Author Topic: [Die Gewalt des Gedanklich-Realen... ]  (Read 10064 times)

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Offline lemonhorse

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[Eine philosophische Wunde... (Notiz)]
« Reply #15 on: October 08, 2007, 11:34:32 AM »
Quote
[...] Was bleibt ist eine Erklärungslücke, eine philosophische Wunde, in die Susan Blackmore auch immer wieder gekonnt den Finger legt. Wie ist der Zusammenhang zwischen dem subjektiven Erleben und der objektiven Erkenntnis? Und können die Fakten aus der Welt jemals die Fakten aus der inneren Perspektive erklären? Die Churchlands, Daniel Dennett und Francis Crick sind sich sicher, dass die vermeintliche Gegensätze im Zuge des neurowissenschaftlichen Fortschritts überwunden werden. Wissenschaftler wie Roger Penrose und Stuart Hameroff wollen dazu ein revolutioniertes physikalisches Weltbild etabliert sehen. Es ist das "magische Rätsel", wie Daniel Wegner es formuliert, das ein "Ich den Strom der Eindrücke zu beobachten scheint".


Aus: "Gibt es Bewusstseins-Zombies?" Jörg Auf dem Hövel (08.10.2007)
Quelle: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26335/1.html

Offline Textaris(txt*bot)

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[Weil man etwas damit tun will... (Notiz, Ernst von Glasersfeld)]
« Reply #16 on: April 21, 2008, 07:32:54 PM »
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[Ernst von Glasersfeld:] [...]  Aber wenn Sie fragen, wie man überhaupt Ideen aufbaut, dann ist die einzige Antwort darauf - meiner Ansicht nach – dass man gewisse Stücke der Erfahrung aus unterschiedlichen Gelegenheiten verbinden möchte, weil man etwas damit tun will. Und mit diesen Verbindungen stellt man Versuche an. Die eine Verbindung funktioniert und die andere funktioniert nicht. Und so baut man sich Begriffsgerüste auf. Das wichtigste dabei sind wahrscheinlich die Beziehungen.

Und es ist sehr schwer, zu sagen, wie man die herstellt; denn die Beziehungen haben kaum mit dem Sensomotorischen zu tun. Die Beziehungen sind rein abstrakte Konstrukte, die meiner Ansicht nach – aber das ist nur eine Ansicht, ich kann das nicht beweisen – dadurch entstehen, dass die Aufmerksamkeit sich von einem Begriff zum anderen bewegt und diese Bewegung auf eine bestimmte Art und Weise macht.

[...] Die Idee der Aufmerksamkeitsbewegungen habe ich fast direkt von meinem Freund, dem italienischen Linguisten und Philosophen Silvio Ceccato übernommen. Ceccato war der erste, der sich gefragt hat, wie die Aufmerksamkeit tatsächlich funktioniert. Vorher hat man sich die Aufmerksamkeit vorgestellt wie einen Scheinwerfer, der die Landschaft beleuchtet. Nun ist es aber ganz klar, dass es im Gehirn keine Landschaft gibt. Es gibt dort nichts, was man auf diese Weise beobachten könnte. So ist er auf die Idee gekommen, unabhängig von den neurophysiologischen Experimenten, die damals gemacht wurden, dass die Aufmerksamkeit nicht ein Scheinwerfer ist, sondern ein Puls, eine pulsierende Angelegenheit.

Er hat noch nichts vom Alpharhythmus gewusst, er hat das als Idee aber brauchbar gefunden und sich dann jahrelang damit beschäftigt, herauszufinden, wie aus Aufmerksamkeitspulsen Begriffe zusammengestellt werden können. Er hat da eine sehr hübsche binarische Theorie aufgestellt. Wenn man ihn gut gekannt und mit ihm gearbeitet hat, dann hat man die Bewegungen in seiner Aufmerksamkeit selber fühlen können.

Aber wenn man das nur liest, dann ist es unmöglich für jemanden, das gleich zu verstehen. Man muss sich lange Zeit damit befassen und auch dann weiß man nicht, ob das der Fall ist, ob man das wirklich vertreten kann. Ich weiß das heute noch nicht. Aber die Bewegung der Aufmerksamkeit von einem Begriff zum anderen, die scheint mir viel konkreter zu sein.

[...][ORF.at:] Sie haben im Vorwort zu der Taschenbuchausgabe Ihres Buchs "Radikaler Konstruktivismus" geschrieben: "Ideen sollten niemals Privatbesitz sein."

Ja. Man darf eine Idee nicht behandeln wie ein Grundstück. Wenn man sie veröffentlicht hat, ist sie frei benutzbar für jeden. Der französische Dichter Paul Valéry, meiner Ansicht nach einer der größten Denker des 20. Jahrhunderts, hat einmal sehr schön gesagt: Wenn man etwas veröffentlicht hat, dann ist es wie ein Gebrauchsgegenstand, den jeder benützen kann, wie er will, und das ist sehr schön.

Denn oft führen einen die Ideen von anderen Leuten auf ganz andere Wege, die diese Leute selbst nie gegangen sind. Ich habe auch von Philosophen Sätze benutzt, die diese selbst sicher anders interpretiert haben.

Wir diskutieren ja heute viel über "geistiges Eigentum".

Weil die Leute Geld damit verdienen wollen. Vor zweihundert Jahren hat wohl kaum ein Philosoph daran gedacht, mit dem, was er schreibt, Geld verdienen zu können. Aber heute, sobald Sie ein Buch schreiben, müssen Sie ja Geld verdienen.

[...] Sie glauben nicht, dass wir das Bewusstsein erklären können.

Ich glaube nicht, dass es rational erfassbar ist. Intuitiv sicher. Ich habe ja die größte Verehrung für die Mystiker. Aber sobald die versuchen, mir ihre Ideen rational zu erklären, reden sie Unsinn.




Aus: "Konstruktivismus und Kreativität" (19.04.2008) - Ernst von Glasersfeld ist Mitbegründer der Denkrichtung des Radikalen Konstruktivismus, die untersucht, wie wir uns unsere Vorstellung von der Welt bilden.
Quelle: http://futurezone.orf.at/it/stories/270952/


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[Subjekt-Objekt-Spaltung nach Karl Jaspers... ]
« Reply #17 on: September 08, 2008, 04:05:40 PM »
Quote
[...] Subjekt-Objekt-Spaltung nach Karl Jaspers:

Jaspers beschreibt den von ihm gemeinten Sachverhalt wie folgt: "Allen ... Anschauungen ist eines gemeinsam: sie erfassen das Sein als etwas, das mir als Gegenstand gegenübersteht, auf das ich als auf ein mir gegenüberstehendes Objekt, es meinend, gerichtet bin. Dieses Urphänomen unseres bewußten Daseins ist uns so selbstverständlich, daß wir sein Rätsel kaum spüren, weil wir es gar nicht befragen. Das, was wir denken, von dem wir sprechen, ist stets ein anderes als wir, ist das, worauf wir, die Subjekte, als auf ein gegenüberstehendes, die Objekte, gerichtet sind. Wenn wir uns selbst zum Gegenstand unseres Denkens machen, werden wir selbst gleichsam zum anderen und sind immer zugleich als ein denkendes Ich wieder da, das dieses Denken seiner selbst vollzieht, aber doch selbst nicht angemessen als Objekt gedacht werden kann, weil es immer wieder die Voraussetzung jedes Objektgewordenseins ist. Wir nennen diesen Grundbefund unseres denkenden Daseins die Subjekt-Objekt-Spaltung. Ständig sind wir in ihr, wenn wir wachen und bewußt sind."[1] Diese Differenz gilt Jaspers als zumindest für den Verstand untilgbar.[2]

[...]

1# ↑ Einführung in die Philosophie, München 1953, 24f
2# ↑ vgl. Psychologie der Weltanschauungen, 426: "das endgültige Wesen des Verstandes"

...


Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Subjekt-Objekt-Spaltung (27. August 2008)
« Last Edit: November 20, 2008, 11:28:37 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Neuronale Erregungskreise... ]
« Reply #18 on: November 09, 2009, 02:22:06 PM »
Quote
[...] Unter einem Neuronalen Schaltkreis versteht Timothy Leary ein „Basisprogramm“ der menschlichen Psyche, das bestimmte Aspekte des Verhaltens steuert. Die Bezeichnung rührt von seiner Annahme her, dass diese Verhaltensmuster und Wahrnehmungsarten in bestimmten Regionen des Gehirns beheimatet seien, und somit letztlich auf Neuronalen Erregungskreisen basieren.

Timothy Leary glaubte, dass der menschliche Geist am besten durch acht neuronale Erregungsschaltkreise dargestellt werden kann. Jede Etappe, jeder Schaltkreis repräsentiert eine höhere Stufe der Entwicklung als der vorhergehende. Vom ersten, dem am niedrigsten entwickelten, bis zum vierten Schaltkreis sind alle im linken Hirnlappen des Endhirns verankert. Diese vier Bewusstseinsebenen -- oder hier Schaltkreise genannt -- sind mit dem Überleben von Organismen auf der Erde stark verknüpft. Die Schaltkreise fünf bis acht, von Leary im rechten Hirnlappen vermutet, sind für die zukünftige Entwicklung des Menschen vorgesehen und bei der Mehrheit der Leute heutzutage noch nicht richtig ausgeprägt. Vielmehr kann man davon ausgehen, dass diese sich in einer Art Winterschlaf befinden.

...


Aus: "Timothy Leary" (Stand 11/2009)
Quelle: http://wapedia.mobi/de/Timothy_Leary


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[Die Frage... ]
« Reply #19 on: August 28, 2012, 09:00:56 AM »
Quote
[...] Es könnte allerdings auch weiterhin sein, dass es einen "Sitz" des Selbstbewusstseins im Gehirn gibt - oder dass die Frage unsinnig ist.

...


Aus: "Ist das Selbstbewusstsein im Gehirn lokalisierbar?" Florian Rötzer (28.08.2012 )
Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/37/37516/1.html


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[Egal, wie tief... ]
« Reply #20 on: September 04, 2013, 03:40:23 PM »
Quote
[...] Egal, wie tief Neurowissenschaftler auch in Gehirne blicken, sie werden dort keine Gedanken finden, keine Träume, keine Wünsche, kein Bewusstsein. Diese Ansicht vertreten in der Philosophie die Antireduktivisten. Gedanken, Träume, Wünsche, Bewusstsein und so weiter, die in der Philosophie unter dem Begriff „psychische“ oder „mentale Zustände“ subsumiert werden, sind nicht auf physische Vorgänge wie zum Beispiel Neuronenaktivität reduzierbar, so die allgemeine Kernaussage des Antireduktivismus. Oder wie Michael Pauen, Professor für Philosophie des Geistes an der Humboldt-Universität zu Berlin, es bei der ersten philCOLOGNE im Juni 2013 im Kölner Stadtgarten formulierte: "Das Bewusstsein verschwindet nicht in dem Moment, da wir die neuronalen Prozesse verstehen."

Die Art der Reduktion psychischer Vorgänge auf physische kann im Detail zum Beispiel als Identität beschrieben werden ("Psychische Zustände sind physische Zustände."), als Funktionalität ("Psychische Zustände sind funktionale Zustände.") oder eliminativ (Eliminativismus bzw. eliminativer Materialismus: "Psychische Zustände gibt es gar nicht.").

... Die Übertragung von menschlichen Fähigkeiten auf das menschliche Gehirn ist laut Hacker und Bennett unsinnig, denn ein Gehirn kann einfach nicht denken, auch keine Entscheidungen treffen oder Bewusstsein haben. Dies alles sind Eigenschaften und Aktivitäten, die man sinnvollerweise nur einem Menschen selbst zuschreiben kann, was in guter Wittgenstein'scher Tradition allein ein Blick auf den alltäglichen Gebrauch der Wörter zeige –- einmal abgesehen von einem Großteil neurojournalistischer Berichterstattung, die ja inzwischen auch fast zum alltäglichen Gebrauch zählt. Wir sagen einfach nicht: "Mein Gehirn hat entschieden, dass ich jetzt zum Strand gehe.", "Mein Gehirn denkt.". Selbst im metaphorisch übertragenen Sinn sei eine solche Redeweise bedeutungsleer. Stattdessen sagen wir: "Ich denke." und "Ich habe entschieden, zum Strand zu gehen.".

Quote
Martin Holzherr
Nicht Reduktion, aber Korrelation
02.09.2013, 18:31

Wenn Reduktion Elimination bedeutet, dann liegt der Reduktionismus falsch. Dass Hirnaktivität (elektrisch,stoffwechselmässig, etc) aber im Zusammenhang mit Hirnleistung und Erlebnis des Probanden steht, daran zweifelt wohl kein Neurowissenschaftler. ...



Aus: "Gedankenlesen im Gehirn?" von Leonie Seng (02. September 2013)
Quelle: http://www.scilogs.de/blogs/blog/feuerwerk-der-neuronen/2013-09-02/gedankenlesen-im-gehirn


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[Müssen wir wollen?... ]
« Reply #21 on: June 03, 2014, 10:13:02 AM »
Quote
[...] Haben wir eigentlich einen freien Willen? Wenn wir aus Atomen und anderem physikalischen Kleinzeug bestehen, das brav und folgsam den Naturgesetzen gehorcht, dann muss sich doch die Zukunft ganz zwingend, logisch und eindeutig aus der Gegenwart ergeben. Wie ein riesengroßes Uhrwerk tickt die Welt von Augenblick zu Augenblick, nirgendwo ist Platz für Entscheidungen oder frei gewählte Beschlüsse. Sind wir bloß Sklaven unserer Atome?

... „Bewusstsein“ oder „freier Wille“ gehören in den Bereich der Psychologie. In der Physik kommen diese Begriffe einfach nicht vor, dort machen sie keinen Sinn, dort gibt es sie nicht. Natürlich kann man mit viel Mühe dazwischen eine logische Brücke bauen: Man kann die Psychologie auf die Biologie des Gehirns zurückführen, die Biologie mit der Chemie erklären, und die Chemie schließlich auf die Physik abbilden. Nirgends stößt man auf unüberwindliche Grenzen. Doch leider bringt uns das Zerlegen des freien Willens in seine atomaren Bausteine auch nicht weiter. Niemals werden wir menschliche Entscheidungen, Bewusstsein oder Gefühle mit den Formeln der Quantenphysik untersuchen. Selbst wenn das technisch möglich wäre: Es wäre unvorstellbar kompliziert und einfach verdammt unpraktisch.

Unsere sprachlichen Begriffe und Gedankenkonstrukte haben sich entwickelt, weil sie nützlich sind. Auch wenn wir uns die Welt rein materialistisch vorstellen, mit sauberen Naturgesetzen, die von allen Materieteilchen immer brav befolgt werden – niemand wird leugnen, dass Begriffe wie „Freundschaft“, „Bewusstsein“ oder „freier Wille“ in vielen Situationen ihren Sinn haben. „Freundschaft“ existiert, weil es ein gedankliches Konzept ist, das sich als nützlich herausgestellt hat. Sollte es überraschenderweise eines Tages möglich sein, einen solchen Begriff auf biologischer oder physikalischer Ebene zu erklären, würde das wenig ändern.

Auch in der Physik geht man recht pragmatisch an die Frage heran, ob etwas existiert oder nicht. So wurden etwa die Begriffe „Druck“ und „Temperatur“ erfolgreich verwendet, lange bevor man genau wusste, was sie auf mikroskopischer Ebene bedeuten. Das Gas in einem Luftballon hat eben einen Druck und eine Temperatur – das sind nützliche Größen, wenn man wissen will, ob der Ballon platzt.

Dem Wiener Physiker Ludwig Boltzmann gelang es dann, mit klaren, einfachen Formeln zu erklären, wie sich Druck, Temperatur und andere Messgrößen aus den Eigenschaften einzelner Teilchen ergeben: Die Temperatur hat mit ihrer mittleren Geschwindigkeit zu tun, der Druck mit dem Impuls, den die Teilchen auf die Haut des Ballons übertragen. Das lässt sich statistisch beschreiben, wenn die Anzahl der beteiligten Teilchen sehr groß ist. Ein einzelnes Molekül im Ballon herauszugreifen und nach seinem Druck zu fragen ist aber sinnlos – wie die Frage nach dem Gedanken einer bestimmten Nervenzelle.

Freilich käme niemand auf die Idee zu sagen: Druck und Temperatur gibt es nicht! Es gibt nur Geschwindigkeiten und Massen von Teilchen, sonst nichts! Druck und Temperatur sind eine Illusion! Nein – Druck und Temperatur sind nützliche Begriffe, auch wenn Boltzmann gezeigt hat, dass sie nichts anderes sind als Eigenschaften eines großen Systems, die sich logisch und eindeutig aus den Eigenschaften seiner Teile ergeben. Man nennt das Emergenz: Aus dem Zusammenfügen von Teilen ergibt sich eine Eigenschaft, für die man neue Begriffe braucht, die auf der Ebene der Einzelteile nicht sinnvoll beschrieben werden kann. Und genauso, kann man annehmen, ist es auch mit unseren geistigen Eigenschaften.

Wenn wir eine freie Entscheidung treffen, wenn wir uns unseres eigenen Denkens bewusst sind, wenn wir sinnlich Wahrnehmbares empfinden, dann kann es uns gleichgültig sein, wie sich das auf die fundamentale Ebene der Naturgesetze herunterbrechen lässt. Auch wenn unsere Entscheidungen irgendwie auf atomarer Ebene erklärbar sind, werden wir immer von der Vorstellung eines freien Willens ausgehen, aus reinem Pragmatismus.

Wenn ich Lust auf Schokolade habe, dann esse ich eben Schokolade. Und es ist mir piepegal, ob das mein Gehirn, meine Nervenzellen, oder mein Quantenzufall so beschlossen hat.


Aus: "Müssen wir wollen?" Florian Aigner (03.06.2014)
Quelle: http://futurezone.at/meinung/muessen-wir-wollen/67.744.511


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[Gedanken sichtbar zu machen... ]
« Reply #22 on: March 23, 2015, 04:50:50 PM »
Quote
[...] Vielleicht ist Kunst, unter vielem anderen, ein Versuch, Gedanken sichtbar zu machen. Nicht als etwas, das man hat, sondern als etwas, das geschieht. Der Gedanke, sagt Friedrich Dürrenmatt, sei wiederum selbst ein Versuch, nämlich: „ein Versuch, eine Ordnung herzustellen, verschiedene Dinge zusammenzuziehen.” Wenn ein Gedanke die Einheit eines solchen Versuches ist, dann ist seine Grundvoraussetzung, dass es eine solche Ordnung vordem nicht gab und dass es sie möglicherweise auch jenseits des Denkens selber nicht gibt.

So könnte man wohl ohne weiteres behaupten, dass jemand, der generell an die Existenz von Ordnungen glaubt, eher weniger geeignet sei, Gedanken zu entwickeln. Umgekehrt freilich sehen wir des öfteren Denkenden zu, die vom, nun ja, Gedanken an Ordnung so besessen sind, dass sie all ihr Denken in den Dienst der Ordnungen stellen wollen. So sehen wir Gedanken zu, die sich selbst auffressen.

Im Augenblick, in dem ein Gedanke entsteht (noch bevor der Teufel es bemerkt, und ihn wieder in die Ordnungen sperrt), ist der größtmögliche Grad an Freiheit erreicht. Im Augenblick seines Gedankens erhebt sich der Mensch über alle Fährnisse und Verzweiflungen. Müssen wir uns daher den denkenden Menschen als glücklichen vorstellen?

Gewiss nicht, denn der Gedanke muss, um nicht zu einer paranoiden Implosion zu werden, „mitgeteilt“ werden. War der Gedanke schon immer Sprache, oder muss er erst zur Sprache gebracht werden?

Vielleicht könnten wir so etwas wie die Sprache der Gedanken erforschen, die sich als werdende begreift. Jeder wirklich neue Gedanke erneuert auch die Sprache, in der er vermittelt werden kann.

Aus dem Gedanken kann sehr viel entstehen. Kunst, Kritik, Theorie, aber auch Ware, Krieg und Macht. Ein Gedanke kann nicht das Recht in Anspruch nehmen, vor-moralisch zu sein, so wie er, in Bezug auf die üblichen Sprechweisen, vor-sprachlich ist. Kunst, Kritik und Theorie zum Beispiel entstehen auch ohne Gedanken, durch Fleiß und Mechanik, ebenso aber auch durch das emphatische Gespür für die Erwartungen rundherum.

Aber eben das erkennen wir nur zu gut: gedankenlose Kunst, gedankenlose Kritik, gedankenlose Theorie. Das destruktive Potential darin ist enorm. Eine Welt mag ersticken an gedankenloser Kunst, gedankenloser Kritik, gedankenloser Theorie. Wir nennen es, zum Beispiel, Ideologie. Es denkt, wo ich denken sollte.

Die Gedanken sind frei, das sang sich so schön in unfreier Zeit. Nun aber scheint es geradezu ins Gegenteil gekippt: Alles mögliche ist frei in dieser Zeit, nur die Gedanken nicht.

Denn der Gedanke – im Gegensatz zu einem „Einfall“ (nichts gegen Einfälle!) – geht ja schon immer einen entscheidenden Schritt aus dem Inneren zur Welt. Der Gedanke macht etwas Verborgenes sichtbar, ohne dass er je etwas anderes sein kann, als ein Vorschlag, eine Fiktion in der symbolischen Ordnung anderer Fiktionen. Gedanken, das ist das Tröstliche in ihnen, können nicht anders als einen Sinn in der Welt sehen, auch wenn sie durchaus dabei ihre vollkommene Sinnlosigkeit mitdenken können. Denn das ist der Gedanke: Nicht, was es ist, sondern was man daraus machen kann. Oder was man darin sehen kann. Oder was man daraus hören kann. Oder was man darüber (und dadurch) sprechen kann.

Jeder Gedanke ist mithin „schöpferisch“, was eine durchaus zweischneidige Angelegenheit ist. Indem er der Welt etwas hinzufügt, entfernt er sich von ihrem Wesen. Die Schwärze der Gedanken: Sie sind Symptome der Entfremdung.

Von ihrer Anmaßung ganz zu schweigen. Gedanken tendieren nicht nur dazu, sich selber wichtiger zu nehmen, als das, was sie ausgelöst hat, sie heben es gelegentlich durchaus pietätfrei auf, tilgen ihr Andenken. Es ist indes eine Frage der Kunst, genau anders herum zu verfahren. Nämlich weder den Gedanken im Gedachten verbergen, noch im Gedanken das verschwinden zu lassen, was ihn ausgelöst hat.

... Was ist mit unserer geistigen Würde im Jahr 2015 los? Und was haben die unverdienten und ungerechtfertigten Privilegien einiger weniger Menschen damit zu tun? Man wird doch noch mal fragen dürfen. Thornton Wilder hat damals übrigens für die Kultur in einer Demokratie ein großes Ziel formuliert: „Der Mensch erhobenen Hauptes.”

Tja, das ist wohl nix geworden. Vielleicht, weil es dann eben doch „nur“ ein Gedanke war. Einer von denen, an die man von Zeit zu Zeit erinnern muss.



Aus: "Kleinigkeiten (41)"  Georg Seeßlen (21.03.2015)
Quelle: http://www.seesslen-blog.de/2015/03/21/kleinigkeiten-41/


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[Die Gewalt des Gedanklich-Realen... ]
« Reply #23 on: August 16, 2018, 04:53:49 PM »
Quote
[Joseph Joubert "Es steckt oft mehr Geist und Scharfsinn in einem Irrtum als in einer Entdeckung." - Gedanken, Versuche und Maximen]

// Roman Bucheli (5.7.2018): " ... Erst 1838, vierzehn Jahre nach Jouberts Tod, erlaubte dessen Witwe Chateaubriand, eine Auswahl der Fragmente für einen kleinen Kreis von Freunden herauszubringen. Weitere hundert Jahre dauerte es, bis 1938 erstmals Jouberts sämtliche Journale in einer Ausgabe erschienen, welche die Hinterlassenschaft authentisch abbildete und nicht nur eine thematisch sortierte Blütenlese präsentierte. Nun erst entdeckte man die Ausmasse dieser über Jahrzehnte geführten intimen Chronik. Rund 1300 eng bedruckte Seiten dokumentieren den Tumult des Denkens. ... Das Journal ist ihm nicht Rückzugsort, es bietet ihm den Resonanzraum, den er braucht für sein Abenteuer des Denkens: «Diese Gedanken, die uns plötzlich kommen und die noch nicht uns gehören.» ... Natürlich kann die Ausgabe diesem überwältigend disparaten Werk in keiner Weise gerecht werden. Und natürlich erscheint Joubert hier als Aphoristiker, der er nicht war. Trotzdem vermittelt die Auswahl eine Vorstellung von der unerschöpflichen, unerschrockenen Sprunghaftigkeit dieses Denkens, dem nichts fremd und nichts zu trivial ist, das sich an allem ausprobiert, was sich ihm entgegenstellt. Joubert glättet das Durcheinander nicht, weil das unordentliche Denken doch stets die Regel und die Ordnung nicht die Ausnahme, vielmehr meist nur schöner Schein ist. Die eine oder andere Sottise [Unsinn, Dummheit, Quatsch, Albernheit, Affront, Grobheit] blitzt dann auch in diesem somnambulen Chaos auf: «Voltaire hat Schlittschuhe. Er gleitet elegant über die Oberflächen. – Er sieht den Grund, stösst aber nicht zu ihm durch.» ...."

Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/die-grosse-kunst-kein-buch-zu-schreiben-aus-joseph-jouberts-notizen-ld.1400533