Author Topic: [Körperdaten... (Datenbanken, Genetik und Biometrie)]  (Read 17058 times)

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[Körperdaten... (Datenbanken, Genetik und Biometrie)]
« Reply #30 on: November 22, 2017, 09:33:29 AM »
Quote
[...] Mircea T. fühlte sich wohl von Jahr zu Jahr sicherer. Schließlich ging er auf Reisen quer durch Europa – stehlend. Das Verbrechen in Berlin, so wird er gedacht haben, wäre vergessen. Doch die Vergangenheit holte ihn ein. 24 Jahre nach der Vergewaltigung eines 14-jährigen Mädchens in einer Gartenlaube in Köpenick klickten für Mircea T. in Kopenhagen die Handschellen. Ab Freitag wird dem 47-Jährigen vor dem Landgericht der Prozess gemacht. Eine DNA-Spur führte zur Anklage.

Der Rumäne war laut den Ermittlungen der Polizei in der Nacht zum 2. Juli 1993 mit zwei Landsleuten unterwegs – auf Klautour in einer Kleingartenanlage. Mit einer Brechstange hebelten sie eine Laube nach der anderen auf. In der fünften aber übernachteten zwei Teenager.

Das Mädchen 14 Jahre alt, der Junge 15. Die erste Liebe. Mit Erlaubnis der Eltern schliefen sie in der Laube. Um vier Uhr am Morgen aber hörte Jana (Name geändert) ein Rütteln an der Tür. Taschenlampen leuchteten in den Raum und erfassten die Teenager.

Die drei Einbrecher suchten nach Geld und Schmuck. Dann schauten sie das Mädchen an. Laut Anklage sollen sich die Männer kurz besprochen und den Entschluss gefasst haben, die erkennbar Minderjährige zu vergewaltigen. Sie hätten dem Jungen mit einer Geste angedroht, ihm die Kehle durchzuschneiden. Sie seien dann über das Mädchen hergefallen. Einer nach dem anderen. Das Martyrium dauerte mehr als eine Stunde.

Als die Vergewaltiger endlich verschwunden waren, klingelten die beiden Jugendlichen bei Nachbarn. Die Polizei nahm die Ermittlungen auf. Auch sechs Zigarettenkippen wurden in Tatortnähe sichergestellt. Sie stammten vermutlich von den Tätern. DNA-Spuren befanden sich daran. Doch es blieb zunächst DNA ohne einen Namen.

Es waren Fingerabdrücke, die zum ersten Täter führten. Der Mann erhielt im Juli 1995 unter anderem wegen Vergewaltigung fünf Jahre Gefängnis. 13 Jahre später waren es DNA-Spuren an einem Bettlaken, die zur Anklage gegen den zweiten Täter führten. Der zur Tatzeit 19-Jährige erhielt zwei Jahre und acht Monate Haft.

Mircea T. schien unbehelligt davonzukommen. Der Mann aus Bukarest ging schließlich wieder auf Reisen – wohl als fahrender Dieb. 2012 wurde er in England verurteilt, 2014 in Frankreich, 2015 in Spanien. Zuletzt erhielt er im April 2016 als Dieb eine Haftstrafe von sieben Monaten. Nach seinen Angaben hat er seit etwa 20 Jahren eine eigene Familie und auch zwei Kinder.

Als angeblich kleiner Dieb kam Mircea T. lange ohne Abgabe einer DNA-Probe davon. Das änderte sich im Mai 2014 in Paris. Zwar kam T. danach schnell wieder frei. Die Daten aber wurden europaweit abgeglichen. Im August 2016 dann ein Treffer: Es war eine von rund 23.800 Anfragen, die im vergangenen Jahr im DNA-Labor des Kriminaltechnischen Instituts der Berliner Polizei eingegangen war.

Das Muster der DNA einer Person kommt in der Bevölkerung mit einer Häufigkeit von weniger als eins zu zehn Milliarden vor, ist unverwechselbar wie ein Fingerabdruck. Gegen T. erging ein europäischer Haftbefehl. Im Mai erfolgte seine Festnahme, seit Juni befindet sich T. in Berlin in Untersuchungshaft.

Gegenüber der Polizei soll T. gestanden haben. Es tue ihm sehr leid, er sei sehr betrunken gewesen, soll er zu Protokoll gegeben haben. Er habe nicht gedacht, dass er zu einer solchen Tat fähig sein könnte, er wolle sich bei der Geschädigten entschuldigen.

Das Mädchen von damals ist heute 38 Jahre alt. Die Frau ist wie in den früheren Prozessen als Zeugin geladen. „Die Ängste holen mich immer wieder ein“, hatte Jana in einer Verhandlung geschildert. Für den dritten Prozess sind zwei Tage geplant.


Aus: "Verbrechen in Berlin-Köpenick: DNA-Spuren überführen Vergewaltiger nach 24 Jahren" (21.11.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/berlin/verbrechen-in-berlin-koepenick-dna-spuren-ueberfuehren-vergewaltiger-nach-24-jahren/20604032.html

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[Körperdaten... (Datenbanken, Genetik und Biometrie)]
« Reply #31 on: January 26, 2018, 11:29:56 AM »
Quote
[...] Mit einem Faceswap-Tool lassen sich Filmszenen aller Art manipulieren und die Gesichter der Schauspieler austauschen.  ... Wir werden uns wohl an eine Welt gewöhnen müssen, in der solche Video-Fakes immer besser und damit auch schwerer zu erkennen werden. Inklusive der dazugehörigen Konflikte mit den Persönlichkeitsrechten der betroffenen Personen. In Zukunft könnten solche Fälschungen als Grundlage von Propaganda oder absichtlich irreführender Nachrichten benutzt werden.

Das Ziel des Entwicklers von FakeApp ist es, dass bald jeder Nutzer ohne Vorwissen ähnliche Videos erzeugen kann: In Zukunft brauche man nur ein beliebiges Video und ein bereits auf ein berühmtes Gesicht trainiertes neuronales Netz, das man herunterladen kann. Die Software soll dann die Gesichter auf Knopfdruck austauschen.

Quote
     Vatikankiller, 25.01.2018 19:16

Was dann sicher boomen wird ...

... "wiederaufgetauchtes" historisches Material, das die Geschichte neu/anders schreibt (oder festigt, je nach Interessenslage).


Quote
     Eric Mueller, 25.01.2018 18:30

Ab welchem Punkt macht das Überwachungvideos wertlos?

Da diese Methode ja nicht nur bei Prominenten und Pornos greift:
Wenn ein Video so gut gefälscht werden kann, dass man den Unterschied nicht mehr sieht, müsste die Beweiskraft stark zurückgehen.

Alternativ wird das DIE Methode, jemandem etwas anzuhängen.


Quote
     Dankeauch, 25.01.2018 16:48

Jetzt wirds ernst

Bei Fake Porn hört der Spass auf!

Revolution!!111



Aus: "Deepfakes: Neuronale Netzwerke erschaffen Fake-Porn und Hitler-Parodien" Fabian A. Scherschel (25.01.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Deepfakes-Neuronale-Netzwerke-erschaffen-Fake-Porn-und-Hitler-Parodien-3951035.html

"AI-Assisted Fake Porn Is Here and We’re All Fucked" Samantha Cole (Dec 11 2017, 8:18pm)
Someone used an algorithm to paste the face of 'Wonder Woman' star Gal Gadot onto a porn video, and the implications are terrifying.
https://motherboard.vice.com/en_us/article/gydydm/gal-gadot-fake-ai-porn

https://motherboard.vice.com/de/article/gydydm/diese-ki-kann-wirklich-jeden-zum-unfreiwilligen-pornostar-machen-und-das-ist-ein-problem

https://motherboard.vice.com/de/article/bjye8a/es-ist-soweit-menschen-montieren-massenweise-fremde-menschen-in-pornos

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[Körperdaten... (Datenbanken, Genetik und Biometrie)]
« Reply #32 on: March 21, 2018, 05:11:23 PM »
Quote
[...] Die Polizei soll Gendaten künftig mehr als bisher auswerten dürfen. Darauf hatten sich CDU/CSU und SPD im Koalitionsvertrag verständigt. Im vorigen Jahr scheiterten dahingehende Initiativen der Bundesländer Baden-Württemberg und Bayern im Bundesrat. Als Vorbild für den Neuanlauf gilt der aktuelle Entwurf des bayerischen Polizeiaufgabengesetzes, in dem unter anderem die Identifikation mit Hilfe von Gendaten sowie die Ableitung von Augen-, Haar- und Hautfarbe, des sogenannten biologischen Alters sowie der biogeografischen Herkunft eines Spurenverursachers aus den DNA-Daten erlaubt wird. Der Gesetzentwurf wird im Bayerischen Landtag derzeit kontrovers diskutiert.

Der bayrische Innenminister Joachim Herrmann argumentiert, wenn die Polizei beispielsweise die Werkstatt eines möglichen Bombenlegers entdeckt, ließen die DNA-Spuren auf Herkunft, Haarfarbe, Geschlecht, Augenfarbe erlauben und wie ein Phantombild rückschließen. In der Gesetzesbegründung heißt es, dass "Rückschlüsse auf persönlichkeitsrelevante Merkmale wie Erbanlagen, Charaktereigenschaften oder Krankheiten des Betroffenen nicht ermöglicht" werden.

Die neuen Regeln sollen der Gefahrenabwehr dienen, womit Deutschland eine "Pionierfunktion" einnimmt, sagt Thilo Weichert vom Netzwerk Datenschutzexpertise, das nun dazu ein Gutachten veröffentlicht hat. Sie zielen nicht nur auf eine Identifizierung mittels Gendaten, sondern auf eine DNA-Phänotypisierung, die bisher in Deutschland nicht zulässig ist.

Der Gesetzgeber geht davon aus, dass die Vorhersagegenauigkeit bei den Augenfarben blau und braun zwischen 90 und 95 Prozent liegt, bei den Haarfarben rot, blond, braun oder schwarz zwischen 75 und 90 Prozent sowie bei der Hautfarbe bei 98 Prozent. In Bezug auf das biologische Alter einer Person liegt sie zwischen drei und fünf Jahren, wobei im Einzelfall Abweichungen bis zu zehn Jahren möglich sind. Nach Auskunft der Gemeinsamen Kommission der rechtsmedizinischen und kriminaltechnischen Institute konnten DNA-Tests bereits aus kleinsten DNA-Mengen die kontinentale Herkunft einer Person mit einer Wahrscheinlichkeit von über 99,9 Prozent bestimmen.

Der DNA-Analytiker Harald Schneider vom Landeskriminalamt Wiesbaden sagte im vergangenen Herbst, dass zur biogeografischen Herkunft, zu Gesichtsform, Body-Mass-Index oder zu Dispositionen für Erbkrankheiten eines Spurenlegers voraussichtlich erst in etwa fünf Jahren Aussagen gemacht werden können. Weichert weist darauf hin, dass die Haarfarbe oft vom Alter abhängig sei. Auch sei es fragwürdig, die Augenfarbe und das 'biologische Alter' als "äußerlich sichtbare Merkmale" zu bezeichnen, ebenso die "kontinentale Herkunft". Daher würden "völlig überzogene Erwartungen" an die Aussagekraft dieser Daten und der Möglichkeit eines "genetischen Phantombilds" geweckt, da die angegebenen Prognosesicherheiten grob verzerrend seien.

Das Gutachten des Netzwerks Datenschutzexpertise weist darauf hin, dass bei den meisten Menschen selbst so einfache Eigenschaften wie die Augen-, Haar- oder Hautfarbe genetisch komplexer angelegt seien. Deshalb seien sie derzeit nur mit einer erheblich geringeren Wahrscheinlichkeit bestimmbar, insbesondere wenn es sich um vermischte Farben handele. Hohe Vorhersagewahrscheinlichkeiten gebe es nur bei in Deutschland selten vertretenen Merkmalen wie etwa einer dunklen Hautfarbe, womit ein hohes Diskriminierungsrisiko auf diese Personengruppen entstehe. Ermittlungspannen gab es bereits in der Vergangenheit: Bei der sogenannten Wattestäbchen-Affäre hatten sich die Ermittlungen aufgrund einer Verunreinigung der Wattestäbchen bei der Herstellung auf Romnija aus Osteuropa konzentriert, weswegen die Täter der NSU lange unbehelligt blieben.

Das Netzwerk Datenschutzexpertise kommt mit Blick auf die biotechnischen Gegebenheiten sowie die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts und des Europäischen Gerichtshofs zu dem Schluss, dass die geplanten Regelungen verfassungs- und europarechtswidrig sind. Gendaten werden nämlich vom europäischen Gesetzgeber als "besonders schutzbedürftig" eingestuft. Es gebe ein hohes Diskriminierungsrisiko, ohne dass ein Schutz dagegen vorgesehen sei. Auch erkläre die Gesetzesbegründung nicht, warum die Verwendung der DNA-Daten überhaupt für die Abwehr von Gefahren erforderlich ist.

Geregelt ist derzeit nur die Entnahme und die Untersuchung der Gendaten. Der bayerische Landesdatenschutzbeauftragte Thomas Petri wies in seiner Stellungnahme darauf hin, dass es keine bestimmte Speicherungsdauer der DNA-Identifizierungsmuster gibt. Auch wird nicht geregelt, zu welchen Zwecken die DNA-Daten überhaupt verwendet werden dürfen. Dabei warnt er vor einem "hohen Missbrauchs- und Wiederverwendungsrisiko". (Christiane Schulzki-Haddouti) / (anw) 


Aus: "Deutschland will DNA-Phänotypisierung für polizeiliche Zwecke legalisieren" (21.03.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Deutschland-will-DNA-Phaenotypisierung-fuer-polizeiliche-Zwecke-legalisieren-4000405.html

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« Reply #33 on: May 23, 2018, 09:41:54 AM »
Quote
[...] Hinterlässt ein Verdächtiger sein Erbgut am Tatort, durften Ermittler daraus bislang nur sein charakteristisches DNA-Muster, eine Art Fingerabdruck, herauslesen. Die Analyse von Genabschnitten, die Auskunft über die Farbe der Augen, der Haare, der Haut oder die Herkunft geben, untersagt die bundesweit gültige Strafprozessordnung hingegen ausdrücklich. In Bayern soll dieses Tabu nun fallen, zumindest bei „Gefahr im Verzug“. In der Novelle des Polizeiaufgabengesetzes (PAG) geht der Freistaat nicht nur in der Videoüberwachung neue Wege, sondern ermöglicht auch erstmals das Erstellen eines genbasierten Phantombildes.

Bislang galt die Analyse von merkmalsrelevanten Genen als unerlaubter Eingriff in die „informationelle Selbstbestimmung“ eines Menschen. Zu deren Schutz ist die Bundesrepublik spätestens seit dem „Volkszählungsurteil“ des Bundesverfassungsgerichts von 1983 verpflichtet. Infolgedessen dürfen laut Strafprozessordnung „andere Feststellungen als diejenigen, die zur Ermittlung des DNA-Identifizierungsmusters sowie des Geschlechts erforderlich sind, nicht getroffen werden“ (§81g). Setzt sich Bayern mit der PAG-Novelle über dieses Bundesgesetz nun hinweg? „Das wird wohl erst das Landes- oder Bundesverfassungsgericht entscheiden können“, sagt Carsten Momsen, Rechtswissenschaftler an der Freien Universität Berlin. Die Novelle regele lediglich den Einsatz der erweiterten DNA-Analyse in der Gefahrenabwehr – also Ermittlungen mit dem Ziel, eine Straftat zu verhindern. Diese Gefahrenabwehr liegt in der Hand der Länder. Bayern dürfe sie selbst gestalten. Erst wenn strafrechtliche Belange betroffen sind, habe der Bund die Rechtshoheit. „Allerdings ist die Grenzlinie extrem schmal, weil in dem Gesetz die ‚drohende Gefahr’ nicht genauer spezifiziert wird, die nun mit Hilfe von erweiterter DNA-Analyse abgewendet werden soll“, sagt Momsen.

 Werde etwa am Flughafen Sprengstoff und DNA-Spuren daran gefunden, dann liege es nahe, dass eine Straftat geplant ist. Im Zuge „vorbeugender Verbrechensbekämpfung“ würden die bayerischen Ermittler zunächst das DNA-Identifikationsmuster feststellen und überprüfen, ob es zu einem zuvor bei anderen Straftaten gespeicherten DNA-Profil in der Datenbank passt. Auch das geht schon über die bundesweit erlaubte Praxis hinaus, denn bislang wird die DNA-basierte Identifizierung nur in der Strafverfolgung eingesetzt, nicht präventiv. Lässt sich der vermutliche Attentäter so nicht identifizieren, sollen bayerische Ermittler aber zukünftig auch noch Informationen über das wahrscheinliche Aussehen des künftigen Täters über die DNA-Spur ermitteln dürfen.

Dem neuen Passus zufolge darf „die Datenerhebung durch die molekulargenetische Untersuchung aufgefundenen Spurenmaterials unbekannter Herkunft zum Zwecke der Feststellung des DNA-Identifizierungsmusters, des Geschlechts, der Augen-, Haar- und Hautfarbe, des biologischen Alters und der biogeographischen Herkunft des Spurenverursachers erfolgen, wenn die Abwehr der Gefahr auf andere Weise aussichtslos oder wesentlich erschwert wäre“. Der Zusatz „Bei der Untersuchung dürfen andere Feststellungen als die (...) genannten nicht getroffen werden“ verhindert immerhin, dass etwa Erbanlagen für Krankheiten untersucht werden und Ermittlungsbehörde in Versuchung geraten, bei den Krankenkassen nach passenden Individuen zu fahnden.

 „Aber was passiert dann mit dieser Information“, fragt Momsen. „Soll man folglich alle Leute mit der ermittelten Haar- und Hautfarbe, Herkunft, Alter und Geschlecht daraufhin untersuchen, ob sie eventuell eine solche Straftat begehen wollen? Wohin soll das führen?“ Der Gesetzentwurf lasse eben das offen, weshalb der Jurist vermutet, dass es sich um einen „Testballon“ Bayerns handelt, „ob das Verfassungsgericht das überhaupt passieren lässt“. Verfassungsbeschwerden seien bereits in Vorbereitung. Sollte die PAG-Novelle durchkommen, dann werden Bayern und Baden-Württemberg im Bundesrat wohl einen neuen Anlauf nehmen, die Strafprozessordnung zugunsten der erweiterten DNA-Analyse zu ändern. Im vergangenen Jahr waren die beiden Länder damit noch gescheitert.

Sollte das Gesetz Eingang in Landes- oder gar Bundesrecht finden, dann müsse es um wichtige Kriterien ergänzt werden, meint Momsen. „Das bayerische Gesetz ist noch viel zu offen formuliert.“ Zum einen müsse festgelegt werden, dass die Analysen in unabhängigen Labors durchzuführen sind. Zum anderen sei eine Ethikstelle abseits der Polizei nötig, die jedes Mal kläre, ob ein Einsatz gerechtfertigt ist – die Methode also nur bei einer sehr schweren Straftat oder deren Vermeidung angewendet wird. Außerdem müsse sichergestellt werden, dass die Ermittlungsbeamten im Umgang mit der Methode geschult sind. Denn während das gängige DNA-Profil eine nahezu hundertprozentige Identifizierung ermöglicht, sind die Resultate erweiterter DNA-Analysen lediglich Wahrscheinlichkeitsaussagen und schwer zu interpretieren.

 Besonders kritisch sieht Momsen, dass das PAG auch die Suche nach der „biogeographischen Herkunft“ zulässt, also von welchem Kontinent ein Mensch stammt. „Das Ergebnis ist nur dann ermittlungsrelevant, wenn die Analyse auf Menschen deutet, die ihrer Herkunft nach eine Minderheit in Deutschland sind.“ Werde das „unsensibel kommuniziert, dann werden Vorurteile bedient“. Außerdem werden diese Minderheiten dann statistisch häufiger mit Ermittlungsverfahren überzogen als andere Bevölkerungsgruppen. „Das allein ist schon ein erheblicher Grundrechtseingriff, selbst wenn die Leute am Ende freigesprochen werden.“ Momsen hält es daher durchaus für möglich, dass die Verfassungsrichter zumindest die Ermittlung der biogeographischen Herkunft per DNA-Analyse ausschließen. Damit werde zu sehr in Gleichbehandlungsrechte eingegriffen.

Trotz der juristischen Unwägbarkeiten: In einem zukünftigen Strafprozess könnte das Ermittlungsergebnis einer erweiterten DNA-Analyse, die das neue PAG ermöglicht, wahrscheinlich verwendet werden, sagt Momsen, „wenn es als Gefahrenabwehrmaßnahme formal legitim erhoben worden ist.“


Aus: "Bayerns Polizeigesetz erlaubt das genetische Phantombild" Sascha Karberg (22.05.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/genspur-zum-taeter-bayerns-polizeigesetz-erlaubt-das-genetische-phantombild/22590824.html

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[Körperdaten... (Datenbanken, Genetik und Biometrie)]
« Reply #34 on: May 23, 2018, 03:24:17 PM »
Quote
[...] Bürgerrechtsaktivisten werfen dem Internetkonzern Amazon vor, dass dessen Gesichtserkennungs-Software bei der US-Polizei zum Einsatz kommt. Amazons Technologie mit dem Namen Rekognition sei ein mächtiges Überwachungssystem, schreiben mehrere Organisationen in einem offenen Brief.

Die American Civil Liberties Union (Aclu) und mehr als 30 weitere Organisationen wie Human Right Watch warnen darin vor enormen Schäden für die Demokratie. Die Anleitungen zu dem Programm läsen sich "wie eine Gebrauchsanweisung für autoritäre Überwachung", erklärte die kalifornische Aclu-Vertreterin Nicole Ozer. "Wenn ein gefährliches Überwachungssystem wie dieses erst einmal gegen die Öffentlichkeit gerichtet ist, kann der Schaden nicht ungeschehen gemacht werden."

 Rekognition ist als Software zum Erkennen ähnlicher Objekte in Bildern eine Dienstleistung für Kunden auf der Cloud-Plattform AWS. Die Technologie beherrscht nach früheren Angaben von Amazon "Gesichtserkennung in Echtzeit über mehrere zehn Millionen Gesichter und Suche von bis zu 100 Gesichtern in anspruchsvollen, überfüllten Fotos".

Der Bürgerrechtsorganisation ACLU liegen den Angaben zufolge Unterlagen vor, die den Einsatz von Rekognition durch Behörden bestätigen. Die Regierung könne damit dauerhaft Einwanderer verfolgen oder anhand von Bildern aus Kameras am Körper von Polizisten Demonstranten identifizieren, warnten die Autoren des offenen Briefs. Amazon teilte mit, man fordere von Kunden, dass sie sich beim Einsatz von Software des Konzerns an Gesetze halten.

Amazon selbst hebt die Verbrechensprävention als ein Einsatzgebiet der Software hervor. Rekognition werde eingesetzt, um Entführungsopfer zu finden  oder verloren gegangene Kinder in Freizeitparks. "Unsere Lebensqualität wäre heute viel niedriger, wenn wir neue Technologie verbieten würden, weil einige Leute sie missbrauchen könnten."

Als Beispiel nennt es das Büro eines Sheriffs, in dem die Identifizierungszeit für Verdächtige schon durch den Einsatz der vorherigen Version von Rekognition "von zwei bis drei Tagen auf wenige Minuten" gesenkt worden sei. Mit den Verbesserungen komme die Antwort nahezu in Echtzeit.

Quote
Wichtiger Hinweis #1

"Mit den Verbesserungen komme die Antwort nahezu in Echtzeit."

Gesuchte Straftäter, z.B. Vergewaltiger, werden das neue System hassen


Quote
Ministerium für Überfülle #1.4

"Gesuchte Straftäter, z.B. Vergewaltiger, werden das neue System hassen."

Ja, natürlich... und Leute in Diktaturen, die nicht auf Linie sind. Wir fangen damit nur Verbrecher oder suchen verlorengegangene Kinder. Länder wie Deutschland, die noch nie irgendetwas mit Diktaturen zu tun hatten und niemals eine werden können, die können das ganz unbeschwert einführen. Was soll schon passieren? Wir werden immer die richtigen wählen!



Quote
GlobalTraveler #1.6

"Gesuchte Straftäter, z.B. Vergewaltiger..."

Die Erfahrung lehrt, dass diese "Straftaten" schnell neu ausgelegt werden.
In der Türkei wird jeder AKP-Kritiker schon jetzt zum "Terroristen".
In Dänemark werden Kennzeichen-Scanner zum Aufhalten von kleinsten Steuerschuldnern genutzt, auch in DE wurden dank Gesetzen "gegen Terrorfinanzierung" keine 2 Tage später nur Steuervergehen ermittelt...
Die Spitze aber führt gegenwärtig eine Experiment-Region in China an. Dort wird das Verhalten der Bewohner erkannt und dann sogar bewertet. Mit zu wenigen Punkten kann man dann nicht mehr Bus fahren... Viel Spaß.

Auf lückenloses Ausschnüffeln unter falschem Label kann man abfahren, muss man aber nicht. ...


Quote
EvaK42 #1.13

Im Zweifel sind alle und jeder gesuchte Straftäter. Und alle, die von sich vollmundig behaupten, sie hätten nichts zu verbergen, scheinen wohl keine Privat- und Itimsphäre zu haben, die Dritte nichts angeht.

Tja, das ist die Logik derer, die wenig von Demokratie, aber viel vom autoritären Überwachungsstaat halten. Demokratie und Rechtsstaatlichkeit waren in Bezug auf Verbrechensbekämpfung noch nie ideal. Die harte Faust von Diktaturen hingegen hat sich's immer einfach gemacht: Alle sind verdächtig und bei Bedarf auch schuldig.

Meine Empfehlung: Am Tag des Grundgesetzes mal das Verhältnis zur Verfassung, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit überprüfen, statt überall nur Verbrecher zu wittern.



Quote
Bluebeardy
#12  —  vor 7 Stunden 3

Finde es bemerkenswert, dass in dem Artikel die Datenkrake FB bei gesichtserkennung nicht auftaucht...
Doch für noch grösseren juristischen Ärger könnte nun sorgen, wie das Netzwerk biometrische Informationen zu Nutzern gesammelt hat.

"Facebooks Schatz an Gesichtern" Marie-Astrid Langer, San Francisco (9.5.2018)
Der Skandal um Cambridge Analytica hat ein Schlaglicht auf Facebooks Umgang mit Nutzerdaten geworfen. Doch für noch grösseren juristischen Ärger könnte nun sorgen, wie das Netzwerk biometrische Informationen zu Nutzern gesammelt hat. ...
https://www.nzz.ch/wirtschaft/facebooks-schatz-an-gesichtern-ld.1382126?reduced=true

Bemerkenswert.



Quote
Lüngerl #13

Was technisch machbar ist wird auch angewendet werden - auch wenn es das eine oder andere "Scheingefecht" im Vorfeld gibt.


...


Aus: "Aktivisten kritisieren Amazon für Gesichtserkennungssoftware" (23. Mai 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/digital/datenschutz/2018-05/datenschutz-amazon-gesichtserkennungssoftware-us-polizei

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« Reply #35 on: May 23, 2018, 03:31:23 PM »
Quote
[...] Amazons Dienst Rekognition bietet Gesichtserkennung in Echtzeit, sowohl mit Fotos als auch mit Videostreams. Selbst in großen Menschenansammlungen soll die Amazon-Cloud hundert Personen auf einmal erkennen können. Als Vorzeigekunde dient die Stadt Orlando. "Orlando ist eine Smart City. Es gibt Kameras überall in der Stadt", freut sich Ranju Das, der bei Amazon die Rekognition-Sparte leitet, "Die autorisierten Kameras streamen [an Amazon]. Wir analysieren die Daten in Echtzeit."

Dabei geht es keineswegs nur um die Jagd nach Verbrechern: "Wir gleichen mit der Bildersammlung ab, die [Orlando] hat. Das könnte der Bürgermeister sein, oder [andere] Personen von Interesse, die sie verfolgen wollen." Amazon bewirbt Rekognition insbesondere für staatliche Überwachung, wo es eine "verbreitete Anwendung" werden soll. Die Erkennungsfähigkeiten sollen dank Maschinellem Lernen mit der Zeit immer besser werden.

Der US-Bürgerrechtsorganisation ACLU (American Civil Liberties Union) stößt insbesondere auf, dass auch eine Polizeibehörde im Bundesstaat Oregon Rekognition einsetzt. Im dortigen County Washington hat der Sheriff 300.000 Fotos von Festnahmen, sogenannte Mugshots, Amazon zum Abgleich zur Verfügung gestellt. Damit können die Beamten sofort erfahren, wo welche Personen vor eine Kamera laufen, die einmal festgenommen worden waren. Zudem können Sheriff-Beamte über ihre Smartphones beliebige Fotos beisteuern.

Die ACLU beschreibt Rekognition als "mächtig und gefährlich", weil es Behörden ermöglicht, Bürgerrechte und -freiheiten im Handumdrehen zu verletzen. Die Organisation sammelt seit Dienstag Unterschriften, um Amazon zu zeigen, dass die Bürger nicht möchten, dass Rekognition den Überwachungsstaat unterstützt. Der Konzern hält unterdessen an seinem Dienst fest und verweist darauf, dass neue Technik nicht verboten werden soll, weil sie missbraucht werden kann.

Wie die Behörden Rekognition konkret einsetzen, wird weitgehend geheimgehalten. Als Argument dient eine gegenüber Amazon eingegangene Schweigeverpflichtung (NDA). Ursprünglich hat Amazon auch empfohlen, die Bilder von Körperkameras der Polizei einzubinden. Diese Empfehlung ist von der öffentlich einsehbaren Rekognition-Website verschwunden, nachdem die ACLU ihre Bedenken geäußert hatte. Zu den ersten öffentlichen Rekognition-Kunden gehört übrigens auch Motorola Solutions, ein Anbieter von Körperkameras.

Selbst wenn Amazon auf das Überwachungsgeschäft mit Behörden verzichtete, müsste es Rekognition nicht einstellen. Nach Angaben von The Verge nutzte jüngst ein TV-Sender Rekognition, um die Gäste einer live übertragenen Hochzeitsfeier zu identifizieren. Und Amazon will als Kunden auch private Arbeitgeber gewinnen, die alle Mitarbeiter am Werksgelände in Echtzeit überwachen wollen. Rekognition ist eine Entwicklung der Firma Orbeus, die seit 2016 Amazon gehört. (ds)


Aus: "Amazon ermöglicht Live-Gesichtserkennung für ganze Städte" Daniel AJ Sokolov (23.05.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Amazon-ermoeglicht-Live-Gesichtserkennung-fuer-ganze-Staedte-4055143.html

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« Reply #36 on: August 06, 2018, 02:23:16 PM »
Quote
[...] Biometrische Daten wie zum Beispiel Fingerabdrücke können einen Menschen eindeutig identifizieren. Doch auch für Cyber-Kriminelle sind sie interessant. Eine TV-Reportage zeigt: Der Handel mit biometrischen Daten scheint zu boomen [Die Reportage „Pässe für Kriminelle: Biometrischer Datenhandel im Dark Web“ läuft am 6. August um 22.45 Uhr in der „Story im Ersten“.].

... Im Dark Web würden Hunderte Ausweise mit biometrischen Daten angeboten, fanden die Reporter heraus. Für 3000 Euro hätten sie einen Pass mit frei wählbaren biometrischen Merkmalen kaufen können. Der „Islamische Staat“ (IS) nutzte gefälschte Fingerabdrücke, um Finanztransaktionen zu tätigen.

...


Aus: "Weltweit Millionen biometrische Daten gestohlen" (06.08.2018)
Quelle: http://www.kn-online.de/Nachrichten/Medien/Weltweit-Millionen-biometrische-Daten-gestohlen


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« Reply #37 on: February 07, 2019, 10:24:02 AM »
Quote
[...] Unter dem Stichwort „Interoperabilität“ werden die großen EU-Datenbanken im Bereich Justiz und Inneres vernetzt. Fingerabdrücke und Gesichtsbilder landen mit Personendaten in einem durchsuchbaren „Identitätsspeicher“. Der Datenverkehr soll drastisch steigen, allein Europol rechnet mit 100.000 Abfragen täglich.

Die Europäische Union stattet alle Informationssysteme, die biometrische Daten enthalten, mit neuen Funktionen aus. Sie werden teilweise zusammengelegt und mit einem Klick durchsuchbar gemacht. Darauf haben sich gestern die Verhandler aus dem EU-Parlament und dem Ministerrat geeinigt, schreibt die rumänische Ratspräsidentschaft. Damit endet das Ringen um einen biometrischen Datenspeicher, in dem verknüpft mit Personendaten hunderte Millionen von Fingerabdrücken und Gesichtsbildern lagern werden.

Gespeichert werden die Daten zentral bei der Agentur für das Betriebsmanagement von IT-Großsystemen (eu-LISA) in Tallinn. Die Agentur ist auch für die technische Verwaltung und die sichere Datenübertragung im Betrieb zuständig. 2020 beginnt die technische Umsetzung, bis 2023 sollen die neuen Fähigkeiten nutzbar sein. Der genaue Wortlaut der beiden abgestimmten Verordnungen für die „polizeiliche und justizielle Zusammenarbeit, Asyl und Migration“ sowie „Grenzen und Visa“ ist noch nicht veröffentlicht. Der Rat hatte jedoch seine Verhandlungsposition vom Dezember online gestellt. Bevor die Verordnungen rechtskräftig werden, müssen sie vom Rat und dem Parlament formal verabschiedet werden.

Die neuen Gesetze betreffen vor allem das Schengener Informationssystem (SIS II). Die größte Fahndungsdatenbank Europas enthält Ausschreibungen zur Einreise- oder Aufenthaltsverweigerung und zur Verhaftung oder zur verdeckten Kontrolle von Verdächtigen. An die „Interoperabilität“ werden außerdem das System Eurodac mit Fingerabdruckdaten von Asylbewerbern und Drittstaatsangehörigen sowie das Visa-Informationssystem (VIS) angeschlossen. Dort finden sich Angaben zu AntragstellerInnen von Kurzaufenthaltsvisa sowie deren EinladerInnen, darunter auch biometrische Daten.

Die im SIS, VIS und in Eurodac gespeicherten Fingerabdrücke und Gesichtsbilder werden jetzt mit den dazugehörigen Personendaten in einem „Gemeinsamen Identitätsspeicher“ abgelegt. Jede erfasste Person erhält dort eine „individuelle Datei“, die von Zehntausenden zugangsberechtigten BeamtInnen in der Europäischen Union mit einem ebenfalls neuen „Europäischen Suchportal“ bedient werden kann.

Die Suchmaschine soll nicht nur das SIS, das VIS und Eurodac abfragen, sondern greift bei jeder Überprüfung einer Person auch auf Daten bei der Polizeiagentur Europol und bei Interpol zu. Als Schnittstelle zur „Interoperabilität“ führt die Kommission ein neues „universelles Nachrichtenformat“ (UMF) ein, das federführend vom Bundeskriminalamt entwickelt worden ist und jetzt von allen Beteiligten installiert werden muss. Die Abfragen bei Europol erfolgen ebenfalls über ein neues Protokoll, das dort als „Querying Europol Systems“ (QUEST) firmiert.

Zunächst müssen alle vorhandenen biometrischen Daten in den neuen „Gemeinsamen Identitätsspeicher“ überführt werden. Sie werden dann über einen „Dienst für den Abgleich biometrischer Daten“ auf bereits vorhandene Fingerabdrücke oder Gesichtsbilder überprüft. Auch jeder neue Eintrag durchläuft diese Prozedur.

Im Hintergrund läuft außerdem ein „Detektor für Mehrfachidentitäten“, der nach Verknüpfungen zwischen den biometrischen Daten und ihnen zugeordneten Ausweisdokumenten sucht. Im Fokus stehen Personen, deren Fingerabdrücke mehr als einer Identität zugerechnet werden. Zwar verfügen die existierenden Datenbanken bereits über ein solches Suchsystem für Fingerabdrücke. Mit dem Vorschlag der „Interoperabilität“ soll jedoch die gleichzeitige Abfrage mehrerer Systeme erleichtert werden.

Findet der „Detektor für Mehrfachidentitäten“ eine Auffälligkeit, wird für die betreffende Person und die dazugehörigen biometrischen Daten eine vorübergehende „Identitätsbestätigungsdatei“ angelegt. Geraten die Betroffenen in eine Polizeikontrolle oder werden bei einer der beteiligten Behörden vorstellig, müssen die Angaben überprüft und gegebenenfalls korrigiert werden. Die Software soll so gestaltet werden, dass „kleinere Transliterations- oder Buchstabierfehler“ zwar entdeckt werden, aber nicht in jedem Falle „beschwerende Maßnahmen“ für den betreffenden Drittstaatsangehörigen zur Folge haben. Wie dies technisch umgesetzt werden soll, ist aber unklar.

Die „Identitätsbestätigungsdatei“ zeigt eine gelbe oder rote Warnmeldung an. Diese deuten beispielsweise darauf hin, dass die Person unterschiedliche Identitäten benutzt (gelb) und sich dabei vielleicht strafbar macht (rot). Vielreisende und EU-Staatsangehörige werden, wenn keine Gefahr droht, mit weiß und grün markiert. Ergibt die Prüfung, dass eine rote Meldung bestätigt wird, sollen „geeignete Maßnahmen ergriffen werden“. Dies kann die Vernehmung oder Festnahme der Person bedeuten.

Zusätzlich zu den drei bestehenden Datenbanken will die Europäische Union drei neue zentrale Systeme errichten, die ebenfalls im Rahmen der Verordnungen zu „Interoperabilität“ miteinander vernetzt werden. Ein „Einreise-/Ausreisesystem“ (EES) soll biometrische Daten von allen Drittstaatsangehörigen erfassen, wenn sie eine Außengrenze der Europäischen Union überschreiten. Als weitere Datensammlung wird das kürzlich beschlossene „Europäische Strafregisterinformationssystem für Drittstaatsangehörige“ (ECRIS-TCN) in die neue „Interoperabilität“ integriert. Es dient dem Austausch von Informationen zu strafrechtlichen Verurteilungen von Drittstaatsangehörigen, auch wenn diese ihren Wohnsitz in der Europäischen Union haben.

Auch wenn sie kein Visum benötigen, sollen sich schließlich alle Reisenden vorher bei der Europäischen Union anmelden. Hierzu startet die Kommission ein „Europäisches Reiseinformations- und genehmigungssystem“ (ETIAS)‚ bei dem der Zeitpunkt und der Zweck der Reise sowie der geplante Verlauf angegeben werden muss. Findet sich bei der automatischen Überprüfung der Person ein Treffer in vorhandenen Datenbanken, wird die Einreise unter Umständen verweigert.

Für die Bearbeitung von Anträgen auf Reisegenehmigungen soll das ETIAS auch das Informationssystem bei Europol (EIS) nutzen. Dies würde den dortigen Datenverkehr drastisch erhöhen. Derzeit werden bei Europol mehr als 100.000 Abfragen pro Monat vorgenommen, mit dem ETIAS soll dieser Wert an einem einzigen Tag erreicht werden.

Der frühere Innenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte das Projekt „Interoperabilität“ als „Zusammenlegung der Datentöpfe“ bezeichnet. In der englischen Fassung ihrer Pressemitteilung sprach die Kommission gestern davon, dass die Informationssysteme besser „miteinander reden“ sollen. Die darin erfassten Daten sollen „einander ergänzen“.

Tatsächlich bleiben die existierenden Datenbanken in ihrer jetzigen Form erhalten, für ihre Vernetzung in einem „Datentopf“ wird aber jede einzelne Verordnung angepasst. Dabei wird der Zugang von Ermittlungsbehörden mitunter erweitert. Das wird begünstigt durch die Zwecke, die das Projekt „Interoperabilität“ verfolgt. So soll nicht nur die missbräuchliche Verwendung von Identitäten aufgespürt werden. Es dient außerdem der Bekämpfung irregulärer Migration, der Verbesserung des „Außengrenzenmanagements“ sowie ganz allgemein der „Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung sowie des Schutzes der inneren Sicherheit“.

Auch der Zweck für das „Einreise-/Ausreisesystem“, das in seiner ursprünglichen Fassung lediglich Reisende mit überzogenem Visa aufspüren sollte, wurde erweitert. Die Einrichtung war mit über einer Milliarde Euro veranschlagt, zur Umsetzung der gemeinsamen Visumpolitik erschien dies vielen Regierungen jedoch zu teuer. Deshalb sollen jetzt auch ErmittlerInnen unter bestimmten Umständen auf die dort gespeicherten Daten zugreifen. Erst dieser erweiterte Zweck macht das System aus Sicht der Kommission profitabel. Auch in Eurodac, im VIS und im ETIAS wurde die Strafverfolgung als sekundäres Ziel festgelegt.

Die Suche im „Gemeinsamen Speicher für Identitätsdaten“ zu Strafverfolgungszwecken und zur Gefahrenabwehr ist derzeit beschränkt auf Ermittlungen zu terroristischen und sonstigen schweren Straftaten. Auch die EU-Polizeiagentur darf auf sämtliche Daten zugreifen und wird mithilfe einer „Trefferkennzeichnungsfunktion“ benachrichtigt, wenn eine andere Behörde über die Suchmaschine bei Europol fündig geworden ist. Die Agentur kann dann Kontakt mit den ErmittlerInnen im Mitgliedstaat aufnehmen und eigene Erkenntnisse beisteuern.

Schließlich entsteht als fünfte „Interoperabilitätskomponente“ auch ein „Zentraler Speicher für Berichte und Statistiken“, über den jederzeit die Zahl von Speicherungen und Abfragen festgestellt werden kann. Die Agentur für das Betriebsmanagement von IT-Großsystemen nutzt ihn für regelmäßige Berichte zur „Interoperabilität“. In 2023, nachdem das Vorhaben komplett umgesetzt worden ist, sollen die neuen Funktionen evaluiert werden. Für die Überprüfung der Verknüpfungen im „Gemeinsamen Identitätsspeicher“ ist dann die Agentur für die Grenz- und Küstenwache Frontex zuständig.

Laut der Kommission kostet die „Interoperabilität“ bis 2027 rund 425 Millionen Euro. Hinzu kommen Ausgaben für für die Entwicklung des EES in Höhe von 480 Millionen, das ETIAS kostet demnach 210 Millionen und die Erneuerung des SIS II 68 Millionen. Weitere Gelder werden für die Weiterentwicklung von Eurodac und VIS benötigt. Die Kosten der zentralen Systeme werden aus dem Gesamthaushalt der Union übernommen. Für deren nationale Anbindung müssen die Mitgliedstaaten beziehungsweise Europol aufkommen. Die Regierungen können hierfür Mittel aus dem Fonds für die innere Sicherheit beantragen.


Aus: "EU legt biometrische Datentöpfe zusammen" Matthias Monroy (06.02.2019)
Quelle: https://netzpolitik.org/2019/eu-legt-biometrische-datentoepfe-zusammen-jetzt-droht-der-abfrage-tsunami/

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« Reply #38 on: February 10, 2019, 01:09:25 PM »
Quote
[...] In den Labors des Landeskriminalamts (LKA) in Rampe bei Schwerin finden die Fachleute fast täglich genetische Hinweise auf mögliche Täter. Wie aus der Fallstatistik für Mecklenburg-Vorpommern hervorgeht, konnten im Jahr 2018 in 290 Fällen sichergestellte DNA-Spuren konkreten Personen zugeordnet werden. In 70 Fällen stellten die Ermittler anhand des an mehreren Orten gefundenen Erbgutes Tatzusammenhänge her.

Wie eine LKA-Sprecherin sagte, wird die Gen-Analyse seit 1996 systematisch eingesetzt. Sie sei inzwischen fester Bestandteil der forensischen Untersuchung und unverzichtbares Mittel zur Aufklärung verschiedenster Straftaten. Dazu gehöre die Suche nach Mördern und Vergewaltigern ebenso wie etwa Ermittlungen zu Einbruchserien.

In Anbetracht der Kriminalitätslage in Mecklenburg-Vorpommern bildeten aber DNA-Spuren, die nach größeren Diebstahlsdelikten sichergestellt worden seien, den Schwerpunkt. Laut amtlicher Kriminalitätsstatistik hatte es im Jahr 2017 im Nordosten fünf Mordfälle gegeben, die alle aufgeklärt wurden. Die Zahl der registrierten Diebstähle lag landesweit bei etwa 35.000. Jeder dritte wurde aufgeklärt. Wie oft dabei DNA-Analysen halfen, wurde nicht erfasst.

Nach LKA-Angaben gehen pro Jahr im Fachbereich DNA-Analytik etwa 3000 Anträge ein. Für die Biologen, Mikrobiologen und Genetiker dort bedeute dies, 12.000 bis 15.000 Einzelspuren auszuwerten und die Ergebnisse mit vorhandenen Datensätzen abzugleichen. In der seit 1998 bestehenden bundesweiten Analyse-Datei seien inzwischen 330.000 DNA-Spuren unbekannter Verursacher und etwa 870.000 DNA-Muster bekannter Personen erfasst. Aus Mecklenburg-Vorpommern stammen laut LKA 6000 Spuren-Datensätze und gut 14.700 von Personen.

Die Nutzung modernster Analysemethoden und regelmäßiger Datenabgleich führten auch dazu, dass unaufgeklärte Fälle aus der Vergangenheit doch noch erfolgreich abgeschlossen werden könnten. Als Beispiel nannte die LKA-Sprecherin die Aufklärung des sexuellen Missbrauchs eines Elfjährigen in Schwerin aus dem Jahr 2015. Der Täter sei im Januar 2017 ermittelt worden. In Erinnerung sind zudem der Mord an einer 29-jährigen Joggerin in einem Wald zwischen Lübeck und Herrnburg von 2013 und der Fund der Leiche eines neugeborenen Mädchens in Wittenburg Anfang 2017. In beiden Fällen habe die DNA-Analyse maßgeblich zur Aufklärung der Straftaten beigetragen.

Die LKA-Sprecherin betonte, dass es für die Erhebung, Auswertung und Speicherung genetischer Merkmale strenge Vorschriften gebe. Eine Speicherung in der DNA-Analyse-Datei etwa setze generell entweder die Einwilligung des Betroffenen oder eine richterliche Anordnung voraus.

(tiw)


Aus: "Spurensuche im Kleinen – DNA-Analyse hilft bei Verbrechensaufklärung" (10.02.2019)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Spurensuche-im-Kleinen-DNA-Analyse-hilft-bei-Verbrechensaufklaerung-4303181.html

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« Reply #39 on: March 13, 2019, 10:10:04 AM »
Quote
[...] EU-Bürger müssen sich künftig bei der Ausweisbeantragung einer erkennungsdienstlichen Behandlung mit der Abgabe auch zweier Fingerabdrücke unterziehen. Für den Beschluss einer entsprechenden Verordnung für sicherere Dokumente zum Identitätsnachweis im Plenum hat sich am Montag in Straßburg der federführende Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres des EU-Parlaments ausgesprochen und damit die Annahme des Dossiers durch die Vollversammlung der Abgeordneten empfohlen.

Für den Entwurf stimmten 30 Volksvertreter, 20 waren dagegen, zwei enthielten sich. Die digitalen Fingerabdrücke müssen laut der Entscheidung zusammen mit einem Gesichtsbild in neu ausgestellte Ausweispapiere eingebaut werden. Zugriff auf die erweiterten biometrischen Daten sollen etwa Polizei, Zoll, Steuerfahndung und Meldebehörden erhalten. Es ist vorgesehen, die Merkmale nur auf einem RFID-Chip zu speichern.

Referenzdaten bei den Meldebehörden sollen eigentlich hochsicher verwahrt und spätestens 90 Tage nach der Ausgabe der Dokumente gelöscht werden. Die EU-Gremien haben mit ihrer Übereinkunft aber auch einen Zusatz in Artikel 10 eingebaut, wonach die Mitgliedsstaaten die biometrischen Informationen auch für andere, nicht näher bestimmte Zwecke jenseits der "Personalisierung" der Ausweise und die reine Identitätsprüfung verwenden dürfen. Einzige Bedingung dafür ist, dass die weiteren Nutzungsformen im Einklang mit dem allgemeinen EU-Recht und nationalen Gesetzen stehen.

Fünf Bürgerrechtsorganisationen hatten die Ausschussmitglieder Ende vorige Woche gewarnt, dass die Klausel den EU-Ländern einen Freibrief ausstelle, die sensiblen Daten anderweitig zu verwenden oder eventuell sogar in einem zentralen Informationssystem zu speichern. Generell stelle die Initiative einen "unverhältnismäßigen Bruch der Rechte auf Privatheit und Datenschutz" sämtlicher EU-Bürger dar. Die Notwendigkeit der Maßnahme sei nicht belegt.

Der parlamentarische Berichterstatter Gérard Deprez räumte ein, dass es "große Meinungsunterschiede" rund um die Initiative gebe. Letztlich entschieden die Mitgliedsstaaten aber souverän, ob sie überhaupt Personalausweise ausstellten. Die verpflichtende Aufnahme der biometrischen Merkmale diene dazu, die Sicherheit in der EU allgemein und die der Identifizierung zu verbessern. Der Liberale unterstrich, dass für die Fingerabdrücke keine nationale oder europäische Datenbank geschaffen werden solle.

Parallel baut die EU faktisch aber bereits eine biometrische Superdatenbank mit der Verknüpfung zahlreicher Informationssysteme im Sicherheitsbereich auf. Datenschützer befürchten, dass die Fingerabdrücke aus Ausweisen der EU-Bürger bei diesem virtuellen Verbund nicht lange außen vorbleiben.

Hierzulande müssen Antragsteller für den elektronischen Personalausweis bisher lediglich ein Gesichtsbild liefern, das als biometrisches Merkmal auf dem Funkchip aufbewahrt wird. Zwei Fingerabdrücke abzugeben und mit einzubauen ist – im Gegensatz zum nicht obligatorischen Pass – noch freiwillig.

Alle Ausweise sollen in der EU künftig im Kreditkartenformat ausgestellt werden und die europäische Flagge zeigen. Dazu kommen wird eine maschinenlesbare Zone. Insgesamt müssen die Mindeststandards für Sicherheit der Internationalen Zivilen Luftfahrtorganisation (ICAO) eingehalten werden.

Ältere Hoheitsdokumente, die den Vorgaben nicht entsprechen, sollen spätestens nach zehn Jahren ungültig werden. Für über 70-Jährige gelten längere Übergangsfristen. Ausweise für Kinder, die ebenfalls mit Fingerabdrücken versehen werden müssen, sollen weniger als fünf Jahre gelten. Die neuen Vorgaben werden nach zwei Jahren direkt in allen Mitgliedsstaaten in Kraft treten, nachdem das Plenum und der EU-Rat zugestimmt haben. (olb)



Aus: "EU-Parlament: Speicherpflicht für Fingerabdrücke im Personalausweis kommt"  Stefan Krempl  (12.03.2019)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Personalausweis-EU-Politiker-stimmen-fuer-obligaten-Einbau-von-Fingerabdruecken-4332389.html

Quote
     hanswurstsalat, 12.03.2019 08:02

Niemand hat die Absicht eine Datenbank zusammenzuführen. Ja ne, ist klar. Dann haben "wir" die Absicht eben in 5 Jahren.


Quote
     Prokrastes, 12.03.2019 09:41

Warum so inkonsequent?

Verpflichtende Abgabe von DNA-Material, Retina-Scan und 3D-Plastik des Kopfes, das sollte uns unsere Sicherheit doch wohl wert sein.
Eine Implantation eines (leitungsfähigen, d.h. Reichweite > 50m) RFID-Transponders mit der Personenkennzahl sollte auch obligatorisch werden.


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