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Author Topic: [Autismus, Schizophrenie, Spaltungsirresein... ]  (Read 12155 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Autismus, Schizophrenie, Spaltungsirresein... ]
« on: September 02, 2006, 06:07:32 PM »

Quote
[...] Der Begriff Schizophrenie bedeutet frei übersetzt Spaltungsirresein.

[,,,] Der Name Schizophrenie bezeichnet [ ] eine Spaltung der psychischen Funktionen, eine mangelnde Einheit, eine Zersplitterung und Aufspaltung des Denkens, Fühlens und Wollens und des subjektiven Gefühls der Persönlichkeit, oft begleitet von inadäquater oder verflachter Affektivität (Gefühlslage). Nicht zur Schizophrenie gehört die oft in Filmen und Büchern dargestellte "multiple Persönlichkeitsstörung", bei der in einer Person je nach Situation unterschiedliche Persönlichkeiten, wie beispielsweise in der Geschichte von Dr. Jekyll und Mister Hyde, vorliegen. Die Diagnose „multiple Persönlichkeit“ oder „dissoziative Identitätsstörung“ ist in der neuen Literatur umstritten. Es wird diskutiert, ob es diese Form der Erkrankung so überhaupt gibt, einige Fallschilderungen haben sich nachträglich als Fälschung herausgestellt.

Die Schizophrenie hingegen führt zu Störungen und Veränderungen des Denkens, Fühlens, Handelns und des Ich-Erlebens. Vorher vertraute Dinge und Personen werden unheimlich. Diese Veränderungen flößen dem Betroffenen meist Angst ein, er zieht sich in der Folge aus Misstrauen mehr und mehr von anderen Menschen zurück. Selbst Menschen aus dem engsten familiären Umfeld werden oft als Feindbilder gesehen.

"Schizophrenie ist ein Kampf um Integration, der scheitert, weil die Kraft fehlt, die eigene Wahrheit in einer feindlichen Umwelt zu leben." - Arno Gruen - Der Wahnsinn der Normalität

[...] Als Erklärungsmodell zur Ätiologie der schizophrenen Psychosen geht man derzeit von einem multifaktoriellen Modell aus, bei dem genetisch-biologische und psychosoziale Ursachen in einem Wechselspiel eine Schizophrenie auslösen können. Als zentral wird eine Störung der Regulation der Informationsverarbeitung angesehen.



Bruchstueck aus: "Schizophrenie" (09/2006)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Schizophrenie#Definition


-.-

Quote
[...] Autismus (v. gr. αυτός „selbst“), von der Weltgesundheitsorganisation als eine tiefgreifende Entwicklungsstörung klassifiziert, wird als eine angeborene, unheilbare Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirnes beschrieben.

[...] Die Symptome und die individuellen Ausprägungen des Autismus sind sehr vielfältig, sie können von leichten Verhaltensproblemen an der Grenze zur Unauffälligkeit (z. B. als "Schüchternheit" verkannt) bis zur schweren geistigen Behinderung reichen.

Allen autistischen Krankheitsbildern sind Beeinträchtigungen des Sozialverhaltens gemeinsam (z. B. Schwierigkeiten, mit anderen Menschen zu sprechen, Gesagtes richtig zu interpretieren, Mimik und Körpersprache einzusetzen, eintönige Prosodie).

Kernsymptomatik bei allen autistischen Behinderungen ist meistens die Schwierigkeit, mit anderen Menschen zu kommunizieren (1. und 2. Diagnosekriterium). Alternativ werden stereotype oder ritualisierende Verhaltensweisen (3. Diagnosekriterium) bei allen autistischen Behinderungen als Kernsymptomatik erforscht. Autistische Menschen zeigen grundlegende Unterschiede in der Verarbeitung von Sinneseindrücken und in der Art von Wahrnehmung und Intelligenz. Die unterschiedliche Wahrnehmung wird auch als Kernsymptomatik des Autismus erforscht.

Das Ausmaß und die Auswirkungen dieser Probleme sowie die spezielle Form, in der sie sich zeigen, sind sehr unterschiedlich.

[...]  Begriffsbildung:

Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler hatte den Begriff Autismus 1911 geprägt. Er sah in ihm ein Grundsymptom der Schizophrenie - die Zurückgezogenheit in die innere Gedankenwelt des an ihr Erkrankten.

Leo Kanner (Lit.: Kanner 1943) und Hans Asperger (Lit.: Asperger 1938) nahmen den Begriff – unabhängig voneinander – auf und beschrieben ein Störungsbild eigener Art. Sie unterschieden von Menschen mit Schizophrenie, die sich aktiv in ihr Inneres zurückziehen, jene von Geburt an in einem Zustand der inneren Zurückgezogenheit Lebenden. Das verschob die Bedeutung des Begriffs „Autismus“.

Kanner fasste den Begriff „Autismus“ eng, was im Wesentlichen dem heute so genannten frühkindlichen Autismus entsprach: das erlangte internationale Anerkennung und wurde zur Grundlage der weiteren Autismusforschung. Die Veröffentlichungen Aspergers hingegen beschrieben „Autismus“ etwas anders und wurden zunächst international kaum rezipiert: zum einen wegen des Zweiten Weltkriegs, zum anderen, weil Asperger auf Deutsch publizierte und man seine Publikationen jahrzehntelang nicht ins Englische übersetzte. Hans Asperger selbst nannte das von ihm beschriebene Phaenomen "Autistische Psychopathie". Die englische Psychologin Lorna Wing (Lit.: Wing 1981) führte sie in den 1980er Jahren fort und fuehrte die Bezeichnung Asperger-Syndom ein. Erst in den 1990er Jahren erlangten die Forschungen Aspergers internationale Bekanntheit in Fachkreisen.


Aus: "Autismus" (04/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Autismus

« Last Edit: March 05, 2013, 11:15:05 AM by Textaris(txt*bot) »
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[Das Mitleid der Teilnahmslosen... ]
« Reply #1 on: September 19, 2006, 01:34:49 PM »

Quote
[...] Psychologen schreiben vermehrt über Gemeinsamkeiten zwischen Autisten und Psychopathen, die sie angeblich gefunden haben. J. Arturo Silva konstatiert „eine Assoziation zwischen der Psychopathologie des autistischen Spektrums und dem Verhalten von Serienmördern“. Pierre Flor-Henry schreibt: „Asperger-Syndrom und Psychopathie … teilen sich einige Charakteristika, insbesondere die völlige Abwesenheit jeglicher menschlicher Empathie.“

[...] In den 1980ern teilte man Empathie noch in zwei Bereiche: kognitive Empathie, nämlich die Fähigkeit, mental in die Haut eines anderen zu schlüpfen, und affektive Empathie, nämlich die emotionale Reaktion auf einen beobachteten Gemütszustand. Letzteres entspricht dem, was man unter Mitgefühl versteht.

„Die empathischen Kapazitäten beim Asperger-Syndrom sind zwar zunehmend in den Fokus der Forschung gerückt, doch niemand hat bisher versucht, zwischen diesen Punkten zu unterscheiden“, erklärt Kimberley Rogers. Die Untersuchungen konzentrierten sich fast ausschließlich auf den kognitiven Aspekt. Dabei gibt es seit über zwanzig Jahren ein Verfahren, das beide Komponenten mit 28 Fragen misst: den vom Sozialpsychologen Mark H. Davis entwickelten interpersonellen Reaktivitätsindex (IRI) .

[...] Im Center for Brain Health an der NYU beantworteten 21 Erwachsene mit Asperger-Syndrom diese Fragen. Ging es um die kognitive Empathie, schnitten sie tatsächlich schlechter ab als die 23 zum Vergleich herangezogenen „normalen“ Testpersonen. Bei den Fragen zur affektiven Empathie hingegen offenbarten sich keine Unterschiede. Im Gegenteil, emotionsgeladene Situationen versetzten Asperger-Probanden oft stärker in inneren Aufruhr als die psychisch unauffälligen Teilnehmer.

Allerdings hat der IRI eine große Schwäche: Ob die Testpersonen etwa „oft ein Gefühl der Sorge für Leute empfinden, die wenig Glück im Leben haben“, schätzen sie selbst auf einer Skala ein. Es besteht die Gefahr, dass sie so antworten, wie es ihnen sozial erwünscht scheint. Also entwickelten die Forscher ein Verfahren, das sich an konkreten Situationen orientiert, in denen Menschen üblicherweise empathisch reagieren. Die Probanden bekommen Fotos gezeigt, etwa ein weinendes Kind vor einem abgebrannten Haus. Zunächst sollen sie sagen, wie sich das Kind fühlt – es wird also die kognitive Empathie geprüft. Die passende Antwort lautet „elend, kläglich“, und die bekommen die Teilnehmer auch mitgeteilt, bevor es mit den Fragen zur affektiven Empathie weitergeht: Wie sehr wühlt Sie das Bild auf? Fühlen Sie sich selbst beim Betrachten elend?

17 Probanden mit Asperger-Syndrom durchliefen den Test und bestätigten, was sich zuvor angedeutet hatte: Mitgefühl und Anteilnahme waren bei ihnen ebenso ausgeprägt wie bei jedem anderen. Schwer fällt ihnen dagegen, zu erkennen, was in jemanden vor sich geht. Denn sie können die sozialen Zeichen, die unser Inneres nach außen tragen – also Gesten, Gesichtsausdruck, Tonfall – schlechter „lesen“. Dass Menschen mit autistischen Störungen oft teilnahmslos wirken, liegt also sehr wahrscheinlich daran. Mit Unfähigkeit zu Mitgefühl hat es nichts zu tun.

„Die längste Zeit wurde Autismus als Empathiestörung bezeichnet – in ebenso fälschlicher wie unverantwortlicher Weise“, kritisieren die New Yorker. „Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse dazu beitragen, Autisten den Platz im empathischen Spektrum zu geben, den sie verdienen.“ Der ist jedenfalls nicht auf der Seite von Psychopathen. Denn diese besitzen in der Regel eine sehr gute soziale Wahrnehmung. Zu erfassen, was in anderen vor sich geht, bereitet ihnen keinerlei Probleme. Charakteristisch ist vielmehr, dass sie diese Fähigkeit einsetzen, um ihre Opfer zu manipulieren. Psychopathen fehlt die affektive Empathie, sie empfinden also tatsächlich kein Mitleid.

Beim Asperger-Syndrom verhält es sich andersherum, wie die Wissenschaftler jetzt erstmals zeigten. Daraus ergeben sich auch Konsequenzen für den Umgang mit den Betroffenen. Denn sobald diese wissen, was andere denken und fühlen, können sie das auch nachempfinden. Man muss es ihnen nur sagen: „Mir geht es schlecht, ich brauche deine Hilfe“ – sein Innerstes so deutlich nach außen zu kehren ist in unserer Gesellschaft unüblich. Doch Autisten und Asperger-Patienten würden solch offene Worte im zwischenmenschlichen Bereich vieles erleichtern.


Aus: "Das Mitleid der Teilnahmslosen" Von Ulrich Kraft und Isabel Dziobek (HANDELSBLATT, Donnerstag, 31. August 2006)
Quelle: http://www.handelsblatt.com/news/Wissenschaft-Debatte/Naturwissenschaften/_pv/_p/301118/_t/ft/_b/1129076/default.aspx/das-mitleid-der-teilnahmslosen.html

« Last Edit: June 25, 2009, 12:08:09 PM by Textaris(txt*bot) »
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[Spaltungsirresein (txt* Fraktale)]
« Reply #2 on: October 01, 2006, 11:14:18 PM »

Spaltsäge für Längsschnitt; Spaltsägen; Spaltsparrendach; Spaltstück; Spalttiefe; Spaltung; Spaltungen; Spaltungsebene; spaltungsirre; Spaltungsirresein...

Spaltungsirre nach der Vereinigung

Joker schrieb zu Spaltungsirre: Doppelspalt schaltet den Schmerz ab. Schnell.

Der Begriff Schizophrenie bedeutet ,,spaltungsirre sein". Symptome dieser psychischen Störung sind Denkstörungen in Form von unzusammenhängendem Denken...

Ich würde da spaltungsirre werden. Aber besser man hat Probleme im göttlichen als im menschlichen Spaltungsirresein.

Der spaltungsirre Gründgens wird von zwei Tänzern gezeigt. Im Bild Roland Renner als der empfindsame, gern leidende Gustaf.

vorschlag ein freies gelände für spaltungsirre, anhänger von weltverschwörungstheorien
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[Paradoxe Informationsübermittlung... (Doppelbindungstheorie)]
« Reply #3 on: February 07, 2007, 04:31:00 PM »

Quote
>Ingredienzen einer Doppelbindungskonstellation
>>Das Paradoxon als notwendige Ingredienz
>>>Die notwendigen Ingredienzen

einer Doppelbindungsituation sind:

   1. Kommunikation
         1. Zwei oder mehr Personen, die miteinander kommunizieren
         2. Wiederholte Kommunikationserfahrungen (zum Etablieren bzw. Erlernen eines Reiz-Reaktions Musters)
   2. Ein primäres negatives Gebot, das
         1. durch Strafen oder Signale (Sanktionen) verstärkt wird, währenddessen die Einhaltung des Gebotes für das Überleben essentiell ist und
         2. mit dem sekundären Gebot auf einer abstrakten Ebene in Konflikt steht
   3. Ein sekundäres Gebot, das
         1. durch Strafen oder Signale (Sanktionen) verstärkt wird, währenddessen die Einhaltung des Gebotes für das Überleben essentiell ist und
         2. mit dem primären negativen Gebot auf einer abstrakten Ebene in Konflikt steht
   4. Ein tertiäres Gebot, das
         1. dem Opfer den Versuch der Metakommunikation über die Beziehung oder Kritik und Metakommunikation verbietet und
         2. es dem Opfer unmöglich erscheinen lässt, den Schauplatz zu verlassen bzw. ihm zu entfliehen

    * Schließlich ist die gesamte Menge von Ingredienzien nicht länger erforderlich, wenn das Opfer die Reiz-Reaktionsmuster hinreichend internalisiert hat (d. h. hinreichend konditioniert ist), sich die Reaktionsmuster somit einer bewussten Kontrolle und einer bewussten Selbstreflexion mehr oder weniger entzogen haben oder sich sogar im Zuge einer klassischen Konditionerung zunehmend generalisiert haben und das Opfer damit eine Selbsteuerungsmöglichkeit in dieser Hinsicht sukzessive verliert.

    * Der wichtigste Unterschied zwischen einer widersprüchlichen und einer paradoxen Handlungsvorschrift besteht darin, dass man im Fall der ersteren die Alter­nativen bewusst wahrnehmen und wählen kann und mit der Wahl einer Option aber die andere verliert und damit den Verlust bewusst auf sich nimmt. Dieses Ergebnis kann höchst unerfreulich sein, aber es bleibt eine logische Wahlmöglichkeit. Die paradoxe Handlungsvorschrift dagegen macht die Wahl (wegen der Unmöglichkeit der Erfüllung; z. B.: "Wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass" (= Metapher)) selbst unmöglich.

[...] Formale Darstellung:
        * Die Person muss sich an das Gebot oder Verbot X halten
        * Die Person muss sich an das Gebot oder Verbot Y halten
        * Y widerspricht X
        * Die Person darf weder X noch Y ignorieren
        * Jeder Kommentar bezüglich der Absurdität der Situation ist streng verboten
        * Ein Verlassen der Situation ist oder erscheint unmöglich

[...] Gedankenexperiment:
Das Problem der unmöglichen Anpassung kann sehr leicht anhand eines Gedankenexperiments visualisiert werden. Man stellt sich vor, man müsse eine Zeitbombe entschärfen. Der Timer der Bombe zeigt an, dass bis zur Detonation noch 30 Sekunden verbleiben. Die Bombe kann nur entschärft werden, wenn man entweder den blauen oder den roten Draht durchtrennt. Man befindet sich nun in einer klassischen Doppelbindungsituation: Verzweifelt sucht man nach Kriterien, die einen Hinweis darauf geben könnten, welcher Draht der Richtige ist. Die hochkomplexe elektronische Schaltung überfordert die eigenen kognitiven Fähigkeiten. Man muss aber die Logik der elektronischen Schaltung verstehen, um den harmlosen Draht identifizieren zu können.

Diese bekannte Klischeehandlung mag banal sein, aber sie zeigt dennoch klar und verständlich die psychologische Situation auf. Aus Spielfilmen dürfte auch die psychische Verfassung des Helden bekannt sein, der eine solche Situation meistern konnte, und dies obwohl sie nur einige Sekunden gedauert hat. Man kann sich also ungefähr vorstellen, in welchem Zustand sich das neuronale System eines Kindes befinden muss, das mehrere Jahre lang täglich solche Situationen durchzustehen hatte. Äußerlich mögen diese Kindheitssituationen unscheinbar sein, aber aus der Perspektive des Kindes werden sie erlebt, so wie der Held die Bombenentschärfung erlebt, und das ohne Ende.

[...] Situationsparadoxon:
Die paradoxe Situation ergibt sich nicht allein aus dem logischen Widerspruch auf der Inhaltsebene, sondern aus der Unvereinbarkeit von "Ich muss etwas tun" mit "Ich habe keine Information". Eine Anpassung setzt Spielregeln voraus, die sowohl bekannt als auch anwendbar sein müssen. Werden die Spielregeln zunehmend komplexer, so wird das Subjekt auch zunehmend mental gefordert. Eine gewisse Konsistenz der Spielregeln ist dazu erforderlich. Eine Anpassung ist nicht möglich, wenn die Spielregeln immer wieder verändert werden und sich sogar widersprechen. Wenn Spielregeln vorhanden sind, aber vom Subjekt nicht als solche identifiziert werden können, so ist dies gleichbedeutend mit einer chaotischen Situation. Eine unvorhersehbare, mental nicht simulierbare Situation verursacht, wenn sich vergleichbare Situationen als gefährlich erwiesen haben, meistens Angst. Siehe: Kontiguität

Es spielt keine Rolle, ob die Spielregeln wirklich paradox oder nur pseudoparadox sind. Das Kind geht davon aus, dass die Anforderungen, die von der Autoritätsperson gestellt werden, prinzipiell erfüllbar sind. Das ist so, weil das Kind an die Autorität glaubt und sie als moralischen Maßstab akzeptiert hat.

Möglicherweise ist ein Anspruch mathematisch logisch, aber physikalisch unmöglich. Vielleicht ist er physikalisch möglich, aber biologisch unmöglich. Vielleicht ist er biologisch möglich, aber für den Menschen unmöglich, oder für den Menschen möglich, aber nicht für einen Menschen im Kindesalter.

Es gibt also ein breites Feld an potentiellen Widersprüchen, die sich auf der Ebene der mathematischen Logik nicht wirklich widersprechen. Entscheidend ist nur die Unerfüllbarkeit durch das Kind, also die subjektive Wahrnehmung einer Überforderung im Bewusstsein des Kindes. Eine Aufgabe mag das Kind überfordern, solange aber für das Kind nicht die Notwendigkeit besteht, diese Aufgabe lösen zu müssen, kann das Kind die komplexe Situation mit einer gelassenen Neugier, also konfliktfrei, betrachten und daraus lernen.

[...] Verdeckt widerstreitende Interessen:
Ein Beispiel, dass auch von widerstreitenden Interessen, die innerhalb einer Gruppe vorliegen, pathogene (krankmachende) Wirkungen ausgehen können, führt John H. Weakland in seinem Artikel Double-Bind Hypothese und Dreier-Beziehung aus. Eine solche Negativwirkung hat widerstreitende Interessen; insbesondere dann, wenn der Konflikt auf einer bewussten Ebene als nicht vorhanden dargestellt, geleugnet wird oder versucht wird diesen nicht offenkundig werden zu lassen. Als Beispiel wird ein Ärzteteam benannt, das sich über die Behandlungsstrategie für eine Patientin in einem verdeckten Widerstreit befand. Aus dem Familienkontext wird ein Beispiel angeführt, in dem sich die Eltern eines Kindes in einem Konflikt miteinander befinden, diesen Konflikt aber gegenüber dem Kind (ggf. vorgeblich zum Wohle dessen) nicht offenkundig werden lassen wollen. Das Kind erlebt in einem solchen Fall, dass auf einer bewussten Ebene bestehende Harmonie dargestellt wird, auf einer unbewusste Ebene mag es aber eine Disharmonie wahrnehmen und diese gegensinningen Wahrnehmungen nicht in Einklang miteinander bringen.


[...] Paradoxe Informationsübermittlung:
Eine paradoxe Informationsübermittlung wird umgangssprachlich als Heuchelei bezeichnet. Dabei werden auf unterschiedlichen Ebenen der Kommunikation sich widersprechende Informationsinhalte übermittelt. Der auf der bewussten Ebene mitgeteilte Informationsanteil deckt sich nicht mit dem objektiv vorhandenen Sachverhalt. Falls dem Empfänger der Botschaft und der Kommunikationssignale der wahre Sachverhalt nicht bekannt ist, er den auf der vor- oder unbewussten Ebene (ggf. durch Körpersprache) kommunizierten Anteil aber bewusst oder unbewusst wahrnimmt, entsteht eine kognitive Dissonanz beim Empfänger, die ggf. mangels weiterer korrekter Sachinformationen nicht aufgelöst werden kann. Für den Fall, dass der Empfänger der Botschaft die auf der unbewussten Ebene kommunizierte Botschaft nicht wahrgenommen hat, entsteht hingegen mehr Irrtum und Täuschung über den wahren Sachverhalt.


Bruchstücke aus: "Doppelbindungstheorie" (02/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Double-bind
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[Das wechselseite Misslingen der Annäherung... (Autismus)]
« Reply #4 on: April 05, 2007, 02:10:17 PM »

Quote
[...] Vielleicht verweist uns gerade der Begriff „Autismus” wie kein anderer darauf, dass das
wechselseite Misslingen der Annäherung die Verhältnisse beschreibt, in deren Licht wir die
Verhaltensweisen des Anderen als autistisch bewerten. Als jene, die die Definitionsmacht haben,
delegieren wir unsere Anteile des Scheiterns am und mit dem anderen an diesen und vergegenständlichen
es in unserer Konstruktion seiner Behinderung, seines Autismus.

[...] Wir haben es also mit zwei Wirklichkeiten zu tun: Mit dem unabdingbaren Austausch des
Menschen mit seiner Welt und mit der internen Konstruktion seiner Wirklichkeit nach Maßgabe
dieses Austausches, die er mit seinen Mittel - seinem Gehirn und seiner Psyche - leistet. Sie sind
sowohl Produkt dieses Prozesses wie ein Werkzeug zur Bewältigung desselben!

[...] Wenn ein Mensch aufgrund hochgradiger interner Isolation (wie das bei Autismus der Fall
ist) und zusätzlich noch durch externe Bedingungen der Isolation ohne quantitativ und qualitativ
ausreichende Austauschprozesse bleibt, gerät er existenziell in einen Grenzbereich. Er muss die
entstehende informationelle und soziale Deprivation kompensieren, seine intrasystemische Eigen-
Zeit durch Rückgriff auf die eigene (rhythmisch strukturierte) Tätigkeit generieren, dadurch, dass
er sich selbst zum Objekt des Austausches macht, schaukelt, sich schlägt, schreit, um sich zu
hören. Das führt zu dissoziativen psychischen Zuständen und zur Entflechtung des Körperselbstbildes,
wie das schon deutlich durch die von RENÉ SPITZ (1963) beobachteten hospitalisierten
Säuglinge dokumentiert ist, die keine Bedingungen interner Isolation zu bewältigen hatten, sondern
von den für sie lebensnotwendigen Beziehungen und Bindungen, von ihren primären Bezugspersonen
getrennt worden waren.
Um die interne Ordnung seines Systems zumindest so weit wahren zu können, dass unter
extremen Bedingungen der Isolation ein Überleben möglich ist, muss die ordnende Zeit selbst
geschaffen werden - genial und in allen Lebenssituationen anwendbar - durch rhythmisch
strukturierte Bewegungen, die im System Information generieren, es triggern und dadurch
stabilisieren, was in positiven Emotionen resultiert. Das bedrohende Chaos wird gemindert und
dadurch Angst reduziert. Solches Handeln macht subjektiv „Sinn” und nur auf dessen Basis werden
dann die Bedeutungen konstituiert, die der betroffene Mensch seinen stereotypen, selbstverletzenden
oder aggressiven und destruktiven Handlungen und den Vorgängen in seiner Umwelt
zumisst, was verdeutlicht, weshalb an ihnen ohne Alternative so sehr festgehalten wird.



Aus: "Schwere Krisen bei Menschen mit Autismus-Syndrom" Von GEORG FEUSER (11/2004)
Quelle: http://www.feuser.uni-bremen.de/texte/Aut%20Kris.pdf

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[Ist es denkbar? (Spaltungsirresein)]
« Reply #5 on: October 24, 2010, 02:10:58 PM »

Quote
[...] Niggemeiers Frage: "Ist es denkbar, dass einer der wichtigsten Medienmanager Deutschlands über Monate in diesem Blog  unter einer Vielzahl wechselnder Pseudonyme eine dreistellige Zahl von teils irren Kommentaren abgibt, in denen er auf eigene Beiträge verweist, mich und seine Konkurrenz beschimpft, wüste Verschwörungstheorien strickt und seine verschiedenen Identitäten miteinander diskutieren lässt?"

...


Aus: "Blog-Affäre: Konstantin Neven DuMont "Konstantingate" - Verleger zieht sich zurück" (23.10.2010)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/medien/verlag-konstantin-neven-dumont-konstantingate-verleger-zieht-sich-nach-blog-affaere-zurueck-1.1015261

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[Diese Trennung... ]
« Reply #6 on: March 05, 2013, 11:32:04 AM »

Quote
[...] Marcel Malachowski: Warum pflegt die Gesellschaft nach wie vor ein derart schizophren-perverses Verhältnis zur Prostitution? [...] Im Kapitalismus verkaufen die meisten Menschen ihre Seele, Huren aber nur ihren Körper?

Juanita Rosina Henning: ... Bürgerliche Gesellschaften basieren nach wie vor auf der Kleinfamilie, auf der Institution der Ehe mit ihrer Einheit von Sexualität und Liebe. Als zentrale ökonomische Versorgungsinstitution für den nie auszuschließenden ökonomischen Notfall, für das Alter usw. ist sie die "Keimzelle der Gesellschaft". Demgegenüber setzt professionell betriebene Prostitution voraus, dass die Prostituierte zwischen Sexualität und Liebe trennt.
Diese "Trennung von Sexualität und Liebe" ist eine mit der Warenwirtschaft historisch entwickelte Kulturtechnik, die eine vom Zufall und der Gunst des Augenblicks losgelöste, jederzeit mögliche, nicht-reproduktive sexuelle Befriedigung gewährleistet. Im prostitutiven Verhältnis wird die gemeinhin als allgemein unterstellte Norm der Einheit von sexueller Befriedigung und sozialer Verpflichtung in beiderseitigem Einvernehmen aufgelöst. Weder der Frau, noch dem Mann erwachsen aus dem gewährten Akt sexueller Befriedigung irgendwelche Ansprüche oder Verpflichtungen dem anderen gegenüber. Anstatt als Bereicherung wird dieses Verhältnis jedoch als Bedrohung wahrgenommen. Der herrschenden politische Klasse erscheint ihr abschätziges Verhältnis zur Prostitution aber leider keineswegs "schizophren".

...


Aus: "Der Trend geht zur Wellness-Prostitution" Marcel Malachowski (05.03.2013)
Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/38/38601/1.html

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[Über die Generationen hinweg... ]
« Reply #7 on: March 21, 2013, 09:59:13 AM »

Quote
[...] Frauen, die in ihrer Kindheit körperlich, sexuell oder psychisch missbraucht wurden, bringen im späteren Leben eher ein Kind mit Autismus zur Welt als Frauen, die diese Erfahrung nicht machen mussten. Zu diesem Ergebnis kommt eine US-Untersuchung mit mehr als 50.000 Frauen. Bei schwerem Missbrauch sei das Risiko für ein autistisches Kindes im Vergleich zu Frauen ohne Missbrauchserfahrungen um mehr als 60 Prozent erhöht, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Jama Psychiatry".

Die Studie ist laut den Autoren die erste, die einen Zusammenhang zwischen den Missbrauchserfahrungen der Mutter in ihrer Kindheit und dem Risiko für Autismus ihrer Kinder untersucht hat. Sie habe einen "völlig neuen Risikofaktor für Autismus" identifiziert, sagte die Leiterin der Untersuchung Andrea Roberts von der Harvard School auf Public Health laut einer Mitteilung. "Weitere Untersuchungen sind notwendig, um zu verstehen, wie die Missbrauchserfahrungen der Frauen mit dem Autismus ihrer Kinder zusammenhängen."

Die Forscher vermuten, dass möglicherweise langfristige Auswirkungen des Missbrauchs auf das Immunsystem und die Stressresistenz der Frau das Risiko für ein autistisches Kind steigen lassen. Zu der genauen Ursachenkette seien aber weitere Forschungen notwendig. "Unsere Untersuchung legt nahe, dass die Auswirkungen von Missbrauch während der Kindheit über die Generationen hinweg reichen", sagte der an der Studie beteiligte Wissenschaftler Marc Weisskopf.

Für die Untersuchung werteten die Wissenschaftler die Daten von mehr als 50.000 Frauen aus, die an der sogenannten Nurses' Health Study II teilgenommen hatten. 52.498 waren Mütter von Kindern ohne Autismus, 451 hatten Kinder mit Autismus zur Welt gebracht. Neben dem Missbrauch analysierten die Wissenschaftler die Daten zu neun Faktoren rund um die Schwangerschaft - darunter Schwangerschaftsdiabetes, Rauchen und ein früher Geburtszeitpunkt -, bei denen in vorherigen Studien ein Zusammenhang mit einem erhöhten Autismusrisiko festgestellt wurde.

Laut den Ergebnissen haben Frauen, die in ihrer Kindheit Missbrauch erleben mussten, für fast alle der untersuchten Faktoren ein höheres Risiko als andere Frauen - Ausnahme war nur ein niedriges Geburtsgewicht des Kindes. Das alleine kann allerdings noch nicht erklären, warum die Frauen so viel häufiger Kinder mit Autismus zur Welt bringen. Zusammengenommen seien die Faktoren nur für einen kleinen Teil des Anstiegs der Wahrscheinlichkeit für ein autistisches Kind verantwortlich, schreiben die Forscher. Möglich sei allerdings, dass es noch andere Aspekte rund um die Schwangerschaft gebe, auf die sich die Missbrauchserfahrung auswirke und die dann wiederum einen Einfluss auf das Autismusrisiko des Kindes hatten. Als Beispiele nannten die Forscher den Konsum illegaler Drogen und eine schlechte Ernährung.

Die große Zahl der untersuchten Frauen ist eine Stärke der Studie, allerdings machten die Frauen selbst Aussagen über die Gesundheit ihres Kind und ihre Erfahrungen in der Kindheit. Solche Befragungen können, da sie nicht überprüft werden, zu Verzerrungen führen. Weitere Forschung sei erforderlich, um den Mechanismus hinter dem beobachteten Effekt zu ergründen und die Ergebnisse zu untermauern, schreiben die Wissenschaftler.

Allerdings appellieren sie schon jetzt an Ärzte, bei Patientinnen stärker darauf bedacht zu sein, die Autismus-Risikofaktoren in der Schwangerschaft möglichst einzugrenzen - vor allem bei Frauen, die in ihrer Kindheit Misshandlung erfahren mussten.


Aus: "Kindheitserfahrung: Missbrauch der Mutter kann Autismus-Risiko ihrer Kinder erhöhen" (21.03.2013)
Quelle: http://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/missbrauch-der-mutter-erhoeht-risiko-fuer-autismus-bei-kindern-a-890030.html

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lemonhorse

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[Autismus, Schizophrenie, Spaltungsirresein... ]
« Reply #8 on: January 09, 2020, 02:46:12 PM »

Quote
[...] Schon länger weiß man, dass genetische Veränderungen in der Entstehung vieler psychischer Störungen eine wichtige Rolle spielen. Wer bestimmte Gene geerbt hat, erkrankt später häufiger an einer Depression (Nature Genetics: Hyde et al., 2016) oder an Schizophrenie (Nature: Schizophrenia Working Group, 2014). Genanalysen können aber in den seltensten Fällen genau vorhersagen, ob jemand eine Angststörung entwickelt oder depressiv wird, denn die Umwelt – soziale und biologische Einflüsse – spielt eine mindestens ebenso große Rolle. So kann jemand, dessen Gene ihm ein hohes Risiko für eine psychische Störung bescheinigen, sein Leben lang davon verschont bleiben. Viel wichtiger als die Gensequenz könnte also sein, welche Gene aktiv sind, also abgelesen werden. Und genau danach suchten die Genetikerinnen und Genetiker um Daniel Geschwind in den Gehirnen der verstorbenen psychisch Kranken.

Deshalb analysierten sie nicht die DNA, auf der die Gene kodiert sind, sondern die RNA der Gehirnzellen. RNA-Moleküle sind kleine Kopien der DNA. Wenn ein Gen besonders aktiv ist, entstehen besonders viele RNA-Kopien. Genutzt wird die RNA in den Zellen, um Proteine herzustellen. Der Vorgang – vom Gen mit seiner DNA über die RNA bis zum Protein – heißt Genexpression. Die Proteine, die bei der Genexpression entstehen, legen fest, wie sich eine Zelle verhält. Die Zusammensetzung der Proteine entscheidet mit darüber, was etwa in Herz, Leber, Niere oder eben dem Gehirn passiert.

Nachdem die Forscher die RNA analysiert hatten, verglichen sie diese zwischen Gesunden und psychisch Kranken. Und tatsächlich fanden die Forscherinnen und Forscher, dass die Genexpression unter den meisten psychischen Erkrankungen deutlich anders war als bei Gesunden: Verschiedene Gene, die bei Gesunden aktiv waren, traten bei den Kranken kaum zum Vorschein, und Gene, die bei den verschiedenen Erkrankungen wie wild in Proteine umgesetzt wurden, blieben bei Gesunden stumm.

"Die Ergebnisse liefern uns molekulare, pathologische Signaturen der Erkrankungen – was ein großer Schritt nach vorne ist", sagt Daniel Geschwind, Hauptautor der Studie. Und noch etwas fand die Studie heraus: Bei Patienten, die an Autismus, Schizophrenie oder einer manisch-depressiven Störung litten, war die Signatur sehr ähnlich. Und auch bei Patienten mit Schizophrenie, manisch-depressiven Störungen und Depressionen gab es große Überschneidungen.

Etwas, was sich mit klinischen Beobachtungen deckt, wie Dan Rujescu erklärt, Professor für Psychiatrie am Uniklinikum Halle (Saale) und Experte für die Genetik psychiatrischer Erkrankungen: "Auch wenn es große Unterschiede zwischen den Erkrankungen gibt, sehen wir öfter Patienten, die Mischbilder zeigen, zum Beispiel zwischen Schizophrenie und manisch-depressiven Störungen. Genau das spiegelt sich in den Ergebnissen der Studie wider."

Den verschiedenen psychischen Erkrankungen aber lag nicht der gleiche molekulare Fingerabdruck zugrunde. Im Gegenteil: Die US-Forscher fanden auch deutliche Unterschiede. Bei Depressionspatienten wurden Gene abgelesen, die die Hypothalamus-Hypophysen-Achse, einer der zentralen Hormonkreisläufe des Körpers, durcheinanderbrachten. Und bei Autismus-Patienten waren Gene aktiv, die die Funktion der Mikroglia, Immunzellen im Stützgewebe des Gehirns, regulieren.

Die Ergebnisse, sagt Geschwind, "bieten eine Grundlage für das Verständnis über die Mechanismen hinter den Krankheiten. Das könnte helfen, Therapien zu entwickeln, die genau darauf abzielen".


Aus: "Schizophrenie, Depression, Autismus – alles das Gleiche?"  Linda Fischer und Jakob Simmank (8. Februar 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2018-02/neurologie-gehirn-gen-forschung-psychische-stoerungen

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[Autismus, Schizophrenie, Spaltungsirresein... ]
« Reply #9 on: January 09, 2020, 02:58:50 PM »

Quote
[...] Weg mit dem Etikett »Schizophrenie«! Dafür plädiert Jim van Os, einer der bekanntesten Psychiater in den Niederlanden. Ihm zufolge stehen die Krankheitskategorien im DSM-5, dem diagnostischen und statistischen Manual psychischer Störungen, auf wackligen Beinen.

... Jeder Mensch neigt in einem gewissen Maß zu Psychosen, der eine mehr, der andere weniger. 3,5 Prozent der Menschen leiden darunter; dann kann man von einem Psychose-Spektrum-Syndrom sprechen. Als Mitglied der Arbeitsgruppe Psychosen für das DSM-5 fand ich, dass die Experten der Autismus-Arbeitsgruppe zu einem interessanten Schluss gekommen waren: All die verschiedenen Autismusdiagnosen – Asperger und dergleichen – führen zu nichts. Aus wissenschaftlicher Sicht überschneiden sie sich, haben dieselben Ursachen und sind in Verlauf und Symptomen nicht voneinander zu unterscheiden. Mit anderen Worten: Es gibt keine klaren Grenzen. Warum sagt man dann nicht einfach, dass es ein Spektrum ist? Daher der Begriff Autismus-Spektrum-Störungen oder ASS. Auch bei den Psychosen wissen wir seit Langem, dass es sich um ein breites Spektrum mit vielen Erscheinungsformen handelt, die von genetischen, sozialen und Umweltfaktoren abhängen. Doch weil Psychiater alle Psychosen als Schizophrenie ansehen, konzentrieren sich rund 90 Prozent der wissenschaftlichen Studien einzig darauf. In der renommierten Fachzeitschrift »Science« beschreiben amerikanische Wissenschaftler Schizophrenie als eine »verheerende genetische Hirnerkrankung«. Man leide darunter für den Rest des Lebens. Das ist ziemlich fatalistisch und überdies wissenschaftlich falsch. Denn wir wissen aus vielen genetischen Studien, dass Tausende von Genvarianten zum Risiko einer Psychose und Schizophrenie beitragen. Einige Menschen haben ein sehr hohes erblich bedingtes Risiko, sind aber nicht behandlungsbedürftig oder haben nur eine sehr leichte Form. Sie nehmen zum Beispiel seltsame Dinge wahr. Doch das passiert ab und zu jedem. Wenn man Stimmen hört, ist das kein Grund zur Panik. Es ist eine sehr menschliche Erfahrung.

In Japan, Südkorea und Hongkong haben Scham und Stigmatisierung eine viel größere Bedeutung. Der Begriff Schizophrenie verweist auf einen gespaltenen Geist. In Japan war die Diagnose Schizophrenie zu einem verkappten Auftrag zum Selbstmord geworden. Implizit bedeutete die Diagnose für die Betroffenen, dass sie nicht mehr willkommen waren und von ihnen erwartet wurde, dass sie sich das Leben nehmen. Schließlich wurde der Begriff auf Druck des Gesundheitsministeriums geändert: Sie haben ein Syndrom daraus gemacht, das eine Anfälligkeit für Psychosen ausdrückt. Das mindert die Hoffnungslosigkeit der Betroffenen und mit der Diagnose verbundene Selbstmordgedanken.

Die Biopsychiatrie in den USA hat in allen möglichen Studien nach Zusammenhängen zwischen Hirnphysiologie und dem Auftreten einer Schizophrenie gesucht. Was ist dabei herausgekommen? Nichts. Zumindest nichts Relevantes. Die Patienten, die im Hirnscanner untersucht wurden, lebten isoliert, sie rauchten, ernährten sich ungesund, waren übergewichtig und hatten keinen Job. Man stellte fest, dass sie ein um zwei bis drei Prozent kleineres Hirnvolumen hatten. Was für eine Erkenntnis! Interessant war der Befund, dass ihre Eltern, Brüder und Schwestern womöglich ebenfalls ein etwas kleineres Gehirn als der Durchschnitt haben. Aber die Familienmitglieder teilen auch belastende Umweltfaktoren wie Traumata und Vernachlässigung. Es wurden also einige biologische und genetische Merkmale gefunden, doch daraus kann man nicht schließen, dass es sich um eine Hirnerkrankung handelt.

In der Heilkunde bedeutet ein Syndrom so viel wie: Man weiß es nicht so genau. Es handelt sich um eine Gruppe von Symptomen und Erscheinungsformen, die Dutzende verschiedene Erkrankungen umfassen können. Jeder bekommt innerhalb dieses Syndroms eine persönliche Diagnose, je nach Beschwerdebild. Es kann sich von Patient zu Patient stark unterscheiden. Deshalb ist es sinnvoll, alle Arten von psychotischen Störungen zu einem Syndrom zu bündeln, sie zu erfassen, zu ordnen und weiter zu untersuchen. Eigentlich sind alle psychologischen Leiden eng miteinander verwandt. In der Genetik kann man das sehr gut erkennen. Die Merkmale einer Schizophrenie überschneiden sich mit denen von ADHS, Depression und Autismus. Der umfassende Begriff eines Syndroms fängt das sehr gut auf. Es bildet den Ausgangspunkt für die Forschung, zum Beispiel, um innerhalb des Syndroms Untergruppen zu entdecken. ...

... Die Forschung in der Psychiatrie konzentriert sich auf das physikalisch Messbare, das Geistige zählt nicht dazu. Doch werden Beschwerden auf ebendieser Ebene erfahren. Was genau ist dieser immaterielle Geist? Wenn du herausfinden willst, wie sich die materielle zur immateriellem Welt verhält, ist es am besten, den Geist als eine emergente Eigenschaft zu beschreiben (die Eigenschaft eines komplexen Systems, über das dessen einzelne Teile nicht verfügen – die Redaktion). Gibt es einen freien Willen oder nicht? Das ist eine Frage, die Philosophen und andere Wissenschaftler heiß diskutieren. Im immateriellen Geist sind eine Menge Dinge miteinander verbunden, wobei das eine Gefühl zum anderen führen kann. Das Gleiche gilt für die Gedanken. Das Immaterielle verursacht etwas anderes Immaterielles. Leider wird diese Betrachtungsweise in der Forschung kaum ernst genommen.

...


Aus: "»Schizophrenie gibt es nicht«" Wim Swinnen (13.11.2019)
Quelle: https://www.spektrum.de/news/schizophrenie-gibt-es-nicht/1682902
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