Author Topic: [Moral... (Notizen)]  (Read 9786 times)

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Offline Textaris(txt*bot)

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[Moral... (Notizen)]
« Reply #15 on: January 03, 2018, 03:19:55 PM »
Quote
[...] Nicht Gott, der Teufel versucht den Menschen, sagt der Papst.

... ist die Versuchung durch das (falsche) Gute nicht das, was allen Formen von religiösem Fundamentalismus zugrunde liegt?

Dazu ein vielleicht überraschendes historisches Beispiel: das Attentat auf Reinhard Heydrich, Hitlers Statthalter in Prag. Die tschechoslowakische Exilregierung in London beschloss 1942, Heydrich zu töten. Jan Kubiš und Jozef Gabčík, die das für die Operation ausgewählte Team anführten, wurden in der Nähe von Prag abgesetzt. Am 27. Mai 1942 war Heydrich auf dem Weg in sein Büro. Allein mit seinem Chauffeur in einem offenen Wagen.

Als der Chauffeur an einer Kreuzung in einem Vorort von Prag die Fahrt verlangsamte, trat Gabčík in den Weg und zielte mit einer Maschinenpistole auf das Auto. Doch der Angriff schlug fehl. Anstatt dem Fahrer zu befehlen wegzufahren, befahl Heydrich anzuhalten und wollte den Angreifer stellen. In diesem Augenblick warf Kubiš einen Sprengsatz auf den hinteren Teil des Autos. Die Explosion verwundete sowohl Heydrich als auch Kubiš.

Als sich der Rauch verzogen hatte, tauchte Heydrich mit seiner Waffe in der Hand aus dem Autowrack auf. Er jagte Kubiš ein paar Minuten lang, brach dann aber zusammen. Er schickte seinen Fahrer los, um Gabčík zu Fuss zu verfolgen, während er selber, immer noch mit der Pistole in der Hand, seinen linken Oberkörper hielt, der stark blutete.

Eine Frau, die zufällig vorbeikam, eilte Heydrich zu Hilfe. Sie hielt einen Lieferwagen an, um den Verwundeten von der Unfallstelle wegzubringen. Heydrich wurde auf die Ladefläche des Autos gelegt und in die Notfallstation eines nahe gelegenen Spitals gebracht. Er starb ein paar Tage später: Aber er hätte überleben können. Und die hilfsbereite Passantin wäre in die Geschichte eingegangen als die Person, die Reinhard Heydrich das Leben gerettet hat.

Ein militaristischer Nazi-Sympathisant würde an dieser Geschichte wohl Heydrichs persönlichen Mut hervorheben. Mich hingegen fasziniert die Rolle der unbekannten Frau. Sie half Heydrich, der wehrlos in seinem Blut auf der Strasse lag. War sie sich bewusst, wer er war? Wenn ja und wenn sie keine Nazi-Sympathisantin war – beide Vermutungen haben alle Wahrscheinlichkeit für sich –, warum tat sie das, was sie getan hat? War es eine reflexartige Reaktion? Kam die Tat aus dem urmenschlichen Mitgefühl heraus, einem Menschen zu helfen, der sich in Not befindet – wer auch immer es ist? War das Mitgefühl stärker als das Wissen darum, dass dieser Mann einer der schlimmsten Nazi-Verbrecher war, ein Mann, der für Millionen von Toten mitverantwortlich war?

Die Frage stellt uns vor die Wahl zwischen dem abstrakten liberalen Humanismus und der Ethik des radikalen emanzipatorischen Kampfes: Wenn wir auf der Seite des liberalen Humanismus bleiben, sind wir am Ende so weit, dass wir bereit sind, die schlimmsten Verbrecher zu dulden. Und wenn wir dem folgen, was uns das Gesetz des politischen Kampfs befiehlt, befinden wir uns auf der Seite der emanzipatorischen Universalität. Und das heisst: Die arme Frau hätte ihrem Mitgefühl widerstehen und versuchen müssen, dem verletzten Heydrich den Rest zu geben.

Wer Dilemmata dieser Art wegdiskutiert, weil sie ihm moralisch zu heikel sind, macht Ethik zu einer leblosen Angelegenheit. ...


Aus: "Hiobs Schweigen" Slavoj Žižek (3.1.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/hiobs-schweigen-ld.1343521

Offline Textaris(txt*bot)

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[Moral... (Notizen)]
« Reply #16 on: September 09, 2018, 01:03:08 PM »
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Argumentum ad consequentiam #7

Und wie Mark Lilla, in seiner Kritik der Identity Politics trefflich den Unterschied zwischen Moral und Moralismus erklärt: "It's like someone who wants to be clean and someone who has an obsession with washing his hands".


Kommentar zu: https://www.zeit.de/2018/37/moral-hypermoral-ideologiekritik-arnold-gehlen

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[Moral... (Notizen)]
« Reply #17 on: October 08, 2018, 05:44:03 PM »
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[...] Politiker verschleiern illegale Spenden, Autohersteller bestreiten gesetzwidrige Manipulationen, Kleriker vertuschen sexuelle Übergriffe unter dem Dach der Kirche. Für Außenstehende unbegreiflich, doch die Beteiligten wähnen sich oft moralisch im Recht. Wie kann das sein?

Das untersuchten zwei Managementforscher in einer Reihe von Experimenten, die sie jetzt im Fachblatt »Journal of Experimental Social Psychology« beschreiben. Ihr Fazit: Wenn es um die Interessen der eigenen Gruppe gehe, verändern sich die moralischen Maßstäbe; Loyalität zählt mehr als Ehrlichkeit. Schützt eine Lüge also unsere eigene Gruppe, so beurteilen wir sie deshalb als »moralischer«, als wenn wir uns ehrlich, aber illoyal verhalten.

John Hildreth von der Cornell University und Cameron Anderson von der University of California in Berkeley ließen insgesamt rund 1400 Freiwillige (teils online, teils Studierende vor Ort) das Verhalten von Menschen in verschiedenen Szenarien begutachten. Im Kern drehten sich diese stets um eine vermeintliche Studie, in deren Verlauf die Teilnehmer mit einer Lüge einen Vorteil für ihre Gruppe herausspielen konnten. In einer Variante des Experiments wurden Studierende, die sich vorher schon kannten, selbst dazu verleitet, zu Gunsten ihrer Gruppe zu lügen. Wenn sie im Rahmen des Experiments mit anderen Gruppen konkurrierten, verhielt sich rund jeder zweite unehrlich; ohne die Wettkampfsituation hingegen nur jeder vierte bis fünfte.

 Wenn die Versuchspersonen über das Verhalten anderer Spieler urteilen sollten, hielten sie das loyale Lügen für die Gruppe durchaus für unmoralischer als ehrliches Verhalten. Aber wenn sie selbst »loyal motiviert« logen, fanden sie das moralisch legitimer, als die Wahrheit zu sagen. Das lag offenbar nicht daran, dass sie sich selbst grundsätzlich wohlwollender bewerteten, wie die Autoren zeigen. Denn wer sich ehrlich, aber illoyal verhielt, urteilte über sich selbst sogar strenger als über andere Menschen in derselben Lage.

Die Versuchspersonen veränderten ihre ethischen Standards, schlussfolgern Hildreth und Anderson. »Gruppen aller Art fordern Loyalität von ihren Mitgliedern, und allzu oft lassen diese sich davon zum Lügen oder Betrügen verleiten.« Entsprechend würden viele Politiker ihre Lügen zum Wohl der Partei womöglich wirklich für ethisch vertretbar halten, so das Schlusswort der Autoren. Doch unabhängige Beobachter orientierten sich eher an einer universellen Moral, »sie stimmen mit dieser Einschätzung nicht überein«.


Aus: "Was ist wichtiger: Treue oder Ehrlichkeit?" Christiane Gelitz (08.10.2018)
Quelle: https://www.spektrum.de/news/was-ist-wichtiger-treue-oder-ehrlichkeit/1596624

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[Moral... (Notizen)]
« Reply #18 on: March 23, 2019, 12:37:08 PM »
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[...] Emma Braslavsky: „Ich werde misstrauisch, wenn jemand an meine Moral appelliert“ - Die Schriftstellerin Emma Braslavsky über ihr schwieriges Verhältnis zu Weltverbesserern. --- Emma Braslavsky, 1971 in Erfurt geboren, ist seit 1999 freie Autorin. Ihr Debütroman „Aus dem Sinn“ wurde 2007 mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis ausgezeichnet. Über ihren 2016 erschienenen Roman „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“ schrieb Peter Henning auf »Spiegel Online«: „Jeder fünfte Satz ein Knalleffekt, jedes neue Kapitel ein Anschlag auf die Fantasie.“ Emma Braslavsky lebt in Berlin.

brand eins: Frau Braslavsky, in Ihrem Roman „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“ wimmelt es von seltsamen Typen: Tierfreunde, die Menschen in Affen verwandeln wollen; ein Philosoph, der Hormone für die Ursache allen Übels hält und die Menschheit kastrieren will; Umweltschutz-Organisationen, die eigene Staaten ausrufen und eine Weltherrschaft der Nichtregierungsorganisationen anstreben. Was haben Sie gegen diese Leute?

Emma Braslavsky: Das ist etwa so wie die Frage: Was haben Sie gegen Schmerzmittel? Schmerzmittel sind eine Hilfe, aber genau wie Nichtregierungsorganisationen (NGO) behandeln sie nur Symptome. Ich habe nichts gegen Weltverbesserer, das sind ja interessante Leute. Sie werden in meinem Roman auch nicht nur verhöhnt, wer genau liest, spürt meine Verzweiflung. Organisationen wie Greenpeace oder Save the Children kämpfen schon viele Jahre gegen bestimmte Probleme, vermutlich mit allem moralischen Recht. Ich will ihre Verdienste nicht schmälern, aber sie erreichen, außer viel Aufmerksamkeit zu schaffen, angesichts des Aufwands, den sie betreiben, viel zu wenig.

Das ist aber nicht Ihr Hauptkritikpunkt.

Emma Braslavsky: NGOs sind wie alle Organisationen zuallererst an der Fortsetzung der eigenen Existenz interessiert, die ohne die Missstände gefährdet wäre. Neben der Tatsache, dass Japan jetzt nach 30 Jahren wieder groß angelegten Walfang betreiben will, wäre das Zweitschlimmste, was Greenpeace-Angestellten passieren könnte, eine Welt ohne Umweltprobleme.

Organisationen wollen ihre Aufgabe behalten – was ist so schlimm daran?

Emma Braslavsky: Dagegen ist nichts zu sagen. Nur vergessen wir beim Thema Weltverbesserung, dass dahinter auch ein profitables Konzept und ein Produkt steht – und stehen muss. Bei Waschmaschinenherstellern oder Pharmakonzernen kämen wir nicht auf die Idee, einen weltverbessernden Aspekt wahrzunehmen, dabei kommt kein moderner Mensch mehr ohne Schmerztabletten oder Vollwaschautomaten aus.

Eine Ihrer Romanfiguren, ein pensionierter argentinischer General, spendet sein Vermögen für eine Umweltschutz- und Aussteiger-Initiative namens Better Planet. Vor seiner Pensionierung war er für schreckliche Menschenrechtsverletzungen verantwortlich, jetzt will er sich ein gutes Gewissen erkaufen. Ist das mehr als eine groteske Zuspitzung?

Emma Braslavsky: Was diese Figur macht, ist im Kern eine moderne Form des Ablasshandels. Aber so funktioniert es ja wirklich. Vor Weihnachten kommen immer diese Bettelbriefe von durchsichtigen und undurchsichtigen Organisationen, die allen möglichen Bedürftigen helfen oder das zumindest behaupten. Das ist ein Geschäftsmodell. NGOs sind neben Wirtschaftsunternehmen und staatlichen Einrichtungen zu einem dritten Sektor mit massiven Eigeninteressen herangewachsen.

Wie sieht das Geschäftsmodell Ihrer Ansicht nach aus?

Emma Braslavsky: NGOs produzieren Aufmerksamkeit und verkaufen ihren Kunden ein gutes Gefühl. Bei Automobilherstellern können Sie als Kunde ein Auto kaufen. Bei den entsprechenden Initiativen können Sie ein gutes Gewissen kaufen und zum Beispiel das Versprechen, dass jemand dafür sorgt, dass der ökologische Schaden, den Ihr Auto anrichtet, irgendwie wieder ausgeglichen wird, zum Beispiel durch eine Spende für den Erhalt des Regenwaldes. NGOs verkaufen uns das Gefühl, dass es okay ist, wie wir leben. Wir müssen nichts ändern und sind trotzdem moralisch auf der richtigen Seite.

So kann man mit gutem Gewissen weiterkonsumieren?

Emma Braslavsky: Menschen tun immer das, wovon sie sich einen Nutzen für sich selbst versprechen. Das kann durchaus auch etwas Mildtätiges sein, wenn man sich selbst damit aufwerten kann. Natürlich ist das eigennützig. Moral ist nur das abgetragene Kleid, hinter dem wir unseren Egoismus verstecken, am besten auch vor uns selbst. Ich werde misstrauisch, wenn jemand an meine Moral appelliert.
Moral ist eine Waffe, die von Kirchen und Ideologen genutzt wird, um Menschen zu erpressen und sie davon abzuhalten, ihre Interessen zu vertreten. Oft wird Moral einfach mit Kooperation verwechselt. Wenn ich mit anderen zusammenarbeiten will, sollte ich mich aus ganz egoistischen Motiven anständig verhalten, sonst kooperieren die anderen irgendwann nicht mehr mit mir. Das ist eine Frage der Vernunft, nicht der Moral.

Haben Sie für Ihren Roman bei NGOs recherchiert?

Emma Braslavsky: Meine Recherche betraf eher andere Disziplinen, aber ein Ausgangspunkt war ein bizarres Erlebnis, das ich in den Neunzigerjahren hatte. Mit einem Forschungsstipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes war ich zwei Monate in Vietnam und recherchierte über die Perspektiven von Straßenkindern. Ich habe mir angesehen, wie große Hilfsorganisationen wie Unicef oder Save the Children mit ihnen arbeiteten. Ich war davon überzeugt, dass die NGOs mit den besten Absichten ihre Arbeit machen.
Das glaube ich im Prinzip immer noch, aber wenn man näher hinsieht, wird es kompliziert. Das Problem ist nicht nur, dass Mitarbeiter der Hilfsorganisationen in diesen armen Ländern zum Teil sehr komfortabel und privilegiert leben und dass immer wieder Skandale hochkommen, etwa wenn NGO-Mitarbeiter Hilfsbedürftige sexuell missbrauchen. Es gibt eine Art NGO-Kolonialismus.

Was hat Sie konkret gestört?

Emma Braslavsky: Das Erste, was mir auffiel, waren die ordentlich gebügelten Hemden, lauter Menschen, die in ihren NGO-Büros an ihren Computern Statistiken erstellten. Das ist ja nicht falsch, ich habe nichts gegen gebügelte Hemden. Die Frage ist, ob das den Straßenkindern hilft.
Je länger ich in den Büros dieser Wohltätigkeitskonzerne war, desto deutlicher wurde der Eindruck, dass die Berichte an die Zentrale, die Statistiken, die Legitimation der eigenen Arbeit, die Informationen für potenzielle Spender das Wichtigste sind. Ich bezweifle nicht, dass zum Beispiel Save the Children Straßenkindern hilft. Aber mein Eindruck in Vietnam war, dass die konkrete Hilfe vor allem ein Mittel zum Zweck ist, um weitere Spendenflüsse und öffentliche Gelder zu sichern, die den ganzen Apparat aufrechterhalten. Zugespitzt könnte man sagen, die Straßenkinder sind in diesem Geschäftsmodell so etwas wie Mitleidslieferanten. Sie sichern den Hilfsorganisationen, die dieses Mitleid bewirtschaften und monetarisieren, die nötigen Ressourcen, um den eigenen Apparat zu unterhalten.

Ist es nicht kleinlich, den NGOs vorzuwerfen, dass sie genau wie Regierungen und Unternehmen mit Statistiken arbeiten?

Emma Braslavsky: Statistiken? Kein Ding, natürlich sollen sie ihre Statistiken erarbeiten, aber geht die Arbeit darüber hinaus? Verändert sie in der Praxis etwas an den herrschenden Bedingungen?

Lassen sich Ihre Einzelbeobachtungen in Vietnam wirklich so radikal verallgemeinern?

Emma Braslavsky: Wir sprechen hier ja über die Liebelei zwischen Wirtschaft und Moral, die inzwischen auch auf jedes reine Wirtschaftsunternehmen übergegriffen hat. Wenn Sie diese oder jene Baumwollunterwäsche tragen, dann verbessern Sie ganz praktisch die Welt, nicht wahr? Egal ob das Liebestöter sind oder Tangas.
Mir geht es nicht darum, die Arbeit jedweder NGO schlecht zu machen, mir geht es darum zu zeigen, dass Moral nicht den Nutzen hat, den wir in ihr sehen wollen. Bei der Menge an aktiven NGOs weltweit, die seit gefühlten Ewigkeiten gegen Kinderarmut, Hunger, Korruption, Gewalt, Missbrauch, Menschenrechtsverstöße, Rassismus, Umweltzerstörung oder Terrorismus kämpfen, muss man nicht nur fragen dürfen: Warum wird es auf diesem Planeten bloß immer schlimmer? Sondern auch: Wer sind wir eigentlich, dass wir NGOs für die Wahrung unserer Rechte brauchen?

Was ist die Alternative? Sollten Bürger wohlhabender Länder zum Beispiel nicht für Straßenkinder in Vietnam spenden?

Emma Braslavsky: Ich war im Süden des Landes bei einer kleinen, privaten Organisation, die sehr direkt hilft, die Christina Noble Children’s Foundation. Sie baut und unterhält Krankenhäuser und Schulen, eine Initiative von engagierten Privatleuten. Was ich da sah, war echte, pragmatische Hilfe ohne einen großen bürokratischen Apparat, der sich zuerst selbst versorgen und legitimieren muss. Gegen lokale Hilfe ist wirklich nichts zu sagen – aber am Großen und Ganzen wird das nichts ändern.

In Ihrem Roman konkurrieren die fiktiven, globalen Hilfsorganisationen ohne Rücksicht auf Verluste um Spendengelder, Aufmerksamkeit, Macht – ist das nicht etwas übertrieben?

Emma Braslavsky: Die Fähigkeit, Themenfelder zu identifizieren, mit denen sich Spendengelder generieren lassen, ist eine Kernkompetenz jeder NGO. Auch gut gemeinte Aktionen von ihnen können fatale Folgen haben. Ich war in Vietnam in einer Einrichtung, die mir die Tränen in die Augen getrieben hat. Weil westliche NGOs einen besseren Rechtsstatus und das Recht auf Schulbildung für Straßenkinder gefordert hatten, wurden Straßenkinder von den Behörden in diese sogenannte „Schule Nummer drei“ gesperrt. Das war fast eine Art Kindergefängnis. Der Hauptzweck bestand offenbar darin, dass die Kinder nicht mehr auf der Straße herumlungern. Eine Folge meiner Recherche war, dass ich aufgefordert wurde, das Land eine Woche früher als geplant zu verlassen.

Sie sind als Schriftstellerin ebenfalls Spezialistin im Erzeugen von Aufmerksamkeit. Sind Ihnen NGOs näher, als Ihnen lieb ist?

Emma Braslavsky: Absolut. Ich brauche die Desperados und die Krisen, wie die NGOs sie brauchen. Worüber sollte ich sonst schreiben? Aber wenigstens behaupte ich nicht, mit meinen Romanen die Welt zu retten.

Aber Sie geben „Ratschläge zur Verbesserung der Weltlage“ auf dem Suhrkamp-Blog in Form von Einkaufstipps.

Emma Braslavsky: Das stimmt. In der „Warenwelt der Wunder“ empfehle ich absurde Produkte, zum Beispiel eine Nothing-Box. Da ist nichts drin, aber wenn man sie schüttelt, hört man Geld klimpern. Etwas Besseres kann es für Leute, die alles haben, nicht geben.

Spenden Sie selbst?

Emma Braslavsky: Ich spende jedes Jahr an Wikipedia, weil ich es toll finde, dass es Leute gibt, die dafür sorgen, dass ich alle möglichen Informationen einfach abrufen kann.



Aus: "Emma Braslavsky: „Ich werde misstrauisch, wenn jemand an meine Moral appelliert“" (2019)
Quelle: https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2019/marketing/emma-braslavsky-interview-ich-werde-misstrauisch-wenn-jemand-an-meine-moral-appelliert