Author Topic: [Freiheit... (Notizen)]  (Read 3159 times)

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[Freiheit... (Notizen)]
« on: August 23, 2006, 02:08:46 PM »
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Kasus          Singular               Plural
Nominativ        die Freiheit       die Freiheiten
Genitiv          der Freiheit      der Freiheiten
Dativ               der Freiheit       den Freiheiten
Akkusativ        die Freiheit       die Freiheiten


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[...] Freiheit wird in der Regel verstanden als die individuelle Möglichkeit, ohne Zwang zwischen verschiedenen Handlungsmöglichkeiten auswählen und entscheiden zu können. Der Begriff benennt allgemein einen Zustand der Autonomie eines handelnden Subjekts.

[...] Die Definition der Freiheit nach „negativer“ und „positiver“ Freiheit geht zurück auf Immanuel Kant. Isaiah Berlin stellt in Two Concepts of Liberty[2] (1958) diese beiden Formen von Freiheit folgendermaßen gegenüber:

Negative Freiheit (Freiheit von) bezeichnet einen Zustand, in dem keine von anderen Menschen ausgehenden Zwänge ein Verhalten erschweren oder verhindern.
Positive Freiheit (Freiheit zu) bezeichnet einen Zustand, in dem die Möglichkeit der passiven Freiheit auch tatsächlich genutzt werden kann oder nach noch weitergehender Auffassung einen Zustand, in dem die Möglichkeit tatsächlich genutzt wird.

Negative Freiheit kann z. B. bedeuten, dass jemand seine Meinung äußern darf, ohne dass er hiervon von anderen z. B. durch Zensur gehindert würde. Positive Freiheit würde in diesem Beispiel bedeuten, dass auch die Kommunikationsmittel und der Zugang zu den Medien zur Verfügung steht oder nach weitergehender Auffassung, dass die jeweilige Meinung auch tatsächlich geäußert wird.

Den klassischen philosophischen Gesellschaftstheorien liegt die Idee der negativen Freiheit zugrunde. Positive Freiheit hingegen wird auch unter dem Begriff der Freiheitsgrade diskutiert. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass grundsätzlich bestehende Freiheit in der Form der negativen Freiheit graduell sehr unterschiedliche Wirkungen haben kann, je nachdem welche tatsächlichen Optionen z. B. in Form materieller Voraussetzungen zur Verfügung stehen.

Weitere Unterscheidungen:

    * individuelle Freiheit, z. B. der Freiheit, die eigene Meinung zu äußern, und kollektive Freiheit, z. B. der Freiheit eines Landes von einer Besatzungsmacht.

    * innere Freiheit und äußere Freiheit. Während äußere Freiheit eine soziale Größe ist und z. B. rechtliche, soziale und politische Umstände umfasst, beschreibt innere Freiheit einen Zustand, in dem der Mensch seine eigenen, „inneren“ ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten und Anlagen nutzt und sich dabei auch von inneren Zwängen wie z.B. Trieben, Erwartungen, Gewohnheiten, Rollenmustern, Konventionen, Moralvorstellungen u. ä. befreit und sie stattdessen durch rationale Wahl ersetzt (Souveränität). Als Schlüssel zur inneren Freiheit werden heute vor allem Erziehung und Bildung verstanden.

[...] Der Freiheitsbegriff, der dem heutigen Verständnis zugrunde liegt, wurde im Zeitalter der Aufklärung entwickelt.

John Locke postulierte Leben, Freiheit und Eigentum als unveräußerliche Rechte des Bürgers. In Two Treatises of Government (1690) erklärt er den Naturzustand für den Zustand vollkommener Freiheit, innerhalb der Grenzen des Naturgesetzes seine Handlungen zu lenken und über seinen Besitz und seine Person zu verfügen, wie es einem am besten scheint – ohne jemandes Erlaubnis einzuholen und ohne von dem Willen eines anderen abhängig zu sein.

Der Franzose Voltaire prägte mit seinem Ausspruch "Ich bin nicht Eurer Meinung, aber ich werde darum kämpfen, dass Ihr Euch ausdrücken könnt." das Prinzip der Meinungsfreiheit.

[...] Immanuel Kant formulierte: "Niemand kann mich zwingen, auf seine Art (wie er sich das Wohlsein anderer Menschen denkt) glücklich zu sein, sondern ein jeder darf seine Glückseligkeit auf dem Wege suchen, welcher ihm selbst gut dünkt, wenn er nur der Freiheit Anderer, einem gleichem Zwecke nachzustreben, die mit der Freiheit von jedermann nach einem möglichen allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann, (d.i. diesem Rechte des Andern) nicht Abbruch tut." Nach dem kantschen Freiheitsbegriff ist Freiheit nur durch Vernunft möglich. Ohne Vernunft folgt der Mensch einem Tier gleich seinen Trieben. Kraft der Vernunft aber ist der Mensch in der Lage, das Gute zu erkennen und sein eigenes Verhalten dementsprechend pflichtgemäß auszurichten (siehe: kategorischer Imperativ). Da nach Kant nur der sich bewusst pflichtgemäß, also moralisch verhaltende Mensch frei ist, sind "freies Handeln" und "moralisches Handeln" bei Kant ebenso Synonyme wie der Freie Wille und der gute Wille.

In seiner bekanntesten Schrift „On Liberty“ (dt: „Über die Freiheit“) setzt der britische Philosoph und Nationalökonom John Stuart Mill das Limit „[…] dass der einzige Grund, aus dem die Menschheit, einzeln oder vereint, sich in die Handlungsfreiheit eines ihrer Mitglieder einzumischen befugt ist: sich selbst zu schützen. Dass der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gesellschaft rechtmäßig ausüben darf: die Schädigung anderer zu verhüten.“ Das Mill-Limit gilt noch heute, besonders in angloamerikanischen Ländern, als Grundlage des Liberalismus.

Die Aufklärung beinhaltet einen intellektuellen Aspekt, nämlich die Befreiung von hergekommenen Dogmen und Vorurteilen. Laut Kant bedeutet dies den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Der politische Aspekt verlangt die Befreiung der Menschen aus der vormodernen Gesellschaftsstruktur. Er zielt vor allem ab auf eine Trennung von Staat und Kirche, eine Begrenzung des Staates durch Grundrechte, eine Kontrolle der Staatsgewalt durch Gewaltenteilung und die Ablösung der Legitimierung der Staatsgewalt durch das Gottesgnadentum durch eine Rückbindung an die Interessen der einzelnen Menschen letztlich durch Demokratie.

[...] Wenn wirtschaftliche Freiheit das einer Wirtschaftsordnung zugrundeliegende Prinzip ist, wird jene als freie Marktwirtschaft bezeichnet. In einer Marktwirtschaft treffen Angebot und Nachfrage grundsätzlich ohne staatliche Lenkung "frei" aufeinander. Als regulierendes Element für die Entwicklung von Angebot und Nachfrage wirkt der Preis, welcher sich seinerseits entsprechend dem bestehenden Angebot und der bestehenden Nachfrage bildet. Merkmale der freien Marktwirtschaft sind Privateigentum, Vertragsfreiheit, Gewerbefreiheit, Konsumentenfreiheit, freie Berufswahl, freier Marktzugang und freier Wettbewerb. Einschränkungen der Freiheit zugunsten anderer Werte werden in der sozialen Marktwirtschaft und der ökologischen Marktwirtschaft vorgenommen.

[...] In der Gegenwart genießen Bürger besonders in den westlichen Gesellschaften ein verfassungsmäßig garantiertes hohes Maß an Freiheit (vgl. auch Bürgerrechte, Menschenrechte, Allgemeine Handlungsfreiheit). Wie das Individuum dabei selbst seine Realität erlebt, welchen Bestrebungen nach Selbstverwirklichung, Selbstverwaltung oder Eigenverantwortung es folgen kann, und an welche Grenzen es stößt, ist individuell verschieden: Einige Arten des riskanten Auslebens der Freiheit werden von der Gesellschaft eher sanktioniert als andere (Beispiel: Drogen, verglichen mit gefährlichen Sportarten oder riskantem anderweitigem Verhalten).

Persönlichkeitsrechte garantieren die Freiheit der Menschen vor Eingriffen in ihren Lebensbereich. Dazu gehören das Recht auf körperliche Unversehtheit, die Freiheit der Person, d.h. das Recht sich frei zu bewegen, das Recht auf Privatsphäre sowie das Recht auf Informationelle Selbstbestimmung, d.h. das Recht über seine personenbezogenen Daten zu bestimmen (Datenschutz-Grundrecht).

Die Meinungsfreiheit (Redefreiheit) ist das Recht eines jeden Menschen zur Äußerung und Verbreitung seiner Ansichten.

Ebenfalls gilt das Recht auf Anerkennung des Individuums, des Respekts (im Gegensatz zur Toleranz gilt der Respekt der Ganzheitlichkeit des Wesens) als auch dem verankerten, grundlegenden Recht auf Unversehrtheit des Lebens und Seins.

Vertragsfreiheit ist als Ausfluss der Privatautonomie das Recht eines jeden, seine Rechtsbeziehungen zu anderen nach eigenem Ermessen vertraglich zu regeln.

Rezipientenfreiheit, auch Informationsfreiheit, ist das Recht, sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu informieren.

Die Begriffe Pressefreiheit und Rundfunkfreiheit bezeichnen das Recht der Medien auf freie Ausübung ihrer Tätigkeit, vor allem das unzensierte Veröffentlichen von Informationen und Meinungen.

Die Religionsfreiheit bezeichnet das Recht, seine Religion auszuüben, oder auch seine religiöse Überzeugung zu wechseln. Nach liberalem Verständnis findet die Freiheit der Religionsausübung ihre Grenze dort, wo die Freiheit anderer eingeschränkt wird, beispielsweise kann das Aufhängen von Kreuzen in der Schule von Nichtchristen so empfunden werden.

[...] Im Totalitarismus (z.B Faschismus, Nationalsozialismus, Stalinismus) hat sich das Individuum dem Volksganzen bzw. dem Willen des „Führers“ unterzuordnen.



Aus: "Freiheit" (10/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Freiheit

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[...] Die Bezeichnung freier Wille oder Willensfreiheit hat keine allgemeingültige Definition. Verschiedene Philosophen definieren diesen Begriff völlig unterschiedlich, umgangssprachlich versteht man etwas anderes darunter als im juristischen oder psychologischen Sprachgebrauch. Der zentrale Streitpunkt zwischen den verschiedenen Freiheitskonzepten ist die Frage, wovon der Wille eines Menschen frei zu sein hat, damit von einem freien Willen gesprochen werden kann.

[...] Harte Deterministen halten den Determinismus für wahr aber als nicht vereinbar mit der Vorstellung eines freien Willens und verwerfen daher auch das Konzept der moralischen Verantwortlichkeit.

Kompatibilisten halten den Determinismus ebenfalls für wahr und sind jedoch der Meinung, dass er mit einem freien Willen vereinbar ist. Lob und Tadel beeinflusst die Willensbildung und ist daher der Bildung des gewünschten (moralischen) Verhalten dienlich.

Libertarier halten den Determinismus für falsch, sehen den Willen stattdessen als frei und unvorherbestimmt an und halten somit auch an der moralischer Verantwortlichkeit fest.

[...]

„Ich lache eures freien Willens und auch eures unfreien: Wahn ist mir das, was ihr Willen heißt, es giebt keinen Willen.“

    – Friedrich Nietzsche: Nachlass, Sommer 1883, 13 [1-36], Zarathustras heilige Gelächter

    „Nehmen wir an, Sie hätten einen freien Willen. Es wäre ein Wille, der von nichts abhinge: ein vollständig losgelöster, von allen ursächlichen Zusammenhängen freier Wille. Ein solcher Wille wäre ein aberwitziger, abstruser Wille. Seine Losgelöstheit nämlich würde bedeuten, dass er unabhängig wäre von ihrem Körper, ihrem Charakter, ihren Gedanken und Empfindungen, ihren Phantasien und Erinnerungen. Es wäre, mit anderen Worten, ein Wille ohne Zusammenhang mit all dem, was Sie zu einer bestimmten Person macht. In einem substantiellen Sinn des Wortes wäre er deshalb gar nicht Ihr Wille.“

    – Peter Bieri: „Freiheit und Zufall“



Aus: "Freier Wille" (10/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Freier_Wille

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[...] Das Handeln einer Person gilt als frei, wenn es Ihr möglich ist, das zu tun, was sie will, also ihrer Natur, Interessen und Motiven zu folgen. Wenn durch äußere oder innere Umstände die gewollten Handlungen nicht durchgeführt werden können, ist die Handlungsfreiheit eingeschränkt.

    * Eine innere Einschränkung ist z.B. eine Querschnittslähmung, welche die gewollte Aktion "Treppen steigen" unmöglich macht. Auf ähnliche Weise schränken psychische Erkrankungen wie Phobien oder Zwangshandlungen diese Freiheit ein.
    * Das Verbüßen einer Gefängnisstrafe ist ein Beispiel für äußere Einschränkungen, weil sie den Gefangenen daran hindert, spazieren zu gehen, selbst wenn er das will.



Aus: "Handlungsfreiheit" (10/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Handlungsfreiheit

« Last Edit: August 04, 2009, 10:42:23 AM by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

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[„Alle Sklaven sind sklavisch“...]
« Reply #1 on: December 17, 2006, 03:08:00 PM »
Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit!
 
(Marie von Ebner-Eschenbach)


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[...]  Sklaverei, lateinisch servitudo, heißt: abhängig sein von der Willkür eines anderen, dessen Macht über uns wir nicht zugestimmt haben. Freiheit, so verstanden, ist keine Eigenschaft von Handlungen, sondern das Merkmal eines politischen Zustands.


Und in diesem Sinne sind die heutigen Engländer Unfreie, Sklaven?


Ja, natürlich. Wir werden von einer Exekutive regiert, der wir nicht zugestimmt haben. Wir haben zwar die Abgeordneten ins Parlament hineingewählt, aber das Parlament hat in ganz entscheidenden Fragen überhaupt nichts zu melden. In der Entscheidung über Krieg und Frieden, wie beispielsweise in der Frage des Irak-Krieges, gibt es in Großbritannien eine königliche Prerogative, ein Vorrecht, das vom Premierminister im Namen der Krone ausgeübt wird: vom römischen Recht her betrachtet, ein klarer Fall von Sklaverei. Außerdem folgen die Abgeordneten der Parteidisziplin, obwohl wir sie als Abgeordnete und nicht als Funktionäre von Parteien gewählt haben.

Dann sind die Deutschen auch Sklaven. Wir haben zwar keine Monarchie ...

. . . seien Sie bloß froh . . .

... doch Fraktionszwang gibt es bei uns auch und Verwaltungen, die wir nicht gewählt haben, sowieso. Aber geht das überhaupt anders? Ist Sklaverei in diesem Sinne nicht einfach das Schicksal des modernen Menschen? Oder wie würden Sie denn einen Staat organisieren, wenn Sie dauernd die Leute nach ihrer Zustimmung fragen müßten?

Ah, das Argument von Rousseau! Frei sein kann man nur in Genf, nur in kleinen Stadtstaaten, in denen einander alle kennen und fast alle mitreden können. Oder das Argument von Benjamin Constant: Die antike, die politische Freiheit ist für moderne Menschen unerreichbar. Doch das stimmt nicht ganz. Die Amerikaner zum Beispiel werden nicht von Leuten regiert, die sie nicht gewählt haben. Oder die Schweizer. Auch der deutsche Föderalismus mit seinen Möglichkeiten lokaler Politik ist eine gute Sache ...

... na, ja, aus der Ferne ...

. . . aber wir in England, wir haben nicht einmal eine Verfassung, wir haben ein Oberhaus, wir haben königliche Vorrechte - wir sind Sklaven.

Ist es denn schlimm, ein Sklave zu sein? Gewiß, es klingt nicht großartig, aber muß man - fast hätte ich gesagt: bei vollem Lohnausgleich - darunter leiden?

Von Tacitus gibt es das Wort „Alle Sklaven sind sklavisch“. Damit wollte er sagen: Wenn man immer aus den Augenwinkeln heraus darauf schauen muß, wie der Herr das findet, was man gerade macht, verändert das den Charakter. Man landet bei Selbstzensur. Für mich ist das einer der wichtigsten Gesichtspunkte der Sklaverei. Denken Sie an die Medien, die sich in Rußland und vielleicht auch irgendwann hier fragen, wie Herr Putin dies und jenes findet. Oder bei uns, wenn man überlegt, ob „der Islam“ mit einer Karikatur oder einem Text einverstanden ist. Genau das meine ich mit politischem Sklaventum. Man ist sich in einer Sache unsicher und entscheidet sich für den ungefährlichen Weg. „Man kann ja nie wissen“ - darin steckt schon die sklavische Vorsicht. Und irgendwann redet man sich dann sogar Gefahren ein, die gar nicht da sind, oder einen drohenden Herrn, den es gar nicht gibt, nur um den gemütlichen, sklavischen Weg weitergehen zu können.

Das ist die Welt von Thomas Hobbes, dem Staatsphilosophen aus dem siebzehnten Jahrhundert, über den Sie alles wissen und dem Sie in allem widersprechen.

Hobbes hatte ein Argument: Die Leute, sagt er, wollen in Ruhe gelassen werden, sie wollen sich um ihre privaten Dinge kümmern. Eigentlich interessieren sie sich nicht für Politik. Sie wollen nicht politisch sein, und man soll es sich auch gar nicht wünschen. Denn wenn alle politisch mitreden wollen, dann ist das der Bürgerkrieg. Also ist es für den Frieden gut, wenn es Herrscher gibt, die das Regieren für die anderen übernehmen. Alles andere, meint Hobbes, funktioniert nicht.

Und? Funktioniert Freiheit doch?

Die freien Republiken existieren zum Beweis, daß die Anhänger von Hobbes einen Fehler machen. Aber es stimmt schon: Es ist mühselig, und der Preis der Freiheit ist die Wachsamkeit. Die Römer sprachen von Tugenden, die man haben müsse, um die Freiheit zu sichern. Nehmen Sie die Abgeordneten. Sie werden gewählt, um uns zu repräsentieren. Das Volk soll sich wiederfinden in der Politik. Aber das heißt nicht, daß die Abgeordneten vor jeder Entscheidung alle, von denen sie gewählt worden sind, fragen sollen, was sie denn nun gern hätten. Wir geben ihnen unsere Stimme, weil wir darauf vertrauen, daß sie das Gemeinwohl im Blick haben. Und das setzt sowohl bei uns wie bei den Abgeordneten Tugenden voraus. Zum Beispiel die Tugend, der Korruption widerstehen zu können oder nicht an ihrem Amt zu kleben und deswegen erpreßbar zu sein. Und bei uns die Tugend, Entscheidungen zu bejahen, auch wenn sie gegen unsere Wünsche fallen.

Sollen wir uns darauf wirklich verlassen? Was hielt denn Hobbes von den Tugenden?

Als politischen Kräften? Gar nichts. Das war für ihn alles nur Gerede. Die Demokratie war für ihn überhaupt vor allem Gerede, eine rhetorische Veranstaltung. Denn es geht in ihr ja darum, die Zustimmung der Leute zu bekommen. Also treten Redner auf. Wir haben in den romanisch beeinflußten Sprachen ein Wortspiel dafür, ich weiß nicht, ob das auch im Deutschen geht: „to chant“ und „to enchant“, singen und verzaubern, verhexen. Für Hobbes war die Politik in der Demokratie eine Bühne, auf der es nur darum geht, den Leuten mit schönen Worten den Kopf zu verdrehen. Statt dessen, meinte er, sollte Politik die Sache von ein paar vernünftigen Experten bleiben.

Insofern haben wir jetzt beides: Das schöne Gerede vor den Kameras und die Verwaltung durch Experten. Politik wäre dann, in Ihrem Wortspiel, zu großen Anteilen einfach das Absingen öffentlicher Lieder, um fremdverwaltete Sklaven einzulullen?

Es schließt sich das jedenfalls nicht aus, was Hobbes wollte, Herrschaft durch Autoritäten, und das, was er für verderblich hielt: die Rhetorik, die er verachtete, obwohl er selbst ein großer Rhetoriker war. Und es schließt sich leider auch nicht aus, daß wir uns für frei halten, aber unfrei sind.

Was bleibt dann aber dem freiheitsliebenden Bürger noch übrig?

Mißtrauen. Zum Beispiel gegen die Unterscheidung von „bloßer Rhetorik“ und „Argumenten in der Sache“ - denn das ist selbst eine rhetorische Formel. Mißtrauen aber auch gegen Politiker. „Put not thy trust in princes“ steht in den Psalmen. Aber andererseits müssen wir ihnen ja trauen. Also bleibt uns nur, ihnen keine Blankovollmachten zu geben. Und keine nichtgewählten politischen Entscheider als Vertretung des Gemeinwohls zu akzeptieren. Nichtgewählte Kammern wie das Oberhaus haben in einer echten Republik keinen Platz. Bei uns ermittelt gerade die Polizei gegen den obersten Spendensammler von Labour, ob nicht in den vergangenen Jahren Ehrentitel käuflich zu erwerben waren, durch Parteispenden. Wenn das zuträfe, dann sähe man hier ebenjenen Zusammenhang von Vorrecht, Sklaventum, Korruption und Parteiherrschaft, über den wir gesprochen haben.


Aus: "Interview Quentin Skinner: Sind wir modernen Bürger alle Sklaven?" Das Gespräch führte Jürgen Kaube (Text: F.A.Z., 15.12.2006, Nr. 292 / Seite 48)
Quelle: http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~EDD006D318A844D6EB5E7AC7AB4041070~ATpl~Ecommon~Scontent.html

« Last Edit: May 12, 2009, 12:13:04 PM by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

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[...soll jemals ohne Führer sein]
« Reply #2 on: August 04, 2009, 10:42:06 AM »
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[...]

Zitat (aus Fredmund Mali, Strategie des Managements komplexer Systeme, S. 347), zugeschrieben Platon von Athen:

"Das erste Prinzip von allen ist dieses: Niemand, weder Mann noch Weib, soll jemals ohne Führer sein. Auch soll Niemandes Seele sich daran gewöhnen, etwas ernsthaft oder auch nur im Scherz auf eigene Hand allein zu tun. Vielmehr soll jeder, im Kriege und auch mitten im Frieden, auf seinen Führer blicken und ihm gläubig folgen. Und auch in den geringsten Dingen soll er unter der Leitung des Führers stehen. Zum Beispiel soll er aufstehen, sich bewegen, sich waschen, seine Mahlzeiten einnehmen, pünktlich nur, wenn es ihm befohlen wurde. Kurz, er soll seine Seele durch lange Gewöhnung so in Zucht nehmen, dass sie nicht einmal auf den Gedanken kommt, unabhängig zu handeln, und dass sie dazu völlig unfähig wird."


Kommentar gerhardq  (2.8.2009 um 16:59)  zu "Die Meinungsfreiheit als Sondermüll" (2.8.2009)
Quelle: http://www.lawblog.de/index.php/archives/2009/08/02/die-meinungsfreiheit-als-sondermull/