Author Topic: [Schauplätze der Kampfbegriffe... (Schlagwörter)]  (Read 4980 times)

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[Schauplätze der Kampfbegriffe... (Schlagwörter)]
« on: October 28, 2007, 04:42:52 PM »
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"Aber Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, steuert mein ganzes seelisches Wesen, je
selbstverständlicher, je unbewußter ich mich ihr überlasse. Und wenn nun die gebildete Sprache aus giftigen Elementen
gebildet oder zur Trägerin von Giftstoffen gemacht worden ist? Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden
unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da."


Wörter sind in erster Linie bedeutungstragend, ornamentiert mit Emphase, Hybris oder Pathos werden sie erst in
der jeweiligen Kommunikationsgegebenheit. Ändert sich die Gegebenheit, sei es durch Wechsel des Milieus,
durch Veränderung sozialer Strukturen oder schlicht durch temporäre Faktoren, so erfahren auch Lexeme
entweder regressive oder progressive Veränderung, beziehungsweise sie zeichnen sich durch Kontinuität ihres
Konnotats aus.

Welche Bedeutung haben in diesem Zusammenhang Schlagwörter?

[...] "Die methodologisch notwendige Einfühlung in die jeweilige Zeit erfordert im Grunde Kenntnisse von Sprache,
Literatur, Kultur, öffentlicher Kommunikation, Rezeptionsbedingungen, Politik, Theologie, Geschichte –
Kenntnisse, die ein einzelner Wissenschaftler allein kaum in einer Person vereinen mag."4
Sich angesichts dieser Erkenntnis trotzdem einer solchen Herausforderung zu stellen, läßt sich nur mit der
Faszination erklären, welche die unerwarteten Erkenntnisse durch die hermeneutische Vorgehensweise
hervorrufen.




"Vorreformatorische Schlagwörter - Spiegel politischer, religiöser und sozialer Konflikte in der frühen Neuzeit"
(Inaugural-Dissertation) - zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität Trier von Patrick Honecker aus Bonn (2002)
http://deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=97281275x&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=97281275x.pdf

« Last Edit: October 29, 2007, 03:38:07 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Kampfbegriff... (Suchmaschienen Textfraktale Ansammlung)]
« Reply #1 on: October 28, 2007, 06:13:03 PM »
Der Begriff wird auch als politischer Kampfbegriff benutzt, um Kritiker zum Schweigen zu bringen oder kritische Berichterstattung in ein negatives Licht zu...

politische Kampfbegriffe hätten es an sich, zunächst als leere Signifikanten zu funktionieren. In einem zweiten Schritt käme es darauf an...

politischer Kampfbegriff, Kampfprojekt, Ideologie...

Insofern ist "Differenz" ein Kampfbegriff der...

"Geistiges Eigentum" ist für sie gar nur ein "politischer Kampfbegriff"...

Das ist ein politischer Kampfbegriff mit fatalen Folgen. Deutschland befindet sich nicht im "Krieg gegen den Terrorismus"....

Organisierte Kriminalität - Ein politischer Kampfbegriff...

Die Globalisierung ist also, da sie zur politischen Niederlage führen kann, für Barbier ein politischer Kampfbegriff...

das, was der Begriff „Faschismus“ immer war: ein politischer Kampfbegriff...

Das Konzept des Multikulturalismus war in der Bundesrepublik Deutschland hauptsächlich ein politischer Kampfbegriff...

Genozid ist ein politischer Kampfbegriff", sagt...

Ein Blick auf die Geschichte des Antiamerikanismus als politischem Kampfbegriff zeigt, dass diese Keule...

hauptsächlich ein politischer Kampfbegriff, der von deutschen Intellektuellen...

Der Totalitarismus-Begriff sei ausschließlich ein politischer Kampfbegriff zur...

Politischer Kampfbegriff und ethisches Leitbild...

Das Wort Rassismus dient als politischer Kampfbegriff seit seiner Prägung in den...

Genozid ist ein politischer Kampfbegriff", sagt...

Ist "kulturelle Vielfalt" international also nur ein politischer Kampfbegriff, hinter dem sich...

Das ist ein politischer Kampfbegriff, den man vermeiden sollte. Aber aus Einsicht in seine Herkunft und Funktion...

Doch „Kultur“ als politischer Kampfbegriff ist deutlich älter und kaum ein CDUler wird wohl ahnen, dass das verwendete Kulturkonzept...

Die Kategorie "Links" ist ein politischer Kampfbegriff. Derlei Richtungsbegriffe kommen aus...

Schon immer war der »Imperialismus« mehr ein politischer Kampfbegriff als eine analytische...

Islam-Faschismus ist ein politischer Kampfbegriff, der eine differenzierte Sicht...

Die "Berliner Republik" war ein Kampfbegriff.

Gleichwohl kritisiert Lindemann den Paragrafen scharf: "Das ist ein politischer Kampfbegriff um Leute zu kategorisieren."...

Wie aus einer wirtschaftspolitischen Konzeption ein inhaltsleerer, deshalb aber umso wirksamerer politischer Kampfbegriff geworden ist...

...an ein kolonialistisch belasteter, politischer Kampfbegriff gewesen.

PC ist zu einem emotional aufgeladenen ultrarechten Kampfbegriff geworden zur Verleumdung linker und liberaler politischer, sozialer und kultureller...

...wird ‚Stalinismus’ von den Rechten als politischer Kampfbegriff verwendet.“

Dabei ist „Europa" ein politischer Kampfbegriff, und keine geographische...

ist und bleibt der sogenannte Antifaschismus ein politischer Kampfbegriff, der sich wie kaum ein anderer zur Aufhebung einer freiheitlichen...

Marktversagen ist ein politischer Kampfbegriff. Es werden dem Phänomen...

Auch das Konzept der „Mode“ kann als politischer Kampfbegriff zum Zwecke des Abwürgens missliebiger Diskussionen...

...der Begriff der "de-regulation" in den USA und in Großbritannien ein politischer Kampfbegriff.

aber von verbohrten Rassisten als politischer Kampfbegriff nachdrücklich verwendet...

Schulmedizin ist zumeist ein politischer Kampfbegriff, der. eingesetzt wird, um...

Elite als politischer Kampfbegriff. Elite ist kein bloßer Beschreibungsbegriff, sondern ein historisch gewordenes...

»Sympathisant« war ein politischer Kampfbegriff, der eine Distanzierung von der RAF...

War "Faschismus" gar nur ein politischer Kampfbegriff, untauglich für wissenschaftliche Erkenntnis und...

Nur wenige theoretische Konzepte wurden so kontrovers diskutiert und so häufig als politischer Kampfbegriff eingesetzt wie der Neoliberalismus...

Ein politischer Kampfbegriff der Lizenzdemokraten zur Unterscheidung in “guten” und “schlechten” Islam...

Das ökonomisch definierte, jedoch als politischer Kampfbegriff eingesetzte Stichwort lautet "Flexibilisierung"....

Fundamentalismus ist ein politischer Kampfbegriff geworden; dient auch zur politischen. Mobilisierung...

„Feministisch“ wurde als politischer Kampfbegriff von der. neuen Frauenbewegung eingeführt, um ihre Option für die...

Heimat leider auch als "politischer Kampfbegriff" ge- und mißbraucht werde. Politische Studien Sonderheft 2/2003...

Für die Nazis dagegen war Heimat ein politischer Kampfbegriff, was letztlich dazu führte, dass die meisten Deutschen plötzlich keine Heimat mehr hatten und...

Die Hinzufügung des Begriffes "radikal" ist ein neuzeitlicher, politischer Kampfbegriff, den es im ursprünglichem Parlament eben überhaupt nicht...

Der Soziologe Sighard Neckel schreibt: "In der Öffentlichkeit dient »Neid« als politischer Kampfbegriff, den (...) vor allem besser Gestellte benutzen...


Andererseits fungierte (und fungiert) er als politischer Kampfbegriff in kulturkämpferischen Auseinandersetzungen um das Verhältnis von Religion und Politik...

„Terrorismus" als politischer Kampfbegriff wie z.B. durch. Mugabe in Simbabwe. Ohne eine Präzisierung dessen,was. jeweils unter Terrorismus verstanden wird...

sich damit als innenpolitische Entsprechung des weltweiten Kriegs gegen den Terror und beweist, dass "Terrorismus" ein politischer Kampfbegriff ist...

wurde die Bezeichnung "schwul" später im Rahmen der Emanzipationsbewegung von der Schwulenszene selbst, auch als politischer Kampfbegriff...

"wissenschaftlich" - "ideologisch" ist in diesem Fall nicht sonderlich fruchtbar, weil der Ideologie-Vorwurf ein politischer Kampfbegriff...

Dann stellt sich die Luege von der angeblichen CO2-Freiheit als politischer Kampfbegriff interessierter Kreise heraus....

Andererseits taugt Hybridität aber doch als politischer Kampfbegriff: gegen das...

Vielleicht liegt das Problem im Begriff des Kapitalismus selbst, der sich zur Analyse schon deshalb schlecht eignet, weil er ein politischer Kampfbegriff...

Der Begriff ‚Querfront' ist ein politischer Kampfbegriff mit festem historischen Bezug in die Endphase der Weimarer Republik...

Soziale Gerechtigkeit und Teilhabe dürfen nicht als politische Kampfbegriffe missbraucht werden, fordert Ilse Falk. Die Politik müsse auch einmal Nein sagen...

Das Wort Völkermord ist ein politischer Kampfbegriff geworden, der an...

Der Standort Deutschland markiert als politischer Kampfbegriff in Deutschland demnach...

Der "Staatsbürger" als Gegensatz zum "Untertan" war eigentlich ein politischer Kampfbegriff der Befreiungskriege...

..."Integration" ist ein politischer Kampfbegriff geworden.

politische Kampfbegriffe. »Demokratisierung«, »Gleichheit«, »Emanzipation«, »Anti-. faschismus« oder »Betroffenheit« wurden nicht nur zum politischen...

politische Kampfbegriffe. »Demokratisierung«, »Gleichheit«, »Emanzipation«, »Anti-. faschismus« oder »Betroffenheit« wurden nicht nur zum politischen...

Einmal wird Volk als politischer Kampfbegriff verwendet: als Gegenbegriff zu...

Dies erfordert eine Bestimmung des ´nationalen Interesses´ - des außenpolitischen Gemeinwohls – jenseits seiner Funktion als politischer Kampfbegriff der...

„Pflegenotstand“ ist zwar auch ein politischer Kampfbegriff, aber diese Selbstbeschreibung der Pflege ist ernst zu nehmen...

Das Schlagwort „Antifaschismus“ als politischer Kampfbegriff hat die Bundesrepublik...

Diese Formel ist in politischer Kampfbegriff, dem es nicht um die Philosophie geht...

etc.
« Last Edit: October 29, 2007, 03:27:11 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Begriffsbesetzung oder Besetzen von Begriffen... (Schlagwörter)]
« Reply #2 on: October 28, 2007, 06:20:31 PM »
Quote
[...] Mit Begriffsbesetzung oder Besetzen von Begriffen bezeichnet man die bewusste Benennung von Erscheinungen mit einem dem eigenen Interesse nahe liegenden Wort oder „Begriff“.


Aus: "Begriffsbesetzung" (10/2007)
http://de.wikipedia.org/wiki/Begriffsbesetzung

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[Gutmensch ist in der politischen Rhetorik... (Schlagwörter)]
« Reply #3 on: October 28, 2007, 07:42:25 PM »
Quote
[...] Gutmensch ist in der politischen Rhetorik ein Kampfbegriff zur Abwertung von Personen, die als Vertreter der politischen Korrektheit angesehen werden. Dieser Neologismus wird von „guter Mensch“ abgeleitet, wendet aber die positive Bedeutung des Ausdrucks ins Gegenteil, ist also eine Pejoration. In Bedeutung und Benutzung lehnt sich der Begriff – je nach Kontext – an das Wort Weltverbesserer an.

Benutzer des Begriffs unterstellen Personen oder Personengruppen mit betont moralischer Grundhaltung fehlgeleitetes bzw. zweifelhaftes Verhalten. Der Begriff bezieht sich auch auf den Unterschied zwischen 'gut gemeint' und 'gut gemacht'. Ein Gutmensch hat gute Absichten, möchte bestimmte Probleme lösen oder die Welt verbessern. Seine Handlungen oder die verwendeten Mittel gelten aber in den Augen derer, die Gutmensch als Kampfbegriff verwenden, als zweifelhaft, meist wegen einseitiger Betrachtung eines Problems, mangelnder Objektivität oder Unkenntnis der Faktenlage. Gutmensch wird oft mit Begriffen wie Pharisäer und Heuchler, seit Mitte der 1990er Jahre auch mit der Politischen Korrektheit verbunden und als Anklage verstanden, die drastisch als „Terror der Gutmenschen“ erscheint. Im öffentlichen Sprachgebrauch dient der Begriff durchweg als eine negativ konnotierte Fremdbezeichnung. Eine wenn auch oft ironische, aber ernstgemeint „liebevolle“ Verwendung findet sich zumeist nur in persönlichen Gesprächen, z. B. für „das Herz am rechten Fleck haben“, großzügiges Verhalten oder für „übertriebenen“ Altruismus.

Nach Rembert Hüser ist die Bezeichnung Gutmensch als eine „Witzelei“ der „89-Generation“-Feuilletonisten und Autoren wie Rainer Jogschies, Matthias Horx und Klaus Bittermann entstanden, die „Anti-68er-Lexika“ in der Tradition von Eckhard Henscheids Dummdeutsch-Wörterbuch verfassten. Diese Wörterbücher stellen eine Mischung aus Bekenntnisliteratur und Unterhaltungsliteratur dar und unterscheiden nicht zwischen Worterklärung und Wortgebrauch. Im Nachwort seines Wörterbuches des Gutmenschen schreibt Bittermann: „Am Ende seiner gegen den ‚Versöhnungsterror der bundesrepublikanischen Provinz‘ gerichteten Glossen […] schrieb Karl Heinz Bohrer Anfang 92: ‚Vielleicht wäre es am besten, der Merkur legte in Zukunft ein kleines Wörterbuch des Gutmenschen an. Dahinein gehörten die Mauer im Kopf einreißen oder Streitkultur oder eigensinnig oder Querdenker.‘ Darauf haben wir mit Spannung, aber leider vergeblich gewartet. Die Situation wurde seither nicht besser, so daß wir uns gezwungen sahen, das Projekt selbst in Angriff zu nehmen.“

Seit Mitte der 1990er Jahre etablierte sich der Begriff Gutmensch in politischen und ideologischen Debatten. In diesen wurde er oft zusammen mit dem Begriff Politische Korrektheit verwendet, um den politischen Gegner und seine Ansichten als moralisierend zu kritisieren.

Der Herausgeber des Merkur, Kurt Scheel, stellte die Behauptung auf, den Begriff in diesem Sinne als Erster verwendet zu haben.[9] Das Wort galt in den Feuilletons als modischer „latest critical chic“. Politische Korrektheit wurde zuweilen, etwa von Klaus Bittermann, „Gutmenschensprache“, „Betroffenheitssprache“, „Gesinnungskitsch“, „Gesinnungssprache“ und „Plapperjargon“ genannt.

Den Begriff „guter Mensch“ in einer ironischen Form mit negativer Konnotierung benutzte das Satiremagazin Titanic bereits Mitte der 1990er Jahre.

Heute ist der Begriff teilweise in die Alltagssprache eingegangen, wo er meist ironisch für Menschen gebraucht wird,

    * die sich nur vorgeblich für moralische Ziele einsetzen,
    * die sich zwar tatsächlich für moralische Ziele einsetzen, denen dabei jedoch Realitätsverlust unterstellt wird, oder
    * deren uneigennütziger Einsatz für ein moralisch gut angesehenes Ziel als übertrieben oder naiv beschrieben werden soll.


Verwendung in der Politik:
Verwendung findet der Begriff, mit unterschiedlicher Intention und Häufigkeit, im gesamten politischen Spektrum; allerdings ist der Begriff – als ideologisch besetzter Kampfbegriff in der Auseinandersetzung mit (tatsächlichen und vermeintlichen) Vertretern der politischen Korrektheit – vorwiegend im konservativen, rechtspopulistischen und rechtsextremen Bereich verbreitet.

Verwendung des Begriffs innerhalb gesellschaftskritischer Kreise

Sich als gesellschaftskritisch verstehende Akteure üben damit mitunter ironische Kritik an vermeintlichen Mitstreitern, die zwar Kritik an der Gesellschaft formulieren, aber nicht bereit sind, sich selbst den vertretenen Ansprüchen zu stellen. So wird z. B. damit eine Kritik am Rassismus als rein symbolisch gewertet, wenn das eigene rassistische Verhalten nicht reflektiert wird. Diese Kritik meint, dass politische Äußerungen, die keine Konsequenzen verlangen, dem Sprecher und der Sprecherin allein dazu dienen, in einem „guten Licht“ dazustehen. Kritisiert werden dabei besonders Sonntagsreden von Politikern, wenn diese sich als Fürsprecher von „Opfern“ ausgeben. Dagegen wird von Betroffenen auch eine Festschreibung in einer Opferrolle entschieden zurückgewiesen.

Ein besonderes Beispiel ist der gutmeinende „Fremdenfreund“, der aufgrund des humanitaristischen Grundsatzes davon ausgeht, dass alle Menschen gleich sind, ihm fremden Menschen jedoch „eigene Bedürfnisse, ethische oder moralische Vorstellungen und Ziele aufoktroyiert“ (Sabine Forschner).

Verwendung in der politischen Rhetorik
Häufiger benutzt die politische Rechte den Begriff, um den politischen Gegner zu diskreditieren: Indem sie „linke“ Ideale als „Gutmenschentum“ abwertet, unterstreicht sie den Anspruch, selbst realistisch und auf der Sachebene zu argumentieren, während den als Gutmenschen Bezeichneten damit Realitätsverlust, mangelndes Reflexionsvermögen, ein unrealistisch hoher moralischer Anspruch oder utopische Vorstellungen unterstellt werden.

Die so Angegriffenen sehen darin einen rhetorischen Kunstgriff, der ihre Bestrebungen nach Humanität, Solidarität und sozialer Gerechtigkeit ins Lächerliche ziehen soll. Durch die Einordnung des Gegenübers als „Gutmensch“ werde die Diskussion auf eine persönliche und emotionale Ebene gezogen, um so einer inhaltlichen Auseinandersetzung auszuweichen.

Sehr häufig wird der Begriff aber als aggressive Abwehrstrategie gegenüber Kritik an den eigenen Positionen verwendet. Potenzielle Kritik an (tatsächlichen oder vermeintlichen) rassistischen, homophoben, antisemitischen (und zunehmend auch antiislamischen) oder sexistischen Tabuverletzungen soll durch die Abwertung der Person mittels dieser rhetorischen Strategie entkräftet werden.

Zur Strategie der Moralisierung
Politische Machtfragen erhalten durch die Verwendung des Begriffes „Gutmensch“ eine moralisch polarisierende Form, die dazu geeignet ist, die Achtung vor dem politischen Gegner zu mindern und ihn zu diskreditieren. In der politischen Rhetorik gibt es Strategien, politische Fragen entweder auf der Sachebene oder auf einer moralischen Ebene zu verhandeln. Mit Fremdzuschreibungen des politischen Gegners durch Stigmatisierungen wie „pc“ oder „Gutmensch“ wird die Kommunikation moralisiert. Damit ist die Position des politischen Gegners diskreditiert, und er ist gezwungen, sich auf die eine oder andere Seite zu stellen, wenn er sein Ansehen nicht (weiter) verlieren will. Besonders offensichtlich wird diese Strategie dort, wo es tatsächliche oder auch nur behauptete Tabus gibt. Die Kunst der Rhetorik besteht dann darin, mit stigmatisierenden Begriffen wie „Gutmensch“ oder „Moralkeule“, den politischen Gegner in der Auseinandersetzung in Situationen zu bringen, in denen die Alternative lautet: „meine Ansicht oder die tabuisierte“. Diese Rhetorik erweist sich oft als sehr wirkungsvoll, da hier nur unter schwierigen Umständen über Sachfragen analytisch gesprochen werden kann. Auf diesen Zusammenhang verweist der Sprachwissenschaftler Clemens Knobloch (Universität Siegen).

Verwendung des Begriffs als ideologischer Code
Der Politikwissenschaftlerin Katrin Auer zufolge werden unter der Chiffre „pc“ (für engl. political correctness), für deren Aufkommen häufig „Gutmenschen“ verantwortlich gemacht würden, speziell in der Rechten Themen benannt, über die man nicht mehr laut und öffentlich reden könne, ohne dem „Terror der Gutmenschen“ zum Opfer zu fallen. Die so ausgemachten „Gutmenschen“ würden dabei bildhaft oft als Keulen schwingend dargestellt. Die Rede sei von „Moralkeule“, „Rassismuskeule“, „Faschismuskeule“, „Auschwitzkeule“ und ähnlichem. Generiert werde so eine Feindbild- und eine Tabu-Situation, in der insbesondere frauenfeindliche, rassistische und antisemitische Äußerungen als rebellisch und tabubrechend erscheinen. Der Begriff „Gutmensch“ wirke hier als Code, um in diesem Denkmuster sprechen zu können und verstanden zu werden, ohne die eigene Gesinnung deutlich formulieren zu müssen. Ein bekanntes Beispiel sei es, in antisemitischen Reden das Wort „Jude“ durch das Wort „Gutmensch“ zu ersetzen. Zuhörer, die sich gar nicht als Antisemiten verstünden, könnten diesen Reden bedenkenloser zustimmen.

Semantisches Vorfeld des Begriffs und seiner Bedeutung
    * Umstritten ist, ob das Wort auf den französischen Ausdruck bonhomme, zurückzuführen ist, welcher manchmal in ähnlicher Bedeutung, aber ohne politischem Links-Rechts-Zusammenhang genutzt wird.

    * Nach einer häufig geäußerten Auffassung wurde der Begriff von Friedrich Nietzsche geprägt. In Nietzsches Werk finden sich zahlreiche verächtliche Äußerungen über den „guten Menschen“, nicht jedoch mit der Vokabel „Gutmensch“.

    * Die Gesellschaft für deutsche Sprache gibt als erste ihr bekannte Fundstelle des Begriffes eine Ausgabe des englischsprachigen Forbes Magazine aus dem Jahr 1985 an, in der Franz Steinkühler, damals zweiter Vorsitzender der IG Metall, so bezeichnet wurde.

    * Der Deutsche Journalisten-Verband vermutet in Zusammenarbeit mit Sprachforschern des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung die Herkunft des Begriffes in der Zeit des Nationalsozialismus. Demnach soll die Bezeichnung „Gutmensch“ bereits für die Anhänger von Kardinal Graf von Galen verwendet worden sein, die gegen die Euthanasie auftraten. „Gutmensch“ sei eine Ableitung vom jiddischen „a gutt Mensch“. Der DJV verweist auf Adolf Hitler, der in seinen Reden und seinem Buch „Mein Kampf“ die Vorsilbe gut wiederholt in abwertendem Zusammenhang verwendet hatte. So waren für ihn gutmeinende und gutmütige Menschen diejenigen, die den Feinden des deutschen Volkes in die Hände spielten.


„Good minds“ als rhetorische Figur in der US-Multikulturalismus-Debatte:
Mit „Good minds“ – naive und unschuldige Gemüter – meinten die konservativen Reformgegner in den USA zu Anfang der 1990er Jahre Menschen, die der Sprache der politischen Korrektheit zum Opfer gefallen wären. Dazu wurden Bilder aus Orwells Roman 1984 bemüht, die Reformbefürworter mit Vorstellungen von einer „Gedankenpolizei“ stigmatisierte. So schrieb Mortimer Zuckerman von der U.S. News & World Report 1991: „Good minds have fallen prey to the petty tyranny of ‚political correctness’, a bizarre version of Orwellian Newspeak”. Die PC-Kampagne konnte mit solchen Bildern gesellschaftliche „Ur-Ängste“ vor „Zensur“, „Totalitarismus“ und „Stalinismus“ sowie „Faschismus“ mit dem Ziel wachrufen, normgebende konservative Vorstellungen einer common culture zu verteidigen.

...


Aus: "Gutmensch" (10/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Gutmensch

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Quote
[...] Die Verunglimpfung
7. Januar 2016/Klaus Baum

Für mich hat der Begriff des Gutmenschen deutlich pejorativen Charakter, das heißt, er wird in einem herabsetzenden Sinne verwendet. Der scheinbar Desillusionierte, der den Glauben an das Gute im Menschen für naiv hält, setzt sich über den Naivling; der Zyniker setzt sich über den, der humane Werte nicht aufgibt. Der, der über den Gutmenschen lästert, tut so, als hätte er die wahre und überlegene Einsicht in die (unverbesserliche) Natur des Menschen.
In Wirklichkeit aber wohnt der Rede vom Gutmenschen etwas Totalitäres inne, weil sie das Diktum “der Mensch sei dem Menschen ein Wolf” absolut setzt. Man schlägt sich auf die Seite der Wölfe, heult mit ihnen, macht sich zu ihrem Sprecher. Der bellum omnium contra omnes, bei dem die Sieger immer schon im Recht sind, wird als alternativlos ausgegeben.
Die Geschichte der Philosophie, Literatur und Kunst, die Geschichte des Humanismus zeigt aber, dass ihre Vertreter sowohl eine Einsicht in die Bösartigkeit der Menschen besaßen, dieser aber immer wieder auch entgegensetzten, dass die Bösartigkeit nicht alles ist. Dem Negativen des Menschen wird eine Art Utopie gegenübergestellt, die eine Spannung aufzeigt zwischen dem, was ist, und dem, was sein sollte. Wo diese Spannung kassiert wird, wo der, der diese Spannung für notwendig erachtet, als naiver Gutmensch denunziert wird, wird Totalitarismus angestrebt oder herrscht bereits vor.
Selbst die Nazis, die das zum Gutmenschen analoge Wort der Humanitätsduselei verwendeten, haben ihre Gräueltaten vor der internationalen Welt zu verbergen versucht, was zeigt, dass in ihrem Bewußtsein der Unterschied zwischen human und inhuman noch residual existierte.

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epikur

7. Januar 2016 — 23:10

Ich finde es durchaus wichtig, immer wieder auf die Nazisprache hinzuweisen. Gerade die “Humanitätsduselei” war ein abwertender Begriff im Nazi-Deutschland, um Mitleid, Gnade, Mitgefühl, Humanismus und Empathie als etwas schlechtes abzuwerten.


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Sledgehammer

8. Januar 2016 — 12:52

Bei Friedrich Nietzsche heißt der Gutmensch ‘Prediger’ und andernorts Moralist.

Der Gutmensch, ingleichen wie sein Widerpart, befehdet/verunglimpft die Präferenzen, die Attitüde des jeweils anderen und beide übersehen bisweilen die negativen Folgen ihrer antagonistischen Forderungen.



Quelle: https://klausbaum.wordpress.com/2016/01/07/die-verunglimpfung/

« Last Edit: January 10, 2016, 01:14:58 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Die Kritik an der „politischer Korrektheit“... (Schlagwörter)]
« Reply #4 on: October 28, 2007, 08:09:59 PM »
Quote
[...] Politische Korrektheit (häufig als Adjektiv politisch korrekt, engl.: Political Correctness [pəˈlɪtɪkəl kəˈrɛktnɪs] und politically correct, Abk. PC, P.C. und pc) ist ein aus dem angelsächsischen Raum stammendes politisches Schlagwort.

Es stand ursprünglich im positiven Sinne für Antidiskriminierungsbemühungen seitens der Neuen Linken in den USA. Heute dient die Bezeichnung vorrangig Konservativen und Rechten als Kampfbegriff gegen verschiedene sprachliche Konventionen und Verhaltensweisen, die nach Ansicht ihrer Befürworter den Abbau von Diskriminierung nach dem Geschlecht oder gegenüber sozialen, religiösen oder nationalen Minderheiten zum Ziel haben, nach Ansicht ihrer Gegner aber oft zumindest übertrieben oder unpraktikabel sind.

In Deutschland wurde der Neologismus von konservativer Seite importiert [1] und soll nach Elisabeth Noelle-Neumann als Indiz für einen "Konformitätsdruck" bei bestimmten "Themen gelten, mit denen die Gesellschaft noch nicht fertig geworden ist" und die deshalb als "heikel" empfunden werden, und so eine "Tabuisierung" begründen, die eine offene Diskussion verhindere.[2] 1996 etwa erschienen ihr die Themen "Asylanten, Juden, Hitler, das "Dritte Reich", Aussiedler, Neonazis, Türken" relevant zu sein.[3]

[...] 1996 wurde von Brigitta Huhnke und dem Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung die Entstehungsgeschichte des Begriffes in den deutschen Print-Medien nachvollzogen. [22]

Danach wurde der Begriff ab 1993 nach Deutschland „importiert“ und wird mit antiamerikanischer Rhetorik - als "politische Pest aus den USA" (FOCUS, Michael Stürmer) [23] - verbunden.

[...] Die Kritik an der mit „politischer Korrektheit“ bezeichneten Sprachpolitiken kann man im wesentlichen in einen primär linguistisch und einen dezidiert sprachpolitischen Zweig unterteilen.

Aus linguistischer Sicht weist etwa der Schriftsteller Max Goldt auf sprachliche Komplikationen bei der Verwendung einiger einschlägiger Stilfiguren hin; zum Beispiel sei die Formulierung „sterbende Studierende“ (im Falle eines Massakers an einer Universität) sprachlich widersinnig, da man nicht „gleichzeitig sterben und studieren“ könne.[35]

Des weiteren wird durch eine besonders ungewöhnliche Formulierung für den Leser/ Hörer der Sinn entweder nicht mehr ohne weiteres (z.B. „sterbende Studierende“) oder überhaupt nicht mehr (z.B. „mental herausgefordert“) zugänglich, oder es werden (da „politisch korrekte“ Begriffe oft für Missstände verwendet werden) gezielt Fakten bis zur Sinnentstellung verharmlost.

Bei der Bezeichnung diskriminierter Personengruppen kollidieren aus Sicht der Kritiker die Ansprüche der „Politischen Korrektheit“ bisweilen mit sich selbst: Zum Beispiel werde die weibliche Form fast ausschließlich bei positiv besetzten Gruppen ausdrücklich genannt; trotz der Existenz von Terroristinnen werde zum Beispiel bei „Terroristen“ oft ohne Widerspruch auf das Binnen-I verzichtet. Bei gemischt-geschlechtlichen Opfergruppen würden bei Nachrichten dagegen Frauen oft extra hervorgehoben, in Tätergruppen jedoch nicht erwähnt. [36]

Der Philosoph Slavoj Žižek weist darauf hin, dass sich „politisch korrekte“ Begriffe abnutzten (die Ersatzbegriffe erben mit der Zeit die Bedeutung des Wortes, das sie ersetzen sollten), wenn sie nicht mit einer Veränderung der sozialen Wirklichkeit einhergingen. So sei allein durch eine fortwährende Neuschöpfung von Ersatzbegriffen (wie in dem US-amerikanischen Beispiel Negro – black people – coloured people – African-Americans) noch keine Veränderung erzielt, wenn nicht den Worten eine tatsächliche soziale Integration folge. Die rein sprachliche Prägung immer neuer Begriffe enthülle die Unfähigkeit, die tatsächlichen Ursachen von Rassismus und Sexismus allein durch Sprachpolitik zu überwinden. Zudem entstehe durch die laufende Neuschaffung von Begriffen eine exzessive Struktur, da jeder Begriff durch den folgenden seinerseits unter Diskriminierungsverdacht gestellt und entwertet werde. Laut Žižek versuche die Geisteshaltung der „politischen Korrektheit“ durch ihre zirkuläre Selbstbezogenheit alle Spuren der Begegnung mit „dem Realen“ (Lacan) zu beseitigen (vgl. Sexuelle Belästigung, Abschnitt Kritik).


Aus: "Politische Korrektheit" (10/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Politische_Korrektheit

-.-

Quote
[...] Die Funktion des Metadiskurses zur "political
correctness" ist die Bildung eines Modelles,
anhand dessen das Wesen,  d.h. Inhalte, Ideologie
und Methode von "pc" identifizierbar
gemacht werden sollen. Es werden ausschließ-
lich Denkbilder verwendet, deren soziale Bewertung
und Verurteilung im Alltagswissen hegemonial
ist. Denkbilder mit totalitären und diktatorischen
Eigenschaften sind im Anti-"pc"-
Diskurs ebenso stark zu finden wie religiöse und
ethische Metaphern. "Political correctness" wird
dann u.a. als "Dogma", "Inquisition", "Zensur",
"Meinungsterror", "Hetze", "Relikt des Dritten
Reiches", "sprachlicher Benimmkodex", "pharisäisch",
"Blockwartsystem", "Diskursapartheid", "Balkanisierung des Denkens",
"totale(r) rhetorisch-diskursive(r) Vernichtungswille", "Gedankenpolizei", "Diktatur" oder
"Gesinnungsterror" bezeichnet.

Mit Hilfe dieser Denkbilder werden Inhalte
und politische Zielsetzungen ausgeblendet und
heruntergespielt, während an deren Stelle ihre
angeblich intolerante und totalitäre Theorie und
Praxis gesetzt werden. Bei den meisten totalitä-
ren Denkbildern handelt es sich zudem um solche,
die seit 1945 im revisionistischen und
revanchistischen Wortschatz der extremen
Rechten gebräuchlich sind. In diesem Fall kann
eine eindeutige Einflussnahme bzw. Nutzung
der Anti-"pc"-Begrifflichkeiten durch rechtsextreme
Diskurse festgestellt werden.

"Die Diktatur hat einen neuen Namen: Political
Correctness. Sie kennt keinen Diktator. Nur Diktatoren.
Sie ist die Herrschaft der Minderheit über die
Mehrheit. Die Minderheit der Political Correctness terrorisiert
mit ihrem einseitig erklärten Tugendkanon,
erstickt in Deutschland die Meinungsfreiheit. Die Einhaltung
des Kanons wird unerbittlich im Namen des
Guten, der ewigen Gerechtigkeit gefordert.
Mit dem allen Diktaturen eigenen Anspruch auf Alleingüte.
Was nicht dieser Gütenorm gerecht wird, was sich nicht
fügt und anpaßt, wird diffamiert und ausgegrenzt.
Widerspruch wird nicht geduldet, Unpassendes verschwiegen
oder schöngelogen. Diktaturen benutzen
stets die gleichen Mittel. (...) Erst wenn das wahre Gesicht
der Diktatoren erkennbar wird, werden auch die
Absichten, die Helfer und die Hilfsmittel sichtbar. Im
Fall der Political Correctness wird dann deutlich werden,
wie eng die Grenze der Meinungsfreiheit in diesem
Land inzwischen gezogen wurde, wie alltäglich
die Diktatur der Political Correctness geworden ist.
Dieses Buch will helfen, die Strategien der Political
Correctness zu erkennen.
" (Groth 1996, 9 f.)

[...] Michael Behrens und Robert von Rimscha
wiederum bezeichnen "political correctness" als
"verbale Apartheid, die tausende Homelands
schafft und aus diesen dann einen seggregierten
Staat" bilde (Behrens/Rimscha 1995, 177).
Ulrich Schacht spricht bei seinen Überlegungen
zur "deutsche(n) Identität nach Auschwitz"
ebenfalls vom "Blockwart-System der westdeutschen
PC-Gesellschaft", in der für sein Empfinden
eine "Diskurs-Apartheid" (Schacht 1994,
60) mit "totale(m) rhetorisch-diskursive(n)
Vernichtungswillen" gegenüber der "eigenen
nationalen Identität" herrsche, die "mit dem totalen
Vernichtungswillen NS-Deutschlands gegen
über dem jüdischen Volk" (Schacht 1994,
63) identisch sei.

[...] Welche Funktionen erfüllt nun der Begriff
"political correctness" mitsamt seinen anti-demokratischen
und anti-emanzipatorischen Zuschreibungen?
Zwei Funktionen dominieren die
Verwendung des Begriffes: Stigmawort und
Feindbild.

[...] Die Unterscheidung zwischen Stigmawort
und Feindbild ist notwendig, da mit der Fremddefinition
"pc" nicht nur bestimmte inhaltliche
Positionen bezeichnet werden, sondern auch
eine Gruppe von Personen gemeint ist, die namenlos
und in gewisser Weise auch gesichtslos
imaginiert wird. Nämlich als unkonkrete,
formenlose und unscharfe, aber doch machtvolle
und bestimmende ideologische Kraft. Ein von
konspiratorischen Ideen getragenes Feindbild
wie das Konstrukt "political correctness" ermöglicht
es nämlich, "Aggressionen, Haß und Energien,
die aus einer unterdrückten Frustration
erwachsen, (...) auf ein einheitliches Feindbild"
den ideologischen "Sündenbock" zu fokussieren
und so mit stabilisierender Funktion von
den herrschenden Strukturen abzulenken (Petri
1998, 196). Die Feindbildkonstruktion einer
"politisch korrekten" Die-Gruppe weist zudem
in Struktur, Funktion und Intention auffallende
Parallelen zu antisemitischen Verschwörungsmythen
auf.
Charakteristisch für die "pc"-Rezeption in der
BRD und Österreich war/ist das absolute Fehlen
einer real existierenden Gruppe, Institution
oder ähnlichem, die sich das Etikett "politisch
korrekt" selbst angeheftet hätte. Tatsächlich
erfüllte der Begriff in erster Linie seine Funktion
als Fremddefinition bzw. -zuschreibung, zu
der die stigmatisierende und diffamierende Bedeutung
hinzugefügt wurde. Somit war das sonderbare
Phänomen zu beobachten, dass die
KritikerInnen der "political correctness" auf
keine GegnerInnen stießen, die sich selbst als
"politisch korrekt" bezeichnet hätten. GegnerInnen
mussten erst konstruiert werden,
wobei auf die traditionellen Feindbilder der alten
und neuen Rechten zurückgegriffen wurde.
Dabei ist zu beobachten, dass dieser reaktionär
dominierte Diskurs ebenso von Linken wie auch
von Rechten geführt wird, die vor allem über
ihre antifeministischen Positionen zusammenfinden
und mit der abwertenden Formel "pc"
Frauen lächerlich machen, "die zu sehr auf ihre
Rechte pochen, mit dem schlichten Hinweis auf
ihre politische Korrektheit" (Junge/Naumann/
Stark 1997, 17).
Schon für die journalistische Inszenierung der
negativen "pc"-Konstruktion in den USA wie
auch in der BRD und in Österreich war primär
charakteristisch, dass die Texte nicht auf
die Reflexionsfähigkeit der LeserInnen abzielten,
sondern Stereotype voraussetzten, bedienten
und bestätigten.



Aus: "„Political Correctness“ – Ideologischer Code, Feindbild und Stigmawort der Rechten" - von
Katrin Auer (2002) / Der vorliegende Text ist in der Österreichischen Zeitschrift für Politikwissenschaft (ÖZP , 31
(2002) 3, S. 291 – 303), Schwerpunktthema „Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus in
Europa“ (Hg. Erich Fröschl) erschienen.
Quelle: http://www.renner-institut.at/download/texte/auer.pdf

« Last Edit: October 29, 2007, 03:34:06 PM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #5 on: January 14, 2015, 10:54:42 AM »
Quote
[...] In der Zeit des Nationalsozialismus diente der Begriff unter anderem zur Denunziation der Kritiker des Nationalsozialismus als Kommunisten und Juden und der Behauptung einer Steuerung der Presse durch das „Weltjudentum“. Das Wort wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 im Kalten Krieg zur Diffamierung der jeweiligen Gegenseite benutzt. ...

https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%BCgenpresse (14. Januar 2015)

---

Quote
[...] Sprachwissenschaftler haben "Lügenpresse" zum Unwort des Jahres gewählt, ein Begriff der von Pegida-Anhängern immer wieder verwendet wird. Was hat es damit auf sich? „Lügenpresse“ meint in diesem Zusammenhang: Die deutschen Medien sind tendenziös, linksliberal und verharmlosend. Pegida hat diesen Begriff nicht erfunden, seine Wurzeln liegen im 19. Jahrhundert, Hochkonjunktur hatte er in der Zeit völkischer und nationalsozialistischer Ideologisierung der Sprache und Rhetorik. Deren zentrale Merkmale sind die argumentationsfreie, apodiktische Behauptung, das Verkünden von Wahrheiten und die Umdeutung von Begriffen zu Kampfbegriffen, die ständig wiederholt werden.

Schon 1947 stellte der Romanist Victor Klemperer über die Lingua Tertii Imperii fest: „Der Nazismus glitt in Fleisch und Blut der Menge über durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang, und die mechanisch und unbewusst übernommen wurden.“ Die wenigsten Worte sind Schöpfungen des Dritten Reichs. Aber ihre Praxis „ändert Wortwerte und Worthäufigkeiten, sie macht zum Allgemeingut, was früher einem Einzelnen oder einer winzigen Gruppe gehörte, sie beschlagnahmt für die Partei, was früher Allgemeingut war, und in alledem durchtränkt sie Worte und Wortgruppen und Satzformen mit ihrem Gift“.

So geschehen auch mit dem Begriff der „Lügenpresse“. Schon von 1914 datiert das Buch Der Lügenfeldzug unserer Feinde: Die Lügenpresse mit einer „Gegenüberstellung deutscher, englischer, französischer und russischer Nachrichten“. 1916 legte der Autor einen zweiten Band vor: Die Lügenpresse: Der Lügenfeldzug unserer Feinde: Noch eine Gegenüberstellung deutscher und feindlicher Nachrichten.

Später verwendet vor allem Joseph Goebbels den Begriff in seinen Reden und Schriften: „Ungehemmter denn je führt die rote Lügenpresse ihren Verleumdungsfeldzug durch …“ Richtet sich die Propaganda hier gegen den Gegner links im Parteienspektrum, wird andernorts gern die „jüdisch marxistische Lügenpresse“ attackiert. Und auch Adolf Hitler distanzierte sich schon 1922 von der Monarchie mit dem Hinweis: „Für die Marxisten gelten wir dank ihrer Lügenpresse als reaktionäre Monarchisten“. Weitere Belege findet man etwa bei Alfred Rosenberg, dem Chef-Ideologen der NSDAP.

Nach 1945 taucht der Begriff nur noch gelegentlich auf, bezeichnenderweise gern in einem antidemokratischen Kontext, etwa im Rahmen der DDR-Propaganda gegen den Westen. Wenn der Journalismus in Deutschland heute als „Lügenpresse“ diffamiert wird, wirkt das nicht nur kurios in einem Land, dessen Medienvielfalt so groß ist wie nie zuvor in seiner Geschichte. Es verweist auch auf eine unselige Tradition. Mit „Lügenpresse“ wurde, wie gezeigt, einerseits die ausländische, als marxistisch und jüdisch geltende Presse diffamiert; andererseits die linken und liberalen deutschen Zeitungen pauschal als „vaterlandslos“ verurteilt. Die Wiederbelebung dieser Tradition macht gewiss nicht alle Pegida-Anhänger zu Nazis. Doch wer sich bestenfalls ahnungslos, schlimmstenfalls bewusst aus dem Sprachfundus des Dritten Reichs bedient, braucht sich über einen Aufstand der Anständigen und Geschichtsbewussten nicht zu wundern.

Quote
W.Biermann 13.01.2015 | 17:02

Der Begriff ist problematisch, sicher.  Die Anständigen und Geschichtsbewussten haben Recht im Wortsinn.

Was ist mit unseren Medien los? Mit denen, die vielleicht nicht direkt lügen, sondern Teile der Information verschweigen? Mit denen, welche uns aus falsch verstandener Fürsorge vorgekaute Nachrichten servieren und anschließend noch erklären wollen, wie es (nur!) zu verstehen ist?

Gerade weil wieder Halbwahrheiten verkauft werden sollen, ist das Unwort vielleicht besser als "Wort des Jahres" zu ehren! Ihr Journalisten sollt uns umfassend informieren, wir sind keine Kinder, denen an sagt, was sie glauben sollen.

Obwohl ich Klemperer gelesen habe, bin ich entsetzt, wer sich heute als "Anständig und Geschichtsbewusst" verkaufen will. ...


Quote
kurt klemm 13.01.2015 | 17:43
Lügenpresse ist ein falscher Begriff weil etwaige "Lügen" sehr schnell durch Internet - Recherche zu widerlegen sind.
Weglass-Presse wäre die treffendere Bezeichnung für einen bedenklichen Trend in den Medien.


Quote
Gold Star For Robot Boy 13.01.2015 | 22:23

Nazisprech geht gar nicht und verhindert die berechtigte Kritik an der deutschen Medienlandschaft. Nur ein Beispiel ist da etwa der leider 2012 nicht zum Unwort des Jahres gekrönte Begriff "Aktenpanne" im Kontext der Medienberichterstattung zum NSU Komplex:

Im Kontext NSU:Warum schreiben Journalisten von Aktenpannen, wenn Akten vernichtet, verlegt oder verschwiegen werden?

"Aktenpanne:Das Unwort des Jahres 2012"
https://machtelite.wordpress.com/2012/09/13/aktenpannedas-unwort-des-jahres-2012/


Quote
30sec 14.01.2015 | 10:16

Ein geflügeltes Wort lautet "Lügen wie gedruckt".
In der FC erschienen: Spiegel lügt wie gedruckt.
Am bekanntesten war jahrzehntelang "BILD lügt wie gedruckt". Bis die "seriöse" Presse und auch ARD-Tagesschau und ZDF-Heute nach und nach das Lügenblatt - so Wallraff alias Hans Esser - als Referenz für Meldungen angaben. Springer-Chef Mathias Döpfner hat Hans Esser  mittlerweile lieb und für Wallraff ist unterdessen Freiheit immer die Freiheit von Radio Luxemburg.

Journalisten, die nach bestem Wissen und Gewissen berichten oder eigene Meinung kundtun, müssen sich vom Vorwurf "Lügenpresse" überhaupt nicht betroffen fühlen. Andere hingegen, die propagandistisch für Politik, Militär, Wirtschaft oder sonstige Interessen unterwegs sind, müssen sich auch über ätzende Kritik  nicht wundern.

Die PEGIDAs allerdings sollten sich an die eigene Pinocchionase fassen, haben sie doch ihre eigenen Hetzer und Wortverdreher.



Aus: "Begriffsklärung zum Unwort des Jahres" Christian Buggisch (13.01.2015)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/zum-aufstand-gegen-die-luegenpresse-eine-begriffsklaerung

---

Quote
[...] Dass unsere Medien ihrer eigentlichen Aufgabe, so gut wie möglich der Wahrheitsfindung zu dienen, oft nur unzureichend gerecht werden, bestreite gerade ich als Teil der „Lügenpresse“ nicht. Aber das Letzte, was dagegen hilft, sind Pauschalurteile.

Wolfgang Lieb hat mit Recht darauf hingewiesen, dass Debatten, wie die Nachdenkseiten sie aufgreifen und führen, ohne die nützlichen Recherchen und Anregungen aus etablierten Medien, die es eben auch gibt, gar nicht vorstellbar wären. Ich kenne genug Kolleginnen und Kollegen, die sich auch jenseits des Meinungs-Mainstreams um Aufklärung bemühen, oft gegen Widerstände.

Das ändert nichts an Fehlentwicklungen, die auch mich erschrecken. Aber nur wenn die Debatte differenziert geführt wird, können wir die Missstände begreifen und bekämpfen.

... Ja, es wird gelogen in unseren Medien, und ja, die Unabhängigkeit des Journalismus könnte in vieler Hinsicht größer sein. Wer aber aus all dem den pauschalen Vorwurf der „Lügenpresse“ konstruiert, schließt sich gewollt oder ungewollt dem Frontalangriff antidemokratischer Kräfte auf ein Lebenselixier demokratischer Öffentlichkeit an. Das ist in etwa so intelligent, wie wenn man Demokratie ablehnte, weil sie so unzureichend verwirklicht ist.

...


Aus: "„Lügenpresse“- das Unwort des Jahres" Stephan Hebel (13. Januar 2015)
Quelle: http://www.nachdenkseiten.de/?p=24552

« Last Edit: January 14, 2015, 11:03:56 AM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #6 on: June 02, 2016, 01:18:03 PM »
Quote
[...] Das Wort Gutmensch fällt in dieselbe Kategorie wie Warmduscher oder Sitzpinkler: Ich bekenne mich zu jeder der drei Zuschreibungen und komme mir dabei auch noch cool vor. Ich betrachte rücksichtsvolles Verhalten als das Gegenteil von Schwäche, ich finde, es ist alles andere als ein Beweis von Männlichkeit, seinen Urin über den Rand der Kloschüssel zu verspritzen, und wenn ich damit prahlen will, dass ich kein Weichei bin, muss ich nicht zu Hause kalt duschen, sondern kann zum Beispiel die verbürgte Anekdote raushauen, wie ich tief in Sibirien (im Dorf Scheregesch nahe der Stadt Taschtagol in den Mustagbergen) mit einer russischen Wandergruppe in der Banja war und es als Einziger fertigbrachte, die Flasche Bier, die ein Scherzkeks auf den Grund des Eisbeckens versenkt hatte, wieder hochzuholen. Dies nur kurz zum Einstieg, damit ihr wisst, was für ein harter Hund und netter Kerl ich bin.

Die Frankfurter Allgemeine hatte neulich eine sehr gute Idee: Sie veröffentlichte ein zwölf Begriffe umfassendes „Wörterbuch der Neuesten Rechten“, ein Mini-Kompendium der Kampfbegriffe, mit denen das „nationalkonservative“ Lager systematisch um sich wirft. Die Einträge sind zwar für meinen Geschmack etwas mau geraten, pendeln zwischen „Lasst uns geistreich sein“ und „So, nun haben wir ‚Thymos‘ auch abgehandelt“. Aber was zählt, ist das Projekt: offenzulegen, wie die neue Rechte die Sprache manipuliert. Dazu können die zwölf Schlagworte nur ein Auftakt sein. Allerdings sollten wir auch nicht so tun, als sei diese Form der Manipulation erst mit Pegida und der AfD über das Deutsche gekommen.

... Die Reihe der Diskurs-Köpfe, die das neue konservative Cool vermarkteten, erstreckt sich vom hemdsärmeligen Ulf Poschardt bis zum spitzzüngigen Jan Fleischhauer. Beide zeigten zum Beispiel großes Vergnügen daran, halbernst gemeinte Provo-Parolen wie „linksgrün“ oder „Staatsfeminismus“ in die öffentliche Diskussion einzufüttern, um ebendort spielerisch die Überzeugung festzuklopfen, die Linke genieße bei uns „kulturelle Hegemonie“, sie gebe längst gesellschaftlich und politisch den Ton an, und wer als eigensinniger Denker noch etwas auf sich halte, müsse sich gegen den „linken Mainstream“ in Stellung bringen.

Mit diesem anschwellenden Ideologenchor im Hintergrund ließ sich das intellektuelle Deutschland weitgehend widerstandslos durch die Jahre der „Hartz-Reformen“ und der „Agenda 2010“ scheuchen. Seither gilt hier sogar die Politik von Angela Merkel als links. Und während die Zeiten, da versucht wurde, „Warmduscher“ und „Sitzpinkler“ als kommode Spottobjekte für den schreckhaften deutschen Durchschnittstrampel einzuführen, wieder vorbeigingen, härteten „Gutmensch“, „linksgrün“, „politisch korrekt“, „Staatsfeminismus“ usw. zu festen Satzbausteinen aus, anhaltend beliebt bei allen, die sich und anderen einen linken Konsens im Land einreden wollen.

Diesem Rhetorikbaukasten brauchten Pegida und Co. nur noch ihre speziellen Kampfbegriffe (Lügenpresse, Meinungsdiktatur, Islamisierung, Bevölkerungsaustausch, versifftes/verseuchtes 68er-Deutschland etc.) hinzuzufügen. Der Wortschatz der „neuesten Rechten“ bedient sich einer Grundlage, die von linken Satirikern und (neo-)liberalen Ironikern geschaffen wurde. Auf der Strecke bleibt dabei die Ironie, vor allem natürlich die Selbstironie (Ironie bei der AfD heißt, dass Frauke Petry von der „Pinocchio-Presse“ spricht). Und so kommt zustande, was die konservative Publizistin Liane Bednarz als eine systematische „Verrohung der Sprache und damit auch der Gedanken“ diagnostiziert.

... Nicht oft genug kann betont werden, dass sie jetzt wichtiger ist denn je und dass wir den Leuten von der heute-show, von extra 3, vom Neo Magazin Royale und von der Titanic für ihren Dienst am Gemeinwohl zutiefst dankbar sein sollten. Denn die komische Demontage autoritärer Anwandlungen – egal, aus welcher Ecke sie kommen, und ohne Rücksicht auf Verluste – bleibt auch 22 Jahre nach dem Wörterbuch des Gutmenschen eine unverzichtbare Strategie zur Verteidigung der Freiheit.

Am Wörterbuch der neuen Rechten schreiben wir unterdessen zusammen mit den konservativ-liberalen Publizisten weiter.

...

Quote
Wanka#1  —  vor 17 Stunden

„, halbernst gemeinte Provo-Parolen wie „linksgrün“ oder “...

Das ist so nicht richtig. Der genutzte Begriff lautet „linksgrün versiffte Gutmenschen“!


Quote
ageofaquarius #10

Die Rechten, die konservativen, die Grünen und der Autor dieses Freitextes sitzen demselben Irrtum auf.
Die GRÜNEN sind nicht links. Sie hatten früher einmal einen Ökosozialistischen Flügel. Den gibt es nicht mehr. Es gab immer Wertkonservative bei den Grünen. Heute sind sie überwiegend bürgerlich liberal und strukturkonservativ.


Quote
kapitulation #11

„Das Wort Gutmensch fällt in dieselbe Kategorie wie Warmduscher oder Sitzpinkler“

Da hat mal wieder jemand nicht verstanden, was das Wort „Gutmensch“ aussagt. Es wird nicht verwendet um „rücksichtsvolles Verhalten“ zu beschreiben sondern ganz im Gegenteil. Ein Gutmensch ist jemand dessen primärer Antrieb das Selbstinszinieren als tugendhafter und moralischer Mensch und dabei sämtliche Rationalität über Board wirft. Andere Meinungen werden dabei schnell verteufelt. Das Wort Gutmensch ist eine Reaktion dieser Verteufelung.


Quote
Mehow #37

Gut erkannt. Das größte Problem sind weder links noch rechts, sondern ihre autoritären Auswüchse. Allerdings geht es hier wieder hauptsächlich darum auf das leichte Opfer, die ’neue Rechte‘, draufzuhauen. Kritik an den autoritären Linken wird zwar angedeutet, letztendlich dennoch vermieden. Dabei liegt genau hier die Ursache darin, dass die Politik als ‚linksgrün‘ wahrgenommen wird. Im autoritären haben die CxU und große Teile der Linken ein gemeinsames Interesse.

Zu ‚Staatsfeminismus‘: Gibt es irgendeinen Politiker der großen Parteien, der sich traut etwas gegen Feminismus zu sagen? Ich glaube nicht. Sobald man etwas gegen den Feminismus sagt wird man in die rechte Ecke gestellt. Dabei ist der heutige Feminismus zutiefst autoritär.

– Quoten für Oberschichtenfrauen
– Hausfrauen werden abgelehnt (wo bleibt da die Freiheit?)
– Forderungen die der Abschaffung der Unschuldsvermutung nahe kommen
– Freizügige Kleidung wird (von einem Teil) abgelehnt
– Jegliches Verhalten wird in gut und schlecht eingeteilt
– Gleichstellung wird gefordert (das ist das Gegenteil von liberal)

Dennoch wird der Feminismus von Medien und Politikern bedingungslos verteidigt. Selbst Israel ist eher kritisierbar als Feminismus. Er war früher gut und notwendig aber die heutige Form kotzt mich an.

Was mich noch der autoritären Linken nervt sind die Sprechverbote. In den USA und Großbritannien wurden schon Debatten abgesagt weil Autoritäre ihre ‚Safe Spaces‘ haben wollen. Die Weigerung Diskussionen zu führen ist für mich das Eingeständnis, dass man dazu nicht fähig ist und ein absolutes Armutszeugnis.

Ein gutes Beispiel dafür ist auch der Umgang mit Sahra Wagenknecht.
So, das reicht jetzt erst einmal. Vielleicht schreibe ich morgen noch etwas dazu.

(Ich identifiziere mich als mitte-links und liberal)


Quote
hier kommt die braut #38

ich fürchte, mit ‚heute-show‘ und ’neo-magazin‘ wird man gegen den neo-rechten backlash nicht mehr viel ausrichten können.
als bittermann&co. das ‚wörterbuch des gutmenschen‘ herausbrachten, hatte mittelgroßdeutschland seine erste flammende volkszornwallung zwar bereits hinter, den angriff der volkstümlichen rechten auf die zivilisierte rede aber noch vor sich.
inzwischen haben die sprachpolitischen abrisskommandos von rechts derartige verwüstungen in der diskurslandschaft hinterlassen, dass satirischer feinsinn und reflektierte kritik inmitten des trümmerfelds aus denkfaulen kurzschlussphrasen (‚mutig ausgesprochene wahrheiten‘) und ‚politisch inkorrekter‘ brutalo-rhetorik kaum noch wirkmacht entfalten.
man hat es heute mit einem problem zu tun, von dem man in den relativ zivil gestimmten 90ern noch nicht zu alpträumen wagte: mit der kaum reversiblen zerstörung der grundlagen vernünftiger verständigung, an deren stelle der historischen erfahrung nach notwendigerweise das prinzip der gewalt tritt.
wer sich ernsthaft mit der jüngeren geschichte dtlds. und europas befasst, wird um die einsicht nicht herumkommen, dass der aussonderung und eliminierung der als schwach, nutzlos oder artfremd verachteteń ‚elemente‘ stets deren diffamierende zurichtung durch eine volkstümlich verrohte, geistlose und entmoralisierte sprache vorauslag.


Quote
atlánticoazul #42

Richtig! Erst gestern mussten sich die „Sozialromantiker“ von einem „Salónbuddhisten“ erklären lassen, was die „Realisten“ schon seit Monaten versuchen, aber immer als „Nazis“ „niedergeschrien“ wurden. Aber ich bin flexibel! Tretet ein in den Verein: „Faschos gegen rechts!“ Da ich jetzt aufgeklärt bin, weiß ich, dass ich Fascho bin, der einen großen Teil Deutschlands „erpresst“ (moralisch). Als solcher werde ich jetzt gegen die anderen Faschos vorgehen und ihnen dabei die gleiche Sch… um die Ohren hauen.


Quote
Fraterculus #44  —  vor 4 Stunden

Die Wohltätigkeit ist eine edle Tugend, aber sie ist nur das Vorrecht starker Seelen. Menschen, die aus Weichheit Wohltun, immer Wohltun, sind nicht besser als Leute,die ihren Urin nicht halten können.

Johann Wofgang von Goethe: Götz von Berlichingen


...


Aus: "Was heißt hier linksgrün?" Michael Ebmeyer (1. Juni 2016 um 11:57 Uhr)
Quelle: http://www.zeit.de/freitext/2016/06/01/rechte-rhetorik-linke-katzenbilder-ebmeyer/

"Sprache von Pegida und AfD Das Wörterbuch der Neuesten Rechten"
Aus welchen Wörtern Pegida und AfD Kampfbegriffe machen (06.04.2016)
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/aus-welchen-woertern-afd-und-pegida-kampfbegriffe-machen-14157466.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2


« Last Edit: June 02, 2016, 01:27:43 PM by Textaris(txt*bot) »