängnis je wieder verlassen zu dürfen.

Breivik sitzt für die kommenden acht Wochen in Untersuchungshaft, die ersten vier Wochen verbringt er in Isolationshaft: Er darf keinen Besuch empfangen und mit niemanden sprechen außer mit seinem Anwalt.

hut/dpa/AP/Reuters


Aus: "Anwalt bezeichnet Breivik als geisteskrank" (26.07.2011)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,776701,00.html

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Quote
[...] Dem 32-Jährigen wird dort attestiert, dass er zum Zeitpunkt der Tat an paranoider Schizophrenie litt und damit als unzurechnungsfähig gelten muss.

... In seinem unmittelbar vor den Morden im Internet veröffentlichten Pamphlet beschreibt Breivik sich selbst als "psychisch extrem stabilen" erfolgreichen Mann aus bürgerlichem Hause. Was inzwischen über ihn bekannt ist, deutet allerdings darauf hin, dass zumindest Teile dieser Selbstdarstellung rosiger sind, als es der Wahrheit entspricht. Breivik wuchs in einer kaputten Familie auf. Seine Eltern trennten sich kurz nach seiner Geburt, er wurde früh ein Fall für die Sozialbehörden. Als er vier Jahre alt war, empfahl ein Psychologe, den Jungen umgehend in einem Heim unterzubringen - zu Hause drohe er Schaden zu nehmen. Nachbarn hatten zuvor Alarm geschlagen, weil bei Breiviks laut gestritten wurde und Anders und seine sechs Jahre ältere Schwester oft alleine waren. Der Vater, der mit seiner zweiten Frau in Frankreich lebte, versuchte damals, sich das Sorgerecht zu erstreiten - und scheiterte.

Die Behörden unternahmen nicht viel: Breivik wurde kurz bei einer Pflegefamilie untergebracht, kam aber bald wieder zurück zur Mutter. Bei ihr wuchs er in den reichen Vororten im Westen Oslos auf, allerdings in den einfachen Verhältnissen einer kleinen Mietwohnung. In der Schule war er damit ein Außenseiter. Mitschüler, die von norwegischen Medien befragt wurden, beschreiben ihn als zurückgezogen. Erst mit 15 Jahren veränderte er sich: Breivik begann mit Krafttraining, interessierte sich für Hip-Hop. Später träumte er von einer Wirtschaftskarriere. Er wollte reich werden und besuchte das Handelsgymnasium, machte dort aber trotz guter Noten nie einen Abschluss.

Mit 17 Jahren trat er dann in die Jugendorganisation der rechtspopulistischen Fortschrittspartei ein. Hier kamen seine politischen Ansichten erstmals zum Vorschein, insbesondere sein Islam-Hass. Breivik war selbst den Rechtspopulisten zu radikal. Nach drei Jahren trat er wieder aus der Partei aus. In Erzählungen von ehemaligen Bekannten erscheint er meist als jemand, der dazugehören wollte - aber es nie schaffte. Gestört wirkte er nicht auf seine Mitmenschen. Seine Steuererklärungen zeugen indes von Geldproblemen. Die letzten Jahre vor der Tat wohnte er wieder bei seiner Mutter und verbrachte Wochen in seinem alten Kinderzimmer mit Computerspielen. Vermutlich verlor er sich in dieser Zeit endgültig in seiner Fantasiewelt, in der zum selbst ernannten Tempelritter mutierte, zum Erlöser Norwegens. So sah er sich in seinem "Manifest".

Es ist dieses gestörte Selbstbild, dem die Rechtspsychiater nun großes Gewicht beimessen. Größen- und Verfolgungswahn sind Symptome von Schizophrenie. Breivik leide unter "bizarren Wahnvorstellungen", sagte Staatsanwalt Svein Holden am Dienstag. "Danach kann er nach eigener Auffassung entscheiden, wer leben darf und wer sterben muss." Die Krankheit habe sich über längere Zeit entwickelt.

Für den Strafprozess hat das zunächst kaum Auswirkungen, er soll wie geplant am 16. April 2012 starten. Am Ende wird das Gericht über die Zurechnungsfähigkeit Breiviks entscheiden. Vor dem Prozess wird das Gutachten noch von einer Expertenkommission überprüft. Sollte die Einschätzung der Rechtspsychiater in beiden Fällen Bestand haben, wird Breivik wohl in einer geschlossene Anstalt landen. Vermutlich für sehr lange Zeit, möglicherweise für immer, denn dem Gutachten zufolge ist er eine Gefahr. Für andere und für sich selbst.

...


Aus: ""Bizarre Wahnvorstellungen"" Von Gunnar Herrmann, Stockholm (29.11.2011)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/panorama/attentaeter-breivik-fuer-schuldunfaehig-erklaert-bizarre-wahnvorstellungen-1.1221919

« Last Edit: November 30, 2011, 10:01:24 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #192 on: November 01, 2012, 09:55:27 vorm. »
Quote
[...] ... Den am Boden Liegenden mit Fußtritten malträtieren, auf den Kopf eintreten.
So starb in der Nacht zum 14. Oktober auch Johnny K. Sechs junge Männer sollen ihn vor einem Lokal am Berliner Alexanderplatz ohne ersichtlichen Grund, ohne Vorwarnung zusammengeschlagen und getreten haben. Johnny K. erlag einen Tag später seinen schweren Gehirnblutungen.
Ein Junge von 20 Jahren, der - wie sein Vater sagte - gerade erst "ein junger Mann" geworden war. Einer, der sich an seiner Religion, dem Buddhismus, orientierte und positiv durchs Leben marschierte. Der gern zur Schule und zur Arbeit ging, sich nie prügelte - und sich in seiner Heimat Berlin sicher fühlte, als er nach einer Geburtstagsfeier mit seinen Freunden durch die Stadt zog.

.... Was Winterhoff aus seinem Berufsalltag schilderte, klang beängstigend. Die gravierende Veränderung der Gewaltqualität nehme zu, nämlich: die willkürliche Wahl eines Opfers, das Eindreschen auf am Boden Liegende, das exzessive Prügeln und Treten wie im Rausch.

"Diese Jugendlichen zeigen keine Reue, empfinden keine Empathie", sagte Winterhoff. Viele von ihnen hätten den Reifegrad von Kleinkindern und müssten genau so behandelt werden: Sie müssten von klein auf lernen, ein Nein zu akzeptieren. Das würde heutzutage zunehmend in den Hintergrund geraten. "Ich habe Sieben-, Achtjährige, die ihre Lehrer treten - und das sind durchaus gut erzogene, gut betreute Kinder."

Anstatt ihnen Grenzen aufzuzeigen, würden diese Kinder oft pathologisiert: ADHS oder Hochbegabung könne so zu einer Art Schutzschild für Eltern werden, hinter dem sie ihre Verantwortung verstecken. Für viele Kinder sei erst Jugendarrest ein einschneidendes Erlebnis.

Tina K. sagte, eine harte Strafe für die, die den Tod ihres Bruders zu verantworten hätten, würde ihr vielleicht das Gefühl von Gerechtigkeit vermitteln. Doch eigentlich wirkte sie so, als könne sie ihr Empfinden nicht kategorisieren. Wichtig schien ihr vielmehr, dass Justiz und Staat auf ihrer Seite - der des Opfers - stehen.

Die Täter haben ihrer Ansicht nach aus Hass und Wut gehandelt - Emotionen, die Tina K. fremd sind. "Ich habe nichts davon, diese Menschen zu hassen", erklärte sie mit fester Stimme. Ihre Mutter wünsche sich gar, diese jungen Männer sollten zur Familie des Opfers nach Hause kommen, die Tat zugeben, sich entschuldigen, Reue zeigen. Tina K. teilt die Vorstellung ihrer Mutter, doch ihr geht es nicht nur um die eigene Familie. "Mir tun auch deren Eltern leid, die schämen sich bestimmt für ihre Söhne und denken, sie haben etwas falsch gemacht."


Aus: ""Wir sind zu weich mit Tätern umgegangen"" Von Julia Jüttner (01.11.2012)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/anne-will-talkshow-zu-gewalttat-am-alexanderplatz-a-864570.html


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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #193 on: September 10, 2014, 12:17:48 nachm. »
Quote
[...] Ein 32 Jahre alter Vater aus dem US-Bundesstaat South Carolina soll laut Polizei seine fünf Kinder getötet und in Müllsäcken vergraben haben.

Die Leichen seien am Dienstag nach aufwendiger Suche gefunden worden.

Dies teilte das Sheriff-Büro in Lexington (South Carolina) mit, wo der Vater mit den Kindern gelebt habe. Bei den Opfern handle es sich um drei Jungen und zwei Mädchen im Alter zwischen einem und acht Jahren. Die Mutter habe sie in der vergangenen Woche als vermisst gemeldet.

Der 32-Jährige sei am Samstag wegen Alkohols am Steuer im Bundesstaat Mississippi festgenommen worden, teilte die dortige Behörde für öffentliche Sicherheit mit. In seinem Wagen seien Spuren gefunden worden, die auf ein Verbrechen hindeuteten. Nach weiteren Ermittlungen seien die fünf Leichen in einem ländlichen Gebiet im Bundesstaat Alabama entdeckt worden.

Der Mann habe die Polizei selbst zu den Leichen geführt, berichtete der Sender CNN. «Das Ausmass dieses Verbrechens ist unerträglich», erklärte Mississippis Sicherheitsbeauftragter Albert Santa Cruz in einer Mitteilung.


Aus: "Familiendrama in South Carolina - Vater vergräbt seine fünf Kinder in Müllsäcken" (10. September 2014)
Quelle: http://www.20min.ch/panorama/news/story/Vater-vergraebt-seine-fuenf-Kinder-in-Muellsaecken-22501725

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Quote
[...]  „Dass es an unseren Schulen immer mehr Gewalt gibt, ist ein Alarmsignal, dass etwas falsch läuft in unserer Gesellschaft“, kommentierte der SPD-Bildungsexperte Joschka Langenbrinck die neuen Zahlen. Er hatte 2016 das Berliner „Programm gegen Gewalt an Schulen“ mitinitiiert. ...

Quote
fortschritt63 16.05.2017, 22:47 Uhr
Gewaltprävention fängt schon im  Elternhaus an. Wenn dort  Gewalt als legitim erklärt oder täglich erlebt wird, wird diese wie anerzogen weitergegeben. Wenn dann noch mediale Gewalt konsumiert wird, die es reichlich und wie beispielhaft gibt, dann ist der Einstieg mancher in die Gewalt und die an den Schulen vorgezeichnet. ...


Quote
jeffrowland 16.05.2017, 20:14 Uhr
Antwort auf den Beitrag von newworlds 16.05.2017, 19:45 Uhr

    Zahlen zu einschlägigen Schulen und Herkunft der Täter werden natürlich auch nicht genannt - wie immer.

Das kann ich gerne übernehmen: An der Grundschule in Frohnau, an der mein Sohn letztens krankenhausreif attackiert wurde, war der Täter deutsch, weiß und gutbürgerlich. War es das, was Sie hören wollten?


Quote
KaiserVonChina 16.05.2017, 21:20 Uhr
Antwort auf den Beitrag von newworlds 16.05.2017, 20:34 Uhr

    Ich will nur gerne eine objektive  Diskussionsgrundlage haben, statt irgendwelche möglicherweise aus "Antirassismus" selektiv ausgewählte Daten.

Und selbst wenn man herausfinden sollte, dass kirgisische, albanische, kubanische oder wasweißich Kinder überdurchschnittlich oft als Gewalttäter auftreten-
Was solls? Die sinnvollste Maßnahme ist es, Gewaltprävention zu betreiben.


Quote
vielleser 16.05.2017, 22:40 Uhr
Antwort auf den Beitrag von jeffrowland 16.05.2017, 20:14 Uhr
Vorfälle

Guten Tag, auf der Grundschule in Mariendorf, die mein Sohn besucht, wurden kürzlich -auf dem Schulfest- mehrere Kinder geschlagen und bestohlen.
Der Täter war ein ca. 7-8 jähriger(!) Knabe, die Taten wurden seinen Eltern belacht (ich dachte ich spinne). ...


...


Aus: "Aktuelle Zahlen der Bildungsverwaltung: Gewalt an Berliner Schulen nimmt zu" (16.05.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/berlin/aktuelle-zahlen-der-bildungsverwaltung-gewalt-an-berliner-schulen-nimmt-zu/19812206.html


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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #195 on: November 06, 2017, 10:13:39 vorm. »
Quote
[...] 1930 hatte André Breton schon formuliert: "Die einfachste surrealistische Tat besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings, solange man kann, in die Menge zu schießen."

Die amerikanischen Medien sprechen von einem "Gunman", nicht von einem Terroristen, der mittags in eine Kirche in Sutherland Springs eingedrungen war und mindestens 27 Menschen tötete, darunter Kinder und eine schwangere Frau. Er wurde nach einer kurzen Jagd erschossen, was vermutlich auch der Sinn der Aktion war. Die Polizei wird damit zum Partner der Selbstmordattentäter. Allerdings ist noch unklar, ob er sich nicht selbst umgebracht hat.

27 Tote und ebenso viele Verletzte sind weit unter dem Rekord, den im Oktober ein anderer Amerikaner mit der Tötung von 58 Menschen und der Verletzung von mehr als 500 erzielt hat. Zynisch gesprochen, hat der Glücksspieler damit die Latte hoch gesetzt, aber vermutlich einen Rekord gesetzt, der andere Selbstmordattentäter, die einen finalen Aufmerksamkeitscoup landen wollen, anspornen dürfte. Allerdings ist in einem Dorf mit wenigen hunderten Einwohnern die Verlustrate hoch. Und einen Rekord hat er doch eingestellt: "worst shooting at a place of worship in American history". Ranking ist alles, auch wenn es um den Tod geht.

... Devin P. Kelley soll der Täter sein, er kam nicht aus dem Dorf. Die Motive sind wie beim Massenkiller in Las Vegas unklar. Die Vermutung liegt nahe, dass die Motive, mit einem finalen und blutigen Aufmerksamkeitsspektakel aus dem Leben zu gehen, etwas mit dem amerikanischen Lebensstil zu tun. Dann würden auch Verschärfungen der Waffengesetze wenig bewirken. Aber an die Ursachenforschung wollen werden demokratische noch republikanische Abgeordnete hin.

...


Aus: "Die Attraktivität der surrealistischen Tat, wahllos zu töten" Florian Rötzer (06. November 2017)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Die-Attraktivitaet-der-surrealistischen-Tat-wahllos-zu-toeten-3879565.html

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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #196 on: Mai 19, 2018, 03:23:56 nachm. »
Quote
[...] Die Washington Post rechnete aus, dass in diesem Jahr bereits mehr US-Schüler als Angehörige des US-Militärs umgekommen sind.


Aus: "Erneut sterben Schüler bei Amoklauf" (19. Mai 2018,)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-05/texas-usa-santa-fe-amoklauf-donald-trump-schule-tote

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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #197 on: Juli 23, 2019, 09:11:59 vorm. »
Quote
[...] Der tödliche Stoß vor einen einfahrenden Zug im niederrheinischen Voerde kam für das Opfer wohl völlig überraschend. Der Täter soll sich der Frau wortlos von hinten genähert haben, erzählten Zeugen der Polizei. Dann habe er sie auf das Gleis gestoßen. „Einfach so. Er hat nicht vorher mit ihr gesprochen, geredet. Er soll zu ihr hingegangen sein und sie gestoßen haben“, sagte Polizeisprecherin Jacqueline Grahl am Montag.

Die Tat habe sich am Samstagmorgen 8.45 Uhr im niederrheinischen Bahnhof Voerde bei der Einfahrt des Regionalzugs nach Oberhausen ereignet. Der 28-jährige mutmaßliche Täter und das 34-jährige Opfer kannten sich laut Polizei nicht. Vorher hatte es nach Angaben der Ermittler auch keinerlei Streit zwischen dem mutmaßlichen Mörder und dem Opfer gegeben.

Ein couragierter Zeuge habe den Mann sofort danach gepackt und festgehalten, bis ihm andere zur Hilfe gekommen seien. Das Opfer, die Mutter einer 13-Jährigen, sei zu dem Zeitpunkt mit einem Bekannten unterwegs gewesen. „Die Frau hinterlässt Mann und Kind“, sagte die Polizeisprecherin.

Der 28-Jährige Tatverdächtige sitzt wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft. Er soll die Frau heimtückisch und aus Mordlust ins Gleisbett vor die Regionalbahn gestoßen haben. Er schwieg bislang zu den Vorwürfen. „Es hat sich zu den Tatvorwürfen nicht geäußert und lässt sich anwaltlich vertreten“, sagte Polizeisprecherin Grahl.

Der in Deutschland geborene Serbe ist für die Polizei kein Unbekannter. Er sei schon wegen Diebstahls und Körperverletzungen aufgefallen, sagte die Polizeisprecherin am Montag. Es gebe zwei Verfahren, in denen er Polizisten verletzt habe: Ende Juni soll er demnach in einer Gaststätte randaliert haben. Als Polizisten ihn fixieren wollten, habe er sich gewehrt.

Ende März soll er bei Nachbarn randaliert und diese auch bedroht haben. „Da hat er dann auch bei der Festnahme Widerstand geleistet“, berichtete Polizeisprecherin Grahl. In einem weiteren Fall habe er einen Traktorfahrer angehalten und bedroht. Der 28-Jährige aus Hamminkeln bei Wesel habe in der Vergangenheit zudem zwei Freiheitsstrafen als Ersatz für Geldbußen verbüßt.

Menschen aus dem Umfeld des 28-Jährigen, der wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft sitzt, würden jetzt befragt, um diese Frage zu klären: „Warum geht jemand auf den Bahnsteig und schubst jemanden auf die Gleise?“, sagte Polizeisprecherin Grahl. (dpa)


Aus: "Tatverdächtiger handelte heimtückisch und offenbar aus Mordlust" (22.07.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/frau-vor-zug-gestossen-und-getoetet-tatverdaechtiger-handelte-heimtueckisch-und-offenbar-aus-mordlust/24686382.html


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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #198 on: Februar 10, 2020, 10:20:00 vorm. »
Quote
[...] Im Interview: Nahlah Saimeh - Leben: Nahlah Saimeh wurde 1966 in Münster geboren. Ihr Vater ist palästinensischer Herkunft, die Mutter niederländisch-deutscher Abstammung. Saimehs Eltern trennten sich, als sie noch sehr klein war. Arbeit: Nahlah Saimeh studierte Medizin und machte ihren Facharzt in Psychiatrie. Sie war 15 Jahre lang ärztliche Leiterin das LWL-Zentrums für Forensische Psychiatrie Lippstadt. Seit 2017 ist sie als forensische Gutachterin selbständig, zudem ist Saimeh Autorin diverser Bücher und arbeitet als Dozentin.

Das Interview mit Nahlah Saimeh findet in einer Hotellobby in Bremen statt. Immer wieder schwappen dabei die Worte „das Böse“ durch den Raum. Irritiert blicken Leute, die in der Nähe sitzen, dann auf.

-

Waltraud Schwab: Frau Saimeh, Sie beschäftigen sich mit dem Bösen. Setzt das voraus, dass man weiß, was das Gute ist?

Nahlah Saimeh: Ihre Frage ist eine philosophische. Ich bin aber forensische Psychiaterin und habe mich auf psychiatrische Fragen in der Kriminalität spezialisiert. Das berührt zwar das Thema des Bösen, liefert aber keine erschöpfende Antwort.

 Sie werden in den Medien doch ständig zum Bösen befragt.

Nahlah Saimeh: Aber mein Blick darauf ist kein moralisierender. Wenn Herr A Herrn B ersticht, braucht es keine moralische Bewertung von mir, dass man das nicht tut.

 Was braucht es dann?

Nahlah Saimeh: Eine Antwort auf die Frage, was den Betreffenden befähigt oder verleitet, so destruktiv zu handeln.

 Welches ethische Gerüst liegt Ihrem Vorgehen dennoch zugrunde?

Nahlah Saimeh: Was eine Straftat ist, steht im Strafgesetzbuch. Jeder Mensch hat ein Anrecht auf körperliche und seelische Unversehrtheit. Ich begutachte ja nur Leute, die vor dem Hintergrund der strafrechtlichen Norm Delikte begangen haben.

Aber steckt nicht in jedem von uns Gut und Böse?

Nahlah Saimeh: Auf jeden Fall. Wir alle haben die Möglichkeit zum konstruktiven Handeln und wir haben auch alle die Befähigung zu destruktivem Handeln.

Und wie definieren Sie destruktives Handeln?

Nahlah Saimeh: Das ist im Grunde alles, was den anderen in seinem So-Sein als Mensch missachtet und ihm psychisch oder physische Gewalt antut. Im Grunde gilt es für jede lebendige Kreatur.

Sind Sie da nicht auf Widersprüche gestoßen? Wenn ansonsten konstruktiv Handelnde eine Fliege erschlagen oder einen Waschbären vergiften?

Nahlah Saimeh: Wir leben doch alle ständig mit Widersprüchen. Eine Fliege zu erschlagen, ist nach dem Strafgesetzbuch nicht verboten, einen Waschbären zu vergiften schon. Fakt ist, wir geben uns unterschiedliche Maßstäbe, destruktiv zu handeln.

 Was machen Sie als forensische Gutachterin genau?

Nahlah Saimeh: Ich erstelle Gutachten zur Schuldfähigkeit und zur Gefährlichkeitsprognose. Gutachter wie ich kommen ins Spiel, wenn bei einem Angeschuldigten zu prüfen ist, ob er zum Tatzeitpunkt vermindert schuldfähig oder schuldunfähig war. Solche Verdachtsmomente ergeben sich etwa, wenn jemand bei seiner Festnahme oder Vernehmung wirre Ideen äußert, wie, er werde von Aliens bestrahlt oder er höre Stimmen.

Suchen Sie nach der Krankheit und nicht nach der Motivation?

Nahlah Saimeh: Schuldfähigkeit hängt davon ab, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Das schreibt man jedem Erwachsenen zu. Nur im Falle schwerer psychischer Störungen gibt es Einschränkungen. Wenn es keine psychische Störung gibt, bleibt immer noch die Frage, warum hat jemand was getan? Denken Sie an eine Tötung bei einem Scheidungskonflikt. Wo man sich fragt, warum erschlägt der 55-jährige Studiendirektor seine Frau? Was macht diese Persönlichkeit so vulnerabel, dass es zu dieser Tat kommt? Das entscheidet dann nicht über Schuld oder Nichtschuld, erklärt aber ein Stück weit die Motivation.

Warum sind am Ende die meisten Leute doch keine Mörder?

Nahlah Saimeh: Die meisten können sich bei uns einigermaßen ungestört entwickeln, haben tragfähige soziale Bindungen und eine hinreichend emotionale Kompetenz im Elternhaus gelernt. Wir leben in einer Gesellschaft, wo Gewalt zunehmend negativ besetzt ist. Gesellschaften, in denen Gewalt negativ konnotiert ist, entwickeln sich auch zu gewaltarmen Gesellschaften. Das Töten eines Menschen ist das größte Tabu.

Wobei die Geschichte viele Beispiele kennt, wo das Tabu nichts nutzte.

Nahlah Saimeh: Auch da gilt: Wir geben uns die Legitimation zu töten. Menschen tun es aus Eifersucht, Neid, Rache, Konkurrenz. Länder aus geopolitischen und ökonomischen Interessen. Aber es ist trotzdem als Tabu verankert. Individuell spielt eine Rolle, wie schnell jemand kränkbar ist, wie impulsiv, wie reizbar, oder schlichtweg wie kaltblütig berechnend. Es sind halt nicht alle Leute nett. Aber jeder weiß, dass Töten ein ganz zentrales Tabu bricht.

Wenn Ihnen solche Fragen gestellt werden, verweisen Sie oft darauf, dass wir in einer extrem komplexen Welt leben, die bei manchen zu Überforderung führen kann. Wie meinen Sie das?

Nahlah Saimeh: Ich verweise auf Komplexität vor allem dann, wenn es darum geht, Radikalisierung zu verstehen. Komplex ist unsere Gesellschaft, weil viele unterschiedliche Perspektiven, Realitäten und Wahrheiten nebeneinander existieren. Gesellschaften sind heute weniger normierend, als das früher der Fall war. Die daraus resultierenden Freiheiten erfordern ein hohes Maß an Eigenverantwortung und damit ein hohes Maß an Kompetenz, dem eigenen Leben eine Struktur zu geben.

Soll heißen: Man muss sich selbst das Korrektiv sein?

Nahlah Saimeh: Genau. Je traditioneller eine Gesellschaft, desto geringer sind meine eigenen Freiheitsgrade. Wenn ich sehr individualistisch groß werde, darf ich viele Entscheidungen treffen – muss es aber auch tun, um mein Leben auf die Reihe zu kriegen. Komplex wird unsere Welt noch dazu, weil unglaublich viel Information auf uns einstürmt, die wir ständig filtern müssen. Der Mensch hat ein Bedürfnis nach Überschaubarkeit und Verlässlichkeit. Wir leben davon, dass wir uns die Welt jeden Tag einfacher machen, als sie ist. Das ist auch überlebenswichtig. Radikalisierung aber macht alles supereinfach, verknüpft die eigene Haltung mit moralischer und menschlicher Überlegenheit und lädt damit alles ideologisch auf.

Von der Komplexität des Lebens zur Radikalisierung. Das geht mir jetzt zu schnell.

Nahlah Saimeh: Das Grundbedürfnis des Menschen ist doch Überschaubarkeit. Wir wollen uns in der Welt, in der wir leben, zurechtfinden und sie soll unseren Vorstellungen entsprechen. Das tut sie aber nicht. Und wir haben in modernen Gesellschaften das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit. Staat und Gesellschaft müssen Strukturen schaffen, in denen Menschen sich so entwickeln können, dass sie, gemessen an ihren individuellen Fähigkeiten, Selbstwirksamkeit erfahren, um ihr Leben zu gestalten. Das wollen die meisten, aber schaffen es nicht alle gleichermaßen.

Und wo läuft die Diskussion Ihrer Meinung nach da aus dem Ruder, sodass Rassismus und Ideologie mit ins Spiel kommen?

Nahlah Saimeh: Auch diese Frage ist komplex. Ich bemerke schon seit sehr vielen Jahren einen Hang zur rhetorischen Zuspitzung und Vereinfachung. Einige dieser Narrative merken wir nicht mal mehr, weil wir uns so daran gewöhnt haben. Denken Sie mal an den ständigen Gegensatz zwischen „arm“ und „reich“. Darauf wird bei uns vieles verkürzt. Dass beispielsweise wenig Abiturienten aus sozial sehr schwachen Schichten kommen, kann man aber doch nicht auf einen reinen Euro-Betrag reduzieren, weil auch enorm viele soziokulturelle Aspekte in der Erziehung eine Rolle spielen. Es ist banal, aber bestimmte Jobs werden Sie nicht bekommen, weil Ihre Aussprache nicht klar ist, Gangbild nicht stimmt, wenn Sie bestimmte soziale Codes nicht beigebracht bekommen haben.

Ist das nicht alles erlernbar?

Nahlah Saimeh: In der Tat, es ist kein Geheimwissen. Aber man muss es halt lernen. Ein Sozialstaat, der die Ressourcen seiner Bürger wirklich nutzen will, muss für den möglichen Ausgleich soziokultureller Erziehungsdefizite sorgen. Der Segen der Bürgergesellschaft ist ja nun, dass derjenige, der über ein Mindestmaß an sozialen Kompetenzen, Tagesstruktur und Selbstdisziplin verfügt, grundsätzlich sozial aufsteigen kann. Menschen wie Gerhard Schröder sind doch ein Beispiel dafür. Dass ich jetzt mit Ihnen dieses Gespräch führen darf, auch. Ich komme nicht aus einem Akademikerhaushalt. Meine Mutter war eine alleinerziehende Büroangestellte und keine Chefsekretärin. Da wird mir zu viel ideologisch an Dingen festgemacht.

Wie?

Nahlah Saimeh: Vereinfachende Narrative führen zu einer Schwarz-Weiß-Einteilung und damit immer zu Feindbildern. Feindbilder definieren Menschen, die an irgendeinem Übel Schuld sind, allein aufgrund der Tatsache, dass es sie gibt. Unsere Realität ist aber „billion shades of grey“.

Meinen Sie, weil die Art, wie wichtige Gesellschaftsfragen gestellt werden, zu sehr in einem Schwarz-Weiß-Muster verharrt, wird das zum Einfallstor für Extremismus?

Nahlah Saimeh: Ja, das denke ich. Nehmen Sie mal die aufgeladene Diskussion über Kriminalität und Flüchtlinge. Da kann man diese polarisierende Vereinfachungstendenz schön sehen. Weltweit, also auch in Deutschland, ist Gewaltkriminalität überwiegend ein Problem junger Männer zwischen 16 und 30 Jahren. Wenn also eine große Gruppe junger Männer im Hauptrisikoalter und dann noch unter sozial schwierigen Bedingungen zahlenmäßig ansteigt, wie es 2015 war, dann muss ich doch sagen können, dass das die Kriminalitätsstatistik eine Zeit lang verändern wird, ohne dass mir Ausländerfeindlichkeit vorgeworfen wird. Das sagt nichts über den individuellen Mann. Das ist ein gruppenstatistisches Phänomen.
Die eine Ideologie verknüpft das mit xenophoben Ansichten, die andere Ideologie deklariert diese Zusammenhänge per se als ausländerfeindlich. Nein, das ist nicht ausländerfeindlich. Ein Mann, der eine Frau vergewaltigt, ist ein Vergewaltiger und es ist völlig egal, ob der aus Schleswig-Holstein oder aus Libyen kommt. Außerdem ganz wichtig: Gegenläufige Ideologien beflügeln sich immer gegenseitig, weil nämlich der ideologische Gegenpart jeweils die Legitimation der eigenen Gruppe darstellt.

Behandeln Sie in Ihrem Beruf zunehmend Fälle, wo andere Kulturwahrnehmungen auf deutsche Vorstellungen treffen?

Nahlah Saimeh: Es gibt natürlich Männer, die im Ruhrgebiet geboren sind, deren Eltern einen Migrationshintergrund haben und die sich auf die Herkunftskultur berufen, wo ich mir dann denke: Was willst du mir erzählen, du bist doch in Gelsenkirchen geboren? Was willst du mir jetzt sagen? Da werden Dinge auch instrumentalisiert.

Was unterschiedliche Kulturen angeht: Sie heißen nicht Erika Mustermann, sondern Nahlah Saimeh.

Nahlah Saimeh: Väterlicherseits habe ich arabische Wurzeln. Ich bin aber im katholischen Münster geboren, Deutsch ist meine Muttersprache und ich bin Deutsche, auch von meiner ganzen Sozialisation, her. Das habe ich maßgeblich der Schule zu verdanken. Meine Mutter stammt aus Holland und ihre Generation erlebte mit dem Krieg das Deutsche negativ. Für mich aber, als Nachkriegsgeborene, ist dieses Land mit seiner Entwicklung in den letzten fünfzig Jahren ungeheuer positiv besetzt. Durch die frühe Scheidung meiner Eltern bin ich mit der arabischen Kultur nicht in Kontakt gekommen. Als Kind musste ich mich immer rechtfertigen, warum ich noch nie in einem arabischen Land gewesen war, und ich dachte: Warum sollte ich?

Gibt Ihnen Ihr Name aber freie Hand, sich zu Gesellschaftsthemen radikal zu äußern.

Nahlah Saimeh: Wenn Sie jetzt eine paradoxe Formulierung wollen: Ich bin radikal gegen jede Radikalisierung. Schon die Formulierung in Ihrer Frage zeigt, wie sehr es als radikal empfunden wird, wenn man nicht auf ein vorgefertigtes ideologisches Wägelchen aufspringt.

 Sie beschäftigen sich auch mit Hasskriminalität. Vor nicht allzu langer Zeit bewegte der Attentäter von Halle. Hat er mit einer Überzeugung gehandelt, die Sie „dämonisierendes Denken“ nennen?

Nahlah Saimeh: Das dämonisierende Denken ist ein Instrument für all jene, die sich radikalisieren und extremistischem Gedankengut frönen. Das dämonisierende Denken geht davon aus, dass alle Unbill in der Welt einen singulären Verursacher hat. Unglück und Leid wird nicht als Bestandteil des Lebens verstanden, sondern es gibt immer einen Schuldigen. Auf den wird was als negativ angesehen wird projiziert. Und daraus wird die Utopie einer optimalen Gesellschaft entwickelt, in der alles sauber, bunt und rein ist – vorausgesetzt, die, die für das verantwortlich gemacht werden, was nicht gut läuft, sind weg.

Und dann?

Nahlah Saimeh: Es gibt also diese Idee der absoluten Reinheit, Makellosigkeit, Homogenität. Das Leben an sich, das Prinzip des Lebendigen, ist aber immer inhomogen, ist Vielfalt. Das dämonisierende Denken geht davon aus, dass der andere im Grunde kein Mensch ist. Es führt zum Zusammenbruch des humanistischen Denkens, der Zuerkenntnis des anderen als Mensch. Er wird zur Fliege an der Wand, die ich totschlagen kann. Wer auf dieser Ebene ist, gibt sich schnell die Legitimation, andere Menschen auszulöschen.

Die Täter drehen alles um.

Nahlah Saimeh: Die durchdenken nicht die Antihaltung, in der sie stecken. Bei Anders Behring Breivik kann man das gut sehen. Er war gegen den Islam, gegen Feminismus, gegen Marxismus, gegen den Sozialstaat. Wo man dann denkt, ja schon, aber wie hängt das zusammen – gegen Islam und gegen Frauenrechte? Der Herr aus Halle hatte auch viele verschiedene Überzeugungen, wobei auffällt, dass Antifeminismus immer dabei ist. Aber das ist alles nicht zu Ende durchdacht. Es werden narrative Schablonen aneinandergesetzt, in die nur Hass, auch der Hass auf sich selbst, reingegossen wird.

Warum Hass auf sich selbst?

Nahlah Saimeh: Der Attentäter aus Halle hat sich vor seiner eigenen Kamera ständig als Loser bezeichnet, und niemand ist gerne einer. Wir alle wollen positive, soziale Resonanz. Das gehört zum Menschsein. Dann wurde er in seiner Losermentalität noch verstärkt: Die Tür zur Synagoge hat gehalten, die Waffe nicht funktioniert. Und da kommt dann diese Frau und fragt, was das soll. Dann wird der Vektor der Aggression neu ausgerichtet und die Frau wird hingerichtet. Bei der Dönerbude war der Erschossene ein deutscher Fußballfan.

 Amok und Koma, die gleichen Buchstaben.

Nahlah Saimeh: Oh, schön, das ist mir bisher nicht aufgefallen.

 War er ein Amokläufer und innerlich tot?

Nahlah Saimeh: Er war innerlich angefüllt von Hass und großer Verzweiflung. Aber dieser Hass ist nicht aushaltbar. Er braucht ein Ventil im Außen. Dafür gibt es im Netz diverse primitive Narrative und eines davon ist eben der Antisemitismus.

 Der Mann war Gott.

Nahlah Saimeh: Oh, das ist ein ernster Satz. Wir sagen das so, wenn jemand über den Tod anderer aus Anmaßung entscheidet. Aber das ist nicht gut. Gott ist doch ein Begriff für etwas sehr Tiefes, das größer ist als unser menschliches Erkenntnisvermögen. Insofern ist so ein Täter wohl kaum Gott. Und dann fällt einem der Theologe Meister Eckhart ein, der sagt, dass jedem Seelengrund das Göttliche selbst innewohne. Der Täter von Halle ist strafrechtlich ein Mörder und ohne Zweifel ein sehr, sehr unglücklicher Mensch.

 Woher kommt Ihre Leidenschaft, sich mit derartigen Themen zu beschäftigen?

Nahlah Saimeh: Mich interessiert die tiefere Dimension des Menschseins.

Und die suchen Sie über das Böse?

Nahlah Saimeh: Wenn ich mich damit befasse, denke ich nicht in moralischen Kategorien. Ich liebe meine Arbeit und ich begreife mich nicht als grundlegend anders als der, der vor mir sitzt. Was mich von ihm trennt, ist minimal. Ich identifiziere mich nicht mit ihm, bagatellisiere nicht die Straftat, aber als Menschen sind wir gleich. Im Privaten finde ich Tiefe übrigens in der Kunst.

Wirklich keine Faszination für das Böse?

Nahlah Saimeh: Nein. Sie werden mich auch nie in einem Grusel-, Horrorfilm oder Splattermovie gehen sehen. Gewalt heißt immer Scheitern.



Aus: "Forensikerin über das Böse: „Radikalisierung macht alles einfach“" (9. 2. 2020)
Quelle: https://taz.de/Forensikerin-ueber-das-Boese/!5658834/

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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #199 on: April 10, 2020, 10:02:37 vorm. »
Quote
[...] Zuerst Lärm und Geschrei, dann kommen Polizei und Rettungswagen. Ein Jugendlicher liegt am Boden, blutüberströmt, Notärzte versuchen ihn wiederzubeleben, wie ein Anwohner im niedersächsischen Celle schildert, der aus dem Fenster gesehen hat. Ein 15-Jähriger ist erstochen worden - plötzlich, unvermittelt, nach Polizeiangaben vermutlich grundlos. Der Angriff sei wie aus dem Nichts gekommen, sagt eine Polizeisprecherin am Mittwoch.

Was ist passiert? Der Junge irakischer Herkunft, der in Celle wohnt, ist nach Informationen von Polizei und Staatsanwaltschaft am Dienstagabend mit dem Fahrrad in der Nähe des Bahnhofs unterwegs, als ihn ein 29 Jahre alter Mann „mit einem Stichwerkzeug“ angreift. Der 15-Jährige wird schwer verletzt, er stirbt kurze Zeit später im Krankenhaus.

Ein Augenzeuge erzählt, der Täter sei auf den Jungen losgegangen, dieser sei mit dem Fahrrad noch ein paar Meter weiter gefahren und dann gestürzt. Der Polizei sagen Augenzeugen, der mutmaßliche Täter habe sich zuvor in einem Hauseingang aufgehalten.

Oberstaatsanwalt Lars Janßen sagt, Zeugen des brutalen Angriffs seien nach eigenen Angaben eingeschritten und hätten sich um das Opfer gekümmert - den mutmaßlichen Täter hätten sie mit einer Warnbake, einem Verkehrsschild gewissermaßen, in Schach gehalten. Die Polizei nimmt ihn dann vorläufig fest - wegen Verdachts des Totschlags. Noch am Mittwoch sollte er einem Haftrichter vorgeführt werden.

Die Hintergründe der Tat, das Motiv - alles noch unklar. Denn der mutmaßliche Täter schweigt. Bei seiner Festnahme habe der 29-jährige Deutsche verwirrt gewirkt. Konkrete Anhaltspunkte zum Motiv des Mannes gibt es zunächst nicht.

Nach derzeitigem Stand gingen die Ermittler davon aus, dass Täter und Opfer sich nicht kannten, sich also nur zufällig trafen, sagt der Staatsanwalt. Es habe keinen Streit, nicht einmal eine Kommunikation zwischen beiden gegeben. Ein 15-Jähriger als Zufallsopfer?

Das müssen die Beamten noch klären - die Ermittlungen dauern an, wie die Polizeisprecherin sagt. Nach den Worten des Anwohners sperrte die Polizei noch am späten Abend das Gebiet um den Tatort in Bahnhofsnähe weiträumig ab, Experten in Schutzanzügen sicherten Spuren. „Niemand kam rein, niemand kam raus“, schildert er. All das dauert bis etwa morgens um drei Uhr.

Am nächsten Morgen treffen sich Menschen an einem Kiosk in der Nähe des Bahnhofs, einige von ihnen sind Augenzeugen des brutalen Geschehens vom Vorabend gewesen. Sie sprechen über den Tod des Jungen und das, was sie gesehen haben. Die Blutlache an einer Bushaltestelle erinnert an den brutalen Angriff auf einen 15-Jährigen. (dpa)


Aus: "15-Jähriger auf der Straße erstochen – Tatverdächtiger schweigt" (08.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/celle-in-niedersachsen-15-jaehriger-auf-der-strasse-erstochen-tatverdaechtiger-schweigt/25727848.html

"Totschlag in Celle: Aus Hass erstochen?" Henrik Merker (9. April 2020)
https://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2020/04/09/totschlag-in-celle-aus-hass-erstochen_29706

« Last Edit: April 10, 2020, 12:17:37 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #200 on: Juni 30, 2020, 11:18:06 vorm. »
Quote
[...] Der Golden-State-Killer war ein Sadist und agierte sehr gerissen. Er wählte seine Opfer sorgfältig aus, spionierte ihnen wochenlang nach, und es gelang ihm, dabei nicht aufzufallen. Ohne erwischt zu werden, beging er dreizehn Morde und mindestens fünfzig Vergewaltigungen zwischen 1974 und 1986 im kalifornischen Contra Costa County. Erst als die Polizei 2017 eine Datenbank zur Ahnenforschung und das Know-how einer Hobby-Genealogin hinzuzog, flog der Verbrecher auf.

Die Ahnenforscherin und Molekularbiologin Barbara Rae-Venter war versiert im Umgang mit genetischen Daten, die Privatpersonen auf eine Plattform hochladen, um Verwandte zu suchen. Sie suchte in dieser Datenbank mit der am Tatort gefundenen DNA nach Verwandten des Täters und fand einige Cousins. Nachdem die Ermittler den Stammbaum der Familie rekonstruiert hatten, kamen sie auf den mutmasslichen Täter: Joseph DeAngelo, ein ehemaliger Polizist.

Seither wurden in den USA mehr als fünfzig weitere Mörder und Vergewaltiger mithilfe der genetischen Ahnenforschung demaskiert und verhaftet. «Das Aufspüren des Golden-State-Killers vor fast einem Jahr war der Dammbruch für die genetische Ahnenforschung in der Kriminalistik», sagt Melinde Lutz Byrne, eine Genealogin aus Florida. Eine Firma namens Parabon Nanolabs hatte dafür im Sommer 2018 eine neue Abteilung gegründet, die Ermittlungsbehörden für rund 3000 Dollar dabei hilft, alte ungelöste Kriminalfälle aufzuklären. Auch private Ahnenforscher sind vermehrt für die Polizei tätig. «Wir Genealogen haben zwar schon länger mithilfe von DNA-Datenbanken Vermisstenfälle aufgeklärt, unbekannte Tote identifiziert oder für Adoptivkinder nach ihren biologischen Eltern gesucht», erzählt Byrne. «Aber von solchen Kriminalfällen, die für grosse Aufmerksamkeit sorgen wie der Golden-State-Killer, haben wir die Finger gelassen, auch weil die Polizei nicht an unserer Unterstützung interessiert war.»

Die Mördersuche mithilfe von Gen-Datenbanken läuft in drei Phasen ab. Zuerst wird die vom Täter am Tatort hinterlassene DNA – meist ist es Sperma – teilweise entschlüsselt. Ein Muster aus bis zu 700 000 DNA-Bausteinen (sogenannte SNP) wird dann mit DNA-Profilen auf der frei zugänglichen und firmenunabhängigen Plattform Gedmatch abgeglichen. Derzeit enthält Gedmatch ungefähr eine Million DNA-Profile. Die Plattform wurde 2011 von einem pensionierten Geschäftsmann und Hobby-Genealogen aus Florida sowie einem Software-Ingenieur aus Texas explizit für die Verwandtensuche eingerichtet. Nutzer können dort ihre von einer Gentest-Firma entschlüsselten Genomabschnitte hochladen und mit allen anderen Profilen vergleichen.

«Man sucht übereinstimmende DNA-Abschnitte. Je länger diese Sequenz ist und je mehr Abschnitte insgesamt zwischen zwei Profilen übereinstimmen, desto enger ist der Verwandtschaftsgrad von zwei Personen», erklärt Peter Schneider, Genetikexperte am Institut für Rechtsmedizin der Universität Köln. Ein Algorithmus bestimme anhand dieser Parameter, ob es sich beim gefundenen Paar aus Tatort-DNA und DNA der Person aus der Gedmatch-Datenbank um Cousinen oder Cousins zweiten, dritten oder vierten Grades oder gar engere Verwandte handelt. «Um zufällige Übereinstimmungen auszuschliessen und wirklich nur echte Verwandte eines Tatverdächtigen zu identifizieren, muss man aber zwei oder gar mehr Verwandte des Gesuchten ausfindig machen, die auch untereinander verwandt sind», betont Byrne.

Um nun einen Stammbaum zu erstellen und die Tatort-DNA, also den Tatverdächtigen, dort einzupassen, ist dann Genealogie-Detektivarbeit nötig. Dabei werden Geburts-, Heirats- und Sterberegister durchforstet, aber auch Grabsteine inspiziert und Zeitungsartikel über lokale Sportereignisse oder Schulabschlussfeiern ausgewertet. Zu guter Letzt kommt dann die klassische Polizeiarbeit zum Zuge. Diese klärt, welches Familienmitglied als Täter infrage kommt, zum Beispiel aufgrund seines Alters, seiner Anwesenheit in der Umgebung der Tatorte oder aufgrund seines Aussehens. Denn die DNA kann den Ermittlern mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch verraten, welche Augen-, Haar- oder Hautfarbe ein Täter vermutlich hat, ob er spezielle, das Äussere prägende Eigenschaften oder Krankheiten besitzt. So vermutete man vor seiner Ergreifung, dass der Golden-State-Killer, im Polizeijargon GSK, blaue Augen hatte und kahlköpfig war.

Ein Mitglied des untersuchten Stammbaums ist jedoch erst dann überführt, wenn dessen DNA mit der am Tatort sichergestellten DNA übereinstimmt. Im Fall von GSK observierte die Polizei DeAngelo mehrere Tage. Als er auf einem Parkplatz den Wagen abstellte, sicherte sie seine DNA vom Türgriff des Autos.

In der Schweiz und Deutschland ist es derzeit nicht möglich, mit genetischer Ahnenforschung Kriminalfälle zu lösen. Das liegt weniger daran, dass Gedmatch eine vorwiegend von Amerikanern genutzte Plattform ist. Denn weisse Amerikaner, die Hauptnutzer dieses Dienstes, sind ihrer Herkunft nach Europäer und sind mit heute hier lebenden Menschen verwandt. Zwar nur entfernt, aber es würde in vielen Fällen ausreichen, um Übereinstimmungen bei DNA-Profilen zu bekommen, sagt eine Mitarbeiterin der Gentest-Firma Igenea.

Vielmehr macht es die rechtliche Lage in der Schweiz ebenso wie in Deutschland unmöglich, Ermittlungen wie jene, die zur Ergreifung von GSK führte, einzuleiten. Denn von am Tatort aufgefundener und mutmasslich einem Täter zugehöriger DNA dürfen bis jetzt ausschliesslich nichtcodierende Bereiche (sogenannte STR, die keine Anleitung für Gene enthalten) entschlüsselt und in Polizeidatenbanken gespeichert werden. Ermittler dürfen also keine Muster über Tausende von Bausteinen erstellen lassen wie ihre Kollegen in den USA dies tun. Somit kann auch keine Verwandtensuche via Gedmatch durchgeführt werden, weil die DNA-Daten dort viel detaillierter vorliegen und auch codierende Abschnitte enthalten.

«Allerdings können mithilfe der nichtcodierenden Abschnitte sehr nahe Verwandte wie Eltern, Kinder oder Geschwister gefunden werden», erläutert Cordula Haas vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich. Zur Eruierung der Täterschaft ist es gemäss einem Bundesstrafgerichtsbeschluss von 2015 den Strafverfolgungsbehörden erlaubt, mit nichtcodierenden Geninformationen nach Verwandten von der Person zu suchen, deren DNA am Tatort gefunden wurde, allerdings nur bei schweren Delikten. In solchen Fällen kann vom Gericht ein Massen-Gentest angeordnet werden. Dabei werden beispielsweise all jene Männer um einen Gentest gebeten, die zur Tatzeit in einem bestimmten Umkreis um den Tatort wohnten oder deren Mobiltelefone zu jener Zeit in einer bestimmten Funkzelle eingeloggt waren.

In der Vergangenheit haben Ermittler in verschiedenen europäischen Ländern mehrfach nichtcodierende DNA-Daten zur Ergreifung Krimineller erfolgreich genutzt. So hat die Polizei in den Niederlanden 2017 den Vergewaltiger und Mörder einer zur Tatzeit 19-Jährigen 25 Jahre nach der Tat geschnappt. An einem gerichtlich angeordneten Massen-Gentest hatte nämlich ein Bruder des Täters teilgenommen.

Der Forensiker Schneider kann sich zudem an einen Fall in Deutschland erinnern, bei dem in einem Massen-Gentest der Vater des minderjährigen Täters und dadurch auch dieser aufgespürt wurden. Auch in Grossbritannien wurden bereits einige Mörder und Vergewaltiger gefasst, weil man mit Tatverdächtigen-DNA eng verwandte DNA via Massen-Gentest oder in Polizeidatenbanken entdeckte.

Allerdings könnte sich die rechtliche Situation in der Schweiz bald ändern. Derzeit ist eine Gesetzesrevision in der Vernehmlassung, gemäss der auch die Analyse und die Speicherung von codierenden DNA-Abschnitten erlaubt sein sollen. Damit will man zwar eigentlich der Polizei ermöglichen, aus am Tatort sichergestellter DNA Aussagen über das mögliche Aussehen eines mutmasslichen Täters abzuleiten. Aber dann wäre eben auch eine Suche nach dem Täter über genetische Ahnenforschung möglich. In Bayern ist es der Polizei seit letztem Mai erlaubt, codierende DNA-Abschnitte zu analysieren, allerdings nur in speziellen Gefahrensituationen. Es ist derzeit noch nicht ganz geklärt, ob im Freistaat somit auch ein Einsatz von Gedmatch zur Lösung alter Kriminalfälle erlaubt wäre.

Juristen, Genetiker und Bioethiker aus den USA und Europa warnen immer lauter davor, die genetische Ahnenforschung zur Überführung Krimineller ohne jede Regelung einzusetzen. Denn dabei würden DNA-Profile von Personen ohne deren Wissen und ohne deren Einverständnis verwendet und analysiert. Zwar weist Gedmatch mittlerweile im Kleingedruckten darauf hin, dass die hochgeladenen DNA-Profile für polizeiliche Ermittlungen genutzt werden können. Infolgedessen hätten einige Personen ihre Profile gelöscht, sagen die Betreiber.

Für die Forensikerin Denise Syndercombe Court vom Kings College in London sind aber weitere ethische wie juristische Fragen ungeklärt. Was passiere, wenn aufgrund einer vagen DNA-Übereinstimmung plötzlich ein Unbeteiligter zum Verdächtigen werde und sich polizeilichen Massnahmen gegenübersehe? Und werde, wenn er wieder vollends reingewaschen sei, sein DNA-Profil weiterhin in einer Polizeidatenbank gespeichert? Manche Kritiker fordern auch, dass man die Personen informieren müsse, deren Daten für Ermittlungen angeschaut würden.

Vermutlich haben die meisten Menschen nichts dagegen, bei der Ergreifung eines Täters zu helfen, wenn es sich um einen skrupellosen Mörder handelt, auch wenn es ein Verwandter ist. Aber es gibt auch Fälle, in denen das Urteil vielleicht nicht so klar ist, wie zum Beispiel beim letzten in den USA verkündeten Ermittlungserfolg. Dort wurde eine Frau 30 Jahre nach der Tat überführt, die ihr Neugeborenes ausgesetzt hatte. Es starb in der Kälte. Die Mutter war damals 19 Jahre alt und offenbar verzweifelt. Ob man in so einem Fall dabei behilflich sein will, dass eine weit entfernte Cousine ihrer Tat überführt wird, darüber könnte Uneinigkeit bestehen.


Aus: "Mörder in den USA bleiben nicht mehr unbehelligt, wenn Verwandte genetische Ahnenforschung betreiben" Stephanie Lahrtz (05.04.2019)
Quelle: https://www.nzz.ch/wissenschaft/kriminalfall-moerder-wird-mit-dna-von-verwandten-aufgespuert-ld.1471713

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Quote
[...] Im Rollstuhl wird der „Golden State Killer“ in den Raum gefahren, ein gebrechlicher 74-Jähriger in orangeroter Gefängniskluft. „Schuldig“ sagt Joseph James DeAngelo immer wieder mit schwacher, krächzender Stimme auf jeden der 13 Mordvorwürfe. Auch in der 13-fachen Anklage wegen Entführungen im Rahmen seiner Gewalttaten räumt er seine Schuld ein. Hinzu kommen über 160 Verbrechen, von Vergewaltigung bis Raub und Einbruch, die schon verjährt sind. Stundenlang zieht sich die Gerichtsanhörung am Montag (Ortszeit) im kalifornischen Sacramento hin.

Das ist die „reale lebendige Version von Hannibal Lecter“, sagt die Bezirks-Staatsanwältin Anne Marie Schubert am Ende vor der Presse, „ein grausamer, intelligenter, sadistischer Serienmörder“. Schubert spielt auf den Kannibalen und Massenmörder Dr. Hannibal Lecter aus dem Hollywood-Thriller „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) mit Anthony Hopkins an.

Mit seiner Kaltblütigkeit und Grausamkeit versetzte der „Golden State Killer“ den Westküstenstaat über zehn Jahre in Angst und Schrecken. Dem ersten Mord 1975 folgten Dutzende Vergewaltigungen in Nordkalifornien, dann bis 1986 eine brutale Mordserie im Süden des Staates. Oft trug er eine Skimaske und schreckte seine Opfer mit einer grellen Taschenlampe auf.

Bei seinen nächtlichen Streifzügen durch ruhige Vororte hatte er Messer, Pistolen, Seile und Schnürsenkel dabei. Häufig fesselte er die Ehemänner, vergewaltigte die Frauen und brachte nach langen Quälereien beide um. Meist verweilte er an den Tatorten, bediente sich am Kühlschrank und ließ Gegenstände aus den Häusern mitgehen.

An den vielen Tatorten hinterließ er DNA-Spuren, die ihm erst viel später zum Verhängnis wurden. Ermittler wurden bei ihrer langen Suche nach dem flüchtigen Täter schließlich auf Plattformen für Ahnenforschung fündig, die genetische Informationen eines Verwandten enthielten. Im April 2018, mehr als drei Jahrzehnte nach dem letzten Mord, wurde DeAngelo in einem Vorort von Sacramento festgenommen. Der geschiedene Ex-Polizist hatte unauffällig bei einer seiner drei Töchter gelebt.

Durch das Geständnis kommt der Täter nun um die Todesstrafe herum. Im August soll er zu lebenslanger Haft verurteilt werden. Den überlebenden Opfern und den Angehörigen der Ermordeten bleibt damit ein langwieriger Prozess mit schmerzlichen Zeugenaussagen erspart.

Doch am Montag hörten die Anwesenden schockierende Details von den Tatorten. Die Staatsanwälte aus sechs Bezirken schilderten die grausamen Tatumstände, teils mit Tränen in den Augen. Per Videoschalte konnte auch die Öffentlichkeit die Anhörung mitverfolgen.

Das jüngste Opfer war 13 Jahre alt. Ein junges Paar hatte erst Monate zuvor geheiratet. Unter den Toten war auch eine gebürtige Frankfurterin, die 1981 im südkalifornischen Irvine in ihrem Bett erschlagen aufgefunden wurde. Das letzte dem Serienmörder zugeschriebene Opfer war eine 18-Jährige, die 1986 vergewaltigt und ermordet wurde.

Die über Jahre ungeklärte Crime-Serie hatte auch die amerikanische Krimiautorin Michelle McNamara beschäftigt. Im Februar 2018 erschien in den USA ihr Buch „I'll Be Gone in the Dark“ (dt. Titel „Ich ging in die Dunkelheit“). Zwei Monate später wurde der damals 72 Jahre alte DeAngelo als mutmaßlicher Serienmörder festgenommen. Der US-Sender HBO gab eine sechsteilige Doku-Serie in Auftrag, die am Sonntag Premiere feierte. (Barbara Munker, dpa)


Aus: "74-jähriger „Golden State Killer“ gesteht Mordserie und Vergewaltigungen" (30.06.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/reale-version-von-hannibal-lecter-74-jaehriger-golden-state-killer-gesteht-mordserie-und-vergewaltigungen/25961900.html

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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #201 on: Juli 15, 2020, 10:56:10 vorm. »
Quote
[...] Ungeklärt ist: Haben sie es hier mit einem enttäuschten Patienten zu tun? Einem politischen Attentäter? Oder einem Wahnsinnigen? Die Ermittler funktionieren ein verlassenes Ärztezimmer zur Kommandozentrale um, sammeln erste Informationen, hören, was die Polizisten, die zuerst am Tatort waren, berichten. Gregor S. hatte sich widerstandlos festnehmen lassen, schien dabei von einer Art Bekenntniszwang getrieben zu sein. ... „Er hat unheimlich viel geredet, auch seine Zwangsneurose erwähnt“, sagt van Sweringen. Sie fordert einen Psychiater an, um zu klären, ob Gregor S. bis zum Prozess in der U-Haft oder der Psychiatrie untergebracht werden soll. ... Er sei durch das Unrecht, das Richard von Weizsäcker zu verantworten habe, traumatisiert worden und habe sich als Deutscher schuldig und zum Handeln verdammt gefühlt. „Wäre er Präsident von Frankreich oder England gewesen, wäre ich aus dem Schneider gewesen.“
Als der Bundespräsident 2015 starb, habe er dessen Kinder ins Visier genommen. Im Internet stößt er auf den Vortrag. Zwei Tage vor dem Attentat kauft sich Gregor S. ein Messer für 19,50 Euro, geht zum Friseur, in den Waschsalon, er leistet sich anständiges Rasierzeug, um bei der Festnahme „einen halbwegs passablen Eindruck“ zu machen. „Eine fast feierliche Vorbereitung“, nennt das der psychiatrische Sachverständige Alexander Böhle am vergangenen Freitag.

... Gerade arbeitet van Sweringen an der Anklage zu einem Doppelmord in Marzahn, dem eine 38-jährige Mutter und ihre neunjährige Tochter zum Opfer fielen. Weil ihr alle Laien immer diese eine Frage stellten, zweifele sie manchmal schon an sich selbst, sagt van Sweringen, aber: „Das belastet mich psychisch nicht.“

Am 19. Mai 2020, genau sechs Monate nach dem Anschlag, erhebt sich Silke van Sweringen im Saal 700 des Berliner Landgerichts, um ihre Anklage zu verlesen. Sie wirft Gregor S. Mord an Fritz von Weizsäcker und Mordversuch an dem – zu dieser Zeit immer noch dienstunfähigen – Polizisten Ferrid B. vor. Er gehört zu den Nebenklägern im Prozess, ebenso wie Beatrice von Weizsäcker, die 61-jährige Schwester des Verstorbenen; dessen zwei minderjährige Kinder werden im Saal von ihrem Anwalt Roland Weber vertreten.

... Als vor Verhandlungsbeginn die Fotografen und Kamerateams kurz in den Saal gelassen werden, erwartet sie Gregor S. in seiner Box hinter Panzerglas. Er dreht ihnen den Kopf zu, reckt das Kinn, sieht durch runde Brillengläser auf die Betrachter herab. Ein leicht spöttisches Lächeln liegt auf seinen Lippen.

Gregor S. besteht auf sein Frage- und Rederecht, er ruft ständig dazwischen, fuchtelt mit einem Kugelschreiber, wenn er Zeugen der Lüge zu überführen sucht. Kein Zweifel, keine Reue, „ich bin froh, dass er tot ist.“ Als ihn van Sweringen fragt, ob er jemals in Vietnam gewesen sei, schüttelt Gregor S. den Kopf und belehrt sie dann, dass es ja auch Dokumentarfilme gebe. Er habe jedes Jahr drei Monate Urlaub in Thailand verbracht, das sei alles ein Menschenschlag.

... Es ist die Aufgabe des Gutachters Alexander Böhle, herauszufinden, ob Gregor S. sich in eine irrwitzige Theorie hereingesteigert hat oder ob er wahnkrank ist. Da sich S. aber weigert, mit ihm zu reden, lässt der Psychiater den Angeklagten während des Prozesses nicht aus den Augen, studiert die Akten, spricht mit dem Hausarzt – und kommt am Freitag zum Schluss: „Vermutlich ist Herr S. seit seiner Adoleszenz immer auffällig gewesen, oft aggressiv und manchmal auch gewalttätig.“ Er sei in seiner Steuerungsfähigkeit erheblich eingeschränkt.

... Sieben Mal hat ihn das Amtsgericht wegen Beleidigung und Körperverletzung zu einer Geldstrafe verurteilt, weil Konflikte in seinem Umfeld eskalierten. Seit zwei Jahren streitet er sich mit seinem Hausverwalter um den Zustand seiner Wohnung. Dem Eigentümer hatte er, mit einer Papiertüte über dem Kopf getarnt, das Auto zerkratzt und die Hauswand mit Öl beschmiert. Gregor S. sagt, der drohende Wohnungsverlust sei für ihn der Auslöser gewesen, seinen Plan nun endlich in die Tat umzusetzen.

... Am Ende des Prozesses bleibt davon nur eines übrig, der Psychiater formuliert es so: eine Zwangsstörung, eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung auf Borderline-Niveau und Wahnerkrankung. Eine komplette Aufhebung der Schuldfähigkeit schließt Böhle aber aus.

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Aus: "Weizsäcker-Mörder Gregor S. erwartet am Mittwoch sein Urteil" Katja Füchsel (08.07.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/ich-habe-die-tat-aus-ganzem-herzen-gemacht-weizsaecker-moerder-gregor-s-erwartet-am-mittwoch-sein-urteil/25980942.html

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"Urteil: Frau auf offener Straße in Graz erstochen: 28-Jähriger wird eingewiesen" (14. Juli 2020)
Das Geschworenengericht stufte den Beschuldigten als nicht zurechnungsfähig ein. ... Graz – Im Grazer Straflandesgericht ist am Dienstag ein 28-Jähriger von einem Geschworenensenat in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen worden. Er soll im Februar eine ihm völlig unbekannte Frau mitten auf der Straße durch 19 Messerstiche so schwer verletzt haben, dass sie am nächsten Tag starb. Ein Motiv für die Tat gab es nicht, der Mann wurde als zurechnungsunfähig eingestuft. ...
https://www.derstandard.at/story/2000118708618/frau-auf-offener-strasse-in-graz-erstochen-28-jaehriger-wird


Quote
[...] InsideBob

Sie hat noch gesagt dass sie 2 Kinder hat...
Das ist so endlos traurig...


...

Quote
[...] Mindestens acht Frauen soll ein 29-Jähriger in Berlin und Brandenburg attackiert habe ... Allerdings berichtete der Polizeibeamte Oskar Vurgun, der mutmaßliche Täter habe sich nach seiner Verhaftung nicht kooperativ verhalten, sondern sich stark gewehrt, sodass körperliche Gewalt eingesetzt werden musste. Der Tatverdächtige soll nun auch von einem psychiatrischen Experten begutachtet werden. ...


Aus: "Erst freundlich, dann brutal: Was über den Serienvergewaltiger und seine Taten bekannt ist" (15.07.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/erst-freundlich-dann-brutal-was-ueber-den-serienvergewaltiger-und-seine-taten-bekannt-ist/26007986.html
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« Last Edit: Juli 16, 2020, 09:17:52 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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Re: [Gewalt + Persönlichkeitsstörungen (Theorie der ethischen Gefühle?)... ]
« Reply #202 on: Juli 15, 2020, 11:15:44 vorm. »
Quote
[...]  Hannah Arendt veröffentlicht 1963 ihren Bericht  von  der  Banalität  des  Bösen,  nachdem  sie  den  Prozess  gegen  Adolf  Eichmann in Israel mitverfolgt hat: »Eichmann war nicht Jago und nicht Macbeth [...]. Außer einer ganz gewöhnlichen Beflissenheit,  alles  zu  tun,  was  seinem  Fortkommen  dienlich sein  konnte,  hatte  er  überhaupt keine Motive. [...] Es war gewissermaßen schiere Gedankenlosigkeit [...], die ihn dafür prädisponierte, zu einem der größten Verbrecher jener Zeit zu werden. Und wenn dies  ›banal‹  ist  und  sogar  komisch,  wenn  man  ihm  nämlich  beim  besten  Willen  keine teuflisch-dämonische Tiefe abgewinnen kann, so ist es darum doch noch lange nicht alltäglich.«

Jüngere  Untersuchungen  zeigen  demgegenüber  nach  den  Anschlägen  vom  11. September  2001  ein  wiedererstaktes  Interesse  für  den  vormodernen  Typus  des dämonischen,   ja   atavistischen   Bösen   und   seine   geschichtlich   wechselnden Agenten. ...

Grausamkeit  stellt  einen  unabweisbaren,  kaum  erträglichen  Übergriff  auf  die seelische  wie  leibliche  Integrität  eines  Lebewesens  dar.  Der  Übergriff  kann natur-,  system-  oder  menschengemacht  sein.  Bei  letztgenannten  handelt  es  sich zudem  um  einen  gezielt  demoralisierenden  und  gewollt  zerstörerischen  Akt. Doch  tritt  die  Frage  der  Täterschaft  eigentümlich  in  den  Hintergrund.  Denn  in keinem  der  Fälle  gibt  es  echte  Entzugsmöglichkeiten.  Das  Übermaß  an  Zwang und  der  Exzess  an  Gewalt  bleiben  erklärungsbedürftig. ...

... Die unhintergehbare  Alterität  des  Anderen,  die  Lévinas  geltend  macht,  vermag vielleicht einen genealogischen Zugang zu einer Grausamkeit zu eröffnen, in der es neben der Ausübung von Macht und Gewalt auch um die Prüfung und Herausforderung einer stumm bleibenden Transzendenz geht, die sich – grausam genug – ihrerseits ins Indifferente zurückzieht.

...


Aus: "Grausamkeit und Metaphysik. Zur Logik der Überschreitung in der abendländischen Philosophie und Kultur" MIRJAM SCHAUB (2009)
Quelle: https://www.burg-halle.de/home/294_schaub/Publikationen/7._GuMP/EinleitungGuMP__2009_.pdf

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Quote
[...] Die gesamte Moderne beruhe auf eine einzigen Verheißung, einem einzigen Versprechen: „dass wir intensive Menschen werden“. Der Gott der Moderne verpflichte seine treuen Jünger auf Maximierung, er erschaffe ausnahmslos „Menschen, deren Lebenssinn in der Intensivierung aller Vitalfunktionen besteht“. Diese „große moderne Idee“ verkünde weder Heil noch Wahrheit, sie flüstere dagegen so leise wie unabweisbar den stets gleichen Lockspruch: „Ich verheiße dir mehr vom Gleichen. Ich verheiße dir mehr Leben.“

Diesen Imperativ der Intensität sieht Garcia im 18. Jahrhundert durch die Entdeckung der Elektrizität entstehen – die Moderne als „Domestikation des elektrischen Stroms“, durchaus originell. Dass das Intensitätsideal von den Romantikern in die Pop-Geschichte und in die derzeit so beliebten Fitness- und Ernährungsstrategien der Selbstoptimierung eingewandert ist, leuchtet umstandslos ein. Und dass der Kapitalismus dieses Loblied des Steigerns und Mehrens mitsingt, wird niemanden überraschen: Er sieht darin sein Wachstumsdenken befördert, entsprechend wird der neue Kaffee genauso wie die Kreuzfahrt als intensives Erlebnis beworben.

Der entscheidende Punkt bei Garcia ist dabei, dass Intensität zum inhaltsleeren, rein formalen Ideal geworden ist. Ihr Leitspruch lautet „intensiv das zu sein, was man ist“. Ihm folgen Dschihadisten genauso wie Vegetarier, Kommunisten wie Neoliberale. Intensität als totaler Begriff: Er meint alles und gemeindet alle ein. Ein Versprechen, das sich selbst auflöst – und zerstörerische Kräfte entwickelt. Die Moderne steht damit bei Garcia als Extremismus da, denn dessen Kennzeichen ist stets, alles und alle auf eine einzige Perspektive, eine einzelne Letztbegründung zu beziehen.

Letztbegründung: das ist das Metier der Metaphysik. Es geht nicht mit ihr, es geht nicht ohne sie, meint Garcia, sicher zurecht. Er macht es sich folglich zur Aufgabe, eine neue Metaphysik zu begründen, die auf die klassischen Bezugspunkte wie den Gott der Theologen oder das Ideal der Philosophen verzichtet – er hält beides nicht mehr für möglich, ohne dies allerdings eigens zu begründen, leider. Er zeigt aber, dass die traditionellen Versuche, alles unter die Vorherrschaft des Denkens und der Vernunft zu stellen, genauso einseitig und unmöglich sind wie das gegenteilige Vorhaben, alles nach dem (Lebens)Gefühl auszurichten. Sein Essay mündet deshalb in das Plädoyer für eine Ethik, mit der man „auf der Kammlinie im Gleichgewicht“ zu bleiben versuchen solle: weder sich ganz der Intensität hingeben noch versuchen, sich ganz von ihr zu befreien.

... Beate Rössler liest. Sie liefert nicht nur eine sehr gründliche Geschichte des modernen Grundwertes der Autonomie, dem Hauptfeld intensiven Erlebens; sie zeigt, dass man gerade in ethischen Fragen der Selbstbestimmung nie bei Null anfängt, nie allein, sondern stets ein soziales Wesen ist. Sie zitiert die Schriftstellerin und Philosophin Iris Murdoch: „Man steckt immer schon bis zum Hals in seinem Leben.“ Autonom, so Rössler deshalb, sind wir nie isoliert, sondern immer mit anderen. Intensiv, so kann man mit Garcia ihm selbst entgegenhalten, ist nichts für sich, sondern immer nur im Zusammenhang mit anderen und anderem: Jede „Kraft“ braucht Bezugspunkte, um wirken zu können.

Das berührt die zentralen, heißen Fragen: Welchen Werten folgen die Wanderungen auf den Kammlinien? Welcher Hoffnung gehorchen die Versprechungen der Demokratie, der Selbstbestimmung – und des Kapitalismus? Dass Garcias Essay teils heftig kritisiert wurde, hat hierin seine Ursache: Er verschiebt diese Fragen ins bloß Private. Aber sein Buch hat auch deshalb für so viel Aufmerksamkeit gesorgt, weil er solche Fragen immerhin stellt.
 
Tristan Garcia: Das intensive Leben.
Eine moderne Obsession. Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann. Suhrkamp, Berlin 2017. 215 S.
 
Beate Rössler: Autonomie. Ein Versuch über das gelungene Leben. Suhrkamp, Berlin 2017. 443 S.


Aus: "Ethische Fragen der Selbstbestimmung" Dirk Pilz (18.08.2017)
Quelle: https://www.fr.de/kultur/literatur/ethische-fragen-selbstbestimmung-11019143.html

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[...] Aristoteles‘ Ethik ist um die Begriffe Glück und Vortrefflichkeit/Tugend zentriert. Besonders auch die Charakterentwicklung - und weniger abstrakte Pflichten - sowie die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür stehen im Mittelpunkt dieses Vortrags.

Um ein glückliches, erfülltes Leben zu führen, muss der Mensch gemäß Aristoteles seine vernünftigen Anlagen möglichst gut entwickeln und sowohl seinen Charakter als auch seine intellektuellen Fähigkeiten in einen vortrefflichen Zustand bringen. Um das zu erreichen braucht der Einzelne in der Regel die Unterstützung einer wohlgeordneten Gemeinschaft, die ihn oder sie in jungen Jahren dazu anhält, die richtigen Charakterzüge und Fähigkeiten zu entwickeln.

Nachdem das Aristotelische Modell der Ethik lange Zeit als obsolet oder gar reaktionär galt, erlebte es in den letzten Jahrzehnten eine Wiederbelebung – vor allem ausgehend von der angelsächsischen Philosophie. Die Bewegung der „virtue-ethics“ z.B. schätzt an Aristoteles, dass er die Charakterentwicklung – und nicht abstrakte Pflichten – in den Mittelpunkt seines Denkens stellt.

...


Auf: "Aristoteles´ Ethik und ihre Wirkung bis heute" (24. Januar 2018)
Quelle: https://www.marktspiegel.de/event/nuernberg/c-ausstellungen-und-kurse/aristoteles-ethik-und-ihre-wirkung-bis-heute_e19101
« Last Edit: Juli 15, 2020, 11:29:34 vorm. by Textaris(txt*bot) »