Author Topic: [The Internet as a cultural movement... ]  (Read 13866 times)

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[Die Staaten verflechten sich... ]
« Reply #15 on: November 28, 2012, 09:43:38 AM »
Quote
[...] Die Cypherpunks stehen politisch dem Libertarismus nahe und fordern das strikte Offenlegen von öffentlichem Wissen (Wissen über die Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft) und Verbergen von privatem Wissen (Wissen über ein Individuum, persönliches Wissen). Daraus folgt, dass jede Form von privatem Wissen der Öffentlichkeit verborgen, das öffentliche Wissen aber für jeden zugänglich sein soll. Dieses Ideal wird von Datenschützern sehr befürwortet, führt aber häufig in den Interessenkonflikt mit Staat und Wirtschaft.

...


Aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Cypherpunk (22. November 2012)

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A Cypherpunk's Manifesto
by Eric Hughes (1993)
http://www.activism.net/cypherpunk/manifesto.html

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Cypherpunks are activists who advocate the widespread use of strong cryptography (writing in code) as a route to progressive change. ...
http://www.orbooks.com/catalog/cypherpunks/


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[...] „Die Staaten verflechten sich mit dem Internet“, sagte der Netz-Aktivist am Dienstag per Live-Schaltung auf der Internet-Konferenz „Convention Camp“ in Hannover. Private Kommunikation im Internet könne jederzeit staatlich überwacht werden. „Verschlüsselung ist die letzte Form des gewaltlosen Widerstands“, so Assange. ... Der WikiLeaks-Gründer veröffentlicht mit "Cypherpunks" gemeinsam mit anderen Netzaktivisten wie Jacob Applebaum ein Buch, in dem die Wichtigkeit von Verschlüsselung privater Daten für das Funktionieren von Demokratien unterstrichen wird.

...


Aus: "Assange: Internet dient staatlicher Überwachung" (27.11.12)
Quelle: http://futurezone.at/netzpolitik/12678-assange-internet-dient-staatlicher-ueberwachung.php


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[We need to take it back... ]
« Reply #16 on: September 08, 2013, 10:39:55 AM »
https://de.wikipedia.org/wiki/Hackerethik / https://en.wikipedia.org/wiki/Hacker_ethic

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[...] Die Bürger dürften es aber nicht länger hinnehmen, "dass das Internet nur noch zum Überwachen und Geldverdienen" da sein solle, warnte Roth vor Resignation. Nötig sei daher etwa bessere Software, die vor Bespitzelung schütze und einfach zu nutzen sei. Zudem müssten die Regierungen den Wählern endlich die Wahrheit sagen über das Ausmaß der geheimdienstlichen Spähaktionen. Sonst würden die Politiker ausgelacht, wenn sie weiter von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie sprächen. ...


Aus: "Freiheit statt Angst: "Wir müssen das Internet zurückerobern"" (07.09.2013)
Quelle: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Freiheit-statt-Angst-Wir-muessen-das-Internet-zurueckerobern-1952059.html

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"The US government has betrayed the internet. We need to take it back"
Bruce Schneier,  The Guardian, Thursday 5 September 2013 20.04
http://www.theguardian.com/commentisfree/2013/sep/05/government-betrayed-internet-nsa-spying

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Quote
Der amerikanische Informatiker und Sicherheitsanalytiker Bruce Schneier fordert in einem Kommentar im Guardian Techniker und Ingenieure auf, nicht länger über die Methoden der NSA zu schweigen und zu Whistleblowern zu werden. Außerdem sollen sie ein sicheres Internet bauen, das die Massenüberwachung durch Staaten unmöglich macht. ZEIT ONLINE veröffentlicht seinen Appell exklusiv in deutscher Übersetzung.

Regierung und Industrie haben das Internet – und uns – verraten. Indem die NSA das Internet auf jeder Ebene untergraben hat, um aus ihm eine riesige, allumfassende Überwachungsplattform zu machen, hat sie einen fundamentalen Gesellschaftsvertrag unterlaufen.

Weder den Unternehmen, die die Infrastruktur des Internets bauen und regulieren, noch denen, die Hardware und Software verkaufen, noch denen, die Daten speichern, kann man noch zutrauen, dass sie das Netz ethisch korrekt verwalten.

Das ist nicht mehr das Internet, das die Welt braucht, und auch nicht mehr das, was seine Schöpfer erdacht hatten. Wir müssen es uns zurückerobern. Und mit "uns" meine ich die Entwickler.

Ja, dies ist zuallererst ein politisches Problem, das politisches Eingreifen erfordert. Doch es ist auch ein technisches Problem. Und es gibt mehrere Dinge, die Techniker jetzt tun können – und sollten.

Erstens sollten wir aufklären. Wenn Sie kein offizieller Geheimnisträger der Regierung sind und bisher keinen National Security Letter erhalten haben, sind Sie nicht an staatliche Geheimhaltungsvorschriften oder Maulkorberlasse gebunden. Falls Sie von der NSA kontaktiert wurden, weil ein Produkt oder Protokoll Ihrer Firma unterwandert werden soll, sollten Sie das öffentlich machen. Verpflichtungen gegenüber Ihrem Arbeitgeber gelten nicht, wenn es um illegale oder unethische Taten geht. Wenn Sie mit offiziell als geheim eingestuften Daten arbeiten und wirklich mutig sind: Sagen Sie, was Sie wissen. Wir brauchen Whistleblower.

Wir müssen wissen, wie genau die NSA und andere Geheimdienste Router und Knotenpunkte, Verschlüsselungstechnologien und Cloud-Dienste aushebeln. Ich habe bereits fünf Geschichten von Menschen wie Ihnen vorliegen, dabei habe ich gerade erst angefangen, zu sammeln. Ich wünsche mir 50 solcher Geschichten, denn in der Masse sind wir sicherer. Diese Form des zivilen Ungehorsams ist der moralisch richtige Weg.

Zweitens können wir gestalten. Wir müssen herausfinden, wie wir das Internet umbauen können, um diese Art der Massenausspähung zu verhindern. Wir brauchen neue Techniken, um Kommunikationsvermittler davon abzuhalten, private Informationen weiterzugeben.

Wir können dafür sorgen, dass Überwachung teurer wird. Im Einzelnen heißt das, wir brauchen offene Protokolle, offene Implementierungen und offene Systeme – denn die sind für die NSA schwerer zu unterlaufen. Die Internet Engineering Task Force (IETF), die Organisation, die die technischen Standards des Internets definiert, hat für Anfang November eine Konferenz in Vancouver einberufen. Die Task Force sollte ihr Treffen diesem Ziel widmen. Das hier ist ein Notfall, der einen Noteinsatz erfordert.

Drittens können wir auf die Politik Einfluss nehmen. Ich habe mich bisher gescheut und bin betrübt, zu sagen: Die USA haben bewiesen, dass sie das Internet nicht ethisch verwalten. Großbritannien ist nicht besser. Die Taten der NSA legitimieren den Missbrauch des Internets durch China, Russland, Iran und andere. Wir brauchen neue Wege der Netzregulierung, und zwar solche, die es mächtigen Technologiestaaten erschweren, alles zu überwachen. Wir müssen zum Beispiel mehr Transparenz, Aufsicht und Rechenschaft von Regierungen und Firmen fordern.

Leider spielt das direkt in die Hände totalitärer Regierungen, die das Internet in ihren Ländern für noch viel schlimmere Formen der Überwachung nutzen wollen. Wir müssen daher auch Wege finden, um das zu verhindern. Wir müssen die Fehler der Internationalen Telekommunikationsunion(ITU) vermeiden, die zu einem Forum geworden ist, das üble Machenschaften von Regierungen legitimiert. Wir brauchen eine wirklich internationale Regulierungsvereinigung, die nicht von einem einzelnen Land dominiert oder missbraucht werden kann.

Ich hoffe, dass wenn irgendwann unsere Enkel auf diese frühen Tage des Internets zurückschauen, sie nicht furchtbar sauer auf uns sind. Wir können sicherstellen, dass sie es nicht sein werden. Wenn jeder von uns sich in dieser Debatte engagiert und sie sich zum obersten Ziel macht. Wir haben eine moralische Verantwortung für das Internet – und keine Zeit zu verlieren.

Den Überwachungsstaat zu demontieren, wird nicht einfach sein. Hat irgendein Land, das seine eigenen Bürger massenhaft überwacht hat, jemals freiwillig diese Möglichkeit aufgegeben? Hat irgendein Massenüberwachungsstaat es abwenden können, totalitär zu werden? Was auch immer geschieht: Wir betreten Neuland.

Um es noch einmal zu sagen: Die politische Herausforderung in dieser Sache ist größer als die technische, aber die technische ist entscheidend. Wir müssen fordern, dass Techniker in jede grundsätzliche Regierungsentscheidung zu solchen Themen einbezogen werden. Wir haben schon genug Juristen und Politiker, die die Technologie nicht voll verstanden haben. Wir brauchen Techniker am Tisch, wenn wir Netzpolitik machen.

Allen Entwicklern sage ich: Wir haben das Internet gebaut, und einige von uns haben geholfen, es zu untergraben. Jetzt müssen diejenigen von uns, die es lieben, es wieder hinbiegen.

... Der Text wurde übersetzt von Dagny Lüdemann.


Aus: ""Wir müssen das Internet zurückerobern"" Bruce Schneier (6. September 2013)
Quelle: http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2013-09/bruce-schneier-guardian/

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Quote
    boingboing
    06.09.2013 um 22:24 Uhr

Danke, da spricht mal jemand eine klare Sprache. So was hätte ich von unseren Politikern erwartet. Stattdessen: Schweigen im Walde. In Wirklichkeit haben die Politiker vor dem Internet Angst. Darum sagen sie nichts und stimmen damit heimlich der Demontierung unserer freien Kommunikationsstrukturen zu.
http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2013-09/bruce-schneier-guardian/?commentstart=9#cid-3015050

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http://www.heise.de/newsticker/meldung/Bruce-Schneier-zum-NSA-Skandal-Die-US-Regierung-hat-das-Internet-verraten-1951318.html


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[Der Ekel des Users beim Waten durch die Datensilage... ]
« Reply #17 on: March 11, 2015, 04:04:54 PM »
Quote
[...] Wann genau es körperlich geworden ist, weiß ich nicht mehr. Irgendwann im Sommer, nach irgendeiner Snowden-Enthüllung fühlte es sich plötzlich eklig an, den Notebookdeckel zu heben, es war, als würde man einen Stein im Garten herumwälzen müssen, unter dem es wimmeln würde. Einloggen in Google oder Twitter hatte plötzlich etwas von einer Kontrolle an der Grenze zu einem totalitär regierten Staat, Gestank nach Waffenöl und Leder, Schäferhundschnauze im Schritt.

Einige Geheimdienste und Unternehmen haben sich zum großen Menschenrechte-Fracking verbündet. In der Gier nach Daten verlieren sie die letzten Hemmungen, vergessen Anstand und Verfassung. Verkauft wird das alles unter dem Label "Realpolitik". Wer übers Internet kommuniziert, wird abgelauscht, registiert, abgespeichert, nach allen Regeln der Kunst erkennungsdienstlich behandelt. Sie wollen alles und zwar mehrfach: Reisedaten, Mobilfunkstandort, das Netzwerk persönlicher Beziehungen. Die Speicherfristen bestimmt nicht ein Gesetz, sondern der Preis für die Serverfarm. Was technisch machbar ist, wird durchgeführt.

Konzerne und Geheimdienste treffen sich nicht nur auf operativer, sondern auch auf strategischer Ebene: Die einen nützen die Nationalstaaten als Basis für Steuersparmodelle, die anderen, um über Datentausch mit ihren Partnern an Informationen über die eigene Bevölkerung zu kommen, die ihnen bisher verweigert waren. Wer glaubt, nichts zu verbergen zu haben und schweigt, ist doppelt nützlich: Als stiller Unterstützer und als Teil des Datenrauschens vermeintlicher Normalität, vor dessen Hintergrund sich die Abweichler umso deutlicher abzeichnen sollen.

Der Ekel des Users beim Waten durch die Datensilage ist Symptom des tiefgreifenden Wandels der materiellen Grundlagen unserer Gesellschaft. Führte die industrielle Revolution zunächst zu Arbeitslosigkeit und Hunger, also in eine Krise des Körpers, so provoziert die Informatisierung der Gesellschaft entsprechende Krisen des Geistes, die zuerst das politische Denken trüben.

Dieselben öffentlichen Figuren, zu deren Profil es vor nicht allzulanger Zeit gehörte, die permanente Bespitzelung - völlig zurecht - als typisches Merkmal totalitärer Ostblockregime zu brandmarken, verteidigen sie heute als neue Normalität im demokratisch verfassten Rechtsstaat, ja als Garant staatlicher Souveränität, gewissermaßen als Kompensation für den Bedeutungsverlust physischer Grenzen - eine Umwertung der Werte, die ein immerhin von George W. Bush persönlich ernannter US-Bundesrichter anlässlich eines Urteils über die NSA-Version der Vorratsdatenspeicherung als "beinah Orwellianisch" bezeichnet hat.

"Die Leute wachsen heute in dem Bewusstsein auf, dass alles, was sie ins Netz stellen, irgendwann gegen sie verwendet werden könnte", sagt mir ein Freund, "Eine Pädagogin hat neulich Kindern empfohlen, im Internet nichts zu tun, von dem nicht auch ihre Eltern erfahren dürften. Welche Persönlichkeiten entwickeln sich unter diesen Umständen?"

Haben wir dieses Bewusstsein wirklich? Schon löst sich der Ekel in immer wiederkehrenden Debatten auf, in der Arbeit und im Strom des alltäglichen Blödsinns. Vielleicht stimmt Orwells alter Big-Brother-Spruch wirklich und Unwissenheit ist tatsächlich Stärke, alle machen einfach weiter, interpretieren die NSA und die anderen Überwachungsinstanzen als Störungen und routen um sie herum, kriechen in neue Zwischenräume, wie es die Beherrschten aller Zeiten schon immer getan haben.

Mag sein, dass der wahre Schrecken der NSA-Affäre darin liegt, dass auch das volle Bewusstsein von der Emergenz eines beinahe umfassenden konnektionistischen Kontrollsystems im Grunde überhaupt keinen Unterschied im Alltag macht. Weil es schon immer so gewesen ist.

Es wird Zeit, diesen Unterschied zu suchen.


Aus: "Der Ekel vor dem Netz" Günter Hack  (26.12.2013)
Quelle: http://fm4.orf.at/stories/1730261

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[The Internet as a cultural movement... ]
« Reply #18 on: August 10, 2015, 01:07:20 PM »
Quote
[...] Geheimdienste spionieren uns im Netz aus, Regierungen verkaufen unseren digitalen Lebensraum, aber Bundesanwälte ermitteln lieber gegen Journalisten und Whistleblower. Johnny Haeusler hat genug — und wendet sich in dieser Woche an diejenigen, die den wahren Verrat begehen

Jahrzehntelang habt ihr (mindestens) eine Generation ignoriert, die mit digitalen Technologien und ihrer Vernetzung erwachsen geworden ist. Ihr habt unsere Medienkanäle belächelt, unsere sozialen Netzwerke nicht ernstgenommen, unsere Unternehmen ausgelacht und sogar unsere Spiele verteufelt und verboten. Ihr habt uns politisches Desinteresse angedichtet, dabei konntet ihr uns nur nicht mehr folgen, denn wir sind zu schnell geworden. Und jetzt sind wir meilenweit weg von euch.

... Eure Politik, eure Macht- und Geldgier und eure Marktgötzen haben uns in eine Welt geführt, auf die wir durch dystopische Science-Fiction-Romane, Comics und Videogames vorbereitet wurden: Vor den Toren Europas stehen diejenigen, auf deren Armut und Leid unser Reichtum basiert, und ihr hofft, sie mit Stacheldraht und Tränengas abhalten zu können. Neue Handelsabkommen besprecht ihr in Hinterzimmern, und ihr hofft, dass wir das nicht erfahren. Eure Beamten lasst ihr unsere Kommunikation speichern und ihr hofft, dass ihr sie versteht. Und viel zu oft mussten euch Gerichte darauf hinweisen, dass ihr gegen die Basis unserer Demokratie verstoßen habt. Gegen das Grundgesetz.

Und wenn wir dann mitbekommen, was ihr tut, wenn wir eure Absprachen und Pläne veröffentlichen, so dass alle sie sehen können — dann wollt ihr uns mundtot machen. Aber das funktioniert nicht mehr [https://www.wired.de/collection/latest/die-ermittlungen-gegen-netzpolitik-org-haben-kaum-rechtliche-grundlage]. Es ist zu spät für euch und eure alte Welt.

Vielleicht wissen wir selbst noch nicht so genau, wie eine neue Welt aussehen kann. Aber wir wissen, dass wir eine andere wollen als die, die ihr uns vorzuschreiben versucht. Wir wollen gleiche Rechte für alle Menschen, egal, wen sie lieben, wo sie herkommen und wie sie leben. Wir wollen gerechte Politik, die sich am Wohlergehen der Bevölkerung orientiert, nicht an dem eurer Unternehmen. Und wir wollen wissen, was ihr vorhabt, wir wollen Offenheit. Wir wollen Teil der politischen und gesellschaftlichen Prozesse sein, wir wollen mitreden, mitbestimmen.

Ganz genau so, wie es das Grundgesetz, die verfassungsmäßige Ordnung vorsieht. In der auch zu lesen ist: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

Was wir tun, ist Notwehr.


Aus: "Digital ist besser / Was wir tun, ist kein Landesverrat, sondern Notwehr" Johnny Haeusler (03.08.2015)
Quelle: https://www.wired.de/collection/latest/johnny-haeusler-findet-die-machtigen-begehen-neulandesverrat


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[The Internet as a cultural movement... ]
« Reply #19 on: July 13, 2017, 10:23:05 AM »
Lovink studierte zunächst Politikwissenschaft an der Universität von Amsterdam, bevor er an der Universität Melbourne mit einer Arbeit über die „Dynamik der kritischen Internet-Kultur“ (Dynamics of critical internet culture) promoviert wurde. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Geert_Lovink

Quote
[...] In den sozialen Medien manifestiert sich eine Verschiebung von den HTML-basierten Verlinkungspraktiken des offenen Webs zum Liken und Empfehlen innerhalb der geschlossenen Systeme. Die indirekte und oberflächliche ‚Like Economy‘ verhindert, dass ihre Nutzer verstehen, worum es im offenen Web eigentlich geht. Mit Info-Handlungen wie Befreunden, Liken, Empfehlen und Updaten führen die sozialen Medien neue Schichten unsichtbaren Codes zwischen einem selbst und den anderen ein. Das Ergebnis ist die programmierte Reduktion komplexer sozialer Beziehungen und eine Verflachung sozialer Welten (hier sehr gut von Zadie Smith beschrieben: http://www.nybooks.com/articles/2010/11/25/generation-why/), in der es nur noch ‚Freunde‘ gibt.

Google+ wurde als Antwort auf die Möglichkeiten dieser New-Age-Weltsicht ins Leben gerufen, für ein Programmieren ohne Antagonismen. Das ist der Widerspruch des demokratisierten Internets: während viele von der vereinfachten Technologie profitieren, leiden wir alle unter den Kosten genau dieser Einfachheit. Facebook ist gerade wegen seiner technischen und sozialen Einschränkungen beliebt.

... Während wir weiterhin offene Daten fordern, Open Source Browser nutzen und über Netzneutralität und Copyright streiten, sperren Walled Gardens wie Facebook die Welt der technologischen Entwicklung aus und entwickeln eine ‚Personalisierung‘, bei der Nachrichten außerhalb des eigenen Horizonts gar nicht mehr in die eigene Informationsökologie eindringen können. Ein anderer wichtiger Wendepunkt, der uns vom Web 2.0 zu den sozialen Medien brachte, war die Ankunft der Smartphones und Apps. Das Web 2.0 basierte immer noch ganz auf PCs. Die Rhetorik der sozialen Medien betont dagegen Mobilität: die Lieblings-Social-Media-Apps sind auf dem Handy installiert und werden immer mitgeführt, egal wo man gerade ist. Das Ergebnis ist Informationsüberflutung, Abhängigkeit und eine weitere Schließung des Internets, das nur mobile Echtzeit-Applikationen begünstigt und uns zunehmend in beschleunigte historische Energiefelder hineinzieht, wie die Finanzkrise, den arabischen Frühling und die Occupy-Bewegung.

Im Juli 2011 ging das auf die Alternativen zu den sozialen Medien ausgerichtete Forschungsnetzwerk Unlike Us an den Start, gegründet vom Institute of Network Cultures in Zusammenarbeit mit Korinna Patelis (damals Cyprus University of Technology, Limassol). Die Einführungsveranstaltung fand am 28. November 2011 auf Zypern statt. Es folgten eine zweieinhalbtägige Konferenz mit Workshops vom 2. bis 11. März 2012 in Amsterdam und eine weitere, noch ein Jahr später und ebenfalls in Amsterdam. 9 Im Februar 2013 kam der Unlike Us Reader raus, bald gefolgt von einer Sonderausgabe des Online-Journals First Monday. Die klassische Kampagne der Unlike-Us-Ära ist Europa vs. Facebook und wurde initiiert vom damaligen Wiener Jurastudenten Max Schrems.

Die Snowden-Enthüllungen im Juni 2013 hatten zu dieser Zeit einen starken Einfluss auf die Bemühungen, Alternativen zu den sozialen Medien zu fördern. Die Agenda der Geeks und Aktivisten erweiterte sich währenddessen drastisch, von individuellen Apps und Software-Initiativen bis zur Zukunft des Internets insgesamt. Dabei mussten die Alternativen nicht nur dezentralisiert und nicht-kommerziell, sondern von nun an auch mit kryptographischem Datenschutz auf allen Ebenen ausgestattet sein. Auf praktischer Ebene war das eigentlich mehr, als ein verstreuter Haufen von Hacktivisten, der von einem europäischen Zentrum für angewandte Forschung zusammengebracht wurde, bewältigen konnte. So traf sich die Unlike-Us-Gemeinde nach einiger Zeit nur noch in sporadischen, wenn auch interessanten Debatten auf der Mailingliste – ein deutliches Zeichen dafür, dass wir nie auch nur im Ansatz der Aussicht auf ein Verschwinden der sozialen Medien nahegekommen sind.

... Die Anziehungskraft kommerzieller Projekte wie Instagram (heute ein Tochterunternehmen von Facebook) und Snapchat hat die allgemeine Stellung der großen Player nicht geschwächt. Die meisten amerikanischen Social Media Start-ups hatten nichts gegen Risikokapital und ließen sich leicht in das altbekannte Geschäftsmodell von schnellem Wachstum, Überwachung und Auswertung ihrer Nutzerdaten zwingen. Dies war auch der Fall bei Ello, das mit seinem Anti-Werbungsprinzip einen vorübergehenden Hype als potentielle Facebook-Alternative auslöste: „Wir glauben, ein soziales Netzwerk kann ein Werkzeug der Ermächtigung sein. Kein Werkzeug zum Täuschen, Nötigen und Manipulieren, sondern ein Ort, um sich zu verbinden, etwas zu kreieren und das Leben zu feiern. Du bist kein Produkt.“ Immerhin hatte es ein gekonntes Design, ein Aspekt, dem die meisten Alternativen kaum Beachtung schenkten.

... Wir müssen uns durch das Digitale hindurcharbeiten; es gibt in diesem Fall nicht die sichere Position des Außenstehenden. Aber dies kann nur getan werden, wenn wir unsere Arbeit als politisches Projekt sehen und im Dialog mit der Politik. Oder wie Carlo es auf der Unlike Us-Liste formulierte: „Wir warten nicht mehr darauf, dass irgendwas von den Technikern kommt, denn das wäre wie Warten auf Godot.“

Anm.d.Red.: Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Im Bann der Plattformen. Das Buch wird am 5. Juli 2017 um 19 Uhr in Zusammenarbeit mit der Berliner Gazette vorgestellt.

...


Aus: "Eine Welt jenseits von Facebook: Auf der Suche nach Alternativen zum digitalen Kapitalismus" Geert Lovink (03.07.2017)
Quelle: http://berlinergazette.de/welt-jenseits-von-facebook/

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[The Internet as a cultural movement... ]
« Reply #20 on: March 26, 2018, 08:22:51 AM »
Quote
[....] Wer braucht schon Internet. Das CDN liefert den Content aus dem Data-Center um die Ecke. Da steht Youtube, der Facebook-Server und mein Amazon-Kaufhaus. Vorbei die Zeit, in der das Internet Monopole aufgebrochen hat. Stattdessen werden nach großen Content-Schleudern auch die Netze konsolidiert und zu privaten Content-Zuspielnetzen, die weder eine Universal-Service-Verpflichtung noch Netzneutralität kennen und dem öffentlich unterfinanzierten Internet allenfalls noch ein Schattendasein zubilligen.

Nach einem pointierten Rant http://www.potaroo.net/presentations/2018-03-02-death-of-transit.pdf von APNIC-Forscher Geoff Huston, Forscher bei der IP- und ASN-Registry APNIC, zeigt sich jetzt auch das Internet Architecture Board (IAB), Hüterin der auf dem Internet-Protokoll aufgebauten dezentralen Netzarchitektur, besorgt und überlegt, was noch zu retten ist vom guten alten Internet.

78 Prozent des Transatlantik-Datenverkehrs rauscht heute über Kabel von Content-Providern. Dazu rechnet Alan Mauldin, Forschungschef bei der Telekommunikations- und Netz-Analysefirma Telegeography, die vier Großen Google, Facebook, Microsoft und Amazon. Global gesehen stellten die Riesen Ende 2017 insgesamt 49 Prozent der Kapazität. Die angekündigten Pläne für weitere Seekabel zeigt wohin die Reise geht, erklärt Huston gerade seinen Kollegen bei allerlei technischen Konferenzen: Das Internet wird fundamental umgebaut.

Das Netzwerk von Netzwerken wird abgelöst von einer Content-Service-Plattform. Nicht Endnutzer werden verbunden und die Ende-zu-Ende-Kommunikation optimiert. Statt dessen servieren die großen Inhalteanbieter ihr Angebot direkt über Server, die sie beim Zugangsprovider zahlungskräftiger Kunden untergebracht haben. Dorthin wird es über die eigenen Netzstrecken und das kontinuierlich ausgebaute eigene Unterseekabelnetz gepumpt. Telegeography sagt bereits jetzt einen Rückgang von Unterseekabel-Projekten auf einige wenige Player voraus und den Ersatz der bislang aktiven Konsortien durch Einzelunternehmen.

Geoff Huston spricht vom Tod der Transitprovider und einer Privatisierung der Netzinfrastruktur. Nicht, dass hierzulande nicht auch klassische Netzbetreiber dereguliert und privatisiert wurden. Aber ein Rest an Regulierung blieb vorhanden und zwang sie mehr oder weniger, andere auf ihre Leitung zu lassen. Die neuen Service-Plattformen der Großen entziehen sich der Regulierung und nehmen ihr Geschäft mit von der allgemeinen Datenautobahn auf ihre Privatrennstrecke. "Ich fürchte das Geschäftsmodell der Transitprovider ist nicht mehr tragfähig", sagt Huston, und "die Zeit, in dem das Netz Monopole aufbricht, ist vorbei."

Auch unter den Standardisierern, also denen, die Protokolle vom guten alten Internet Protokoll (IP) bis zur neuesten Verschlüsselung von Daten auf dem Weg durchs Netz (Transport Layer Security TLS 1.3) entwickeln, regt sich Sorge. Der ehemalige Chef der Internet Engineering Task Force (IETF), Jari Arkko, hat die "Konsolidierung" der Netze auf die Tagesordnung gesetzt.

"Effiziente Märkte", schrieb Arkko, "tendieren dazu, Gewinner mit immer größeren Marktanteilen hervorzubringen", schrieb Arkko kürzlich in einem Blogpost. Das Prinzip der "Economies of Scale" betrifft laut Arkko dabei nicht nur den Bereich Content-Delivery, sondern auch Internet-Provider, Betriebssysteme, Webbrowser und alle anderen Netz-Werkzeuge.

Was aber bedeutet es für die Entwicklergemeinde, wenn mehr und mehr Netzverkehr in Richtung einer winzigen Gruppe riesiger Content-Provider abwandert, fragte Arkko jetzt. "Was bedeutet es für das Internet" – und vor allem: Können die Entwickler ihre Standards so trimmen, dass sie die alte Idee von der Dezentralisierung und dem Ende-zu-Ende Prinzip unterstützen?

"Das ist schwer", sagt Arkko am Rande der IETF-Tagung in London. Denn eine Reihe von ungelösten Problemen, teils Ergebnisse erfolgreicher Standardisierung, machen die Großen stark. Die immer riesigeren DDoS-Angriffe sind von kleinen Anbietern kaum zu beherrschen. Die Bekämpfung von Spam sorgt dafür, dass (auch in Deutschland) E-Mail immer unzuverlässiger wird. Es ist praktisch unmöglich, erklärt Arkko, seinen eigenen kleinen Mailserver zu betreiben, denn nur die Großen können sich erfolgreich dagegen wehren, auf schwarzen Listen zu landen.

Die IETF-Gemeinde ist zum Brainstorming aufgefordert. Unausgesprochen im Aufruf von Arkko hat die IETF längst Anteil an der Konsolidierung. Abgesehen davon, dass immer komplexere Protokolle den Großen in die Hände spielen, steht die Content-Delivery-Fraktion längst bei der Organisation auf der Matte. Sie prägt neuen Protokollen, wie etwa den möglichen TCP-Nachfolger Quic, ihren Stempel auf.

"Das ist schwer", sagt Arkko am Rande der IETF-Tagung in London. Denn eine Reihe von ungelösten Problemen, teils Ergebnisse erfolgreicher Standardisierung, machen die Großen stark. Die immer riesigeren DDoS-Angriffe sind von kleinen Anbietern kaum zu beherrschen. Die Bekämpfung von Spam sorgt dafür, dass (auch in Deutschland) E-Mail immer unzuverlässiger wird. Es ist praktisch unmöglich, erklärt Arkko, seinen eigenen kleinen Mailserver zu betreiben, denn nur die Großen können sich erfolgreich dagegen wehren, auf schwarzen Listen zu landen.

Die IETF-Gemeinde ist zum Brainstorming aufgefordert. Unausgesprochen im Aufruf von Arkko hat die IETF längst Anteil an der Konsolidierung. Abgesehen davon, dass immer komplexere Protokolle den Großen in die Hände spielen, steht die Content-Delivery-Fraktion längst bei der Organisation auf der Matte. Sie prägt neuen Protokollen, wie etwa den möglichen TCP-Nachfolger Quic, ihren Stempel auf.

Ist ein Ruf nach Regulierung angesichts von Konsolidierung an der Schwelle zum Monopol angebracht? Kann die Politik noch etwas tun, um die gern als kritische Infrastruktur regulierten Netze gegen die immer mächtigeren Privatstraßen im Netz zu verteidigen? Das Steuerrecht bot die britische konservative Politikerin Lilian Neville-Jones bei einem Gespräch mit der IETF Spitze und der Internet Society London an. Mehr könne man derzeit kaum machen, auch weil die großen Monopolisten in einer Region konzentriert seien. "Wir haben aktuell da ein Problem", räumte sie ein und warf schnell noch "offene Standards" in die Waagschale.

Falsche oder schlicht fehlende politische Weichenstellungen und die uneingelösten Versprechungen eines echten Breitbandnetzes als Infrastruktur hierzulande, das beklagt seit Jahren hartnäckig Dieter Klumpp, Gründer des Forschungsinstituts Instkomm. Zufälligkeiten und Zögerlichkeiten von Politiker mehrerer Generationen hätten dafür gesorgt, dass ein deutsches Glasfasernetz "immer in fünf oder sieben Jahren kommt, und das schon ziemlich lange."

Zwar habe man zu Recht die alten Staatsmonopole aufgelöst, aber zugleich habe man durch fehlende Investitionen in eine zukunftsfähige Grundversorgungs-Infrastruktur den neuen Monopolen von Google und Co. in die Hände gespielt. Anbieter wie die Deutsche Telekom versuchen sich selbst im geänderten Content-Modell. Die Idee, dass sie bei Google mitkassieren, haben sie aber praktisch aufgegeben.

Bleiben am Ende zum Schutz der Diversität die Access-Netze? Vorerst platzieren die CNDs ihre Server bei Access-Providern wie der Telekom. Wenn ein Konzern wie Google aber am Ende die Notwendigkeit sieht, noch näher an die Kunden heranzurücken, etwa weil die alternativen Netze nicht die notwendige Qualität bieten, würde das Unternehmen es tun, sagt eine Google-Insiderin. Warum die Wettbewerbsaufseher Google bis vor kurzem fast unbehelligt sein Reich aufbauen lassen, ist für sie unverständlich. Die Dystopie von Dave Eggers' "The Circle" und dem allmächtigen, den Staat ablösenden Technologieprovider, lässt grüßen.

Viele Entwickler bleiben trotz der düsteren Prognosen dem Motto treu, dass die nächste Technik-Generation es richten wird. "Einer macht das Netz kaputt, der nächste fixt es", ist eine alte Regel, sagt der erfahrene schwedische Netzingenieur Peter Löthberg. Ja, die Optimierung in Richtung CDN ist Mist, räumt er ein, vor allem, weil sie genau die Innovationen behindern kann, derer es bedürfte für die Disruption der neuen Monopole.

Wenn man auf dem Netz schimpfen, subversiv Revolutionen anzetteln und sich dazu mit Gleichgesinnten über Zertifikats-verschlüsselte Transportprotokolle verabreden kann, ist das dann nicht das gute alte Internet? "Die lügen", warnt Huston. "Das ist nur noch eine Simulation."

(Monika Ermert) / (jk)

Quote
     qatsi, 25.03.2018 10:21

Politische Weichen: Konsum und Überwachung
Die Politik stellt zwei Weichen: Konsum und Überwachung. Das ist der Sinn und Zweck des Internets für unsere Neuland-Politiker.
Wir werden es selbst in die Hand nehmen müssen, wenn wir das Internet als Werkzeug für eine freie Kommunikation behalten wollen. Die Technik dazu haben wir ja (noch).


...


Aus: "Missing Link: Vom Netz der Netze zur Content Delivery Plattform - ist das Internet noch zu retten?" Monika Ermert (25.03.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Missing-Link-Vom-Netz-der-Netze-zur-Content-Delivery-Plattform-ist-das-Internet-noch-zu-retten-4003297.html?seite=all

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« Reply #21 on: September 18, 2018, 01:56:58 PM »
Quote
[...] Mit dem gerade verabschiedeten Entwurf zur Änderung des Urheberrechts im EU-Parlament dürfen in Zukunft nur noch kürzeste Ausschnitte aus Nachrichtenartikeln oder Überschriften im Internet weiterverbreitet werden. Auch müssen große Plattformen Urheberrechtsverstöße künftig schon vor dem Hochladen ahnden. Eine Mehrheit der Abgeordneten stimmte am Mittwoch dafür. Die abgesegnete Version geht jetzt noch in den Trilog, wird also von Rat der EU, EU-Kommission und Parlament verhandelt. Im Frühjahr muss die Reform dann endgültig vom EU-Parlament verabschiedet werden.

Eine katastrophale Entwicklung, die völlig an der Zeit vorbeigeht: Menschen teilen millionenfach Links, sie laden Bilder und Videos hoch, basteln an Gifs und Memes. Diese Kultur regulieren zu wollen, konterkariert die Idee eines freien Internets.

Dabei war ein Update der Regelungen grundsätzlich richtig: Das derzeitige europäische Urheberrecht stammt noch aus dem Jahr 2001, damals gab es weder Google News noch Facebook noch Twitter noch YouTube. Veränderungen waren dringend notwendig, das ist klar.

Nur ist der verabschiedete Entwurf immer noch nicht besser als der schon im Juli zur Debatte gestellte. Trotz Überarbeitung liest er sich, als wäre er von Menschen geschrieben worden, die noch nie auch nur einen Browser geöffnet haben. Was da auf jeden, der im Netz unterwegs ist, zukommt, gefährdet nicht weniger als die freie Verteilung von Informationen.

Der Artikel 11 zum Leistungsschutzrecht sieht etwa vor, dass News-Aggregatoren wie Google nur noch einzelne Wörter von Artikeln aus Magazinen und Onlinemedien teilen dürfen. Bisher galt das Urheberrecht für gesamte Texte, nicht für einzelne Sätze oder Abschnitte. Kommt die Reform durch, könnte künftig schon das Teilen einer Überschrift abgestraft werden. Freies Teilen von Informationen und Nachrichten wird so zum Ratespiel: Wer schafft es, aus einer halben Überschrift auf den Inhalt eines Artikels zu schließen? Für Leserinnen und Leser von Nachrichtenseiten bringt das Leistungsschutzrecht somit absolut nichts. Es schränkt sie im Gegenteil weitreichend ein. Wenn eine Plattform keine Lizenzen an einem Artikel hat, könnte es sogar sein, dass schon die Linkvorschau auf Twitter oder bei WhatsApp nur noch einzelne Wörter enthalten darf.

Natürlich können private Nutzerinnen und Nutzer weiterhin Links verbreiten, heißt es fast schon großzügig in dem geänderten Entwurf. Doch was ist, wenn sie diese Links zum Beispiel auf ihrer Facebook-Seite teilen? Das soziale Netzwerk ist eine kommerzielle Plattform – müssen die Nutzerinnen dann dafür zahlen? Oder das Netzwerk? Und wie liegt der Fall, wenn sie auf ihrer privaten Internetseite eine Presseschau erstellen? Die schwammigen Formulierungen in dem verabschiedeten Entwurf machen einen Ausschluss jedweder Verantwortung unmöglich. Die Angst vor einer Abmahnung wird die Verbreitung von Links eindämmen. Und damit auch die Verbreitung von Nachrichten und Wissen.

Damit nicht genug. Auch Uploadfilter würden mit den Änderungen praktisch eingeführt. Sie fischen dann möglicherweise auch Bilder heraus, die gar keine Urheberrechtsverletzungen begehen – zum Beispiel Memes, Gifs oder andere Formen der Satire, die auf urheberrechtlich geschützten Werken beruhen. Dass Kritiker wie Bitkom-Präsident Achim Berg schon von Zensur sprechen, klingt übertrieben, ist aber berechtigt: De facto entscheiden künftig die Plattformen, auf denen Inhalte geteilt werden, was erlaubt ist und was nicht. Dadurch erhalten die Unternehmen wie schon beim in Deutschland geltenden Netzwerkdurchsetzungsgesetz zu viel Entscheidungsgewalt.

Wem bringt die Reform also überhaupt etwas? Befürworter sagen natürlich: den Urheberinnen und Urhebern. Aber tatsächlich dürften vor allem die Verlage profitieren. Wenn auf Google News nur der Titel eines Textes angezeigt würde, könnten sie dafür eine Lizenzgebühr verlangen. Die europäischen Verleger wollen dadurch einen Teil der Erlöse erhalten, die etwa Google News mit ihren Inhalten verdient. Auch wenn das schon in Deutschland nicht geklappt hat.

Für die Uploadfilter hat vor allem die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (Gema) fleißig geworben. Auch sie will Plattformen wie YouTube oder Wikipedia dazu bringen, kommerzielle Lizensierungen zu erwerben. Das schreibt die Public-Relations-Abteilung der Gesellschaft auch ganz offen. Aus Gema-Sicht soll mit den neuen Regelungen praktisch ein Rechtsbruch verhindert werden, ehe er begangen wurde: YouTube müsste ein Video etwa auf eine Urheberrechtsverletzung überprüfen, bevor sie überhaupt stattgefunden hat.

Dass etwa YouTube dafür Technologien einsetzen müsste, die Inhalte prüfen, das verschleiern die Befürworter gerne: Der Begriff Uploadfilter selbst sei ja nirgends im Entwurf zu finden. Aber wie sollen sich die 450 Stunden Videomaterial, die allein auf YouTube pro Minute hochgeladen werden, sonst auf Urheberrechtsverstöße automatisiert überprüfen lassen?

Dass die Urheberrechtsreform nun trotz all dieser unbeantworteten Fragen durchgekommen ist, verdankt sie der exzellenten Lobbyarbeit von einzelnen Interessenvertretern. Und Politikerinnen und Politikern, die sich offenbar viel zu oft von deren Positionen blenden lassen, anstatt mit denen zu sprechen, die die Reform wirklich betrifft: uns Internetnutzer.


Aus: "Urheberrechtsreform: Diese Überschrift dürfen Sie künftig nicht mehr zitieren" Ein Kommentar von Lisa Hegemann (12. September 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/digital/internet/2018-09/urheberrechtsreform-eu-parlament-abstimmung-uploadfilter-leistungsschutzrecht-lobbyismus

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« Reply #22 on: September 22, 2018, 05:24:14 PM »
Quote
[...] Mit dem Geschehen um die US-Präsidentschaftswahl 2016 herum schien ein langer Streit zwischen Internet-Optimisten und -Pessimisten entschieden: Statt des Potenzials von weltweiter Vernetzung gerieten ihre Probleme in den Vordergrund, vom unzureichenden Schutz vor Belästigung im heutigen Web bis zu der Anonymität, hinter der sich Teenager-Trolle und russische Geheimdienstler gleichermaßen verstecken können.

Damit ist eine neue Gruppe entstanden, die Tim Hwang von der Ethics and Governance of AI Initiative als „deprimierte frühere Optimisten“ (DFO) bezeichnet. Sie unterteilt sich in Puristen, Desillusionierte, Hoffnungsvolle und Revisionisten, wie Technology Review online in „Desillusionierte Gläubige“ berichtet. [https://www.heise.de/tr/artikel/Internet-Desillusionierte-Glaeubige-4168776.html]

Als Hintergrund verweist Hwang auf das Buch The House of Government von Yuri Slezkine, laut dem bei Gläubigen egal welcher Richtung immer der gleiche Prozess einsetzt, wenn sich eine Vision unerwartet verzögert. Die Ideologen müssten dann eine Theorie hervorbringen, die erklärt, warum die prognostizierten Ereignisse nicht eingetreten sind. Das sei bei christlichen Sekten ebenso der Fall gewesen wie nach der russischen Revolution. Sich selbst bezeichnet Hwang als „ängstlichen DFO“.

Wirklich ernst zu nehmen scheint Hwang weder sich selbst noch die anderen Angehörigen der DFO-Untergruppen. Zu den Desillusionierten etwa schreibt er, man könne „häufig beobachten, wie sie begeistert soziale Medien nutzen, um ihren Hass auf soziale Medien kundzutun“. Die Hoffnungsvollen wiederum würden eine bedingungslose Liebe zu Tumblr hegen, hätten nostalgisch das Video mit der rollenden Zitrone geteilt und würden merkwürdige Slack-Mitgliedschaften sammeln.

Dennoch erweckt Hwang den Eindruck, weiter optimistisch zu sein, wenn er etwa über die Revisionisten schreibt: „Sie wollen mit Veränderungen die frühen Ambitionen des Web erhalten und rufen nach neuen Initiativen, um bessere Gemeinschaften und Systeme für die Online-Gesellschaft zu entwickeln.“


Aus: "Was Puristen, Desillusionierte, Hoffnungsvolle, Revisionisten zum Internet sagen" Sascha Mattke (21.09.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Was-Puristen-Desillusionierte-Hoffnungsvolle-Revisionisten-zum-Internet-sagen-4168779.html