Author Topic: [Moral... (Notizen)]  (Read 12904 times)

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[Moral... (Notizen)]
« on: Juni 28, 2006, 02:52:45 nachm. »
„Moral“, hat Federico Fellini einmal zu Verstehen gegeben, sei „ein ständiger Kampf gegen die Rebellion der Hormone“. …

Aus: „Der Chronist der Dekadenz“ Johann Ritter (27.12.2009), cineastentreff.de

-

Quote
[...] Der Begriff Moral (frz.: moral, v. lat.: moralis die Sitten betreffend; lat.:mos Sitte, Plural mores) bezeichnet:

Die Gesamtheit der sittlichen Normen, Werte, Grundsätze, die das zwischenmenschliche Verhalten in einer Gesellschaft regulieren und von ihrem überwiegenden Teil als verbindlich akzeptiert oder zumindest hingenommen werden (herrschende Moral; bürgerliche Moral).
Das sittliche Empfinden oder Verhalten eines Einzelnen oder einer Gruppe (hohe Moral; niedere Moral).
In der Philosophie die Lehre vom sittlichen Verhalten des Menschen, auch Moralphilosophie genannt. (vgl. Ethik).
In der Literatur die Nutzanwendung z.B. einer Erzählung ("Moral von der Geschichte").
Soziologisch kann man Moral als Instanz beschreiben, die es Individuen ermöglicht, in sozialen Systemen mitzuwirken, die zu komplex sind, als dass sie in ihrer Gesamtheit zu erfassen wären.

Das Wort Moral ist ein sog. Singularetantum: ein Wort, zu dem kein Plural existiert.


Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Moral (28.06.2006)

-.-

Quote
[...] Als moralinsauer wird jemand bezeichnet, der sich auf die Moral beruft, ohne dabei im vollgültigen Sinn ethisch zu argumentieren. Eine Doppelmoral ist das Messen mit zweierlei Maß. Dies wird häufig mit dem bildhaften Ausspruch illustriert: "Wasser predigen, aber selbst Wein trinken.". Unter einem Moralapostel versteht man eine Person, die anderen dauernd moralisierende Belehrungen aufdrängt. Als unmoralisch wird jemand betrachtet, dessen Verhalten in größerem Maße sozialen, religiösen und humanistischen Normen und Werten widerspricht. Weiterhin wird der Begriff Moraltheologie in der christlichen Theologie verwendet.


Quelle:  http://de.wikipedia.org/wiki/Unmoral (28.06.2006)


« Last Edit: Mai 23, 2020, 12:27:49 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Doppelmoral]
« Reply #1 on: Juni 28, 2006, 02:54:36 nachm. »
Quote
[...] Der Ausdruck Doppelmoral bezeichnet eine gesellschaftlich praktizierte oder auch stillschweigend sanktionierte Moral, die "mit zweierlei Maß" misst und ihr Werturteil zugunsten ihrer eigenen Bedürfnisse fällt.


Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Doppelmoral (28.06.2006)

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[weil etwas moralisch unhaltbar ist]
« Reply #2 on: Juni 28, 2006, 03:15:14 nachm. »
Quote
[...] diese konnte angeblich jedoch keine Heiratsurkunde für ihre Ehe mit Charlie Chaplin vorweisen und wurde deswegen moralisch unhaltbar

[...] So unverständlich und moralisch unhaltbar sein Handeln auf den Großteil des Publikums wirken mag...

[...] Es wäre moralisch unhaltbar, bewaffnete Nothilfe in ethischen Ausnahmesituationen ein- für allemal....

[...] nur weil etwas moralisch unhaltbar ist, sind wir nicht von der Pflicht entbunden, darüber eine politische Diskussion...

[...] als moralisch unhaltbar. Sex und Gewalt sind auch außerhalb des Films gesellschaftliche Tabus, obwohl - oder gerade weil...

[...] dass er es als moralisch unhaltbar empfindet, dass seine Firma den Auftrag einzig aus finanziellen...

[...] Das jetzige Stadium gleicht jener Situation, als immer mehr Menschen erkannten, daß die Sklaverei moralisch unhaltbar ist. Solche Umbruchphasen sind...

[...] Letztendlich ist ein solcher Werterelativismus nicht nur intellektuell und moralisch unhaltbar, sondern auch politisch in einem Ausmaß problematisch...

[...] Diese Großzügigkeit ist rechtlich wie moralisch unhaltbar. Sie hat auch nichts mit Toleranz oder gar Liberalität zu tun. Menschenwürde ist kein subjektives...

[...] eine nackte Brust moralisch unhaltbar. Die alten sind halt so verkorkst...


« Last Edit: Juni 28, 2006, 03:18:08 nachm. by Textaris »

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[Zwei Prinzipien stehen zunächst gegeneinander]
« Reply #3 on: August 23, 2006, 11:56:20 vorm. »
Quote
[....] Zwei Prinzipien stehen zunächst gegeneinander: Moral, Vernunft, Ordnung gegen Unmoral, Sinnlichkeit, animalische Instinkte. Bemerkenswert, wie okkupiert der Begriff „Moral“ zu Beginn der Sechziger noch war durch so etwas wie Sexualfeindlichkeit. Die „Moral“ jener Zeit war reduziert auf Keuschheit, Sinnenfeindlichkeit, und dementsprechend galt das außereheliche Ausleben von Sexualität als das genuin „Unmoralische“. Kein Ort konnte diesen Konflikt zwischen Lust und Kontrolle, Libido und Scham, „Sündigem“ und Schuld besser bündeln als das traditionelle evangelische Pfarrhaus. Der Pastorensohn Ingmar Bergman ist der Präzedenzfall eines Künstlers, der sich zeitlebens an seinem protestantischen Erbe abgearbeitet hat.


Aus: "Das Schweigen - Unter uns Pastorentöchtern" von Andreas Thomas (Datum ?)
Quelle: http://www.filmzentrale.com/rezis/schweigenat.htm

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[Die Moralkeule... ]
« Reply #4 on: August 23, 2006, 12:24:32 nachm. »
Quote

Quote
[...] "FAZ"-Feuilletonchef Frank Schirrmacher, der das Interview mit Grass eher im Sinne des Befragten führte, holte dann aber in einem Leitartikel weniger brav zu einem moralischen Faustschlag aus. Mehr oder weniger - also eher weniger - verblümt steht da, Grass habe in dem von ihm geführten Gespräch moralischen Selbstmord begangen.

[...] Denn nicht dass Grass bei der Waffen-SS war, ist schlimm (auch wenn seine jetzigen Erklärungen, er habe keinen einzigen Schuss abgegeben, wie Bill Clintons Entschuldigung wirkt, er habe zwar gekifft, aber nicht inhaliert).

Nein, schlimm ist, dass Grass als besonders rigoroser Moralapostel im Kampf gegen den aufkeimenden Neonazismus, die weicher werdende Haltung gegen Nazitäter auftrat. Bitburg war so ein Fall: Als US-Präsident Ronald Reagan mit Bundeskanzler Helmut Kohl an Kriegsgräber trat, in denen auch Soldaten der Waffen-SS lagen, ging ein Sturm der Entrüstung durch die Welt. Auch Grass hat damals besonders stark seine Backen aufgeblasen.

Immer, wenn es darum ging, sich mit den Republikanern, der NPD, der FPÖ Jörg Haiders auseinanderzusetzen, spielte - zu Recht, wir denken an Franz Schönhuber - die späte Entschuldung der Waffen-SS eine entscheidende Rolle. Wie gut hatte da Grass an vorderster Spitze mitgekämpft! Wie viel besser hätte er mitstreiten können für das bessere Gewissen, hätte er sich zu seiner Jugend bekannt, wie er es von anderen mit Konsequenzen forderte. 

Aus: "Moralapostel mit Erinnerungslücken" von von Hellmuth Karasek; Datum 13. August 2006
Quelle: http://www.wams.de/data/2006/08/13/995870.html?s=1


Quote
[...] Es läßt sich immer prima und schnell urteilen. Grass in der Waffen-SS? Krass! GraSS! Am liebsten wäre mir ein Verweilen, ein Nachdenken. Aber in  unserer modernen Mediokratie undenkbar. Ich sehe schon, wie in den nächsten  Tagen dieses Thema zerpflückt wird  und jeder A-Z-Promi seinen Senf abgeben wird. Oh, bin ich das leid. (Dostoevskij; 12. August 2006)
http://www.literaturschock.de/literaturforum/index.php?topic=5878.msg161752#msg161752

-.-

Quote
[...] Ich bin schon sauer auf Grass, denn es ist keine Art irgenwas jahrelang von Flaghelfer zu erzählen und dauernd loszuwerden, dass die Deutschen ihre Vergangenheit nicht bearbeiten. Für mich ist kein Problem, dass er dabei war, denn das waren wirklich viele, aber ausgerechnet ein Schriftsteller, der als Dauerthema den Krieg und das Naziregime hat, der hätte das zu Beginn seiner Karriere klarstellen sollen. (Judith; 13. August 2006)

Quelle: http://www.literaturschock.de/literaturforum/index.php?topic=5878.msg162206#msg162206


-.-

Quote
[...] Die Moralkeule wird mit klammheimlicher Freude von denen geschwungen, die GG zur 'moralischen Instanz' gemacht haben. Diesen Titel erhält man, ohne sich darum zu bewerben. Wenn er so etwas wie eine moralische Instanz ist, dann ist er es aufgrund seiner Aussagen. Entweder die empfand man als richtig und dann können sie nicht jetzt falsch sein, oder man empfand sie als falsch und dann ist er für diese Spezies auch keine moralische Instanz. Die Bedeutung eines Autors liegt in seinen Werken und nicht ob er als 17-jähriger in die SS eintrat, oder dreimal, viermal oder keinmal verheiratet war.

Forderungen nach einer Rückgabe des Nobelpreises werden laut, (was gar nicht geschehen kann, auch ein Nobelpreisträger der den Preis nicht annimmt, ist nach den Statuten des Nobelpreiskomittes dennoch Nobelpreisträger), als wenn man den Nobelpreis für seine Mitglied- oder Nichtmitgliedschaft in der SS erhalten würde. Den Preis hat wegen seiner überragenden Werke erhalten. Und die bleiben auch weiterhin überragend. Da mögen noch so viele verhinderte Möchtegernautoren versuchen GG ans Bein zu pinkeln, man nässt vielleicht die Fußknöchel.

Was von diesem Aufschrei der 'Entrüstung' bleibt, ist, dass er die Mitgliedschaft in der SS so lange verschwiegen hat. Das Kleinbürgertum pinkelt zurück. (mowitz; 15.08.2006, 15:44)

Quelle: http://forum.tagesschau.de/showthread.php?t=24293



« Last Edit: Februar 06, 2008, 11:50:41 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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[Die Leute, die sich immer aufregen, regen sich auf...]
« Reply #5 on: August 31, 2006, 12:56:03 nachm. »
Quote
[...] Werbestunt von Grass: gelungen. Die Leute, die sich immer aufregen, regen sich auf. Die Leute, die immer über die Leute berichten, die sich immer aufregen, berichten. Die Leute, die jeden Scheiß kaufen, über den die Leute, die immer über die Leute berichten, die sich immer aufregen, berichten, kaufen.

Und die schlimmste Gefahr, sich mit unsäglicher Belanglosigkeit aus dem Leben zu verabschieden, ist vorerst gebannt. Sogar einige U-30jährige sollen Günter Grass plötzlich kennen, jedenfalls so vom Hörensagen her.

Welche PR-Agentur betreut eigentlich den Grass?


Aus: "[Hier Wortspiel mit “Grass” einsetzen]" (Samstag, 19. August 2006, by xyzzy)
Quelle: http://ntropie.de/2006/08/19/hier-wortspiel-mit-grass-einsetzen/

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["it was just incomplete"...]
« Reply #6 on: November 06, 2006, 11:49:53 vorm. »
Quote
[...] Ein Teil seines Lebens sei so "widerwärtig" und "dunkel", dass er als Erwachsener ständig dagegen gekämpft habe, hieß es in dem von einem anderen Geistlichen verlesenen Brief Haggards, der stets als entschiedener Gegner von Homosexuellen-Ehen und Verteidiger der traditionellen Familienwerte aufgetreten war.

[...] Haggard, eine Galionsfigur der christlichen Rechten, hatte dies zurückgewiesen und die Vorwürfe in einen Zusammenhang mit dem erbitterten Kongresswahlkampf zwischen Demokraten und Republikanern gestellt. "Ich hatte niemals mit irgendjemandem homosexuelle Beziehungen. Ich bin meiner Frau treu", hatte Haggard in Fernsehinterviews erklärt.


Aus: " 'Widerwärtig und dunkel' - Prediger gibt 'Unmoral' zu" (5. November 2006)
Quelle: http://www.n-tv.de/729306.html

-.-

Quote
[...] Montags nahm er oft an einer Schaltkonferenz mit Washington teil, in der er sich etwa dafür einsetzte, dass die Regierung einen steifen Kurs gegen die Schwulenehe und außerehelichen Sex hielt.

Doch Haggard (verheiratet, fünf Kinder) führte offenbar selbst ein Jekyll-Hyde-Doppelleben. Jetzt beichtete er, einen schwulen Callboy getroffen und die Party-Droge Crystal Meth gekauft zu haben. Er habe den Callboy "nur für eine Massage" angeheuert und das Meth gleich "weggeworfen", beteuerte der Kirchenführer zwar, von Reportern im Auto erwischt, neben ihm seine konsternierte Gattin Gayle. Doch der Callboy erzählt eine andere Geschichte: Er habe mit Haggard eine dreijährige Sex-und-Drogen-"Geschäftsbeziehung" unterhalten.


Aus: "Sex, Drogen und Schmiergelder" Von Marc Pitzke, New York (SPON; 05. November 2006)
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,446549,00.html

-.-

Quote
[...] I am a deceiver and a liar. There is a part of my life that is so repulsive and dark that I’ve
been warring against it all of my adult life. For extended periods of time, I would enjoy
victory and rejoice in freedom. Then, from time to time, the dirt that I thought was gone
would resurface, and I would find myself thinking thoughts and experiencing desires that
were contrary to everything I believe and teach.

[...] The public person I was wasn’t a lie; it was just incomplete.



by Ted Haggard (November 5, 2006)
Source: http://www.newlifechurch.org/TedHaggardStatement.pdf

-.-

Quote
[...] Der entschiedene Gegner gleichgeschlechtlicher Ehen sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, in den vergangenen drei Jahren einen Mann für homosexuelle Kontakte bezahlt zu haben. Der verheiratete Vater von fünf Kindern hatte die Vorwürfe zunächst zurückgewiesen. Am Sonntag gestand er jedoch in einer Erklärung sexuelle Verfehlungen ein, entschuldigte sich bei seinen Anhängern und bat um Vergebung.

Er habe sich der sexuellen Unmoral schuldig gemacht und übernehme dafür die Verantwortung, hiess es in der während eines Gottesdienstes in Colorado Springs von einem anderen Geistlichen verlesenen Erklärung. Er räumte ausserdem ein, in der Affäre gelogen zu haben. Es seien zwar nicht alle Vorwürfe richtig, aber das, was geschehen sei, reiche aus für seine Entlassung als Vorsitzender der Kirchengemeinde. Er bat auch um Vergebung für den Callboy Mike Jones, der ihn belastet hatte.

Quote
Typische Fall

Die Psychologie sagt das ja schon lange: Man(n) bekämpft am heftigsten bei anderen das, was man(n) bei und an sich selber nicht akzeptieren kann.

(Kommentar von: surfer am: 05.11.2006 23:36)



Aus: "Stehende Ovation für Sex-Beichte von US-Evangelisten" (05.11.06)
Quelle: http://www.20min.ch/news/ausland/story/11735662

-.-

Quote
[...] Der fast 80-Jährige habe den Strafbefehl akzeptiert, um eine öffentliche Verhandlung zu vermeiden.

Über die Höhe der Geldstrafe wurde nichts mitgeteilt. Der Mann soll laut Behörde auf seinem Computer zu Hause mehr als 100 Fotos mit Kinderpornografie gesammelt haben. Die Arbeit des Kinderschutzbundes sei davon jedoch unberührt.

Von 1976 bis 1996 war der Mann Vorsitzender des Kinderschutzbundes Ulm/Neu-Ulm und danach Ehrenvorsitzender. Nach Angaben des derzeitigen Vorsitzenden, Dietrich Eberhard, habe der Ex-Vorstand seinen Ehrenvorsitz im Januar aus gesundheitlichen Gründen zurückgegeben. Während seiner Arbeit für den Kinderschutzbund, habe der Mann nie Kontakt zu Kindern gehabt, betonte Eberhard: "Da gibt es bei uns eine strenge Trennung. Die Akten von Kindern sind verschlossen." Man könne sich das Verhalten des Mannes nicht erklären und sei fassungslos.


Aus: "UlmKinderpornos bei Ex-Chef von Kinderschutzbund" (05.02.2008)
Quelle: http://www.swr.de/nachrichten/bw/-/id=1622/nid=1622/did=3127354/x0eyc2/

-.-

Quote
[...] Mit der Arbeit des Kinderschutzbundes habe der Fall allerdings absolut nichts zu tun. Der Ex-Vorsitzende habe keinerlei Zugriffe auf irgendwelche Daten von Kindern oder deren Eltern gehabt und sei in letzter Zeit nur noch zwei oder drei Mal im Jahr bei Sitzungen des Vorstands aufgetaucht. Die Bilder habe er sich offenbar bei sich zu Hause "im stillen Kämmerlein" heruntergeladen.


Aus: "Kinderpornos bei ehemaligem Kinderschützer" (06.02.2008)
Quelle: http://www.augsburger-allgemeine.de/Home/Nachrichten/Bayern/Artikel,Kinderpornos-bei--ehemaligem-Kinderschuetzer_arid,1169216_regid,2_puid,2_pageid,4289.html

« Last Edit: Februar 06, 2008, 11:54:31 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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[Am Kältepol der Grausamkeit... (Notizen)]
« Reply #7 on: Juli 02, 2007, 01:09:26 nachm. »
Quote
[...] Während seiner ersten Lagerhaft auf den Solowki-Inseln fühlte er sich noch moralisch gestärkt und betrachtete das Gefängnis als Schule der Selbstbildung. Diese Haltung spiegelte sich in der frühen Erzählung «Die drei Tode des Doktor Austino» (1936), in der er ein ethisches Dilemma noch mit einem absoluten Rigorismus auflöste: In der leicht durchschaubaren Allegorie einer Haftanstalt im faschistischen Italien wird ein zum Tode verurteilter Arzt zu der schwangeren Frau des brutalen Gefängnisdirektors gerufen, um sie und ihr Kind zu retten. Nach anfänglichem Zögern leistet der Arzt Hilfe, obwohl er weiss, dass dieser Einsatz nichts an seiner Lage ändern wird. Die letzte Nacht vor seiner Hinrichtung verbringt er hungernd, weil er bereits von der Liste der Essensrationen gestrichen wurde.

Von der unbedingten Bejahung moralischen Handelns auch unter widrigsten Umständen findet sich in den «Erzählungen aus Kolyma» keine Spur mehr. Am Kältepol der Grausamkeit - mit diesem Ausdruck charakterisierte Alexander Solschenizyn die Kolyma-Lager - verflüchtigt sich nicht nur die Moral, sondern auch der Überlebenswille der Menschen. Alle geistigen Regungen weichen einer bleiernen Apathie, auch der Tod wird nur noch als letztes Glied einer langen Reihe von Erniedrigungen wahrgenommen.

Schalamow reduziert die Erwartungen an Leben und Sterben auf das absolute Minimum: «Es gab einen geheimen, leidenschaftlichen Wunsch, eine letzte Sturheit - den Wunsch, irgendwo im Krankenhaus zu sterben, auf der Pritsche, im Bett, wenn andere Menschen es sehen, und sei es dienstlich, aber nicht draussen, nicht in der Kälte, nicht unter den Stiefeln des Konvois, nicht in der Baracke unter Schimpfen, im Schmutz und in der völligen Gleichgültigkeit aller.»

[...] 1969 erschien in Deutschland ein hilflos gemachter Band mit dem irreführenden Titel «Artikel 58. Die Aufzeichnungen des Häftlings Schalanow», in dem nicht einmal der Name des Autors richtig wiedergegeben wurde. Im gleichen Jahr publizierten die Trotzkisten Maurice Nadeau und Jean-Jacques Marie in Frankreich eine Auswahl der «Erzählungen aus Kolyma» und vereinnahmten so Schalamow, der wegen «KRTD» (konterrevolutionärer trotzkistischer Tätigkeit) verurteilt worden war, für ihren Kampf gegen das Moskauer Regime.

Schalamow zeigte sich durch diese erratischen westlichen Publikationen höchst irritiert und griff zu einer prekären Verteidigung. Am 23. Februar 1972 erschien in der «Literaturnaja gaseta» ein offener Brief, in dem Schalamow die Veröffentlichung seiner Lagertexte im Westen mit scharfen Worten kritisierte. Dabei scheute er nicht davor zurück, ein stalinistisches Hetzvokabular zu verwenden: Er bezeichnete die russischen Emigrationszeitschriften als «weissgardistische stinkende Blättchen», die sich «schlangenhafter Praktiken» bedienten. Darüber hinaus versicherte er der Partei und dem Volk seine uneingeschränkte Loyalität und bedauerte, dass er wegen seiner schwachen Gesundheit nicht am «gesellschaftlichen Aufbau» teilnehmen könne. Am empörendsten war allerdings Schalamows Behauptung, die Problematik der «Erzählungen aus Kolyma» sei «längst vom Leben aufgehoben» worden.

Lange Zeit glaubte man im Westen, Schalamow habe diesen Brief nur unter massivem Druck unterzeichnet. 1994 wurde allerdings eine private Aufzeichnung bekannt, in der Schalamow seine Beweggründe für diesen Schritt erläuterte. Selbstbewusst hielt er fest, es sei lächerlich zu glauben, dass er zu irgendetwas gezwungen werden könne. Er habe früher auch in viel schwierigeren Situationen keine öffentlichen Zugeständnisse an den Staat gemacht: «Meine Erklärung, ihre Sprache, ihr Stil gehören mir selbst.» Schalamow begründete seinen Brief mit der «ununterbrochenen Spekulation» mit seinem Namen: Man halte ihn auf der Strasse an, drücke ihm die Hand und missbrauche seine Prosa im Namen der «Menschheit».

[...] Schalamow wollte nicht, dass seine «Erzählungen aus Kolyma» politisch instrumentalisiert werden - weder von der sowjetischen Dissidenz noch von den russischen Emigranten im Westen. Er glaubte überdies, dass seine Prosa unübersetzbar sei und eine Publikation mithin nur in Sowjetrussland einen Sinn ergebe.



Aus: "Am Kältepol der Grausamkeit - Kasten: Warlam Schalamow (1907-1982)" Ein Gerücht, das endlich Gestalt wird - der russische Schriftsteller Warlam Schalamow; Warlam Schalamow, dessen 100. Geburtstag am 1. Juli gefeiert wird, verbüsste vierzehn Jahre Lagerhaft im Kolyma-Gebiet im äussersten Nordosten Sibiriens. In höchst eindringlicher und formbewusster Prosa legte Schalamow von seinem grausamen Lebensschicksal Zeugnis ab. Von Ulrich M. Schmid (30. Juni 2007, Neue Zürcher Zeitung)
Quelle: http://www.nzz.ch/2007/06/30/li/articleF6MW5.html


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[Eine Parabel von erschütternder Banalität... (Notiz, Eliot Spitzer)]
« Reply #8 on: M?RZ 11, 2008, 03:54:13 nachm. »
Quote
[...] "Ich bin an jenen Standards gescheitert, die ich mir selbst setze. Ich muss nun einige Zeit investieren, um das Vertrauen meiner Familie zurückzugewinnen."


Aus: "SEX-AFFÄRE - Skandal um New Yorks Gouverneur - Kontakte zu Prostituiertenring" (10. März 2008)
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,540603,00.html



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Quote
[...] Die beißende Ironie blieb keinem verborgen, vor allem wohl ihm selbst nicht.

[...] Spitzer, von 1998 bis 2006 der berühmt-berüchtigste Generalstaatsanwalt New Yorks, hatte seinen Ruf als Law-and-Order-Mann und Nemesis der Wall Street erfolgreich in den Gouverneursposten umgemünzt, indem er die Verfehlungen von Konzernchefs nicht nur an den Pranger stellte, sondern auch strafrechtlich ahndete. Dabei hatte er sich zahllose Feinde gemacht, gerade in der Finanzwelt, die sich jetzt vor lauter Häme überschlugen.

[...] Ein Alptraum aber, wiewohl selbstverschuldet, für Spitzer und seine Familie (er hat drei Töchter im Teenage-Alter). Und wie so viele dieser Dramen, bei denen ein Machtmann über Sex vorübergehend sein Urteilsvermögen verliert (Bill Clinton, Mark Foley, Larry Craig), eine Parabel von erschütternder Banalität.

[...] Spitzer fiel den Berichten zufolge ausgerechnet jenen Ermittlungsmethoden zum Opfer, die er selbst perfektioniert hatte. Die Fahnder hatten den "Emperors Club VIP" schon lange im Visier - Prostitution ist in New York, wie in den meisten US-Staaten, illegal. Die Schlinge zog sich zu, nachdem die Telefongespräche des Rings monatelang abgehört worden waren.

Aus diesen Mitschnitten bauten die Ermittler ihre Anklage gegen die vier Betreiber des "Clubs" - ein Quartett aus New Jersey, Brooklyn und Rhinebeck bei New York, das vorige Woche verhaftet wurde. Sie hätten mit rund 50 Prostituierten mehr als eine Million Dollar verdient und diese über Tarnkonten und Scheinfirmen reinzuwaschen versucht.

Die Anklage bietet einen seltenen Einblick in die Welt der internationalen Hochpreis-Prostitution. Die "Emperors"-Girls - verfügbar in New York, Los Angeles, Miami, London und Paris - kosteten demzufolge zwischen 1000 und 5500 Dollar pro Stunde. Auch "ausgedehnte Dates" seien arrangiert worden, für bis zu 50.000 Dollar.

[...] Penibel listet eine eidesstattliche Erklärung des federführenden FBI-Agenten diverse "Transaktionen" des Callgirl-Rings auf. Darunter eben auch ein Rendezvous zwischen "Kunde 9" und der Prostituierten "Kristen" am 13. Februar - dem Vorabend des Valentinstags - in einem Nobelhotel in Washington. "Kunde 9", ergänzte das "Wall Street Journal" hilfreich, sei dabei "als Mr. Spitzer identifiziert" worden.

Spitzer, der im demokratischen Vorwahlkampf als Super-Delegierter fungiert und Hillary Clinton unterstützt, übernachtete an dem Tag tatsächlich im Mayflower, einem Luxushotel unweit des Weißen Hauses. Am 14. Februar hatte er einen Termin vor dem Unterausschuss für Kapitalmärkte im US-Repräsentantenhaus.

"Kunde 9" war offenbar Stammkunde: Er hatte der Anklage zufolge beim "Emperors Club" noch ein Guthaben "von früher", in Höhe von "400 oder 500 Dollar". Das Treffen mit "Kristen", die auf Kosten des Klienten eigens mit dem Zug von New York nach Washington gereist sei, erforderte demnach komplizierte Finanzverhandlungen. Schließlich habe "Kunde 9" für das vierstündige Tête-à-tête 4300 Dollar vorausgezahlt, inklusive eines Vorschusses für "künftige" Termine mit "Emperors", und habe "Kristen" auf Zimmer 871 des Hotels bestellt.

Genüsslich erzählt das ehrwürdige "Wall Street Journal" jedes kleinste Detail des Falls nach.

[...] Spitzers politisches Schicksal scheint besiegelt. Die Vereinigung der US-Gouverneure entzog ihm bereits das Vertrauen. Auch wenn ihm selbst derzeit noch nichts Strafrechtliches vorgeworfen wird: Er hat seine ganze Laufbahn schließlich auf Recht und Ordnung aufgebaut - und sein Gouverneursamt 2007 mit dem Schwur angetreten, "New Yorks Ethik" wiederherzustellen.

[...] Ein steiler Sturz für den Sohn österreichischer Einwanderer, der mit einer historischen Mehrheit von 69 Prozent zum Gouverneur gewählt worden war. Als Generalstaatsanwalt hatte er zuvor viele prominente Wall-Street-Größen zu Fall gebracht. Darunter Hank Greenberg, damals Chef des weltgrößten Versicherungskonzerns AIG, und den Ex-Vorsitzenden der New York Stock Exchange, Dick Grasso, den er zwang, einen Großteil seiner "exzessiven" Abfindung zurückzuzahlen.

Zu Spitzers Opfern zählten so namhafte Wall-Street-Konzerne wie Bear Stearns, Credit Suisse First Boston, Deutsche Bank, Goldman Sachs, J.P. Morgan Chase, Lehman Brothers, Merrill Lynch und Morgan Stanley. "Time" ernannte ihn zum "Kreuzritter des Jahres". Nun frohlockt das "Wall Street Journal" heute: "Es ist Schadenfreude-Zeit an der Wall Street."


Aus: "SEX-SKANDAL UM GOUVERNEUR: Sündenfall auf Zimmer 871" - Von Marc Pitzke, New York (11. März 2008)
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,540626,00.html

-.-

Quote
[...] Tue Mar 11 2008

    * [l] Oh Mann. Elliot Spitzer muß zurücktreten, weil er eine Prostituierte bezahlt hat.

    => http://news.bbc.co.uk/2/hi/americas/7290071.stm


      Spitzer ist gerade Gouverneur von New York, aber vorher war er Generalstaatsanwalt von New York und hat in der Position ungeniert große Firmen angepinkelt. Der hat u.a. diverse RAM-Hersteller wegen Preisabsprachen belangt, den Vorsitzenden des NYSE ("Wall Street") angeklagt, und hatte auch ansonsten diverse Fälle in der Hochfinanz, in Banken, Brokern und Versicherungen. Er hat auch die Contentmafia gezwungen, Gelder an die Musiker abzutreten, und wegen Payola (Schmiergeld für Radiostationen, damit sie ihre Songs spielen) verfolgt. Außerdem hat er Abtreibungsgegner belästigt, die Pseudo-Beratungscenter aufgemacht haben, um Frauen von der Abtreibung abzuraten, und sogar gegen die Polizei hat er wegen Korruption vorgegangen. Kurz gesagt: der Mann ist ein echter Held.

      Und DER stolpert jetzt ausgerechnet über sowas? Was sagt uns das? Mir sagt das, dass sie dem nichts anderes anhängen konnten, keine Korruption, keine Steuerhinterziehung, keine Baurechtsverletzung, keine schattige Wahlkampffinanzierung, nichts. Eine Prostituierte, dass ich nicht lache. Das muss die Business-Mafia Millionen gekostet haben, jetzt mit diesem Dreck anzukommen, um den loszuwerden. Wow.

      Oh und guckt mal, wer ihn verraten hat.

          The investigation began last year when banks reported irregular transfers to the Internal Revenue Service, which traced them back to Mr Spitzer and discovered they were made to a high-priced prostitution ring, an unnamed law enforcement official told the Associated Press (AP) news agency.

      Die Hochfinanz. Na so ein Zufall.


Aus: "Fefes Blog, Tue Mar 11 2008"
Quelle: http://blog.fefe.de/?ts=b92825fc
« Last Edit: M?RZ 13, 2008, 10:46:56 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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[Zurechenbarkeit, Schuld, Verantwortung und Ähnliches... (Metzinger)]
« Reply #9 on: November 05, 2008, 11:13:57 vorm. »
Quote
[...] Nein, die Hirnforschung sagt uns absolut nichts darüber, was eine gute Handlung ist. Vielmehr stellt sich die philosophische Frage, ob es so etwas wie moralisches Wissen in einem strengen Sinne überhaupt gibt. Sind Werte überhaupt Teil der objektiven Welt? Sind ethische Aussagen wie "Du sollst nicht töten" überhaupt wahr oder falsch? Das sind die eigentlichen Probleme.

Wie soll man denn mit dieser Ungewissheit umgehen?

Das weiß ich auch nicht. Nicht zu handeln ist auch keine Option. Wenn das tatsächlich so ist, dann müssen wir eine Ethik ohne Erkenntnisanspruch aushandeln, und dann sollten wir uns möglichst schnell darauf einigen, was wir denn als wertvolle Handlungsweisen oder zum Beispiel auch als wertvolle Bewusstseinszustände ansehen wollen.

Was bedeutet das für die Gesetzgebung?

Da wird es schwierig und zugleich brisant. Denn die große Frage ist natürlich, wie viel von unserem moralischen Vermögen - ähnlich wie unsere Körpergröße - physisch vorgegeben ist und wie viel in unsere eigene Verantwortung fällt.

Also was ich selbst bewusst an meinen eigenen moralischen Eigenschaften, an meiner Einfühlungsfähigkeit, an meiner Sensibilität für ethische Fragen überhaupt ändern kann. Habe ich die Pflicht zur moralischen Selbstverbesserung oder nicht? Entsprechend ist ein breites Spektrum an Konsequenzen für die Gesetzgebung und die Rechtssprechung denkbar.
         
Ist es denn wirklich nötig, dass sich etwas ändert?

Ja. Denn man kann nicht einfach so tun, als wäre unser Wissen über Moral und ihre körperlichen Bedingungen dasselbe wie vor 50 Jahren. Wir wissen heute einfach mehr über physiologische Grundlagen kriminellen Verhaltens - und wir werden in Zukunft noch mehr wissen.

Es ist eben so, dass Psychopathen, Menschen mit antisozialen Persönlichkeitsstörungen oder notorische Lügner mit schlechter psychiatrischer Prognose auch bestimmte Ähnlichkeiten in bestimmten Hirnstrukturen haben. Das Problem ist meines Erachtens, wie man vom existierenden Rechtssystem einen gleitenden Übergang schafft in ein System, das mehr und mehr empirisch informiert ist und dem neuen Wissen Rechnung trägt.

Können Sie skizzieren, in welche Richtung das gehen könnte?

Ich habe auch keine fertigen Lösungen. Wir werden sicher weiter Begriffe wie Zurechenbarkeit, Schuld, Verantwortung und Ähnliches verwenden. Die Bedeutung dieser Begriffe wird sich aber schrittweise verändern.

Und wir werden in Zukunft wohl nicht mehr sagen, dass jemand in jedem Fall anders hätte handeln können. Aber bis dahin, dass wir nicht mehr bestraft werden, sondern "repariert", ist es sicher noch ein sehr weiter Weg.




Aus: "Gehirnforscher über "Aufklärung Zweipunktnull""
Thomas Metzinger im Interview (04.11.2008)
Die zeitgenössische Hirnforschung hält brisante Herausforderungen für Ethik, Rechtssprechung und Menschenbild bereit. Dies meint der deutsche Philosoph Thomas Metzinger in einem Interview.
Quelle: http://science.orf.at/science/news/153205


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[Aufräumen - mit der Drogenszene... („Richter Gnadenlos“)]
« Reply #10 on: Dezember 04, 2008, 03:31:16 nachm. »
Quote
[...] Ronald Barnabas Schill (* 23. November 1958 in Hamburg) ist ein deutscher Jurist und Politiker. Schill war Gründungsvorsitzender der Partei Rechtsstaatlicher Offensive und von 2001 bis 2003 Zweiter Bürgermeister und Innensenator Hamburgs.

[...] Wegen einiger Urteile mit hohem Strafmaß erhielt Schill von der Hamburger Boulevardpresse den Spitznamen „Richter Gnadenlos“. Schill trat zu dieser Zeit häufig in der Presse und auch im Fernsehen auf, wobei er allgemein härtere Bestrafung insbesondere von Wiederholungstätern forderte und ein von ihm behauptetes „Kartell strafunwilliger Jugendrichter in Hamburg“ anprangerte.

[...] Schill gründete im Jahr 2000 die Partei Rechtsstaatlicher Offensive (nach ihm auch Schill-Partei genannt). Er zog im Wahlkampf die Aufmerksamkeit der Presse unter anderem durch folgende Positionen auf sich:

    * Nicht therapierbare Sexualstraftäter sollten seiner Ansicht nach nur dann wieder auf freien Fuß kommen, wenn sie sich zuvor einer (freiwilligen) Kastration unterzogen hätten.[3]
    * Eltern, die ihre Erziehungspflicht nachhaltig verletzen und deren Kinder massiv straffällig geworden sind, sollten selbst mit strafrechtlichen Sanktionen rechnen müssen.[3]
    * Im Wahlkampf kündigte Ronald Schill die Halbierung der Gewaltkriminalität binnen 100 Tagen an, sofern er in einer Koalition freie Hand dafür bekäme. Zu diesem Zweck sollten 2.000 neue Polizisten eingestellt werden.[4]

Große Unterstützung hatte Schill von der Springer-Presse, insbesondere von der BILD bekommen; so hatte vor allem letztere ihm schon vor der Parteigründung viel Platz in ihrer Berichterstattung eingeräumt.[5] Am 23. September 2001 erhielt die Partei Rechtsstaatlicher Offensive bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg 2001 19,4 % der Wählerstimmen. Am 31. Oktober desselben Jahres wurde Schill zum Zweiten Bürgermeister und Innensenator der Freien und Hansestadt Hamburg in einer Koalitionsregierung seiner Partei mit CDU und FDP unter dem Ersten Bürgermeister Ole von Beust berufen.

[...] Im Februar 2002 berichtete das TV-Magazin Panorama unter Berufung auf einen Zeugen, dass der Hamburger Innensenator Kokain konsumiert hätte. Schill bezeichnete das Magazin als „Schweinemagazin“, das „mit Denunzianten arbeite“. Er erwirkte vor der Pressekammer des Landgerichts Hamburg eine einstweilige Verfügung. Sie verbot dem NDR unter Androhung von Ordnungshaft und Ordnungsgeld zu behaupten, er habe gekokst (Aktenz. 324 O 95/02). Grundlage der Entscheidung war eine eidesstattliche Versicherung Schills. Zeitungen des Springer-Verlages verteidigten diesen und kritisierten die Panorama-Vorwürfe.[11] Schill unterzog sich im Zusammenhang mit den Kokain-Vorwürfen freiwillig einer Analyse einer Haarsträhne, bei der keine Kokainspuren festgestellt wurden.[12] Das von der Staatsanwaltschaft Hamburg eingeleitete Ermittlungsverfahren wegen Betäubungsmittelbesitzes wurde daraufhin eingestellt. Am 7. März 2008 wurde der BILD-Zeitung ein Video mit dem Ex-Politiker angeboten, das ohne dessen Wissen aufgenommen worden war. BILD kaufte nur einen Teil des Videos, der später auch im Internet zu sehen war und der Schill augenscheinlich und nach dessen vernehmbarer Aussage beim Kokainschnupfen zeigt. In einer längeren Version des Videos erkläre Schill laut Medienberichten außerdem, sein früherer negativer Drogen-Befund sei ursprünglich positiv gewesen.[13]

[Für eine Stellungnahme zu dem Video sei Schill bislang nicht zu erreichen gewesen, meldete die Morgenpost.] [13]

[...]

[13] # ↑ Artikel auf Sueddeutsche.de vom 7. März 2008.
http://www.sueddeutsche.de/,tt8m1/panorama/artikel/714/162266/

   1. ↑ BGH, Urteil vom 4. September 2001, Az. 5 StR 92/01, BGHSt 47, 105-116
   2. ↑ Freispruch für Schill, Netzeitung, 21. Dezember 2001]
   3. ↑ a b Schill für Kastration nicht therapierbarer Sexualtäter, Die Welt, 3. September 2001
   4. ↑ Hauptstadt des Versprechens, Die Zeit, 51/2002
   5. ↑ "'Richter Gnadenlos' spricht Klartext". In: bildblog. 25. März 2008 (Online ; Stand: 2. August 2008).
   6. ↑ Amtliche Kriminalstatistiken des Landeskriminalamtes Hamburg
   7. ↑ Kriminalität um ein Prozent gestiegen in Hamburger Abendblatt vom 23. Januar 2004
   8. ↑ Kriminalität stark rückläufig im Hamburger Abendblatt vom 7. Februar 2003
   9. ↑ Weniger Kriminalität: Schill legt erfolgreiche Bilanz vor in Die Welt vom 7. Februar 2003
  10. ↑ Frank Drieschner: Hauptstadt des Versprechens in Die Zeit 51/2002
  11. ↑ gesamter Absatz nach Hans Leyendecker: Wer ist da geschockt? Schill, das Kokain, der NDR - und eine alte Rechnung, Süddeutsche Zeitung, 10. Feb. 2008, S. 15
  12. ↑ Schill-Gutachten: Keine Hinweise auf Kokain in Die Welt vom 15. Januar 2004
  13. ↑ Artikel auf Sueddeutsche.de vom 7. März 2008.
  14. ↑ Skandalvorwürfe im Wortlaut im Hamburger Abendblatt vom 20. August 2003.
  15. ↑ Schill verschollen - ist er in Brasilien? im Hamburger Abendblatt vom 29. Mai 2006.
  16. ↑ Ex-Kripomann findet Schill in Rio, Hamburger Abendblatt, 19. August 2006
  17. ↑ Schill spekuliert über Präsidentenamt in Brasilien, Die Welt, 22. September 2006
  18. ↑ Ex-Senator Schill zur Fahndung ausgeschrieben, Spiegel-Online, 2. Dezember 2006 15:00Uhr
  19. ↑ Ronald Schill - Mein neues Leben - Putzfrau, Hobbys und politische Fehler, Hamburger Morgenpost, 12. September 2007
  20. ↑ Artikel auf Spiegel-Online, März 2008




Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Ronald_Schill (4. November 2008)

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Quote
[...] Berlin - Ein im Internet aufgetauchtes Video zeigt Hamburgs ehemaligen Innensenator Ronald Schill angeblich beim Drogenkonsum. In dem 21 Sekunden langen Video ist der als "Richter Gnadenlos" bekannt gewordene Jurist zu sehen, wie er etwas von einem Teller oder Tablett in die Nase einzieht. Laut "Bild"-Zeitung soll das Video in Rio de Janeiro aufgenommen worden sein. Unklar sei, wer den früheren Chef der Partei Rechtsstaatliche Offensive gefilmt habe und ob dies heimlich geschehen sei. Wie das Blatt meldete, erzählt Schill in dem Video, das Kokain-Gutachten über ihn, das er als Senator auf einer Pressekonferenz präsentiert hatte, sei manipuliert gewesen.

Außerdem verrate Schill, er habe als Richter Dunkelhäutige härter bestraft: "Von mir haben die Neger alle etwas mehr bekommen." Schill bestritt im Februar 2002, Kokain zu nehmen. Später outete er den Hamburger Bürgermeister Ole von Beust (CDU) in der Öffentlichkeit als homosexuell, woraufhin von Beust die Koalition beendete. AFP


Aus: "Nimmt Ex-Innensenator Schill Drogen?" (Samstag, 8. März 2008)
Quelle: http://www.morgenpost.de/printarchiv/politik/article167836/Nimmt_Ex_Innensenator_Schill_Drogen.html


-.-

Quote
[...] Die Öffentlichkeit ist entsetzt über "einen der schlimmsten Tiefpunkte der politischen Kultur" in Hamburg und im Lande - um sogleich verständnisvoll die Rechnungen und Berechnungen zu besprechen, die bei der Entlassungsaffäre Schill eine Rolle spielen bzw. in ihrem Gefolge eröffnet werden: Schills Drohung mit der Veröffentlichung der homosexuellen Neigungen des 1. Bürgermeisters - wie eklig, welch eine Vermischung von Politik und Privatsphäre! Aber hat man nicht ein Recht zu wissen, was eigentlich dran ist an der Geschichte? Und überhaupt: Sollten sich Politiker nicht selber rechtzeitig outen, um sich gegen das erpresserische Ausnutzen von Vorurteilen zu wappnen, die - natürlich nicht man selber, sondern - andere haben? Wie verlogen doch Schills Erklärung, es "widerspreche seinem Gerechtigkeitsgefühl, dass Beust anderen Politikern moralisches Fehlverhalten vorwerfe, gleichzeitig aber ‚seinen Lebensgefährten Roger Kusch' zum Justizsenator gemacht habe"! Wie glaubwürdig dagegen, wenn auch ein bisschen spät, Beusts Erkenntnis nach zweijähriger Zusammenarbeit, Schill sei "charakterlich nicht geeignet, das Amt eines Hamburger Senators weiter zu führen"! Problematisch vielleicht, aber auch wieder ziemlich verständlich, dass Beust mit der PRO-Partei, die jeder nur unter dem Namen ihres ‚rechtspopulistischen' Gründers und Ehrenvorsitzenden kennt, unbedingt weiter regieren will, um seinen "Wählerauftrag zu erfüllen" und an der Macht zu bleiben! Kann man von der CDU verlangen, "sich in schwerer Stunde dem politischen Wettbewerb zu stellen", der sie garantiert Stimmen kostet?


[...] Womit haben sich knappe 20 Prozent des Hamburger Wahlvolks den Vorwurf demokratischer Unmündigkeit, womit hat sich dieser Mann die Ernennung zur politischen Unperson verdient?

 1. Erst einmal überhaupt nichts. Im Gegenteil: Der Mann beweist mit seiner Karriere, dass er mit allen einschlägigen Tugenden ausgestattet ist, die einen Menschen zum erfolgreichen Politiker prädestinieren.

Das betrifft schon gleich und vor allem seine politische Botschaft: Aufräumen - mit der Drogenszene, mit Jugend-, Ausländer- und überhaupt der Kriminalität, mit um sich greifender Rechtsunsicherheit und laschem Strafvollzug! Für das Programm hat er sich mit seiner vormaligen Rolle als "Richter Gnadenlos" qualifiziert. Arbeitslose Jugendliche und Drogensüchtige, Obdachlose und andere Sozialfälle, der ganze in Krisenzeiten anschwellende Ausschuss des kapitalistischen Geschäftsgetriebes, und das Arsenal an Billiglohnbevölkerung und Asylantenstrandgut aus fremden Ländern schon gleich - das alles ist nach seiner Definition ein einziges Ordnungsproblem, mit dem aufgeräumt werden muss. Er denkt nämlich die allgemein gültig gewordene Kritik am Sozialstaat weiter und zu Ende. Die Debatte um die sozialstaatlichen Aufwendungen, die mit der ausufernden Armut wachsen, sowie die praktischen Korrekturen am bisherigen Sozialstaatswesen gehorchen ja streng der Leitlinie, dass die ‚Umstände', die staatlicherseits um Arbeitslose, Kranke, Rentner gemacht werden, nicht dafür gut sind, die Armut staatsnützlich zu betreuen, sondern recht besehen, den ausufernden Ausschuss überhaupt erst stiften und mit ihm lauter schädliche Kosten für Staat und Wirtschaft. Also ist alles, was unter dem Firmenschild staatlicher ‚Hilfe' veranstaltet wird, auch kein Dienst am Volk, sondern - so die logische Fortsetzung - das Gegenteil: Da wird Kreaturen, die es nicht verdient haben, ermöglicht, sich auf Kosten der ‚Gemeinschaft' häuslich einzurichten. Da wird die Jugend zu Nichtstun und Lotterleben angehalten, wird Arbeitslosen der Zwang zum Arbeiten erspart, Ausländern und Asylanten, denen per se nichts zusteht, der Zugang zu deutschen Kassen und Arbeitsplätzen erlaubt. Bei diesen sozial nutzlosen bzw. ausländischen Massen handelt es sich eben um ‚asoziale' Figuren, Typen, die außerhalb der für normal geltenden ‚ordentlichen' Arbeits- und Lebensverhältnisse eines ‚anständigen' Deutschen stehen, weil sie sich selber außerhalb der anständigen Gesellschaft und ihrer Ordnung gestellt haben oder als Ausländer von Natur aus nicht zu ‚uns' gehören: eine einzige Ansammlung von Arbeitsscheuen, Schmarotzern, Lumpen und Volksfremden, von echten oder potentiellen Schädlingen mithin, immer auf dem Sprung in die Kriminalität oder längst dort gelandet und insofern ein Fall für Polizei und Justiz. Wenn die Politik endlich vom Standpunkt der sozialen Betreuung ganz Abstand nimmt, wenn sie nur noch die Gefahr für Recht und Ordnung ins Auge fasst, die von diesem Sumpf ausgeht, wenn sich also die Staatsgewalt mit ihrer ganzen abschreckenden Härte zur Geltung bringt, dann und nur dann erfüllt sie ihre Pflicht gegenüber ihren Bürgern, die es verdient haben, dass man sie von diesem Gesindel befreit. Und genau daran lassen es die ‚etablierten' Parteien nach Ansicht Schills allenthalben und die ‚Sozis' in Hamburg schon gleich fehlen. Beweis: der viel sagende Fingerzeig auf die Kriminalitätsstatistik und die einschlägigen Erscheinungsformen der Drogen- bzw. Ausländer'szene' in der Hansestadt. Mit diesem Credo tritt Schill kritisch gegen den 'Klüngel der Altparteien' in Hamburg an - und bekommt voll recht.

Erstens von der Öffentlichkeit, die ihm noch nach seinem Sturz in seltener Einmütigkeit bescheinigt, den Finger auf die drängenden Probleme in Hamburg und anderswo gelegt zu haben: "Ein großes Thema der großen Städte ist deren dunkle Seite: Drogen, Kriminalität, Unsicherheit und insgesamt jener Prozess der Verwahrlosung, der alle großen Kommunen erfasst, die von der Auflösung alter Bindungen und Verbindlichkeiten sowie von einem schnellen Prozess ethnischer Durchmischung geprägt sind." (Nein, nicht Schill, sondern die FAZ, 20.8.) "Natürlich haben Hamburgs Behörden die mit Recht unbeliebten ‚Crash-Kids', die serienweise Autos klauten und zuschanden fuhren, mit erstaunlicher Milde behandelt: Da wurden grinsende Teufelsbraten lieber in aufwändige Abenteuer-Urlaube statt hinter sichere Schlösser geschickt. Sicher ist auch, dass überführte und festgenommene Drogen-Dealer zumeist schnell wieder am gewohnten Handelsplatz standen, zumal es der Polizei nicht gestattet war, ihnen verschluckte Beweise durch Kotzmittel wieder zu entlocken." (Schon wieder nicht der "Richter Gnadenlos", sondern die liberale Münchener AZ, 20.8.) Dass hier dringlicher staatlicher Handlungsbedarf besteht, der sträflich vernachlässigt wird, das ist eben gar nicht bloß Schills ‚rechtspopulistische Hetze', das ist die allgemein gültige Auffassung eines problembewussten, kritisch-differenzierten demokratischen Journalismus.

Zweitens kommt Schill mit diesem Programm bei den Bürgernder Hansestadt an. Der Mann weiß eben, wie man sich als Anwalt der wahren Nöte guter Hamburger und Deutscher präsentiert. Also macht er dem Volk klar, dass seine wachsenden Sorgen einzig und allein von dem Gesindel herrühren, das Hamburgs Straßen unsicher macht, dass Durchgreifen sein dringlichstes Bedürfnis und Recht ist, dass die Zustände insofern von einer einzigen Pflichtvergessenheit der ‚Altparteien', insbesondere der regierenden SPD zeugen, die sich in Posten und Ämtern eingehaust hat, statt ordentlich mit harter Hand zu ‚regieren' - kurz: dass die Zustände nach einer ‚neuen, ‚unverbrauchten politischen Kraft' schreien, die es genau umgekehrt hält. Der saubere Newcomer verspricht, nicht nur den Sumpf des Verbrechens, sondern auch den politischen ‚Sumpf' und ‚Sozi-Filz' in der Stadt auszutrocknen. Dermaßen volkstümlich angesprochene Hamburger lassen sich das in großer Zahl einleuchten. Sie honorieren den ‚Mut', mit dem dieser Mann den Finger auf die Wunde legt, und geben ihm haufenweise ihre Stimme. So bescheinigen sie ihm und seiner neugegründeten Partei besondere Glaubwürdigkeit im Hinblick auf einen ordnungspolitischen Bedarf, der schließlich durch ihn zum alles beherrschenden (Wahlkampf-)Thema wird. Dies nicht zuletzt deshalb, weil drittens auch die anderen Volksparteien dem ‚rechtspopulistischen' Ankläger in der Sache Recht geben und ihrerseits tätige Abhilfe versprechen; die CDU als ewige Hansestadt-Opposition anklagend, die SPD als ewige Stadtregierungspartei selbstkritisch.

Mit massenhaftem Wählerauftrag ausgestattet, zögert Schill nicht, die Gelegenheit zur Beteiligung an der Regierungsverantwortung zu ergreifen, die ihm die CDU mit ihrem Drang an die Spitze des Stadtstaats bietet. Zumal er mit seinem Stimmengewicht die Chance erhält, als zuständiger Senator für mehr ‚innere Sicherheit', mehr Polizei, härteres Durchgreifen und Strafgerechtigkeit zu sorgen. Das macht er dann auch nach Kräften und mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen.

2. Einmal in Amt und Würden, scheitert der Senator Schill freilich gründlich mit allen Bemühungen, zur positiven Würdigung seines Anliegens auch die Anerkennung seiner persönlichen politischen Kompetenz dazu zu erobern.

Zunächst einmal bleibt beim praktischen Aufräumen in Hamburg manches hinter seinen radikalen Ankündigungen zurück. Vieles bleibt ‚auf der Strecke', viel zu viel jedenfalls nach dem Geschmack der journalistischen Prüfungsinstanzen, die sein Säuberungsprogramm als ‚Versprechen' begrüßen und peinlich genau nehmen. Noch viel radikaler als Schill dringen sie auf Vollzug, um den Aufsteiger an seinen eigenen Maßstäben zu blamieren: Von wegen, in 100 Tagen die Kriminalitätsrate halbiert! Statt 2000 neuen Polizisten nur neue ‚Designeruniformen' und ein paar anderswo ausgeliehene Beamte! Lauter leere Versprechungen! "So leicht sich die Schill-Partei mit Versprechen getan hatte, so schwer tat sie sich mit deren Umsetzung." (FAZ 21.8.) Ronald Schill findet mit seinen Forderungen also so radikalen Zuspruch, dass sich der von ihm angestachelte demokratische Ordnungsfanatismusdurch seine Taten einfach nicht zufrieden gestellt sehen will.

Dabei ist Schill gewiss nicht vorzuwerfen, dass er für seine Sache nicht entschieden genug kämpft. Im Gegenteil: Mit der Autorität eines Landesinnenministers stellt er sich auch im Bundestag auf und agitiert nach Kräften gegen die Ausländerpolitik von SPD und Grünen. Gegen Zwischenrufe und Tumult, sowie gegen ein Parlamentspräsidium, das bei ihm die Redezeit mit dem Sekundenzeiger kontrolliert, setzt er seine Tirade durch, bis man ihm das Mikrofon abschaltet. Nach einhelliger Auffassung ein ‚Skandal', ‚Ausländerhetze' und eine ‚unerträgliche Respektlosigkeit' gegenüber dem Hohen Haus. Eine Regierung, die eine durchgreifende Ausländerpolitik und - nach dem ‚11. September' schon gleich - die 'innere Sicherheit' ganz oben auf ihre Tagesordnung gesetzt hat, muss sich nichts vorwerfen lassen in Sachen Ausländer und Asylanten - und schon gar nicht in einem solchen Ton. Dass die versammelten Fraktionen ihn nicht hören wollen, disqualifiziert Schill; Dass er gegen ihre Störungen ankämpft, dabei die Etikette des einvernehmlichen parlamentarischen Schaukampfs sowie die Redezeitbeschränkung verletzt, spricht im Fall Schills noch mehr gegen ihn: Ein Rabauke, der nicht in den Kreis der ernst zu nehmenden Politiker gehört.

Auch an der zum politischen Amt in der Demokratie nun einmal dazugehörigen Präsentation der eigenen Persönlichkeit lässt Schill es keineswegs fehlen. Als Herr Senator gibt er sich bürgernah, menschlich und festfreudig, wo sich Gelegenheiten bieten. Damit gerät er prompt in den Ruf, nein, nicht mit dem politischen Gehalt seines ‚Rechtspopulismus', sondern mit seinem persönlichen ‚populistischen' Auftreten gar nicht der feine ‚Herr' zu sein, auf den Hamburger Demokraten nun einmal ein Recht haben. Dem Aufsteiger fehlt einfach das glanzvolle Parkett, die selbstverständliche Verbundenheit und Eingebundenheit in die Honoratiorenkreise, die die anständige Bürgerschaft repräsentieren. Im Unterschied zu von Beust, der von Haus aus ein Ehrenmann unter Hamburger Ehrenmännern ist - nicht zuletzt deswegen verheimlicht er ja seine Neigungen, was dem ‚vornehmen' Senatschef selbstverständlich zur Ehre gereicht. Dem frisch gebackenen Innensenator dagegen klebt der Aufsteiger an, ihm wird Luxus als Prahlerei ausgelegt. Und wenn er in die feine Gesellschaft drängt, dann erscheint das der Hamburger Öffentlichkeit alles mehr wie Halbwelt. Einmal gerät der ‚selbst ernannte Saubermann' sogar selbst unter Drogenverdacht, und der bleibt an ihm auch nach dessen Widerlegung hängen. So konfrontieren ihn die Saubermänner von der Presse immer wieder neu mit dem Bild des anständigen Hamburger Amtsträgers und ‚Honoratioren', der Lokalausgabe des Persönlichkeitsprofils, nach dem Demokraten ihre zum Führen berechtigte politische Elite zu beurteilen pflegen - und lassen ihn glatt durchfallen. Er ist eben doch nur ein politischer Parvenü.

Dank CDU koalitionsfähig geworden und in Amt und Würden gekommen, weiß Schill und beherzigt, dass die Regierungs'arbeit', an der er und seine Partei jetzt beteiligt sind, nicht nur eine Bürde ist, sondern auch eine, ja überhaupt die von der Demokratie gebotene Gelegenheit, seine Person und seine Partei im Machtgetriebe zu etablieren, Führungspositionen zu erobern und zu festigen, Seilschaften zu bilden, also die Amtsgewalt und den Amtsbonus auszunutzen, um sich und seine Mannschaft in der Konkurrenz der Parteien zu behaupten und voranzubringen. Die Unterbringung von Gefolgsleuten und Vertrauten, Verbindungen zur ‚Wirtschaft', Stiftung und Belohnung von ‚Loyalitäten' - all das, was ‚Filz' und ‚Klüngel' heißt, weil es so gewöhnlich und durch die Kumpanei der konkurrierenden politischen Parteien gedeckt ist, - das gehört schließlich zum ehrenwerten Geschäft der demokratischen Willensbildungsorgane; im großen Staatsganzen wie im kommunalen Rahmen, also selbstverständlich auch im ‚ehrwürdigen' Hamburg. Eine frisch ins Geschäft eingestiegene Partei hat da natürlich einigen Nachholbedarf. Nach vierzig Jahren SPD-Vorherrschaft betrifft das irgendwie selbst die CDU, erst recht aber die Schill-Mannschaft, die ja an dem in Jahrzehnten eingefahrenen segensreichen demokratischen Zusammenspiel von Politik und hanseatischem Unternehmertum keinen Anteil hat. Eine Figur, die mit dem Nimbus des Saubermanns gegen ‚Korruption und Filz' antritt, macht da keine Ausnahme. Schließlich wollen die vereinten ‚neuen Kräfte' Hamburg von den alten Seilschaften derer befreien, die die innere Sicherheit vernachlässigt haben, aber doch nicht die gültigen Gepflogenheiten des Machtgebrauchs umstürzen. Die alternative Kungelei, die mit Beust und Schill in Gang kommt, ist die Verwirklichung des Versprechens, den Sozi-Filz zu zerschlagen und frischen Wind in die Bürgerschaft zu bringen. Und sie ist ein Recht, das sie mit ihrem Wahlsieg redlich erworben haben.

Davon ist Schill selber zutiefst überzeugt; und davon geht er auch in der Auseinandersetzung um die unsaubere Amtsführung seines Stellvertreters nicht ab. Als der öffentlich wegen des Verdachts der ‚persönlichen Vorteilsnahme', in Verruf gerät, hält er demonstrativ an ihm fest und weigert sich, ihn wegen eines in seinen Augen lächerlichen Vorwurfs zu entlassen. Selbstgerecht, wie ein zum Führen Berufener nun einmal ist, wehrt er sich gegen eine - nach seinem geschärften politischen Empfinden - gezielte öffentliche ‚Kampagne'. Er mag einfach nicht einsehen, dass die Öffentlichkeit ihr Recht bedient sehen will, über die moralische Befähigung von Politikern zu richten. Er besteht ziemlich ehrlich auf seinem Recht als Politiker, selber darüber zu entscheiden, was bei der persönlichen Amtsausübung in Ordnung geht. Der Gestus bescheidener Amtsführung ist ihm verhasst, er geht nicht nur davon aus, dass Politiker selber die Maßstäbe setzen, was geboten, was ihnen auch persönlich erlaubt ist, sondern führt sich auch entschieden so auf. Damit missachtet er allerdings ein wenig die Gebote der gekonnten Heuchelei, die zur Öffentlichkeitsarbeit nun einmal dazugehören. Ein fähiger demokratischer Politiker muss, wenn es dem eigenen Machterhalt dient, eben auch einmal - ‚schweren Herzens' - die ‚Schuld' eines bisher protegierten Gefolgsmannes ‚anerkennen', ihn demonstrativ über die Klinge springen lassen, dadurch ‚Unbestechlichkeit' sowie ‚Rücksichtslosigkeit' beweisen, um im Glaubwürdigkeitstest in Sachen integrer, tatkräftiger Führungspersönlichkeit Punkte zu machen, den die demokratische Öffentlichkeit nach solchen Kriterien veranstaltet. Zu dieser Selbstverleugnung will Senator Schill sich nicht durchringen, schon deshalb nicht, weil er darin, ganz zu Recht, ein Einknicken gegenüber den öffentlichen Angriffen sieht, die ja nicht so sehr dem Stellvertreter, als ihm selber gelten. Also bleibt er stur. Selbst dann und gerade dann, als auch der 1. Bürgermeister den Kopf des Schill-Mannes fordert. Den erinnert er unter vier Augen drohend daran, dass der schließlich auch seine Seilschaften und privaten Machenschaften pflegt und dass ja wohl eine Hand die andere wäscht - und verkennt damit gründlich die Grenzen seiner Macht und der Kumpanei innerhalb der Regierungsmafia, die Rechnungen und Berechnungen nämlich, die Beust längst auf seine Kosten anstellt. Der nimmt die sich bietende Gelegenheit wahr, sich Schills nach allen Regeln demokratischer Regierungskunst zu entledigen. Er macht - mit aller gebotenen Entrüstung versteht sich - den ‚ungeheuerlichen Erpressungsversuch' öffentlich und, dass er - selbstverständlich - darauf nicht eingegangen sei, womit seine Integrität ja wohl zu Genüge bewiesen ist, entlässt Schill wegen ‚Charakterlosigkeit' - und liefert damit die Demonstration von Sauberkeit und Führungsstärke, auf die die Öffentlichkeit scharf ist.

So ist Schills Fall zunächst einmal ein Zeugnis dafür, dass demokratisches Regieren und Ehrlichkeit irgendwie doch nicht zusammengehen. Der ‚Rechtspopulist' behält sich vor, die von ihm vertretenen Maßstäbe sauberer Politik selber zu definieren und für sich und seine Mannschaft auszudeuten; er fordert offensiv den parteilichen Zusammenhalt der Regierenden gegen eine kritische Öffentlichkeit; er macht keinen Hehl daraus, dass selbstverständlich er, Ronald Barnabas Schill mit seinem Gerechtigkeitssinn und Politikverständnis das Maß aller Dinge ist - und kommt damit nicht durch. Dieses zum Charakter gewordene offensiv zur Schau gestellte Sendungsbewusstsein, ohne das er seinen Aufstieg erst gar nicht unternommen und schon gar nicht erfolgreich gegen das politische ‚Establishment' geschafft hätte - ist es, was ihm die Öffentlichkeit übel nimmt und der Koalitionspartner nicht durchgehen lässt.

3. Freilich, ungewöhnlich und besonders ‚charakterlos', wie behauptet, ist Schills Gebaren dann doch nicht. Eher schon gehört es zu den professionellen ‚Deformationen' dieses verantwortungsvollen Gewerbes. Auch andere Führungsfiguren bis ins Kanzleramt hinein üben sich nicht gerade in Bescheidenheit. Seilschaften und einschlägige Affären sind in allen Parteien an der Tagesordnung. Wegen einer Verquickung von politischem Amt und Privatem stürzt andererseits nicht gleich jeder Amtsinhaber - siehe von Beust mit seinen Vertrauten. Auch mit seiner verächtlichen Einstellung zum Geschäft der ‚vierten Gewalt' steht Schill nicht allein auf weiter Flur - und mit der selbstgerechten Beurteilung der politischen Intrigenwirtschaft schon gleich nicht. Auch Helmut Kohl hat nach seinem erzwungenen Abgang gedacht und geredet wie Schill, dem an seinem Sturz schlagartig aufgegangen ist, was für ‚ein schmutziges Geschäft Politik' doch ist. Dass Schill sein ausgeprägtes politisches Sendungsbewusstsein, das ihn vom Richterstuhl bis in den Senat gebracht hat, ziemlich schnell zum Verhängnis wird, liegt sicher nicht an irgendeiner den Rahmen des demokratisch Üblichen sprengenden, besonders unerträglichen Ausprägung dieser politischen Charaktermaske. Es ist nur so, dass man ihm nichts von dem durchgehen lässt, was andere Politiker sich durchaus einmal erlauben können, und dass man ihm all die Politikertouren vorwirft, die anderen Machtmenschen zur Ehre gereichen, weil und solange sie erfolgreich die Macht innehaben und ausüben. Im Falle Schills aber ist es genau umgekehrt: Es ist sein erfolgreicher Aufstieg, der Demokraten nicht ruhen lässt, weil er damit gegen diejenigen antritt, die allein dazu befugt sind, den nationalen politischen Bedarf zu definieren und zu erledigen. Er ist keiner von den gern gesehenen neuen Gesichtern, die in und mit dem Rückhalt einer anerkannten Partei hochkommen und ihr mit ihrem Aufstieg wiederum einen Zuwachs an Macht bescheren; stattdessen erobert der Außenseiter mit einer ‚Protestpartei' Wählerstimmen, Einfluss und Macht gegen den existenten Parteienzirkus und auf dessen Kosten, greift also den Monopolanspruch der etablierten Parteien an: ein Störenfried, der nicht in die politische Landschaft passt.

In der ist er aber, und zwar zum Leidwesen der zur Konkurrenz um die Positionen im Staat alleinbefugten Anwärter unübersehbar präsent und viel zu erfolgreich. Also ist seine Bekämpfung angesagt. Die passiert, wie es sich unter Demokraten gehört, nicht in der Form einer inhaltlichen Auseinandersetzung - wie auch, wenn man dem Mann auf diesem Feld nichts vorzuwerfen hat; vielmehr nach dem ‚11. September' ein Fanatismus in Sachen ‚innere Sicherheit' in einem Maße zur politischen Leitlinie wird, wie Schill es sich nicht hätte träumen lassen! -, sondern mit den bewährten Methoden der demokratischen Machtkonkurrenz. Man vernichtet den störenden Konkurrenten als moralische Person - und entzieht ihm so die Zulassung.

Praktisch erledigt das die CDU. Die nimmt ihn zwar - für inhaltliche Gemeinsamkeiten ist ja zu Genüge gesorgt - in den Kreis der Regierungspartner auf, um mit seiner Hilfe die SPD abzulösen; wenn schon der Wechsel in Hamburg nicht ohne ihn und seine Partei geht, dann wird er eben dafür eingespannt. Dann heißt es aber auch, den Mann verlässlich ein- und unterzuordnen unter die C-Regie, um ihm das Renommee des glaubwürdigsten Vertreters eines ‚neuen Aufbruchs' in Hamburg zu nehmen, ihm die Wählerschaft wieder abspenstig zu machen und sie sich zuzuführen. Da Schill sich aber nicht, wie verlangt, unterordnet, sondern die errungene Machtposition für sich und seine Sache ausschlachtet - da steht er den etablierten Demokraten eben nicht nach -, nimmt von Beust die sich bietende Gelegenheit wahr, den unliebsamen Koalitionspartner so gründlich wie möglich bloßzustellen und zu entmachten, ohne deswegen für den eigenen Machterhalt auf die Hilfe von dessen bisherigen Mitstreitern zu verzichten. So wird das ‚rechtspopulistische' Anliegen von seinem radikalen Generalvertreter getrennt und verlässlich bei der CDU beheimatet, die Führungsfigur der ungeliebten Konkurrenzpartei dauerhaft demontiert, seine Partei endgültig zum Handlanger der CDU degradiert, langfristig die Masse der ‚Protestwähler' jeden Bildungsniveaus für die ‚Demokratie' zurückgewonnen - und damit dem Dogma von Franz Josef Strauß Genüge getan: Rechts von uns darf es keine Partei geben.

Mit diesem Manöver kommt der CDU-Mann bei einer demokratischen Öffentlichkeit an, die längst damit befasst ist, den theoretischen Teil der Schill-Demontage zu erledigen. Mit ihrem eingefleischten Opportunismusgegenüber der Macht weiß sie einfach, wem Respekt gebührt und wem nicht. Respekt gebührt den Figuren, die mit ihren Parteien im Land wirklich das Sagen haben und sich die Macht teilen, Figuren, die nicht gegen die politischen Konkurrenzverhältnisse, sondern in ihnen hochkommen. Das sind Politiker, die jenseits aller Einzelkritik als im Prinzip respektabel ausgewiesen sind. Schließlich haben sie die Institutionen der Macht in der Hand und Parteien hinter sich, die bei aller gehässigen Konkurrenz verlässlich die jederzeit auswechselbaren Rollen von Regierung und Opposition ausfüllen; sie definieren den Kreis der anerkannten politischen Elite, die alle nationalen Machtfragen unter sich ausmacht und ausstreitet. Dieser zur Verantwortung berufene Stand genießt bei Journalisten wie bei Wählern einen Glaubwürdigkeitsvorschuss, der durch die gewöhnlichen politischen Machenschaften nicht leicht zu zerstören ist - jedenfalls solange nicht, bis doch wieder einmal enttäuscht festsgestellt werden muss, dass ein nach der gültigen Gleichung - erfolgreiche Machtausübung = zur politischen Verantwortung berufene Persönlichkeit - bis eben noch geschätzter Politiker plötzlich in ganz anderem Licht erscheint, weil er erfolglos agiert, seinen Anhang verloren hat oder Konkurrenzberechnungen geopfert wird. Dass ein Außenseiter wie Schill aber dieses gedeihliche demokratische Zusammenspiel erfolgreich stört und die eingefahrenen Machtzuständigkeiten ankratzt, das macht ihn für berufsmäßige Demokraten unerträglich. So jemanden lassen sie dafür büßen, dass er im Grunde nicht ‚dazugehört'. Sie sprechen dem Störenfried mit aller Gehässigkeit, die politischen Sittenwächtern zu Gebote steht, die ‚Persönlichkeit' ab. Mit derselben Entschiedenheit, mit der sie bei anderen das anmaßende Gehabe und das Zur-Schau-Stellen der Führungspersönlichkeit honorieren, strafen sie diese Touren beim politischen Quereinsteiger Schill mit Verachtung, lassen ihn beim einschlägigen Persönlichkeitstest an seinen Saubermannskriterien scheitern und nehmen mit hämischer Genugtuung zur Kenntnis, dass der gesamtdeutsche Wähler ihm und seiner Partei schon 2002 eine vernichtende Abfuhr erteilt, also die Botschaft verstanden hat. Bei ihm entdecken die Freunde demokratischen Führerkults glatt, dass da einer "aus öffentlicher Aufmerksamkeit" nur "das Gefühl persönlicher Bedeutsamkeit saugt'" (SZ, 22.68.), weil sie ihm die mit einem einflussreichen politischen Amt einhergehende Wertschätzung als ‚bedeutsame Persönlichkeit' nicht gönnen. Mit den Mitteln der moralischen Denunziation machen sie sich also auf ihre Weise um die Trennung des - ehrenwerten - Anliegens des rechten Scharfmachers von seiner - ehrlosen - Person verdient. So geht dem organisierten Sturz Schills die passende Rechtfertigung immer schon voraus.

Eine so gekonnte, arbeitsteilige moralische Vernichtung eines unerwünschten politischen Konkurrenten, soll den Demokraten erst mal einer nachmachen.


Aus: "Und noch ein Aufstieg und Fall: Ronald Schill" (GegenStandpunkt 3-03, 2003)
Quelle: http://www.gegenstandpunkt.com/gs/03/3/schill.htm

-.-

Quote
[...] der ehemalige Hamburger Innensenator Ronald Schill für die Teilnahme am RTL-"Dschungelcamp", im Gespräch sein. Derzeit laufen die Castings für die fünfte Staffel der Sendung, in der Prominente im australischen Dschungel ausgesetzt werden und Ekel-Prüfungen absolvieren müssen. 2011 soll die nächste Staffel stattfinden. Nach Informationen von bild.de und der "Mopo am Sonntag" verhandelt der 52-jährige Schill mit dem Kölner Privatsender über eine Rolle in der neuen Dschungelshow. Angeblich soll er 100.000 Euro für seinen Auftritt im australischen Busch verlangen. [...] Nachdem Schill im Jahr 2003 die Homosexualität des Hamburger Bürgermeisters Ole von Beust öffentlich machte und ihn damit erpressen wollte, flog der Senator zunächst aus dem Rathaus und dann nach Rio. An der Copacabana setzte er sich ab - auch weil in Deutschland ein Video aufgetaucht war, das ihn zumindest dem Anschein nach beim Koksen zeigte. Zuletzt machte der Ex-Senator nur noch dadurch auf sich aufmerksam, dass er sich an der Copacabana beim Schnupfen eines weißen Pulvers mit Prostituierten filmen ließ. Wie die "Mopo am Sonntag" herausgefunden haben will, ist Schill nun aus finanziellen Gründen nach Hamburg zurück gekehrt. Der "Richter Gnadenlos", der vor Jahren eine Frau ins Gefängnis bringen wollte, die ein Auto zerkratzt hatte, suche einen Job beim Fernsehen und träume von einer eigenen Show, heißt es in der Sonntagszeitung. [...] Ob Schill sein Skandal-Image durch einen Auftritt in der Dschungelshow aufbessern kann, ist mehr als fraglich.

...


Aus: "Skandal-Politiker Schill will ins Dschungelcamp " kmi (10. Oktober 2010)
Quelle: http://www.stern.de/kultur/tv/angebliche-verhandlungen-mit-rtl-skandal-politiker-schill-will-ins-dschungelcamp-1612438.html

« Last Edit: Oktober 11, 2010, 03:11:29 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Eines der wichtigsten Objekte von Nietzsches Kritik... ]
« Reply #11 on: November 22, 2011, 11:48:01 vorm. »
Quote
[...] Eines der wichtigsten Objekte von Nietzsches Kritik spätestens seit Menschliches, Allzumenschliches ist die Moral im allgemeinen und die christliche Moral im besonderen. Nietzsche wirft der bisherigen Philosophie und Wissenschaft vor, herrschende Moralvorstellungen unkritisch übernommen zu haben; wahrhaftig freies und aufgeklärtes Denken habe sich dagegen, wie der Titel eines Buchs sagt, Jenseits von Gut und Böse zu stellen. Dies hätten alle abendländischen Philosophen seit Platon, insbesondere auch Kant, versäumt. Nietzsche untersucht oft Werturteile nicht auf ihre vermeintliche Gültigkeit hin, sondern beschreibt Zusammenhänge zwischen der Erschaffung von Werten durch einen Denker oder eine Gruppe von Menschen und deren biologisch-psychologischer Verfassung. Es geht ihm also um die Frage des Werts von moralischen Systemen überhaupt:

    „Alle Wissenschaften haben nunmehr der Zukunfts-Aufgabe der Philosophen vorzuarbeiten: diese Aufgabe dahin verstanden, dass der Philosoph das Problem vom Werthe zu lösen hat, dass er die Rangordnung der Werthe zu bestimmen hat.“

    – Zur Genealogie der Moral

Diese Form der Kritik auf einer Meta-Ebene ist ein typisches Kennzeichen von Nietzsches Philosophie.

Er selbst führt diese Kritik mit Methoden der Geschichts-, Kultur- und Sprachwissenschaft exzessiv aus und legt dabei ein besonderes Augenmerk auf die Herkunft und Entstehung moralischer Denkweisen, etwa in Zur Genealogie der Moral. Wichtige Begriffe seiner Moralkritik sind:

        Herren- und Sklavenmoral: Herrenmoral sei die Haltung der Herrschenden, die zu sich selbst und ihrem Leben Ja sagen könnten, während sie die anderen als „schlecht“ (Wortstamm: „schlicht“) abschätzten. Sklavenmoral sei die Haltung der „Elenden […], Armen, Ohnmächtigen, Niedrigen […], Leidenden, Entbehrenden, Kranken, Hässlichen“[11], die zuerst ihr Gegenüber – die Herrschenden, Glücklichen, Ja-Sagenden – als „böse“ bewerteten und sich selbst dann als deren „guten“ Gegensatz ausmachten. Es sei vor allem die Moral des Christentums gewesen, die eine solche Sklavenmoral zum Teil selbst hervorgerufen, in jedem Fall aber begünstigt und sie dadurch zur herrschenden Moral gemacht habe.

        Ressentiment: Dies sei das Grundempfinden der Sklavenmoral. Aus Missgunst, Neid und Schwäche schüfen sich die „Missratenen“ eine imaginäre Welt (zum Beispiel das christliche Jenseits), in der sie selbst die Herrschenden sein und ihren Hass auf die „Vornehmen“ ausleben könnten.
        Mitleid und Mitfreude: Während der Pessimist Schopenhauer Mitleid ins Zentrum seiner Ethik gestellt hat, um seine Philosophie der Verneinung des Lebens umzusetzen, drehte Nietzsche die These vom Mitleiden nach seinem Bruch mit der Schopenhauerschen Philosophie um: Weil das Leben zu bejahen sei, gelte das Mitleid – als Mittel zur Verneinung – als Gefahr. Es vermehre das Leiden in der Welt und stehe dem schöpferischen Willen entgegen, der immer auch vernichten und überwinden müsse – andere oder auch sich selbst.[12] Aktive Mitfreude im Gegensatz zum passiven Mitleid oder eine grundsätzliche Lebensbejahung (amor fati) seien die höheren und wichtigeren Werte.

Die Gedankengänge werden von Nietzsche zu einer immer radikaleren Kritik am Christentum, etwa in Der Antichrist, gebündelt. Dieses sei nicht nur nihilistisch in dem Sinne, dass es der sinnlich wahrnehmbaren Welt jeden Wert abspreche – eine Kritik, die in Nietzsches Verständnis auch den Buddhismus trifft –, sondern im Gegensatz zum Buddhismus auch aus Ressentiment geboren. Das Christentum habe jede höhere Art Mensch und jede höhere Kultur und Wissenschaft behindert. In den späteren Schriften steigert Nietzsche die Kritik an allen bestehenden Normen und Werten: Sowohl in der bürgerlichen Moral als auch im Sozialismus und Anarchismus sieht er die Nachwirkungen der christlichen Lehren am Werk. Die ganze Moderne leide an décadence. Dagegen sei nun eine „Umwertung aller Werte“ nötig. Wie genau allerdings die neuen Werte ausgesehen hätten, wird aus Nietzsches Werk nicht eindeutig klar. Diese Frage und ihr Zusammenhang mit den Aspekten des Dionysischen, des Willen zur Macht, des Übermenschen und der Ewigen Wiederkunft werden bis heute diskutiert.

...


Aus: "Friedrich Nietzsche" (3. Juni 2005)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Nietzsche#Kritik_der_Moral


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[Wir haben eine Kritik der moralischen Werthe nöthig... ]
« Reply #12 on: November 22, 2011, 12:03:05 nachm. »
Quote
[...]

    „Sprechen wir sie aus, diese neue Forderung: wir haben eine Kritik der moralischen Werthe nöthig, der Werth dieser Werthe ist selbst erst einmal in Frage zu stellen – und dazu thut eine Kenntniss der Bedingungen und Umstände noth, aus denen sie gewachsen, unter denen sie sich entwickelt und verschoben haben (Moral als Folge, als Symptom, als Maske, als Tartüfferie, als Krankheit, als Missverständniss; aber auch Moral als Ursache, als Heilmittel, als Stimulans, als Hemmung, als Gift), wie eine solche Kenntniss weder bis jetzt da war, noch auch nur begehrt worden ist.“

    – Vorrede, Abschnitt 6:KSA 5, S. 253


... Der Text [Zur Genealogie der Moral] gilt als Wegbereiter der postmodernen Philosophie. So ist zum Beispiel das Werk Michel Foucaults von Bezügen zur Genealogie der Moral durchzogen. Ebenfalls lässt sich für die französischen postmodernen Denker das jüngere Werk Die feinen Unterschiede von Pierre Bourdieu auf Ideen aus der Genealogie der Moral zurückverfolgen. Hierbei geht der Kerngedanke von den herrenmoralischen Ressentiments aus, nämlich das Schlechte durch feine Unterschiede auf vielen Ebenen des Lebens vom Guten abzugrenzen.

...


Aus: "Zur Genealogie der Moral" (26. Juli 2011)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Zur_Genealogie_der_Moral


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[Theoretisch kann beispielsweise... ]
« Reply #13 on: November 15, 2012, 12:56:56 nachm. »
Quote
[...] In 24 US-Bundesstaaten kann Ehebruch strafrechtlich verfolgt werden; theoretisch kann beispielsweise in Michigan eine lebenslange Haftstrafe für Fremdgeher fällig werden. Der aufgeflogene Ehebruch, anderswo von nicht direkt Betroffenen längst lakonisch zur Kenntnis genommen als alltäglicher Beleg menschlicher Schwäche, hat in den USA noch die Wucht eines gesellschaftlichen Skandals.

...


Aus: "US-Moral und die Deutschen - Wir Fremdglotzer" Stefan Kuzmany (15.11.2012)
Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-fall-petraeus-und-die-fremde-us-moral-a-867310.html

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[Jeder hat innere Kämpfe... ]
« Reply #14 on: September 10, 2015, 10:13:36 vorm. »
Quote
[...] Nach dem Hackerangriff auf das Seitensprungportal Ashley Madison hat sich ein Pastor in den USA das Leben genommen. Die Frau des baptistischen Geistlichen sagte dem Nachrichtensender CNN am Mittwoch, dass der Name ihres Mannes im vergangenen Monat in den im Internet veröffentlichten Datensätzen von Ashley Madison aufgetaucht sei. Sechs Tage später, am 24. August, habe sie ihren Mann tot aufgefunden.

In einem Abschiedsbrief habe der 56-Jährige geschrieben, wie sehr er sich wegen der Bloßstellung schäme. "Er hat über Depressionen gesprochen. Er hat darüber gesprochen, dass sein Name da draußen sei, und er hat gesagt, dass es ihm sehr, sehr leid tue", sagte Christi Gibson, die gemeinsam mit ihrem Sohn und ihrer Tochter an die Öffentlichkeit ging. "Nichts kann aufwiegen, einen Vater, einen Ehemann, einen Freund zu verlieren. Das ist es einfach nicht wert." Gibson sagte zu CNN, dass ihr Mann sich "so geschämt" habe.

Dabei sei seine Familie bereit gewesen, ihm zu vergeben. Doch der Pastor habe befürchtet, seinen Job zu verlieren. In einem im Internet veröffentlichten Video der Beerdigung sagte sein Sohn: "Mein Vater war ein großartiger Mann. Er war ein großartiger Mann mit inneren Kämpfen. Jeder hat innere Kämpfe." ...


Aus: "US-Pastor begeht Suizid wegen Ashley-Madison-Datenleck" (10.09.2015)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/nach-hackerangriff-auf-seitensprungportal-us-pastor-begeht-suizid-wegen-ashley-madison-datenleck/12301558.html


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[Moral... (Notizen)]
« Reply #15 on: Januar 03, 2018, 03:19:55 nachm. »
Quote
[...] Nicht Gott, der Teufel versucht den Menschen, sagt der Papst.

... ist die Versuchung durch das (falsche) Gute nicht das, was allen Formen von religiösem Fundamentalismus zugrunde liegt?

Dazu ein vielleicht überraschendes historisches Beispiel: das Attentat auf Reinhard Heydrich, Hitlers Statthalter in Prag. Die tschechoslowakische Exilregierung in London beschloss 1942, Heydrich zu töten. Jan Kubiš und Jozef Gabčík, die das für die Operation ausgewählte Team anführten, wurden in der Nähe von Prag abgesetzt. Am 27. Mai 1942 war Heydrich auf dem Weg in sein Büro. Allein mit seinem Chauffeur in einem offenen Wagen.

Als der Chauffeur an einer Kreuzung in einem Vorort von Prag die Fahrt verlangsamte, trat Gabčík in den Weg und zielte mit einer Maschinenpistole auf das Auto. Doch der Angriff schlug fehl. Anstatt dem Fahrer zu befehlen wegzufahren, befahl Heydrich anzuhalten und wollte den Angreifer stellen. In diesem Augenblick warf Kubiš einen Sprengsatz auf den hinteren Teil des Autos. Die Explosion verwundete sowohl Heydrich als auch Kubiš.

Als sich der Rauch verzogen hatte, tauchte Heydrich mit seiner Waffe in der Hand aus dem Autowrack auf. Er jagte Kubiš ein paar Minuten lang, brach dann aber zusammen. Er schickte seinen Fahrer los, um Gabčík zu Fuss zu verfolgen, während er selber, immer noch mit der Pistole in der Hand, seinen linken Oberkörper hielt, der stark blutete.

Eine Frau, die zufällig vorbeikam, eilte Heydrich zu Hilfe. Sie hielt einen Lieferwagen an, um den Verwundeten von der Unfallstelle wegzubringen. Heydrich wurde auf die Ladefläche des Autos gelegt und in die Notfallstation eines nahe gelegenen Spitals gebracht. Er starb ein paar Tage später: Aber er hätte überleben können. Und die hilfsbereite Passantin wäre in die Geschichte eingegangen als die Person, die Reinhard Heydrich das Leben gerettet hat.

Ein militaristischer Nazi-Sympathisant würde an dieser Geschichte wohl Heydrichs persönlichen Mut hervorheben. Mich hingegen fasziniert die Rolle der unbekannten Frau. Sie half Heydrich, der wehrlos in seinem Blut auf der Strasse lag. War sie sich bewusst, wer er war? Wenn ja und wenn sie keine Nazi-Sympathisantin war – beide Vermutungen haben alle Wahrscheinlichkeit für sich –, warum tat sie das, was sie getan hat? War es eine reflexartige Reaktion? Kam die Tat aus dem urmenschlichen Mitgefühl heraus, einem Menschen zu helfen, der sich in Not befindet – wer auch immer es ist? War das Mitgefühl stärker als das Wissen darum, dass dieser Mann einer der schlimmsten Nazi-Verbrecher war, ein Mann, der für Millionen von Toten mitverantwortlich war?

Die Frage stellt uns vor die Wahl zwischen dem abstrakten liberalen Humanismus und der Ethik des radikalen emanzipatorischen Kampfes: Wenn wir auf der Seite des liberalen Humanismus bleiben, sind wir am Ende so weit, dass wir bereit sind, die schlimmsten Verbrecher zu dulden. Und wenn wir dem folgen, was uns das Gesetz des politischen Kampfs befiehlt, befinden wir uns auf der Seite der emanzipatorischen Universalität. Und das heisst: Die arme Frau hätte ihrem Mitgefühl widerstehen und versuchen müssen, dem verletzten Heydrich den Rest zu geben.

Wer Dilemmata dieser Art wegdiskutiert, weil sie ihm moralisch zu heikel sind, macht Ethik zu einer leblosen Angelegenheit. ...


Aus: "Hiobs Schweigen" Slavoj Žižek (3.1.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/hiobs-schweigen-ld.1343521

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« Reply #16 on: September 09, 2018, 01:03:08 nachm. »
Quote
Argumentum ad consequentiam #7

Und wie Mark Lilla, in seiner Kritik der Identity Politics trefflich den Unterschied zwischen Moral und Moralismus erklärt: "It's like someone who wants to be clean and someone who has an obsession with washing his hands".


Kommentar zu: https://www.zeit.de/2018/37/moral-hypermoral-ideologiekritik-arnold-gehlen

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« Reply #17 on: Oktober 08, 2018, 05:44:03 nachm. »
Quote
[...] Politiker verschleiern illegale Spenden, Autohersteller bestreiten gesetzwidrige Manipulationen, Kleriker vertuschen sexuelle Übergriffe unter dem Dach der Kirche. Für Außenstehende unbegreiflich, doch die Beteiligten wähnen sich oft moralisch im Recht. Wie kann das sein?

Das untersuchten zwei Managementforscher in einer Reihe von Experimenten, die sie jetzt im Fachblatt »Journal of Experimental Social Psychology« beschreiben. Ihr Fazit: Wenn es um die Interessen der eigenen Gruppe gehe, verändern sich die moralischen Maßstäbe; Loyalität zählt mehr als Ehrlichkeit. Schützt eine Lüge also unsere eigene Gruppe, so beurteilen wir sie deshalb als »moralischer«, als wenn wir uns ehrlich, aber illoyal verhalten.

John Hildreth von der Cornell University und Cameron Anderson von der University of California in Berkeley ließen insgesamt rund 1400 Freiwillige (teils online, teils Studierende vor Ort) das Verhalten von Menschen in verschiedenen Szenarien begutachten. Im Kern drehten sich diese stets um eine vermeintliche Studie, in deren Verlauf die Teilnehmer mit einer Lüge einen Vorteil für ihre Gruppe herausspielen konnten. In einer Variante des Experiments wurden Studierende, die sich vorher schon kannten, selbst dazu verleitet, zu Gunsten ihrer Gruppe zu lügen. Wenn sie im Rahmen des Experiments mit anderen Gruppen konkurrierten, verhielt sich rund jeder zweite unehrlich; ohne die Wettkampfsituation hingegen nur jeder vierte bis fünfte.

 Wenn die Versuchspersonen über das Verhalten anderer Spieler urteilen sollten, hielten sie das loyale Lügen für die Gruppe durchaus für unmoralischer als ehrliches Verhalten. Aber wenn sie selbst »loyal motiviert« logen, fanden sie das moralisch legitimer, als die Wahrheit zu sagen. Das lag offenbar nicht daran, dass sie sich selbst grundsätzlich wohlwollender bewerteten, wie die Autoren zeigen. Denn wer sich ehrlich, aber illoyal verhielt, urteilte über sich selbst sogar strenger als über andere Menschen in derselben Lage.

Die Versuchspersonen veränderten ihre ethischen Standards, schlussfolgern Hildreth und Anderson. »Gruppen aller Art fordern Loyalität von ihren Mitgliedern, und allzu oft lassen diese sich davon zum Lügen oder Betrügen verleiten.« Entsprechend würden viele Politiker ihre Lügen zum Wohl der Partei womöglich wirklich für ethisch vertretbar halten, so das Schlusswort der Autoren. Doch unabhängige Beobachter orientierten sich eher an einer universellen Moral, »sie stimmen mit dieser Einschätzung nicht überein«.


Aus: "Was ist wichtiger: Treue oder Ehrlichkeit?" Christiane Gelitz (08.10.2018)
Quelle: https://www.spektrum.de/news/was-ist-wichtiger-treue-oder-ehrlichkeit/1596624

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[Moral... (Notizen)]
« Reply #18 on: M?RZ 23, 2019, 12:37:08 nachm. »
Quote
[...] Emma Braslavsky: „Ich werde misstrauisch, wenn jemand an meine Moral appelliert“ - Die Schriftstellerin Emma Braslavsky über ihr schwieriges Verhältnis zu Weltverbesserern. --- Emma Braslavsky, 1971 in Erfurt geboren, ist seit 1999 freie Autorin. Ihr Debütroman „Aus dem Sinn“ wurde 2007 mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis ausgezeichnet. Über ihren 2016 erschienenen Roman „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“ schrieb Peter Henning auf »Spiegel Online«: „Jeder fünfte Satz ein Knalleffekt, jedes neue Kapitel ein Anschlag auf die Fantasie.“ Emma Braslavsky lebt in Berlin.

brand eins: Frau Braslavsky, in Ihrem Roman „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“ wimmelt es von seltsamen Typen: Tierfreunde, die Menschen in Affen verwandeln wollen; ein Philosoph, der Hormone für die Ursache allen Übels hält und die Menschheit kastrieren will; Umweltschutz-Organisationen, die eigene Staaten ausrufen und eine Weltherrschaft der Nichtregierungsorganisationen anstreben. Was haben Sie gegen diese Leute?

Emma Braslavsky: Das ist etwa so wie die Frage: Was haben Sie gegen Schmerzmittel? Schmerzmittel sind eine Hilfe, aber genau wie Nichtregierungsorganisationen (NGO) behandeln sie nur Symptome. Ich habe nichts gegen Weltverbesserer, das sind ja interessante Leute. Sie werden in meinem Roman auch nicht nur verhöhnt, wer genau liest, spürt meine Verzweiflung. Organisationen wie Greenpeace oder Save the Children kämpfen schon viele Jahre gegen bestimmte Probleme, vermutlich mit allem moralischen Recht. Ich will ihre Verdienste nicht schmälern, aber sie erreichen, außer viel Aufmerksamkeit zu schaffen, angesichts des Aufwands, den sie betreiben, viel zu wenig.

Das ist aber nicht Ihr Hauptkritikpunkt.

Emma Braslavsky: NGOs sind wie alle Organisationen zuallererst an der Fortsetzung der eigenen Existenz interessiert, die ohne die Missstände gefährdet wäre. Neben der Tatsache, dass Japan jetzt nach 30 Jahren wieder groß angelegten Walfang betreiben will, wäre das Zweitschlimmste, was Greenpeace-Angestellten passieren könnte, eine Welt ohne Umweltprobleme.

Organisationen wollen ihre Aufgabe behalten – was ist so schlimm daran?

Emma Braslavsky: Dagegen ist nichts zu sagen. Nur vergessen wir beim Thema Weltverbesserung, dass dahinter auch ein profitables Konzept und ein Produkt steht – und stehen muss. Bei Waschmaschinenherstellern oder Pharmakonzernen kämen wir nicht auf die Idee, einen weltverbessernden Aspekt wahrzunehmen, dabei kommt kein moderner Mensch mehr ohne Schmerztabletten oder Vollwaschautomaten aus.

Eine Ihrer Romanfiguren, ein pensionierter argentinischer General, spendet sein Vermögen für eine Umweltschutz- und Aussteiger-Initiative namens Better Planet. Vor seiner Pensionierung war er für schreckliche Menschenrechtsverletzungen verantwortlich, jetzt will er sich ein gutes Gewissen erkaufen. Ist das mehr als eine groteske Zuspitzung?

Emma Braslavsky: Was diese Figur macht, ist im Kern eine moderne Form des Ablasshandels. Aber so funktioniert es ja wirklich. Vor Weihnachten kommen immer diese Bettelbriefe von durchsichtigen und undurchsichtigen Organisationen, die allen möglichen Bedürftigen helfen oder das zumindest behaupten. Das ist ein Geschäftsmodell. NGOs sind neben Wirtschaftsunternehmen und staatlichen Einrichtungen zu einem dritten Sektor mit massiven Eigeninteressen herangewachsen.

Wie sieht das Geschäftsmodell Ihrer Ansicht nach aus?

Emma Braslavsky: NGOs produzieren Aufmerksamkeit und verkaufen ihren Kunden ein gutes Gefühl. Bei Automobilherstellern können Sie als Kunde ein Auto kaufen. Bei den entsprechenden Initiativen können Sie ein gutes Gewissen kaufen und zum Beispiel das Versprechen, dass jemand dafür sorgt, dass der ökologische Schaden, den Ihr Auto anrichtet, irgendwie wieder ausgeglichen wird, zum Beispiel durch eine Spende für den Erhalt des Regenwaldes. NGOs verkaufen uns das Gefühl, dass es okay ist, wie wir leben. Wir müssen nichts ändern und sind trotzdem moralisch auf der richtigen Seite.

So kann man mit gutem Gewissen weiterkonsumieren?

Emma Braslavsky: Menschen tun immer das, wovon sie sich einen Nutzen für sich selbst versprechen. Das kann durchaus auch etwas Mildtätiges sein, wenn man sich selbst damit aufwerten kann. Natürlich ist das eigennützig. Moral ist nur das abgetragene Kleid, hinter dem wir unseren Egoismus verstecken, am besten auch vor uns selbst. Ich werde misstrauisch, wenn jemand an meine Moral appelliert.
Moral ist eine Waffe, die von Kirchen und Ideologen genutzt wird, um Menschen zu erpressen und sie davon abzuhalten, ihre Interessen zu vertreten. Oft wird Moral einfach mit Kooperation verwechselt. Wenn ich mit anderen zusammenarbeiten will, sollte ich mich aus ganz egoistischen Motiven anständig verhalten, sonst kooperieren die anderen irgendwann nicht mehr mit mir. Das ist eine Frage der Vernunft, nicht der Moral.

Haben Sie für Ihren Roman bei NGOs recherchiert?

Emma Braslavsky: Meine Recherche betraf eher andere Disziplinen, aber ein Ausgangspunkt war ein bizarres Erlebnis, das ich in den Neunzigerjahren hatte. Mit einem Forschungsstipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes war ich zwei Monate in Vietnam und recherchierte über die Perspektiven von Straßenkindern. Ich habe mir angesehen, wie große Hilfsorganisationen wie Unicef oder Save the Children mit ihnen arbeiteten. Ich war davon überzeugt, dass die NGOs mit den besten Absichten ihre Arbeit machen.
Das glaube ich im Prinzip immer noch, aber wenn man näher hinsieht, wird es kompliziert. Das Problem ist nicht nur, dass Mitarbeiter der Hilfsorganisationen in diesen armen Ländern zum Teil sehr komfortabel und privilegiert leben und dass immer wieder Skandale hochkommen, etwa wenn NGO-Mitarbeiter Hilfsbedürftige sexuell missbrauchen. Es gibt eine Art NGO-Kolonialismus.

Was hat Sie konkret gestört?

Emma Braslavsky: Das Erste, was mir auffiel, waren die ordentlich gebügelten Hemden, lauter Menschen, die in ihren NGO-Büros an ihren Computern Statistiken erstellten. Das ist ja nicht falsch, ich habe nichts gegen gebügelte Hemden. Die Frage ist, ob das den Straßenkindern hilft.
Je länger ich in den Büros dieser Wohltätigkeitskonzerne war, desto deutlicher wurde der Eindruck, dass die Berichte an die Zentrale, die Statistiken, die Legitimation der eigenen Arbeit, die Informationen für potenzielle Spender das Wichtigste sind. Ich bezweifle nicht, dass zum Beispiel Save the Children Straßenkindern hilft. Aber mein Eindruck in Vietnam war, dass die konkrete Hilfe vor allem ein Mittel zum Zweck ist, um weitere Spendenflüsse und öffentliche Gelder zu sichern, die den ganzen Apparat aufrechterhalten. Zugespitzt könnte man sagen, die Straßenkinder sind in diesem Geschäftsmodell so etwas wie Mitleidslieferanten. Sie sichern den Hilfsorganisationen, die dieses Mitleid bewirtschaften und monetarisieren, die nötigen Ressourcen, um den eigenen Apparat zu unterhalten.

Ist es nicht kleinlich, den NGOs vorzuwerfen, dass sie genau wie Regierungen und Unternehmen mit Statistiken arbeiten?

Emma Braslavsky: Statistiken? Kein Ding, natürlich sollen sie ihre Statistiken erarbeiten, aber geht die Arbeit darüber hinaus? Verändert sie in der Praxis etwas an den herrschenden Bedingungen?

Lassen sich Ihre Einzelbeobachtungen in Vietnam wirklich so radikal verallgemeinern?

Emma Braslavsky: Wir sprechen hier ja über die Liebelei zwischen Wirtschaft und Moral, die inzwischen auch auf jedes reine Wirtschaftsunternehmen übergegriffen hat. Wenn Sie diese oder jene Baumwollunterwäsche tragen, dann verbessern Sie ganz praktisch die Welt, nicht wahr? Egal ob das Liebestöter sind oder Tangas.
Mir geht es nicht darum, die Arbeit jedweder NGO schlecht zu machen, mir geht es darum zu zeigen, dass Moral nicht den Nutzen hat, den wir in ihr sehen wollen. Bei der Menge an aktiven NGOs weltweit, die seit gefühlten Ewigkeiten gegen Kinderarmut, Hunger, Korruption, Gewalt, Missbrauch, Menschenrechtsverstöße, Rassismus, Umweltzerstörung oder Terrorismus kämpfen, muss man nicht nur fragen dürfen: Warum wird es auf diesem Planeten bloß immer schlimmer? Sondern auch: Wer sind wir eigentlich, dass wir NGOs für die Wahrung unserer Rechte brauchen?

Was ist die Alternative? Sollten Bürger wohlhabender Länder zum Beispiel nicht für Straßenkinder in Vietnam spenden?

Emma Braslavsky: Ich war im Süden des Landes bei einer kleinen, privaten Organisation, die sehr direkt hilft, die Christina Noble Children’s Foundation. Sie baut und unterhält Krankenhäuser und Schulen, eine Initiative von engagierten Privatleuten. Was ich da sah, war echte, pragmatische Hilfe ohne einen großen bürokratischen Apparat, der sich zuerst selbst versorgen und legitimieren muss. Gegen lokale Hilfe ist wirklich nichts zu sagen – aber am Großen und Ganzen wird das nichts ändern.

In Ihrem Roman konkurrieren die fiktiven, globalen Hilfsorganisationen ohne Rücksicht auf Verluste um Spendengelder, Aufmerksamkeit, Macht – ist das nicht etwas übertrieben?

Emma Braslavsky: Die Fähigkeit, Themenfelder zu identifizieren, mit denen sich Spendengelder generieren lassen, ist eine Kernkompetenz jeder NGO. Auch gut gemeinte Aktionen von ihnen können fatale Folgen haben. Ich war in Vietnam in einer Einrichtung, die mir die Tränen in die Augen getrieben hat. Weil westliche NGOs einen besseren Rechtsstatus und das Recht auf Schulbildung für Straßenkinder gefordert hatten, wurden Straßenkinder von den Behörden in diese sogenannte „Schule Nummer drei“ gesperrt. Das war fast eine Art Kindergefängnis. Der Hauptzweck bestand offenbar darin, dass die Kinder nicht mehr auf der Straße herumlungern. Eine Folge meiner Recherche war, dass ich aufgefordert wurde, das Land eine Woche früher als geplant zu verlassen.

Sie sind als Schriftstellerin ebenfalls Spezialistin im Erzeugen von Aufmerksamkeit. Sind Ihnen NGOs näher, als Ihnen lieb ist?

Emma Braslavsky: Absolut. Ich brauche die Desperados und die Krisen, wie die NGOs sie brauchen. Worüber sollte ich sonst schreiben? Aber wenigstens behaupte ich nicht, mit meinen Romanen die Welt zu retten.

Aber Sie geben „Ratschläge zur Verbesserung der Weltlage“ auf dem Suhrkamp-Blog in Form von Einkaufstipps.

Emma Braslavsky: Das stimmt. In der „Warenwelt der Wunder“ empfehle ich absurde Produkte, zum Beispiel eine Nothing-Box. Da ist nichts drin, aber wenn man sie schüttelt, hört man Geld klimpern. Etwas Besseres kann es für Leute, die alles haben, nicht geben.

Spenden Sie selbst?

Emma Braslavsky: Ich spende jedes Jahr an Wikipedia, weil ich es toll finde, dass es Leute gibt, die dafür sorgen, dass ich alle möglichen Informationen einfach abrufen kann.



Aus: "Emma Braslavsky: „Ich werde misstrauisch, wenn jemand an meine Moral appelliert“" (2019)
Quelle: https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2019/marketing/emma-braslavsky-interview-ich-werde-misstrauisch-wenn-jemand-an-meine-moral-appelliert

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[Moral... (Notizen)]
« Reply #19 on: August 19, 2019, 10:30:43 vorm. »
Quote
[...] Weil wir hier am Hegelplatz sowohl ein weiches Herz als auch ein gutes Gedächtnis haben, erinnern wir uns in diesen Tagen an Frauke Petry. Sie macht nämlich gerade Wahlkampf in Sachsen für ihre neue Partei, die sie gegründet hat: Die blaue Partei. Die kennt kaum jemand, und ihre Chancen sind gering, und Frauke Petry wird nach den Wahlen vermutlich endgültig im Orkus des Vergessens verschwinden. Für die Politik ist das kein Verlust. Für die Literatur schon.

Frauke Petry ist ja so eine Art Lady Macbeth des Ostens. Macht, Intrigen, Ehrgeiz in der Provinz – das Stück ihres Lebens liest sich wie Shakespeare in Dresden. Und weil sie zusammen mit ihrem Mann Marcus Pretzell annähernd zehn Kinder hat – wobei jeder vier aus erster Ehe mitgebracht hat –, denkt man auch viel ans Alte Testament. Frauke Petry war die Frau, die Bernd Lucke aus der AfD drängte, die er sozusagen erfunden hatte, dann radikalisierte Petry diese Partei und wurde schließlich von den Kräften vernichtet, die sie selbst entfesselt hatte.

Frauke Petry hat also einiges auf dem Kerbholz und sieht dabei immer noch so jungenhaft fröhlich aus, dass einem angst und bange werden kann. Ich habe schon einmal länger über Frauke Petry nachgedacht und damals geschrieben: „Was ist das für eine Frau? Ich habe ihr in einer Talkshow gegenübergesessen. Sie ist eine hübsche, sympathisch wirkende Frau. Ihr Lächeln ist gewinnend und fröhlich – bis es plötzlich in ihrem Gesicht gefriert, und aus dem lächelnden Mund läuft ihr der Hass. Es ist unheimlich. Was hat diese Frau erlebt? Woher kommt die Wut?“ Zur Erinnerung: Auf die Frage, wie ein Grenzer reagieren soll, wenn ein Flüchtling den Grenzzaun überwinden will, hatte sie auch nichts anderes gesagt, als Erich Honecker gesagt hätte: „Er muss den illegalen Grenzübertritt verhindern, notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch machen. So steht es im Gesetz.“

Also ist das die entscheidende Frage, nicht nur bei Frauke Petry, sondern bei all diesen Leuten da draußen, den Ausländerfeinden, Volksschützern, Islamhassern, Antisemiten und Schwulenschlägern: Woher kommt die Wut?

Denn über nationale und kulturelle Grenzen hinweg gleichen sich all diese Leute ja in ihrer emotionalen Kälte, ihrem eklatanten Mangel an Selbstkritik, ihrem ausgeprägten Egoismus, ihrer moralischen Urteilsschwäche und natürlich ihrem großen Brutalitätspotenzial. Im 19. Jahrhundert, als der zivilisierte Mensch sich plötzlich der eigenen Grausamkeit bewusst wurde, neigte man eine Weile dazu, das Böse für eine Krankheit zu halten. In der jungen Wissenschaft der Psychiatrie wurde dafür ein Wort entwickelt, das heute nicht mehr benutzt wird: moral insanity, moralischer Wahnsinn.


Aus: "Einmal noch schaudern über Petrys Kälte" (Jakob Augstein | Ausgabe 32/2019 )
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/jaugstein/einmal-noch-schaudern-ueber-petrys-kaelte

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[Moral... (Notizen)]
« Reply #20 on: September 12, 2019, 01:10:11 nachm. »
Quote
[...] Mit einem Klimaschutz mit Askese, Verbot und Verzicht werde Deutschland vielleicht „Moral-Weltmeister“, sagte FDP-Chef und -Fraktionsvorsitzender Christian Lindner: „Aber niemand wird uns auf der Welt folgen.“ ...


Aus: "Lindner warnt vor „Moral-Weltmeister“ Deutschland" (11.09.2019)
Quelle: https://www.welt.de/politik/deutschland/article200107024/Generaldebatte-im-Bundestag-Lindner-warnt-vor-Moral-Weltmeister-Deutschland.html?wtrid=onsite.onsitesearch

-

Quote
[...] Moralinsaure Moralisten überall. Aktivisten wollen dies. Aktivisten wollen das. Hin. Her. Hoch. Runter. Ding. Dong. Und ich stehe amüsiert im Raum. Es ist ein Fest für Trolle. Ein Galadinner für Stresser. Ein innerer Scheißparteitag für an die Schienbeine Pisser. Wenn Sie hypereifrige Aktivisten ärgern wollen, dann geht das inzwischen ganz einfach. Malen Sie Geschlechtsorgane irgendwo hin [ https://werberat.de/werberat-spricht-nachtragliche-beanstandung-aus-social-media-werbung-von-true-fruits-uberschreitet ]. Wie früher in der Schule auf die Bank. Oder auf das Klo. Penis. Penis. Titten. Noch mehr Titten. Und alle rasten aus. Inzwischen reichen sogar freie Oberkörper irgendwo auf einem Plakat und Twitter dreht durch. Alerta Alerta, da hat einer Penis gesagt. PENIS! Hashtag! Retweet!

Ich dachte vor ein paar Jahren mal, die Welt könne nicht bekloppter werden, doch das war ein Irrtum. Ein Trugschluss. Ich habe das nicht zu Ende gedacht und angenommen, die menschliche Blödheit sei auf einen bestimmten unverrückbaren Sockel limitiert und könne nicht ins Unendliche gesteigert werden, aber das stimmt nicht. Sie werden von Jahr zu Jahr blöder. Lauter. Kreischender. Und verrückter.

Was da mit erhobenem Zeigefinger dasteht und krakeelt, ist nicht weniger als der neue Klerus. Viktorianisch. Prüde. Bitterernst. Sie haben die alten, lahmenden Presseorgane in ihrem Bataillon, die öffentlich-rechtlichen Anstalten, aus dem Gebührenaufkommen querfinanzierte YouTube-Kanäle, lassen ihre Kritiker blocken und haben sich, damit das einfacher geht, dafür sogar ein Gesetz zimmern lassen. Und bis zum Zäpfchen privilegierte Premiumautorinnen mit Fangirls im Kometenschweif rennen medienwirksam in den Supermarkt und räumen Regale um, auf dass ich mein ejakulatartiges sexistisches Fruchtpüree nicht mehr finde und doch bitte auf das turbokapitalistische Konkurrenzprodukt von Coca Cola umsteige, was quer durch die etablierten Portale fürsorglich beklatscht wird.

Ihr seid so doof.

Ihr seid alle so doof.

Meine Güte was seid ihr doof.

Jedem mit einem Funken rebellischem Geist macht es im Moment reinste ehrliche klammheimliche Freude, euch zu stressen, zu nerven, zu trollen, die Dinge, die man nicht tut, extra zu machen. Ja, bitte, nehmt euch die Zeit und räumt die Flaschen der kleinen Bonner Fruchtsaftklitsche rüber zu den Eiweißriegeln oder unter die Bananen, weil ihr nicht wollt, dass ich das trinke, doch ich werde das Zeug auf jeden Fall finden und damit hinter euch an der Kasse stehen und euch ins Gesicht strahlen, ihr Nixblicker, denn wenn ich etwas mehr als alles andere hasse, ist es, wenn mir jemand vorschreibt was ich zu tun habe, ohne mich dafür mit einem Monatsgehalt zu bezahlen. Was ihr da tut weckt unmittelbar, vollkommen automatisch und ohne dass ich das irgendwie steuern könnte meinen Widerwillen. Es ist absolut unvermeidbar, dass ich genau das tue, von dem die Moralapostel, Kleriker und diese neue superkorrekte elitäre Medienblase nicht wollen, dass ich es tue. Einfach aus Spaß. Und nur aus Spaß. Nicht um zu zeigen, dass das hier immer noch ein freies Land ist, in dem Eiferer eben nicht die private Agenda des Einzelnen bestimmt dürfen, gut, das ist ein Nebeneffekt und auch vollkommen folgerichtig, sondern ich mache das nur aus Spaß. Immer anders als die da von mir wollen. Weil ich es kann. Und darf. Und will. Weil ihr den Stinkefinger so sehr hasst und ich den so mag.

In meinem Büro läuft gerne mal Minderheitenmusik aus der Bluetoothbox. Coldwave. Gothicrock. Neofolk. Brandenburger Punk. Oi. Satyricon. Amon Amarth. Die guten alten Jungs von Slayer. Und Böhse Onkelz. Said what? Huhu. Aber doch nicht die. Darf man nicht hören. Geht gar nicht. Haben mir die letzten knapp 20 Jahre verschiedene Leute gesagt. Geht nicht. Weil die rechts bedienen. Auch wenn ich von denen noch nicht ein rechtes Statement zu irgendwas gehört habe. Aber das spielt keine Rolle, es reicht, dass sie mit süßen 17 Jahren in der Szene waren und da helfen auch satte 30 Jahre an Distanzierungen nicht mehr. Man darf die nicht hören. Die gehen gar nicht. Sagen mir Leute. Seit der Schule schon. Unaufgefordert. Ohne dass ich sie vorher gefragt habe, ob ich diese Band hören darf. Oder sie zu Bewertungen meiner Angelegenheiten aufgefordert habe. Und ohne dass ich ihren Senf zu irgendwas überhaupt generell haben möchte. Nein. Sie kommen einfach daher und sagen, was zu tun ist. Was man tut und was nicht. Andere Musik hören. Anderen Fruchtsaft trinken. Auto abschaffen. Vegan essen. Nicht mehr fliegen. Zu Alnatura statt zu Lidl gehen. Dieter Nuhr nicht mehr schauen. Keine Drogen nehmen. Keinen Alkohol mehr trinken. Ursula von der Leyen toll finden. Und bitte meine Sprache gendern. Wegen, keine Ahnung, Awareness.

Ich höre meine Musik natürlich trotzdem. Weil ihr mich – na klar – alle am Arsch lecken könnt. Das ist doch nur logisch. Wie sieht das denn aus, wenn ich einknicke und die Musik nicht mehr höre, die ich mag, nur weil ihr das wollt. Echt jetzt. Würdet ihr das tun? Nicht mehr Max Giesinger, Jennifer Rostock oder Bosse hören, nur weil ich die alle eine grässliche Zumutung finde?

Was seid ihr doof. Unendlich doof. Ihr erreicht mit diesem ständigen penetrierenden dauerempörten unendlich abgehobenen Geblöke genau das Gegenteil: Euch eigentlich grundsätzlich mal zugeneigte Leute wenden sich ab, wählen eure Parteien nicht mehr, lachen beim Bier über euren verkopften Scheiß, feixende Trolle stressen euch in die Schnappatmung und die vollkommen Frustrierten wählen seit Neuestem sogar rechts, weil das offenbar das ist, mit dem man euch am allermeisten ärgern kann und ihr merkt das alles nicht, sondern twittert munter weiter eure Moralinsäure in die Welt als gingen die Zehnerjahre, in denen ihr die uneingeschränkte Lufthoheit über alle Ressourcen hattet, nicht bereits in ein paar Monaten schon zuende.

Inzwischen ist plakativ kalkulierte Unkorrektheit ein Stilmittel in der Werbung, mit dem sich unter Verwendung der Social-Media-Empörungskloake in kürzester Zeit die Zuneigung der angekotzten Mehrheitsgesellschaft gegen die pikierte Moralelite gesichert werden kann. Sie wollen mehr Produkte verkaufen? Das geht ganz einfach. Drücken Sie ein paar Knöpfe, bei denen die üblichen blasierten Twitterinfluencer sofort an die Decke gehen. Daraufhin berichten alle gängigen Onlineportale mit Reichweite darüber, wie schlimm Ihr Produkt ist und nennen dabei Ihren Namen. Kostenlos. Über Tage. Das steigert Ihren Umsatz. Sofort. Weil Ihr Produkt plötzlich irrwitzigerweise zu einem Symbol gegen die da oben geworden ist, die ihre limitierenden Moralvorstellungen in die Alltage drücken wollen und damit gerade im letzten Jahrzehnt so erfolgreich waren, dass diese Gestalten und ihren Kodex jetzt kein normaler Mensch mehr sehen kann.

Ihr seid so doof. Was ihr nicht merkt ist, dass die Dinge bröckeln. Auf die Gängelung durch eine selbstherrliche Obrigkeit hat die Mehrheit nicht den Hauch von Bock und reagiert darauf im Moment mit vielen Dingen, die ihr gar nicht seht. Geht doch mal wieder in eine verrauchte Kneipe, hinten am Bahnhof zum Späti auf ein Bier an eine dieser speckigen Stehtonnen oder auf so ein garantiert unveganes Dorfest außerhalb des S-Bahn-Rings, auf dem der Pöbel feiert, dessen Lebensstil ihr so leidenschaftlich verachtet, aber das könnt ihr gar nicht, weil ihr gar nicht wisst wo der Pöbel überhaupt zu finden ist. Lieber sitzt ihr feist und satt auf eurem begrünten Balkon über Berlin-Friedrichshain, Ingwer-Zitronengrastee auf dem Tisch und einen getrockneten Apfelschnitz in der Hand, während der Pöbel unten bei 32 Grad die Straße neu teert. Euren Bürgersteig pflastert. Eure Couscousbrösel für euer Taboulé in den Bioladen liefert. Und euren Wohlstandsmüll zur Deponie fährt. Um danach mit dem Regionalexpress wieder raus nach Brandenburg zu fahren. Sprecht doch mal mit einem von denen. Die hassen euch alle inzwischen. Und ihr merkt nichts da oben auf eurem Balkon, auf dem ihr alt werdenden Vetteln vor dem Macbook immer noch wie 2010 über dem nächsten Hashtag für die neueste Empörung brütet. Und von wo aus ihr nicht seht wie sich der Wind dreht, wie eure Onlinekampagnen nicht mehr verfangen, die Leute sich ermüdet bis angewidert abwenden nach der hunderttausendsten beliebigen Empörungswelle, die aus irgendeinem Grund immer noch jedes Mal tagelang durch eure angeschlossenen Funkhäuser genudelt wird.

Als wäre immer noch 2010.

Was ihr auch nicht merkt, weil ihr die alle geblockt habt: Unter eurem Radar hat Rechts dazugelernt. Massiv. Erfolgreich. Professionell. Und seit neuestem reichweitenstark. In kürzester Zeit. Kommt jetzt young, fresh, urban, hip daher. Ist frech. Naseweis. Bärtig. Trägt Hoodie. Und verarscht euch. Macht sich lustig. Über die Bräsigkeit. Das Superkorrekte. Klerikale. Glückwunsch. Alles falsch gemacht. Da habt ihr sie. Das ist jetzt eure Opposition. Der Protest gegen euch. Da nutzt auch euer Löschen nix. Die laden das einfach neu hoch, vernetzen sich über Telegram, vk, dtube, reddit, alles Orte, an die ihr nicht rankommt, während ihr immer noch emsig Löschanträge bei YouTube stellt, als würde das Löschen irgendwas bringen, außer sie zu Zensurmärtyrern zu machen, was ihnen jedes Mal noch eine Schippe mehr Anhänger sichert, die inzwischen nicht mal halb so alt sind wie ihr und Oberlehrer samt Bräsigkeit schon seit der Schulzeit nicht leiden können.

Und sonst? Ideen? Neues? Nein, ihr seid wie immer. Eure Kanäle sind fad, eure Stellungnahmen in eurem Verwaltungsgenderdeutsch ein Elend und eure immergleichen hysterischen Choreographien abstoßend routiniert, alles nur wohlfeile Empörungsrituale, für die sich außerhalb eurer Blase niemand mehr interessiert. Ihr schmeckt säuerlich. Vergoren. Giftig oft. Ihr seid nicht hip. Nicht frech. Und schon gar nicht mehr jung. Ihr seid lame. Spießig. Öde. Ihr seid der Klerus auf dem goldenen Balkon, der jede kleine Frechheit übel nimmt, weil Frechheit gegen die Linie verstößt. Wie konnte es passieren, dass sich die Dinge so umkehren? Wann ist euch das entglitten? Und warum verkauft sich Rechts jetzt als der hippe Protest gegen euch, die ihr in den Clubsesseln der Schaltstellen sitzt? Und warum fällt ihnen das so leicht? Und euch nichts dagegen ein?

Ach, egal. Ihr macht eh so weiter wie ihr es immer gemacht habt und schießt euch sukzessive selbst auf die Auswechselbank, was rege ich mich eigentlich auf. Trullala. Ich sitze in meinem Kasperlebezirk und habe besseres zu tun. Ich muss mir mal wieder ein schönes Stück fette alte Kuh auf den Balkongrill legen. Es hat knapp ein Kilo und wurde mir aus Spanien geliefert. Mit dem Flugzeug. Oder dem Laster. Mir egal. Und das muss heute auf den Grill, weil mich meine dämliche sauerkrautköpfige Nachbarin, die uns vor einiger Zeit das Fridays for Future-Plakat ins Treppenhaus gehängt hat, gestern in jenem Treppenhaus schon wieder ungefragt darüber informiert hat, dass vegane Ernährung mir helfen würde, im Laufsport bessere Ergebnisse zu erzielen. Weil Fleisch meine Arterien verstopft, was zu einer schlechteren Versorgung des Hirns und der Lunge führen würde, so dass ich nicht so schnell rennen kann wie ich könnte. Sie sehen: Sie gibt nicht auf. Missioniert mein Hirn zu Brei. Fängt immer wieder davon an. Und ich finde sie immer noch so kacke, dass es quietscht. Lieber sterbe ich ein paar Jahre früher als ihren superkorrekten faden Seitanscheiß zu fressen.

Zum Fleisch werde ich mir ein Bier aufmachen. Ich habe mir ein paar Kästen davon auf den Balkon gestellt, bevor aktivistische Autorinnen, Dozentinnen, Journalistinnen und Regisseurinnen aus dem Elfenbeinturm eine neue Empörung ausrufen und bei Rewe die Bierflaschen unter den Kohlköpfen verstecken, auf dass die Schäfchen lieber ChariTea kaufen. Weil das viel gesünder ist als Bier. Und so superkorrekt. ...


Aus: "Die Aktivisten sind wieder empört" Der Maschinist (08/09/2019)
Quelle: https://pestarzt.blog/2019/09/08/die-aktivisten-sind-wieder-empoert/

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« Reply #21 on: Juli 18, 2020, 04:27:06 nachm. »
Quote
[...] "Während wir dies von der radikalen Rechten nicht anders erwarten, breitet sich auch in unserer Kultur zunehmend eine Atmosphäre von Zensur aus", hieß es jüngst in einem offenen Brief von 153 Intellektuellen (darunter auch Noam Chomsky, Margaret Atwood oder Salman Rushdie), der gleichzeitig in Harper’s Magazine, Le Monde, La Repubblica und der ZEIT erschien.

Seine Botschaft in einem Satz: "mehr Toleranz" für abweichende Meinungen. Der Aufruf ist bedenkenswert: Ein "Klima der Intoleranz" greife nicht nur in radikal rechten Kreisen um sich, die ohnehin intolerant seien, sondern vielmehr "in allen Lagern". Auch die politischen Gegner der radikalen Rechten müssten aufhören, weiter in "ideologischer Konformität" zu verharren, die eigene Kritik zum "Dogma" verkommen zu lassen und der verbreiteten Tendenz zu frönen, "komplexe politische Fragen in moralische Gewissheiten zu überführen".

Dass sich über diesen Aufruf gerade diejenigen Linken empörten, die sich hiervon nicht zu Unrecht angesprochen fühlen durften, war ebenso wenig überraschend wie der Umstand, dass viele ihrer Empörung in kurzen Tweets Ausdruck verliehen. Natürlich entging ihnen die Ironie, dass sie ihre Kritik an dem Aufruf in eben jenem Duktus der "moralischen Gewissheit" formulierten, den der Brief zuvor problematisiert hatte. Doch auch damit war zu rechnen, denn tatsächlich wird unsere Zeit zunehmend und in nicht unerheblichem Maße von "linken" Gestalten geprägt, die alle genannten Momente in sich bündeln: einen Hang zu Konformität, krasser Komplexitätsreduktion und moralistischer Dogmatik.

Wie der Philosoph E.M. Cioran einmal hellsichtig bemerkt hat, kann es geschehen, "daß die Linke, die in die Mechanik der Macht verstrickt … ist, ihre Tugenden verliert, daß sie erstarrt und die Übel erbt, die gewöhnlich der Rechten eignen". Diese Beschreibung trifft unsere kulturelle Situation sehr genau.

Eine erstarrte und ins Pädagogische abgedriftete Linke, die sich durch ihre Weigerung bestimmt, "ihr eigenes Machtstreben zu reflektieren, ihren Aufstieg in den akademischen und kulturellen Institutionen" (Michael Hampe), ein dergestalt zur Karikatur verkommener Linksliberalismus, der vergessen hat, dass er nicht mehr unter allen Umständen subversiver Underdog ist, sondern sich an Universitäten oder in Social-Media-Kontexten explizite Machtzentren geschaffen hat, bringt einen epochalen Menschenschlag hervor: den digitalen linken Spießer.

Dieser droht die Linke leider für Leute von außerhalb dieser Blasen mittelfristig noch unattraktiver zu machen, als sie es ohnehin schon ist, denn auch und gerade für politische Bewegungen gilt: An ihren Langweilern sollst du sie erkennen. Der neue linke Spießer betrachtet Gegenwart und Vergangenheit mit puritanischem und polizeilichem Blick und genießt es, unablässig den Wuchs der Diskurshecken zu prüfen, mit der Gartenschere in der Hand.

Wahlweise stört er sich an den Scherzen von John Cleese oder Terry Gilliam, an einer Zeile von Nick Cave oder Steely Dan, an einer Karikatur von Ralf König oder an den Witzchen des Theoretikers Slavoj Žižek, von dem sein konservativer Freund Tylor Cowen behauptet, er habe den Humor eines "moderate right-winger", worauf sich Žižek gegenüber Cowen empört verteidigt: "Als ich jung war, war das noch linker Humor!"

Die linken Spießer begegnen allen unsensibel scherzenden oder gar andersdenkenden Zeitgenossen mit offener Verachtung, beweisen aber eine hohe Sensibilität, sobald man ihre eigene progressive Rolle in Zweifel zieht. Dies zu tun, ist jedoch nötig, denn ihr Zorn trifft in jüngerer Zeit sogar historische Figuren, auf deren Schultern sie stehen könnten, wenn sie deren Erbe nicht verspielten. Die Folge jener "ungeheuren Herablassung der Nachwelt" (eine Wendung von E.P. Thompson, die immer wahrer wird) ist ein äußerst abgeflachtes Verhältnis zur großen Andersheit namens Geschichte, die neuerdings ebenfalls von allen krummen Zweigen, von allen Irritationsmomenten bereinigt werden soll – jedenfalls sind es deftige Werturteile, die gegenwärtig geistesgeschichtliche Verdienste überschatten.

Zuletzt teilten bekannte italienische Linksintellektuelle, Politikerinnen und Aktivisten in den sozialen Netzwerken, anknüpfend an den alten Slogan von Lonzi, mannigfach ein Bild mit der Aufschrift "Sputiamo su Hegel" ("Wir spucken auf Hegel"): Der deutsche Philosoph – so  der sozial-mediale Tenor – sei letztlich nämlich nichts weiter als ein bösartiger Sexist gewesen. In der Verkürzung abstrus, aber ein exemplarischer Fall, finden doch in Deutschland längst vergleichbare "Debatten" statt (wobei hierzulande zufälligerweise Kant unter Beschuss gerät).

Es ist bedauerlich, dass ein Teil der Linken nicht mehr liest und wenn doch, dann bestenfalls Memes und Twitterbotschaften, zumindest ist das der Referenzrahmen, in dem dann die weitere Auseinandersetzung stattfindet. Aber spuckt nicht, wer auf Hegel spucken möchte, zugleich auch auf die bedeutende Rolle, die dieser für die Entwicklung des emanzipatorischen Denkens gespielt hat – und noch immer spielt: bei Judith Butler, Axel Honneth oder Jacques Rancière? Kennen die neuen linken Militanten die feministische Hegellektüre von Simone de Beauvoir, in der die Dialektik von Herr und Knecht analog zum Emanzipationsverhältnis von Mann und Frau gedacht wird? (Von den zahlreichen feministischen Lektüren der Antigone-Diskussion bei Hegel ganz zu schweigen...)

Gewiss: Der Hinweis darauf, dass die Beziehung zwischen Hegel und dem Feminismus auch gegenwärtig im Zentrum ernsthafter internationaler Debatten steht, ist für diejenigen, die den Autor der Phänomenologie des Geistes auf stumpfsinnige Weise abtun möchten, vollkommen uninteressant: Er lässt sich nämlich kaum für die eigene mediale Selbstinszenierung verwerten, die ja auch und gerade die Nicht-Leser unter den Linken motiviert. Aus demselben Grund geht sie auch jene Ambivalenz buchstäblich nichts an, die darin liegt, dass Hume, Kant oder Hegel zweifelsfrei rassistisch oder sexistisch schrieben und trotzdem ein unverzichtbarer Teil der europäischen Geistestradition sind, welche die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei, die Erklärung der Menschenrechte oder die gesetzliche Gleichberechtigung der Geschlechter hervorbracht hat.

Ganz unbestreitbar haben sie die Geschichte der Emanzipation mitgeprägt. Ob die neuen Linken ernstlich dem Aberglauben anhängen, wonach sich ein historischer Akteur jederzeit am eigenen Schopf aus der Geschichte ziehen könnte, um aus dem ahistorischen Ideenhimmel das moralisch Richtige zu deduzieren, ist am Ende schwer zu sagen. Sicher ist nur, dass es sie unablässig danach drängt, sich öffentlichkeitswirksam als moralische Instanz zu präsentieren, und dass sich jeder echte Spießer – auch der linke und digitale – durch sein Bedürfnis verrät, permanent als besonders tadelloses oder moralisch sattelfestes Exemplar unserer denkwürdigen Spezies wahrgenommen zu werden.

Das Schlimmste an den gegenwärtigen Spießern ist nun aber nicht, dass sie ahistorisch denken, jedes (vermeintlich) verunglückte Wort zur Würde des Skandals erheben, ständig Situationen des Verdachts organisieren (Wer hat was zu wem gesagt?) oder aus den Menschen wieder reumütige Geständnistiere zu machen versuchen. Das alles ist bloß schlimm. Schlimmer als schlimm ist, dass sie sich immer noch widerständig und "alternativ" fühlen, obwohl sie längst einem kulturell tonangebenden Milieu angehören. Eine unerlässliche Voraussetzung von Toleranz – und dieser Satz steht fest – liegt im ehrlichen Selbsteingeständnis von eigener Macht, auch diskursiver Macht (zum Beispiel an den Universitäten).

Nur die, die wissen, dass sie über Macht verfügen, können sich überhaupt die Frage stellen, ob sie andere tolerieren, das heißt: aushalten, erdulden möchten – oder eben nicht. Hieraus folgt: Die neopuritanische Linke muss sich darüber ehrlich machen, dass ihre Adepten in vielen politisch-kulturellen Konstellationen mittlerweile zu nichts anderem als Figuren der Macht geworden sind. Bislang versuchen sie es wortreich zu vermeiden, doch gerade sie hätten es nötig, sich ein Mantra von Adorno, einem maßgeblichen Vertreter der lesenden Linken, in Erinnerung zu rufen: "Wer innerhalb der Demokratie Erziehungsideale verficht" – mahnte dieser nämlich streng – "ist antidemokratisch, auch wenn er seine Wunschvorstellungen im formalen Rahmen der Demokratie propagiert."

Dass eine solche demokratische Gesinnung derzeit bei vielen Linken wenig praktische Würdigung erfährt, mag auch von der althergebrachten Arroganz herrühren, mit der insbesondere die einflussreichen französischen Linksintellektuellen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – vor und nach 1968 – über liberale Demokratien nachgedacht haben. Denn be­zeich­nen­derweise interessiert sich etwa Deleuze noch in den Neunzigerjahren gerade für ein "Demokratisch-Werden, das nicht mit den faktischen Rechtsstaaten zusammenfällt", während bei Barthes, Foucault, Lacan oder Kristeva demokratietheoretische Reflexionen fast gänzlich ausgespart werden. Anders als in früheren Zeiten, in denen der vielerorts immer abwegiger wirkende Terminus "linksalternativ" einen realen Sinngehalt hatte, fällt es indessen heute ins Gewicht, wenn diskursmächtige Linke immer noch in Begriffen wie "Subversion", "Aufstand", "Ereignis", "Unterlaufen", "Rebellion", "Widerstand" oder "Ungehorsam" denken, statt sich über die ganz konkrete demokratische Vermittlung progressiver Ideen den Kopf zu zerbrechen. Am Ende dieses Gedankens wird eine Linke, die ihre reale Diskursmacht leugnet, zwangsläufig moralisch totalitär. Sie duldet eben keinen Widerspruch, weil Widerspruch per se falsch ist. Die Macht, die sie hat, reicht ihr nicht, sie möchte sie weitestmöglich ausdehnen. Das aber zielt dann weder in faktischen Rechtsstaaten noch in anderen Gebilden auf einen demokratisch organisierten Diskurs.

Was die alte poststrukturalistische linke Avantgarde angeht, so bestach sie aus heutiger Sicht freilich durch ihren – für die linken Spießer der Gegenwart empörenden – Mangel an moralistischer Dogmatik. Sie verehrte de Sade, studierte Heidegger und rehabilitierte mit Nietzsche einen der politisch unkorrektesten Autoren der Geistesge­schichte. Im Übrigen betonte etwa Foucault, dass sich Fragen der Ent-Unterwerfung niemals dogmatisch, systematisch oder gar verwaltungstechnisch entscheiden ließen; vielmehr zähle der subversive Umgang mit Einzelfällen. Und auch Richard Rorty – der ein zentraler Vertreter der sogenannten postmodernen amerikanischen Linken war – glaubte nicht daran, dass sich gesellschaftliche Wirklichkeiten mit starren sprachlichen Regeln verändern ließen. Vielmehr brauche es idiosynkratische Einbildungskraft – "kreativen Sprachmissbrauch" –, eine Position, zu der sich auch Judith Butler einmal bekannt hat.

Den dominanten Strang der gegenwärtigen Linken, die mit dogmatischen Lösungen flirtet, ohne ihren Underdog-Status aufgeben zu wollen, vermag dies ebenso wenig zu beunruhigen wie der Umstand, dass sie keine funktionierenden ökonomischen Konzepte hat, um der sozialen Frage zu begegnen – man denke etwa an die exorbitanten Mietpreise oder an die prekären Lebensbedingungen des neuen Dienstleistungsproletariats. Aber auch das ist nicht verwunderlich, kann doch ökonomische Konzeptlosigkeit überhaupt als ein Grund dafür angesehen werden, sich mit derart verbissenem pädagogischen Eifer auf das Feld der Kultur zu stürzen.

Es geht nicht darum, jedes Interesse für Begriffe oder jede differenziertere Bewertung historischer Persönlichkeit zu diskreditieren. Die Verbissenheit aber, mit der man Debatten mit zugleich geleugneter diskursiver Macht moralistisch zu dominieren versucht, führt letztlich zu populistischer Reaktanz und schwächt die Linke noch dort, wo sie reale Probleme bekämpft. Denn natürlich gibt es, anders als es die politische Rechte behauptet, tatsächlich strukturellen Sexismus und Rassismus in Deutschland, und unter denen, die in universitären oder sozial-medialen Kontexten diskursmächtig sind, finden sich auch Menschen, die in anderen gesellschaftlichen Kontexten benachteiligt oder marginalisiert werden. Das Problem der Linken besteht offenkundig nicht darin, dass sie sich den Reaktionären entgegenstellt, die sich das kulturelle Zeichensystem der Fünfzigerjahre zurückwünschen und auf alle Ewigkeit stillstellen möchten. Sondern darin, dass sie diesen Kampf mit den zensorischen Instinkten führen möchte, die lange Zeit der politischen Rechten gehörten (anstatt an das selbstständige Urteil mündiger Menschen zu appellieren) und dass sie noch dazu die Klassendimension unterschlägt, die allen diesen Kämpfen inhärent ist.

Dass heute die AfD bei manchen Wahlen mehr Arbeiter-Stimmen erhält als jede andere Partei, ist in jedem Fall auch ein trauriges Zeugnis für die naserümpfende, spießig gewordene Linke, die in ihren schlechtesten Momenten zugleich den Eindruck erweckt, einen Klassenkampf "von oben" zu betreiben: eine Rebellion der tadellosen Vier-Zimmer-Altbau-Bourgeoisie gegen das schrecklich vulgäre, unaufgeklärte und politisch unkorrekte Proletariat. Solange die Linke das nicht begreift, werden sich ihre politischen Gegner die Hände reiben.



Aus: "Identitätspolitik: Die digitalen linken Spießer" Ein Gastbeitrag von Jan Freyn (18. Juli 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2020-07/identitaetspolitik-linke-intoleranz-zensur-demokratie-meinungsfreiheit/komplettansicht

Kontext: https://www.zeit.de/2020/29/cancel-culture-liberalismus-rassismus-soziale-gerechtigkeit

Quote
EinHistoriker #23

"Wie der Philosoph E.M. Cioran einmal hellsichtig bemerkt hat..."
Vielleicht bin ich ja auch nur ein moralisierender Linker, aber ich bezweifle, dass Cioran, ein Antisemit, Anhänger der rumänischen Eisernen Garde und Bewunderer Hitlers ein geeigneter Zeuge gegen die echte oder angebliche Linke ist.



Quote
kosmokrator #23.1

Sie bestätigen genau den Artikel. Welch verachtenswerte Anschauungen auch immer Cioran (oder jeder Mensch) hatte, dies diskreditiert nicht automatisch alle Aussagen.

Luther als Antisemit hat durchaus treffende Kritik am Katholizismus geäußert.

Che Guevara hat trotzdem dass er ein skrupelloser Mörder war manche sozialen Misstände korrekt angeprangert.

Die amerikanischen Gründerväter haben mit der amerikanischen Verfassung ein wunderbares Meisterwerk vollbracht obwohl sie zum Teil Sklaven hatten.

Usw.usf.

Die Welt ist nicht schwarz und weiß. Hauptsächlich besteht sie aus Grautönen.
Und eine infantile Vereinfachung aller Zusammenhänge ist auch ein merkmal der regressiven Linken. Genau wie der extremen Rechten.


Quote
Thore-lk #58

Bravo!

Leonardo da Vinci: "Jede kleine Ehrlichkeit ist besser als eine große Lüge."