Author Topic: [The Internet as a cultural movement... ]  (Read 16916 times)

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[The Internet as a cultural movement... ]
« on: Juni 08, 2005, 03:03:42 nachm. »
Quote
The mission of the Free Culture movement is to build a bottom-up, participatory structure to society and culture, rather than a top-down, closed, proprietary structure. Through the democratizing power of digital technology and the Internet, we can place the tools of creation and distribution, communication and collaboration, teaching and learning into the hands of the common person -- and with a truly active, connected, informed citizenry, injustice and oppression will slowly but surely vanish from the earth.

We believe that culture should be a two-way affair, about participation, not merely consumption. We will not be content to sit passively at the end of a one-way media tube. With the Internet and other advances, the technology exists for a new paradigm of creation, one where anyone can be an artist, and anyone can succeed, based not on their industry connections, but on their merit.

We refuse to accept a future of digital feudalism where we do not actually own the products we buy, but we are merely granted limited uses of them as long as we pay the rent. We must halt and reverse the recent radical expansion of intellectual property rights, which threaten to reach the point where they trump any and all other rights of the individual and society.

The freedom to build upon the past is necessary for creativity and innovation to thrive. We will use and promote our cultural heritage in the public domain. We will make, share, adapt, and promote open content. We will listen to free music, look at free art, watch free film, and read free books. All the while, we will contribute, discuss, annotate, critique, improve, improvise, remix, mutate, and add yet more ingredients into the free culture soup.

We will help everyone understand the value of our cultural wealth, promoting free software and the open-source model. We will resist repressive legislation which threatens our civil liberties and stifles innovation. We will oppose hardware-level monitoring devices that will prevent users from having control of their own machines and their own data.

We won't allow the content industry to cling to obsolete modes of distribution through bad legislation. We will be active participants in a free culture of connectivity and production, made possible as it never was before by the Internet and digital technology, and we will fight to prevent this new potential from being locked down by corporate and legislative control. If we allow the bottom-up, participatory structure of the Internet to be twisted into a glorified cable TV service -- if we allow the established paradigm of creation and distribution to reassert itself -- then the window of opportunity opened by the Internet will have been closed, and we will have lost something beautiful, revolutionary, and irretrievable.

The future is in our hands; we must build a technological and cultural movement to defend the digital commons.


The "Free Culture Manifesto" (2005)
Source: http://www.freeculture.org/manifesto.php

« Last Edit: Juni 03, 2009, 12:32:55 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[DIE HACKTIVISMO DEKLARATION... ]
« Reply #1 on: Juni 08, 2005, 03:21:07 nachm. »
Quote
Freiheitsbekundungen in Unterstützung eines unzensierten Internets

ERNSTHAFT ALARMIERT dass sich die staatlich geförderte Zensur des Internets mit der Unterstützung einiger transnationalen Grossunternehmen verbreitet,

ZUR GRUNDLAGE NEHMEND die im Artikel 19 der Universellen Deklaration Der Menschenrechte (UDHR) eingeschlossenen Prinzipien und Zwecke, die besagt: "Jeder hat das Recht auf Meinung- und Ausdrucksfreiheit; dieses Recht umfasst die Freiheit, Meinungen ungestört zu vertreten und Informationen und Ideen durch jede Form von Medien zu suchen, zu empfangen, und zu verbreiten, unabhängig von Grenzen", und Artikel 19 der Internationalen Vereinbarung Der Zivilen und Politischen Rechte (ICCPR), die besagt,

   1. Jeder soll das Recht haben, eigene Meinungen ungestört zu vertreten.

   2. Jeder soll das Recht der Ausdrucksfreiheit haben; das Recht soll die Freiheit beinhalten, Informationen und Ideen durch jede Form von Medien zu suchen, zu empfangen, und zu verbreiten, unabhängig von Grenzen, entweder mündlich, in Schrift oder im Druck, in Form von Kunst, oder durch jeglichen anderen Medien seiner Wahl.

   3. Die Ausübung dieser Rechte des §2 dieses Artikels beinhaltet spezielle Aufgaben und Verantwortlichkeiten. Sie kann deshalb bestimmten Beschränkungen unterliegen, die jedoch nur vom Gesetz festgelegt werden sollen, wenn die Notwendigkeit dazu besteht:

         1. Für den Respekt der Rechte und des Ansehens Anderer;

         2. Für den Schutz der nationalen Sicherheit oder der allgemeinen Ordnung oder des allgemeinen Gesundheitswesens oder der Moral 

SICH DARAN ERINNERND, dass einige Mitgliedsstaaten der Vereinigten Nationen die ICCPR unterschrieben, oder in solch einer Weise ratifiziert haben, dass sie verhindern, dass ihre Bürger sie in einem öffentlichen Gericht zu verwenden

DIES IN BETRACHT GEZOGEN, fahren solche Mitgliedsstaaten fort, weitreichenden Zugriff zu legal veröffentlichten Informationen über das Internet, absichtlich zu unterdrücken, trotz der klaren Sprache des ICCPR, dass die freie Meinungsäusserung in allen Medien existiert,

ZUR KENNTNIS NEHMEND, dass einige transnationale Grossunternehmen damit fortfahren, ihre Informationstechnologie an die repressivsten Staaten der Welt zu verkaufen, wobei sie sich vollständig der Tatsache im Klaren sind, dass diese benutzt werden wird, um bereits unterdrückte Bürger zu Überwachen und zu Kontrollieren,

IN BETRACHT ZIEHEND, dass das Internet schnell zu einer Methode der Unterdrückung heranwächst, statt zu einem Instrumen der Befreiung,

BEDENKEND, dass es in einigen Ländern ein Verbrechen ist, das Recht einzufordern, Zugriff auf legal veröffentlichte Informationen zu nehmen, und andere grundliegende Menschenrechte

ERINNERND daran, dass Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen es nicht fertiggebracht haben, genug Druck auszuüben, um die schlimmsten Verletzer der Informationsrechtezu einem höheren Standard zu bringen,

AUFMERKSAM dahingehend, dass das Verweigern von Zugriff auf Information zu einer spirituellen, intellektuellen und wirtschaftlichen Abnahme führen könnte, zur Förderung von Rassismus, und zur Destabilisierung der internationalen Ordnung,

BESORGT, dass Regierungen und Transnationale hinter verschlossenen Türen an der Beibehaltung des Status Quo beteiligt sind,

ERNSTHAFT ALARMIERT dass Weltführer es nicht geschafft haben, das Thema der Informationsrechte direkt und unzweideutig anzusprechen,

DIE WICHTIGKEIT ANERKENNEND gegen menschenrechtlichen Missbrauch zu kämpfen im Bezug auf angemessenen Zugriff auf Information im Internet

SIND WIR DAHER ÜBERZEUGT, dass die internationale Hackergemeinschaft eine moralische Verpflichtung hat, zu handeln, und wir

ERKLÄREN HIERMIT:

    DASS DER VOLLE RESPEKT FÜR MENSCHLICHE RECHTE UND GRUNDLEGENDE FREIHEITEN DIE FREIHEIT DES FAIREN UND ANGEMESSENEN ZUGRIFFS ZU DEN INFORMATIONEN, OB DURCH KURZWELLENRADIO, LUFTPOST, EINFACHE TELEPHONIE, DAS GLOBALE INTERNET ODER ANDERE MEDIEN, BEINHALTET.

    DASS WIR DAS RECHT VON REGIERUNGEN ERKENNEN, DIE PUBLIKATION ENTSPRECHEND KATEGORISIERTER STAATSGEHEIMNISSE, KINDERPORNOGRAPHIE, UND ANGELEGENHEITEN PERSÖNLICHER PRIVATSPHERE ZU VERBIETEN, NEBEN ANDEREN AKZEPTIERTEN BESCHRÄNKUNGEN. WIR LEHNEN ABER DEN GEBRAUCH VON STAATSGEWALT UM ZUGRIFF AUF DIE ARBEITEN DER KRITIER, DER INTELLEKTUELLEN, DER KÜNSTLER, ODER DER RELIGIÖSEN FIGUREN ZU KONTROLLIEREN, AB.

    DASS STAATLICH GEFÖRDERTE ZENSUR DES INTERNETS FRIEDLICHE UND ZIVILISIERTE KOEXISTENZ ERODIERT, DIE AUSÜBUNG VON DEMOKRATIE BEEINFLUSST, UND DIE SOZIOÖKONIMSCHE ENTWICKLUNG VON NATIONEN GEFÄHRDET.

    DASS STAATLICH GEFÖRDERTE ZENSUR DES INTERNETS EINE ERNSTHAFTE FORM ORGANISIERTER UND SYSTEMATISCHER GEWALT GEGEN BÜRGER IST, MIT DER ABSICHT, VERWIRRUNG UND FREMDENANGST ZU ERZEUGEN, UND EINE EINDEUTIGER VERTRAUENSBRUCH IST.

    DASS WIR MITTEL UND WEGE ZUR UMGEHUNG DER STAATLICHEN ZENSUR DES INTERNETS STUDIEREN WERDEN, UND TECHNOLOGIEN EINFÜHREN WERDEN, UM VERLETZUNGEN VON INFORMATIONSRECHTEN GEGENÜBERZUTRETEN.


Herausgegeben am 4. Juli 2001 von Hacktivismo and dem CULT OF THE DEAD COW.

Source: http://www.hacktivismo.com/public/declarations/de.php (german)
Source: http://www.hacktivismo.com/public/declarations/en.php (english)


« Last Edit: Juni 07, 2007, 10:07:54 nachm. by lemonhorse »

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[Der Virus der Freiheit... (Internetdebatten)]
« Reply #2 on: April 24, 2007, 09:51:39 vorm. »
Quote
Als Reaktion auf den "Telecommunication Reform Act" der US-amerikanischen Regierung hat der amerikanische Autor, Bürgerrechtler und einer der Gründer der "Electronic Frontier Foundation" John Perry Barlow Anfang Februar seine "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace" verfaßt. Die Internetgemeinde hatte die Reform der Clinton-Administration wegen der in ihr angelegten Zensurvorgaben kritisch aufgenommen; die "Blue Ribbon Campaign" ist nur eine ihrer Reaktionen. ...

Quote
[...] Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Laßt uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr.

Wir besitzen keine gewählte Regierung, und wir werden wohl auch nie eine bekommen - und so wende ich mich mit keiner größeren Autorität an Euch als der, mit der die Freiheit selber spricht. Ich erkläre den globalen sozialen Raum, den wir errichten, als gänzlich unabhängig von der Tyrannei, die Ihr über uns auszuüben anstrebt. Ihr habt hier kein moralisches Recht zu regieren noch besitzt Ihr Methoden, es zu erzwingen, die wir zu befürchten hätten.

Regierungen leiten Ihre gerechte Macht von der Zustimmung der Regierten ab. Unsere habt Ihr nicht erbeten, geschweige denn erhalten. Wir haben Euch nicht eingeladen. Ihr kennt weder uns noch unsere Welt. Der Cyberspace liegt nicht innerhalb Eurer Hoheitsgebiete. Glaubt nicht, Ihr könntet ihn gestalten, als wäre er ein öffentliches Projekt. Ihr könnt es nicht. Der Cyberspace ist ein natürliches Gebilde und wächst durch unsere kollektiven Handlungen.

Ihr habt Euch nicht an unseren großartigen und verbindenden Auseinandersetzungen beteiligt, und Ihr habt auch nicht den Reichtum unserer Marktplätze hervorgebracht. Ihr kennt weder unsere Kultur noch unsere Ethik oder die ungeschriebenen Regeln, die unsere Gesellschaft besser ordnen als dies irgendeine Eurer Bestimmungen vermöchte.

Ihr sprecht von Problemen, die wir haben, aber die nur Ihr lösen könnt. Das dient Eurer Invasion in unser Reich als Legitimation. Viele dieser Probleme existieren gar nicht. Ob es sich aber um echte oder um nur scheinbare Konflikte handelt - wir werden sie lokalisieren und mit unseren Mitteln angehen. Wir schreiben unseren eigenen Gesellschaftsvertrag. Unsere Regierungsweise wird sich in Übereinstimmung mit den Bedingungen unserer Welt entwickeln, nicht Eurer. Unsere Welt ist anders.

Der Cyberspace besteht aus Beziehungen, Transaktionen und dem Denken selbst, positioniert wie eine stehende Welle im Netz der Kommunikation. Unsere Welt ist überall und nirgends, und sie ist nicht dort, wo Körper leben.

Wir erschaffen eine Welt, die alle betreten können ohne Bevorzugung oder Vorurteil bezüglich Rasse, Wohlstand, militärischer Macht und Herkunft.

Wir erschaffen eine Welt, in der jeder Einzelnen an jedem Ort seine oder ihre Überzeugungen ausdrücken darf, wie individuell sie auch sind, ohne Angst davor, im Schweigen der Konformität aufgehen zu müssen.

Eure Rechtsvorstellungen von Eigentum, Redefreiheit, Persönlichkeit, Freizügigkeit und Kontext treffen auf uns nicht zu. Sie alle basieren auf der Gegenständlichkeit der materiellen Welt. Es gibt im Cyberspace keine Materie.

Unsere persönlichen Identitäten haben keine Körper, so daß wir im Gegensatz zu Euch nicht durch physische Gewalt reglementiert werden können. Wir glauben daran, daß unsere Regierungsweise sich aus der Ethik, dem aufgeklärten Selbstinteresse und dem Gemeinschaftswohl eigenständig entwickeln wird. Unsere Identitäten werden möglicherweise über die Zuständigkeitsbereiche vieler Eurer Rechtssprechungen verteilt sein. Das einzige Gesetz, das alle unsere entstehenden Kulturen grundsätzlch anerkennen werden, ist die Goldene Regel. Wir hoffen, auf dieser Basis in der Lage zu sein, für jeden einzelnen Fall eine angemessene Lösung zu finden. Auf keinen Fall werden wir Lösungen akzeptieren, die Ihr uns aufzudrängen versucht.

In den Vereinigten Staaten habt Ihr mit dem "Telecommunications Reform Act" gerade ein Gesetz geschaffen, das Eure eigene Verfassung herabwürdigt und die Träume von Jefferson, Washington, Mill, Madison, Tocqueville und Brandeis beleidigt. Diese Träume müssen nun in uns wiedergeboren werden.

Ihr erschreckt Euch vor Euren eigenen Kindern, weil sie Eingeborene einer Welt sind, in der Ihr stets Einwanderer bleiben werdet. Weil Ihr sie fürchtet, übertragt Ihr auf Eure Bürokratien die elterliche Verantwortung, die Ihr zu feige seid, selber auszüben. In unserer Welt sind alle Gefühle und Ausdrucksformen der Humanität Teile einer umfassenden und weltumspannenden Konversation der Bits. Wir können die Luft, die uns erstickt, von der nicht trennen, die unsere Flügel emporhebt.

In China, Deutschland, Frankreich, Rußland, Singapur, Italien und den USA versucht Ihr, den Virus der Freiheit abzuwehren, indem Ihr Wachposten an den Grenzen des Cyberspace postiert. Sie werden die Seuche für eine Weile eindämmen können, aber sie werden ohnmächtig sein in einer Welt, die schon bald von digitalen Medien umspannt sein wird.

Eure in steigendem Maße obsolet werdenden Informationsindustrien möchten sich selbst am Leben erhalten, indem sie - in Amerika und anderswo - Gesetze vorschlagen, die noch die Rede selbst weltweit als Besitz definieren. Diese Gesetze würden Ideen als nur ein weiteres industrielles Produkt erklären, nicht ehrenhafter als Rohmetall. In unserer Welt darf alles, was der menschliche Geist erschafft, kostenfrei unendlich reproduziert und distribuiert werden. Die globale Übermittlung von Gedanken ist nicht länger auf Eure Fabriken angewiesen.

Die zunehmenden feindlichen und kolonialen Maßnahmen versetzen uns in die Lage früherer Verteidiger von Freiheit und Selbstbestimmung, die die Autoritäten ferner und unwissender Mächte zurückweisen mußten. Wir müssen unser virtuelles Selbst Eurer Souveränität gegenüber als immun erklären, selbst wenn unsere Körper weiterhin Euren Regeln unterliegen. Wir werden uns über den gesamten Planeten ausbreiten, auf daß keiner unsere Gedanken mehr einsperren kann.

Wir werden im Cyberspace eine Zivilisation des Geistes erschaffen. Möge sie humaner und gerechter sein als die Welt, die Eure Regierungen bislang errichteten.

John Perry Barlow

Davos, Schweiz

8. Februar 1996

(Deutsch von Stefan Münker)



Aus: "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace"
1996 veröffentlichte der Cyberpionier Barlow seinen Aufruf für eine "neue Heimat des Geistes"
Quelle: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/1/1028/1.html


A Declaration of the Independence of Cyberspace
by John Perry Barlow February 8, 1996
#2 http://homes.eff.org/~barlow/Declaration-Final.html

« Last Edit: Juni 03, 2009, 01:46:39 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Odysseus goes CyberSpace... (Joachim Paul)]
« Reply #3 on: April 24, 2007, 10:16:29 vorm. »
Quote
[...] Betrachtet man das Datennetz auf der einen und unsere Voraussetzungen auf der anderen Seite einmal nüchtern ohne die rock’n-roll-revolutions-romantischen Attitüden von Gibson und Barlow, dann muß folgendes festgehalten werden: Die bisherige elektromagnetische Welt von Radio und Fernsehen kennt - aus technischen Gründen - wenige Sender und viele Empfänger. Das Internet ist grundsätzlich anders. Zum ersten Mal in der Geschichte verfügen wir mit dem "CyberSpace" über ein Medium, kein unidirektionales Massenmedium, das für jeden  Teilnehmer Senden und/oder Empfangen zuläßt, und das über beliebige geographische Entfernungen. Durchaus im kybernetischen Sinne ist hier die althergebrachte (Medien-) Hierarchie durchbrochen.

[...] Das weltweite multimediale Datenlabyrinth ist gleichzeitig Generiertes und Generierendes für den modernen Odysseus. Es ist eine babylonische Säkularisierungsmaschine und kann uns uns selbst und einander näher bringen, der (schmerzhafte) Königsweg zu einer (vielleicht) planetarischen Zivilisation. Seine normative Kraft liegt im Entnormierenden. Erst dann würde eine Geschichte der Menschheit als Ganzes überhaupt erst anfangen.

Oder, um mit dem Kybernetiker Heinz von Foerster zu sprechen: "Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir entscheiden."

Ja, es braucht Mut, ein Odysseus zu sein.


Aus: "Odysseus goes CyberSpace, zur Genese eines Modewortes" von Joachim Paul (1998)
Quelle: http://www.vordenker.de/cspace/cspace.htm

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[They call this system "permission culture"... ]
« Reply #4 on: November 24, 2007, 10:09:13 nachm. »
Quote
The free culture movement is a social movement that promotes the freedom to distribute and modify creative works, using the Internet as well as other media.

The movement objects to overly restrictive copyright laws, or completely reject the concepts of copyright and intellectual property, which many members of the movement also argue hinder creativity. They call this system "permission culture".

...


Free Culture movement (11/2007)
http://en.wikipedia.org/wiki/Free_Culture_movement


-.-


This PDF version of Free Culture is licensed
under a Creative Commons license. This license permits
non-commercial use of this work

http://www.free-culture.cc/freeculture.pdf



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[Zur Mediennutzung... ]
« Reply #5 on: November 25, 2008, 10:00:44 vorm. »
Quote
[...] Schrift ist eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit. Sie wird heute als Medium zur Kommunikation und als eine Technologie zur Weitergabe und Archivierung von Wissen verstanden. Schriftsysteme sind autonom an vielen Orten der Welt entstanden. Archaische Vorstufen unserer Buchstaben bzw. Alphabetschrift finden sich in Höhlen- und Wandmalereien aus dem Paläolithikum sowie in Form von prähistorischen Kerb- und Zählzeichen in Holz, Stein und Knochen bzw. als Einritzungen auf Kultgegenständen. Zeichensysteme für Zahlen und Zahlenbegriffe sind in der Geschichte der Menschheit schon bereits 30.000 bis 25.000 v.Chr. zu finden.


[...] Der Prototypograph Johannes Gutenberg aus Mainz erfand zwischen 1449/50 und 1457 die Typographie, den mechanischen Buchdruck mit beweglichen Lettern. Er revolutionierte damit grundlegend den bis dahin 6500jährigen elitären Schriftgebrauch. Durch seine Typographie wurde die Schrifttechnologie demokratisiert; denn von nun an konnten Gedanken und Wissen maschinell reproduziert werden, was einen radikalen multidisziplinären Strukturwandel zur Folge hatte, der alle westeuropäischen Zivilisationen innerhalb kürzester Zeit nachhaltig veränderte.

[...] Zu Beginn der dritten Computer-Generation (1965–1975) etablierten sich in den USA im Zuge der Büroautomatisation die ersten Textverarbeitungssysteme und professionellen Schreibautomaten, beispielsweise die von An Wang.

[...] 1975 eroberte der erste » Micro-Computer « (Mini-Rechner – Pendant zu einem Großrechner), der » Altair 8800 « von Edvard Roberts (Micro Instrumentation and Telemetry Systems), den US-Markt. Dieser erstmals für jedermann erschwingliche Rechner-Bausatz löste in den USA und insbesondere in Kalifornien eine Computereuphorie aus, die u.a. dazu führte, dass ab Mitte der 70er Jahre in Santa Clara Valley (Kalifornien, USA), dem späteren Silicon Valley, aus dem Micro-Computer der » Personal Computer (PC) « entstand. Zu den populären Protagonisten dieses universell einsetzbaren » PCs « zählten beispielsweise William Henry Gates und Paul Allen (Micro-Soft, heute Microsoft ®), Steven Paul Jobs und Stephen Wozniak (Apple ® Computer Company) sowie die Entwickler Douglas Engelbart (Stanford Research Institute) und Alan Kay (Palo Alto Research Center, Xerox ® PARC).

Im Mai 1979 errichteten sieben amerikanische Universitäten in Kooperation mit der » National Science Foundation « (NSF), basierend auf dem militärischen » ARPANet « (Advanced Research Projects Agency) von J.C.R. Licklider und Douglas C. Engelbart, ein eigenes ziviles Datennetz, das » CSNet « (Computer Science Network), um Textdaten auszutauschen.


[...] Das letzte Jahrhundert zeichnete sich insbesondere dadurch aus, dass Visionäre neue und bahnbrechende Methoden und Bandbreiten zur Übermittlung von Schrift erschlossen. Insbesondere die von der » Silicon-Valley-Community « realisierte Technologie eines individuell einsetzbaren Mini-Rechners und die damit verbundene digitale Schriftlichkeit revolutionierten und demokratisierten die gesamte Typographie und die über 7000jährige Schriftgeschichte in nicht einmal zwei Jahrzehnten. Neue Betrachtungsweisen, Gestaltungskriterien und Disziplinen entstanden. Die Schrift verließ die traditionellen Trägermaterialen und eroberte den virtuellen Raum.

[...]


Aus: "Westeuropäische Schriftgeschichte | Westliche Schrift- und Typographieentwicklung : Lexikon der Typographie"
von Wolfgang Beinert (Aufsatz zuletzt bearbeitet am 03.11.2008)
Quelle: http://www.typolexikon.de/s/schriftgeschichte.html



-.-

Quote
[...] Mit Mediennutzung bezeichnet man den Konsum von Medienangeboten insbesondere der Massenmedien. Sie ist Thema der Publikums- bzw. Rezipientenforschung.

[...] Nach der Studie Massenkommunikation [2], im Auftrag von ARD und ZDF erstellt, stieg der Medienkonsum zwischen 2000 und 2005 um fast 90 Minuten auf zehn Stunden täglich. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes betrug die Mediennutzung im Bundesdurchschnitt 2001 ca. 120 Minuten.[1] Das Internet und die Tageszeitung dienen vor allem als Informationsmedien, das Fernsehen als Informations- und Unterhaltungsmedium und das Radio als Tagesbegleiter und „Stimmungsmodulator“.

Nach TimeBudget 12, einer Langzeitstudie zur Mediennutzung[3] von SevenOne Media (ProSiebenSat1) ist das Internet 2005 mit einem täglichen Nutzungsdurchschnitt von 59 Minuten zum drittwichtigsten Medium aufgestiegen (1999: 9 Minuten). DSL-Nutzer (116 Min.) führen demnach vor ISDN- (45 Min.) und Modemnutzern (41 Min.). Sie führen auch bei der Nutzung von E-Commerce, Banking, Auktionen, Webradio und Onlinespielen. Das Internet ist der Studie erste Wahl bei der Suche nach Reiseinformationen. Bei Gesundheitsinformationen stieg der Wert von 3 (1999) auf 16 Prozent (2005).

Die Mediennutzung der Kinder in Deutschland hängt stark von Geschlecht, Schicht, Migrationsstatus und Herkunftsregion ab und kann negative Auswirkungen auf die Schullaufbahn haben.[4] Langzeitstudien zufolge kann ein zeitlich sehr umfassender Konsum von Fernsehsendungen im Vorschulalter zu Aggressivität und asozialem Verhalten im Grundschulalter führen, wenn es sich um Sendungen mit gewalttätigen Darstellungen handelt; diese Auswirkungen wurden aber nur bei Jungen beobachtet.[5]


 Quellen:
   1. ↑ Wilbur Schramm, The nature of news. in: Journalism Quarterly 26. (1949) S.259-269; Grundfragen der Kommunikationsforschung, München 1970
   2. ↑ Massenkommunikation, Studie i.A. ARD/ZDF
   3. ↑ TimeBudget 12 (PDF), Langzeitstudie zur Mediennutzung von SevenOne Media (ProSiebenSat1) und Sonderanalyse zur Cebit 2006
   4. ↑ Christian Pfeiffer et al.: Die PISA-Verlierer - Opfer des Medienkonsums, KFN Hannover. Online auch hier abrufbar (PDF)
   5. ↑ Dimitri A. Christakis, Frederick J. Zimmerman: Violent Television Viewing During Preschool Is Associated With Antisocial Behavior During School Age (Pediatrics, Vol. 120 Nr. 5., November 2007, S. 993–999, doi:10.1542/peds.2006-3244) und Jeffrey G. Johnson u.a.: Television Viewing and Aggressive Behavior During Adolescence and Adulthood (PDF), Science Magazine, 29. Mai 2002. Beide zitiert nach: Intensiver Konsum von Gewalt im Fernsehen führt im späteren Kindesalter zu Aggressivität und asozialem Verhalten. In: Forum Gesundheitspolitik. Abgerufen am 28. Juni 2008.



Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Mediennutzung (12. November 2008)

-.-

Quote
[...] Die Mediengeschichte ist ein Teilgebiet der Medien- und Kommunikationswissenschaft. Die Mediengeschichte kann unter den vier Gesichtspunkten einer Programm-, Organisations-, Technikgeschichte oder Rezipientenforschung betrachtet werden.


Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Mediengeschichte (18. November 2008)


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[2000 Personen nach ihren Mediengewohnheiten befragt... ]
« Reply #6 on: November 25, 2008, 10:11:55 vorm. »
Quote
[...] Das Internet scheint allgegenwärtig zu sein – und dennoch geht mehr als die Hälfte der Deutschen privat nie online. Das ergab eine Repräsentativbefragung der Stiftung für Zukunftsfragen der British-American Tobacco (B.A.T.) aus Hamburg. Demnach sind 58 Prozent der Bundesbürger im Alter ab 14 Jahren "Nichtnutzer/Verweigerer", und nur 42 Prozent surfen mindestens einmal pro Woche im Netz. Mit 37 Prozent ist der Anteil der Bundesbürger, die mindestens einmal pro Woche ein Buch in die Hand nehmen, nur unwesentlich geringer als jener der Netznutzer. Für die Studie wurden 2000 Personen nach ihren Mediengewohnheiten befragt.

Die Internetnutzung ist weiterhin eine Frage des Alters und der Schulbildung: Der Anteil der Internetnutzer mit gymnasialer Bildung ist nach den Ergebnissen der Umfrage mit 62 Prozent mehr als doppelt so hoch wie bei den Hauptschulabsolventen, unter denen der Anteil 28 Prozent beträgt. Hauptschulabsolventen favorisieren beim Medienkonsum zu 95 Prozent das Fernsehen, während die PC-Nutzung mit einem Anteil von 29 Prozent der Nennungen weiterhin ein Schattendasein führt.

Unter den Menschen im Alter ab 55 Jahren sind 83 Prozent "Netz-Muffel" und "PC-Verweigerer", teilt die Stiftung weiter mit. Ihr wissenschaftlicher Leiter Professor Horst W. Opaschowski erläutert: "Privat liegen die meisten Bundesbürger lieber vor dem Fernseher auf der faulen Haut. Alles braucht seine Zeit – die Zukunft der Informationsgesellschaft auch: Die euphorische Prognose der Medienbranche 'Web frisst Fernsehen' kann weiterhin auf den St. Nimmerleinstag verschoben werden."

Diese Ansicht vertrat Opaschowski bereits vor fünf Jahren. Nun ergänzt der Wissenschaftler, die Medienrevolution stoße zunehmend an ihre eigenen Grenzen. "Immer mehr Fernseh- und Radioprogramme, neue Computeranwendungen und Internetseiten sowie mehr Handytarife und Videospiele lassen beim Verbraucher das Gefühl aufkommen, überrollt zu werden. Sie finden sich im Angebotsdschungel kaum zurecht und bleiben beim Altbekannten: Sie konsumieren lieber passive TV-Angebote, als nach Feierabend wirklich aktiv zu werden."

Quote
24. November 2008 14:01
95% des Fernsehens ist Abfall
Foundation (129 Beiträge seit 15.06.01)

...ist ja fast nur noch tittytainment.

- Comedy bis zum Erbrechen
- Reality-Shows mit negativem IQ
- Mutantenstadl
- dopingverseuchter Sport
- der Müll wird noch durch Werbung oder Produktplacement gestreckt.
Das ist wie verdünntes Oettinger
- seit Einstellung der Muppetshow ging´s bergab
- der einziges Lichtblick ist noch das c`t Magazin

Da ist mir das Netz lieber....

Quote
24. November 2008 15:08
99% des Internets ist Abfall
langer_sebi (45 Beiträge seit 14.10.08)

Langsam nervt mich dieses ständige Heruntermachen des Fernsehens und
Erhöhung des Internets. Bei Themen wie Fernsehen, GEZ,
Conputerspielesucht, Onlinesucht... kommen hier ständig Antworten wie
"Fernsehen ist geistiges Gift", "Ich habe keinen fernseher und bin
stolz drauf", "Onlinesucht ist besser als Fernsehsucht", "früher
nannte man sowas Bücherwurm" (zum Thema Spiele/Online-Sucht).

Ich vertrete jetzt mal hart die Gegenposition: Das Internet ist
schlimmer als alle bisherigen Medien! Ich sage das als beinahe
betroffener - als Internetsucht würde ich mein Verhalten noch nicht
beschreiben (ich kann auch ohne, ist halt mehr Flucht...), aber für
mich kann ich sagen, dass das Suchpotential, die Flucht vor der
Wirklichkeit, das Abhängen von Zeit vor dem Bilfdschirm stärker ist
als bei Fernsehen, Musik oder Büchern.

Möglicherweise kucken heute vor allem junge Leute weniger Fern, und
verbringen dafür mehr Zeit im Internet. Geht mir genauso (ich bin
übrigens 26), aber ich uterm Strich verbringe ich unterm Strich mehr
Zeit vorm Bildschirm. Zwar ist das dann antelig mehr ein
Computerbildschirm als ein Fernseher, aber es ändert nichts daran.
Heute kommt es sehr oft vor, dass ich mich frage "Was habe ich
überhaupt sinnvolles gemacht?" Das "Zeitverschwenden" in einem
solchen Umfang wäre für mich früher gar nicht möglich gewesen, da
Bücher, Zeitschriften, Musik, Fernsehen... eher langweilig werden.
Die ganzen Dinge, die oft als so positiv beim Internet genannt
werden, nämlich Interaktiviät, sozialer Austausch, individuell das
kucken, was mich interessiert, es gibt imme was neues... sorgen
gerade dafür, dass man sich darin verliert. Wie ist es ohne Internet?
- Ich lese morgens Zeitung. Das lasse ich mir nicht nehmen. Aber die
habe ich dann auch durch, und gut ist. Und mache dann was anderes
- Fernsehen. Ja, da kommt viel Müll. Aber gerade deshalb, häng ich da
auch nicht viel vor. Weil es langweilig ist. Oder ich mache
wenigstens irgendwas anderes dabei, z.B. Essen, aufräumen... Bzw.
mache ich es eben gezielt an, wenn ich es kucken will, und nicht
einfach.
- Zeitschriften. lese ich gerne, habe die c't im Abo. Das reicht
eigentlich zur Infromationsbeschaffung, aktueller muss es nicht sein,
ich vebringe aber nicht Stunden damit, die c't zu lesen.
- Romane. Die können fesseln, aber die hat man dann auch irgendwann
durch und hat das Gefühl, etwas "erlebt" zu haben. Die
"Realitätsflucht" mag da sogar größer sein als beim Internet, abe da
ist sie einem auch bewusst, und irgendwann legt man das Buch weg. Es
kann einen gar nicht komplett einnehmen, weil es zu eindimensional
ist.

Das Internet dagegen führt dazu, dass ich es anmache, wenn ich nach
Hause komme. Erstmal Mails checken etc. Und in Foren kucken. Dann in
die Komemnatre zu themen kucken. Das Gefühl, zu gewissen Dingen
unbedingt, was sagen zu müssen, also mach ich es auch. Anschließend
die Seite nochmal aktualisieren, ob es nicht doch noch was neues
gibt. Gleichzeitg muss ich aber ja auch was machen, z.B. fürs Studium
was recherchiene. OK, mach ich gleich noch, erstmal was anderes. Ach
da, auch noch ein interessanter Link... hmm... wie war das noch mal
da und damit? Ich kuck mal in der Wikipedia nach... lalala... Man
kann immer anfangen, immer was machen, aber am Ende macht man nur
sinnlosen Kram, der ja vermeintlich "intelligent" und "aktiv" ist.
Und ich rede hier sogar von wirklich intelligeneren Inhalten, und
noch nicht ml vom ganzen Müll, den es auch noch im Netz zuhauf gibt.
Und irgendwie ist es ja auch "real", nicht so eine Realitäsflucht,
wie das Lesen eine Fantasy-Romans. Aber gerade deshalb ist das so
kritisch, weil es Aktivität und Realität vorgaukelt. Im Endeffekt
gehe ich wesentlich ausgeglichener ins Bett, wenn ich mit meiner
Mitbewohnerin gemeinsam Supernanny gekuckt habe (mit mehreren ist
Trash_TV ganz witzig), als wnn ich stattdessen hier im Heise-Forum
irgendwelches News und Kommentare gelesen und selber verfasst hätte.
Ja, Supernanny hat mich intelektuell nicht weitergebracht. Aber das
Internet auch nicht, das hat mich eher aufgeregt und vereinsamt. Die
ganzen Online-News sind im Grunde völlig redundat, Zeitschriften und
Zeitungen reichen. Und warum muss man überall seine MEinug zu
abgeben? Und warum lese ich das auch noch? Und verspüre auch noch den
Drang, zu antworten, irgendwelchen fremden Menschen? Und rein
körperlich ist es schon übel, ich sitze auf einem Bürostuhl, bin
innerlich eher aktiv/angespannt, körperlich weder aktiv, noch
wirklich entspannt.

Klar, jetzt könnt ihr sagen "das ist dein Problem, wenn du mit dem
Internet nicht klar kommst, aber das Netz selbst ist nicht schuld".
Das ist aber auch etwas vereinfacht gesagt. Das Internet ist anders,
als alle bisherigen Medien, und hat für mehr Leute Suchtpotential.
Also Ich habe das Gefühl, dass ich seit dem Intert insgesamt in der
"Wirklichkeit" passiver geworden bin, als zu den Zeiten, als ich
vielleicht noch etwas mehr fern gesehen habe, dafür es aber kein
Internet gab.


Quote
24. November 2008 22:49
Re: 95% des Fernsehens ist Abfall
Knut Kristan Weber, Knut Kristan Weber (57 Beiträge seit 07.06.00)


> - Comedy bis zum Erbrechen
> - Reality-Shows mit negativem IQ
> - Mutantenstadl
> - dopingverseuchter Sport
> - der Müll wird noch durch Werbung oder Produktplacement gestreckt.
> Das ist wie verdünntes Oettinger
> - seit Einstellung der Muppetshow ging´s bergab
> - der einziges Lichtblick ist noch das c`t Magazin

Ja, Samstags im Briefkasten.
Sonntags Spiegel TV, das war´s mit Fernsehen für die Woche. Ab und an
mal Nachrichten im Fernsehen, aber immer weniger. Ich höhre im Auto
morgens und abends Deutschlandradio. Da dauert ein einzelnes
Interview länger als die gesamten Nachrichten im TV zur prime time.
Ich kann den unreflektieren und sinnentstellt zusammengekürzten
3-Sätze-Salat nicht mehr ertragen.



Quote
24. November 2008 20:26
Traue keiner Statistik ...
demosthenes_01 (158 Beiträge seit 20.12.07)

Moin,

> Diese Ansicht vertrat Opaschowski bereits vor fünf Jahren. Nun ergänzt der
> Wissenschaftler, die Medienrevolution stoße zunehmend an ihre eigenen Grenzen.
> "Immer mehr Fernseh- und Radioprogramme, neue Computeranwendungen und
> Internetseiten sowie mehr Handytarife und Videospiele lassen beim Verbraucher
> das Gefühl aufkommen, überrollt zu werden. Sie finden sich im Angebotsdschungel
> kaum zurecht und bleiben beim Altbekannten: Sie konsumieren lieber passive
> TV-Angebote, als nach Feierabend wirklich aktiv zu werden."

Irgendwie kommt bei mir der Verdacht auf, daß da wieder eine Studie
lief um die eigene Meinung zu bestätigen.

Wenn ich mich mal in meinem Bekanntenumfeld umschauen sind da 100%
Internetnutzer - selbst meine Eltern (grade erst Rentner geworden)
surfen täglich. Ich frage mich echt, wo die Zielgruppe ausgewählt
wurde.

Das bei den jüngeren Semestern kaum noch Bücher gelesen werden hatte
ich schon befürchtet ;-).

Gruß, Demosthenes


Quote
24. November 2008 18:54
... 80% von denen sagen nicht die Wahrheit,
Antikommunistischer Drachentöter (568 Beiträge seit 23.10.08)

und 90% aller Umfragen sind genauso sinn- wie wertlos.

"Repräsentativ" sind diese paar tausend Personen nicht.


Quote
24. November 2008 20:43
Brithish American Tobacco
Urisk, Kai Schmidt (18 Beiträge seit 18.03.06)

Soso, eine Repräsentativumfrage. Ich soll also einer Statistik
glauben (sei es nun wichtig oder nicht), die von einem Konzern
angefertigt wurde, der Jahrzehnte lang in zusammenarbeit mit seinen
Partnern in Übersee "Studien" vorgelegt hat, die die völlige
Ungefährlichkeit von Tabakrauch "belegt" haben? Ganz grosses Kino. :D



Aus: "Umfrage: 58 Prozent der Deutschen gehen privat nie online" (24.11.2008)
Quelle: http://www.heise.de/newsticker/Umfrage-58-Prozent-der-Deutschen-gehen-privat-nie-online--/meldung/119330


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[Zur deutschen Internet-Debatte... ]
« Reply #7 on: Juni 03, 2009, 12:11:22 nachm. »
Quote
[...] Kinderpornographie, herkömmliche Pornographie, Computerspiele, Filesharing, usw.: Das alles wird in einem ZEIT-Artikel in einen Topf geworfen und sogenannten “Cyberpropheten” mit anarchistischem Anspruch als ihre Welt, die sie um jeden Preis verteidigen, angedichtet. Ein exemplarischer Artikel für eine vor Seichtheit und Demagogie triefende Debatte in Deutschland, welche in nächster Zeit wohl noch stark zunehmen wird.

...


Aus: "Die unerträgliche Seichtigkeit der deutschen Internet-Debatte" Marcel Weiss (29. Mai 2009)
Quelle: http://netzwertig.com/2009/05/29/die-unertraegliche-seichtigkeit-der-deutschen-internet-debatte/

-.-

Quote
[...] Es ist ein Kulturkampf, der sich da abzeichnet, unerbittlich und emotional, ein Clash von analoger und digitaler Zivilisation, in dem technische Innovation, kulturelles Unbehagen und politische Ratlosigkeit zusammenschießen. [...] Erstaunlich ist nicht, dass dieser Kulturkampf jetzt losbricht. Erstaunlich ist in Wahrheit, dass er so lange auf sich warten lassen hat.

[...] Dort lebt und blüht der Mythos vom freien Internet, und die Feindbilder sind klar. Auf der einen Seite stehen die »konservativen Neophobiker, also jene, die irgendwie finden, dass ohne dieses Netz alles besser, überschaubarer, gemütlicher war«, wie gerade erst wieder Constanze Kurz, die Sprecherin des Chaos Computer Club, in der taz geschrieben hat, und auf der anderen Seite stehen jene, »die auf inkompetent-bösartige Einmischung in ihren Lebensraum empfindlich reagieren«.

Inkompetenz und Bösartigkeit: Wer so auf die Welt außerhalb des eigenen »Lebensraumes« schaut, dem muss notwendig auch die Durchsetzung des Rechts sofort wie »Zensur« erscheinen. Der muss Internetsperren gegen Kinderpornografie schon ablehnen, lange bevor feststeht, welche Wirkung sie entfalten. Der sieht überall Mauern hochgehen, »chinesische Verhältnisse« aufziehen: »Große Teile des Internets werden abgeriegelt«, prophezeit Thomas Hoeren, Professor für Medienrecht in Münster, einer der schärfsten Kritiker der Internetsperren. Wirklich »große Teile«? Und wäre das so schlimm, wenn es just die Bereiche träfe, in denen Kinderpornografie getauscht, Rassenhass verbreitet, zu Anschlägen aufgerufen wird? Gibt es ein Grundrecht auf freien Zugang zu Vergewaltigungsbildern, Terrorvideos oder Nazipropaganda?

Aber die Ideologie der Freiheit immunisiert nicht nur gegen Kritik und Kontrolle. Sie wirkt auch nach innen, ins Netz selbst. Sie verstärkt die antibürgerliche Gravitation des Internets. Sie hat dort die zivilisatorischen Schwellen gesenkt, die im alltäglichen Miteinander der realen Welt selbstverständlich sind. Sie befeuert den rauen Umgangston, die Regellosigkeit der Sprache, die Wurschtigkeit des Denkens. Und sie fördert die anarchische Grundstimmung des Cyberspace, die verbreitete Neigung zur Gesetzlosigkeit.

[...] Nun könnte man die lärmende Ablehnung jeder staatlichen Regulierung und Rechtsdurchsetzung vielleicht sogar als romantische Utopie belächeln, wenn die Ideologen der Freiheit gelegentlich einmal selbst einen Gedanken darauf verwenden würden, wie sich der Missbrauch des Mediums eindämmen ließe. Wie sich das Netz eigene Strukturen und Mechanismen schaffen könnte, die Kinderschänder und Hassprediger zu verdrängen helfen. Sechs deutsche Kinderrechtsorganisationen haben gerade erst »an alle Internetexperten« appelliert, »ihr Wissen zu nutzen, um die besten Wege zu finden. Alle, die sich jetzt gegen das Sperren von kinderpornografischem Material im Internet aussprechen, sind aufgefordert, an konkreten Lösungen mitzuarbeiten.«

[...] Nein, es geht nicht darum, Mauern und Sperren zu errichten gegen den ungefilterten Fluss von Informationen, Ideen, Meinungen. Es drohen weder Zensur noch »chinesische Verhältnisse«. Es geht darum, die Debatte um das Internet zu entideologisieren und das Netz als einen Raum zurückzuerobern, in dem die Geltung des Rechts so selbstverständlich akzeptiert wird wie im richtigen Leben. In dem die Achtung der Menschenwürde nicht hinter der Freiheit des Stärkeren zurücktreten muss.

Die letzten Experten, die sich lauthals auf ihre Kompetenz berufen und jede regulierende Einmischung ahnungsloser Politiker in »ihren Lebensraum« empört zurückgewiesen haben, waren die Finanzjongleure der globalisierten Kapitalmärkte. Auch sie operierten mit magischen mathematischen Formeln, auch sie verachteten die kleinkarierten Politiker und fühlten sich über das Recht erhaben. Die Folgen trägt gerade die ganze Welt.

Quote

Quote
Shismar »
29.05.2009 um 11:17

Alle Vorurteile in einen Topf

kräftig umrühren und fertig ist die Suppe der Ignoranz.

Es gibt keinen Kulturkampf, weil für einen Kampf braucht es zwei, und die Nutzer und Beitragenden zum Internet haben keinen Grund zu kämpfen. An der Gültigkeit von gesetzlichen Regeln im Internet zweifelt auch kaum jemand. Dass es sich beim Internet um einen rechtsfreien Raum handeln solle, ist eine klassische Behauptung der Gegner des Internets. Was Unrecht ist bleibt auch im Internet Unrecht und wird durch bestehende Gesetze abgedeckt.

Also, runter vom Sockel, und rein ins Internet.

P.S.: Wer Filesharing und Plattenklau in einen Topf wirft, sollte sich mal mit der Ökonomie öffentlicher Güter und den Grundlagen des Urherberrechts vertraut machen ...



Quote
sünnerklaas »
29.05.2009 um 11:33

Unerträgliche Heuchelei

Ich habe selten einen heuchlerischeren Artikel gelesen. Unter dem Schlagwort 'Kinderpornographie' wird Stimmung gemacht - dabei geht es dem Autoren (...):

Zitat:

So wie im Netz eine Gratismentalität herrscht, eine Kultur des Jetzt und Gleich und Kostenlos...

Hier verrät er sich... Es geht ihm nicht um Recht und Gesetz und den Schutz von Kindern vor Missbrauch, nein, es geht ihm um Geld. Erbärmlich.

Übrigens: zum Halten heuchlerischer Predigten ist die Kirche da.
(...entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und formulieren Sie Ihre Kritik sachlich, wie es andere User tun. Die Redaktion/jk)


Quote
Lodda »
29.05.2009 um 11:35

Schwarz und Weiß

[...] Also ich muss schon sagen, einen derart schwarz-weiß gezeichneten Artikel habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Dem Autor zufolge ist man also entweder ein konservativer, wohlgesinnter Verfechter von Recht und Ordnung, der gegen die zunehmende Verrohung und Abstumpfung der Kinderquäler und Raubkopierer vorgeht, oder einer derjenigen Kriminellen, die dem Rechtsstaate schon lange ihre kalte, gesetzeslose Schulter zuwenden. Hm, ich frage mich gerade, mit welcher Seite ich mich da eigentlich identifizieren soll? In Zeiten von populistischen Wahlkampfparolen und Schnellschusspolitik scheint mir ein solcher Artikel, der eigentlich nichts zur Debatte um die aktuellen Probleme beiträgt (Internetsperren, Tauschbörsen usw.) in die völlig falsche Richtung zu zielen, denn er bringt zwei augenscheinlich strikt polarisierbare Seiten gegeneinander auf, ohne dabei ein angemessenen Maß an Trennschärfe an den Tag zu legen.

Übertragen wir den Artikel auf ein konkretes Fallbeispiel wie die Diskussion um die Internetsperren, tauchen wie immer die alten, unzureichenden und schlichtweg falschen Argumente auf:

1. Das Internet sei ein "rechtsfreier Raum"

2. Die Gegner der Zensur seien potentielle Kindervergewaltiger ("erniedrigter, gequälter, vergewaltigter Kinder", danke für diese aufschlussreiche Ausführlichkeit)

3. Neue, schärfere Gesetze und der Kurs in Richtung einer verfassungsfeindlichen Rechtssprechung könnten die Welt vor diesen Schuften und Banditen schützen, wenn nicht gar von ihnen befreien (der Hinweis auf die Finanzkrise ist mir auch nach zweimaligem Lesen noch nicht klar geworden...)

Wenn das nicht mal der ignorante Legitimationsversuch einer netzfeindlichen Kaste der selbsternannten Retter und Bewahrer des Guten ist, dann weiß ich auch nicht. Wo sind hier eigentlich die schlauen, kritischen Autorinnen und Autoren? Viele meiner Freundinnen und Freunde - einige davon hochqualifizierte und unterbezahlte Akademiker - sind arbeitslos und schreiben auch keine Zeitungsartikel, obwohl sie alle mindestens doppelt so viel Reflexionsvermögen aufweisen. Aber graues Reflektieren und schwarz-weißes Polarisieren sind ja noch nie gut miteinander ausgekommen.

Was wir brauchen ist eine neue Medienkompetenz, keine unbrauchbare Panikmache. Die hat nämlich - das zeigt die Mediengeschichte mit aller Deutlichkeit - noch zu keinem Zeitpunkt (vgl. die Diskussionen zum Buch, zum TV oder zum Computer) etwas Produktives in die Debatte einfließen lassen - obwohl sie aufgrund ihrer Schlichtheit bestens für Stammtischdiskussionen und eine Politik der Ahnungslosen geeignet ist.


Quote
saxonia »
29.05.2009 um 11:46

Viele Unterzeichner der

Viele Unterzeichner der Petition gegen Internetzensur, zu denen ich selber auch gehöre, sind mehr an Recht und Rechtstaatlichkeit interessiert als die Befürworter von Sperren glauben machen wollen.

Ich fasse einmal zusammen, was im Gesetzentwurf derzeit vorgesehen ist:

* Sperren werden von der Polizei angeordnet. Einen richterlichen Beschluss dafür muss es nicht geben.

* Welche Seiten gesperrt werden, wird geheimgehalten.

* Es ist nicht vorgesehen, dass der Betreiber einer gesperrten Seite von der Sperrung informiert wird.

* Es ist kein Weg definiert, wie der Betreiber einer Website juristisch gegen eine widerrechtlich erfolgte Sperre vorgehen kann.

* Es ist im Gesetzentwurf nicht beschrieben, wie eine gesperrte Website wieder aus den Sperrlisten zu entfernen ist, wenn der Grund für die Sperrung nicht mehr vorliegt oder die Sperrung widerrechtlich angeordnet wurde.

* Es ist nach derzeitigem Stand vorgesehen, nicht nur die inkriminierten Webseiten, sondern ganze Rechner, auf denen diese liegen, zu sperren. Das führt auch dazu, dass völlig legale Internet-Angebote nicht mehr zugreifbar sind. In der Vergangenheit traf eine solche Sperre bereits einmal den großen niederländischen Server xs4all, auf dem neben Tausenden legalen Webseiten auch die Online-Ausgabe der in Deutschland verbotenen Zeitschrift "Radikal" lagen.

Wem also rechtsstaatliche Prinzipien (wie die Möglichkeit, gegen staatliche Verfügungen gerichtlich vorgehen zu können) am Herz liegen, der kann gerade kein Befürworter des gegenwärtigen Gesetzesentwurfs zur Internet-Sperre sein. ...



Quote
blurred »
29.05.2009 um 11:56

Der Autor ist tatsächlich ziemlich ahnungslos.

Zitat : Ihr seid bloß alt, ausgetrocknet, ahnungslos!

Ahnungslos dürfte stimmen.

Welches Recht soll denn bitte zur Anwendung kommen ?

Deutsches Recht, US-amerikanisches, chinesisches, iranisches Recht ?

Das Internet ist global - und genau das ist das entscheidende Wesensmerkmal des Internets. Nationales Recht durchsetzen zu wollen, heisst Filter und Zensur - und zerstört die Struktur des Internets.

Der Rest des Art ist die übliche verschwurbelte Mischung verschiedenster Punkte, die wenig zu einem sachlichen Diskurs beitragen.

Oder was hat die von Gier und Unfähigkeit angefeuerte Bankenkrise mit einem freien Internet zu tun ?

PS:
Bei den Amerikaner heisst "Keine Zensur" tatsächlich "Keine Zenur" - das verwurschtelte deutsche Verständnis von "Keine Zensur" dürfte dort auf wenig Gegenliebe treffen.



Quote
A. Friend »
29.05.2009 um 17:53

"Unterirdisch"

Sehr geehrter Herr Wefing,

darf ich Ihnen ans Herz legen, mal die Bedeutung des Begriffes "journalistische Recherche" nachzuschlagen? Ihr Artikel enthält leider nur Meinungsmache, anstatt fundiert nachzufragen!

Ich zitiere mal:
"Sechs deutsche Kinderrechtsorganisationen haben gerade erst »an alle Internetexperten« appelliert, »ihr Wissen zu nutzen, um die besten Wege zu finden. Alle, die sich jetzt gegen das Sperren von kinderpornografischem Material im Internet aussprechen, sind aufgefordert, an konkreten Lösungen mitzuarbeiten."

Falls es Ihnen entgangen ist: Es gab bereits zwei Projekte, Websites mit kinderpornographischen Inhalten vom Netz zu nehmen. Eine konkrete Lösung, die ja lt. Frau von der Leyen angeblich nicht durchführbar ist.

Ergebnisse: Dem Verein "Carechild e.V." gelang es, 16 solcher Websites löschen zu lassen. Und erst vor einigen Tagen hat der "Arbeitskreis gegen Internetsperren und Zensur" innerhalb von nur 12 Stunden 60 Kinderporno-Sites löschen lassen.

Das zeigt wohl eindeutig, daß hier eine konkrete Lösungen vorliegt und darauf wartet, umgesetzt zu werden. Vielleicht sollten Sie mal ihr Augenmerk darauf richten, warum diese Lösung partout nicht von unseren Politikern akzeptiert wird?



Quote
Oliver76 »
29.05.2009 um 18:08

Nehmen wir doch mal an, das

Nehmen wir doch mal an, das Internet wäre eine Fußgängerzone mit folgenden Gesetzen:

* Sobald sie die Fußgängerzone betreten, protokolieren Beamte
1. in welches Geschäft Sie gehen [1]
2. was Sie sich dort angesehen haben [1]
3. mit wem Sie wo kommuniziert haben [1]
4. wie lang das Gespräch gedauert hat [1]
5. am liebsten auch noch, worüber Sie mit wem gesprochen haben [2]
* Die Polizei darf Ihnen jederzeit Ihre Tasche stehlen, durchsuchen und Ihr Tagebuch lesen [3]
* Die Polizei führt Listen mit Schaufenstern, die sie für nicht "adäquat" hält. Diese Geschäfte werden nicht geschlossen, stattdessen klappt ein großes Stopschild hinunter, sobald Sie am Schaufenster stehen bleiben. In diesem Moment haben Sie sich schon strafbar gemacht. Ob Sie dorthin geschickt wurden oder freiwillig hingegangen sind, spielt keine Rolle. [4]
* Diese Maßnahmen werden noch verschärft, sobald
1. Sie sich etwas ansehen, was vielleicht nicht ganz politisch korrekt ist [5]
2. jemand mit Ihnen spricht, der sich verdächtig gemacht hat [2]
* Wenn sie gegen die Maßnahmen protestieren, werden Sie behandelt wie als wären Sie
1. potentiell pädophil
2. evtl. linksradikaler Gewälttäter
3. auf jeden Fall ein Ladendieb

Alle Maßnahmen sind natürlich geheim und Sie erfahren wahrscheinlich nichts darüber. Dazu gelten natürlich alle Rechte und Pflichten, die auch im normalen Leben gelten. Jetzt bitte nochmal Herr Wefing: Möchten Sie diese Zustände in Ihrer Innenstadt haben oder sind sie mit dem normalem "rechtsfreiem Raum" einverstanden?

[1] Vorratsdatenspeicherung
[2] BKA-Gesetz
[3] Online-Durchsuchung
[4] Gesetz zur Bekämpfung der Kinderpornografie in Kommunikationsnetzen
[5] neues Staatsschutzrecht




...




Aus: "Was darf das Internet? - Wider die Ideologen des Internets!"
Von Heinrich Wefing (DIE ZEIT, 28.05.2009 Nr. 23)
Quelle: http://www.zeit.de/2009/23/Internet-Grenze?page=all

-.-


[...]


Quote
[...] Und man stelle sich vor, eine Regierung versuchte heute, kurz vor einer Bundestagswahl, noch schnell ein Gesetz durchzupeitschen, das Folgendes vorsieht: Jedes Druckwerk, das in Deutschland erscheint, jede Zeitung, jedes Buch und jedes Flugblatt, muss künftig dem BKA zur Beurteilung vorgelegt werden. Das erstellt dann Listen mit Druckwerken, die zu übel sind, um publiziert zu werden. Geheime Listen.

Das Land wäre in Aufruhr.

Der Vergleich mag polemisch klingen, er ist es aber nicht. Dem BKA die Zensorenrolle zu verweigern, ist ein zutiefst demokratischer Wunsch, einer, der dem Geist des eben mit viel Pomp gefeierten Grundgesetzes voll und ganz entspricht. Diejenigen, die nun als "Ideologen" diffamiert werden, denen der Bundeswirtschaftsminister unterstellt, dass sie sich "gegen die Sperrung von kinderpornografischen Inhalten sträuben", sind mehrheitlich keineswegs für Cyber-Anarchie. Sie sind für Freiheit und für die in der Verfassung garantierten Bürgerrechte, für Gewaltenteilung, für Checks and Balances.

Verfassungsprinzipien im Netz?

Demokratische Verfassungen werden nicht unter der Annahme gemacht, dass Menschen im Zweifel das Richtige tun werden, dass Politiker und Polizisten ja im Grunde gute Menschen sind und deshalb schon nichts schiefgehen wird. Sie sind konstruiert, um auch Fällen widerstehen zu können, in denen etwas nicht so läuft, wie man sich das als rechtschaffener Bürger wünscht.

Deshalb dürfen Polizisten keine Verbrecher verurteilen, deshalb unterliegen Geheimdienste der Kontrolle des Parlaments und deshalb entscheiden Polizeibehörden in Demokratien nicht, was publiziert werden darf und was nicht. Die Tatsache, dass genau dieser zentrale Punkt jeder demokratischen Verfassung bei der nun geplanten Gesetzesänderung übergangen wurde, sagt einiges über die Sorglosigkeit, mit der deutsche Politiker vorgehen, wenn es um Verfassungsprinzipien an einer Stelle geht, die sie und ihre Wähler nicht sonderlich zu interessieren scheint: im Internet. Das erinnert an Gesetzentwürfe zur Vorratsdatenspeicherung und der sogenannten Online-Durchsuchung, die auch das Verfassungsgericht in Karlsruhe beschäftigten oder noch beschäftigen.

Dass die Unterzeichner der Petition gegen das Filtergesetz es wagen, Vernunft und Bürgerrechte sogar unter dem Risiko, als Päderastenfreunde gebrandmarkt zu werden, zu verteidigen, ist eine Entwicklung, die es eigentlich zu feiern gälte. Hier setzen sich Menschen für sinnvolle Gesetze und demokratische Grundprinzipien ein, teils schamloser öffentlicher Diffamierung zum Trotz. Das passt besser zum 60. Geburtstag des Grundgesetzes als jede Sonntagsrede.

Und es ist für Deutschlands politische Klasse ein Vorgeschmack auf das, was noch kommt: Die digitalen Einheimischen haben begonnen sich einzumischen.


Aus: "STREIT UM INTERNET-FILTER: Die Generation C64 schlägt zurück" Von Christian Stöcker  (02. Juni 2009)
Quelle: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,628017,00.html

« Last Edit: Juni 03, 2009, 02:50:39 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Techno-Utopianism... ]
« Reply #8 on: Juni 03, 2009, 04:45:59 nachm. »
Quote
[...] A movement of techno-utopianism began to flourish again in the dot-com culture of the 1990s, particularly in the West Coast of the United States, especially based around Silicon Valley. The Californian Ideology was a set of beliefs combining bohemian and anti-authoritarian attitudes from the counterculture of the 1960s with techno-utopianism and support for libertarian economic policies. It was reflected in, reported on, and even actively promoted in the pages of Wired magazine, which was founded in San Francisco in 1993 and served for a number years as the "bible" of its adherents.[3][4][5]

This form of techno-utopianism reflected a belief that technological change revolutionizes human affairs, and that digital technology in particular - of which the Internet was but a modest harbinger - would increase personal freedom by freeing the individual from the rigid embrace of bureaucratic big government. "Self-empowered knowledge workers" would render traditional hierarchies redundant; digital communications would allow them to escape the modern city, an "obsolete remnant of the industrial age".[3][4][5]

Its adherents claim it transcended conventional "right/left" distinctions in politics by rendering politics obsolete. However, techno-utopianism disproportionately attracted adherents from the libertarian right end of the political spectrum. Therefore, techno-utopians often have a distaste of government regulation and a belief in the superiority of the free market system. Prominent "oracles" of techno-utopianism included George Gilder and Kevin Kelly, an editor of Wired who also published several books.[3][4][5]

During the late 1990s dot-com boom, when the speculative bubble gave rise to claims that an era of "permanent prosperity" had arrived, techno-utopianism flourished, typically among the small percentage of the population who were employees of Internet startups and/or owned large quantities of high-tech stocks. With the subsequent crash, many of these dot com techno-utopians had to rein in some of their beliefs in the face of the clear return of traditional economic reality.[4][5]

In the late 1990s and especially during the 2000s decade, technorealism and techno-progressivism are stances that have risen among advocates of technological change as critical alternatives to techno-utopianism.[6][7]



Principles

Bernard Gendron, a professor of philosophy at the University of Wisconsin-Milwaukee, defines the four principles of modern technological utopians as follows:[8]

   1. We are presently undergoing a (postindustrial) revolution in technology;
   2. In the postindustrial age, technological growth will be sustained (at least);
   3. In the postindustrial age, technological growth will lead to the end of economic scarcity;
   4. The elimination of economic scarcity will lead to the elimination of every major social evil.



Criticism

Critics claim that techno-utopianism's identification of social progress with scientific progress is a form of positivism and scientism. Critics of modern libertarian techno-utopianism point out that it tends to focus on "government interference" while dismissing the positive effects of the regulation of business. They also point out that it has little to say about the environmental impact of technology and that its ideas have little relevance for much of the rest of the world that are still relatively quite poor (see global digital divide).[3][4][5]

...

   1. ^ a b c Hughes, James (2004). Citizen Cyborg: Why Democratic Societies Must Respond to the Redesigned Human of the Future. Westview Press. ISBN 0-8133-4198-1.

   2. ^ Haller, Mark Eugenics: Hereditarian attitudes in American thought (New Brunswick, NJ: Rutgers University Press, 1963)

   3. ^ a b c d Borsook, Paulina (1996). Cyberselfishness. http://www.motherjones.com/news/feature/1996/07/borsook.html?welcome=true. Retrieved on 2007-02-06.

   4. ^ a b c d e Borsook, Pauline (2000). Cyberselfish: A Critical Romp Through the Terribly Libertarian Culture of High-Tech. PublicAffairs. ISBN 1-891620-78-9.

   5. ^ a b c d e Barbrook, Richard; Cameron, Andy (2000). The California Ideology. http://www.hrc.wmin.ac.uk/theory-californianideology.html. Retrieved on 2007-02-06.

   6. ^ "Technorealism". http://technorealism.org.

   7. ^ Carrico, Dale (2005). Technoprogressivism Beyond Technophilia and Technophobia. http://amormundi.blogspot.com/2005/06/technoprogressivism-beyond.html. Retrieved on 2007-01-28.

   8. ^ Gendron, Bernard (1977). Technology and the Human Condition. St.Martin's Press. ISBN 0-312-78890-8.


...


Aus: "Technological utopianism" (15 May 2009)
Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/Techno-utopianism


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[The Public Domain in the 21st Century... ]
« Reply #9 on: Februar 03, 2010, 08:26:47 nachm. »
 The Public Domain in the 21st Century

The Public Domain as aspired to in this Manifesto is defined as cultural material that can be used without restriction, absent copyright protection. In addition to works that are formally in the public domain, there are also lots of valuable works that individuals have voluntarily shared under generous terms creating a privately constructed commons that functions in many ways like the public domain. Moreover, individuals can also make use of many protected works through exceptions and limitations to copyright, fair use and fair dealing. All of these sources that allow for increased access to our  culture and heritage are important and all need to be actively maintained in order for society to reap the full benefit of our shared knowledge and culture. ...
http://publicdomainmanifesto.org/node/8#21st


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[Das Internet hat längst neue Regeln der Macht definiert... ]
« Reply #10 on: April 27, 2010, 11:02:48 vorm. »
Quote
[...] Die wichtigsten Funktionen der Informationsethik sind nach dem Philosophen und Informationswissenschaftler Rafael Capurro, der diesen Begriff auch geprägt hat, „nach der Entstehung der Strukturen und Machtverhältnisse fragen, die das Informationsverhalten bestimmen“, „Informationsmythen aufdecken und kritisieren“, „verdeckte Widersprüche der herrschenden Sprachnormierung offenlegen“ und „die Entwicklung informationsethischer Fragestellungen beobachten“ [1].


...

   1. ↑ Ethik - http://www.capurro.de/Ethik/einf.htm



Aus: "Informationsethik"
#  Datum der letzten Bearbeitung: 11. Februar 2010, 18:02 UTC
# Versions-ID der Seite: 70549663
# Permanentlink: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Informationsethik&oldid=70549663
# Datum des Abrufs: 27. April 2010, 09:08 UTC
http://de.wikipedia.org/wiki/Informationsethik



-.-

Quote
[...] das Internet hat längst neue Regeln der Macht definiert, mit denen sich Wirtschaft und Politik abfinden müssen. Da gibt es kein Zurück. "Die Veränderungen durch das Internet sind systembedingt und daher außer durch die Abschaltung des Netzwerkes nicht zu stoppen", sagt Kruse.

[...] "Auch Konzerne müssen Kritik aushalten können", sagt Gaßner. Der Dialog im Internet findet auf Augenhöhe statt. Doch Entscheidungsträger reagieren dagegen oftmals hilflos auf Eruptionen im Web.

[...] "Das Internet repolitisiert die Welt jenseits der Parteien", sagt Kruse. Es verändere damit die Machtverhältnisse, indem es das Selbstbewusstsein der Gesellschaft stärke. "Die politische Macht geht auf die Masse über", sagt der Professor. Durch das Web werde die Gesellschaft sich ihrer selbst bewusster. Und das stärke ihr Selbstbewusstsein. So werden Menschen politisch, die sich von den herkömmlichen, altbackenen Strategien der Politik nicht faszinieren lassen.

...

Quote
23.04.2010,
13:16 Uhr
    Piratenpartei Wähler sagt:
    Gerade das Internet erlaubt die Entwicklung Basisdemokratischer Strukturen die letzteendlich die starre parlarmentarische Stellvertreterdemokratie in ihrer Existenz gefärden wird. Warum sollen wir nur einmal alle 4 Jahre zur Wahl gehen um dann zuzuschauen wie die Politiker dann genau das Gegenteil von dem tun das sie versprochen haben ?

    Gerade im Internet könnte man ja so Radikal sein und die Abschaffung von Politikern fordern, statt dessen die Macht direckt auf das Volk übertragen. Dann hätte der Eliten Lobbyismus keine Chance mehr denn dann würde es zur Durchsetzung der Industrieinteressen nicht mehr reichen dem Politiker ein Geldbündel unterzuschieben sondern die Lobbyisten müssten die Bevölkerung überzeugen. Was sehr schwer werden wird da der einfache Arbeitnehmer der in Basisdemokratischen Abstimmungen die Mehrheit stellt natürlich andere Interessen als die kleine derzeit regierende Elite besitzt.

    Basisdemokratie ist möglich solange man ihr einen starken Rechtsstaatlichen Rahmen und Kontrolle durch das Verfassungsgericht internalisiert. Die Piratenpartei hat da ja bereits einige Vielversprechende Theorethische Entwürfe wie z.B. "Liquid Democracy" vorgelegt die durchaus umsetzbar wären und die Recht von Minderheiten mit einbeziehen.

    Das Internet bietet diese Möglichkeit, deswegen haben die herrschenden Eliten ja auch Angst vor dem eigenen Machtverlust und versuchen ihren Einfluss durch Netzsperren und Vorratsdatenspeicherung zu sichern.


Quote
23.04.2010,
17:49 Uhr
    Ach ja... sagt:
       
...
    Im Internet findet man viel Blödsinn und Schmarrn. Aber auch, und ich behaupte noch viel mehr, an sachlichen Informationen, Dinge aus ausländischer Presse die hier nicht veröffentlicht werden usw.
    Für die Politik ist das Internet ein Problem. Und "Dangerus" hat Recht, die Politik würde das Internet am liebsten zensieren. - So wie die "freie Presse" unter Kontrolle haben.
    Aber das kann sie nicht.
    Wird sie auch nie können.
    Und das ist gut so.
    Das Internet vergißt nicht und knallt den Politikern ihre Lügen Tag für Tag um die Ohren. ...


Quote
26.04.2010,
15:41 Uhr
    manu sagt:
    Die Macht des Internets ist leider noch nicht so stark, wie man es gerne möchte. Wäre sie das, dann würden die Menschen schon längst auf die Barrikaden gehen!

    Dazu muss man nur einmal den Vergleich anstellen, was uns die Massenmedien nahe bringen und was man bei Blogs und anderen Sites so alles an Informationen findet, die uns vorenthalten werden.

    Der Mensch scheint sich wohl in einem Traumazustand zu befinden oder will einfach nicht wahrhaben was do wirklich vor sich geht.

    Irgendwie scheint ein Großteil den Kopf in den Sand gesteckt zu haben!


Quote
23.04.2010,
22:17 Uhr
    boshafter sagt:
    Jeder soll sich selbst prüfen, ob er mit der Intelligez oder der Blödheit des I.netzes
    klar kommt. Das Netz wird einmal die Macht Nummer 1. Gute Nacht ihr lieben Bürger, die mit dem IQ nicht klar kommen. Im Fernsehen sieht man eine Masse davon.


Quote
25.04.2010,
20:03 Uhr
    trumen sagt:
    Da ist was dran...guter Artikel.

    Mein Professor sprach immer von der Allmacht der Software und das war in den 80iger


Quote
23.04.2010,
19:52 Uhr
    Manfred sagt:
    Wenn man heute die Nachrichten unserer Presse auf seinen Wahrheitsgehalt überprüfen möchte, kann man im Internet mit Erstaunen feststellen, wie unsere Nachrichten manipuliert werden.

    Es erinnert mich immer wieder an die DDR-Nachrichten, die noch Tage vor dem Mauerfall den baldigen Untergang des Kapitalismus, vorrausgesagt haben.


Quote
23.04.2010,
19:55 Uhr
    Bernd Hoffmann sagt:
    Unsere Medien berichten nur politisch korrekt. Um die Hintgergründe der meisten Meldungen zu erfahren, muss man ins Internet.

    Langfristig wird kein Mensch mehr die gleichgeschalteten Nachrichten der Einheits-Medien anschauen. Es wird jeder gleich seine Informationen aus dem Internet holen!


Quote
23.04.2010,
19:48 Uhr
    Otto sagt:
    Was dem DDR-Bürger das Westfernsehen war ist heutzutage für den Bürger der Bundesrepublik Deutschland das Internet.

    Meinungsfreiheit und unabhänige Informationen. Unsere Medien sind zwischenzeitlich gleichgeschaltet wie die der ehemaligen DDR Einheitsmedien.

    Und es erstaunt mich immer wieder, wie groß der Unterschied zwischen veröffentlichter Meinung und öffentlicher Meinung ist.



Aus: "Das Internet hat die Regeln der Macht neu definiert" Von Jürgen Stüber (23. April 2010)
Quelle: http://www.welt.de/webwelt/article7299674/Das-Internet-hat-die-Regeln-der-Macht-neu-definiert.html

« Last Edit: April 27, 2010, 11:09:49 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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[Heute vor 15 Jahren... ]
« Reply #11 on: Februar 09, 2011, 09:34:52 vorm. »
Quote
[...] Heute vor 15 Jahren, am 8. Februar 1996, verkündete der Hippie, ehemalige Viehzüchter, Harvard-Fellow und Aktivist John Perry Barlow beim Weltwirtschaftsforum in Davos die sogenannte Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace. Es ist einer der am häufigsten kopierten und einer der am häufigsten geschmähten Texte in der Geschichte des Internets. Doch obwohl das Manifest heute häufig als naiv gescholten wird, ist es mehr als nur ein historisches Zeugnis. Debatten um Wikileaks, Kopierschutz, Netzneutralität und Netzsperren wie in Ägypten zeigen die ungebrochene Relevanz der formulierten Gedanken.


... Im Umfeld der neuen Technologie verwandelt sich die Forderung der Hippies nach sexueller und politischer Freiheit in jene nach der Freiheit von Information. Schon 1984 formuliert Brand den Satz, auf den sich Julian Assange, die Piratenpartei und der Chaos Computer Club bis heute beziehen: "Information will frei sein."

...


Aus: "Von der Freiheit der Information" Von Johannes Thumfart (8.2.2011)
Quelle: http://www.zeit.de/digital/internet/2011-02/barlow-internet


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[Um an der Macht zu bleiben... ]
« Reply #12 on: Februar 09, 2011, 09:44:24 vorm. »
Quote
[...] Dass die Regierung in Ägypten den Zugang zum Internet massiv behindert, um an der Macht zu bleiben, hat bei Wikileaks offenbar einen Nerv gekitzelt: Seit heute morgen veröffentlicht die Whistleblower-Organisation massenhaft diplomatische Depeschen, die die Zustände in der Nilrepublik betreffen. Darunter finden sich beispielsweise Belege, dass auch die US-Stellen wussten, dass Polizeibrutalität in Ägypten zum Alltag gehört, dass Notstandsgesetze missbraucht werden und dass das Regime einen christlichen Blogger wegen Kritik am Islam einsperrte.

Ein Vermerk spricht vom "Terror" Mubaraks gegen Blogger und Journalisten, ein anderer zitiert einen Informanten mit der Einschätzung, dass es bis zur Demokratie noch ein weiter Weg sei und dass das Militär die Machtfrage nach dessen Abgang regeln werde. Interessantes gibt es auch zu einem Staatsbesuch Mubaraks in den USA, zur militärischen Zusammenarbeit und zur besonderen Beziehung des ägyptischen Präsidenten zum Senator Joseph Lieberman. Andere Depeschen zeigen, wie sich Angehörige der Regierung "enttäuscht" über die amerikanischen Ansichten zu Menschenrechten zeigten, wieder andere, dass die Bevölkerung die Schuld am von ihrer Regierung verübten Unrecht auch den USA zuweist.

Die ägyptischen Behörden versuchen währenddessen ihre Staatsbürger dadurch von Informationen fernzuhalten, dass sie nicht nur den Zugang zum Internet, sondern auch zum Fernsehsender al-Dschasira erschweren. Der wiederum begegnete der Zensur mit einer Frequenzänderung und sendet nun via Nile Sat auf H 3/4 27500 11727. Bürgerrechtler außerhalb der arabischen Welt bombardieren währenddessen gerade Twitter mit Informationen zum freien Internetzugang und zum Schutz durch Anonymisierung: John Perry Barlow, einer der Gründer der Internet Frontier Foundation (EFF) empfiehlt den Ägyptern hierfür unter anderem Tor, Hotspot Shield, Ultra Surf und die DNS-Server 8.8.8.8 oder 8.8.4.4.


Aus: "Netzsperren reizen Whistleblower-Organisation" Peter Muehlbauer (28.01.2011)
Quelle: http://www.heise.de/tp/blogs/8/149160


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[Netzgemeinde, ihr werdet den Kampf verlieren!... ]
« Reply #13 on: Februar 02, 2012, 09:57:38 vorm. »
Quote
[...] Wer von seinen Eltern noch im Jahr 1972 „Ansgar“ genannt wurde, der hat es von Anfang an nicht leicht. Stammt man zusätzlich auch noch aus Korschenbroich, dem Nachbarort von Grevenbroich, wo Horst Schlämmer als stellvertretender Chefredakteur des „Tagblatts“ tätig ist, dann ist die gebrochene Biografie bereits vorprogrammiert.

Der junge Ansgar spielt die Bratsche, singt im Chor, interessiert sich für die Geschichte der Katholischen Pfarrgemeinde St. Andreas und liest gerne Biografien. Und es kommt, wie es kommen muss: Nach vier Jahren „Katholischer Grundschule Korschenbroich“ und einigen Jahren auf dem „Stiftischen Humanistischen Gymnasium Mönchengladbach“ folgt im Alter von 17 Jahren der unvermeidliche Eintritt in die Schüler Union. Ansgar Heveling rutscht daraufhin in die Szene der Berufspolitiker  ab und es gibt keinen Halt auf der schiefen Bahn.

Heute bekleidet er das Amt des Vorsitzenden der CDU-Fraktion im Stadtrat von Korschenbroich und vertritt seine Partei als Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Dort gehört er nicht nur dem Rechtsausschuss sondern auch der „Enquête-Kommission Internet und Digitale Gesellschaft“ an.

Letzteres, so dachten wohl die Redakteure des „Handelsblatt“, befähigt ihn, sich qualifiziert über den Kampf zwischen der digitalen Welt und dem realen Leben zu äußern: In einem Gastkommentar mit dem Titel „Netzgemeinde, ihr werden den Kampf verlieren!“ verewigt sich Heveling am 30. Januar und erregt damit schlagartig die Aufmerksamkeit der Digital Natives.

Spätestens jetzt sollte es sich jeder für einige Minuten vor dem Rechner gemütlich machen und den Text von Heveling im „Handelsblatt“ genüsslich überfliegen. Es lohnt sich!

... Vor den Augen einer staunenden Öffentlichkeit zeichnet er seinen Entwurf eines bemerkenswerten Geschichts- und Weltbildes. Er nimmt uns an die Hand und führt uns in „die Gassen von Paris im Jahr 1789“. Hier erleben wir, wie sich die „bürgerliche Gesellschaft mit ihren Werten von Freiheit, Demokratie und Eigentum“ in „mühevoller Arbeit aus den Barrikaden der Französischen Revolution heraus geformt“ hat. Geleitet von einem einzigen Ziel: „der Idee des geistigen Eigentums“.

Und wenn Heveling jetzt für den Schutz der Urheberrechte im Internet streitet und die bürgerliche Gesellschaft zum Kampf gegen die „digitalen Maoisten“, „die Herren der digitalen Ringe“, „die Helden von Bits und Bytes“ und „die Kämpfer für 0 und 1“ aufruft, dann sieht er sich in der direkten Nachfolge jener „Citoyen“, die sich einst gegen die „geistige Leibeigenschaften des Ancien Régime“ auflehnten.

Die „digitale Revolution wird ihre Kinder entlassen“ und „das Web 2.0 wird bald Geschichte sein“: Heveling skizziert die nahende Apokalypse und wirft in diesem Zusammenhang die Frage auf, „wie viel digitales Blut bis dahin vergossen wird“.

...

Quote
donfurioso
1. Februar 2012 um 17:13
 
Konservative Hirne ticken anders. Sie sind von Angst vor Veränderung und Kontrollzwang geprägt. Das Kind Ansgar kann auf den Zuspruch der Netzgemeinde verzichten. Es hat seine Oma im Visier. Und die Oma kann er davon überzeugen, dass die Netzgemeinde etwas gegen Schiller hat. Um Ansgar zu bekämpfen, muss man seiner Oma erklären, dass PIPA Schiller kaputt machen würde. Mein Punkt: Die Wählerschaft wird immer älter, ängstlicher und konservativer. Also müssen wir von unserem digitalen Ross herunter steigen und auf Kaffeekränzchen vorsprechen, weil dort über unser Leben bestimmt wird.



Aus: "Ansgar Heveling: Das Ende der digitalen Gesellschaft" Jacob Jung (1. Februar 2012)
Quelle: https://jacobjung.wordpress.com/2012/02/01/ansgar-heveling-das-ende-der-digitalen-gesellschaft/#more-4295

-.-

Quote
[…] Die mediale Schlachtordnung der letzten Tage erweckt den Eindruck, wir seien im dritten Teil von „Der Herr der digitalen Ringe“ angekommen, und der Endkampf um Mittelerde stehe bevor. Das ist die Gelegenheit, schon jetzt einen vorgezogenen Nachruf auf die Helden von Bits und Bytes, die Kämpfer für 0 und 1 zu formulieren. Denn, liebe „Netzgemeinde“: Ihr werdet den Kampf verlieren. Und das ist nicht die Offenbarung eines einsamen Apokalyptikers, es ist die Perspektive eines geschichtsbewussten Politikers. Auch die digitale Revolution wird ihre Kinder entlassen. Und das Web 2.0 wird bald Geschichte sein. Es stellt sich nur die Frage, wie viel digitales Blut bis dahin vergossen wird. … Wenn wir nicht wollen, dass sich nach dem Abzug der digitalen Horden und des Schlachtennebels nur noch die ruinenhaften Stümpfe unserer Gesellschaft in die Sonne recken und wir auf die verbrannte Erde unserer Kultur schauen müssen, dann heißt es, jetzt wachsam zu sein. Also, Bürger, auf zur Wacht! … Wir dürfen die Gestaltung der Zukunft nicht denen überlassen, die sich als digitale Avantgarde verstehen und meinen, sie wüssten, was das Beste für die Masse Mensch vor den Maschinen sei. Piraten sind jedenfalls dabei der schlechteste Ratgeber. Sie achten das Eigentum des anderen nicht, setzen ihr Wissen nur für den eigenen Vorteil ein, sind darauf bedacht, zusammenzuraffen, was sie von anderen kriegen können. Und offensichtlich sind Narzissmus und Nerdzismus Zwillinge. Natürlich soll niemandem verboten werden, via Twitter seine zweite Pubertät zu durchleben. Nur sollte man das nicht zum politischen Programm erheben. Jetzt haben wir noch die Zeit, diesem Treiben Einhalt zu gebieten. Wir brauchen den Citoyen, dem Werte wie Freiheit, Demokratie und Eigentum auch im Netz am Herzen liegen.

...


Aus: "Netzgemeinde, ihr werdet den Kampf verlieren!" Von Ansgar Heveling (30.01.2012)
http://www.handelsblatt.com/meinung/gastbeitraege/gastkommentar-netzgemeinde-ihr-werdet-den-kampf-verlieren/6127434.html

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Quote
Für Frank Rieger ist die Attacke gegen die Netzgemeinde des CDU-Bundestagsabgeordneten Ansgar Heveling in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt ein Aufruf zum Kulturkampf. Der Sprecher des Chaos Computer Clubs und Internetexperte nimmt den Fehdehandschuh gerne auf.

... Ansgar Heveling redet vom Netz als wäre es eine vorübergehende Modeerscheinung, geschaffen um den geistig-moralischen Bankrott des Abendlandes zu beschleunigen. Ich bin in „diesem Netz“ seit 1990 beheimatet. Damals gab es noch keine Webseiten, wie wir sie heute kennen und schon gar kein „Web 2.0“, vor dem Heveling aus unerfindlichen Gründen so viel Angst hat. Den ersten Webbrowser, den Ansgar Heveling wahrscheinlich als „das Internetprogramm“ kennt, gab es erst drei Jahre später.

Seitdem hat sich das Netz für ganze Generationen zum zusätzlichen Sinnesorgan, zum Lebensort und Arbeitsplatz entwickelt. Mittlerweile haben dreißig Millionen Haushalte in Deutschland einen schnellen Internetzugang. Kaum jemand lebt noch gänzlich ohne Netz. Woher der Unionspolitiker seine „Mehrheit der realen Menschen“ halluziniert, die dem Netz feindseelig gegenüberstehen, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Vielleicht hinkt der Netzausbau in Hevelings heimatlichem Städtchen Korschenbroich dem allgemeinen Standard noch etwas hinterher.

Ebenso bizarr mutet die Hevelingsche Idee an, das „geistige Eigentum“ wäre die wesentliche Kernerrungenschaft der bürgerlichen Revolution. ... Es war gerade der nicht mehr aufhaltbare Fluss an Ideen und Schriften und die Möglichkeit der anonymen Publikation von kritischen und aufrührerischen Gedanken, die das Fundament für die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit legten. Aber lassen wir die Rhetorik ein wenig hinter uns und kommen zum eigentlichen Anlass des Hevelingschen Kampfrufes.

Wir stehen zweifelsohne als Gesellschaft vor der Frage, wie in Zukunft Autoren, Musiker und Filmemacher entlohnt werden sollen. Die Geschäftsmodelle des vorigen Jahrhunderts funktionieren immer weniger. Die Mittelsmänner – ob nun Labels, Verlage oder Verwertungsgesellschaften – sollten eigentlich dazu da sein, den Kreativen ihre Vermarktungssorgen abzunehmen und ihre Interessen zu vertreten. Stattdessen haben sie der Medienbranche den Weg in die Zukunft verbaut.

Die Innovationen, mit denen heute Geld mit Inhalten im Netz verdient wird, kommen von Außenseitern, die folgerichtig nun ganze Segmente monopolisieren. Dass es die deutschen Verlage nicht schafften, den Vorteil der deutschen Buchpreisbindung zu nutzen und rechtzeitig eine gemeinsame, überzeugende Alternative zu Amazon und dem Kindle aufzubauen, ist einzig ihrer verblüffenden Kurzsichtigkeit, Inkompetenz und Halstarrigkeit geschuldet.

Auch Apples durchschlagender Erfolg des iTunes-Stores beruht auf der gleichen simplen Erkenntnis wie Amazons E-Book-Erfolge: Die Nutzer zahlen durchaus für Inhalte, solange es billig, einfach und bequem ist und bruchlos funktioniert. Die deutsche Medienbranche sitzt vor dieser einfachen Wahrheit immer noch wie das Kaninchen vor der Technologie-Schlange – und ruft nach immer härterer gesetzlicher Gängelung der Nutzer.

Die Frage der angemessenen Vergütung von Inhalten ist zweifellos eines der komplexesten Probleme, die durch Digitalisierung und Vernetzung aufgeworfen werden. Im Netz wurden dazu konkrete Vorschläge gemacht, zuletzt mit dem Modell der Kulturwertmark, das eine gleichmäßige, gerechte Beteiligung aller Nutzer mit innovativen Marktmechanismen kombiniert.

Dabei gibt es kein Recht auf Reichtum durch Superstarsein mehr und auch die Profite der Mittelsmänner reduzieren sich auf ein ihrer tatsächlichen Arbeitsleistung und Rolle angemessenes Niveau. Aber unter diesen Prämissen ist es durchaus möglich, eine vernünftige, vielleicht sogar gerechte Vergütung für Kreative zu erzielen.

Es ist nämlich mitnichten so, dass „das Netz“ vor allem aus Leuten besteht, die nur konsumieren, aber nichts beitragen wollen. Natürlich gibt es eine gewisse Demographie gerade junger Leute, die schlicht noch kein Geld für Mediennutzung haben und daher einfach alles downloaden. Wenn man diese jungen Menschen gängelt, ihnen Abmahnungen, Warnbriefe und Netzanschlusskündigungen androht, erreicht man jedoch vor allem eines: Sie lernen von kleinauf, die Medienindustrie als Gegner zu sehen, dem es nach Kräften zu schaden, zumindest aber auszuweichen gilt. Sie werden folgerichtig auch kein Geld für Inhalte mehr ausgeben, wenn sie dann welches verdienen und eigentlich durchaus bereit wären, für bequemeren und schnelleren Zugang zu den Werken zu zahlen.

Aber gerade in Deutschland funktionieren Modelle wie Flattr, die auf die Bereitschaft der Nutzer, für gute Inhalte zu zahlen, setzen, schon überraschend gut. Sobald es eine direkte Beziehung zwischen Autor und Leser, zwischen Podcaster und Hörer und keine technischen Hürden für Download und Zahlung gibt, ist durchaus Zahlungsbereitschaft vorhanden. Unsere gesellschaftliche Aufgabe wäre es nun, jene Modelle weiterzuentwickeln, die die Technologierevolution nutzen, integrieren, auf der Welle der Veränderung reiten und einen guten Ausgleich zwischen den Interessen zu schaffen.

Die Reaktion von Seiten der Medienindustrie auf diese Ideen und Angebote zur Diskussion: verstocktes Schweigen. Es gibt dort offenbar kein Interesse an einer vorwärtsgewandten Diskussion. Man glaubt immer noch durch „befreundete“ Politiker wie Ansgar Heveling, seine Besitzstände gegen die Nutzer und die Technologieentwicklung verteidigen zu können.

Die aktuelle Strategie fußt auf zwei Komponenten. Im ersten Schritt soll ein „Warnmodell“ verankert werden, das nicht unähnlich dem offensichtlich grundgesetzwidrigen „Three-Strikes“-Sperrmodell – bekannt aus Frankreich – den Nutzer verwarnt, wenn er angeblich urheberrechtlich geschützte Inhalte im Netz teilt. Verkauft werden wird das Modell wohl als Verbesserung, da die derzeit üblichen hanebüchen teuren Abmahnschreiben der Anwaltskanzleien wegfallen sollen und stattdessen nur eine kostenlose „Warnung“ zugestellt wird.

Der eigentliche Hammer kommt aber im nächsten Schritt: Das langfristige Ziel der Verwerter ist es, das Recht zu privatisieren und den von lästigen Wählern abhängigen Parlamenten zu entziehen. Sie wollen zukünftig die Internetanbieter dafür bezahlen oder sie anderweitig dazu nötigen, Anschlüsse von Nutzern, die mehr als zwei „Warnungen“ erhalten haben, im privatrechtlichen Wege zu kündigen. Eine gerichtliche Überprüfung einer solchen Praxis wäre vor hohe Hürden gestellt, ein dramatischer Präzedenzfall für die Aushöhlung des Rechtsstaats im Namen von Industrieinteressen gesetzt.

Heveling ruft nun also als rhetorische Vorbereitung dieses neuen Vorstoßes „das Bürgertum“ zum offenen Kampf gegen „das Netz“. Die „Citoyens“ haben seinen Aufruf mehrheitlich auf iPads und Bildschirmen gelesen – ohne dafür zu zahlen – und kratzen sich leicht verwundert am Kopf. Die „Netzbewohner“ haben den Text jedoch als das verstanden, was er ist: ein Aufruf zum Kulturkampf. Angesichts der von der Medienindstrie offen gekauften internationalen Gesetzesvorstöße zur Kastration des Netzes wie Sopa, Pipa und ACTA wird es wohl auf diesen Kulturkampf hinauslaufen – falls nicht doch noch Vernunft einkehrt und die angebotenen Gesprächsfäden zu technologiebejahenden Vergütungsmodellen aufgenommen werden.

Eines sollte auch Herr Heveling nicht vergessen: Dass für Inhalte gezahlt wird, ist eine freiwillige Aktivität der Nutzer. Jeder Cent Einnahmen der Industrie kommt aus den Taschen der Konsumenten. Wenn diese genug haben von Gängelung, Einschränkungen und Netzkastration kann sich diese Zahlungsbereitschaft auch schnell ändern. Ein Totalboykott von kostenpflichtigen Medienprodukten ist für viele Nutzer durchaus machbar, und „das Netz“ hat gezeigt, dass Massenmobilisierungen in kürzester Zeit funktionieren. Einer der bekanntesten Podcaster Deutschlands, der seinen Lebensunterhalt weitgehend aus den freiwilligen Zuwendungen seiner Hörer bestreitet, twitterte dann folgerichtig: „Kulturkampf? Könnt ihr haben.“

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31.01.2012, 21:29 UhrAnonymer Benutzer: loehnsberg

Lieber Herr Rieger,

genau wie Herr Heveling keine Ahnung vom Netz hat, scheinen Sie nichts von Ökonomie zu verstehen. Aber damit sind Sie leider nicht alleine. Viele (vor allem Fans der Piratenpartei) verfallen im Moment dem naiven Glauben, dass das Urheberrecht nicht mehr zeitgemäß sei. Die Argumente die dabei gegen die "Verwertungsindustrie" ins Feld geführt werden, weisen dabei starke Parallelen zu den Gedanken sozialistischer Politiker auf, wenn es um den "Kapitalismus" geht. Ihre Argumentation hat drei Schwachpunkte:

1. Sie differenzieren nicht zwischen Wissen, Kunst und Kommerz. Sie bringen die freie Verfügbarkeit von Wissen ins Spiel, die in Gefahr ist, wenn sich die "Industrie" durchsetzt, wobei es eigentlich in erster Linie um das Legalisieren von Kopien von Produkten der Unterhaltungsindustrie geht.

2. Sie unterschätzen das psychologische Signal einer Legalisierung der "Privatkopie". Sobald ich diese erlaube, werden viele Menschen, die heute ein schlechtes Gewissen dabei hätten, sich Filme zu kopieren, sich nichts mehr dabei denken, frei nach dem Motto "es ist legal, also ist es wohl erwünscht und schadet nicht." Die ökonomischen Konsequenzen für die Industrie, die davon lebt, digitale Konsumgüter zu produzieren, wären verheerend, da sie ihre Produkte theoretisch nur noch an genau eine Person verkaufen könnte.

3. Sie übersehen Opportunitätskosten. Das Argument der Piraten ist immer wieder, dass eine digitale Kopie kein Diebstahl sei, da keine Kosten anfallen. Das ist schlichtweg falsch. Natürlich entstehen keine direkten Kosten, aber Kosten durch entgangene Verkaufserlöse. Wenn ich die Schöpfer immaterieller Güter um ihre Erlöse bringe, senke ich deren Aussicht auf Profite und damit den Anreiz diese Güter zu schaffen.


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01.02.2012, 18:16 UhrAnonymer Benutzer: Dex

Bands die ihre Songs ins Netz stellen? Geht es denn noch? Nicht mit der GEMA, die will nämlich Geld dafür sehen wenn man seine eigene Erzeugnisse frei ins Netz stellt (quasi den Künstler vor sich selbst und seinen Destruktiven Absichten schützen), und von "Creative Commons" wollen die schon gar nichts wissen: http://www.golem.de/news/vgs-versus-cc-lizenzen-doppelt-ueberkreuz-die-gema-und-creative-commons-1201-89453.html

Es gibt auch immer mehr Studien darüber, dass die böse "Piraterie" eigentlich sogar das Geschäft belebt, und dass unter anderem diese Leute viel mehr für ein Medium was sie lieben wie Musik, Film, Spiele oder was auch immer ausgeben als Otto Normalbürger, z.B. aus der UK: http://www.guardian.co.uk/music/2009/apr/21/study-finds-pirates-buy-more-music oder vor kurzem aus der Schweiz:http://www.forbes.com/sites/erikkain/2011/12/05/swiss-government-study-finds-internet-downloads-increase-sales/ oder auch mal welche die begraben werden von der Film-Industrie: http://www.geek.com/articles/geek-cetera/movie-industry-bins-report-proving-pirates-are-great-consumers-20110720/ , weil die Inhalte den Auftraggebern nicht gefallen und nicht dazu führen würden noch mehr Gesetze in Auftrag zu geben und Kontrolle aufzubauen. Währenddessen schaffen es andere Branchen wie z.B. der Spielemarkt durch Evolution und Innovation viele dieser Leute zu überzeugen und sogar aus einem Land wie Russland ihren bald größten Europäischen Markt zu schöpfen: http://www.industrygamers.com/news/valves-newell-steam-makes-piracy-a-non-issue/

Stattdessen werden von den anderen Industrien lieber Fantastilliarden an Schaden erfunden und Mütter und Tote Großmütter für mehrere Millionen verklagt während man Glücklich und fröhlich mit Scheuklappen durch die Welt stampft. Aber keine Sorge, ich denke das wird nicht mehr lang so gutgehen.



Aus: "Kulturkampf? Könnt ihr haben!" Frank Rieger (31.01.2012)
Quelle: http://www.handelsblatt.com/meinung/gastbeitraege/eine-replik-auf-ansgar-heveling-kulturkampf-koennt-ihr-haben/6133880.html

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[...] Cambridge - Die erste Lektion in Geschichte lautet: Wie die Welt für einen als Student begrifflich aufgeteilt ist, entspricht nicht unbedingt dem, wie die Welt später ist. Die Dinge ändern sich. Die Bündnisse ändern sich. Und manchmal – selten zwar, aber eben doch manchmal – gibt es in der Welt etwas Neues, das kritische Geister, besonders die Regierung, lernen müssen.

Der Politiker Ansgar Heveling erklärt uns, er sei ein „geschichtsbewusster Politiker“. Aber ich habe den Eindruck, er hat diese erste Historiker-Lektion vergessen. Denn den aktuellen Kampf um die Copyright-Gesetzentwürfe „Sopa“ (Stop Online Piracy Act) und „Pipa“ (PROTECT IP Act) in den USA interpretiert er wie eine Straßenschlacht in Paris um 1968. So wie er es darstellt, steht auf der einen Seite alles, was gut ist – nämlich die klassische liberale Gesellschaft.

Auf der anderen Seite steht alles erwiesenermaßen Falsche – will heißen: „Maoisten“. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Generation „digitaler Maoisten“ sich im Papierkorb der Geschichte wiederfindet, so wie alle anderen Maoisten-Generationen zuvor. Denn in der Auseinandersetzung zwischen denen, die „das Eigentum anderer achten“, und denen, die das nicht tun, stellt sich die Geschichte auf der Seite der Eigentums-Achtsamen. Und zwar immer.

Ein Hinweis auf Hevelings Unwissenheit liegt jedoch in einem einfachen Verweis auf einige der schärfsten Gegner von Sopa und Pipa. Keineswegs sprachen sich ausschließlich linke Demokraten wie die Abgeordnete Zoe Lofgren und der Senator Ron Wyden gegen die Gesetze aus. Das taten auch Republikaner aus dem rechten Flügel, etwa der Abgeordnete Darrell Issa, der Mehrheitsführer Eric Cantor und Senator Orrin Hatch. Das liegt daran, dass der Widerstand gegen Sopa/Pipa kein Widerstand gegen das Urheberrecht an sich war. Vielmehr war es ein Widerstand gegen ein „Copyright über alles“. Es ging um die Auffassung, dass der Wert eines Urheberrechtsschutzes (genauer gesagt: der Vorstellung des 19. Jahrhunderts von Urheberrecht) über alle noch so wichtigen verfassungsmäßigen und wirtschaftlichen Bedenken erhaben sei.

Sopa und Pipa waren ein beispielloser Griff nach der Macht, ausgehend von den Urheberrechts-verwertenden Branchen, die den Vereinigten Staaten (unter dem Kommando der genannten Branchen) eine noch nie dagewesene Macht verliehen, mutmaßliche Piraten-Sites zu zensieren. Die Regierung könnte mit ihrer Hilfe IP-Adressen sperren oder Domainnamen aus Internet-Domain-Diensten entfernen und dabei den Zensierten jegliche Chance verweigern, ihre Unschuld zu beweisen.

Im Namen des Ziels, „Piracy“ im Internet loszuwerden, hätten Sopa und Pipa lange bestehende Grundannahmen des amerikanischen (und deutschen) Rechts in ihr Gegenteil verkehrt. Und indem man die Zensoren der Regierung in die Infrastruktur der Domainnamenserver einbezogen hätte, hätten die Gesetze höchstwahrscheinlich auch die Sicherheit im Internet geschwächt und sein Potenzial für breit angelegte Innovationen untergraben.

In einem Satz: Diese Gesetze hatten keinerlei Verständnis für einen zentralen Punkt im deutschen Gesetz – die Verhältnismäßigkeit, auch bekannt als das Proportionalitätsprinzip. Und so kam es, dass sich als Reaktion auf diesen Extremismus zum ersten Mal in der modernen Geschichte eine breite Koalition von Linken, Liberalen und (einigen) Konservativen mit der Internet-Community vereinte, um dem Kongress zu sagen: „Es reicht!“

Es wird Zeit. Seit mehr als einer Dekade führen die Vereinigten Staaten die Welt in einen (weiteren) Krieg – den „Copyright War“, wie ihn viele nennen, oder, wie es der verstorbene Chef der Motion Picture Association of America immer nannte, seinen „Terrorist War“, einen Krieg, in dem die Terroristen offenbar unsere eigenen Kinder sind.

Dieser Krieg ist heillos gescheitert. Nicht weil Computer uns zu Maoisten gemacht haben, sondern weil die Architektur der Urheberrechts-Gesetzgebung, die jetzt dem Internet aufgezwungen wird, für ein völlig anderes Zeitalter und eine andere Technologie geschaffen wurde. Eine Strategie, Künstler zu entlohnen, indem man die „Kopien“ reglementiert, hat im digitalen Zeitalter so viel Sinn wie eine Strategie, Treibhausgase in den Griff zu bekommen, indem man das Atmen reglementiert. Die moderne Urheberrechts-Gesetzgebung ist nicht deswegen ein Fehlschlag, weil Urheberschutz ein Fehler ist, sondern weil wir im aktuellen technischen Umfeld Maschinen benutzen, die zum Schutz des Wertes eines Urheberrechts nicht geeignet sind.

Die passende Antwort auf dieses Scheitern besteht jedoch nicht in der Aufgabe der Urheberrechts-Gesetzgebung. Sondern sie besteht darin, das Urheberrecht zu aktualisieren, so dass es in einem digitalen Zeitalter einen Sinn hat, und ihm damit zu erlauben, seinem grundlegenden Zweck weiterhin zu dienen, ohne gleich das Internet zu zerstören: Künstler für ihre Kreativität zu entlohnen und damit die nötigen Anreize zu schaffen, die zumindest einige Urheber brauchen, um etwas zu erschaffen.

Zweifellos gab es in der Bewegung, die Sopa/Pipa gestoppt hat, auch einige, die das Urheberrecht abschaffen wollten. Aber nicht viele. Die überwältigende Mehrheit der Internetaktivisten, die jetzt ihren ersten echten Sieg errungen haben, steht hinter der Idee eines Urheberrechts, zumindest wenn es ordentlich aufgebaut ist. Sie erkennen an, dass das digitale Zeitalter nicht die Notwendigkeit gelöscht hat, Künstlern die Unabhängigkeit zu sichern, die ein Urheberrecht ihnen verschafft. Ebenso wenig hat es auf magische Weise das Risiko und die Ungewissheit ausgeschaltet, die große Kreativität hervorruft.

Das digitale Zeitalter hat jedoch die Art und Weise verändert, auf die das Gesetz wirkungsvoll den Zweck eines Urheberrechts durchsetzen kann. Wäre es in Amerika die politische Linie, vernünftige Politik um das Urheberrecht zu machen, hätten wir schon vor zehn Jahren damit begonnen, ein Urheberrecht zu entwerfen, das der digitalen Welt gerecht wird.

Das haben wir aber nicht. Stattdessen hat Hollywood nun schon seit beinahe 15 Jahren Gesetz nach Gesetz durch den Kongress getrieben, völlig fixiert auf die hoffnungslose Aufgabe, die digitale Kreativität zurück in das Modell des 20. Jahrhunderts zu zwingen. Mit jeder verlorenen Schlacht forderten sie größere Bomben. Die Copyright Wars sind zum Vietnam des Internet geworden, und amerikanische Politiker werden immer noch dazu gedrängt, einen effektiveren Krieg gegen „den Feind“ zu führen.

Wir Amerikaner sind soweit gekommen, uns auf die gescheitere, ausgewogenere Meinung unserer Verbündeten zu verlassen, die uns die Hoffnungslosigkeit in unseren hoffnungslosen Kriegen zeigen soll. Besonders in diesem Krieg, in dem die Verdorbenheit unseres politischen Systems es den Abgeordneten beinahe unmöglich macht, den Wahnsinn in den Vorschlägen der Lobbyisten zu erkennen – zumindest solange, bis das Internet einen Protest organisiert, der sie aufweckt.

Und tatsächlich: Die Grünen in Deutschland haben genau das begonnen, indem sie sich für eine „Kulturflatrate“ stark machen, und das ist nur einer von vielen Wegen, auf denen man den Interessen des Urhebers in der Umgebung des digitalen Zeitalters besser gerecht werden könnte. Wir brauchen mehr an solcher Unabhängigkeit. Nicht nur, um sicherzustellen, dass auch die nächste Generation von Innovatoren so frei Neuerungen einführen kann, wie es wie Microsoft und Google getan haben. Sondern auch, um die Grundidee des Urheberrechts zu schützen.

Denn selbst für mich ist es höchst erstaunlich, wie viel Zuspruch der entscheidende öffentliche Wert des Urheberrechts über die letzte Dekade verloren hat. Genau wie es viele auch über die Vereinigten Staaten sagen, liegt das nicht so sehr an den Argumenten der Herausforderer, sondern an den Reaktionen der Herausgeforderten. Man gewinnt nicht die Herzen der Menschen, indem man ihre Kinder verklagt. Es ist an der Zeit, dass die Verfechter des Urheberrechts die Waffen niederlegen und sich an die harte Arbeit machen, Urheberrechtsgesetze zu entwerfen, die die Öffentlichkeit wirklich mittragen kann.

Lawrence Lessig ist Professor für Rechtswissenschaft an der Havard-Universität und gilt als einer der bedeutendsten Verfassungsrechtler der USA. Lessig setzt sich seit Jahren für eine Reform des Urheberrechts ein und ist Gründer der Creative-Commons-Initiative, die es Urhebern erlaubt, Werke im Internet unter weniger restriktive Bedingungen zu stellen als das klassische Copyright.


Aus: "Der Vietnam-Krieg des Internets" Lawrence Lessig (01.02.2012)
Quelle: http://www.handelsblatt.com/meinung/gastbeitraege/copyright-war-der-vietnam-krieg-des-internets/6136040.html

« Last Edit: Februar 02, 2012, 10:17:21 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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[Wir, die Netz-Kinder... ]
« Reply #14 on: M?RZ 12, 2012, 09:55:19 vorm. »
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[...] Wir, die Netz-Kinder, die mit dem Internet und im Internet aufgewachsen sind, wir sind eine Generation, welche die Kriterien für diesen Begriff gleichsam in einer Art Umkehrung erfüllt. Es gab in unserem Leben keinen Auslöser dafür, eher eine Metamorphose des Lebens selbst. Es ist kein gemeinsamer, begrenzter kultureller Kontext, der uns eint, sondern das Gefühl, diesen Kontext und seinen Rahmen frei definieren zu können.

Indem ich das so schreibe, ist mir bewusst, dass ich das Wort "wir" missbrauche. Denn unser "wir" ist veränderlich, unscharf – früher hätte man gesagt: vorläufig. Wenn ich "wir" sage, meine ich "viele von uns" oder "einige von uns". Wenn ich sage "wir sind", meine ich "es kommt vor, dass wir sind". Ich sage nur deshalb "wir", damit ich überhaupt über uns schreiben kann.

... Wir sind mit dem Internet und im Internet aufgewachsen. Darum sind wir anders. Das ist der entscheidende, aus unserer Sicht allerdings überraschende Unterschied: Wir "surfen" nicht im Internet und das Internet ist für uns kein "Ort" und kein "virtueller Raum". Für uns ist das Internet keine externe Erweiterung unserer Wirklichkeit, sondern ein Teil von ihr: eine unsichtbare, aber jederzeit präsente Schicht, die mit der körperlichen Umgebung verflochten ist.

... Für uns ist das Netz eine Art externe Festplatte.

... Die Teilnahme am kulturellen Leben ist für uns keine Beschäftigung für den Feiertag. Die globale Kultur ist der Sockel unserer Identität, wichtiger für unser Selbstverständnis als Traditionen, die Geschichten unserer Ahnen, sozialer Status, die Herkunft oder sogar unsere Sprache. Aus dem Ozean der kulturellen Ereignisse fischen wir jene, die am besten zu uns passen ...




Aus: "Wir, die Netz-Kinder" Von Piotr Czerski Übersetzung: Patrick Beuth, Andre Rudolph (23.02.2012)
Quelle: http://www.zeit.de/digital/internet/2012-02/wir-die-netz-kinder/komplettansicht

http://www.netzpiloten.de/2012/02/24/wir-die-netz-kinder/

« Last Edit: Mai 10, 2012, 05:04:50 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Die Staaten verflechten sich... ]
« Reply #15 on: November 28, 2012, 09:43:38 vorm. »
Quote
[...] Die Cypherpunks stehen politisch dem Libertarismus nahe und fordern das strikte Offenlegen von öffentlichem Wissen (Wissen über die Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft) und Verbergen von privatem Wissen (Wissen über ein Individuum, persönliches Wissen). Daraus folgt, dass jede Form von privatem Wissen der Öffentlichkeit verborgen, das öffentliche Wissen aber für jeden zugänglich sein soll. Dieses Ideal wird von Datenschützern sehr befürwortet, führt aber häufig in den Interessenkonflikt mit Staat und Wirtschaft.

...


Aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Cypherpunk (22. November 2012)

-.-
A Cypherpunk's Manifesto
by Eric Hughes (1993)
http://www.activism.net/cypherpunk/manifesto.html

-.-

Cypherpunks are activists who advocate the widespread use of strong cryptography (writing in code) as a route to progressive change. ...
http://www.orbooks.com/catalog/cypherpunks/


-.-

Quote
[...] „Die Staaten verflechten sich mit dem Internet“, sagte der Netz-Aktivist am Dienstag per Live-Schaltung auf der Internet-Konferenz „Convention Camp“ in Hannover. Private Kommunikation im Internet könne jederzeit staatlich überwacht werden. „Verschlüsselung ist die letzte Form des gewaltlosen Widerstands“, so Assange. ... Der WikiLeaks-Gründer veröffentlicht mit "Cypherpunks" gemeinsam mit anderen Netzaktivisten wie Jacob Applebaum ein Buch, in dem die Wichtigkeit von Verschlüsselung privater Daten für das Funktionieren von Demokratien unterstrichen wird.

...


Aus: "Assange: Internet dient staatlicher Überwachung" (27.11.12)
Quelle: http://futurezone.at/netzpolitik/12678-assange-internet-dient-staatlicher-ueberwachung.php


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[We need to take it back... ]
« Reply #16 on: September 08, 2013, 10:39:55 vorm. »
https://de.wikipedia.org/wiki/Hackerethik / https://en.wikipedia.org/wiki/Hacker_ethic

-.-

Quote
[...] Die Bürger dürften es aber nicht länger hinnehmen, "dass das Internet nur noch zum Überwachen und Geldverdienen" da sein solle, warnte Roth vor Resignation. Nötig sei daher etwa bessere Software, die vor Bespitzelung schütze und einfach zu nutzen sei. Zudem müssten die Regierungen den Wählern endlich die Wahrheit sagen über das Ausmaß der geheimdienstlichen Spähaktionen. Sonst würden die Politiker ausgelacht, wenn sie weiter von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie sprächen. ...


Aus: "Freiheit statt Angst: "Wir müssen das Internet zurückerobern"" (07.09.2013)
Quelle: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Freiheit-statt-Angst-Wir-muessen-das-Internet-zurueckerobern-1952059.html

-.-

"The US government has betrayed the internet. We need to take it back"
Bruce Schneier,  The Guardian, Thursday 5 September 2013 20.04
http://www.theguardian.com/commentisfree/2013/sep/05/government-betrayed-internet-nsa-spying

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Quote
Der amerikanische Informatiker und Sicherheitsanalytiker Bruce Schneier fordert in einem Kommentar im Guardian Techniker und Ingenieure auf, nicht länger über die Methoden der NSA zu schweigen und zu Whistleblowern zu werden. Außerdem sollen sie ein sicheres Internet bauen, das die Massenüberwachung durch Staaten unmöglich macht. ZEIT ONLINE veröffentlicht seinen Appell exklusiv in deutscher Übersetzung.

Regierung und Industrie haben das Internet – und uns – verraten. Indem die NSA das Internet auf jeder Ebene untergraben hat, um aus ihm eine riesige, allumfassende Überwachungsplattform zu machen, hat sie einen fundamentalen Gesellschaftsvertrag unterlaufen.

Weder den Unternehmen, die die Infrastruktur des Internets bauen und regulieren, noch denen, die Hardware und Software verkaufen, noch denen, die Daten speichern, kann man noch zutrauen, dass sie das Netz ethisch korrekt verwalten.

Das ist nicht mehr das Internet, das die Welt braucht, und auch nicht mehr das, was seine Schöpfer erdacht hatten. Wir müssen es uns zurückerobern. Und mit "uns" meine ich die Entwickler.

Ja, dies ist zuallererst ein politisches Problem, das politisches Eingreifen erfordert. Doch es ist auch ein technisches Problem. Und es gibt mehrere Dinge, die Techniker jetzt tun können – und sollten.

Erstens sollten wir aufklären. Wenn Sie kein offizieller Geheimnisträger der Regierung sind und bisher keinen National Security Letter erhalten haben, sind Sie nicht an staatliche Geheimhaltungsvorschriften oder Maulkorberlasse gebunden. Falls Sie von der NSA kontaktiert wurden, weil ein Produkt oder Protokoll Ihrer Firma unterwandert werden soll, sollten Sie das öffentlich machen. Verpflichtungen gegenüber Ihrem Arbeitgeber gelten nicht, wenn es um illegale oder unethische Taten geht. Wenn Sie mit offiziell als geheim eingestuften Daten arbeiten und wirklich mutig sind: Sagen Sie, was Sie wissen. Wir brauchen Whistleblower.

Wir müssen wissen, wie genau die NSA und andere Geheimdienste Router und Knotenpunkte, Verschlüsselungstechnologien und Cloud-Dienste aushebeln. Ich habe bereits fünf Geschichten von Menschen wie Ihnen vorliegen, dabei habe ich gerade erst angefangen, zu sammeln. Ich wünsche mir 50 solcher Geschichten, denn in der Masse sind wir sicherer. Diese Form des zivilen Ungehorsams ist der moralisch richtige Weg.

Zweitens können wir gestalten. Wir müssen herausfinden, wie wir das Internet umbauen können, um diese Art der Massenausspähung zu verhindern. Wir brauchen neue Techniken, um Kommunikationsvermittler davon abzuhalten, private Informationen weiterzugeben.

Wir können dafür sorgen, dass Überwachung teurer wird. Im Einzelnen heißt das, wir brauchen offene Protokolle, offene Implementierungen und offene Systeme – denn die sind für die NSA schwerer zu unterlaufen. Die Internet Engineering Task Force (IETF), die Organisation, die die technischen Standards des Internets definiert, hat für Anfang November eine Konferenz in Vancouver einberufen. Die Task Force sollte ihr Treffen diesem Ziel widmen. Das hier ist ein Notfall, der einen Noteinsatz erfordert.

Drittens können wir auf die Politik Einfluss nehmen. Ich habe mich bisher gescheut und bin betrübt, zu sagen: Die USA haben bewiesen, dass sie das Internet nicht ethisch verwalten. Großbritannien ist nicht besser. Die Taten der NSA legitimieren den Missbrauch des Internets durch China, Russland, Iran und andere. Wir brauchen neue Wege der Netzregulierung, und zwar solche, die es mächtigen Technologiestaaten erschweren, alles zu überwachen. Wir müssen zum Beispiel mehr Transparenz, Aufsicht und Rechenschaft von Regierungen und Firmen fordern.

Leider spielt das direkt in die Hände totalitärer Regierungen, die das Internet in ihren Ländern für noch viel schlimmere Formen der Überwachung nutzen wollen. Wir müssen daher auch Wege finden, um das zu verhindern. Wir müssen die Fehler der Internationalen Telekommunikationsunion(ITU) vermeiden, die zu einem Forum geworden ist, das üble Machenschaften von Regierungen legitimiert. Wir brauchen eine wirklich internationale Regulierungsvereinigung, die nicht von einem einzelnen Land dominiert oder missbraucht werden kann.

Ich hoffe, dass wenn irgendwann unsere Enkel auf diese frühen Tage des Internets zurückschauen, sie nicht furchtbar sauer auf uns sind. Wir können sicherstellen, dass sie es nicht sein werden. Wenn jeder von uns sich in dieser Debatte engagiert und sie sich zum obersten Ziel macht. Wir haben eine moralische Verantwortung für das Internet – und keine Zeit zu verlieren.

Den Überwachungsstaat zu demontieren, wird nicht einfach sein. Hat irgendein Land, das seine eigenen Bürger massenhaft überwacht hat, jemals freiwillig diese Möglichkeit aufgegeben? Hat irgendein Massenüberwachungsstaat es abwenden können, totalitär zu werden? Was auch immer geschieht: Wir betreten Neuland.

Um es noch einmal zu sagen: Die politische Herausforderung in dieser Sache ist größer als die technische, aber die technische ist entscheidend. Wir müssen fordern, dass Techniker in jede grundsätzliche Regierungsentscheidung zu solchen Themen einbezogen werden. Wir haben schon genug Juristen und Politiker, die die Technologie nicht voll verstanden haben. Wir brauchen Techniker am Tisch, wenn wir Netzpolitik machen.

Allen Entwicklern sage ich: Wir haben das Internet gebaut, und einige von uns haben geholfen, es zu untergraben. Jetzt müssen diejenigen von uns, die es lieben, es wieder hinbiegen.

... Der Text wurde übersetzt von Dagny Lüdemann.


Aus: ""Wir müssen das Internet zurückerobern"" Bruce Schneier (6. September 2013)
Quelle: http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2013-09/bruce-schneier-guardian/

-.-

Quote
    boingboing
    06.09.2013 um 22:24 Uhr

Danke, da spricht mal jemand eine klare Sprache. So was hätte ich von unseren Politikern erwartet. Stattdessen: Schweigen im Walde. In Wirklichkeit haben die Politiker vor dem Internet Angst. Darum sagen sie nichts und stimmen damit heimlich der Demontierung unserer freien Kommunikationsstrukturen zu.
http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2013-09/bruce-schneier-guardian/?commentstart=9#cid-3015050

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http://www.heise.de/newsticker/meldung/Bruce-Schneier-zum-NSA-Skandal-Die-US-Regierung-hat-das-Internet-verraten-1951318.html


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[Der Ekel des Users beim Waten durch die Datensilage... ]
« Reply #17 on: M?RZ 11, 2015, 04:04:54 nachm. »
Quote
[...] Wann genau es körperlich geworden ist, weiß ich nicht mehr. Irgendwann im Sommer, nach irgendeiner Snowden-Enthüllung fühlte es sich plötzlich eklig an, den Notebookdeckel zu heben, es war, als würde man einen Stein im Garten herumwälzen müssen, unter dem es wimmeln würde. Einloggen in Google oder Twitter hatte plötzlich etwas von einer Kontrolle an der Grenze zu einem totalitär regierten Staat, Gestank nach Waffenöl und Leder, Schäferhundschnauze im Schritt.

Einige Geheimdienste und Unternehmen haben sich zum großen Menschenrechte-Fracking verbündet. In der Gier nach Daten verlieren sie die letzten Hemmungen, vergessen Anstand und Verfassung. Verkauft wird das alles unter dem Label "Realpolitik". Wer übers Internet kommuniziert, wird abgelauscht, registiert, abgespeichert, nach allen Regeln der Kunst erkennungsdienstlich behandelt. Sie wollen alles und zwar mehrfach: Reisedaten, Mobilfunkstandort, das Netzwerk persönlicher Beziehungen. Die Speicherfristen bestimmt nicht ein Gesetz, sondern der Preis für die Serverfarm. Was technisch machbar ist, wird durchgeführt.

Konzerne und Geheimdienste treffen sich nicht nur auf operativer, sondern auch auf strategischer Ebene: Die einen nützen die Nationalstaaten als Basis für Steuersparmodelle, die anderen, um über Datentausch mit ihren Partnern an Informationen über die eigene Bevölkerung zu kommen, die ihnen bisher verweigert waren. Wer glaubt, nichts zu verbergen zu haben und schweigt, ist doppelt nützlich: Als stiller Unterstützer und als Teil des Datenrauschens vermeintlicher Normalität, vor dessen Hintergrund sich die Abweichler umso deutlicher abzeichnen sollen.

Der Ekel des Users beim Waten durch die Datensilage ist Symptom des tiefgreifenden Wandels der materiellen Grundlagen unserer Gesellschaft. Führte die industrielle Revolution zunächst zu Arbeitslosigkeit und Hunger, also in eine Krise des Körpers, so provoziert die Informatisierung der Gesellschaft entsprechende Krisen des Geistes, die zuerst das politische Denken trüben.

Dieselben öffentlichen Figuren, zu deren Profil es vor nicht allzulanger Zeit gehörte, die permanente Bespitzelung - völlig zurecht - als typisches Merkmal totalitärer Ostblockregime zu brandmarken, verteidigen sie heute als neue Normalität im demokratisch verfassten Rechtsstaat, ja als Garant staatlicher Souveränität, gewissermaßen als Kompensation für den Bedeutungsverlust physischer Grenzen - eine Umwertung der Werte, die ein immerhin von George W. Bush persönlich ernannter US-Bundesrichter anlässlich eines Urteils über die NSA-Version der Vorratsdatenspeicherung als "beinah Orwellianisch" bezeichnet hat.

"Die Leute wachsen heute in dem Bewusstsein auf, dass alles, was sie ins Netz stellen, irgendwann gegen sie verwendet werden könnte", sagt mir ein Freund, "Eine Pädagogin hat neulich Kindern empfohlen, im Internet nichts zu tun, von dem nicht auch ihre Eltern erfahren dürften. Welche Persönlichkeiten entwickeln sich unter diesen Umständen?"

Haben wir dieses Bewusstsein wirklich? Schon löst sich der Ekel in immer wiederkehrenden Debatten auf, in der Arbeit und im Strom des alltäglichen Blödsinns. Vielleicht stimmt Orwells alter Big-Brother-Spruch wirklich und Unwissenheit ist tatsächlich Stärke, alle machen einfach weiter, interpretieren die NSA und die anderen Überwachungsinstanzen als Störungen und routen um sie herum, kriechen in neue Zwischenräume, wie es die Beherrschten aller Zeiten schon immer getan haben.

Mag sein, dass der wahre Schrecken der NSA-Affäre darin liegt, dass auch das volle Bewusstsein von der Emergenz eines beinahe umfassenden konnektionistischen Kontrollsystems im Grunde überhaupt keinen Unterschied im Alltag macht. Weil es schon immer so gewesen ist.

Es wird Zeit, diesen Unterschied zu suchen.


Aus: "Der Ekel vor dem Netz" Günter Hack  (26.12.2013)
Quelle: http://fm4.orf.at/stories/1730261

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[The Internet as a cultural movement... ]
« Reply #18 on: August 10, 2015, 01:07:20 nachm. »
Quote
[...] Geheimdienste spionieren uns im Netz aus, Regierungen verkaufen unseren digitalen Lebensraum, aber Bundesanwälte ermitteln lieber gegen Journalisten und Whistleblower. Johnny Haeusler hat genug — und wendet sich in dieser Woche an diejenigen, die den wahren Verrat begehen

Jahrzehntelang habt ihr (mindestens) eine Generation ignoriert, die mit digitalen Technologien und ihrer Vernetzung erwachsen geworden ist. Ihr habt unsere Medienkanäle belächelt, unsere sozialen Netzwerke nicht ernstgenommen, unsere Unternehmen ausgelacht und sogar unsere Spiele verteufelt und verboten. Ihr habt uns politisches Desinteresse angedichtet, dabei konntet ihr uns nur nicht mehr folgen, denn wir sind zu schnell geworden. Und jetzt sind wir meilenweit weg von euch.

... Eure Politik, eure Macht- und Geldgier und eure Marktgötzen haben uns in eine Welt geführt, auf die wir durch dystopische Science-Fiction-Romane, Comics und Videogames vorbereitet wurden: Vor den Toren Europas stehen diejenigen, auf deren Armut und Leid unser Reichtum basiert, und ihr hofft, sie mit Stacheldraht und Tränengas abhalten zu können. Neue Handelsabkommen besprecht ihr in Hinterzimmern, und ihr hofft, dass wir das nicht erfahren. Eure Beamten lasst ihr unsere Kommunikation speichern und ihr hofft, dass ihr sie versteht. Und viel zu oft mussten euch Gerichte darauf hinweisen, dass ihr gegen die Basis unserer Demokratie verstoßen habt. Gegen das Grundgesetz.

Und wenn wir dann mitbekommen, was ihr tut, wenn wir eure Absprachen und Pläne veröffentlichen, so dass alle sie sehen können — dann wollt ihr uns mundtot machen. Aber das funktioniert nicht mehr [https://www.wired.de/collection/latest/die-ermittlungen-gegen-netzpolitik-org-haben-kaum-rechtliche-grundlage]. Es ist zu spät für euch und eure alte Welt.

Vielleicht wissen wir selbst noch nicht so genau, wie eine neue Welt aussehen kann. Aber wir wissen, dass wir eine andere wollen als die, die ihr uns vorzuschreiben versucht. Wir wollen gleiche Rechte für alle Menschen, egal, wen sie lieben, wo sie herkommen und wie sie leben. Wir wollen gerechte Politik, die sich am Wohlergehen der Bevölkerung orientiert, nicht an dem eurer Unternehmen. Und wir wollen wissen, was ihr vorhabt, wir wollen Offenheit. Wir wollen Teil der politischen und gesellschaftlichen Prozesse sein, wir wollen mitreden, mitbestimmen.

Ganz genau so, wie es das Grundgesetz, die verfassungsmäßige Ordnung vorsieht. In der auch zu lesen ist: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

Was wir tun, ist Notwehr.


Aus: "Digital ist besser / Was wir tun, ist kein Landesverrat, sondern Notwehr" Johnny Haeusler (03.08.2015)
Quelle: https://www.wired.de/collection/latest/johnny-haeusler-findet-die-machtigen-begehen-neulandesverrat


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[The Internet as a cultural movement... ]
« Reply #19 on: Juli 13, 2017, 10:23:05 vorm. »
Lovink studierte zunächst Politikwissenschaft an der Universität von Amsterdam, bevor er an der Universität Melbourne mit einer Arbeit über die „Dynamik der kritischen Internet-Kultur“ (Dynamics of critical internet culture) promoviert wurde. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Geert_Lovink

Quote
[...] In den sozialen Medien manifestiert sich eine Verschiebung von den HTML-basierten Verlinkungspraktiken des offenen Webs zum Liken und Empfehlen innerhalb der geschlossenen Systeme. Die indirekte und oberflächliche ‚Like Economy‘ verhindert, dass ihre Nutzer verstehen, worum es im offenen Web eigentlich geht. Mit Info-Handlungen wie Befreunden, Liken, Empfehlen und Updaten führen die sozialen Medien neue Schichten unsichtbaren Codes zwischen einem selbst und den anderen ein. Das Ergebnis ist die programmierte Reduktion komplexer sozialer Beziehungen und eine Verflachung sozialer Welten (hier sehr gut von Zadie Smith beschrieben: http://www.nybooks.com/articles/2010/11/25/generation-why/), in der es nur noch ‚Freunde‘ gibt.

Google+ wurde als Antwort auf die Möglichkeiten dieser New-Age-Weltsicht ins Leben gerufen, für ein Programmieren ohne Antagonismen. Das ist der Widerspruch des demokratisierten Internets: während viele von der vereinfachten Technologie profitieren, leiden wir alle unter den Kosten genau dieser Einfachheit. Facebook ist gerade wegen seiner technischen und sozialen Einschränkungen beliebt.

... Während wir weiterhin offene Daten fordern, Open Source Browser nutzen und über Netzneutralität und Copyright streiten, sperren Walled Gardens wie Facebook die Welt der technologischen Entwicklung aus und entwickeln eine ‚Personalisierung‘, bei der Nachrichten außerhalb des eigenen Horizonts gar nicht mehr in die eigene Informationsökologie eindringen können. Ein anderer wichtiger Wendepunkt, der uns vom Web 2.0 zu den sozialen Medien brachte, war die Ankunft der Smartphones und Apps. Das Web 2.0 basierte immer noch ganz auf PCs. Die Rhetorik der sozialen Medien betont dagegen Mobilität: die Lieblings-Social-Media-Apps sind auf dem Handy installiert und werden immer mitgeführt, egal wo man gerade ist. Das Ergebnis ist Informationsüberflutung, Abhängigkeit und eine weitere Schließung des Internets, das nur mobile Echtzeit-Applikationen begünstigt und uns zunehmend in beschleunigte historische Energiefelder hineinzieht, wie die Finanzkrise, den arabischen Frühling und die Occupy-Bewegung.

Im Juli 2011 ging das auf die Alternativen zu den sozialen Medien ausgerichtete Forschungsnetzwerk Unlike Us an den Start, gegründet vom Institute of Network Cultures in Zusammenarbeit mit Korinna Patelis (damals Cyprus University of Technology, Limassol). Die Einführungsveranstaltung fand am 28. November 2011 auf Zypern statt. Es folgten eine zweieinhalbtägige Konferenz mit Workshops vom 2. bis 11. März 2012 in Amsterdam und eine weitere, noch ein Jahr später und ebenfalls in Amsterdam. 9 Im Februar 2013 kam der Unlike Us Reader raus, bald gefolgt von einer Sonderausgabe des Online-Journals First Monday. Die klassische Kampagne der Unlike-Us-Ära ist Europa vs. Facebook und wurde initiiert vom damaligen Wiener Jurastudenten Max Schrems.

Die Snowden-Enthüllungen im Juni 2013 hatten zu dieser Zeit einen starken Einfluss auf die Bemühungen, Alternativen zu den sozialen Medien zu fördern. Die Agenda der Geeks und Aktivisten erweiterte sich währenddessen drastisch, von individuellen Apps und Software-Initiativen bis zur Zukunft des Internets insgesamt. Dabei mussten die Alternativen nicht nur dezentralisiert und nicht-kommerziell, sondern von nun an auch mit kryptographischem Datenschutz auf allen Ebenen ausgestattet sein. Auf praktischer Ebene war das eigentlich mehr, als ein verstreuter Haufen von Hacktivisten, der von einem europäischen Zentrum für angewandte Forschung zusammengebracht wurde, bewältigen konnte. So traf sich die Unlike-Us-Gemeinde nach einiger Zeit nur noch in sporadischen, wenn auch interessanten Debatten auf der Mailingliste – ein deutliches Zeichen dafür, dass wir nie auch nur im Ansatz der Aussicht auf ein Verschwinden der sozialen Medien nahegekommen sind.

... Die Anziehungskraft kommerzieller Projekte wie Instagram (heute ein Tochterunternehmen von Facebook) und Snapchat hat die allgemeine Stellung der großen Player nicht geschwächt. Die meisten amerikanischen Social Media Start-ups hatten nichts gegen Risikokapital und ließen sich leicht in das altbekannte Geschäftsmodell von schnellem Wachstum, Überwachung und Auswertung ihrer Nutzerdaten zwingen. Dies war auch der Fall bei Ello, das mit seinem Anti-Werbungsprinzip einen vorübergehenden Hype als potentielle Facebook-Alternative auslöste: „Wir glauben, ein soziales Netzwerk kann ein Werkzeug der Ermächtigung sein. Kein Werkzeug zum Täuschen, Nötigen und Manipulieren, sondern ein Ort, um sich zu verbinden, etwas zu kreieren und das Leben zu feiern. Du bist kein Produkt.“ Immerhin hatte es ein gekonntes Design, ein Aspekt, dem die meisten Alternativen kaum Beachtung schenkten.

... Wir müssen uns durch das Digitale hindurcharbeiten; es gibt in diesem Fall nicht die sichere Position des Außenstehenden. Aber dies kann nur getan werden, wenn wir unsere Arbeit als politisches Projekt sehen und im Dialog mit der Politik. Oder wie Carlo es auf der Unlike Us-Liste formulierte: „Wir warten nicht mehr darauf, dass irgendwas von den Technikern kommt, denn das wäre wie Warten auf Godot.“

Anm.d.Red.: Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Im Bann der Plattformen. Das Buch wird am 5. Juli 2017 um 19 Uhr in Zusammenarbeit mit der Berliner Gazette vorgestellt.

...


Aus: "Eine Welt jenseits von Facebook: Auf der Suche nach Alternativen zum digitalen Kapitalismus" Geert Lovink (03.07.2017)
Quelle: http://berlinergazette.de/welt-jenseits-von-facebook/

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« Reply #20 on: M?RZ 26, 2018, 08:22:51 vorm. »
Quote
[....] Wer braucht schon Internet. Das CDN liefert den Content aus dem Data-Center um die Ecke. Da steht Youtube, der Facebook-Server und mein Amazon-Kaufhaus. Vorbei die Zeit, in der das Internet Monopole aufgebrochen hat. Stattdessen werden nach großen Content-Schleudern auch die Netze konsolidiert und zu privaten Content-Zuspielnetzen, die weder eine Universal-Service-Verpflichtung noch Netzneutralität kennen und dem öffentlich unterfinanzierten Internet allenfalls noch ein Schattendasein zubilligen.

Nach einem pointierten Rant http://www.potaroo.net/presentations/2018-03-02-death-of-transit.pdf von APNIC-Forscher Geoff Huston, Forscher bei der IP- und ASN-Registry APNIC, zeigt sich jetzt auch das Internet Architecture Board (IAB), Hüterin der auf dem Internet-Protokoll aufgebauten dezentralen Netzarchitektur, besorgt und überlegt, was noch zu retten ist vom guten alten Internet.

78 Prozent des Transatlantik-Datenverkehrs rauscht heute über Kabel von Content-Providern. Dazu rechnet Alan Mauldin, Forschungschef bei der Telekommunikations- und Netz-Analysefirma Telegeography, die vier Großen Google, Facebook, Microsoft und Amazon. Global gesehen stellten die Riesen Ende 2017 insgesamt 49 Prozent der Kapazität. Die angekündigten Pläne für weitere Seekabel zeigt wohin die Reise geht, erklärt Huston gerade seinen Kollegen bei allerlei technischen Konferenzen: Das Internet wird fundamental umgebaut.

Das Netzwerk von Netzwerken wird abgelöst von einer Content-Service-Plattform. Nicht Endnutzer werden verbunden und die Ende-zu-Ende-Kommunikation optimiert. Statt dessen servieren die großen Inhalteanbieter ihr Angebot direkt über Server, die sie beim Zugangsprovider zahlungskräftiger Kunden untergebracht haben. Dorthin wird es über die eigenen Netzstrecken und das kontinuierlich ausgebaute eigene Unterseekabelnetz gepumpt. Telegeography sagt bereits jetzt einen Rückgang von Unterseekabel-Projekten auf einige wenige Player voraus und den Ersatz der bislang aktiven Konsortien durch Einzelunternehmen.

Geoff Huston spricht vom Tod der Transitprovider und einer Privatisierung der Netzinfrastruktur. Nicht, dass hierzulande nicht auch klassische Netzbetreiber dereguliert und privatisiert wurden. Aber ein Rest an Regulierung blieb vorhanden und zwang sie mehr oder weniger, andere auf ihre Leitung zu lassen. Die neuen Service-Plattformen der Großen entziehen sich der Regulierung und nehmen ihr Geschäft mit von der allgemeinen Datenautobahn auf ihre Privatrennstrecke. "Ich fürchte das Geschäftsmodell der Transitprovider ist nicht mehr tragfähig", sagt Huston, und "die Zeit, in dem das Netz Monopole aufbricht, ist vorbei."

Auch unter den Standardisierern, also denen, die Protokolle vom guten alten Internet Protokoll (IP) bis zur neuesten Verschlüsselung von Daten auf dem Weg durchs Netz (Transport Layer Security TLS 1.3) entwickeln, regt sich Sorge. Der ehemalige Chef der Internet Engineering Task Force (IETF), Jari Arkko, hat die "Konsolidierung" der Netze auf die Tagesordnung gesetzt.

"Effiziente Märkte", schrieb Arkko, "tendieren dazu, Gewinner mit immer größeren Marktanteilen hervorzubringen", schrieb Arkko kürzlich in einem Blogpost. Das Prinzip der "Economies of Scale" betrifft laut Arkko dabei nicht nur den Bereich Content-Delivery, sondern auch Internet-Provider, Betriebssysteme, Webbrowser und alle anderen Netz-Werkzeuge.

Was aber bedeutet es für die Entwicklergemeinde, wenn mehr und mehr Netzverkehr in Richtung einer winzigen Gruppe riesiger Content-Provider abwandert, fragte Arkko jetzt. "Was bedeutet es für das Internet" – und vor allem: Können die Entwickler ihre Standards so trimmen, dass sie die alte Idee von der Dezentralisierung und dem Ende-zu-Ende Prinzip unterstützen?

"Das ist schwer", sagt Arkko am Rande der IETF-Tagung in London. Denn eine Reihe von ungelösten Problemen, teils Ergebnisse erfolgreicher Standardisierung, machen die Großen stark. Die immer riesigeren DDoS-Angriffe sind von kleinen Anbietern kaum zu beherrschen. Die Bekämpfung von Spam sorgt dafür, dass (auch in Deutschland) E-Mail immer unzuverlässiger wird. Es ist praktisch unmöglich, erklärt Arkko, seinen eigenen kleinen Mailserver zu betreiben, denn nur die Großen können sich erfolgreich dagegen wehren, auf schwarzen Listen zu landen.

Die IETF-Gemeinde ist zum Brainstorming aufgefordert. Unausgesprochen im Aufruf von Arkko hat die IETF längst Anteil an der Konsolidierung. Abgesehen davon, dass immer komplexere Protokolle den Großen in die Hände spielen, steht die Content-Delivery-Fraktion längst bei der Organisation auf der Matte. Sie prägt neuen Protokollen, wie etwa den möglichen TCP-Nachfolger Quic, ihren Stempel auf.

"Das ist schwer", sagt Arkko am Rande der IETF-Tagung in London. Denn eine Reihe von ungelösten Problemen, teils Ergebnisse erfolgreicher Standardisierung, machen die Großen stark. Die immer riesigeren DDoS-Angriffe sind von kleinen Anbietern kaum zu beherrschen. Die Bekämpfung von Spam sorgt dafür, dass (auch in Deutschland) E-Mail immer unzuverlässiger wird. Es ist praktisch unmöglich, erklärt Arkko, seinen eigenen kleinen Mailserver zu betreiben, denn nur die Großen können sich erfolgreich dagegen wehren, auf schwarzen Listen zu landen.

Die IETF-Gemeinde ist zum Brainstorming aufgefordert. Unausgesprochen im Aufruf von Arkko hat die IETF längst Anteil an der Konsolidierung. Abgesehen davon, dass immer komplexere Protokolle den Großen in die Hände spielen, steht die Content-Delivery-Fraktion längst bei der Organisation auf der Matte. Sie prägt neuen Protokollen, wie etwa den möglichen TCP-Nachfolger Quic, ihren Stempel auf.

Ist ein Ruf nach Regulierung angesichts von Konsolidierung an der Schwelle zum Monopol angebracht? Kann die Politik noch etwas tun, um die gern als kritische Infrastruktur regulierten Netze gegen die immer mächtigeren Privatstraßen im Netz zu verteidigen? Das Steuerrecht bot die britische konservative Politikerin Lilian Neville-Jones bei einem Gespräch mit der IETF Spitze und der Internet Society London an. Mehr könne man derzeit kaum machen, auch weil die großen Monopolisten in einer Region konzentriert seien. "Wir haben aktuell da ein Problem", räumte sie ein und warf schnell noch "offene Standards" in die Waagschale.

Falsche oder schlicht fehlende politische Weichenstellungen und die uneingelösten Versprechungen eines echten Breitbandnetzes als Infrastruktur hierzulande, das beklagt seit Jahren hartnäckig Dieter Klumpp, Gründer des Forschungsinstituts Instkomm. Zufälligkeiten und Zögerlichkeiten von Politiker mehrerer Generationen hätten dafür gesorgt, dass ein deutsches Glasfasernetz "immer in fünf oder sieben Jahren kommt, und das schon ziemlich lange."

Zwar habe man zu Recht die alten Staatsmonopole aufgelöst, aber zugleich habe man durch fehlende Investitionen in eine zukunftsfähige Grundversorgungs-Infrastruktur den neuen Monopolen von Google und Co. in die Hände gespielt. Anbieter wie die Deutsche Telekom versuchen sich selbst im geänderten Content-Modell. Die Idee, dass sie bei Google mitkassieren, haben sie aber praktisch aufgegeben.

Bleiben am Ende zum Schutz der Diversität die Access-Netze? Vorerst platzieren die CNDs ihre Server bei Access-Providern wie der Telekom. Wenn ein Konzern wie Google aber am Ende die Notwendigkeit sieht, noch näher an die Kunden heranzurücken, etwa weil die alternativen Netze nicht die notwendige Qualität bieten, würde das Unternehmen es tun, sagt eine Google-Insiderin. Warum die Wettbewerbsaufseher Google bis vor kurzem fast unbehelligt sein Reich aufbauen lassen, ist für sie unverständlich. Die Dystopie von Dave Eggers' "The Circle" und dem allmächtigen, den Staat ablösenden Technologieprovider, lässt grüßen.

Viele Entwickler bleiben trotz der düsteren Prognosen dem Motto treu, dass die nächste Technik-Generation es richten wird. "Einer macht das Netz kaputt, der nächste fixt es", ist eine alte Regel, sagt der erfahrene schwedische Netzingenieur Peter Löthberg. Ja, die Optimierung in Richtung CDN ist Mist, räumt er ein, vor allem, weil sie genau die Innovationen behindern kann, derer es bedürfte für die Disruption der neuen Monopole.

Wenn man auf dem Netz schimpfen, subversiv Revolutionen anzetteln und sich dazu mit Gleichgesinnten über Zertifikats-verschlüsselte Transportprotokolle verabreden kann, ist das dann nicht das gute alte Internet? "Die lügen", warnt Huston. "Das ist nur noch eine Simulation."

(Monika Ermert) / (jk)

Quote
     qatsi, 25.03.2018 10:21

Politische Weichen: Konsum und Überwachung
Die Politik stellt zwei Weichen: Konsum und Überwachung. Das ist der Sinn und Zweck des Internets für unsere Neuland-Politiker.
Wir werden es selbst in die Hand nehmen müssen, wenn wir das Internet als Werkzeug für eine freie Kommunikation behalten wollen. Die Technik dazu haben wir ja (noch).


...


Aus: "Missing Link: Vom Netz der Netze zur Content Delivery Plattform - ist das Internet noch zu retten?" Monika Ermert (25.03.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Missing-Link-Vom-Netz-der-Netze-zur-Content-Delivery-Plattform-ist-das-Internet-noch-zu-retten-4003297.html?seite=all

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« Reply #21 on: September 18, 2018, 01:56:58 nachm. »
Quote
[...] Mit dem gerade verabschiedeten Entwurf zur Änderung des Urheberrechts im EU-Parlament dürfen in Zukunft nur noch kürzeste Ausschnitte aus Nachrichtenartikeln oder Überschriften im Internet weiterverbreitet werden. Auch müssen große Plattformen Urheberrechtsverstöße künftig schon vor dem Hochladen ahnden. Eine Mehrheit der Abgeordneten stimmte am Mittwoch dafür. Die abgesegnete Version geht jetzt noch in den Trilog, wird also von Rat der EU, EU-Kommission und Parlament verhandelt. Im Frühjahr muss die Reform dann endgültig vom EU-Parlament verabschiedet werden.

Eine katastrophale Entwicklung, die völlig an der Zeit vorbeigeht: Menschen teilen millionenfach Links, sie laden Bilder und Videos hoch, basteln an Gifs und Memes. Diese Kultur regulieren zu wollen, konterkariert die Idee eines freien Internets.

Dabei war ein Update der Regelungen grundsätzlich richtig: Das derzeitige europäische Urheberrecht stammt noch aus dem Jahr 2001, damals gab es weder Google News noch Facebook noch Twitter noch YouTube. Veränderungen waren dringend notwendig, das ist klar.

Nur ist der verabschiedete Entwurf immer noch nicht besser als der schon im Juli zur Debatte gestellte. Trotz Überarbeitung liest er sich, als wäre er von Menschen geschrieben worden, die noch nie auch nur einen Browser geöffnet haben. Was da auf jeden, der im Netz unterwegs ist, zukommt, gefährdet nicht weniger als die freie Verteilung von Informationen.

Der Artikel 11 zum Leistungsschutzrecht sieht etwa vor, dass News-Aggregatoren wie Google nur noch einzelne Wörter von Artikeln aus Magazinen und Onlinemedien teilen dürfen. Bisher galt das Urheberrecht für gesamte Texte, nicht für einzelne Sätze oder Abschnitte. Kommt die Reform durch, könnte künftig schon das Teilen einer Überschrift abgestraft werden. Freies Teilen von Informationen und Nachrichten wird so zum Ratespiel: Wer schafft es, aus einer halben Überschrift auf den Inhalt eines Artikels zu schließen? Für Leserinnen und Leser von Nachrichtenseiten bringt das Leistungsschutzrecht somit absolut nichts. Es schränkt sie im Gegenteil weitreichend ein. Wenn eine Plattform keine Lizenzen an einem Artikel hat, könnte es sogar sein, dass schon die Linkvorschau auf Twitter oder bei WhatsApp nur noch einzelne Wörter enthalten darf.

Natürlich können private Nutzerinnen und Nutzer weiterhin Links verbreiten, heißt es fast schon großzügig in dem geänderten Entwurf. Doch was ist, wenn sie diese Links zum Beispiel auf ihrer Facebook-Seite teilen? Das soziale Netzwerk ist eine kommerzielle Plattform – müssen die Nutzerinnen dann dafür zahlen? Oder das Netzwerk? Und wie liegt der Fall, wenn sie auf ihrer privaten Internetseite eine Presseschau erstellen? Die schwammigen Formulierungen in dem verabschiedeten Entwurf machen einen Ausschluss jedweder Verantwortung unmöglich. Die Angst vor einer Abmahnung wird die Verbreitung von Links eindämmen. Und damit auch die Verbreitung von Nachrichten und Wissen.

Damit nicht genug. Auch Uploadfilter würden mit den Änderungen praktisch eingeführt. Sie fischen dann möglicherweise auch Bilder heraus, die gar keine Urheberrechtsverletzungen begehen – zum Beispiel Memes, Gifs oder andere Formen der Satire, die auf urheberrechtlich geschützten Werken beruhen. Dass Kritiker wie Bitkom-Präsident Achim Berg schon von Zensur sprechen, klingt übertrieben, ist aber berechtigt: De facto entscheiden künftig die Plattformen, auf denen Inhalte geteilt werden, was erlaubt ist und was nicht. Dadurch erhalten die Unternehmen wie schon beim in Deutschland geltenden Netzwerkdurchsetzungsgesetz zu viel Entscheidungsgewalt.

Wem bringt die Reform also überhaupt etwas? Befürworter sagen natürlich: den Urheberinnen und Urhebern. Aber tatsächlich dürften vor allem die Verlage profitieren. Wenn auf Google News nur der Titel eines Textes angezeigt würde, könnten sie dafür eine Lizenzgebühr verlangen. Die europäischen Verleger wollen dadurch einen Teil der Erlöse erhalten, die etwa Google News mit ihren Inhalten verdient. Auch wenn das schon in Deutschland nicht geklappt hat.

Für die Uploadfilter hat vor allem die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (Gema) fleißig geworben. Auch sie will Plattformen wie YouTube oder Wikipedia dazu bringen, kommerzielle Lizensierungen zu erwerben. Das schreibt die Public-Relations-Abteilung der Gesellschaft auch ganz offen. Aus Gema-Sicht soll mit den neuen Regelungen praktisch ein Rechtsbruch verhindert werden, ehe er begangen wurde: YouTube müsste ein Video etwa auf eine Urheberrechtsverletzung überprüfen, bevor sie überhaupt stattgefunden hat.

Dass etwa YouTube dafür Technologien einsetzen müsste, die Inhalte prüfen, das verschleiern die Befürworter gerne: Der Begriff Uploadfilter selbst sei ja nirgends im Entwurf zu finden. Aber wie sollen sich die 450 Stunden Videomaterial, die allein auf YouTube pro Minute hochgeladen werden, sonst auf Urheberrechtsverstöße automatisiert überprüfen lassen?

Dass die Urheberrechtsreform nun trotz all dieser unbeantworteten Fragen durchgekommen ist, verdankt sie der exzellenten Lobbyarbeit von einzelnen Interessenvertretern. Und Politikerinnen und Politikern, die sich offenbar viel zu oft von deren Positionen blenden lassen, anstatt mit denen zu sprechen, die die Reform wirklich betrifft: uns Internetnutzer.


Aus: "Urheberrechtsreform: Diese Überschrift dürfen Sie künftig nicht mehr zitieren" Ein Kommentar von Lisa Hegemann (12. September 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/digital/internet/2018-09/urheberrechtsreform-eu-parlament-abstimmung-uploadfilter-leistungsschutzrecht-lobbyismus

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« Reply #22 on: September 22, 2018, 05:24:14 nachm. »
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[...] Mit dem Geschehen um die US-Präsidentschaftswahl 2016 herum schien ein langer Streit zwischen Internet-Optimisten und -Pessimisten entschieden: Statt des Potenzials von weltweiter Vernetzung gerieten ihre Probleme in den Vordergrund, vom unzureichenden Schutz vor Belästigung im heutigen Web bis zu der Anonymität, hinter der sich Teenager-Trolle und russische Geheimdienstler gleichermaßen verstecken können.

Damit ist eine neue Gruppe entstanden, die Tim Hwang von der Ethics and Governance of AI Initiative als „deprimierte frühere Optimisten“ (DFO) bezeichnet. Sie unterteilt sich in Puristen, Desillusionierte, Hoffnungsvolle und Revisionisten, wie Technology Review online in „Desillusionierte Gläubige“ berichtet. [https://www.heise.de/tr/artikel/Internet-Desillusionierte-Glaeubige-4168776.html]

Als Hintergrund verweist Hwang auf das Buch The House of Government von Yuri Slezkine, laut dem bei Gläubigen egal welcher Richtung immer der gleiche Prozess einsetzt, wenn sich eine Vision unerwartet verzögert. Die Ideologen müssten dann eine Theorie hervorbringen, die erklärt, warum die prognostizierten Ereignisse nicht eingetreten sind. Das sei bei christlichen Sekten ebenso der Fall gewesen wie nach der russischen Revolution. Sich selbst bezeichnet Hwang als „ängstlichen DFO“.

Wirklich ernst zu nehmen scheint Hwang weder sich selbst noch die anderen Angehörigen der DFO-Untergruppen. Zu den Desillusionierten etwa schreibt er, man könne „häufig beobachten, wie sie begeistert soziale Medien nutzen, um ihren Hass auf soziale Medien kundzutun“. Die Hoffnungsvollen wiederum würden eine bedingungslose Liebe zu Tumblr hegen, hätten nostalgisch das Video mit der rollenden Zitrone geteilt und würden merkwürdige Slack-Mitgliedschaften sammeln.

Dennoch erweckt Hwang den Eindruck, weiter optimistisch zu sein, wenn er etwa über die Revisionisten schreibt: „Sie wollen mit Veränderungen die frühen Ambitionen des Web erhalten und rufen nach neuen Initiativen, um bessere Gemeinschaften und Systeme für die Online-Gesellschaft zu entwickeln.“


Aus: "Was Puristen, Desillusionierte, Hoffnungsvolle, Revisionisten zum Internet sagen" Sascha Mattke (21.09.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Was-Puristen-Desillusionierte-Hoffnungsvolle-Revisionisten-zum-Internet-sagen-4168779.html

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« Reply #23 on: M?RZ 05, 2019, 01:29:52 nachm. »
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[...] STANDARD: Sie wähnen uns alle "auf dem Weg in die digitale Hölle". Warum das denn?

Türcke: Die große Internet-Utopie besagt ja: Es wird wunderbar sein, wenn wir endlich alle ständig miteinander verbunden sind. Die anderen sind dann immer da, man schaltet sie gewissermaßen ein, indem man sie direkt anspricht. So entsteht natürlich nicht globale Mitmenschlichkeit, sondern eine Art globales Callcenter, 24 Stunden am Tag – und das ist eine digitale Hölle.

STANDARD: Die Grundthese Ihres Buchs ist, dass die Digitalisierung eine neue Form der Vergesellschaftung bringt – eine neue Stammesgesellschaft. Wie sieht die aus?

Türcke: Der Begriff geht auf den Medientheoretiker Marshall McLuhan zurück. Er glaubte, dass nach der langen Epoche der Schrift, die die Menschheit wie ein Spaltpilz befallen und die Individuen vereinzelt habe, die ganze Welt durch elektronische Medien wieder verbunden und zu einer neuen Nähe direkten Sprechens und Hörens zusammenrücken würde, wie einst in der archaischen Stammeswelt. In dieser Vision sind auch immer alle da und zusammen. Die Menschheit wird zu einem globalen digitalen Stamm. Ja, sage ich, ein solcher Stamm ist im Entstehen. Nur bringt er nicht allgemeine zwischenmenschliche Nähe, sondern setzt unter den Druck ständiger Empfangs- und Sendebereitschaft. Wer da nicht mitmachen will, ist ausgeschlossen. Deswegen reden alle von Inklusion. Aus Angst vor dem Ausschluss beginnen sie das Eingeschlossensein für den erstrebenswertesten Zustand zu halten. Sie preisen es als Menschenrecht. Dahinter steht die Digitallogik. Außerhalb der Digitalität gibt es kaum mehr menschliche Lebensmöglichkeiten. Die gibt es nur noch in den Clans des digitalen Stamms.

STANDARD: Der Facebook-Clan, der Instagram- oder Twitter-Clan?

Türcke: Ganz genau – oder der Google-Clan. Diese Clans funktionieren wie archaische Schwärme oder Horden. Es gibt einen Schwarmsog. Wo die anderen hinschwärmen oder hingetrieben werden, da muss ich auch hin, sonst bin ich draußen.

STANDARD: Google und Facebook würden die Nutzerinnen und Nutzer nicht "knechten", schreiben Sie: "Sie saugen sie an. Doch damit machen sie sie abhängiger als jede politisch-militärische Gewalt." Wie überformen deren Funktionslogiken das Bewusstsein ihrer Stammesmitglieder alias Follower?

Türcke: Das Wort ansaugen sagt es schon: Es werden Suchtverhältnisse hergestellt. Stellen wir uns vor, Google oder Facebook sperrten einmal für 24 Stunden den Zugang. Was wäre die Folge? Angst, Panikattacken und Desorientierung größten Ausmaßes. Es haben sich suchtbasierte Gefolgschaften um diese Plattformen gebildet. Kritiker sagen, wir müssen die absolutistische Herrschaft von Google bekämpfen. Da fühlt sich Google nicht angesprochen. Die locken ihre Klientel ja mit universaler kostenloser Dienstbarkeit. Leute abhängig machen mit einem kostenlosen Dienst und dabei Milliarden verdienen: So ein geniales Geschäftsmodell hat es in der Geschichte noch nicht gegeben. Da wird durch Dienstbarkeit geherrscht. Hegels Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft ist auf neue Weise wieder aktuell. Die Herrschaft durch Dienstbarkeit, die eine suchtbasierte Abhängigkeit herstellt, ist gar nicht zu übertreffen. Da hat man die Leute innerlich am Gängelband, nicht durch äußere Unterdrückung.

STANDARD: Sie beschreiben die Suchmaschine Google ja in politischen Kategorien: "Praktiziert wird unablässige Basisdemokratie ohne res publica (öffentliche gemeinsame Angelegenheit) – ein Dauerplebiszit." Mit welchen Folgen für die reale Politik, die echte Demokratie?

Türcke: Es greift eine enorme Depolitisierung um sich. Die Politikverdrossenheit steigt extrem in einer Zeit, in der Politiker ständig mit einer enormen Staatsverschuldung konfrontiert sind. Ihr Gestaltungsraum schrumpft. Und dann kommen große Plattformen mit einem ungeheuren finanziellen Rückhalt und einer riesigen Attraktivität für ihre Nutzer und bieten den Staaten an: Wir übernehmen für euch ganze Ressorts, zum Beispiel die Bildungs- und Verkehrslogistik. Und wir machen das viel billiger als ihr. Das ist noch in den Anfängen, bahnt sich aber so drastisch an, dass man kein Prophet sein muss, um zu sehen, dass das die nähere Zukunft ist. In Deutschland wird gerade die Schulcloud eingerichtet. Die soll sämtliche Bildungsangebote enthalten, alle Auswertungsmechanismen, Feedbacks in Echtzeit, die die Schüler sofort überprüfen und ihnen gleich individuell zugeschnittene neue Aufgaben übermitteln. Die Schüler hängen als Reiz-Reaktions-Bündel am Tropf einer feinjustierten Bildungsmaschine. Das Lehrpersonal wird zum marginalen Begleiter. Eine private Firma übernimmt das Bildungsmanagement und nutzt alle dabei anfallenden Schüler- und Lehrerdaten. Grauenerregend und, wenn einmal etabliert, kaum mehr rückgängig zu machen.

STANDARD: Sie schreiben über die "Auflösung der Öffentlichkeit" durch die Durchdigitalisierung aller Lebensbereiche. Welche Auswirkungen hat das?

Türcke: Öffentlichkeit ist etwas Paradoxes: eine besondere Sphäre zur Artikulation von Allgemeinem. Sie artikuliert das, was alle angeht. Das kann sie gar nicht anders tun als repräsentativ. Öffentlichkeit hat stets etwas mit Fürsprache für andere zu tun, die sich nicht jederzeit artikulieren können. Fürsprecher und Repräsentanten, die für andere sprechen und sie repräsentieren sollen, sind tendenziell freilich immer auch Vormünder, die andere nicht zu Wort kommen lassen. In der Frühzeit des Internets glaubte man, das Vormundsproblem mit einem Schlag loswerden zu können. Jeder geht unmittelbar ins Netz. Da brauchen wir den ganzen Mist der Repräsentation nicht mehr.

STANDARD: Dieser "Mist" scheint aber doch nicht ganz verzichtbar.

Türcke: Ja, denn jener Cyberspace, jener nicht regierbare Raum, in dem sich jeder ohne jeden Repräsentanten vollkommen frei bewegen können soll, war nicht das Reich der Freiheit, wie die Internetpioniere in den 90er-Jahren glaubten, sondern ein neuer hochtechnologischer Dschungel. Schon nach kürzester Zeit musste man irgendeine Struktur in diesen Dschungel bringen. Die Suchmaschine Google und die Likemaschine Facebook haben das getan und dabei nichts Geringeres geschaffen als eine neue Weltordnung. In deren Koordinaten verläuft die globale Kommunikation. Nach deren Pfeife tanzt die Vergesellschaftung: die Bildung unterkomplexer, clanartiger Horden und Schwärme im Kraftfeld von Plattformen. Google und Facebook sind gewaltige neue Vormünder – ungleich beherrschender als die alten der repräsentativen demokratischen Öffentlichkeit. Und plötzlich stellt sich nicht mehr die Frage, wie stellen wir durch das Internet endlich Demokratie her, sondern wie schützen wir die Demokratie vor dem Internet?

STANDARD: Wie schützen wir die Demokratie denn vor dem Internet?

Türcke: Genauso wie man kleine Kinder vor alledem schützt: durch geringstmöglichen und wohldosierten Gebrauch. Man sollte die zahllosen Dinge, für die man keinen Computer braucht, auch weiterhin ohne diese Geräte machen. Es muss nicht gleich jedes Arbeitsblatt für die Schule digitalisiert werden.

STANDARD: In Summe ist Ihre Analyse schon etwas sehr kulturpessimistisch. Wo sehen Sie denn auch Positives an den Möglichkeiten der Digitalisierung?

Türcke: Ich habe diverse Lichtblicke aufgezählt: Wikipedia etwa oder all die Menschenrechtsaktivisten in diktatorischen Ländern, die mit ihren Blogs im Internetdschungel eine Nische finden, an die autoritäre Staaten schlecht rankommen. Die sind zwar unbedingt zu unterstützen, aber es sind lediglich Lichtblicke im Dschungel. Diese Verhältnismäßigkeit ist nicht zu vergessen. Leider können wir uns nicht einfach entscheiden, ob wir ein kommerzielles und brutales Internet wollen oder ein Internet der Vernunft, Transparenz und Demokratie. Wir haben keine Wahl zwischen zwei Internets. Der Dschungel bleibt.

STANDARD: Immerhin, Ihr Ausblick ist nachgerade revolutionär.

Türcke: Tatsächlich sehe ich im 3D-Druck ein Potenzial zur Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise. Was passiert, wenn diese Technik sich so entwickelt, dass alle neben einem PC auch einen PP (Personal Producer) hätten und sich die entscheidenden Gebrauchsgüter selbst herstellen könnten? Dann verfügten alle über Privateigentum an Produktionsmitteln. Die Produktionsmittel wären vergesellschaftet – nicht durch die Enteignung von Kapitalisten, sondern durch Zueignung an alle. Die Enteignung privater Firmen hat immer bloß zur Verstaatlichung geführt. Weiter ist der Sozialismus nie gekommen. Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel würde hingegen den Weg zu einer neuen hochtechnologischen Selbstversorgungswirtschaft beschreiten. Die brächte zwar nicht sogleich das gute Leben, stünde aber nicht mehr unter kapitalistischem Expansionszwang. Und das wäre schon enorm viel. Ob es dazu kommt, wissen wir nicht. Aber die Perspektive ist da.

Christoph Türcke, geb. 1948, studierte Evangelische Theologie und wurde 1972 in Zürich zum Pfarrer ordiniert, danach Studium der Philosophie an der Universität Frankfurt, 1977 Promotion, von 1995 bis 2014 war er Professor für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. -




Aus: ""Google und Facebook sind gewaltige Vormünder"" Lisa Nimmervoll (4.3.2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000098892112/Philosoph-Christoph-Tuercke-Google-und-Facebook-sind-gewaltige-Vormuender

Quote
Wienamasta

Autsch das tut weh.

Erinnert mich irgendwie an den Ausspruch einer alten chinesischen Adeligen in einem der Büchervon Pearl S. Buck: "Wozu brauchen wir einen Apparat, der die Worte unter dem Meer reisen lässt. (Telefon). Was hätten wir den Barbaren in jenen fernen Ländern zu sagen?!"


Quote
Cisleithaner

Da steckt doch der Pfarrer im Philosophen! Böse Technik = Hölle. Erlöse uns der Herr aus den Fängen des satanischen Internets und denen des teuflischen Kapitalismus auch. O sancta simplicitas!


Quote
angelo6

Da redet ein Blinder von der Farbe
Jede neue Technologie bietet neue Chancen und bringt neue Risken. Da muss man ansetzen und nicht an unrealistischen Vorstellungen von 3-D-Druckern !

/quote]

Quote
hukunamatata

es ist schon traurig das Wissen der Welt liegt in unseren Händen und doch verblödet die Gesellschaft zusehens.
Als User sollte man nie vergessen das Google, Facebook und Co Unternehmen sind die Profit machen wollen und deshalb versuchen sie alles um den User so lange wie möglich auf ihren Seiten zu halten.
Sieht so aus als bräuchte das Internet eine neue Aufklärung, Kant 2.0 sozusagen.
‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘


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« Reply #24 on: April 10, 2019, 11:01:07 vorm. »
Quote
[...]  Der Text wurde dem neuesten Heft der Fabrikzeitung über "Die neue Öffentlichkeit" entnommen. Die Fabrikzeitung ist ein Magazin für kulturelle, gesellschaftliche und politische Themen; sie wird durch das Kulturzentrum Rote Fabrik herausgegeben und erscheint seit 1984 zehn Mal jährlich. Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland berichten über die Hintergründe, die Nebenschauplätze, die Zusammenhänge des Zeitgeschehens und schaffen damit einen Raum für kritischen Diskurs. https://www.fabrikzeitung.ch/category/neue-oeffentlichkeit/#/
 ... Adrian Lobe hat in Tübingen, Paris und Heidelberg Politik- und Rechtswissenschaften studiert und arbeitet als freier Journalist. 2016 wurde er für seine Artikel über Datenschutz und Überwachung mit dem Preis des Forschungsnetzwerks Surveillance Studies ausgezeichnet. Für seinen Artikel "Wir haben sehr wohl etwas zu verbergen!" erhielt er 2017 den ersten Journalistenpreis der Stiftung Datenschutz. ...


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In der Mitte der 1990er Jahren war im Grundrauschen der Modems, die in Wohnzimmern und Büroräumen installiert waren, ein Revolutionsknistern zu vernehmen. Der Siegeszug des World Wide Web würde die Demokratisierung beschleunigen, er würde autoritäre Herrscher hinwegfegen, tradierte Institutionen überflüssig machen, Machenschaften ans grelle Licht der Öffentlichkeit zerren, die Welt zu einer "Placeless Society" (William Knoke) machen, für die Orte keine Rolle spielen. Futuristen und Akzelerationisten berauschten sich an der Geschwindigkeit der Bytes und Bits ebenso wie Kapitalisten. Die gegenkulturellen Netzaktivisten erträumten eine Cyberagora, einen elektronischen Marktplatz von Ideen, wo alle gleichberechtigt am Diskurs partizipieren können.

Der Internetpionier John Perry Barlow postulierte in seiner "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace" im Jahr 1996: "Wir erschaffen eine Welt, in der jeder Einzelne an jedem Ort seine oder ihre Überzeugungen ausdrücken darf, wie individuell sie auch sind, ohne Angst davor, im Schweigen der Konformität aufgehen zu müssen."

Dass diese Utopie herrschaftsfreien Diskurses im Netz eine Utopie bleiben würde, war selbst dem größten Optimisten klar. Auch der gerne idealisierte Speakers Corner, wo seit 140 Jahren die freie Rede kultiviert wird, war immer bloß ein Corner, eine Ecke der Debattierfreude, ein Schaukasten für besonders bunte Ideen, wo sich die demokratische Gesellschaft ihrer Werte vergewisserte, wohl wissend, dass die freie Rede in elitären Kreisen wie Eton oder Oxford auch von informellen und formellen Sprachregelungen eingeschränkt wird. Die brachiale Art und Weise, mit der diese Utopie einer elektronischen Agora (vorläufig) gescheitert ist, hat dann aber doch überrascht. Fake-News fluten das Netz, Hasskommentare verrohen den Diskurs, Trollfabriken manipulieren Wahlkämpfe, Hacker greifen Daten ab, Meinungsroboter torpedieren den politischen Diskurs, autoritäre Regime zensieren das Netz.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden die grüne Revolution im Iran (2009) sowie der Arabische Frühling (2011) als "Twitter-Revolution" bezeichnet. Die euphorischen Berichte von Journalisten, die in dem privaten Kurznachrichtendienst den Katalysator eines Demokratisierungsprozesses sehen wollten, wirken heute seltsam antiquiert. Die autoritären Herrscher fürchten das Internet schon lange nicht mehr, im Gegenteil, sie nutzen es als Instrument zur Überwachung und Unterdrückung. Der britische Physiker Tim Berners-Lee, der 1989 am CERN das World Wide Web erfand, stellte konsterniert fest, dass seine Schöpfung "kaputt" sei. Er will das Internet mit einem Open-Source-Projekt reparieren.

Die Diagnose, dass das Internet kaputt sei, greift etwas zu kurz, weil es "das" Internet nicht gibt und der ramponierte Zustand des World Wide Web im Zusammenhang mit den defekten Teilöffentlichkeiten steht: In den USA hat seit einigen Jahren, nicht zuletzt durch die Entwicklung des Internets, ein massives Zeitungssterben eingesetzt. Laut einer Studie der University of North Carolina mussten in den USA seit 2004 1800 Lokalzeitungen schließen. Wo Öffentlichkeit verschwindet, verschwinden auch der öffentliche Raum und seine Regeln.

 Auf der anderen Seite gibt es im Netz weiterhin intakte Formate wie Blogs oder Foren, die auch ohne Algorithmentechnik funktionieren. Die Wikipedia hat sich, trotz manch erbitterter Scharmützel seiner Editoren ("Edit Wars"), als erstaunlich robust gegen Fake-News und politische Manipulationsversuche erwiesen. Die Enzyklopädisten Diderot und d'Alembert hätten über das stiftungsfinanzierte Online-Lexikon und dessen kollaborativem Geist sicherlich gestaunt.

Nachdem die Blogosphäre einen leisen Tod starb, ist Wikipedia das letzte Relikt des Web 2.0 inmitten eines kommerzialisierten und durch Überwachungsstrukturen durchsetzten Internets, wo Tech-Konzerne wie Google oder Facebook durch die Ausforschung der Privatsphäre und personalisierte Werbung Milliarden verdienen. Doch auch dieses letzte genossenschaftlich bewirtschaftete Reservat droht in die korporativen Strukturen überführt zu werden. Tech-Konzerne wie Google, Facebook und Amazon nutzen Wikipedia-Beiträge zur Optimierung ihrer KI - und spenden dafür ein paar kümmerliche Millionen.

Die Google-Schwester Jigsaw etwa hat auf Grundlage von 115.000 Beiträgen auf Wikipedia-Diskussionsseiten ein Moderationstool (Perspective) entwickelt, das mithilfe maschinellen Lernens Hass-Postings und Trollereien erkennen soll. Der Algorithmus bewertet auf einer Skala von 0 bis 100 die Toxizität eines Beitrags. Die Frage ist nicht nur, ob Toxizität vielmehr eine Diskurskategorie aus autoritären Regimen ist, sondern auch, ob das Konzept der Commons nicht überstrapaziert wird, wenn sich profitorientierte Konzerne wie an einem Steinbruch an dem Wissensschatz bedienen. Was ist der Wert geistiger Arbeit, wenn Texte zu Trainingsdaten für geistlose künstliche Intelligenzen verkommen? Endgültig konterkariert, ja pervertiert würde der Commons-Gedanke, wenn mithilfe von Wikipedia-Diskussionen andernorts Diskussionsbeiträge gelöscht würden, die Editoren damit zu Handlangern der Zensur würden. Die großen Plattformen haben das partizipative Web gekapert. Es ist also genau das eingetreten, was die Vordenker des World Wide Web immer verhindern wollten: eine Zentralisierung, Monopolisierung und Vermachtung der Kommunikationsströme.

Die Netzöffentlichkeit wird heute von privaten Konzernen und ihren Algorithmen gelenkt. Egal, welchen Link man aufruft - man gelangt fast immer über Google, Facebook oder Twitter auf die Seite. Damit wächst den Konzernen eine beispiellose Gatekeeperfunktion zu. Als Google 2013 für ein paar Minuten offline war, brach der globale Internet-Traffic um 40 Prozent ein. Das zeigt, wie abhängig das Netz von zentralen Knotenpunkten ist. Wann immer die Konzerne an ihren Algorithmen drehen, hat dies Auswirkungen, nicht nur auf die Statik der Internet-Architektur, sondern auch auf politische Systeme. Der in der Provinz verankerte Protest der Gelbwestenbewegung in Frankreich ist mutmaßlich auf die Modifikation von Facebooks Newsfeed-Algorithmus im Januar 2018 zurückzuführen, der lokale Posts priorisiert. Dass in amerikanischen Rechenzentren die politische Agenda in Europa mitgesteuert wird, ist eine Entwicklung, die in der Diskussion über die politische Einflussnahme durch russische Trollfabriken gerne übersehen wird, jedoch die zunehmend schwächer werdende Selbstregulierungskapazität bürgerlicher Öffentlichkeiten indiziert.

Mit der Erosion der Schleusenwärterfunktion durch Algorithmen quillt immer mehr Müll an die Benutzerfläche. Plattformbetreiber wie Facebook oder YouTube beschäftigten auf den Philippinen einen digitalen Putztrupp, sogenannte Content-Moderatoren, die für ein paar Dollar am Tag den Unrat aus dem Netz beseitigen müssen: Sodomie, Kinderpornographie, Enthauptungsvideos und andere Grausamkeiten. Weil die "Cleaner" häufig traumatisiert sind, wollen Tech-Konzerne - gewissermaßen aus einem Gehlenschen Entlastungsgedanken heraus - Maschinen die Drecksarbeit übernehmen lassen. Schon heute prüfen automatisierte Systeme hochgeladene Videos. Doch der Mensch ist noch immer die billigere Sortiermaschine.

In den Richtlinien von YouTube heißt es: "Es dürfen keine gewalttätigen oder blutrünstigen Inhalte hochgeladen bzw. veröffentlicht werden, die vorrangig in schockierender oder effekthascherischer Art und Weise gestaltet sind bzw. grundlose Gewalt darstellen." Was jedoch den Tatbestand der "grundlosen Gewalt" erfüllt (auch Actionfilme?), ist nicht Auslegungssache, also Gegenstand einer diskursiven Praxis, sondern das Resultat mathematischer Rechenoperationen. Wenn der Objekterkennungsalgorithmus in einer Videosequenz drei Waffen identifiziert, könnte das System die Inhalte als nichtzeigenswürdig melden. Außerhalb der Determinismen gibt es gar keine Wahrheit mehr. Die algorithmischen Wertungen ("Dieses Video wurde entfernt") kommen mit einem Absolutheitsanspruch daher, als bedürfte es gar keiner Diskussion mehr, als wäre der Sachverhalt von höchstrichterlicher Instanz entschieden. Die Maschine hat gesprochen, Ende der Debatte.

Wie stupide diese Filtertechniken operieren, demonstrierte der australische Musik-Dozent Sebastian Tomaczak: Er lud auf YouTube ein Video hoch, das zehn Stunden lang nichts anderes als ein monotones Rauschen und ein graues Muster wie beim Sendeschluss zeigte. Man kann dies als performativen Kunstakt interpretieren, der die Monotonie der Plattform auf eine Metaebene hebt. YouTubes automatisiertes Content-ID-System identifizierte in dem Material jedoch fünf Urheberrechtsverstöße. Dass in diesen kybernetischen Kontrollschleifen auch Satire hängenbleibt und aussortiert wird und darin eine kulturelle Verachtung zum Ausdruck kommt, ist evident. Doch angesichts der 400 Stunden Videomaterial, die pro Minute (!) auf YouTube hochgeladen werden, bleibt der Plattform gar nichts anderes übrig, als den großen Kehricht zu schwingen und seine Kriterien restriktiv auszulegen.

Die Entfesselung der Informationen, die die von den fortschrittsoptimistischen Netzaktivisten immer herbeigesehnt wurde, führt paradoxerweise zu einer neuen Formen- und Sittenstrenge, einer Restauration von Autoritäten, die mit opaken, von der allgemeinen Öffentlichkeit nicht überprüfbaren Formeln die Meinungsströme lenken und mit der algorithmischen Zertifizierung die Grenzen des Sagbaren festzurren. Dieser technische Rigorismus paart sich dabei mit einer Sozialmoral, die erst auf den zweiten Blick deutlich wird: Facebook, das wiederholt Darstellungen von Nacktheit - etwa das "Napalm-Mädchen" oder die Neptun-Statue - aus Rücksicht auf religiöse Minderheiten gelöscht hat, weist in seinen "Gemeinschaftsstandards" explizit darauf hin, dass anstößige und taktlose Inhalte unerwünscht seien. Die Privatisierung und Technisierung meinungsbildender Prozesse und die damit einhergehende Delegation von Wertentscheidungen an Programmierer und Algorithmen führt letztlich zu einer Entmündigung bzw. Bevormundung liberaler Gesellschaften.

Der ehemalige Google-Chef und aktuelle CEO der Mutterholding Alphabet, Eric Schmidt, sagte einmal: "Wir sind sehr gut darin zu erkennen, was am meisten und wenigsten relevant ist. Es sollte für Computer möglich sein, bösartige, irreführende und inkorrekte Informationen zu detektieren und sie nicht sehen lassen. Wir reden hier nicht einer Zensur das Wort, wir argumentieren, es von der Seite herunterzunehmen, es woanders hinzutun und schwerer auffindbar zu machen." Die Gefahr ist, dass über die Installation von Filtertechniken eine klinisch reine Diskursarena erzeugt wird, wo das wie auch immer definierte Böse, Irreführende und Verstörende schon gar nicht mehr auftaucht, sondern nur noch Gefälliges.

Forderungen nach mehr Transparenz tritt Google mit der Schutzbehauptung entgegen, dass die Offenlegung seines Suchalgorithmus eine Einladung an Spammer wäre und in einem informationellen Kollaps resultieren würde. Suchmaschinenoptimierer könnten Werbung an erster Stelle platzieren, Krypto-Anarchisten Google-Dummys kreieren. Der Nutzer würde nichts mehr finden. Die digitale Gesellschaft hat also mit dem verstörenden Umstand zu leben, dass die Ordnung von Informationen nur durch ihren eigenen Black-Box-Charakter aufrechterhalten werden kann. Anders gewendet: Die Informierung der Öffentlichkeit funktioniert nur dann, wenn das Sicherheitsdispositiv im Verborgenen bleibt. Man könnte dies dialektisch als antiaufklärerische Aufklärung begreifen, als eine Art "embedded public", das nur noch durch die Sehschlitze automatisierter Systeme blickt.

Wie die Entwicklung weitergehen wird, ob sich abseits der Plattformen kritische Gegenöffentlichkeiten konstituieren, auf denen sich subversiver Protest organisieren lässt, wird abzuwarten sein. Mit Blick auf China ist jedoch anzunehmen, dass sich das zunehmend autoritär regulierte Web immer mehr von den anfänglichen Netzutopien entfernt.


Aus: "Die Plattformen haben das partizipative Web gekapert" Adrian Lobe (08. April 2019)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Die-Plattformen-haben-das-partizipative-Web-gekapert-4365432.html


Quote
     Steinmerkel, 08.04.2019 16:49

Guter Witz

" Die Wikipedia hat sich, trotz manch erbitterter Scharmützel seiner Editoren ("Edit Wars"), als erstaunlich robust gegen Fake-News und politische Manipulationsversuche erwiesen. "

Lächerlich. Unterirdisch. Uninformiert. Verblendet.


Quote
     DasWoelfchen, 08.04.2019 21:54

Lediglich die Verschiebung der Deutungshoheit

Früher waren die Journalisten die Torwächter - was nicht bei "heute", "Tagesschau", "FAZ" oder "Bild" sichtbar war, existierte einfach nicht.

Hier wurde gefiltert und redigiert was das Zeug hielt und später - nach Einzug des Privatfernsehens - auch durch geschickte Auswahl der Teilnehmer in Talkshows das politische Terrain geebnet, um dem Publikum "alternativlose Wahrheiten" verkaufen zu können. ... Heute entscheiden Konzernstrategen und maschinelle Filter bei den großen Internetfirmen, was die Nutzer von den tatsächlich generierten Inhalten auch wirklich zu sehen bekommen. Nicht umsonst klagen die großen Verlagshäuser und Fernsehanstalten über den eklatanten Verlust ihrer Meinungsführerschaft und setzen Himmel und Hölle in Bewegung, diese "gute alte Zeit" wiederauferstehen zu lassen.

... Die Methoden und Verfahren - ja sogar die zugrunde liegende Agenden - mögen sich ändern, aber gefiltert, gesteuert und aussortiert wird heute genauso wie vor 40 Jahren. Das einzige was sich geändert haben mag ist die Tatsache, dass sich eine immer größer werdende Anzahl von Menschen dieser Manipulation bewusst wird.


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« Reply #25 on: Juni 17, 2019, 03:18:58 nachm. »
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[...] Anfang Juni 2018 gab Microsoft den Ankauf der Code-Plattform GitHub bekannt. Anders ausgedrückt: Das größte Code-Repository der Welt, eine Art Basislager für alle diejenigen, die mit Software etwas anderes vorhaben als schlicht Profit machen, wird ausgerechnet von dem Konzern übernommen, der wie kein anderer für das Milliardengeschäft mit proprietären Software-Lizenzen steht.

Immer wieder kommt es vor, dass neue Techniken, Erfindungen oder Konzepte Hoffnungen wecken, sie würden wahlweise die Macht von großen Konzernen einschränken, zu mehr Demokratie und Gerechtigkeit führen, kurz: aus der Welt einen besseren Ort machen. Zur Jahrtausendwende bekundete der damalige US-Präsident Bill Clinton solcherart technologische Zuversicht: "Im neuen Jahrhundert wird sich die Freiheit durch Mobiltelefon und Kabelmodem verbreiten." Das Internet, Open-Source-Software, Peer-to-Peer-Anwendungen – Die Liste an technologischen Hoffnungsträgern, von denen ihre Zeitgenossen wundersame Wirkungen erwarteten, ist lang.

Gerne wird auf das Motiv des Ausschlusses von Vermittlern zurückgegriffen, deren Beseitigung wundersame Wirkungen zugeschrieben wird. So behauptete etwa der kanadische Management-Guru Son Tapscott 1996: "Die Mittlerfunktionen zwischen Produzenten und Konsumenten werden durch digitale Netzwerke ausgeschaltet." Tatsächlich haben wie seitdem eher das Gegenteil erlebt: Auf den netzneutralen Protokollen des Internets aufbauend sind neue Gatekeeper entstanden, die mächtigen und zu Monopolen gewordenen Plattformen der Digitalkonzerne.

Tapscott zeigt sich von solchen Entwicklungen gänzlich unbeeindruckt und hat schon die nächste Technologie ausgemacht, mit der es diesmal klappen soll mit der Weltverbesserung: "Die Blockchain Revolution. Wie die Technologie hinter Bitcoin nicht nur das Finanzsystem, sondern die ganze Welt verändert", heißt sein neues Buch. Meiner Skepsis, ob es mit dieser Technologie klappen wird, habe ich bereits in einem "Missing Link" Ausdruck gegeben.

Eins wird jedenfalls deutlich: Der Kapitalismus hat es noch jedes Mal geschafft, neue Technologien mitsamt ihrer Potenziale und Dynamiken zu integrieren. Ein besonders schönes Beispiel für eine beeindruckende feindliche Übernahme einer revolutionären, widerständigen Technologie durch einen kapitalistischen Player jährt sich derzeit zum ersten Mal und ist deshalb wert, einmal aus dieser Perspektive gewürdigt zu werden.

Der Software-Riese aus Redmond galt lange Zeit als das Hassobjekt Nummer eins der Software-Szene. Hatte doch Bill Gates als Fünfundzwanzigjähriger IBM mit einem Software-Deal über den Tisch gezogen und damit nicht nur das Software-Imperium Microsoft begründet, sondern auch die Ära lizenzierter Software eingeläutet. Beim berühmten IBM-Deal im Jahr 1980 gelingt dem jungen Bill Gates ein kluger Schachzug, der sich als größte und gewinnbringendste Geschäftsidee der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts erweisen sollte. Er kaufte das Betriebssystem QDOS vom Programmierer Tim Paterson für 50.000 Dollar, inklusive Quellcode und sämtlicher Nutzungsrechte. Ein guter Geschäftsmann oder eine gute Geschäftsfrau hätte daraufhin wahrscheinlich versucht, das leicht veränderte Programm für einen deutlich höheren Preis an IBM weiterzuverkaufen.

Nicht jedoch Bill Gates. Er war im Gegensatz zum IBM-Management davon überzeugt, dem PC stünde eine goldene Zukunft und der Durchbruch im Massenmarkt für die gerade entstehenden Personal Computer bevor. Er bot ihnen ein Lizenzmodell an: Microsoft erteilte IBM einfache Nutzungsrechte und erhielt pro verkauftem IBM-PC eine Lizenzgebühr – und obendrein kostenlose Werbung, war doch der mit dem Microsoft-Logo versehene Bootscreen ab sofort und jeden Tag aufs Neue das erste, was PC-Benutzer zu sehen bekamen. Zusätzlich konnte Gates allen anderen PC-Herstellern, also IBMs Konkurrenten, den gleichen Deal anbieten, dem diese ebenso bereitwillig zustimmten.

Der Rest ist Geschichte: Die PC-Revolution brach aus, IBM verkaufte Millionen der neuen Geräte und die Konkurrenz ebenso. Sie lieferten sich dabei einen Preiskrieg der als clone war in die Geschichte eingegangen ist, einzig Microsoft profitierte von den Erfolgen beider Seiten. Microsoft erlangte eine Monopolstellung im Bereich PC-Betriebssysteme und Büroanwendungssoftware, die bis heute anhält, und Bill Gates wurde zum reichsten Mann der Welt. Die Firma ist wegen dieser Rolle als Erfinder und maximaler Profiteur von Software-Lizenzierung seitdem beliebtestes Hassobjekt der Gegenbewegung.

Die kollektive Entwicklung von Software, deren Quellcode offen für alle zugänglich ist, die lizenzfrei vertrieben, verändert und zweckentfremdet werden kann, ist das Credo der Gegenseite. Der Linux-Begründer Linus Torvalds initiierte im Jahr 2005 ein Projekt, dessen Ziel ein frei verfügbares Tool für Software-Entwicklung war, das Versionierung ermöglichte, also die Möglichkeit, Entwicklungsstufen zu dokumentieren. Das Projekt bekam den Namen Git und sollte die Verwaltung von Code-Versionen erleichtern und die Koordinierung und Synchronisierung vieler parallel am gleichen Quellcode Arbeitenden ermöglichen.

Vorläufer gab es schon lange, bereits 1972 wurde SCCS erfunden, das erstmals die Möglichkeit bot, ein automatisches Protokoll des Entwicklungsprozesses zu erzeugen. Mit SCCS konnten auch bereits mehrere Personen am gleichen Code arbeiten, wenn auch nicht simultan. Parallele Veränderungen ("branches") waren mögliche, deren Zusammenführung ("merge") und das nachfolgende Einspeisen bzw. Konsolidieren ("commit") musste allerdings immer noch einzeln und von Hand geschehen.

Neu bei Git ist zudem die Dezentralität, es ist als distribuierter Service konzipiert, und erinnert darin etwa an das Design der Blockchain. Es gibt also keinen zentralen Server, alle Beteiligten haben lokal die komplette Version eines Projekts zur Verfügung.

Git stellt sicherlich eine der wichtigsten Innovationen im Bereich Software-Entwicklung dar, seit Margaret Hamilton aus dem Programmieren eine Ingenieurswissenschaft machte. Torvalds Projekt setzte sich – wie so oft bei konkurrierenden Technologien, nicht unbedingt nur auf Grund von sachlichen Kriterien, weltweit gegen die Konkurrenz (etwa von SVN) durch. Gutes Marketing und ein berühmter Name trugen wohl ihren Teil zum bei.

Doch das Versionsverwaltungssystem muss irgendwo "laufen", die Daten irgendwo gehostet werden. Die "Lagerhallen" für Git-Code stellte ab 2008 das kleine Startup GitHub zur Verfügung, die das Hosting der Git-Repositorien anbot, ohne Werbung und gegen geringe Gebühren. Es wurde durch immer neue Funktionen sowie kostenloses Hosting von öffentlichen Projekten schnell zum Anbieter der Wahl für die Entwicklerszene und, wie c't-Redakteur Jan Mahn betont, zu einem "sozialen Netzwerk für Entwickler".

Chinesische Aktivisten haben kürzlich unter dem Namen 996.ICU ein Repository auf GitHub eingerichtet, das sich zu einem der erfolgreichsten aller Zeiten entwickelt hat. Die Aktion ist Teil der wachsenden Anti-996-Bewegung in China, die sich auf einen in der dortigen Tech-Industrie verbreitetes Arbeitspensum bezieht – von neun bis neun, sechs Tage die Woche (996) – mit programmiertem Ende auf der Intensivstation (Intensive Care Unit).

In wenigen Monaten hat das Projekt mehr Sterne, die wie Facebook-Likes auf der Plattform funktionieren, als das Open-Source-Framework für künstliche Intelligenz von Google TensorFlow. Im April dann veröffentlichten Katt Gu und Suji Yan die "Anti-996-Lizenz", um die Arbeitsbedingungen für Programmierer zu verbessern. Die Lizenz schreibt Unternehmen vor, die Software des Projekts zu verwenden, um die lokalen Arbeitsgesetze sowie die Standards der Internationalen Arbeitsorganisation zu erfüllen. GitHub ist gut gewählt, fällt es doch chinesischen Zensurbehörden schwer, den für die chinesische IT wichtige Plattform einfach abzuschalten.

In der Schatzkammer der Entwickler-Community befinden sich derzeit 57 Millionen Programmcode-Repositorien, davon sind über die Hälfte öffentlich zugänglich. Über 28 Millionen Benutzer "sprechen" 337 verschiedene Programmiersprachen, "fork it on GitHub" (etwa: mach eine Verzweigung auf GitHub!) ist zum geflügelten Wort für Code-Entwicklung geworden. Allein 2,3 Millionen davon sind JavaScript-Projekte, der häufigsten Sprache auf der Plattform.

Am 4. Juni 2018 verkündete Microsoft die Übernahme von GitHub. Die Branche war fassungslos, konnten doch die beiden Beteiligten scheinbar gegensätzlicher nicht sein: Als würde sich Volkswagen die Deutsche Umwelthilfe oder RWE das Hambi-Camp 2.0 einverleiben! Boykottaufrufe ließen denn auch nicht lange auf sich warten.

Doch was steckte dahinter? CEO Satya Nadella sagte, dieser Deal würde "das Engagement von [Microsoft] für Entwicklerfreiheit, Offenheit und Innovation stärken". Im Januar 2019 senkte Microsoft sogar die Preise, auch private, d.h. nicht öffentlich einsehbare Repositorien, die vorher 7 US-Dollar pro Monat gekostet haben, wurden kostenlos. Es gibt nach wie vor Bezahlmodelle für Firmen, Teams etc. Trotzdem ein deutlicher Schritt, das Microsoft mit GitHub nicht fürs Hosting Geld verdienen will.

Microsoft will näher an die Millionen Coder, der Aspekt als soziales Medium einer erlesenen Gemeinschaft ist entscheidend, neben Image-Effekten, die man als "open-source-Washing" bezeichnen könnte. Experten zufolge ist Microsoft bestrebt, sich gegen Google und Apple zu behaupten, die mit dem App Store und dem Play Store hauptsächlich auf Mobilgeräten Armeen von Drittentwicklern angeheuert haben. Microsoft konzentriert sich auf die Erhöhung der Cloud-Präsenz und hat festgestellt, dass dies am besten durch Entwickler erreicht werden kann. Es ist eher ein Schritt für Microsoft, weg vom klassischen Software-Geschäft und hin zur Plattform-Ökonomie.

Und wie sieht das Geschäftsmodell aus? Auf der Heise-Bühne der Cebit 2018 boten GitHub-Manager Einblick: Die Millionen Coder und ihre Repositorien sind eine unerschöpfliche Quelle für Metadaten. Wer arbeitet mit welchen Tools an welchen Projekten in welchen Branchen? Solche und ähnliche Fragen kann GitHub mit einer weltweit konkurrenzlosen Datenbasis beantworten. Informationen, die aus diesen Daten extrahiert werden können, werden wohl künftig für GitHub essenziell: Plattformkapitalistische Daten-Monetarisierung in Reinkultur! Und im Ergebnis ist ein Lieblingsprojekt partizipatorischer Code-Entwicklung zu einem Big-Data-Pool eines Digitalkonzerns geworden.

Immer wieder werden Dezentralität, Verschlüsselung, Anonymität, Privacy, Transparenz, Offenheit ins Feld geführt; für utopische, die technische Seite transzendierende Eigenschaften, Effekte und Potenziale werden angedichtet, dazu demokratisierende, anti-kapitalistische etc. Dem steht die Fähigkeit des Kapitalismus gegenüber, revolutionäre, ja einmal für unversöhnlich antagonistisch eingeschätzte Technik, Bewegungen, Gedanken nicht nur zu parieren, sondern diese sich einzuverleiben. Und sich dadurch zu verändern, zu mutieren, so dass das Gift nicht nur nicht vergiftet, sondern nach einer Weile zum Nahrungsmittel wird.

Auf die radikale Künstlergruppe der Situationisten, die unter anderem die Hackerbewegung beeinflussten, geht der Begriff Rekuperation zurück. Sie beschrieben bereits in den 1960er Jahren, wie widerständige Kunst vom Kapitalismus einverleibt und neutralisiert wird. Gleichzeitig verändert sich dieser in dem Prozess der "Wiedereinverleibung" und geht gestärkt aus der Krise hervor, die die Intervention zunächst provoziert hat. Das Prinzip der "Wiedereinverleibung" wird seither auch in anderen Bereichen verwendet, nämlich immer dann, wenn zunächst widerständige und oppositionelles Verhalten, Ansichten oder auch Techniken sukzessive einverleibt, verdaut und neutralisiert werden.

Die Liste der diesbezüglichen Enttäuschungen ist ebenso lang. Um den 3D-Druck ist es in letzter Zeit schon stiller geworden, dem noch vor ein paar Jahren das Potenzial zugetraut wurde, die Hegemonie der Industrie zu brechen. Auch die Strahlkraft von Blockchain und Kryptowährungen hat erheblich nachgelassen, derzeit im Hype-Cycle noch eher oben: Künstliche Intelligenz.

Dabei können wir vom Cyber-Theoretiker Stafford Bear eins lernen: "Der Zweck eines Systems ist, was es tut." Egal, was für Potenziale und Fähigkeiten dystopischer oder utopischer Art von ihren Schöpfern oder Anwendern vermutet, welche Hoffnungen oder Befürchtungen in sie gelegt werden – geschenkt! Entscheidend ist, was hinten raus kommt (Helmut Kohl). Gesellschaftliche Veränderungen können nun einmal nicht außerhalb des Gesellschaftlichen erzielt werden; der Kapitalismus hat sich bisher immer als flexibel genug erwiesen, um mit jeder dieser Technologien nicht nur gut leben zu können, sondern auch eine Menge Geld damit zu verdienen.


Literatur

    Tapscott, Die digitale Revolution. Verheißungen einer vernetzten Welt - die Folgen für Wirtschaft, Management und Gesellschaft, Original: The Digital Economy McGraw, HIll N.Y. 1996
    Stafford Beer, What is Cybernetics?, Kybernetes, Volume 31, Issue 2, 2002, S. 209-219.
    Greenfield, Adam. Radical technologies: the design of everyday life, London New York: Verso, 2018.
    Jan Mahn, Microsoft kauft GitHub. Der Windows-Hersteller erwirbt mehr als eine Code-Plattform, c't 14/2018, S. 40
    Varun Kumar, 20 Interesting Facts and Statistics About GitHub, RankRed, 14.8.2018,
    Roberto Ohrt (Hrsg.): Der Beginn einer Epoche. Texte der Situationisten, Edition Nautilus, Hamburg 1995, ISBN 3-89401-243-9.
    Hackernoon, How Git Changed The History of Software Version Control, Hackernoon, 15.7.2018




Aus: "Missing Link: Technologie-Rekuperation, oder: Wie subversive Technologien absorbiert werden" Timo Daum (16.06.2019)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Missing-Link-Technologie-Rekuperation-oder-Wie-subversive-Technologien-absorbiert-werden-4446943.html?seite=all