Author Topic: [1968 (Afterglow) // Notizen... ]  (Read 7045 times)

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[1968 (Afterglow) // Theorieversessenheit... ]
« Reply #45 on: February 18, 2019, 02:30:45 PM »
Quote
[...] Dirk Frank Der Historiker Philipp Felsch hat in seinem Buch „Der Sommer der Theorie“ versucht darzulegen, dass Theoriebände von Suhrkamp und Merve damals auch als Teil des individuellen Stils und der Abgrenzung verwendet wurden. Können Theorien also auch aus der Mode kommen?

Prof. Axel Honneth: Man muss die damalige Theorieversessenheit aus dem kulturellen und politischen Kontext heraus verstehen: Es gab nach zwei Jahrzehnten des restaurativen Schlummers und der intellektuellen Abwehr innerhalb einer jungen Generation einen unglaublichen Bildungshunger. Man schnappte förmlich nach allem, was sich in der Kultur, auf dem Büchermarkt oder in der Kunstwelt tat. Ich erinnere das noch sehr gut aus meiner eigenen Schulzeit, ich schaute jeden Film an, der den Ruch des Neuen und Experimentellen besaß, las die entsprechenden Filmmagazine, verschlang französische und amerikanische Literatur, ging in jede neue Ausstellung des Folkwang-Museums – über fünf Stunden saß ich damals im Essener Jugendclub, um mir einen enorm langweiligen, nahezu handlungslosen Film von Andy Warhol anzuschauen. Das alles vollzog sich in kleinen, politisch engagierten Gruppen, deren Bildungshunger kaum Grenzen kannte, alles glaubte man um der politischen Veränderung willen zur Kenntnis nehmen und diskursiv verarbeiten zu müssen; überall schossen ja damals auch die vielen Lektürezirkel aus dem Boden, in denen man Marx, Freud und Lukács las, auch in meiner Heimat, dem Ruhrgebiet. Das war eine einzigartige, kollektiv geteilte Erfahrung, die ich auf keinen Fall missen möchte – und die den Verlagen unglaublich große Auflagenzahlen bescherte, wie sie heute mit dieser Art von theoretischer Literatur kaum mehr vorstellbar sind. Zu sagen, dass das damals zum „Lifestyle“ gehörte oder eine „Mode“ darstellte, ist mir fast schon ein wenig zu polemisch, denn die Texte wurden ja wirklich noch gelesen und kollektiv durchgearbeitet, nicht nur aus Gründen des kulturellen Prahlens in die Bücherregale gestellt. Heute spielen bekanntlich Bücher eine wesentlich geringere, das Internet dagegen eine immer größere Rolle. Die Aneignung von Literatur und Theorie vollzieht sich zudem kaum mehr in kleinen, intellektuell besessenen Zirkeln und Lesegruppen, im Zuge einer großen Individualisierung unter den Studierenden ist diese Diskussionspraxis leider weitgehend verschwunden und damit wohl auch der Theoriehunger. Natürlich, es gibt vielleicht aber auch nicht mehr die großen Theoretiker, die man unbedingt zu lesen müssen glaubte, bedeutende Denker wie Georg Lukács, Jean-Paul Sartre, Theodor W. Adorno, Michel Foucault oder Jacques Derrida, alle damals ja noch lebend, findet man heute nur noch selten. ... ohne dieses enorme Anregungspotenzial, aber auch ohne diese Reformprozesse wüsste ich gar nicht, was sonst aus mir geworden wäre.

...  Zudem sollte vielleicht auch darauf verwiesen werden, dass der gegenwärtige Rechtspopulismus eine durchaus erwartbare Gegenbewegung gegen die zahlreichen Reformen der letzten 50 Jahre darstellt, ein reaktionärer Aufstand gegen die Errungenschaften der Transnationalisierung, der sexuellen Liberalisierung, des Multikulturalismus usw. – was diese Bewegungen also vielleicht antreibt, ist das, was Erich Fromm die „Furcht vor der Freiheit“ genannt hat. Insofern hätten wir mit diesem Gegenprotest auch durchaus rechnen können, er kommt gewissermaßen nicht aus dem Nichts. Hinzu kommt auch die als solche ja gar nicht schlechte Entwicklung, dass die Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger an die Demokratie gewachsen sind, man will heute stärker als früher als mitsprechendes und mitbestimmendes Subjekt anerkannt werden. Sie sehen, ich suche händeringend nach empirischen Indikatoren, die uns überzeugt sein lassen können, dass es um unsere gesellschaftlichen Verhältnisse in Hinblick auf intersubjektive Verbindlichkeiten und unsere Anerkennungskultur doch nicht so schlecht bestellt ist, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Es gibt weiterhin ein starkes Verlangen nach sozialer Anerkennung, wenngleich auch die Tendenzen der gesellschaftlichen Polarisierung unverkennbar sind.

...


Aus: "Axel Honneth im Interview" (Ausgabe 1.19 des UniReport)
Quelle: https://klausbaum.wordpress.com/2019/02/15/axel-honneth-im-interview/

https://aktuelles.uni-frankfurt.de/studium/neuer-unireport-1-19-sozialphilosoph-axel-honneth-nimmt-die-komplizierte-gegenwart-in-den-blick/


Offline Textaris(txt*bot)

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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #46 on: March 06, 2019, 09:22:21 AM »
Quote
CBT #3

Dieser Luke Perry gehörte zu der Serie, die ich immer heimlich schaute, da meine Eltern überzeugte American-Way-of-Life-Hasser waren (...sind !?...heute backen diese 68er Eltern ja kleinere Ideologie-Brötchen). Für mich war das schauen dieser sauberen und neurotischen Welt eine Rebellion gegenüber einer umweltfreundlichen, europäischen (das meint geschichtslastigen) und bewusst-sein-orientierten Lebenseinstellung. Das genau dieser melancholisch wirkende Perry und kein anderer der Clique viel zu früh gestorben ist, wirkt für mich irgendwie ironisch. Sein verzweifelnd anmutender Gesichtsausdruck ist auf jeden Fall ein Symbol der Neunziger!


https://www.zeit.de/kultur/film/2019-03/luke-perry-schauspieler-beverly-hills-90210-tod-nachruf?cid=24025153#cid-24025153


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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #47 on: April 12, 2019, 11:58:34 AM »
Quote
[...] In einer von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen und im September 2018 veröffentlichten Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ – wegen der Orte der Universitäten des Forschungskonsortiums (Mannheim – Heidelberg – Gießen) auch „MHG-Studie genannt“ – wurden 38.156 Personalakten aus den 27 deutschen Bistümern für die Zeit zwischen 1946 und 2014 ausgewertet. Demnach gab es bei 1.670 Klerikern (4,4, Prozent) Hinweise auf Beschuldigungen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger. Darunter waren 1.429 Diözesanpriester (5,1 Prozent aller Diözesanpriester), 159 Ordenspriester (2,1 Prozent) und 24 hauptamtliche Diakone (1,0 Prozent). Bei 54 Prozent der Beschuldigten lagen Hinweise auf ein einziges Opfer vor, bei 42,3 Prozent Hinweise auf mehrere Betroffene zwischen 2 und 44, der Durchschnitt lag bei 2,5. 3.677 Kinder und Jugendliche sind als Opfer dieser Taten dokumentiert; 62,8 Prozent von ihnen waren männlich, 34,9 Prozent weiblich, bei 2,3 Prozent fehlten Angaben zum Geschlecht. Das deutliche Überwiegen männlicher Betroffener unterscheidet sich nach Angaben der Forscher vom sexuellen Missbrauch an Minderjährigen in nicht-kirchlichen Zusammenhängen. Die in der Studie ermittelte Zahl von 3.677 Betroffenen spiegelt, so die Forscher, nur das sogenannte „Hellfeld“ wider; aus der Dunkelfeldforschung des sexuellen Missbrauchs sei bekannt, dass die Zahl der tatsächlich betroffenen Personen deutlich höher liege. ...


https://de.wikipedia.org/wiki/Sexueller_Missbrauch_in_der_r%C3%B6misch-katholischen_Kirche (11. April 2019)

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[...] Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat die sexuelle Revolution der Zeit um 1968 und die Säkularisierung der westlichen Gesellschaft für den sexuellen Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche mitverantwortlich gemacht. Benedikt führt diese Taten in einem jetzt veröffentlichten Aufsatz vor allem auf außerkirchliche Entwicklungen zurück.

Als Gründe benennt er etwa die Liberalisierung der Sexualität und die schwindende Bedeutung des Glaubens in der heutigen Gesellschaft: "Wieso konnte Pädophilie ein solches Ausmaß erreichen? Im letzten liegt der Grund in der Abwesenheit Gottes." Eine Welt ohne Gott sei eine Welt ohne Moral: "Es gibt dann keine Maßstäbe des Guten oder des Bösen." Von Machtstrukturen in der Kirche ist in dem Papier nicht die Rede.

"Zu der Physiognomie der 68er Revolution gehörte, dass nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde", schrieb Benedikt in dem Aufsatz, den unter anderen das katholische Nachrichtennetzwerk CNA veröffentlichte.

Unabhängig davon hätte sich zeitgleich "ein Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie ereignet, der die Kirche wehrlos gegenüber den Vorgängen in der Gesellschaft machte". Erst jetzt erkenne man mit "Erschütterung, dass an unseren Kindern und Jugendlichen Dinge geschehen, die sie zu zerstören drohen".

Nach Rücksprache mit seinem Nachfolger Franziskus habe er den Text für das bayerische "Klerusblatt" verfasst, schrieb der ehemalige Papst, der kommende Woche 92 Jahre alt wird. In dem Text heißt es: Zwischen 1960 bis 1980 seien "die bisher geltenden Maßstäbe in Fragen Sexualität vollkommen weggebrochen" und eine "Normlosigkeit entstanden, die man inzwischen abzufangen sich gemüht hat".

Katholische Theologen übten scharfe Kritik an diesen Thesen. Es sei "verblüffend", teilte Julie Hanlon Rubio, Professorin an der kalifornischen Privatuniversität Santa Clara, auf Twitter mit, "eine freizügige Kultur und progressive Theologie für ein internes und strukturelles Problem verantwortlich zu machen". Sie bezeichnete Benedikts Analyse als "zutiefst fehlerhaft" und "zutiefst beunruhigend".

Brian Flanagan, Dozent an der Marymount University im US-amerikanischen Virginia, twitterte: "Das ist ein beschämendes Schreiben." Die Annahme, der Missbrauch von Kindern durch Geistliche sei ein Ergebnis der Sechzigerjahre und eines angeblichen Zusammenbruchs der Moraltheologie, sei eine "peinliche, falsche Erklärung für den systematischen Missbrauch von Kindern und dessen Verschleierung".

Benedikt war von 2005 bis zu seinem überraschenden Rücktritt 2013 Oberhaupt der katholischen Kirche - damals hatte er versprochen, künftig "für die Welt verborgen" zu bleiben. In seiner Amtszeit kam ans Licht, dass weltweit massenweise Kinder von Geistlichen missbraucht wurden.

Angesichts dieser schweren Krise hatte Papst Franziskus erst vor einigen Wochen zu einem Anti-Missbrauchs-Gipfel in den Vatikan eingeladen. Er hat immer wieder darauf hingewiesen, dass der Grund für Missbrauch auch die Machtstrukturen der Kirche sind (mehr über das Thema erfahren Sie hier).

Auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung hatte zuletzt hervorgehoben, die Wurzeln des Problems seien Jahrhunderte alt und auch in den Machtstrukturen begründet. Missbrauch werde so begünstigt - unter anderem durch den Zölibat, eine "schwierige Sexualmoral", ausgeprägte Hierarchien, die moralische Machtposition der Kirchen und die Rolle von Frauen in der Kirche.

"Es gibt keine Institution, die eine konservativere Sexualmoral vertritt und gleichzeitig über Jahrzehnte den sexuellen Missbrauch in ihren Reihen geduldet, vertuscht und geleugnet hat", sagte Rörig im Februar. "Es ist unumgänglich, dass die Kirche sich alle Bausteine ihrer Struktur ernsthaft kritisch vor Augen führt"

Zuletzt hatte sich Benedikt im vergangenen Jahr über direkte Vergleiche zwischen ihm und seinem Amtsnachfolger empört. Es sei ein "törichtes Vorurteil, wonach Papst Franziskus bloß ein praktisch veranlagter Mann ohne besondere theologische und philosophische Bildung sei, während ich selbst nur ein Theoretiker der Theologie gewesen wäre, der wenig vom konkreten Leben eines heutigen Christenmenschen verstanden hätte", schrieb Benedikt XVI. in einem Brief an den Präfekten des vatikanischen Kommunikationssekretariats.

mxw/dpa


Aus: " Streitbare Thesen Benedikt XVI. gibt Achtundsechzigern Mitschuld am Missbrauchsskandal" (11.04.2019)
Quelle: https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/benedikt-xvi-gibt-achtundsechzigern-mitschuld-am-missbrauch-a-1262422.html

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Andreas Kyriacou
@andreaskyriacou
Genau, die 68er sind schuld! Wer erinnert sich nicht an die zahlreichen Love-ins in katholischen Kirchen und an das Banner „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“, das 1967 quer über den Petersplatz gezogen war?

1:10 vorm. · 12. Apr. 2019 · Twitter


https://twitter.com/andreaskyriacou/status/1116478575069343744

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schlussmachen.jetzt
@schlussmachen
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Antwort an @hpdticker
Man muss zugeben: Die Linken haben in den siebziger Jahren #Pädophilie mit anderen bitter nötigen Emanzipationsbewegungen in einen Topf geworfen. Das haben sie sehr bereut. Kein Grund, sich die kath. Sexualmoral zurück zu ersehnen.


https://twitter.com/schlussmachen/status/1116627532017569793