Author Topic: [The Internet as a cultural movement... ]  (Read 15037 times)

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[Die Staaten verflechten sich... ]
« Reply #15 on: November 28, 2012, 09:43:38 AM »
Quote
[...] Die Cypherpunks stehen politisch dem Libertarismus nahe und fordern das strikte Offenlegen von öffentlichem Wissen (Wissen über die Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft) und Verbergen von privatem Wissen (Wissen über ein Individuum, persönliches Wissen). Daraus folgt, dass jede Form von privatem Wissen der Öffentlichkeit verborgen, das öffentliche Wissen aber für jeden zugänglich sein soll. Dieses Ideal wird von Datenschützern sehr befürwortet, führt aber häufig in den Interessenkonflikt mit Staat und Wirtschaft.

...


Aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Cypherpunk (22. November 2012)

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A Cypherpunk's Manifesto
by Eric Hughes (1993)
http://www.activism.net/cypherpunk/manifesto.html

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Cypherpunks are activists who advocate the widespread use of strong cryptography (writing in code) as a route to progressive change. ...
http://www.orbooks.com/catalog/cypherpunks/


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[...] „Die Staaten verflechten sich mit dem Internet“, sagte der Netz-Aktivist am Dienstag per Live-Schaltung auf der Internet-Konferenz „Convention Camp“ in Hannover. Private Kommunikation im Internet könne jederzeit staatlich überwacht werden. „Verschlüsselung ist die letzte Form des gewaltlosen Widerstands“, so Assange. ... Der WikiLeaks-Gründer veröffentlicht mit "Cypherpunks" gemeinsam mit anderen Netzaktivisten wie Jacob Applebaum ein Buch, in dem die Wichtigkeit von Verschlüsselung privater Daten für das Funktionieren von Demokratien unterstrichen wird.

...


Aus: "Assange: Internet dient staatlicher Überwachung" (27.11.12)
Quelle: http://futurezone.at/netzpolitik/12678-assange-internet-dient-staatlicher-ueberwachung.php


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[We need to take it back... ]
« Reply #16 on: September 08, 2013, 10:39:55 AM »
https://de.wikipedia.org/wiki/Hackerethik / https://en.wikipedia.org/wiki/Hacker_ethic

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[...] Die Bürger dürften es aber nicht länger hinnehmen, "dass das Internet nur noch zum Überwachen und Geldverdienen" da sein solle, warnte Roth vor Resignation. Nötig sei daher etwa bessere Software, die vor Bespitzelung schütze und einfach zu nutzen sei. Zudem müssten die Regierungen den Wählern endlich die Wahrheit sagen über das Ausmaß der geheimdienstlichen Spähaktionen. Sonst würden die Politiker ausgelacht, wenn sie weiter von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie sprächen. ...


Aus: "Freiheit statt Angst: "Wir müssen das Internet zurückerobern"" (07.09.2013)
Quelle: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Freiheit-statt-Angst-Wir-muessen-das-Internet-zurueckerobern-1952059.html

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"The US government has betrayed the internet. We need to take it back"
Bruce Schneier,  The Guardian, Thursday 5 September 2013 20.04
http://www.theguardian.com/commentisfree/2013/sep/05/government-betrayed-internet-nsa-spying

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Quote
Der amerikanische Informatiker und Sicherheitsanalytiker Bruce Schneier fordert in einem Kommentar im Guardian Techniker und Ingenieure auf, nicht länger über die Methoden der NSA zu schweigen und zu Whistleblowern zu werden. Außerdem sollen sie ein sicheres Internet bauen, das die Massenüberwachung durch Staaten unmöglich macht. ZEIT ONLINE veröffentlicht seinen Appell exklusiv in deutscher Übersetzung.

Regierung und Industrie haben das Internet – und uns – verraten. Indem die NSA das Internet auf jeder Ebene untergraben hat, um aus ihm eine riesige, allumfassende Überwachungsplattform zu machen, hat sie einen fundamentalen Gesellschaftsvertrag unterlaufen.

Weder den Unternehmen, die die Infrastruktur des Internets bauen und regulieren, noch denen, die Hardware und Software verkaufen, noch denen, die Daten speichern, kann man noch zutrauen, dass sie das Netz ethisch korrekt verwalten.

Das ist nicht mehr das Internet, das die Welt braucht, und auch nicht mehr das, was seine Schöpfer erdacht hatten. Wir müssen es uns zurückerobern. Und mit "uns" meine ich die Entwickler.

Ja, dies ist zuallererst ein politisches Problem, das politisches Eingreifen erfordert. Doch es ist auch ein technisches Problem. Und es gibt mehrere Dinge, die Techniker jetzt tun können – und sollten.

Erstens sollten wir aufklären. Wenn Sie kein offizieller Geheimnisträger der Regierung sind und bisher keinen National Security Letter erhalten haben, sind Sie nicht an staatliche Geheimhaltungsvorschriften oder Maulkorberlasse gebunden. Falls Sie von der NSA kontaktiert wurden, weil ein Produkt oder Protokoll Ihrer Firma unterwandert werden soll, sollten Sie das öffentlich machen. Verpflichtungen gegenüber Ihrem Arbeitgeber gelten nicht, wenn es um illegale oder unethische Taten geht. Wenn Sie mit offiziell als geheim eingestuften Daten arbeiten und wirklich mutig sind: Sagen Sie, was Sie wissen. Wir brauchen Whistleblower.

Wir müssen wissen, wie genau die NSA und andere Geheimdienste Router und Knotenpunkte, Verschlüsselungstechnologien und Cloud-Dienste aushebeln. Ich habe bereits fünf Geschichten von Menschen wie Ihnen vorliegen, dabei habe ich gerade erst angefangen, zu sammeln. Ich wünsche mir 50 solcher Geschichten, denn in der Masse sind wir sicherer. Diese Form des zivilen Ungehorsams ist der moralisch richtige Weg.

Zweitens können wir gestalten. Wir müssen herausfinden, wie wir das Internet umbauen können, um diese Art der Massenausspähung zu verhindern. Wir brauchen neue Techniken, um Kommunikationsvermittler davon abzuhalten, private Informationen weiterzugeben.

Wir können dafür sorgen, dass Überwachung teurer wird. Im Einzelnen heißt das, wir brauchen offene Protokolle, offene Implementierungen und offene Systeme – denn die sind für die NSA schwerer zu unterlaufen. Die Internet Engineering Task Force (IETF), die Organisation, die die technischen Standards des Internets definiert, hat für Anfang November eine Konferenz in Vancouver einberufen. Die Task Force sollte ihr Treffen diesem Ziel widmen. Das hier ist ein Notfall, der einen Noteinsatz erfordert.

Drittens können wir auf die Politik Einfluss nehmen. Ich habe mich bisher gescheut und bin betrübt, zu sagen: Die USA haben bewiesen, dass sie das Internet nicht ethisch verwalten. Großbritannien ist nicht besser. Die Taten der NSA legitimieren den Missbrauch des Internets durch China, Russland, Iran und andere. Wir brauchen neue Wege der Netzregulierung, und zwar solche, die es mächtigen Technologiestaaten erschweren, alles zu überwachen. Wir müssen zum Beispiel mehr Transparenz, Aufsicht und Rechenschaft von Regierungen und Firmen fordern.

Leider spielt das direkt in die Hände totalitärer Regierungen, die das Internet in ihren Ländern für noch viel schlimmere Formen der Überwachung nutzen wollen. Wir müssen daher auch Wege finden, um das zu verhindern. Wir müssen die Fehler der Internationalen Telekommunikationsunion(ITU) vermeiden, die zu einem Forum geworden ist, das üble Machenschaften von Regierungen legitimiert. Wir brauchen eine wirklich internationale Regulierungsvereinigung, die nicht von einem einzelnen Land dominiert oder missbraucht werden kann.

Ich hoffe, dass wenn irgendwann unsere Enkel auf diese frühen Tage des Internets zurückschauen, sie nicht furchtbar sauer auf uns sind. Wir können sicherstellen, dass sie es nicht sein werden. Wenn jeder von uns sich in dieser Debatte engagiert und sie sich zum obersten Ziel macht. Wir haben eine moralische Verantwortung für das Internet – und keine Zeit zu verlieren.

Den Überwachungsstaat zu demontieren, wird nicht einfach sein. Hat irgendein Land, das seine eigenen Bürger massenhaft überwacht hat, jemals freiwillig diese Möglichkeit aufgegeben? Hat irgendein Massenüberwachungsstaat es abwenden können, totalitär zu werden? Was auch immer geschieht: Wir betreten Neuland.

Um es noch einmal zu sagen: Die politische Herausforderung in dieser Sache ist größer als die technische, aber die technische ist entscheidend. Wir müssen fordern, dass Techniker in jede grundsätzliche Regierungsentscheidung zu solchen Themen einbezogen werden. Wir haben schon genug Juristen und Politiker, die die Technologie nicht voll verstanden haben. Wir brauchen Techniker am Tisch, wenn wir Netzpolitik machen.

Allen Entwicklern sage ich: Wir haben das Internet gebaut, und einige von uns haben geholfen, es zu untergraben. Jetzt müssen diejenigen von uns, die es lieben, es wieder hinbiegen.

... Der Text wurde übersetzt von Dagny Lüdemann.


Aus: ""Wir müssen das Internet zurückerobern"" Bruce Schneier (6. September 2013)
Quelle: http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2013-09/bruce-schneier-guardian/

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Quote
    boingboing
    06.09.2013 um 22:24 Uhr

Danke, da spricht mal jemand eine klare Sprache. So was hätte ich von unseren Politikern erwartet. Stattdessen: Schweigen im Walde. In Wirklichkeit haben die Politiker vor dem Internet Angst. Darum sagen sie nichts und stimmen damit heimlich der Demontierung unserer freien Kommunikationsstrukturen zu.
http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2013-09/bruce-schneier-guardian/?commentstart=9#cid-3015050

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http://www.heise.de/newsticker/meldung/Bruce-Schneier-zum-NSA-Skandal-Die-US-Regierung-hat-das-Internet-verraten-1951318.html


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[Der Ekel des Users beim Waten durch die Datensilage... ]
« Reply #17 on: March 11, 2015, 04:04:54 PM »
Quote
[...] Wann genau es körperlich geworden ist, weiß ich nicht mehr. Irgendwann im Sommer, nach irgendeiner Snowden-Enthüllung fühlte es sich plötzlich eklig an, den Notebookdeckel zu heben, es war, als würde man einen Stein im Garten herumwälzen müssen, unter dem es wimmeln würde. Einloggen in Google oder Twitter hatte plötzlich etwas von einer Kontrolle an der Grenze zu einem totalitär regierten Staat, Gestank nach Waffenöl und Leder, Schäferhundschnauze im Schritt.

Einige Geheimdienste und Unternehmen haben sich zum großen Menschenrechte-Fracking verbündet. In der Gier nach Daten verlieren sie die letzten Hemmungen, vergessen Anstand und Verfassung. Verkauft wird das alles unter dem Label "Realpolitik". Wer übers Internet kommuniziert, wird abgelauscht, registiert, abgespeichert, nach allen Regeln der Kunst erkennungsdienstlich behandelt. Sie wollen alles und zwar mehrfach: Reisedaten, Mobilfunkstandort, das Netzwerk persönlicher Beziehungen. Die Speicherfristen bestimmt nicht ein Gesetz, sondern der Preis für die Serverfarm. Was technisch machbar ist, wird durchgeführt.

Konzerne und Geheimdienste treffen sich nicht nur auf operativer, sondern auch auf strategischer Ebene: Die einen nützen die Nationalstaaten als Basis für Steuersparmodelle, die anderen, um über Datentausch mit ihren Partnern an Informationen über die eigene Bevölkerung zu kommen, die ihnen bisher verweigert waren. Wer glaubt, nichts zu verbergen zu haben und schweigt, ist doppelt nützlich: Als stiller Unterstützer und als Teil des Datenrauschens vermeintlicher Normalität, vor dessen Hintergrund sich die Abweichler umso deutlicher abzeichnen sollen.

Der Ekel des Users beim Waten durch die Datensilage ist Symptom des tiefgreifenden Wandels der materiellen Grundlagen unserer Gesellschaft. Führte die industrielle Revolution zunächst zu Arbeitslosigkeit und Hunger, also in eine Krise des Körpers, so provoziert die Informatisierung der Gesellschaft entsprechende Krisen des Geistes, die zuerst das politische Denken trüben.

Dieselben öffentlichen Figuren, zu deren Profil es vor nicht allzulanger Zeit gehörte, die permanente Bespitzelung - völlig zurecht - als typisches Merkmal totalitärer Ostblockregime zu brandmarken, verteidigen sie heute als neue Normalität im demokratisch verfassten Rechtsstaat, ja als Garant staatlicher Souveränität, gewissermaßen als Kompensation für den Bedeutungsverlust physischer Grenzen - eine Umwertung der Werte, die ein immerhin von George W. Bush persönlich ernannter US-Bundesrichter anlässlich eines Urteils über die NSA-Version der Vorratsdatenspeicherung als "beinah Orwellianisch" bezeichnet hat.

"Die Leute wachsen heute in dem Bewusstsein auf, dass alles, was sie ins Netz stellen, irgendwann gegen sie verwendet werden könnte", sagt mir ein Freund, "Eine Pädagogin hat neulich Kindern empfohlen, im Internet nichts zu tun, von dem nicht auch ihre Eltern erfahren dürften. Welche Persönlichkeiten entwickeln sich unter diesen Umständen?"

Haben wir dieses Bewusstsein wirklich? Schon löst sich der Ekel in immer wiederkehrenden Debatten auf, in der Arbeit und im Strom des alltäglichen Blödsinns. Vielleicht stimmt Orwells alter Big-Brother-Spruch wirklich und Unwissenheit ist tatsächlich Stärke, alle machen einfach weiter, interpretieren die NSA und die anderen Überwachungsinstanzen als Störungen und routen um sie herum, kriechen in neue Zwischenräume, wie es die Beherrschten aller Zeiten schon immer getan haben.

Mag sein, dass der wahre Schrecken der NSA-Affäre darin liegt, dass auch das volle Bewusstsein von der Emergenz eines beinahe umfassenden konnektionistischen Kontrollsystems im Grunde überhaupt keinen Unterschied im Alltag macht. Weil es schon immer so gewesen ist.

Es wird Zeit, diesen Unterschied zu suchen.


Aus: "Der Ekel vor dem Netz" Günter Hack  (26.12.2013)
Quelle: http://fm4.orf.at/stories/1730261

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[The Internet as a cultural movement... ]
« Reply #18 on: August 10, 2015, 01:07:20 PM »
Quote
[...] Geheimdienste spionieren uns im Netz aus, Regierungen verkaufen unseren digitalen Lebensraum, aber Bundesanwälte ermitteln lieber gegen Journalisten und Whistleblower. Johnny Haeusler hat genug — und wendet sich in dieser Woche an diejenigen, die den wahren Verrat begehen

Jahrzehntelang habt ihr (mindestens) eine Generation ignoriert, die mit digitalen Technologien und ihrer Vernetzung erwachsen geworden ist. Ihr habt unsere Medienkanäle belächelt, unsere sozialen Netzwerke nicht ernstgenommen, unsere Unternehmen ausgelacht und sogar unsere Spiele verteufelt und verboten. Ihr habt uns politisches Desinteresse angedichtet, dabei konntet ihr uns nur nicht mehr folgen, denn wir sind zu schnell geworden. Und jetzt sind wir meilenweit weg von euch.

... Eure Politik, eure Macht- und Geldgier und eure Marktgötzen haben uns in eine Welt geführt, auf die wir durch dystopische Science-Fiction-Romane, Comics und Videogames vorbereitet wurden: Vor den Toren Europas stehen diejenigen, auf deren Armut und Leid unser Reichtum basiert, und ihr hofft, sie mit Stacheldraht und Tränengas abhalten zu können. Neue Handelsabkommen besprecht ihr in Hinterzimmern, und ihr hofft, dass wir das nicht erfahren. Eure Beamten lasst ihr unsere Kommunikation speichern und ihr hofft, dass ihr sie versteht. Und viel zu oft mussten euch Gerichte darauf hinweisen, dass ihr gegen die Basis unserer Demokratie verstoßen habt. Gegen das Grundgesetz.

Und wenn wir dann mitbekommen, was ihr tut, wenn wir eure Absprachen und Pläne veröffentlichen, so dass alle sie sehen können — dann wollt ihr uns mundtot machen. Aber das funktioniert nicht mehr [https://www.wired.de/collection/latest/die-ermittlungen-gegen-netzpolitik-org-haben-kaum-rechtliche-grundlage]. Es ist zu spät für euch und eure alte Welt.

Vielleicht wissen wir selbst noch nicht so genau, wie eine neue Welt aussehen kann. Aber wir wissen, dass wir eine andere wollen als die, die ihr uns vorzuschreiben versucht. Wir wollen gleiche Rechte für alle Menschen, egal, wen sie lieben, wo sie herkommen und wie sie leben. Wir wollen gerechte Politik, die sich am Wohlergehen der Bevölkerung orientiert, nicht an dem eurer Unternehmen. Und wir wollen wissen, was ihr vorhabt, wir wollen Offenheit. Wir wollen Teil der politischen und gesellschaftlichen Prozesse sein, wir wollen mitreden, mitbestimmen.

Ganz genau so, wie es das Grundgesetz, die verfassungsmäßige Ordnung vorsieht. In der auch zu lesen ist: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

Was wir tun, ist Notwehr.


Aus: "Digital ist besser / Was wir tun, ist kein Landesverrat, sondern Notwehr" Johnny Haeusler (03.08.2015)
Quelle: https://www.wired.de/collection/latest/johnny-haeusler-findet-die-machtigen-begehen-neulandesverrat


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[The Internet as a cultural movement... ]
« Reply #19 on: July 13, 2017, 10:23:05 AM »
Lovink studierte zunächst Politikwissenschaft an der Universität von Amsterdam, bevor er an der Universität Melbourne mit einer Arbeit über die „Dynamik der kritischen Internet-Kultur“ (Dynamics of critical internet culture) promoviert wurde. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Geert_Lovink

Quote
[...] In den sozialen Medien manifestiert sich eine Verschiebung von den HTML-basierten Verlinkungspraktiken des offenen Webs zum Liken und Empfehlen innerhalb der geschlossenen Systeme. Die indirekte und oberflächliche ‚Like Economy‘ verhindert, dass ihre Nutzer verstehen, worum es im offenen Web eigentlich geht. Mit Info-Handlungen wie Befreunden, Liken, Empfehlen und Updaten führen die sozialen Medien neue Schichten unsichtbaren Codes zwischen einem selbst und den anderen ein. Das Ergebnis ist die programmierte Reduktion komplexer sozialer Beziehungen und eine Verflachung sozialer Welten (hier sehr gut von Zadie Smith beschrieben: http://www.nybooks.com/articles/2010/11/25/generation-why/), in der es nur noch ‚Freunde‘ gibt.

Google+ wurde als Antwort auf die Möglichkeiten dieser New-Age-Weltsicht ins Leben gerufen, für ein Programmieren ohne Antagonismen. Das ist der Widerspruch des demokratisierten Internets: während viele von der vereinfachten Technologie profitieren, leiden wir alle unter den Kosten genau dieser Einfachheit. Facebook ist gerade wegen seiner technischen und sozialen Einschränkungen beliebt.

... Während wir weiterhin offene Daten fordern, Open Source Browser nutzen und über Netzneutralität und Copyright streiten, sperren Walled Gardens wie Facebook die Welt der technologischen Entwicklung aus und entwickeln eine ‚Personalisierung‘, bei der Nachrichten außerhalb des eigenen Horizonts gar nicht mehr in die eigene Informationsökologie eindringen können. Ein anderer wichtiger Wendepunkt, der uns vom Web 2.0 zu den sozialen Medien brachte, war die Ankunft der Smartphones und Apps. Das Web 2.0 basierte immer noch ganz auf PCs. Die Rhetorik der sozialen Medien betont dagegen Mobilität: die Lieblings-Social-Media-Apps sind auf dem Handy installiert und werden immer mitgeführt, egal wo man gerade ist. Das Ergebnis ist Informationsüberflutung, Abhängigkeit und eine weitere Schließung des Internets, das nur mobile Echtzeit-Applikationen begünstigt und uns zunehmend in beschleunigte historische Energiefelder hineinzieht, wie die Finanzkrise, den arabischen Frühling und die Occupy-Bewegung.

Im Juli 2011 ging das auf die Alternativen zu den sozialen Medien ausgerichtete Forschungsnetzwerk Unlike Us an den Start, gegründet vom Institute of Network Cultures in Zusammenarbeit mit Korinna Patelis (damals Cyprus University of Technology, Limassol). Die Einführungsveranstaltung fand am 28. November 2011 auf Zypern statt. Es folgten eine zweieinhalbtägige Konferenz mit Workshops vom 2. bis 11. März 2012 in Amsterdam und eine weitere, noch ein Jahr später und ebenfalls in Amsterdam. 9 Im Februar 2013 kam der Unlike Us Reader raus, bald gefolgt von einer Sonderausgabe des Online-Journals First Monday. Die klassische Kampagne der Unlike-Us-Ära ist Europa vs. Facebook und wurde initiiert vom damaligen Wiener Jurastudenten Max Schrems.

Die Snowden-Enthüllungen im Juni 2013 hatten zu dieser Zeit einen starken Einfluss auf die Bemühungen, Alternativen zu den sozialen Medien zu fördern. Die Agenda der Geeks und Aktivisten erweiterte sich währenddessen drastisch, von individuellen Apps und Software-Initiativen bis zur Zukunft des Internets insgesamt. Dabei mussten die Alternativen nicht nur dezentralisiert und nicht-kommerziell, sondern von nun an auch mit kryptographischem Datenschutz auf allen Ebenen ausgestattet sein. Auf praktischer Ebene war das eigentlich mehr, als ein verstreuter Haufen von Hacktivisten, der von einem europäischen Zentrum für angewandte Forschung zusammengebracht wurde, bewältigen konnte. So traf sich die Unlike-Us-Gemeinde nach einiger Zeit nur noch in sporadischen, wenn auch interessanten Debatten auf der Mailingliste – ein deutliches Zeichen dafür, dass wir nie auch nur im Ansatz der Aussicht auf ein Verschwinden der sozialen Medien nahegekommen sind.

... Die Anziehungskraft kommerzieller Projekte wie Instagram (heute ein Tochterunternehmen von Facebook) und Snapchat hat die allgemeine Stellung der großen Player nicht geschwächt. Die meisten amerikanischen Social Media Start-ups hatten nichts gegen Risikokapital und ließen sich leicht in das altbekannte Geschäftsmodell von schnellem Wachstum, Überwachung und Auswertung ihrer Nutzerdaten zwingen. Dies war auch der Fall bei Ello, das mit seinem Anti-Werbungsprinzip einen vorübergehenden Hype als potentielle Facebook-Alternative auslöste: „Wir glauben, ein soziales Netzwerk kann ein Werkzeug der Ermächtigung sein. Kein Werkzeug zum Täuschen, Nötigen und Manipulieren, sondern ein Ort, um sich zu verbinden, etwas zu kreieren und das Leben zu feiern. Du bist kein Produkt.“ Immerhin hatte es ein gekonntes Design, ein Aspekt, dem die meisten Alternativen kaum Beachtung schenkten.

... Wir müssen uns durch das Digitale hindurcharbeiten; es gibt in diesem Fall nicht die sichere Position des Außenstehenden. Aber dies kann nur getan werden, wenn wir unsere Arbeit als politisches Projekt sehen und im Dialog mit der Politik. Oder wie Carlo es auf der Unlike Us-Liste formulierte: „Wir warten nicht mehr darauf, dass irgendwas von den Technikern kommt, denn das wäre wie Warten auf Godot.“

Anm.d.Red.: Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Im Bann der Plattformen. Das Buch wird am 5. Juli 2017 um 19 Uhr in Zusammenarbeit mit der Berliner Gazette vorgestellt.

...


Aus: "Eine Welt jenseits von Facebook: Auf der Suche nach Alternativen zum digitalen Kapitalismus" Geert Lovink (03.07.2017)
Quelle: http://berlinergazette.de/welt-jenseits-von-facebook/

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[The Internet as a cultural movement... ]
« Reply #20 on: March 26, 2018, 08:22:51 AM »
Quote
[....] Wer braucht schon Internet. Das CDN liefert den Content aus dem Data-Center um die Ecke. Da steht Youtube, der Facebook-Server und mein Amazon-Kaufhaus. Vorbei die Zeit, in der das Internet Monopole aufgebrochen hat. Stattdessen werden nach großen Content-Schleudern auch die Netze konsolidiert und zu privaten Content-Zuspielnetzen, die weder eine Universal-Service-Verpflichtung noch Netzneutralität kennen und dem öffentlich unterfinanzierten Internet allenfalls noch ein Schattendasein zubilligen.

Nach einem pointierten Rant http://www.potaroo.net/presentations/2018-03-02-death-of-transit.pdf von APNIC-Forscher Geoff Huston, Forscher bei der IP- und ASN-Registry APNIC, zeigt sich jetzt auch das Internet Architecture Board (IAB), Hüterin der auf dem Internet-Protokoll aufgebauten dezentralen Netzarchitektur, besorgt und überlegt, was noch zu retten ist vom guten alten Internet.

78 Prozent des Transatlantik-Datenverkehrs rauscht heute über Kabel von Content-Providern. Dazu rechnet Alan Mauldin, Forschungschef bei der Telekommunikations- und Netz-Analysefirma Telegeography, die vier Großen Google, Facebook, Microsoft und Amazon. Global gesehen stellten die Riesen Ende 2017 insgesamt 49 Prozent der Kapazität. Die angekündigten Pläne für weitere Seekabel zeigt wohin die Reise geht, erklärt Huston gerade seinen Kollegen bei allerlei technischen Konferenzen: Das Internet wird fundamental umgebaut.

Das Netzwerk von Netzwerken wird abgelöst von einer Content-Service-Plattform. Nicht Endnutzer werden verbunden und die Ende-zu-Ende-Kommunikation optimiert. Statt dessen servieren die großen Inhalteanbieter ihr Angebot direkt über Server, die sie beim Zugangsprovider zahlungskräftiger Kunden untergebracht haben. Dorthin wird es über die eigenen Netzstrecken und das kontinuierlich ausgebaute eigene Unterseekabelnetz gepumpt. Telegeography sagt bereits jetzt einen Rückgang von Unterseekabel-Projekten auf einige wenige Player voraus und den Ersatz der bislang aktiven Konsortien durch Einzelunternehmen.

Geoff Huston spricht vom Tod der Transitprovider und einer Privatisierung der Netzinfrastruktur. Nicht, dass hierzulande nicht auch klassische Netzbetreiber dereguliert und privatisiert wurden. Aber ein Rest an Regulierung blieb vorhanden und zwang sie mehr oder weniger, andere auf ihre Leitung zu lassen. Die neuen Service-Plattformen der Großen entziehen sich der Regulierung und nehmen ihr Geschäft mit von der allgemeinen Datenautobahn auf ihre Privatrennstrecke. "Ich fürchte das Geschäftsmodell der Transitprovider ist nicht mehr tragfähig", sagt Huston, und "die Zeit, in dem das Netz Monopole aufbricht, ist vorbei."

Auch unter den Standardisierern, also denen, die Protokolle vom guten alten Internet Protokoll (IP) bis zur neuesten Verschlüsselung von Daten auf dem Weg durchs Netz (Transport Layer Security TLS 1.3) entwickeln, regt sich Sorge. Der ehemalige Chef der Internet Engineering Task Force (IETF), Jari Arkko, hat die "Konsolidierung" der Netze auf die Tagesordnung gesetzt.

"Effiziente Märkte", schrieb Arkko, "tendieren dazu, Gewinner mit immer größeren Marktanteilen hervorzubringen", schrieb Arkko kürzlich in einem Blogpost. Das Prinzip der "Economies of Scale" betrifft laut Arkko dabei nicht nur den Bereich Content-Delivery, sondern auch Internet-Provider, Betriebssysteme, Webbrowser und alle anderen Netz-Werkzeuge.

Was aber bedeutet es für die Entwicklergemeinde, wenn mehr und mehr Netzverkehr in Richtung einer winzigen Gruppe riesiger Content-Provider abwandert, fragte Arkko jetzt. "Was bedeutet es für das Internet" – und vor allem: Können die Entwickler ihre Standards so trimmen, dass sie die alte Idee von der Dezentralisierung und dem Ende-zu-Ende Prinzip unterstützen?

"Das ist schwer", sagt Arkko am Rande der IETF-Tagung in London. Denn eine Reihe von ungelösten Problemen, teils Ergebnisse erfolgreicher Standardisierung, machen die Großen stark. Die immer riesigeren DDoS-Angriffe sind von kleinen Anbietern kaum zu beherrschen. Die Bekämpfung von Spam sorgt dafür, dass (auch in Deutschland) E-Mail immer unzuverlässiger wird. Es ist praktisch unmöglich, erklärt Arkko, seinen eigenen kleinen Mailserver zu betreiben, denn nur die Großen können sich erfolgreich dagegen wehren, auf schwarzen Listen zu landen.

Die IETF-Gemeinde ist zum Brainstorming aufgefordert. Unausgesprochen im Aufruf von Arkko hat die IETF längst Anteil an der Konsolidierung. Abgesehen davon, dass immer komplexere Protokolle den Großen in die Hände spielen, steht die Content-Delivery-Fraktion längst bei der Organisation auf der Matte. Sie prägt neuen Protokollen, wie etwa den möglichen TCP-Nachfolger Quic, ihren Stempel auf.

"Das ist schwer", sagt Arkko am Rande der IETF-Tagung in London. Denn eine Reihe von ungelösten Problemen, teils Ergebnisse erfolgreicher Standardisierung, machen die Großen stark. Die immer riesigeren DDoS-Angriffe sind von kleinen Anbietern kaum zu beherrschen. Die Bekämpfung von Spam sorgt dafür, dass (auch in Deutschland) E-Mail immer unzuverlässiger wird. Es ist praktisch unmöglich, erklärt Arkko, seinen eigenen kleinen Mailserver zu betreiben, denn nur die Großen können sich erfolgreich dagegen wehren, auf schwarzen Listen zu landen.

Die IETF-Gemeinde ist zum Brainstorming aufgefordert. Unausgesprochen im Aufruf von Arkko hat die IETF längst Anteil an der Konsolidierung. Abgesehen davon, dass immer komplexere Protokolle den Großen in die Hände spielen, steht die Content-Delivery-Fraktion längst bei der Organisation auf der Matte. Sie prägt neuen Protokollen, wie etwa den möglichen TCP-Nachfolger Quic, ihren Stempel auf.

Ist ein Ruf nach Regulierung angesichts von Konsolidierung an der Schwelle zum Monopol angebracht? Kann die Politik noch etwas tun, um die gern als kritische Infrastruktur regulierten Netze gegen die immer mächtigeren Privatstraßen im Netz zu verteidigen? Das Steuerrecht bot die britische konservative Politikerin Lilian Neville-Jones bei einem Gespräch mit der IETF Spitze und der Internet Society London an. Mehr könne man derzeit kaum machen, auch weil die großen Monopolisten in einer Region konzentriert seien. "Wir haben aktuell da ein Problem", räumte sie ein und warf schnell noch "offene Standards" in die Waagschale.

Falsche oder schlicht fehlende politische Weichenstellungen und die uneingelösten Versprechungen eines echten Breitbandnetzes als Infrastruktur hierzulande, das beklagt seit Jahren hartnäckig Dieter Klumpp, Gründer des Forschungsinstituts Instkomm. Zufälligkeiten und Zögerlichkeiten von Politiker mehrerer Generationen hätten dafür gesorgt, dass ein deutsches Glasfasernetz "immer in fünf oder sieben Jahren kommt, und das schon ziemlich lange."

Zwar habe man zu Recht die alten Staatsmonopole aufgelöst, aber zugleich habe man durch fehlende Investitionen in eine zukunftsfähige Grundversorgungs-Infrastruktur den neuen Monopolen von Google und Co. in die Hände gespielt. Anbieter wie die Deutsche Telekom versuchen sich selbst im geänderten Content-Modell. Die Idee, dass sie bei Google mitkassieren, haben sie aber praktisch aufgegeben.

Bleiben am Ende zum Schutz der Diversität die Access-Netze? Vorerst platzieren die CNDs ihre Server bei Access-Providern wie der Telekom. Wenn ein Konzern wie Google aber am Ende die Notwendigkeit sieht, noch näher an die Kunden heranzurücken, etwa weil die alternativen Netze nicht die notwendige Qualität bieten, würde das Unternehmen es tun, sagt eine Google-Insiderin. Warum die Wettbewerbsaufseher Google bis vor kurzem fast unbehelligt sein Reich aufbauen lassen, ist für sie unverständlich. Die Dystopie von Dave Eggers' "The Circle" und dem allmächtigen, den Staat ablösenden Technologieprovider, lässt grüßen.

Viele Entwickler bleiben trotz der düsteren Prognosen dem Motto treu, dass die nächste Technik-Generation es richten wird. "Einer macht das Netz kaputt, der nächste fixt es", ist eine alte Regel, sagt der erfahrene schwedische Netzingenieur Peter Löthberg. Ja, die Optimierung in Richtung CDN ist Mist, räumt er ein, vor allem, weil sie genau die Innovationen behindern kann, derer es bedürfte für die Disruption der neuen Monopole.

Wenn man auf dem Netz schimpfen, subversiv Revolutionen anzetteln und sich dazu mit Gleichgesinnten über Zertifikats-verschlüsselte Transportprotokolle verabreden kann, ist das dann nicht das gute alte Internet? "Die lügen", warnt Huston. "Das ist nur noch eine Simulation."

(Monika Ermert) / (jk)

Quote
     qatsi, 25.03.2018 10:21

Politische Weichen: Konsum und Überwachung
Die Politik stellt zwei Weichen: Konsum und Überwachung. Das ist der Sinn und Zweck des Internets für unsere Neuland-Politiker.
Wir werden es selbst in die Hand nehmen müssen, wenn wir das Internet als Werkzeug für eine freie Kommunikation behalten wollen. Die Technik dazu haben wir ja (noch).


...


Aus: "Missing Link: Vom Netz der Netze zur Content Delivery Plattform - ist das Internet noch zu retten?" Monika Ermert (25.03.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Missing-Link-Vom-Netz-der-Netze-zur-Content-Delivery-Plattform-ist-das-Internet-noch-zu-retten-4003297.html?seite=all

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« Reply #21 on: September 18, 2018, 01:56:58 PM »
Quote
[...] Mit dem gerade verabschiedeten Entwurf zur Änderung des Urheberrechts im EU-Parlament dürfen in Zukunft nur noch kürzeste Ausschnitte aus Nachrichtenartikeln oder Überschriften im Internet weiterverbreitet werden. Auch müssen große Plattformen Urheberrechtsverstöße künftig schon vor dem Hochladen ahnden. Eine Mehrheit der Abgeordneten stimmte am Mittwoch dafür. Die abgesegnete Version geht jetzt noch in den Trilog, wird also von Rat der EU, EU-Kommission und Parlament verhandelt. Im Frühjahr muss die Reform dann endgültig vom EU-Parlament verabschiedet werden.

Eine katastrophale Entwicklung, die völlig an der Zeit vorbeigeht: Menschen teilen millionenfach Links, sie laden Bilder und Videos hoch, basteln an Gifs und Memes. Diese Kultur regulieren zu wollen, konterkariert die Idee eines freien Internets.

Dabei war ein Update der Regelungen grundsätzlich richtig: Das derzeitige europäische Urheberrecht stammt noch aus dem Jahr 2001, damals gab es weder Google News noch Facebook noch Twitter noch YouTube. Veränderungen waren dringend notwendig, das ist klar.

Nur ist der verabschiedete Entwurf immer noch nicht besser als der schon im Juli zur Debatte gestellte. Trotz Überarbeitung liest er sich, als wäre er von Menschen geschrieben worden, die noch nie auch nur einen Browser geöffnet haben. Was da auf jeden, der im Netz unterwegs ist, zukommt, gefährdet nicht weniger als die freie Verteilung von Informationen.

Der Artikel 11 zum Leistungsschutzrecht sieht etwa vor, dass News-Aggregatoren wie Google nur noch einzelne Wörter von Artikeln aus Magazinen und Onlinemedien teilen dürfen. Bisher galt das Urheberrecht für gesamte Texte, nicht für einzelne Sätze oder Abschnitte. Kommt die Reform durch, könnte künftig schon das Teilen einer Überschrift abgestraft werden. Freies Teilen von Informationen und Nachrichten wird so zum Ratespiel: Wer schafft es, aus einer halben Überschrift auf den Inhalt eines Artikels zu schließen? Für Leserinnen und Leser von Nachrichtenseiten bringt das Leistungsschutzrecht somit absolut nichts. Es schränkt sie im Gegenteil weitreichend ein. Wenn eine Plattform keine Lizenzen an einem Artikel hat, könnte es sogar sein, dass schon die Linkvorschau auf Twitter oder bei WhatsApp nur noch einzelne Wörter enthalten darf.

Natürlich können private Nutzerinnen und Nutzer weiterhin Links verbreiten, heißt es fast schon großzügig in dem geänderten Entwurf. Doch was ist, wenn sie diese Links zum Beispiel auf ihrer Facebook-Seite teilen? Das soziale Netzwerk ist eine kommerzielle Plattform – müssen die Nutzerinnen dann dafür zahlen? Oder das Netzwerk? Und wie liegt der Fall, wenn sie auf ihrer privaten Internetseite eine Presseschau erstellen? Die schwammigen Formulierungen in dem verabschiedeten Entwurf machen einen Ausschluss jedweder Verantwortung unmöglich. Die Angst vor einer Abmahnung wird die Verbreitung von Links eindämmen. Und damit auch die Verbreitung von Nachrichten und Wissen.

Damit nicht genug. Auch Uploadfilter würden mit den Änderungen praktisch eingeführt. Sie fischen dann möglicherweise auch Bilder heraus, die gar keine Urheberrechtsverletzungen begehen – zum Beispiel Memes, Gifs oder andere Formen der Satire, die auf urheberrechtlich geschützten Werken beruhen. Dass Kritiker wie Bitkom-Präsident Achim Berg schon von Zensur sprechen, klingt übertrieben, ist aber berechtigt: De facto entscheiden künftig die Plattformen, auf denen Inhalte geteilt werden, was erlaubt ist und was nicht. Dadurch erhalten die Unternehmen wie schon beim in Deutschland geltenden Netzwerkdurchsetzungsgesetz zu viel Entscheidungsgewalt.

Wem bringt die Reform also überhaupt etwas? Befürworter sagen natürlich: den Urheberinnen und Urhebern. Aber tatsächlich dürften vor allem die Verlage profitieren. Wenn auf Google News nur der Titel eines Textes angezeigt würde, könnten sie dafür eine Lizenzgebühr verlangen. Die europäischen Verleger wollen dadurch einen Teil der Erlöse erhalten, die etwa Google News mit ihren Inhalten verdient. Auch wenn das schon in Deutschland nicht geklappt hat.

Für die Uploadfilter hat vor allem die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (Gema) fleißig geworben. Auch sie will Plattformen wie YouTube oder Wikipedia dazu bringen, kommerzielle Lizensierungen zu erwerben. Das schreibt die Public-Relations-Abteilung der Gesellschaft auch ganz offen. Aus Gema-Sicht soll mit den neuen Regelungen praktisch ein Rechtsbruch verhindert werden, ehe er begangen wurde: YouTube müsste ein Video etwa auf eine Urheberrechtsverletzung überprüfen, bevor sie überhaupt stattgefunden hat.

Dass etwa YouTube dafür Technologien einsetzen müsste, die Inhalte prüfen, das verschleiern die Befürworter gerne: Der Begriff Uploadfilter selbst sei ja nirgends im Entwurf zu finden. Aber wie sollen sich die 450 Stunden Videomaterial, die allein auf YouTube pro Minute hochgeladen werden, sonst auf Urheberrechtsverstöße automatisiert überprüfen lassen?

Dass die Urheberrechtsreform nun trotz all dieser unbeantworteten Fragen durchgekommen ist, verdankt sie der exzellenten Lobbyarbeit von einzelnen Interessenvertretern. Und Politikerinnen und Politikern, die sich offenbar viel zu oft von deren Positionen blenden lassen, anstatt mit denen zu sprechen, die die Reform wirklich betrifft: uns Internetnutzer.


Aus: "Urheberrechtsreform: Diese Überschrift dürfen Sie künftig nicht mehr zitieren" Ein Kommentar von Lisa Hegemann (12. September 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/digital/internet/2018-09/urheberrechtsreform-eu-parlament-abstimmung-uploadfilter-leistungsschutzrecht-lobbyismus

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« Reply #22 on: September 22, 2018, 05:24:14 PM »
Quote
[...] Mit dem Geschehen um die US-Präsidentschaftswahl 2016 herum schien ein langer Streit zwischen Internet-Optimisten und -Pessimisten entschieden: Statt des Potenzials von weltweiter Vernetzung gerieten ihre Probleme in den Vordergrund, vom unzureichenden Schutz vor Belästigung im heutigen Web bis zu der Anonymität, hinter der sich Teenager-Trolle und russische Geheimdienstler gleichermaßen verstecken können.

Damit ist eine neue Gruppe entstanden, die Tim Hwang von der Ethics and Governance of AI Initiative als „deprimierte frühere Optimisten“ (DFO) bezeichnet. Sie unterteilt sich in Puristen, Desillusionierte, Hoffnungsvolle und Revisionisten, wie Technology Review online in „Desillusionierte Gläubige“ berichtet. [https://www.heise.de/tr/artikel/Internet-Desillusionierte-Glaeubige-4168776.html]

Als Hintergrund verweist Hwang auf das Buch The House of Government von Yuri Slezkine, laut dem bei Gläubigen egal welcher Richtung immer der gleiche Prozess einsetzt, wenn sich eine Vision unerwartet verzögert. Die Ideologen müssten dann eine Theorie hervorbringen, die erklärt, warum die prognostizierten Ereignisse nicht eingetreten sind. Das sei bei christlichen Sekten ebenso der Fall gewesen wie nach der russischen Revolution. Sich selbst bezeichnet Hwang als „ängstlichen DFO“.

Wirklich ernst zu nehmen scheint Hwang weder sich selbst noch die anderen Angehörigen der DFO-Untergruppen. Zu den Desillusionierten etwa schreibt er, man könne „häufig beobachten, wie sie begeistert soziale Medien nutzen, um ihren Hass auf soziale Medien kundzutun“. Die Hoffnungsvollen wiederum würden eine bedingungslose Liebe zu Tumblr hegen, hätten nostalgisch das Video mit der rollenden Zitrone geteilt und würden merkwürdige Slack-Mitgliedschaften sammeln.

Dennoch erweckt Hwang den Eindruck, weiter optimistisch zu sein, wenn er etwa über die Revisionisten schreibt: „Sie wollen mit Veränderungen die frühen Ambitionen des Web erhalten und rufen nach neuen Initiativen, um bessere Gemeinschaften und Systeme für die Online-Gesellschaft zu entwickeln.“


Aus: "Was Puristen, Desillusionierte, Hoffnungsvolle, Revisionisten zum Internet sagen" Sascha Mattke (21.09.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Was-Puristen-Desillusionierte-Hoffnungsvolle-Revisionisten-zum-Internet-sagen-4168779.html

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« Reply #23 on: March 05, 2019, 01:29:52 PM »
Quote
[...] STANDARD: Sie wähnen uns alle "auf dem Weg in die digitale Hölle". Warum das denn?

Türcke: Die große Internet-Utopie besagt ja: Es wird wunderbar sein, wenn wir endlich alle ständig miteinander verbunden sind. Die anderen sind dann immer da, man schaltet sie gewissermaßen ein, indem man sie direkt anspricht. So entsteht natürlich nicht globale Mitmenschlichkeit, sondern eine Art globales Callcenter, 24 Stunden am Tag – und das ist eine digitale Hölle.

STANDARD: Die Grundthese Ihres Buchs ist, dass die Digitalisierung eine neue Form der Vergesellschaftung bringt – eine neue Stammesgesellschaft. Wie sieht die aus?

Türcke: Der Begriff geht auf den Medientheoretiker Marshall McLuhan zurück. Er glaubte, dass nach der langen Epoche der Schrift, die die Menschheit wie ein Spaltpilz befallen und die Individuen vereinzelt habe, die ganze Welt durch elektronische Medien wieder verbunden und zu einer neuen Nähe direkten Sprechens und Hörens zusammenrücken würde, wie einst in der archaischen Stammeswelt. In dieser Vision sind auch immer alle da und zusammen. Die Menschheit wird zu einem globalen digitalen Stamm. Ja, sage ich, ein solcher Stamm ist im Entstehen. Nur bringt er nicht allgemeine zwischenmenschliche Nähe, sondern setzt unter den Druck ständiger Empfangs- und Sendebereitschaft. Wer da nicht mitmachen will, ist ausgeschlossen. Deswegen reden alle von Inklusion. Aus Angst vor dem Ausschluss beginnen sie das Eingeschlossensein für den erstrebenswertesten Zustand zu halten. Sie preisen es als Menschenrecht. Dahinter steht die Digitallogik. Außerhalb der Digitalität gibt es kaum mehr menschliche Lebensmöglichkeiten. Die gibt es nur noch in den Clans des digitalen Stamms.

STANDARD: Der Facebook-Clan, der Instagram- oder Twitter-Clan?

Türcke: Ganz genau – oder der Google-Clan. Diese Clans funktionieren wie archaische Schwärme oder Horden. Es gibt einen Schwarmsog. Wo die anderen hinschwärmen oder hingetrieben werden, da muss ich auch hin, sonst bin ich draußen.

STANDARD: Google und Facebook würden die Nutzerinnen und Nutzer nicht "knechten", schreiben Sie: "Sie saugen sie an. Doch damit machen sie sie abhängiger als jede politisch-militärische Gewalt." Wie überformen deren Funktionslogiken das Bewusstsein ihrer Stammesmitglieder alias Follower?

Türcke: Das Wort ansaugen sagt es schon: Es werden Suchtverhältnisse hergestellt. Stellen wir uns vor, Google oder Facebook sperrten einmal für 24 Stunden den Zugang. Was wäre die Folge? Angst, Panikattacken und Desorientierung größten Ausmaßes. Es haben sich suchtbasierte Gefolgschaften um diese Plattformen gebildet. Kritiker sagen, wir müssen die absolutistische Herrschaft von Google bekämpfen. Da fühlt sich Google nicht angesprochen. Die locken ihre Klientel ja mit universaler kostenloser Dienstbarkeit. Leute abhängig machen mit einem kostenlosen Dienst und dabei Milliarden verdienen: So ein geniales Geschäftsmodell hat es in der Geschichte noch nicht gegeben. Da wird durch Dienstbarkeit geherrscht. Hegels Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft ist auf neue Weise wieder aktuell. Die Herrschaft durch Dienstbarkeit, die eine suchtbasierte Abhängigkeit herstellt, ist gar nicht zu übertreffen. Da hat man die Leute innerlich am Gängelband, nicht durch äußere Unterdrückung.

STANDARD: Sie beschreiben die Suchmaschine Google ja in politischen Kategorien: "Praktiziert wird unablässige Basisdemokratie ohne res publica (öffentliche gemeinsame Angelegenheit) – ein Dauerplebiszit." Mit welchen Folgen für die reale Politik, die echte Demokratie?

Türcke: Es greift eine enorme Depolitisierung um sich. Die Politikverdrossenheit steigt extrem in einer Zeit, in der Politiker ständig mit einer enormen Staatsverschuldung konfrontiert sind. Ihr Gestaltungsraum schrumpft. Und dann kommen große Plattformen mit einem ungeheuren finanziellen Rückhalt und einer riesigen Attraktivität für ihre Nutzer und bieten den Staaten an: Wir übernehmen für euch ganze Ressorts, zum Beispiel die Bildungs- und Verkehrslogistik. Und wir machen das viel billiger als ihr. Das ist noch in den Anfängen, bahnt sich aber so drastisch an, dass man kein Prophet sein muss, um zu sehen, dass das die nähere Zukunft ist. In Deutschland wird gerade die Schulcloud eingerichtet. Die soll sämtliche Bildungsangebote enthalten, alle Auswertungsmechanismen, Feedbacks in Echtzeit, die die Schüler sofort überprüfen und ihnen gleich individuell zugeschnittene neue Aufgaben übermitteln. Die Schüler hängen als Reiz-Reaktions-Bündel am Tropf einer feinjustierten Bildungsmaschine. Das Lehrpersonal wird zum marginalen Begleiter. Eine private Firma übernimmt das Bildungsmanagement und nutzt alle dabei anfallenden Schüler- und Lehrerdaten. Grauenerregend und, wenn einmal etabliert, kaum mehr rückgängig zu machen.

STANDARD: Sie schreiben über die "Auflösung der Öffentlichkeit" durch die Durchdigitalisierung aller Lebensbereiche. Welche Auswirkungen hat das?

Türcke: Öffentlichkeit ist etwas Paradoxes: eine besondere Sphäre zur Artikulation von Allgemeinem. Sie artikuliert das, was alle angeht. Das kann sie gar nicht anders tun als repräsentativ. Öffentlichkeit hat stets etwas mit Fürsprache für andere zu tun, die sich nicht jederzeit artikulieren können. Fürsprecher und Repräsentanten, die für andere sprechen und sie repräsentieren sollen, sind tendenziell freilich immer auch Vormünder, die andere nicht zu Wort kommen lassen. In der Frühzeit des Internets glaubte man, das Vormundsproblem mit einem Schlag loswerden zu können. Jeder geht unmittelbar ins Netz. Da brauchen wir den ganzen Mist der Repräsentation nicht mehr.

STANDARD: Dieser "Mist" scheint aber doch nicht ganz verzichtbar.

Türcke: Ja, denn jener Cyberspace, jener nicht regierbare Raum, in dem sich jeder ohne jeden Repräsentanten vollkommen frei bewegen können soll, war nicht das Reich der Freiheit, wie die Internetpioniere in den 90er-Jahren glaubten, sondern ein neuer hochtechnologischer Dschungel. Schon nach kürzester Zeit musste man irgendeine Struktur in diesen Dschungel bringen. Die Suchmaschine Google und die Likemaschine Facebook haben das getan und dabei nichts Geringeres geschaffen als eine neue Weltordnung. In deren Koordinaten verläuft die globale Kommunikation. Nach deren Pfeife tanzt die Vergesellschaftung: die Bildung unterkomplexer, clanartiger Horden und Schwärme im Kraftfeld von Plattformen. Google und Facebook sind gewaltige neue Vormünder – ungleich beherrschender als die alten der repräsentativen demokratischen Öffentlichkeit. Und plötzlich stellt sich nicht mehr die Frage, wie stellen wir durch das Internet endlich Demokratie her, sondern wie schützen wir die Demokratie vor dem Internet?

STANDARD: Wie schützen wir die Demokratie denn vor dem Internet?

Türcke: Genauso wie man kleine Kinder vor alledem schützt: durch geringstmöglichen und wohldosierten Gebrauch. Man sollte die zahllosen Dinge, für die man keinen Computer braucht, auch weiterhin ohne diese Geräte machen. Es muss nicht gleich jedes Arbeitsblatt für die Schule digitalisiert werden.

STANDARD: In Summe ist Ihre Analyse schon etwas sehr kulturpessimistisch. Wo sehen Sie denn auch Positives an den Möglichkeiten der Digitalisierung?

Türcke: Ich habe diverse Lichtblicke aufgezählt: Wikipedia etwa oder all die Menschenrechtsaktivisten in diktatorischen Ländern, die mit ihren Blogs im Internetdschungel eine Nische finden, an die autoritäre Staaten schlecht rankommen. Die sind zwar unbedingt zu unterstützen, aber es sind lediglich Lichtblicke im Dschungel. Diese Verhältnismäßigkeit ist nicht zu vergessen. Leider können wir uns nicht einfach entscheiden, ob wir ein kommerzielles und brutales Internet wollen oder ein Internet der Vernunft, Transparenz und Demokratie. Wir haben keine Wahl zwischen zwei Internets. Der Dschungel bleibt.

STANDARD: Immerhin, Ihr Ausblick ist nachgerade revolutionär.

Türcke: Tatsächlich sehe ich im 3D-Druck ein Potenzial zur Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise. Was passiert, wenn diese Technik sich so entwickelt, dass alle neben einem PC auch einen PP (Personal Producer) hätten und sich die entscheidenden Gebrauchsgüter selbst herstellen könnten? Dann verfügten alle über Privateigentum an Produktionsmitteln. Die Produktionsmittel wären vergesellschaftet – nicht durch die Enteignung von Kapitalisten, sondern durch Zueignung an alle. Die Enteignung privater Firmen hat immer bloß zur Verstaatlichung geführt. Weiter ist der Sozialismus nie gekommen. Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel würde hingegen den Weg zu einer neuen hochtechnologischen Selbstversorgungswirtschaft beschreiten. Die brächte zwar nicht sogleich das gute Leben, stünde aber nicht mehr unter kapitalistischem Expansionszwang. Und das wäre schon enorm viel. Ob es dazu kommt, wissen wir nicht. Aber die Perspektive ist da.

Christoph Türcke, geb. 1948, studierte Evangelische Theologie und wurde 1972 in Zürich zum Pfarrer ordiniert, danach Studium der Philosophie an der Universität Frankfurt, 1977 Promotion, von 1995 bis 2014 war er Professor für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. -




Aus: ""Google und Facebook sind gewaltige Vormünder"" Lisa Nimmervoll (4.3.2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000098892112/Philosoph-Christoph-Tuercke-Google-und-Facebook-sind-gewaltige-Vormuender

Quote
Wienamasta

Autsch das tut weh.

Erinnert mich irgendwie an den Ausspruch einer alten chinesischen Adeligen in einem der Büchervon Pearl S. Buck: "Wozu brauchen wir einen Apparat, der die Worte unter dem Meer reisen lässt. (Telefon). Was hätten wir den Barbaren in jenen fernen Ländern zu sagen?!"


Quote
Cisleithaner

Da steckt doch der Pfarrer im Philosophen! Böse Technik = Hölle. Erlöse uns der Herr aus den Fängen des satanischen Internets und denen des teuflischen Kapitalismus auch. O sancta simplicitas!


Quote
angelo6

Da redet ein Blinder von der Farbe
Jede neue Technologie bietet neue Chancen und bringt neue Risken. Da muss man ansetzen und nicht an unrealistischen Vorstellungen von 3-D-Druckern !

/quote]

Quote
hukunamatata

es ist schon traurig das Wissen der Welt liegt in unseren Händen und doch verblödet die Gesellschaft zusehens.
Als User sollte man nie vergessen das Google, Facebook und Co Unternehmen sind die Profit machen wollen und deshalb versuchen sie alles um den User so lange wie möglich auf ihren Seiten zu halten.
Sieht so aus als bräuchte das Internet eine neue Aufklärung, Kant 2.0 sozusagen.
‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘


...

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« Reply #24 on: April 10, 2019, 11:01:07 AM »
Quote
[...]  Der Text wurde dem neuesten Heft der Fabrikzeitung über "Die neue Öffentlichkeit" entnommen. Die Fabrikzeitung ist ein Magazin für kulturelle, gesellschaftliche und politische Themen; sie wird durch das Kulturzentrum Rote Fabrik herausgegeben und erscheint seit 1984 zehn Mal jährlich. Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland berichten über die Hintergründe, die Nebenschauplätze, die Zusammenhänge des Zeitgeschehens und schaffen damit einen Raum für kritischen Diskurs. https://www.fabrikzeitung.ch/category/neue-oeffentlichkeit/#/
 ... Adrian Lobe hat in Tübingen, Paris und Heidelberg Politik- und Rechtswissenschaften studiert und arbeitet als freier Journalist. 2016 wurde er für seine Artikel über Datenschutz und Überwachung mit dem Preis des Forschungsnetzwerks Surveillance Studies ausgezeichnet. Für seinen Artikel "Wir haben sehr wohl etwas zu verbergen!" erhielt er 2017 den ersten Journalistenpreis der Stiftung Datenschutz. ...


-

In der Mitte der 1990er Jahren war im Grundrauschen der Modems, die in Wohnzimmern und Büroräumen installiert waren, ein Revolutionsknistern zu vernehmen. Der Siegeszug des World Wide Web würde die Demokratisierung beschleunigen, er würde autoritäre Herrscher hinwegfegen, tradierte Institutionen überflüssig machen, Machenschaften ans grelle Licht der Öffentlichkeit zerren, die Welt zu einer "Placeless Society" (William Knoke) machen, für die Orte keine Rolle spielen. Futuristen und Akzelerationisten berauschten sich an der Geschwindigkeit der Bytes und Bits ebenso wie Kapitalisten. Die gegenkulturellen Netzaktivisten erträumten eine Cyberagora, einen elektronischen Marktplatz von Ideen, wo alle gleichberechtigt am Diskurs partizipieren können.

Der Internetpionier John Perry Barlow postulierte in seiner "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace" im Jahr 1996: "Wir erschaffen eine Welt, in der jeder Einzelne an jedem Ort seine oder ihre Überzeugungen ausdrücken darf, wie individuell sie auch sind, ohne Angst davor, im Schweigen der Konformität aufgehen zu müssen."

Dass diese Utopie herrschaftsfreien Diskurses im Netz eine Utopie bleiben würde, war selbst dem größten Optimisten klar. Auch der gerne idealisierte Speakers Corner, wo seit 140 Jahren die freie Rede kultiviert wird, war immer bloß ein Corner, eine Ecke der Debattierfreude, ein Schaukasten für besonders bunte Ideen, wo sich die demokratische Gesellschaft ihrer Werte vergewisserte, wohl wissend, dass die freie Rede in elitären Kreisen wie Eton oder Oxford auch von informellen und formellen Sprachregelungen eingeschränkt wird. Die brachiale Art und Weise, mit der diese Utopie einer elektronischen Agora (vorläufig) gescheitert ist, hat dann aber doch überrascht. Fake-News fluten das Netz, Hasskommentare verrohen den Diskurs, Trollfabriken manipulieren Wahlkämpfe, Hacker greifen Daten ab, Meinungsroboter torpedieren den politischen Diskurs, autoritäre Regime zensieren das Netz.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden die grüne Revolution im Iran (2009) sowie der Arabische Frühling (2011) als "Twitter-Revolution" bezeichnet. Die euphorischen Berichte von Journalisten, die in dem privaten Kurznachrichtendienst den Katalysator eines Demokratisierungsprozesses sehen wollten, wirken heute seltsam antiquiert. Die autoritären Herrscher fürchten das Internet schon lange nicht mehr, im Gegenteil, sie nutzen es als Instrument zur Überwachung und Unterdrückung. Der britische Physiker Tim Berners-Lee, der 1989 am CERN das World Wide Web erfand, stellte konsterniert fest, dass seine Schöpfung "kaputt" sei. Er will das Internet mit einem Open-Source-Projekt reparieren.

Die Diagnose, dass das Internet kaputt sei, greift etwas zu kurz, weil es "das" Internet nicht gibt und der ramponierte Zustand des World Wide Web im Zusammenhang mit den defekten Teilöffentlichkeiten steht: In den USA hat seit einigen Jahren, nicht zuletzt durch die Entwicklung des Internets, ein massives Zeitungssterben eingesetzt. Laut einer Studie der University of North Carolina mussten in den USA seit 2004 1800 Lokalzeitungen schließen. Wo Öffentlichkeit verschwindet, verschwinden auch der öffentliche Raum und seine Regeln.

 Auf der anderen Seite gibt es im Netz weiterhin intakte Formate wie Blogs oder Foren, die auch ohne Algorithmentechnik funktionieren. Die Wikipedia hat sich, trotz manch erbitterter Scharmützel seiner Editoren ("Edit Wars"), als erstaunlich robust gegen Fake-News und politische Manipulationsversuche erwiesen. Die Enzyklopädisten Diderot und d'Alembert hätten über das stiftungsfinanzierte Online-Lexikon und dessen kollaborativem Geist sicherlich gestaunt.

Nachdem die Blogosphäre einen leisen Tod starb, ist Wikipedia das letzte Relikt des Web 2.0 inmitten eines kommerzialisierten und durch Überwachungsstrukturen durchsetzten Internets, wo Tech-Konzerne wie Google oder Facebook durch die Ausforschung der Privatsphäre und personalisierte Werbung Milliarden verdienen. Doch auch dieses letzte genossenschaftlich bewirtschaftete Reservat droht in die korporativen Strukturen überführt zu werden. Tech-Konzerne wie Google, Facebook und Amazon nutzen Wikipedia-Beiträge zur Optimierung ihrer KI - und spenden dafür ein paar kümmerliche Millionen.

Die Google-Schwester Jigsaw etwa hat auf Grundlage von 115.000 Beiträgen auf Wikipedia-Diskussionsseiten ein Moderationstool (Perspective) entwickelt, das mithilfe maschinellen Lernens Hass-Postings und Trollereien erkennen soll. Der Algorithmus bewertet auf einer Skala von 0 bis 100 die Toxizität eines Beitrags. Die Frage ist nicht nur, ob Toxizität vielmehr eine Diskurskategorie aus autoritären Regimen ist, sondern auch, ob das Konzept der Commons nicht überstrapaziert wird, wenn sich profitorientierte Konzerne wie an einem Steinbruch an dem Wissensschatz bedienen. Was ist der Wert geistiger Arbeit, wenn Texte zu Trainingsdaten für geistlose künstliche Intelligenzen verkommen? Endgültig konterkariert, ja pervertiert würde der Commons-Gedanke, wenn mithilfe von Wikipedia-Diskussionen andernorts Diskussionsbeiträge gelöscht würden, die Editoren damit zu Handlangern der Zensur würden. Die großen Plattformen haben das partizipative Web gekapert. Es ist also genau das eingetreten, was die Vordenker des World Wide Web immer verhindern wollten: eine Zentralisierung, Monopolisierung und Vermachtung der Kommunikationsströme.

Die Netzöffentlichkeit wird heute von privaten Konzernen und ihren Algorithmen gelenkt. Egal, welchen Link man aufruft - man gelangt fast immer über Google, Facebook oder Twitter auf die Seite. Damit wächst den Konzernen eine beispiellose Gatekeeperfunktion zu. Als Google 2013 für ein paar Minuten offline war, brach der globale Internet-Traffic um 40 Prozent ein. Das zeigt, wie abhängig das Netz von zentralen Knotenpunkten ist. Wann immer die Konzerne an ihren Algorithmen drehen, hat dies Auswirkungen, nicht nur auf die Statik der Internet-Architektur, sondern auch auf politische Systeme. Der in der Provinz verankerte Protest der Gelbwestenbewegung in Frankreich ist mutmaßlich auf die Modifikation von Facebooks Newsfeed-Algorithmus im Januar 2018 zurückzuführen, der lokale Posts priorisiert. Dass in amerikanischen Rechenzentren die politische Agenda in Europa mitgesteuert wird, ist eine Entwicklung, die in der Diskussion über die politische Einflussnahme durch russische Trollfabriken gerne übersehen wird, jedoch die zunehmend schwächer werdende Selbstregulierungskapazität bürgerlicher Öffentlichkeiten indiziert.

Mit der Erosion der Schleusenwärterfunktion durch Algorithmen quillt immer mehr Müll an die Benutzerfläche. Plattformbetreiber wie Facebook oder YouTube beschäftigten auf den Philippinen einen digitalen Putztrupp, sogenannte Content-Moderatoren, die für ein paar Dollar am Tag den Unrat aus dem Netz beseitigen müssen: Sodomie, Kinderpornographie, Enthauptungsvideos und andere Grausamkeiten. Weil die "Cleaner" häufig traumatisiert sind, wollen Tech-Konzerne - gewissermaßen aus einem Gehlenschen Entlastungsgedanken heraus - Maschinen die Drecksarbeit übernehmen lassen. Schon heute prüfen automatisierte Systeme hochgeladene Videos. Doch der Mensch ist noch immer die billigere Sortiermaschine.

In den Richtlinien von YouTube heißt es: "Es dürfen keine gewalttätigen oder blutrünstigen Inhalte hochgeladen bzw. veröffentlicht werden, die vorrangig in schockierender oder effekthascherischer Art und Weise gestaltet sind bzw. grundlose Gewalt darstellen." Was jedoch den Tatbestand der "grundlosen Gewalt" erfüllt (auch Actionfilme?), ist nicht Auslegungssache, also Gegenstand einer diskursiven Praxis, sondern das Resultat mathematischer Rechenoperationen. Wenn der Objekterkennungsalgorithmus in einer Videosequenz drei Waffen identifiziert, könnte das System die Inhalte als nichtzeigenswürdig melden. Außerhalb der Determinismen gibt es gar keine Wahrheit mehr. Die algorithmischen Wertungen ("Dieses Video wurde entfernt") kommen mit einem Absolutheitsanspruch daher, als bedürfte es gar keiner Diskussion mehr, als wäre der Sachverhalt von höchstrichterlicher Instanz entschieden. Die Maschine hat gesprochen, Ende der Debatte.

Wie stupide diese Filtertechniken operieren, demonstrierte der australische Musik-Dozent Sebastian Tomaczak: Er lud auf YouTube ein Video hoch, das zehn Stunden lang nichts anderes als ein monotones Rauschen und ein graues Muster wie beim Sendeschluss zeigte. Man kann dies als performativen Kunstakt interpretieren, der die Monotonie der Plattform auf eine Metaebene hebt. YouTubes automatisiertes Content-ID-System identifizierte in dem Material jedoch fünf Urheberrechtsverstöße. Dass in diesen kybernetischen Kontrollschleifen auch Satire hängenbleibt und aussortiert wird und darin eine kulturelle Verachtung zum Ausdruck kommt, ist evident. Doch angesichts der 400 Stunden Videomaterial, die pro Minute (!) auf YouTube hochgeladen werden, bleibt der Plattform gar nichts anderes übrig, als den großen Kehricht zu schwingen und seine Kriterien restriktiv auszulegen.

Die Entfesselung der Informationen, die die von den fortschrittsoptimistischen Netzaktivisten immer herbeigesehnt wurde, führt paradoxerweise zu einer neuen Formen- und Sittenstrenge, einer Restauration von Autoritäten, die mit opaken, von der allgemeinen Öffentlichkeit nicht überprüfbaren Formeln die Meinungsströme lenken und mit der algorithmischen Zertifizierung die Grenzen des Sagbaren festzurren. Dieser technische Rigorismus paart sich dabei mit einer Sozialmoral, die erst auf den zweiten Blick deutlich wird: Facebook, das wiederholt Darstellungen von Nacktheit - etwa das "Napalm-Mädchen" oder die Neptun-Statue - aus Rücksicht auf religiöse Minderheiten gelöscht hat, weist in seinen "Gemeinschaftsstandards" explizit darauf hin, dass anstößige und taktlose Inhalte unerwünscht seien. Die Privatisierung und Technisierung meinungsbildender Prozesse und die damit einhergehende Delegation von Wertentscheidungen an Programmierer und Algorithmen führt letztlich zu einer Entmündigung bzw. Bevormundung liberaler Gesellschaften.

Der ehemalige Google-Chef und aktuelle CEO der Mutterholding Alphabet, Eric Schmidt, sagte einmal: "Wir sind sehr gut darin zu erkennen, was am meisten und wenigsten relevant ist. Es sollte für Computer möglich sein, bösartige, irreführende und inkorrekte Informationen zu detektieren und sie nicht sehen lassen. Wir reden hier nicht einer Zensur das Wort, wir argumentieren, es von der Seite herunterzunehmen, es woanders hinzutun und schwerer auffindbar zu machen." Die Gefahr ist, dass über die Installation von Filtertechniken eine klinisch reine Diskursarena erzeugt wird, wo das wie auch immer definierte Böse, Irreführende und Verstörende schon gar nicht mehr auftaucht, sondern nur noch Gefälliges.

Forderungen nach mehr Transparenz tritt Google mit der Schutzbehauptung entgegen, dass die Offenlegung seines Suchalgorithmus eine Einladung an Spammer wäre und in einem informationellen Kollaps resultieren würde. Suchmaschinenoptimierer könnten Werbung an erster Stelle platzieren, Krypto-Anarchisten Google-Dummys kreieren. Der Nutzer würde nichts mehr finden. Die digitale Gesellschaft hat also mit dem verstörenden Umstand zu leben, dass die Ordnung von Informationen nur durch ihren eigenen Black-Box-Charakter aufrechterhalten werden kann. Anders gewendet: Die Informierung der Öffentlichkeit funktioniert nur dann, wenn das Sicherheitsdispositiv im Verborgenen bleibt. Man könnte dies dialektisch als antiaufklärerische Aufklärung begreifen, als eine Art "embedded public", das nur noch durch die Sehschlitze automatisierter Systeme blickt.

Wie die Entwicklung weitergehen wird, ob sich abseits der Plattformen kritische Gegenöffentlichkeiten konstituieren, auf denen sich subversiver Protest organisieren lässt, wird abzuwarten sein. Mit Blick auf China ist jedoch anzunehmen, dass sich das zunehmend autoritär regulierte Web immer mehr von den anfänglichen Netzutopien entfernt.


Aus: "Die Plattformen haben das partizipative Web gekapert" Adrian Lobe (08. April 2019)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Die-Plattformen-haben-das-partizipative-Web-gekapert-4365432.html


Quote
     Steinmerkel, 08.04.2019 16:49

Guter Witz

" Die Wikipedia hat sich, trotz manch erbitterter Scharmützel seiner Editoren ("Edit Wars"), als erstaunlich robust gegen Fake-News und politische Manipulationsversuche erwiesen. "

Lächerlich. Unterirdisch. Uninformiert. Verblendet.


Quote
     DasWoelfchen, 08.04.2019 21:54

Lediglich die Verschiebung der Deutungshoheit

Früher waren die Journalisten die Torwächter - was nicht bei "heute", "Tagesschau", "FAZ" oder "Bild" sichtbar war, existierte einfach nicht.

Hier wurde gefiltert und redigiert was das Zeug hielt und später - nach Einzug des Privatfernsehens - auch durch geschickte Auswahl der Teilnehmer in Talkshows das politische Terrain geebnet, um dem Publikum "alternativlose Wahrheiten" verkaufen zu können. ... Heute entscheiden Konzernstrategen und maschinelle Filter bei den großen Internetfirmen, was die Nutzer von den tatsächlich generierten Inhalten auch wirklich zu sehen bekommen. Nicht umsonst klagen die großen Verlagshäuser und Fernsehanstalten über den eklatanten Verlust ihrer Meinungsführerschaft und setzen Himmel und Hölle in Bewegung, diese "gute alte Zeit" wiederauferstehen zu lassen.

... Die Methoden und Verfahren - ja sogar die zugrunde liegende Agenden - mögen sich ändern, aber gefiltert, gesteuert und aussortiert wird heute genauso wie vor 40 Jahren. Das einzige was sich geändert haben mag ist die Tatsache, dass sich eine immer größer werdende Anzahl von Menschen dieser Manipulation bewusst wird.


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« Reply #25 on: June 17, 2019, 03:18:58 PM »
Quote
[...] Anfang Juni 2018 gab Microsoft den Ankauf der Code-Plattform GitHub bekannt. Anders ausgedrückt: Das größte Code-Repository der Welt, eine Art Basislager für alle diejenigen, die mit Software etwas anderes vorhaben als schlicht Profit machen, wird ausgerechnet von dem Konzern übernommen, der wie kein anderer für das Milliardengeschäft mit proprietären Software-Lizenzen steht.

Immer wieder kommt es vor, dass neue Techniken, Erfindungen oder Konzepte Hoffnungen wecken, sie würden wahlweise die Macht von großen Konzernen einschränken, zu mehr Demokratie und Gerechtigkeit führen, kurz: aus der Welt einen besseren Ort machen. Zur Jahrtausendwende bekundete der damalige US-Präsident Bill Clinton solcherart technologische Zuversicht: "Im neuen Jahrhundert wird sich die Freiheit durch Mobiltelefon und Kabelmodem verbreiten." Das Internet, Open-Source-Software, Peer-to-Peer-Anwendungen – Die Liste an technologischen Hoffnungsträgern, von denen ihre Zeitgenossen wundersame Wirkungen erwarteten, ist lang.

Gerne wird auf das Motiv des Ausschlusses von Vermittlern zurückgegriffen, deren Beseitigung wundersame Wirkungen zugeschrieben wird. So behauptete etwa der kanadische Management-Guru Son Tapscott 1996: "Die Mittlerfunktionen zwischen Produzenten und Konsumenten werden durch digitale Netzwerke ausgeschaltet." Tatsächlich haben wie seitdem eher das Gegenteil erlebt: Auf den netzneutralen Protokollen des Internets aufbauend sind neue Gatekeeper entstanden, die mächtigen und zu Monopolen gewordenen Plattformen der Digitalkonzerne.

Tapscott zeigt sich von solchen Entwicklungen gänzlich unbeeindruckt und hat schon die nächste Technologie ausgemacht, mit der es diesmal klappen soll mit der Weltverbesserung: "Die Blockchain Revolution. Wie die Technologie hinter Bitcoin nicht nur das Finanzsystem, sondern die ganze Welt verändert", heißt sein neues Buch. Meiner Skepsis, ob es mit dieser Technologie klappen wird, habe ich bereits in einem "Missing Link" Ausdruck gegeben.

Eins wird jedenfalls deutlich: Der Kapitalismus hat es noch jedes Mal geschafft, neue Technologien mitsamt ihrer Potenziale und Dynamiken zu integrieren. Ein besonders schönes Beispiel für eine beeindruckende feindliche Übernahme einer revolutionären, widerständigen Technologie durch einen kapitalistischen Player jährt sich derzeit zum ersten Mal und ist deshalb wert, einmal aus dieser Perspektive gewürdigt zu werden.

Der Software-Riese aus Redmond galt lange Zeit als das Hassobjekt Nummer eins der Software-Szene. Hatte doch Bill Gates als Fünfundzwanzigjähriger IBM mit einem Software-Deal über den Tisch gezogen und damit nicht nur das Software-Imperium Microsoft begründet, sondern auch die Ära lizenzierter Software eingeläutet. Beim berühmten IBM-Deal im Jahr 1980 gelingt dem jungen Bill Gates ein kluger Schachzug, der sich als größte und gewinnbringendste Geschäftsidee der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts erweisen sollte. Er kaufte das Betriebssystem QDOS vom Programmierer Tim Paterson für 50.000 Dollar, inklusive Quellcode und sämtlicher Nutzungsrechte. Ein guter Geschäftsmann oder eine gute Geschäftsfrau hätte daraufhin wahrscheinlich versucht, das leicht veränderte Programm für einen deutlich höheren Preis an IBM weiterzuverkaufen.

Nicht jedoch Bill Gates. Er war im Gegensatz zum IBM-Management davon überzeugt, dem PC stünde eine goldene Zukunft und der Durchbruch im Massenmarkt für die gerade entstehenden Personal Computer bevor. Er bot ihnen ein Lizenzmodell an: Microsoft erteilte IBM einfache Nutzungsrechte und erhielt pro verkauftem IBM-PC eine Lizenzgebühr – und obendrein kostenlose Werbung, war doch der mit dem Microsoft-Logo versehene Bootscreen ab sofort und jeden Tag aufs Neue das erste, was PC-Benutzer zu sehen bekamen. Zusätzlich konnte Gates allen anderen PC-Herstellern, also IBMs Konkurrenten, den gleichen Deal anbieten, dem diese ebenso bereitwillig zustimmten.

Der Rest ist Geschichte: Die PC-Revolution brach aus, IBM verkaufte Millionen der neuen Geräte und die Konkurrenz ebenso. Sie lieferten sich dabei einen Preiskrieg der als clone war in die Geschichte eingegangen ist, einzig Microsoft profitierte von den Erfolgen beider Seiten. Microsoft erlangte eine Monopolstellung im Bereich PC-Betriebssysteme und Büroanwendungssoftware, die bis heute anhält, und Bill Gates wurde zum reichsten Mann der Welt. Die Firma ist wegen dieser Rolle als Erfinder und maximaler Profiteur von Software-Lizenzierung seitdem beliebtestes Hassobjekt der Gegenbewegung.

Die kollektive Entwicklung von Software, deren Quellcode offen für alle zugänglich ist, die lizenzfrei vertrieben, verändert und zweckentfremdet werden kann, ist das Credo der Gegenseite. Der Linux-Begründer Linus Torvalds initiierte im Jahr 2005 ein Projekt, dessen Ziel ein frei verfügbares Tool für Software-Entwicklung war, das Versionierung ermöglichte, also die Möglichkeit, Entwicklungsstufen zu dokumentieren. Das Projekt bekam den Namen Git und sollte die Verwaltung von Code-Versionen erleichtern und die Koordinierung und Synchronisierung vieler parallel am gleichen Quellcode Arbeitenden ermöglichen.

Vorläufer gab es schon lange, bereits 1972 wurde SCCS erfunden, das erstmals die Möglichkeit bot, ein automatisches Protokoll des Entwicklungsprozesses zu erzeugen. Mit SCCS konnten auch bereits mehrere Personen am gleichen Code arbeiten, wenn auch nicht simultan. Parallele Veränderungen ("branches") waren mögliche, deren Zusammenführung ("merge") und das nachfolgende Einspeisen bzw. Konsolidieren ("commit") musste allerdings immer noch einzeln und von Hand geschehen.

Neu bei Git ist zudem die Dezentralität, es ist als distribuierter Service konzipiert, und erinnert darin etwa an das Design der Blockchain. Es gibt also keinen zentralen Server, alle Beteiligten haben lokal die komplette Version eines Projekts zur Verfügung.

Git stellt sicherlich eine der wichtigsten Innovationen im Bereich Software-Entwicklung dar, seit Margaret Hamilton aus dem Programmieren eine Ingenieurswissenschaft machte. Torvalds Projekt setzte sich – wie so oft bei konkurrierenden Technologien, nicht unbedingt nur auf Grund von sachlichen Kriterien, weltweit gegen die Konkurrenz (etwa von SVN) durch. Gutes Marketing und ein berühmter Name trugen wohl ihren Teil zum bei.

Doch das Versionsverwaltungssystem muss irgendwo "laufen", die Daten irgendwo gehostet werden. Die "Lagerhallen" für Git-Code stellte ab 2008 das kleine Startup GitHub zur Verfügung, die das Hosting der Git-Repositorien anbot, ohne Werbung und gegen geringe Gebühren. Es wurde durch immer neue Funktionen sowie kostenloses Hosting von öffentlichen Projekten schnell zum Anbieter der Wahl für die Entwicklerszene und, wie c't-Redakteur Jan Mahn betont, zu einem "sozialen Netzwerk für Entwickler".

Chinesische Aktivisten haben kürzlich unter dem Namen 996.ICU ein Repository auf GitHub eingerichtet, das sich zu einem der erfolgreichsten aller Zeiten entwickelt hat. Die Aktion ist Teil der wachsenden Anti-996-Bewegung in China, die sich auf einen in der dortigen Tech-Industrie verbreitetes Arbeitspensum bezieht – von neun bis neun, sechs Tage die Woche (996) – mit programmiertem Ende auf der Intensivstation (Intensive Care Unit).

In wenigen Monaten hat das Projekt mehr Sterne, die wie Facebook-Likes auf der Plattform funktionieren, als das Open-Source-Framework für künstliche Intelligenz von Google TensorFlow. Im April dann veröffentlichten Katt Gu und Suji Yan die "Anti-996-Lizenz", um die Arbeitsbedingungen für Programmierer zu verbessern. Die Lizenz schreibt Unternehmen vor, die Software des Projekts zu verwenden, um die lokalen Arbeitsgesetze sowie die Standards der Internationalen Arbeitsorganisation zu erfüllen. GitHub ist gut gewählt, fällt es doch chinesischen Zensurbehörden schwer, den für die chinesische IT wichtige Plattform einfach abzuschalten.

In der Schatzkammer der Entwickler-Community befinden sich derzeit 57 Millionen Programmcode-Repositorien, davon sind über die Hälfte öffentlich zugänglich. Über 28 Millionen Benutzer "sprechen" 337 verschiedene Programmiersprachen, "fork it on GitHub" (etwa: mach eine Verzweigung auf GitHub!) ist zum geflügelten Wort für Code-Entwicklung geworden. Allein 2,3 Millionen davon sind JavaScript-Projekte, der häufigsten Sprache auf der Plattform.

Am 4. Juni 2018 verkündete Microsoft die Übernahme von GitHub. Die Branche war fassungslos, konnten doch die beiden Beteiligten scheinbar gegensätzlicher nicht sein: Als würde sich Volkswagen die Deutsche Umwelthilfe oder RWE das Hambi-Camp 2.0 einverleiben! Boykottaufrufe ließen denn auch nicht lange auf sich warten.

Doch was steckte dahinter? CEO Satya Nadella sagte, dieser Deal würde "das Engagement von [Microsoft] für Entwicklerfreiheit, Offenheit und Innovation stärken". Im Januar 2019 senkte Microsoft sogar die Preise, auch private, d.h. nicht öffentlich einsehbare Repositorien, die vorher 7 US-Dollar pro Monat gekostet haben, wurden kostenlos. Es gibt nach wie vor Bezahlmodelle für Firmen, Teams etc. Trotzdem ein deutlicher Schritt, das Microsoft mit GitHub nicht fürs Hosting Geld verdienen will.

Microsoft will näher an die Millionen Coder, der Aspekt als soziales Medium einer erlesenen Gemeinschaft ist entscheidend, neben Image-Effekten, die man als "open-source-Washing" bezeichnen könnte. Experten zufolge ist Microsoft bestrebt, sich gegen Google und Apple zu behaupten, die mit dem App Store und dem Play Store hauptsächlich auf Mobilgeräten Armeen von Drittentwicklern angeheuert haben. Microsoft konzentriert sich auf die Erhöhung der Cloud-Präsenz und hat festgestellt, dass dies am besten durch Entwickler erreicht werden kann. Es ist eher ein Schritt für Microsoft, weg vom klassischen Software-Geschäft und hin zur Plattform-Ökonomie.

Und wie sieht das Geschäftsmodell aus? Auf der Heise-Bühne der Cebit 2018 boten GitHub-Manager Einblick: Die Millionen Coder und ihre Repositorien sind eine unerschöpfliche Quelle für Metadaten. Wer arbeitet mit welchen Tools an welchen Projekten in welchen Branchen? Solche und ähnliche Fragen kann GitHub mit einer weltweit konkurrenzlosen Datenbasis beantworten. Informationen, die aus diesen Daten extrahiert werden können, werden wohl künftig für GitHub essenziell: Plattformkapitalistische Daten-Monetarisierung in Reinkultur! Und im Ergebnis ist ein Lieblingsprojekt partizipatorischer Code-Entwicklung zu einem Big-Data-Pool eines Digitalkonzerns geworden.

Immer wieder werden Dezentralität, Verschlüsselung, Anonymität, Privacy, Transparenz, Offenheit ins Feld geführt; für utopische, die technische Seite transzendierende Eigenschaften, Effekte und Potenziale werden angedichtet, dazu demokratisierende, anti-kapitalistische etc. Dem steht die Fähigkeit des Kapitalismus gegenüber, revolutionäre, ja einmal für unversöhnlich antagonistisch eingeschätzte Technik, Bewegungen, Gedanken nicht nur zu parieren, sondern diese sich einzuverleiben. Und sich dadurch zu verändern, zu mutieren, so dass das Gift nicht nur nicht vergiftet, sondern nach einer Weile zum Nahrungsmittel wird.

Auf die radikale Künstlergruppe der Situationisten, die unter anderem die Hackerbewegung beeinflussten, geht der Begriff Rekuperation zurück. Sie beschrieben bereits in den 1960er Jahren, wie widerständige Kunst vom Kapitalismus einverleibt und neutralisiert wird. Gleichzeitig verändert sich dieser in dem Prozess der "Wiedereinverleibung" und geht gestärkt aus der Krise hervor, die die Intervention zunächst provoziert hat. Das Prinzip der "Wiedereinverleibung" wird seither auch in anderen Bereichen verwendet, nämlich immer dann, wenn zunächst widerständige und oppositionelles Verhalten, Ansichten oder auch Techniken sukzessive einverleibt, verdaut und neutralisiert werden.

Die Liste der diesbezüglichen Enttäuschungen ist ebenso lang. Um den 3D-Druck ist es in letzter Zeit schon stiller geworden, dem noch vor ein paar Jahren das Potenzial zugetraut wurde, die Hegemonie der Industrie zu brechen. Auch die Strahlkraft von Blockchain und Kryptowährungen hat erheblich nachgelassen, derzeit im Hype-Cycle noch eher oben: Künstliche Intelligenz.

Dabei können wir vom Cyber-Theoretiker Stafford Bear eins lernen: "Der Zweck eines Systems ist, was es tut." Egal, was für Potenziale und Fähigkeiten dystopischer oder utopischer Art von ihren Schöpfern oder Anwendern vermutet, welche Hoffnungen oder Befürchtungen in sie gelegt werden – geschenkt! Entscheidend ist, was hinten raus kommt (Helmut Kohl). Gesellschaftliche Veränderungen können nun einmal nicht außerhalb des Gesellschaftlichen erzielt werden; der Kapitalismus hat sich bisher immer als flexibel genug erwiesen, um mit jeder dieser Technologien nicht nur gut leben zu können, sondern auch eine Menge Geld damit zu verdienen.


Literatur

    Tapscott, Die digitale Revolution. Verheißungen einer vernetzten Welt - die Folgen für Wirtschaft, Management und Gesellschaft, Original: The Digital Economy McGraw, HIll N.Y. 1996
    Stafford Beer, What is Cybernetics?, Kybernetes, Volume 31, Issue 2, 2002, S. 209-219.
    Greenfield, Adam. Radical technologies: the design of everyday life, London New York: Verso, 2018.
    Jan Mahn, Microsoft kauft GitHub. Der Windows-Hersteller erwirbt mehr als eine Code-Plattform, c't 14/2018, S. 40
    Varun Kumar, 20 Interesting Facts and Statistics About GitHub, RankRed, 14.8.2018,
    Roberto Ohrt (Hrsg.): Der Beginn einer Epoche. Texte der Situationisten, Edition Nautilus, Hamburg 1995, ISBN 3-89401-243-9.
    Hackernoon, How Git Changed The History of Software Version Control, Hackernoon, 15.7.2018




Aus: "Missing Link: Technologie-Rekuperation, oder: Wie subversive Technologien absorbiert werden" Timo Daum (16.06.2019)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Missing-Link-Technologie-Rekuperation-oder-Wie-subversive-Technologien-absorbiert-werden-4446943.html?seite=all