Author Topic: [Armut... (Notizen)]  (Read 91240 times)

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[Armut... (Notizen)]
« Reply #210 on: November 21, 2016, 12:09:08 PM »
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[...] In den vergangenen Jahrzehnten ist der Anteil der Menschen, die als extrem arm gelten, wegen der Globalisierung und hohen Wirtschaftswachstums enorm zurückgegangen. Vor 20 Jahren konnte sich noch knapp 30 Prozent der Weltbevölkerung statistisch betrachtet nicht einmal eine Dose Bohnen leisten. Bis 2013 ist der Anteil auf etwas unter elf Prozent gesunken. Das sind noch immer 767 Millionen Menschen. Die meisten armen Menschen leben in Indien. Fast jeder dritte Arme der Welt ist dort zu Hause. Nimmt man Nigeria, die Demokratische Republik Kongo, Äthiopien, Bangladesch, China und Tansania dazu, decken diese sieben Ländern 67 Prozent der extremen Armut der Welt ab. Sie gehören bis auf den Kongo aber nicht zu den ärmsten Länder der Welt, wegen ihrer Größe wohnen dort lediglich die meisten Armen. ...


Aus: "Wo die Armut zuhause ist: Die sieben Länder mit den meisten Armen der Welt" Andreas Sator (21. November 2016)
Quelle: http://derstandard.at/2000047140544/Wie-sich-die-Laender-mit-den-meisten-Armen-der-Welt


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[Armut... (Notizen)]
« Reply #211 on: February 03, 2017, 11:02:28 AM »
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[...] Eine der Ersten war Janina. Ich traf sie vor zehn Jahren in Bochum-Wattenscheid. Als ich sie kennenlernte, war sie elf Monate alt. Zwei Etagen unter ihr lebte ihr Opa. Sein Einkommen bekam er vom Amt, genau wie ihr Papa und ihre Mama. Die beiden stritten oft, und Janina stellten sie zum Füttern in einem Autositz aufs Sofa, weil sie keinen Kinderstuhl hatten. An diesem Tag, es war der 24. Oktober, hatten Janinas Eltern noch sieben Euro auf ihrem Konto. Zu wenig, um bis zur November-Überweisung über die Runden zu kommen. Der Kühlschrank war leer, die Windeln für Janina waren aufgebraucht, und immer wenn es an der Tür klingelte, zitterten die Eltern, aus Sorge, das Jugendamt würde kommen, um das Kind mitzunehmen und damit den einzigen Antrieb, diesen ganzen dreckigen Alltag auszuhalten.

Dann war da Sascha, ein Kölner, blass und schlau, zehn Jahre alt. Er hatte gesehen, wie seine Mutter weinte, als die Grundschullehrer ihm eine Empfehlung für die Hauptschule ausstellten. Jetzt saß er da, sprach mit den Freunden über die Zukunft, die für einen Zehnjährigen genau das sein sollte, was sie für seine Klassenkameraden war: ein Ort der Träume und Spinnereien. Einer wollte Hundeverkäufer werden, einer Präsident von Afrika, einer, natürlich, Fußballstar. Und Sascha? Der ahnte, welchen Platz ihm die Erwachsenen längst zugewiesen hatten. "Wenn ich hier den Hauptschulabschluss mache", sagte er, "kann ich ja höchstens Kloputzer werden."

Oder Ercan, auch er zehn Jahre alt. Nur eine gut 30 Meter breite Straße trennte die Wohnblocks in Berlin-Kreuzberg, in denen er als Jüngster in einer achtköpfigen Familie groß wurde, von den wohlhabenden Altbauten, in denen die meisten Kinder einzeln oder im Doppelpack aufwuchsen. Dass die Eltern der anderen Kinder mehr Geld hatten, störte Ercan nicht. Dass viele von ihnen die Welt bereisten und er das Viertel nur selten verließ, auch nicht. Aber dass er jeden Morgen in diese Schule gehen musste, in der die Klos ständig verstopft waren und es wegen Bauarbeiten schon lange keinen Schulhof mehr gab, diese Schule, in der ihm so oft der Kopf wehtat, weil es in der Klasse so laut war, wenn seine Mitschüler fluchten und störten und die Lehrer "Ruhe!" schrien, das nervte Ercan sehr. Denn er hätte gern mehr gelernt – so wie die Jungen und Mädchen aus den Altbauten, die von ihren Eltern weit weg in bessere Schulen gefahren wurden.

Seit mehr als zehn Jahren berichte ich in Fernsehreportagen, Büchern und Zeitungsartikeln immer wieder über arme und abgehängte Kinder in Deutschland. Ich war in Wohnungen, die nach Urin stanken, und in solchen, in denen sich Eltern mühten, auch ohne Geld Würde und Anstand zu wahren. Ich habe mit Grundschulkindern gesprochen, die jobben wollten, um ihren Eltern zu helfen, und solchen, die wütend wurden, weil ihnen immer gepredigt wurde, dass sie verzichten müssten.

Ich habe all die Statistiken gelesen. Und weiß, dass Janinas, Saschas und Ercans Lebenschancen schlechter sind als die ihrer Altersgenossen. Dass die drei aller Wahrscheinlichkeit nach nicht studieren werden. Mehr als in vielen anderen Industrieländern entscheidet bei uns die soziale Herkunft über die Zukunft von Kindern. Bereits mit sechs Jahren können sich arme Kinder im Schnitt schlechter konzentrieren und sind häufiger übergewichtig und krank als ihre nicht armen Altersgenossen. Sie können schlechter sprechen, schlechter zählen. Und in der Schule gelingt es viel zu selten, diesen Startnachteil wettzumachen. Das gilt übrigens selbst dann, wenn die Eltern zwar wenig Geld, dafür aber einen hohen Bildungsstand haben. Ich kenne die Analysen, wonach ein Kind, das arm ist, später gefährdeter ist, Drogen zu nehmen, ein Opfer von Gewalt oder selbst kriminell zu werden. Der Malus der Armut bleibt oft ein Leben lang, bis zum Ende: Die statistische Lebenserwartung eines Jungen, der in eine arme Familie geboren wird, ist elf Jahre niedriger als die eines Jungen aus wohlhabendem Hause.

Auch weiß ich inzwischen, wie Leser und Zuhörer reagieren, wenn ich von Kindern wie ihnen schreibe oder auf Veranstaltungen von ihnen erzähle. Manche bedauern Janina, Sascha und Ercan ein paar Sätze lang, dann geben sie deren Eltern die Schuld: Diese allein seien verantwortlich für das Schicksal ihrer Kinder, nicht die Gesellschaft. Die meisten Leser und Zuhörer aber sind anders. Sie fühlen mit und sind bestürzt über, wie es immer heißt, "so viele arme Kinder in unserem reichen Land".

Es ist eine Reaktion, die man auch in den nächsten Wochen wieder hören wird, wenn die Bundesregierung ihren Armutsbericht veröffentlicht. Eine Reaktion, die seit zehn Jahren auf jede neue Studie, jede neue Statistik zur Kinderarmut in Deutschland folgt.

Es sind ja auch traurige Zahlen: Rund zwei Millionen Kinder in Deutschland sind von Armut bedroht, das ist jedes fünfte. Besonders häufig arm sind Kinder von Arbeitslosen, Alleinerziehenden und solche mit mindestens zwei Geschwistern. Armut ist in Deutschland natürlich relativ und, um den Einwand der Leserbriefschreiber schon mal vorwegzunehmen, natürlich nicht mit der in Kalkutta zu vergleichen.

Arm sein heißt laut Statistik erst mal nur, dass die Familie mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen muss. Arm sein bedeutet aber auch: beengte Wohnungen, raue Stadtviertel, kein Geld für individuelle Förderung, für Wünsche, nie Urlaub.

Ercan konnte in die Dreiraumwohnung der Großfamilie keine Freunde einladen. In Saschas Viertel klauten die Älteren den Kleineren Geld und Handys. Und Janinas Familie ging die halbe Stunde zum Jobcenter stets zu Fuß. Das Straßenbahnticket war viel zu teuer.

Wie kann das sein?, beklagen dann regelmäßig die Journalisten. Wir müssen etwas ändern, bekräftigen die Politiker, Jahr um Jahr.

"Kinderarmut ist eines der beschämendsten Probleme in unserem Land", sagte die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen 2007.

"Für mich ist die Bekämpfung von Kinderarmut ein sehr wichtiger Punkt", sagte die aktuelle Familienministerin Manuela Schwesig im Jahr 2014.

"Kinderarmut ist ein bedrückendes Problem", sagte Arbeitsministerin Andrea Nahles im Mai 2016.

Welch große Einigkeit! Wenn aber alle ihre Bestürzung geäußert haben, wird es still, bis zur nächsten Statistik, der nächsten Welle der Empörung.

Ich fühle mich dann wie in einer Zeitschleife. Denn die Zahl der armen Kinder ist bis Mitte der 2000er Jahre angestiegen und sinkt nicht. Seit zehn Jahren nehmen unsere Regierungen in Kauf, dass zwei Millionen Janinas und Saschas und Ercans in Wattenscheid, Köln oder Berlin aufwachsen und von Anfang an schlechte Karten haben, Erfolge zu erleben, Talente zu entfalten, die Welt zu erobern – oder wem das zu sozialromantisch klingt: Steuerzahler zu werden und in die Rentenkassen einzuzahlen, Unternehmen zu gründen, mit ihrem Geist dieses Land zu bereichern und damit unsere Zukunft zu sichern.

Klar: Hier und da werden, wie es dann heißt, "Maßnahmen" ergriffen, es wird, wie gerade geschehen, der Kinderzuschlag für Eltern mit niedrigem Einkommen um zehn Euro erhöht oder das Kindergeld um zwei Euro monatlich, es werden Teilhabepakete geschnürt. Und in einzelnen Stadtvierteln, in vielen kleinen Projekten gelingt auch Großes. Aber legt man die Lupe beiseite und betrachtet das ganze Bild, hat sich wenig geändert. Wann gingen Bürger einmal auf die Straße, um sich darüber zu empören, dass so viele Kinder abgehängt sind? Wo ist der gut vernetzte Verein, der Druck macht, bis es gut ausgestattete Bildungseinrichtungen für alle von Anfang an gibt? Wo ist die konzertierte Aktion der Regierung gegen Chancenarmut? Dabei ist es offensichtlich, was dringend zu tun wäre: herausragende Bildungseinrichtungen für ganz Kleine zum Beispiel, vor allem in den Vierteln, in denen die Armut groß ist. Aber auch: endlich verlässliche Ganztagsgrundschulen, in denen die Kinder nicht am Nachmittag nur betreut werden, sondern in denen alle gemeinsam auch nach zwölf Uhr noch lernen, Sport treiben, musizieren und ein warmes Mittagessen bekommen. Wenn die Bundesländer es weiter nicht schaffen, ihren föderalen Flickenteppich zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzuweben, müsste der Bund die Verantwortung für diese Schulen tragen.

Kommen wir zum Geld: Wie können wir hinnehmen, dass dem Staat ein armes Kind – trotz Mahnungen der Verfassungsrichter – weniger wert ist als ein armer Erwachsener? Dass der Hartz-IV-Regelsatz für einen Zehnjährigen rund 100 Euro im Monat niedriger ist als der seiner Elternteile?

Jeder, der Kinder hat, weiß, dass diese häufiger neue Kleidung brauchen als Erwachsene, dass sie Bücher, Stifte und vor allem: gesundes Essen brauchen. Jeder, der Kinder hat, weiß, dass es ihnen viel schwerer fällt zu verzichten als den Eltern, die ihre Lage begreifen können. Und Verzicht bedeutet nicht, die zum Klischee aufgeblasenen Markenschuhe nicht kaufen zu können, sondern sich all das nicht zu leisten, was die Freunde tun: Schwimmunterricht, Zoobesuche und, wenn es regnet, einen Kinobesuch mit Popcorn.

Es wäre für den Staat einfach, dafür zu sorgen, dass große Familien günstiger wohnen können. Dass kinderreiche Familien – wie etwa in Frankreich – Rabatte bekommen, wenn sie verreisen wollen oder Kleidung und Schulsachen kaufen.

Deutschland investiert viel Geld, um Ehen und Familien zu unterstützen. 200 Milliarden Euro verteilen Behörden pro Jahr an Paare mit und ohne Kinder. Allerdings tun sie das nicht mit der Gießkanne, wie oft kritisiert wird, sondern mit einem außer Kontrolle geratenen Rasensprenger: Er wässert die Wiese vor allem dort, wo sie ohnehin schon sattgrün ist.

Es gibt über 150 Familienleistungen – Elterngeld, Kindergeld, Kita-Zuschuss –, und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung hat gerade erst berechnet, wie sich dieses Geld verteilt. Das Ergebnis war überraschend: 13 Prozent der Fördersumme landen bei den reichsten zehn Prozent der Familien, nur sieben Prozent bei den ärmsten zehn Prozent. Anders ausgedrückt: Ein armes Kind ist dem Staat monatlich im Schnitt 107 Euro wert, ein reiches aber 199 Euro. Ein absurdes System.

Würde der Staat stattdessen jedem Kind, egal wie alt, egal aus welcher Familie, das zahlen, was es zum Leben braucht, wäre das nicht nur ein Zeichen dafür, dass alle Kinder gleich viel wert sind, sondern auch eine wirksame Waffe gegen die Folgen der Armut. Kindergrundsicherung nennen Wissenschaftler das und schlagen vor: 500 Euro sollte jedes Kind pro Monat erhalten.

Das klingt nach Träumerei? Auf gerade mal 30 Milliarden Euro schätzt ein Team der Böll-Stiftung die Mehrkosten pro Jahr. Allein die Abschaffung des Ehegattensplittings würde etwa 20 Milliarden einbringen. Möglich wäre es also. Stattdessen erleben wir seit Jahren diese unwürdige Aufführung aus Armutszahlen, politischem Bedauern und gleichzeitigem Nichtstun. Warum?
Inzwischen habe ich nur eine Erklärung: Am Ende sind Kinder wie Janina, Ercan und Sascha den allermeisten dann doch egal. Klar, es fällt schwer, in die runden Augen zu blicken und zuzuhören, wenn die Kleinen von ihrer Armut erzählen. Selbstverständlich müssen viele schlucken, wenn ihnen klar wird, wie unwahrscheinlich es ist, dass es in diesen Leben, die mit wenig Chancen beginnen, eine Wende zum Guten geben wird.

 Aber spätestens wenn aus den süßen Zehnjährigen laute, manchmal schwierige Teenager geworden sind, wandelt sich das Mitleid vieler in Ablehnung. Sollen sie sich doch mehr anstrengen, höre ich oft. Sollen sie doch sehen, wie sie klarkommen! Binnen weniger Jahre werden aus den Opfern ihrer Lebensumstände Täter.

Das ist nur eine der Strategien, das Gewissen zu besänftigen. Andere ersticken ihr Mitgefühl in abstrakten Debatten, über Armutseinwanderung oder den Armutsadel. Die Milderen haben gerade vor Weihnachten wieder gespendet, immerhin.

Für echte Aufstiegschancen der armen Jungen und Mädchen aber kämpft niemand. Vielleicht, so denke ich manchmal, belügen sich vor allem die Menschen der Mittelschicht selbst. Haben sie wirklich ein Interesse daran, dass die armen Kinder mitmischen beim ohnehin angespannten Wettkampf um Karrierechancen? Oder sind viele Eltern insgeheim froh darüber, dass ein Fünftel der Konkurrenz bereits in der Schule abgehängt ist?

Ein Student, der sich ehrenamtlich um Ercans Bruder kümmerte, hat es mal so formuliert: "Es heißt immer: Kinder sind unsere Zukunft. Aber die Kinder in unserer Siedlung sind damit nicht gemeint."

Da hat er wohl recht. Offenkundig können die Deutschen ganz gut damit leben, dass zwei Millionen Kinder mit wenig Geld und noch weniger Chancen aufwachsen. Was zu tun wäre, liegt auf der Hand: Investitionen in Schulen und Kindergärten, vor allem dort, wo arme Kinder leben, Geld für günstige Wohnungen, eine Kindergrundsicherung, die den Namen verdient.

Bleiben wir weiter untätig, sollten wir zumindest auf die öffentliche Selbstkasteiung verzichten, die quartalsweise mit großer Rhetorik unternommen wird. Was für eine eingeübte Empörung! Wenn die armen Kinder jedes Mal, wenn ihr Schicksal bedauert wird, einen Zehner bekämen – dann zumindest hätten sie noch etwas von dieser billigen Heuchelei.

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Immer noch Optimist #1.4

kurze Geschichte aus meinem Bekanntenkreis:
Michaels Mutter arbeitete als Bardame, Schwester Hartz-4, er selbst ist zeitweise im Heim aufgewachsen - also alles andere gute Voraussetzungen. Mit Willenskraft und Fleiß hat er es zu einem gut bezahlten Jab im Öffentlichen Dienst geschafft.
Ich bewundere ihn dafür. Es kann also klappen...


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  C.H.William #1.5

" Es kann also klappen..."
Eben. Es ist also alles in Ordnung.


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Halbgasfahrer #1.18
[" Es kann also klappen..."]
Ihrem Kommentar mangelt es so fundamental an Empathie, dass mir schlecht wird.


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wawerka #1.10

Hervorragender Kommentar, Sie haben "neoliberal" zutiefst verinnerlicht!  [Bei mir sah's zuerst auch nicht so gut aus, aber dann habe ich im Lotto gewonnen. Ich bewundere mich dafür! Es kann also klappen...] ... es lässt sich schon erahnen, was in diesem Land schiefläuft. "Ich kenne Leute...", "Arbeitsmoral" (Auch bei 4-jährigen? Oder doch erst ab 6?), man möchte Max Liebermann zitieren, wenn man solche Beiträge liest.


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C.H.William #4

"Reichtum ist erblich!"
"Armut auch.*


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zakalakanak #4.2

Stimmt nicht immer, aber oft.


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Professor Deutlich #15

Es wird wieder einmal die "Abschaffung des Ehegattensplittings" als mögliche Finanzierungsquelle genannt. Hier kursieren weitverbreitete Missverständnisse. Dabei ist das Ehegattenspltting keineswegs eine Subvention. Es stellt lediglich Ehepaare, bei denen die Partner verschieden hohe Einkommen haben mit denen gleich, bei denen die Einkommen identisch hoch sind.

Beispiel:

Paar A: Sie 50.000 € , Er 50.000 €
Paar B: Sie 80.000 €, Er 20.000 €

Beide Ehepaare habe also zusammen jeweils 100.000 €.

Das Splitting sorgt dafür, dass beide Paare gleich besteuert werden. Ohne Splitting müsste Paar B wegen der Progression deutlich mehr Steuern zahlen als Paar A.

Für eine unterschiedliche Aufteilung des Einkommenserwerbs in einer Ehe gibt es viele mehr oder weniger gute Gründe: Kinder(!), Krankheit, Qualifikation, Neigung ... Das steueroptimal exakt gleiche Einkommen beider Partner wird wohl nur höchst selten erreichbar sein (vielleicht beim verbeamteten, gesunden Studienratsehepaar mit gleichaltrigen Partnern, aber sonst wohl kaum ...)

Das Splitting sorgt also dafür, dass Ehepaare die interne Aufteilung der Einkommenserwirtschaftung frei gestalten können, ohne dadurch steuerliche Nachteile befürchten zu müssen. Diese Freiheit würde ihnen bei Abschaffung des Splittings genommen werden.

Eine Abschaffung des Splittings würde meiner Ansicht nach die Ehe als rechtliches Institut - mit ihren vielen und weitreichenden gegenseitigen Verpflichtungen - in Frage stellen.


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nach-denklich #15.1

Die betroffenen Familien mit Kinderarmut werden von Ihren Zahlenspielereien nicht profitieren, da deren Familieneinkommen in einer anderen Liga spielt. ...


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E. Freudlos #17

bei 192 € kindergeld im monat und einen blick auf die 7,5 mrd menschen dieser welt von armut zu sprechen, halte ich für vermessen.
das "problem" ist meiner meinung nach kein finanzielles problem auch wenn die autorin das anders sieht.


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Hbinder #19

Bei allem Gejammere über die Kinderarmut in Deutschland: Sie ist und war politisch gewollt! Die verheerenden Hartz-Gesetze zertrümmerten nicht nur den Sozialstaat, führten zu Rentenkürzungen per Anrechnungsbetrug, zu Lohnraub von etwa 20% und zu institutionalisierter Altersarmut.
Vor allem: Kinder und ihre Mütter hatten auf einmal kein Anspruch auf Hilfe in der Not; alles wurde über eine "Einrichtung" abgewickelt, die sich Bedarfsgemeinschaft nennt. Alle "Einnahmen" der Kinder, Mütter und Väter wurden und werden streng kontrolliert und gegengerechnet. Das führte dazu, dass die Kirchengemeinde einem armen Konfirmanden die Konfirmation nicht ausrichten kann ohne dass der Mutter die Sozialhilfe gekürzt wird oder versuchen sie mal armen Kindern die "Nebenausgaben" für Schule zu übernehmen und noch schlimmer, versuchen sie mal per Nachbarschaftshilfe das ins minus gerade Girokonto einer Alleinerziehenden auszugleichen: Die Hartz-IV-Verbrecher haben Einblick in jede Kontobewegung, sehr schnell sind sie mit Kürzungen dabei und wenn es noch mieser läuft mit Bußgeldbescheid.
Die Ausführung der (verbrecherischen) Hartz-IV-Gesetze wird "Jobcenter" überlassen, also nicht Beamten. Diese Jobcenter "wirtschaften" nach Gutsherrenart, mit Sanktionen (Kürzungen unter dem Armutsniveau) die eigentlich unterlassene Hilfeleistungen sind wird ein Klima der Angst erzeugt, dem vor allem Kranke und Behinderte kaum gewachsen sind: Armut macht krank, Jobcenter chronisch krank.


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c0mm0n sense #21

Herkunft ist Zukunft.


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Lampe21
#24  —  vor 1 Stunde 1

Schuldigung, ich bin es leid immer von Kinderarmut zu reden. Schuld ist in den Meisten fällen nicht die Gesellschaft, sondern ganz alleine die Eltern, die Ihren, entschuldigen sie den harten Ausdruck: Ihren Arsch nicht hoch kriegen. Ich rede nicht von Müttern die nach einer Trennung meist kurzfristig in Harz 4 abrutschen oder Menschen die durch Krankheit aus der Bahn geworfen werden.

Man kann auch mit dem Harz 4 Satz ein vernünftiges Leben führen ohne das den Kindern auch nur etwas fehlt. So ist unsere Familie gestärkt aus dem Schicksalsschlag hervorgegangen.

Als erstes haben wir unser Auto verkauft, dann wurde bei einem Bauern vor der Stadt ein Stück Land gepachtet, wo wir unser Gemüse angebaut haben. Dort haben wir als Familie zusammen viel Zeit verbracht und unsere Essen für das Jahr selber angebaut. Im Herbst haben wir Stundenlang in der Küche gestanden und unsere Vorräte für den Winter eingekocht. Ab September haben wir mit Erlaubnis der Besitzer das Fallobst aufgesammelt und eingeweckt. Fleisch und fehlende Speisen haben wir günstig bei den Bauern kaufen können. Sieben Jahre haben wir so gelebt, und ich muß sagen uns hat es an nichts gefehlt, wir konnten ohne zusätzliche Hilfen den Kindern ihre Klassenfahrten bezahlen. Wir sind regelmäßig ins Schwimmbad und Kino gegangen usw.
Also hört auf von Kinderarmut zu sprechen, die meisten Eltern sind schuld, daß es den Kindern schlecht geht und nicht die Gesellschaft!

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wawerka #24.1

Applaus, Applaus. Und was machen die Kinder, die nicht so tüchtige Eltern haben? Die haben dann halt Pech gehabt, richtig? Haben wir als Gesellschaft dann vielleicht eine Verantwortung für diese Kinder? Ach was, bestimmt nicht. Sollten wir uns als Gesellschaft, wenn schon nicht aus menschlichen Überlegungen, sondern aus rein eigenem Interesse vielleicht Gedanken machen, was aus diesen Kindern später wird. ...



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  einervonvieren #24.3

"Schuldigung, ich bin es leid immer von Kinderarmut zu reden. Schuld ist in den Meisten fällen nicht die Gesellschaft, sondern ganz alleine die Eltern..."
Und was kann das Kind dafür?


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Island Monkey #28

So lange es nur eine Minderheit betrifft werden die Deutschen das Meisterhaft ignorieren.


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Uwe Friedel #30

Danke für diesen Artikel. Wir aus Ober- und Mittelschicht profitieren doch von der "Unterschicht", von all den Niedriglöhnern, die die "Drecksarbeit" machen. Gewisse Parteien und Wähler haben kein Interesse, diesen Zustand zu beheben. Demokratie (die ich sehr, sehr schätze!) ist halt immer auch die Diktatur der Mehrheit! Wir sollten unsere "westlichen Werte" nicht nur hochhalten, sondern auch leben. Dazu gehört SOLIDARITÄT. Solidarität von jedem "reichen" Papa, jeder "reichen" Mama mit den Papas und Mamas, die ihren Kindern nicht so viel bieten können. Die Kinder der Mittel- und Oberschicht reisen durch die Welt, in die schönsten Landschaften... die ärmsten sind noch nicht mal auf einen Baum geklettert, weil sie im Concrete Jungle (Betonwüste, Song von Bob Marley) wohnen.


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Robertina
#36  —  vor 1 Stunde 5

Liebe Julia Friedrichs,
vielen Dank für diesen Artikel.
Ich stelle mir vor: Sie tun sich mit anderen Journalistinnen und Journalisten zusammen und bringen in vielen Zeitungen jeden Tag oder mindestens jede Woche bis zur Wahl Reportagen, Hintergründe und Politikerinterviews zu Kinderarmut.
Ich stelle mir vor, die Leserinnen und Leser dieser Reportagen und Berichte schreiben an ihre Bundestagsabgeordneten und fordern, dass das Ende der Kinderarmut in Deutschland DAS Wahlkampthema Nummer 1 werden soll.
Ich stelle mir vor, dass die Parteien beginnen, dies in ihr Wahlprogramm aufzunehmen: Grundabsicherung der Kinder, massive Investitionen in Frühförderung und Spracherwerb, massive Investitionen in Schulen und Schulgebäude, kleine Lerngruppen in den Hauptschulen und Patenschaften starker gesellschaftlicher Akteure für jede Hauptschule, eine 1a Grundausstattung in Computern und im kritischen Umgang mit Computern und Digitalisierung für alle Schulen, radikale Entscheidungen, den Schulen Schulsozialarbeiter*innen, Schulpsycholog*innen und Köche und Köchinnen! für gutes, nicht billiges Essen an die Seite zu stellen. Ein "Erhebt Euch - Empört Euch - Verbessert Euch" Programm mit massiven finanziellen und programmatischen Anreizen für Schulen, sich neu zu erfinden.
Ich stelle mir vor, dass diese Gesellschaft aufhört, sich in rechten Untergangsphantasien zu ergötzen und statt dessen in die Zukunft der nächsten Generationen zu investieren. ...


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benyakov #38

Als Kinder werden wir in eine soziale Umgebung hineingeboren.
Und diese sozialen Umwelten sind sehr vielfältig.
Frau Friedrichs Plädoyer zielt in die Richtung, diese Vielfalt der sozialen Umwelt für Kinder sozusagen weg zu beamen. Ihre Lösung ist mittelschichtszentristisch und entwertet jede soziale Umgebung, die ihrer Norm nicht entspricht als "unwert".

Es schimmert die sozialromantische Bevormundung all der Menschen durch, deren Leben ökonomisch nicht an diesem Mittelschichtideal ausgerichtet ist. Sie entscheidet an der Stelle der natürlichen Eltern, dass das Leben derer Kinder sich an Frau Friedrichs schichtspezifischen Normen auszurichten habe.
Wie bei den frühen Aktionen vor Terre des Hommes stellt sich die Frage, was eigentlich das Kernmotiv ist, geht es um die Kinder oder sind die Kinder nur ein notwendiger Baustein für das eigene innere Wohlbefinden?

Ich war als Kind in mehrfacher Hinsicht von den Kriterien betroffen, die Frau Friedrich für arme Kinder nennt. Ich habe Beschämungen und Kränkungen erfahren. Ich habe aber auch erfahren, wie bedeutsam es für mich war, sozialen Aufstieg durch Leistung zu erreichen. Ich habe es aber, wie viele in einer vergleichbaren Situation, auch erfahren, wie schmerzhaft es ist, dabei seinem Herkunftsmilieu immer fremder zu werden, denn ich blieb immer Kind meiner Eltern.


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Schrdro #42

Aus dem Artikel: "Vielleicht, so denke ich manchmal, belügen sich vor allem die Menschen der Mittelschicht selbst. Haben sie wirklich ein Interesse daran, dass die armen Kinder mitmischen beim ohnehin angespannten Wettkampf um Karrierechancen? Oder sind viele Eltern insgeheim froh darüber, dass ein Fünftel der Konkurrenz bereits in der Schule abgehängt ist?"

Ich denk mal, da ist was dran. Es geht doch schon im Kleinen los: Viele Eltern freuen sich doch ebenso über eine 5 des Nachbarskindes, wie über eine 2 des eigenen Sprösslings. Man mag das bedauern, aber so ticken viele Menschen nun mal. ...


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Krüger Hei richtig Wilhelm #50

Gibt es ein Recht auf Faulheit?Viele Linke aus meinem Bekanntenkreis leben auf Kosten der Fleißigen.


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E_Dantes #50.1

...und viele Reiche leben auf Kosten der Fleißigen...


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unzeit41 #53

Die entscheidenden Sätze des Artikels sind meines Erachtens diese:
„Haben sie (die Menschen der Mittelschicht) wirklich ein Interesse daran, dass die armen Kinder mitmischen beim ohnehin angespannten Wettkampf um Karrierechancen? Oder sind viele Eltern insgeheim froh darüber, dass ein Fünftel der Konkurrenz bereits in der Schule abgehängt ist? (…) Offenkundig können die Deutschen ganz gut damit leben, dass zwei Millionen Kinder mit wenig Geld und noch weniger Chancen aufwachsen.“
Genauso "gut" - und aus genau denselben Gründen - können „sie“ mit den vielen Wohnungslosen, Niedriglöhnern, Altersarmen usw. leben…. Wenn Andere weniger kriegen, kriege "ich" mehr! Und umgekehrt. Die pure Konkurrenzgesellschaft.

Ich arbeite im universitären Milieu, und habe immer wieder einmal Aussagen vernommen, die die obige Haltung widerspiegeln. Es besteht bei manchen offensichtlich kein Interesse daran, alle Menschen an den Chancen der Gesellschaft, an Bildung und materiellem Wohlstand teilhaben zu lassen.

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Namensgebung #53.1

Ich vermute, dass die meisten 'Mittelschichts'-Eltern vor allem froh darüber wären, wenn sich die Bildungschancen ihrer eigenen Kinder nicht durch den Besuch bestimmter Schulen verschlechtern.



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Runkelstoss #53.2

Ich arbeite im universitären Milieu, und habe immer wieder einmal Aussagen vernommen, die die obige Haltung widerspiegeln. Es besteht bei manchen offensichtlich kein Interesse daran, alle Menschen an den Chancen der Gesellschaft, an Bildung und materiellem Wohlstand teilhaben zu lassen.

Richtig beobachtet, allerdings ist die Folgerung nicht ganz richtig. Bei vielen Menschen basiert die eigene Zufriedenheit auf der Wahrnehmung von Unterschieden. Das sagen jedenfalls Sozialpsychologen, ich hab es geschafft und die nicht. Deswegen ist eine Unterschicht sozial so wichtig, damit es Unterscheidungsmerkmale gibt. Fuer die Unterschicht gibt es dann noch Auslaender auf die man herunterschauen kann.

Ganz wichtig ist das Argument, dass die Armen selber schuld sind. In der Zeit von Dickens hat man fehlende Moral dafuer verantwortlich gemacht, heute werden andere Stereotypen verwendet, fett, faul, Kettenraucher, Spielkonsole, Alkohol, usw. usw.


...


Aus: "Jedes 5. Kind ist arm" Julia Friedrichs (19. Januar 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/2017/02/kinderarmut-deutschland-eltern-chancen-sozialpolitik/komplettansicht


Offline Textaris(txt*bot)

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[Armut... (Notizen)]
« Reply #212 on: March 02, 2017, 04:59:35 PM »
Quote
[...] Seit der Wiedervereinigung hat es in Deutschland nicht mehr so viel Armut gegeben: Ein Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes [http://www.der-paritaetische.de/armutsbericht/download-armutsbericht/] und anderen Organisationen beziffert die Armutsquote auf 15,7 Prozent - rund 12,9 Millionen Deutsche sind demnach gefährdet. Vor allem in Berlin und im Ruhrgebiet ist das Armutsrisiko deutlich gestiegen.

Vor zehn Jahren lag die Armutsquote noch bei 14,7 Prozent. Als arm gelten laut Statistischem Bundesamt alle Personen, die in Haushalten leben, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte erzielen. Für ein Paar ohne Kinder setzte der Verband für 2015 beispielsweise als Armutsschwelle 1413 Euro monatlich an.

Nur vier Bundesländer konnten der Studie zufolge ihre Armut abbauen - ausgerechnet solche, denen man es aufgrund ihrer Strukturschwäche kaum zugetraut hätte: Die Armutsquoten von Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und dem Saarland liegen zwar trotzdem noch über dem bundesweiten Durchschnitt, doch ist ein deutlicher Rückgang im Vergleich zu den Vorjahren zu verzeichnen (auf der Website des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes können Sie die Armutsquoten Ihrer Region nachsehen).

Das trifft auch auf die ostdeutschen Bundesländer insgesamt zu. Im Zehn-Jahres-Vergleich konnten sie ihre Armut signifikant abbauen - jedoch auf einem ziemlich hohen Niveau. So stehen insbesondere Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt mit Armutsquoten von über 20 Prozent im Bundesvergleich nach wie vor schlecht da.

In Nordrhein-Westfalen ist die überdurchschnittliche Armutsquote von 17,5 Prozent zumindest nicht weiter gestiegen. Die mit Abstand stärkste Zunahme zeigt das Land Berlin, wo die Quote von 20 auf gleich 22,4 Prozent gestiegen ist. Auch in Thüringen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hessen hat die Armut deutlich zugenommen. Bremen stellt seit Jahren das Schlusslicht dar. Die Armutsquote beträgt dort mittlerweile 24,8 Prozent und jeder vierte Einwohner lebt unter der Armutsschwelle.

Die wohlhabenden Südländer Bayern und Baden-Württemberg heben sich mit Armutsquoten von 11,6 und 11,8 Prozent deutlich positiv von den anderen Ländern ab.

Besonders gefährdet, unter die Armutsgrenze zu fallen, sind dem Bericht zufolge Alleinerziehende. Mit 43,8 Prozent gehören sie neben Erwerbslosen (59 Prozent), Ausländern (33,7 Prozent), Menschen mit niedrigem Qualifikationsniveau (31,5 Prozent), Menschen mit Migrationshintergrund (27,7 Prozent) und Familien mit drei oder mehr Kindern (25,2 Prozent) zu den Risikogruppen.

"Wir haben es wieder mit einem zunehmenden Trend der Armut zu tun", sagte der Verbandsgeschäftsführer Ulrich Schneider. "Die wirtschaftliche Entwicklung schlägt sich schon lange nicht mehr in einem Sinken der Armut nieder."

Vielmehr müsse mit Blick auf die letzten zehn Jahre konstatiert werden, dass wirtschaftlicher Erfolg offensichtlich keinen Einfluss auf die Armutsentwicklung habe, heißt es in dem Bericht. Auch zunehmende Beschäftigungszahlen sorgten nicht für ein geringeres Armutsrisiko.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund hat Kritik an der Studie des Wohlfahrtsverbandes geübt. Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg hält den Armutsbericht für undifferenziert. Es sei "zu pauschal", Menschen mit weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens als arm zu bezeichnen, sagte er in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" vom Freitag.

Diese Einstufung sage nichts über die tatsächliche Situation eines Menschen aus und bedeutete nicht unbedingt, dass die Betroffenen "abgehängt" seien. Als Beispiel nannte er die 2,8 Millionen Studenten: Hunderttausende von ihnen fielen in die umstrittene Armutskategorie, seien aber gesellschaftspolitisch besonders aktiv und sähen sich zu Recht als die zukünftige Leistungselite.

Quote
antelatis 02.03.2017, 13:52
34. Total verwirrend

Also hier bei Spiegel Online wechseln sich ja fast täglich die Beiträge ab, in denen gesagt wird, dass die Armut immer mehr wird und dann wieder, dass es den Menschen besser geht als jemals zuvor und es noch nie so wenig Arbeitslose gab. Was soll man da jetzt glauben? ...


Quote
josch@sapo.pt 02.03.2017, 13:48

28. ... die Wirtschaft floriert, prima! ...


Quote
kaeptn99 02.03.2017, 13:45

23. ... Fakt ist doch: Die Geldmenge ist nicht geringer geworden, die Armut steigt also nicht, weil das Geld "verloren" geht sondern vielmehr, weil es sich woanders befindet. Darüber spricht man dann aber nicht so gern, bedeutet es doch, dass es mehr Armut gibt, weil es mehr Reichtum gibt.

Die populistisch einfache Variante ist: Ein paar Reiche beuten die Gesellschaft aus. Es ist natürlich komplizierter aber im Groben und Ganzen heißt das Ergebnis: Es geht unfair zu in Deutschland.


...


Aus: "Neuer Höchststand: Deutschland wird flächendeckend ärmer" (02.03.2017)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/armutsbericht-in-deutschland-ist-die-armut-auf-neuem-hoechststand-a-1137030.html

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[Armut... (Notizen)]
« Reply #213 on: March 20, 2017, 07:59:53 AM »
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[...] Einer von neun Erdenbürgern - 795 Millionen weltweit - hat heute nicht genug zu essen, meldet das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: Die Zahl der Hungernden ist seit 1990 um 216 Millionen gesunken, obwohl mittlerweile viel mehr Menschen auf der Erde leben als damals. 216 Millionen - das sind mehr als die Einwohner von Brasilien und Griechenland zusammen. Obwohl die Zahl der Notleidenden immer noch ungeheuerlich groß ist, scheint die Welt also zumindest auf dem richtigen Weg zu sein.

Die schrecklichste, tödlichste Form des Hungers ist die flächendeckende Hungersnot. Der letzten großen Katastrophe dieser Art fielen in Somalia 2011 geschätzte 258.000 Menschen zum Opfer, annähernd fünf Prozent der dortigen Bevölkerung. Doch im historischen Vergleich des 20. Jahrhunderts wirken selbst solche Zahlen klein. Seit 1920 starben mehr als 70 Millionen Menschen durch Hungersnöte, wobei fast die Hälfte auf Maos "Großen Sprung" in den Abgrund entfällt, ein weiteres Viertel auf Stalins mörderische Politik der Zwangskollektivierung, vor allem in der heutigen Ukraine und Kasachstan.

Während zwischen 1920 und 1970 global im Schnitt rund 400 von 100.000 Menschen per Dekade in Hungersnöten starben, betrug diese Rate in den Nullerjahren noch 3 pro 100.000. Das stellte schon eine Studie im Jahr 2000 fest. Die Zahlen rund um die Jahrtausendwende haben also bereits Mut gemacht. Und seitdem ist der Hunger in Entwicklungsländern um weitere 29 Prozent zurückgegangen, meldet der Welthunger-Index (WHI), der jährlich herausgegeben wird. Zu dieser Formel gehört der Anteil von Unterernährten und von unterentwickelten oder sogar an Hunger gestorbenen Kindern in der Bevölkerung. Für alle betroffenen Regionen in der Welt gilt: Die Zahlen nehmen ab.

... In allen Weltregionen hat sich die Ernährungssicherheit und die Anzahl Kalorien pro Kopf in den letzten sechzig Jahren enorm verbessert. Obwohl es immer mehr Menschen gibt auf der Welt, gibt es gleichzeitig auch immer mehr Nahrung pro Kopf. Die Uno nennt Hunger das "größte lösbare Problem der Welt".


Aus: "Früher war alles schlechter: Immer mehr Menschen werden satt" Christoph Henrichs und Guido Mingels (19.03.2017)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/immer-mehr-menschen-werden-satt-obwohl-die-weltbevoelkerung-zunimmt-a-1132731.html

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[Armut... (Notizen)]
« Reply #214 on: September 15, 2017, 02:53:34 PM »
Quote
[...] BERLIN AFP | Das Armutsrisiko für Kinder in Deutschland ist einem Bericht zufolge gestiegen. Im Jahr 2015 galten rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche als armutsgefährdet, wie die Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf den „Familienreport 2017“ berichtet, der heute in Berlin vorgestellt wird. Die sogenannte Armutsrisikoquote von unter 18-Jährigen lag demnach 2015 bei 19,7 Prozent – damit lag sie 1,5 Prozentpunkte höher als im Jahr 2010.

Als Grund für den Anstieg nennt der „Familienreport 2017“ zum einen den Zuzug von Kindern aus Migrantenfamilien nach Deutschland. Aber auch Familien, in denen nur der Vater einer Erwerbsarbeit in Vollzeit nachgehe, hätten deutlich weniger Einkommen als solche, in denen auch die Mutter arbeiten gehe.

„Die Chancen von Kindern sind in unserem Land immer noch zu ungleich verteilt“, sagte Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) der Süddeutschen Zeitung. Die Familienpolitik habe in dieser Legislatur zwar viel vorangebracht. Dennoch würden zu viele Kinder von staatlichen Angeboten nicht erreicht. Das beste Mittel, um bestehende Ungerechtigkeiten zu beseitigen, sei „eine gute, verlässliche und kostenfreie Kinderbetreuung“, sagte Barley. Jeder Euro, der in gute Kitas, Ganztagsschulen und Horte investiert werde, zahle sich mehrfach aus.

Dem „Familienreport 2017“ zufolge verdoppelte sich die Zahl nicht-ehelicher Lebensgemeinschaften in den vergangenen 20 Jahren fast auf 843.000, wie die Zeitung weiter berichtet. In den neuen Bundesländern sei nur noch gut jedes zweite Elternpaar verheiratet, in den alten Bundesländern seien es drei von vier.

Die Zahl der Kinder, die nur bei einem Elternteil aufwachsen, ist demnach deutlich gestiegen: von rund 1,9 Millionen im Jahr 1996 auf 2,3 Millionen im Jahr 2016. Neun von zehn Alleinerziehenden sind weiblich, 44 Prozent gelten als armutsgefährdet.

Paarfamilien dagegen tragen nur zu zehn Prozent ein Armutsrisiko. In Paarfamilien mit drei oder mehr Kindern allerdings steigt das Armutsrisiko auf 25 Prozent.

Um die Teilhabechancen für Kinder aus Geringverdienerfamilien zu verbessern, seien gute Ganztagsangebote notwendig, aber auch mehr frühkindliche Betreuung, zitierte die Zeitung aus dem Report. Auch in Migrantenfamilien würden solche Angebote inzwischen besser angenommen. Bei Kindern bis zu drei Jahren stieg die Betreuungsquote hier um sieben Prozentpunkte auf 21 Prozent.

Quote
Hanne, 15.09.2016

... und bald gibt es dann wieder "Wochenkrippen" für die "armen" Kinder der Geringverdiener, damit Mutti und Vati die Woche über auch ordentlich (für weiterhin wenig Geld) der Wirtschaft zur Verfügung stehen können/müssen/sollen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Wochenkrippe



Aus: "Bericht zur Lage von Familien: Armutsrisiko von Kindern steigt" (15. 9. 2017)
Quelle: http://www.taz.de/Bericht-zur-Lage-von-Familien/!5447583/


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[Armut... (Notizen)]
« Reply #215 on: October 17, 2017, 02:16:20 PM »
Quote
[...] Köln - Sie sitzen auf der Domplatte, vor Supermarkt-, Kirchen- und Hauseingängen, bitten mal zurückhaltend, mal aggressiver um ein paar Cents: Bettler sind im Kölner Stadtbild in der jüngeren Vergangenheit offensichtlicher geworden.

Mit Armut in Köln – nicht nur von Bettlern und Obdachlosen, sondern auch von Langzeitarbeitslosen, Frauen mit zu kleiner Rente oder Alleinerziehenden – beschäftigt sich der neue Leitfaden der Caritas „Arm in Köln“. Er widmet sich dem Umgang mit Betteln und Armut, denn: „Armut ist nicht zu übersehen in der Stadt“, sagte Caritas-Vorstand Peter Krücker bei der Vorstellung der Broschüre am Montag im Notel, der Notschlafstelle und Krankenwohnung für obdachlose Drogenabhängige.

Das persönliche Empfinden, dass es mehr Bettler und arme Menschen im Stadtbild gibt, entspreche auch dem Empfinden der Fachleute. Ihnen sei zwar klar, dass die Handreichung keine Armut beseitige, aber sie solle dazu beitragen, diese Not besser zu verstehen und die persönliche Haltung dazu zu überprüfen. „Wir treten dafür ein, bettelnde Menschen nicht zu ignorieren“, sagt Krücker, der den Leitfaden mit dem Sozialdienst Katholischer Männer (SKM), dem Sozialdienst Katholischer Frauen (SkF), der Katholischen Jugendagentur sowie IN VIA und der Bahnhofsmission verfasst hat.

... Peter Krücker schätzt, dass rund 20 Prozent der Kölner Bevölkerung arm sind. Das heißt, jeder fünfte Kölner hat Probleme seine Grundbedürfnisse zu sichern, wie genügend Essen zu haben. Die Ursachen von Armut sind vielfältig: Mietschulden, psychische Störungen, Sucht, der Tod des Lebenspartners. Dass Armut auf den Straßen immer sichtbarer wird – Krücker schätzt, dass es in Köln 3000 bis 5000 Obdachlose gibt – ist indes ein „absolutes Großstadtphänomen“. Dabei sei Betteln immer ein Thema urbaner Gesellschaften gewesen. „Es gehört eben dazu“, sagt er, auch wenn sich die Quantität verändert habe – und die Gesellschaft sei unsicher gegenüber Bettlern geworden.

...


Aus: "Bürger sollen sensibilisiert werden Jeder fünfte Kölner ist arm"  Jennifer Wagner (17.10.2017)
Quelle:  http://www.rundschau-online.de/28602284

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[Hunger & Armut... (Notizen)]
« Reply #216 on: October 25, 2017, 12:13:50 PM »
Quote
[....]  Jahrelang sank die Zahl der Hungernden - nun steigt sie wieder. Allein in Afrika sind 26 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht. In einer Sonderserie beleuchtet die Deutsche Welle die Hintergründe dieser Katastrophe.

Es ist eine dieser Situationen, in denen man erst später realisiert, was eigentlich geschehen ist. Eine Ärztin und eine Krankenschwester beginnen, ein kleines Kind wiederzubeleben. Die Eltern sitzen regungslos am Bettrand. Nach wenigen Minuten gibt die Ärztin die Anweisung, die Wiederbelebungsversuche zu beenden. Ein leises Schluchzen füllt die Stille. Dann ein Schreien. Ein Pfleger trägt eine kleine Trennwand herein und stellt sie vor das Krankenbett. Wie es weiter geht, sehen wir nicht mehr.

Diese Szene in einer Klinik im Norden Kenias war einer der bedrückensten Momente auf unserer Recherchereise in die Hungergebiete Afrikas. Sie macht deutlich, dass es bei den 26 Millionen vom Hungertod bedrohten Menschen nicht um eine abstrakte Zahl geht - und das der Hunger für einige dieser 26 Millionen mehr als eine Bedrohung ist. Das kleine Mädchen in der Klinik in Kenia starb nicht an einer unheilbaren Krankheit oder an den Folgen eines Unfalls. Es starb daran, dass zu lange nichts mehr zu essen bekommen hatte.

Der Zeitpunkt für dieses Rechercheprojekt ist nicht zufällig: Bereits Anfang des Jahres schlugen Hilfsorganisationen Alarm. Eine sich immer weiter ausbreitende Dürre könnte in Afrika und im Jemen eine der schlimmsten Hungersnöte der letzten Jahrzehnte auslösen. Doch bald schon machte die Krise keine Schlagzeilen mehr - obwohl sich die Situation bis heute nicht grundlegend verbessert hat. Allein in den beiden am stärksten betroffenen Ländern, dem Südsudan und Somalia, sind weiterhin mehr als 14 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen.

Was hat zu dieser dramatischen Situation geführt? Die Antwort der Reporter ist eindeutig: Nicht die Natur, sondern der Mensch. Der weltweite Klimawandel, massive Abholzung und einseitige Bodennutzung machen das Leben für Afrikas Kleinbauern immer schwieriger.

Doch die Folgen politischer Konflikte sind weitaus verheerender. In den besondes betroffenen Ländern - von Nigeria über den Südsudan bis nach Somalia - herrschen entweder Bürgerkrieg oder terroristische Organisationen machen ganze Landesteile unsicher. In diesen Ländern erfüllt der Staat seine grundlegenden Aufgaben nicht. Gesundheitsversorgung, Bildung oder Sicherheit sind für viele Bürger ein Fremdwort. Stattdessen bereichert sich eine kleine Elite an den oft beachtlichen Reichtümern.

Trotzdem kamen die Reporterteams auch mit hoffnungsvollen Geschichten zurück. Somalia zum Beispiel hat seit Anfang des Jahres eine neue Regierung - nach mehr als 20 Jahren Bürgerkrieg. Viele Beobachter sind zumindest vorsichtig optimistisch. Und überall trafen die Reporter auf Menschen, die in Ausnahmesituationen über sich hinauswachsen und einfach nicht aufgeben. Der Mensch ist eben nicht nur die Ursache des Hungers, er ist auch die Lösung. ...


Aus: "Afrika - DW Special: Warum Afrika hungert" Jan-Philipp Scholz  (21.10.2017)
Quelle: http://www.dw.com/de/dw-special-warum-afrika-hungert/a-40966100

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[Armut... (Notizen)]
« Reply #217 on: December 21, 2017, 03:00:40 PM »
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[...] Immer mehr Rentner in Deutschland versorgen sich bei Tafeln mit Lebensmitteln. In den letzten zehn Jahren habe sich ihre Zahl verdoppelt, teilte der Bundesverband der Tafeln mit. "Fast jeder vierte Tafelkunde ist mittlerweile Rentner. Das sind in etwa 350.000 Menschen", sagte der Verbandsvorsitzende Jochen Brühl der Neuen Osnabrücker Zeitung. Insgesamt versorgen die rund 900 Tafeln nach eigenen Angaben bis zu 1,5 Millionen Menschen regelmäßig mit Lebensmitteln.

Für den Bundesverband der Tafeln ist die steigende Zahl der hilfebedürftigen Senioren ein Zeichen für die zunehmende Altersarmut. Gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung forderte Brühl von der Politik eine ernsthafte Bekämpfung der Armut. Denn diese sei für ihn ein Nährboden für das Gefühl, abgehängt zu sein, "und damit letztlich auch Wegbereiter des Extremismus". Der Verbandschef kritisierte zudem, dass die Politik sich nur im Wahlkampf für die Tafeln interessiere. Laut ihm werden die Tafeln zukünftig nicht mehr für "schöne Bilder" mit Politikern herhalten.

Auch Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbandes VdK Deutschland, kritisiert die zunehmende Altersarmut. Sie sagte gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung: "Wenn 350.000 Senioren regelmäßig darauf angewiesen sind, bei den Tafeln für kostenlose Lebensmittel anzustehen, dann ist das ein deutlich sichtbares Signal dafür, dass die Altersarmut auf dem Vormarsch ist." Dem Sozialverband zufolge beziehen Ende dieses Jahres rund 522.000 Personen Leistungen der Grundsicherung im Alter. Ende 2006 hatte diese Zahl laut VdK noch bei rund 371.000 gelegen.

Besonders betroffen sind laut Ulrike Mascher Frauen sowie Erwerbsminderungsrentner, die hohe Abschläge auf ihre Rente zahlen müssen. Neben der Lebensmittelversorgung werden auch die hohen Mieten zunehmend ein Problem für viele Rentner. "Wir brauchen eine Kehrtwende in der Wohnungspolitik. Der soziale Wohnungsbau muss oberste Priorität haben", sagte die VdK-Präsidentin. Laut ihr müsse das Rentenniveau auf 50 Prozent angehoben und Kürzungsfaktoren in der Rentenformel abgeschafft werden, "damit die Renten wieder parallel zu den Löhnen steigen". Außerdem verlangte Mascher erneut eine Abschaffung der Abschläge für Erwerbsminderungsrentner sowie einen Freibetrag von monatlich 200 Euro in der Grundsicherung.

Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung stehen die meisten Rentner allerdings relativ gut da. Laut ihren Zahlen erhalten rund 404.000 Personen zusätzliche Leistungen der Grundsicherung im Alter. Ein Sprecher der Rentenversicherung sagte gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung, dass mehr als 97 Prozent der Rentner über mindestens so viel Einkommen verfügen, dass sie keine ergänzende Grundsicherung beziehen müssen. Selbstständige mit oft unstetigen Erwerbsbiografien, Erwerbsgeminderte, Langzeitarbeitslose und Niedrigverdiener haben laut Rentenversicherung ein erhöhtes Armutsrisiko im Alter.



Aus: "Deutlich mehr Rentner versorgen sich bei Tafeln" (21. Dezember 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-12/altersarmut-gesetzliche-rentenversicherung-tafeln-jochen-bruehl

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[Armut... (Notizen)]
« Reply #218 on: May 16, 2018, 12:22:00 PM »
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[...] Porträt Bettina Kenter-Götte hatte als Schauspielerin einen guten Start in die Karriere. Dann wurde sie Mutter. Jetzt legt sie ein Buch über ihr Leben mit Hartz IV vor

... 1951 kam ich zur Welt, in einer Theaterfamilie, zwei Jahre nachdem die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Grundgesetz gegen große Widerstände verankert worden war. Vor mir waren da: der Papà, ein angesehener Regisseur, die Mamà mit meiner älteren Halbschwester, und die Kriegerwitwe, die als Kindermädchen kam und Teil der Familie wurde. Mamà, klug, schön und selbstbestimmt, gab die Schauspielerei auf, um den Künstlerhaushalt zu managen. Für Führerschein und Bankgeschäfte brauchte sie noch die Unterschrift „des Ehemannes“. Theaterleute sind Reisende. Von Wiesbaden zogen wir nach Essen, von Essen nach Stuttgart.

Willy Birgel, Maximilian Schell und Inge Meysel gingen bei uns ein und aus; ich wuchs in den Beruf hinein – und früh hinaus aus dem Elternhaus. Nach dem Abitur – mein Vater war über 70 (die Rente unzulänglich, der „Ehrensold“ schmal, er arbeitete noch) – sollte und wollte ich schnell auf eigene Beine und (damals noch ungewöhnlich) auch ins Ausland. So stand ich schon ein Jahr später auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Zehn gute Berufsjahre folgten; nichts deutete auf ein prekäres Leben hin. Doch dann, 1980, begann eine andere Geschichte, wie Tausende Frauen sie in tausend Varianten erleben.

Wie es dazu kam? Zu jener Zeit bekam eine ledige Frau, ein Fräulein also, noch nicht immer und überall problemlos ein Rezept für „die Pille“. Das war eine Hormonbombe mit üblen Nebenwirkungen, jedoch das Sicherste, denn Männer mischten sich überall ein, nur in Verhütungsfragen nicht. Eine Zeit lang glaubte ich, die Entscheidung zum Überraschungskind sei meine gewesen; später wusste ich: Das Leben hatte schon längst entschieden. Doch ich würde, wie viele andere Frauen, allein sein mit dem Baby. Bald musste ich Rollenangebote absagen: Der Bauch wuchs – und mit ihm die Ängste. Sechs Wochen „Mutterschutz“ würden mich schützen und dazu (neu!) vier Monate „Mutterschaftsurlaub“. Und dann?

Frühjahr 1981: Mit einem süßen Bündelchen Mensch im Arm wandelte ich durch blühende Isarauen – und bald auch durch die nach kaltem Rauch stinkenden Flure des Sozialamts. An Arbeit war nicht zu denken; Schauspielende sind Reisende. Immer im Einsatz. Krippen gab es kaum, und sie hätten mir auch nichts genützt. Singlemamas, sofern nicht vermögend, hatten damals kaum eine andere Wahl, als eine Berufspause einzulegen und Sozialhilfe zu beantragen. Ich war nicht vermögend. Immerhin, ich war sorgeberechtigt; elf Jahre zuvor hätte noch ein „Amtsvormund“ über mich und mein Kind bestimmt, doch jetzt, 1981, kam nur ab und zu die Amtspflegerin vom Jugendamt unangemeldet reingerauscht, um nachzusehen, ob das „uneheliche Kind“ auch ordentlich gewickelt war. Ja klar, als „ledige Mutter“ wurde ich täglich diskriminiert, aber ich hatte keine Zeit, mich zu ärgern; ich hatte genug damit zu tun, beim Amt Heizkosten und Waschmaschinenreparatur zu erstreiten und mein Kind in den Schlaf zu singen.

Auch heute sind 40 Prozent der Alleinerziehenden (zu 90 Prozent Frauen) auf ALG-II-Leistungen angewiesen. (Alimente und Kindergeld werden davon abgezogen.) Nicht Arbeitslose, sondern Singlemütter, „Aufstocker“, KünstlerInnen, Behinderte, Erwerbsgeminderte, pflegende Angehörige, Alte und Kinder bilden den Hauptteil der „Grundgesicherten“ oder „Hartzer“. Die Mütter von damals erhalten nun eine Durchschnittsrente von 600 Euro; Frauen sind noch immer die Deppen der Nation.

Während mein Kind im Kindergarten den Ententanz übte und ich mir beim Ausfüllen von Unterhaltstiteln und Beihilfen einen Tennisarm zuzog, stand die Welt am Rand des Atomkriegs und blieb nur verschont, weil ein Russe einen Befehl verweigerte. Ich begann zu schreiben, bekam einen Preis dafür, und wagte mich, als meine Tochter drei war, wieder auf die Bühne. Bei der Premiere lag das plötzlich erkrankte Kind fiebernd auf einem Kostümhaufen in der Garderobe, die Babysitterin war auf Reisen. Zwischen zwei Auftritten habe ich die kleine Stirn gekühlt, in der Pause Wadenwickel angelegt. Ich gab die Schauspielerei auf.

Nun war ich Mutter – eine andere, ebenso schöne Realität. Sie musste nur finanziert werden. Mit Unterstützung aus der Branche wurde ich Synchronschauspielerin (und sorgte nebenbei dafür, dass – nach Tschernobyl – der Sandkastensand in der Kita ausgewechselt wurde; dabei wurde mir klar, dass wir unsere Kinder vor den ärgsten Gefahren nicht schützen können). München war Synchronhochburg, Studiozeiten lassen sich mit Kita, Hort und Babysitterin abdecken. Ist das Kind krank, lässt Mama Termine und Geld sausen, und sie wird tunlichst nicht selbst krank. Im Lauf der Jahre habe ich vielen Stars meine Stimme geliehen. Joanna Johnson in der Serie Reich und Schön war die Erste in der Reihe.Also gerettet; so schien es. Doch infolge sinkender Honorare, lückenhafter Alimente und der Entmietung durch einen Immobilienhai waren die Lebenshaltungskosten Mitte der 90er Jahre kaum noch zu stemmen. Meine Arbeitszeit betrug oft 80 Wochenstunden. Nicht mitgerechnet das bisschen Haushalt, Muttersein, Organisation und Fortbildung. Inzwischen war ich auch als Synchronbuchautorin gefragt, verfasste deutsche Dialogbücher; die sind wichtig: Sprecher und Sprecherinnen brauchen im Studio eine lippensynchrone Übersetzung des Films, das „Synchronbuch“. Nachdem ich den entsprechenden Gerätepark (Monitor, PC, Fax und Kopierer) gekauft hatte, „checkte“ ich Filme und Serien familienfreundlich daheim im Kellerbüro. Also, mal wieder gerettet. 2002, die Tochter hatte ihr Abi schon in der Tasche und war als Studentin unterwegs, meist im fernen Ausland. Nach der Kirch-Media-Pleite brach die Branche ein. Um der schlechten Auftragslage zu begegnen, wurde ich Teil der Künstlergruppe auf einem Fünf-Sterne-Kreuzfahrtschiff und gelangte so ans Nordkap. Doch dann wurde ich krank. Nach zwei Jahren Kranksein waren meine Rücklagen weg und ich fand mich als „Aufstockerin“ bei Hartz IV und der Armentafel wieder.

Kein Einzelfall. Freie Bühnen- und Medienschaffende haben kaum je Anspruch auf „ALG I“. Und der Schauspielberuf ist teuer. Wiederholungs- und Castinghonorare, Zuschüsse für Fotos und Vorsprechreisen sind längst gestrichen. Kleintheater – wichtige Arbeitgeber für „Freie“ – können selten mehr als 50 Euro pro Vorstellung zahlen; für Probenzeiten, Sozialversicherung und im Krankheitsfall gibt’s da kein Geld. Die Gage für einen Drehtag muss weit mehr abdecken als Tage fürs Textlernen und Wochen oder Monate zwischen zwei Engagements.

Die Kosten für Agentur, doppelte Haushaltsführung, Altersvorsorge, für Porträtfotos, Outfit und Internetpräsenz sind nicht leicht zu stemmen. Frauen – wie immer – trifft es am härtesten. Sie werden – auch hier – schlechter bezahlt als Männer und haben noch weniger zu tun: In jungen Jahren kommen auf eine Frauen- zwei Männerrollen, jenseits der 50 ist das Verhältnis 1:8. Die alte „Arbeitslosenhilfe“ gibt es nicht mehr. Selbst bekannte Fernsehgesichter sind deshalb nun mitunter auf ALG II/Hartz IV angewiesen. Doch Armuts-Outing ist nicht auftragsfördernd, Armut selbst im Kollegenkreis tabu. Manche hungern und frieren, aus Stolz, aus Scham, aus Furcht vorm Amt. Ich ging hin; doch nach elf fehlerhaften Bescheiden, zehn Widersprüchen und einer Sanktion wurde mir klar: Hartz IV bekämpft nicht die Armut, sondern die Armen.

Darüber schrieb ich ein Theaterstück. Und ich nahm, nach 25 Jahren, die Theaterarbeit wieder auf, reiste mit dem Stuttgarter Theater tri-bühne nach Afrika, zu einem Gastspiel am Teatro Avenida in Maputo, Schauplatz eines Romans von Henning Mankell, dem Leiter des Theaters. Das Hartz-Grusical wurde 2011 mit dem Stuttgarter Autorenpreis prämiert. Seither setze ich mich für die Enttabuisierung der Armut ein. Indem ich mich als arm geoutet habe, wollte ich andere ermutigen, das auch zu tun. Wir brauchen (auch!) ein #me-too der Armutsgeschändeten, damit sichtbar wird, wie viele betroffen sind und wie schwer. Was sich ändern muss? Schluss mit Paradise Papers, Cum-Ex, Vorstandsmilliarden, Schluss mit Zwangsverarmung und Armenbashing! Löhne, Renten, Regelsätze rauf, Herz statt Hartz, gut entlohnen statt Sanktionen, Kinder- und Elterngeld auch für die Armen, Anstandsgebot statt Abstandsgebot! Wann begreifen wir endlich, dass jede neue Idee der Hartz-Architekten wieder nur das ist, was der verurteilte Straftäter Peter Hartz über sein eigenes Werk sagte: „Ein Fehler, ein Betrug.“ Kein Schwuler, keine andere Minderheit dürfte mehr so diskriminiert werden wie die Armen. Spahn und Scholz und Co.: Ab zum Hartz-IV- und Tafelpraktikum! Danach hält der Gesundheitsminister ein Kinderfuttergeld von 2,99 pro Tag hoffentlich nicht mehr für ausreichend und gesund.

Selbst für JournalistInnen ist es schwierig, Einblicke in die Realität von Hartz IV zu erhalten. Wer nicht betroffen ist, hat keinen Zutritt zu dieser Schreckenskammer der Gesellschaft – und wer dort ist, verliert die Sprache: Schockstarr kämpfen Betroffene ums tägliche Überleben, wohl wissend, dass kaum jemand ihren Geschichten Glauben schenken würde, denn sie sind fürwahr unglaublich.  ... Selbst schwangere Frauen werden „sanktioniert“. Sie können wegen Stromsperren nach Leistungskürzungen ihren Babys kein Fläschchen mehr warm machen. Ich wollte die unglaublichen Geschichten erzählen und schrieb ein Buch, wie das Alltagsleben mit Heart’s Fear wirklich ist: erniedrigend, bedrohlich, bedrückend, aussichtslos, existenzgefährdend, absurd – und mitunter auch komisch. Während einer „Aufstock“-Phase, nach einer auswärtigen Autorenlesung, musste ich mir das Geld für die Heimfahrt leihen, von einer Zuschauerin.

Das habe ich nicht mehr zu befürchten. Ich bin der Martermühle entronnen, bin wieder gesund, habe gut zu tun und viele Ideen, bekomme inzwischen auch Rente – und vor drei Jahren habe ich geheiratet. Meine kleine Enkelin (damals zwei) hat Blumen gestreut; ihr dabei zuzusehen, an diesem Tag, war für mich ein Triumph der Liebe über eine skrupellose Gesellschaft.

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Lethe | Community


Die Phantasie vieler Menschen reicht nicht an die Realität heran; wo doch, wollen viele trotzdem nicht daran erinnert werden, wie nahe sie selbst dem Abgrund sind. Und ein unentwegtes Trommelfeuers journalistischer Schönfärberei - z.B. durch unreflektierte Übernahme "offizieller" Statistiken und "offiziellen" Sprachgebrauchs - erzeugt eine Distanzschicht, durch die kein Mitgefühl dringt; selbst die Neugierde, zu sehen, was sich hinter der Hochglanzfassade verbirgt, wird unterbunden.


Quote
Richard Zietz | Community

Guter Bericht, direkt von der Freiberufler(innen)-Elendsfront 2018.


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Aus: "„Nichts deutete auf ein prekäres Leben hin“" Bettina Kenter-Götte (Ausgabe 15/2018)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/nichts-deutete-auf-ein-prekaeres-leben-hin