Author Topic: [...daß die Welt noch lange nicht entdeckt ist]  (Read 1904 times)

0 Members und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 10441
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[...daß die Welt noch lange nicht entdeckt ist]
« on: Juni 13, 2005, 03:00:41 nachm. »
Quote
Der Blick in den Spiegel hatte mir wieder klargemacht, daß mich die Maschine, die nun seit ein paar Jahren wie ein gezähmtes Alien auf meinem Schreibtisch hockte, sehr wohl verändert hatte. [...] Den nächsten Schock erlebte ich in einer Runde von Bekannten, von denen niemand etwas mit Computern zu tun hat. Wir unterhielten uns blendend und dann fiel mir etwas Lustiges ein, das ich gleich erzählen wollte, nämlich wie mir ein Bekannter eine völlig haarsträubende Idee zur Programmierung des DMA-Ports auseinandergesetzt hatte. Erst in letzter Sekunde hielt ich mich zurück, da mir bewußt geworden war, daß keiner der Anwesenden darüber lachen können würde. Daß auch mein Humor schon so tiefgreifend rechnerbefallen war, entsetzte mich ein wenig.

[...] Das uferlose Entgegenkommen der Maschine fördert auch gewisse Haltlosigkeiten, die ich an mir ohnehin nicht besonders schätze. So verwende ich manchmal beim Schreiben, wenn ich gerade dabei bin, eine Story in Schuß zu bringen, die einzige Droge, die bei mir richtig knallt: Schlafentzug. Ich verfluche es, weil ich nach einer durchgekurbelten Nacht drei Tage brauche, um mich wieder zu erholen, aber ich kann's nicht lassen. Ab einem bestimmten Moment verwandelt sich in den langen Nächten die Müdigkeit in eine Leichtigkeit und ich gerate in jene Verfassung, die man so schön "traumwandlerische Sicherheit" nennt. [...]

[Es] wurde mir nach einer Zeit offenbar, daß ein Computersystem [...] ein Hausaltar ist. Der Computer - ich muß hier ausdrücklich meine metaphernreichen Sprache aufheben - stellt einen Hausaltar nicht bildhaft dar, er verkörpert ihn tatsächlich. Die Verrichtungen daran sind Riten: Die Gedenkminute beim Kaltstart; die Handlungen in der entkörperlichten Arbeitsumgebung der Textverarbeitung; die Andacht beim Programmieren, vor allem während der wie Bußgebete wiederholten Compiler-Durchläufe; die sonderbaren Jagdzauber - to catch information - und Kriegstänze mit den Joystick in der Hand; die Suche nach Stammesgemeinschaft, draußen in den Datennetzen. [...]

Ich will keinem Mikrocomputer- Anwender unterstellen, daß er vom Schreibtisch aus einen thermonuklearen Weltkrieg führen möchte. Aber in der Idee des Computers sind steinalte irrationale Kulturmuster eingebettet, die unterschwellig mit dem Geist der Anwender wechselwirken und sich zu gespenstischen Interferenzen und Verstärkungseffekten hochschwingen können.

Wie viele Einsteiger, so habe auch ich in den ersten Monaten mit dem Computer ein jäh aufflammendes infantiles Allmachtsgefühl erlebt. Mitten in einem demokratischen Staatswesen des zwanzigsten Jahrhunderts lockte plötzlich die Möglichkeit, feudal werden zu können, König der Magnetic Media Metropolis. Das Chamäleon Computer, das kein Menschenrecht kennt, bot sich als Sklave an. Ich verspürte das heftige Bedürfnis zu putschen und in der Wohngemeinschaft, in der ich lebte, eine Techno-Monarchie zu installieren. Der Computer würde, mit einem Lichtfühler verbunden, morgens die Jalousien hochziehen, die Kaffeemaschine in Gang setzen, über eine programmgesteuerte Wasserpumpe die Blumen gießen, den Geldverkehr abwickeln, das Wissen der Welt aus Datenbanken abrufen, abends, von einem Bewegungsmelder veranlaßt, das Licht in den Räumen nur dann einschalten, wenn etwas wie ein Mensch sich darin regte...

Wichtigste Verbündete der Macht waren seit jeher die Priester, Astrologen und Magier, die Herren des Kryptischen. "Geheimes Wissen", schreibt Mumford, "ist der Schlüssel zu jedem System totaler Herrschaft. Bis zur Erfindung der Buchdruckerkunst blieb das geschriebene Wort weitgehend ein Klassenmonopol. Heute hat die Sprache der höheren Mathematik plus Computertechnik das Geheimnis wie auch das Monopol wiederhergestellt, mit einer daraus folgenden Wiedererrichtung totalitärer Kontrolle." In altägyptischen Tempeln wurden an Säulen am Ende langer Hallenfluchten Juwelen angebracht, die zu bestimmten Zeiten, die den Priestern bekannt waren, durch den Lichteinfall verschiedener heller Sterne aufleuchteten und als Signale der Götter vorgestellt wurden - ein probates Mittel, die Massen und bisweilen sogar den Monarchen fromm zu halten.
Heute sitzt der Magier als Programmierer vor der Monitor- Kristallkugel und läßt, wie es seit Jahrtausenden in der Zauberei üblich ist, mit Hilfe eines undurchsichtigen Brimboriums von Beschwörungsformeln Schemen, Gelichter und Tele-Visionen auf der Glasfläche erscheinen, sieht auf wahrscheinlichkeitstheoretisch fundiertem Wege hell, simuliert Wundersames, verblüfft durch atemberaubend realistische Illusionen oder zieht sich einen Satz Ephemeriden aus dem Speicher und läßt den Computer, fast ein wenig anachronistisch, ein klassisches Horoskop rechnen. Ein schnurgerader Vektorpfeil führt von den Funkelsteinen der altägyptischen Sakralbauten über die mittelalterlichen Phantasmagorien zu den Special Effects des Hollywoodkinos und den War Theatres der modernen Strategen.

Nach Kittler implementiert jeder Mikroprozessor "von der Software her, was einst die Kabbala erträumte: Daß Schriftzeichen durch Verzifferung und Zahlenmanipulation zu Ergebnissen und Erleuchtungen führen, die kein Leserauge gefunden hätte." Die Zusammenstellungen und Anhäufungen von Zahlen ergeben die modernen Höhlenzeichnungen oder Fingermalereien der Statistiken. Die Kolonnade von Zahlen, ob Programm-Outputs oder die maschinensprachlichen Binärsäulen der Programme selbst, bringt dem heutigen Menschen in jeder Hinsicht eine neue Welle primitiver Schau und magisch unbewußten Innewerdens des Empfindens. "Leibnitz als Mathematiker sah wirklich in der mystischen Dyadik von 0 und 1 das Bild der Schöpfung. Die Einheit des höchsten Wesens, das durch binäre Funktion auf das Nichts wirkt, glaubte er, genüge, um alles Seiende aus dem Nichts zu schaffen" (McLuhan). Am Ursprung des Worts Ziffer, auch Chiffre, steht das arabische Wort sifr. Es bedeutet soviel wie "Lücke" oder "leer". [...]
Der Computer schießt nicht auf Wesen oder Dinge, er schießt auf Zeichen. Computer können Bedeutungen töten. Weizenbaums Beschreibung der im Vietnamkrieg eingesetzten Pentagon-Rechner etwa macht deutlich, wie durch den Computer die Bedeutung von Verantwortung desintegriert wird. Wer konnte noch dafür zur Verantwortung gezogen werden, daß in von einem Computer ausgewählten Zonen alles unter Feuer genommen werden durfte, was sich bewegt? Der Computerfabrikant? Die Programmierer, die die Auswahlkriterien eingegeben hatten? Die Offiziere, welche die Computer bedient und den Output an die Funker weitergegeben haben? Je mehr Entscheidungen ins Innere des Computers verlagert werden, die das Leben von Menschen mittelbar oder unmittelbar betreffen, desto unfaßbarer wird Verantwortung.

Eines der großen Probleme der Gegenwart - daß nämlich die Moral jedes Einzelnen von uns ohnehin bereits bei dem Versuch überfordert ist, auch nur die offiziellen Daten und Informationen zu bewerten, die ständig aus jeder Ecke des Globus ankommen - wird dadurch deutlich verschärft. Es ist ein Gemeinplatz, daß die Botschaften von Nöten und Unrecht, die stündlich aus aller Welt in die Informationskanäle rauschen, die spontane Reaktion, zu helfen, in die Leere der Medienrealität laufen lassen und das Gefühl, mitverantwortlich zu sein, tief verstören. [...]
Der Computer macht es möglich, daß Kids plötzlich mehr wissen, als Experten. Nichtmathematiker untersuchen lustvoll hochabstrakte Gebilde, Fun- Programmierer lassen über die Benutzeroberflächen schrecklich seriöser Anwenderprogramme kleine, grafische Käfer krabbeln, und kühle Techniker fangen an, in meditativer Weise darüber nachzusinnen, wie ihre Seele arbeitet. Mag sein, daß die Computerwelt in unserer Zeit als Substitut für das schwindende Gefühl des großen Abenteuers Furore macht. Gewiß ist, daß man in der vollen Bedeutung des Wortes bei einem Computer mit allem rechnen muß. Vor allem aber wird die Einsicht wieder lebendig, daß die Welt noch lange nicht entdeckt ist.


...


Aus:"DAS KOLUMBUS-GEFÜHL" von Peter Glaser (2002?)
Quelle: http://www.chscene.ch/ccc/contrib/glaser/kolumbus.html

« Last Edit: Juni 03, 2009, 04:32:25 nachm. by Textaris(txt*bot) »