Author Topic: [Der expressionistische Film... (Dr. Caligari)]  (Read 7775 times)

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[Der expressionistische Film... (Dr. Caligari)]
« on: October 24, 2006, 02:01:54 PM »
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[...] Das Cabinet des Dr. Caligari ist ein deutscher Horrorfilm von Robert Wiene aus dem Jahr 1920. Der expressionistische Stummfilm gilt als einer der Meilensteine der Filmgeschichte.

Der Film erzählt die Geschichte des Dr. Caligari, der auf dem Jahrmarkt ein somnambules Medium namens Cesare ausstellt und hellsehen lässt. Zwei Freunde besuchen gemeinsam die Vorstellung und einer von ihnen wird in der darauffolgenden Nacht ermordet, nachdem ihm Cesare zuvor den Tod prophezeite. Caligari stellt sich als Wahnsinniger heraus, der Cesare als Mordinstrument benutzt. Am Ende schlägt der Film jedoch einen Haken (der vom Drehbuchautor Carl Mayer nicht vorgesehen war): Die ganze Handlung ist nur eine Wahnvorstellung eines Insassen einer Irrenanstalt, Caligari der Direktor dieser Anstalt – nun allerdings wissend, wie er den tatsächlich Wahnsinnigen heilen kann.

Das Cabinet des Dr. Caligari hatte am 27. Februar 1920 Premiere. Berühmt wurde das Werk durch den außergewöhnlichen, neuartigen Stil, der gemalte und gebaute, grotesk verzerrte Kulissen mit kontrastreicher Beleuchtung und gemaltem Licht und Schatten kombinierte (die Bauten stammen von Walter Reimann), wodurch er vielerorts als Musterbeispiel des expressionistischen Films bezeichnet wird. Die Geschichte des Films ist surrealistisch und das ungewöhnliche Ende war ein Resultat der damaligen Zensur. Im zeitgenössischen Kontext stellt die Figur des Caligari eine unverhohlene Kritik an Obrigkeit und Kultur des im Ersten Weltkriegs unterlegenen deutschen Kaiserreichs dar. Ursprünglich sollte Fritz Lang Regie führen, aufgrund von Zeitproblemen ging der Auftrag jedoch an Robert Wiene. Lang wird heute jedoch die dramaturgische Klammer um den Film zugeschrieben, die diesen mit realistisch fotografierten Szenen einleitet und abschließt[1].

Für den durch Das Cabinet des Dr. Caligari geprägten filmischen Stil wird gelegentlich auch der Begriff Caligarismus verwendet. Der Film wurde 1933 in Deutschland verboten und 1937 zum Bestandteil der Ausstellung „entartete Kunst“ gemacht. Heutzutage hält der Film, wie der deutsche Expressionismus der Zwischenkriegsjahre generell, eine hohe Stellung in der Filmwelt inne und inspiriert Filmemacher noch immer.

[...]

   

    * Regine-Mihal Friedman: Das Cabinet des Dr. Caligari. In: Michael Omasta, Brigitte Mayr, Christian Cargnelli (Hrsg.): Carl Mayer, Scenar[t]ist. Ein Script von ihm war schon ein Film - „A script by Carl Mayer was already a film“. Synema, Wien 2003, ISBN 3-901644-10-5
   

    * Ilona Brennicke, Joe Hembus: Klassiker des deutschen Stummfilms. 1910 - 1930. Citadel-Filmbücher. Goldmann, München 1983, ISBN 3-442-10212-X



Aus: "Das Cabinet des Dr. Caligari" (11/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Cabinet_des_Dr._Caligari

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Robert Wiene (* 27. April 1873 in Breslau; † 17. Juli 1938 in Paris) war ein deutscher Filmregisseur.

[...] Bekannt ist Robert Wiene vor allem als Regisseur des expressionistischen Klassikers Das Cabinet des Dr. Caligari (1919), wobei sein spezifischer Anteil an dem Film bis heute umstritten ist. Er drehte danach mit expressionistischem Dekor Genuine (1920) und vor allem die bemerkenswerte Dostojewski-Adaption Raskolnikow (1923). Nach Orlacs Hände (1924) mit Conrad Veidt, dem letzten Film des Caligarismus, schuf er nur noch zweitklassige Filme. Neben zahlreichen leichten Unterhaltungsfilmen steht sein Name auch für eine Verfilmung der Richard-Strauss-Oper Der Rosenkavalier (1926) in Zusammenarbeit mit dem Komponisten und dem Librettisten Hugo von Hofmannsthal.

1934 musste Robert Wiene emigrieren und landete nach Zwischenstationen in Budapest und London in Paris. Der Versuch, den Caligari-Stoff zusammen mit Jean Cocteau als Tonfilm neu zu produzieren, scheiterte.

Robert Wiene starb am 17. Juli 1938 in Paris.


Aus: "Robert Wiene" (11/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Wiene


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[...] Erich Pommer (* 20. Juli 1889 in Hildesheim; † 8. Mai 1966 in Los Angeles) ist ein deutscher Filmproduzent. Er schrieb mit Metropolis und dem Marlene-Dietrich-Film Der blaue Engel Filmgeschichte.

[...] Caroline Lejeune schrieb 1931 über Pommer: "Sein Name für einen Film steht meistens für einen Erfolg an der Kinokasse, bedeutet gleichzeitig aber auch ein Versprechen im Hinblick auf die Intelligenz eines Films." In seiner 40-jährigen Tätigkeit brachte es Pommer insgesamt auf rund 200 Filmtitel, denen wiederum in dem Fernsehbeitrag Das Kabinett des Erich Pommer von Hans-Michael Bock und Ute T. Schneider ein cineastisches Denkmal gesetzt wurde.


Aus: "Erich Pommer" (11/2207)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Pommer

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[...] Walter Reimann (* 2. Juni 1887 in Berlin; † 8. November 1936 in Bad Godesberg) war ein deutscher Maler und Filmarchitekt. Sein künstlerischer Nachlass liegt im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main.


Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Reimann (11/2007)

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[...] Hans-Peter Reichmann (Red.); Walter Reimann. Maler und Filmarchitekt. Kinematograph Nr. 11
Zeitlebens verstand sich Reimann eher als Maler und Filmbildner denn als Filmarchitekt – eine Bezeichnung, die sich mit Reimanns Verständnis von Filmästhetik nicht ganz deckte. Gerade mit seinen auf malerischen Ausdruck bedachten Entwürfen für Das Cabinet des Dr. Caligari (1919/20) konnte Reimann zum Mitbegründer des filmischen Expressionismus werden. Beleuchtet wird sein vielseitiges Lebenswerk: Film- und Theaterarbeit, freie Kunst, Gebrauchsgrafik, filmtheoretische Schriften und Drehbücher. Eine Auswahl von Reimanns Schriften zu Filmästhetik und -technik sowie eine detaillierte Filmografie komplettieren den Band.
1997, 224 S., 295 Abb. (Bestellung über Buchversand - Deutsches Filmmuseum)


Quelle: http://www.deutschesfilmmuseum.de/pre/ft4.php?id=body&main=sottohunte&img=3img4&ass=ass_sottohunte

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Carl Mayer (* 20. November 1894 in Graz; † 1. Juli 1944 in London) war ein österreichischer Drehbuchautor.

[...] Kurz nach dem Ersten Weltkrieg lernte Mayer 1919 als Dramaturg am kleinen Berliner Residenztheater den ehemaligen Offizier und tschechischen Dichter Hans Janowitz kennen. Gemeinsam verfassten sie das Drehbuch zu Das Cabinet des Dr. Caligari, das ihn als Autor beim Film rasch etablierte.

Nach einem zweiten expressionistischen Film, Genuine (1920), wandte sich Carl Mayer vom „Caligarismus“ ab und widmete sich der Arbeit an Szenarien zu Kammerspielfilmen, naturalistischen Dramen im Kleinbürgermilieu. 1924 verfasste Mayer das Drehbuch zu Der letzte Mann von Friedrich Wilhelm Murnau, der als Meisterwerk des deutschen Stummfilms gilt. Der Höhepunkt seiner langjährigen Zusammenarbeit mit Murnau wird 1926 das noch in Deutschland fertiggestellte Drehbuch zu Sonnenaufgang, den Murnau 1927 in den USA realisierte.


Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Mayer (11/2007)

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[...] Hans Janowitz (* 2. Dezember 1890 in Podiebrad, Österreich-Ungarn (heute Tschechien); † 25. Mai 1954 in New York, NY) war ein deutscher Autor.

[...] Janowitz war Offizier im Ersten Weltkrieg, kehrte jedoch tiefgreifend geläutert als Pazifist zurück. Er traf kurz nach Kriegsende den gleichgesinnten Carl Mayer in Berlin, und erhielt von ihm den Anstoß, als Autor tätig zu werden. Gemeinsam schrieben sie das Drehbuch zu Das Cabinet des Dr. Caligari, das 1919/20 unter der Regie von Robert Wiene verfilmt wurde.


Aus: "Hans Janowitz" (11/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Janowitz



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[...] Als „entartet“ wurden Werke des Expressionismus und der abstrakten Kunst durch Gegenüberstellung mit pathologischen Erscheinungen diffamiert.

Das Werk vieler so verfemter Künstler wurde durch Berufsverbot, Malverbot, Konfiszierung, Entfernung aus den Museen, Emigration oder Ermordung der Künstler zerstört oder unterbunden, und noch vorhandene Werke wurden nach dem 2. Weltkrieg wegen des Siegeszuges der abstrakten Kunst häufig vergessen. Daher werden einige der Künstler dieser Generation auch als vergessene Künstler bezeichnet. Weiter wird auch die Bezeichnung Exilkunst oder "Künstler im Exil" gebraucht für die vorwiegend jüdischen Künstler, denen die Flucht ins Ausland gelang, die dann in wirtschaftlicher Not und entwurzelt in der Fremde einen neuen Anfang begannen.

[...] Der vom nationalsozialistischen Volksbildungsminister Thüringens Wilhelm Frick bewirkte Erlass „Wider die Negerkultur für deutsches Volkstum“ (5. April 1930) war der Ausgangspunkt der Bereinigung von „undeutschen Einflüssen“. Dies führte im Oktober 1930 zur Überstreichung von Oskar Schlemmers Wandgestaltung der Weimarer Werkstattgebäude des Bauhauses. Weiter betrieb Frick die Auflösung der „Bauhochschule“ und die Entlassung der Lehrerschaft. Er berief Paul Schultze-Naumburg, führender Vertreter einer rechtskonservativen Bau- und Kulturideologie, zum Direktor der neugegründeten „Vereinigten Kunstlehranstalten Weimar“. Unter dessen Leitung wurde das Weimarer Schlossmuseum von Werken von Ernst Barlach, Charles Crodel, Otto Dix, Erich Heckel, Oskar Kokoschka, Franz Marc, Emil Nolde, Karl Schmidt-Rottluff und anderen „bereinigt“. 

[...] Es gab drei konsequente Diffamierungs-Maßnahmen der NS-Kulturpolitik: "Bücherverbrennung" am 10. Mai 1933 in Berlin, Verfolgung der Maler und ihrer "entarteten Kunst" am 19. Juli 1937 in München und Verfolgung der "entarteten Musik" am 24. Mai 1938 in Düsseldorf.

Nach der gewaltsamen „Entfernung“ jüdischer, kommunistischer und „unerwünschter“ Künstler aus öffentlichen Ämtern und der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz, wurde bereits in den ersten Monaten nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten deutlich, dass die Vielfalt des Kunstschaffens der Weimarer Republik unwiderruflich zu Ende war.

[...] Der Vernichtungsangriff auf die Moderne und ihre Protagonisten betraf alle Sparten der Kultur wie Literatur, Filmkunst, Theater, Architektur oder Musik. Moderne Musik wie der Swing oder der Jazz wurde auf der am 24. Mai 1938 eröffneten Ausstellung „Entartete Musik“ ebenso rücksichtslos diffamiert wie der „Musikbolschewismus“ von international bekannten Komponisten wie Hanns Eisler, Paul Hindemith oder Arnold Schönberg.[3]

Analog zur „Entarteten Kunst“ wurden auch verschiedene musikalische Entwicklungen des frühen 20. Jahrhunderts als „Entartete Musik“ verunglimpft.


Aus: "Entartete Kunst" (11/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Entartete_Kunst


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[...] Der expressionistische Film entstand im wesentlichen in Deutschland, speziell in dessen „Filmhauptstadt“ Berlin, in der Stummfilmzeit der ersten Hälfte der 1920er Jahre. Doch auch in den Jahren zuvor tauchten bereits erste expressionistische Elemente in österreichischen Produktionen auf, die sich aus den vielseits beliebten Literaturverfilmungen entwickelten.

Nach dem Ersten Weltkrieg erlebte die deutschsprachige Filmindustrie einen starken Aufschwung, ohne aber über Budgets zu verfügen, die mit denen Hollywoods vergleichbar gewesen wären. So war der deutschsprachige Film schon aus ökonomischen Gründen gezwungen, den Mangel an Technik und Ausstattung mit anderen Mitteln zu kompensieren. Da in Deutschland und Österreich zeitgleich in allen Kunststilen ein großer Experimentierwille herrschte, führte dies auch im Film zu radikalen Neuschöpfungen, die stark von expressionistischen Kunstformen beeinflusst war. Das bei weitem wichtigste Filmstudio während der Weimarer Republik waren die UFA-Studios in Potsdam-Babelsberg, in Österreich war das Sieveringer Filmatelier der Sascha-Film das größte Filmstudio, das jedoch Ausstattungstechnisch hinter den deutschen Studios zurücklag.

Als vermutlich erster Film, der expressionistische Stilmittel einsetzte, sei „Die Schlange der Leidenschaft“ aus dem Jahre 1918 genannt. Diese österreichische Produktion nimmt in Spielweise und Thematik so verschiedenen deutschen Filmen wie Josef von Sternbergs „Der blaue Engel“ (1930) als auch Carl Theodor Dreyers „Vampyr“ (1932) bereits manches vorweg. Zwei Österreicher - Hans Janowitz und Carl Mayer - waren es auch, die das Drehbuch zur ersten berühmten expressionistischen Produktion „Das Cabinet des Dr. Caligari“ aus dem Jahr 1919 schrieben.

[...] Charakteristisch sind die stark von der expressionistischen Malerei beeinflussten grotesk verzerrten Kulissen und die kontrastreiche Beleuchtung, die durch gemalte Schatten noch unterstützt wurde. Durch eine surrealistische und symbolistische mise-en-scène werden starke Stimmungen und tiefere Bedeutungsebenen erzeugt.

Daneben ist es aber vor allem die betont übertrieben gestische Spielweise der Darsteller, die das Expressionistische dieser Filmströmung kennzeichnet. Sie ist dem künstlerischen Vorläufer, dem Bühnenexpressionismus entlehnt.

[...] Die kurze Epoche des expressionistischen Films war bereits Mitte der 1920er Jahre wieder vorüber und als nach 1933 viele der früheren Protagonisten Deutschland in Richtung Hollywood verließen, waren nur noch dort Nachwirkungen zu spüren. Besonders zwei Genres wurden davon beeinflusst und können als „Erben“ des Filmexpressionismus gelten: Der Horrorfilm und der Film noir.

Heute scheint das Werk von David Lynch vom expressionistischen (Fritz Lang - M: Eine Stadt sucht einen Mörder) als auch surrealistischen (Salvador Dalí - Ein andalusischer Hund) Film inspiriert zu sein. Werner Herzog drehte 1979 als Hommage ein Nosferatu-Remake mit Klaus Kinski in der Hauptrolle.


Aus: "Expressionismus (Film)" (10/2006)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Expressionismus_(Film)

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[...] In short, Caligari featured just about all the primary elements we associate with German Expressionist film:

    * Anti-heroic (if not downright evil) characters at the center of the story...
    * which often involves madness, paranoia, obsession and...
    * is told in whole or in part from a subjective point of view.
    * A primarily urban setting (there are exceptions, particularly in the case of Murnau), providing ample opportunity to explore...
    * the criminal underworld...
    * and the complex architectural and compositional possibilities offered, for example, by stairways and their railings, mirrors and reflecting windows, structures jutting every bit as vertically as they do horizontally so that...
    * the director can play with stripes, angles and geometric forms sliced from the stark contrasts between light and shadow.
    * Shadows, in fact, can take on an ominous presence of their own; think of the monster's shadow ascending the stairs in Nosferatu, the shadow preceding the murderer in M or the pursuit and capture of Maria in Metropolis.


From: "German Expressionism" by David Hudson (Date: 2005)
Source: http://www.greencine.com/static/primers/expressionism1.jsp

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Das Kabinett des Doktor Caligari (1919/20)

"The Cabinet of Dr. Caligari" (1919/20) is the first modern Horror Film and it influence a number of contemporary productions. A real classic!

Director: Robert Wiene
Producer: Rudolf Meinert and Erich Pommer
Production Company: Decla-Film-Ges. Holz & Co. (Berlin)
Audio/Visual: silent, black & white

http://www.archive.org/details/DasKabinettdesDoktorCaligariTheCabinetofDrCaligari

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Das Cabinet des Dr. Caligari (B-Film-Kabinett :: Aushangfotos, Poster und Werbematerial)
http://b-film-kabinett.anagkh.net/thumbnails.php?album=6

« Last Edit: November 27, 2007, 04:31:37 PM by Textaris(txt*bot) »

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[eine degenerierte nicht-arische Krankheit.. (Notiz, Filmkritiken)]
« Reply #1 on: October 27, 2007, 09:19:49 PM »
Quote
[...] Die ganze expressionistische Welt von Holstenwall
ist in den endgültigen Fassung des Films ein Symptom für Francis’ Wahnsinn.
Diese Auffassung lag in jenen Tagen auch nahe, denn die aufkeimende moderne
Kunst wurde des öfteren als das Werk von Bekloppten abgetan. So zog zum Beispiel
Hans Prinzhorn in seinem renommierten Buch Bildnerei der Geisteskranken aus
dem Jahr 1922 Vergleiche zwischen moderner Kunst und den Bildern, welche von
Schizophrenen gezeichnetwurden.Vorbilder des Expressionismus wie Vincent van
Gogh oder auch Nietzsche waren selbst dem Wahnsinn verfallen. Und als nicht beschreibende
Kunst, welche der Expressionismus nunmal war (als Gegenteil des Impressionismus,
welcher reale Eindrücke beschreibt), stand diese Form der Kunst auch auf der
Abschußliste der Nazis, denn sie sei das Werk von Verrückten und auf die katastrophale
Ökonomie und Staatsstruktur der Weimarer Republik zurückzuführen und eine degenerierte,
nicht-arische Krankheit. Wenn Das Cabinet des Dr. Caligari (1919) damals als Höhepunkt
der modernen Kunst bezeichnet wurde, war dies nicht immer so glanzvoll gemeint,
wie sich das heute für uns anhören mag.

Der Bereich der Modernen Kunst war zum Zeitpunkt seines
Erscheinens eine Sache für Intellektuelle, während diese auf die Filmindustrie eher
verächtlich denn begeistert herabschauten. Durch die Verbindung dieser beiden Welten
gelang dem Film ein Doppelschlag: Erstens brachte er die abstrakte Kunst der
breitenMasse näher und half aktiv, ein entsprechendes künstlerisches Bewußtsein innerhalb
der Filmindustrie zu schaffen. Das Cabinet des Dr. Caligari (1919) löste sogar
einen wahren Boom an expressionistischen Filmen aus und sein Einfluß auf die Filmindustrie ist unerreicht.
Unter seinen Nachfolgern finden sich auch Meisterwerke wie Nosferatu: Eine Symphonie des Grauens
(1922), G.W. Pabsts Die Dreigroschenoper (1931), Dreyers Vampyr (1931) und auch
US-Produktionenwie Frankenstein (1931). Dieser Film hat nicht nur die Entwicklung des
Horrorfilmsmassiv beeinflußt, sondern die komplette Filmwelt.

Ein zweiter Effekt der Verbindung zwischen Kunst und Kommerz war, daß die künstlerische Welt auf das verkannte
Medium des Films aufmerksam wurde und es als solches nun auch ernstnahm. Der Weg
war geebnet, um Künstler dazu zu bewegen, auch Kunstwerke auf Zelluloid und nicht nur
Leinen zu produzieren.

Die künstlerische Seite von Das Cabinet des Dr. Caligari (1919) entstand jedoch aus
eher profanen Gründen. Das originale Drehbuch, welches lange Zeit als verschollen galt,
bis eine Kopie im Nachlaß von Werner Krauss auftauchte, enthielt im Gegensatz zu Janowitz’schen
Behauptungen keinerlei Anspielungen auf eine künstlerische Bühnengestaltung.
Diese ist letztlich ausgerechnet auf dem Mist der Produzenten gewachsen. Für Pommer
war Das Cabinet des Dr. Caligari (1919) nichts weiter als ein weiteres Drehbuch zu
einem beliebten Thema, dem Detektivfilm, zusammen mit einem Schuß Unheimlichem.
Die simplen, expressionistischen Bauten waren zudem ¨außerst billig anzufertigen, was die
Produktionskosten enorm senkte. Und sie gaben Pommer die Gewißheit, daß der Film aufgrund
seiner Andersartigkeit auch dann ein Erfolg werden würde, wenn die Kritiker ihn in
der Luft zerreißen. Es lag keineswegs in irgendjemandes Absicht, ein Kunstwerk zu schaffen.


Daß dies überhaupt funktionierte und zu jenem Meilenstein führte, wie wir ihn heute kennen,
ist einer einfühlsamen Hand des Regisseurs Robert Wiene zu verdanken. Denn es stellt
sich die Frage, was im Vordergrund des Filmes steht, der Expressionismus oder der traditionelle,
kommerzielle Erzählstil? Dominiert die Story oder wird sie von den Bauten in den
Hintergrund gedrängt und ertrinkt in einer substanzlosen Bilderflut? Nun, der Vordergrund
gehört der erzählten Geschichte, und zwar alleine ihr. Und das ist gut so, denn hätte die
Kunst die Oberhand gewonnen, hätte der Film nur schwerlich sein Publikum in der breiten
Masse gefunden und wäre weniger erfolgreich gewesen. Stattdessen verschwindet die moderne
Kunst nach ein paar Minuten der Einführung völlig in den Hintergrund und drängt
sich nicht mehr weiter auf. Tolle Bilder, welche nicht weiter stören. So wird der Film heute
empfunden und, wie zeitgenössische Kritiken zeigen, war dies 1920 auch nicht anders.
Die Filmemacher waren sich jedoch alles andere als sicher angesichts des Ergebnisses ihrer
Arbeit. Janowitz erzählte später, daß sie auf dem Weg zur Uraufführung im Berliner Marmorhaus
am 26. Februar 1920 die nackte Panik packte. Gleich nach Beginn der Vorführung
verzogen er und CarlMayer sich an die Bar in der Lounge, um aus der Schußlinie zwischen
Publikum auf der einen und dem Team Pommer, Meinert und Wiene auf der anderen Seite
herauszukommen. Während sich die beiden Mut antranken, hörten sie plötzlich eine Frau
gellend schreien. Dies geschah bei jener Szene des Films, an welcher Cesare die Augen
öffnet und Alan ansieht. In der Szene, in welcher Cesare in Janes Zimmer eindringt, sollen
auch wieder Entsetzensschreie zu hören gewesen sei, einige Frauen seien ohnmächtig
geworden. Nach dem Ende des Films verharrte das Publikum in absoluter Ruhe und noch
während die Nerven der Filmschaffenden endgültig zu flattern begannen, brach ein donnernder
Applaus los. Der Film wurde frenetisch gefeiert und sein Siegeszug um die Welt
konnte beginnen.
Das Publikum des Jahres 1920 bekam mit Das Cabinet des Dr. Caligari (1919) bislang
Unvorstellbares zu sehen. Der Film gilt heute als der Urvater des Horrorfilms, welches offiziell
ein knappes Jahrzehnt später auch diesen Namen erhalten sollte. Das Cabinet des Dr.
Caligari (1919) war der Schocker schlechthin, wozu auch die umstrittene Rahmenhandlung
ihr Schärflein beitrug. Das schockierende Ende war und ist verdammt weit von dem
entfernt, was man unter einem Happy Ending versteht und wirkte auf die Zuschauer nach
den vorhergegangenen 70 Minuten wie ein zusätzlicher Klaps auf den Hinterkopf beim
Herausgehen.W¨ahrend seiner Premiere in den USA wurde das Ende aus Rücksicht auf die
Zuschauer entschärft, indem man durch echte Schauspieler eine zusätzliche Rahmenhandlung
schuf, welche vor und nach dem Film auf einer Bühne vor der Leinwand aufgeführt
wurde. Mit dieser Rahmenhandlung wurde dem Publikum versichert, daß Francis und Jane
geheilt wurden, daß sie nun ein normales Leben führen und daß es ihnen gut ginge.


 
Aus: “Das Dokument des Grauens” Von Ralf Ramge (815 Seiten, pdf, Stand: 31. August 2006)
Der Text dieser PDF-Dokumente unterliegt der CreativeCommons Attribution-NonCommercial License.
Quelle: http://retro-park.de/pdf/Das_Dokument_des_Grauens.pdf

« Last Edit: November 18, 2007, 08:57:36 PM by Textaris(txt*bot) »