Author Topic: [Notizen zu Radioaktivem Material...]  (Read 41993 times)

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[Notizen zu Radioaktivem Material...]
« Reply #90 on: March 11, 2019, 12:43:15 PM »
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[...] Wer von Fukushima hört, dieser einst idyllischen Kornkammer Japans, denkt heute meist nur an eines: Radioaktivität. Acht Jahre sind vergangen, seit am 11. März 2011 ein schweres Erdbeben und ein gewaltiger Tsunami den Nordosten des Inselreichs heimsuchten. Mehr als 20.000 Menschen starben in Folge dieser beispiellosen Katastrophe. Zum Sinnbild von "3/11" aber wurde in aller Welt der Super-Gau im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi, auch wenn dadurch niemand direkt ums Leben kam. Acht Jahre danach versucht der Staat alles, um den Eindruck von Normalität zu vermitteln.

Der Wiederaufbau komme voran, die Lage in der Atomruine sei unter Kontrolle, Lebensmittel aus Fukushima sicher. Man erlaubt Bewohnern einstiger Sperrzonen die Rückkehr in ihre Häuser, lockt ausländische Touristen an und wirbt kräftig für die Olympischen Spiele 2020, die die Erholung der Region zur Schau stellen sollen. "Reconstruction Olympics" lautet der vollmundige Slogan.

Sicher, das Leben geht auch für die Menschen in der Unglücksregion weiter. Und doch ist nichts mehr so wie es einmal war. Bei allen Fortschritten, allen Bemühungen, aller Hoffnung, sind viele doch weiter mit Sorge und Zweifel erfüllt.

In ihren Berichten an die Vereinten Nationen stelle die japanische Regierung das Ausmaß, die Komplexität und die Strahlungsrisiken in Gebieten von Fukushima sowie die Arbeitsbedingungen für Arbeiter "absichtlich falsch dar", beklagt Kazue Suzuki von Greenpeace Japan. Zudem missachte der Staat die Gesundheit und das Wohlergehen von Kindern. "Die Regierung sollte sich schämen", meint Suzuki und fordert die Regierung in Tokio auf, ihre Politik radikal zu ändern.

Nach einer neuen Untersuchung der Umweltschutzorganisation stellen Strahlenwerte sowohl in der Sperrzone um die Atomruine als auch in Gebieten der Gemeinden Namie und Iitate, wo die Evakuierungsbefehle aufgehoben wurden, ein "signifikantes Risiko für die Öffentlichkeit, einschließlich Kindern dar". Das Strahlenniveau liege um das Fünf- bis mehr als 100-fache über dem international empfohlenen Maximum.

Viele Arbeiter, die zur Dekontaminierung eingesetzt werden – darunter Obdachlose – würden ausgebeutet. "Diese Arbeiter haben fast kein Training in Strahlenschutz erhalten, sind schlecht bezahlt, hoher Strahlung ausgesetzt und riskieren, ihre Jobs zu verlieren, wenn sie den Mund aufmachen", klagt Shaun Burnie von Greenpeace Deutschland.

Nur 23 Prozent der Bewohner von neun Gemeinden der Provinz Fukushima, die einst nach der Katastrophe zur Gefahrenzone erklärt worden waren, sind bislang dem Aufruf des Staats zur Rückkehr gefolgt. Rund 160.000 Menschen wurden damals in Sicherheit gebracht.

Acht Jahre danach leben mehr als 32.000 von ihnen in anderen Provinzen Japans. Hinzu kommen die sogenannten Jishu Hinansha, jene Japaner, die außerhalb der Evakuierungszone lebten, aber trotzdem aus Sorge um Strahlung flohen. Viele dieser Geflüchteten sind Mütter mit Kindern.

Wer von ihnen bislang in Wohnungen für öffentliche Angestellte unterkam, muss bis Ende dieses Monats dort ausziehen. Andere erhielten Wohngeld, auch das soll bald wegfallen. Hinzu kommt, dass sie häufig Opfer von Mobbing sind. Sie seien hysterisch, lebten auf Kosten der Steuerzahler. Dabei haben Mütter mit kleinen Kindern nach Meinung kritischer Fachleute durchaus weiterhin Grund zur Sorge.

Nach einem Bericht der Ärzteorganisation IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges) anlässlich des achten Jahrestages der Atomkatastrophe haben Japaner, die in der Präfektur Fukushima Kinder waren, als sich der Super-Gau ereignete, ein mindestens 15-faches Risiko, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken.

Laut der Datenbank des Japanischen Krebsregisters betrug die Neuerkrankungsrate von kindlichem Schilddrüsenkrebs in Japan vor der Atomkatastrophe rund 0,35 pro 100.000 Kinder im Jahr. Bei einer Bevölkerung von rund 360.000 Kindern wären in Fukushima somit etwa eine einzige Neuerkrankung pro Jahr zu erwarten gewesen, also etwa acht Neuerkrankungen seit Beginn der Atomkatastrophe.

Tatsächlich seien seitdem bei 205 Kindern in der Feinnadelbiopsie Krebszellen gefunden worden. 167 dieser Kinder mussten demnach aufgrund eines rasanten Tumorwachstums, einer ausgeprägten Metastasierung oder einer Gefährdung lebenswichtiger Organe mittlerweile operiert werden.

Die IPPNW kritisiert zudem Versuche der Fukushima Medical University, die Schilddrüsenuntersuchungen zu unterminieren. So sollen die Untersuchungsintervalle ab dem 25. Lebensjahr von zwei auf fünf Jahre ausgeweitet werden, hieß es. Mitarbeiter der Universität besuchten zudem Schulen, um dort Kinder über deren "Recht auf Nichtteilnahme" und "Recht auf Nichtwissen" aufzuklären. Ferner würden die Kosten für die Untersuchungen ab dem Erreichen des 18. Lebensjahres nicht mehr erstattet. "Es ist zu vermuten, dass diese Bemühungen darauf abzielen, die Teilnahmequote weiter zu reduzieren und durch eine systematische Verzerrung der Testergebnisse langfristig die gesamte Studie zu entwerten", sagt der IPPNW-Vorsitzende Alex Rosen.

"Die Bewohner von Fukushima und die Menschen in Japan haben ein unveräußerliches Recht auf Gesundheit und auf ein Leben in einer gesunden Umwelt. Die korrekte Fortführung und wissenschaftliche Begleitung der Schilddrüsenuntersuchungen liegen im öffentlichen Interesse und dürfen nicht durch politische oder wirtschaftliche Beweggründe konterkariert werden", erklärt Rosen. Greenpeace wirft dem Staat eine Verletzung internationaler Menschenrechtskonventionen insbesondere in Bezug auf Dekontaminierungsarbeiter und Kinder vor.

Die Mehrheit der Japaner fordere einen Übergang zu erneuerbaren Energien. Doch stattdessen wolle der Staat die nach Fukushima abgeschalteten Atomreaktoren wieder anfahren und zugleich die Zahl der Kohlekraftwerke im Land dramatisch erhöhen, beklagt Greenpeace. (mho)


Aus: ""Die Regierung sollte sich schämen" – Japan acht Jahre nach Fukushima" Lars Nicolaysen, dpa  (11.03.2019)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Die-Regierung-sollte-sich-schaemen-Japan-acht-Jahre-nach-Fukushima-4329575.html


https://www.swr.de/swr2/wissen/bildergalerie/-/id=661224/did=13831192/gp1=18993856/gp2=18993906/nid=661224/vv=gallery/eyormr/index.html

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[Notizen zu Radioaktivem Material...]
« Reply #91 on: March 11, 2019, 12:52:00 PM »
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[...] Acht Jahre nach der Atomkatastrophe tun Japans Regierung und Betreiber Tepco, als wäre alles überwunden – was es nicht ist, wie Messungen zeigen. Auf dem zerfetzten Dach von Reaktor 1 greift eine gewaltige Zange, die an einem Kranhubseil hängt, nach Betonteilen. An der Westseite von Reaktor 2 wurde ein Vorbau angedockt und die Wand des Reaktorgebäudes geöffnet. Über Reaktor 3 thront eine röhrenförmige Kuppel mit einem Bergungskran. Acht Jahre nach der dreifachen Kernschmelze, die am 11. März 2011 ihren Anfang nahm, ist Fukushima Nr. 1 laut Betreiber Tepco unter Kontrolle. "Wir haben Fortschritte erzielt", sagt Sprecher Hideki Yagi bei einer Tour für ausländische Journalisten.

Die Reporter dürfen in Alltagskleidung bis auf 40 Meter Luftlinie an die Reaktoren heran. Gemäß ihren Dosimetern werden sie in zwei Stunden weniger verstrahlt als bei einem Flug nach Österreich. Die Radioaktivität sank, weil alle Bodenflächen mit Spritzbeton versiegelt wurden. Daher brauchen die aktuell 4200 Arbeiter auf 96 Prozent des AKW-Geländes keine Atemmasken und Schutzanzüge mehr zu tragen.

Aber direkt über den Meilern herrscht eine solche Strahlenhölle, dass alle Arbeiten ferngesteuert ausgeführt werden müssen. Als Nächstes plant Tepco, die 1573 abgebrannten Brennelemente aus ihren Lagerbecken über den zerstörten Meilern zu holen. Die Bergung beginnt in diesem Monat am Reaktor 3.

Außerhalb der Atomanlage versucht die Regierung, ebenfalls den Anschein von Normalität zu erwecken. Zwar lässt sich die Radioaktivität dort nicht zubetonieren – die verstrahlten Orte Futaba und Okuma am AKW bleiben gesperrt -, aber seit 2014 wurden neun Gemeinden in der alten Evakuierungszone nacheinander für bewohnbar erklärt.

In Nahara in 20 Kilometern Entfernung vom AKW ist mehr als die Hälfte der Bewohner zurückgekehrt. Doch insgesamt leben nur 23 Prozent der 160.000 Evakuierten wieder an ihren alten Wohnorten. Die Mehrheit davon sind ältere Menschen, während sich kaum Familien mit Kindern zurückgewagt haben.

Dass ihre Gesundheitssorgen berechtigt sind, beweisen Messungen von Greenpeace im Herbst 2018 in Fukushima. An fast zehn Prozent von 17.000 Stellen maßen die Umweltschützer eine Strahlung vom bis zu 100-Fachen des offiziellen Dekontaminationsziels von 0,23 Mikrosievert pro Stunde. An fast allen Stellen lag die Radioaktivität über dem international empfohlenen Grenzwert für Kinder von jährlich ein Millisievert.

"Die Regierung ignoriert mit ihrer unverantwortlichen Siedlungspolitik das Ausmaß und die Risiken der Strahlenbelastung", erklärte Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital. Außerdem würden viele Dekontaminierungsarbeiter bei ungenügender Vorbereitung und schlechter Bezahlung hoher Strahlung ausgesetzt.

Die Kritik dürfte bei der Regierung auf taube Ohren stoßen. Bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio unter dem Slogan "Reconstruction Olympics" will sie beweisen, dass die Region ihren Schrecken verloren hat. Daher soll die Laufstrecke für die Träger der olympischen Fackel ab März 2020 ausgerechnet an der Sportanlage J-Village beginnen, die sechs Jahre als Tepco-Krisenzentrale diente. Außerdem hat das japanische Olympiakomitee sechs Softballspiele und ein Basketballmatch in Fukushima angesetzt, damit das negative Erbe des Atomunfalls vergessen wird.

Diese Absicht stößt vielen weiter evakuierten AKW-Anwohnern sauer auf. Die staatlich heruntergespielte Strahlengefahr erschwere ihnen die Aufklärung über ihr Schicksal und ihre Heimat. Niemand kümmert sich mehr um die Folgen des Atomunfalls, sodass wir unsere Sorgen wegen der Radioaktivität unterdrücken müssen", klagte Noriko Tanaka von der Organisation Mothers' Radiation Lab. (Martin Fritz aus Fukushima, 11.3.2019)


Aus: "Ein Schein von Normalität in Fukushima" Martin Fritz aus Fukushima (11. März 2019)
Quelle: https://www.derstandard.de/story/2000099279909/ein-schein-von-normalitaet-in-fukushima

Quote
Norbert Müller

... schaut man sich die jahrzehnte langen schäden in japan nun an, in der fischerei, in der landwirtschaft, etc...
das wird alles als naturkatastrophe abgehandelt und die leute bekommen nichts!! würde man all diese geschädigten fair entschädigen, wäre atomenergie unfinazierbar.


Quote
erzgrüner

Atomkraft ist sicher, billig und sauber!
..abgesehen davon, dass wenn was passiert viele Menschen elend zugrunde gehen
..abgesehen davon, dass die Kraftwerke massiv gefördert werden und man die alten Brennstäbe quasi ewig sicher lagern muss und diese lagerungskosten ehrlicherweise mitgerechnet werden müssten
..abgesehen davon, dass das Thema "Endlagerung" ungelöst ist


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