Author Topic: [Ökonomisierung der Innenwelt... (Notizen)]  (Read 27218 times)

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[Seduktiv... ]
« Reply #60 on: September 03, 2014, 12:08:27 PM »
Quote
[...]  Warum ist das neoliberale Herrschaftssystem so stabil? Warum gibt es so wenig Widerstände dagegen? Warum werden sie alle so schnell ins Leere geführt? Warum ist heute keine Revolution mehr möglich trotz immer größer werdender Schere zwischen Reichen und Armen? Für eine Erklärung ist ein genaues Verständnis notwendig, wie die Macht und Herrschaft heute funktioniert. ... 

Es ist bekannt, dass Margaret Thatcher als Vorkämpferin des Neoliberalismus die Gewerkschaften als "Feind im Inneren" behandelte und sie gewaltsam bekämpfte. Gewaltsamer Eingriff zur Durchsetzung der neoliberalen Agenda ist jedoch nicht jene systemerhaltende Macht.

Die systemerhaltende Macht der Disziplinar- und Industriegesellschaft war repressiv. Fabrikarbeiter wurden durch Fabrikeigentümer brutal ausgebeutet. So führte die gewaltsame Fremd-Ausbeutung der Fabrikarbeiter zu Protesten und Widerständen. Möglich war hier eine Revolution, die das herrschende Produktionsverhältnis umstürzen würde. In diesem repressiven System sind sowohl die Unterdrückung als auch die Unterdrücker sichtbar. Es gibt ein konkretes Gegenüber, einen sichtbaren Feind, dem der Widerstand gilt.

Das neoliberale Herrschaftssystem ist ganz anders strukturiert. Hier ist die systemerhaltende Macht nicht mehr repressiv, sondern seduktiv, das heißt, verführend. Sie ist nicht mehr so sichtbar wie in dem disziplinarischen Regime. Es gibt kein konkretes Gegenüber mehr, keinen Feind, der die Freiheit unterdrückt und gegen den ein Widerstand möglich wäre.

Der Neoliberalismus formt aus dem unterdrückten Arbeiter einen freien Unternehmer, einen Unternehmer seiner selbst. Jeder ist heute ein selbstausbeutender Arbeiter seines eigenen Unternehmers. Jeder ist Herr und Knecht in einer Person. Auch der Klassenkampf verwandelt sich in einen inneren Kampf mit sich selbst. Wer heute scheitert, beschuldigt sich selbst und schämt sich. Man problematisiert sich selbst statt [die] Gesellschaft.

Ineffizient ist jene disziplinarische Macht, die mit einem großen Kraftaufwand Menschen gewaltsam in ein Korsett von Geboten und Verboten einzwängt. Wesentlich effizienter ist die Machttechnik, die dafür sorgt, dass sich Menschen von sich aus dem Herrschaftszusammenhang unterordnen. Ihre besondere Effizienz rührt daher, dass sie nicht durch Verbot und Entzug, sondern durch Gefallen und Erfüllen wirkt. Statt Menschen gefügig zu machen, versucht sie, sie abhängig zu machen.

... Es ist wichtig, zwischen setzender und erhaltender Macht zu unterscheiden. Die systemerhaltende Macht nimmt heute eine smarte, freundliche Form an und macht sich dadurch unsichtbar und unangreifbar. Das unterworfene Subjekt ist sich hier nicht einmal seiner Unterworfenheit bewusst. Es wähnt sich in Freiheit. Diese Herrschaftstechnik neutralisiert den Widerstand auf eine sehr effektive Art und Weise. Die Herrschaft, die Freiheit unterdrückt und angreift, ist nicht stabil. Das neoliberale Regime ist deshalb so stabil, immunisiert sich gegen jeden Widerstand, weil es von der Freiheit Gebrauch macht, statt sie zu unterdrücken. Die Unterdrückung der Freiheit provoziert schnell Widerstand. Die Ausbeutung der Freiheit dagegen nicht.

... Die Ideologie der Community oder der kollaborativen Commons führt zur Totalkapitalisierung der Gemeinschaft. Es ist keine zweckfreie Freundlichkeit mehr möglich. In einer Gesellschaft wechselseitiger Bewertung wird auch die Freundlichkeit kommerzialisiert. Man wird freundlich, um bessere Bewertungen zu erhalten. Auch mitten in der kollaborativen Ökonomie herrscht die harte Logik des Kapitalismus. Bei diesem schönen "Teilen" gibt paradoxerweise niemand etwas freiwillig ab. Der Kapitalismus vollendet sich in dem Moment, in dem er den Kommunismus als Ware verkauft. Der Kommunismus als Ware, das ist das Ende der Revolution.

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Alexander Silkin

Reine typische linke Bla-bla-bla.
2. Sep. 2014 vor 13 Stunden



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Stefan Wanzl-Lawrence

... Disney-Gesellschaft. Wir sind zufrieden, weil wir unterhalten werden ohne dabei etwas aktiv tun zu müssen. Uns geht es gut und das ist bequem. Ideologie all inclusive. Da schließ ich mich selbst oft nicht aus.
2 Sep. 2014 vor 16 Stunden


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Sascha Rusicke

Es kann keine Revolution geben, weil sie derzeit nicht einmal gedacht werden kann. Religiös betrachtet ist der Kapitalismus der einzige wirklich wahre und globale Monotheismus, weil wir alle an ihn glauben. Es gibt zwar verschiedene Religionen, aber nur einen Kapitalismus der für alle gilt. Wir müssen unser Verhältnis zum Kapitalismus so sehen wie es der Mensch im Mittelalter zu Gott hatte und es wird noch viel Zeit vergehen, bis wir wieder so nah an eine fast glaubwürdige Kritik am Kapitalismus kommen, wie Marx sie formuliert hat (das Manifest mal ausgenommen), um diese aufzunehmen um die Welt konstruktiv und vernünftig zu verändern. Wichtig ist den Gedanken daran bis dahin nicht aussterben zu lassen.
2. Sep. 2014 vor 15 Stunden



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Helene Zakorzki

Der Kernsatz lautet in der Tat: "Das unterworfene Subjekt ist sich nicht einmal seiner Unterworfenheit bewusst." Man möge kurz innehalten und diesen Satz verinnerlichen. Dann versteht man die Statements der meisten Politiker besser.
2. Sep. 2014 vor 14 Stunden




...

http://rivva.de/245262790


Aus: "Warum heute keine Revolution möglich ist" Byung-Chul Han (2. September 2014)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/neoliberales-herrschaftssystem-warum-heute-keine-revolution-moeglich-ist-1.2110256


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[Ein verschleierndes Paradoxon... ]
« Reply #61 on: September 03, 2014, 03:19:07 PM »
Quote
[...] Der Kapitalismus-Kritiker Byung-Chul Han klagt in der "Süddeutschen Zeitung" [http://www.sueddeutsche.de/politik/neoliberales-herrschaftssystem-warum-heute-keine-revolution-moeglich-ist-1.2110256], dass durch die neoliberale Gesellschaftsordnung inzwischen keine Revolution mehr möglich sei. Als eine der treibenden Kräfte sieht er das Internet: "Die Sharing-Ökonomie führt letzten Endes zu einer Totalkommerzialisierung des Lebens." Diese Einschätzung basiert auf einem begrifflichen Missverständnis. "Sharing-Ökonomie" ist ein verschleierndes Paradoxon, das ursprüngliche Verständnis des Wortes "Teilen" (Sharing) hat gerade nichts mit Geld zu tun. Niemand spricht davon, dass der Maler seine Dienstleistung mit den Kunden "teilt", wenn er sie verkauft. Ebenso wenig hat es mit "Sharing" zu tun, wenn (schein-)selbstständige Fahrer ihre Transportleistung per Uber-App verkaufen. Was man Sharing-Ökonomie nennt, ist nur ein Aspekt einer viel größeren Entwicklung, einer neuen Form des digitalen Kapitalismus: Plattform-Kapitalismus.

... Das Problem mit der "Sharing-Ökonomie" ist nicht ein eklig agierendes Start-up wie Uber. Es ist die Transformation des digitalen Wirtschaftssystems zum Plattform-Kapitalismus und die mangelnde Vorbereitung von Politik und Gesellschaft darauf. ...

Quote
Richtig,
curiosus_ heute, 14:21 Uhr

... ein weiterer Schritt in Richtung prekärer Arbeit. Der Preis für Taxifahrten ermöglicht, nach Abzug aller Unkosten (Fzg.-Abschreibung, Versicherung, Fzg.-Unterhaltung etc.), nur einen höchst bescheidenen Lohn für den Fahrer. Kaum ausreichend um davon zu leben. Wenn die Uber-Taxis nun noch billiger sind, auf wessen Kosten geht das dann? Auf Kosten der Allgemeinheit (Steuerzahlerkosten), da Aufstocker am Steuer sitzen? Oder Hartz-4-Schwarzarbeiter? In meinen Augen ist das der total falsche Weg, aber leider der Zug der Zeit.

http://www.spiegel.de/forum/netzwelt/sharing-economy-auf-dem-weg-die-dumpinghoelle-thread-143662-4.html#postbit_17226189




Aus: "Sharing Economy: Auf dem Weg in die Dumpinghölle" Sascha Lobo (03.09.2014)
Quelle: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/sascha-lobo-sharing-economy-wie-bei-uber-ist-plattform-kapitalismus-a-989584.html


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[Ökonomisierung der Innenwelt... (Notizen)]
« Reply #62 on: July 27, 2016, 09:38:13 AM »
Quote
[...] In den medialen Aufmerksamkeits- und Sensationsspiralen fantasieren viele davon, wenigstens einen Moment lang ein Held zu sein. Als Lachnummer bei Dieter Bohlen, als Stuntnummer bei Thomas Gottschalk – oder eben als Massenmörder, mit vorfabriziertem Manifest, Pressemappe und Videos im Internet für die Ewigkeit.

„Helden“ nennt der marxistische Philosoph Franco „Bifo“ Berardi seine Studie über „Massenmord und Suizid“. Den Titel meint er weder ironisch noch zynisch, sondern bitter und ernst. Der 66-jährige Italiener, ein Vordenker der autonomen Linken, spricht von „Helden eines nihilistischen Zeitalters“ und dessen „Pathologie“. Er interessiert sich für Menschen, die leiden und aufgrund ihres eigenen Leidens zu Verbrechern werden.

 Berardi unterzieht unsere Gesellschaft einer Radikalkritik. Der „Drang zum Selbstmord“ entspreche dem „Triumph des neoliberalen Wettbewerbszwangs“, behauptet er. Der „Finanzkapitalismus“ begründe ein nihilistisches Zeitalter, der Profit um jeden Preis vernichte jeden Wert. Die Werbung dröhnt aus allen Kanälen und suggeriert quietschende Fröhlichkeit. „Täuschung, Betrug und Gewalt zählen zu den Erfolgsgarantien im „kapitalistischen Absolutismus“. Es wird auf den Niedergang ganzer Staaten gewettet, über Rohstoffpreise auf Hunger und Elend in Afrika.

Die Gier nach Geld ist zur Ersatzwährung für verloren gegangene Werte geworden. „Wenn das Finanzspiel auf der Prämisse gründet, dass der investierte Geldwert steigt, je mehr zerstört wird“, schreibt Berardi, „so gründet diese Form des finanziellen Profitstrebens im Grunde auf einer Wette auf die Verschlechterung der Welt.“ Verlierer haben in dieser Welt nichts zu suchen. Es gewinnt immer derjenige, der andere Leben zerstört. Und die digitale Einsamkeit steigt vor „den Käfigen unserer Bildschirme“. Die Folge sind Depressionen und Krankheiten.

In seiner düsteren Bestandsaufnahme sieht er mittlerweile alle sozialen Errungenschaften „den religiösen Dogmen des Markt-Gottes geopfert“ Die Fähigkeit zu Solidarität, Empathie und Autonomie, klagt er, sei im schwarzen Loch eines „Nichts in Geldform“ verschwunden. Politisches Bewusstsein und politische Strategie sind in seinen Augen verdrängt. Die Verbrechen der „neoliberalen Theologie“ liegen für ihn auf der Hand: „Ich weiß wirklich nicht, ob es jenseits dieses schwarzen Lochs noch Hoffnung gibt; ob es jenseits der uns unmittelbar bevorstehenden Zukunft noch eine Zukunft gibt.“ Freundschaften im Privaten und Verweigerung im großen Zusammenhang sind für ihn die letzten Posten der Freiheit.

Aus dieser Sicht entwickelt Berardi Analysen der Massenmorde von Amokläufern und der Selbstmordwellen in Korea oder Japan. Er analysiert Ereignisse wie das Schulmassaker in Columbine, das Kino-Massaker in Aurora, Nine-Eleven, Breivik in Norwegen. Massenselbstmorde bei France Télécom; Massenselbstmorde indischer Bauern; Massenselbstmorde in Taiwan. Die Ursachen für Letztere erkennt er in den mörderischen Hierarchien und Renditeerwartungen von Finanzinstituten und Konzernen.

 Amokläufer und Selbstmörder, behauptetet er, nehmen Rache an einer Gesellschaft, in der nur noch das Gesetz des Stärkeren gelten soll. Berardi zeigt, wie mit der Regierung Thatcher ein sozialer Darwinismus aufgekommen sei: Es überleben jene, die andere aus dem Weg räumen. Die ethische Grundlage der modernen Gesellschaft – „das Verantwortungsbewusstsein der bürgerlichen Klasse und die Solidarität unter den Arbeitern“ – hat sich aufgelöst. Demokratie, Arbeitssicherheit und Gesetzestreue sind immer weniger wert. Die Verlierer aber, die Gemobbten, die Unterdrückten, die Gedemütigten, die Seelen ohne Empathie, werden zu mörderischen Helden eines nihilistischen Zeitalters.

Franco Berardi hat ein provozierend finsteres Buch verfasst, dessen Hoffnungslosigkeit vielleicht gerade die Hoffnung ist, die er vermitteln will: Ohne einen grundlegenden Wandel unseres Zusammenlebens, ohne einen „ethischen Rückzug aus der Barbarei unserer Zeit“ werden wir weiter von Katastrophe zu Katastrophe taumeln.

Franco „Bifo“ Berardi: Helden. Über Massenmord und Suizid. Aus dem Englischen von Kevin Vennemann. Verlag Matthes & Seitz, Berlin, 288 Seiten (2016)


Aus: "Franco Berardi über Amokläufe und Finanzkapitalismus „Sie sehen sich als Helden eines nihilistischen Zeitalters“" Stefan Berkholz (27.07.2016)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/kultur/franco-berardi-ueber-amoklaeufe-und-finanzkapitalismus-sie-sehen-sich-als-helden-eines-nihilistischen-zeitalters/13930020.html

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[Ökonomisierung der Innenwelt... (Notizen)]
« Reply #63 on: September 29, 2016, 02:29:32 PM »
Quote
[...] Bernhard Heinzlmaiers neues Buch "Anpassen, Mitmachen, Abkassieren" ist von Milde befreit – stellenweise auch von Differenzierung

STANDARD: Nach dem Lesen Ihres neuen Buches will man das Wort "Elite" wirklich nicht mehr aussprechen. Ihnen zufolge ruinieren diese "unsere Gesellschaft". Was regt Sie dermaßen auf?

Heinzlmaier: Die Politik ist zu einer Ansammlung von handlungsunfähigen hohlen Gefäßen verkommen. Das Äußere der Parteien sieht adrett und artig aus, innen sind sie verrottet und heruntergekommen. Rückgratlos mit perverser Lust an der Subordination unter die Macht des Mainstreams. Die Milieus der Ober- und Mittelschicht passen sich der politischen Kultur der Unaufrichtigkeit opportunistisch an und lügen im Privat- und Berufsleben zum eigenen Vorteil, dass sich die Balken biegen. Sie haben jede Verbindung zu den klassischen bürgerlichen Tugenden wie Ehrlichkeit, Treue und Anständigkeit gekappt.

STANDARD: Total amoralisch?

Heinzlmaier: Ob Mensch oder Natur – alles wird den Ego-Eliten unserer Tage zum Mittel für den persönlichen Zweck. Rücksicht nehmen sie nur auf sich selbst.

STANDARD: Überspitzt gesagt ...

Heinzlmaier: Ja, auch auf ihre Familien, Lebenspartnerinnen – aber die werden irgendwann auch getauscht gegen attraktivere Varianten. Solcher Wert des Lebens orientiert sich halt primär an Äußerlichkeiten. Schöner Schein, egozentrischer Lustgewinn, wirtschaftlicher Erfolg.

STANDARD: Rührt daher die große Schadenfreude, wenn es einmal einen "erwischt"?

Heinzlmaier: Ja, die Zusammenbrüche und Niederlagen der dekadenten Wirtschaftswelt sind unsere kleinen Freuden des Alltags, die uns gleichzeitig das Gefühl geben, dass es doch eine höhere Gerechtigkeit gibt. Wir normalen Bürger, die in der Regel zu den Opfern dieser überheblichen und gewissenlosen Eliten gehören, gönnen ihnen jede Niederlage, jede Qual von Herzen. Es meldet sich ja auch das Gewissen – viele Spitzenrepräsentanten in Politik und Wirtschaft leiden unter Depressionen. Wer nicht zum Neurologen geht, versucht sich zu betäuben, ständig abzulenken, im Zirkel seinesgleichen zu bestätigen.

STANDARD: Auch nicht moralisch vorbildlich. Ist in den Milieus "unterhalb" der Mittelschicht etwas besser?

Heinzlmaier: Die reagieren anders auf den Niedergang der Moral in Politik und Wirtschaft und auf die gleichzeitige Erhebung von Manierismen zu den bestimmenden Kriterien für persönlichen Erfolg und gesellschaftlichen Status, und zwar nicht mit Anpassung, sondern mit radikaler Abgrenzung.

STANDARD: Das Potenzial für die rechtspopulistische Gegenöffentlichkeit?

Heinzlmaier: Mit der Pegida-Bewegung und der AfD, der FPÖ: ja – um nichts weniger widerlich als verlogene Wirtschafts- und Kultureliten, positioniert allerdings radikal gegen das oberlehrerhafte Beschönigungs- und Wahrheitsverdrehungskartell in Politik und Medien. Der Begriff "Lügenpresse" ist das Symbolwort, mit dem sozial unterprivilegierte Gruppen der Gesellschaft ihre Elitenkritik zum Ausdruck bringen. Sucht man nach Gemeinsamkeiten zwischen Eliten und dem Volk, dann sieht man eine optimale Ergänzung zweier ängstlicher, mutloser, dekadenter Formationen. Als Entschädigung für ihre Selbstunterdrückungsleistung gönnen sie sich den Luxus, sozial Schwächere, Migranten, Flüchtlinge abzuwerten, wo es geht.

STANDARD: Der "durchschnittliche Businessmensch" kriegt im neuen Buch auch gehörig Fett ab.

Heinzlmaier: Weil er und sie die Autonomieansprüche weitgehend aufgegeben haben. Das ist das Elend. Sie lassen sich freudig fernsteuern, durch Arbeitgeber, Modeindustrie, Filmindustrie, Freizeitindustrie. Die Identität des Businessmenschen ist ein Puzzle aus Abziehbildern, die den Funktionen entsprechen. Faszinierend, in welcher Gleichförmigkeit sie sich kleiden, denken, verhalten. Gleiche Wohnungen, Autos, Anzüge, Parfums. Langweilig. Das geht mit dem Grundproblem in Politik und Wirtschaft zusammen, dass Führungskräfte meinen, sie müssten selber nicht mehr denken, weil sie eh Berater haben. Aber die sind oft Scharlatane.

STANDARD: Liegt die Hoffnung also auf den Jungen, auf dem Nachwuchs, auf der aufbegehrenden Generation Y?

Heinzlmaier: Also erstens: Es gibt keine Generation Y oder Generation Z. Das ist eine Dummheit der Wirtschaft – es gibt ihn nicht, den Arbeitnehmer der Zukunft, der Arbeitsmarkt ist heterogener denn je. Das Spektrum ist sehr breit, von Durchreisenden, die lediglich Kohle wollen, bis zu Loyalen, Sicherheitsgetriebenen. Was es aber leider gibt, ist eine einseitige Ausbildung auf den Wirtschaftsunis ohne menschenbildende Fächer. Denken wird nicht gelehrt, nur mehr vermeintlich nützliches Wissen, die Ausbildungen werden mutloser, enger. Alles folgt dem Imperativ des am persönlichen Erfolg ausgerichteten Handelns.

STANDARD: Dazwischen gibt es aber schon ein paar "normale" Menschen.

Heinzlmaier: Ja, die gibt es. Aber die interessieren die Eliten nicht. Sie werden tendenziell verachtet, sind suspekt, weil sie in diesem Gefüge keine Ambitionen haben, sich so nicht anpassen wollen.

Bernhard Heinzlmaier ist seit über 20 Jahren in der Jugendkulturforschung tätig. Er gründete das Institut für Jugendkulturforschung, leitet tfactory in Hamburg. Sein Essay "Anpassen, mitmachen, Abkassieren – wie dekadente Eliten unsere Gesellschaft ruinieren" ist im September im Verlag Hirnkost erschienen.

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    Oscar für das Posting-Lebenswerk

Man kann hier sicher etwas mehr differenzieren, es ist schon klar dass es immer auch Ausnahmen gibt. Aber in der Grundtendenz hat er es auf den Punkt gebracht.

Es ist ein Teufelskreislauf. Je mehr die politischen und wirtschaftlichen Sitten verfallen, desto weniger pfeifen sich die nächsten, denn "wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer". Und so wird abkassiert, wo es nur geht, und wenn der Regenwald, das Meer, die Tierwelt, die Bergwelt, die sozial Schwächeren, die Kinder, die Finanzwelt, die Firma, die Demokratie ... dabei dran glauben muss, dann ist das halt so. Da kann man nichts machen. Hauptsache "ich" bin im Trockenen.

Kann noch lustig werden.


Quote
    Salz Burger

Also ich finde die Welt heute besser und freier als je zuvor. Noch nie waren die Möglichkeiten so groß und vielfältig.


Quote
    Fart N. Burp

... der Autor vermischt leider zwei sehr unterschiedliche Dinge: nämlich den tatsächlichen Schaden an der Umwelt und am Gemeinwesen, der durch geld- und egogetriebene Menschen verursacht wird im Gegensatz zum Erscheinungsbild und quasi persönlichem Lebenswandel. in puncto Erscheinungsbild und Lebenswandel klingt der Artikel ungefähr so unreflektiert pseudo-individualistisch wie ein 16 Jähriger, der grad ein erstes Hermann Hesse Buch gelesen hat. [Der Artikel klingt exakt nach der Lebenseinstellung im ersten Semester Philosophie (Hauptfach). -- Ab dem fünften, sechsten Semester ist es dann aber besser geworden...]


Quote
    ABC2000

Das Ergebnis des radikalen Marktes

Eine treffende Beschreibung für die Talfahrt einer Gesellschaft, die einer neoliberalen Ideologie und den daraus hervorgehenden "Sekten" das Steuer auf allen Ebenen überlassen hat oder überlassen musste. Am Ende dieses Weges beutet jeder jeden aus, betrügt, heuchelt,, lügt und bereichert sich, als ob es kein Morgen und keine Zukunft gäbe, weil das eben der "Markt" verlange. Am Beispiel der USA sieht man, dass sich die Eliten an der Spitze halten können, wenn sie Medien, Politik, Ideologien und Wertesysteme kontrollieren können und den Menschen ein System an Unterhaltung, Sündenböcken und Identität anbieten. Sollte das nicht reichen wird mit institutioneller, rechtlicher und militärischer Gewalt vorgegangen.


Quote
    Zinsenfeger

In meiner Schulzeit haben wir im Unterricht noch diskutiert und sind von den Lehrern auch dazu ausdrücklich angehalten worden. Auch darüber, nicht einfach nur Klischeephrasen und Allgemeinplätze zu verwenden und wirklich über ein Thema in allen Facetten nachzudenken. - Im Elternhaus wurde dagegen gar nicht diskutiert, da herrschte noch "alter Stil".
Allerdings habe ich auch sehr viel gelesen, und es hat die Welt für mich geweitet. - Übrigens,Kinder machen nicht automatisch alles nach, was Eltern und Lehrer vorgepredigt haben. Das stimmt zwar in vielen Fällen, heutzutage ist die junge Generation verblüffend brav und angepasst. - ABER - in der Geschichte gab es immer Revolten der jungen gegen die Welt der Väter. Wird schon wieder kommen.

Quote
    DerStandardName

Das ist und war nie die Regel. Lehrer haben sich perfekt dem System angepasst - es sind meist die Streber schlecht hin. Und eben jene erwarten sich 'Standard-Diskussionen', die Mainstraem antworten produzieren. Genau das, was sie selber Antworten würden. Natürlich gibt es Ausnahmen, Sie können sich dann glücklich schätzen, auf so einen Lehrer getroffen zu haben. Aber die Regel lässt sich leicht bestätigen.



...


Aus: ""Businessmenschen lassen sich freudig fernsteuern"" Interview Karin Bauer (27. September 2016)
Quelle: http://derstandard.at/2000044824818/Businessmenschen-lassen-sich-freudig-fernsteuern

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« Reply #64 on: October 13, 2016, 10:39:09 AM »
Quote
[...] „American Honey“ porträtiert oft uneindeutig und vage eine in vielerlei Hinsicht gespaltene US-amerikanische Gesellschaft. Doch scheint hier ein kritischer Geist durch, denn die Gemeinschaft der Ausgestoßenen, die der Film zeigt, ist trotz aller Rand- und Widerständigkeit der Figuren in ein neoliberales Leistungsmodell eingegliedert. Selbst wenn du ein junger Punk bist, musst du liefern, könnte das Credo hier lauten. ...


Aus: "Poetische Bilder, offene Fragen" Toby Ashraf (12.10.2016)
Quelle: https://www.taz.de/Cannes-Gewinner-American-Honey/!5344427/

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« Reply #65 on: October 25, 2016, 10:28:12 AM »
Quote
[...] Der Sozialpsychologe Erich Fromm (1900-1980) konnte von den Turbulenzen und Gewaltausbrüchen, die wir heute erleben, kaum etwas ahnen. Aber seine Überlegungen über die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen Verhältnissen und dem „Seelenhaushalt“ der einzelnen Menschen haben an Aktualität nichts eingebüßt – ging es ihm doch ganz allgemein um die Frage, „in welcher Weise bestimmte ökonomische Bedingungen auf den seelischen Apparat des Menschen einwirken und bestimmte ideologische Resultate erzeugen“. Die Antwort: „Die sozio-ökonomische Struktur der Gesellschaft formt den Gesellschafts-Charakter ihrer Mitglieder dergestalt, dass sie tun wollen, was sie tun sollen.“

Natürlich hätte Erich Fromm nicht bestritten, dass es sowohl bestimmte Anlagen von Geburt als auch zahlreiche Spielräume für autonome Entscheidungen des einzelnen Menschen gibt. Im Gegenteil: „Es stimmt zwar, dass der Mensch sich an beinahe alle Lebensbedingungen gewöhnen kann, trotzdem ist er kein leeres Blatt Papier, auf welches die Kultur ihren Text schreibt.“ Aber ebenso fahrlässig wäre es, die Prägungen, die dieses „Blatt Papier“ eben auch enthält, zu ignorieren. Wir sind sowohl Produkt unserer eigenen Lebensentscheidungen als auch der Gesellschaft, in der wir leben.

Was aber hat das nun mit dem inneren Unfrieden unserer Zeit zu tun, dem individuellen wie dem sozialen?

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich in Westeuropa ein Modell herausgebildet, das man frei nach Rousseau als „Gesellschaftsvertrag“ bezeichnen könnte. In einem überschaubaren ökonomischen Umfeld wurden ökonomische Verteilungskämpfe, aber auch religiöse, kulturelle oder lebensanschauliche Konflikte durch einigermaßen funktionierende Aushandlungsmechanismen sozusagen zivilisiert. Man lebte zwar keineswegs im Paradies, aber eben doch in einem einigermaßen verlässlichen, berechenbaren Umfeld. Und die Eruption des Protests von 1968 fügte nicht nur eine ordentliche Portion Liberalität und Toleranz hinzu. Sie besiegelte – jedenfalls in der Bundesrepublik – auch das historisch begründete Tabu, das Hass und Gewalt gegen Minderheiten zumindest im offiziellen und öffentlichen Diskurs verbot.

Doch spätestens 1989, als der Fall der Mauer dem Systemkonflikt ein Ende machte, war es auch mit diesem Modell vorbei. Die „Sieger der Geschichte“ im westlichen Teil der Welt dachten gar nicht daran, einen neuen „Gesellschaftsvertrag“ zu formen, der dem sich beschleunigenden weltweiten Austausch von Waren wie Menschen Rechnung getragen hätte. Die EU, die sich immer mehr zur Freihandelszone entwickelte, ohne sich auch nur annähernd ausreichende Regeln für ein solidarisches Zusammenleben zu geben, ist dafür nur das vertrauteste Beispiel. Die westlichen Eliten hielten sich mehr oder weniger radikal an den Satz, den die britische Premierministerin Margaret Thatcher 1987 geprägt hatte: „There’s no such thing as society“, also: So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht, oder einfacher: Jeder ist sich selbst der Nächste.

Was wir heute erleben, lässt sich durchaus lesen als die Prägung, die diese Ideologie im „Gesellschaftscharakter“ vieler Menschen hinterlassen hat. ...


Aus: "Kapitalismus: Der geformte Mensch" Stephan Hebel ( 21. Oktober 2016)
Quelle: http://www.fr-online.de/fr-serie--auf-die-fresse-/kapitalismus-der-geformte-mensch,34810614,34874314.html

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« Reply #66 on: January 11, 2018, 10:27:35 AM »
Quote
[...] Wer sich den jüngsten Newsletter des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung GmbH (UFZ) anschaut, findet darin auch ein Interview mit dem Jenaer Soziologen Prof. Hartmut Rosa, der auch schon als Gastredner im UFZ war, der aber auch 2016 mit einem Buch an die Öffentlichkeit ging, in dem er dem Schlamassel unseres hyperbeschleunigten Lebens beizukommen versucht: „Resonanz. Eine Sozialogie der Weltbeziehung“. Würden Sie nie kaufen, stimmt’s? Haben Sie gar nicht die Zeit für.

Das Lesen ist eine der elementaren Tätigkeiten, die durch die Überladung unseres Alltags mit immer mehr Dingen und Zwängen an Boden verloren hat. Es zwingt zur Ruhe und zur Konzentration. Man muss sich einlassen auf das Buch und den Autor. Und es braucht Zeit – Zeit, die dann für die tausend anderen ach so dringenden Tätigkeiten nicht mehr zur Verfügung steht. Denn eigentlich kann man immer nur eins tun. Aber unsere Welt suggeriert uns, wir müssten immer mehr Dinge gleichzeitig tun und immer mehr Informationen aufnehmen und immer mehr Dinge kaufen, nutzen, ausprobieren.

Unser gewaltiges Ressourcenverschlingen hängt direkt mit der rasanten Beschleunigung unseres Tuns zusammen. Unser Leben selbst beschleunigt sich ja nicht. Nur füllen wir es mit immer mehr Dingen, auf die wir nicht glauben verzichten zu können. Denn dahinter steckt ein enormer Druck, dem wir alle unterliegen: Wer mithalten will, muss immer mehr in derselben knappen Ressource Zeit unterbringen.

Hartmut Rosa: „Ja, denn nicht alles lässt sich gleichermaßen synchronisieren. Wer oder was zu langsam ist, wird abgehängt, ist auf dem absteigenden Ast. Dies hat drastische Auswirkungen. Die Öko-Krise beispielsweise ist eine Desynchronisations-Krise. Die sozio-technischen Geschwindigkeiten sind zu groß geworden für die Eigenzeiten der Natur.“

Wir überlasten uns selbst und unsere Umwelt dadurch, dass wir permanent das Neueste vom Neuen haben, wissen, tun müssen. Keine Mode, kein Trend, keine neue Geräteversion darf ausgelassen werden. Ganze Industrien haben sich darauf spezialisiert, Produkte herzustellen, die immer schneller veralten und immer schneller kaputtgehen. Was der Hamster im Laufrad meist gar nicht merkt, weil er darauf trainiert ist, dass Geräte nur noch eine Saison halten dürfen, dann müssen sie ersetzt werden, weil die neuen Geräte noch cleverer, schneller, leistungsstärker sind.

Dass die fast neuwertigen ausrangierten Dinge dann einen Riesenberg von kaum noch recyclebarem Schrott in Ländern der letzten Welt ergeben, nimmt man da gar nicht mehr wahr.

Aber das ist nur die eine Seite dessen, was das kapitalistische Wirtschaftssystem als Grundantrieb ausmacht.

Rosa nennt es ein „Programm der Weltreichweitenvergrößerung“.

„Für mich ist der kategorische Imperativ der Moderne: Handle jederzeit so, dass deine Weltreichweite größer wird. Dies erfolgt durch die Vermehrung von Gütern, Kontakten und Optionen“, beschreibt er das Phänomen. „Alle modernen Ausformungen des Kapitalismus, sei es der rheinische, der angelsächsische oder der asiatische, teilen diesen Steigerungszwang. Wir sind aber nicht nur die Opfer der Entwicklung, die über uns hinweg geht, sondern wir bekommen ein kulturelles Versprechen, fast eine Verheißung. Denn uns wird ein Versprechen der Weltreichweitenvergrößerung gegeben.“

Ein Kreislauf, der unsere Erde zu zerstören droht. Denn fast alle Ressourcen, die auf diese Weise in einem immerfort beschleunigten Verfahren gebraucht und verbraucht werden, sind endlich.

Auch unser Leben. „Die Produktion und die Konsumtion lassen sich aber nicht beliebig beschleunigen“, sagt Rosa. „Schließlich sind auch Menschen zu langsam, was eine Psychokrise zur Folge hat. Der permanente Zwang zur Steigerung und zur Neuerfindung führt zu einer psychischen Überforderung. Dies wiederum birgt die Gefahr der Entfremdung. Die Idee der Moderne, mehr Welt in Reichweite zu bringen, mehr Welt verstehbar zu machen, geht einher mit einem progressiven Weltverlust.“

Für Rosa ist es schlicht ein perverser Zustand, wenn eine Gesellschaft sich permanent beschleunigen muss, bloß um den Status quo zu erhalten.

In Wirklichkeit verlieren wir dabei Lebensqualität, den ganzen Reichtum, der menschliches Leben eigentlich ausmacht. Wie sind permanent überschüttet mit den Signalen der Beschleunigung. Aber wir nehmen nichts mehr wahr. Und das ist der Punkt, an dem Rosa seine „Resonanz“-Idee ins Spiel bringt (ganz abgesehen davon, dass er dafür plädiert, Bedingungen zu schaffen, mit denen Menschen aus dem Hamsterrad aussteigen können).

„Resonanz bedeutet, dass beide Seiten mit eigener Stimme sprechen und sich jeweils vom anderen erreichen lassen“, sagt er.

Das klingt sehr abstrakt. Aber wer sich umschaut, sieht, wie sich seine Mitmenschen in lächelnde Zombies verwandeln, weil sie nur noch in der Mühle des permanenten Beschäftigtseins stecken, auch nicht mehr runterkommen vom Suchtlevel. Wer sich nur einmal damit beschäftigt, sieht, dass diese Gesellschaft fortwährend Sucht produziert. ...

Unsere Welt ist voller Menschen, die sich nicht mehr ausklinken und öffnen können, nicht mehr richtig da sein können. Mit allen Sinnen. Und die auch wieder Zeit haben und Dinge in Ruhe und richtig tun können. Sie sind ständig zerfasert, unkonzentriert, können sich mit nichts mehr länger als 15 Sekunden beschäftigen, schon sind sie weitergehetzt. Eine ganze Gesellschaft unter ADHS.

Die sich nicht mal mehr auf sich selbst konzentrieren kann.

Das macht unsere Gesellschaft kaputt, denn auch deren eigentliche Verständigungsprozesse laufen langsamer ab als der irrwitzige Takt der Geräte, mit denen wir glauben, jederzeit im Datenstrom mitschwimmen zu müssen. Als wären wir Informationsjunkies, die sofort an Entzugserscheinungen leiden, wenn wir das Trommelfeuer einmal abstellen.

Ergebnis sind natürlich Tage, die bis zum Rand vollgestopft sind mit Dingen, die vor Wichtigkeit schreien. Aber wenn wir dann mal zur Ruhe kommen und den Tag resümieren, stellen wir fest: Wir hatten eigentlich nichts davon. Nichts davon war unser eigenes Leben, nichts hat uns wirklich berührt oder – um mit Rosa zu sprechen – echte Resonanz erzeugt.




Aus: "Wie das Immermehr und das Immerschneller unser Leben regelrecht entleert" Ralf Julke (10. Januar 2018)
Quelle: https://www.l-iz.de/leben/gesellschaft/2018/01/Wie-das-Immermehr-und-das-Immerschneller-unser-Leben-regelrecht-entleert-202585


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« Reply #67 on: January 25, 2018, 12:05:14 PM »
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Der deutsche Leidindex Dachs #19 (24.01.2018)

Materialismus im Endstadium: Vor vielen, vielen Jahren versicherte ein recht betrunkener Partygast auf einer Studentenparty, er werde das Auto stehen lassen und stattdessen ein Taxi nehmen, denn: "Dafür haben meine Eltern nicht 40.000 Mark in mein Studium investiert, daß ich mich um den nächsten Straßenbaum wickele".

Abgründe tun sich auf...


http://www.zeit.de/zeit-wissen/2018/01/wert-menschen-gedankenexperiment-summe?cid=17667934#cid-17667934

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LuckyPozzo #22

Interessantes Thema, wo doch so viele Menschen heutzutage nach einem halben Arbeitsleben für Chef oder Firma gerne mal outgesourced werden. Dazu all die verkannten Künstler und Genies, die es zu Lebzeiten halb tot und pleite kaum bis in den nächsten Tag schafften, aber nach ihrem Tod Millionen verdien(t)en, was die Erben nicht unbedingt schlecht finden mussten. Was die Fußballer oder andere Spitzensportler angeht, die haben das Glück in einer von Werbung finanzierten Zirkuswelt zu leben, die mit ihrer wahren Bedeutung für unseren Planeten gar nichts zu tun hat. Trifft auch, na klar, auf Schauspieler, Musiker etc. zu, die von der Reichweite moderner sozialer Medien profitieren. Alles nur austauschbare Figuren im Spiel der mächtigen Industrie.

Jemand hat hier geschrieben, es gibt keinen Wert für einen Menschen. Das ist richtig. Allerdings gibt es Menschen, die für die Menschheit unersetzlich sind.


http://www.zeit.de/zeit-wissen/2018/01/wert-menschen-gedankenexperiment-summe?cid=17668459#cid-17668459

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Die Alternative zur Alternative #28

Kant hat den Begriff der Würde aus der christlichen Tradition übernommen. Er lässt sich mit der instrumentellen Vernunft nicht herleiten.
Heute regiert aber der enthemmte Kapitalismus und da gibt es selbst menschliche Leben, die weniger als Null wert sind, also nur Kosten verursachen und daher schleichend und möglichst unbewusst von der Bildfläche verschwinden sollen. Und eine "rationale" Begründung wird auch noch dazu geliefert: "Sie verursachen doch nur Kosten für die sozialen Systeme und fallen der Allgemeinheit zur Last."


http://www.zeit.de/zeit-wissen/2018/01/wert-menschen-gedankenexperiment-summe?cid=17668959#cid-17668959


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Kommentar zu: http://www.zeit.de/zeit-wissen/2018/01/wert-menschen-gedankenexperiment-summe

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« Reply #68 on: February 14, 2018, 11:01:28 AM »
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[...] in der Arbeitswelt 2.0 müssen Berufstätige immer wieder Einzelaufträge ergattern - in der Wissenschaft, im Handwerk, im Gesundheitswesen, sogar im pädagogischen Bereich. "Wir können die Zukunft zwar nicht vorhersagen", sagt Simone Kimpeler, Studienleiterin des Karlsruher Fraunhofer-Instituts, "aber wir sehen zwei Entwicklungen, die mit großer Sicherheit das Berufsleben in den nächsten Jahren massiv beeinflussen werden: das Selbstmarketing wird wichtiger, und die Grenzen zwischen den Branchen verschwimmen."

... Um auf dem flexiblen Arbeitsmarkt der Zukunft gut mithalten zu können und für neue Auftraggeber sichtbar zu sein, wird der Fähigkeit zum digitalen Selbstmarketing eine Schlüsselrolle zukommen. Denn Auftraggeber und Auftragnehmer werden aller Voraussicht nach in erster Linie über die sozialen Medien zusammenfinden. Sie werden entweder anhand ihrer Internetprofile identifiziert oder sogar mittels intelligenter Algorithmen - wie Jobclipr, Skjlls, Talentsconnect oder Truffls - vollautomatisch gematcht.

Umso wichtiger wird es also, einen professionellen Internetauftritt hinzulegen, der vernetzt ist mit den wichtigsten Accounts, Portalen und Netzwerken, um eben eine schlüssige digitale Identität zu haben. Der freiberufliche Physiotherapeut sollte in Zukunft also nicht nur über eine eigene Homepage mit seinen wichtigsten Kompetenzen und beruflichen Stationen zu finden sein, sondern zugleich auf Xing, Linkedin, Facebook und Instagram sowie den relevantesten Job-Portalen, um dort ein stimmiges Netzwerk zu präsentieren und eine maximale Reichweite zu erlangen.

"Was mit analogen Mitteln nur schwerlich möglich ist, wird durch die neuen digitalen Kanäle einfacher und um ein Vielfaches schneller", sagt Holger Ahrens von der Hamburger Beratungsfirma "Die Profiloptimierer". Er rät: "Teilen Sie Informationen im Netzwerk und verbinden Sie sich vorausschauend und bewusst mit Kunden, Kollegen, Lieferanten und Organisationen." Auch Arbeitgeber profitierten von dem größer werdenden Fundus an Bewerbern, die man nicht nur nach klassischem Lebenslauf, sondern auch nach Aktivitäten im Zusammenspiel mit anderen erleben kann, so Ahrens.

Haben wir keine andere Wahl, als künftig zu unserer eigenen digitalen Marke zu werden? Es sieht ganz so aus. Randi Zuckerberg, die Schwester von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, pries bereits vor acht Jahren in einem Interview mit der ZDF-Sendung "Elektrischer Reporter" die Möglichkeit, dass jeder Mensch mithilfe von Diensten wie Facebook eine eigene öffentliche Marke werden könne.

Doch die Eigen-PR im Netz birgt auch Gefahren. Nicht nur Sicherheitslücken, Phishing, Identitätsdiebstahl mögen den Weg zum nächsten Auftrag verbauen, auch mangelhafte digitale Fähigkeiten oder sorglose Profilpflege (Katzen-Fotos, verwackelte Videos, alkoholreicher Junggesellenabschied) können dazu führen, dass man seine Chancen verspielt. Schließlich recherchieren die meisten Personalabteilungen längst online, viele Recruiter und Headhunter konzentrieren sich ausschließlich auf die Onlinesuche in Business-Portalen mittels spezieller Recherche-Accounts.

Klingt alles anstrengend und bedrohlich? Es sollte trotzdem kein Grund sein, den Kopf in den Sand stecken. Denn die Digitalisierung vernichtet nicht nur Jobs, sondern schafft auch neue Berufsbilder. Wie den Social-Media-Berater oder den Reputationsexperten. Ein Anruf, eine Beratung - und schon stimmt das Profil.




Aus: "Schaut, was ich kann!" Anne-Ev Ustorf (11. Februar 2018)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/karriere/online-profil-schaut-was-ich-kann-1.3859128

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« Reply #69 on: February 26, 2018, 12:19:25 PM »
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[...] Am Samstag hat Wien seinen ersten Apple Store erhalten – endlich, wie viele Apple-Fans meinen. Der weltweit 501. Store wurde bei eisigen Temperaturen eröffnet. Das hielt aber weder Apple-Anhänger davon ab, sich stundenlang anzustellen – noch Apple-Mitarbeiter, in T-Shirts über die Kärntner Straße zu laufen.

Für alle hör- und sichtbar hielten die Apple-Verkäufer vor dem Startschuss noch Motivationsübungen ab; während vor dem Geschäft zwei Protestaktionen stattfanden. Ab dem Öffnen des Stores wurde jeder neue Kunde mit einer La Ola-Welle begrüßt.

... Frenetischer Jubel: "Sektenartige" Apple Store-Eröffnung irritiert
26. Februar 2018, 11:14
58 Postings
Das Verhalten der Apple Store-Mitarbeiter sorgt auf sozialen Medien für Verwunderung und Häme

Am Samstag hat Wien seinen ersten Apple Store erhalten – endlich, wie viele Apple-Fans meinen. Der weltweit 501. Store wurde bei eisigen Temperaturen eröffnet. Das hielt aber weder Apple-Anhänger davon ab, sich stundenlang anzustellen – noch Apple-Mitarbeiter, in T-Shirts über die Kärntner Straße zu laufen.

Für alle hör- und sichtbar hielten die Apple-Verkäufer vor dem Startschuss noch Motivationsübungen ab; während vor dem Geschäft zwei Protestaktionen stattfanden. Ab dem Öffnen des Stores wurde jeder neue Kunde mit einer La Ola-Welle begrüßt.

Im Netz sorgt das für Irritationen. "Oida", kommentiert Whatchado-Mitgründer Ali Mahlodji auf Twitter.

Andere Nutzer schreiben davon, dass die Eröffnung "richtig peinlich für alle Beteiligten" sei. Der PR-Berater und Journalist Nedad Memić schreibt, dass ihn Apple-Fans manchmal "an eine Sekte" erinnern.

Auf Instagram und Snapchat teilten zahlreiche User amüsierte Stories über das Verhalten der Apple-Mitarbeiter. ... Doch das Klatschen, Jubeln und Anfeuern ist kein "österreichisches" Phänomen. Apple-Stores sind weltweit für derartige Aktionen bekannt. Nicht nur bei Eröffnungen, sondern auch bei Produkteinführungen werden Kunden bejubelt. Verlässt ein Apple-Mitarbeiter seine Arbeitsstelle, um künftig woanders zu arbeiten, wird er mit einem sogenannten "Clap Out" bejubelt. Dabei stellen sich alle Mitarbeiter in einem Kreis auf, um ihren Kollegen mit Applaus zu verabschieden.

Auch Neuankömmlinge werden mit Jubel und Klatschen begrüßt. Ein Apple-Manager sagte zur New York Times, dass regelmäßig seine "Hände von dem ganzen Klatschen gebrannt haben". Apple-Mitarbeiter durchlaufen ein besonderes Training. So sollen sie Kunden stets bestätigen, dass ein Problem auf deren Gerät vorhanden sei, aber niemals versprechen, dass sie es lösen könnten. Store-Mitarbeiter sollen laut New York Times nicht das Gefühl haben, einfach nur Produkte zu verkaufen, sondern sie sollen "das Leben von Menschen bereichern".

In einem Interview mit Business Insider gab ein ehemaliger Apple-Mitarbeiter an, dass sich die Arbeit im Store "wie bei einem Kult" angefühlt habe. Viele Mitarbeiter in Großbritannien oder den USA könnten sich die eigenen Produkte nicht leisten. Sie werden angewiesen, auch miteinander nicht über ihre Arbeit oder schwierige Kunden zu reden. (red, 26.2.2018)


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F Eck,  2018

Die Store-Mitarbeiter werden für den Blödsinn wenigstens bezahlt. Was die Fans betrifft finde ich das schon eher beängstigend als irritierend...


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derglobus, 2018

schon bissl peinlich...


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Aus: "Frenetischer Jubel: "Sektenartige" Apple Store-Eröffnung irritiert" (26. Februar 2018)()
Quelle: https://derstandard.at/2000075020447/Frenetischer-Jubel-Sektenartige-Apple-Store-Eroeffnung-irritiert


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« Reply #70 on: April 24, 2018, 09:21:20 AM »
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[...] Auch Manager sind nur Menschen und brauchen Freunde. Das ist eine banale Feststellung, und sie trifft auf alle Berufsgattungen und Lebenssituationen zu. Für eine Führungskraft, die einem internationalen Grosskonzern vorsteht, ist das Thema Freundschaft besonders heikel, denn es gibt diverse Fallgruben. Mit den steigenden Ansprüchen an die Compliance – darunter fällt nicht nur die Befolgung von Gesetzen und Richtlinien, sondern auch die Einhaltung von mehr oder weniger «freiwilligen» Verhaltensgrundsätzen – wird die Pflege geschäftlicher und privater Freundschaften für eine Führungskraft zu einem potenziellen Minenfeld. Schnell ist ein kapitaler Fehltritt passiert. Die Toleranzschwelle für juristisch und gesellschaftlich akzeptables Verhalten ist in der Tendenz gesunken. Für ein gesundes Seelenleben eines Managers sind dies denkbar schlechte Voraussetzungen.

Für den an dieser Stelle zu porträtierenden Schweizer Gesprächspartner, der eine Bilderbuchkarriere hinter sich hat, ist das Thema Freundschaft allgegenwärtig. Es birgt das Risiko, gegen die besonders strengen Compliance-Vorschriften seines Arbeitgebers und diejenigen der durchregulierten Branche zu verstossen. Um trotzdem offen darüber sprechen zu können, will der befragte Topmanager – nennen wir ihn Hugo Kussmann – nicht namentlich erwähnt werden. Von öffentlichem Interesse muss auch nicht sein, wen genau und wie viele Personen er zu seinem Freundeskreis zählt.

... Um persönlich gar nie in eine ungemütliche Lage zu geraten, in der er eine Freundschaft für einen geschäftlichen Vorteil missbrauchen könnte, distanziert sich Kussmann im Voraus bewusst. Unter guten Geschäftskollegen sei zwar eine gegenseitige Sympathie sicher von Vorteil, aber am Schluss müsse die Leistung stimmen. Eine solide Geschäftsbeziehung beruhe auf Vertrauen. Auch seine Geschäftspartner verhielten sich professionell, auch sie trügen eine Verantwortung für korrektes ethisches Verhalten. «Wenn sie mich bevorteilen und es klappt nicht, dann haben auch sie ein Problem und stehen am Pranger», spinnt er den Faden weiter. In der Liga der kotierten Firmen gingen solche Klüngeleien heute auch gar nicht mehr, weil zu viele Leute bei Geschäften involviert seien.

Ist es denn in dieser Konstellation überhaupt noch möglich, mit geschäftlichen Bekannten auch privat enge Freundschaften zu pflegen, ohne sich ständig über Abhängigkeiten und allfällige ethische Misstritte den Kopf zerbrechen zu müssen? Kussmann geht dieses Problem mit einer äusserst restriktiven Einschätzung, wo für ihn Freundschaft beginnt, an. In seiner Definition ist jemand ein Freund, den er jederzeit anrufen und mit dem er über alles sprechen könne. In diese Kategorie fielen nur ganz wenige Leute, sagt er, konkret nur seine Geschwister und ein Kollege aus der Privatschule.

Wegen der beruflichen und familiären Beanspruchungen sieht er selbst seinen engsten Freund nur ein- oder zweimal im Jahr. Aus den vielen geschäftlichen Beziehungen, die sein Job mit sich bringe, habe sich noch nie eine wirkliche Freundschaft entwickelt, hält Kussmann fest. Diese Kontakte pflege er, weil er sie brauche, um seine Arbeit zu erledigen. Dass sich dabei manchmal Sympathien entwickelten, komme immer wieder vor. Deshalb treffe er sich mit Geschäftspartnern auch ab und zu privat und gehe mit ihnen gemeinsam an Veranstaltungen. «Aber wirkliche Freundschaften haben sich daraus selten entwickelt.»

Hingegen sind im Zeitalter der sozialen Netzwerke – ob wie früher rein analog oder wie heute zunehmend digital – die Pflege und der Ausbau des persönlichen Beziehungsnetzes für das berufliche Vorwärtskommen unerlässlich geworden. Je intensiver dieses gepflegt wird, desto eher kann es in berufliche Vorteile umgemünzt werden. Und je höher jemand die Karriereleiter hinaufsteigt, desto wertvoller werden die Kontakte, könnte man meinen, denn diese Seilschaften sind Gold wert, wenn die Luft dünner wird. Auch für Kussmann ist klar, dass nicht allein sein grosser Einsatz und Fleiss seine Karriere beförderten, sondern er ebenso auch das nötige Glück brauchte, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein und den richtigen Mentor gehabt zu haben. «Wer bei uns Karriere machen will, kann zwar eine Superleistung erbringen und perfekt sein, aber er braucht einen Mentor», meint er.

... Je höher man auf der Karriereleiter hinaufsteigt, desto grösser wird auch die Zahl der Menschen, die sich mit einem anfreunden möchten. Auch Kussmann musste feststellen, dass die Frequenz der Besuche in seinem Büro schlagartig zunahm, nachdem er zum Konzernchef befördert worden war. Anfällig dafür, auf opportunistische Freundschaften hereinzufallen, ist er offenbar nicht. Irgendwie spreche er nicht darauf an, er habe bei diesem Thema eine gewisse Hornhaut, meint er. Zudem sei es wohl normal, dass es immer wieder Leute gebe, die sich beim Chef anbiedern wollten.

...  «Hätte ich einen anderen Job, hätte ich vielleicht meine Freundschaften intensiver pflegen können», gibt Kussmann zu.  ...  «Ich stehe um 5 Uhr 15 auf, und um 6 Uhr steht das von mir zubereitete Frühstück auf dem Tisch», sagt er. Er nehme sich auch die Zeit, mit seinem Jüngsten regelmässig die Hausaufgaben zu machen. Dank geschickter Zeiteinteilung und seinem unermüdlichen Elan findet er sogar Zeitfenster in seiner reich befrachteten Agenda, um Flugstunden zu absolvieren oder noch vor der Arbeit eine Stunde auf dem Wasser zu verbringen. «Das tönt vielleicht alles etwas langweilig, aber es ist nun mal so», sagt er, Bilanz ziehend, schon fast entschuldigend.


Aus: "Freundschaft – ein Minenfeld für Manager" Giorgio V. Müller (20.4.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/wirtschaft/freundschaft-ein-minenfeld-fuer-manager-ld.1379076

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« Reply #71 on: April 24, 2018, 12:16:11 PM »
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[...] Jenny Simanowitz ist Kommunikationstrainerin und Autorin von "Performance Coaching – kreative Rollen- und Statusspiele im Job" (Beltz 2016).

Das Wort authentisch wurde ursprünglich verwendet, um ein Kunstwerk zu bezeichnen, das keine Kopie, sondern das originale Werk war. Heutzutage ist dieser Begriff der Ausdruck einer Gesellschaft, in der Individualismus die höchste Stelle einnimmt. Parallel zu dieser Entwicklung hat sich die Ideologie entwickelt, dass das Individuum "frei" und "sich selbst treu" sein soll. Es soll sich nicht selbst verleugnen müssen – und seine Selbstentwicklung ohne die Belastung durch soziale Anpassung entfalten können. Okay.

Aber stellen Sie sich eine Führungsperson vor, die ihr "wahres Selbst" permanent zeigt: Ich glaube nicht, dass diese Selbstpräsentation für Mitarbeiter oder Kollegen immer von Vorteil ist. Authentizität kann nämlich auch eine Lizenz dafür sein, autoritär, unnachgiebig oder unemphatisch aufzutreten. Auch absolute Transparenz kann leicht zu einer Falle werden, in der Ehrlichkeit als Schwäche angesehen wird.

Außerdem verändern sich Menschen aufgrund ihrer Lebenserfahrungen – was bedeutet, dass sich immer wieder die Frage stellt, welchem "Selbst" wir treu bleiben wollen. Denn letztendlich geht es nicht um Authentizität, sondern um Glaubwürdigkeit. In seinem 1956 veröffentlichten bahnbrechenden Buch Wir alle spielen Theater (engl.: "Selfpresentation in everyday life"), behauptete Erving Goffman erstmals, dass jede Kommunikation "eine Performance" sei. Er definierte sie als "die Gesamttätigkeit eines bestimmten Teilnehmers in einer bestimmten Situation, die dazu dient, die anderen TeilnehmerInnen in irgendeiner Weise zu beeinflussen". Mit "beeinflussen" ist aber nicht "manipulieren" gemeint, sondern die Tatsache, dass unser Verhalten darauf abzielt, auf unsere Kommunikationspartner einzuwirken. Goffman vergleicht unsere tägliche Kommunikation mit einer Serie von Theaterauftritten, jeder mit seiner eigenen Kulisse, Fassade und Darstellung. Er analysiert, warum manche Performances "aufrichtig" wirken und andere "falsch". "Aufrichtige" Performances sind für Goffman diejenigen, in denen die Akteure von ihrer Performance selbst überzeugt sind. "Rollenspiel" und "Authentizität" sind also keine Gegensätze. Denn Authentizität heißt, unsere Rolle überzeugend zu spielen.

"Rollenspiel" in diesem Sinn heißt außerdem, nicht aufgesetzt-theatralisch zu sein, sondern aus dem Rollenrepertoire, das zu unserer Persönlichkeit gehört, zu schöpfen – um je nach Situation die passendste Darstellung zu präsentieren. Bewusst oder unbewusst tun wir das in unseren Alltagsrollen, ohne viel darüber nachzudenken. Wir gehen einkaufen und lächeln die Verkäufer an (freundliche Rolle). Wir ertappen unsere Katze auf dem Tisch und rufen mit scharfer Stimme: "Runter!" (" böse" Rolle). Auch die Art und Weise, wie wir unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern begegnen, unterscheidet sich grundsätzlich von unserem Umgang mit der besten Freundin. Wir nehmen jeweils andere Rollenmuster ein, wenn wir ein Seminar leiten oder daran teilnehmen. Wir schlüpfen fast unmerkbar in eine andere Rolle, weil jedes Szenario nach einer differenzierten Performance verlangt. Und wir präsentieren uns, wie wir das über die Jahre hinweg erlernt haben – nach Goffman unsere "gelernten Verhaltensmuster". Was sich für uns "authentisch" anfühlt, ist in Wirklichkeit ein geprägtes Verhalten. Probieren wir etwas anderes aus, fühlt sich das oft eher komisch an.

Die meisten Leute – wenn sie nicht gerade Schauspieler sind oder sich auf andere Weise professionell mit Rollenspiel beschäftigen – denken nicht viel darüber nach, welche Gestalt sie in ihren verschiedenen Funktionen ausüben. Das trifft leider auch auf Menschen zu, die in ihrer Funktion eine Autorität sind und deren Verhalten einen großen psychischen Einfluss hat: Lehrer, Eltern, Führungskräfte ... Wenn wir eine bestimmte Rolle spielen, das heißt, uns die Sprache, Körpersprache und Stimme, die zu dieser Rolle gehören, aneignen, bekommen wir meistens dadurch die dazugehörige Vorstellung und die entsprechenden Gefühle. Ein Beispiel: In meinen Seminaren lade ich manchmal Frauen ein, sich für wenige Minuten mit gespreizten Beinen zurückzulehnen, und zwar in einer Haltung, die für Männer typisch ist, aber für Frauen meistens ungewohnt. Viele sind erstaunt darüber, wie bequem und entspannend die "neue" Sitzhaltung wirkt. Auch in einem oft wiederholten Experiment der Columbia University in New York wurden die Teilnehmenden dazu aufgefordert, zwei Minuten lang anders zu sitzen als gewohnt. Dabei ging es hauptsächlich um Sitzhaltungen, die entweder Hochstatus (Macht) oder Tiefstatus (Unterwürfigkeit) darstellen. Die Teilnehmenden berichteten, nach dieser kurzen Zeit ein erhöhtes oder ein vermindertes Machtgefühl zu spüren. Interessant war auch, dass sogar der Testosteronspiegel davon beeinflusst wurde! Bei denjenigen, die eine Machtposition eingenommen hatten, war er leicht gestiegen, bei den "Machtlosen" hingegen gesunken (eine Studie der Harvard Business School 2012). Mit dem Wechselspiel zwischen Rolle und Vorstellung arbeiten Schauspielerinnen und Schauspieler täglich. Je mehr wir in einer bestimmten Rolle agieren, desto mehr identifizieren wir uns mit ihr. Oft sehen wir, dass eine Berufsrolle zur Lebensrolle wird. Ein Arzt geht mit Menschen, denen er in seiner Freizeit begegnet, vielleicht genauso um, als wären es seine Patienten, und Lehrer als auch Lehrerinnen laufen bekanntlich Gefahr, immer und überall alles besser zu wissen.

Früher wurden Frauen zur "Tiefstatusrolle" erzogen, die sie von der gesellschaftlichen Vorstellung, wie eine Frau zu agieren hatte, übernommen hatten. Tendenziell übernehmen viele Frauen noch immer diese Rolle, obwohl sie in Wandlung begriffen ist. Wir könnten also fragen, ob eine Frau, die noch immer diese untergeordnete Rolle spielt, "authentisch" ist. Überzeugende Rollenspieler wirken glaubwürdig, weil sie von echten Emotionen bewegt werden. Solche Persönlichkeiten sind zum Beispiel ausgezeichnete Geschichtenerzähler, denen das Publikum gebannt zuhört. Diese Fähigkeit kann man trainieren, um sein Auftreten leichter, spannender und interessanter zu gestalten. Wir variieren vielleicht ein wenig unsere Sprache, Körpersprache oder Stimmvolumen. Wir können lernen, brachliegende Teile unseres Selbst in der täglichen Kommunikation zu nutzen, ohne unsere Bedürfnisse oder unsere "Identität" aufzugeben. Bewusste Variationen in unseren "Darstellungen" machen paradoxerweise unsere Kommunikation reicher, unterhaltsamer, farbiger und authentischer, weil sie uns ermöglichen, näher an unseren Gefühlen zu bleiben und sie zu gestalten. Wie viel Kreativität würde freigesetzt werden, wenn wir es wagten, uns manchmal von unseren antrainierten Verhaltensmustern zu befreien! (23.4.2018)

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Stingadsguck

Der Begriff Authentizität im Zusammenhang mit Persönlichkeit und Lebensphilosophie stammt aus dem Existentzialismus (Satre etc.)
Und heute ist er praktisch, mangels anderer Identifikationssysteme (Religion, Nation, Natur etc.), ein Verkaufsschmäh bzw. Marketing für die eigene Persönlichkeit auf Instagramm.
Es weiß sowieso niemand was das heißt authentisch zu sein und meistens kommt dann irgendwas peinlich banales raus und die Betroffenen können dann gar nicht mehr aufhören über sich selbst zu reden und müssen dauernd ihre Gefühle als Beurteilungssmaßstab für alles heranziehen.
Und was dabei rauskommt gleicht dann dem Verhalten eines verzogenen Kindes.
Im Grunde sind wir ja alle authentisch und genau deswegen unausstehlich.


...


Aus: "Warum immer authentisch meistens falsch ist" Jenny Simanowitz (23. April 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000078450356/Warum-immer-authentisch-meistens-falsch-ist

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« Reply #72 on: June 17, 2018, 01:46:43 PM »
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 Seebrügge #1.1

Investitionen in eine gute Beziehung sind gut angelegt. ...


Kommentar zu:  ""Ich zahle die Miete für mich und meine Freundin"" (Protokoll: Inga Pöting, 17. Juni 2018)
https://www.zeit.de/arbeit/2018-06/gesundheits-krankenpfleger-einnahmen-ausgaben-kontoauszug?cid=20645396#cid-20645396